[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Die Decke seiner Bibliothek war noch nie so interessant gewesen. Aber eigentlich konnte sich Vincent gar nicht auf die Architektur konzentrieren, nicht dass er das überhaupt wollte. Sein Verstand wurde regiert von einem Mann und nur von diesem Mann. Dem Mann, der dafür verantwortlich war, dass Vincent überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Dem Mann, der seinen ganzen Körper mit einem heißen Kribbeln nach dem anderen flutete.
      Ein weit entfernter Teil von Vincents Verstand erinnerte ihn daran, Thomas' Haare loszulassen, bevor er sie ihm ausriss. Er hatte es gerade geschafft, seine Finger von dem Mann zu lösen, als dieser sich entschied, ein bisschen mehr als bloß seine Zunge zu verwenden. Vincents Finger bohrten sich in das Polster des Sofas, auf dem er lag, sein Rücken bog sich durch und seiner Kehle entkam ein überraschtes Stöhnen. All das ohne Vincents aktives Zutun. Beschweren würde er sich über seine instinktive Reaktion allerdings nicht. Es kostete ihn alles an Willenskraft, das er noch finden konnte, um seine Hüften davon abzuhalten, nach oben in Richtung der Quelle dieses guten Gefühls zu zucken. Das könnten sie in einer anderen Nacht tun, nicht wenn Thomas sich an den Akt selbst gewöhnen musste.
      Vincent hob den Blick, teils verwirrt, teils beleidigt, als Thomas einfach aufhörte, ihn zu verwöhnen. Die Aussicht, mit der er konfrontiert wurde, entschuldigte die kurze Unterbrechung jedoch. Ein träges, schiefes Lächeln legte sich auf seine Züge, wohlwissend was Thomas vorhatte.
      Mit einem gezischten Fluch, ließ Vincent seinen Kopf zurück auf die Armlehne fallen, als er spürte, wie Thomas' Zunge um dem wohl empfindlichsten Teil seiner Lenden herumtanzte. Und kurz darauf spürte er, wie Thomas sich auf die Suche nach einem anderen empfindlichen Ort machte. Der andere Mann ließ sich so unendlich viel Zeit damit, dass Vincent beinahe schon ungeduldig wurde. Nur genoss er die Reise viel zu sehr, um Beschwerde einzulegen.
      Vincent spürte, wie sich seine Finger durch den Stoff der Polsterung bohrten, als Thomas sein Ziel erreicht hatte. Das war aber auch so ziemlich der letzte funktionierende Gedanke, den er hatte, denn nun machte sich Thomas daran, ihm wirklich den Verstand zu rauben. Und Vincent hatte keinerlei Einwände. Aus dem warmen Kribbeln war ein Tsunami aus Hitze geworden, der sich durch jeden Zentimeter seines Körpers fraß, Vincent von innen heraus verbrannte mit einer Macht größer als die Sonne selbst.
      "Mehr," keuchte er heiser irgendwo in all dem Chaos, das seine Gedanken waren.
      Was genau er damit meinte, wusste er nicht. Er hatte ja kaum mitbekommen, dass er darum gebettelt hatte.
      Der Druck in Vincents Lenden stieg und stieg, wurde von Thomas in neue, ungeahnte Höhen getrieben. Vincent konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals so gut gefühlt zu haben.
      "Thomas," stöhnte er, nicht sicher, was er eigentlich sagen wollte. "Thomas..!"
      Von einem Augenblick zum nächsten löste sich all der Druck, all die Hitze, die sich in Vincent angestaut hatte. Er ließ sich fallen, ließ sich mitreißen, als die Muskeln in seinem Körper ein Eigenleben entwickelten, als er alle die Worte in seinem Kopf vergaß und sie durch Thomas ersetzte. Seine Welt schrumpfte zusammen auf den Mann, der zwischen seinen Beinen kniete, auf den Mann, dessen Name das einzige Wort war, an das er sich erinnerte, auf den Mann, der für dieses unglaubliche Gefühl verantwortlich war.


    • Wenn Thomas es nicht besser gewusst hätte, hätte er gesagt, dass die Aussicht befriedigender war als alles andere. Er konnte alles sehen, von dem unterschwelligen Zucken in Vincents Bauch, von der Spannung, die seine Schultern stählte, zu seinen Fingern, die sich in das Sofa bohrten. Er durfte sogar beobachten, wie er seinen Rücken durchdrückte, wie die Haut seines Bauches sich straffte und seine Rippen hervorstachen, wie sein Kopf sich weiter nach hinten neigte und mehr Hals offenbarte. Wie gern er ihn an dieser Stelle geküsst hätte, wie sehr er sich wünschte, die Vibration seiner Stimmbänder an seinen Lippen zu spüren, während diese kehligen Laute aus seiner Brust drangen. Fast wäre es dabei selbst um ihn geschehen, jede Berührung seiner Lenden war schon als Höchstrisiko eingestuft. Eines Tages würde er sich vielleicht vollständig an diesem Anblick ergötzen.
      Zu wissen, dass er allein dafür verantwortlich war, spornte ihn nur weiter an. Die Belohnung darauf kam augenblicklich in einem kratzigen Verlangen, dem er sich nur allzu gerne fügte. Nur sehr grenzwertig konnte er den eigenen Laut unterdrücken, der ihm aus der Kehle zu entweichen drohte, als er Vincent ein wenig tiefer in sich aufnahm. Mittlerweile hatte er auch eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, wie viel Druck er auf seine Finger ausüben musste, damit Vincent scheinlichst den Verstand verlor. Es war schon jetzt von seinem sonst so frechen Mundwerk kaum etwas übrig, als ein Mantra von Thomas' Namen, das ihm wie Musik in seinen Ohren war. Er liebte es. Er liebte jedes bisschen, was Vincent ihm schenkte.
      Als er schließlich glaubte, dass das Ende nah sein würde - der Mann unter ihm wand sich und stöhnte mehr, als dass er seinen Namen noch sauber über die Lippen bekam - ersetzte er seinen Mund durch seine Hand. So viel Vertrauen setzte er noch nicht in seine neu gewonnene Fähigkeit, um sie mit derselben Expertise umsetzen zu können wie es Vincent tat. Aber anscheinend war das auch völlig ausreichend.
      Als der Mann unter ihm zerfloss, hielt er den Rhythmus so lange aufrecht, bis die Spannung aus Vincents Oberkörper wich und er einen hörbaren Atem ausstieß. Thomas konnte sich nicht davon abhalten, sich etwas aufzusetzen, um dieses Meisterwerk, das er selbst verursacht hatte, beobachten zu können. Über Vincents Haut hatte sich ein feiner Schweißfilm gelegt und seine Wangen hatten eine rötliche Färbung angenommen. Er sah zum anbeißen aus, so wie er dort vor ihm lag, sämtliche Anspannung aus seinen Muskeln gewichen, der Blick unscharf und selig auf Thomas gerichtet. Es war egal, dass dieser sich damit zum Blasphemiker machte: niemand konnte Thomas erzählen, dass dieser Anblick nicht absolut göttlich war. Vincent war die Perfektion eines Mannes, in diesem Augenblick mehr als in sämtlichen anderen Lebenslagen zuvor.
      Er löste sich vorsichtig von ihm und bewegte die Finger noch einmal, nur um ihn nochmal zucken zu sehen. Dann schob er sich über ihn und konnte das Lächeln nicht zurückhalten, das seine Lippen teilte.
      "Alles gut?", flüsterte er und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann lehnte er sich nach vorne und küsste der Länge nach über seine Stirn, bevor er seinen Weg zu seinem Mund fand und sie warme, träge Küsse austauschten. Vincent war so völlig losgelöst und scheinbar körperlos, es entlockte Thomas sogar ein leises lachen.
      "Wenn du dich nur sehen könntest. Brauchst du noch einen Moment? Ich kann warten."
      Er gab ihm die Zeit, die er benötigte, um zurück in die Realität zu finden, während er ihn erneut mit Küssen bedeckte, an seinem Kiefer, seinem Hals, seiner Brust, überall dort, wo die Reste seines Höhepunkts nicht getroffen hatten. Er hatte schlecht gezielt, das musste er zugeben, aber damit konnten sie sich auch nachher noch beschäftigen. Vorerst hatte er den zweiten Teil von Vincents Bitte zu erfüllen.

