[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Das war doch zum Verrücktwerden! Vor ihm standen zwei Frischlinge, sie hatten noch nicht einmal ihre Lebensspanne als Menschen überschritten und schon spielte sich einer auf, als habe er das Wissen von Jahrhunderten und die andere teilte jedem im Raum mit, das hier noch etwas anderes sein Unwesen trieb als die gehobene Mittelschicht. Vincent hätte am Liebsten geschrien, vielleicht auch lauthals losgelacht ob dieser Zurschaustellung von bodenloser Dummheit. Stattdessen lächelte er nur wieder und schüttelte den Kopf.
      "Ich bin hergekommen, um mir einen netten Abend zu machen, nicht um Babysitter für ein soziales Experiment zu spielen," sagte er.
      Er warf den Kopf zurück und leerte seinen Drink in einem schnellen Zug. Er stellte das Glas auf dem Tresen ab und verneinte ein erneutes Auffüllen mit einem leichten Kopfschütteln.
      "Eine Vorstellung ist keineswegs Zeitverschwendung, wenn man alle Zeit der Welt - und noch mehr - hat. Tatsächlich kann das einfache Nennen des eigenen Names Leben retten. Euer Meister sollte euch eigentlich die Grundlagen der Höflichkeit beibringen. Genauso, wie die Grundlagen unseres versteckten Lebensstils."
      Vincent bemächtigte sich seines Lieblingstricks, den er auch schon auf seinem letzten Ball benutzt hatte, um in einem vollgestopften Raum ganz privat mit Thomas reden zu können. Thomas... Niemand mit einem natürlichen Herzschlag schenkte der kleinen Gruppe an der Bar noch Aufmerksamkeit, was Vincent die Möglichkeit gab, so offen zu sprechen.
      "Ich habe keinerlei Interesse daran, meine Zeit mit Euereins zu verschwenden. Ich wusste ja, dass ihr jung und unerfahren seid, aber ich dachte nicht, dass ihr so dumm seid, wie ihr es mir gerade präsentiert. Richtet eurem Meister aus, dass ich mit ihm reden will. Persönlich. Wenn er mir nochmal ein Kleinkind wie euch schickt, schicke ich ihm Köpfe zurück."
      Vincent, der sein Lächeln verloren hatte, kaum dass er die breite Masse von ihrem Gespräch ausgeschlossen hatte, setzte selbiges Lächeln wieder auf, ließ die Macht seines Willens verfliegen, und streckte Nora seinen Ellenbogen hin, kaum dass die Glocke für Akt zwei läutete.
      "Ich wünsche noch einen schönen Abend," flötete er, bevor er die beiden Jungvampire stehen ließ und zurück zum Bühnenraum ging.
      Nora war clever genug, um nichts zu sagen, bis sie im angrenzenden Raum waren.
      "Wie waren sie?" fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
      "Völlige Idioten. Thomas hätte sie schon vor Wochen erwischt, wenn ich nicht gewesen wäre."
      Nora bockte ihm gegen die Schulter.
      "Das ist nicht deine Schuld," tadelte sie ihn.
      Vincent antwortete nicht. Sie beide hatten in dieser Sache Recht und das passte ihm überhaupt nicht. Er hoffte, dass diese beiden Kleinkinder seine Nachricht überbrachten. Andernfalls würde er sich gezwungen sehen, seine Warnung direkt in die Tat umzusetzen und die Köpfe dieser beiden als Nachricht zu schicken. Seine Worte würden den Meister des Nests erreichen, auf die ein oder andere Weise. Die beiden Jungvampire im Foyer hatten die Wahl, ob sie das noch erleben würden oder nicht. Vincent wusste nur, das er nicht zögern würde, wenn es soweit war. Er hatte genug von diesem Spiel.


    • Ophelia war in den nächsten Akten nicht mehr ganz so viel anwesend, als ihre beiden Brüder der Heirat auf die Schliche kamen - dafür kehrte sie im dritten Akt auf pompöse Art zurück, um auf Geheiß ihrer Brüder umgebracht zu werden. Ihr Weinen drang in ihren Sterbensmomenten herzzerbrechend durch den Saal, während sie ihren Mörder dafür verurteilte, ihre Liebe nicht akzeptieren zu können. Schließlich starb sie und ihre Brust war sogar täuschend still, als die Vorhänge sich vor ihr zuzogen.
      Die ganze Familie wurde letzten Endes umgebracht, bis nur noch zwei übrig blieben, die abschließende Worte zueinander richteten, dass eine Ehe zweier solch verschiedener Menschen niemals gut ausgehen würde. Sie wurden in die Dunkelheit entlassen und dann erhob sich Applaus, als die Lichter wieder angingen.
      Die beiden anderen Vampire hatten nicht noch einmal einen Versuch entnommen, sich mit dem einzelnen Besucher und seiner Begleitung "anzufreunden", wenn man es denn so nennen konnte, wenngleich die Frau trotzdem immer mal wieder herüber sah und ihre Enttäuschung nicht verheimlichte. Der Mann schien sich von Vincents Abfuhr in seiner Ehre verletzt zu fühlen, denn er hielt den Kopf aufrecht und einen blitzenden Blick auf die Bühne gerichtet, als könnte er sie mit der Macht seiner schlechten Stimmung in Brand setzen.
      Als der Vorhang sich wieder öffnete, damit die Darsteller ihren Applaus ernteten, präsentierte Ophelia sich wie eine Königin mit ihrem hoch erhobenen Kopf und dem strahlenden Lächeln, das die Lichter des Raumes zurückwarf. Sie verbeugte sich gar meisterhaft, dann hob sie den Blick, richtete ihn ganz gezielt auf Nora, presste die Finger an den Mund und ließ ihr einen grandiosen Luftkuss zukommen, gefolgt von einem Zwinkern, das entweder für Nora, oder auch für Vincent bestimmt war. Der Applaus ging weiter, dann verschwanden die Künstler im hinteren Bereich der Bühne.


      Ein Vampir konnte schneller sein als eine Pistolenkugel - ganz abhängig davon, wie gut die Reflexe des Monsters waren und wie groß die Distanz zwischen Körper und Pistolenmündung war. Es war möglich, einer Pistolenkugel auszuweichen. Mit einigem Unglück war es auch möglich, den Schießenden in beinahe derselben Zeit zu erreichen.
      Es war aber nicht möglich, einer van-Helsing-Kugel auszuweichen. Thomas hatte mit seinen ruhigen Händen, dem verlangsamten Herzschlag und dem jahrelangen intensiven Training eine Trefferquote von über 95 % und dieser Abend war da keine Ausnahme. Er sah das Zucken in den Muskeln des Vampirs und schoss absichtlich daneben. Wie auch sein Begleiter zuckte der Mann in die Kugel hinein.
      Das Geschoss riss ihm die linke Hälfte seines Schädels auf, ein Streifschuss, der einen Teil der Schädelseite mitsamt dem Ohr wegschoss. Es knallte einmal ohrenbetäubend in der Gasse, dann musste Thomas feststellen, dass er das Gehirn nicht getroffen hatte. Das war schon ein wenig ärgerlich, wenn er ehrlich war.
      Der Vampir strauchelte, dann war er doch binnen eines Wimpernschlags bei ihm und Thomas warf die wieder gesicherte Schusswaffe außer Reichweite, bevor er die Machete nach oben riss. Er erwischte den Ärmel des Vampirs, aber dafür riss der andere ihn um.
      Es folgte ein eher kurzes Handgemenge, ehe Thomas einen präzisen Schlag gegen die teilweise freigelegte Schädelseite verzeichnen konnte, der selbst einem Vampir zu viel Schmerzen verursachte, um einfach ignoriert zu werden. Er schrie auf und Thomas stieß die Machete runter auf sein Herz.
      Aber was, wenn das Vincent wäre?
      Der Gedanke kam so plötzlich und völlig unvorbereitet, dass Thomas die Augen aufriss, als die Machete hinunterfuhr. Natürlich hatte er die ganzen vergangenen Tage darüber nachgedacht, was denn wäre, wenn er Vincent umbrachte, aber er hatte es niemals so sehr vor Augen gehabt wie in diesem Moment, als er den Mann, dessen Gesicht blutverschmiert und unkenntlich geworden war, unter sich hatte. Er hätte Vincent sein können, seine Statur war vielleicht etwas zu schlaff und zu klein für Vincent, aber es fehlte nicht viel Fantasie, um sich seine Gesichtszüge unter dem vielen Blut vorzustellen.
      Und was, wenn er es wäre? Thomas musste nicht groß darüber nachdenken, dass er ihn nicht umbringen würde, aber er musste sehr wohl darüber nachdenken, warum er ihn nicht umbringen würde. Weil er ihn liebte? Weil Vincent kein schlechter Vampir war? Weil er ihm aufgezeigt hatte, dass er kein Menschenblut trank, dass er seine Angestellten nicht als Geißeln hielt, dass er keinen Mord begangen hatte, auch wenn Thomas lange genug daran gezweifelt hatte?
      Und wenn das der Grund war, was sagte Thomas dann, dass dieser Vampir nicht auch so war? Woher sollte er wissen, dass es nicht mehr Vampire gab, die einen solchen Lebensstil verfolgten? Woher sollte er wissen, dass dieser spezielle Vampir den Tod verdient hatte, wenn er keinen Anhaltspunkt dafür hatte, ob er jemals gemordet hatte? War das nächtliche Wandern auf der Straße jetzt ein Verbrechen? Woher würde Thomas sich das Recht nehmen, den einen Vampir zu verschonen, weil er ihn kannte, aber den anderen zu ermorden, weil er ihn nicht kannte? Wenn er diesen hier umbrachte, musste er auch Vincent umbringen. Wenn er ihn verschonte, musste er auch den anderen, den weinenden Vampir verschonen.
      Ein Zittern fuhr durch seine sonst so kontrollierten Hände, einem Schütteln gleich, als wäre ihnen plötzlich eingefallen wie kalt ihnen war, nur, dass das Zittern nicht von der Kälte kam. Die Machete verfehlte ihr Ziel. Die Hand des Vampirs dafür nicht und schloss sich um seine Kehle, bevor er seiner Waffe einen Korrekturzug aufzwingen konnte und dann beförderte ihn ein schlecht gezieltes Knie in seiner Magengegend von dem Mann. Er segelte für einen merkwürdigen Augenblick wie schwerelos durch die Luft, dann kam er hart auf eiskaltem Boden auf. Seine Eingeweide verkrampften sich. Plötzliche Übelkeit erfüllte ihn und hätte sein Essen heraufbefördert, wenn er etwas im Magen gehabt hätte. Sein Herzschlag verlor die Ruhe und Panik füllte ihn, als er nach Luft schnappte und auf die Beine sprang. Der Vampir stand auch. Er hatte einen tiefen Krater in der Brust, aber das Herz war unberührt. Er entblößte scharfe Fangzähne und dann hob Thomas die Machete erneut gegen ihn, die Spitze nicht mehr so ruhig und kontrolliert wie noch vor wenigen Sekunden.
    • Vincents Applaus hielt sich in Grenzen. Akt Zwei und Drei hatten nur wenig dazu beigetragen, die allgemeine Qualität dieses Stückes zu heben. Mit dem Rest der Zuschauerschaft verließen er und Nora dann den Bühnensaal.
      "Dich juckt es doch in den Fingern," kommentierte Nora, die ihren Arbeitgeber genauestens im Blick behielt.
      "Das tut es, aber wenn ich jedem meiner Impulse nachgeben würde, wäre ich jetzt nicht hier," gab Vincent lächelnd zurück und ergriff beide von Noras Händen.
      "Sieh zu, dass sie dich nach Hause bringt, oder dass du bis Sonnenaufgang wartest, ja? Ich weiß, du kannst auf dich aufpassen, aber ich habe mich vorhin ziemlich unbeliebt gemacht. Ich will dich nicht in Gefahr wissen, wenn es nicht unbedingt sein muss, in Ordnung?"
      "In Ordnung," nickte Nora. "Siehst du, wie einfach das ist? Auf jemanden zu hören, der sich um dich sorgt."
      Vincent kicherte, dann verstieß er gegen die Sitte der oberen zehntausend, indem er sich vorbeugte und Nora einen sanften Kuss auf die Stirn drückte. Im gleichen Moment bemerkte er Ophelia in einer Ecke, warf ihr einen vielsagenden Blick zu, und löste sich von Nora.
      "Richte deiner Freundin aus, dass sie die Energie ihrer Schauspielkollegen ein bisschen anheben muss, wenn das irgendwas werden muss. Habe eine schöne Nacht," wünschte er seiner Haushälterin und Freundin mit einem frechen Zwinkern.
      Er gönnte sich noch einen Drink an der Bar, bevor er das Theater verließ. Er beeilte sich nicht besonders, um nach Hause zu kommen, im Gegenteil. Vincent nahm sich Zeit, trotz der Kälte, und wählte einen Weg, der nicht nur länger als nötig war, sondern auch versteckter, wobei er sich keine Mühe gab, etwaige Verfolger abzuschütteln. Er wollte einfach nur von den richtigen Leuten gesehen werden, das war alles.


