[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Vincent beobachtete dieses Hin und Her amüsiert. Selbst als Stephen der Meinung war, seine wenig schmeichelhaften fünf Pence einzuwerfen, konnte er sich das breite Grinsen nicht aus dem Gesicht wischen.
      "Ich denke, ihr beiden solltet lieber ein ordentliches Quartett anheuern. Ich bin kein guter Lehrer und Thomas ist ein viel beschäftigter Mann. Und wie sieht das denn aus, wenn Braut und Bräutigam auf ihrer eigenen Hochzeit für die musikalische Untermalung sorgen müssen? Da regen sich doch nur wieder alle auf und dann ist euer Tag ruiniert."
      Vincent wandte sich dem lauwarmen Rest seines Tees zu und leerte die Tasse schnell, bevor das Gebräu noch gänzlich abkühlte.
      "Zum Abendessen? Wenn das Beth nicht zu viel ausmacht, dann gern. Thomas? Könnte ich mir Papier und Stift für eine schnelle Nachricht bei dir borgen? Ich würde Nora gern den Abend freigeben, wenn ich sowieso nicht da bin. Dann kann sie sich mit einer Freundin treffen, die hier in der Stadt lebt, wenn sie denn möchte."
      Das Abendessen würde er schon hinter sich bringen können. Ohne Sonnenlicht ginge es ihm besser, auch wenn sein Körper sich sehr viel langsamer von den winzigen Verletzungen erholen würde, wenn sich Vincent nicht nährte. Er spürte bereits, wie die Sonne unterging. Es war leichter, die Augen offenzuhalten, wenn ein Fenster im Hintergrund war. Seine Haut fühlte sich nicht mehr an, als stünde sie in Flammen. Noch eine Stunde und er würde nur noch mit den Konsequenzen dieses Nachmittages leben müssen, nicht mehr mit der aktiven Zerstörung seines Körpers. Und wenn er damit seinen Punkt gegenüber Stephen klarstellen konnte, umso besser.


    • "O, Beth wird das keinesfalls etwas ausmachen! Ich werde ihr nur schnell Bescheid geben, damit sie keinen Herzinfarkt bekommt."
      "Darcy", nörgelte Thomas, der solche Art von Witze nicht leiden konnte - erst recht nicht bei Beth.
      Aber Darcy kicherte nur, also wandte er sich wieder Vincent zu.
      "Aber selbstverständlich. Oben habe ich welches, ich zeige es dir."
      Er warf einen Blick zu Stephen, der wortlos abwinkte und seine nächste Zigarre anzündete, bevor Thomas Vincent den Weg wies, den er bereits schon einmal beschritten hatte - diesmal allerdings in das kleine Arbeitszimmer neben seinem Schlafzimmer.
      Thomas hatte zwei Arbeitszimmer in seinem Haus, quasi eins für jeden Beruf, aber das im Keller entsprach nicht ansatzweise dem, was man unter einem Arbeitszimmer verstanden hätte. Die Anzahl der Waffen war dafür überproportional hoch.
      Das, wohin er Vincent führte, war dafür nicht mehr als ein kleiner Raum mit einem schlichten Schreibtisch und ein paar Schränken für die Unterlagen.
      Er schloss die Tür hinter ihnen und spürte beinahe im selben Augenblick, wie eine gewisse Spannung von ihm abfiel. Stephens Stimmung zog ihn schon den ganzen Tag mit runter.
      "Hier habe ich welches."
      Er ging voran zu seinem Schreibtisch und präsentierte Vincent seine gewünschten Materialien. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er sich aufrichtete und sein Blick auf den anderen Mann fiel.
      "Ich wusste übrigens gar nicht, wie gut du Klavier spielen kannst. Wie hieß nochmal das erste Stück, das du gespielt hast? Das war schön."
    • Vincent folgte dem Herrn des Hauses nach oben in das Arbeitszimmer. Ohne weitere Kommentar lehnte er sich über den Tisch und kritzelte eine schnelle Notiz zurecht, die Nora über seinen verlängerten Aufenthalt - und seine Gesundheit - informierte. Er ließ die Tinte kurz trocknen, dann faltete er die Notiz ordentlich zusammen.
      "Vallée d'Obermann, das ist aus den Fünfzigern," beantwortete er dann endlich Thomas Frage, als er sich wieder zu dem Mann umdrehte.
      Er musterte Thomas, lehnte sich gegen den Schreibtisch.
      "Du musst langsam mal eine Entscheidung treffen, Thomas. Darcy wird ungeduldig. Ich bin kein Hellseher, aber wenn ihr nächstes Jahr um diese Zeit noch nicht verheiratet seid, dann wird sie sich jemand anderen suchen. Und wenn du wirklich so scharf auf deinen gesellschaftlichen Ruf bist, wird euch das beide ruinieren. Dich auf jeden Fall, sie kommt vielleicht mit einem blauen Auge davon, wenn sie sich in irgendeinem guten Hausstand für ein paar Jahre versteckt und fleißig am Sticken ist. Ich kann dir nicht vorschreiben, wie du dein Leben zu leben hast, diese Entscheidung liegt allein bei dir. Aber ich bin nicht blind."
      Vincent verschränkte die Arme vor der Brust. Er würde Thomas nicht von Darcys neusten Annäherungsversuchen erzählen, solange diese nicht relevant wurden. Darcy war eine nette Frau, er wollte ihr keine Probleme bereiten.


    • Das Lächeln in Thomas' Gesicht verlor an Lebhaftigkeit, bis es schließlich ganz aus seinem Gesicht verschwunden war und keine Spur von sich zurückließ.
      Der Gedanke an die Hochzeit mit Darcy verursachte ihm Bauchschmerzen, jetzt mehr als jemals zuvor, wahrscheinlich der Erkenntnis verschuldet, woher diese Abneigung kam. Es gab tatsächlich nichts, wogegen er sich jemals so gesträubt hätte als diesen Abschnitt in seinem Leben und dabei hatte er immer gewusst, dass es soweit kommen würde. Darcy war nunmal nicht so etwas wie die Liebe seines Lebens, sie war lediglich seine Scheinfrau, war es schon immer gewesen und würde es immer sein - aber selbst eine Scheinfrau musste man eines Tages in seiner Ehe einbinden.
      "Ich weiß", murmelte er schließlich und wich Vincents Blick aus, indem er den Rest der Blätter wieder verstaute. Das Thema behagte ihm nicht, aber Vincent hatte recht, mit allem was er sagte. Er brauchte seinen Ruf, er war das Rückgrat seines Lebensunterhalts, ohne seinen Einfluss würde Thomas eines Tages einen Vampir umbringen, als Mörder angeprangert werden und den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Oder auf der Flucht, aber in jedem Fall würde er alles verlieren, was er besaß. Er würde das Vermächtnis seiner Familie mit den Füßen treten.
      Sein Ruf war alles. Er konnte ihn nicht verlieren und dennoch nagte es manchmal an Thomas' Eingeweiden, bis es zu schmerzen begann.
      "Ich weiß das alles, aber ich - ich kann nicht. Ich will nicht."
      Er warf einen Blick zur Tür.
      "Sie ist hübsch, ich weiß das, ich kann es ja sehen, aber ich bin nicht - sie ist nicht mein Typ. Wir haben darüber hinaus nichts gemeinsam, oder zumindest fast nichts. Wenn es nach ihr ginge, würden wir nur zum Schlafen nachhause kommen und selbst das muss nicht zwingend sein - ich kann das nicht. Die Vorstellung, mein restliches Leben lang genau das zu tun ist... ist unerträglich."
      Er verzog das Gesicht, wusste, dass er jammerte, konnte es trotzdem nicht aufhalten. Er hatte noch nie im Leben so offen mit jemandem darüber gesprochen.
      "Sie kann unglaublich nervig sein, wenn sie zu lange nichts zu tun bekommt. Du hast ja noch gar nicht ihre Nörgelstimme kennengelernt, sie hat ein wahnsinniges Talent, dir sämtliche Nerven zu stehlen. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre sie ein Vampir, der mir die Lebensenergie aussaugt."
      Er rieb sich kurz über das Gesicht, wollte Vincent nicht mehr damit behelligen, als er es eh schon tat. Schließlich straffte er sich.
      "Ich werde sie heiraten, eines Tages. Ganz sicher - ziemlich sicher, nur nicht dieses Jahr. Im Frühjahr vielleicht oder... oder Sommer. Wie ist das denn - wie machen das denn andere wie... wir?"
      Er suchte unsicher den Blick des anderen.
    • Vincent musste sich zusammenreißen, um Thomas nicht einfach in seine Arme zu ziehen und ihn zu trösten, ihm irgendwie mit dem Kampf zu helfen, den er in seinem Inneren ausfocht.
      "Andere wie wir? Manche leben mit der gesellschaftlichen Schande. Manche verstecken es so gut, dass sie die Lüge, die sie leben hin und wieder selbst glauben können. Manche suhlen sich in den Gerüchten, die um sie herum kursieren, ohne sie jemals völlig zu bestätigen oder zu verneinen. Ich kann dir diese Entscheidung nicht abnehmen."
      Jetzt gab er doch nach. Er machte ein paar Schritte auf Thomas zu, ergriff dessen Hand.
      "Ich kann dir nur sagen, was ich tun werde. Letzte Nacht habe ich es bereits angesprochen: dir steht mein Haus immer offen. Alle davon. Du kannst kommen und gehen, wie es dir beliebt. Ich bin sogar bereit, dich mit Darcy zu teilen. Aber ich bin zu egoistisch, um dich gänzlich gehen zu lassen. Nur einen Teil von dir zu haben, ist immer noch besser als dich gar nicht zu haben."
      Mit jedem Satz drängte er Thomas weiter zurück, bis er schließlich die Wand neben der Tür im Rücken hatte. Vincent kam ihm näher, zu nahe, als dass es gesellschaftlich vertretbar wäre, und lehnte seine Stirn gegen die von Thomas.
      "Ich kann dich nicht einfach gehen lassen," wisperte er.
      Dann machte Vincent die Tür auf und verschwand wieder nach unten. Er wollte gerade zur Tür eilen, um sich einen Boten für seine Nachricht an Nora zu suchen, da krachte er in Stephen hinein, der ihm aus dem Salon entgegen kam.
      Als erstes nahm Vincent die eiserne Maske wahr, die dieser Mann seinen Gesichtsausdruck schimpfte, dann erst, zwei, drei Herzschläge später, bemerkte er das kalte Brennen in seiner Flanke. Er stolperte erst einen, dann zwei Schritte zurück, starrte das blutige Messer in Stephens Hand an, und grinste.
      "Stechen Sie mich ab, weil ich in ihren Augen ein Vampir bin?" ächzte er, "Oder weil sie Angst haben, dass ich Ihnen Thomas wegnehme?"
      Seine Beine gaben unter ihm nach und er krachte auf die Knie. Mittlerweile presste Vincent eine Hand gegen das Loch, dass der Mann in seinem Körper hinterlassen hatte. Er spürte, wie sein Körper verzweifelt versuchte, die Wunde zu schließen, es aber nicht schaffte. Das Messer musste aus Silber sein.
      Vincent sackte zur Seite, sein Körper gehorchte ihm nicht mehr richtig. Die Wunde brannte schlimmer als das Sonnenlicht, das er den Nachmittag über sich hatte ergehen lassen. Das meiste seines Blutes wurde von seinem Anzug aufgesaugt, aber trotzdem bildete sich langsam eine kleine Pfütze unter ihm auf dem teuren Boden des Eingangsbereiches. Vincent wusste, er könnte dem Mann die Kehle rausreißen und sich an dessen Blut satt trinken, bis seine Verletzungen verheilt waren. Ein Teil von ihm wollte das sogar. Aber er konnte nicht. Nicht nur, weil ihm sein Körper Stück für Stück den Dienst verweigerte, sondern auch wegen der Übermacht des Versprechens, dass er sich selbst vor so langer Zeit gegeben hatte. Der Schwur, den er geleistet hatte.
      Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Das hier war zwar nicht, wie er sich vorgestellt hatte, zu sterben, aber es war nicht übel. Hiermit konnte er leben. Immerhin müsste sich Thomas dann nicht mehr so mit seiner Entscheidung herumquälen. Nur um Nora tat es ihm leid. Ohne ihn würde sie in ein, vielleicht zwei Jahren sterben. Vielleicht konnte ihre neue Freundin da ja Abhilfe leisten? Vincent hoffte darauf.