      Als der Mann wieder einigermaßen klar war und sein Okay gab, schob Thomas sich aus seiner restlichen Kleidung und nahm seinen vorherigen Platz auf dessen Brust ein. Und als er sich in ihn schob, langsam und vorsichtig, darauf bedacht, dass es dem anderen nicht zu viel wurde, fing er an ihn zu lieben, so wie er es gewünscht hatte, mit jeder Faser, die sein Körper dafür aufbringen konnte. Der Akt war anders als die vielen anderen Male, die sie schon miteinander verbracht hatten und auch als der davor; es war langsam und zärtlich und viel weniger darauf bedacht, einen Höhepunkt zu erreichen, als den Moment zu genießen. Thomas zeigte ihm, wie viel Liebe er für ihn übrig hatte. Er zeigte es mit seinen warmen, zärtlichen Küssen, die er so vorsichtig auf Vincents Lippen platzierte, als könnte eine zu harte Berührung ihn zerbrechen. Er zeigte es mit seinen Händen, die er über seinen Körper streichen ließ, als wären seine Kurven die schönsten auf der Welt, als gäbe es nichts an Vincent, das Thomas nicht absolut vergöttern würde. Und er zeigte es mit seinem Blick, den er auf Vincent richtete, mit dem Augenkontakt, den er hielt, auch wenn es ihm teilweise schwer fiel, auch wenn er sich am liebsten davor gedrückt hätte. Aber er wollte seine Gedanken übermitteln, wollte, dass Vincent einen Einblick in sein Gehirn erhaschte, in den Ort, wo er schon seit Wochen herumgeisterte und seine Gedanken verdrehte. Er wollte ihm mit der Kraft seines Blickes alles vermitteln, was er mit Worten nicht konnte: Du bist der schönste Mann der Welt. Du bist einzigartig. Ich vergöttere dich. Ich möchte niemand anderen haben als dich.
    • In seinem langen Leben hatte sich Vincent schon des Öfteren die Frage gestellt, ob es Engel wirklich gab. Heute Nacht hatte er endlich seine Antwort erhalten: Ja. Denn es gab kein anderes Wort, keine andere Beschreibung für den Mann, der über ihm aufragte, der ihn so sanft liebkoste, der ihn in solche Höhen trieb.
      Vincent wollte sofort mehr, wollte sofort alles von Thomas spüren, aber sein Körper regte sich nicht. Es dauerte eine schiere Ewigkeit, bevor er sich ein kleines Nicken abringen konnte, das gerade sichtbar genug war, um Thomas endlich dazu zu kriegen, endlich das zu tun, wonach Vincent sich so sehr sehnte.
      Er erwiderte jeden Kuss mit einem wohligen Seufzen, einem Keuchen, manchmal sogar einem Stöhnen. Er schlang seine Arme um Thomas, vergrub seine Hände in dessen Haaren. Das hier war anders. Er hatte Thomas darum gebeten, ihn zu lieben und das war genau das, was der andere Mann gerade tat, und das mit einer Inbrunst, die ihresgleichen - vergeblich - suchte. Und dann durfte sich Vincent auch noch in diesen unsagbar warmen, tiefen Augen verlieren. Die Augen waren ein Spiegel der Seele, so sagte man, und wenn das stimmte, dann hatte Thomas die wunderschönste Seele, die Vincent je gesehen hatte.
      "Thomas", keuchte er, "küss mich."
      Er ließ dem anderen Mann keine Wahl, zog ihn an sich, verwickelte ihn in einen tiefen Kuss. Vincent legte all seine Gefühle in diese eine Berührung, ließ Thomas wissen, wie er empfand mit diesem einen Kuss, so wie der andere es eben mit diesem einen Blick getan hatte.

      Vincent hielt Thomas lange fest, hielt ihn in seinen Armen während er sie beide über die Klippe katapultierte und darüber hinaus. Er hielt ihn fest, als sie beide wieder zu Atem kamen. Er hielt ihn fest, während sich ihrer beider Herzen beruhigten. Nach einer Weile zeichneten seine Finger träge Muster längst vergangener Zeiten auf die verschwitzte Haut von Thomas nacktem Rücken, doch noch immer hielt er ihn fest. Er wollte Thomas nie wieder loslassen, wollte ihn auf ewig an seiner Seite wissen.
      "Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt," flüsterte Vincent, als er endlich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.


    • Das hier war auf seine eigene Weise so viel intensiver, als was Thomas mit Vincent bisher erlebt hatte. Ineinander verschlungen, so fest, dass es kaum einen Zwischenraum zwischen ihnen geben könnte, gab es nichts anderes mehr als Vincent, als das feine Glitzern in seinen Augen, als seine liebkosenden Berührungen, als seine erhitzten Lippen. Es verging kein Augenblick, in dem sie sich nicht einander zuwandten, mit einer ungeahnten Leidenschaft, die unter ihren Emotionen brodelte. Thomas glaubte, dass Vincents Blicke ihn zum schmelzen brachten, dass irgendwo in seinem Inneren etwas in zwei brach und ihn mit ungewohnter Heftigkeit überschwemmte. Er keuchte und seufzte seinen Namen, ließ ihn auf der Zunge zerfließen wie ein andächtiges Gebet. Vincent. Er schloss die Augen und vergrub das Gesicht an dessen Hals, übersäte ihn mit Küssen und nahm einen tiefen Atemzug mit seinem Geruch auf, dem Geruch von alten Häusern und alten Büchern, Vincents Duft. Als sie schließlich den Höhepunkt erreichten und er an nichts anderes mehr dachte als den Mann unter sich, glaubte er für viele Sekunden schwerelos geworden zu sein und mit Vincent in einem weiten Nichts zu schweben, in dem nichts mehr existierte als ihre verschlungenen Körper. Er lächelte. Er lächelte und drückte ihn an sich, als wolle er ihn nie wieder gehen lassen.
      Sie blieben für eine geraume Zeit ineinander verschlungen, die verschwitzten Körper an jeder Stelle aneinander gepresst. Thomas dachte gar nicht daran sich zu bewegen und Vincent hielt ihn an Ort und Stelle, bevor er anfing über seine Haut zu zeichnen, wie er es häufig tat. Thomas hätte in aller Glückseligkeit so einschlafen können, alles, was er brauchte, in den Armen unter sich, wären da nicht die Worte gewesen, die aus Vincents Mund fielen und sein Herz zum Leben erweckten, schwungvoller als jemals zuvor. Er richtete sich auf, ungläubig darüber, tatsächlich das richtige gehört oder es sich in seinem Frieden nicht eingebildet zu haben. Aber der andere erwiderte seinen Blick mit einem offenen Ausdruck und es schnürte ihm die Kehle zu.
      "... Wirklich?"
      Was auch immer sich in den letzten Minuten wieder an Gedankenkraft manifestiert hatte, verschwand jetzt wieder fluchtartig, um Chaos zu hinterlassen. Vincent schien es ernst zu meinen und er wusste nicht, ob er Euphorie oder Panik empfinden sollte.
      "Ich..."
      Er warteten, aber die Worte kamen nicht. Er hätte auch nicht gewusst, welche es gewesen wären: Ich dich auch? Ich empfinde das gleiche? Ich will dich nie verlassen? Irgendetwas davon hätte es wohl sein müssen, aber es blieb in seiner Brust stecken und fand keinen Weg zu seinen Lippen. Stattdessen versuchte er es auf andere Weise zu vermitteln, er legte die Hand behutsam an Vincents Wange, strich mit dem Finger leicht über seinen Wangenknochen und beugte sich schließlich herab, um ihn in einen langen, hingebungsvollen Kuss zu verwickeln. Als er schließlich endete und sich wieder ein Stück aufrichtete, musste er schlucken.
      "... Ich bin noch nicht bereit dafür. Glaube ich..."
    • Vincent lächelte sanft. Er konnte verstehen, warum Thomas so antwortete, kannte all die Gründe dafür. Dennoch tat es ein bisschen weh. Nicht genug, um sich gleich in ein eifersüchtiges Hausmütterchen zu verwandeln, aber den Stich konnte Vincent dennoch spüren.
      Er legte seine Finger auf die von Thomas, schmiegte sich in die sanfte Berührung an seiner Wange.
      "Das ist in Ordnung," sagte er. "Ich kann dich ja verstehen."
      Vincent stahl sich noch einen weiteren Kuss, bevor er der Gegenwart erlaubte, sich wieder in seinen Sinnen breitzumachen. Er drückte Thomas von sich, bis sie beide aufrecht saßen, lehnte sich dann aber gleich wieder gegen ihn, als suche er verzweifelt nach Thomas' Wärme, nach Thomas' Nähe.
      "Wir sollten aufstehen und uns anziehen, bevor wir noch anfangen zu frieren," meinte er, machte aber keinerlei Anstalten, sich irgendwo hinzubewegen. "Und Nora hat Abendessen gemacht."
      Vincent betrachtete ihrer beider Hände, verschränkte ihre Finger miteinander. Die Stille in seiner Bibliothek war wie immer äußerst friedlich, aber mit Thomas an seiner Seite wirkte sie noch einmal ganz anders. Wie sollte er sie nur je wieder ohne den Mann ertragen?
      "Herr Doktor," seufzte Vincent und lehnte seine Stirn gegen Thomas' Schulter, "Ich fürchte ich habe einen ganz akuten Fall von Lethargie."


