[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Thomas war nicht der Einzige, der hier seinen Spaß hatte. Jede noch so kleine Reaktion des Mannes stachelte Vincent an, weiter zu machen, weiter zu gehen als zuvor. Und als Thomas dann unter ihm zusammenbrach, ihm wirklich alles gab, was er hatte, da wusste Vincent, dass dieser Mann, dieser Mensch wirklich ihm gehörte. Sein Zahnfleisch juckte, wohlwissend dass es da noch eine Sache gab, die Thomas ihm nicht gegeben hatte.
      Während Thomas' Körper sich langsam wieder beruhigte, liebkoste Vincent ihn sanft. Seine Finger malten sinnlose Muster auf Thomas' schwitzige Haut; er lehnte seinen Kopf gegen Thomas Oberschenkel.
      "Vincent… komm her. Küss mich…"
      Er kam der Aufforderung ohne zu zögern nach. Er legte sich auf Thomas, genoss jede noch so kleine Berührung ihrer Körper, und küsste ihn. Der Drang, ihn einfach in die Lippe oder die Zunge zu beißen, war geradezu überwältigend.
      "Wir können gern aufhören, wenn es dir zu viel wird," flüsterte er an Thomas' Hals.
      Er strich dem Mann eine verirrte Haarsträhne aus dem verschwitzten Gesicht. Wie hatte ihn ein Mensch, noch dazu ein Jäger, so sehr um den Finger wickeln? Was war so anders an Thomas, dass es ihn so in seinen Bann zog?
      Vincent küsste den dunklen Fleck an Thomas' Hals, gleich über dessen Halsschlagader. Wie sehr er seine Zähne genau hier in das Fleisch des Mannes schlagen wollte. Selbst ein einzelner Tropfen wäre ihm schon genug. Bevor er groß darüber nachdenken konnte, biss Vincent zu. Sanft, sehr viel sanfter als Thomas zuvor, ohne die Haut zu durchdringen. Es half nur bedingt gegen den Drang, den seine animalische Seite zu erfüllen suchte. Aber Vincent würde sich nicht überwältigen lassen. Vincent würde nicht einklicken. Er würde Thomas nicht wehtun, niemals.


    • Thomas schlang die Arme um Vincent, für den einen Moment in vollkommener Glückseligkeit darüber, den Mann halten zu können. Sein funktionierendes Gehirn hätte sicherlich nach einer rationalen Erklärung dafür gesucht, weshalb der andere ihn gerade jetzt so glücklich mit seiner Anwesenheit machte, aber das Gehirn, das er jetzt besaß, arbeitete auf Minimalbetrieb. Seine Gedanken trieben in einer trüben, breiigen Masse einher, zugedeckt von einem samtigen Schleier und es war ihm herzlich egal, weshalb er Vincent bei sich haben mochte, er genoss es einfach. Es war schön, sich die Auszeit zu nehmen und einmal nicht zu denken. Er wusste nicht, ob er in den letzten Jahren jemals dazu gekommen war.
      Vincents Kuss erreichte ihn sehnsüchtig, er genoss den prickelnden Atem an seinem Hals. Sein ganzer Körper sprang noch auf Vincent an wie auf eine Droge.
      Als er zu ihm flüsterte, sah er zu ihm auf, strich mit den Fingern sanft über seine Schulter.
      "Nein. Ich bin belastbar, aber vielleicht… vielleicht bleibe ich lieber unten."
      Er ließ sich von Vampiren verprügeln, aber beim Sex knickte er ein? Ein bisschen kratzte das schon an Thomas' Selbstwert, auch wenn er das niemals zugegeben hätte. Aber so war es nun einmal, er jagte schon sein Leben lang, Sex war aber etwas, das er mit Vincent zum ersten Mal zu erleben schien.
      Er reckte sich ein wenig, ermöglichte dem Mann Zugang zu seinem Hals. Ein Kuss prickelte ihm über die Haut, gefolgt von einem sanften Biss, bei dem er die Augen schloss. Er versank gänzlich in dem Gefühl, drückte Vincent ein Stück fester an sich, ließ seinen Atem stoßweise entgleiten. Bei dem Geräuschpegel, den er bereits an den Tag gelegt hatte, kümmerte es ihn nicht mehr, seine Reaktionen zu unterdrücken - und irgendwas sagte ihm, dass Vincent das genauso wenig wollte.
      Er fuhr durch die Haare des anderen und zog schwach daran, bis er sich von seinem Hals löste und zurück zu seinen Lippen wanderte. Thomas biss ihm neckend in die Unterlippe.
      "Ich will, dass du kommst", murmelte er und sah in die glitzernden Augen auf. "Benutz mich, so wie ich dich benutzt habe."
    • "Ich könnte dich niemals benutzen," gab Vincent zurück, "Dafür bist du viel zu kostbar."
      Er küsste Thomas erneut, schenkte ihm jedes bisschen Zuneigung, das er hatte, bevor seine Hüften zwischen die Beine des Doktors schob. Sanft, sehr viel sanfter als er in der letzten Runde gewesen war, schob sich Vincent in Thomas hinein. Sein Tempo war langsam, träge sogar. Er gab ihnen beiden Zeit. Zeit, die sie sich in ihrer Begierde füreinander vorher nicht genommen hatten. Zeitgleich verteilte Vincent Küsse auf Thomas' Hals, seinem Kiefer, seiner Brust. Er nahm sich die Zeit, den Mann unter sich nach vollen Zügen zu verwöhnen. Er meinte seine Worte ernst. Er wollte Thomas zeigen, wie wertvoll er für Vincent war.
      Seine animalische Seite wollte so viel mehr. Sie wollte sich Thomas einverleiben. Sie wollte, dass Thomas sich ihn einverleibte. Er wollte eine Art Verbindung, die nur Vampire haben konnten. Eine Verbindung, die so viel mehr war als alles, was Menschen miteinander teilen konnten.
      "Thomas," keuchte Vincent. "Ich will Teil von dir sein. Ich will, dass du ein Teil von mir bist."
      Er musste sich auf die Zunge beißen, um nicht noch mehr zu sagen, um seinem Biest nicht noch mehr Kontrolle zu geben.
      Vincent vergrub eine Hand in Thomas' Haar, verschaffte sich besseren Zugang zu dessen Hals, so mitgenommen der auch war. Er wollte zubeißen, wollte es so sehr. Was hielt ihn davon ab? Er könnte sich diesen Menschen nehmen, ohne dass der etwas dagegen würde tun können.
      "Thomas..."