    • Nicht einmal Vincents Antwort war sehr hilfreich, dabei war Thomas der beinahe irrsinnigen Überzeugung, der Mann könnte jedes Problem lösen.
      Er hätte ihm in diesem Moment so gerne alles gesagt, ihm sein ganzes Leben offenbart, wieso er so viel Wert darauf legte mit Darcy überhaupt zusammen zu sein, weshalb er ständig so beschäftigt war, wieso es ihn so sehr interessierte, was die Gesellschaft zu jeder Sekunde von ihm halten mochte. Er hätte ihm das alles erzählt und wäre dann noch viel weiter gegangen, hätte ihm offenbart woher die blauen Flecke auf seinem Hals wirklich kamen, womit das Kellergewölbe seines Hauses eingerichtet war. Vincent sollte alles von ihm erfahren.
      Stattdessen schwieg er. Er drückte Vincent Hand, genoss die flüchtige Berührung, auch wenn sie bereits grenzwertig war, wenn sie nichts dergleichen veranstalten wollten, nicht mit Darcy und Stephen im Haus. Aber hätte er jemals zu Vincent Nein sagen können? Hätte er ihn jemals von sich abweisen können?
      Er stieß gegen die Wand hinter sich und gab den Versuch auf, die Sitte zwischen ihnen beiden zu wahren. Nicht, dass das sowieso mal funktioniert hätte, da konnte er es gleich bleiben lassen. Stattdessen gab er seinem eigenen Drang nach und legte die Hand an Vincents Hals, erwiderte den Blick, den der andere ihm schenkte. Seine Worte hatten eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf Thomas, die er sich selbst nicht erklären konnte. Vincent wollte ihn und das selbst dann noch, wenn er Darcy heiraten würde. Das machte doch die ganze Sache erträglicher, oder nicht? Er könnte ihn weiterhin besuchen, seine Gegenwart genießen und gleichzeitig seinen Ruf waren; war das nicht eine Lösung? Ein Teil von ihm wünschte es sich, der andere Teil wusste, dass es nur vorübergehend wäre. Er konnte es nicht ewig vor Darcy verstecken, es war ihm schon einmal herausgerutscht. Eines Tages würde sie dahinter kommen und dann würde ihn nichts mehr vor den Konsequenzen retten.
      Seine Unsicherheit wich Niedergeschlagenheit und er versuchte diesen letzten Moment zwischen ihnen auszukosten, wohlwissend, dass er nicht lange halten würde. Genauso wenig wie dieses ganze Konstrukt, das sie sich errichteten.
      "Ich will dich nicht verlassen", stellte er schließlich fest, zumindest ein Teil der Wahrheit, die unter der Oberfläche schlummerte. Ein ganz wesentlicher Teil allerdings.
      Vincent entzog sich ihm und mit ihm das Gefühl von Wärme und Sicherheit. Er sah dem Mann nach, hatte seine Augen in den letzten Minuten auf nichts anderes gerichtet als auf Vincent und wandte sich schließlich ab, als er verschwunden war. Er hätte ihm folgen müssen, allein schon der Höflichkeit wegen, konnte sich aber nicht dazu durchringen sich zu bewegen. Nur noch einen Moment, während er seine Gedanken sammelte. Er würde früher oder später sowieso zurückgehen müssen.
      Als er sich endlich dazu durchringen konnte und herunterkam, durchfuhr ihn ein kalter Schauer der Panik. Er hatte es bereits auf der Treppe riechen können, den fürchterlichen Gestank des Blutes, der alle drei Teile in ihm in Aufruhr versetzte: Den menschlichen Thomas, der um seine Sicherheit bangte, den Jäger, der nach einer Gefahr Ausschau hielt, den Arzt, der um die Sicherheit anderer bangte. Ihm war die Ironie dahinter, dass Blutgeruch eine solche Reaktion in ihm auslöste, durchaus bewusst.
      Als er es dann allerdings sah, war der menschliche Thomas in ihm der erste, der die Oberhand über ihn gewann.

