[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • August brauchte eine Sekunde, um fest zu stellen, dass Ember offenbar doch magisches Blut in sich trug. Denn auf normale Weise schoss niemand in dieser Geschwindigkeit an James vorbei durch die Tür. Liz nahm gerade den Kopfhörer ab und versuchte sich, von den Elektroden zu befreien, die sie mit Absicht tief genug angebracht hatte, aber jetzt sah dieser Blödmann nicht mal her. Viel eher sah er Sallow hinterher und sprintete in einem kurzen Abstand mit genau dem gleichen Eifer an James vorbei.
      Ärgerlich angerempelt zog sich der ehemalige Polizist in den Türrahmen zurück und fluchte leise.
      "Würde mir vielleicht irgendjemand mal erzählen, was hier zum Teufel los ist?!", donnerte James und seufzte, als die beiden Verantwortlichen bereits außer Reichweite waren.
      "Wir wurden auf die Ersatzbank geschickt", sagte Liz und zog die letzte Elektrode aus ihrem Dekolleté.
      "Ersatzbank...", grunzte James. "Und Sie! Ziehen Sie sich was an, Herrgott! Wir sind hier nicht in einer Peep-Show!"
      "Immer mit der Ruhe, Opa. Ich musste die Apparatur testen."
      "WIe haben Sie mich genannt?! Sie können wirklich froh sein, dass da draußen Menschen vom Himmel fallen, sonst würde ich -"
      Noch ehe er seine Drohung aussprechen konnte, grunzte er erneut und entsicherte die Waffe an seinem Gurt, ehe er sich umdrehte und wieder nach draußen ging.
      "Charmant", kommentierte Liz und hängte die Vorrichtung sorgsam ein."


      "Was für ein beschissenes Tor, mierda!"
      Isabella Merenguez kämpfte sich mit Shawns Hilfe aus dem klebrigen Morast empor und sah an ihrer Kleidung hinab, die mehr einem gräulich-braunen Gemisch aus stinkenden Fasern entsprach.
      Während Shawn und Ember ihr Wiedersehen genossen, klopfte Isabella den gröbsten Dreck von ihren Kleidern, die einmal eine schöne, eng anliegende Hose und eine weite Bluse waren. Jetzt klebten die Teile an ihrem Leib und zeigte der Welt mehr als ihr lieb war. Die schwarzen Locken klebten teilweise an ihrem Kopf und ließen sich nur schwer von dem Dreck befreien, was sie mit unverhohlenem Ärger entgegen nahm.
      "Kein Problem", sagte Isabella zu Shawn und schaffte es tatsächlich, zu grinsen. "Ich bin Isabella. Wir kennen uns von der Arkana-Versammlung. Sie waren die Irre, die den Posten der Kaiserin beansprucht hat, nicht wahr?"
      Sorgsam schüttelte sie die Locken aus und seufzte.
      "Sagen Sie mir bitte, dass Sie eine Dusche haben. Ich fühle mich...dreckig."
      "Geht es euch allen gut?!", fragte August außer Atem, nachdem er nach Ember am Ort des Geschehens eingetroffen war.
      Sie sahen dreckig, aber wohlauf aus.
      "Es geht uns gut, ja", nickte Isabella.
      "Weshalb seid ihr schon hier? Ihr seid zu früh!"
      Die Spanierin erhob sich aus dem Morast und stapfte leicht genervt auf August zu. Mit zielsicheren Bewegungen baute sich die Achtzehnjährige vor dem Zauberer auf und tippte ihm mit einem perfekt manikürten Zeigefingernagel auf die Brust.
      "Du!", knurrte sie. "Ich bin gerade von London nach Birmingham gehetzt - MIT DEN ÖFFENTLICHEN VERKEHRSMITTELN! - und es war eine Plage! Ich wurde verfolgt, ich wurde gejagt und habe es gerade so geschafft, den reizenden Bruder deiner Hausverrückten von der Straße zu pflücken! UNd das erste, was du zu mir sagst, ist, dass ich zu früh bin?! MIERDA AUGUST! WARUM IST DAS TOR ÜBER DEM MOOR?!"
      "Isabella, beru-"
      Nur seine Geistesgegenwart verhinderte, dass er den Satz aussprach, der die Bombe zum Platzen brächte. Räuspernd zog er sich zurück und nickte.
      "Okay, es tut mir Leid", sagte er. "Ich habe keine Ahnung, warum es über dem Moor ist, aber warum zum Geier wurdest du verfolgt?!"
      "Habt ihr hier keine Nachrichten?!", fragte Isabella und sah sich zu Shawn und Ember um. "August, der Krieg scheint begonnen zu haben..."
      "24 Stunden nach der Versammlung?!"
      "Keine Ahnung was die Versammlung damit zu tun hat, aber die Welt hat das PD angegriffen. Hat ziemlich Chaos ausgelöst."
      Wortlos nahm sie ihr Telefon und warf es nach hinten zu Ember und Shawn.
      "Deshalb musste ich Shawn schnellstmöglich einsammeln. Auf dem Weg wurde ich verfolgt. Ich weiß nicht von wem, aber er oder sie hat großes Talent in Verfolgung. Bin ihnen nur knapp entkommen."

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      Auf dem Handy:

      Nachrichtenmeldung eines renommierten Senders von 6:58 am Morgen:
      Gestern um 23:58 Uhr kam es in der Metropolregion um London zu einer Großschadenslage. Offenbar drang die Arkana "Welt" gegen genannte Zeit gewaltsam in das Hauptquartier der Met ein. Das Gebäude wurde teilzerstört und verlor den gesamten Zellentrakt wie einen Teil der oberen Etage.
      Die Polizeikräfte versuchen mit dem FD die Brände zu löschen. Nach Aussagen gab es mindestens 100 Verletzte und eine ungenannte Zahl von Toten.
      Bild zeigt das PD, in welchem eine Ecke fehlt. Rauch tritt hervor.