    • Vincents Worte hallten in Thomas' Kopf wieder, bahnten sich einen direkten Weg in sein Herz, wo sie sich spürbar einnisteten. Für einen kurzen Moment nur in seinem von Erschöpfung schlaffen Gehirn, glaubte er so etwas wie eine Erleuchtung zu erfahren, als ihn ein wohliges Gefühl beschlich. Aus irgendeinem Grund dachte er in diesem kurzen, offenbarten Moment an Darcy, während er die Silhouette von Vincent über sich betrachtete. Allerdings verschwand das Gefühl wieder, bevor er seinen Sinn und den Sprung in seinem Herz recht begreifen konnte.
      Vincent fuhr mit einer überraschenden Sanftheit fort, fast schon liebevoll, als er in Thomas empfindlich gewordenen Körper eindrang, der in diesem Moment wirklich froh darüber war zu liegen. Er griff nach dem Mann, fuhr ihm durch die Haare, über die Wange, über seine Schulter und seine Arme entlang, streichelte ihm den Rücken. Er gab ihm die Liebkosungen, die er selbst erhielt, in seiner Form zurück, hätte gerne mehr getan, wenn er denn gewusst hätte, was genau er wollte. Vincent wollte er, so viel stand fest. Alles andere war auch erstmal nebensächlich.
      Er spürte die gekeuchten Worte an seinem Hals, welche die teilweise Ruhe durchbrochen, Worte, deren Sinn sich ihm kaum erschlossen. Er wollte Teil von Thomas sein und andersherum? Waren sie das nicht, in diesem Moment? Oder funktionierten Thomas' Gedanken noch nicht richtig, um ihn verstehen zu können? Er fuhr Vincent durch die Haare, über den Nacken, genoss das Gefühl seiner Haut unter seinen Fingern.
      "Das sind wir", keuchte er schließlich aus Ermangelung an Verständnis dafür, was Vincent von ihm wollte. Wollte er mehr, war es das?
      "Du musst mir nur sagen, was du willst, ich gebe dir alles", murmelte er an Vincents Ohr, wissend, dass er die Worte so meinte, wie er sie ausgesprochen hatte. Er ließ sich von dessen Hand leiten und entblößte mehr von seinem Hals, der unter der sanften Behandlung erstaunlicherweise wenig schmerzte.
      Dann schien irgendetwas schief zu laufen.
      Entweder war es die Art, wie Vincent manchmal mit den Zähnen über Thomas' Hals strich oder wie er seine Hand in seine Haare vergraben hatte, vielleicht war es auch die Tatsache, dass Vincent sich immer dieselbe Stelle auszusuchen schien und kaum variierte. Vielleicht war Thomas auch schon erschöpfter, als er zugeben wollte; vielleicht war es auch ein bisschen von allem. In jedem Fall spürte er einen plötzlichen Kälteschauer durch seinen Körper rasen.
      Thomas verbrachte viel Zeit seines Trainings damit, seinen Instinkt zu schulen. Bei der Jagd gab es nur wenige Momente, in denen er aktiv Entscheidungen treffen konnte und nachdem ein einziger Fehler ihm das Leben kosten konnte, musste er sich auf einen voll funktionsfähigen, ausgeprägten Instinkt verlassen, der ihm das Leben rettete, bevor sein Gehirn überhaupt die Gefahr erkennen konnte. Thomas verließ sich viel auf seinen Instinkt, denn er glaubte daran, dass die natürlichen Sinne des Menschen schneller handelten als dass das Gehirn einen Befehl aussprechen konnte.
      Und dieser Instinkt versetzte ihn in plötzliche Panik.
      Bevor sein Gehirn zurückrudern und die Kontrolle übernehmen konnte, schoss seine Hand bereits vor, packte Vincents Hals mit einem geübten Griff, bei dem der Daumen auf dem Adamsapfel lag und hätte fast zugedrückt, riss ihn zeitgleich von seinem eigenen Hals weg. Adrenalin schoss durch seinen erschöpften Körper, belebte seine Sinne, versetzte ihn in Alarmbereitschaft. Binnen einer Sekunde war er dazu bereit, den Mann über sich von sich zu befördern.
      Eine Sekunde dauerte es auch, bis sein Kopf den Trieb seines Instinkts niedergekämpft und die Kontrolle zurück erobert hatte. Er ließ abrupt von Vincent ab, als habe er sich verbrannt und zwang Entspannung in seine Glieder zurück. Das soeben noch so wohlige Gefühl ihrer Zweisamkeit war wie ausgebrannt.
      "... Entschuldige, ich habe... ich dachte..."
      Er starrte Vincent für einen Moment an, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, wartete darauf, dass der Effekt seines Adrenalins wieder nachlassen würde. Schuldgefühle setzten kaum einen Augenblick danach ein.
      "Verzeih mir. Habe ich dir weh getan? Das wollte ich nicht. Das war nur ein... Reflex."
      Zugegeben, es war das erste Mal, dass sein "Reflex" im Bett ansprang, aber es war bereits jetzt für Thomas klar, dass er dieses Gefühl hasste. In seinem jetzigen Zustand, in dem er fast in seinen Jagdmodus übergewechselt hätte, fühlte er sich noch zu alarmiert, um sich vollständig auf Vincent einzulassen. Er bekämpfte den Drang, seinem Instinkt nachzugehen.
      "Vielleicht... vielleicht schonen wir meinen Hals ein wenig."
      Er schlang die Arme um Vincents Nacken, versuchte sich mehr auf dessen Präsenz, als auf sein rasendes Herz zu konzentrieren. Anscheinend war sein Instinkt doch nicht ganz so fehlerfrei, wie er gedacht hatte. Wahrscheinlich war er nur noch nicht die Liebkosungen eines Mannes gänzlich gewöhnt, um an seinem Hals davon unterscheiden zu können.
      Wieso er dann nicht früher schon alarmiert worden war, nachdem ihn Vincent schon etliche Male am Hals geküsst hatte, konnte er sich selbst nicht beantworten.
    • "Du musst mir nur sagen, was du willst, ich gebe dir alles."
      Thomas wusste ja gar nicht, was er da sagte. Was er da in Vincent auslöste. Am Ende waren es die Instinkte des Jägers, die dem Mann den Hals retteten - im wahrsten Sinne des Wortes.
      Sein erster Instinkt riet ihm, sich zu wehren. Sein zweiter ebenfalls. Das hier war nicht einfach nur ein Mann, der ihn anging, das hier war ein Jäger, und ein erfahrener noch dazu. Alles in ihm schrie danach, den Mann sofort zu zerfetzen. Das Monster in seinem Inneren, aber auch der Teil von ihm, der noch logisch denken konnte. Er hatte Erfahrung mit Jägern, Erfahrung mit Van Helsings und zu was sie in der Lage waren. Es kostete ihn alles an Willenskraft, um sich nicht gegen den Griff an seinem Hals zu wehren.
      Er schwieg, während sich Thomas entschuldigte. Er schwieg, als Thomas sich sammelte. Er schwieg, als Thomas die Arme wieder um ihn schlang und ihn an sich zog.
      "Kein Hals," flüsterte Vincent, seine Stimme rau, seine Kehle furchtbar trocken.
      Nun war er es, der seine Arme um Thomas schlang und sie beide wieder bewegte. Er manövrierte sie zum Kopfende des Bettes, lehnte sich dagegen und sorgte dafür, dass Thomas auf seinem Schoß Platz fand. Er lehnte seinen Kopf gegen das Holz hinter sich und ließ Thomas los. Soweit er es konnte, zumindest. Seine Finger konnte er dann doch nicht von dem anderen Mann lassen. Mit trägen Bewegungen strich er über Thomas' Arme hinunter zu dessen Händen, verschränkte ihrer beider Finger miteinander. Noch immer zog ihn dieser Mann so sehr in seinen Bann, dass er seinen Blick nicht für einen Moment von ihm abwenden konnte.
      "Du hast die Kontrolle," sagte er, war sich aber nicht sicher, ob seine Worte an Thomas gerichtet waren oder an sich selbst.