    • Sie lösten träge ihre Körper voneinander und brachten sich in eine sitzende Position, nur um dort wieder regelrecht aneinander zu kleben. Thomas beschwerte sich nicht, er hätte in diesem Moment den Gedanken unerträglich gefunden, auch nur kurzzeitig von Vincent abzulassen. Er hatte sich in ihn verliebt, die Worte geisterten noch immer in seinem Kopf herum und brachten sein Herz zu wiederholten Freudesprüngen. Auch wenn er es nicht erwidern konnte, wenn ihm die Worte dafür fehlten, machte es ihn ungewohnt beschwingt. Er legte den Arm um Vincent, der sich an seine Seite kuschelte, und drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe. Vincent ließ es sich gefallen und Thomas glaubte, dass seine Gefühle dafür allein schon ein neues Hoch erreichten.
      "Mhm. Gleich."
      Das Flackern des fernen Feuers im Kamin tauchte Vincents Haut in einen goldenen Schein, der besonders an den Stellen glitzerte, an denen sich der Schweiß gesammelt hatte. Thomas lehnte den Kopf an seinen und beobachtete, wie die Schatten über dessen Haut tanzten. Wie ein lebendig gewordenes Kunstwerk.
      Als der Mann erneut sprach, musste er lächeln und zog ihn ein unmögliches Stück näher an sich.
      "Ich empfehle, dass Sie sich ganz in meine Obhut begeben. Ich werde auch mit den schwersten Fällen von chronischer Müdigkeit fertig."
      Er küsste seinen Scheitel und beugte sich dann ein Stück nach vorne, um Vincents Lippen zu erwischen. Nachdem sie einen unsauberen Kuss ausgetauscht hatten, richtete er sich auf, ohne ihre Hände voneinander zu lösen.
      "Lass mich dich aber erst sauber machen, bevor wir uns irgendeiner Krankheit ergeben. Oder Nora mit unseren Gerüchen belästigen."
      Er zog leicht an seiner Hand, hob sie zu seinem Mund an, küsste sie. Wenn es nach ihm ginge, würden sie sich für den heutigen Tag gar nicht mehr bewegen, aber nicht, wenn sie dabei in der Bibliothek liegen blieben, wo Nora jeden Moment hereinspazieren konnte.
      "Kommst du freiwillig? Oder soll ich dich tragen?"

      Er bestand darauf, Vincent zu säubern, nicht nur, weil er den Anblick genoss, sondern weil er sich um die Menschen kümmern wollte, die er liebte. Sie vollzogen nur eine sehr grobe Reinigung aller Körperflüssigkeiten, aber Thomas stellte sicher, dass seine Berührungen sanft waren und er die Behandlung mit Küssen unterstrich. Als sie schließlich einigermaßen geruchsfrei geworden waren und anfingen, sich zurück in ihre Klamotten zu zwängen, hielt er Vincent auf halbem Wege mit einem Griff nach seiner Hand auf.
      "Vincent, es tut mir leid, dass ich nicht..."
      Er verstummte wieder, nicht sicher, ob das wirklich die richtigen Worte für einen solchen Moment sein sollten. Gab es die richtigen Worte überhaupt? Er drückte Vincents Hand.
      "Wirst du auf mich warten? Bis ich... soweit bin?"
    • Vincent ließ sich widerstandslos von Thomas verwöhnen, auch wenn er sehr viel mehr wollte als das, was er gerade bekam. Am liebsten hätte er sich Thomas geschnappt, ihn sich über die Schulter geworfen, und sie beide in seinem Schlafzimmer eingesperrt. Aber das wäre dann doch ein bisschen primitiv gewesen. Also schlüpfte er in sein Paar bequemer Anzughosen und sein dazu passendes Hemd, auch wenn beides nun ein bisschen zerknittert war.
      Er wollte es gerade zuknöpfen, da ergriff Thomas seine Hand. Vincent schenkte ihm ein sanftes Lächeln und strich mit dem Daumen über Thomas Handrücken.
      "Du hast ziemliche Konkurrenz, weißt du? Meine Bibliothek ist voll mit attraktiven Männern und Frauen und wenn du zu lange wartest, verliere ich mein Herz vielleicht an jemanden von ihnen."
      Er schlang seine Arme locker um Thomas' Hüften, zog den Mann an sich.
      "Ich bin ein sehr geduldiger Mann, Thomas. Beharrlich. So schnell wirst du mich nicht wieder los, das habe ich dir doch schon einmal gesagt."
      Er unterstrich seine Aussage mit einem sanften Kuss, bevor er sich wieder von dem anderen Mann löste und endlich sein Hemd schloss, bevor er sich mit einer Hand grob durch die Haare fuhr, um sie zumindest ein bisschen zu entwirren und in Form zu bringen.

      Nora war tatsächlich mit dem Abendessen fertig, als die beiden Männer endlich aus der Bibliothek krochen wie zwei Bären am Ende des Winters. Vincent war sich sicher, dass sie ganz genau wusste, was dort passiert war, aber sie ließ sich nichts anmerken. Stattdessen bot sie Thomas eine passende Weinauswahl zum Essen, nachdem Vincent darauf bestanden hatte, dass der die Wahl traf. Wie immer war das Essen hervorragend.
      "Wie lange wirst du bleiben?" fragte Vincent.
      Er und Thomas hatten ja noch nicht wirklich Zeit gehabt, sich zu unterhalten bei all dem Verlangen, dass sie für einander empfanden.


    • Thomas musste schmunzeln. Er ließ sich an Vincent heranziehen, der es mit Leichtigkeit schaffte, die Situation wieder aufzulockern, und legte die Arme um seine Schultern. Wie glücklich er sich doch schätzen konnte, diesen Mann bei sich zu wissen. Er hatte Freuden in ihm hervorgebracht, von deren Existenz er sich noch nicht einmal bewusst gewesen war.
      "Ich möchte dich auch gar nicht loswerden - und dich auch nicht mit fiktiven Personen teilen. Das kratzt schon ein bisschen an meiner Würde."
      Er schloss die Augen bei ihrem Kuss, glücklich über den Moment, über sie beide, über alles um sie herum. Er war im Himmel gelandet und der Himmel trug den Namen des Mannes vor ihm.