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    • Etwas betreten kratzte sich Ember seitlich an ihrem Hals als Isabella ein kleines Detail ansprach, was sie zwischenzeitlich einfach vergessen hatte. Für Shawn hingegen war es eine völlig neue Information.
      „Du hast einen Posten bei den Arkana beansprucht? Das ist doch völliger Schwachsinn. Du bist ein Mensch, das geht doch gar nicht“, sagte Shawn mit Unglauben in der Stimme. Er starrte seine Schwester an und schien zu verdrängen, dass sein teurer Anzug schwer gelitten hatte. „Oder?“
      Embers Blick zu ihm und die fehlende Gegenwehr bedeuteten ihm nichts Gutes. Sein Unglaube schwang augenblicklich zu Entsetzen und er trat sogar einen weiteren Schritt von ihnen allen zurück. „Bist du von allen guten Geistern verlassen, Ember?! Reicht das nicht, dass du schon genug um die Ohren mit der Polizeiarbeit hast? Du bist nur ein Mensch, die lassen dich einfach explodieren, wie-“
      „Das reicht, Shawn.“ Selten war die Stimme seiner großen Schwester so schneidend ihm gegenüber ausgefallen, sodass Shawn den Rest seiner Worte unausgesprochen wieder hinunter schluckte. „Gib dich einfach damit zufrieden, dass das alles seinen Sinn und Zweck hat, ja? Ich lass dich nicht umsonst von mir Fremden aus Birmingham her karren.“
      Sie warf Isabella einen entschuldigenden Blick zu. Doch das Mädchen war bereits auf ihrem Feldzug gegen August gegangen. Ihr Ausbruch war nicht zu überhören und der Inhalt sorgte dafür, dass Ember eine Sekunde lang den Disput mit ihrem Bruder vergaß. Neben ihr zuckte Shawn mit den Schultern, als seine Schwester ihn auf das verfolgt werden hin ansah. Also war es wohl nicht so offensichtlich gewesen. Sie hatte ja geahnt, dass man nicht einfach so Arkana öffentlich durch die Gegend schicken können würde. Die Erklärung folgte nur einen Satz später und die gewohnte Eiseskälte kehrte in Embers Inneres wieder ein.
      „Wir sind nicht mal einen Tag weg...“, murmelte Ember, die Nachricht zeichnete ihre ganz eigenen Bilder in ihren Augen. Siobhan hatte das PD angegriffen. Dafür gab es womöglich zweierlei Gründe. Der Erste war, sofern er nicht schneller raus gewesen war als sie es wusste, dass sie Ruairi rausholen wollte. Wenigstens hoffte Ember das. Der andere Grund war mindestens genauso persönlich, denn wie wahrscheinlich war es, dass sie es drauf angelegt hätte, Ember direkt mit zu pulverisieren?
      Isabella warf den Sallos ihr Handy zu, das Ember aus der Luft pickte bevor Shawn auch nur einen Finger daran legen konnte. Er trat näher an sie heran, um einen Blick über ihre Schulter auf das Display zu werfen und mitlesen zu können. Jedes Wort war wie ein Hammerschlag, der ihr die Gewissheit einbläute. Das Zeitfenster passte. Die Teilbereiche passten. Sie scrollte bis zu den Bildern und das letzte Bisschen Wärme schien sich aus ihrem Körper verabschiedet zu haben.
      „Siobhan hat den ganzen Zellentrakt ausgelöscht. Da wo Ruairi und ich eingesessen haben. Ebenso wie den Teil der oberen Etage, wo unsere Büros waren. Das war kein mutwilliger Angriff auf das Gebäude, der war gezielt. Und erfolgte kurz nachdem der Richter mich geholt hat“, sagte sie monoton, reichte ihrem Bruder das Handy und ging zur nächstbesten fetten Wurzel, wo sie schwerfällig Platz nahm.
      War sie gerade durch Zufall einem Anschlag entgangen, dem sie nicht mit Glück und Worten hätte entkommen können?
      Shawn schaute mehrfach zwischen den Rogues und Ember hin und her. Er besaß offensichtlich die wenigsten Informationen von allen und sah nur eine Kette an Reaktionen, deren Hergang er nicht kannte. „Es tut mir leid, dass ich das so sagen muss, aber da ich absolut keine Ahnung habe von dem, was bis jetzt passiert ist, kann ich nicht weiter darauf eingehen. Was ich allerdings kann, ist zu sagen, dass wir raus aus der Kälte hier sollten. Die Miss – Isabella, ja? - und ich sind morastig bis auf die Knochen und es ist, mit Verlaub, arschkalt.“
    • Zwei Brandherde zu löschen war eine Aufgabe für die Meisterklasse, wie August befand.
      Zum einen war die Diskussion, die er selbst beinahe schon wieder vergessen hatte. Embers mehr als verrückter Plan mit dem Platz der Kaiserin. Und zurecht war Shawn entsetzt über seine Schwester, aber dennoch gab es in dieser Sekunde wichtigeres zu besprechen als lediglich eine Kälte oder aber verrückte Ideen.
      "Ich finde", begann August über den ganzen Ärger hinweg. "Ich finde, Shawn hat Recht. Lasst uns hinein gehen und das Kriegsbeil ruhen. Wir können noch immer erörtern was wir tun können, wenn es soweit ist."
      Isabella pustete sich eine klebrige Haarsträhne aus dem Gesicht und sah kurz zu Shawn herüber. Nun, die Gesellschaft war nicht halb so unangenehm gewesen wie sie gedacht hatte. Das fürs Protokoll.
      Mit gemeinsamer Anstrengung schafften sie es, beide Ankömmlinge und Ember selbst aus dem Moor zu hieven und schließlich ins Haus zu schaffen. Das Haus empfing sie mit gewohnter Kälte und nicht vorhandener Herzlichkeit, wobei nun im Kamin ein kleines Feuer zu flackern begann. Offenbar Liz' Weg zur Entschuldigung, wie August befand.
      "Gut", sagte er und seufzte. "Oben findet ihr Duschen. Sie haben nicht viel Wasser, also keine Stunden, ja Isabella?"
      "Schon gut schon gut", zischte die Zauberin, die sogleich den Aufstieg auf die wackelige Treppe suchte. "Du hattest schon mal besseren Geschmack in deinen Behausungen."
      "Isabella..."
      "Si, ist okay, ist okay! Ich gehe nach oben und dusche. Kleidung?"
      "Liz besorgt euch welche von meinen Ersatzklamotten", sagte August und sah Isabella nur verschwinden.
      Hinter ihnen klackte die Tür ins Schloss und James zog fröstelnd die Schultern zusammen.
      "Wir brauchen mehr Stühle, scheint mir", knurrte er. "Ich geh mal auf die Suche. Und dass ihr mir hier nichts mehr umstellt oder umwerft. Hab genug Chaos für einen Tag erlebt."
      "Ist in Ordnung."
      Grinsend trat August an Shawn und Ember heran und stemmte die Hände in die Hüften.
      "Gut, die Entwicklung ist schlimmer als ich dachte, aber nichts was wir nicht bewältigen könnten", sagte er ruhig. "Geht es Ihnen gut, Shawn? Kann mir vorstellen, die Reise war nicht so angenehm...Kann ich irgendwas für euch tun? Die Zimmer für alle werden noch eingerichtet, sobald ich etwas Energie regeneriert habe."
      Liz schleppte indes ein lasches weißes Hemd und eine schwarze Jeanshose heran und ließ sie geräuschvoll auf einen Stuhl plumpsen, ehe sie die Anwesenden mit einem messenden Blick betrachtete.
      "Danke, Liz."
      "Klar."
      Täuschte er sich, oder war selbst ihre Ansprache irgendwie kalt?

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    • Shawn war derjenige, der ziemlich genau erfasste, wie es den meisten in dem Anwesen der Sallows ging. „Erst ein Bordell und jetzt ein Haunting Place? Wie schaffst du es, immer an die skurrilsten Orte zu kommen?“
      „Indem man Teil der Familie ist, in diesem Falle. Ist das Anwesen der Sallows aus dem letzten Jahrhundert“, murrte Ember nachdem sie hinter sich die Eingangstür geschlossen hatte und das Feuer im Kamin immerhin eine Quelle der Wärme spendierte. „Aber anscheinend merkst du auch, dass hier was nicht stimmt. Genau dem gehen wir nach.“
      Ihr Bruder hatte gehört was August zu dem jungen Mädel gesagt hatte und folgte ihr stummen Blickes. Er würde ihr nicht folgen, allein schon, damit es nicht aufdringlich wirkte. Also legte er sich einen Arm quer über den Leib, während er seinen Rucksack mit der anderen Hand hielt.
      Als August an die Sallowgeschwister heran trat konnte Ember das erste Mal wirklich beobachten, wie sich ihr Bruder nicht mehr so arg von einem Zauberer distanzierte. Nach dem Vorfall mit den Sharoks muss es etwas gegeben haben, dass dafür gesorgt hatte, die Stimmung zwischen ihnen beiden merklich zu beeinflussen. Selbst Isabella hatte der junge Mann mit Skepsis in den Augen betrachtet, selbst wenn es nur sehr subtil gewesen war. Gegenüber August jedoch gab er sich entspannter.
      „Alles wunderbar. Kein Vergleich zu den Dingern, die mich umbringen wollten“, sagte Shawn, der offensichtlich den Namen der Kreaturen schon wieder vergessen hatte. „Wobei ich schon erstaunt war, schon wieder einfach weggeholt zu werden. Wenn Ember das meint, dann hat es wohl einen Grund, aber das nächste Mal müssen Sie niemanden schicken. Ich komm einfach per Auto.“
      Ein leichtes Kopfschütteln konnte Ember sich nicht verkneifen. Sie konnte es ihrem Bruder nicht mal vorhalten, dass er so unglaublich unwissend war. Allerdings konnte sie vollkommen nachvollziehen, warum Shawn überhaupt nicht in Betracht zog, Magie in jedweder Form zu nutzen. „Ich glaub, ich muss Shawn noch ein bisschen darüber aufklären, was hier los ist… und, dass unsere Eltern auch kommen.“
      „Warte, du holst Pa und Ma hierhin?“, fragte Shawn verblüfft, doch seine Aufmerksamkeit wurde von Liz abgelenkt, die stoisch aus dem Hintergrund auftauchte und Klamotten auf einen Stuhl warf. „Ähm… Hi!“
      Nun war es an Ember, den verblüfften Ausdruck aufzulegen. Der Tonfall ihres Bruders hatte sich drastisch von leicht erschlagen zu höchst interessiert gewandelt und das konnte nur ein bedeuten. Da musste sie ganz schnell intervenieren. „Das ist Liz, Augusts Assistentin“, sagte sie und berührte ihn am Arm, während er noch immer ganz fasziniert Liz betrachtete. „Auch eine Zauberin. Ma-gisch.“
      Etwas schien in seinen Schultern nach unten abzusacken und er tat einen tiefen Atemzug. Es war fast so, als wäre das Fünkchen Licht, das ihn soeben noch heimgesucht hatte, spurlos verschwunden. „Oh….. Dann würde ich sagen, geh ich auch mal mein Moor-Odeur loswerden…“
      Damit löste er sich von seiner Schwester und folgte dem Weg, den Isabella zuvor verschwunden war.
      Ein angehaltener Atemzug verließ Ember, die nun endlich offenkundig den Kopf schütteln konnte. Das war knapp gewesen. Da hatte sich ihr Bruder beinahe in die falsche verguckt.
      „Ich fass es nicht, August. Siobhan hat sie doch nicht mehr alle. Guck dir die Bilder an“, verlieh sie ihrem Schock Ausdruck und zeigte August die Bilder, die noch immer auf dem geliehenen Handydisplay leuchteten. „Da steht nur zahlreiche Tote. Sie hat einfach Unbeteiligte zu Staub zerfallen lassen. Wie soll man das denn aufhalten?“
      Das hätte ich sein können. Ich hätte unter der Liste der Toten stehen können und dann wäre alles vorbei gewesen.
    • Don′t wake us up
      We'd rather just keep dreaming
      Cause the nightmares in our heads are bad enough
      And I really wish that you could help
      But my head is like a carousel
      And I′m going round in circles, I'm going round in circle
      s