      Er konnte seinen eigenen Ruf nicht hören, als er die letzten Stufen herunter sprang und an Vincents Seite hechtete, der auf dem Boden im Eingangsflur lag, eine kleine Pfütze hellroten, stinkenden Blutes unter sich. Mehrere Gedanken durchfluteten ihn gleichzeitig und verhinderten für einen Moment, dass er Stephen wahrnahm, der noch immer im Durchgang zum Wohnzimmer stand, die Zigarre im Mundwinkel, einen steinernen Blick auf Vincent gerichtet. Er bemerkte auch nicht Darcy, die angerannt kam, oder Beth, die ihr dicht auf den Fersen folgte. Er hatte nur Augen für Vincent aber in diesem einen Moment war das nicht von guten Gefühlen begleitet.
      "Vincent?!"
      Die Wunde war leicht zu finden, das Blut führte ihn. Als er sie entdeckte, übernahm endlich sein ärztlicher Teil und auf das Chaos seines Gehirns legte sich ein abschirmender Schleier der Professionalität.
      "Vincent, sieh mich an, okay? Augen zu mir nach oben, sieh mich an, hierher."
      Er beugte sich über ihn, während er ihn vorsichtig auf den Rücken drehte. Er riss ihm das Hemd auf, schob jeglichen Stoff von der Wunde beiseite.
      Es war ein Messerstich. Ein dünner Schnitt, tiefsitzend, über der Hüfte. Der Breite nach zu schließen konnte es kein langes Messer gewesen sein, dementsprechend war die Gefahr gering, dass ein Organ getroffen worden war. Er hatte allerdings schon mehr Blut verloren, als erträglich war.
      Hinter Thomas ertönte ein Kleiderrascheln, das er nun merkwürdigerweise äußerst deutlich wahrnahm. Er drehte sich bereits um, um einen der dabeistehenden Gaffer dazu zu bewegen, ihn mit seinen Verbänden auszustatten, als eine männliche Stimme ihn daran hinderte.
      "Siehst du? Schließt sich nicht."
      Sein Blick wanderte an dem Mann empor, der noch immer im Durchgang stand, eine feine Rauchschwade um seinen Kopf. Jetzt, nachdem er ihn endlich richtig sah, konnte er auch das Messer in seiner Hand erkennen. Seine von Blut verschmierten Finger.
      "... Wie bitte?"
      "Schließt sich nicht, die Wunde. Hätte sich geschlossen, wenn's kein reines Silber gewesen wäre."
      Thomas blinzelte. Darcy sagte etwas, den Mund hinter beiden Händen versteckt, die Augen schockierend weit aufgerissen, aber Thomas hörte sie nicht. Er hörte nur Blut in seinen Ohren rauschen.
      "... Die Wunde schließt sich nicht? Sie s c h l i e ß t s i c h n i c h t?! Die WUNDE?!"
      Er wollte aufstehen, wäre Stephen regelrecht an die Kehle gesprungen, hätte ihn gewürgt und gefragt, wie zum Teufel er darauf kam, dass eine Wunde sich schließen sollte, woher er sich überhaupt das Recht nahm, in Thomas' eigenem Haus eine Waffe zu führen und das auch noch gegen seinen Gast, seinen Freund. Vielleicht hätte er ihm sogar das Messer entrissen und es selbst benutzt. In diesem Augenblick wusste er nicht, was er nicht getan hätte, aber er war sich beinahe sicher, dass er nichts davon bereut hätte.
      Stattdessen wandte er sich wieder Vincent zu. Beinahe zur selben Zeit kam Beth angelaufen, außer Atem und hektisch, in den Armen allerdings einen Verbandskasten, Desinfektion und Wundsalben. Sie sagte auch etwas in einer schrillen Stimme, aber die Worte drangen nicht zu Thomas durch. Er packte wortlos den ihm gereichten Druckverband und knurrte dann:
      "Raus. Allesamt."
      Darcy sagte etwas. Ihre Stimme reizte ihn und gab ihm die nötige Kraft, um den Verband gnadenlos auf Vincents Wunde zu pressen. Wahrscheinlich drückte er zu fest, aber dafür kam auch an den Rändern kein Blut mehr hervor.
      "Raus, habe ich gesagt!!"
      Beth - die gute, fleißige Elizabeth - scheuchte die anderen nach hinten weg, bis irgendwann eine Tür ins Schloss fiel. Thomas richtete seinen Blick wieder auf Vincent. Sein Herz fühlte sich bei dem Anblick an, als müsse es in tausend Einzelteile zerspringen.
      "Vincent - bleib bei mir, sieh mich an. Alles nicht so schlimm, ist nur ein bisschen Blut, tut nur ein bisschen weh. Ist es sehr schlimm? Versuch deinen Bauch zu entspannen, hier unten."
      Er tippte gegen Vincents Bauch, legte seine flache Hand auf Vincents Haut auf, während er mit der anderen den Druckverband weiter auf seine Seite presste.
      "Ganz locker lassen, nicht anspannen, ganz locker. Atme durch die Brust, lass alles hier unten entspannt, entspann dich. Sieh mich an, bloß nicht wegsehen, nicht einschlafen Vincent. Bleib bei mir, ich brauche dich noch. Tief durchatmen und entspannen."
      Er redete weiter, während er den Verband langsam löste, ihn durch eine neue Rolle ersetzte, den neuen Verband doppelt beschichtete und anfing, ihn um Vincents Bauch zu wickeln. Er redete in einem Durch, variierte zwischen seinen Anweisungen und kleinen Bemerkungen, während er sicherstellte, dass Vincent nicht einschlief, dass er seine Blutung stoppte, dass er ihn fest verschnürte. Er schaffte sogar einen Witz über seine Fingerfertigkeit zu machen, bei dem er zwar nicht lachte, aber doch aufsah um zu sehen, ob Vincent ihn auch gehört hatte.
      Erst, als die Blutung stoppte, als der Verband richtig saß und Thomas ihn ein zweites Mal fixiert hatte, alles während er weiterhin seinen Unsinn brabbelte, der keinen größeren Zweck hatte als Vincent von seiner Wunde abzulenken, bemerkte er erst, dass seine Stimme unlängst zu zittern begonnen hatte. Er beugte sich wieder über ihn, legte seine blutverschmierten Hände an Vincents Gesicht und zog ihn ein Stück an sich, platzierte sogar einen flüchtigen Kuss auf seiner Stirn.
      "Wird schon gut, alles wird schon gut", murmelte er. "Ich hab dich, alles wird gut. Ich hab dich."
    • Sich zu bewegen hatte schon lange nicht mehr so wehgetan. Als Thomas ihn auf den Rücken drehte, schreiten alle Muskeln in seinem Körper danach, sofort aufzuhören. Nach außen hin äußerste sich das in einem erschöpften Grunzen. Aber er tat, was der gute Doktor ihm sagte - unter anderem auch, weil Thomas' Gesicht so viel hübscher anzusehen war als die Decke seiner Eingangshalle. Wobei die auch nicht unbedingt hässlich war, bedachte man die gute, solide Bauart und die minimale Verzierung hier und da. Es war schön zu sehen, dass die Generationen an Van Helsings, die in diesem Haus gelebt hatten und es bis heute noch taten, nichts an der alten Struktur verändert hatten. Zumindest nichts, was über Instandhaltung hinaus ging.
      Thomas holte ihn aus seinen verhedderten Gedanken über Architektur zurück. War Thomas schon immer so wunderschön gewesen? Ja, natürlich. Auch wenn ihm diese Sorgenfalten nicht wirklich gut standen. Warum war er so besorgt? Was war passiert?
      Vincent zuckte zusammen, als er die Hand auf seinem Bauch spürte. Schmerz schoss seine Beine hinab und sein Rückgrat hinauf. Als Thomas ihm sagte, durch die Brust zu atmen, nahm er sofort einen tiefen Atemzug durch den Bauch, was ihm einen scharfen Schmerzenslaut entlockte.
      Er lauschte Thomas' sinnlosen Gebrabbel, als erzählte er die interessanteste Geschichte, die er je gehört hatte. Hin und wieder verlor Vincent den Faden, aber das schien Thomas nicht zu stören - er redete einfach weiter. Bei dem Witz musste er lachen, was sich nach außen hin als nicht viel mehr als ein schwaches, schiefes Lächeln darstellte.
      Als Thomas ihn bewegte, beschwerte sich Vincents ganzer Körper. Doch die sanfte Berührung von Thomas' Lippen machte alles gleich viel besser.
      Vincent hob die Hand - ein Akt, der ihm alles abverlangte - und legte sie an Thomas' Wange. Er musste einfach sichergehen, dass dieses engelsgleiche Gesicht real war. Sehr zu seiner Überraschung war es das tatsächlich. Die Haut unter seinen blutigen Fingern war weich, warm. Er lächelte verträumt.
      "Ich gehe nirgendwo hin," sagte er leise, seine Stimme rau wie Sandpapier. "Ich wüsste gar nicht wohin..."
      Vincent ließ seine Hand sinken. Sie war einfach zu schwer.
      "Jemand sollte Nora Bescheid geben, wo ich bin... Sie macht sich sonst noch Sorgen..."
      Vincent war so müde. Irgendwo in seinem vernebelten Gehirn war die Information versteckt, dass er nicht sterben würde. Dass er die Schmerzen, den Blutverlust, den Schaden binnen weniger Minuten wieder loswerden könnte. Statt auf diese leise Stimme in seinem Kopf zu hören, lehnte er sich gegen den Körper, der ihn festhielt, ließ sich von der Wärme einlullen. Ein bisschen Schlaf würde ihm schon nicht schaden. Er könnte sich auch morgen noch darum kümmern, all das hier zu beheben. Ja, morgen war auch noch ein Tag.
      "Das letzte Mal war ich so müde bei Sonnenuntergang, als ich gestorben bin..." scherzte Vincent.
      Er lachte sogar, auch wenn das nur noch mehr Schmerz durch seinen Körper schickte.
      "Aber du wirst mir nicht das Herz auf diese Weise brechen, oder, Thomas?"


