A Dash of Luck [Asuna feat. Pumi]

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    • Asa lachte leise, als Ro so panisch reagierte. Er wusste nicht, wie er es anders benennen sollte. Asa war nicht daran gewöhnt, einen wohlbehütet aufgewachsenen, jungen Partner zu haben, der auf mehr als nur eine Weise noch zu sich finden musste. Greg und er waren von vorn herein sehr offen miteinander umgegangen - weil Wölfe nur selten Probleme mit Scham hatten. Zephy war zu Beginn ein bisschen zurückhaltender gewesen, aber auch sie hatte schnell gelernt, dass sie mit ihren beiden Männern einfach nur sie selbst sein musste und nicht mehr.
      Asa ließ den jungen Mann natürlich fliehen, wenn ihm danach war.
      "Ach was, du kannst jederzeit vorbeikommen. Ich kann nicht garantieren, dass wir immer da sind, aber du bis hier immer willkommen, wenn jemand da ist."
      Asa hob Shahzad vom Boden und folgte Ro zur Tür. Die kleine lehnte sich eng an ihren Vater, aber der konnte nicht nicht kitschig sein, also griff er sich ihr kleines Patschehändchen und winkte Ro damit, als dieser ging. Er schloss die Tür hinter dem jungen Mann und brachte Shahzad dann nach oben ins Kinderzimmer, wo er sie in ihr Bettchen legte. Es dauerte nicht lange, da fielen Zephy und ihre Schwester im Haus ein und brachten die anderen beiden auch nach oben. Die drei Mädchen funktionierten auf dem gleichen Zeitplan - sehr angenehm für jemanden mit einem Hang zur Kontrolle wie Asa.
      "Was hast du heute so gemacht? Außer Wäsche?" fragte Zephy, nachdem sie sich von ihrer Schwester verabschiedet hatte und sich mit einem Glas Wein zu ihm an den Esstisch gesetzt hatte.
      Asa faltete weiter Wäsche.
      "Nicht viel. Wir haben eine Menge Wäsche. Aber Ro war vorhin da."
      "Ach ja?"
      Asa nickte. "Er wollte wissen, wie es mir geht."
      "Oh je. Wie detailliert warst du?!"
      "Überhaupt nicht! Ich werde nicht der Dämon sein, der die Unschuld dieses Mannes ruiniert!"
      Die beiden lachten. Bald darauf kam auch endlich Greg nach Hause und die drei hatten einen entspannten Abend und eine entspannte Nacht. Bis sich die Mädchen gegen Mitternacht gegenseitig weckten.

      Dane schlief wie ein Stein, als Ro nach Hause kam. Er bekam weder mit, dass sein Partner ihn allein ließ, dass er für eine ganze Weile verschwunden blieb, noch dass er irgendwann zu ihm zurück ins Bett krabbelte. In der Zeit, in der Ro nicht da war, hatte sich Dane auf die Seite gedreht und einen Arm unter eines der Kopfkissen geschoben, aber das war auch schon das Highlight seines bewusstlosen Abends. Irgendwann im Laufe der Nacht kuschelte er sich wieder an Ro, aber das war ja wohl kaum etwas Neues.
      Am Morgen dann aber wachte Dane wie immer kurz vor Sonnenaufgang auf. Er lag auf der Seite, Ro eng an sich gedrückt. Er lächelte verschlafen und beobachtete Ro für ein paar Minuten, bevor er sich vorsichtig aus dem Bett schlich. Er wollte den jungen Mann nicht wecken, nicht so früh zumindest. Er huschte ins Bad und widmete sich seiner allmorgendlichen Routine. Er fühlte sich gut, ausgeruht. Zwar hatte er das magische Equivalent von Muskelkater, aber ansonsten ging es ihm wirklich gut.
      Nachdem er sich in seinen Anzuge geworfen hatte - sans Jackett und Schuhe - verließ er das Schlafzimmer und ging in die Küche, wo er sich die beste Mühe gab, ein Frühstück aufzusetzen. Bewaffnet mit einem Kaffee kehrte er schließlich zu Ro zurück. Er setzte sich auf die Bettkante und stellte die Tasse auf den Nachttisch.
      "Hey, Schlafmütze," sagte er sanft und lehnte sich vor, um Ro auf die Schläfe zu küssen. "Aufstehen. Den Kaffee kriegst du im Bett, Frühstück nur in der Küche."


    • Eigentlich hatte Ro mit Dane aufstehen wollen, aber er verpasste sein Timing wieder einmal. Es war so warm, so kuschelig und so schön im Bett neben Dane, dass er über den Sonnenaufgang hinaus tief in die Laken gekuschelt liegen blieb und vermutlich noch bestimmt drei Stunden länger dort verweilt wäre, wenn nicht der Dämon mit einer Tasse Kaffee den Wecker gespielt hatte. Noch bevor er das Bett erreichte, bewegte sich Ro, der den Geruch des Kaffees schneller wahrgenommen hatte, als erlaubt war. Träge rollte er sich von der einen Seite auf die andere, als sich die Matratze bewegte und das leise Klonk das Abstellen der Tasse signalisierte.
      „Wie spät?“, fragte er mit kratziger Stimme, während er sich über das Gesicht rieb, um die Augen richtig aufzukriegen. „Shit, ich wollte eigentlich mit dir aufstehen. Hat ja super geklappt.“ Er legte den Kopf in den Nacken und spähte zum Nachttisch. „Hab ich da Kaffee gerochen?“
      Mit langen Tritten beförderte der Drakin die Decke von sich, um sich danach am Kopfteil aufzusetzen. Seine Hand war augenblicklich bei der Tasse, einfach nur, um diesen herrlichen Geruch näher an seine Nase zu kriegen. Während er so am Rand seiner Tasse schnüffelte, betrachtete er Dane. Er hatte sich schon in einen Anzug geworfen, sah wieder verboten gut aus und wirkte… wie üblich. Seine Aura war kaum merklich da, aber was Ro sehen konnte, war gleichmäßig und ruhig, nicht mehr das Chaos von gestern.
      „Du siehst wieder richtig gut aus. Scheinbar hat der Schlaf der Gerechten bei dir echt was bewirkt.“
      Er schlürfte etwas von seinem Kaffee. Was auch immer Dane für Bohnen kaufte, er müsste sie Cecilia unbedingt ans Herz legen.
      „Fährst du gleich wieder ins Büro? Soll ich mitkommen? Das Treffen mit Jona hat ja immer noch keinen Fixtermin und am Wochenende muss ich meiner Mutter noch beibringen, dass es ein BBQ mit einem Rudel Werwölfe und Harpyien gibt…“
      Das hatte er ja strikt vor sich hergeschoben. Gedanklich setzte er das Telefonat auf seine To-Do-Liste für heute. Nur Aimeric durfte da nicht viel von mitbekommen, ansonsten wäre ein Drama wieder vorprogrammiert. Dane hatte zwar versprochen, sie abholen zu lassen, aber dafür müsste sie erst mal aus dem Haus rauskommen. Sollte Aimeric das früh genug mitkriegen, würde er vermutlich alles tun, um zu verhindern, dass seine Frau das Haus verließ.
      „Sag mal, was machen wir, wenn Aimeric nicht zulässt, dass sie das Haus verlässt? Wir können da schlecht einmarschieren, also… Nein, ich mein, du KANNST schon, aber du SOLLTEST das nicht machen…“, schob Ro eilig hinterher bevor Dane noch auf dumme Gedanken kam.
    • "Ich brauche weniger Schlaf als du - normalerweise. Du musst dich also nicht an meine frühen Morgenstunden gewöhnen. Ich habe sowie so viel zu viel Spaß dabei, dir beim Schlafen zuzusehen."
      In Danes Augen blitze ein wenig Schalk auf, bevor er Ro die Tasse mit dem frischen Kaffee reichte. Er strich Ro eine verirrte Strähne aus der Stirn. Nicht, dass seine Frisur aktuell viel Form hätte. Dane wollte seine Hand in die Strähnen schieben...
      "Ich sehe nicht nur gut aus, mir geht es auch gut. Ich bin gestern das Meiste der überschüssigen Magie losgeworden und das ordentliche Nickerchen danach hat auch Wunder gewirkt. Ich denke morgen, spätestens übermorgen, sollte ich keine weiteren Auswirkungen mehr spüren."
      Er betrachtete kurz die Tätowierungen auf seinem linken Handrücken. Die Erinnerung daran, wie sich das Grundwasser angefühlt hatte, wie er danach gerufen und es auf diesen Ruf geantwortet hatte, ließ ihn nicht los. Er würde sie hüten wie einen Schatz.
      "Wenn du mit ins Büro willst, dann kannst du das gern tun. Ich habe heute allerdings einen vollen Terminkalender und werde von einem Meeting zum nächsten rennen müssen. Du hast," er sah auf seine Uhr, "dreißig Minuten bis Abfahrt."
      Dane hätte das BBQ in ein paar Tagen liebend gern vergessen. Aber er hatte mehr oder weniger sein Wort gegeben, also würde er dort auftauchen müssen - ob er wollte oder nicht.
      "Ich könnte bedrohlich in der Auffahrt stehen," meinte er. "Wenn wir deine Mutter abholen, anstatt mein Fahrer. Dein Vater kann sich ja wohl schlecht beschweren, wenn du das Haus betrittst. Ich warte am Auto. Wenn er dir zu nahekommt... dann verteidige ich die meinen, das sollte er als Drakin doch verstehen. Ich bin einen Handel mit deiner Mutter eingegangen, aber das weiß Aimeric ja nicht."
      Dane ballte eine Hand zur Faust, als er auch nur daran dachte, wie Aimeric sich Ro in den Weg stellen könnte. Aber auch hier hatte er sein Wort gegeben - und dieses Mal in bindender Form. Er konnte diesem Mann kein Haar krümmen, solange er sich keinen akuten Fehltritt leistete. Das wurmte Dane gewaltig, aber er erinnerte sich selbst daran, dass dieser Handel es wert gewesen war. Hoffte er zumindest, denn bislang war Cecilia verdächtig still geblieben.
      "Andererseits darf sich dein Vater gern mit einem Rudel Wölfe auseinandersetzen. Die reagieren auch allergisch darauf, wenn man den Willen eines anderen ohne Zustimmung beschränkt."


    • Bei manch anderem hätte Ro sich vermutlich darüber mokiert, dass man ihn lieber im Schlaf beobachtete. Für Dane machte er jedoch eine Ausnahme, zumal er wirklich und ganz sicher nicht sich diesem unmenschlich frühen Zeitplan anpassen wollte. Ebenfalls gestattete er es Dane, ihm die Haare aus dem Gesicht zu streifen, die ein Eigenleben zu entwickeln schienen. Als der Dämon aber mehr seine Bewegung immer wieder wiederholte, obwohl ganz bestimmt alle Haare wieder an Ort und Stelle lagen, hob Ro nur eine Augenbraue, schwieg jedoch. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass Dane nun regelrecht über ihn herfallen würde, aber scheinbar durfte Ro wenigstens seinen Kaffee in Ruhe noch trinken.
      „Dreißig Minuten schaff ich schon. Wenn du mich hier allein lässt, dann kommst du zurück und stellst fest, dass nichts mehr da ist, wo es war“, schmunzelte er in seine Tasse hinein, die Dane ihm reichte. „Vielleicht sollten wir dich wirklich in der Auffahrt parken. Einfach des Eindrucks Willen.“

      Noch auf dem Weg zu Danes Büro schrieb Ro seiner Mutter schon mal eine Nachricht. Er wollte sie vorwarnen und später einen Plan abhandeln, wie sie am Besten vorgingen. Während sich Dane kopfüber in seine Arbeit und Meetings stürzte, bezog Ro wieder seinen Posten einen Raum weiter und rief seine Mutter entsprechend an. Das Gespräch war unspektakulär und so normal, wie sonst auch. Auf Nachfrage hin, ob sich bei Jona schon etwas ergeben hatte, zeigte sich Cecilia bedeckt; sie war dran, müsse es aber mit einer gewissen Diskretion machen, damit Aimeric nicht auf falsche Gedanken kam. Ro mischte sich nicht in die Art ein, wie seine Mutter vor sich ging. Immerhin war sie noch in den Fittichen seines Vaters und nicht er selbst.
      Sie beendete das Telefonat mit den Worten, dass sie sich sehr auf das Treffen freue. Nicht nur wegen der Möglichkeit, das Anwesen zu verlassen, sondern auch Danes Bruder und dessen Familie zu treffen. Dass es vermutlich ein sehr chaotischer Haufen an Leuten werden würde, störte Cecilia nicht. Sie war schon immer die Person im Haushalt der d’Apchiers gewesen, die am wenigsten Probleme mit familiären Zusammenkünften hatte.