    • Die Koordinierung schien bei beiden nachgelassen zu haben, denn Thomas drehte seine Klinge nicht richtig, um in einem Schwung den Arm abzuhacken und der Vampir bekam anstatt seines Halses seinen Kragen zu fassen. Er riss daran und Thomas wand sich aus seinem Mantel, bevor der Mann ihn damit noch zu Boden gerissen hätte. Dafür saß sein nächster Treffer an dessen Kehle. Die Machete schnitt durch die Luftröhre und der Mann gab ein widerlich glucksendes Geräusch von sich, ließ sich sonst aber nicht beirren.
      Lärm von der Straße erinnerte Thomas daran, dass sie nicht länger allein bleiben würden. Die Polizei fuhr sicherlich schon mit ihren Kutschen vor und nach der Sache mit Beth, wollte Thomas sich lieber nicht noch einmal mit Harry anlegen. Das letzte, was er wollte, war sich wieder vor Gericht verantworten zu müssen.
      Ein letzter Stich noch, mehr wollte er nicht riskieren. Der Vampir schwankte bereits. Er zielte, er zielte gut, die Klinge bebte in seinem zitternden Griff und dann stach er zu. Ein Teil von ihm wollte treffen, ein Teil von ihm wollte verfehlen. Er selbst wusste nicht mehr, was er wollte.
      Er verfehlte.
      Am Gasseneingang tauchte eine Kutsche auf.
      Der Vampir strauchelte gegen ihn, sein Mantel rauschte zu Boden. Der zweite Vampir beobachtete sie beide mit vor Schreck aufgerissenen Augen.
      Thomas drückte seinen Gegner von sich, ging ein, zwei Schritte zurück und wirbelte zur Feuerleiter herum. Der andere setzte ihm nach. Seine Eingeweide krampften und sein Hals fühlte sich geschwollen an. Er streckte sich entgegen seines körperlichen Wohlbefindens, sprang hoch und bekam das Ende der Feuerleiter zu fassen. Ratternd zog er sich daran nach oben, als eine Hand sich um seinen Knöchel schloss. Von kurzer Panik erfasst trat er danach, zog kurzerhand seine zweite Pistole aus seiner Weste hervor, richtete sie nach unten und schoss noch einmal. Die Hand ließ ihn los und er zog sich grunzend nach oben.
      Die Gasse füllte sich mit Leuten. Trubel kam auf, Laternen tanzten herum, die die dunkle Gasse erleuchteten. Thomas sprintete die Feuerleiter nach oben und zog sich auf das Dach empor, wo er schwitzend und gleichzeitig eiskalt weiterkletterte, bis er eine flache Stelle erreicht hatte. Dort kauerte er sich erst hin, beugte sich vornüber und übergab sich mit saurer Magenflüssigkeit.
      Er hatte sie nicht umgebracht, keinen von ihnen. Wie viele hatte er schon umgebracht, die es nicht verdient hatten? Welche hatten es wirklich verdient? Hatten die beiden es verdient? Der eine hatte ihn gar nicht rechtzeitig kommen gesehen und der andere hatte eine offensichtliche Gefahr in dem bewaffneten Fremden - oder van Helsing - gesehen. Welche Seite war gerechtfertigt? Wie sollte Thomas jemals herausfinden, was gerechtfertigt war?
      Er krümmte sich zusammen, dann richtete er sich wieder auf, nachdem die Geräuschkulisse noch weiter zunahm. Er musste weg von hier. Er hatte seinen Mantel verloren, der war ihm lieb gewesen, jetzt spürte er die Kälte am ganzen Körper und konnte sich einreden, dass sein Zittern daher kam.
      Er kletterte über das Dach, rutschte zwei Mal aus, dachte zwei Mal, dass er in den Tod fallen würde und fand auf der anderen Seite schließlich eine weitere Feuerleiter. Die kletterte er hinunter, die Hände von Kälte erstarrt, die Füße taub. Der Arzt in ihm zog eine Selbstdiagnose, nach der er bei diesem Wetter noch etwa fünf Minuten hatte, bevor die Kälte ihm tödlich werden würde. Vielleicht auch drei.
      Er sprang auf den Boden, schlang den Arm um den krampfenden Bauch und eilte weiter, wobei ihm erst bewusst wurde, dass sämtliche seiner Waffen frei ersichtlich für sämtliche Umgebung an seiner Weste hingen. Er zog sie sich aus, drehte sie nach innen und warf sie sich über beide Arme. Jetzt war ihm wirklich kalt. Seine Ohren schmerzten.
      Er erreichte die Hauptstraße eine Seitenstraße später, wo er auf den Bürgersteig hinaus trat und sich möglichst normal gab - so normal, wie man im einfachen Hemd bei tiefsten Winter sein konnte - bevor er sich orientierte. Er wollte nicht nachhause in sein Geisterhaus, er wollte auch nicht in sein Hotel zurück. Eigentlich wusste er genau, wohin er wollte.
      Vincents Haus war nicht sehr weit entfernt, aber er gab sich trotzdem Mühe, sich halbwegs zu beeilen, während er dorthin torkelte. Die Schneeflocken verfingen sich in seinen Haaren und rutschten unter seinen Kragen. Das Zittern hatte sich verstärkt und kam jetzt definitiv von der Kälte, als er dessen Auffahrt erreichte, zu seiner Haustür zog und mit tauber Hand klopfte. War er überhaupt Zuhause? Er erinnerte sich an irgendetwas für Samstag Abend. Mittlerweile war ihm aber so kalt, dass ihm das Denken schwer fiel.
    • Auf seinem langen Weg nach Hause trat niemand an ihn heran, was Vincent eigentlich nur Recht sein konnte. Er hatte nicht wirklich Lust darauf, sich in dieser Kälte mit irgendjemandem herumschlagen zu müssen, dessen Ego so groß war wie das Theater, das er gerade erst verlassen hatte. Nach einer Stunde, die er durch die winterliche Nacht gewandert war, um seine Anwesenheit deutlich zu machen, verließ er die vielen Gassen endlich und winkte sich eine Kutsche heran, um sich nun wirklich auf den Heimweg zu machen. Er ließ sich allerdings nicht direkt vor seiner Haustür absetzen, damit er seinen Vorgarten ein bisschen im Auge behalten konnte. Ophelias überraschender Auftritt das letzte Mal, als er in der Stadt gewesen war, war ihm unerwarteter Besuch genug, das brauchte er nicht noch einmal.
      Vincent schlenderte die Einfahrt entlang, während er seinen Blick durch die Dunkelheit des Stadtrandes wandern ließ. Etwas war anders, so viel konnte er sagen, aber er konnte niemanden erkennen, der ihn beobachtete. Und dann roch er es. Der Geruch traf ihn wie ein Tritt mitten ins Gesicht: Zimt und Desinfektionsmittel. Aber da war noch mehr. Da war der Geruch von Blut.
      Vincent versuchte gar nicht erst, den metallenen Geruch zuzuordnen, sondern verfiel sofort in einen Laufschritt, um seine Haustür zu erreichen. Und da stand er, wobei "stehen" das falsche Wort war. Thomas hing mehr an seiner Tür. Er sah vollkommen fertig aus, Blut klebte an ihm und er zitterte wie Espenlaub.
      "Merde!" fluchte Vincent und sprang alle drei Stufen auf einmal hinauf, schlang einen Arm um Thomas Taille, während er mit der anderen Hand die Tür öffnete.
      Er zog den Mann ins Haus, scheuchte Esther, die mit weit aufgerissenen Augen starrte, in die Küche, um Tee aufzusetzen, und schickte Simon, der zufällig vorbeikam, in sein Badezimmer, um ein warmes Bad einzulassen. Niemand stellte Fragen, alle gehorchten aufs Wort.
      "Ich habe dir doch gesagt, dass du vorsichtig sein sollst," grummelte Vincent, während er sich aus seinem Mantel schälte und ihn Thomas um die Schultern warf, bevor er den Mann von den Füßen holte und ihn die Treppe hinauftrug.
      Dass sein eigener Körper schrie und brannte interessierte ihn nicht im Geringsten. Thomas war im Augenblick wichtiger.
      "Feure den Kamin an!" forderte er von Simon, als er das Badezimmer erreichte.
      Der junge Mann nickte nur knapp und folgte dann dem Befehl.
      "Sprich mit mir Thomas. Wie behandle ich eine Unterkühlung? Ich weiß nur, dass ich dich nicht zu schnell aufwärmen darf."
      Das war nicht einmal gelogen. Vincent hatte sich noch nie mit Erfrierungen oder Unterkühlungen befassen müssen. Normalerweise reichte ein Schluck seines Blutes aus, um solche Probleme zu lösen, aber irgendetwas sagte ihm, dass Thomas kein Freund einer solchen Vorgehensweise wäre.
      Stattdessen entfernte Vincent seinen Mantel und begann dann, Thomas von seinen eiskalten Klamotten zu befreien. Dabei ließ er seinen Blick auch kontinuierlich über die Haut des Mannes gleiten, immer auf der Suche nach Verletzungen.
      "Na komm schon, Herr Doktor. Heile dich selbst. Meine Hände gehören dir. Du musst mir nur sagen, was ich tun soll."


