[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Das Sonnenlicht mochte ihm seit langer Zeit verwehrt sein, doch in diesem Augenblick verschwendete Vincent keinen einzigen Gedanken daran. Denn er konnte sich aus so sollen in den Blicken, die Thomas ihm zuwarf. Wäre es ihm möglich gewesen, dieser Mann hätte ihn hier und jetzt mit Haut und Haaren verschlugen. Vincent konnte dieses Gefühl nur allzu gut nachvollziehen.
      Thomas eroberte ihn mit einem stürmischen Kuss. Vincent hatte nur eine Sekunde Zeit, sich darüber zu wundern, wie kräftigt der Mann eigentlich war, bevor er die Wand in seinem Rücken spürte und übereifrige Hände, die sich an ihn klammerten, als hinge ein Leben davon ab - Thomas' Leben.
      Vincent schlang einen Arm um die Schultern des Mannes, die andere fand ihren Weg in die wilde, dunkle Mähne. Auch er suchte Halt an dem anderen Mann, wollte ihn nicht zu weit von sich weg wissen.
      Er tat es Thomas gleich, als dieser auf Erkundungsreise ging: Er ließ seinen Kopf nach hinten gegen die Wand sinken, reckte den Hals, um dem anderen Mann mehr Platz zu geben.
      Leider musste sich der gute Doktor von ihm lösen, um ihn endgültig von seiner Kleidung zu lösen. Vincent genoss den Augenblick, denn schon wieder stockte Thomas, bewunderte ihn als sei er ein unbezahlbares Kunstwerk. Er würde lügen, würde er behaupten, diese Blicke nicht zu genießen. Schließlich streckte er eine Hand nach dem anderen Mann aus, zog ihn eng an sich. Vincent würde niemals genug von diesen Küssen bekommen, von dem Geruch nach Zimt, der Thomas auf Schritt und Tritt zu begleiten schien. Eines Tages würde er diesen Mann kosten, dessen war sich Vincent sicher.
      Er keuchte in ihren erneuten Kuss hinein, als Thomas seine empfindlichen Stellen fand. Auf dessen Frage hin, lächelte Vincent nur. Er drückte Thomas ein Stück von sich, dann drehte er sich um, kuschelte sich geradezu an die Wand.
      "Du bist viel zu hektisch, Thomas", schnurrte er. "Wir haben die ganze Nacht."
      Er griff hinter sich, legte seine Hand in Thomas' Nacken und zog ihn zu sich in einen weiteren Kuss. Er konnte genau spüren, warum der Mann es so eilig hatte. Aber er würde das hier so weit herauszögern, wie er konnte. Er wollte es genießen, in vollen Zügen, bis sie beide es nicht mehr aushielten.
      "Nimm dir Zeit", hauchte Vincent gegen Thomas' Lippen. "Verwöhne mich. Du erinnerst dich an das, was ich dir bei unserem letzten Treffen beigebracht habe?"


    • Thomas wusste sogleich, dass er diesen Anblick nicht wieder vergessen würde, als Vincent sich von ihm wegdrehte und ihn zu einem neuen Kuss wieder heranzog. Er hätte es kaum für möglich gehalten, aber die Kehrseite des Mannes war mindestens genauso wunderschön wie der Rest von ihm. Er ließ die Hand über die Schultern gleiten, der Muskulatur des Rückens folgend, ergriff ein weiteres Mal seine Hüfte, schlang seine Arme schließlich um seinen Bauch. Der ganze Körper des Mannes an seinem hatte einen unglaublich berauschenden Effekt, als wäre es eine Droge, die nur für seinen Geschmack geschaffen worden war.
      Er presste seine eigene Hüfte gegen ihn, ließ ihn spüren, was er von diesem Anblick hielt. Natürlich nahm er sich Zeit - die Zeit, die er es noch aushalten konnte, nicht in ihm zu sein. Zugegeben, es war nicht besonders viel Zeit.
      "Wie könnte ich das vergessen?", murmelte er zurück und versiegelte Vincents Lippen sogleich wieder mit seinen eigenen. Ein Keuchen entfuhr ihm, als er den anderen Mann an sich drückte und er war für einen Moment dazu geneigt, jegliche weitere Geduld über Bord zu schmeißen, nur um sich an dem bedienen zu können, was er so unglaublich begehrte. Der Mann brachte ihn mit seinem nackten Körper noch völlig um den Verstand.
      Aber zumindest funktionierte sein Gehirn noch gut genug, um ihn davon abzuhalten. Er ließ von ihm ab und beförderte das Fläschchen Öl zu Tage, das er nur wegen Darcy aufbewahrte: Ein kleines Gefäß Rosenöl. Sie mochte den Geruch und auch wenn es Thomas eigentlich herzlich egal war, wie dieses Zeug roch, würde er diesem Duft in der heutigen Nacht eine neue Bedeutung verleihen - eine, die ihm auch selbst zusagte.
      Er war sogleich wieder bei Vincent, legte seine Arme um ihn, küsste seine Schulter und seinen Nacken. Der liebliche Duft des Öls breitete sich bereits im Raum aus, wie der Vorbote auf das, was kommen würde. Er legte seine Hand auf Vincents Rücken an, fuhr mit dem Finger langsam sein Rückgrat hinab, stets darauf bedacht den Kontakt nicht zu unterbrechen, bis er die Stelle gefunden hatte. Er hielt seinen aufmerksamen Blick auf Vincent gerichtet, wollte sämtliche seiner Reaktionen in sich aufnehmen, wollte herausfinden, welche er hervorzulocken vermochte. Seine Finger waren die ruhigen, bedachten Finger eines Chirurgen, darin geschult die exakte Menge an Druck zu finden, um nicht zu fest oder zu leicht zu sein. Er schob ihn Millimeter um Millimeter in Vincent hinein, stets auf seine Reaktion bedacht, ließ ihn kreisen, suchte nach dem Punkt, den der andere ihm bereits gezeigt hatte. Er ließ sich von dessen Geräuschen leiten, führte seine andere Hand zu dessen Schritt hinab, streichelte ihn sanft. Er liebte Vincents Geräusche, wollte ihm mehr davon entlocken. Mit einem Mal war es ihm tatsächlich nicht mehr so eilig, solange er nur sein Keuchen noch hören konnte - und er sorgte schon dafür, dass es nicht abbrechen würde.
    • Vincent schloss die Augen, um sich ungehindert auf die anderen Eindrücke konzentrieren zu können, die Thomas ihm schenkte.
      Zuerst kamen die Rosen. Sie fluteten Vincents Verstand, übertünchten den sanften Zimtgeruch von Thomas. Er lernte schnell, Rosen dafür zu verabscheuen. In Zukunft würde er auf andere Öle bestehen, wenn er mit Thomas allein war. Und er würde noch oft mit dem Mann allein sein, wenn es nahm ihm ging.
      Mit wohligen Brummen ließ Vincent seinen Kopf zwischen seine Arme fallen, die er gegen die Wand drückte. Thomas nahm sich wirklich Zeit, jetzt wo er ihn daran erinnert hatte. Und oh, wie sehr Vincent jede einzelne Sekunde genoss.
      Stück für Stück schob Thomas seinen Finger in ihn hinein. Er blieb sanft auf seiner Suche nach dieser einen Stelle, von der er genau wusste, wie sehr sie einen Mann in den Wahnsinn treiben konnte. Noch hatte Thomas sie nicht gefunden, aber allein seine Suche war schon ein Erlebnis.
      Schließlich hielt Vincent es nicht mehr aus, sein ganzer Körper schrie nach mehr von dem Mann. Also griff er hinter sich, ergriff Thomas' Handgelenk. Träge hob er seinen Kopf, lächelte den Mann über seine eigene Schulter an. Er musste nichts sagen, seine Bitte nach mehr stand ihm auf jeden Zentimeter seines zusehends verschwitzten Körper geschrieben. Und Thomas, guter, braver Thomas, erfüllte seinen Wunsch.
      Mit dem zweiten Finger fand er dann offenkundig auch den richtigen Punkt, denn Vincents gesamter Körper erschauderte. Er lehnte sich nun nicht nur mit seinen Armen an die Wand, sondern mit seinem gesamten Oberkörper. Bereits jetzt konnte er nur noch Thomas spüren. In ihm. Um ihn herum.
      Vincent schloss die Augen, verdrängte mit Gewalt den Duft der Rosen, um hinter all dem Thomas zu riechen. Und da war er: Zimt und Schweiß und Begierde.