      Einige Tage später
      Vor dem Anwesen der d’Apchiers


      „Ich hab’s Handy dabei, falls irgendwas ganz krass nach hinten losgehen sollte. Bleib solange einfach hier, stell dich meinetwegen an den Wagen oder so, aber komm nicht durch das Tor durch, ohne dass man dich einlässt, okay?“, sagte Ro durch das geöffnete Fenster der Fahrerseite hindurch, wobei er sich am Dach des Wagens draußen abstützte und zu Dane sprach. Danach klopfte er einmal auf das Metall und schlenderte durch das Tor, das man ihm öffnete, zu seinem Elternhaus.
      Noch bevor er die Klingel an der Haustür betätigen konnte, öffnete sie sich bereits für ihn und ein winziger Funken Hoffnung keimte in dem jungen Drakin auf, dass Cecilia ihm direkt entgegen käme. Einen Augenblick später blickte er jedoch in das Gesicht seines Onkels Laurent, der alles andere als glücklich aussah. Er vertuschte es mit einem aufgesetzten Lächeln, das Ro sofort durchschaute.
      „Hallo Ro, gut siehst du aus.“
      „Hi Laurent, du siehst dafür gestresst wie immer aus“, erwiderte Ro, dem die Skepsis wohl ins Gesicht geschrieben stand, denn sein Onkel sah an ihm vorbei zum Tor, wo er Danes Wagen erkennen konnte.
      „Ich hoffe, er ist nur zum Eindruck schinden hier?“
      „Vorerst?“
      Laurent trat zur Seite und ließ seinen Neffen ein, hinter dem sich die Tür schloss und Danes Blicke endgültig ausschloss. Sehr zu Ros Freude lief er nicht direkt in die geöffneten Arme seines Vaters, sondern sah sich gähnender Leere gegenüber. Nur ein kurzes Austrecken seiner Aura genügte, um seine Mutter in der Küche zu orten. Laurent folgte ihm ohne weitere Worte, als Ro die Küche ansteuerte und in den Türrahmen spähte, wo er Cecilia durchaus ausgehfertig, aber noch am Tisch sitzend vorfand. Sie hatte eine Tasse Milchkaffee vor sich, das erkannte Ro an der blumigen Tasse, die sie nur dafür auswählte. Ihre Finger bewegten sich konstant über das Porzellan; sie war nervös.
      „Hi, Ma“, sagte Ro und schreckte mindestens so heftig wie seine Mutter zusammen. Ihr Kopf schoss herum, Reue lag in ihrem Gesicht.
      „Hallo, Ro… Gut siehst du aus.“ Das meinte sie ernst, aber ihre Stimme war zu angespannt für die Lage.
      „Ja klar, mir geht’s ja auch gut. Warum sitzt du da noch? Wir wollen doch-“
      „Sie bleibt hier.“
      Ro fluchte lauthals auf und sprang einen ordentlichen Schritt nach vorn, als Aimeric hinter ihm auftauchte. Er hatte den Drakin weder gespürt noch anderweitig bemerkt und dieser Fehler stieß ihm übel auf. Schneller als sonst berappelte sich Ro jedoch und stellte sich wieder gerade auf. Er würde nicht einknicken, jetzt nicht mehr. „Wow. Musst du jetzt schon aufs Schleichen zurückgreifen, um noch irgendwie Eindruck zu schinden?“
      An großen Worten hatte es Ro nie gemangelt, aber ganz unbeeindruckt war er von den ebenso blauen Augen seines Vaters nicht. Die wirkten so kalt und scharf wie sonst auch, als sie sich auf seinen Sohn richteten. „Das zeugt einzig und allein davon, wie wenig du von deiner Umwelt mitbekommst. Ein Drakin spürt zu jeder Zeit die Lebewesen um sich herum.“
      „Schön, dann hättest du mir das vielleicht mal richtig beibringen sollen und nicht so tun, als wäre ich nicht existent“, feuerte Ro umgehend zurück und hörte, wie seine Mutter hinter ihm scharf Luft einsog.
      Aimerics Miene veränderte sich nur minimal, dafür übernahm seine Aura den gesamten Raum. Ro fühlte den Druck, der plötzlich anstieg und ihm das Atmen schwer machte, ebenso wie seinem Onkel im Flur, der hörbar leise stöhnte. Mit einer aberwitzigen Schnelligkeit packte Aimeric seinen Sohn beim Kragen und zog ihn an sich heran. „Man kann niemanden etwas lehren, wenn rein gar nichts da ist, Mireaux.“
      Ro packte seinen Vater beim Handgelenk und weigerte sich, den Blickkontakt zu brechen. Gezielt ließ er sich nicht in die Ecke drängen sondern griff auf die Magie zurück, die schon unter der Oberfläche brodelte. Mit einer Leichtigkeit wie noch nie zuvor schob Ro Aimerics Aura von sich und damit auch den Druck, der ihn niederpresste. „Rein gar nichts ist das nicht, oder?“
      „Das bringt dir der Dämon bei? Wie du das bisschen Magie in dir bündeln kannst? Dass ich nicht lache. Was hast du ihm dafür gegeben? Ach, ich vergaß, im Prinzip ja alles“, entfuhr es Aimeric, dessen Beherrschung plötzlich einen empfindlichen Knacks kassiert haben musste. Er zog Ro so nah an sein Gesicht, dass nichts anderes mehr in dessen Blickfeld lag. „Vielleicht solltest du dir nicht von einem Dämon das Hirn rausvögeln lassen.“
      Das war zu viel für Ros eigene Beherrschung. Etwas in ihm riss oder platzte oder lief über – er konnte es nicht genau beschreiben. Seine Magie presste sich durch seine Poren nach außen, seine Haut verfärbte sich bläulich und als er redete, klang seine Stimme doppeltonig: „Halt’s Maul, verdammt noch mal.“
      Aimeric wartete nicht ab. Lediglich seine Augenbraue zuckte, als er seinen Sohn mit einer unmenschlichen Kraft von sich und gegen die nächstbeste Wand warf. Ro prallte mit seinem Rücken gegen die Wand und fühlte, wie es ihm die Luft aus den Lungen presste. Der Knall war so laut, dass man ihn vermutlich bis auf die Straße hörte und das ganze Gebäude schien zu erzittern. Irgendwo bröckelte Putz und es klirrte, als Gläser aus der dekorativen Vitrine im Wohnzimmer fielen.
      „Aimeric!“, schaltete sich Laurent ein, der seinen Bruder am Arm packte, um ihn an weitere überstürzte Handlungen zu hindern. „Lass ihn!“
      „Sieh ihn dir doch an, Laurent“, fauchte Aimeric und nickte zu seinem Sohn, der sich an der Wand wieder auf die Beine kämpfte und an dessen Arme das typische Schuppenmuster zu sehen war. „Daran muss Dane Blackwell schuld sein.“
      „Du kannst ihn nicht mehr hier einschließen, er hat seinen Beistand, Bruder. Du brichst unter Umständen einen Kampf mit einem Dämon vom Zaun!“
      „Dann sei es so.“
      „Lass ihn einfach mit Cecilia gehen! Es passiert doch nichts, sie kommt wieder zurück und gut ist damit“, versuchte es Laurent weiter und schaffte es, seinen Bruder aus dem Türrahmen zu ziehen und somit seinem Neffen und Schwägerin freie Bahn zu verschaffen.
      Cecilia war blass und erst zu Ro gesprintet, als sie das Nicken von Laurent gesehen hatte. Sie packte Ro beim Arm und zog ihn raus aus der Küche, an Laurent und einem sichtlich angespannten Aimeric vorbei in den Flur und zur Haustür. Ro hätte sich beinahe von seiner Mutter losgerissen, um der Wut Luft zu geben, aber er besann sich darauf und ließ das Muster sowie die Farbe verblassen noch bevor sie das Haus verlassen hatten.
      Übereilt gingen Sohn und Mutter den Weg bis zum Tor, wo man sie herausließ und Cecilia Ro erst dann losließ. „Er hat das Telefonat gehört und dann abgewartet, dass du kommst. Natürlich fand er die Einladung nicht toll, aber das hier…“ Sie schüttelte den Kopf.
      Ro schnaubte, öffnete die Tür des Autos und bedeutete seiner Mutter, einzusteigen. Danach ging sein Blick zu Dane. „Hab ja gesagt, ich krieg sie raus. Alles kein Problem.“
    • "Ich hab’s Handy dabei, falls irgendwas ganz krass nach hinten losgehen sollte. Bleib solange einfach hier, stell dich meinetwegen an den Wagen oder so, aber komm nicht durch das Tor durch, ohne dass man dich einlässt, okay?"
      "Ich werde mich benehmen, solange er es tut," versprach Dane und meinte es sogar so.
      Er würde weder sein Wort, noch sein Image damit brechen, unüberlegt zu handeln. So viel Aufregung war dieser Mann ihm nicht wert.
      Er beobachtete Ro den ganzen Weg lang, scannte mit geübter Paranoia jedes Fenster, jede Ecke, in der sich jemand versteckten könnte. Wenn man sein Leben in Abneigung von Chaos und Überraschungen fristete, dann lernte man, das Unerwartete zu erwarten. Als Ro die Tür erreichte und sich diese öffnete, erspähte Dane ein Gesicht, das nicht das Aimeric oder Jona war, was ihm sofort missfiel. Und dann verschwand Ro im Haus.
      Es hielt Dane ganze zwei Minuten im Sitz, während er angespannt mit den Fingern auf dem Lenkrad herumtrommelte. Dann hielt er es nicht mehr aus und er stieg aus. Er lehnte sich tatsächlich gegen die Motorhaube seiner schwarzen Sportlimousine, verschränkte die Arme vor der Brust. Er behielt das Gebäude genau im Blick, suchte auch weiterhin nach versteckten Bedrohungen. Dass er nichts aus dem Inneren sehen oder hören konnte, machte ihn wahnsinnig.
      Nach etwa zehn Minuten wurde er nervös. Er fischte sein Smartphone aus seiner Hosentasche. Nichts. Keine Nachrichten, keine Anrufe. Er suchte Ros Nummer heraus, doch bevor er auf den grünen Hörer drücken konnte, erbebte die Luft um ihn herum mit einer Welle aus Magie. Wenn er sowas schon mitbekam, wie schlimm musste es dann erst da drin sein?! Er konnte die Magie riechen, so stark war sie. Da war die von Ro, die er schon kannte und die sich endlos vertraut anfühlte, und dann war da noch...
      "Aimeric," knurrte Dane.
      Er packte sein Smartphone wieder weg und stapfte zum Tor. Ihm war egal, ob er eingeladen worden war oder nicht, er würde-
      Die Tür öffnete sich und Ro eilte mit seiner Mutter durch die Einfahrt. Sie wirkten gestresst, geschockt vielleicht, aber unverletzt. Dane riss das Tor für die beiden auf, den Blick noch genauer auf dieses verfluchte Haus gerichtet. Er warf das Tor mit Schwung wieder zu, kaum dass die beiden hindurch waren. Er wartete darauf, hoffte sogar darauf, dass Aimeric den Fehler beging und das Haus verließ. Er wollte diese Auseinandersitzung.
      "Hab ja gesagt, ich krieg sie raus. Alles kein Problem."
      "Kein Problem? Was ist da drin passiert, Ro?!"
      Dane riss seinen Blick von dem Haus und ging rüber zur Fahrerseite, stieg aber noch nicht ein. Er wollte zuerst eine Antwort. Eine Antwort, die er nicht bekam. Verdammte Familientreffen!
      Er ließ sich in den Fahrersitz fallen und knallte die Tür zu. Sein Griff um das Lenkrad war so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ihm war klar, dass er wütend war. Ihm war klar, dass er sehr kurz davor war, die Fassung zu verlieren. Also schloss er die Augen und nahm einen tiefen Atemzug, den er sehr langsam wieder ausstieß. Er zwang sich dazu, seine Wut runterzuschlucken und sich zu beruhigen. Langsam löste er die Finger vom Lenkrad.
      "Sind wir alle unverletzt?" fragte er mit erzwungener Ruhe.
      Als ihm das bestätigt wurde, fühlte er sich wenigstens ein bisschen besser. Trotzdem wollte er Aimeric die Augen aus dem Schädel brennen. Stattdessen startete er den Motor und parkte aus. Er musste hier weg, bevor er noch eine Dummheit beging.
      "Schön Sie zu sehen, Cecilia, auch wenn die Umstände fragwürdiger Natur sind," grüßte er endlich Ros Mutter, als er abbog und die Straße dieses Kauzes hinter sich ließ.
      Dane konzentrierte sich ausschließlich auf die Straße und den Verkehr. Es half ihm dabei, sich zu beruhigen. Wenn er wütend bei seiner erweiterten Familie aufkreuzte, würden die nur Fragen stellen. Zu viele Fragen. Zu präzise Fragen. Abgesehen von der Begrüßung an Cecilia schwieg er während der gesamten Fahrt. Er wollte wissen, was passiert war. Es nicht zu wissen störte ihn wie ein kleiner Stein im Schuh, den man nicht loswurde. Aber rückte nicht mit der Sprache raus. Stattdessen schwieg er ebenfalls.