    • Es dauerte lange, bis Thomas sich nach dem Ruf umgedreht hatte und als er es doch endlich tat, war Vincent schon bei ihm.
      Der Mann war aus der Dunkelheit aufgetaucht, ein Schemen im Laternenlicht der Straßen, der jetzt nahe genug herangelaufen kam, dass Thomas ihn erkennen konnte. Vincent sah fabelhaft aus. Er trug einen ganz ausgezeichneten Anzug, der im völligen Einklang zu seinen Schuhen, seiner Fliege und sogar zu seinen Manschetten stand. In seinen Haaren hingen Schneeflocken wie glitzernde Perlen und Thomas dachte für einen Augenblick, ein Engel hätte ihn erreicht.
      Der Mann schlang ungefragt den Arm um seine Taille und Thomas war so erleichtert um die Ankunft, dass er geneigt war, sich einfach gegen den Mann fallen zu lassen. Sein Gehirn fühlte sich selbst schon eingefroren an, andernfalls hätte er vermutlich darüber nachgedacht, ob sich die Berührung so gut anfühlen durfte, wie sie es tat.
      Er ließ sich von ihm ins Haus drängen, wo ihn stechende Wärme erwartete. Eigentlich hatte er damit gerechnet, sich in irgendeiner Weise erklären zu müssen, aber Vincent erwartete keine Erklärung. Er tadelte ihn nur dafür, ihm gesagt zu haben vorsichtig zu sein und Thomas brachte ein Lächeln zustande, auch wenn es sehr wackelig war.
      "I-Ich w-w-war v-v-v-ors-s-sichtig."
      Seine Zähne klapperten unüberhörbar, aber auch das interessierte Vincent nicht. Er warf ihm den Mantel um und hob ihn hoch, um ihn nach oben zu tragen.
      Auch dagegen beschwerte Thomas sich nicht. Eigentlich hatte er so ziemlich gar keine Beschwerde einzureichen, nicht dass er hier war, nicht dass er Vincent so nahe war, nicht dass er sich ihm sogar so wehrlos auslieferte. Der Jäger in ihm war irgendwo in der Gasse zurückgeblieben bei Vampiren, die er nicht umgebracht hatte, und alles, was bei Thomas noch übrig war, war ein zitternder Mann und ein Arzt, der sich in den Winterschlaf verabschiedet hatte. Vincent war sogar das beste, was ihm hätte passieren können, daran bestand gar kein Zweifel. Er lehnte den Kopf an seine Schulter und versuchte, sein Zittern unter Kontrolle zu bringen.
      Sie erreichten das Bad und ein plötzlicher Panikanfall, ähnlich dem in der Gasse, schwappte über Thomas hinweg als er erkannte, dass Vincent ihn bald absetzen würde. Er wollte nicht. Der Vampir sollte ihn bis in alle Ewigkeit tragen, er sollte sich nicht von ihm entfernen.
      "E-Etwas w-w-warmes z-zu t-t-trinken, b-b-bit-te."
      Er legte ihm die Hand auf die Brust und wollte das Hemd ergreifen, damit Vincent ihn auch bloß nicht losließ, aber seine Finger verharkten sich nur ein wenig darin. Ein Krampf in seinen Eingeweiden folgte, die sich von dem Kniestoß immer noch anfühlten, als wären sie einmal zerquetscht worden. Thomas ächzte.
      "Und K-K-K-Kö..."
      Seine Zunge lag schwer in seinem Mund. Er wollte Vincent helfen, sich aus seinen Klamotten zu befreien, zitterte aber nur noch viel stärker als noch vorhin. Der Arzt meldete sich nur mit der nicht hilfreichen Erwähnung, dass es gut war, dass ihm noch kalt war, aber sonst überließ er Thomas seinen trägen Gedanken und Vincent. Er schlotterte erneut und das Zittern führte zu Krämpfen, die ihm wieder die Galle hochsteigen ließen.
      "... K-K-Körperw-w-w-wärme. B-Bleib b-bei m-m-mir, b-bitte. V-Vinc-cent."
      Er streckte einen bebenden Arm nach ihm aus.
    • Mit flinken Fingern öffnete Vincent die Knöpfe an Thomas' Hemd und schob es ihm von den Schultern.
      "Ich gehe nirgendwohin, keine Sorge."
      Er warf das Kleidungsstück achtlos in eine Ecke und half Thomas auch dem Rest seiner Klamotten. Selbst wenn er den Mann noch nicht dutzende Male nackt gesehen hätte, hier war kein Platz für Scham. Er schlüpfte auch aus seinem eigenen Jacket und der Weste, bevor er Thomas an sich zog und ihn in seinen Armen wiegte. Zwar hatte Vincent nicht viel Körperwärme übrig, aber er würde tun, was er konnte. Im Augenblick war er definitiv der warmblütigere von ihnen beiden.
      "Tee ist auch schon unterwegs."
      Vincent ließ seine Finger vorsichtig über alle Stellen gleiten, an denen Blut klebte, um sicherzugehen, dass Thomas auch wirklich nicht verletzt war. Vincent merkte sich jede Schramme, die er finden konnte. Dafür würde jemand bezahlen, und wenn er dieses Nest allein ausheben musste.
      "Erzähl mir was," forderte Vincent. "Ich mag den Klang deiner Stimme, schon vergessen?"
      Das Badezimmer füllte sich langsam mit Wärme, während sich die Wanne mit heißem Wasser füllte. Zwischendrin lehnte sich Vincent über den Wannenrand, um das Wasser abzudrehen. Dabei tunkte er seine Hand einen Moment in das heiße Wasser, um sie für Thomas aufzutauen. Seine nun sehr viel wärmeren Finger legte er vorsichtig an den Hals des Mannes. Er wusste nicht viel über Erfrierungen, aber er kannte sich ein bisschen mit der Zirkulation von Blut aus. Am Hals floss viel davon dicht unter der Haut. Wenn er Thomas' Hals oder Handgelenke aufwärmen konnte, half das vielleicht auch mit dem Rest von dem Mann.
      "Idealerweise sagst du mir auch weiterhin, was ich tun soll. Das ist vielleicht die einzige Chance, die du bekommst, mich ohne Gegenwehr herumzukommandieren. Das letzte Mal, als ich jemanden auftauen musste, habe ich ihm mein Blut gegeben. Dir mache ich natürlich das gleiche Angebot, wenn du es willst."
      Er wiederholte den Prozess mit seiner aufgewärmten Hand ein paar Mal, aber Thomas wollte einfach nicht aufhören, zu zittern. Ein leises Klopfen an der Tür lenkte ihn ab. Er wollte Thomas nicht loslassen, aber er musste den Tee holen. Also nutzte er seine übermenschliche Schnelligkeit. Er ließ Thomas los, huschte zur Tür, nahm Esther den Tee ab und war wieder neben Thomas, bevor dieser überhaupt die Chance hatte, das Gleichgewicht zu verlieren.
      "Wärme mein Bett auf," rief Vincent Esther hinter der Tür zu.
      Er lauschte, wie sie davoneilte, um diesen Auftrag zu erfüllen. Dann drückte er Thomas vorsichtig eine Tasse Tee in die Hand - nur halb voll, damit er den Inhalt nicht quer im Raum verteilte. Dann legte er seine Arme erneut um Thomas' schlanken Körper.
      "Wenn du dir eine Erkältung holst und sie an mich weitergibst, kriegen wie beide Ärger, hörst du?"