      Sie kamen zum versprochenen Abendessen in einem einigermaßen passablen Aufzug. Thomas fuhr sich mehrmals mit den Fingern durch die Haare, musste sich aber eingestehen, dass diese Geste keine Besserung herbeiführen würde. Auch Vincent sah nicht gerade so aus wie noch vor ein paar Stunden, als Thomas angekommen war, und er spürte die Hitze in seinen Kopf kriechen. Aber Nora schien davon entweder nichts zu bemerken, oder sie verhüllte es unter einer dicken Schicht Professionalität. Was auch immer es war, Thomas konnte keine Regung in ihrem Gesicht erkennen, während sie die beiden Herren bediente.
      Nichtsdestotrotz war er ein wenig erleichtert, als sie in der Küche verschwand.
      "Bis zum 3. bleibe ich", antwortete er seinem Freund, dem er dabei einen entschuldigenden Blick zuwarf. "Das war alles, was ich kriegen konnte. Du möchtest gar nicht wissen, was ich für Reaktionen schon darauf erhalten habe. Wenn ich länger fortbleibe, werde ich noch gelyncht, fürchte ich."
      Er beschäftigte sich für einen Moment mit seinem Essen und strich dabei über eine Falte in seinem Hosenbein.
      "Außerdem wollte Darcy über Silvester kommen und ich habe sie nur sehr knapp davon abgehalten. Wenn sie sich doch entscheidet, wenigstens das Neujahr bei mir zu verbringen, muss ich mir wohl eine Ausrede einfallen lassen. Außer du hast einen Vorschlag, wie ich ihr erklären kann, ihr zwar gesagt zu haben, dass ich arbeiten muss, nur um dann doch für einen Urlaub wegzufahren. Sie wird denken, dass ich... naja. Tue, was ich tatsächlich tue, wenn man es genau nimmt."
    • Sie hatten also nicht einmal eine volle Woche bevor sich ihre Wege schon wieder trennen würden. Herrgott, wie sehr Vincent dieses Versteckspiel hasste!
      "Schiebe es doch einfach auf den exzentrischen, aber zurückgezogen lebenden Lord in deinem Leben. Ich habe dich mit einer Kutsche überrascht und keine Widerrede erlaubt. Jetzt hängst du hier mitten im Nirgendwo fest, als meine Geisel, und musst endlose Literaturvorträge über dich ergehen lassen, bis jemand Lösegeld für dich bezahlt. Ich schreibe gern einen passenden Brief und vergesse dann ganz zufällig, den auch abzuschicken. Oh! Vielleicht mache ich dich auch zu einem meiner Sklaven in dem geheimen Bordell in meinem Garten!"
      Vincent lachte, ob der bloßen Vorstellung. So etwas würde er Thomas niemals antun, allein schon weil der Mann einen Herzinfarkt erleiden würden, wenn einen Tag ohne Hemd verbringen müsste. Vielleicht sollte Vincent das in den kommenden Nächten einmal von ihm verlangen? Vielleicht sollte er selbst eine ganze Nacht halb nackt herumrennen, nur um Thomas diese süße, süße Schamesröte ins Gesicht zu treiben.
      "Auf die kommenden Tage, die nur uns gehören."
      Vincent prostete Thomas mit seinem Weinglas zu und nahm schnell einen Schluck, um sein verschlagenes Lächeln zumindest ein wenig zu verbergen.


    • Thomas lachte ungehemmt auf und grinste auch noch danach, während er sich auf seinem Stuhl zurücklehnte.
      "Das hört sich absolut unerträglich an. Vielleicht sollten wir unseren wahren Aufenthaltsort verschleiern, damit sie noch ein wenig suchen müssen? Ein paar Wochen, im besten Fall? Ich helfe dir gerne, den Brief aufzusetzen, zu zweit sollten wir doch etwas entsprechendes auf die Beine stellen können. Meinen neuen Arbeitsplatz würde ich dann aber doch lieber vom Haupthaus aus beschreiten."
      In einem Akt von Selbstbewusstsein hielt er Vincents Blick einen Moment länger, während das Grinsen in seinem Gesicht ein Stück breiter wurde. Er hätte lügen müssen, wenn er behauptet hätte, dass die Vorstellung nicht gewisse Reize mit sich brachte - zumindest, solange es Vincent war. Er glaubte, dass er Gefallen an seiner groben Seite finden könnte, wenn sowas überhaupt bei Vincent existieren sollte.
      "Auf ein paar Tage Freiheit", bestätigte Thomas darauf und prostete Vincent zu. Für den Moment war er glücklich, wirklich glücklich. Wenn es nach ihm ginge, würde er sich wirklich entführen lassen, nur um länger Zeit mit diesem Mann zu verbringen.

      Sie saßen noch länger am Tisch und ließen sich den Wein schmecken, der ein wenig süß war und zu der allgemeinen entspannten Atmosphäre beitrug, ehe die Reise und der Akt in der Bibliothek sich bemerkbar machten und Thomas darum kämpfte, ein Gähnen zu unterdrücken. Als sie sich erhoben, fühlte er sich vom Wein leicht im Kopf und brachte sogar so viel Mut auf, Vincent einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu drücken, bevor er sich aber schon verstohlen nach Nora umsah. Zu seinem eigenen, unverschämten Glück, war die Haushälterin aber in der Küche verschwunden und beabsichtigte wohl auch nicht, die beiden Herren weiter zu stören, sollten sie nicht selbst danach verlangen.
      Sie gingen hinauf ins Schlafzimmer, wo Thomas sich deutlich ungestörter fühlte und seine Kleidung von sich warf. Als er sich ins Bett gelegt hatte, lockte er Vincent mit offenen Armen heran und zog ihn an seine Brust, wo er den Mann mit Küssen bombardierte, bevor er die Decke über sie beide schob und sich darauf einstellte, Arm in Arm mit ihm einzuschlafen, so zufrieden, wie er noch nie in seinem Leben gewesen war.
    • Vincent konnte gar nicht mehr aufhören zu grinsen ob Thomas' Verhalten. Er hatte den Mann noch nie so erlebt, so... sorglos. Es stand ihm gut, das musste Vincent zugeben. Wenn er doch nur jeden Tag so aussehen könnte. Vincent schwor sich in dem Augenblick, in dem Thomas ihn auf die Wange küsste, die nächsten Tage genau so zu gestalten: voller Freiheit, frei von Sorgen, frei von Verpflichtungen, frei von den Meinungen anderer. Er wollte Thomas die Freiheit schenken, die in diesem Moment so beflügelte. Vor allem wollte Vincent wissen, dass er der Grund für dieses Verhalten war. Er und sonst niemand.
      Er folgte Thomas hinauf in sein eigenes Schlafzimmer - der Mann verschwendete nicht einen einzigen Gedanken an das in der Nähe liegende Gästezimmer, so wie es aussah - und sah dann dabei zu, wie sich der gute Doktor in Windeseile von seinen Klamotten befreite.
      "Was so ein einsames Glas Wein alles mit dir anstellen kann," scherzte er, während er sich aus seinem eigenen Hemd schälte, dann aus seinen Hosen.
      Beides landete irgendwo in den Tiefen seines Schlafzimmers auf dem Boden, nicht dass sie vorher noch ordentlich ausgesehen hätten.
      Vincent legte sich neben Thomas ins Bett, wurde aber sogleich in eine innige Umarmung verwickelt. Er beschwerte sich nicht. Viel lieber erwiderte er jeden einzelnen der Küsse, die ihm geschenkt wurden.
      "Weck mich auf, wenn du aufstehst, ja?" bat Vincent, der keine einzige Minute mit Thomas verschlafen wollte, egal wie müde er sein würde.
      Er kuschelte sich enger an Thomas, legte ihm eine Hand auf die Brust - genau über seinem entspannt schlagenden Herzen. Wie immer genoss er die Wärme des anderen Mannes sehr viel mehr als die Wärme unter seiner Decke. Vincent beobachtete, wie sich Thomas langsam aber sicher seiner Müdigkeit ergab, ein Anblick, den er schmerzlich vermisst hatte.