      Die Verwirrung war dem Zauberer durchaus anzusehen.
      Einerseits aufgrund von Shawns Verhalten, der sich offenbar etwas gelöster mit August unterhielt als gedacht. Und auch wenn er es schön fand, dass man sich ihm wie ein normaler Mensch offenkundig annäherte, so wunderte sich Foremar durchaus über die plötzliche Gelöstheit.
      "Das mag wohl sein", murmelte August und grinste ein wenig unbeholfen.
      In solchen Situationen wurde es offenbar, dass er zumeist mit Zauberern sprach und dort auch nur über magierelevante Themen. Smalltalk lag ihm nicht und noch weniger, wenn man ihm halbwegs freundlich begegnete.
      "Ich fürchte, das Schicken war notwendig", gab er zu und zuckte die Achseln. "Ich hatte damit gerechnet, dass man Sie oder andere vielleicht angreifen würde und da ich nicht wusste, wie stark diese sind, dachte ich, es ist besser, in Gesellschaft zu reisen."
      August entfernte sich etwas von den Geschwistern um ihnen vermeintlich Raum zu lassen und versuchte den Blick zu deuten, den Shawn Liz zuwarf, während die beiden sprachen. Beinahe hätte er lächeln wollen, zumal Liz den Blick des jungen Mannes zu erwidern schien, jedoch unterbrach Ember die Situation mit einer Anmerkung, die er nicht verstand.
      Mit Sicherheit hatten die beiden ihre Vergangenheit und mit Sicherheit auch schreckliches durchlebt. Aber einen Menschen derart zu entblößen und dafür zu sorgen, dass ein freier Gedanke verkettet bleibt und ein Herz durch die Vergangenheit regelrecht stranguliert wird, machte August ein kleines wenig ärgerlich.
      Der Zauberer sah zu Shawn und empfand einen Moment lang Mitleid mit dem Jungen, zumal Liz die Bemerkung gehört zu haben schien und sich entfernte.
      Als Shawn entschwunden war, trat August näher an Ember heran und nahm das Handy entgegen. Das Ausmaß der Zerstörung war gewaltig. Ganze Züge des Gebäudes waren wie ausgeschnitten und verschwunden; zu Staub zerfallen. Brände zeigten sich an einigen Stellen und viele Menschen schienen im Hintergrund in Bewegung zu sein. August erkannte keinen von ihnen aber alleine die Zerstörung einer behördlichen Institution kam einer Kriegserklärung gleich.
      Ruhig reichte er Ember das Telefon zurück und schüttelte den Kopf.
      "Es ist blanker Wahnsinn", wisperte er. "Ich wusste, dass Siobhan radikal gesinnt war, aber dass sie bereit ist, derartige Opferzahlen in Kauf zu nehmen ist einfach Irrsinn..."
      Wobei das nicht das schlimmste Ziel war.
      "Wir müssen sehen, dass wir Kontakt zu Ruairi herstellen. Ich weiß, es ist nicht einfach, aber wenn er seiner Schwester anheim fällt und sie im Krieg unterstützt, sind wir beinahe chancenlos. Vielleicht versuchst du es weiter über Handy oder wie auch immer ihr Kontakt gehalten habt. Ich sende Jemanden, der ihn aufspürt. Vielleicht wäre Perley geeignet...", überlegte er während sein Kopf raste. "Und wie wir es aufhalten...Ich habe noch keine Ahnung. Es gibt Mittel und Wege aber dafür müssten wir an sie ran. Und dafür brauchen wir Ruairi..."
      Für einen Moment lang seufzte er und atmete durch, ehe er Ember ernst ansah.
      "Sag mir...", begann er zögerlich und so leise, dass Liz es nicht hörte, die sich bereits wieder am Apparat zu schaffen machte. "Wieso hast du Shawn erzählt, dass sie eine Zauberin ist? Er war offensichtlich ehrlich interessiert und vielleicht hätte es ihm gut getan, nicht immer nur die Monster hinter Zauberern zu sehen..."
      Denn so warst du nicht anders als alle anderen, die uns verurteilten, dachte er stumm bei sich und wartete auf ihre Antwort.

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    • Das Handy in Embers Hand knackte leise, als sie es fester in die Hand nahm. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn die beiden MacAllister Zwillinge an einem Strang ziehen würden. Bisher war sie immer felsenfest davon ausgegangen, dass Ruairi friedfertiger war und keine Opfer riskieren würde. Aber nachdem, was er Piper angetan hatte, kannte sie den Mann womöglich einfach nicht gut genug. Jetzt, wo sie ihn nicht einmal mehr über Handy erreichen konnte, fühlte sie sich vollends von ihm abgeschnitten. Weder wusste sie, wohin er wohl gegangen sein mochte, noch wie sie ihn finden sollte. Geschweige denn, dass sie von hier überhaupt verschwinden könnte. Also war sie dazu verdammt, abzuwarten und zu hoffen, dass es sich ergab.
      Aber das Warten war das Schlimmste. Die Hilflosigkeit.
      Ihre Augen hatten sich am Absatz der Treppe festgesaugt, wo Shawns Füße verschwunden waren. Sie lösten ihren Blick erst, als August noch ein wenig näher rückte und verschwörerisch die Stimme senkte. Ein paar Augenblicke lang sah sie den Rogue an, musterte seine Miene und die ehrliche Absicht in seiner Frage. Natürlich würde er fragen. Anders konnte er es nicht verstehen.
      „Woher willst du wissen, dass er ‚ständig die Monster hinter Zauberern‘ sehen will?“, konterte Ember, doch es fehlte jegliche Anfeindung in ihrer Stimme. Sie war ruhig, gesetzt. Verständnisvoll. „Dafür kennst du unsere Geschichte nur zu Bruchstücken. Aber überleg doch mal: Meine ganze Familie hegte Argwohn gegen Zauberer, die extrem wurde als das mit Emily passiert ist. Alles magische, mit dem Shawn bisher Kontakt hatte, war negativ behaftet. Er sieht die Aufstände, die Gewalt hinter der Magie, der Angriff auf seine Person durch ein Götterwesen. Ich habe ihm Liz nicht meinetwegen aufgedeckt, sondern ihrer beiden Willen halber. Sobald Shawn erfahren hätte, dass sie eine Zauberin ist, dann hätte er Liz vor den Kopf gestoßen. Das ist für beide Seiten nicht toll, oder?“
      Es tat Ember ja selbst weh, dass sie so offenkundig mit der Feindseligkeit ihres Bruders hausieren musste. Aber weder wollte sie, dass Liz sich aufgrund ihrer Natur, für die sie nichts konnte, abgestoßen fühlte, noch das Shawn seiner Schwester einen Vortrag darüber hielt, warum sie nichts gesagt hatte, da sie es besser hätte wissen müssen. Aber dafür waren die Vorurteile schon viel zu lange viel zu festgefressen. Shawn hatte lediglich perfektioniert, wie er es möglichst unauffällig hielt.
      „Er verhält sich dank des Vorfalles dir gegenüber besser, weil er dich zwangsläufig näher hatte kennenlernen müssen und vielleicht auch wegen mir.“ Sie sah bewusst über seine Schulter hinweg zu Liz, der man ansehen konnte, dass Shawns Abgang nicht ganz spurlos vonstattengegangen war. „Vielleicht hat da jemand am Telefon gesagt, dass da… gewisse Verhältnisse bestehen können.“
      Vielleicht hatte Ember ein paar ehrlichere Worte am Telefon mit ihrem Bruder verloren, als sonst irgendwo. Vielleicht hatte er sich das meiste auch einfach schon zusammengereimt. Auf jeden Fall war ihr Bruder nicht so langsam und besaß eine schlechte Auffassungsgabe. Er hatte sie bereits einmal nach dem Verhältnis zu August gefragt und erst viel später hatte sie eine etwas treffendere Aussage dazu machen können.
      Geschafft seufzte Ember. Dabei war es erst morgens. „Shawn ist ein Softie, was die Abneigung angeht. Warte mal ab, bis du unsere Eltern triffst…“
      Ja, es graute ihr jetzt schon davor.
    • Nein, August verstand es nicht.
      Das hieß: Nicht alles. Freilich verstand er den Hintergrund von Embers Verhalten und den Wunsch, Shawn zu schützen. Vielleicht wollte sie auch Liz ein wenig schützen, wer wusste das schon. Aber durch dieses Verhalten, diese Blockade ihrer natürlichen Interessen aneinander, verhinderte sie den Fortschritt, den August bereits seit Jahren suchte, in die Welt zu bringen. Wegen Kleinigkeiten wie dieser. Argwohn und Misstrauen, die finsteren Zwillinge hinter der Mutter der guten Absicht.
      Dennoch, es brachte nichts, darüber zu diskutieren. Es gab Wichtigeres dieser Tage und Stunden und es würde sie nicht weiterbringen, eine Grundsatzdiskussion über Diskriminierung und Angst zu führen, wenn die halbe Welt auseinander brach.
      "Verstehe", sagte er daher und nickte, darauf achtend, das Ember seine Augen nicht sah. "Es ist schrecklich, dass es so kommen musste, aber ich verstehe seine Beweggründe."
      Aber nicht deine, dachte er, auch wenn das nur halb die Wahrheit war.
      "Ich werde es schon überleben", sagte er lächelnd. "Ich bin Hass und Ausgrenzung gewohnt, Ember. Es ist ein normaler, verfluchter Dienstag für mich. Geh und ruh dich etwas aus. Wir werden noch eine Weile der Vorbereitung brauchen und deine Eltern dürften erst in ein paar Stunden ankommen. Dann brauchst du deine Energie."
      Und ich meine, dachte August finster, ehe er sich in Richtung von Liz und der Apparatur begab.