    • Es dauerte nur einen Moment, in dem sich Vincent von ihm löste, um ihm die eiskalten Klamotten vom Körper zu ziehen, aber für Thomas fühlte es sich an, als wäre er einem zweiten Schneegestöber ausgesetzt. Er zitterte, mehr konnte er nicht tun, während der andere ihn befreite. Sein Blick wanderte noch einmal den sündhaft hübschen Mann in seinem sündhaft hübschen Anzug hinab. Vincent sah wirklich einzigartig aus, darüber lächelte er, weil sich kein schlechtes Gewissen einspielte, dass er so über den Vampir dachte. Das Lächeln zeigte sich nur in einem verzerrten, schiefen Ausdruck in seinem Gesicht.
      Vincent zog ihn wieder an sich und diesmal hatte Thomas zumindest genug Kontrolle über seine Glieder, um die Arme seinerseits um Vincent zu schlingen. Er suchte Halt in seinem Hemd und in seiner Statur, die ihm so tröstend vertraut war, dass er nicht anders konnte als sich über seine Anwesenheit zu freuen. Solange Vincent hier war, war alles in Ordnung. Der neue Glücksbringer in seiner Hosentasche, die Nachricht, dass Vincent in der Stadt wäre, war der Beweis dafür. Daran hielt er fest, als würde sein Leben davon abhängen.
      "Ich... I-Ich h-habe meinen M-M-Mantel v-verloren."
      Er murmelte mehr in Vincents Schulter, als zu ihm direkt, aber das schien keinen von beiden zu interessieren. Vincent fühlte sich an wie ein Heizkörper, daran konnte er schon erkennen, wie kalt er selbst sein musste.
      "Ich b-bin auch sch-schon s-seit f-f-fünf U-Uhr draußen, d-das w-war ein w-wenig zu l-lang."
      Er spezifizierte nicht, ob fünf Uhr morgens oder abends. Er konnte sich vorstellen, dass Vincent so ein Detail nicht unbedingt gefallen könnte.
      "A-Aber meine F-F-Falle w-war zum-mindest w-wirksam."
      Mehr gab er dazu nicht preis, sondern schwieg wieder. Als er Vincents Finger an seinem Hals spürte, schloss er die Augen. Ein erneuter Krampf fuhr durch seinen Magen und machte ihm bewusst, dass er womöglich etwas dagegen unternehmen sollte.
      "D-Du m-machst all-les r-richtig. M-Mir ist imm-mernoch k-kalt, das ist g-g-gut."
      Er lächelte wieder, dieses Mal ließen seine zitternden Lippen es sogar zu. Langsam glaubte er, dass er sich an Vincents Körpertemperatur anpasste, auch wenn das natürlich immer noch zu wenig für einen Menschen war.
      "H-Heißt das, i-ich m-muss mich e-einer H-H-Hypoth-thermie aussetzen, d-damit ich d-dich h-herumkomm-mandieren kann? G-Gibt es e-etwa keinen l-leichteren Weg?"
      Er sah auf, um sein seichtes Lächeln zu präsentieren, aber es war nicht stark genug, um auch Vincents nachfolgende Bemerkung zu überstehen.
      "K-Kein B-Blut. Es g-geht sch-schon."
      Dafür spürte er kurz darauf einen mörderischen Luftzug, der ihn schüttelte, bevor Vincent wieder mit dem versprochenen Tee auftauchte. Wenn Thomas an diesem Punkt vergessen hätte, was der Mann war, wäre er spätestens jetzt daran erinnert worden.
      Zu seinem Erstaunen reichte noch nicht einmal das aus, um den Jäger zurückzuholen.
      "D-Danke."
      Er umfasste die Tasse mit klauenartigem Griff und hielt sie sich unters Gesicht, damit der wenige Dampf ihn weiter wärmen würde. Tatsächlich war die beste Hilfe allerdings Vincents Gegenwart, wobei Thomas nicht sicher war, ob es ihm dabei ausschließlich um die Kälte ging.
      Er schnaubte auf Vincents folgende Bemerkung, lächelte dann aber wieder.
      "V-Von N-Nora? J-Ja, das w-wollen wir n-nicht. I-Ich bin erst-staunt, dass s-sie sich n-noch n-nicht besch-schwert hat, d-dass ich h-hier bin."
      Er hob die Tasse an und trank versuchsweise einen Schluck Tee. Er konnte fühlen, wie das warme Wasser ihm die Kehle hinab rann und ihn von innen heraus wärmte. Er war versucht, gleich noch einen Schluck zu trinken, da schien das Wasser auf seinen Magen getroffen zu sein, denn plötzlich überschwemmte ihn ein erneuter Krampf und er beugte sich vornüber in dem Glauben, gleich mehr Mageninhalt zu verlieren. Er schob Vincent ein Stück von sich, ohne ihn loszulassen, bevor er auf den Boden runterrutschte. Es dauerte einige anstrengende Atemzüge, bis er die aufsteigende Galle doch wieder zurückgekämpft hatte und sich aus seiner verkrampften Haltung befreien konnte. Vincent war noch immer bei ihm. Thomas glaubte nicht, dass er noch atmen würde, wenn dem nicht so wäre.
      "G-Geht schon."
      Er lehnte den Kopf nach hinten. Selbst der Boden war nicht ganz so kalt, wie er hätte sein sollen.
      "I-Ich h-habe ein K-Knie in den B-Bauch bekommen. Ich g-glaube, er hat m-meine Gedärme zerquetscht."
      Er lächelte, als hätte er einen Scherz gemacht. Dann kam die nächste Welle des Krampfes zurück und schwemmte das Lächeln hinfort.
      "S-So habe i-ich mir unser W-Wiedersehen n-nicht vorgestellt. ... H-Hilfst du m-mir in die W-Wanne?"
      Er streckte die Hand nach ihm aus in der Hoffnung, dass ihn Vincent wieder hochheben würde.
    • "Vor Nora's Zorn bist du heute Nacht erst einmal sicher. Sie ist bei einer Freundin."
      Vincent fühlte sich so unendlich hilflos. Er konnte nur hier sitzen und den Mann festhalten, konnte nur zusehen, wie er gegen seinen eigenen Körper ankämpfte. Hatte sich Thomas so gefühlt, als er in dessen Eingangsbereich von Stephen angegriffen worden war?
      Mehr aus Reflex als sonst etwas griff Vincent nach Teetasse und nahm sie Thomas ab, bevor dieser sich auf dem Boden krümmte. Mit der freien Hand hielt er Thomas' fest, während er einfach nur zusehen konnte. Wer auch immer das getan hatte würde nicht nur sterben. Vincent würde den Verantwortlichen in Stücke reißen.
      Er stellte die Tasse weg und hob Thomas wieder auf seine Arme, bevor er zusammen mit dem Mann in die Wanne stieg. Vorsichtig setzte er sich, langsam genug, damit sich Thomas an das warme Wasser gewöhnen konnte. Ihm war egal, dass er noch vollständig bekleidet war. Ihm war egal, dass seine alte Verletzung gegen ihn aufbegehrte ob der Belastung und der Hitze.
      "Du darfst mich rumkommandieren, wann immer es dein Leben rettet," griff Vincent das vorherige Thema wieder auf und angelte nach der Teetasse, die er Thomas gleich wieder in die Hände drückte. "Allerdings würde ich es bevorzugen, wenn du es unterlassen könntest, mit lebensgefährlichen Verletzungen bei mir aufzutauchen. Damit meine ich nicht, dass du nicht zu mir kommen sollst, wenn du Hilfe brauchst, ich meine... ach du weißt schon. Ich bin schon wieder am Plappern, entschuldige."
      Er zog Thomas ein bisschen enger an sich und forderte ihn mit einem Blick dazu auf, noch etwas Tee zu trinken.
      "Willst du mir verraten, wer das war? Und ob derjenige noch am Leben ist?"
      Er musste es einfach wissen. Und Thomas zu fragen war der einfachste Weg. Aber es war egal, ob der Mann antworten würde oder nicht. Vampire konnten sehr territorial sein und das bezog sich auch auf Menschen. Zwar war Thomas nicht seine Beute, aber das musste ja niemand außerhalb seines Haushaltes wissen. Wer auch immer eine Hand an Thomas gelegt hatte, würde das noch sehr bereuen.
      Das Monster in Vincents Innerem, das in den letzten Tagen gehörig rebelliert hatte, bleckte vorfreudig die Zähne. Endlich mal wieder eine richtige Jagd.