    • Hätte Thomas es nicht schön hören können, hätte er Vincents Gefallen spätestens an dem Zucken erkannt, das sich wie eine unterschwellige Welle in seinen Muskeln widerspiegelte. Er schien sekündlich etwas neues an dem Mann zu finden, das ihm gefiel; vorher war es noch seine Hüfte gewesen, seine Stimme, sein Atem, sein gesamtes Aussehen, jetzt war es die Art und Weise, wie die Bewegung seiner Arme in seinen Schulterblättern wiederhallte, wie das Spiel der Muskeln sich über seinen Rücken hinweg fortsetzte, als er sich bewegte. Thomas hatte als Arzt schon immer ein gewisses Interesse für Anatomie empfunden, aber für Vincent war er überhaupt froh, sich mit dem Thema jemals beschäftigt zu haben, um die Perfektion seines Körpers überhaupt erst erkennen zu können.
      Er lehnte sich an ihn, drückte ihm einen Kuss auf die Schulter. Der zunehmende Geruch nach Schweiß und Verlangen, versetzt mit dem Duft nach Rosen, versetzte ihn beinahe selbst in schiere Ekstase. Er konnte nicht mehr länger warten, wollte nicht mehr. Wie lange hatte er schon darauf gewartet, zwei Wochen, sein ganzes Leben? Er hielt es keine Sekunde länger aus.
      Er beugte sich zu Vincent vor, neigte sich zu seinem Ohr, ließ seine Finger kreisen. Mittlerweile glaubte er, den Punkt hin und wieder zu treffen, allerdings war er sich selbst noch völlig im Unklaren darüber, an welcher Stelle er genau war. Er erkannte es lediglich in dem gelegentlichen Schauer, der durch dessen Körper fuhr und absolut einladend auf ihn wirkte. Vincents Körpersprache sagte ihm so viel mehr, als Worte es je gekonnt hätten.
      "Bist du bereit?"
      Er schob seinen Kopf hinab zu Vincents Hals, sog seinen Geruch in sich auf, während er auf eine ehrlich gemeinte Antwort wartete. Er würde sich ihm kein zweites Mal aufdrängen, nicht so wie beim ersten Mal - zumindest dafür hatte er noch genug Beherrschung.
      Er zog seine Finger vorsichtig heraus, als Vincent ihm das Stichwort dazu gab, positionierte sich hinter ihm, legte ihm eine Hand auf den unteren Rücken. Bereits der Anblick des leicht vornüber gebeugten Mannes, der Ausblick, der ihn erwartete, der feine Schweißfilm, der sich auf dessen Rücken bildete, war bereits genug um Thomas für einen Moment stocken zu lassen. Wenn er nicht aufpasste, würde wieder alles zu schnell vorbei sein.
      Nach einem weiteren Moment des Zögerns schob er sich schließlich in Vincent hinein.
      Bereits wie beim ersten Mal raubte es ihm den Verstand. Es war nicht nur das Gefühl selbst, die Hitze die von ihm ausging, die Nässe des Öls, es war viel eher das Gesamtbild, das sich ihm über seine Sinne hinweg bot, der nackte, wunderschöne Mann vor ihm, der durchgestreckte, von Muskeln durchzogene Rücken, der Geruch nach Rosen und Schweiß und Sex, das Keuchen des Mannes. Alles prasselte wie eine Flut auf Thomas ein und er musste innehalten, klammerte sich an Vincent und versuchte sich dadurch abzulenken, dass er seine Schulter ein weiteres Mal küsste.
      "Gott, Vincent..."
      Er schob sich ein weiteres Stück in ihn hinein, hielt inne. Wenn nicht alles an Vincent so perfekt gewesen wäre, hätte er sich womöglich besser im Griff gehabt, aber so war es ein Kampf mit sich selbst, ein stetiges Ringen, bis er gänzlich in ihm drin war und vor Erleichterung ausatmete. Seine Hand suchte wieder Vincents Schritt, liebkoste ihn, während er selbst einen Moment ausharrte, um sich zu beruhigen. Erst, als er sich einigermaßen sicher war, wenigstens ein paar weitere Sekunden aushalten zu können, verfiel er in ein langsames, süßes Tempo, klammerte sich an Vincent und übersäte seinen Rücken mit Küssen, um sich weiter abzulenken. Hauptsache er würde nur ein wenig länger durchhalten.
    • Vincent bäumte sich auf, als sich Thomas nur ein kleines Bisschen in ihn eindrang. Er wollte mehr, brauchte mehr. Er spürte, wie der andere Mann ihn geradezu quälend langsam Zentimeter für Zentimeter nahm. Selbst mit der richtigen Vorbereitung war Thomas groß. Vincent fühlte sich vollkommen ausgefüllt, als sich Thomas endlich völlig in ihn gesenkt hatte.
      Vincent stöhnte, warf den Kopf zurück.
      "Gott hat damit nichts zu tun...," flüsterte er mit gepresster Stimme.
      Er stützte sich mit den Ellenbogen an der Wand ab, zu zittrig waren seine Arme in diesem Augenblick. Jeder einzelne Kuss, den der Mann auf seiner schwitzigen Haut hinterließ, war so sengend heiß. Es mochte Thomas' erstes Mal auf diese Weise sein - sein erstes richtiges Mal - doch seine Stöße waren präzise, tief und befriedigend. Vincents ganzes Wesen erbebte.
      Thomas rief so intensive Gefühle in ihm hervor, dass die erste Welle der Ekstase nicht lange auf sich warten ließ.
      Instinktiv richtete sich Vincent auf und griff hinter sich in Thomas' Nacken, um den Mann enger an sich zu ziehen, auch wenn ihn das mit dem Oberkörper gegen die Wand drängte. Es war ihm egal. Alles war egal, solange dieser Mann nur nicht aufhörte. Niemals aufhörte.
      "Ich will dich sehen," keuchte er an Thomas' Wange. "Ich will sehen... was ich mit dir anstelle..."
      Er wartete nicht auf Zustimmung. Stattdessen drängte er Thomas von sich, aus sich heraus und stolperte hinüber zum Bett. Etwas weniger elegant als er vielleicht wollte, ließ sich Vincent in die angenehm kühlen Laken sinken. Er stützte sich auf seine Ellenbogen, lächelte halb charmant, halb verträumt und streckte eine Hand nach Thomas aus.
      Er sagte nichts, hatte keine Worte mehr übrig. Aber er brauchte auch keine. Sein eigener Körper erzählte genug, berichtete Thomas absolut alles, ohne Zurückhaltung. Wieder und wieder.

      Als es vorbei war, schlang Vincent die Arme um den anderen Mann, hielt ihn fest, bis sich ihre Körper wieder beruhigt hatten. Thomas' Herzschlag allein hatte eine geradezu hypnotisierende Wirkung auf ihn. Dazu noch den Duft ihrer Vereinigung zu haben ließ Vincent glauben, doch noch einen Weg ins Paradies gefunden zu haben.
      Doch alles Gute musste einmal ein Ende haben. Bis zum Sonnenaufgang war zwar noch Zeit, doch es gab Dinge, die vorher erledigt werden wollten.
      "Ich könnte die fähigen Hände eines Arztes gebrauchen", raunte Vincent, ein Lächeln auf den Lippen. "Und sein Badezimmer. Warmes Wasser."
      Er küsste Thomas' Schulter, bevor er den Mann sanft von sich herunter - und aus ihm heraus - schob, um sich aufzusetzen. Vincent hatte in seinem langen Leben schon so einiges an Dreck von seinem Körper gewaschen, aber nichts war so zufriedenstellend wie ein Bad nach wirklich gutem Sex.
      "Hilfst du mir, Thomas?", fragte er, als er aufstand.
      Sein Körper war auf die perfekteste Weise ausgelaugt und tat an genau den richtigen Stellen weh. Vincent bereute nichts, absolut gar nichts.
      Wie schon vor einer kleinen Weile streckte er die Hand nach dem Erben der Van Helsings aus, ein charmantes Lächeln im Gesicht.


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    • Thomas verschwamm förmlich in der völligen Hingabe des Moments, wenngleich es trotz seiner Bemühungen viel früher endete, als es ihm lieb gewesen wäre. Er fühlte sich wie ein Junge, der zum ersten Mal einen nackten Körper zu Gesicht bekam: Über alle Maßen berauscht und kaum in Kontrolle über sich selbst. Er würde sich erst daran gewöhnen müssen, bis er sich einigermaßen im Griff hatte, aber - bei Gott - er wollte sich nicht daran gewöhnen, als wäre es eine Tagtäglichkeit - als wäre es nichts mehr als Darcy. Er wollte für den Rest seiner Tage in den vollen Genuss dieser Momente gelangen.
      Vincent roch nach Schweiß und Sex. Der Geruch war ganz prägnant, als Thomas sich schwer auf ihn legte, allgegenwärtig als wolle er ihn einlullen. Beinahe hätte er das auch geschafft, hätte ihn in eine Traumwelt geschickt, in der er Vincent genau wie gerade eben in der Luft schweben gesehen hätte, fast wie ein einladender Engel, der ihm alle seine Wünsche zu erfüllen versprach. Nur die Stimme des echten Vincents, süß und verführerisch an seinem Ohr, holte ihn in die Gegenwart zurück, erweckte seinen Körper zu neuem Leben. Seine Haut prickelte unter Vincents Kuss, schien die Berührung in sich aufzunehmen, um sie in einem Winkel seines Gedächtnisses zu lagern und später wieder hervorholen zu können. Wenn er es sich recht überlegte, hatte er sogar einen Haufen solcher Erinnerungen, die nur darauf warteten, ihm Gesellschaft zu leisten, wenn er später einschlafen würde.
      Aber noch war es nicht so weit. Noch würde er sich auf den Beinen halten, solange dieser bezaubernde, gottesähnliche Anblick von einem Mann vor ihm aufragte und ihn weiterhin mit seinen strahlenden, neckischen Augen betrachtete. Mittlerweile wäre er ihm wohl überall hin gefolgt, ganz zu schweigen von seinem Bad.
      "Sowas brauchst du gar nicht erst zu fragen."
      Er ergriff seine Hand, ließ sich hochziehen und führte ihn zum angrenzenden Badezimmer. Er besaß sogar fließendes Wasser, wodurch er nicht erst Beth bemühen musste, allerdings dauerte es immer eine Weile, um die Wanne damit zu füllen. In der Zwischenzeit begnügte er sich damit, einen Waschlappen zu nässen und ihn Vincent zu reichen, bevor er es sich anders überlegte und ihm stattdessen selbst über die Schultern, über den Nacken, über die Brust damit fuhr. Er konnte jetzt schon erkennen, wie sehr er es mochte, die kleine Spur der Wassertropfen zu verfolgen, die Vincents Haut zum Glitzern brachte. Konnte es überhaupt irgendetwas an dem Mann geben, das ihn nicht entzückt hätte?
      "Wie lange wirst du in Cambridge bleiben?", fragte er unschuldig, als er sich von dem Anblick lösen konnte und stattdessen zu Vincent aufsah. Vincents Haare waren völlig zerzaust von ihrer gemeinsamen Zeit und verliehen ihm einen gewissen wilden, unzähmbaren Eindruck, der erstaunlich gut zu seinem Wesen passte. Wenn er sich entscheiden konnte, hätte Thomas diesen Look fast der sonst ordentlichen und gebürsteten Frisur bevorzugt.
    • Vincent lehnte sich auf den Wannenrand und beobachtete, wie das Wasser langsam aber sicher anstieg. Er erinnerte sich an Zeiten, in denen ein solcher Akt mehrere Bedienstete mit Eimern voller Wasser gebraucht hatte, einen großen Kessel über einem Feuer. Heutzutage war baden ein sehr viel entspannterer Prozess und sehr viel mehr Menschen zugänglich. Manchmal erinnerte sich Vincent an diese unscheinbaren Verbesserungen des Lebens und machte sich selbst klar, was für weitreichende Auswirkungen sie hatten.
      "So lange, wie mir danach ist," antwortete er auf Thomas' Frage. "Ich muss für eine Weile nirgendwo sonst auftauchen. Allerdings werde ich immer dem Ruf eines antiken Buches folgen, sollte sich die Möglichkeit ergeben."
      Er riss sich von dem Anblick des Wassers los und stand auf, machte den Schritt hinüber zu Thomas und nahm ihm den Waschlappen ab, schließlich war er nicht der Einzige, der sich hier heute Nacht körperlich verausgabt hatte.
      "Mich wirst du erst los, wenn ich die Möglichkeit hatte, deinen Flügel zu stimmen. Nur, weil du nicht spielst, heißt das nicht, dass man sich nicht um ein solch wundervolles Instrument kümmern muss."
      Seinen kleinen Tadel unterstrich Vincent mit einem frechen Lächeln und einem kleinen Klapps auf Thomas' Hintern. Er drückte dem Mann den Waschlappen wieder in die Hand, dann stieg er in die Wanne, auch wenn diese noch nicht ganz voll war. Das warme Wasser beruhigte seine ausgelaugten Muskeln augenblicklich und Vincent konnte ein wohliges Seufzen nicht zurückhalten. Er ließ sich nach hinten sinken, legte die Arme und seinen Kopf auf den Wannenrand und schloss die Augen.
      "Nach dem, was du heute mit mir angestellt hast, weiß ich nicht, ob ich es morgen aus dem Bett schaffe," dachte er laut nach. "Ich bin ja so schon ein Nachtschwärmer. Und du... du und deine magischen Fingerchen... So ausgelaugt war ich schon lange nicht mehr."
      Vincent sah auf, griff nach Thomas' Hand.
      "Das ist übrigens ein Kompliment," schnurrte er. "Du warst heute wirklich ein guter Doktor."