    • Vincent erwiderte die Berührung, zumindest für einen Moment, zumindest mit der Kraft, die er zustande brachte. Thomas spürte einen deutlichen Schmerz in seiner Brust beim Anblick von Vincents trüben Augen, wie langsam der Mann blinzelte, wie sehr sein Blick alle paar Sekunden abdriftete. Seine Hand an seiner Wange war warm aber nass, eine fürchterliche Kombination, die Thomas nicht unbekannt war. Aber sie in Verbindung mit Vincent zu spüren war eine Empfindung, die er nie wieder erleben wollte.
      Er vergewisserte sich für einen Moment, dass der Verband saß, sah dann wieder zu Vincent auf. Seine Stimme war leise und schien sich erst einen Weg nach oben erkämpfen zu müssen, bevor sie gerade laut genug herauskam, um von Thomas gehört zu werden. Er nickte energetisch, fing Vincents Hand auf, bevor sie ihn verlassen würde, hielt sie in seiner eigenen.
      "Ich werde ihr Bescheid geben, sie soll auf dich warten, okay? Du kannst bald wieder nachhause gehen, bis dahin soll sie dein Bett bereit halten. Okay, Vincent? Vincent?"
      Vincents Augen fielen wieder zu und blieben eine beunruhigende Weile lang geschlossen, bis er sie wieder öffnete. Thomas hielt ihn fester an sich, wohlwissend dass sie nicht ewig so bleiben konnten, aber überzeugt davon, ihn noch einen Moment weiter halten zu müssen. Er musste sich zu Vincent hinabbeugen, um seine nächste Worte zu verstehen, während er mit den Fingern vorsichtig nach seinem Puls an seinem Hals tastete. Vincent musste bereits kurz vor dem Delirium stehen bei dem Unsinn, den er von sich gab, aber Thomas ging dennoch darauf ein, allein schon um ihn von seiner Wunde abzulenken.
      "Als du gestorben bist?"
      Er fand keinen Puls. Seine Finger waren zu blutig, sein Verstand zu aufgelöst. Er blickte kurz zu Vincent auf, lächelte ein bisschen, als hätte er den Scherz verstanden, auch wenn keiner da gewesen war. Es war gut den Mann lachen zu sehen, es war nicht gut den Ausdruck des Schmerzes zu sehen, der auf seinem Gesicht folgte. Thomas spürte sein eigenes Herz in seiner Brust zerspringen.
      "Ich werde gar nichts dergleichen machen, Vincent. Ich bin hier für dich, ich werde immer da sein. Okay?"
      Er gab die Suche nach einem Puls auf, schrieb es seiner eigenen Nervosität zu, auch wenn er davon noch nie beeinflusst worden war, auch wenn er noch nie einen Patienten vernachlässigt hatte, weil seine Nerven nicht mitspielten. Seine Hände waren zu ruhig dafür, sein Verstand zu klar, um ihn von seiner Arbeit abzuhalten. Dennoch schob er es beiseite, widmete sich lieber der Aufgabe, Vincent davon abzuhalten einzuschlafen.
      "Hey. Heyhey, nicht einschlafen, ich brauche dich noch. Vincent."
      Er tätschelte ihm ein wenig die Wange, mit zunehmendem Nachdruck nachdem Vincent Augenlider wieder flatterten, dann nahm er sich seine Hände und platzierte sie mit größter Vorsicht auf seinem Verband.
      "Kannst du das für mich festhalten? Gut festhalten, schön drücken, gut halten. Bleib so, genau so, kannst du das? Ist gleich geschafft."
      Er drückte Vincent Hände leicht, dann ließ er ihn los, nur um einen Moment später seine Arme unter seinen Körper zu schieben. Er beugte sich über ihn, drückte ihn an seine Brust und suchte mit seinen Armen Halt. Jede Bewegung verursachte einen winzigen Laut in Vincent, den Thomas mit seinem eigenen Gebrabbel zu übertönen versuchte.
      "Gleich geschafft, nur noch ein bisschen. Hältst du auch schön fest? Nicht loslassen, okay Vincent? Komm her, mein Großer."
      Er fand den richtigen Winkel um Vincent hochzuheben und verharrte noch für einen Moment.
      "Kannst du mit mir atmen? Tief einatmen, okay? Wenn ich bis drei gezählt habe, atmest du erst aus. Okay? Nicht loslassen, Bauch entspannen - nicht einschlafen, Vincent. Atme für mich. Bereit? Tief Luft holen - eins... zwei... drei und ausatmen."
      Er hob Vincent im selben Moment hoch, eine Herausforderung an seine Arme, die er mit einigem Ächzen und einiger Kraftaufwendung bewältigte. Vincent wie eine Braut in seine Arme zu nehmen und an seine Brust zu drücken, war deutlich schwieriger als mit einer Frau, die nur einen Bruchteil von ihm wog. Umso mühsamer war es damit, ihn auch noch die Treppe hoch zu tragen, während er weiter auf ihn einredete.
      "Atmen nicht vergessen, Vincent. Das machst du sehr gut, wir haben's gleich geschafft, nur noch ein bisschen. Hältst du den Verband fest? Nicht lockerlassen Vincent, es ist gleich geschafft, wir sind gleich da. Schön weiteratmen."
      Er bugsierte den Mann ins Gästezimmer, wo er ihn mit einiger Mühe sanft auf dem Bett auflegte. Er setzte sich selbst auf die Bettkante, vergewisserte sich, dass der Veband tatsächlich noch richtig saß und versuchte dann noch einmal, seinen Puls zu erspüren. Als er wieder nichts fand versuchte er stattdessen, den Mann weiter wach zu halten. Das schien allerdings schnell verlorene Liebensmüh zu sein, so wie Vincent bereits erschlafft war, so wie seine Augenlider alle paar Sekunden zu flatterten. Thomas versuchte es weiter aufzuhalten.
      "Vincent? Vincent hör mir zu, nicht einschlafen, okay? Schau mich an, kannst du das für mich? Hey, bleib wach, du schaffst das. Vincent."
      Er ergriff seine Hand und drückte sie.
    • Vincent klammerte sich an die Stimme, die ununterbrochen zu ihm sprach. Er wusste, dass diese Stimme zu Thomas gehörte, als er vergaß, wer Thomas war. Er wusste, dass diese Stimme zu jemandem gehörte, der ihm wichtig war, als er vergaß, wie der Mann über ihm hieß. Er wusste, dass er Thomas weiter zuhören musste, als er vergaß, was dessen Worte bedeuteten.
      Er presste seine Hände auf seine eigene Wunde, als Thomas ihn darum bat. Er atmete so, wie Thomas es von ihm verlangte. Und dann war da dieser überwältigende Schmerz, der sich durch seine Muskeln brannte wie Sonnenlicht. Ihm wurde schwindelig, übel sogar - ein ganz neues Gefühl, dass er so gar nicht mehr kannte.
      Vincent lehnte seinen Kopf, der mittlerweile viel zu schwer für seinen Hals war, gegen Thomas' Schulter, als dieser ihn durch das Haus bewegte. So ein hübsches Haus. Es kam Vincent irgendwie bekannt vor. Wo war er hier?"
      Als Thomas ihn ablegte und seine Hand an seinen Hals legte, musste Vincent grinsen.
      "Das letzte Mal... als das jemand gemacht hat... hatte der Mann fast einen... Herzinfarkt... Der arme Doktor... Dabei hatte ich doch nur... eine Magenverstimmung..."
      Die wenigen Worte ließen ihn nach Luft schnappen wie nach einem langen Lauf.
      "Glaubst du... mein langsamer Herzschlag... rettet mir gerade das Leben..?"
      Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung. Vincent wurde klar, dass er hier nicht einfach rumliegen und ausbluten konnte.
      Er nahm ein paar tiefe Atemzüge, machte eine Bestandsaufnahme von dem Schaden. Das Sonnenlicht hatte ihn geschwächt, der Blutverlust noch mehr. Er musste das Monster in seinem Inneren mit Gewalt dazu auffordern, ihn am Leben zu halten, das bisschen an geborgtem Blut, das noch durch seinen Körper floss, auch genau dort zu behalten. Er hatte nicht genug Kraft, um sich selbst zu heilen, aber er konnte sich selbst davon abhalten, einfach so zu sterben, bis er die Chance dazu hatte.
      Vincent schluckte, seine ausgetrocknete Kehle brannte. Dann öffnete er die Augen wieder, sehr viel klarer als zuvor. Er konzentrierte sich auf den Schmerz, um bei Verstand zu bleiben.
      "Ich werde dir schon nicht wegsterben, Thomas," sagte er, einerseits um den Mann an seiner Seite zu beruhigen, andererseits als Schwur an sich selbst gerichtet. "Ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen, bevor ich mich zu den Geistern in meinem Haus gesellen kann."
      Er sah Thomas an, lächelte sanft.
      "Und so ein hübsches Gesicht kann ich auch nicht einfach allein lassen."


    • Vincent gab weiteren Unsinn von sich, der sich in Thomas' Ohren wie ein Zusammenschnitt aus verschiedenen Erinnerungen anhörte, die sich miteinander überlappten. Er wusste nicht, was genau er davon halten sollte, aber die Tatsache, dass Vincent überhaupt ein paar Wörter heraus presste, war ein gutes Zeichen.
      Er musste dennoch hilflos dabei zusehen, wie der Mann mit seinem Körper rang.
      "Sicher, sicher. Das tut er, Vincent."
      Die Frage war ihm zwar unverständlich, aber er wusste, dass er ihm eine Antwort geben sollte. Solange Vincent denken konnte, solange er wach blieb, war Thomas alles recht, was er von sich gab.
      Vincents Augen fielen erneut zu und während Thomas wieder anfing leisen Schwachsinn von sich zu geben - weiterhin darauf bedacht Vincent nicht zu verlieren - schälte er ihn vorsichtig aus seinem Hemd, bevor er es zu Boden warf. Es war sowieso ruiniert, spätestens nachdem Thomas es so rücksichtslos aufgerissen hatte, am meisten allerdings durch den riesigen Blutfleck. Er musste die Wunde noch desinfizieren, er war sich dessen bewusst, aber nicht solange Vincent so wenig Blut in seinem Körper hatte. Sein rasendes Herz würde den letzten Rest auch noch heraus pressen, also doch lieber ein paar Stunden warten, auch wenn es für Vincent mit jeder verstreichenden Stunde nicht angenehmer werden würde.
      Er befreite ihn auch noch von seiner Hose, nachdem auch sein Hosenbund sich mit Blut vollgesogen hatte, bevor er die Decke über Vincents Körper schlug, fest darauf bedacht, seine Wunde nicht zu berühren. Als er dem Blick des Mannes begegnete, gepaart mit dessen Worten, verharrte er in seiner Bewegung. Etwas in ihm schmolz bei diesem Anblick dahin, ein tiefsitzendes Gefühl, das sein Herz beflügelte. Wie einfach ein solches Kompliment von Vincent ihn doch verführen konnte. Er erwiderte das Lächeln aufrichtig, hätte ihm beinahe die Hand an die Wange gelegt, erinnerte sich an seine eigenen blutigen Finger. Es war schwierig dem Drang zu widerstehen, aber Thomas schaffte es.
      "Ich werde dich nicht wegsterben lassen, Vincent. Nicht dich. Wer auch immer dich in die Geisterwelt befördern will, muss erst durch mich hindurch. ... Ich -"
      Er brach ab, als die restlichen Worte ihm im Hals stecken blieben. Anstatt seinen Satz zu beenden, warf er einen flüchtigen Blick zur Tür, beugte sich dann zu Vincent hinab und fing seine Lippen in einem sanften, vorsichtigen Kuss ein. Er dauerte nicht lange, war eher flüchtig als irgendetwas anderes, aber als sich Thomas wieder von ihm löste, spürte er die Wärme wieder, die ihn vorhin so abrupt verlassen hatte.
      Er blinzelte einmal und fuhr dann mit dem Knöchel Vincents Kinn entlang, streichelte ihm zart über den Hals. Er hätte sich dort verlieren können, hätte den restlichen Tag an Vincents Seite verbringen und die Wunde vergessen können, wenn da nicht noch das getrocknete Blut an seiner Wange klebte, an seinem Hals, ein bisschen an seiner Brust. Er ließ von ihm ab und richtete sich auf.
      "Gib mir einen Moment, ich bin gleich wieder da. Nur eine Sekunde."
      Er verließ das Zimmer, nur um kurz darauf schon wieder mit einem nassen Tuch zurückzukommen. Er setzte sich zurück zu Vincent und rieb ihm vorsichtig das Blut vom Gesicht, von seiner Brust, seiner Hüfte, zärtlich in seinen Berührungen, um ihm keine Schmerzen zu bereiten. Alle paar Sekunden wanderte sein Blick nach oben, suchte Vincents eigenen Blick. Solange er in seine Augen sehen konnte, konnte er seine Nerven im Zaum halten, fiel ihm auf.
      "Ich habe Schmerzmittel hier, möchtest du welches? Ansonsten verschreibe ich dir absolute Bettruhe; wenn es dir nachher besser geht, werde ich den Schnitt sauber machen. In Ordnung?"
    • Während Thomas kurz in ein Badezimmer verschwand, bekämpfte Vincent den Drang, sich aufzusetzen. Er musste weiterhin den Schwerverletzten spielen - was er ja auch war. Er konnte das Silber geradezu schmecken. Selbst wenn er bei voller Kraft wäre, diese Wunde zu heilen würde ihn einiges an Zeit kosten. Dennoch, er musste sich schwächer geben, als er war. Das Silber hatte immerhin einen Vorteil: das Monster, das in seinem Inneren hauste, lag winselnd in einer Ecke und ließ ihn in Ruhe. So musste sich Vincent wenigstens keine allzu großen Gedanken um seinen Hunger machen.
      Er folgte Thomas mit seinen Augen, inhalierte jede Bewegung des Mannes. Hin und wieder musste er sich auf die Zunge beißen, um nicht vor Schmerzen aufzukeuchen. Sein Körper stand noch immer in Flammen, wenn er zu sehr darüber nachdachte. Die neuerlich einziehende Dunkelheit des Sonnenuntergangs half, aber es machte diese ganze Situation nicht viel besser.
      "Mach es jetzt," bat Vincent. "Tu, was du tun musst. "
      Mit etwas Glück bekam er damit das Silber aus seinem Körper heraus.
      "Keine Schmerzmittel. Ich mag nicht, wie ich mich fühle, wenn sie wirken. Sie machen das Denken schwer. Ich mag denken. Klare Gedanken, meine ich. Und es ist jetzt schon schwer genug, einen Gedanken zu haben."
      Er lächelte, überspielte den Schmerz, und griff nach Thomas' Hand.
      "Du hast die Erlaubnis, mir wehzutun," scherzte er.
      Dann hob er den Kopf, warf einen Blick auf seine Verletzung. Er musste lachen. Es war schon eine ganze Weile her, seit er das letzte Mal abgestochen worden war. Nichts davon hatte Narben hinterlassen. Nichts davon war zu seinen Lebzeiten geschehen.
      "Du hast einen seltsamen Freundesgeschmack, Thomas. Der eine bringt einen Vampir zum Poker, der andere teilt seine Messersammlung ein bisschen zu enthusiastisch. Ich muss schon sagen: Cambridge war schon lange nicht mehr so interessant."
      Wieder lachte Vincent, doch diesmal überrollte ihn der Schmerz aus seiner Flanke und er verzog das Gesicht. Ein paar tiefe Atemzüge später ging es ihm wieder besser.
      "Ich hoffe, du bist nicht zu enttäuscht, wenn ich mich mit Stephen nicht mehr anfreunde."