    • Es war nicht zu erkennen, was Vincent denken mochte, ob er Thomas' spärliche Entschuldigung überhaupt Glauben schenkte oder nicht. Wie schon bei Thomas' "Unfall" stellte er keine weiteren Fragen, nahm einfach hin, was Thomas ihm bot, aber es war schwer zu glauben, dass er naiv genug war, um ihm einfach so zu glauben. Eines Tages würde er ihn aufklären, bis dahin konnte er nur hoffen, dass er Vincent damit nicht von sich distanzierte.
      Der andere beförderte sie beide zum Kopfende, wo Thomas sich justierte, bevor er auf seinem Schoß platz nahm. Vincent beobachtete ihn, ließ ihn auch dann nicht aus den Augen, als er sich vorsichtig auf ihm niederließ, den Mund zu einem langgezogenen Atem leicht geöffnet, während er sich auf den neuen, veränderten Winkel einstellte. Ihre Blicke trafen sich, nur kurz nachdem Thomas vollständig hinabgesunken war, und für einen kurzen, süßen Moment schien es, als würden sie nie wieder die Augen voneinander abwenden können, als wären sie dazu verurteilt, diese Starre bis in alle Ewigkeit fortzuführen. Dann beugte Thomas sich vor, ergriff Vincents Kopf mit den Händen und führte ihre Lippen aneinander, um sie miteinander zu verschmelzen.
      Die Bewegungen seiner Hüfte waren noch recht unbeholfen, kaum im klaren darüber, wo es hingehen sollte, kaum erfahren genug, um eine Entscheidung zu treffen. Allerdings hatte er es sowieso nicht eilig. Der Kuss hatte den letzten Rest seines überwältigenden Jagdtriebs in seinen Hinterkopf verdrängt, das Adrenalin war der Erschöpfung gewichen, die Gedanken wurden wieder von Vincent vereinnahmt, nicht von einem gesichtslosen Vampir, der laut seinem Instinkt in diesem Zimmer auf ihn lauern sollte. Wenn er die Augen öffnete, konnte er Vincents Blick noch immer auf sich ruhen sehen, das helle, glitzernde Blau seiner Iris, hinter dem sich eine unausgesprochene Sanftmut versteckte - und noch etwas anderes, das er nicht so recht deuten konnte. Er kam auch nicht darauf, als er versuchte, einen trägen Gedanken darauf anzusetzen, also lehnte er sich wieder vor, fing Vincents Lippen mit seinen eigenen ein und versank in seinem Geschmack, dem Geruch des Zimmers, den Geräuschen ihres Akts. Er ließ die Hände über seine Brust wandern, über seine Schultern, hielt sich daran fest. Seine Oberschenkel rebellierten schnell über die ungewohnte Bewegung, aber das war ihm gleichgültig - im Gegenteil, er hoffte sogar auf einen Muskelkater, wünschte sich insgeheim, dass er diese Nacht noch Tage danach spüren könnte, lange genug, um Vincent im Gedächtnis zu behalten. Nichts auf der Welt wollte er mehr.
      "Vincent…", keuchte er an sein Ohr, bevor er ihn mit weiteren Küssen übersähte.
    • Vincent ließ seine Hände über Thomas' Beine nach oben wandern, bevor sie auf Höhe der Taille zum Liegen kamen. Er lehnte sich in jeden Kuss hinein, als wäre es der letzte, den er jemals von Thomas bekommen könnte. Noch immer wollte ein Teil von ihm weitergehen, diesen letzten Schritt machen. Es war ein großer Teil.
      Thomas keuchte seinen Namen und Vincent's Griff verstärkte sich. Viel Spielraum hatte er zwar nicht, aber trotzdem bewegte er seine Hüften Thomas entgegen. Er schob eine Hand in die Haare des Mannes, zwang ihn mit sanftem Druck dazu, ihn noch einmal zu küssen. Er stöhnte in Thomas' Mund, ließ von den Lippen des Mannes ab und lehnte seinen Kopf gegen Thomas' schlanke Schulter. Das nahezu schmerzhafte Pochen in seinem Zahnfleisch wurde schnell überschattet von einer Hitze, die seinen Körper von innen heraus durchflutete. Thomas' Hitze. Seine Muskeln zuckten immer unkontrollierter.
      Vincent zwang sich dazu, den Kopf zu heben, ihn nach hinten an das Kopfteil zu lehnen, damit er Thomas ansehen konnte. Damit Thomas sehen konnte, was er mit ihm machte. Er hielt den Augenkontakt mit dem Mann, während sich sein Körper zusehends seiner Kontrolle entzog. Seine Finger bohrten sich in Thomas Oberschenklel, als die Hitze ihn zu übermannen drohte.
      Vincent ließ es passieren. Er ließ sich fallen, ließ sich von Thomas in den Wahnsinn treiben.
      Er stöhnte Thomas' Namen, als sich alle seine Muskeln gleichzeitig anspannten. Eine Hand löste sich von Thomas, stattdessen packte er das obere Ende des Kopfteils und klammerte sich daran fest.
      Es dauerte einen unendlich langen Moment, bis Vincent die Kontrolle wieder erlangte. Die Kontrolle über seinen völlig erschöpften Körper, der sich schwer und wohlig warm anfühlte. Thomas hatte ihm seine Wärme geschenkt. Vincent wollte sich daran festhalten, solange es ging.
      Kraftlos ließ er das Kopfteil seines Bettes los.
      "Küss mich", flüsterte er, seine Stimme immer noch rau, geradezu heiser.
      Er war nicht in der Lage dazu, sich weit genug aufzurichten, um es selbst zu tun. Aber er wollte Thomas' Lippen keinen weiteren Augenblick missen.


    • Es war ein geradezu göttlicher Anblick zu beobachten, wie Vincent sich verlor und Thomas war sich sicher, dass er sich allein für diesen Gedanken jederzeit zum Blasphemiker machen wollte. Zu beobachten, wie er selbst Vincent in die Höhe trieb - die Erkenntnis darüber, dass es sein eigenes Tun war, das den anderen so anspornte, erfüllte ihn mit einem gewissen Stolz - war absolut beflügelnd. Er genoss jedes einzelne Bisschen: von dem Zucken seiner Muskeln - Gott, er konnte ihn zwischen seinen Schenkeln spüren - über seinen Blick bis hin zu seinem gepressten Keuchen. Thomas badete darin. Wenn ihr Akt nicht bereits so weit fortgeschritten wäre, hätte er sich vom Zusehen allein ebenso verloren.
      Er ritt Vincent durch seinen Höhepunkt hindurch, beschäftigte ihrer beider Lippen mit intensiven Küssen, ignorierte das Brennen in seinen Beinen. Es war beinahe schon lächerlich, wie sehr er auf einen Muskelkater hoffte. Er hoffte, die nächsten Tage zu jeder Zeit an diese Nacht erinnert zu werden, beschwörte es schon fast herauf. Er hatte keinen größeren Wunsch als das.
      Als Vincent unter ihm erschlaffte, seine Glieder sich lockerten und die Spannung aus seinen Muskeln wich - beim nächsten Mal wollte Thomas seinen Körper länger dabei beobachten, aber er konnte schließlich nicht immer alles haben - verlangsamte auch Thomas seine Bewegungen, kam schließlich zur Ruhe und lehnte sich vor, um Vincents Wunsch zu erfüllen. Er schmeckte nach Schweiß, vermutlich genauso viel wie Thomas, und es hätte nichts besseres geben können. Sie küssten sich ein wenig nachlässig, beide gleichermaßen zu erschöpft, um ihren Lippen viel Arbeit aufzuzwängen, bevor Thomas sich langsam von Vincents Schoß schob. Es war merkwürdig, ihn nach diesem langen Akt nicht mehr in sich zu spüren, aber er zwang sich dennoch dazu, aus dem Bett zu kriechen und sich auf wackelige Beine zu stellen. Sein ganzer Körper sehnte sich gleichermaßen zurück zu Vincent und dem Bett.
      "Bleib liegen", forderte er über die Schulter zurück, bevor er im angrenzenden Badezimmer verschwand, erst sich selbst reinigte und dann mit einem nassen Handtuch für Vincent wieder herauskam. Er kletterte zurück ins Bett, setzte sich an seine Seite und fuhr ihm mit dem Handtuch über die Brust, den Bauch, die Beine. Er mochte jeden einzelnen Fleck an Vincents Körper, wollte ihn verehren wie die Gottheit, die er in seinen Augen darstellte. Aber wenn er seinem Drang nachgegeben hätte, wären sie morgen noch nicht fertig geworden.
      Nachdem er Vincent auch sauber gemacht hatte, zog er ihn wortlos an sich, bedeckte seinen Mund mit weiteren müden Küssen und legte sich mit Vincent in den Armen auf die Kopfkissen zurück. Seine Lider fielen augenblicklich zu, aber er zwang sie wieder auf. Er konzentrierte sich auf Vincents Geruch, wollte ihn für die Zukunft einprägen.
      "Vincent…", murmelte er und bekämpfte ein Gähnen. "... Wann sehen wir uns wieder, wenn du gegangen bist? … Hast du schon was für Silvester geplant?"
      Er verlor den Kampf und gähnte doch ausführlich, bevor er Vincent ein Stück fester an sich zog, mit der Hand durch seine Haare fuhr, seinen Kopf sanft kraulte. Seine Lider verweigerten ihm erneut den Dienst und mit jeder Sekunde wurde es schwerer, sie wieder zu öffnen.
    • Es war viel zu leicht, Thomas' Aufforderung zu folgen und einfach liegen zu bleiben.
      Vincent sah dem Doktor hinterher, nicht sicher, ob er seine Beute verfolgte oder den Mann, der ihn auf unerklärliche Weise in seinen Orbit gezogen hatte. Nein, das war eine Lüge. Vincent wusste genau, was Thomas für ihn war. Was zu Beginn ein attraktiver Mann war, ein faszinierender Jäger, hatte sich sehr viel tiefer in seinen Verstand gebohrt, als Vincent es jemals für möglich gehalten hatte. Und in sein Herz.
      Vincent schloss die Augen und genoss jede noch so kleine Berührung, die Thomas ihm schenkte, auch wenn sie hauptsächlich durch ein Handtuch stattfanden. Nach getaner Arbeit kuschelte sich Vincent bereitwillig an den anderen Mann. Er lauschte Thomas' Herzschlag, der sich mittlerweile wieder beruhigt hatte. Ein hypnotischer Rhythmus, der Vincent nicht nur wegen dem Leben, das er versprach, in seinen Bann zog.
      "Meine Pläne?" fragte er. "Ein gutes Buch, ein hervorragender Wein, ein warmes Feuer im Kamin. Ich gebe meinen Angestellten frei. Sie können sich frei in meinem Haus bewegen und sich amüsieren, sie können in die Stadt gehen, manche verreisen, um ihre Familie zu sehen. Zum Ende des Jahres ist mein Haus belebt und leer zugleich, aber viel lost ist nicht. Du bist herzlich eingeladen, einem akuten Krankenfall in Harker Heights nachzugehen, wenn du dich vor sozialen Verpflichtungen drücken willst. Mein Haus steht dir jederzeit offen. Alle."
      Mit trägen Bewegungen zeichnete er sinnlose Linien auf Thomas' Brust, lauschte wie der Mann den Kampf gegen seine eigene Müdigkeit verlor. Er hielt ihn nicht auf, half Thomas nicht in diesem Kampf. Er lag einfach nur da, eingelullt von der Wärme des anderen Mannes und hörte ihm dabei zu, wie er langsam, aber sicher einschlief.