    • Thomas kam Vincents Aufforderung nach, nur dass er dabei nicht plante, überhaupt aufzustehen. Als der Morgen kam - seine innere Uhr weckte ihn pünktlich zum Sonnenaufgang - fand er sich in Vincents Umarmung wieder, der die Arme locker um seine Hüfte geschlungen hatte. Er drehte sich zu dem Mann, augenblicklich beflügelt von der Tatsache, neben ihm aufzuwachen und keinerlei Pflichten zu besitzen. Keine Gäste im Haus, um die er sich kümmern sollte, keine Darcy, die nach seiner Anwesenheit verlangte, keine Beth, vor der er sich hätte hüten müssen, damit sie nicht hereinplatzte und das Zusammensein zerstörte. Keine Arbeit, keine Jagd. Nichts. Nur er und Vincent und irgendwo in diesem gewaltigen Haus Nora, die nicht einmal hereinkam, wenn sie ihre gegenseitigen Namen im Akt so laut riefen, dass man meinen könnte, die Wände würden jeden Augenblick davon erbeben. Nein, nur er und der Mann, der sich in ihn verliebt hatte, der seine Hüfte an sich drückte und sein Gesicht an Thomas' Schulter vergraben hatte, als wollte er nichts anderes mehr als Thomas' Geruch einatmen. Nur sie beide.
      Überwältigt von diesen frühmorgendlichen Gefühlen, wandte er sich Vincent zu, richtete die Decke über sie beide und zog ihn dann an sich, wo er ihn ähnlich umschlang, wie er es bereits am Vorabend getan hatte. Es drang nicht viel Licht ins Zimmer herein und es war definitiv nicht genug, um sein Gesicht sehen zu können, aber Thomas gab sich damit zufrieden seine Umrisse zu erkennen und den langsamen Atem zu hören, der ihm über die Haut strich. Er küsste ihm vorsichtig die Stelle zwischen den Augenbrauen und ließ sich dann von dem ruhigen Morgen treiben. Als er mit Vincent in den Armen wieder einschlief, hatten sie die Stirn aneinander gelegt.

      Beim zweiten Erwachen war ihm der Arm eingeschlafen und das Zeitgefühl war verschwunden. Vincent hatte sich neben ihm auf den Rücken gerollt und die Decke von der Hälfte seines Körpers geschoben. Thomas konnte nur Umrisse erkennen und starrte für einen Moment trotzdem. Unbeobachtet wie er war, konnte er sich endlich mal Zeit dazu nehmen, Vincents Körper zu bewundern.
      Als die Dunkelheit ihn schließlich allerdings frustrierte und sein Hungergefühl sich breit machte, wälzte er sich doch lieber auf den anderen Mann und küsste seine schlafenden Lippen.
      "Vincent..."
      Noch ein Kuss und nochmal sein Name brachten genauso wenig Reaktion hervor wie beim ersten Mal, aber dass Vincent schwierig aufzuwecken war, hatte er schließlich schon miterleben dürfen. Er bemühte sich mit allem Aufwand sanft zu bleiben, während er ihn zunehmends stärker weckte, bis Vincent schließlich ein Lebenszeichen von sich gab. Da tätschelte er ihm die Wange und küsste seine Schulter.
      "Hey. Aufwachen."
      Den Geräuschen nach zu urteilen, war der Mann gefährlich knapp davor, einfach wieder wegzudösen, also stieg Thomas von ihm herab, kletterte aus dem Bett und ging zu den Gardinen, um sie mit einem Ruck aufzuziehen.
    • Vincents Tage hatten in den letzten paar Wochen weit weniger angenehmen begonnen als sonst. Jeden Abend weckte ihn nicht etwa Nora, sondern ein scharfer Schmerz in seiner Flanke, der erst nachließ, wenn seine Haushälterin und Freundin mit seinem gewöhnungsbedürftigen Tagesmahl auftauchte. Doch das war weit weniger unangenehm als der Angriff, der ihn an diesem Tag weckte.
      Zuerst waren da weiche Lippen und ein vertrauter Duft. Ein weit entfernter Teil von Vincents Verstand erkannte sogar die sanfte Stimme, die seinen Namen immer wieder rief. Und dann war da Feuer. Gleißendes Licht, das ihn von innen und von außen gleichermaßen verbrannte.
      Mit einem Aufschrei - halb aus Überraschung, halb aus Schmerz - warf sich Vincent auf der dem Licht abgewandten Seite aus dem Bett in den rettenden Schatten des Möbelstücks. Er presste eine Hand an seine brennenden Augen, die andere an seine Flanke, die sich anfühlte, als hätte man ihn schon wieder aufgespießt. Das Monster in seinem Inneren war gefährlich nahe dran, seinen noch halb schlafenden Verstand zu übernehmen. Vincent hatte nur einen Gedanken: Töte den Angreifer.
      Er schüttelte den Kopf, zwang das Monster mit aller Macht zurück in seinen Käfig, als er sich daran erinnerte, dass Thomas hier war, dass Thomas nicht wusste wie allergisch er auf Tageslicht war. Dass Thomas kein Fein war, den es zu töten galt.
      Mit einem genervten Seufzen ließ sich Vincent auf den Teppich sinken. Er rieb sich noch einmal die Augen und zwang sich dann dazu, sie zu öffnen, um sich dem Tageslicht zu stellen. Seine Seite war nicht so leicht davon zu überzeugen, sich zu fügen.
      "Ich weiß, man muss ein bisschen gröber sein, um mich zu wecken, aber das grenzt an Körperverletzung," beschwerte er sich, das letzte Wort verzerrt von einem herzhaften Gähnen.
      Vincent stützte sich auf dem Bettrand ab, als er sich aufrichtete und Thomas einen gespielt giftigen Blick zuwarf - auch wenn er ihn gerade kaum erkennen konnte.
      "Ich werde meine Patienten bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht," zitierte er den hippokratischen Eid.
      Dann zwang er sich auf die Füße und streckte sich ausgiebig, wohlwissend, was für eine Aussicht er Thomas da gab. Sollte er ruhig leiden, der gute Doktor. Das hatte er sich mit einem solchen Weckruf verdient.
      Vincent gab sich alle Mühe, sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen, als er in aller Seelenruhe um sein Bett zu seinem hinüber schlenderte, wo er sich eine seiner seidenen Morgenroben schnappte und sie sich überwarf. Er band sie auf eine Weise zu, die seinen Schritt zwar verbarg, aber seinen Oberkörper nur eher dürftig vor Blicken schützte - auch das mit voller Absicht. Gestern war es nur eine Idee gewesen, einen Tag halb nackt herumzulaufen, heute würde Thomas damit leben müssen. Wer sagte, dass Rache immer kalt sein musste, wenn man sie doch süß haben konnte?
      Vincent bedeutete dem guten Doktor mit einem Finger, zu ihm zu kommen.
      "Dafür schuldest du mir einen Kuss," forderte er.