    • Thomas grinste; es war die Art von Grinsen, bei der man sich gar nicht über den Drang zu lächeln bewusst war, ehe es schon zu spät war. Wenn Vincent wegen dem Flügel länger blieb, hätte er ihn sogar verschrotten lassen, um ihn zum Bleiben zu bewegen, das genaue Gegenteil dessen, was der andere mit seiner flüchtigen Anklage hätte bezwecken wollen.
      "Wenn das so ist, werde ich wohl auch in Zukunft darauf verzichten, einen Klavierstimmer kommen zu lassen. Natürlich nur, solange du in der Stadt bist."
      Die Ungezwungenheit, mit der sich beide Männer bereits untereinander verhielten, schien noch surreal, wenn auch nicht unwillkommen. Mittlerweile hatte Thomas schon einen Großteil seiner Verlegenheit abgelegt, mit der er die Nacktheit des anderen Mannes begutachtete, und Vincent schien sowieso unbekümmert darüber, dass Thomas auch jeden noch so kleinen Fleck seines Körpers mustern wollte. Er präsentierte sich ja geradezu vor ihm, wie er in die halbleere Wanne stieg und sie mit seinen unerträglich langen Beinen ausfüllte. Die Wanne schien wie dazu gemacht seinen Körper zu beherbergen, sie hatte genau die richtige Rundung, damit Vincent sich an ihr anlehnen konnte. Der Anblick seines entblößten Halses rief eine hübsche Erinnerung in Thomas hervor, an einen Moment, der vor nicht allzu vielen Minuten erst verstrichen war.
      Er lächelte und schluckte, trat dann an die Wanne heran und setzte sich auf ihren Rand. Vincent ergriff seine Hand und er drückte sie, jetzt einen offenherzig enttäuschten Ausdruck im Gesicht.
      "Zu gut, möchte ich meinen. Eigentlich wollte ich dich zum Frühstück ausführen, aber daraus wird dann wohl nichts mehr, oder? Den restlichen Tag habe ich auch keine Zeit, mittags habe ich ein paar Besorgungen in der Stadt und abends bin ich eingeladen."
      Er hielt Vincents Hand weiter fest und streichelte mit dem Daumen sanft über seine Fingerknöchel. Das Wasser in der Wanne stieg an und wippte an Vincents Hüfte.
      "Du könntest natürlich mitkommen", hob er an, nachdem er für einen Moment beobachtet hatte, wie die feinen Wellen seinen Bauch empor krochen. Eigentlich musste er sich auch selbst noch waschen, aber für den Augenblick wollte er noch den Ausblick genießen, der von seiner Sitzgelegenheit aus wirklich einwandfrei war.
      "Es ist eine offene Gesellschaft, fünf oder sechs Männer, schätze ich. Der Gastgeber ist einer meiner Patienten, er kommt schon seit einigen Jahren zu mir. Wir werden wohl trinken und pokern, hauptsächlich."
      Er ließ Vincents Hand los, um seine eigene ins Wasser zu stecken. Bei der Wärme wurde ihm selbst bewusst, wie müde er eigentlich war, und er kämpfte ein aufkommendes Gähnen herunter.
      "Ich würde es ja absagen, aber das wäre nicht höflich, zumal er mich schon vor zwei Wochen eingeladen hat, bevor ich zu deinem Fest gegangen bin."
      Er zog die Hand wieder heraus und wischte das Wasser an seinem Bein ab.
      "Aber du musst nicht. Wir können auch Sonntag frühstücken gehen."
      Das Lächeln schlich sich wieder auf sein Gesicht.
    • "Willst du am Sonntag nicht in die Kirche? Ich dachte, du bist ein gläubiger Mann?" gab Vincent schlicht zurück.
      Im nächsten Moment richtete er sich auf, schlang seine Arme um Thomas und zog den Mann zu sich in die Wanne. Er platzierte den Doktor vor sich, bevor er sich wieder zurücklehnte, Thomas Rücken an seiner Brust, Vincents Arme locker um dessen Hüften.
      "Wenn es nicht zu unhöflich ist, wenn du mich mitnimmst, komme ich gern. Aber sei gewarnt: Ich bin ein miserabler Kartenspieler."
      Er platzierte einen sanften Kuss auf Thomas' Schulter. Er musste Instinktiv eine Stelle direkt über einer größeren Vene gefunden haben, denn er konnte den kräftigen Herzschlag des Mannes an seinen Lippen spüren. Und mit einem Mal wurde Vincent bewusst, wie hungrig er war. Als sein Zahnfleisch begann, unangenehm zu pochen, lehnte er seinen Kopf wieder nach hinten auf den Wannenrand.
      "Wie wäre es damit: Nach dieser kleinen Männerrunde gehen wir zu mir und wir können Sonntag bei mir brunchen. Mein Haus ist nur ein paar Straßen von einer Kirche entfernt. Ich fröne meinem sündigen Dasein als Langschläfer, während du deinem Glauben folgst. Und dann genießen wir ein gutes Essen. Ich weiß nicht, wie dein Tagesplan aussieht, aber von mir aus können wir auch zusammen zu Mittag und zu Abend essen."
      Vincents schlang seine Arme um den Oberkörper des anderen Mannes. Er drückte ihn fest an sich, vergrub das Gesicht in den dichten Haaren von Thomas' Hinterkopf, inhalierte dessen Geruch, diesen wundervollen Duft nach Zimt, tief.
      "Es ist schon sehr lange her, dass ich mich jemandem so verbunden gefühlt habe," flüsterte er. "Ich lasse normalerweise niemanden so nahe an mich heran. Körperlich, aber noch weniger emotional. Und du... du machst Dinge mit mir, Thomas. Dinge, die ich noch nie verstanden habe."
      Sanft küsste er Thomas Nacken. Er konnte es sich nicht erklären, aber alles in ihm sehnte sich nach diesem Mann. Nach Thomas Van Helsing. Und es war nicht nur Hunger, nicht einfach nur der Instinkt eines Raubtieres. Er wollte Thomas, nicht nur einen Teil von ihm. Er wollte ihn ganz, mit Haut und Haar, mit allen Fehlern und Vorzügen. Er wollte diesen Mann, ganz und gar.
      "Ich glaube, Herr Doktor, ich habe ein Suchtproblem," raunte er.


    • Bevor Thomas noch eine passende Ausrede einfallen konnte, wurde er bereits von Vincent in die Wanne gezogen, was er sich nur allzu gern gefallen ließ. Die Wärme des Wassers mit dem Körper des anderen Mannes hatte schon fast den Charakter ihrer gemeinsamen Zeit im Bett und empfing ihn wie eine süße Liebkosung seiner Sinne. Er ließ sich gegen Vincent sinken, tiefenentspannt bis auf die letzte Faser seines Körpers, und legte den Kopf zurück auf seine Schulter. Ein samtiger Kuss auf seiner eigenen Schulter folgte, bevor auch Vincent sich wieder zurücklehnte.
      "Ich nehme dich als guten Freund mit. Und außerdem glaube ich, dass schlechte Kartenspieler beliebter sind als gute."
      Er streichelte über Vincents Oberschenkel, während er ihm lauschte; er konnte seinen Hals leicht vibrieren fühlen, wenn er seinen Kopf dagegen lehnte. Vincent fühlte sich im Wasser himmlisch weich an.
      "Ein Kirchengang würde dir auch nicht schaden bei den ganzen Sünden, die du begehst."
      Er lächelte in sich hinein, wohlwissend, dass Vincent es sowieso nicht sehen konnte.
      "Sonntagabend bin ich auch eingeladen - aber das lässt sich verschieben. Das war so eine Darcy-Sache und wenn sie nicht da ist, habe ich sogar eine Ausrede um nicht hinzugehen."
      Damit war es wohl offiziell: Ein Wochenende voll Vincent, ein einziger Traum, der ihn erwartete. Hätte er nur früher von dieser Möglichkeit gewusst, hätte er kaum so lange gewartet, um ihn zum Essen einzuladen. Eine ganze Woche hatte er ihn sitzen gelassen und nur der Allmächtige konnte gütig genug sein, um ihn für diese Frechheit nicht zu bestrafen, sondern stattdessen zu belohnen. Aber trotzdem, eine ganze Woche, in der er das alles schon hätte haben können. So eine Chance würde er sich kein zweites Mal entgehen lassen.
      Vincent drückte ihn an sich, eine so schlichte Geste, die in Thomas allerdings das Gefühl auslöste, als wäre er am richtigen Ort angekommen. Er hob den Arm über den Kopf, fuhr mit der Hand durch Vincents Haare, genoss den Kuss auf seinem Nacken. Erst dann richtete er sich auf, drehte sich zu Vincent um, stützte sich mit den Armen neben dessen Hüfte in der Wanne auf, studierte sein Gesicht. In seinem Blick lag eine Weichheit, die zu den Worten zu passen schien, die er an ihn gerichtet hatte, leise genug, dass man glauben konnte, es würde ihm schwer fallen, derartige Gedanken auszusprechen. Das war es auch, was Thomas in seinem Blick herauszulesen glaubte, wenngleich er in solchen Dingen kein wirkliches Geschick hatte.
      Er rückte ein Stück näher, schloss mit Vincents Lippen auf und bedeckte sie mit seinen eigenen, ein geradezu liebevoller Kuss, der ihn selbst überraschte. Es blieb allerdings bei einem kurzen Kuss, ehe er den Kopf ein Stück anhob und Vincent in die Augen blickte.
      "Ich hätte dich anders eingeschätzt, für jemand der sowas… immer mal wieder hat. Du hast so selbstverständlich gewirkt, vor zwei Wochen, auf deinem Fest. Aber", er hob die Hand aus dem Wasser und fuhr mit den Fingern durch Vincents Haarsträhnen, "ich denke ich weiß, wie du dich fühlen musst. Mir geht es nicht anders."
      Das Lächeln war wieder da, aber dieses mal kam es nicht überraschend, sondern vielmehr aus seiner Seele, ein Teil seiner Gefühle, der sich seinen Weg durch sein Unterbewusstsein bis zur Oberfläche erkämpft hatte. Und es fühlte sich absolut gut und richtig an.
      "Und was dein Suchtproblem betrifft, mein lieber Herr Harker", er fuhr mit der Hand Vincents Hinterkopf hinab zu seiner Wange, "so verschreibe ich eine Überdosis. Das ist kein ärztlicher Rat, sondern vielmehr eine ärztliche Anweisung."
      Er küsste ihn erneut, intensiver dieses Mal, verlangender. Vincents Geständnis hatte ihn beflügelt, zu wissen, dass er nicht der einzige war, dessen Gefühle außer Kontrolle geraten waren. Es machte die ganze Sache ein wenig leichter, ließ ihn die Gedanken zurückdrängen, dass er sich zu viel auf diese ganze Sache einbildete, dass es zu schnell voranging. Nichts konnte zu schnell sein mit Vincent, ihm war alles recht, was mit diesem Mann in Zusammenhang stand.
      Nur Darcy, die hübsche, nervige Darcy ließ sich davon nicht verdrängen. Sie bildete sich in seinem Unterbewusstsein zu einem kleinen, dunklen Geschwür, das sich dort festsaß und auf seine Seele abfärbte. Dieses Problem, das er sich selbst eingebrockt hatte, konnte er wohl nicht mit allen Worten dieser Welt lösen, wenn überhaupt dann nur mit Taten.
      Aber nicht an diesem Tag, nicht in dieser Woche, wahrscheinlich nicht in diesem Monat. Er wollte nur Vincent genießen, solange es ihm nur möglich war.