      Derselbe Tag, 17:22 Uhr

      Ein paar Stunden.
      August hatte die Zeit mit Liz verbracht und an der Apparatur gewerkelt, bis er gegen Mittag nicht mehr konnte und sich seinen eigenen Gedanken widmen musste. Und seinem Leib. Noch immer geschunden durch den neuerlichen Kampf regeneierte sich die Kraft seines Leibes nur langsam und auch wenn er wieder einsatzfähig war, bemerkte er die Erschöpfung umso deutlicher.
      Als er in das Foyer, nach einer kurzen Dusche und einer Pause, zurückkehrte, war dieser ein wenig mehr aufgeräumt und von Trümmerteilen befreit. Ausgehend von der Tatsache, dass die Reste der Trümmer an die Wände gedrängt lagen, musste Isabella ihre Magie genutzt haben. Die Fläche des Foyers war freigeräumt und vermutlich hatten Shawn und James mit Leibeskräften zwei alte Sofas aus dem vorherigen Salon geschleift, der zur Hälfte eingestürzt war. Bedachte man die Risse an den Wänden nicht, sah das Foyer beinahe wieder wohnlich aus. Zimmer für die Eltern waren hergerichtet worden. August hatte dafür Sorge getragen, dass Embers Eltern das alte Hauptschlafzimmer erhielten und das Bett repariert. Für den Rest hatte er Ember gebeten, da er die Vorlieben ihrer Eltern nicht kannte.
      Draußen stand die Sonne bereits tief und würde alsbald das Moor wieder in ein Meer von Undurchsichtigkeiten tauchen.
      Ein leichter Regen hatte eingesetzt und prasselte sanft auf das Dach, während Isabella mit James Essen warm machte. Sie hatten offenbar einen Supermarkt in der Nähe gefunden (Nähe hieß hier vielleicht 10 km) und ein wenig Ravioli und Dosenware abgegriffen. August lauschte dem angeregten Gespräch der beiden über Pferdewetten und grinste, während er auf einem Sofas saß und eines seiner Bücher durchblätterte ("Arkane Magie - Grundlagen und Forschungsstände", Band 2). Als er Ember im Raum erblickte, lächelte er kurz ein wenig breiter und fragte:
      "Wie geht es dir? Nervös?"
      Liz hatte sich indes aus dem Raum verzogen und in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie wollte sich frisch machte, meinte der Zauberer in Erinnerung zu haben. Doch war da ein komischer Klang in ihrer Stimme geblieben, den er nicht einzuordnen mochte. War es in Ordnung, sie allein zu lassen?

      Spoiler anzeigen
      Aufschlag der Eltern wann du möchtest. Sie kommen mit einem normal großen Portal auf dem Boden im Moor an. Eva begleitet sie.

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    • Über den Mittag hatte sich Ember nach draußen ins Moor zurückgezogen. Es war nicht so, dass sie das Haus oder dessen Insassen nicht mehr ertragen konnte, aber irgendetwas zog sie immer wieder nach draußen. Dieses Mal hatte sie ihre Jacke eingesteckt als sie ihre Runde im Moor drehte und das Anwesen von allen Seiten betrachtete. Sie ging sogar soweit, dass sie sich weiter als zuvor von dem Gebäude entfernte und nach allem Ausschau hielt, das irgendwelche Fragen aufwerfen konnte. Irgendetwas, das auch nur ein bisschen ihre grauen Zellen anregen würde. Währenddessen hielt sie permanent das Satellitentelefon von James in ihrer Hand, immer in der Hoffnung, dass doch eine ganz bestimmte Nummer zurückrufen würde. Oder auf eine Nachricht reagieren würde. Oder einfach nur ein Lebenszeichen von sich gab. Doch nichts dergleichen geschah. Egal, wie viel Zeit sie noch draußen verbrachte; es blieb still, in sämtlichen Aspekten.