    • Der Schrei, der aus Vincents Hals kam und laut genug war, um Thomas von den restlichen Überbleibseln seines Schlafs zu befreien, war schon beinahe bühnenreif. Der Mann hatte sich wohl für diesen Tag für eine Spur Melodramatik entschieden, so wie er aus dem Bett kullerte, als wäre sein Leben unter Beschuss. Thomas wollte sich gerade noch darüber amüsieren, zuckte dann aber selbst zusammen, als der Rums ertönte und ihm ein schlechtes Gewissen verabreichte.
      "Himmel, Vincent!"
      Er kam zurück zum Bett, noch immer halb belustigt davon, was für theatralische Fähigkeiten Vincent an den Tag legte, halb besorgt darüber, dass ihm nicht tatsächlich etwas passiert war.
      "Alles in Ordnung?"
      Er war noch nicht ganz beim Bett angekommen, da erschien Vincent schon hinter dem Bettrand, die Augen zusammengekniffen, aber noch stechend genug, um seine Worte zu unterstreichen. Der Tag, an dem er tatsächlich keinen frechen Kommentar von sich geben würde, war wohl auch der Tag, an dem sich Thomas ernsthaft Sorgen machen müsste, also lächelte er wieder.
      "Wenn ich gewusst hätte, dass Sonnenlicht für dich Körperverletzung ist, hätte ich mich zurückgehalten. Ich schiebe es auf meine Unwissenheit, du absonderlicher Patient."
      Jetzt kam auch das erste Leben wieder in Vincents Körper und Thomas konnte sich nicht daran hindern die Details seines Körpers zu betrachten, die er in der Dunkelheit nur als Umrisse wahrgenommen hatte. Vincent war in jeglicher Hinsicht die Perfektion eines Mannes mit seinem athletischen Körper, seinen langen Beinen und seinen schmalen Schultern, ganz zu schweigen davon, was sich zwischen seinen Beinen befand. Thomas bewunderte ihn in jeder Hinsicht und ganz besonders schmeichelte es ihm, dass dieser Mann Sachen mit sich anstellen ließ, die er gar nicht laut ausgesprochen hätte.
      Noch immer höchst beflügelt von der prächtigen Aussicht, beobachtete er, wie Vincent den Raum durchquerte und einer seiner Roben überzog. Das Kleidungsstück hätte eigentlich den Großteil von Thomas' Blicken wieder abhalten müssen, aber aus irgendeinem unerklärlichen Grund wirkte es nur noch viel anziehender, wie sich der Stoff um seine Schultern schmiegte, zu den Seiten lose herabfiel, nur um dann auf Hüfthöhe wieder zusammengeführt zu werden. Thomas starrte noch viel mehr und als Vincent ihn erst dazu aufforderte, ihn zu küssen, begriff ein Teil seines Gehirns erst, dass er schließlich viel mehr machen durfte, als nur zu starren. Also ging er zu ihm, angezogen von nackter Haut und feinen Muskeln, von Kurven, die ihm schon bekannt waren und die er mehr als lieb gewonnen hatte, und schob die Arme unter seine Robe und um Vincents Oberkörper. Jetzt riss er sich auch erst von dem Anblick los und hob den Kopf, um den geforderten Kuss einzulösen, nur um gleich darauf Vincents Hals in Angriff zu nehmen. Wie könnte er auch nicht, bei dem Anblick, der sich ihm bot. Sein Unterleib erwachte zu eigenständigem Leben, als er über die Länge von Vincents Rücken streichelte und ihn so fest an sich zog, dass er für einen Moment um das Gleichgewicht kämpfen musste. Als er sich von seinem Hals schließlich mit einem feuchten Kuss löste, zog er sich erst ein wenig zurück und glättete ein wenig die zerrauften Haare an Vincents Seiten.
      "Entschuldige, ich wusste ja nicht, dass du allergisch gegen Sonnenlicht bist. Das ist, als dein Arzt, natürlich höchst fahrlässig und wird nicht wieder vorkommen. Du hast dir aber nichts getan, oder?"
      Er nahm den Kopf ein wenig zurück, um Vincent richtig ansehen zu können, lächelte aber noch immer ein bisschen.
      "Wobei das schon ein höchst imposanter Abgang war. Du solltest Schauspieler werden bei so einer Hingabe."
      Er gab seinem Mund und seinem Hals letzte Küsse, dann senkte er seine Hand tiefer und grub seine Finger kurzzeitig in Vincents Hinterbacke, bevor er sich von ihm löste.
      "... Sag mir jetzt aber nicht, dass du so nach unten gehen willst."
    • Vincent lehnte sich in den Kuss, in die Berührungen des anderen Mannes. Seine Sinne liefen noch auf Autopilot, sein Verstand hatte noch immer nicht alles wieder eingefangen und unter Kontrolle gebracht, weswegen er sich nur knapp davon abhalten konnte, seine Zähne in Thomas' Hals zu schlagen, als sich dieser zur Seite lehnte, um Vincents Hals zu liebkosen. Glücklicherweise ließ Thomas kurz darauf von ihm ab.
      "Viel schlimmer: Ich habe vor, den ganzen Tag so herumzurennen. Das hast du davon, dass du mich auf solch brutale aus dem Bett wirfst. Und nein, ich habe nicht vor, irgendetwas unter den Roben zu tragen."
      Mit einem frechen Lächeln stahl sich Vincent einen weiteren, flüchtigen Kuss, bevor er sich mit der Eleganz eines geübten Tänzers aus Thomas' Armen wandte. An der Tür zum Flur hielt er kurz inne und warf einen verführerischen Blick über seine Schulter.
      "Der Rest meines Personals hat übrigens weit weniger Kontrolle über ihre Gesichtszüge als Nora. Du solltest also vorsichtig sein, wo du hinguckst."
      Er zwinkerte Thomas spielerisch zu, dann verschwand er durch die Tür, schlenderte in aller Seelenruhe den dunklen Flur hinunter in Richtung Treppen. Die hier herrschende Abwesenheit von Sonnenlicht gab seinen Augen genug Zeit, um sich zumindest ein bisschen zu erholen.
      Nora stand am Fuße der Treppe, sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. Vincent schüttelte nur kurz den Kopf und sie dackelte davon, bereitete sein unorthodoxes Frühstück vor, dass er sich gleich abholte, bevor er ihr zwei Tassen mit frischem Tee abnahm, mit denen er in den Speisesaal tänzelte, bevor Thomas nachschauen konnte, wo er abgeblieben war. Nora beseitigte die Spuren sofort.
      Vincent stellte eine Tasse vor Thomas ab, bevor er sich auf den Tisch setzte, die Beine demonstrativ überschlagen, bevor seine Robe Zeit hatte, zu verrutschen.
      "Und? Bereust du es schon?" neckte er den anderen Mann und nahm einen Schluck aus der heißen Tasse.


    • Thomas spürte seine eigenen Augen groß werden, was noch viel unvorteilhafter für ihn war, nachdem er sich damit vorstellen konnte, wie der Ausdruck in seinem Gesicht wohl für andere aussehen mochte. Keine Sekunde später stieg ihm schon die Hitze in den Kopf.
      "Du hast dich selbst aus dem Bett geworfen, mit vollem Elan noch dazu", protestierte er, wobei er ernsthaft daran zweifelte, bei Vincent irgendetwas damit zu erreichen. Wenn der Mann etwas tun wollte, dann tat er es auch und in diesem Moment war das wohl, seiner Belegschaft einen äußerst grenzwertigen Ausblick zu präsentieren. Nicht, dass Thomas an sich etwas dagegen gehabt hätte. Sein Unmut würde dann beginnen, wenn Vincent das Zimmer tatsächlich so verlassen würde und seine Drohung bewahrheitete.
      Er empfing den Kuss des Mannes, bevor er sich ein wenig von dem Hüftschwung ablenken ließ, dem er präsentiert wurde. Als Vincent seine selbsternannte Bestrafung dann aber tatsächlich in die Tat umsetzte, starrte Thomas ihm ungläubig nach, bevor er sich nach seinen Klamotten umsah.
      "Himmel Herrgott."
      Er schüttelte seine Hose aus, zog seinen Anzug an, strich über die Falten, die sich über Nacht gebildet hatten und machte sich soweit zurecht, um einigermaßen präsentabel zu wirken. Im Gegensatz zu Vincent hatte er nicht vor, halbnackt durch die Gegend zu rennen, aber immerhin erlaubte er sich so viel Freiheit das Jackett wegzulassen und die Ärmel seines Hemdes ein bisschen hochzukrempeln. Er hatte angenehmere keine Kleidung, die er an einem Tag wie diesem anziehen könnte, fiel ihm auf. Es gab ja auch sonst keine Tage wie diese, freie Tage waren in etwa so selten wie ein Vampir im Tageslicht.