      Sie wuschen sich gegenseitig und als ihre Haut von dem Wasser schrumpelig wurde und Thomas drohte einzuschlafen - Vincent schien auch müde, aber noch nicht ganz so sehr - stiegen sie heraus, trockneten sich ab und kamen in das Schlafzimmer zurück, das noch immer dumpf nach Rosen und Sex roch. Thomas richtete das Bettlaken ein wenig, machte sich eine gedankliche Notiz davon Beth morgen die Bettwäsche auswechseln zu lassen und zog Vincent zu sich in die Laken. Eigentlich hatte er ihm das Gästezimmer herrichten wollen, aber abgesehen davon, dass er viel zu müde dafür war, wollte er davon absehen, auf eine gemeinsame Nacht mit ihm zu verzichten. Also zog er ihn an sich, Vincents Rücken an seiner Brust, und schlang den Arm um seinen Bauch. Der andere Mann roch nach Badewasser, vermischt mit dem eigenen Geruch; noch etwas, was Thomas gefiel. Er lächelte darüber ein wenig.
      "Wie lange wirst du morgen schlafen? Ich kann dir etwas zum Frühstück mitbringen - oder zum Mittagessen, je nachdem."
      Er unterdrückte ein Gähnen, indem er den Mund an Vincents Schulter drückte. Er konnte sich nichts besseres vorstellen, als mit diesem Mann im Arm einzuschlafen und das benebelte ihm bereits die Sinne.
    • "Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen Nächten, die man mit irgendjemandem verbringt und Nächten, die man mit jemandem verbringt für den man sich auch wirklich interessiert. Es stimmt: ich habe genug körperliche Begegnungen, um mit der Zahl angeben zu können - oder als verrucht zu gelten. Ein Bordel ist es zwar nicht, ich habe da doch ein bisschen mehr Geschmack, aber ich kann mich nicht beklagen. Wenn es allerdings um interessante Begleitungen geht, dann Nein. Ich habe so etwas nicht allzu oft. Ich glaube, das letzte Mal, dass ich mich wirklich für eine Person interessiert habe, und nicht nur für etwas, was mir diese Person geben kann, liegt Jahre zurück. Was meine Selbstverständlichkeit angeht... nun, ich pflege ein gutes Selbstbewusstsein und lasse mir nicht gerne sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Sehr zum Leidwesen meiner Familie. Ich habe mir sagen lassen, dass ich ein ziemlich stures Kind war."
      Vincent lächelte an Thomas' Schulter, als er sich an seine Kindermädchen erinnerte, die sich immer über seine Wildheit beschwerten. Er sah es weniger als Wildheit an, und viel mehr als Freigeist.

      Vincent kuschelte sich nur zu gern in die warmen Arme des Van Helsing Erbens. Er fühlte sich viel zu wohl in einem Haus, das einzig und allein dafür designt worden war, seinesgleichen bei lebendigem Leibe zu verbrennen, und das bewohnt wurde von einer Familie der fähigsten Jäger seinesgleichen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes in der Höhle des Löwen und hier war er das Lamm. Und dennoch...
      "Ich weiß nicht. Ich bin von Haus aus ein ziemlicher Langschläfer. Wenn du voraussagen kannst, wann du aufwachst, ohne dass dich jemand wecken muss, applaudiere ich dir, diese Fähigkeit besitze ich nicht. Aber mache dir um mich bitte keine Sorgen. Ich bin mir sicher, Beth wird sich während deiner Abwesenheit herrschaftlich um mich kümmern. Außerdem werde ich irgendwann auch nach Hause gehen müssen. Mein Anzug ist nun wirklich nicht mehr in einem ausgehfähigen Zustand."
      Mit einem leisen Lachen drückte Vincent seine Hüften ein wenig nach hinten. Dann jedoch drehte er sich in Thomas' Armen um und lächelte ihn an.
      "Es ist schon sehr lange her, dass ich den Armen eines anderes einschlafen wollte," beichtete er, während er mit dem Daumen über Thomas' Kiefer strich. "Küss mich."


    • Thomas vergrub den Kopf in Vincents Haarschopf, die Nase an seinen Nacken gedrückt. Bei Darcy hatte er nie das Bedürfnis danach gehabt zu kuscheln, bei Vincent wollte er es gar nicht erst wagen, sich von dem anderen Mann abzuwenden.
      "Fühl dich einfach wie Zuhause - fast wie Zuhause. Ich glaube ich bin nur noch etwas... aufgewühlt von unserer Zeit, da denke ich nicht richtig mit."
      Vincent hatte ein ganz hübsches, heiteres Lachen, das sich anhörte wie in einem Traum. Entsprach es tatsächlich noch der Realität, dass er mit diesem schönen, perfekten Mann in einem Bett schlafen konnte - dass er überhaupt so intim mit ihm wurde? Natürlich war das, was sie betrieben, keine Dauerlösung, aber solange es anhielt, fühlte es sich wie der wahrhaftige Himmel an. Wenn es nach ihm ginge, würden sie den Rest ihrer Tage in diesem Bett verbringen und das echte Leben vor die Türe dieses Zimmer sperren.
      Er begegnete dem Blick Vincents heller Augen und lächelte ihn an, aufmunternd. Was auch immer dafür sorgte, dass er sich wohl sonst von seinen so zahlreichen Liebschaften distanzierte, schien jetzt ein wenig an die Oberfläche durchzuscheinen und Thomas wäre der letzte gewesen, der ihn dabei unterbrochen hätte. Es gefiel ihm zu sehen, dass der Mann, der auf Harker Heights so perfekt gewirkt hatte - der ja immer noch so rundum perfekt war - auch eine menschliche Seite hatte, eine echte Seite. Es war eine ganz andere Art von Intimität, die sich körperlich nicht erzeugen ließ.
      Er schlang die Arme fest um Vincent, drückte ihn an sich und kam seiner Aufforderung mit einem zärtlichen Kuss entgegen. Halb drehte er sich mit ihm auf den Rücken, um Vincent dazu einzuladen, sich an seine Brust zu schmiegen. Er wollte so eng mit dem Mann sein, dass ihm selbst das noch immer zu weit auseinander vorkam.
      Als der Kuss sich schließlich auflöste, fuhr er mit den Fingern durch Vincents Haare und streichelte ihn den Kopf entlang zu seiner Wange. Der Drang, ihn ständig zu berühren, war zu groß, um ihm nicht zu folgen.
      "Wenn ich könnte, würde ich hier ewig mit dir liegen bleiben", flüsterte er und strich ihm die paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.
      "Nur du und ich. Du bist rundum bezaubernd, Vincent, weißt du das? Wie kommt es, dass jemand so reizendes wie du keinen... festen Partner hat? Ich bin doch sicherlich nicht der erste, dem du so nahe kommen kannst. Hast du dich denn niemals... festlegen wollen?"
    • Vincent konnte sich ein weiteres Lachen nicht verkneifen.
      "Ein Abendessen und ein bisschen Tächtelmächtel und schon willst du über meine Verflossenen sprechen, Thomas?"
      Er legte seinen Kopf auf die Brust des Mannes, ließ seine Hand sanft über dessen Bauch streichen, zeichnete kleine Muster auf dessen weiche Haut.
      "Natürlich hatte ich schon Beziehungen, die tiefer gingen als eine oder zwei Nächte. Natürlich wurde mir schon das Herz gebrochen. Vielleicht halte ich mich deswegen zurück. Meine letzte Beziehung... sie ging nicht gut aus. Eigentlich war sie von Anfang an nicht gut. Für mich zumindest. Aber damals habe ich das nicht gesehen. Nicht sehen wollen. Als es vorbei war... Ich brauchte einfach Zeit. Also bin ich zurück zu dem Ort, an dem ich geboren wurde und habe mir ein Haus gekauft."
      Vincent wusste auch nicht, warum er auf einmal aus dem Nähkästchen plauderte. Normalerweise war er sehr viel besser darin, seine Geheimnisse für sich zu behalten. Aber bei Thomas fühlte er sich einfach so sicher, dass er seine Wände nicht nur öffnete, sondern geradezu niederriss.
      "Ich nehme mal nicht an, dass du große Erfahrungen in der Liebe hast?"
      Er richtete sich ein bisschen auf, stützte sich auf seinen Ellenbogen, um Thomas in das hübsche Gesicht schauen zu können. Ihm gefiel der Gedanke, der Erste dieses Mannes zu sein, noch immer, auch nach über einer Woche, die nun schon vergangen war. Diese Tatsache rüttelte an etwas elementarem in ihm, einem sehr ursprünglichen Teil.
      "Glaube nicht, dass mich deine Unerfahrenheit abschreckt, Thomas. Es ist schwer, sich selbst zu finden in einer Welt, die so viel Wert auf Falschheit legt. Wenn du mich lässt, dann helfe ich dir, all das zu finden, was die Gesellschaft wohl Abgründe nennen würde."
      Vincent beugte sich vor und stahl sich einen weiteren, flüchtigen Kuss, bevor er sich wieder hinlegte, sein Kopf auf Thomas' Brust, genau über dessen Herzen.
      "Vielleicht kannst du mir ja auch mit meinen helfen...", murmelte er, bevor er die Augen schloss.
      Der Sonnenaufgang nahte, er konnte es fühlen. Vielleicht sollte er nervöser sein, in diesem Haus zu schlafen, während die Sonne hoch am Himmel stand. Vielleicht sollte er nervöser sein, im Heim eines Van Helsing zu schlafen. Aber das war er nicht. Thomas würde ihm nichts tun, selbst wenn er von diesem Abgrund Vincents erfahren sollte. Ihrer beider Leben waren bereits zu verstrickt für so etwas. Thomas war kein gnadenloser Killer. Er würde es nichts übers Herz bringen. Genauso wenig wie Vincent es übers Herz brachte, Thomas wehzutun.
      Vincent gab sich der übernatürlichen Müdigkeit mit dieser Gewissheit hin und mit dem Aufgehen der Sonne versank er in tiefem Schlaf.