    • Thomas zögerte lange auf Vincents Bitte hin. Er war vollkommen überzeugt, dass der Mann schon zu viel Schmerzen durchgestanden hatte um jetzt noch eins obendrauf gesetzt zu bekommen und hielt es daher für eine gänzlich schlechte Idee. Nicht, dass er an seinen Fähigkeiten zweifeln würde - er sollte verdammt sein wenn es ihm nicht möglich war, einen Stich zu behandeln mit dem sein Patient nicht länger als eine halbe Stunde zu kämpfen hatte - aber er wusste, dass es für sie beide nicht schön werden würde. Wenn er noch einen Moment warten würde, würde sich auch Vincent besser darauf vorbereiten können.
      ... Aber konnte er jemals Nein zu diesem Mann sagen?
      "Okay. Ich werde schnell sein, ich verspreche es dir."
      Er erhob sich erneut, entschuldigte sich für einen Moment und holte seine Hilfsmittel. Hinter der geschlossenen Tür der Küche konnte er Darcys plappernde Stimme hören, aber er würde sich erst später mit dem Rest der Gäste in seinem Haus befassen.
      Er kehrte zu Vincent zurück und breitete sich auf dem Nachtisch neben seinem Bett aus, bevor Vincent seine Hand ergriff. Ohne großartig darüber nachzudenken, hob er sie zu seinen Lippen und hauchte ihm einen Kuss auf seine Finger, bevor er erst zu Vincent sah und die Stirn runzelte. Nachdem er die Hand ein letztes Mal gedrückt hatte, ließ er sie wieder frei.
      "Gut zu sehen, dass deine Zunge noch genauso scharf ist wie zuvor, sonst hätte ich mir Sorgen gemacht."
      Als Vincent dann allerdings auch noch lachte, verharrte er kurzfristig in seiner Bewegung, um seinen Freund überrascht anzustarren. Vincent war wahrscheinlich der einzige Mann dieser Welt, der mit einer Stichwunde im Bett lag, knapp einem tödlichen Verlauf entgangen war und schon fünf Minuten später lachte, als gäbe es keine größere Sorge auf der Welt.
      Thomas blinzelte, bevor er zurück zu seinen eigenen Worten fand. Er mochte Vincents Lachen, das echte Lachen und nicht das charismatische, das er sich für die Öffentlichkeit vorbehielt. Es ließ seine Augen aufblitzen und zauberte ihm Lachfalten ins Gesicht, die Thomas' Herz erwärmten.
      "Du bist auch mein Freund, was sagt das dann über dich aus? Du liegst in meinem Bett und gibst sarkastische Sprüche von dir, während du vor fünf Minuten noch fast auf meinem Boden verblutet wärst. Ich hatte schon Patienten, die bei viel weniger in Ohnmacht gefallen sind - oder erst geweint haben und dann in Ohnmacht gefallen sind."
      Er zog sich Handschuhe über und entfernte die Sicherheitsnadeln von Vincents Verband.
      "Einen lachenden Patienten hatte ich noch nie."
      Mittlerweile hatte sich bereits ein eigenes, feines Lächeln auf sein Gesicht geschlichen, das er noch nicht einmal realisierte. Erst, als Vincent noch einmal lachte und abbrach um tief Luft zu holen, hatte der Arzt in ihm wieder die Überhand gewonnen und brachte die Ernsthaftigkeit zurück.
      "Ganz vorsichtig. Entspannen, hier unten."
      Er massierte ihm mit der flachen Hand sanft über den Bauch, während er mit der anderen den Druckverband vorsichtig löste und abwickelte. Als Vincent erneut sprach, blickte er nur kurz zu ihm auf, bevor er sich wieder auf seine Arbeit konzentrierte.
      "Nein, nein das bin ich ganz sicher nicht. Du bist nicht dazu verpflichtet meine Freunde zu mögen."
      Und seine Freunde waren nicht dazu verpflichtet ihn abzustechen, aber das war ein anderes Thema, über das er sich noch ausgiebig mit Stephen auseinandersetzen würde.
      "Du musst ihm auch nicht verzeihen. Wenn ich früher erkannt hätte, was für eine... Meinung er wohl von dir hat, hätte ich dich nicht noch einmal eingeladen. Dafür kannst du nichts."
      Die Wunde hatte größtenteils bereits aufgehört zu bluten, aber das würde nur so bleiben, wenn Vincent sich nicht weiter bewegte. Thomas streichelte ihm weiter über den Bauch, während er nach einem Fläschchen griff, zwischen seinen Knien einklemmte und einhändig aufschraubte.
      "Er war nicht immer so... exzentrisch, wenn du verstehst. Eigentlich war er mal ein ganz netter Mann, aber über die Jahre verändert man sich halt."
      Eigentlich war er auch mal ein richtiger Jäger gewesen und kein Mörder. Mittlerweile war Thomas sich nicht mehr sicher, ob Stephen den Unterschied überhaupt kannte.
      "Das ist eine Kochsalzlösung, damit werde ich die Wunde erst ein bisschen sauber machen, okay? Das könnte vielleicht ein bisschen stechen, deswegen nur nicht zucken, schön entspannt bleiben. Bereit? Tief Luft holen, entspannen hier unten, Luft holen und... ausatmen."
      Er tröpfelte die Lösung über den Schnitt, wischte mit einem Tuch an den Rändern nach und tröpfelte wieder ein bisschen.
      "Das machst du gut, ist schon vorbei, alles gut. Schön weiteratmen, ja?"
      Er wischte nach, schraubte das Fläschchen zu und griff nach dem Desinfektionsmittel.
      "Ich glaube, Stephens Beruf hat ihn ein wenig... verpestet. Er lässt es sich zwar nicht anmerken, aber die Geschäftswelt in England ist ein verruchter Ort. Viel Druck und viel Stress und sowas, das verändert einen - auch wenn das natürlich nicht rechtfertig jemanden abzustechen."
      Er schraubte auch das Desinfektionsmittel auf und setzte an, allerdings verharrte er dann und sah zu Vincent auf, streichelte ihm wieder über den Bauch.
      "Bereit? Das wird ein bisschen mehr weh tun als die Lösung."
      Er musterte Vincents Gesicht, beobachtete wie er atmete. Er wollte den armen Mann nicht durch Schmerzen in die Bewusstlosigkeit befördern.
      "Ganz locker lassen, ja? Ich zähle bis drei, dann desinfiziere ich. Hol nochmal tief Luft für mich, okay? Das machst du gut, ist alles fast geschafft. Tief Luft holen - eins... zwei -"
      Er drückte mit der Hand ein bisschen runter, um Vincent an einer ungewollten Bewegung zu hindern, dann sprühte er bei zwei bereits direkt auf die klaffende Wunde.
    • Vincent konnte sich geradeso davon abhalten, einen weiteren schneidigen Kommentar über Thomas' Freunde zum Besten zu geben. Wenn der Mann doch nur wüsste...
      Stattdessen konzentrierte sich Vincent lieber darauf, seine Atmung wie angewiesen unter Kontrolle zu halten.
      "Exzentrisch ist das falsche Wort, meiner Meinung nach. Aber ich kann verstehen, warum er so reagiert hat. Ich kenne ihn nicht gut genug, und er versteckt sich auch recht erfolgreich hinter dieser eisernen Maske, aber von dem was ich so gesehen habe..."
      Vincent zischte, biss sich auf die Unterlippe. Das Brennen, das für den Großteil in den Hintergrund seines Bewusstseins gerutscht war, flutete nun seine Nervenbahnen erneut. Es war nicht das schlimmste aller Gefühle, aber es tat dennoch weh. Er hielt sich an Thomas' Worten fest und versuchte, sich daran zu orientieren.
      "Wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich zwar nicht direkt zu einem Messer gegriffen, aber ich hätte auch eine sehr starke Meinung, wenn jemand versuchen würde, dich mir wegzunehmen."
      Er nickte Thomas zu, sein stummes Zeichen, dass der Doktor weitermachen sollte mit was auch immer er zu tun gedachte. Er atmete, schloss die Augen und bereitete sich auf den Schmerz vor.
      Vincent hatte das Gefühl, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden. Er packte die Laken des Bettes, krallte sich daran fest. Er versuchte verzweifelt, sich nicht zu bewegen, genau wie Thomas es von ihm wollte, doch seine Muskeln gehorchten ihm nicht ganz. Eine seiner Hände löste sich von ganz allein und im nächsten Moment spürte Vincent, wie er das Kopfteil schlug. Glücklicherweise legte er nicht all seine Kraft in den Schlag und das Möbelstück blieb intakt. Er hätte es mit Leichtigkeit zerbrechen können.
      Als er die Augen wieder öffnete, tanzten schwarze Punkte durch sein Sichtfeld.
      "Ein Bisschen?!" waren die ersten Worte, die Vincent über die Lippen bringen konnte.
      Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit Thomas ihn so malträtiert hatte. Sein ganzer Körper beschwerte sich, seine Flanke pochte unangenehm im Takt seines langsamen Herzschlages.
      "Erinnere mich bitte daran, dass ich mich nie wieder abstechen lasse, ja? Diese Erfahrung habe ich gemacht, ich brauche sie nicht noch einmal."