    • Bei der Intensität, mit der die beiden Männer stets aufeinander trafen, war es kaum verwunderlich, dass Vincent sich bald permanent in Thomas' Kopf eingenistet hatte.
      Was anfangs noch nicht mehr als eine süße Erinnerung gewesen war, ein Sehnen nach dem besonderen Wochenende in Harker Heights, mit dem sich Thomas in seinen einsamen Stunden beschäftigte, wurde schon bald zu mehr. Als er nach diesem nächtlichen Ausflug nachhause ging - Vincent hatte noch geschlafen und Thomas brachte es einfach nicht über sich, den Mann, der so friedlich schlief wie ein Engel, zu wecken - dachte er schon an nichts anderes mehr. Das Brennen in seinen Schenkeln unterstützte ihn dabei.
      Der Gedanke an Vincent brachte eine ungewohnte Wärme mit sich, die stark genug war, um selbst den anbahnenden Winter zu übertönen. Er war wie das Versprechen auf eine bessere Zeit, wenn man in Winter auf Sonne hoffte und im Frühling auf Wärme, wenn man in Arbeit versank und sich nachhause wünschte, wenn man alleine war und auf Gesellschaft hoffte. Vincent hätte jede Form annehmen können, die Thomas glücklich machte und hätte dabei nichts von seiner Einzigartigkeit verloren, mit der er sich einen eigenen Platz in Thomas' Gehirn erschlichen hatte. Er konnte einfach nicht mehr nicht an ihn denken.

      Dementsprechend war es auch nicht sehr verwunderlich, dass ihm eines Tages ein Missgeschick passieren würde.
      "Was?"
      Darcy stoppte ihre Bewegungen, die Stimme überrascht, fast schon ernst. Thomas öffnete die Augen und blickte auf die schemenhafte Gestalt in der Dunkelheit über sich, die auf ihn ein bisschen wie eine lauernde Raubkatze wirkte. Das Schlafzimmer war erfüllt von dem Duft des Rosenöls.
      "... Was?"
      "Hast du gerade Vincent gesagt?"
      Ah. Nun, eigentlich hätte Thomas das vorhersehen müssen. Bei Vincent musste er an Darcy denken, um nicht zu früh zu kommen, bei Darcy musste er an Vincent denken, um überhaupt zu kommen. Bei Vincent konnte er nicht leise sein, bei Darcy konnte er nicht laut sein, Vincents Name fiel ihm wie selbstverständlich von den Lippen, Darcys Name sprach er nur aus, wenn er sauer auf sie war. Er hätte vorhersehen müssen, dass es nicht lange gut gehen konnte.
      Er justierte sich unter ihr ein bisschen.
      "... Was hab ich gesagt?"
      "Vincent."
      Soviel zu Zeit schinden.
      "... Nein, nicht Vincent, das war..."
      Herrgott. Lass dir was doch was einfallen.
      "... Penzink. Das ist ein... ein Katalysator für... Wundheilmittel."
      Er verzog das Gesicht. Penzink, das Wort hätte nicht in tausend Jahren existieren können. Und ein Katalysator, etwas besseres war ihm nicht eingefallen?
      Darcy blieb still, so lange, bis es Thomas irgendwann unangenehm wurde. Er konnte ihre Miene in der Dunkelheit nicht erkennen, konnte nur ihren Umriss ausmachen, der auf seinem Schoß saß. Wenn er sich anstrengte, sehr, sehr fest anstrengte und die Augen zusammenkniff, konnte er sich ein bisschen einreden, dass es Vincent war, der dort auf ihm saß. Aber eben nur ein bisschen.
      "... Du denkst während dem Sex an die Arbeit?"
      "... 'tschuldige."
      Darcy gab ein missmutiges Geräusch von sich, die Art von Geräusch, die Thomas' eigene Stimmung runtergezogen hätte, denn er wusste genau, dass sie bald damit anfangen würde zu nörgeln.
      "Willst du überhaupt weitermachen?"
      Ja, da war es schon.
      Wie er später in dieser Nacht erkennen durfte, verschwand Vincent nicht einmal dann aus seinem Kopf, wenn er sich mit Darcy stritt. In der Nacht träumte er sogar davon, sich in Vincents Arme legen zu können.

      Der Sonntag kam schnell herum und mit ihm das versprochene Klavierkonzert von Vincent zum Tee. Thomas teilte Darcys Euphorie über den kommenden Besuch, wenngleich er es gut verbergen konnte. Darcy hüpfte herum und drängte sich für das Gebäck Beth auf, während die Männer bereits im Wohnzimmer Platz gefunden hatten. Sämtliche Vorhänge des Hauses waren zurückgezogen worden, aber der Himmel war trüb in Aussicht auf die kommenden Schneewolken. Zum Ausgleich hatte Darcy darauf bestanden, ein paar Kerzen anzuzünden und so war es doch recht hell im Haus.
      Thomas merkte, dass ihn Vincents baldige Ankunft nervös machte. Nervös. Er hatte dem Mann schon so viel Intimität zukommen lassen, wie es für einen Menschen nur möglich war und dennoch schaffte die Aussicht darauf, ihn wiederzusehen, es dass Thomas' Gedanken im Viereck sprangen. Daran würde er sich wohl gewöhnen müssen, denn so wie es schien, würde dieses Gefühl auch dann nicht besser werden, wenn er den ganzen Tag mit dem Mann im Bett verbrachte.
      Nicht, dass das sein Plan gewesen wäre. Obwohl es ein hübscher Gedanke war.
      Stephen war im Gegensatz dazu höchst unbeteiligt. Nachdem Thomas die Nacht über weg geblieben war, hatten sie ein zweites Streitgespräch geführt, in dem es um nichts anderes ging als bei ihrer ersten Diskussion im Restaurant. Stephen mochte Vincent nicht. Er hatte eine äußerst ungehaltene Beleidigung über Vincent fallen gelassen, die Thomas die Sprache verschlagen hatte und seither hatten sich ihre Gespräche auf ein Minimum beschränkt. Nun wirkte Stephen stoisch, als hätte er sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, den Nachmittag in unangenehmer Gesellschaft zu verbringen und Thomas hatte nichts dagegen, die gelegentliche Stille zu genießen.
    • Ein Teil von Vincent war doch ehrlich enttäuscht, am Abend allein aufzuwachen. Enttäuscht. Dabei war doch von Anfang an klar gewesen, dass Thomas nicht über das Frühstück - das Vincent auch noch verpasst hatte - hinaus bleiben würde.
      "Oh Thomas... was hast du bloß mit mir gemacht?" fragte er in die Dunkelheit seines leeren Schlafzimmers.