      Er erwachte kurz nach Mittag. Warum, wusste er nicht. Doch er schlug die Augen auf und wusste sofort, dass die Sonne noch hoch am Himmel stand. Er brauchte einige Minuten um die Müdigkeit weit genug abzuschütteln, um sich überhaupt erst aufsetzen zu können. Er hasste es, tagsüber wach sein zu müssen. Aber jetzt, wo er schonmal wach war, konnte er das auch nutzen.
      Die Vorhänge waren glücklicherweise zugezogen, also konnte er sich relativ frei durch das Schlafzimmer bewegen. Thomas' Schlafzimmer, das so sehr nach ihm roch. Vincent grinste wie ein kleiner Junge, dem man Schokolade gekauft hatte.
      Er suchte sich eine Morgenrobe, bevor er das Schlafzimmer mit seinen eigenen Klamotten in den Händen verließ. Dank dem hohen Stand der Sonne schien aktuell nur indirekt Licht in das Haus, sodass Vincent nur ein bisschen herumtänzeln musste, um sich nicht zu verbrennen. Seine Augen tränten trotzdem, als er das Gästezimmer fand. Er huschte hinein, warf seine Kleidung achtlos auf einen Sessel und widerstand dem Drang, sich einfach wieder ins Bett zu werfen, als er es so verunstaltete, als hätte jemand darin geschlafen. Dann öffnete er die Tür wieder und rief nach Beth.
      Die fleißige, freundliche Haushälterin eilte sofort heran, auch wenn sie einen Moment brauchte, um das große Haus zu durchqueren.
      "Ach, hallo. Ich muss mich für meinen Aufzug entschuldigen," grüßte er Beth. "Wären Sie wohl so freundlich, eine Nachricht an meinen Hausstand zu schicken? Dann muss ich Sie nicht den ganzen Tag in einer Morgenrobe belästigen."
      Beth nickte lächelnd und bot ihm sogar etwas zu essen an, doch Vincent lehnte dankend ab und fragte nur nach einem starken Tee. Beth machte sich sofort an die Arbeit. Sie vergaß darüber beinahe, die Notiz mitzunehmen, die Vincent ihr reichte.

      Etwa eine Stunde später hörte Vincent, wie die Tür zum Haus geöffnet wurde und sich Nora mit Beth bekannt machte. Die beiden Frauen kamen hoch zum Gästezimmer. Nora, in ihrer Rolle als perfekte Haushälterin, reichte Vincent als erstes einen neuen Anzug durch die halb geöffnete Tür und wartete mit Beth darauf, dass sich ihr Arbeitgeber angezogen hatte.
      "Du bist eine absolute Lebensretterin, Nora. Wie habe ich nur ohne dich überlebt?"
      "Schlechter angezogen und mit weniger gutem Essen," gab Nora schlicht zurück, als sie das Zimmer betrat und Vincents abgelegte Kleidung einsammelte.
      Beth schien verdutzt angesichts des entspannten Umgangstons der beiden.
      "Beth! Vielen Dank noch einmal für den Tee. Thomas und ich sind für heute Abend für eine Männerrunde verabredet, aber ich fürchte, er hat meine hiesige Adresse gar nicht und ich weiß nicht, wo ich für besagte Runde hin müsste. Könnte sie ihm meine Adresse geben, wenn wieder da ist?"
      "Aber selbstverständlich, Lord Harker."
      "Bitte. Vincent. Lord Harker klingt doch viel zu aufgedunsen."
      Die ältere Dame reagierte genauso wie alle, die eine Stelle in Vincents Haushalt antraten. Niemand sprach den eigenen Hausherren einfach mit dem Vornamen an. Oder gar einen Gast des eigenen Hausherren.
      "Ich bringe Sie beide noch zur Tür," schloss Beth, um sich von ihren eigenen Überlegungen abzulenken.
      Vincent nickte lächelnd und ließ Nora den Vortritt. Draußen wartete eine Kutsche auf sie beide. Der Kutscher öffnete die Tür, sobald er Nora aus der Tür kommen sah. Vincent blieb stehen und wandte sich noch einmal an Beth, schüttelte ihr die Hand und verabschiedete sich überschwänglich, um ein bisschen Zeit zu schinden. Und dann huschte er mit schnellen, langen Schritten von der Tür zu seiner Kutsche. Nora schloss die Tür, der Kutscher setzte auf und schon machten sie sich auf den Weg zurück zu Vincents Stadthaus.
      "Du musst mich nicht so ansehen, Nora, ich weiß dass es eine blöde Idee war, im Van Helsing Anwesen zu schlafen."
      "Das Haus ist eine Todesfalle für dich."
      "Ich weiß. Und doch sitze ich hier, so lebendig wie ich nur sein kann."
      "Wie geht's deinem Nacken."
      Nora kannte ihn zu gut. Er hatte den Kopf unten gehalten, um nicht vom Sonnenlicht geblendet zu werden und mehrere Tage auf sein Augenlicht zu warten, also hatte sein Nacken das meiste Licht abbekommen. Die Haut zwischen seinem Haaransatz und dem Kragen seines Hemdes war stark gerötet und jede Bewegung seines Kopfes erinnerte Vincent an seine Lichtempfindlichkeit.
      "Ich nehme an, du hast Hunger?"
      Vincent nickte und lehnte sich zurück gegen die Kutschwand, die Augen geschlossen. Er war vor allem müde, aber er konnte seinen Hunger nicht verneinen. Es hatte Konsequenzen, wenn er das tat.
      "Ich nehme außerdem an, dass du dich weigern wirst, dich an mir zu nähren."
      "Kein Menschenblut. Du kennst meine Regeln."
      "Natürlich. Ich mache dir zuhause gleich ein Glas."
      "Danke."
      Den Rest der Kutschfahrt verschlief er. Nora weckte ihn auf, mit einem großen, dunklen Sonnenschirm in der Hand. Sie eskortierte ihn sicher in sein Haus, wo sie sich in die Küche verzog und Vincent auf direktem Wege zu seinem Schlafzimmer schlurfte. Nora war schnell genug, sodass er nicht noch ein drittes Mal aufwachen musste. Sie nahm das Glas gleich wieder mit, und kaum war Vincent allein, obsiegte auch schon wieder seine Müdigkeit.


    • Thomas hörte Vincent schweigend zu, während er mit den Fingern weiterhin durch seine Haare kämmte. Er versuchte sich vorzustellen, wie Vincent mit einem anderen Mann im Bett lag, in der gleichen Position wie sie beide und ihm die Dinge erzählte, die er ihm gerade zu erzählen versuchte, und das war eine sehr schleierhafte Vorstellung. Er kannte den Mann kaum genug, um sich ein Bild darüber machen zu können, wie er wohl sonst mit Leuten in seiner Umgebung umging oder nach welchen Kriterien er sich seine Partner aussuchte. Ganz anscheinend schien ihm ja etwas an Thomas zu gefallen, vielleicht sah sein früherer Mann ja ähnlich aus? Oder er hatte dieselbe Weltanschauung? Es war wirklich schwierig zu sagen, allerdings vermerkte er sich, was Vincent ihm erzählte, um sich eines Tages ein besseres Bild daraus machen zu können. Bis dahin begnügte er sich mit seiner Unwissenheit und ließ den anderen reden, bis er das Gefühl hatte, dass er alles wichtige gesagt hatte.
      "Das hört sich nach einer unangenehmen Beziehung an."
      Die streichelnde Hand verschwand von seinem Bauch und stattdessen beobachtete er, wie Vincent sich über ihm ein wenig aufrichtete. In seinen Augen glitzerte es, wenigstens das war etwas, was Thomas mittlerweile schon einigermaßen bekannt war.
      "Ich würde meine Erfahrungen nicht unbedingt mit Liebe betiteln", bestätigte er und kam sich fast schon töricht vor, dass er ein solches Geständnis abgelegt hatte - als wären die ganzen Mühen in seinem Leben, sein Gehirn darin zu trainieren Frauen attraktiv zu finden, letzten Endes vollkommen wertlos gewesen. Sicher, er brauchte eine Frau an seiner Seite, um nicht in unschönen Gerüchten schwimmen zu müssen wie Vincent es tat, aber es war eine Sache eine Frau zu heiraten und eine andere, auch zu dieser Frau zu stehen. Und der Allmächtige selbst wusste, dass er sich wirklich absolut Mühe dabei gegeben hatte, zu seinen Frauen zu stehen.
      Als hätte Vincent seine Gedanken gelesen, sprach er aus, was Thomas selbst nicht hätte in Worte fassen können. Sie küssten sich, als hätten sie damit eine Abmachung besiegelt und Thomas fühlte sich ein Stück weit erleichtert darüber, für die Gedanken in seinem Unterbewusstsein einen Ausdruck gefunden zu haben: Die Falschheit der Gesellschaft. Er hatte es doch selbst schon geahnt, oder etwa nicht? Als würde sich die Welt einzig und allein nur davon bewegen, wenn man so viele Lügen wir nur möglich an einem Abend auftischte. Ein Wettrennen, um der Wahrheit zu entgehen.
      "Wir können uns nicht ganz der "sündigen" Seite zuwenden, ohne dabei Rufmord zu begehen, aber wir können zumindest so weit gehen, um uns ein angenehmes Leben zu bescheren. Ein schönes Leben. Ich hätte nicht die Chance dazu gehabt, wenn du nicht gewesen wärst, Vincent."
      Er hatte wieder angefangen seinen Kopf zu streicheln und nachdem Vincent für den Moment ebenso still war, tat er es weiter, während er an die dunkle Zimmerdecke starrte. Ja, wenn Vincent nicht gewesen wäre, würde er alleine in seinem Büro sitzen und die Tage zählen, bis Darcy wiederkam und seinem Leben wieder ein Ziel verlieh. Wenn Vincent nicht gewesen wäre, wäre bereits vieles in den letzten beiden Wochen anders verlaufen. Dann würde auch jetzt alles weiterhin anders verlaufen.
      Er blickte hinab auf Vincent, der schon seit einer ganzen Weile nichts mehr sagte und schob seinen Kopf ein Stück nach oben. Vincent war eingeschlafen, das Gesicht völlig entspannt, der Mund leicht geöffnet. Thomas spürte bei dem Anblick eine Wärme aus seinem tiefen Inneren aufsteigen, eine Glückseligkeit, die ihn völlig ausfüllte. Er strich mit den Fingern vorsichtig Vincents Kiefer entlang, achtsam ihn dabei nicht zu wecken, und schlang dann schließlich beide Arme wieder um ihn. Behutsam hielt er ihn fest, glücklich über diesen friedvollen Moment, ehe auch er langsam abdriftete. Im Gegensatz zu Vincent brauchte er einen Moment länger, bis er in einen friedvollen, ruhigen Schlaf versunken war.