      Als Ember später am Nachmittag in das Anwesen zurückkehrte, sah das Foyer beinahe ansehnlich aus. Jemand musste aufgeräumt haben, denn die Trümmer und Reste waren beiseitegeschoben worden und hatten deutlich mehr Raum geschaffen. Noch immer war die Apparatur aufgebaut und Ember war sich sicher, dass Liz und August die gesamte Zeit über damit am hantieren gewesen sein mussten. Da sie hier niemanden entdeckte, beschloss sie, ein Stockwerk höher zu gehen, wo sie auf August traf, der ihr das Hauptzimmer zeigte und meinte, dass er wenigstens die nötigsten Möbel wieder in Ordnung gebracht habe. Den Rest solle sie übernehmen.
      Und das tat Ember auch.
      Allerdings nicht allein. Im Zimmer war bereits Shawn, der der staubigen Vorhänge ausklopfte und angewidert das Gesicht verzog. Schweigend lehnte Ember die Tür hinter sich an bevor sie zum Bett ging und die Decke mit Kissen so anordnete, wie sie es von June gewohnt war.
      „James, du und ich sind die einzigen Menschen hier, oder?“ Seine Stimme war ruhig, so wie immer und ließ auf nichts schließen.
      Ember nickte. „Jep. Aber das wird sich noch ändern. Später. Kriegst du die wieder staubfrei hin?“
      Shawn zog den Stoff weit auseinander und schüttelte ihn aus, wobei kleine Wölkchen und zahllose Partikel in der Luft zu schweben begannen. „Mit genug Zuwendung bestimmt. Also, was genau ist das hier? Unser Familienanwesen hast du es genannt, aber dafür sieht’s ziemlich verlassen aus. Was hast du gemacht, damit du plötzlich alle Leute um dich scheren musst? Ausgerechnet hier?“
      „Hier können wir einen Schutz besser gewährleisten. In der Stadt weiß man nie, wer als nächstes um die Ecke kommt. Du hast doch gesehen, wie sie das PD abgerissen haben.“ Bei dem Gedanken wurde ihr abermals kalt.
      Mit etwas zu viel Elan warf ihr Bruder den Vorhang wieder zurück. „Und das kann hier nicht passieren? Ember, du hättest uns einfach mit dem Taxi anreisen lassen können und niemand hätte etwas gesagt. Ich will gar nicht wissen, was gerade bei Mom und Dad abgeht.“
      Ember ganz bestimmt auch nicht. „Isabella und du wurdet verfolgt. Okay, nur sie wurde verfolgt, aber es hätte weiß Gott was auf der Reise hierher passieren können. So war es die schnellste Art, euch hierher zu bekommen…“
      Shawn wandte sich nun ganz seiner Schwester zu. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen, als er sie dabei beobachtete, wie sie sehr konzentriert die Kopfkissen aufschlug. „Du machst schon wieder irgendetwas, das dich den Kopf kosten kann, richtig?“
      „Nicht mich. Unter Umständen euch“, antwortete sie wahrheitsgemäß und schürzte die Lippen. „Deswegen hab ich euch mit Augusts Hilfe hergeholt. Ich will vermeiden, dass wieder so etwas wie damals passiert.“
      „Wieso? Wieso schon wieder, Emmi?“ Sein Ton rutschte langsam ins Anklagende ab und sie ahnte, dass das Gespräch nun zu kippen drohte. „Wir haben dir alle mehrmals gesagt, dass dein Job bei der Polizei eine schlechte Idee war. Du hättest zur ganz normalen Abteilung gehen können, das wäre ja noch in Ordnung gewesen, aber warum muss es das Met sein?“
      „Was? Hätte ich wie Mom in dem Kaff bleiben oder irgendeine Lehre machen sollen? Mein Job ist wichtig und er hat ausnahmsweise mal nichts mit dieser Sache hier zu tun.“ Sie klopfte ein letztes Mal auf das Kissen und richtete sich auf, um dem Blick ihres Bruders zu begegnen.
      „Dann hat er dich hier reingeritten?“
      Ihre Augen verloren langsam die Sanftmut, der ihnen immer innewohnte, wenn sie ihren Bruder betrachtete. „Für meine Situation kann Augusts nichts. Das ist ganz allein meine Angelegenheit.“
      Shawn hatte indessen seine Arme verschränkt. „Du kannst mir nicht erzählen, dass du allein dieses Haus hier gefunden hast. Du hast am Telefon angerissen, dass dich ein Arkana aus dem PD geholt hat, weil du irgendeine Scheiße abgezogen hast. Du hast dich für einen Platz unter ihnen beworben. Anstatt, dass du dafür sorgst, dass diese Rogues in ihre Schranken gewiesen werden, schließt du dich mit ihnen zusammen. Als Detective.“ Er schnaubte. „Du bist mit einen von ihnen zusammen, Emmi. Erzähl mir nicht, dass er dich nicht irgendwie in diese Situation manipuliert hat.“
      Da musste Ember einen langen, sehr langen Atemzug machen. Ihre Stimme, mit der sie dann sprach, war leise und erstaunlich schneidend. „Unterstellst du mir gerade, dass ich nicht aus eigenem Antrieb handele?“
      „Er ist ein Rogue, Emmi. Einer der mächtigsten überhaupt“, zischte Shawn und der Ton versetzte ihr einen Stich. „Jeder konnte lesen, wie viele Menschen er auf dem Gewissen hat, und das nur in dem einen Vorfall. Ja, er wirkte nett während meines Aufenthalts im Twisted Mind, aber das kann alles nur Kalkül sein. Du kannst nicht in ihre Köpfe sehen, sie sind einfach anders.“
      „Du kannst auch nicht in meinen Kopf sehen, Shawn“, fuhr Ember auf und hätte fast das Kissen nach ihm geworfen. Ihre Finger knüllten Stoff in dem Versuch, die Stimme kontrolliert zu halten. „Ich dachte, dass genau die Zeit dir gutgetan hat. Dass du endlich mal aus deiner Nussschale gekrochen kommst und siehst, dass es auch nur Menschen sind. Und was machst du, als ich dir sagte, dass Liz ‚ne Zauberin ist? Ziehst eine Grimasse und haust einfach ab. Weißt du eigentlich, wie scheiße das Verhalten ist? Was Liz wohl gedacht hat, als du abgezogen bist?“
      „Hast du dich für mich rechtfertigen müssen, oder was?“, entgegnete er und seine Finger gruben sich in den Stoff seiner Ärmel.
      „Ich habe versucht zu erklären, warum ich es gesagt habe. Weil ich so bescheuert war und dachte, ich nehme dir direkt den Wind aus Segeln anstelle dich in deiner verschrobenen Meinung einfach machen zu lassen!“ Jetzt wurde ihre Stimme doch lauter als sie wollte. „Sie sind nicht alle so wie der Wichser, der Emily aus Versehen umgebracht hat!“
      Shawns Gesichtszüge entglitten ihm. Ember atmete schwer während sie dem Blick ihres Bruders standhielt und erst Sekunden später realisierte, dass sie das erste Mal in seiner Anwesenheit gesagt hatte, dass sie es für einen Unfall hielt. Und ein Unfall bedeutete, dass es keine Mörder gab.
      „Reicht dir nicht der Nachweis über hunderte Tote, die allein der Teufel auf dem Konto hat? Ich dachte immer, du behältst einen klaren Kopf, aber scheinbar hat er dich echt lange bearbeitet, damit du an Unfälle und Zufälle glaubst.“
      Embers Mund klappte auf. Dann schloss sie ihn wieder und hob dafür ihre Augenbrauen. Für so festgefahren hatte sie ihren Bruder nicht mehr seit der Sache mit den Sharokhs gehalten. „Ich habe deutlich mehr Scheiße gesehen als du, Shawn. Ich habe mehrfach meinen Kopf hingehalten und bin aus Dingen rausgekommen, die schwer zu ertragen sind. Es ist leicht, die Augen zu verschließen und sich von allem abzuwenden, was man nicht versteht. All das abzulehnen, was einem fremd ist. Wie ist der Unfall denn wohl sonst passiert? Wenn der Kerl sich nicht hätte verstecken müssen, wäre es bestimmt anders ausgegangen. Dann hätte ich keine sterbende Cousine in den Armen halten müssen, mich mit Anfeindungen aus dem ganzen beschissenen Kaff auseinandersetzen und anklagende Blicke meiner eigenen Familie nicht ertragen müssen.“ Ihre Stimme war nun schneidend und vollkommen überzeugt von dem, was sie sagte. Eine Grenze war erreicht worden. „Ich heiße mit Sicherheit nicht alles gut, was die Zauberer tun. Mir gefällt das Machtverhältnis auch nicht, wird es nie. Aber es bringt nichts, sich ständig davor zu sperren. Krieg die Kurve, Shawn.“
      Es entstand eine Pause, in der sich die Geschwister nur anschwiegen. Dann ließ Shawn die Arme sinken, schüttelte den Kopf und ging an seiner Schwester vorbei. „Das erklär mal Dad“, sagte er und ließ Ember allein im Schlafzimmer zurück.
      Wenn Shawn schon so eingestellt war, wie sollte es dann mit Rupert klappen?