      "Zum Tee?!"
      Nora war außer sich. Vincent hatte ihr nicht verraten, was genau seine Pläne für das Wochenende waren.
      "Mitten am Tag?!"
      "Das wird schon, Nora. Das Wetter spielt doch mit," versuchte Vincent sie zu beruhigen.
      Er hatte einen einzigen Blick nach draußen geworfen, um den Wolkenstand einzuschätzen. Das allein hatte ihm beinahe die Augen aus dem Schädel gebrannt und ein unangenehmes Pochen um seine Nasenwurzel herum verursacht, das ihn einige Minuten lang nicht hatte allein lassen wollen. Heute würde kein angenehmer Tag werden, aber darum ging es auch gar nicht. Es ging darum, einen Punkt klarzustellen. Und vielleicht - ganz vielleicht - auch darum, Stephen eine reinzudrücken. Vincent konnte nicht unbedingt behaupten, dass er den Mann mochte. Selbst wenn er keine Jäger gewesen wäre, und Vincent nicht seine angebliche Beute, der Fabrikbesitzer war einfach eine unangenehme Persönlichkeit.
      "Ich will von dir keinerlei Beschwerden hören, wenn du zurückkommst," forderte Nora. "Nicht eine. Du bist hierfür verantwortlich und hast nicht das Recht dazu, theatralisch vor dich hinzuleiden. Verstanden?!"
      Vincent nickte.
      "Selbstverständlich. Ich werde in Stille vor mich hin siechen und dich nicht belästigen."
      Sie knuffte ihn in den Oberarm - eine Geste viel zu vertraut für eine einfache Haushälterin und ihren Arbeitgeber. Vincent lächelte.
      "Du musst dir wegen mir keine Sorgen machen, Nora. Genieße deinen freien Nachmittag. Wenigstens du solltest dich heute gut fühlen."
      "Wie kann ich mir keine Sorgen um dich machen? Du verlässt das Haus - am helllichten Tag - um Tee mit Jägern zu haben. Ein Van Helsing in deinem Bett ist eine Sache. Thomas hat einen Narren an dir gefressen, der beinahe so groß ist wie der, den du an ihm gefressen hast. Aber was ist mit dem anderen? Du sagtest, er ist bereit, dich zu töten, wenn du nur den kleinsten Fehler machst."
      Vincent zog Nora in seine Arme und drückte sie fest an sich.
      "Selbst am Tag bin ich stärker als ein einfacher Mann. Mir wird schon nichts passieren. Uns wird nichts passieren."
      Nora nickte, mehr um sich selbst zu beruhigen als Vincent. Dann löste sie sich von ihm, richtete seinen Kragen wieder und setzte die Maske der tüchtigen Haushälterin wieder auf.
      "Ich wünsche einen angenehmen Nachmittag", sagte sie.
      "Den wünsche ich dir auch."
      Sie hielt ihm die Tür auf, seine Kutsche wartete bereits. Vincent beeilte sich, hielt den Weg von seinem Haus zu seinem Gefährt so kurz wie möglich. Er hatte einen langen Tag vor sich.

      Bei Thomas angekommen, gab sich Vincent mit seiner üblichen Lässigkeit. Er war alt genug, um nicht zu offensichtlich auf Sonnenlicht zu reagieren. Die Wolken halfen tatsächlich enorm, unterbrachen sie doch die Direktheit des Lichts. Junge Vampire würden die Erleichterung kaum spüren. Ihre Nerven waren zu neu, fühlten zu viel. Selbst ein solch grauer Tag fühlte sich für im ersten Jahrhundert an, als stünde man in Flammen. Für Vincent glich es eher dem Gefühl langsam lebendig gekocht zu werden. Ihm war warm, zu warm, und seine Haut fühlte sich zu eng an. Dieses Empfinden würde sich über den Nachmittag hinweg nur noch verschlimmern, aber Vincent würde sich nichts anmerken lassen. Der Vorteil seines hohen Alters: es gab nicht viele wie ihn und sie alle wussten, sich vor Jägern zu verstecken. Thomas' Großvater hatte in seinem Leben nur zwei so alte Vampire gesehen; einen davon nur, weil der Vampir sein Leben aufgegeben hatte und den Jäger als Methode nutzte, um es final zu beenden. Der andere...
      "Schön, Sie wiederzusehen, Beth," grüßte Vincent die Haushälterin der Van Helsings.
      Emsig, wie sie war, nahm sie ihm sogleich seinen Mantel ab und übergab ihn an den Herrn des Hauses.
      "Thomas! Ich war so frei und habe ein paar Geschenke mitgebracht!"
      Er überreichte dem Doktor ein Anatomiebuch, das unter anderem mit den Zeichnungen von Leonardo da Vinci gefüllt war. Es war eine Sammlung von derlei Zeichnungen aus den letzten Jahrhunderten und zeigte, wie die Menschen sich das Feld der Medizin eröffnet hatten.
      "Für deine Beinahe-Verlobte habe ich auch etwas dabei," sagte er mit einem spielerischen zwinkern und klopfte auf das kleine Paket, das noch unter seinem Arm steckte.
      Er folgte dem Arzt in den Salon, begrüßte Darcy mit einer kleinen Verbeugung und einem Handkuss, als seien sie am Hofe von Versailles. Stephen bekam nur ein freundliches Nicken.
      "Ich weiß, du bist eher hinter Romanzen her, meine Liebe, aber ich denke, du wirst deinen Spaß an diesem Werk hier haben. Es ist schön lang und hat ein hübsches französisches Flair," sagte Vincent und überreichte auch sein zweites Geschenk: eine Ausgabe von Der Graf von Monte Christo aus der ersten englischen Übersetzung.
      "So. Und jetzt zu meinem Patienten!"
      Vincent wandte sich dem Klavier zu, suchte sich das Stimm-Set und öffnete den Flügel. Er spielte ein paar Tasten und zuckte beinahe zusammen, als er die schiefen Töne hörte.
      "Ach herrje... Thomas, du solltest wirklich einmal im Jahr jemanden kommen lassen, der sich diesem armen Ding annimmt. Das wird eine kleine Weile dauern."
      Vincent schlüpfte aus seinem Jackett, krempelte sie Ärmel seines Hemdes bis zu den Ellenbogen hoch und machte sich an die Arbeit.
      "Ich entschuldige mich im Voraus für die Lärmbelästigung."
      Er könnte sich hier binnen weniger Minuten durcharbeiten, doch das könnte ihn verraten. Also stimmte er nicht jede Note perfekt mit dem ersten Versuch. Manche erwischte er sofort, bei anderen nahm er sich Zeit, spielte sie immer und immer und immer wieder, bis es passte. Der Raum, geflutet mit dem Licht der Nachmittagssonne, fühlte sich viel zu klein an. Vincent hatte regelmäßig das Gefühl, gleich zu ersticken. Er konzentrierte sich geradezu zwanghaft auf seine Arbeit, um nicht der unmenschlichen Hitze anheimzufallen, die seinen Körper in Besitz nahm. Er wusste nicht, ob er in Stille würde leiden können, sobald er wieder zu Hause war.


    • Vincent brachte wieder Leben ins Haus. Er war wirklich wie ein aufgehender Sonnenschein manchmal.
      Thomas lächelte strahlend, überrascht von dem unverhofften Geschenk, berührt davon, wie viel Mühe Vincent sich dabei gegeben hatte. Er hatte nicht das Herz ihm mitzuteilen, dass er kaum Zeit zum Lesen fand, nachdem seine Freizeit von der Jagd vereinnahmt wurde, aber vielleicht musste er das auch gar nicht. Für Vincent, für dieses Buch, würde er schon Zeit finden - ganz abgesehen davon, dass es wirklich interessant aussah, mehr, als er es sich hätte anmerken lassen wollen.
      "Das wäre doch nicht nötig gewesen."
      Er strahlte trotzdem. Gott, dieser Mann war wirklich ein Engel.
      Zu seinem Glück wurde er schon bald von Darcy abgelöst, die Vincent überschwänglich in Empfang nahm, ein keckes Kichern auf den Lippen. Auch sie machte wegen dem Geschenk große Augen und blätterte in dem Buch, als wollte sie es gleich lesen.
      "O Vincent, Sie sind aber aufmerksam, wie wunderbar!"
      Auch sie strahlte, aber anders als Thomas. Ihr Blick drohte Vincent beinahe zu verschlingen.
      Der Gast machte sich weiter auf zum Hauptgrund ihres Zusammentreffens, während die anderen beiden an dem Sofa platz nahmen.
      Thomas machte eine entschuldigende Miene.
      "Solange es nur hier steht und nicht gespielt wird, braucht es auch keinen Stimmer."
      Er legte das Buch auf einem Beistelltisch ab, um es in den vollgestellten Regalen nicht zu vergessen, und beobachtete dann, wie Vincent sich das Jackett auszog. Er sah gut aus mit hochgekrempelten Ärmeln. Irgendetwas war daran, das Thomas gefiel.
      "Ja, aber jetzt haben wir ja Vincent, also solltest du es in Schwung halten."
      "Werde ich. Nur für Vincent."
      Darcy kicherte und beide starrten den Mann für einen Moment mit ihren eigenen Blicken an, ahnungslos über den jeweils anderen.
      Stephen hatte sich auf dem Sofa zurückgelehnt, hatte die Arme über die Lehnen gelegt und beobachtete Vincent mit der gleichen Ausdruckslosigkeit, mit der er auch Thomas gelegentlich bedachte. Allerdings war sein Blick aufmerksam und obwohl es keiner der anderen beiden merkte, beobachtete er den Mann doch scharf, noch immer nach einem Zeichen Ausschau haltend. Sein Streit mit Thomas hatte nicht unbedingt dafür gesorgt, dass er mit dem Gast mehr sympathisierte.