    • Thomas spürte unmittelbar die Hitze in seinen Kopf steigen, während er Vincent einen flüchtigen Blick zuwarf, nur um sich zu vergewissern, dass seine Miene auch zu seinen Worten passte. Er hätte ungern zugegeben, wie sehr ihn seine Worte wirklich berührten, ein bisschen wie Balsam für seine Seele. Vincents besitzergreifende Art schmeichelte ihm.
      Er senkte wieder den Kopf, zum einen um sich nicht nochmal ablenken zu lassen, zum anderen um sich die Hitze in seinem Gesicht nicht anmerken zu lassen. Und das feine Lächeln, das sich unlängst auf seine Lippen geschlichen hatte.
      Als er schließlich ansetzte, zuckte Vincent beinahe genau so, wie er vorausgesehen hatte und stemmte sich gegen seine Hand, mit der er ihn noch immer fixierte. Eine Welle des Mitgefühls ergriff ihn, zu stark für seine sonstige Professionalität, als er dem gepressten Atem seines Freundes lauschte. Er wusste, wie sehr es schmerzte und wenn er könnte, hätte er seinem armen Freund die Qualen irgendwie abgenommen, aber er konnte nichts anderes tun als weiter auf ihn einzureden.
      "Ich weiß, ist gleich vorbei, einen Moment noch. Ist gleich vorüber, du hast es bald geschafft. Locker lassen Vincent, ich weiß es tut weh, du hast es gleich geschafft. Schön locker lassen, shhh."
      Zu seiner Besorgnis war sein Zucken heftig genug, um die Wunde wieder zu öffnen und das Blut zum Laufen zu bringen. Es war sogar so heftig, dass Vincent die Faust ungewollt ans Kopfende schlug.
      Thomas zog ein wenig die Augenbrauen zusammen.
      "Ganz ruhig Vincent, lass locker. Entspann dich, shhh. Ist gleich vorbei, das machst du ausgezeichnet."
      Seine Hände arbeiteten von allein, flink wie immer, während er mit der einen Hand den Druckverband zur Stelle nahm und zeitgleich mit der anderen ein Tuch ergriff und nachwischte. Die Hände wechselten und er presste den Verband drauf, nicht mehr ganz so stark wie vorhin, aber fest genug. Er wickelte den Verband um Vincents Bauch und fixierte ihn, so schnell wie immer.
      "Schon vorbei, du hast es schon geschafft."
      Dann streifte er sich die Handschuhe ab und ließ sie auf den winzigen Müllhaufen fallen, den er mit dem alten Verband bereits auf dem Boden angelegt hatte. Er blickte zu Vincent auf, der von seiner Tortur langsam wieder herunterkommen zu schien - oder herauf? Sein Blick wirkte etwas glasig und unstet ein paar Sekunden lang. Es war sowieso schon ein Wunder, dass er nicht einmal geschrien hatte, geschweige denn in Ohnmacht gefallen war. Der Mann schien wohl härter zu sein als Thomas dachte und irgendwie machte ihn das stolz.
      "Vielleicht habe ich etwas untertrieben."
      Er schmunzelte ein bisschen, dann strich er über Vincents Bauch hoch zu seiner Brust, streichelte ihn zärtlich, um ihn von seiner Wunde abzulenken. Er ergriff die Hand, mit der Vincent soeben noch auf das Holz geschlagen hatte und massierte ihm mit dem Daumen über den Handrücken, vorsichtig aber bestimmt.
      "Wie geht's dir? Schwindelig? Übel?"
      Er lehnte sich ein Stück vor, um ihm die Hand an die Stirn zu legen. Er war warm, aber nicht übermäßig heiß, auch an seiner Wange.
      "Ich bringe dir etwas zu trinken, okay? Ich muss eh noch eine Sache erledigen. Du bleibst hier und ruhst dich aus, verstanden?"
      Er stand auf, zog die Decke wieder zurecht und deckte Vincent darin ein. Er schob auch sämtliche Kissen in seine Reichweite zusammen, falls er sie brauchen könnte, und vergewisserte sich, dass die Decke an allen Stellen richtig saß. Schließlich hauchte er ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.
      "Dauert nicht lange."
      Dann klaubte er seinen Sachen zusammen, lächelte Vincent sanft zu, schloss die Tür beim Hinausgehen hinter sich und ging nach unten in Richtung Küche.

      Thomas war nie ein Mann großer Emotionen gewesen. Er besaß sie, sicherlich, so wie jeder andere Mensch auch, aber er ließ sie nicht sehr zum Ausdruck kommen. Wenn er glücklich war, lächelte er ein bisschen, wenn er traurig war, wurde er schweigsam, wenn er wütend war, zog er die Augenbrauen zusammen. Mehr kam nicht hervor und mehr wollte er in den meisten Fällen auch nicht zeigen. Thomas war ein Mann, der seine Emotionen lieber für sich behielt.
      Nicht aber in diesem Moment, in dem er Stephen in der geschlossenen Küche konfrontierte, der Mann so gottverdammt selbstgefällig, dass er glaubte, ihm würde gleich eine Ader platzen. Er war in seinem Leben bisher zwei Mal laut geworden und jetzt kam das dritte Mal.
      "... es geht mir um den Respekt vor mir - vor Vincent! Wie kann es dir nur in den Sinn kommen, einen unschuldigen Mann abzustechen und das auch noch in meinem Haus! Unter meinem Dach!!"
      "Er ist nicht unschuldig. Und selbst wenn er es ist; lieber eine potentielle Gefahr zu wenig als zu viel."
      Stephen drückte seine Emotionen anders aus als Thomas. Seine Wut brachte er mehr durch einen sehr eindringlichen, sehr scharfen Blick zum Ausdruck, mit dem er zu sagen wollen schien: Pass auf, wie du mit mir redest, sonst wirst du es noch bereuen.
      Aber Thomas passte nicht auf.
      "Was macht ihn schuldig?! Huh?! Sag es mir! Dass er es gewagt hat, zum Essen zu kommen?! Dass er uns vorgespielt hat?! Dass er es mit deiner miesen Laune aufgenommen hat, auch wenn er alles Recht dazu gehabt hätte, dich so zu behandeln wie du ihn?!"
      "Er hat die Tests nicht bestanden. Er hat -"
      "Die Tests! Die gottverdammten Tests! Sicher, Stephen, ich habe auch gesehen, dass sich seine Haut unter dem Licht abgeschält hat! Oder - oder dass er dein Blut vom Anzug geleckt hat!"
      "Erwartest du wirklich -"
      "Er hat NICHTS getan, was in irgendeiner Weise rechtfertigen könnte, dass du ihn abstichst! Abstichst!! In meinem Haus! Er ist mein Gast!!"
      Stephen starrte und Thomas hasste ihn dafür.
      "Der Verdacht reicht."
      "Jungs, es ist doch nicht -", versuchte Darcy dazwischen zu grätschen, aber wie schon zuvor blieb ihr Versuch fruchtlos.
      "Der Verdacht bestätigt nicht die Regel - DU solltest es von allen Menschen wissen! Wenn du morden willst dann tu' es, bring jeden Mann in ganz England um der dich nur falsch ansieht, aber erwarte nicht von mir, dass ich jemals auch nur ein weiteres Wort mit dir wechseln werde!"
      Für einen langen Moment war es still während Stephen versuchte, Thomas mit seinem Blick niederzuringen. Es war auch schwierig diesem stechenden Blick zu widerstehen und sich nicht beugen zu wollen, einfach damit man nicht erfuhr, ob die unausgesprochene Drohung dahinter in die Realität umgesetzt werden würde. Aber Thomas hatte nicht die Nerven dazu, diese Farce weiter aufrecht zu erhalten. Sein Geliebter lag im Stockwerk über ihnen beinahe ausgeblutet im Bett und obwohl Thomas seinen Heilkünsten vertraute, ging es ihm ums Prinzip. Stephen würde nicht weitermorden, nicht in seinem Haus, nicht in seiner Stadt. Es war nicht das erste Gespräch, das sie darüber führten, aber es würde das letzte sein.
      Als Stephen wieder sprach, hätte Thomas ihn beinahe nicht verstanden, so sehr rauschte das Blut in seinen Ohren.
      "Die verfluchte Schwuchtel hat es nicht anders verdient."
      Jetzt war es an Thomas zu starren und obwohl er sich nicht rührte, obwohl er sogar zu Stein erstarrt war, konnte er es doch reißen hören, als wäre greifbar, was auch immer gerade in seinem Inneren vorging. Neben ihm wirkte Darcy sichtlich verstört und blickte vom einen zum andern.
      "Lasst uns doch alle für einen Moment runterkommen. Wir haben bestimmt alle etwas gesagt, das wir nicht so -"
      "Raus aus meinem Haus!"
      Thomas hörte sich heiser an.
      "Raus! Ich will dich hier nicht wieder sehen!"
      Diesmal zog Stephen die Stirn in Falten.
      "Wenn du mich rausschickst, dann erwarte nicht, dass ich wiederkomme."
      "Wer sagt, dass ich dich wieder sehen will!!"
      Stephen kniff die Augen zusammen, dann knurrte er etwas, das Thomas nicht ganz verstehen konnte. Er hätte ihn womöglich auch dann nicht verstanden, wenn er in normaler Lautstärke gesprochen hätte, so sehr rauschte es in seinen Ohren. Er war sich sicher, dass er etwas tun würde, was er noch bereuen könnte, wenn Stephen noch etwas sagte.
      Aber der Mann blieb stumm, drehte sich schließlich mit all seiner verbliebenen Würde auf dem Absatz um, riss die Tür auf und marschierte aus der Küche hinaus.
      Darcy sah verunsichert zwischen beiden Männern hin und her, dann sagte auch sie etwas, das Thomas nicht verstehen konnte, und lief ihrem Bruder hinterher. Einen Moment verharrte Thomas noch auf der Stelle, dann setzte auch er sich in Bewegung, lediglich aus dem Zweck sicherzustellen, dass sein verbannter Freund tatsächlich seiner Aufforderung nachkam.
      Als er bei der Eingangstür angekommen war, konnte er beobachten, wie Stephen wortlos in die Kutsche kletterte, während Darcy auf ihn einredete. Er sagte etwas, woraufhin seine Schwester eine ungeduldige Erwiderung von sich gab, bevor er im Inneren verschwand. Sie blickte zurück, bemerkte Thomas, lief zu ihm zurück, küsste ihn flüchtig, murmelte dass alles gut werden würde und ein paar weitere sinnlose Bemerkungen, und lief dann wieder zurück, um hinter ihrem Bruder her in die Kutsche zu klettern. Thomas wartete nicht darauf, dass sie abfahren würden, sondern knallte die Tür zu.