    • Es hatte etwas eigenartig Beruhigendes, wie Vincents Arme sich unter Thomas' Beine schoben und ihn hochhoben, als wiege er gar nichts, als wäre er nicht mehr als ein Kleidungsstück, das Vincent sich annahm. Er konnte das feine Spiel seiner Muskeln spüren, als er die Hand auf seinen Oberarm legte, einer Welle gleich, die sich durch dessen Arme zog. Er kannte Vincents Muskeln, hatte schon genug Gelegenheit gehabt, sie mit sämtlichen Sinnen zu erspüren, aber er war noch nie von ihm hochgehoben worden. Natürlich nicht, denn das hätte ihn schließlich verraten. Jetzt lenkte Thomas seine Aufmerksamkeit darauf, denn der Jäger schwieg weiterhin und es war besser, als sich auf das unkontrollierte Schlottern seiner Muskeln zu konzentrieren.
      Bevor er begriffen hatte, dass der Vampir seinem Wunsch tatsächlich nachkam und nicht ein Mal von seiner Seite wich, stiegen sie beide ins Wasser, das sich anfühlte wie Feuer. Thomas verzog das Gesicht, aber Vincent hatte den Vorteil, die Nuancen seines Herzens zu hören und ließ ihn so langsam ins Wasser hinab, wie es notwendig war. Seine Glieder entkrampften sich zunehmends und als sie sich beide niedergelassen haben, war das Zittern schon deutlich zurückgegangen.
      Er lehnte sich zurück an Vincents Brust und nahm die Tasse wieder entgegen, ohne noch einmal davon zu trinken. Davon hatte er eigentlich erstmal genug, wenn er ehrlich war, beschwerte sich aber nicht dagegen.
      "Ich w-wollte auch nicht herkommen. Ich meine, n-natürlich wollte ich das, aber…"
      Himmel, was war denn jetzt los? Man hätte meinen können, sie trafen sich zum ersten Mal und waren nicht bereits schon seit Wochen zusammen.
      "... Du hast mir immer gesagt, deine T-Tür stehe für mich offen, jederzeit. Ich habe dich i-immer beim Wort genommen."
      Er nippte an seiner Tasse, nur um Vincents Willen, aber die erwarteten Krämpfe blieben aus. Stattdessen gab sein Magen ein Rumoren von sich, das sich vielmehr nach Hunger als irgendetwas anderem anhörte.
      Für einen Moment lehnte er den Kopf zurück an Vincents Schulter und genoss die Tatsache, dass der Mann hier war, dass er seine Arme um ihn geschlossen hatte, dass er sich ohne Fragen um ihn kümmerte. Dass er Thomas, der letzten Wochen zum Trotz, fraglos bei sich aufgenommen hatte. Er selbst hätte das gleiche getan, natürlich, aber es war etwas anderes, dass auch der Vampir es tat. Und weil der Jäger weiterhin schwieg, sah er darin nur Gutes.
      Nach einem weiteren Moment des Schweigens begann er dann doch zu erzählen. Eigentlich hatte er nur deutlich machen wollen, woher der Jungvampir kommen musste, aber er erzählte mehr von der Jagd und schließlich fast alles. Er erzählte von seiner Falle, von seiner Wache, dass den ersten zu erwischen kein Problem war und der zweite eigentlich auch keins gewesen wäre. Auch in seiner Geschichte verfehlte er das Herz, aber er ging nicht weiter darauf ein in der Hoffnung, Vincent würde es nicht auffallen. Er erzählte von dem Tritt, den er dann hatte einstecken müssen und von der Polizei, die wegen dem ganzen Lärm vorgefahren war. Er erzählte, wie er dann seinen Mantel verlor, über das Dach floh, weil er sich sicher war, diesmal in dieser Sache mit Harry nicht herauskommen zu können und wie er schließlich hergekommen war, weil Vincent der einzige war, dem er genug Vertrauen schenkte, um bei ihm Hilfe zu suchen. Bei letzterem Teil legte er eine Hand auf Vincents Oberschenkel und wurde sich bewusst, dass er ja seinen Anzug noch trug und ihn ruiniert hatte.
      "Vielleicht brauche ich ein Alibi, wenn sie f-fragen, wo ich heute Abend war. Wieso bist d-du eigentlich so hübsch angezogen? … Hattest du eine V-Verabredung?"
      Es hatte einen gewissen bitteren Beigeschmack, sich vorzustellen, dass ein anderer Mann Vincent so empfangen haben könnte, in tadellosem Aufzug und hübscher noch, als Gott ihn erschaffen hatte. Wenn er tatsächlich eine Verabredung gehabt hätte, wäre es dann wohl offiziell mit ihnen vorbei gewesen und Thomas erwischte sich dabei, wie er zu Gott betete, dass dem nicht so war.
    • Vincent lauschte, hüllte sich selbst in Schweigen, während Thomas ihm alles erzählte. Es war seltsam, ihm zuzuhören, wie er darüber sprach, Vampire zu jagen. Nicht so unangenehm, wie es vielleicht sein sollte. Viel mehr stammte diese Seltsamheit von der Tatsache, dass Thomas als Jäger so anders war, als der liebevolle, etwas schüchterne Arzt, den Vincent bisher kennengelernt hatte.
      Als Thomas seine Erzählung beendete, schlang Vincent die Arme fest um den Mann. Ein stummes Dankeschön für das Vertrauen, das Thomas ihm gerade geschenkt hatte.
      "Ich habe dir doch geschrieben, dass ich heute einer Spur nachgehe. Dafür musste ich eine mittelmäßige Theateraufführung besuchen. Ich hätte ein bisschen schlichter gehen können, aber um die Informationen zu erhalten, die ich suche, muss ich auffallen. Also habe ich mich herausgeputzt. Nora auch. Du hättest sie mal sehen sollen. Sie hat ihr Kleid mindestens genauso sehr gehasst, wie ich meinen alljährlichen Ball verabscheue."
      Vincent kicherte leise.
      "Ich habe mein Ziel erreicht und bekomme hoffentlich bald die Information, die wir brauchen."
      Bevor sich Vincent davon abhalten konnte, drückte er einen sanften Kuss auf Thomas' nackte Schulter. Als er begriff, was er gerade getan hatte, entschied er sich dazu, sich nicht dafür zu entschuldigen.
      "Simon hat immer ein paar blaue Flecken. In meiner Großzügigkeit habe ich den einen Arzt, den ich in Cambridge kenne, herbestellt, kaum dass sich der Junge über sein schmerzendes Knie beschwert hat. Als Dankeschön für deine Arbeit außerhalb deiner Praxis und außerhalb deiner gewohnten Arbeitszeiten, habe ich dich auch gleich noch zum Abendessen eingeladen. Nach ein paar Drinks haben wir uns dazu entschlossen, dass du mein Gästezimmer belagerst, anstatt nach Hause zu gehen."
      Eigentlich wollte Vincent Thomas nicht zeigen, wie leicht ihm solche Lügen von den Lippen gingen. Er wollte nicht lügen, während Thomas anwesend war. Aber er würde tun, was auch immer er tun musste, um diesen Mann zu beschützen.
      "Simon geht es gut, aber er muss seine Botengänge ein bisschen zurückstellen und sein Knie schonen, wann immer er kann. Frech, wie er ist, genießt er die Diagnose, die ihm ein bisschen Faulheit erlaubt."
      Vincent wusste, dass Simon und der Rest seiner Angestellten kein Problem damit haben würde, diese Geschichte zu erzählen, wenn sie mussten. Esther würde sich darüber beschweren, wie sich Simon ständig über sein Knie beschwert hatte. Sie würde meckern, dass sie ihn jetzt an der Backe hatte. Simon würde breit grinsen und ihr mit Absicht noch mehr auf die Nerven gehen. Und sobald die Polizisten gegangen waren, wären sie wieder beste Freunde. Nora, selbst wenn sie keine Ahnung hatte, würde ohne zu zögern alles bestätigen, ohne zu zögern, ohne Erklärung von Vincent.
      "Du hast dich am Morgen dazu entschlossen, hier zu bleiben, um deinen Kater auszukurrieren und den Dienst eines vollen Haustabs zu genießen. Da wir nachweislich Freunde sind, habe ich dir das sogar angeboten und wir genießen einen faulen Sonntag, den wir vielleicht, vielleicht auch nicht mit einem Abendessen in einem Restaurant ausklingen lassen. Vielleicht nimmst du sogar endlich mein Angebot an, bei mir zu wohnen, bis der Tod deiner Haushälterin geklärt wurde. Als guter Freund weise ich dich nicht von meiner Schwelle, sondern öffne dir mein Heim, egal wie lange du es brauchst."
      Vincents Stimme wurde immer leiser, bis er nur noch flüsterte, seine Wort kaum hörbar. Sie glichen mehr Gedanken, die ihren Weg aus Versehen aus seinem Kopf gefunden hatten. Es spielte keine Rolle. Er wollte Thomas hier haben, wollte ihn an seiner Seite wissen, in Sicherheit. Er wollte ihn spüren, ihn küssen, Stunden damit zubringen, ihm zuzuhören, ihm durch die Haare zu streichen. Aber er würde sich damit zufriedengeben, ihm heute auszuhelfen und ihm ein Alibi zu geben, wenn er es brauchte. Alles andere war Wunschdenken.