      Das Stimmen stellte sich tatsächlich als äußerst lästig und dazu noch zeitaufwendig heraus. Thomas merkte einmal mehr, weshalb er nie Klavier spielen gelernt hatte, weshalb es ihn schon gestört hatte, wenn sein Vater gespielt hatte: Es war laut, hallte gut durch das Haus hindurch und übertönte leicht Gedanken. Er hätte sich nie als geräuschempfindlich beschrieben, aber eigentlich lag darin der größte Teil seines stetigen Unwohlseins: Laute Restaurants, laute Kneipen, laute Gespräche, laute Musik - er mochte keinen dieser Orte, an dem er damit konfrontiert wurde. Er mochte es auch nicht, wenn Darcy bei ihm wohnte, denn Beth wanderte wie ein Geist durch das Haus, aber Darcy konnte man bereits an der Türschwelle hören, wenn sie noch gar nicht die Tür geöffnet hatte. Und jetzt das Klavier; wenn es nicht Vincent gewesen wäre, hätte er vermutlich eine Alternative vorgeschlagen.
      So ließ er die Tortur über sich ergehen, während Darcy nur noch weiter nachhalf und Vincent über die immer wiederholenden Tastenklänge hinweg in Gespräche verwickelte. Manchmal beteiligte er sich an den Unterhaltungen, manchmal beobachtete er Vincent nur, sah zu dem Buch oder zu Stephen. Der Direktor sagte nur wenig, starrte meistens nur. Darcy war, neben Vincent, die einzig wirklich lebhafte im Raum.
      Als Vincent sein Werk als vollendet betrachtete, klatschte sie voller freudiger Erwartung in die Hände.
      "Was werden Sie für uns spielen, Vincent? Vielleicht ein wenig Beethoven oder Mendelssohn? Bezaubern Sie uns!"
    • Vincent betrachtete die Seiten im Innenhaus des Flügels an. Sie waren allesamt perfekt gestimmt, in gutem Zustand, bereit, genutzt zu werden. Es war schon lange her, dass Vincent handwerklich gearbeitet hatte, auch wenn das Stimmen eines Klaviers kaum als solche Arbeit bezeichnet werden konnte.
      "Liszt," antwortete er knapp, als hätte ihm das Klavier eben selbst verraten, was er spielen sollte.
      Er riss sich von dem Anblick des Flügels los und wandte sich mit einem Lächeln Darcy zu.
      "Zuallererst muss ich mir die Hände waschen, meine Gute. Ich habe den Flügel gerade erst wieder auf Vordermann gebracht, da will ich ihn jetzt nicht mit meinen öligen Fingern gleich wieder verunstalten. Ihr entschuldigt mich kurz?"
      Vincent gab sich alle Mühe, sich nicht in eines der Badezimmer zu flüchten. Dort angekommen nahm er sich eine Minute in einer schattigeren Ecke, nur um seinen Augen eine kurze Pause von dieser unsäglichen Helligkeit zu gewähren. Er hatte vergessen, wie anstrengend es war, Sonnenlicht zu widerstehen.
      Er richtete sich schnell wieder, wusch sich die fettigen Finger und setzte sein freundliches Lächeln wieder auf, bevor er zu der kleinen Gesellschaft im Salon zurückkehrte. Er verneigte sich dramatisch wie ein Pianist vor einem Konzert, dass ließ er sich ein einer flüssigen Bewegung auf die Bank sinken.
      "Dann wollen wir doch einmal sehen, ob ich alles richtig gemacht habe," scherzte er und schlug die erste, sanfte Note an.
      Er spielte das Stück - Vallée d'Obermann - nicht sehr laut zu Beginn, er war ja schließlich nicht in einer gefüllten Konzerthalle. Zumal der Anfang sehr düster, geradezu trostlos war. Das ganze Stück sprach Vincent aus dem Herzen, mit dem anfänglichen Schmerz, der ersetzt wurde durch etwas helleres, reineres, bevor sich herausstellte, dass all das bloß eine Illusion war.
      Vincent verlor sich schnell in seinem Spiel, löschte seine Umgebung aus, vergaß sogar den Schmerz, der seinen gesamten Körper verschlang. Seine Finger flogen nur so über die Tasten, entlockten dem alten Instrument Töne, wie er es schon vor zwei Generationen getan hatte. Und dann war es vorüber.
      Vincent öffnete die Augen, die er zwischenzeitlich geschlossen hatte, ohne es zu bemerken. Das gleißende Licht, dass sich sofort in seinen Schädel bohrte, machte ihm in diesem Augenblick nichts aus. Da war ein anderer Schmerz, der ihn in seinem Griff hielt. Ein Schmerz sehr viel älter als das Sonnenlicht dieses Tages.
      "Ich würde wagen zu behaupten, dass ich nicht so eingerostet bin, wie ich erwartet hatte," sagte er schließlich, sich selbst aus seiner seltsamen Trance reißend. "Irgendwelche Wünsche für ein weiteres Stück? Vielleicht etwas nicht ganz so... verzweifeltes?"





      (Franz Liszt - Vallée d'Obermann)