      Schließlich erreichten sie ein großes Gebäude am Ende einer einsamen Straße. Das Haus wirkte zeitgleich modern und naturbelassen, als ob ein Architekt aus der Großstadt sich an einer Blockhütte versucht hatte. Es war ein hübsches Haus. Und es hatte genug Platz, um fast das gesamte Rudel darin unterzubringen, sollten sich alle Mitglieder dazu entscheiden, hier zu schlafen - was relativ oft passierte, wenn man Greg Glauben schenken konnte.
      Dane parkte seine Limousine neben einem dunkelroten Jeep, dessen Unterseite dick mit Schlamm verkrustet war. Hier standen eine Menge geländegängiger Fahrzeuge herum.
      Bevor sie die Haustür erreichten, zog Dane Ro kurz zur Seite.
      "Ich kann verstehen, wenn du mir jetzt nicht sagen willst, was bei deinem Vater los war. Aber es nicht zu wissen, macht mit wahnsinnig. Verrate mir wenigstens eins: muss ich mir Gedanken um die Sicherheit meiner Familie machen?"
      Viel mehr Zeit, um darüber zu reden, hatten sie nicht. Die Haustür flog auf und Gregs Mutter kam heraus, ein breites Lächeln im Gesicht, die Arme weit ausgebreitet, um Dane in eine Umarmung zu ziehen. Dass er auf der anderen Seite der Einfahrt stand, interessierte sie nicht. Dane kam ihr entgegen und kurz darauf schlossen sich die starken Arme um ihn. Er erwiderte die starke Umarmung mit ein bisschen weniger Elan.
      "Ich habe Gregory nicht geglaubt, dass du kommen würdest, aber da bist du ja! Und du hast jemanden mitgebracht! Dass ich das noch erleben darf!"
      "Es geschehen eben doch noch Wunder," meinte Dane mit einem kleinen Lächeln.
      Er löste sich von der alten Dame und deutete auf Ro.
      "Yolanda, das ist Ro, mein Partner. Und das ist seine Mutter Cecilia."
      "So schön, euch kennenzulernen!"
      Die Frau nahm Ro in den Arm, dann ging sie zu Cecilia und schüttelte ihr überschwänglich die Hand.
      "Je mehr, desto besser, das sage immer! Kommt rein, kommt rein! Gregory ist schon da und hilft Frank mit dem Grill. Frank ist sein Onkel, mein Schwager."
      Yolanda hakte sich bei Cecilia unter und versuchte ihr das Netz der Verwandtschaften im Rudel zu erklären. Dane ergriff Ros Hand und zwang sich dazu, zu vergessen, was vor einer halben Stunde passiert war. Später war noch genug Zeit, um darüber zu reden.

      Das Haus war gefüllt mit einer Handvoll Leuten, die sich alle in der Küche tummelten, um letzte Hand an Salate und Getränke zu legen. Der Großteil des Rudels war selbstverständlich draußen im Garten. Wobei das Wort Garten hier falsch war. Das Grundstück war riesig und beinhaltete einen kleinen Wald, den See, den Dane einmal erwähnt hatte, und die drei Häuser von Dana, Asa und dem Rudel. Auf dem Papier gehörte das Anwesen Asa. Benutzt wurde es hauptsächlich vom Rudel. Der Garten, wie sie es also nannten, war eigentlich jedes Fleckchen Grün zwischen den Häusern - entsprechend ausgebreitet hatte sich das Rudel. Es gab einen ganzen Spielplatz, komplett selbstgebaut aus Holz: zwei Wippen, ein paar Kletterhäusschen, mehrere Rutschen und Schaukeln, ein großer Sandkasten, einen ganzen Haufen Figuren, auf denen man auch herumklettern konnte. Der Spielplatz wurde auch ordentlich benutzt: drei Kinder kraxelten auf den Holzfiguren herum, noch zwei tummelten sich an den Tischen, Gläser mit selbstgemachter Limonade in den Händen. Auch an Erwachsenen mangelte es nicht. Kleinere Gruppen wirkten miteinander verwandt, aber sie verhielten sich alle wie eine große Familie. Greg stand mit einer älteren, pummeligeren Version seiner selbst an einem von drei riesigen Grills.
      "Macht's euch bequem, nehmt euch was zu trinken," meinte Yolanda und ließ die drei Neuankömmlinge allein in dem Meer aus Shiftern.
      "Onkel Dane!" brüllte eines der Kinder.
      Ein Junge mit tiefschwarzen Haaren kam auf ihn zu gerannt und schlang seine Arme um Danes Hüfte. Viel größer war der Knirps auch gar nicht.
      "Jamie," grüßte Dane den Jungen.
      Er löste die dürren Ärmchen von seiner Hüfte und hob den Jungen hoch, der sich sofort an seinem Hals festhielt.
      "Wer's das?" fragte Jamie und zeigte auf Ro und seine Mutter.
      "Das ist mein Freund Ro. Und seine Mama Cecilia."
      "Freund oder Freund Freund?"
      "Freund Freund. Also sei nett zu ihm."
      "Na gut. Ricky ist geshiftet!"
      "Ricky? Ist der schon so alt?"
      Jamie nickte wild.
      "Wer ist als nächstes dran?" fragte Dane. "Sarah?"
      "Neeeeee! Die ist doch erst fünf! Ich bin als nächstes dran!"
      "Bist du dir da sicher? Du bist doch auch erst neun."
      "Ich bin elf!"
      "Ach ja richtig, da war ja was."
      Jamie streckte Dane die Zunge raus. Dane setzte ihn auf dem Boden ab und griff in seine Jackentasche. Er fischte eine kleine Tüte Karamellbonbons heraus und reichte sie Jamie ganz klammheimlich. Jamie schnappte sie sich mit großen Augen und versteckte sie schnell in seiner Hosentasche, bevor er wegrannte. Dane sah ihm nach. Der Junge machte sich gut im Rudel, auch wenn er überhaupt kein Wolf-Shifter war.
      "Kaum zu glauben, dass dieser Kerl immer behauptet, nicht für große Familienfeste gemacht zu sein, hm?"
      Greg tauchte auf, grinsend und in eine Kochschürze gekleidet.
      "Bin ich auch nicht. Viel zu chaotisch," erwiderte Dane.
      "Das sagen sie alle. Hi! Ich bin Greg, der Schwager von dem da."
      Greg deutete erst auf Dane, dann reichte er Cecilia die Hand.
      "Schön, dass ihr's geschafft habt. Besonderer Dank an dich, weil du Dane dazu gebracht hast, sich hier mal wieder blicken zu lassen."
      "Du sagst das so, als ob ich mich vor euch verstecke."
      "Tust du ja auch."
      Jetzt streckte Greg ihm die Zunge raus. Doch dann wanderte seine Aufmerksamkeit woanders hin: seine Partner und seine Töchter tauchten auf. Eine Welle an "Aww"s schwappte über die versammelte Mannschaft, als die Mädchen ankamen. Greg verschwand sofort, um seine Familie zu begrüßen.
      Dane zählte schnell und unauffällig nach. Mit dem kleinen Rest des Rudels, den er in der Küche gesehen hatte, waren jetzt alle da. Jetzt musste er nur noch drei bis fünf Stunden in dieser Gesellschaft überleben.


    • Fast hätte Ro den Kopf eingezogen, als Dane ihn so anfuhr. Er kaschierte es, indem er die hintere Wagentür aufhielt, damit seine Mutter einsteigen konnte, die mindestens genauso entgeistert wie ihr Sohn Dane ansah. Ro drängte sie dazu einzusteigen und warf die Tür anschließend zu. Auf der anderen Seite tat Dane es ihnen nach, setzte sich und knallte die Tür mindestens genauso sehr wie Ro. Der wiederum warf noch einen Blick zum Haus, wo er hätte schwören können, jemanden hinter den Fensterscheiben stehen zu sehen. Danach ließ er sich auf den Beifahrersitz gleiten.
      Cecilia auf dem Rücksitz war totenstill. Vermutlich, weil sie wie Ro auch sehen konnte, wie fest Dane das Lenkrad umklammerte. Nur sah Ro es anhand der Aura, wie aufgebracht der Dämon in Wirklichkeit war. Das, was er nach außen trug, war nur ein Bruchteil dessen. Folglich verfiel Ro ins Schweigen, als er sich anschnallte und den Blick stur aus dem Fenster warf.
      „J…Ja, sind wir“, antwortete seine Mutter für sie beide auf Danes Nachfrage hin. Sie selbst hatte keinen Schaden abbekommen, und wenn Ro es für richtig hielt, es hier nicht anzusprechen, dann würde sie seinem Partner ganz bestimmt nicht offenlegen, wie sein Geliebter gerade eben noch gegen eine Wand geworfen wurde. „Freut mich auch, Sie zu sehen… und dann auch noch persönlich von Ihnen abgeholt zu werden. Ich fühle mich geehrt.“ Leider war ihr ihre übliche Leichtigkeit in der Stimme durch die letzten Minuten abhandengekommen.
      Für den Rest der Fahrt hüllte sich der Innenraum der Sportlimousine in Schweigen.

      Cecilia hatte sich während der Fahrt wieder gefangen und bewunderte das große Haus, vor dem Dane anhielt. Allein der beeindruckende Fahrzeugpark ließ schon darauf schließen, wie viele Leute sich zu diesem BBQ trafen und das schien die Frau mehr zu freuen als Ro, der beim Anblick schon fast Schweißausbrüche bekam. So viele Wandelwesen auf einen Schlag hatte er noch nie erlebt. Er beneidete seine Mutter darum, wie leichtfertig sie damit umging. Vielleicht lag das einfach daran, dass sie in allen Leuten primär Menschen sah und dann erst das, was sie eigentlich waren.
      Ro hätte sich am liebsten an den Arm seiner Mutter gehängt, doch die war eiskalt schon vorausgegangen und bestaunte den gut gepflegten Garten. So konnte sich Ro nicht dagegen wehren, dass Dane ihn am Arm zurückhielt. Er stellte sich darauf ein, dass Dane es unbedingt wissen wollte und entsprechend nachdrück sein würde, die eigentlich Frage, die er ihm jedoch stellte, verdutzte Ro. Dieser Aspekt war ihm gar nicht eingefallen.
      Ein Stück seiner Spannung fiel von ihm ab, als seine Schultern nach unten sackten. Sein verkniffener Mund entspannte sich merklich, als er seine Frage beantwortete: „Nein, musst du nicht. Niemand der hier Anwesenden wurde zu irgendeiner Zielscheibe oder so gemacht. Dafür reiche ich doch aus, oder nicht?“
      Weiter kamen sie nicht, als die Haustür aufflog und eine Frau mit unheimlich breitem Grinsen herausgestürmt war. Sie hatte ihre Fangarme bereites ausgebreitet und Dane schneller eingefangen, als Ro auch nur ‚Hallo‘ hätte sagen können. Er rückte ein bisschen von den Beiden ab, primär, um nicht als nächster direkt in diese Fänge zu geraten. Dass es vergebene Lebensmüh gewesen war, merkte er einen Augenblick später. „Hiii…“, machte er gedehnt, als die Frau ihn mit überraschend starken Armen drückte und er es unbeholfen erwiderte. Der Geruch von Wald und Wiese stieg ihm sofort in die Nase. Danach schnappte sie sich Cecilia, die wesentlich entspannter reagierte, sich selbst vorstellte und dann im Schlepptau ins Haus geführt wurde.