      Als er herunterkam, schlenderte Vincent bereits mit zwei Tassen Tee ins Zimmer, der Gang locker, die Hüfte unter der Robe provokant wackelnd. Thomas starrte ihn an, noch immer ungläubig darüber, dass er es tatsächlich durchzog, und sah sich dann verstohlen nach seinen Angestellten um. Sie waren allein. Das war aber nichts, was sich nicht ändern konnte.
      Er setzte sich an den Tisch, bevor Vincent ihm seine Tasse hinstellte und - der Herrgott möge ihm seine tausend Sünden vergeben - sich auf den Tisch setzte. Thomas starrte an ihm hoch, bevor er überhaupt realisierte, dass er es tat und beschloss dann, aus Selbstschutz, einfach gar nicht mehr in Vincents Richtung zu sehen. Stattdessen studierte er den Inhalt seiner Tasse, der auch ganz definitiv interessant war, und schielte verstohlen zur Tür.
      "Du bist unmöglich, weißt du das? Du bist selbst dafür verantwortlich mit deinem halsbrecherischem Akt, ich bin lediglich der unschuldige Zeuge."
      Er trank und strich sich imaginäre Falten weg in einem Versuch zu verhindern, dass seine Lenden sich verselbstständigten.
      "Posier doch wenigstens nicht so aufreizend und erzähl mir lieber, was du für Neujahrsvorsätze hast. Oder wie du einen so kalten Tag im Dezember zubringst. Irgendwas halt."
    • Vincent kicherte.
      "Posieren sagst du? Ich nenne das sitzen. Wenn ich mich in Szene setze, dann merkst du das, glaube mir, mein Guter."
      Über den Rand seiner Tasse warf er Thomas einen verführerischen Blick zu. Sollte er ruhig ein bisschen vor sich hinköcheln. Vincent hatte viel zu viel Spaß an dieser ganzen Sache, dabei hatte er noch gar nichts getan. Mal sehen, wie lange Thomas das durchhielt.
      "Sowas wie Neujahrsvorsätze habe ich nicht," sagte er. "Ich mag mein Leben, so wie es ist, da muss ich nichts dran ändern. Und wie ich meine Wintertage verbringe, das weißt du schon: Mit einem guten Buch vor einem warmen Kamin. Wahlweise versuche ich, meine gesamte Bibliothek neu zu sortieren, aber das ist nun wirklich ein hoffnungsloses Unterfangen."
      Er zuckte mit den Schultern und rutschte vom Tisch, um sich hinter Thomas zu stellen. Er legte dem Mann die Hände auf die Schultern und massierte ihn ein bisschen - wohlwissend, wer oder was der Grund für die Spannung in den Muskeln war.
      "Und du? Nimmst du dir endlich vor, ein bisschen weniger zu arbeiten? Ein paar Ausflüge aufs Land zu machen, zu Erholung? Nimmst du dir vor, endlich zu heiraten?"
      Vincent konnte es einfach nicht lassen. War es der Teil in ihm, der eifersüchtig war? Oder war es der Teil, der mit Thomas spielte, wie eine Katze mit ihrer Beute? Er konnte es nicht sagen. Er wusste nur, dass ein Teil von ihm ehrlich daran interessiert war, ob sich Thomas noch immer dazu verpflichtet fühlte, Darcy zu heiraten, jetzt nachdem er sich von Stephen mehr oder weniger losgesagt hatte.


    • Thomas glaubte nicht, dass er den Anblick überleben würde, wenn Vincent sich tatsächlich eines Tages "in Szene setzte". Der Mann war auch schon ohne höchst gefährlicher Brennstoff.
      Zumindest wurde er von ihrer angehenden Unterhaltung abgelenkt und aus den Augenwinkeln - er sollte wirklich nicht hinsehen, wenn er das Risiko nicht eingehen wollte - sah er Vincent vom Tisch rutschen. Für einen Moment erwartete er mit gewisser Spannung, dass mehr passieren würde, dann legten sich die Hände des Mannes auf seine Schultern und drückten mit geübten Bewegungen zu. Er hatte schon ganz vergessen, was für ein Talent der Mann mit seinen Händen hatte, jetzt sah er sich dessen aber augenblicklich wieder erinnert. Auch sein Körper schien sich zu erinnern, denn er entspannte sich unwillkürlich und ließ sich gegen die Lehne sinken.
      "Das hört sich nach nicht viel an. Ich schlage dir vor, als Vorsatz ein paar mehr Gardinen zu öffnen. Die Gänge sind teilweise so dunkel, man könnte meinen, du wohnst unter der Erde."
      Er entspannte sich noch mehr gegen die Massage an seiner Schulter und schloss die Augen. Als Vincent dann allerdings fortfuhr, öffnete er sie wieder und betrauerte es, dem Mann nicht seinen Blick präsentieren zu können.
      "Lass uns doch nicht darüber reden", brummte er, bevor sich seine Schultern unwillkürlich doch wieder verkrampften. Jetzt war die Massage nicht mehr wohltuend, jetzt fing sie an zu schmerzen.
      "Abgesehen davon ist es wohl kaum ein Neujahrsvorsatz, wenn ich es schon seit Jahren geplant habe. Aber lass uns nicht damit anfangen. Das hier ist eine Cambridge-freie Zone, einverstanden? Ich will nicht darüber nachdenken, solange ich hier bin."
      Er drehte den Kopf, griff sich Vincents Hand und zog sie ein Stück nach vorne, um einen Kuss darauf zu platzieren. Dann ließ er sie wieder los.
      "Abgesehen davon scheint mir so ein Ausflug aufs Land in den letzten Wochen ganz verführerisch geworden zu sein. Vielleicht werde ich das tatsächlich als Vorsatz einführen. Ich habe gehört, dass ein paar Orte an der Küste ganz schön sein sollen, das könnte sich lohnen. Achso, und dich könnte ich nebenher vielleicht auch mal besuchen. Jedes Vierteljahr?"
      Er schmunzelte ein bisschen. Das war die Rache dafür, Vincent Harker.
      Natürlich hätte er nicht im Traum daran gedacht, jemals woanders als zu Vincent zu fahren.
      "Was die Arbeit angeht, muss ich dich aber enttäuschen. Eigentlich hatte ich mir das Gegenteil vorgenommen, wenn ich ehrlich bin. Ich möchte wieder mehr studieren, das ist in den letzten Jahren etwas kurz gekommen."
      Er nahm einen Schluck von seiner Tasse.
      "Ich habe die meisten meiner Jagd-Techniken - wenn du verstehst - von meinem Vater, beziehungsweise meinem Großvater übernommen, aber sie hatten beide schon ziemlich altmodische Methoden, wie ich finde. Ich bin überzeugt, dass es modernere Wege gibt, einen Vampir unschädlich zu machen, aber dafür muss ich mich mehr mit der Wissenschaft dahinter auseinandersetzen und weniger mit der Jagd selbst. Vielleicht sogar verstehen, woher Vampirismus überhaupt herkommt. Vielleicht finde ich auch schmerzfreiere Methoden, für beide Seiten, das würde mir vermutlich eine Menge Probleme ersparen."
      Er drehte den Kopf leicht.
      "Interessiert dich sowas überhaupt? Ich möchte dich nicht langweilen."
    • Die Jagd auf Vampire zu modernisieren war nun wirklich ein seltsames Vorhaben.
      "Thomas," begann Vincent tadelnd, "Ich arbeite aktiv daran, jedes Buch auf der Welt zu lesen. Glaubst du wirklich, ich interessiere mich nicht für ein seltenes wissenschaftliches Feld? Noch dazu eines, das dir so am Herzen zu liegen scheint?"
      Er ließ von Thomas' Schulten ab und schob sich stattdessen auf den Schoß des Mannes, legte ihm die Arme um den Hals.
      "Dein Großvater hatte einige interessante Ansätze in seinen Notizen. Er hat sie nur nie wirklich verfolgt, weil er so davon besessen war, so viele wie möglich auszuschalten. Zurecht, wenn seine Zählungen korrekt waren."
      Vielleicht stellte Vincent es ein bisschen konkreter da, als es in den Notizen stand, aber er erinnerte sich an einige stundenlange Gespräche bis tief in die Nacht hinein, die er mit dem alten Mann gehabt hatte. Sie hatten nie viel mehr als Ideen ausgetauscht, Vincent war ja auch kein Experte in der Jagd auf seinesgleichen. Und dennoch hatte sich der Alte immer die Mühe gemacht, die vielversprechendsten ihrer Ideen aufzuschreiben.
      "Ich kann dir die Notizen raussuchen, wenn du möchtest. Und ich könnte meine Kontakte nutzen, um dir vielleicht ein paar andere Schriftstücke zu organisieren. Du wirst ja wohl kaum der Einzige sein, der sich mit dem Thema beschäftigt. Du darfst mich übrigens jederzeit nach einem Buch fragen, wenn du etwas interessantes in deinen Recherchen findest. Ich suche es dir gern raus, auch wenn ich es nicht habe. Darin bin ich ziemlich gut, weißt du? Besser als mit dem Klavier."
      Nora schlenderte herein, zusammen mit Esther, und servierte ein ordentliches Frühstück. Esther versuchte dabei, den Blickkontakt zu meiden. Dabei hatte sie so gute Fortschritte gemacht, seit Vincent wieder da war.
      Vincent stand wieder auf und schnappte sich ein Stück Apfel von einer der Servierplatten, bevor Nora die Gelegenheit hatte, sie auf dem Tisch abzustellen.
      "Thomas, darf ich dir Esther vorstellen? Sie ist noch recht neu in meinem Haushalt - sie ist erst im Oktober zu uns gestoßen - und sie tut sich noch ein bisschen schwer mit meinen Regeln. Wenn sie dich als Meister oder sowas anspricht, korrigiere sie ruhig. Esther, das hier ist mein Freund Thomas Van Helsing. Kein Lord, kein Eigentümer, einfach nur Thomas. Herr Doktor, wenn du wirklich höflich sein willst, das lasse ich noch zu."
      "Freut mich, Sie kennenlernen zu dürfen, Doktor Van Helsing."
      Vincent rollte theatralisch mit den Augen und schnappte sich ein zweites Stück Apfel, während Nora die junge Frau wieder mit in die Küche entführte. Vincent warf einen skeptischen Blick auf Thomas' Aufmachung.
      "Deine Sachen sollten in meinem Gästezimmer auf dich warten. Aber wenn du sie lieber in meinem Schlafzimmer hättest, lässt sich das sicherlich organisieren."