    • Als Vincent anfing zu spielen konnte Thomas schwören, dass sich etwas in dem Haus veränderte.
      Er war bis zum Anschlag des ersten Tones noch immer skeptisch gegenüber dieser ganzen Vereinigung, ob er wirklich Lust auf die hallende Musik hatte, die das Haus durchflutete, ob sie sich nicht lieber ein wenig weiter unterhalten sollten. Dann kamen die ersten Töne und Thomas konnte etwas spüren, er war sich dessen so sicher, er konnte spüren, wie sich die Atmosphäre des Hauses umschaltete. Das lichtdurchflutete Wohnzimmer, dem er nie mehr Achtung geschenkt hatte als dem Rest des Hauses, wirkte mit einem Mal viel düsterer, viel verlassener, viel älterer als es jemals den Eindruck gehabt hatte. Es lag etwas in den Tönen, die Vincent hervorzuzaubern vermochte, die anfangs zögernden, beinahe schon leidenden Töne, die eine Geschichte zu erzählen versuchten, die Thomas nicht verstand, aber die gleichzeitig so vollkommen zu dem Haus passte, als wäre sie Teil davon. Er kannte das Stück nicht, vielleicht lag es daran, dass es so einen Einfluss auf ihn ausübte, dass jeder neue Ton sich ohne Umwege in sein Gedächtnis einprägte. Das Haus erwachte zu einem ihm bis dahin unbekannten Leben.
      Er wusste nicht, wie lange Vincent spielte, er glaubte, dass eine Stunde vergangen sein musste seit er angefangen hatte und als er endete, war Thomas für einen Moment verwirrt darüber, warum er die Hände von den Tasten nahm. Die Geschichte hörte sich unvollständig an, ein offenes Ende, kein Abschluss oder zumindest keiner, den Thomas erkannt hätte. Er war sich sicher, dass noch etwas hätte folgen sollen, dass eine Abrundung fehlte, so als hätte der Erzähler sich dazu entschlossen, sein Werk nicht fortzusetzen. Es ließ ihn merkwürdig unbefriedigt zurück, er spürte schon den beinahe irrationalen Wunsch Vincent zu bitten, ihm das Ende zu erklären.
      Stattdessen riss Darcy ihn aus seiner merkwürdigen Halluzination, indem sie erneut in die Hände klatschte, völlig begeistert.
      "Das war atemberaubend Vincent, wunderschön! Sie sind ein meisterhafter Pianist, ganz gewiss! Spielen Sie noch etwas, ganz egal was, bitte! Vielleicht Bach oder - oder nein, spielen Sie "Für Elise", das kenne ich beim Namen, das möchte ich hören!"
      Thomas blinzelte. Er wusste nicht, ob er schon bereit für ein zweites Stück war, obwohl ihm das gänzlich unsinnig schien. Es war doch schließlich nur ein wenig Musik, oder nicht? Er konnte das Gefühl aber einfach nicht abstreifen, wollte ein zweites Mal die Geschichte hören, in seinem Haus klingen hören, damit er verstehen konnte, was sie ihm zu erzählen versuchte, was dieses Haus ihm zu erzählen versuchte. Es kam ihm so leer und verlassen vor, er hatte noch nie darüber nachgedacht, aber es wirkte so fehl am Platz wie leblos es war, als wäre es dafür geschaffen worden, dass seine Räume von Leben nur so überliefen. Aber jetzt war es beinahe verlassen und dunkel und das einzige, was diese Stille zwar ankratzte, aber nicht vollständig auslöschte, war Für Elise, zu dem sich Vincent überreden ließ.
      Ab dann waren sämtliche Stücke nicht mehr als eine Hülle des ersten, kaum einer Geschichte wert, kaum wert länger darüber nachzudenken als das Stück ging. Bei der dritten Melodie hatte Thomas bereits Schwierigkeiten, sich an die erste zu erinnern, aber die Atmosphäre saß noch immer in seinen Knochen und würde wohl nicht so schnell von dort wieder verschwinden. Er wollte es noch einmal hören - nein, er musste es noch einmal hören, aber nicht jetzt, nicht mit Darcy, ja vielleicht sogar nicht mit Vincent, obwohl das unmöglich war. Er wollte es hören und erkennen, was das Haus ihm zu sagen hatte.
      Schließlich erlöste Darcy Vincent, indem sie ihn zum Tee drängte, bevor er sich noch die Finger für sie alle blutig spielen würde. Thomas lächelte ein wenig und beschäftigte sich mit seinem eigenen Getränk, während der Mann sich zu ihnen setzte und sich wohl oder übel Darcy über sich ergehen lassen musste.
      "Wie lange spielen Sie schon, Vincent? Das war wirklich bezaubernd, haben Sie schon einmal nachgedacht, Pianist zu werden? Oh, ich könnte mir Sie so gut in einem Theaterhaus vorstellen, vielleicht in Manchester - oder sogar, ja, sogar London! Das wäre doch was, wieso tun Sie es nicht? Ich bin mir sicher halb England würde kommen, um Sie spielen zu hören!"
    • Darcy's Musikgeschmack war simpel. So unendlich simpel. Die Stücke, die sie von ihm hören wollte, waren allgemein bekannt und Vincent bezweifelte, dass sie sich jemals mit deren Bedeutungen auseinandergesetzt hatte. Aber er befriedigte ihre fehlgeleiteten Gelüste, um die allgemeine Stimmung nicht zu ruinieren. Er spielte Für Elise, er spielte die Mondlicht Sonata und dann überzeugte er Darcy davon, ihn etwas Fröhlicheres spielen zu lassen. Dann - endlich - wurde er erlöst und man ließ ihn zum Tee.
      "Seit meiner Kindheit. Mein Vater bestand auf eine traditionelle Ausbildung. Ursprünglich wurde ich am Cembalo ausgebildet, allerdings finde ich den Klang eines Klaviers sehr viel ansprechender. Ein Cembalo klingt so... nasal. Und sehr mittelalterlich."
      Vincent ließ sich auf dem Sofa zurücksinken und überschlug die Beine, bevor er an seiner Tasse nippte.
      "Oh, bitte, Darcy! Ich überlebe die eine Feier im Jahr, die ich veranstalte, gerade so. Wie soll ich da ein Theater, gefüllt mit Leuten, die mich allesamt anstarren, verkraften. Nein nein, von Bühnen werde ich mich getrost fernhalten. Da sterbe ich nur an plötzlichem Herzversagen."
      Er versteckte sich ein wenig hinter seiner Teetasse, als er den nächsten Schluck nahm, als jage ihm allein der Gedanke an ein Konzert die Angst in die Knochen.
      Jetzt, wo Vincent sich nicht mehr auf sein Spiel konzentrieren konnte, spürte er viel eher, wie sehr sein Körper sich gegen dieses Treffen wehrte. Er war müde, erschöpft sogar, seine Muskeln schmerzten und seine Haut brannte sich langsam von seinen Knochen. Immer mal wieder verschwamm seine Sicht, wenn sich die Wolken draußen ein wenig lichteten. Ihm wurde mit jeder weiteren Minute bewusster, in welcher Hölle er gerade existierte. Zum Glück dauerte es nicht mehr lange, bis die Sonne unterging.
      "An dieser Stelle sollte ich dir wohl verschweigen, dass ich auch noch Violine spiele," wandte er sich wieder and Darcy mit einem frechen Zwinkern.


    • Darcy lachte herzlich über Vincents so feierliche Ablehnung gegenüber ihrem Vorschlag. Thomas beobachtete stattdessen, wie Vincent seine Tasse anhob, eine beinahe liebliche Bewegung. Sie verselbstständigte seine Mundwinkel und brachte ein seichtes Lächeln hervor.
      "Violine auch noch?!", stieß Darcy hervor und war sich für einen Moment nicht sicher, ob sie überrascht oder begeistert sein sollte. Irgendwie schaffte sie es, beides darzustellen.
      "Und dann nehmen Sie sie nicht mit?! Sie müssen uns auf den Arm nehmen, Vincent! Nie und nimmer sind Sie ein solches Musiktalent, ohne es uns vorzuführen, das kann ich Ihnen nicht abnehmen!"
      Sie lächelte auf eine charmante Art und Weise, die Thomas völlig entging, denn ihm war etwas anderes aufgefallen. Er glaubte Vincent schon genug zu kennen, um zu erkennen, wie sein Blick manchmal ins Leere ging. Es war nur für einen kurzen Augenblick, nicht genug, um wirklich aufzufallen, aber er war sich ziemlich sicher, so etwas noch nie bei ihm gesehen zu haben - und er hatte wirklich oft und lange Augenkontakt mit ihm gehalten. Nein, es war eher etwas, das seinen Arzt-Instinkt aufweckte. Sein Blick wirkte beinahe schon glasig.
      Er blickte auf Vincents Hände hinab, die sich fest um die Tasse geschlossen hatten, aber nicht so wirkten, als würden sie zittern.
      "Schmeckt der Tee?", fragte er in Darcys Pause hinein und musterte wieder Vincents Gesichtsausdruck. Er war auch ein wenig bleich um die Nase herum, aber auf der anderen Seite war er so oder so immer ziemlich bleich, ein von der Sonne vernachlässigter Engländer eben.
      "Wir haben auch Wasser da, wenn du lieber Wasser trinken möchtest."
      Er lächelte fürsorglich. Vielleicht hatte er es sich auch eingebildet, das würde ihn aber nicht davon abhalten sich um seinen Gast zu kümmern. Seinen Freund.
      Stephen war der Unterhaltung desinteressiert gefolgt, hatte gelegentlich an seinem Tee genippt und sich dann eine Zigarre angezündet. Jetzt sah er einmal zu Thomas hinüber und fixierte Vincent dann wieder mit seinem durchdringenden Blick.
    • Vincent lachte leise ob Darcys Reaktion. Natürlich wollte sie ihn spielen hören.
      "Ich bin ein besserer Pianist als Violinist, so viel kann ich verraten. Und mein Klavierspiel war nun wirklich nichts zu Besonderes. Die Bühne überlasse ich nur zu gern den wahren Meistern und Wunderkindern. Mein Ohr für Rhythmus ist mit Sprachen besser bedient, glaube mir, Darcy."
      Thomas schaltete sich in ihr Gespräch ein - zum ersten Mal in einer Weile.
      "Hm? Oh, ja! Der Tee ist wunderbar. Ich sollte diese Frage eher an dich richten, du hast denen kaum angerührt."
      Vincent prostete den Doktor mit seiner Teetasse zu, sein freundliches Lächeln im Gesicht. Dann wandte er sich wieder Darcy zu, musterte sie kurz mit einem kritischen Blick, bevor er aufstand und ihr seine Hand reichte. Er gab ihr keine Antwort auf die Frage, was er vorhabe, sondern führte sie stillschweigend zur Klavierbank. Sie setzten sich nebeneinander an den Flügel und Vincent zeigte ihr, wie sie ihre Finger halten musste. Er brachte ihr bei, eine einfache Melodie zu spielen - ein Kinderlied, das man überall zu hören bekam, dieser Tage. Darcys Spiel war holprig und hier und da erwischte sie die falsche Taste, aber Vincent ließ sich davon nicht irritieren. Er brauchte etwas, das seine Aufmerksamkeit gebührend für sich beanspruchen konnte, um sich von anderen Dingen abzulenken.
      "Weißt du, was ich mich frage?" wandte sich Vincent an Darcy, bevor er sich zurücklehnte, um an ihr vorbei zu Thomas sehen zu können. "Ob die Fingerfertigkeit eines Doktors zum Klavierspielen geeignet ist. Komm her, Thomas."
      Er winkte den Mann herüber und machte ihm Platz auf der kleinen Bank.
      "Wer weiß, vielleicht kriege ich euch ja dazu, ein kleines Duett zu spielen," lachte Vincent.