      In dem Tumult an Leuten hatte Ro den Überblick verloren. Nicht nur, dass er die Leute nicht mit Namen kannte, er konnte die dutzenden Auren teilweise nicht schnell genug zu sortieren. Somit musste sich Ro einmal darauf klarkommen, dass ihn die reine Präsenz von so vielen Shiftern auf einmal Kopfschmerzen bereitete. Dass sich dazu jetzt auch noch Kinder gesellten, machte es nicht unbedingt besser. Dafür strahlten Cecilias Augen plötzlich viel heller, als sie mit einem warmen Lächeln den Kindern zuwinkte und ihren eigenen Sohn anstieß, es ihr gleich zu tun.
      Ro runzelte allerdings am Ende die Stirn. Alle hier, oder eher, die meisten, trugen die signifikanten Merkmale der Shifter in ihrer Aura oder ihrem Geruch. Unter den Kindern waren etliche Shifter, wobei die, die sich noch nie gewandelt hatten, wesentlich weniger stark danach aussahen. Nur der Junge, den Dane im Arm hatte, wies gar keine Marker auf. Und trotzdem sprach er davon, zu shiften. War das kindliches Geplänkel oder wusste der Kleine es nicht besser? War Ro selbst als Kind auch so gewesen?
      „Ein bisschen“, raunte ihm plötzlich seine Mutter von der Seite aus zu, die anhand seines Gesichtsausdrucks wohl gelesen haben musste, was er gedacht hatte.
      „Aber nicht so kackendreist, oder?“, murmelte er zurück.
      Seine Mutter lachte leise.
      Dann erschien Greg und begrüßte die Gruppe. „So wie er mit Kindern umgeht, scheint er ihr persönlicher Held zu sein. Ich schätze, Dane ist der typische Fall von ‚harte Schale, weicher Kern‘?“, meinte Cecilia belustigt, nachdem sie Gregs Hand geschüttelt hatte und sich zu den zahllosen Ausrufen umdrehte, als die nächste Verwandtschaft auftauchte. „Das geht ja Knall auf Fall hier bei euch.“
      „Du kannst auch schauen gehen, Ma. Du kannst machen, was du willst. Is‘ keiner hier, der dir das verbietet“, warf Ro ein und seine Mutter sah ihn für einen Moment ausdruckslos an, dann kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück.
      „Stimmt. Dann wird deine Mutter ihren eigenen Weg bestreiten, hm?“ Dann zog sie von Dannen und mischte sich unter die Shifter, als sei sie schon immer hier Zuhause gewesen.
      „Manchmal beneide ich echt ihre Art…“, seufzte Ro und massierte sich die Schläfen. „Okay, sag mir bitte, dass die nicht nur ein Schwein oder sowas auf den Smoker geknallt haben. Oder haben die auf jedem Grill später eine eigene Sorte?“
    • "Du hast kein Recht, dich zu beschweren. Wir sind hier, weil du das wolltest, erinnerst du dich?"
      Dane schlenderte zu einem Tisch, der offensichtlich als Getränkebar gedacht war. Es standen dutzende Softdrinkflaschen herum, aber es gab auch Tee, Kaffee, einfaches Wasser, selbstgemachte Limonade und Eistee, eben alles, was man sich so wünschen könnte. Mit einem Zwinkern reichte Ro einen leeren, blauen Plastikbecher. Bei seinem eigenen war ihm die Farbe egal, weswegen er mit einem hellgrünen Vorlieb nehmen musste. Kaffee aus einem Becher zu trinken war Dane zu seltsam, und er wusste um Yolandas hervorragenden Eistee, weswegen er sich an einer der Karaffen bediente.
      "Hier gibt es sogar ein paar Vegetarier. Zumal Greg viel zu sehr seine Gäste zufriedenstellt, um nur Fleisch auf den Grill zu werfen, wenn er weiß, dass du kommst. Du wirst schon was finden, keine Sorge."
      Er ergriff Ros Hand und begann, mit ihm ein bisschen durch den Garten zu schlendern, immer schön am Rand der ganzen Gesellschaft. Die meisten waren mit den Drillingen oder dem Essen beschäftigt und die Kinder konnten sich selbst entertainen, es achtete also niemand wirklich auf sie beide.
      "Was ist da drin passiert, Ro? Du wolltest nur kurz reinflitzen, um deine Mutter zu holen und dann bebt auf einmal die Luft mit deiner Magie? Und der von Aimeric?"
      Er blieb stehen und musterte Ro eingehend und voller Sorge. Das hier war nicht unbedingt der beste Ort, um das anzusprechen, was vorhin passiert war, aber Dane konnte nicht anders. Er musste einfach wissen, dass es Ro gut ging.
      "Geht es dir wirklich gut? Er hat dir doch nicht wehgetan, oder?"


    • „Das war auch keine Beschwerde. Nur ne Info, warum ich mir meinen Kopf massiere.“
      Ro rollte theatralisch mit den Augen, als Dane ihm einen passenden, blauen Plastikbecher reichte. Da der Dämon wahllos nach einem weiteren griff, schien er entweder keine Vorliebe zu haben oder die Farbe war einfach nicht dabei. Noch ein Punkt auf Ros gedanklicher Liste, den er einmal nachfragen musste. Auf jeden Fall orientierte er sich an Dane, indem er seinen Becher zu seinem schob und ihm dadurch bedeutete, auch diesen Becher voll zu machen.
      „Moment mal. Ich geh mit Fleisch auch völlig fine, das sollte keine Beschwerde oder so werden. Ich dachte halt nur, die grillen halt… das Gleiche?“ Er kratzte sich am Kinn, ehe er den Kopf schüttelte. „Wow, ich hätte mehr von mir erwartet. Wieso unterstell ich ihm das, wenn ich sein Notizbuch doch gesehen hab?“
      Sie gingen zum Glück nicht weiter drauf ein, als sie gemeinsam nach draußen schlenderten und sich etwas von der Masse an Leuten absetzten. Hier dröhnte Ro nicht mehr ständig der Kopf und er konnte damit aufhören, seine Schläfe zu reiben. Dafür konnte er nun das weitläufige Gelände begutachten, das ihm beim übereilten Besuch gar nicht so sehr aufgefallen war. Wenn er sich recht entsann, dann war er nicht aus dieser Richtung gekommen, sondern…
      Dane hielt inne und zwang auch Ro dazu, stehenzubleiben. Man sah ihm an, dass er das Thema am liebsten einfach auf noch viel später verschieben würde, aber der Ausdruck in Danes Augen verwehrte es ihm.
      „Aimeric hat das Telefonat von mir und Cecilia vorher mitbekommen und das Timing abgepasst. Sie saß in der Küche, vermutlich auf seine Anweisung hin, und er hat mich praktisch im Türrahmen abgefangen.“ Er seufzte und zuckte mit den Schultern. „Sieh’s als ein bisschen Platzhirschgehabe an oder so. Er fand’s nicht toll, dass ich sie mehr mit dir und deiner Familie in Kontakt bringe und sie ist so eingeschüchtert gewesen, dass sie nichts gesagt und seinen Anweisungen gefolgt ist.“
      Die Kurzform, die alles Wichtige umfasste und das ausließ, weshalb Dane vermutlich an die Decke gehen würde. Ro setzte schon wieder dazu an, weiterzugehen, doch Dane hielt ihn noch immer an Ort und Stelle. Wenn Ro ihm jetzt erzählte, dass er ihn durch die Luft geworfen hat, dann platzte dem Dämon bestimmt der Kragen. Er hatte so ja eben schon Probleme mit seiner Aggression gehabt….
      „Mir geht’s super. Siehst du doch. Oder wirke ich irgendwie, als hätte er mir ein Haar gekrümmt?“, setzte er nach, doch dann entgleiste sein Gesicht für den Bruchteil einer Sekunde. Haar gekrümmt. Handgreiflich geworden. Zählte das schon zu dem Pakt, den Dane mit Cecilia geschlossen hatte?! Ros Gesicht verlor innerhalb Sekunden sämtliche Farbe. Konnten Dämonen Lügen erkennen?! Um Himmels Willen, bitte sagte einer, dass sie es nicht konnten.
      „….Dane, nicht ausflippen, ja?“ Ro hob abwehrend eine Hand, die mit dem Becher, wobei er drei Finger dabei abspreizte. „Ich vertrau darauf, dass du jetzt nicht ausrastest und riskierst, dass ich dich mit meinem Arsch nicht mehr angucken werde, wenn du gehst.“ Vertrauen schwand zu einer Hoffnung, als Dane seine Hand fester drückte. Oha. „Es war Platzhirschgehabe. Er wollte mich unterdrücken, ich hab mich gewehrt, er hat dich beleidigt, ich habe dich verteidigt und dann ist irgendeine Sicherung bei ihm durchgebrannt. Er hat mich gegen die nächste Wand geworfen, aber dann ist Laurent dazwischen gegangen! Alles gut, nichts kaputt, alles heile! Wirklich!“
      Nachdruck lag in Ros Stimme, als er Danes Neugier befriedigte und seine eigene Sorge dadurch weiter anfeuerte. Nur musste Dane verstehen, dass das nur eine kleine Auseinandersetzung und vor allem wichtig gewesen war, dass Ro Aimeric endlich mal ein bisschen die Stirn bot. Egal, wie der Ausgang dabei gewesen war, aber irgendetwas an der Situation hatte dazu geführt, dass der ältere Drakin seine Beherrschung verloren hatte, wie sonst noch nie.
    • Dane knirschte ein bisschen mit den Zähnen, als Ro endlich mit der Sprache rausrückte und ihm erzählte, was im Haus passiert war. Dieses Was gefiel ihm überhaupt nicht, aber was konnte er schon tun? Selbst ohne seinen Handel mit Cecilia wäre es schon schwer, Aimeric dafür zu kriegen, dass er einfach nur ein riesiges Arschloch war. Der Mann konnte leider mehr oder weniger tun oder lassen, was er wollte.
      "Nein, du siehst nicht aus, als hätte er dir ein Haar gekrümmt. Aber mittlerweile weiß ich, dass Drakin mehr als nur körperlichen Schaden anrichten können. Ro?"
      Ro wurde von jetzt auf gleich blass, als ob ihn jemand heftig in die Magengrube geschlagen hätte. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sich Dane in seiner Aussage bestätigt. Nur was sollte er tun? Was konnte er schon anstellen, wenn Aimeric Ro tatsächlich etwas angetan hatte? Er hatte Ro den Namen ausgerissen, was konnte er jetzt getan haben?!
      "...Dane, nicht ausflippen, ja?"
      Wie sollte er denn jetzt nicht die Nerven verlieren?!
      Dane atmete tief durch und riss sich zusammen. Ro schien nicht auf der Stelle tot umzufallen, er wirkte eher geschockt als verletzt. Das war zumindest ein gutes Zeichen. Dennoch verstärkte sich sein Griff um Ros Hand ein wenig. Es war gemeint als Bestätigung, dass er nicht ausflippen würde, kam aber wohl eher mehr als die unterdrückte Wut rüber, die Dane gerade verspürte.
      Er hörte brav zu, Kiefer aufeinandergepresst, Nacken angespannt. Platzhirschgehabe also...
      Dane ließ Ros Hand los und schob seine Finger stattdessen in die wilde Mähne des jungen Mannes. Er zog ihn an sich, eng, und atmete tief durch. Der Duft einer sanften Meeresbrise half dabei, ihn zu beruhigen. Die ganze Anspannung der letzten Minute fiel von jetzt auf gleich von ihm ab. Ro war in Ordnung. Er hatte sich gegen Aimeric gewehrt und er war in Ordnung. Es ging ihm gut. Es ging Ro gut und Aimeric wusste nun endlich, dass er ihn nicht einfach weiterhin rumschubsen konnte. Dass er sich besser benehmen sollte, auch wenn Dane nicht da war. Mit einem Pisswettbewerb konnte Dane umgehen. Das kannte er schon.
      "Ich werde nicht ausflippen," meinte er leise. "Im Gegenteil. Es beruhigt mich ungemein zu wissen, dass du dich gegen ihn wehren kannst."
      Er strich durch die Haare an Ros Hinterkopf, drückte ihm einen Kuss in die Halsbeuge. Schließlich löste er sich von Ro, strich ihm sanft über die Wange.
      "Das nächste Mal schmeißt du aber hoffentlich ihn an die Wand, und nicht umgekehrt, ja?" lächelte er. "Und jetzt küss mich, du mächtiger Drache."