      Sein Blick fiel auf den Blutfleck am Boden als er sich umdrehte, der den Teppich und das Holz darunter färbte und wie ein unheilvolles Omen auf ihn wirkte. Er starrte lange ohne zu merken, dass Beth sich vorsichtig näherte.
      "Soll ich den Teppich wegwerfen, Herr van Helsing? Ich glaube das Blut werde ich nicht mehr rauskriegen."
      Thomas blinzelte. Er wandte sich ihr zu, plötzlich froh darum dieses Gesicht zu sehen, das ihn schon sein ganzes Leben lang begleitet hatte.
      Er nickte schwach.
      "Ja. Ja ich denke wegschmeißen ist gut."
      "Geht es ihm gut?"
      "... Hm?"
      "Herrn Harker?"
      "... Ja. Der Situation entsprechend. Ich werde nach ihm sehen."
      Beth nickte bekräftigend und lächelte ein wenig.
      "Das sollten Sie."
      "... Und würdest du Nora bitte ausrichten lassen, dass Vincent ein paar Tage hier bleibt? Nicht, dass sie auf ihn wartet."
      "Nora?"
      "Seine Haushälterin."
      "Aber selbstverständlich."

      Er kam mit einem Glas Wasser bewaffnet wieder zu Vincent hoch, nachdem er sich einen weiteren Moment genommen hatte, um seine Nerven zu beruhigen. Obwohl er sich ziemlich sicher war, dass der Mann nichts von ihrem Streit mitbekommen hatte - die Küchen- und Gästezimmertür hatte er zugemacht - konnte er doch nicht umhin ein wenig nervös zu sein. Er stellte das Glas auf dem Nachttisch ab und beugte sich über ihn, vorsichtig um ihn nicht zu wecken, falls er schlief.
      "Vincent...?"
    • Vincent machte eine Bestandsaufnahme von sich selbst. Der Tag war alles andere als gut verlaufen. Das Sonnenlicht hatte ihn durchgehend geschwächt und hungrig gemacht. Sein ausgiebiges Frühstück hatte nicht einmal dafür ausgereicht. Der zusätzliche Blutverlust machte die Sache geradezu gefährlich. Sein momentaner Zustand besorgte ihn nicht. Das Problem würde erst auftreten, wenn das Monster sich von dem Angriff erholt hatte. Ein verletztes Tier neigte dazu, sich aggressiv gegen alles zu wehren. Und ein ausgehungertes Raubtier neigte dazu, verzweifelt zu jagen. Der einzige Vorteil, den ein Angriff mit Silber brachte: es schwächte das Monster.
      Vincent bewegte sich probeweise, aber als er das Brennen in seiner Flanke spürte, hörte er sofort auf. Was auch immer Thomas gemacht hatte, es hatte nicht gegen das Silber geholfen, das ihn nun langsam vergiftete. Er hatte es nicht in den Adern, es würde ihn also nicht umbringen. Aber angenehm würde es auch nicht werden.
      Um sich auf andere Gedanken zu bringen, lauschte er den Geräuschen des alten Hauses. Die wurden jedoch schnell von einem Streit übertönt, den Vincent dann doch sehr viel interessanter fand. Also konzentrierte er sich darauf.
      Vincent fühlte sich geschmeichelt angesichts des Elans mit dem Thomas ihn verteidigte. Stephens Antworten allerdings bereitete ihm Sorgen. Ein Jäger, der bereit war, auf Verdacht hin zu töten, war eine Art Mensch, die ein gewaltiges Risiko in sich barg. Nicht nur waren sie gefährlich für andere Menschen, sie zogen auch gefährliche Vampire an. Vampire, die sich entweder mit einer solchen Naturgewalt messen wollten - was für gewöhnlich enormen Kollateralschaden nach sich zog - oder Vampire, die dieses Gewaltpotenzial für sich nutzen wollten, indem sie den Jäger zu einem Leben als Vampir verdammten - was für gewöhnlich ein ähnliches Maß an Kollateralschaden nach sich zog, wenn nicht sogar noch mehr. Angesichts der großen Population vor Ort, keine gute Ausgangssituation.
      Und dann ließ Stephen dieses Wort fallen. Vincent lachte doch tatsächlich - zumindest bis seine Wunde wieder schmerzte.
      "Stephen, Stephen, Stephen," seufzte Vincent kopfschüttelnd.
      Wäre der Mann nicht so versessen darauf, ihn umzubringen, würde Vincent gern einmal mit dem Mann reden. Privat. Ihm ein paar Dinge klarmachen. Aber so wie die Dinge standen, würde das wohl nie geschehen.
      Die Worte brachen ab, Türen wurden geöffnet und geschlossen, Vincent verlor das Interesse. Er schloss die Augen und gab sich seiner Müdigkeit ein wenig hin, auch wenn er dank der nun vorherrschenden Nacht nicht müde genug war, um tatsächlich zu schlafen.
      "Vincent...?"
      "Thomas...?"
      Er öffnete die Augen wieder und lächelte. Dann, ohne Vorwarnung, hob er den Kopf und stahl sich einen Kuss von dem Arzt.
      "Alles in Ordnung? Du siehst mitgenommen aus."
      Er konnte nicht anders und legte Thomas eine Hand an die Wange, strich ihm mit dem Daumen sanft über die Haut.
      "Und ich sage das nicht nur, weil du noch immer ein bisschen von meinem Blut im Gesicht hast. Genau da."
      Er tippte Thomas sanft gegen eine Stelle gleich bei dessen Ohr. Ein Blutspritzer hatte sich wohl dorthin verirrt, als er im Eingangsbereich nach Thomas gegriffen hatte.
      "Hast du Nora Bescheid gegeben?"