    • Vincent verstärkte seinen Griff um Thomas' Oberkörper und im Gegenzug lehnte er sich schwer gegen ihn. Ihre Lage gefiel ihm, auch wenn sie noch so merkwürdig war, auch wenn Vincent in seinem Anzug mit ihm in der Wanne saß und Thomas manchmal noch erzitterte, als habe er seine Muskeln nicht unter Kontrolle. Es gefiel ihm trotzdem. Das war der erste Tag im neuen Jahr, an dem er so etwas wie Entspannung verspürte.
      Der Vampir hatte tatsächlich keine Verabredung gehabt, zumindest keine gewöhnliche, was unheimlich erleichternd auf Thomas wirkte. Er war nur Informationen im Theater nachgegangen und Thomas lächelte selbst, nicht nur weil ihm ein Stein vom Herzen fiel, sondern weil er Vincent leise lachen hörte. Das Geräusch hatte er sehnlichst vermisst, wie er feststellte, und er steckte sich an wie eine Droge.
      "Sie muss ja regelrecht g-gelitten haben."
      Es folgte ein überraschender Kuss auf seine Schulter und für einen Moment glaubte Thomas, dass Vincent die Stelle mit seinen Lippen in Brand gesteckt hatte. Sie prickelte noch immer, als seine Lippen sich schon längst wieder zurückgezogen hatten und eine Gänsehaut zog sich über ihn. Vincent rechtfertigte sich nicht dafür und Thomas kommentierte es nicht, er ließ seinen Kopf gegen dessen Halsbeuge sinken und legte einen Arm auf Vincents ab. Ihre Finger fanden sich, aber Thomas gab sich damit zufrieden, ihn lediglich zu berühren.
      Überraschend schnell wurde ihm dann ein vollständiges Alibi präsentiert, das er sich in zehn Jahren nicht besser hätte ausdenken können und das jetzt Vincent von den Lippen fiel, als hätte er es sich vor Tagen schon zurecht gelegt. Zweifelnd lauschte er seiner Ausführung, wobei er sämtliches Vertrauen darin legte, dass Vincents Belegschaft von diesem Plan erfahren und ihn sicherlich auch umsetzen würden. Jemand mit Vincents Erfahrung - wie alt war er eigentlich? 31 ja wohl schon lange nicht mehr - kannte sich mit solchen Sachen sicherlich besser aus, aber selbst einen Vampir konnte man mit der richtigen List überrumpeln und Thomas hatte noch weniger Lust darauf, ihn in sein Verbrechen zu verstricken.
      Nur hatte er keine Alternative zur Verfügung.
      "Das hört sich gut an. Ein bisschen z-zu gut, wenn du mich fragst. Muss ich mir S-Sorgen machen?"
      Er drehte den Kopf, eigentlich um Vincent anzusehen, aber stattdessen endete es darin, dass der Vampir mit einem Flüstern endete und Thomas die Stirn an seinen Hals legte. Guter Freund. Sie waren gute Freunde, nicht wahr? Andernfalls hätte er nicht das Leben des Vampirs und damit das von Vincent verschont.
      Waren sie nur gute Freunde?
      "Ich würde gerne ein paar Tage bleiben. B-Bis ich eine neue Haushälterin habe", murmelte er zurück in dem Wissen, dass er noch gar nicht mit der Suche angefangen hatte und die nächsten Tage auch nichts dergleichen plante - besonders nicht, wenn sich ein Nest in der Stadt eingenistet hatte. Er würde auch die neue Haushälterin über seine Berufung aufklären und das tat er am besten nicht während er riskierte, jeden Moment blutüberströmt nachhause zurückzukommen.
      Es entstand ein Augenblick des Schweigens zwischen ihnen, den keiner zu durchbrechen wagte. Thomas lauschte nach dem Jäger, der ihn anweisen würde, sich von dem Gebiss der Kreatur zu entfernen, aber der Jäger schwieg. Vielleicht würde er noch einen Moment weiter schweigen.
      "Vincent?"
      Er konnte ihn sich leicht bewegen fühlen. Das Wasser schwappte ein wenig.
      "Ich..."
      Die Stille wurde mit einem Mal laut, das Bad groß und fremd, Vincents Anzug klebrig an seiner nackten Haut. Er starrte durch das Wasser auf die Stelle, an dem sich ihre Finger berührten und er verschränkte seine langsam mit Vincents, aber mehr konnte er nicht. Er konnte die Worte nicht aussprechen, sie schienen seiner Zunge wie fremd. Fast hätte er sich sogar gewünscht, der Jäger würde ihn erlösen, aber er kam nicht.
      "Ich habe dich v-vermisst", flüsterte er stattdessen und sank noch weiter gegen Vincent, bis der Vampir das einzige war, was ihn noch über Wasser hielt. Er lauschte seinem Atem und ärgerte sich darüber, nicht vorsichtiger gewesen zu sein, damit sie diesen Moment hätten auskosten können, wohlwissend, dass es gar nicht so weit gekommen wäre, wenn dieser Tag anders geendet hätte, in welcher Weise auch immer.

      Der Ausstieg aus der Wanne war noch viel schlimmer als sämtliche Tortur vorher, denn der Raum wirkte kalt wie Schnee und obwohl Vincent sofort mit einem Handtuch zur Stelle war, zitterte Thomas wieder und wurde sich damit erst richtig seiner Erschöpfung bewusst. Er ließ sich bis ins Zimmer bugsieren - Vincents Schlafzimmer, wie ihm auffiel, nachdem keiner von ihnen das Gästezimmer auch nur erwähnte - und er konnte sich in bereits warmen Decken vergraben. Der Mann war kurz darauf bei ihm, diesmal ohne seinen nassen Anzug, und zog ihn ungefragt an sich. Thomas ließ sich von seinen kräftigen Armen umschlingen und drückte sich im Gegenzug an seinen Körper, um dem Zittern entgegen zu wirken. Es brauchte einige Umdrehungen, bis er eine Position gefunden hatte, in der der Schmerz in seinem Bauch erträglich war, bevor er sich an Vincent schmiegte. Der Duft von alten Büchern lullte ihn ein und er schlief, noch bevor er sich darüber Gedanken machen konnte, was der Vampir in der ganzen Zeit trieb.

      Seine Nacht war durchbrochen von weiteren Krämpfen, die ihn aus dem Schlaf rissen und sich anfühlten wie tausend Nadelstiche in seine Gedärme, die nichts aufhalten konnte. Er krümmte sich und suchte den Bettrand, falls er sich tatsächlich wieder übergeben müsste, und jedes Mal war Vincent gleich zur Stelle, ein Schutzengel, der ihm die Hand auf den Rücken legte und ihn zu nicht enden wollendem Tee nötigte. Irgendwann begann er in seinem halbschläfrigen Delirium nicht nach dem Bettrand zu suchen, sondern nach Vincent, um sich an ihn zu pressen, bis es vorbei war. In den Morgenstunden ließen die Krämpfe schließlich nach und er fiel in einen tieferen, ungestörteren Schlaf.
    • Thomas' Worte hallten durch den Raum, durch die Zeit, durch Vincents gesamten Körper. Wusste der Mann denn, was er da anstellte? Was er mit Vincent machte? Vier Worte. Vier kleine Worte. Für andere wollten sie nicht viel bedeuten, aber für Vincent, in diesem Augenblick...
      Sein Griff verstärkte sich noch ein wenig um Thomas. Er konnte nichts sagen. Ihm waren seine eigenen Worte im Hals stecken geblieben. Nein. Sie hatten es gar nicht bis dahin geschafft. Sein Kopf war vollkommen leergefegt. Da waren überhaupt keine Worte, die er hätte formen können. Also hielt er den anderen Mann einfach nur fest, hoffte dass das Antwort genug war. Hoffte, dass er alles mit dieser Geste ausdrücken konnte, was sich nicht in Worte fassen lassen wollte.
      Thomas hatte ihn vermisst...

      Als das Wasser langsam abkühlte, stand Vincent vorsichtig auf. Er machte sich nicht die Mühe, sich um seine triefend nassen Klamotten zu kümmern, bevor er Thomas aus der Wanne half, indem er ihn einfach aus dem Wasser hob. Der Mann musste keine zwei Sekunden auf seinen eigenen Beinen stehen, bevor Vincent schon mit einem übergroßen Handtuch zur Stelle war und ihn einwickelte.
      Er ging sicher, dass Thomas gut abgetrocknet war, bevor sie das warme Badezimmer verließen. Er ließ Thomas nicht einen Schritt allein machen. Das Gesicht des Mannes machte ihm nichts aus, als er ihn zu seinem vorgewärmten Bett hinüber trug. Im Kamin loderte ein großes Feuer, der Raum war viel wärmer als sonst.
      Vincent deckte Thomas mit gleich zwei Decken zu - eine zweite war von Esther ans Fußende gelegt worden.
      "Ich bin gleich wieder da," entschuldigte er sich und verschwand erneut im Badezimmer, wo er sich endlich aus seinen nassen Klamotten schälte und sich selbst schnell abtrocknete und in einen leichten Pyjama schlüpfte.
      Ungefragt krabbelte er unter die dicken Decken und zog Thomas wieder an sich. Selbst wenn er es versucht hätte, Vincent wusste nicht, ob er sich von Thomas hätte fernhalten können. Nicht, wenn der Mann so verletzlich war.
      Vincent hörte zu, wie so oft, wie Thomas einschlief. Ihn endlich wieder an seiner Seite zu wissen, wenn auch nur temporär, beruhigte ihn auf eine Art, die er gar nicht mehr kannte. Mit langsamen, sanften Bewegungen ließ er seine Finger durch Thomas' Haare gleiten.
      Bis dieser aus seinem friedlichen Schlaf aufschreckte und sich krümmte. Vincent hielt ihn fest, ließ seine Hand in langsamen Kreisen über den Rücken des Mannes kreisen, bis sich die Übelkeit verzog. Dann zog er Thomas wieder an sich, wickelte ihn zurück in die Decken und hoffte, dass er eine weitere Stunde Schlaf fand. Hin und wieder musste sich Vincent dazu zwingen, aufzustehen, um das Feuer am Laufen zu halten oder Thomas' Teetasse wieder aufzufüllen.
      Je näher sie dem Tageslicht kamen, desto seltener wurden die Anfälle, bis sie irgendwann ganz ausblieben, sehr zu Vincents Erleichterung. Schlafen konnte er trotzdem nicht, egal wie sehr sich sein Körper danach sehnte. Er musste wissen, dass es Thomas gut ging, bevor er selbst schlafen konnte. Aber er würde den Teufel tun und den Mann aufwecken.
      Irgendwann, kurz nach Sonnenaufgang, klopfte es kaum hörbar an Vincents Tür und Esther steckte den Kopf herein.
      "Soll ich Frühstück machen?" fragte sie flüsternd.
      Vincent schüttelte den Kopf.
      "Aber richte das Gästezimmer her. Thomas bleibt eine Weile. Ach und..."
      Vincent winkte Esther heran, damit sie sich nicht quer durch den Raum unterhalten mussten. Er weihte sie in das von ihm fabrizierte Alibi ein und wies sie an, Simon und den Rest seines Hausstabes zu informieren. Sollte Nora auftauchen, sollte sie ihr die Situation erklären. Esther nickte pflichtbewusst und verschwand wieder.
      Vincent machte es sich in seinem Bett ein bisschen bequemer, Thomas noch immer im Arm, und angelte nach einem Buch von seinem Nachttisch. Während er las hatte er immer ein Ohr auf Thomas' Herzschlag und dessen Atmung, nur um auf Nummer sicher zu gehen.