      Jetzt, wo Dane nicht mehr das Gefühl hatte, gleich ertränkt zu werden, konnte er sich ein bisschen mehr auf dieses BBQ mit der Familie einlassen. Während er und Ro ihren kleinen Spaziergang um den Gartenteil des Gartens fortsetzten, erkundigte er sich über die Kopfschmerzen, die Ro vorhin angesprochen hatte. Dane würde sichergehen, dass sie später am Tischende neben Asa und Zephy saßen, die beide bekannte und ruhigere Auren hatten als der Rest des Rudels.
      Als sie zurück bei der weitläufigen Terrasse waren, begann Dane damit, Ro allen vorzustellen, ging aber immer auf Nummer sicher, dass es nur kleine Gruppen waren und sie zwischendrin immer ein bisschen Pause machten, damit Ro sich an alles gewöhnen konnte. Zumal Dane diese kleinen Pausen am Rand der Gruppe auch gebrauchen konnte. Sein Blick huschte ständig umher; er versuchte immer alles im Blick zu behalten. Es war anstrengend - auszuhalten, aber anstrengend. Zwischendrin stießen sie auch immer mal wieder auf Cecilia, die sich sofort eingelebt hatte. Sie half Yolanda mit einem Salat, unterhielt sich mit einigen Onkels und/oder Cousins, sie half sogar Jamie dabei, seinen Becher mit Eistee aufzufüllen. Das Rudel hatte sie sofort adoptiert, wie sie auch schon Asa und Dane, und später auch Zephy adoptiert hatten.
      Schließlich ließen Greg und sein Onkel verlauten, dass das Essen fertig war. In der ganzen letzten Stunde hatten sich wundervolle Düfte im ganzen Garten ausgebreitet und jedem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Der Ruf an den Tisch wurde also entsprechend schnell befolgt. Und wie versprochen reservierte Dane ihnen einen Platz mit den ruhigen Auren am Ende des Tisches. Mit den geübten Bewegungen und dem typischen Tempo eines Koches tischte Greg in kürzester Zeit alles Mögliche auf. Zwischen all den Speisen konnte man leicht den Überblick verlieren.
      Jamie nutzte dieses letzte Bisschen Chaos, um sich seinen Teller, sein Besteck und seinen Becher zu schnappen und sich zu den Dämonen und Harpyien zu gesellen. Der kleine Frechdachs schob sich einfach dazwischen und niemand hielt ihn auf. Im Gegenteil: Asa half ihm sogar, Platz auf dem Tisch zu machen.
      "Haben dir die beiden eigentlich schon erzählt, wie sie Jamie aufgegabelt haben, Ro?" fragte Zephy, während sie ihren Partner beobachtete.
      "Nein, haben wir nicht," antwortete Dane.
      Bevor er weiterreden konnte, ergriff Zephy wieder das Wort: "Asa und ich haben uns so kennengelernt. Er saß in einem Hotel und hat diesen sehr suspekten Club beobachtet, schon seit drei Tagen. Und dann tauche ich auf, weil mich meine beste Freundin zu diesem Kopfgeld-Job überredet hat."
      "Sie hat dich erpresst," fiel Asa ihr ins Wort.
      "Ich habe ihr einen Gefallen geschuldet, jetzt mal mal nicht den Teufel an die Wand. Jedenfalls: Wir verfolgen diesen Typen in den Club. Der macht drinnen voll die Show, meine Freundin und ich verlieren uns aus den Augen. Ich verfolge den Typen bis aufs Dach, wir prügeln uns, der Typ packt Flügel aus, um zu fliehen. Kann ich natürlich auch - damit hat der Typ nicht gerechnet, und genau dafür hat mich meine Freundin überhaupt mitgenommen. jetzt prügeln wir uns also in der Luft und... naja... ich habe zwar hin und wieder einen Kopfgeldjob gemacht, aber eigentlich ist das nicht so meins."
      "Sie musste einstecken und hat schließlich verloren", meldete sich Asa wieder. "Der Kerl hat ihr den Flügel gebrochen..."
      "Sowas tut ganz schön weh, das kannst du mir glauben."
      "Glücklicherweise ist sie genau in Richtung meines Hotelbalkons gefallen und da durch das Fenster gekracht."
      "Ich hab eine hübsches Gesicht gesehen und dann habe ich das Bewusstsein verloren. Als ich aufwachte, durfte ich diese wundervolle Runenmagie der beiden genießen. Mein Flügel hat sich schon viel besser angefühlt."
      Asa und Zephy lächelten einander an, wie es nur ehrlich verliebte Paare taten. Dane nippte an seinem Eistee.
      "Ich dachte, du wolltest Ro erzählen, wie wir an Jamie gekommen sind?"
      "Ich war im Keller!" rief der Junge aus. "In einer Kiste! War echt unbequem..."
      "Das andere Ende dieser Geschichte," übernahm Dane nun, "sind Mace und ich, die sich im Club mit dem Rest der Schmuggler auseinandersetzen durften. Wir haben einen Haufen Leute ausgeschaltet, während die beiden in einem bequemen Hotel geflirtet haben. Diese Kerle haben magische Kinder entführt, um sie im Ausland auf einer Art Sklavenmarkt zu verhökern. Jamie und ein paar andere waren im Killer eingesperrt und sollten noch am gleichen Tag verschifft werden. Wir haben sechs Kinder da rausgeholt. Alle konnten wir zu ihren Familien zurückbringen. Nur Jamie nicht."
      Dane legte einen Arm um den Jungen, der aktiv schwieg. Heute war er ein fröhlicher kleiner Junge, aber vor nicht allzu langer Zeit war er das noch nicht gewesen.
      "Jamie hier ist was Besonderes," meinte Dane. "Willst du Ro verraten, was du bist? Ro ist auch was Besonderes und er lernt gern über andere."
      Jamie sah zu Dane hoch, dann zu Ro. Er überlegte.
      "Ich bin ein Black Dog," sagte er schließlich. "Wir sind verwandt mit Wolf-Shiftern, aber wir sind eigentlich ganz anders. Eigentlich passen wir auf Gebiete in Großbritannien auf."
      "Aber Jamie hier ist ein Findelkind. Er wurde in England mitten im Nirgendwo auf den Stufen einer Kirche gefunden und später aus dem Waisenhaus entführt. Die Schmuggler haben sich als Pflegefamilie ausgegeben. Als wir ihn rausgeholt haben und feststellten, dass er nirgendwo hin kann, da haben wir Greg und sein Rudel gefragt. Du hast die Truppe heute kennengelernt: natürlich haben sie Jamie hier aufgenommen."
      "Ich hab mein eigenes Zimmer!" rief der Junge aus, dessen Lebensgeistern sofort zurückkehrten.
      Greg servierte dem Jungen einen Augenblick später eine Portion selbst gemachter Chicken Wings. Asa und Dane bekamen keine Extraportion, aber er stellte eine Flasche mit Sauce ab, die mit einem Label versehen war, das andere vor dem Gebrauch der Sauce warnte. Ro wurde ein perfekt gegrillter Fisch serviert, Zephy bekam eine vegetarische Option. Cecilia wurde von Yolanda bedient, ob sie das wollte oder nicht, während sich Dane und Asa selbst etwas beschafften, und sich dann um die Sauce stritten.
      Sobald der erste Ansturm vorbei war und so etwas ähnliches wie gefräßige Still einkehrte, lehnte sich Dane kurz zu Ro rüber und küsste ihn auf die Schläfe.
      "Danke, dass du mich hier hergeschleift hast. So schlimm ist es gar nicht," flüsterte er ihm zu, bevor er sich seinem Essen widmete.


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    • Es gab mehrere Anzeichen, dass Danes Anspannung wieder ins Unermessliche wuchs. Daher die Vorwarnung seitens Ros und die Hoffnung, dass der Dämon gleich nicht doch platzte. Er erzählte zu Ende und dann fiel die Spannung in Danes Körper einfach ab. Er vergrub eine Hand in Ros Haar und drückte den Drakin mit dessen ganzen Körper an seinen eigenen.
      „Ähm… Dane?“, fragte Ro sicherheitshalber nach, als der Dämon ihn nach zig Sekunden immer noch nicht wieder freigegeben hatte. Er fühlte den Atem des anderen auf seiner Kopfhaut. „Jaah, wehren ist da noch so ein Ding, aber ich bin auf dem Weg.“
      Bei der Vorstellung, wie er eines Tages seinen eigenen Vater gegen eine Wand schleudern sollte, konnte Ro auch nicht anders als grinsen. Das war eine Aufgabe für Zukunfts-Ro und nicht den heutigen. Vielleicht wanderte das ja auch auf seine To-Do-Liste für die Zukunft. Nur wurde diese immer länger statt kürzer.
      Allerdings ließ sich der Drakin nicht zweimal bitten und kam Danes Bitte umgehend nach. Das war leicht, damit konnte er dienen, dachte er sich, kaum trafen ihre Lippen aufeinander und die Ereignisse von vor einer Stunde waren beinahe gegessen.

      Ro war Dane mehr als dankbar, dass er ihn in Grüppchen vorstellte. Der ständige Wechsel von doch sehr starken Auren strengte Ro auf Dauer an, der es nicht gewohnt war, in so einem dicht gedrängten Umfeld zu sein. Er sah es als eine Form des Trainings an, damit er diese Schwäche bald nicht mehr zeigen würde. Alle Namen bekam er aber trotzdem nicht auf die Kette – dafür waren es schlichtweg zu viele. Irgendwo erhaschte er immer mal wieder einen Blick auf seine Mutter, die praktisch eins mit der Menge an Shiftern geworden war. Von Yolandas Seite war sie sozusagen kaum noch wegzudenken.
      Als es langsam anfing, unfassbar gut zu duften, konnte Ro ein Bauchknurren nicht mehr verhindern. Zusammen mit Dane suchten sie einen Platz nahe Asa und Zephy auf, noch bevor Greg wie ein Derwisch Unmengen an Essen mit ein paar anderen Shiftern auftischte. Ros Blick glitt von einem Tablett zur nächsten Schale und dann noch weiter. So ziemlich alles, was Greg da gerade präsentierte, sah verboten gut aus.
      „Meine Fresse, wie soll man da denn nicht alles zumindest mal probieren wollen“, murmelte Ro und schüttelte den Kopf, allein bei dem Gedanken daran, was das alles kosten durfte. „Ey, Dane, wie sieht das aus mit Anteil bezahlen? Macht man das nicht bei so großen Events nicht so?“
      Die fiel Ro wieder der Junge auf, der sich mit Teller und Becher durch die Erwachsenen schlängelte und zwischen Zephy und Asa auftauchte. Ganz selbstverständlich klatschte er seinen Teller zwischen die beiden, wobei Asa ihm einen Stuhl organisierte und nicht wirklich genervt dadurch wirkte.
      „Stimmt, da war irgendwas mit einer Story, dass du durch ein Fenster geknallt bist“, grinste Ro die Harpyie an, ohne die ganze Story dahinter zu kennen. Deswegen hörte er interessiert zu, während er sich diverse Salate auf den Teller schaufelte. „Du warst Kopfgeldjägerin? Okay, krass. Hätte ich dir jetzt nicht so zugeschrieben, muss ich gestehen.“
      Bei all der Herzlichkeit und rosaroten Erinnerungen war auch Ro gar nicht aufgefallen, dass sie vom Kern des Themas abgekommen waren. Jamie selbst lenkte das Ruder wieder in die rechte Richtung, doch Ro verschluckte sich fast an einer Gurke, als der Junge stolz verkündete, dass er in einem Keller gewesen sei. Wie kann denn ein Kind sich darüber freuen, eingesperrt gewesen zu sein… Bei der Erwähnung, dass sie alle magisch waren, erklärte es Ro auch Danes Einsatz.
      Die ozeanblauen Augen richteten sich auf den Jungen. Aha. Dann fühlte sich der Kleine deswegen noch so menschlich an, weil er einfach noch nicht… erwacht war? Aktiviert? Wie nannte man das am ehesten eigentlich?
      „Was für ein Name“, kommentierte Ro grinsend die Enthüllung, wodurch er den Jungen nochmals neu musterte. Er wusste, dass es verschiedene Arten oder Derivate von Hauptrassen gab, getroffen hatte er aber nur wenige und noch seltener von ihnen gehört. Ein bisschen ärgerte es ihn, dass der Junge noch keinen markanten Marker ausgebildet hatte, die er ihm zuordnen konnte.
      „Ich dachte, Wölfe sind Rudeltiere. Wieso lassen sie dann eines ihres Jungen einfach zurück? Meinst du, da war Gewalt im Spiel?“, raunte Ro Dane leise zu, damit Jamie davon nichts mitbekam. An den Jungen fügte er noch hinzu: „So’n echtes eigenes Zimmer ist bestimmt viel cooler als so eine schäbige Kiste, was?“
      Viel weiter zum Reden kamen sie vorerst nicht, denn Greg kam mit Spezialitäten um die Ecke. Besonderheiten für Jamie, Soße für die Dämonen, ein sagenhaft gegrillter Zander für Ro und so weiter. Bald wurden die Gespräche leiser und dafür das Klirren von Besteck lauter und selbst Ro musste die Augen genießerisch verdrehen, als er das Stück vom Fisch probierte. Cecilia lachte ihn an und beugte sich danach zu Yolanda, um ihr irgendetwas zu erzählen, was die Frau ebenfalls zum Lachen brachte.
      „Mann, Dane, das kann gar nicht schlimm sein, wenn du immer SOWAS hier zum Essen serviert bekommst“, schmatzte Ro wenig galant, aber es ging einfach nicht anders. Er würde wirklich nur Haut und Gräten vom Zander überlassen. Alles andere wäre nur Verschwendung. „Ich find’s klasse. Hätte gedacht, es würde wesentlich anstrengender werden, aber das geht schon. Hab dich gerne hergeschleift. Freut ja nicht nur dich, sondern auch die Anwesenden.“
      Er beschrieb mit seiner Hand eine umfassende Geste, ehe er sich wieder auf seinen Fisch stürzte. Ja, das hier ließ beinahe vergessen, wie verkappt es bei den Drakin zuging.
    • Dane schüttelte den Kopf.
      "Black Dogs sind keine Wölfe; sie leben nicht im Rudel. Sie leben ja nicht einmal zusammen, um ihre Kinder großzuziehen. Normalerweise bleiben die Mütter bei ihrem Kind, bis die alt genug sind, um auf sich selbst aufzupassen, bevor sie sich trennen, aber hin und wieder findet man auch einen sehr jungen Black Dog allein in der Welt. Deswegen sind sie so selten: niemand kümmert sich um diese Kinder und Black Dogs finden nur selten zusammen, da sie ausschließlich in ihrem eigenen Revier bleiben - das Landstück, dass sie beschützen. Sie wandern nicht einfach herum, weißt du? Nimm dazu die 50/50 Wahrscheinlichkeit, ein Black Dog Kind mit einem Menschen zu haben und plötzlich hast du eine sinkende Population."
      Er zuckte mit den Schultern. Vielen Spezies ging es leider so.
      Nachdem alle bedient waren, setzte sich Greg auch endlich hin. Er quittierte Ros Reaktionen auf den Fisch mit einer vor Stolz geschwellten Brust. Dane wusste, dass er diesen Fisch sofort in das Notizbuch aufnehmen würde, das für Familien-Favoriten reserviert war. So zeigte Greg eben seine Zuneigung. Dane wäre der letzte, der sich über ordentliches Essen beschwerte.
      "Hört hört!" prostete Zephy, "Vielleicht kannst du ihn ja öfter herschleifen? Oder zu den Familienessen mit meiner Familie?"
      Sie wackelte mit den Augenbrauen, doch Dane schüttelte sofort den Kopf.
      "Ein Schwarm Harpyien ist noch einmal etwas ganz anderes, vergiss es!" meinte er.
      "Aber das Essen ist scharf und jetzt können sie dich auch nicht mehr damit nerven, dass du Single bist!" protestierte Zephy.
      "Nach der Diskussion über Beziehungen kommt zwangsläufig die Diskussion über Nachwuchs. Nein, danke."
      Asa versteckte sich hinter seinem Plastikbecher mit Eistee, Greg konzentrierte sich mit Elan auf sein Steak.
      "Irgendwann werden meine Schwestern den mysteriösen jungen Mann, der dich um den Finger gewickelt hat, aber kennenlernen wollen. Und meine Mom auch."
      "Stichwort 'irgendwann'. Ihr scheint alle zu vergessen, dass Ro und ich noch gar nicht so lange zusammen sind. Ich würde das gern erst ein bisschen im Privaten genießen, wenn das erlaubt ist. Ladet doch Mace ein. Der hat gerade ein ziemlich interessantes Liebesleben, wenn ich mich nicht irre."
      Zephy lief doch tatsächlich ein bisschen rot an. Dane grinste und lehnte sich wieder zu Ro rüber, ohne den Blick von seiner Schwägerin zu lassen.
      "Mace hat einen ziemlich großen Crush auf eine gewisse Hexe, die zufälligerweise eine knallharte Kopfgeldjägerin ist - und Zephys beste Freundin. Sie hat auch einen ziemlich großen Crush auf Mace, aber die beiden tanzen immer noch umeinander herum wie die Planeten um die Sonne. Wir haben Wetten darüber am Laufen, wer den ersten Schritt macht - aber niemand darf aktiv einschreiten."
      "Ha! Siehst du? Wir können Mace gar nicht einladen. Das wäre eingreifen!" beschwerte sich Zephy.
      "Wäre es nicht. Und das weißt du auch," gab Dane zurück.
      Hilfesuchend sah Zephy zu Asa rüber, doch der zuckte nur mit den Schultern und meinte: "Er hat Recht. Der Spießrutenlauf deiner Familie ist kein Eingreifen. Au!"
      Zephy schlug Asa leicht gegen den Oberarm. Shahzad kicherte in ihrem Kinderwagen und wedelte wild mit den Ärmchen.
      "Mein Punkt steht," brachte Dane die Konversation zurück auf Kurs. "Ich will meine Beziehung mit Ro erstmal allein genießen, bevor ich ihn teile."
      Er lächelte Ro sanft an, ergriff dessen Hand und drückte einen kurzen Kuss auf seinen Handrücken. Er meinte seine Worte. Bei all dem Stress mit den Drakin und ihren Geheimnissen und den neuen Entwicklungen in der Schmugglerszene wollte Dane wirklich einfach nur Zeit mit Ro verbringen und herausfinden, wie sie im Miteinander funktionierten. Er wollte Ro kennenlernen, bevor alle anderen das taten. Das Bisschen Egoismus nahm er sich heraus.