      Nach einigen Minuten, in denen sich Ember wieder sammeln konnte, hatte auch sie das Zimmer wieder verlassen. Von Shawn war nichts weit und breit zu sehen, weshalb sie die Treppe nach unten nahm und dem leisen Geräusch von Stimmen und dem Geruch nach Essen folgte. Neuerdings stand vor der Tür zur nischigen Küche eine Couch, auf der sich August lümmelte und seine Nase in einem Buch vergraben hatte. Als er sie bemerkte, lächelte er sie an, doch ihre Antwort war nur minder halbherzig. „Nervös? Nein. Wenn man weiß, dass die Hölle ausbrechen wird, kann man nicht nervös sein. Was liest du?“ Sie verrenkte sich ein wenig den Hals, damit sie den Titel lesen konnte. Recherche also.
      „Ich glaube, selbst wenn James zusammen mit Isabella etwas Anständiges zu essen hinbekommt, krieg ich nichts davon runter. Jedenfalls nicht bis ich weiß, wann sie kommen. Hat man dir irgendwas gesagt?“, fragte Ember während sie in die Küche linste und dort Isabella entdeckte, die James einen Löffel entriss und ihn für irgendetwas schallt. „Wo hast du deine zauberhafte Assistentin gelassen?“
      Viel weiter kam sie nicht, dann knallte es. Ember fuhr zusammen in der Annahme, es habe sich um einen Blitzschlag gehandelt, da der Regen eingesetzt hatte. Doch das Ziehen, das sie mit ihrem gesamten Körper wahrnahm, passte nicht dazu. Dafür zu einem anderen Phänomen, das sie heute bereits einmal hatten erleben dürfen. Ihr Blick huschte zu August, der scheinbar dasselbe dachte, und dann war sie bereits los. Nicht so schnell wie bei Shawns Ankunft, aber dennoch mit deutlich erhöhtem Tempo. Nur die Sorge vor dem, was sie vorfinden würde, ließ sie nicht schneller rennen. Trotzdem verließ sie das Haus noch während sie ihre Jacke wieder überzog. Draußen erwartete sie der Regen, der zum Glück nicht so schwer war, wie sei erwartet hatte. Aber kein Grollen folgte, also war es wirklich kein Gewitter, sondern etwas anderes. Mit platschenden Geräuschen trat Ember vor das Haus ehe sie schon hörte, was sie nicht hören wollte. Ein hoher Schrei, gefolgt von einem sehr sauer klingenden Fluchen. Genau in diese Richtung musste sie gehen.
      Zu ihrem Erstaunen war es die gleiche Richtung, in der auch Shawn mit Isabella gelandet waren und für eine Moment fürchtete Ember, ihre Eltern waren ebenfalls im Moor untergegangen. Doch als sie eine lichtere Stelle betrat und die drei Personen entdeckte, fand sie sie auf festem Boden vor. Was die Lage allerdings nicht unbedingt besser machte, als sich die Szene voll entfaltete.
      June stand zusammengekauert hinter Rupert, der sich schützend vor ihr aufgebaut hatte. In seinen Händen hielt er eine verdammte Axt, die Ember als jene erkannte, mit der ihr Vater sonst das Brennholz klein hackte. Er trug sein kariertes rot-weißes Hemd mit der blauen, leicht zerschlissenen Jeans, während June eine helle Bluse trug, die im Regen schon transparent wurde. Ihre dunklen, langen Haare lagen platt an ihrem Kopf an, wohin gegen Rupert mit seiner Halbglatze glänzte, von der der Regen in dicken Tropfen abperlte. Er hatte sich gegenüber Eva postiert, die er offensichtlich als Bedrohung wahrnahm. Gut, sie sah nun auch ein wenig speziell aus und über Franzosen hatte er sich schon immer lustig gemacht.
      „Fass nochmal jemanden an und ich schlag dir den Kopf von den Schultern!“, brüllte er Eva an und hob die Axt ein wenig höher an. Das erklärte, wie Eva sie hierher gekriegt hatte. June wimmerte hinter ihrem Ehemann unaufhörlich weiter. Sie war wohl mehr als nur verstört.
      „Dad, hör AUF!“, rief Ember über den Regen und eilte auf ihre Eltern zu. Sie stoppte, als sich ihr Vater ihr mit noch immer erhobener Axt zudrehte. „Alles okay, ja?!“
      „Das ist eine verfickte Zauberin, Ember! Dein verschissener Gast ist einer von denen!“, wütete er weiter und er zuckte zurück zu Eva, als sie sich bewegte.
      „Und wenn schon“, sagte Ember, die Hände beschwichtigend erhoben. „Eva hat euch nichts getan. Sie hat euch nur hergebracht, Shawn ist auch hier, ich bin hier. Es ist alles okay, das –„
      „GAR NICHTS IST OKAY!“ Er war so laut, dass er den Regen vollkommen übertönte. „Das Weib da hat uns TELEPORTIERT, Ember! Einfach so mit ihren missgestalteten, mutierten –„
      „HALT DIE LUFT AN!“ Schrie nun auch Ember ihren Vater an, damit er nicht in noch mehr Tiraden verfiel. Da hörte sogar June mit ihrem Wimmern auf und starrte ihre Tochter entgeistert an. „JETZT HÖR VERDAMMT NOCH MAL AUF MIT DEINER AXT DA RUMZUFUCHTELN!“
      Selbst in dem kalten Regen und dem schlechten Licht sah Ember, wie Ruperts Gesicht rot anlief. Weder ließ er die Axt sinken, noch machte er Anstalten, vor seiner Frau zu weichen. Eher sah es danach aus, als erkore er seine eigene Tochter ebenfalls zum Feind, und das brach Ember das Herz. Doch sie war geübt darin, es nicht zu zeigen. Das hatte sie gelernt.
    • Es brauchte kein großes Wissen in der Psychologie, um zu bemerken, dass Ember etwas beschäftigte. Zumindest nicht für August, der sie beinahe neugierig anzusehen begann und kurz überlegte, ob er nach der Ursache fragen sollte?! Schweigsam zunächst klappte er das Buch zu und ließ es in der Hand sinken, ehe er sie - noch immer schwach grinsend - ansah.
      "Da hast du wohl recht"; sagte er mit leichtem Amusement in der Stimme, während er ihr den Einband zeigte. "Forschungsarbeiten über Arkane Magie. Ist recht interessant, diese Sparte und ich dachte, da wir eh hier warten müssen, fange ich zu lesen an und verwirkliche meine Neujahrsvorsätze von vor sieben Jahren."
      Amüsiert dachte er über den Schwur nach, mehr als jeder andere zu lesen und zu lernen. Zwei oder drei Wochen später hatte man ihn festgenommen und ihm die Bücher verboten.
      "Liz?", fragte er erstaunt und überhörte das Adjektiv gekonnt. Es lag genug Stress in der Luft. Es musste nicht mehr werden. "Sie ist oben und macht sich wohl frisch. Ich denke dennoch, dass sie ein wenig schmollt, aber sie wird sich wieder fangen. So wie immer eigentlich."
      Seine Hand wollte wie von selbst nach ihrer greifen und nach ihrer Stimmung fragen. Doch ehe er auch nur in die Lage versetzt wurde, nach ihr zu greifen oder gar seine Gedanken kundzutun, erklang vor der Tür ein Tumult, der einer Fankurve im Fußballstadion nicht unähnlich war.
      Anhand der Magie in der Luft ließ sich erspüren, dass das zweite Portal schlussendlich angekommen war. Und August mit einer seiner Ängste konfrontiert wurde. Die Eltern waren da. Und er nicht vorbereitet. Noch ehe er aus dem Sofa katapultieren konnte, hatte sich Ember bereits auf den Weg gemacht und hinterließ einen beinahe hinterher stolpernden August, der auf dem Weg noch einen Tisch mit sich riss.
      DAs Chaos draußen glich zwar einem kontrollierten, jedoch brandeten Gefühle auf, die August nur schwer verstehen konnte.
      Da stand ein Mann mit einer Art kariertem Hemd und Halbglatze vor seiner Frau, die sich reichlich mühe geben musste, nicht alsbald völlig durchsichtig dar zu stehen. In der Hand hielt dieser Mann, der aus voller Kehle brüllte, eine Axt (eine Axt???) und versuchte damit offenkundig, Eva Beauregard auf Abstand zu halten, die ihre Hände in den Hosentaschen ihrer Armeehose vergraben hatte.
      Das Haar klebte Eva am Kopf und sie verzog den Mund leicht, als Rupert zu brüllen begann.
      "Eine Axt, wirklich?", seufzte sie und schüttlete den Kopf. "Und ich dachte, wir sind die Tiere..."
      Es hätte lustig sein können, wenn nicht der Ernst der Lage sie alle zur Eile gemahnte. August trat in den Regen hinaus und sah zu der Szene hinüber, ehe er sich hinter Ember auf den Weg machte und die kurze Strecke schnellen Schrittes durchmaß.
      "Missgestaltet?!", zischte Eva und sah mit brennendem Blick zu dem älteren Mann und verspürte nicht das erste Mal den Drang, ihre Faust mehrfach in seinen Arsch zu rammen. "Lass ihn nur, Sallow! Lass ihn sagen, was er zu sagen hat. Ich hoffe, du kannst mit dem Gegenfeuer leben, du ..."
      "Eva!"
      August Stimme hatte in dieser Sekunde nichts mehr menschliches an sich, als sie über den Regen hinweg durch das Moor fegte. Es glich viel mehr einer Drohung, einem offenen Schuss mit einer Waffe oder dem Rasseln eines scharfen Schwertes, das Eva regelrecht zusammen zucken ließ, als eine Woge von Wut zu ihr herüber schwappte.
      "August, ich..."
      "Wir sind keine Tiere und keine Preisboxer", sagte August mahnend, als er die Szene erreichte und sich Eva seufzend zurückzog und ein paar Schritte zwischen sich brachte.
      "Hallo zusammen", sagte er schließlich lächelnd in Richtung von Embers Eltern. "Mein Name ist August Foremar und ich fürchte, ich bin der Grund für Ihre unbequeme Reise. Ich entschuldige mich für den Überfall, aber ich schwöre Ihnen, die Not brachte uns alle dazu. Ich würde Sie gerne dazu einladen, mit ins Haus zu kommen. Dort können Sie sich aufwärmen und zur Ruhe kommen..."
      August versuchte nicht, die Hand zu reichen. Zumindest nicht, ehe die scharfe Axt bedrohlich nah an seinem Gesicht verweilte.
      "Wenn Sie wütend sein wollen, dann seien Sie bitte auf mich wütend. Eva hat nichts mit der Art Ihrer Reise zu tun und war nur zu Ihrem SChutz abgestellt. Dennoch muss ich Sie bitten, Sir, Ihre Axt zu senken. Niemand wird Ihnen etwas tun und ich erhoffe mir das selbige von Ihnen..."