    • Thomas hatte Fieberträume. Es waren die Art von Träume, die intensiv genug waren, um ihm den Schweiß auf die Stirn zu treiben und seine Hände zum Zucken zu bringen. Es waren Träume, die für ihn in der Zeit des Schlafes zur neuen Realität wurden, zu seinem Leben, das sich beängstigend schnell vor seinen Augen abspielte.
      Er träumte von der Gasse, von dem schneegestäubten Boden, den dichten Flocken, die ihm die Sicht zu nehmen drohten. Er hatte den Vampir unter sich, er hatte die Machete ausgerichtet in der Hand, aber dieses Mal war der Vampir ganz eindeutig Vincent. Seine dunkelblonden Locken waren vom Schnee durchweicht, aber noch gut als seine erkennbar, und er trug den wunderbaren Anzug, der ihn selbst in der Dunkelheit der Gasse wie einen Engel erscheinen ließ. Die Hälfte seines Gesichts war unter dem Blut unkenntlich, aber auf der anderen Hälfte glitzerte Thomas ein freundliches Auge an, ein warmer Blick, der unablässig auf ihn gerichtet war. Vincent schien noch nicht begriffen zu haben, dass die Hälfte seines Kopfes fehlte, denn er lächelte ein wenig und Thomas wurde es warm ums Herz.
      Dann stieß er zu und diesmal verfehlte die Klinge nicht. Sie bohrte sich durch Vincents Herz, bis der Boden unter ihm Thomas Widerstand bot.
      Er zog die Klinge wieder heraus. Er warf sie fort. Er beugte sich zu Vincent hinunter und presste die Hand auf das längliche Loch, das er gestochen hatte. Er versuchte den Blutschwall wieder hineinzudrücken. Er versuchte sein Herz am Schlagen zu halten, sein langsames Herz, das jede Sekunde noch langsamer werden würde. Er rief ihm zu, konnte aber seine eigene Stimme nicht hören. Vincent lächelte, seine Fangzähne, die viel länger waren, als sie hätten sein können, spiegelten unbekanntes Licht wieder. Er legte Thomas eine blutverschmierte Hand an die Wange und öffnete den Mund, eine gar sanfte Geste, der noch sanftere Worte folgen würden. Stattdessen stellte er fest:
      "Du hast mich umgebracht."

      Als Thomas aufwachte, war ihm unsäglich heiß und er strampelte die Decken von sich, bevor ihm kalt genug wurde, dass es ihm fröstelte. Er drückte sich enger an das warme Kissen, das er umklammerte, bevor er einen Moment später merkte, dass das Kissen sich bewegte und eine warme Hand über seinen Rücken strich. Er hob den Blick und erkannte Vincent, den lebendigen Vincent, der neben ihm im Bett saß, ein Buch in der Hand, den anderen Arm um ihn gelegt. Dort, wo vor wenigen Sekunden noch Thomas' Machete hervorgeragt war, war ein dünner Pyjama, der vorne leicht geöffnet war. Der Anblick war so unschuldig, so gewöhnlich, dass er für einen Augenblick sich davon abhalten musste, sich aufzurichten und ihn zu küssen.
      Der Jäger war immer noch nicht zurückgekehrt, wie er bemerkte.
      "Vincent?"
      Jetzt setzte er sich selbst auf, eine Bewegung, die von Kopfschmerzen begleitet wurde. Seine Glieder fühlten sich schwer an und in seinem Magen kämpften Übelkeit und Hunger um die Vorherrschaft. Als er sich den Schweiß von der Stirn wischte, erkannte er, dass seine Hand wieder zitterte. Sie bebte regelrecht, ein so erschütternder Kontrast zu seinen sonst so ruhigen, chirurgischen Fingern, dass er sie für einen Augenblick anstarrte. Dann war ihm kalt genug, dass er die Decken wieder hochzog und seine Hände darunter verschwinden ließ.
      "Wie lang habe ich geschlafen? Wie spät ist es?"
      Er sah wieder zu Vincent, zu der Erscheinung eines Engels, der sich nicht von der Stelle rührte. Eigentlich hätte er ihn jetzt darauf hingewiesen, dass es nicht gesund war, im dunkeln zu lesen, aber er hielt sich gerade noch davon ab. Stattdessen zog er die Stirn in Falten.
      "Und wieso bist du noch wach? Solltest du nicht längst schlafen?"
    • Vincent schlug sein Buch zu, legte es auf den Nachttisch und angelte stattdessen nach dem Glas Wasser, das Esther für Thomas vorbeigebracht hatte. Er reichte es dem anderen Mann.
      "Mehrere Male für etwa eine Stunde, bevor sich dein Körper beruhigt hat und du wirklich schlafen konntest," antwortete Vincent. "Wirklich eingeschlafen bist du gegen drei Uhr morgens. Jetzt ist es kurz vor Mittag."
      Er nahm Thomas das leere Glas Wasser ab und stellte es neben dem Buch auf dem Nachttisch ab. Er machte keinerlei Anstalten, aufzustehen, oder sich richtig hinzulegen, um zu schlafen. Er behielt einfach nur Thomas im Auge, um sicherzugehen, dass es ihm besser ging.
      "Musst du wirklich fragen wieso? Wenn da ein Mann in meinem Bett liegt, der mir immer noch so viel bedeutet, dass ich ihn ohne zu fragen mitten in der Nacht in mein Haus lasse und verzweifelt versuche, ihn vor dem Kältetod zu bewahren? Ein Mann, der sich vor Krämpfen schüttelt, wann immer ich nicht hinsehe? Wie könnte ich da schlafen?"
      Er strich Thomas sanft über die Wange, ein Moment der Schwäche, den er nicht verhindern wollte. Doch sobald sich seine Hand von der schwitzigen Haut des Mannes löste, vergrub er all die Intimität wieder tief in seinem Inneren. Nur weil Thomas Hilfe gebraucht hatte mit einer Sache, mit der er zu niemand anderem kommen konnte, hieß das nicht, dass wieder alles in Ordnung war.
      "Willst du etwas essen? Oder ist das noch zu viel für dich?" fragte Vincent, um von dem abzulenken, was soeben beinahe passiert war.


    • Thomas starrte Vincent für lange Zeit an, nachdem dessen Finger über seine Wange gestrichen waren. Die Situation war zu bizarr für ihn, um richtig gehandhabt werden zu können. Hier waren sie, nach Wochen der Trennung, in einem vergleichbaren Verhältnis wie schon zuvor, nur dass Thomas Vincent eigentlich nicht mehr ansehen konnte, ohne einen Vampir zu sehen, aber jetzt im Moment auch wieder schon, weil der Jäger in ihm in derselben Gasse zurückgeblieben war, in der er auch seine Überzeugungen gelassen zu haben schien. Er hatte nicht einen, sondern gleich zwei Vampire verschont, weil er sonst Vincent hätte töten müssen und obwohl er es von Anfang an verleugnet hatte, hätte er ihn niemals umbringen können, nicht zu einem einzigen Zeitpunkt. Weil er ihn liebte.
      Er starrte den Mann weiterhin an, der noch immer viel weniger Vampir und viel mehr Engel für ihn war, dann wandte er den Blick erst wieder ab und musterte die Bettdecke.
      "Ich habe keinen Hunger, danke."
      Jetzt. Sprich jetzt oder schweige auf ewig.
      "...Vincent?"
      Er richtete den Blick wieder auf ihn.
      "...Ich habe dir nicht alles erzählt. Von gestern."
      In der Dunkelheit sah er gerade genug, um Vincents Gesichtszüge zu erkennen. Jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen, an dem sein Jägerinstinkt ihn zur Tür hinaus gedrängt hätte, aber sein Instinkt schwieg.
      "Ich wollte den Vampir nicht umbringen. Ich kannte ihn nicht, ich habe noch nie zuvor von ihm gehört, ich kannte noch nicht einmal seinen Namen, ich bin nur einer willkürlichen Spur nachgegangen und habe mit meiner Falle gleich zwei erwischt. Sie haben niemanden belästigt, sie haben nur das Blut gerochen und der eine schien auch nur wegen dem anderen da zu sein. Ich wurde nicht von ihnen angegriffen, erst, als ich mit einer Waffe auf den einen zeigte. Sie hätten einen Lebensstil wie du verfolgen können. Ich weiß zwar nicht, wie verbreitet sowas ist, aber es hätte sein können. Woher hätte ich es wissen sollen?"
      Er senkte den Blick auf Vincents Lippen, dann auf seinen Hals. Fast hätte er die Hand nach ihm ausgestreckt.
      "Wenn ich sie dennoch getötet hätte, hätte ich das Recht aberkannt, als Vampir in Frieden zu leben. Ich hätte dein Recht aberkannt. Ich hätte dich umbringen müssen, nur weil du ein Vampir bist, obwohl du besser als die meisten Menschen bist. Ich kann dich nicht umbringen."
      Er schluckte, dann hob er wieder den Blick.
      "Ich liebe dich, Vincent. Vielleicht sogar seit unserem ersten, gemeinsamen Wochenende. Ich will dich nicht verlieren, nicht weil du ein Vampir bist und ich dich dafür umbringen muss, auch wenn du niemandem etwas getan hast. Ich jage, um die Menschheit vor ihrem Todesfeind zu schützen, aber der bist nicht du. Vielleicht sind es auch nicht die beiden Vampire in der Gasse. Vielleicht sind es die wenigsten von denen, die ich gejagt habe. Vielleicht habe ich mehr umgebracht als alle meiner Opfer zusammen."
      Er blinzelte mehrmals.
      "Bin ich ein Mörder, Vincent?"
    • "Ich liebe dich, Vincent."
      Vier kleine Worte. Schon wieder waren es vier kleine Worte, die Vincent vollkommen außer Gefecht setzten. Doch diesmal hatten sie so viel mehr Macht über ihn.
      Vincent schlang die Arme um Thomas, zog ihn eng an seine Brust und hielt ihn einfach nur fest. Die ganze Zeit über hatte er geglaubt, alles ruiniert zu haben, als er selbst ein ähnliches Geständnis ausgesprochen hatte. Und später noch einmal, endgültiger, als die Wahrheit seiner Existenz herauskam.
      "Du hast absolut nichts falsch gemacht, Thomas. Hörst du? Nichts. Um das Level meiner Kontrolle zu erreichen brauchtes Jahrzehnte der Übung. Wer mein Level der Kontrolle erreicht hat, lässt sich nicht so einfach von dem Duft von Blut anlocken. Du bist kein Mörder. Du hast Mörder gejagt. Dein Leben lang. Weil es dir so beigebracht wurde."
      Er löste sich gerade weit genug von Thomas, um sein Gesicht in seine Hände nehmen zu können. Ihre Nasen berührten sich beinahe, als er tief in die Augen des anderen Mannes blickte.
      "Du bist kein Monster, Thomas. Ich kenne Monster. Ich habe sie gesehen, mit ihnen zusammenleben müssen. Du bist keins."
      Vincent drückte einen Kuss auf Thomas' Stirn, auch wenn er ihn eigentlich richtig küssen wollte. Dann zog er ihn wieder fest in seine Arme. Es gab nichts, was er noch hätte sagen können. Er wusste, dass Thomas gerade eine ähnliche Krise durchlebte, wie er selbst schon Jahrhunderte zuvor. Er würde seinen Weg selbst finden müssen und alles, was Vincent tun konnte, war ihm beizustehen, wie auch immer Thomas es gerade von ihm brauchte. Er würde alles für diesen Mann tun. Alles.
      Für den Moment aber hielt er Thomas einfach nur fest, versuchte der Fels in der Brandung für ihn zu sein.