    • Mit vollem Mund und glitzernden Augen gaffte Ro Dane an, als er ihm einfach noch mehr Informationen zu Black Dogs ausspuckte. Der kleine Jamie reichte nicht aus, damit Ro in Zukunft sicher andere seiner Art bestimmen konnte, also musste er am Besten irgendwann mal einem ausgewachsenen begegnen. Vielleicht wäre es ja eine Idee, wenn man solche Findelkinder auflas, sie direkt in das Revier eines Einzelgängers großzuziehen. Einfach nur, um die Möglichkeit zu erübrigen, einen Partner der gleichen Art zu finden.
      Ro verschluckte sich an seinem Fisch. Gott, er hörte sich ja fast schon an wie Aimeric mit dem ganzen Rassengeplane.
      „Eeeh… ich hab gehört, Harpyien sind etwas flippiger unterwegs als Wölfe“, warf Ro dazwischen und hob entschuldigend beide Hände. Er hatte mit Greg und seinen Verwandten schon genug für einen Abend. Für einen Schwarm Harpyien müsste er wohl noch ein bisschen mehr trainieren. Dane grätschte für den Drakin allerdings schon dazwischen, weshalb sich Ro einen Schluck seines Eistees gönnte und dem Austausch zusah.
      „Nach der Diskussion über Beziehungen kommt zwangsläufig die Diskussion über Nachwuchs. Nein danke.“
      Ro schielte zu Dane herüber. Ob er es wollte oder nicht, diese Worte versetzten ihm einen Stich. Gerade nach der Unterhaltung mit Asa, die Ro ohne Danes Wissen gehabt hatte, fühlte er sich nun noch schlechter. Er würde Dane nicht dieses Gefühl schenken können, wie Zephy es für Asa hatte tun können. Nicht nur setzte er damit seiner eigenen Linie eventuell ein Ende, sondern auch der von Dane. Immerhin würde er mit ihm nie… Was hieß hier, nie? Irgendwann würde die Zeit für Ro gekommen sein und vom Antlitz der Welt verschwinden, wohingegen Dane einfach weiter existieren würde. Er hatte so viel Zeit, dass er sich einfach neu verlieben konnte, und dann vielleicht mit einer Dame glücklich wurde. Dann würde sie ihm dieses Gefühl schenken können, während Ro einfach… nicht mehr da war. Ungesehen von den meisten drückte er den Becher in seiner Hand fester. Glücklicherweise war nicht mehr zu trinken darin.
      Dann riss Dane ihn aus seinen Gedanken und lenkte sie in eine andere Richtung, weg von den dunklen Abgründen in seinem Kopf. „Hm…. Also, IHR habt da eine Wette am laufen. Ich nicht. Dann krieg ich Mace einfach dazu, dass der dahin kommt. Bestech ihn mit der Confiserie unseres Hauses oder sowas. Echten französischen Pralinen kann der mit Sicherheit nicht widerstehen und hätte zeitgleich was nettes zum mitbringe“, meinte Ro und zuckte mit den Schultern, während Cecilia im Hintergrund nur lachte.
      „Natürlich, Ro. Du hast die Packung selbst leer gegessen, bevor du sie diesem Mace da geben kannst. Lass das lieber die Erwachsenen regeln.“
      „Hä?! Was soll das denn??“, rief er empört quer über den Tisch und hätte fast den Becher nach seiner eigenen Mutter geworfen.
      Er bemerkte dabei kaum, wie Dane seine Hand ergriff und einen Kuss darauf platzierte. Dafür las er das Funkeln im Gesicht seiner Mutter ab, die das erste Mal gesehen hatte, wie die Beiden zusammen ihre Zuneigung demonstrierte. „Tu mir den Gefallen und küss deinen Freund einmal richtig. Ich mach auch kein Foto, versprochen, aber ich würde das so gerne sehen, wie mein Sohn seine erste große Liebe erlebt“, schwärmte sie.
      Ro lief rot an. „MA, NEIN!“ Das war doch kein Event hier.
      „Aber warum denn nicht? Tut doch niemanden weh und die meisten Kinder sitzen eh hinten. Ah, außer unser kleiner Jamie, aber der will doch bestimmt auch sehen, wie gern Dane seinen Freund hat, nicht wahr?“
      Ro bereute indes, seine Mutter hierher eingeladen zu haben. Solche Attitüden kannte er bei ihr gar nicht und das Gefühl wuchs stetig an, dass zu viel Freiheit Cecilia in eine gänzlich andere Frau verwandeln würde. Eine, die auf eine andere Art wie Aimeric einschüchternd war. „Das ist doch hier kein Wunschkonzert! Da, frag Asa und Zephy und Greg oder so, da hast du drei auf einmal!“, lenkte er ab und deutete energisch auf das Trio.
    • Dane lächelte Cecilia verschlagen zu. Dann legte er Ro eine Hand in den Nacken, zwang ihn sanft dazu, ihn anzusehen, dann küsste er ihn innig.
      Zephy kicherte leise und lehnte sich an Greg, Asa wandte lächelnd den Blick ab. Und Jamie? Der rief laut "IIIHHH!!!" und warf mit einem Chicken Nugget nach Dane, dass dieser blind aus der Luft fischte, bevor es einen Fettfleck auf seinen Klamotten hinterlassen konnte.
      Lächelnd löste er sich von Ro.
      "War doch gar nicht so schlimm, oder?" flüsterte er. Und noch leiser, nur für Ro hörbar fügte er hinzu: "Ich dachte du magst es, wenn jemand zusieht."
      Dann richtete er sich auf und schob sich das Chicken Nugget in den Mund.
      "Hey!" protestierte Jamie. "Das war meins!"
      "Dann hättest du es nicht nach mir werfen sollen," gab Dane schlicht zurück.
      Daraufhin lehnte sich Jamie, bewaffnet mit seiner Gabel, rüber und stibitzte sich ein Stück von Danes Steak, was dieser ganz brav erlaubte.
      Dane gestand sich ein, dass er eine solche Ablenkung gebraucht hatte. Dass es eine gute Entscheidung gewesen war, heute herzukommen. Trotz des ganzen Chaos, das diese Familie darstellte, fühlte er sich wohl. Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile konnte er die ganzen Probleme, mit denen er sich befasste, in den Hintergrund drängen und sich auf etwas anderes konzentrieren. Hier gab es keine Drakin-Politik, keine gestohlenen Namen, keine Schmugglerringe.
      Shahzad begann, sich in ihrem Buggy zu beschweren. Greg war sofort zur Stelle, um sie daraus zu befreien und setzte sie auf seinen Schoß. Sie streckte ihre Patschehändchen nach allem Möglichen auf dem Tisch aus, bis ihr Vater sie mit einem Stück Baguette zufriedenstellte. Sie gurrte leise, während sie daran herumlutschte. Ihre Schwestern waren ein bisschen friedlicher. Die kleine Claire stand sogar kurz davor, einzunicken.
      "Es gibt übrigens noch Nachtisch," meinte Greg. "Nur so als Info für diejenigen, die nicht den Metabolismus eines Shifters haben. Oh! Das erinnert mich an was: Cecilia? Was ist dein Lieblingsessen."
      "Greg..." seufzte Asa, doch Greg schüttelte den Kopf.
      "Lass mich! Sie ist Ros Mom, Ro ist Danes Partner, ergo darf ich für sie kochen!"
      Zephy lachte leise.
      "Lass ihn Asa, du weißt, wie er ist."
      "Na gut."
      "Dankeschön! Also: Lieblingsessen, Cecilia? Wahlweise Backwaren. Ich bin Bäcker, Konditor, und Koch."

      Nach dem Essen kam die Ruhe. Es brauchte kosmische Ausmaße an Essen, um ein Rudel dieser Größe ruhigzustellen, aber genau das machten diese BBQs regelmäßig. Selbst die Kinder waren zu voll, um noch großartig durch die Gegend zu rennen. Sie beschäftigten sich daher beinahe still in dem großen Sandkasten, wo die einen Löcher buddelten und die anderen Türmchen bauten. Die Erwachsenen kümmerten sich darum, den Tisch aufzuräumen - und obwohl gleich zwei Meister des Abwaschs anwesend waren, erlaubte man weder Asa noch Dane in der Küche.
      "Ihr seid Gäste, das wisst ihr doch, Jungs," meinte Yolanda und scheuchte sie davon.
      Die Drillinge brauchten ihren Mittagsschlaf, weswegen Asa schnell seine Beschäftigung darin fand, sie zusammen mit Zephy und Greg in einem der Schlafzimmer hinzulegen. Das erforderte strikten Nestbau laut Zephy.
      Dane schnappte sich Ros Hand und nahm ihn mit auf einen kleinen Spaziergang über das Grundstück. So gern er seine Familie auch hatte, er brauchte eine Pause von dem Chaos. Die Natur war nicht viel geordneter, aber angenehmer.
      "Und?" fragte Dane, als sie einigen Abstand zum Rest der Mannschaft hatten. "Wie gefällt's dir? Deine Mutter scheint ja Spaß zu haben."