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    • Embers Mundpartie war angespannt und ihre Lippen nur noch ein Strich. Der Regen lief ihr in ihre Augen während sie ihren Vater anstierte, der sich scheinbar nicht entscheiden konnte, wer hier nun das größere Übel sein sollte. Sie selbst war einfach am Boden wie festgewachsen stehen geblieben während sich das Bild entfaltete, was sie bereits befürchtet hatte. Als schließlich August das Spielfeld betrat, sah Ember den Moment, in dem Ruperts Blick auf den Arkana fiel und etwas in seinem Kopf zu arbeiten begann.
      „Foremar?“, wiederholte er mit noch immer wütenden, aber fragendem Unterton. „Den Namen hab ich doch schon mal irgendwo gelesen.“
      Hinter ihm bewegte sich June, die sich ebenfalls zu demjenigen umdrehte, der zu sprechen begonnen hatte. Das Lächeln, das August dem Ehepaar entgegenbrachte, stieß scheinbar auf Unverständnis. Es war jedoch June, die ihrem Mann auf die Sprünge half. „Der Teufel aus den Zeitungen…“, sagte sie so leise, dass selbst Ember kaum etwas verstand, das aber dafür sorgte, dass Ruperts Axthand noch fester um den Stiel griff und er seine Brust ein weiteres Mal aufplusterte.
      „Oh, das darf ja wohl nicht wahr sein. Ember, was zur Hölle hat DER hier zu suchen?! Wieso läuft der noch frei herum?! Ich dachte, du hast den wieder eingebuchtet und nicht, dass du mit dem gemeinsame Sache machst! Scheiße, hat der dich irgendwie verzaubert oder was??“, fuhr er abermals auf und hatte Eva auf der anderen Seite wohl vollends vergessen.
      Endlich fand Ember das Gefühl in ihren Füßen wieder. Ohne ein Wort setzte sie steif einen Fuß vor den anderen, vorbei an August, direkt auf ihre Eltern zu. Die Axt war immer noch in Richtung Augusts gerichtet, aber Rupert sah seine eigene Tochter mit einer Mischung aus Enttäuschung und Abscheu an.
      „Ich hatte diese Unterhaltung vor ein paar Minuten schon mit Shawn“, eröffnete Ember ihrem Vater, ihre Stimme so kalt wie der Regen auf ihrer Haut. Sie ließ sich nicht beirren und kam dem Axtmann immer näher. „Du wirst jetzt ein einziges Mal in deinem Leben die Luft anhalten und dich nicht aufführen wie die offensichtliche Axt im Walde. Du reißt dich jetzt das erste Mal zusammen und lässt diese beschissene Axt fallen.“
      Sie hielt knapp vor ihrem Vater an, die Schneide der Axt glänzte im Regen. Er müsste nur einmal kurz ausholen und hätte die Waffe schon in den Körper seiner Tochter getrieben. Er zog die Axt schon ein Stück höher, als sähe er Ember ebenfalls als eine Bedrohung an. Sie jedoch hielt ihre Stimme gesenkt, als sie ein weiteres Mal zu sprechen begann: „Du musst das Haus nicht betreten. Meinetwegen. Bleib hier draußen und frier dir den Arsch ab. Aber dreh dich einmal um und schau dir deine Frau an, die nicht nur völlig durchnässt ist, sondern auch noch Todesangst leidet, wenn du so auffährst.“
      Ruperts Atem war abgehackt als er sich in ein Blickduell mit seiner Tochter begab, die keineswegs klein beigeben würde. Sie setzte keine weiteren Worte ein, als Rupert sich irgendwann leicht nach June umdrehte, die am ganzen Körper schon zitterte. Mehrmals sah er zwischen ihr, Ember und August hin und her ehe er sehr widerwillig die Axt senkte, die Feindseligkeit allerdings in seinen Augen beibehielt.
      „Schön.“
      „Danke.“
      Ember schob sich an ihrem Vater vorbei und berührte ihre Mutter am Arm. Mit großen Augen begegnete June dem Blick ihrer Tochter und Ember wünschte sich, dass das Zucken ihrer Mutter einzig von der Kälte herrührte. „Komm schon. Bringen wir dich wenigstens aus dem Regen, ja?“
      Nach einem Moment nickte June und ließ sich von Ember geleiten, Rupert wie ein Schließwächter direkt hinter ihnen. Noch immer hielt er die Axt umklammert, während er den beiden Frauen folgte. Als sie an August vorbeikamen, warf Ember August einen entschuldigenden Blick zu. Mehr konnte sie in der Sekunde ihm nicht ohne Worte zeigen. Dafür fraß sich der eigene Schmerz über die Situation zu tief in ihre Seele.
    • Erstaunlich, wie schnell sich menschliches Verhalten in Mustern wiederfand, wenn die Angst vorherrschte.
      August Foremar war es gewohnt, gehasst oder gar gehetzt zu werden. Er war es sogar gewohnt, beleidigt zu werden. Doch das meiste, was ihn traurig und gleichsam wütend machte, war der Unterton in dem von Rupert Sallow gesprochenen "DER". Als wäre er ein Tier, das es zu begutachten galt. Ein Tier, das man nicht wollte. Das es zu töten galt.
      "Ich habe Ember mitnichten verzaubert, Mr Sallow und ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie die Axt senken..."
      Natürlich hatte das nicht einmal den Hauch eines Effektes. Wie denn auch? Kopfschüttelnd verschränkte August die Arme vor der Brust. Zum einen, um gegen den herannahenden Frost zu kämpfen und zum Anderen, um seine Wut zu unterdrücken, die aufstieg. Vielleicht war diese unberechtigt, aber was sollte er machen? Er war auch nur ein Mensch...
      Eva trat an Augusts Seite und legte eine Hand auf seine Schulter, ehe er den Kopf schüttelte. Es war nicht der Moment zu fliehen. Sie durften nicht gehen und sich entziehen. Es war genug Hass und Missgunst geschürt worden. Wenn er jemals das Vertrauen dieses Mannes gewinnen wollte, durfte er nicht fortlaufen wie das Tier, das sie in ihm sahen. Es durfte auch keine Gewalt herrschen.
      August lauschte Embers regelrechter mahnender Tirade und sah anschließend zu Rupert, der einzulenken schien. Auf Embers Blick hin nickte August nur und Kälte kroch in seinen Blick, während er der merkwürdigen Konstellation nachsah, die das Haus nun endlich betrat.
      Eva seufzte und kehrte sich die klatschnassen Haare aus der Stirn.
      "Willst du dir das wirklich antun?", fragte sie. "Das sind Menschen wie sie im Buche stehen. Menschen wie diese haben uns früher gejagt und gefoltert...Sie stinken nach Angst."
      "Und genau deswegen werden wir ihnen nichts tun. Wir werden ihnen zeigen, dass nicht alle Rogues gleich sind. Dass wir keine Tiere sind."
      "Du hast den Unterton gehört, ja?! Alleine für die Betonung hätte ihm seine Zähne rausgerissen."
      "Und genau deswegen bin ich der Sprecher und nicht du", bemerkte August kalt, seine eigenen Gefühle kaum versteckend.
      "Er hat dich auch verletzt."
      "Wunden heilen, Eva. Und Zeit ist ein wichtiger Verbündeter. Und jetzt genug von deinen Wutreden. Geh und finde diesen verfluchten MacAllister."
      "Wie du willst. Achte auf dich. Und lass dich nicht von einer Axt meucheln."
      Mit dem nächsten HErzschlag war sie erneut im Nichts verschwunden und August musste seufzen. Das war leichter gesagt als getan.


      Als August das Haus betrat, empfing ihn wohlige Wärme.
      Das Feuer prasselte noch immer im halb eingestürzten Kamin und James hatte sich offenkundig mit Isabella geeinigt. Die junge Frau hatte ihn nach minutenlanger Diskussion offenbar aus der Küche befördert und nun roch das baufällige Haus angenehm nach wärmender Suppe und spanischen Gewürzen.
      James hatte sich derweil in den Hauptraum begeben und die merkwürdige Meute um Ember in Empfang genommen.
      "Äh...Guten Tag?", fragte er erstaunt und sein scharfer Blick fiel auf die Axt in Ruperts Händen. Instinktiv glitt seine Hand zum Ort seiner Waffe und verharrte dort. "Sir?! Ich weiß nicht, was passiert ist, aber..."
      Anhand Embers Blick konnte James zumindest ahnen, dass sie wie erwartet auf August reagiert hatten. Seufzend ließ er die Hand sinken und ging auf die Gruppe zu.
      "Fangen wir anders an. Mein Name ist James Hawthorne. Ich bin der ehemalige Vorgesetzte Ihrer Tochter!", sagte er und schob grinsend seine tellergroße Hand vor. "Wollen wir uns nicht setzen und uns aufwärmen? Ich bin mir sicher, dass man Ihnen bald entsprechendes bringt."