    • Vielleicht hatte er sich doch in seiner Beobachtung geirrt, Vincent ließ nämlich mit einem einzigen Lächeln Thomas' Sorgen verschwinden. Es war so, als ob der Mann ihn mit dem Schnipsen seiner Finger verzaubern konnte.
      Darcy ging es sichtbar nicht anders, sie ließ sich nämlich mehr als bereitwillig von Vincent vom Sofa ziehen und sich von ihm am Klavier unterweisen. Die Töne, die ihre Finger hervorlockten, waren mehr als nur grauenvoll, klump und schief und die reinste Zumutung für die Ohren - vielleicht war es aber auch nur deshalb so schlimm, weil sie vorher noch Vincents Künsten lauschen konnten.
      Zumindest wurden sie von Darcys Gekicher untermalt, das sogar recht herzlich war und ihr Gesicht erhellte. Zugegeben, Darcy war eine hübsche Frau, eine attraktive sogar, selbst für Thomas, manchmal. Eigentlich war es unfair, sie an einen Mann zu binden, der von dieser Schönheit nicht einmal etwas hatte.
      Das Katzengejammer wurde bald von Vincent unterbrochen, der Thomas in das Geschehen einbinden wollte. Eigentlich wollte er sich dagegen wehren, aber konnte er jemals Nein zu Vincent sagen? Bevor er das schaffte, würde er eher noch zum Chefarzt der Königin ernannt werden.
      Also gab er ein Brummen von sich, das man kaum für eine richtige Aussage eingliedern konnte, und erhob sich, bevor er sich an Vincents anderer Seite auf die Bank zwängte. Der enge Kontakt ihrer Beine trieb ihm die Hitze ins Gesicht.
      "Mein Großvater hat mir mal etwas beigebracht, aber ich erinnere mich nicht mehr daran", gab er zu, bevor er die Hand auflegte. Zumindest hatte er noch so viel davon in seinen Muskeln gespeichert, um alle Finger seiner Hand aufzulegen, anstatt wie Darcy zu versuchen, nur mit seinem Zeigefinger zu spielen. Aber da hörten seine Künste auch schon wieder auf.
      "Ich glaube es war Bach, aber ich glaube auch, dass er ziemlich schlecht im Unterrichten war. Einem fünf-jährigen Bach beibringen zu wollen, hört sich nämlich nach einer gänzlich falschen Angehensweise an."
      Er warf Vincent einen Seitenblick zu, für mehr traute er sich nicht. Sie saßen nahe genug, dass er sein Parfüm riechen konnte.
      Auf der anderen Seite hatte Darcy sich klein gemacht auf ihrem Platz, um den beiden Männern nicht im Weg zu sein, und hatte ihre Hände zurück auf ihre Oberschenkel gelegt, während sie neugierig herüber sah. Was weder Thomas, noch Stephen sehen konnten, war dass ihre eine Hand etwas weiter zur Seite gerutscht war und in einer sanften Berührung an Vincents Bein anlehnte.
    • "Tatsächlich ist es das nicht. Bach ist ziemlich gut dafür geeignet, um Klavierspielen zu lernen. Nehmen wir sein Praeludium I. zum Beispiel..."
      Vincent legte seine Finger auf die Tasten - zwei seiner linken Hand und drei seiner rechten Hand - und begann eine einfache, aber hübsche Melodie zu spielen. Er wiederholte sie ein paarmal - es waren wirklich nur eine Handvoll Noten - dann lehnte er sich rüber, um Thomas' Finger richtig zu platzieren.
      "Und jetzt schlägst du die Tasten einfach der Reihenfolge nach an. Von links nach rechts. Du musst nur auf das Tempo achten."
      Er konzentrierte sich ausschließlich auf die Finger des Arztes. Einerseits, um sich nicht zu offensichtlich ablenken zu lassen, andererseits um sich gerade genug ablenken zu lassen. Darcy half ihm ebenfalls, wenn auch unwissentlich.
      Schließlich stand Vincent auf, zwar etwas umständlich so eingequetscht, wie er zwischen den beiden war, und bedeutete Darcy, aufzurutschen. Vincent lehnte sich über ihre Schulter und ergriff ihre Hände, um sie passend zu der Melodie zu platzieren. Kurz darauf erklang die Melodie im Zweiklang, als sowohl Thomas als auch Darcy - mit Vincents Hilfe - ein bisschen Bach spielten. Sobald Darcy die Noten eher allein spielte, als sich auf den Druck seiner Hände zu verlassen, richtete sich Vincent auf und ließ die beiden machen. Es war bei weitem nicht perfekt, aber es war geradezu romantisch, wie die beiden dasaßen und zusammen Klavier spielten. Das Bild wärmte sein Herz, während es gleichzeitig in Scheiben geschnitten wurde.
      "Da soll doch nochmal einer sagen, Klavierspielen sei Zeitverschwendung," kommentierte Vincent nach einer kleinen Weile.


    • Thomas hätte sich auch jederzeit von Vincent das Klavierspielen zeigen lassen, ohne dafür am Klavier selbst zu sitzen - obwohl der Gedanke schon selbst keinen Sinn machte. Aber anders konnte er sich selbst nicht erklären, wie er das Gefühl seiner Hände an ihm so genoss. Es war keinerlei sexuelle Anspielung dahinter, es war einfach nur... Vincent. Er mochte es, wenn Vincent ihn berührte.
      Es dauerte einen Moment, bis er den Griff der Finger raus hatte und einen weiteren, bis er den Rhythmus einigermaßen halten konnte. Nachdem Vincent sie dann auch noch verließ und seine Aufmerksamkeit Darcy widmete, brachten sie nach einigen Minuten ein Stück zusammen, das kaum mehr war als ein paar Töne, die miteinander harmonierten. Aber es ging auch viel weniger um den Klang als darum, dass sie die Musik selbst erzeugten. Thomas hätte in hundert Jahren nicht zugeben wollen, dass es ihm tatsächlich Spaß machte.
      "Das war lustig!", stellte Darcy kichernd fest, als es ihr genug war. "Das sollten wir öfter machen!"
      Sie legte die Hand auf Thomas Unterarm, bevor sie mit strahlendem Blick zu Vincent aufsah.
      "Mit einem solch meisterhaften Lehrer ist das bestimmt kein Problem!"
      "Eine Glanzleistung war das ja noch nicht, aber mit ein bisschen Übung...", kam es von dem Sofa, der einzige wirkliche Beitrag des Direktors während des ganzen Treffens. Er sah höchst unbeeindruckt aus.
      Darcy ließ die schlechte Stimmung ihres Bruders an ihr abprallen.
      "Mit ein bisschen Übung könnten wir zu dritt spielen, Sie an der Violine, wir am Klavier! Oder andersrum, Thomas erlernt Violine und Sie begleiten ihn am Klavier!"
      "Wieso ich? Möchtest du nicht lieber ein Instrument lernen?"
      "Aber du bist ein größeres Naturtalent als ich!"
      "Ich habe einmal Klavier gespielt, das ist ja wohl ein Unterschied."
      "Nicht so bescheiden, Tommy!"
      Jetzt strahlte sie ihn an und pflanzte einen schmatzenden Kuss auf seine Backe. Thomas lehnte sich unwillkürlich ein Stück in die andere Richtung, verharrte aber dann, bevor es auffällig werden würde. Er ergriff die Chance und schob sich vom Hocker, bevor er aufstand.
      "Ich glaube, ich bin eher der Klavierspieler. Wenn schon, müsstest du die Violine übernehmen."
      Dann sah er Vincent zum ersten Mal in den letzten zehn Minuten richtig in die Augen und lächelte. Für einen kurzen Augenblick, der nicht länger als einen Herzschlag lang ging, konnte er Darcy und Stephen neben sich ausblenden. Allerdings nur sehr kurz.
      "Das wäre schön, ein richtiges, kleines Kammerkonzert! Das müsst ihr tun, ich verlange es! Auf unserer Hochzeit, Thomas!"
      Der Augenblick war wirklich sehr, sehr kurz gewesen.
      "... Mal sehen."
      Darcy war mittlerweile auch aufgestanden.
      "Bleiben Sie zum Abendessen, Vincent? Elizabeth macht einen ganz hervorragenden Auflauf, finde ich."
      Sie lächelte breit und machte sich daran, den Gast zurück zum Sofa drängen zu wollen.
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