    • Thomas ließ sich widerstandslos zurück an Vincents Brust ziehen. Seine Arme umschlangen ihn in einer Endgültigkeit, der er sich einfach nur hingab, ohne darüber nachzudenken - ohne, dass der Jäger sich beschwerte. Vincents Wärme umfing ihn, seine vertraute Brust, die starken Arme, die ihn zu sich zogen. Er ließ locker, verbannte die Starre aus seinen Muskeln und umschlang den Mann von sich aus, ging dem einzigen Drang nach, der ihn so unüberwindbar überschwemmte, dass er gar nicht anders konnte. Auch Vincent ließ nicht locker, zog ihn so fest an sich, bis es kaum mehr einen Spalt zwischen ihnen gegeben hätte und Thomas ließ sich in seine Wärme fallen. Er presste das Gesicht an seine Brust, momentär losgelöst von den Strapazen der vergangenen Wochen, die - wenn auch nur für den Augenblick - in Vergessenheit gerieten. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine Worte, denen er sein ganzes Vertrauen schenkte; nicht etwa, weil er sie auch glaubte, sondern weil er Vincent vertraute. Weil es keine Instanz zwischen ihnen gab, die ihn daran erinnerte, dass der Mann ihn binnen eines Wimpernschlags töten könnte. Weil er einfach nur froh war, wieder bei ihm sein zu können, von ihm in den Arm genommen zu werden.
      Er hob den Kopf, als Vincents Hände sich an seine Wangen legten und wünschte, ja hoffte auf den Kuss, der ihn erwartete. Stattdessen blickte er tief in die ozeanblauen Augen des anderen, während er ihm sagte, dass er keiner war. Wusste er es wirklich? War er dabei gewesen, als der getroffene Vampir, der junge, zu Thomas mit einem Ausdruck absoluten Grauens aufgesehen hatte? War er dabei gewesen, als Thomas gedacht hatte, es hätte auch Vincent sein können und in Panik verfallen war? Natürlich nicht. Aber er schätzte auch, dass Vincent kein Mann war, der derartige Dinge leichtfertig sagte, ganz zu schweigen davon, dass er zu wissen schien, wie wirklich schlechte Menschen aussahen. Und Thomas war schließlich keiner, oder? Zwar war er sich dieser Frage nicht ganz so sicher, aber es reichte für den Moment, in dem der andere ihn wieder zu sich zog und er sich an seine Brust schmiegte. Er glitt mit der Hand unter den Stoff, um Vincents nackten Rücken zu umschlingen, einfach nur weil er es konnte, weil ihn niemand - nichtmal der Jäger - davon abhalten konnte. Er presste die Stirn an seinen Hals und schloss die Augen. Nichts hatte mehr Wichtigkeit. Für einen langen, atemberaubenden Augenblick war die Welt verschwunden und übrig geblieben war lediglich Vincents Präsenz, die ihn gänzlich erfüllte.
      "Danke", murmelte er nach einer Weile an seiner Brust, während Vincent nichts anderes getan hatte, als ihn weiterhin festzuhalten. Fast fühlte es sich so an, als könne die Welt um sie herum untergehen und der Vampir würde nichts weiter machen, als die Arme um ihn geschlossen zu halten und ihn vor den Auswirkungen zu beschützen. Er glaubte tatsächlich, dass er unverwundbar sein würde. Solange er hier, bei ihm war, konnte ihm gar nichts geschehen.
      "... Was meinst du damit, dass du mit ihnen zusammengelebt hast? …… Wie alt bist du eigentlich? Oder was ist dein Geburtsjahr?"
    • Mit Thomas in seinen Armen ließ sich Vincent wieder in die Kissen seines Bettes sinken. Er wusste nicht wirklich, was er sonst tun sollte. Gab es da überhaupt etwas, was er tun sollte? Tun konnte?
      "Was meint man denn, wenn man sowas sagt, hm? Ich komme auch irgendwo her. Ich wurde auch von jemandem erschaffen. Mein... Meister... er war ein Monster. Ein echtes Monster. Ich habe dir schon von ihm erzählt."
      Vincent wusste nicht, ob er dieses Gespräch führen wollte. Nicht jetzt, nicht morgen, gar nicht. Aber er musste, wenn er Thomas' Vertrauen zurückgewinnen wollte. Wenn er Thomas für seinen Plan gewinnen wollte.
      "Ich wurde 1635 in Calais geboren, aber das zählt eigentlich gar nicht. Ich kam zwei Tage vor der Abreise meiner Eltern nach London zur Welt. Und gestorben bin ich 1667. In Harker Heights. Das macht mich... 257 Jahre alt, wenn ich richtig gerechnet habe."
      Er zog Thomas ein bisschen enger an sich, nur für einen Augenblick, um ihm einen Kuss auf den Scheitel setzen zu können. Für den Moment war es Thomas, der ihn festhalten musste. Doch der Moment verflog, als sich Vincent dazu entschied, nicht in Erinnerungen zu schwelgen.
      "Ich habe dich nie völlig angelogen über meine Vergangenheit. Nur den Zeitrahmen angepasst. Du kannst mich alles fragen. Alles, was du willst."


    • 1635... Vincent war zu Zeiten der Revolution geboren worden. Er war lange vor der Elektrizität zur Welt gekommen, hatte die industrielle Revolution miterlebt und womöglich den ein oder anderen Krieg. 257 Jahre und dabei hatte Thomas für eine Weile geglaubt, er wäre der ältere gewesen, um ein paar Monate.
      Die Kopfschmerzen nahmen zu, wie er bemerkte, wurden dann aber ein wenig durch Vincents Kuss gelindert. Er schmiegte sich an ihn, während er sich diese Information auf der Zunge entgehen ließ. Das, was Vincent ihm über sein Leben bereits mitgeteilt hatte, war gerade mal ein winziger Ausschnitt gewesen. Vincent war fast ein fester Bestandteil von England.
      Thomas hätte mehr fragen können, er hätte mehr fragen müssen, er wollte alles erfahren, er wollte nicht eine Unklarheit zwischen ihnen entstehen lassen, nicht nach dem Disaster, das sie deswegen an Silvester hatten erleben müssen, aber zur gleichen Zeit wusste er, dass jetzt nicht der Moment dafür war. Es gab einen Ort und eine Zeit und so wie Vincent ihm sagte, würde er ihm alles beantworten, aber nicht jetzt, nicht in diesem Bett, nicht mit Thomas' Kopfschmerzen, von denen er sich ziemlich sicher war, dass sie Auswirkungen eines Fiebers waren. Er musste sich um sich selbst kümmern, er musste sich darum sorgen, dass er nicht dehydrierte und dass er nicht seinem Fieber unterlag, aber gleichzeitig wollte er den Moment noch ein wenig weiter auskosten. Nur ein bisschen. Nur den Schein ein wenig weiter wahren, dass es ihnen so gut ging, wie sie gerade spielten.
      "Du siehst ganz schön jung aus für dein Alter..."
      Er strich ihm über den Arm, dann schob er ihn sanft, aber bestimmt von sich und richtete sich ein wenig auf. Seine Muskeln rebellierten, sein Magen rebellierte, sein Kopf rebellierte. Die Bewegung war eine gänzlich schlechte und doch stützte er sich soweit auf seinen Armen auf, bis er halbwegs auf Vincents Kopfhöhe war.
      "Ich möchte dich alles fragen. Ich möchte keine Geheimnisse mehr zwischen uns, nicht eines. Ich werde dich nicht umbringen und dich auch nicht verurteilen. Vielleicht möchten wir das als Vereinbarung zwischen uns festhalten?"
      Er kämpfte sich ein kleines, minimales Lächeln auf.
      "Aber lieber ein andermal. Ich glaube, ich habe Fieber. Das hört sich vielleicht merkwürdig an, aber es wäre besser, wenn du einen Arzt kommen lässt. Einen zweiten, meine ich. Selbstdiagnosen sind gefährlich."
      Er sah hinab und fischte mit einer Hand nach Vincents, was in der Position äußerst schwierig war. Schließlich verschränkte er ihre Finger miteinander.
      "Aber eine Frage habe ich trotzdem noch. ... Liebst du mich? Immernoch, meine ich? So wie... so wie damals?"
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