      Vincent schlief auch noch, als Thomas am Morgen - müde und wie gerädert - aufstand und sich anzog. Er hatte einen zaghaften Versuch gemacht den Mann zu wecken, indem er sich an ihn geschmiegt und seine Schläfe geküsst hatte, allerdings hatte er dann doch wieder aufgegeben und sich stattdessen leise aus dem Bett gestohlen. Sollte er doch schlafen, wenigstens würde dann einer von ihnen einigermaßen ausgeruht sein. Als er rausging, drehte er sich allerdings nochmal um, zog die Decke um Vincents Körper ein wenig zurecht und strich ihm die Haare aus dem Gesicht. Dann ging er nach draußen und schloss die Tür leise hinter sich.

      Er ging als erstes seine Post durch, bei der es, bis auf ein Schreiben von Stephen, nichts Aufregendes zu finden gab. Manchmal erhielt er wunschgemäß ominöse Berichte seiner Bekannten über merkwürdiges Verschwinden oder ungeklärte Todesfälle, aber an diesem Tag waren es nur ein paar Höflichkeitsschreiben und eben Stephen. Er überflog den Zettel seines Freundes, in dem es hieß, dass er demnächst in Cambridge vorbeisehen würde; er habe etwas geschäftliches in London zu klären und wenn er schon einmal da war, könnten sie ja über den gescheiterten Vorfall mit Harker Heights reden und bei der Gelegenheit vielleicht nach einem neuen Ziel suchen. Thomas war es nicht unrecht, seinen Freund bei sich zu empfangen, allerdings würde er das Thema Harker Heights gerne auf sich beruhen lassen, nachdem der Hausherr nicht nur kein Vampir war, sondern auch noch in seinem Bett lag. Es wäre irgendwie schwierig gewesen die Sache zu erklären, zumal Stephen in seinen Jagden skrupelloser vorging als Thomas es tat. Er würde in Erklärungsnot darüber geraten, wie er den Mann so freundschaftlich bei sich aufnehmen konnte, wenn er noch nicht einmal alle Tests durchgeführt hatte. Es war das einzige Thema in seiner Freundschaft mit Stephen, bei der sie ein wenig auseinander gingen.
      Aber damit würde er sich erst zu geeignetem Moment beschäftigen. Er hatte das Gefühl, an diesem Tag schon viel zu spät aus dem Haus zu kommen und wollte sich nicht weiter mit solchen Belanglosigkeiten aufhalten.
      Auf dem Weg nach draußen unterrichtete er Beth davon, dass Vincent noch schliefe und nicht gestört werden solle. Am besten ginge sie gar nicht erst nach oben, sein Schlafzimmer könne sie auch später noch richten. Seine Angst, sie könnte den Mann in seinem Bett finden, war zu groß, um ein solches Risiko einzugehen. Aber Beth hinterfragte es gar nicht erst, sondern fragte, was Vincent gerne zum Aufstehen essen wolle.
      "Keine Ahnung. Eier und Speck?"
      "Rührei oder Spiegelei?"
      "Mach ihm einfach irgendwas. Solange ich weg bin ist er der Hausherr."
      Beth kicherte.
      "Na schön, Mister. Sonst noch Wünsche?"
      "Nein. Ich übernachte heute Abend bei einem Freund, rechne also vor morgen... oder übermorgen nicht mit mir."
      "Gut, gut."
      Er schnappte sich seinen Hut und ging hinaus, um seine Erledigungen zu machen.

      Gegen Abend fuhr er mit der Kutsche bei der Adresse vor, die ihm Vincent hinterlassen hatte, einem kleinen, unscheinbar wirkendem Haus in der Stadt, das wenig von dem Pomp des Anwesens auf Harker Heights in sich hatte. Trotzdem, zwei Häuser zu besitzen war wohl ein Prestige, das sich noch nicht einmal Thomas leisten konnte - zumindest nicht, wenn die Häuser auch einen gewissen Standard haben sollten.
      Er stieg selbst aus um Vincent abzuholen, beschritt den kurzen Weg zur Eingangstür, wo zu seiner Überraschung nach kurzem Klopfen die Haushälterin aus Harker Heights öffnete. Er hatte ihren Namen vergessen.
      "Oh - sind Sie nicht auf Harker Heights angestellt?"
      Er schüttelte gleich darauf den Kopf.
      "Verzeihung, wie unhöflich von mir. Van Helsing, ich würde gerne den Hausherren abholen. Ich erkenne Sie von dem Fest, ich hätte nicht gedacht, dass der Lord sie mit nach Cambridge gebracht hätte."
      Er spielte sein mechanisch-freundliches Lächeln auf die Lippen, während ihm in den Sinn kam, dass er ja noch nicht einmal mit Vincents Angestellten geredet hatte, als er seine Nachforschungen über ihn angestellt hatte. Stephens angekündigte Ankunft schien ihm noch immer im Gehirn herumzuspuken, andernfalls wäre ihm das gar nicht so plötzlich in den Sinn gekommen. Vielleicht war Vincent ja bis dahin mit seinem Hausstand schon wieder weg, sonst würde Stephen wahrscheinlich darauf bestehen, die Nachforschungen noch einmal aufzunehmen - und wie sollte er das nur Vincent erklären? Er runzelte die Stirn. Vielleicht würde sich ja alles sowieso von alleine lösen.
    • Nora trat beiseite, als sie das bekannte Gesicht des Van Helsing Erben erblickte, und ließ ihn hinein. Vincents Stadthaus war, verglichen mit Harker Heights, nichts besonderes. Die beiden Stockwerke waren hübsch und passend möbliert, auch hier standen und lagen überall Bücher herum. Die Eingangshalle nahm einen großen Teil des Erdgeschosses ein und war von Vincent mit Stücken aus der ganzen Welt gefüllt worden. Der Raum erinnerte ein wenig an ein Museum mit seinen Vasen und Statuen, die auf Sockeln zu beiden Seiten glänzten. Links öffnete sich der Raum in einen Salon, der von Vincent offenkundig auch als Bibliothek genutzt wurde, wenn man sich die deckenhohen, vollgestopften Bücherregale so ansah.
      Und genau dorthin führte Nora nun den Gast ihres Arbeitsgebers.
      "Wünschen Sie etwas zu trinken, während Sie warten, Doktor?" fragte sie höflich.
      Auch die Haushälterin, die Vincent so nahe stand, dass sie die meisten seiner Geheimnisse kannte, war geübt in aufgesetzter Höflichkeit. Immerhin verdiente sie damit ihren Lebensunterhalt.
      "Nora?" schallte es aus einem entfernten Teil des Hauses. "Ist das Thomas?"
      Mit einem freundlichen, nichtssagenden Lächeln machte Nora ein paar Schritte rückwärts, bis sie an der offenen Schiebetür ankam, die das Foyer von dem Salon trennen konnte, wenn man sie denn schloss.
      "Ja. Ich habe ihm gerade etwas zu trinken angeboten," rief die Haushälterin zurück.
      "Das kann er hier oben machen, ich brauche seine Hilfe. Thomas?"
      Nora bedeutete Thomas, ihr erneut zu folgen. Sie führte ihn lediglich zurück in die Eingangshalle und zu der Treppe im hinteren Teil des Raumes. Sie bedeutete ihm, nach oben zu gehen und sobald er den ersten Fuß auf die Stufen gesetzt hatte, verschwand sie, um das ungefragte Getränk zu besorgen.
      Am oberen Ende der Treppe wartete ein kurzer Flur und drei Türen. Eine davon stand speerangelweit offen und enthüllte den Blick auf ein großzügiges Schlafzimmer, das von einem großen Bett mit vier massiven Pfosten dominiert wurde. Auch hier hatte Vincents Bett ein eigenes Set Vorhänge. Aktuell waren diese an die Pfosten gebunden und Vincent stand vor besagtem Bett. Er trug bloß seine Morgenrobe, die ein bisschen zu locker um die Hüfte gebunden war, sodass sie seine Brust eher schlecht als recht bedeckte. Vor ihm auf dem frisch gemachten Bett lagen drei Anzüge, die er anstarrte, als wolle er ihre Verbrechen hören.
      "Thomas, komm her."
      Vincent kam herüber zu dem Doktor, schnappte sich dessen Hand und zog ihn mit sich, als er erneut Position vor den Anzügen bezog.
      "Welchen soll ich anziehen? Ich kann mich einfach nicht entscheiden."