    • In stummer Warnung riss Ro seine Augen so weit er nur konnte auf, doch Dane ignorierte es praktisch vollkommen. Ro fühlte sich hin und her gerissen von den Lippen auf seinen und der Tatsache, dass sie so viele Zuschauer hatten. Insbesondere die Begeisterung auf Cecilias Gesicht brachte ihren Sohn zum Schwitzen, der sich nicht so arg gegen den Kuss des Dämons wehrte, wie er gekonnt hätte. So ungern er es auch zugeben mochte, Dane schaffte es immer wieder, ihn weich zu kriegen. Deswegen schüttelte er auch nur leicht den Kopf ob der Frage, ob es nun so schlimm gewesen sei. Gerade war Ro dabei, sich schon wegzudrehen, um seinen Becher wieder nachzufüllen, da säuselte ihm Dane noch etwas ins Ohr, was die leichte Röte in seinem Gesicht auf eine neue Spitze trieb. Hatte er das jemals gesagt? Wann hatte er das denn behauptet?!
      Glücklicherweise verschob sich die Aufmerksamkeit auf die kleinen Mädchen, die es Cecilia offensichtlich ebenfalls angetan hatten. Immer wieder versuchte sie das Interesse der Kinder zu erhaschen, indem sie Leckereien anbot, mit ihnen sprach oder irrwitzige Gesten machte. Auch das war etwas gewesen, was Ro noch nie bei seiner Mutter hatte beobachten können. Es war so, als glich Cecilia einer verwelkten Blume, die nur mit dem nötigsten am Leben gehalten wurde und kaum bekam sie rechtes Licht und etwas Dünger, blühte sie direkt wieder auf. Das zu sehen stimmte Ro auf einer Ebene ruhig und zufrieden, die unglaublich tief in seinem Inneren wog. So begnügte sich der Drakin damit, die untere Gesichtshälfte in seinem Becher zu verstecken und das restliche Essen über seine Mutter dabei zu beobachten, wie sie wieder aufblühte zu de Schönheit, die sie einst war.

      Ro vegetierte nach dem Essen zurückgelehnt über seinem Stuhl. Er war so voll, dass er Angst hatte, sich auch nur zu bewegen und dadurch ein winziges Bisschen des leckeren Essens wieder auszuspucken. Die Schar an Kindern hatte sich wieder nach draußen ins Freie verkrümelt und die allgemeine Stimmung setzte sich ein wenig im Zuge des Fresskomas. Am liebsten wäre er noch eine Weile einfach nur dagesessen und hätte sein Essen verdaut, doch Dane hatte andere Pläne. Er entführte seinen Partner nach draußen, wo sie keine festen Wände um und über sich hatten.
      „Sorry, aber allein für das Essen käme ich immer wieder her. Nenn mich verfressen, aber das war einfach zu gut“, grinste Ro, der Danes Hand nicht losließ und von dem recht strammen Gang in ein Schlendern verfallen war. „Ein Haufen an Leute, ein Haufen an Auren. Alles ein bisschen viel, aber die Kopfschmerzen pendeln sich auf ein bestimmtes Level ein. Das passt schon. Wobei ich ehrlich gesagt jetzt doch ein bisschen Schiss vor den Harpyien habe nach allem, was ich gehört hab.“
      Ro schaute nicht einmal zurück zum Haus. Früher hätte er sich in solch einer Umgebung ständig nach seiner Mutter umgesehen, zum einen, weil er selbst unsicher wurde und zum Anderen, weil er ständig Sorge um sie hatte. Hier wusste er Cecilia sicher in den Händen Yolandas und die Tatsache, dass keine der hier anwesenden Auren auch nur einen Funken Bosheit besessen hatten, beruhigte sein Gewissen zusätzlich.
      „Cecilia hat nicht nur Spaß, die erwacht aus ihrem Winterschlaf.“ Er lachte kurz bei dem Sinnbild, das er sich gerade selbst vorstellte. „Ich hab sie so noch nie mit Kindern erlebt. Es gab in meinem Alter nur ein einziges anderes Drakinkind und wir haben uns viel zu selten getroffen, als dass meine Mutter da jemals eine Bindung hätte aufbauen können. Es war schon ziemlich einsam als kleines Kind. Aber dafür kann ich das ja jetzt alles mit deiner Patchwork-Family da nachholen.“
      Mittlerweile waren sie beide ein gutes Stück halb um das Gebäude gewandert und hatten jetzt auch den Sandkasten mit den Kindern aus den Augen verloren. Jamie hatte sich nicht mehr an ihre Fersen geheftet, sondern war anderweitig verschwunden. Da hielt Ro plötzlich an und musterte Danes Gesicht für einen Augenblick. Gespielte Skepsis mischte sich in seinen Ausdruck.
      „Was war das vorhin eigentlich mit deinem Geflüster? Als ob du wollen würdest, dass deine Familie uns zugucken würde. Das wär nun echt schräg. Aber unter anderen Bedingungen…“ Er machte eine unverfängliche Geste mit seiner freien Hand. „Könntest du vielleicht recht behalten. Müsste man bei Zeiten mal untersuchen, aber wie ich hörte willst du deinen Drakin erstmal nicht zur Schau stellen, was?“
    • Es freute Dane ungemein, dass sowohl Ro als auch seine Mutter Spaß hatten in all dem Chaos, das seine Patchwork-Familie, wie Ro sie nannte, war. Er zeigte es zwar nicht sonderlich, aber Dane war dieser Familie mehr als dankbar für alles was sie taten. Hauptsächlich weil er sie Familie nennen durfte. Als Dämon hatte er sowas nicht. Selbst Asa konnte er nur als Bruder bezeichnen, weil ihre Kerne das gewesen waren und weil sie zur gleichen Zeit geschaffen worden waren. Eigentlich bestand die Verbindung, die Geschwister hatten, bei ihnen nicht.
      "Ich glaube, allein für deine Mutter müssen wir immer wieder herkommen. Dann bekommst du auch dein gutes Essen," erwiderte Dane, während sie weiter über die große Wiese schlenderten.
      Da hielt Ro plötzlich inne, und zwang damit auch Dane, stehen zu bleiben. Der sah seinen Partner an, die Augenbrauen in einer stummen Frage gehoben. Und dann lachte er.
      Er machte einen Schritt auf Ro zu, schloss das bisschen Distanz zwischen ihnen und ergriff nun beide von Ros Händen.
      "Erinnerst du dich denn nicht mehr an deine kleine Fantasie? Deinen Traum? Du hast doch gesagt, dass dich der Gedanke an Zuschauer anregt. Sowas vergesse ich nicht einfach. Meine Familie würde ich nicht unbedingt zusehen lassen, da hast du schon recht. Aber ein Haufen Fremder, die bewundern was ich mit dir anstelle..."
      Dane leckte sich über die Lippen bei dem Gedanken. Einem Raum voller Leute klar zu machen, dass Ro ihm gehörte... ein verlockendes Bild.
      "Auch das hast du richtig gehört. Ich will dich ganz für mich allein, bis ich ganz genau weiß, was du magst und nicht magst. Nicht nur im Bett, sondern in allen Dingen. Ich will dich kennenlernen, Ro. Dich. Nicht die Politik der Drakin und all das. Ich bin an mehr interessiert als nur an verdammt guten Sex, weißt du?"
      Lächelnd stahl er sich einen Kuss von Ro, dann löste er sich wieder ein Stück von ihm und schlenderte weiter, Hand in Hand mit seinem Drakin.
      "Hin und wieder habe ich sogar eine romantische Ader, habe ich mir sagen lassen," meinte er und stieß Ro sanft mit der Schulter an. "Ich brauche vielleicht einen Moment, um genug Zeit für eine weitere Person in meinem Leben zu machen, aber das mache ich gern. Für dich mache ich das gern. Du bist ein ziemlich guter Grund, weniger Zeit im Büro zu verbringen."


    • „So ein Mist. Und ich dachte, du merkst dir nicht alles und legst es wie Karteikarten ab“, schmunzelte Ro, der sich tatsächlich noch immer ein wenig befremdlich bei der Vorstellung fühlte, dass ihnen jemand zuschauen könnte. Wie mit dem Spiel im Wald war er aber neugierig darauf, eigentlich sogar auf alles, was Dane ihm zeigen wollte. Selbst wenn sie einmal Rückschläge erlitten, war er sich sicher, dass Dane ihn jederzeit auffangen würde. Dieses Vertrauen hatte sich schneller zwischen ihnen beiden ausgebreitet, als Ro es jemals für möglich gehalten hätte.
      „Aber bei einem Haufen Fremder weißt du doch nicht, ob vielleicht einer auf die Idee kommt, dir mich wegzuschnappen? Außerdem sind die dir wahrscheinlich nicht fremd, Mr. Ich-kenn-allen-Untergrund-Shit-und-habe-basically-überall-meine-Finger-im-Spiel.“ Er legte neckisch den Kopf leicht schräg und fühlte sich gerade noch absolut Herr der Lage, aber das flinke Zucken von Danes Zunge über seine eigenen Lippen reichte schon, damit Ros Knie ein wenig weicher wurden. Er hatte Dane Flausen in den Kopf gesetzt und nun wurde er das Gefühl nicht mehr los, dass er tatsächlich schneller in so eine Position käme, als er gedacht hatte. Sich vorzustellen, wie er auf dem Präsentierteller saß, Spots auf sie beide gerichtet und mit dem Wissen, dass ringsherum Leute zusahen… Er musste seine Beine bewegen, weil es ihm unangenehm eng wurde.
      „Ich glaub, das war tatsächlich das Kitschigste, was du bisher gesagt hast. Nee, stopp, das war nicht schlecht gemeint!“, schob er direkt hinterher als er sah, wie sich Danes Gesichtsausdruck veränderte. „Aber schon schön zu hören, dass nicht nur ich so denke. Eine Zeit lang hab ich echt nur gedacht, dass ich ein netter Zeitvertreib bin. Weißte, so eine willkommene Ablenkung.“ Ihm wurde einfach so ein Kuss geklaut und er jagte ihm vergebens nach, was in einer peinlichen Nachstellung gipfelte. „Aber wenigstens muss ich mir um diesen einen Punkt keine Gedanken machen.“
      Die Wärme, die Danes Hand ausstrahlte, war beinahe allumfassend. Sie strahlte über seine eigene Hand den Arm hinauf direkt bis in sein Herz und ließ ein warmes, sanftes Lächeln auf Ros Gesicht aufblühen. „Ich glaube, du brauchst die Zeit dafür nicht. Ich bin ja wie eine Bombe bei dir eingeschlagen und hab mich eingenistet. Und jetzt wirst du mich wohl nur noch schlecht wieder los.“ Für manch einen eine gruselige Vorstellung, aber nicht für den Drakin. Er ging beschwingt an der Seite seines Partners und ließ seine schlechten Gedanken einfach wie dunkle Wolken fortziehen.
      „Mach deinen Job so sehr und ausgiebig wie du willst. Was Mace und du machen ist eine feine Sache. Stampf das nicht für mich ein, ich laufe schon nicht weg. Wobei… Nur, wenn du sagst, ich soll laufen… Wenn du verstehst, was ich meine.“
      Der Drakin lachte leise bei dem Gedanken daran, wie er in dem Wald einfach verschwinden wollte und es nicht geschafft hatte. Wenn man einmal vergaß, dass er sich selbst und Dane fast mit mit Magie gegrillt hätte, dann hätte man über den Ausgang vielleicht lachen können. Es wirkte alles so weit weg, dass Ro es nun mit entspannteren Augen betrachten konnte und sich nicht mehr Vorwürfe machte. Es war ein Teil von ihm und Dane würde ihm dabei helfen, damit klarzukommen.
      „Dir ist schon klar, dass du mir dann auch noch viel mehr von dir erzählen musst? Deine Lebensspanne ist länger als meine, also hast du nicht unendlich lange Zeit dafür. Hop hop, Mr. Blackwell, oder hast du Angst, dass dein gut gehütetes Hobby des Strickens auf Ablehnung bei mir stößt?“
      Natürlich strickte Dane nicht. Hoffte Ro jedenfalls, denn wenn er das jetzt bejahte, dann würde Ro den Lachkrampf seines Lebens erleben.
    • "Du bist eine Ablenkung. Eine ziemlich große sogar," meinte Dane. "Aber kein einfacher Zeitvertreib. Du bist sehr viel mehr als das für mich. Du musst dir den Kopf nicht darüber zerbrechen, dass ich dich einfach fallen lassen könnte. Sollte ich dir jemals dieses Gefühl vermittelt haben, tut mir das. Sollte es in Zukunft passieren, dann sag mir das. Du bist kein Spielzeug oder ein neues Buch, Ro. Und meine Arbeit kannst du ruhig meine Sorge sein lassen. Ich bin ziemlich gut darin, Pläne zu machen, falls du das noch nicht wusstest."
      Wieder stieß Dane seinen Partner sanft mit der Schulter an.
      "Ist das eine Aufforderung?" fragte er mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.
      Er würde nicht einfach loslegen. Nicht im Garten seiner Familie, nicht mit Kindern anwesend. Es war eine Sache, über Zuschauer zu fantasieren, eine andere, Unbeteiligte in die Spiele hineinzuziehen, ohne sie vorher um Erlaubnis zu fragen. Dane mochte eine gute Show, aber er mochte es auch, einer bestimmten Etiquette zu folgen.
      "Stricken? Nein, ich häkle bloß," scherzte er. "In langweiligen Meetings, unter dem Schreibtisch."
      Er lachte mit Ro. Er sollte Ro öfter zum Lachen bringen. Sein Lachen war ein wundervolles Geräusch, von dem Dane kaum genug bekommen konnte.
      Sie erreichten den Rand des kleinen Waldes auf dem Grundstück und folgten dieser natürlichen Linie. Die Strahlen der Mittagssonne fielen durch die Baumwipfel, die das Licht in hübschen Mustern auf den moosbewachsenen Boden warfen. Irgendwann hatten sich ihre Schritte synchronisiert, fiel Dane mit einem Schmunzeln auf. Irgendwo zwitscherten Vögel fröhlich in den Ästen über ihnen. Der Frieden dieses Ortes war geradezu greifbar.
      Sie ließen sich Zeit, genossen die frische Luft und die Geräusche der Natur. Irgendwann blieb Dane stehen und bückte sich, um eine besonders schöne Wildblume zu pflücken.
      "Lass mich noch was Kitschiges tun," meinte er grinsend und schob die Blume hinter Ros Ohr. "Aber nur, weil ich mein Häkelzeug gerade nicht dabei habe."
      Ein Stückchen weiter lag ein umgefallener Baumstamm. Dane ließ sich darauf sinken und zog Ro neben sich. Vor ihnen erstreckte sich die weite Wiese, die das Rudel schlicht als Garten bezeichnete, übersät mit noch mehr bunten Wildblumen und sogar ein paar Schmetterlingen, die von Blüte zu Blüte tanzten. Die waren Dane vorher fast gar nicht aufgefallen, aber da war ein ordentlicher Schwarm unterwegs. Er legte einen Arm um Ro und zog ihn sanft näher.
      "Wenn du was wissen willst, dann frag einfach," sagte er. "Ich teile gern mit dir."