    • Vincent überraschte Thomas mit seinem Kuss, aber nicht auf die schlechte Art. Die Ruhe kehrte zurück, als sich ihre Lippen berührten und er ließ sich auf die Bettkante fallen.
      "Ich sehe mitgenommen aus?"
      Er fuhr sich mit den Fingern durch die wirren Haare, als ob das seine Mitgenommenheit eindämmen könnte und lächelte dann zaghaft. Natürlich wusste er, weshalb er so aussah, aber vielleicht konnte er es ja noch irgendwie überspielen.
      "Du solltest dich mal sehen. Du bist immernoch wach und siehst aus wie ein Geist. Du solltest wirklich schlafen, Vincent."
      Er machte allerdings keine Anstalten dieses Gespräch abzubrechen oder wieder zu gehen. Stattdessen genoss er die flüchtige Berührung des Mannes, neigte sogar leicht den Kopf, um ihn gegen dessen Hand zu lehnen. Als er auf den Blutspritzer aufmerksam gemacht wurde, legte er die eigene Hand über Vincents und zog sie von seiner Wange, nur um sie in seinem Schoß zu halten. Nachdem er ein Taschentuch hervorgezogen, sich das Blut weggewischt und es wieder eingesteckt hatte, legte er auch die andere Hand über Vincents und streichelte seinen Handrücken.
      "Beth wird ihr ausrichten lassen, dass du hierbleiben wirst, keine Sorge."
      Er hob seine Hand an, küsste jeden Fingerrücken einzeln und umschloss sie wieder mit seinen Händen, bevor er sie zurück in seinen Schoß legte. Eigentlich hätte er gern über etwas anderes gesprochen, aber er wusste, dass er nicht dran vorbei kommen würde.
      "Ich habe Stephen weggeschickt, er wird dich nicht wieder belästigen. Nie wieder."
      Er lächelte erneut, aber dieses Mal war es ein reines Doktoren-Lächeln, das nicht stark genug war um seine Augen zu erreichen. Sein Blick lag kummervoll auf Vincent.
      "Es tut mir so leid, Vincent. Ich glaube, er hatte dich nie wirklich gemocht und ich hätte wissen müssen, dass er... zu weit gehen würde. Er ist nicht gemeingefährlich, er sticht nicht jeden ab den er nicht leiden kann, aber das waren wohl... besondere Umstände, nehme ich an. Bitte verzeih mir."
      Er küsste seine Hand erneut, versuchte ihm alle seine Gefühle damit zu übertragen. Nicht alle, aber zumindest die, die Vincent betrafen.
      "Ich werde die Wunde morgen nähen und dann wird sie ganz narblos verheilen, vertrau mir. Es ist nur ein kleiner Stich, nichts weiter, es wird alles gut werden. Du wirst Stephen nie wieder begegnen, das verspreche ich dir."
      Er wollte ihm selbst nie wieder begegnen, auch wenn das mit Darcy wahrscheinlich unmöglich wäre.
      Das war ein weiteres Problem, das er nicht bedacht hatte: Was würde Darcy tun, wenn sich die beiden Männer zerstritten? Würde Stephen verlangen, dass sie sich von Thomas trennte?
      Während Thomas Vincent in diesem Moment beobachtete wurde ihm klar, dass ihm das recht herzlich egal war. Solange er Vincent hatte, solange er mit ihm zusammen sein konnte, war ihm alles andere egal - zumindest in diesem Augenblick.
      Umso größer war allerdings die aufkeimende Sorge, ihn durch diesen Vorfall verlieren zu können.
      "... Was denkst du? Bist du mir böse?"

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    • Vincent hatte schon befürchtet, dass Thomas ihn hierbehalten wollte. Der nächste Tag würde anstrengend werden. Immerhin würde es ihm der Arzt wohl nicht zu sehr nachsehen, wenn er den Tag verschlief.
      "Da gibt es nichts zu verzeihen und nichts, was ich dir vorwerfen könnte, Thomas."
      Er verschränkte seine Finger mit denen von Thomas.
      "Du bist nicht derjenige, der mit einem Messer rumgefuchtelt hat. Du wolltest mir deine Freunde vorstellen und einer davon hat sich daneben benommen. Gewaltig daneben benommen, ja, aber dafür kannst du ja nichts. Du hast ihm weder das Messer gegeben, noch hast du es benutzt."
      Vincent klopfte neben sich auf das Bett, wollte Thomas neben sich liegen haben, die Wärme des Mannes spüren. Er wollte Thomas von den dunklen Gedanken ablenken, die ihn zu plagen schienen.
      "Ich kann mich nicht aufsetzen und dich in den Arm nehmen, du musst mir schon ein bisschen entgegenkommen," kommentierte er mit einem sanften Lächeln.
      Sobald der Arzt neben ihm lag, legte Vincent ihm einen Arm um die Schultern und küsste seinen Scheitel.
      "Was waren denn diese 'besonderen Umstände'?" fragte er ganz unschuldig, obwohl er sich seinen Teil denken konnte. "Und sag mir nicht, dass Werwölfe auch noch existieren und ich die falsche Mondphase erwischt habe, um Stephen kennenzulernen."


    • Thomas tat nichts lieber, als neben Vincent ins Bett zu kriechen - nicht vor einem absichernden Blick zur Tür - und sich neben ihm ins Bett zu legen, sorgfältig darauf bedacht, ihn mit seinen Bewegungen nicht zu sehr herumzuschaukeln. Nach ein paar versuchsweisen Annäherungsmethoden entschied er sich dazu, seinen Kopf auf Vincents Schulter abzulegen und sich an seine unverletzten Seite anzuschmiegen. Die Wärme des Bettes und von Vincent empfing ihn unmittelbar und hüllte ihn in eine angenehme Friedseligkeit, die sämtliche Befürchtungen wegblies. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht über diese ruhige Zweisamkeit, die er für nichts auf der Welt jemals eingetauscht hätte.
      Er richtete sich nach einem Moment wieder auf und stützte sich auf seinem Ellbogen auf, um nicht gegen Vincents Brust reden zu müssen. Seine andere Hand ließ er dort trotzdem liegen, nur um ihn weiterhin zu berühren.
      "Stephen wusste schon von dir, bevor ihr euch kennengelernt habt - naja, wer tut das eigentlich nicht in England. Aber Darcy hat ihm natürlich davon erzählt, als ich deine Einladung bekommen habe."
      Ohne die sie gar nicht erst hier zusammen liegen würden.
      Der Gedanke ließ Thomas lächeln.
      "Er hat sich sicherlich ein Bild von dir gemacht, bevor du überhaupt gekommen bist. Und dann warst du hier und er hat wohl etwas anderes erwartet - oder er war nicht ganz einverstanden damit, dass wir uns mit dir angefreundet haben. Mit "jemandem wie dir" wie er wahrscheinlich sagen würde. ... Versteh das nicht falsch."
      Stephen war ganz sicher zu keiner Zeit erfreut darüber gewesen, dass Thomas sich mit dem "Verdachtsobjekt" angefreundet hatte und wenn Thomas darüber nachdachte, hatte es auch bisher nie ein größeres Streitthema zwischen ihnen gegeben. Sicher, Stephens Mordlust war besorgniserregend und auch nicht zwingend nach Thomas' Gefallen, aber er war noch immer ein passabler Jäger und so wie Darcy ihm erzählte, ging er nicht durch die Straßen und massakrierte jeden, der ihm über den Weg lief. Das Thema kam daher nur vergleichsweise selten auf.
      Nur bei Vincent schien er es sich wohl felsenfest in den Kopf gesetzt zu haben, dass der Mann ein Vampir war. Aber auch das war nichts, was sie nicht schon zusammen durchgekaut hätten.
      "Ich habe sogar schon einmal wegen dir mit ihm geredet, vor den paar Tagen in Restaurant, als er so unglaublich unhöflich zu dir war. Er muss dich nicht mögen, aber das hier übersteigt alle Grenzen, dafür kann ich auch kein Verständnis mehr aufbringen."
      Er fuhr mit dem Finger die Konturen von Vincents Muskeln nach und beobachtete für einen Moment, wie seine Fingerspitze über die makellos glatte Haut strich. Es schmerzte ihn zu wissen, dass sein Freund verletzt war und er ihm nicht einmal die Schmerzen abnehmen konnte.
      "Du hast es aber eigentlich ziemlich gut weggesteckt, wie ich finde."
      Er musterte wieder sein Gesicht, beugte sich zu Vincent hinab und küsste ihn flüchtig.
      "Für jemanden, bei dem ich davon ausgehe, dass er nicht alle paar Tage abgestochen wird, hast du eine ziemlich hohe Schmerztoleranz. Das ist gut, vielleicht sogar wichtig. In dir steckt bestimmt ein Kämpfer."
      Er lächelte wieder.
    • "Jemand wie ich..." wiederholte Vincent und schüttelte den Kopf leicht.
      Er wusste, in welchen Zeiten er lebte und wie engstirnig die Menschen heutzutage sein konnten. Stephens spezielle Abneigung war beinahe faszinierend. Beinahe.
      "Da gibt es nichts falschzuverstehen, Thomas. Ich würde sagen, Stephens Standpunkt ist klar."
      Zumindest auf den ersten Blick. Allerdings war Vincent keinen Deut interessiert an den Schichten von Stephens Psyche und Sexualität. Damit durfte der Mann gern selbst klarkommen.
      "Ein Kämpfer? Ich bevorzuge dann doch lieber debattieren. Worte können sehr mächtig sein. Vielleicht sollte ich meine Erzfeinde einfach mit Büchern bewerfen? Ich denke nicht, dass sie sich von einem einfachen Degen fürchten werden, aber eine Schmuckausgabe von Les trois mousquetaires sollte einem schon die Nase brechen."
      Vincent seufzte.
      "Ich bin an Schmerzen gewöhnt", sagte er schließlich ein bisschen ernster. "Vor einer Ewigkeit war das tatsächlich wichtig. Ich dachte eigentlich, dass ich das hinter mir habe."


    • Thomas' Lächeln steigerte sich zu einem Grinsen, das ihm selbst sehr dümmlich vorkam. Er sollte Vincents Bemerkung nicht so lustig finden, wie er es tat, aber er hätte beinahe darauf gelacht. Sein trockener Humor passte so wunderbar zu seinem Charme, es war schon beinahe zu perfekt um wahr zu sein. Zu perfekt, um sich nicht davon hinreißen zu lassen.
      Die Stimmung hielt allerdings nicht lange an und Thomas wurde äußerst aufmerksam bei seinen folgenden Worten.
      "Gewöhnt?", echote er, ungläubig darüber, dass einem Mann wie Vincent jemals etwas derart tragisches widerfahren hätte können. Ein Jäger war an Schmerzen gewöhnt, selbstverständlich, aber das war Vincent nicht. Ein Soldat vermutlich auch, aber dafür wirkte Vincent zu jung und zu gesund, um nicht mehr im Militär zu sein. Thomas kannte zwar die genauen Vorschriften nicht - er war zwar seiner Wehrpflicht in jüngeren Jahren genauso nachgekommen, aber für Ärzte gab es speziellere Regeln und Ausnahmen - aber er war sich ziemlich sicher, dass es schwierig war, da auch wieder herauszukommen.
      Allerdings hatte er auch keine Ahnung wie alt Vincent wirklich war, wie ihm auffiel.
      "Was ist damals passiert?"
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