    • Das Haus von Vincent entsprach geradezu provokant dem eines Sammlers, der seine Kunststücke über die eigene Lebensqualität stellte. Der wenige Platz, den andere mit zusätzlichen Ziermöbeln bedeckt hätten, wurde hier von einer regelrechten Museumsausstellung gefüllt. Die Stücke schienen zweifellos wertvoll und in Thomas' ungeschultem Auge einzigartig zu sein, auch wenn er das nicht anhand von Fakten beurteilen konnte.
      Er hätte sich gern den Moment genommen, um sich ein paar der Kunststücke genauer anzusehen, würde sich aber ohne Aufforderung nicht alleine in dem ihm unbekannten Haus aufhalten, also folgte er Nora bereitwillig und ließ sich in den angrenzenden Salon führen. Zumindest der hatte einen gewissen Flair von Harker Heights, nur auf geringeren Raum gestaucht und daher deutlich befüllter mit seinen Büchern. Thomas steuerte sogleich das ihm nächste Regal an, um nicht zu weit in den Raum hinein zu wandern, und betrachtete kurz die Einbände. Nora warf er einen flüchtigen Blick zu.
      "Nur ein Wasser, bitte. Ich denke ich werde heute noch genug trinken."
      Gleich darauf erklang schon Vincents Stimme von oben, unverkennbar für Thomas, der den süßen Klang überall hätte herausfiltern können. Er musste sich davon abbringen, mit allzu viel Hoffnung aufzusehen, um sich nicht selbst zu verraten. Zu seinem Glück schien Nora nichts zu bemerken, oder sie bewahrte ihre Professionalität bei. Er lenkte seinen Blick auf die Bücher zurück und las ein paar Titel, bevor er sich wieder Nora zuwandte und sich von ihr zurückführen ließ. Bei der Treppe beschritt er den letzten Weg alleine.
      Er kam in ein ähnlich großzügiges Schlafzimmer wie sein eigenes, wenngleich Vincents Bett sein eigenes bei weitem übertrumpfte. Es bot einen erstaunlichen Anblick, als könne man sich in einen Haufen Wolken hineinlegen.
      Vincent selbst war noch in seinen Morgenmantel gekleidet, der äußerst locker um seine Hüfte saß. Thomas begann den unverzeihlichen Fehler erst seinen Körper zu betrachten, bevor er ihm in die Augen sah. Wenn sie zusammen in die Öffentlichkeit wollten, durfte er sich sowas nicht erlauben; allerdings hatte es etwas anziehendes, Vincent ohne einen Anzug zu sehen, dem Thomas sich nicht entziehen konnte, so als hätte Vincent eine gewisse sittliche Distanziertheit vor ihm abgelegt. Der Morgenmantel war - egal wie modern der Anzug sein mochte - auf allen denkbaren Ebenen intimer.
      Vincent überbrückte die Distanz von sich aus und zog Thomas zum Bett, das mit drei Anzügen bedeckt war. Er starrte die Anzüge für einen Moment an.
      "Himmel Vincent, du kannst dich nicht entscheiden? Das sind alles erstklassige Anzüge, feinster Stoff, da gibt es nicht viel zu entscheiden. Ich würde ja nach der Farbe gehen, aber die stehen dir alle drei."
      Er sah von den Anzügen zu Vincent und drehte sich kurz zur Tür um, entschied sich aber dazu, dass es für Intimität zu riskant wäre. Also drehte er sich wieder zu den Anzügen, ergriff den Ärmel des einen und drehte ihn um, um die Manschetten zu betrachten.
      "Kommt ganz darauf an, was für einen Eindruck du machen willst, schätze ich. Der hier ist ja sehr schön, aber mit der zweifach Knöpfung ist er fast zu informell. Wenn du die Leute gekannt hättest, hätte es gepasst - ich trage ja selbst einen - aber für das erste Mal würde ich dir eher zu dreifach raten, wie der hier."
      Er deutete auf den nächsten.
      "Aber da funkeln die Knöpfe ein wenig zu sehr, das gibt dir den Flair eines Geschäftsmanns. Außerdem gehen wir nicht essen, sondern nur trinken. Und der hier wirkt zu neutral, der wird nicht in die Runde passen."
      Er schob die Hand in die Hosentasche.
      "Ich schätze jetzt weiß ich, wieso du dich schwer tust. Das ist wirklich eine schwierige Auswahl."
      Er musterte Vincent kurz verstohlen und musste grinsen.
      "Wobei ich finde, dass dein jetziger Anzug dir am besten steht."
      Er widerstand dem Drang Vincent zu berühren, nachdem er noch immer mit einem Ohr nach den Bediensteten lauschte. Von Beth wusste er, dass sie ihn nicht behelligte, wenn er nicht danach wünschte, aber bei Vincent konnte es andere Regeln geben. Ihm war nicht danach ein Risiko einzugehen.
      "Was hältst du von dem formelleren? Zumindest passt er farblich zu meinem und bei dem Jackett kannst du kaum etwas falsch machen."
    • Vincent seufzte entnervt.
      "Du bist wirklich nicht gerade hilfreich, Herr Doktor," sagte er und ließ seinen Kopf auf Thomas Schulter sinken.
      Die Frage nach dem passenden Anzug quälte ihn schon seit etwa einer Stunde. Vincent war aus dem Bett gerollt, kaum dass die Sonne sich dem Horizont zugeneigt hatte und nach einem Frühstück - oder Abendessen - in Form eines Glases ekelerregenden Schweineblutes hatte er sich gleich daran gemacht, sich auf seine Verabredung mit Thomas zu verabreden.
      "Informell aber nicht zu sehr. Auch nicht zu formell. Das ist genau der Grund, warum ich solche Veranstaltungen normalerweise meide. Bei meinem Ball kann ich mir wenigstens was pompöses aus dem Kleiderschrank ziehen ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Pompös kann ich."
      Mit einem weiteren Seufzen schnappte er sich alle drei der Anzüge auf seinem Bett und marschierte mit ihnen zurück zu seinem Kleiderschrank. Er warf die Kleidungsstücke einfach achtlos hinein, dann griff er sich zwei weitere Anzüge, die sowohl der Anzahl der Knöpfe entsprachen, die Thomas als gut befunden hatte, als auch farblich zu seinem Anzug passten. Er hielt sie beide hoch, einen fragenden Ausdruck im Gesicht.
      Kurz darauf kam Nora in das Zimmer und stellte ein einfaches Glas Wasser auf einen Beistelltisch neben einem kleinen Sessel ab.
      "Ihr Wasser, Sir," sagte sie zu Thomas, dann verschwand sie gleich wieder.
      Vincent starrte unterdessen abwechselnd seine Anzüge an. Er konnte sich einfach nicht entscheiden.
      "Wie viele Leute werden an dieser Veranstaltung teilnehmen?" fragte er beiläufig, aber interessiert, als er die beiden Anzüge über die Sessellehne legte.
      Er öffnete den schwachen Knoten an seiner Robe und ließ die teure Seide zu Boden gleiten. Er wusste vielleicht nicht, was er mit seiner Kleidung anfangen sollte, aber er wusste ganz genau, wie er Thomas in den Wahnsinn treiben konnte: natürlich trug er unter der Robe nichts.
      "Ich glaube, ich nehme den dunkelgrauen. Oder?"
      Er hielt sich den Anzug gegen die Brust und drehte sich damit zu Thomas um, um dessen Meinung zu erfragen. Den leicht beschleunigten Herzschlag des Mannes konnte er durch den ganzen Raum wahrnehmen. Nur mit Mühe konnte Vincent ein triumphales Grinsen unterdrücken.