    • Selbstredend wusste Ro welche Rolle er in Danes Leben einnahm. Dafür war der Augenblick, als er einen Einblick in Danes wahrer Natur bekam, viel zu intim gewesen. Er hatte Dinge gesehen, die nicht für jedermanns Augen bestimmt waren und vielleicht auch Geschichten gehört, die nur ihm gehörten. Jeden dieser Momente bewahrte Ro wie einen wertvollen Schatz in seinen Gedanken und seinem Herzen auf.
      „Das war keine Aufforderung. Ich kenn dich so gut, dass du hier eh nichts machst“, grinste Ro ohne Dane anzusehen. In dieser Hinsicht war er selbstsicher und verlor sich nicht in irgendwelchen Hirngespinsten. Anders sah es aus, wenn sie sich später wieder allein in seinem Haus befinden würden, aber solange sie hier auf Familienparty waren, würde nichts in der Riege passieren. Das ließ Ro viel mehr darauf rumreiten, als üblich.
      Am Waldrand hielte sie inne und genossen für einen Moment die Ruhe und den Anblick. Hier fühlte sich Ro wieder deutlich gefestigt, zufrieden sogar. Die untergehende Sonne kitzelte sie beide gerade noch so und die Vögel verkündeten das baldige Ende des Tageslichts. An dieser Ecke des Grundstückes war Ro noch nicht gewesen und er hatte es auch nicht auf seinem Weg hierher gesehen. Kleine Dinge, die einem gerne einfach mal entgingen.
      „Oh, was, du kannst noch mehr Kitsch reinbringen?“ Ro schob die Hände in seine Taschen und kippelte leicht auf seinen Fersen, als Dane sich bückte und ein Veilchen pflückte. „Echt, jetzt?“ Sein Grinsen wurde schief, sein rechter Mundwinkel zog sich höher als der linke, als er theatralisch mit den Augen rollte, sich die Blume allerdings hinters Ohr stecken ließ. „Wir müssen dir unbedingt so eine Tragetasche für dein Zeug besorgen.“
      Das Veilchen hatte ein sanftes violett und ließ Ros blaue Augen sogar noch dunkler leuchten. Zusammen mit Dane setzte er sich auf einen umgestürzten Baumstamm, der am unteren Ende bereits von Moos bewuchert wurde. Dane legte seinen Arm um seinen Drakin, sodass sich Ro nun anlehnen konnte. Er neigte den Kopf ein wenig, bis er an der Wange des Dämons angedockt war.
      „Wir haben da ja schon mal kurz drüber gesprochen, aber das Thema kam ja eben wieder auf. Du hast dir ja jetzt mit mir einen Mann gesucht und keine Frau. Also wird es mit eigenen Kindern erst mal schwierig, außer eben die Adoption. Aber hast du nicht den Wunsch das Gleiche zu erleben wie Asa? Ich mein, du siehst ja, wie sehr er aufgeht und was Shazad ihm zurückgibt. Zephy und Greg und so natürlich auch, aber…“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe, du weißt, was ich meine. Jetzt aktuell will ich gar nicht über Kinder nachdenken, aber wenn wir echt mal Zephys Familie treffen, dann sollten wir uns vielleicht mal was überlegen.“
    • "Oh, wir gehen direkt auf die Vollen, hm? Kein Vorspiel?" scherzte Dane.
      Er drehte den Kopf, um Ro einen Kuss auf den Scheitel zu drücken, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Schmetterlinge. So hübsch sie auch anzusehen waren, sie alle folgten gerade nur zwei sehr simplen Instinkten: fressen und fortpflanzen. In nur ein paar Tagen würde jeder einzelne dieser Schmetterlinge tot auf dem Boden liegen, egal ob sie es geschafft hatten oder nicht, beide dieser Instinkte zu befriedigen. Sie hatten keine Wahl, das war ihr Schicksal.
      "Ich habe nie groß darüber nachgedacht, Kinder zu haben," gestand Dane. "Für den größten Teil meines Lebens wusste ich ja nicht einmal, dass ich überhaupt Kinder bekommen könnte. Aber selbst jetzt, mit dem Beweis direkt vor meiner Nase, habe ich keine Instinkte, die mich dazu treiben, Kinder zu kriegen. Es ist nicht so, dass ich keine Kinder haben will. Es ist aber auch nicht so, dass ich welche haben will. Ich stehe dem ganzen recht neutral gegenüber, würde ich sagen. Ich kann gut mit Kindern aller Altersklassen umgehen, so viel weiß ich. Da hört meine Expertise aber auch schon auf. Was, soweit ich weiß, eine ziemlich normale Situation ist, wenn man keine eigenen Kinder hat."
      Er ergriff Ros Hand und verschränkte ihrer beider Finger miteinander.
      "Für den Moment will ich, glaube ich, keine Kinder haben. Es ist einfach zu viel los in meinem - unserem - Leben, um sich auch noch um ein Kind zu kümmern. Das wäre nicht fair dem Kind gegenüber, finde ich. Aber wenn du welchen haben willst, dann finden wir sicher einen Weg, auch dieses Ziel zu erreichen. Adoption, Leihmutterschaft. Es gibt viele Wege, Eltern zu werden. Aber für den Augenblick gebe ich mich mit Jamie und meinen Nichten zufrieden und brauche nicht noch mehr kleine Patschehändchen und ungefilterte Meinungen in meinem Leben - außer deine. Ich hoffe, das kannst du nachvollziehen?"


    • Ein gedehnter Atemzug entfloh Ro, der sich mit einem Mal wesentlich leichter fühlte. Noch immer hatte er angenommen, dass Dane diesen Punkt anders betrachten würde. Dass er, ähnlich wie sein Bruder jetzt, eine eigene Familie haben wolle. Einfach nur, weil das etwas war, was es in ihrer Dimension gar nicht erst gab. Wenn man es selbst nicht erfuhr oder so erzogen wurde, dann besaß man dieses Verlangen womöglich gar nicht, doch das war nichts, was Ro Dane ankreiden würde. Für ihn entfiel zunächst einmal ein Punkt, um den er sich erst jetzt wieder Gedanken gemacht hatte. Ab dem Moment, wo er einen glücklichen Dämon mit seinem Kind gesehen hatte.
      „Ich will erst mal gar kein Kind. Guck mich mal an, ich bin doch selbst noch halb eins“, erwiderte Ro, der mit seiner Hand rüttelte, die mit Danes verschränkt war. „Ich weiß nicht, ich hab halt nur gedacht, nachdem ich Asa so gesehen hab… dass es dir da irgendwie ähnlich geht. Gerade nachdem du mir das mit dem Erschaffen erzählt hast. Für eine ganze Weile danach hast du wesentlich beschwingter ausgesehen und es ja auch gesagt. Aber ich will erst mal meinen ganzen Shit auf die Reihe kriegen. Ich will meinen Namen wieder und ich will mich vollständig fühlen.“
      Er rückte etwas von Dane ab und sah ihn an.
      „Und dazu gehörst du auch. Ich will dich nicht mehr hergeben und ich will alles, was du mir geben kannst. Jedes Wort, jede Information, jede Berührung. Hab ich schon mal erwähnt, dass Drakin gierig sein können?“
      Er schmunzelte. Bald würde die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume verschwunden sein und die Wiese in Schatten hüllen. Kälte würde sich breitmachen und die Schmetterlinge, die jetzt noch ihre letzten Tänze aufführten, dazu zwingen, sich niederzulassen und zu erstarren.
      „Du wolltest wissen, was im Haus passiert ist. Das mit Aimeric war zuerst nur eine mündliche Auseinandersetzung, aber als er gemerkt hat, dass sein Platzhirschgehabe nicht zieht, hat er mich gegen die Wand geworfen. Deswegen sah Ma auch so fertig aus. So handgreiflich haben wir beide ihn noch nie erlebt und ich glaube, das war eine Kurzschlussreaktion. Ich rechtfertige sein Tun nicht, aber irgendwas muss da gewesen sein, dass ihn unvorbereitet getroffen hat. Ich war schon immer dickköpfig, das kann es also nicht gewesen sein.“
      Kurz kaute Ro auf seiner Lippe herum, dann fuhr er wieder fort. „Ich würde nochmal versuchen wollen, einen Draht zu meinem Drachen herzustellen. Das geht aber nur da, wo ich sicher alles entladen kann, was mir an Magie zu viel wird. Nicht über dich, das tu ich dir nicht nochmal an. Ich brauch dafür nur eine passende Umgebung. Kann sein, dass der Wald das hier nicht überstehen wird.“
      Sein Blick ging zu den Bäumen, die stark und alt am Rande des Waldes standen. Eine unkontrollierte Magieexplosion würde Schaden anrichten, dessen Herkunft vermutlich von den Behörden geklärt werden würde. Wenn sein Vater dann noch erführe, dass Ro wild herumexperimentierte, würde er den Rat vielleicht kontaktieren, was auch immer das wohl bedeuten würde. „Oder wir warten einfach auf Jona. Vielleicht hat der auch was für uns.“
      Ro löste seine Hand von Danes und stand auf. Gemächlich trat er vor den Dämon, der nun zu ihm aufsehen musste, und betrachtete ihn einen Augenblick lang. Innerhalb dieser kurzen Zeit konnte er sich nicht mehr vorstellen, Dane nicht mehr in seiner Nähe zu haben. Er war nicht nur zu einer Stütze geworden, sondern zu einer Leiter, die Ro in ganz andere Höhen brachte.
      Unvermittelt ließ sich Ro rittlings auf Danes Schoß nieder und rutschte ihm beinahe bis zum Anschlag auf die Pelle. Er schlang seine Arme um Danes Nacken, beugte sich zu ihm hinab und stahl sich nicht einen Kuss, sondern forderte ihn regelrecht ein. Betont langsam löste er seine Lippen von ihm, ließ seinen Atem über seinen Mund streichen ehe er sich ein Stück weit wieder aufrichtete.
      „Dann verrat mir doch mal, wie viele Lover du schon zu irgendwelchen Shows entführt hast. Würd mich ja brennend interessieren.“