    • Thomas brachte ein Lächeln zustande, was ein Wunder war, denn sein Gesicht wusste nicht, ob er über Vincents liebwürdigen Ausbruch lächeln oder über sein eigenes Versäumnis nachzudenken ärgern sollte.
      "Entschuldige. Ich dachte nur… Darcy will sich nie mit dem theoretischen Teil abgeben, das ist ihr zu mühselig."
      Jetzt war das Stirnrunzeln an erster Stelle, denn hatte er nicht vor gerademal zwei Minuten selbst gesagt, dass er nicht an Cambridge denken wollte?
      Bevor er sich aber weiter rechtfertigen konnte, besaß dieser Mann doch tatsächlich die Frechheit, sich auf seinen Schoß gleiten zu lassen. Er starrte an ihm runter, erwartete, dass diese vermaledeite Robe sich noch gegen ihn verschwören und Ausblicke eröffnen würde, die ganz sicher nicht in diesen Raum gehörten, aber zumindest die Robe schien noch etwas Anstand zu besitzen. Nach weiterem Zögern legte er eine Hand auf Vincents Oberschenkel ab, die andere auf seiner Hüfte.
      Nach noch mehr Zögern sah er wieder zu ihm auf und konzentrierte sich etwas mehr auf ihre Unterhaltung.
      "Das ist nicht nötig, ich kenne die meisten Notizen meines Großvaters in und auswendig. Aber ich gebe zu, dass mich interessieren könnte, wie andere Länder das Problem handhaben. Ich gehe ja mal fest davon aus, dass Vampire weder in England geboren werden, noch dass sie irgendjemand davon abhält, ein Schiff zu nehmen. Aber das müssten alles englische Übersetzungen sein, im Gegensatz zu dir bin ich nämlich kein Sprachgenie."
      Zugegen, die Aussicht auf eine Möglichkeit, ausländische Berichte zu lesen und dabei sogar neue Erkenntnisse zu erlangen, beflügelte Thomas ungemein. Er hatte alles studiert, was er in seinem Haushalt studieren konnte, aber hier könnte er sich den Horizont wesentlich erweitern. Und nicht nur das, er könnte sogar sein Ziel erreichen und müsste sich nie wieder aktiv einem Vampir stellen. Denn auch wenn er es gelernt hatte und wenn er es gut genug beherrschte, um größtenteils ungeschoren durchs Leben zu kommen, würde eines Tages doch der Moment kommen, in dem ihn seine Reflexe verlassen würden - und dann würde er das Schicksal der restlichen van Helsing-Familie teilen.
      Abgelenkt von seinen Überlegungen und Vincent zuckte er zusammen, als sich seine Befürchtungen tatsächlich bewahrheiteten und die Tür sich öffnete. Zu seiner geringen Erleichterung war es zuerst nur Nora, die mit ausdrucksloser Miene hereinmarschiert kam, aber zu seinem viel größeren Grauen kam hinter ihr noch eine Bedienstete, die Thomas nicht einmal kannte. Sein Kopf begann förmlich zu glühen, als er die Hände von Vincents Körper zog - als ob das irgendetwas verbessert hätte. Glücklicherweise hatte jetzt auch der andere etwas mehr Drang zur Höflichkeit und entließ ihm seinen - wenn auch sehr hübschen - Gefängnisses, nur damit er sich der Scham stellen durfte, sich jetzt auch noch vorstellen zu lassen. Das ganze wäre um einiges erträglicher gewesen, wenn Vincent nicht halbnackt neben ihm gestanden hätte. Es wäre noch viel erträglicher gewesen, wenn er nicht vor einer Sekunde noch auf seinem Schoß gesessen hätte.
      "Sehr erfreut", murmelte er, wobei die Frau dabei in etwa so nervös wirkte, wie er sich schämte. Glücklicherweise blieben die zwei nicht lange und als sie weg waren, stand auch Thomas auf und trat an Vincent heran.
      "Du bist unmöglich! Eine neue Bedienstete? Was soll sie von uns denken, besonders von dir? Zieh dich an, Herrgott noch eins!"
      Er griff sich die beiden Seitenstücke der Robe und zog sie um Vincents Brust enger zusammen, wobei sie trotzdem nicht an Ort und Stelle blieben. Er tippte ihm gegen die Brust.
      "Zieh dich an oder ich werde für den Rest meines Besuchs im Gästezimmer bei meinen Sache schlafen. Das meine ich ernst!"
      Er ließ von ihm ab und ging zum abgestellten Tablett, um sich zu bedienen.
      "Weiß sie überhaupt von uns? … Weiß irgendjemand überhaupt von uns? Das hätte ich wohl mal früher fragen müssen."
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