    • Thomas versteifte sich ein wenig, als Vincent sich so vertrauensselig an ihn lehnte. Ein weiterer kurzer Blick zur Tür bestätigte ihm allerdings, dass sie noch immer alleine waren, also versuchte er sich nichts anmerken zu lassen.
      "Im Grunde kannst du anziehen, was auch immer du möchtest. Wir gehen ja auf keine Veranstaltung, sondern nur in eine private Runde. Aber wenn du mich danach fragst, achte ich auf sowas."
      Er musste lächeln.
      "Wobei du pompös wirklich kannst. Beim nächsten Mal lade ich zu einem dieser Schlossbälle ein, da wirst du dich wohl fühlen."
      Er beobachtete, wie Vincent zurück zu seinem Kleiderschrank schlurfte und sich der nächsten paar Teile widmete. Die Dramatik, mit der er sich diesem Problem widmete, brachte Thomas nur weiter zum Grinsen. In dieser Hinsicht war er wohl auch unter einem unsichtbaren Druck, der sich in diesem Fall durch Thomas äußerte.
      "Beim linken finde ich das Jackett ein wenig lang, das hätte vermutlich besser gepasst, wenn wir ins Theater gegangen wären. Der rechte ist doch ganz passabel - aber vielleicht ein anderes Hemd dazu...?"
      Er sah zu Nora, als sie hereinkam und verstummte, während sie das Wasser abstellte.
      "Danke, Nora."
      Als sie wieder weg war, wandte er seine Aufmerksamkeit erneut auf Vincent. Es war schon süß, was für ein Problem er in diesem eigentlich entspannten Abend sah. Fast tat es ihm leid, Vincent dazu eingeladen zu haben.
      "Fünf sind eingeladen, aber es werden vermutlich auch andere Gäste mitgebracht werden, also vielleicht... maximal 10, schätze ich. Andernfalls wird das Kartenspielen schwierig."
      Er verstummte gleich wieder, als er die Robe zu Boden gleiten sah. Für einen kurzen Moment war sein Gehirn noch rational genug, um eine gewisse Neutralität zu bewirken, dann wanderte sein Blick an Vincent entlang nach oben und um seine Neutralität war es geschehen - außerdem um seine Selbstbeherrschung. Die Kurven von Vincents Körper hatten etwas hypnotisierendes, als könnten sie ihn mit ihrer schieren Anwesenheit in ihren Bann ziehen. Sein eigener Anzug schien ihm mit einem Mal furchtbar eng.
      Er rettete sich zu dem Glas Wasser auf dem Tisch und lenkte seinen Körper damit ab es zu trinken. Als er Vincent einen flüchtigen Blick zuwarf, schien er auf etwas zu warten.
      "Oh - äh, ja. ...Was war nochmal die Frage?"
      Er konnte immer noch Vincents Hüfte an der Seite herausragen sehen, wo der Anzug an seiner Brust verrutscht war. Jetzt war ihm auch noch über alle Maßen heiß.
      "Himmel, Vincent, nimm doch einfach irgendeinen, es wird schon nicht so schlimm sein. Aber zieh dich an, in Herrgottsnamen."
      Er sah nervös zur Zimmertür, aus der er erwartete jeden Moment wieder Nora kommen zu sehen. Was sollte sie nur denken, wenn sie Vincent nackt sah? Was sollten die anderen Bediensteten denken?
      Er wandte seinen Blick vorsätzlich von Vincent ab, um das Innere seines Glases zu studieren und derweil ein wenig runterzukühlen. Leider konnte er ihn so immernoch aus den Augenwinkeln sehen und das half nicht wirklich, seine Gedanken zu beruhigen.
      "Außerdem kommen wir sonst sicherlich zu spät", murrte er, auch wenn er extra früher hergekommen war. Er hatte sich einfach nicht davon abhalten können.
    • Vincent hatte wirklich versucht, sich zurückzuhalten, aber er schaffte es nicht, als er Thomas Reaktion auf seinen kleinen Stunt zu Gesicht bekam. Er musste einfach lachen.
      Er legte die beiden Anzüge erneut beiseite und trat auf den anderen Mann zu, legte seine Arme locker von hinten um Thomas' Hüften, schmiegte sich an dessen Rücken und legte seinen Kopf auf dessen Schulter.
      "Du, mein lieber Thomas, musst dich ein bisschen entspannen," raunte er dem Mann ins Ohr. "Dir wird hier nichts passieren - deinem Image auch nicht. Hier gibt es keine Gesellschaft und niemand wird dich für irgendetwas verurteilen."
      Er platzierte einen sanften Kuss auf Thomas' Hals, dann ließ er von ihm ab, um sich wieder der Wahl seiner Kleidung zuzuwenden.
      "Aber du weißt, dass ich dir gern deine Wünsche erfülle, also will ich mal nicht so sein."
      Mit geübten Bewegungen schlüpfte Vincent in seinen Anzug, der - wie alles andere, was Vincent in seinem Kleiderschrank hängen hatte - wie angegossen passte. Seine Gedanken drifteten dabei von seiner gutaussehenden Begleitung zu der Anzahl der Gäste, mit denen er sich gleich auseinandersetzen musste. An sich war es kein Problem für Vincent, sich unter Menschen aufzuhalten. Er bevorzugte es einfach, solche Dinge nicht zu tun. Immerhin war er gut gesättigt mit dem ungeplanten Mittagessen nachdem er nach Hause gekommen war.
      Mit dem Hemd in der Hand wandte er sich wieder Thomas zu, der ich noch immer an seinem Wasserglas festhielt, als ob er ohne ertrinken würde. Das Gefühl, das Vincent durchflutete, wann immer er sehen konnte, welche Macht er über diesen Mann hatte, war unbeschreiblich.
      "Hat es einen Grund, warum du so früh hier aufgetaucht bist?" fragte er geradezu unschuldig.
      Er hatte die ein oder andere Idee darüber, was Thomas dazu bewegt hatte.
      "Sollte ich vielleicht langsamer machen beim Anziehen?"
      Das verführerische Lächeln konnte sich Vincent nicht verkneifen. Es war schlicht zu leicht, Thomas aus dem Konzept zu bringen und es entlockte ihm solch wundervolle Reaktionen. Von dem leichten Rotschimmer auf Thomas' Wangen, über dessen plötzlich trockenen Mund, bis hin zu der verräterischen Fülle in dessen Schritt.
      Vincent schlenderte in aller Seelenruhe hinüber zur Tür seines Schlafzimmers und schob sie mit einem nackten Fuß zu, bevor er sich mit dem Rücken dagegen lehnte.
      "Du solltest dich lieber um das da kümmern, bevor wir gehen," lächelte er und deutete ungeniert auf Thomas' Schritt. "Es könnte als unhöflich angesehen werden, wenn du so bei diesem Kartenspiel auftauchst."


    • Vincent hatte etwas magisches an sich, anders war es nicht zu erklären, dass seine Stimme an Thomas' Ohr ihn so verhexte. Er lehnte sich instinktiv rückwärts gegen den Mann und legte seine Hand über die des anderen. Sein einzelner Kuss rief eine Sehnsucht in ihm hervor, als stünde er an einem Wasserteich und würde sich daran erinnern, dass er am verdursten war. Nur leider war es viel schneller vorbei, um sein Bedürfnis zu befriedigen.
      Er blickte dem anderen nach, betrachtete eingehend seine Rückseite, solange er noch die Gelegenheit dazu hatte - wenn er sich bewegte, war Thomas ziemlich sicher, dass seine schwingende Hüfte mit ihm kommunizierte - und sah ihm dann beim Ankleiden zu. Es war ein hervorragender Anzug, der sich wunderbar an Vincents breite Schultern und die langen Beine anpasste und noch viel wunderbarer wirkte, solange er seine nackte Haut wie Geschenkpapier verpackte, die es nachher wieder zu entpacken galt. Thomas schluckte unwillkürlich; er hatte Vincent bisher fast nur in Anzug gesehen, aber nachdem er jetzt beobachtet hatte, wie sich sein Körper unter den Stoff zog, sah er darin um ein Vielfaches attraktiver aus. Eigentlich sah er sogar verführerischer aus als bisher - der Anzug stand ihm wirklich gut.
      Er sah zu ihm auf, wandte sich dann aber gleich wieder seinem Glas zu, das ihm jetzt keine Hilfe mehr war. Er hatte alles ausgetrunken und er würde sicherlich nicht freiwillig Nora herbeirufen, erst recht nicht für sowas lächerliches wie Wasser. Allerdings hätte er seinen Kopf gerne durch eine Beschäftigung abgelenkt.
      "Ich bin gerne pünktlich", antwortete er in dem selben unschuldigen Tonfall, den Vincent bereits an den Tag legte. Manchmal wünschte er sich, der Mann würde sich eher an seine Worte halten und nicht an das, was er ihm nicht mitteilte. Er schien ein Talent darin zu besitzen, Gedanken auf eine unangenehm präzise Art und Weise lesen zu können.
      "Außerdem weiß man nie, wie viel auf den Straßen los sein wird."
      Auf seine nächste Frage brauchte Thomas länger zu antworten. Sein Blick schoss bereits zur Türe und als hätte Vincent seine Gedanken erraten - oder eher gelesen mit seinem gruselig siebten Sinn - ging er schon hinüber und schob die Tür zu. Ein Teil von Thomas wollte bereits gänzlich seinem Verlangen nachgeben, ein anderer Teil, der rationale Teil, hielt ihn weiter im Zaum. Wie dick war die Tür, wie Geräusch durchlässig die Wände, der Boden? Wo war Nora, noch immer unten? Die anderen Bediensteten? Egal was Vincent ihm sagte, er konnte nicht einfach das Risiko ignorieren, das ihre Gemeinschaft für seinen Ruf darstellte. Zu viel hing von seinem guten Ruf ab, sein gesamter Lebensunterhalt um genau zu sein, und dabei dachte er noch nicht einmal primär an seinen Beruf als Doktor. Ein Jäger wie er, der ein Wesen jagte, an dessen Existenz viele noch nicht einmal glaubten, und der dabei auch noch das Risiko einging, eine falsche Person zu erwischen, durfte sich einfach keinen Flecken auf seinem Hemd erlauben. Zu viel hing von seiner Daseinsberechtigung ab, von seinem ganzen Vermächtnis; er durfte einfach nicht.
      Aber er wollte. Er wollte so sehr. Vincent zeigte ihm eine Seite des Lebens, in der es keinerlei Verpflichtungen gab, nur Gefühl, Liebe, Sex. Eigentlich hatte er immer geglaubt, dass er zu keinem davon fähig gewesen wäre, aber Vincent hatte alles drei in ihm hervorgeholt - und das in gerade mal zwei Wochen. Er hatte sein Leben auf den Kopf gestellt und jetzt wollte Thomas es nie wieder umdrehen.
      Er entschloss sich kurzerhand und überbrückte den Raum in drei langen Schritten, bis er Vincent erreicht hatte und die Arme um seine Taille schob. Die Nähe hatte einen sofortigen Effekt auf ihn, als würde er aus einem Traum erwachen. Er küsste Vincent sehnsüchtig, mittlerweile war ihm sogar schon ein Tag der Abwesenheit viel zu lange. Er konnte das Grinsen noch immer auf Vincents Lippen spüren.
      "Ich denke, wir haben noch genug Zeit um uns… um das Problem zu kümmern", murmelte er an seinen Lippen und fuhr mit der Hand über Vincents Rücken. Er strich den Konturen seiner Muskeln nach, die sich durch das Hemd hindurch abzeichneten, hinauf zu seinen Schulterblättern. Nach letzter Nacht war ihm der Weg schon fast bekannt, aber er genoss ihn trotzdem. Er wollte ihn auswendig lernen, einzig aus dem Grund, dass er dazu fähig war.
      "Und beim nächsten Mal könntest du dir wirklich mehr Zeit beim Anziehen lassen, das Ausziehen übernehme ich. Wie hast du gesagt, du erfüllst mir gerne meine Wünsche? Dann ist das ganz offiziell ein Wunsch."
      Er lächelte, er konnte einfach nicht anders. Dann küsste er Vincents Mundwinkel, seinen Kiefer. Die Tür machte ihn noch immer nervös, aber nicht mehr so sehr wie vorhin.
      "Ich glaube, ich habe dich einfach nur sehr, sehr vermisst. Du geisterst mir den ganzen Tag im Kopf herum, wie einer der toten Tänzer auf deinem Fest. Du würdest aber einen hübscheren Geist abgeben wie ich finde, Vincent Caley Harker."
      Er lächelte ein wenig voller und beugte sich hinab, um seinen Hals zu liebkosen, Thomas' bisher liebste Stelle. Er mochte es, wenn Vincent seinen Kopf in den Nacken legte und die Haut sich an seinem Hals so spannte, dass sie zu einem neckischen Biss einlud. Thomas tat ihr den Gefallen, bevor er wieder hoch zu Vincents Lippen wanderte und sie in Anspruch nahm.
      "Ich bereue es fast, das Haus überhaupt wieder verlassen zu müssen", murmelte er und schickte sich dazu an, Vincents Hose wieder zu öffnen. Korsetts konnte er blind binnen Sekunden entschnüren, aber die Hose eines anderen Mannes war noch immer ein nicht geringes Hindernis. Er hatte noch nie in seinem Leben einen Knopf von vorne geöffnet.
      Als er es nach ein paar qualvollen Sekunden endlich geschafft hatte, verschwendete er keinen weiteren Moment und verschaffte sich zugleich Zugang. Zumindest das konnte er einigermaßen, wenngleich er sich noch immer unbeholfen fühlte. Er berührte Vincent zaghaft und hauchte ihm weitere Küsse auf den Hals.
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