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    • Die Stimmung hätte nicht angespannter sein können. Bereits auf der Treppe ins Obergeschoss waren die Shawn begegnet, der immerzu den Kopf leicht schüttelte, kaum hatte er Ember mit ihren Eltern gesehen. Er war im Anschluss herunter gekommen und hatte sich sofort June angenommen, die mit großen Augen buchstäblich alles anstierte, als wolle es sie im nächsten Augenblick umbringen. Mit einem gequälten Ausdruck half er ihr aus den triefendnassen Schuhen, wohingegen seine Schwester alle Hände voll zu tun hatte mit ihrem Vater.
      „Was zur Hölle ist das hier für eine Bruchbude?“, grummelte Rupert, der immer noch nicht von seiner Axt abgelassen hatte.
      „Der Familiensitz der Sallows“, beantwortete Ember die Frage knapp und betete, dass nicht Isabella auch noch die Zusammenführung sprengte. Zwei Arkana waren zwei zu viele. Mit vorsichtiger Bewegung versuchte Ember ihrem Vater die Axt aus den Händen zu winden, doch er ruckte zurück, nicht gewillt seine Waffe freiwillig abzugeben. „Komm schon. Du weißt besser, dass dir eine Axt nicht viel bringen wird.“
      Seine Mimik sprach eine andere Sprache.
      Embers Aufmerksamkeit sprang zu der Person, die als nächstes den Hauptraum betrat. Zu einem gewissen Grad fühlte sie sich erleichtert, als sie James erblickte, wobei seine Reaktion nicht unbedingt förderlich war. Sofort riss sie die Augen auf und schnitt eine Grimasse, mit der sie auf Rupert und June deutete, damit James vielleicht anhand dessen begriff, dass hier der Brand bei Weitem noch nicht gelöscht war. Denn wie erwartet schien Rupert seinen neuen Feind auserkoren zu haben und hob abermals die Axt an.
      „Ich hab euch mehrmals von ihm erzählt“, schob Ember dazwischen, ihre Augen sprangen zwischen den beiden Männern hin und her. „Der gute Mann, der dafür gesorgt hat, dass ich nicht völlig über die Stränge schlage?“
      Etwas blitzte in Ruperts Augen auf, während er die ausgestreckte Hand, die fast so bullig war wie seine eigene, begutachtete. Dann, ganz langsam, senkte er die Axt und erwiderte den Handschlag steif. „Rupert Sallow. Ich schätze, das war der größte Verlust überhaupt, dass Sie in Rente gegangen sind. Ihr Nachfolger scheint seine Leute überhaupt nicht unter Kontrolle zu haben.“ Er schoss einen Seitenblick zu seiner Tochter, die abfällig schnaubte und beschloss, dass James vielleicht der Einzige hier war, der ihren Vater halbwegs zusammenhalten konnte. Also zog sich Ember ein wenig vorsichtig zurück und überließ die beiden Männer sich selbst, um sich dem anderen Brandherd zu stellen.
      Sie kam zur Tür, als August gerade hereinkam. Sie ließ ihn eintreten und schloss die Tür hinter ihm, mindestens genauso durchnässt wie sie. „Ich habe ja gesagt, dass es eine schwierige Geburt wird. Ich setze jetzt einfach mal meine Karten auf James, dass er ihm wenigstens die Axt ausreden kann.“
      Noch immer war ihre Miene angespannt während sie zu den beiden Männern herübersah, wo Rupert tatsächlich die Axt mittlerweile auf den Boden gelegt und damit begonnen hatte, sein Hemd auszuwringen. „Ich glaube, wir brauchen alle erst mal Handtücher. Eine ganze Menge davon.“
    • August ließ die Spannung des Raumes eine Weile auf sich wirken.
      Und auch wenn ein gewisser Frieden eingekehrt war, so war es doch merkwürdig mit anzusehen, dass Embers Vater die Axt erst sinken ließ, als James zu reden begonnen hatte. Und Ember für ihn geworben hatte.
      Mit einem Mal fühlte sich der Zauberer unendlich alt, als er die Szenerie betrachtete und fragte sich mehr als einmal mehr, wann dieser Hass aufhören würde. Wann würde man Rogues als das akzeptieren, was sie waren? Menschen, die Hilfe gebraucht haben und sich diese selbst hatten suchen müssen, weil die Gesellschaft sie nicht beachtet hatte? Wann würden die Kämpfe und die Angst aufhören?! Vielleicht würde er es nicht erleben. August spürte, dass dies ein Kampf war, den er nur schwerlich erleben würde.
      Als Ember zu ihm trat, grinste er schwach. Doch es lag keine Freude in dem Lächeln. Vielmehr ein Bedauern oder eine Art Erkenntnis.
      "Der Sharokh war eine schwierige Geburt", sagte er ironisch. "Das hier könnte ein Höllenfeuer werden, wenn ich lange in der Nähe deiner Eltern bleibe. Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Alsbald müssen wir mit den Arbeiten beginnen und dann wird Magie von Nöten sein. Sie werden mich zaubern sehen und wenn es um das Tor geht, wird es selbst für dich eine neue Erfahrung sein. Darauf sollten wir sie vorbereiten, damit sie nicht allzu sehr fürchten."
      Oder mit Äxten wirbeln.
      An anderer Stelle nickte James und grinste, als er die Hand des Vaters losließ und sie diese ebenso seiner Frau anbot.
      "Freut mich, Ma'am", grinste Hawthorne auf charmanteste Art und wandte sich danach wieder Rupert zu. "Na, den größten Verlust würde ich nicht das nicht nennen. Es lief schon immer einiges schief bei der Polizei, wenn Sie mich fragen. Ich habe es nur ein wenig besser managen können. Und was meinen Nachfolger angeht...Da haben die Kollegen einen schlechten Griff gelandet, aber meist regelt sich das von selbst."
      Wuchtig stemmte er die Hände in die Hüften und sah zu Rupert.
      "Ja, da haben Sie wohl recht", sagte James und sah zu August herüber, der sich sogleich in Bewegung setzte. Handtücher waren sicherlich bereit gelegt worden und es brauchte eine Myriade davon.
      Eilig huschte er die Treppen hinauf und James sah nochmals zu den Eltern.
      "Setzen Sie sich erstmal. Isabella macht gerade eine wunderbare...äh...Suppe. Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung was das ist. Irgendwas spanisches mit Muscheln. Pälla oder so."
      "Paella, Sie Unwissender!", rief Isabella aus der Küche und James schüttelte resignierend den Kopf.
      "Dann eben das. Trocknen Sie sich ab, essen Sie und versuchen Sie die Zeit zu genießen. Ich weiß, es wird schwer, zwischen all den Zauberern, aber es ist möglich. Keiner hier ist Ihnen feindlich gesonnen...Und Sie könnten mir erzählen, was Sie so machen. Also beruflich natürlich. Interessiert mich brennend. "
      August kehrte mit einigen Handtüchern, die er aus den Zimmern geklaut hatte, zurück und legte den Stapel auf den behelfsmäßigen Tisch, ehe er sich zu Ember kehrte.
      "Ich werde kurz nach Liz sehen", sagte er. "Ich hoffe, deine Eltern gewöhnen sich noch etwas ein, damit sie nicht so fürchten müssen."
      Das letzte sagte er mit einem zuversichtlichen Lächeln auf den Lippen, das seine Augen nicht erreichte.

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    • Während Ember den Moment nutzte, um einen etwas weniger brennenden Atemzug zu nehmen, betrachtete sie August, der den Raum mit anderen Augen las. Niemand musste aussprechen, dass ihre Eltern das Paradebeispiel für jene Menschen waren, die dafür gesorgt hatten, dass dermaßen Hetze auf die Zauberer gemacht wurden. Dass Rupert sich ausgerechnet in James Gegenwart weniger aggressiv zeigte, stimmte Ember alles andere als glücklich. Es war eine Notlösung, sie alle hier unterzubringen, und noch wusste sie nicht, ob sie die Idee gut oder schlecht heißen sollte.
      „Du kannst diese Menschen da nicht drauf vorbereiten“, gab Ember kalt zurück und sie unterdrückte den Drang, zu June zu gehen, die als Einzige mit einem Handtuch um die Schultern und altmodisch wirkender Kleidung aus dem Obergeschoss zurückgekehrt war. Sie stellte sich zu ihrem Mann, die Augen noch immer geweitet, während sie mit jedem Geräusch zusammenfuhr und sich hektisch umsah. „Ich will nicht sagen, ignorier sie, aber du wirst keine Rücksicht auf sie nehmen können. Wenn du zaubern musst, dann tu es. Sie werden verschwinden, wenn du es nicht gegen sie richtest.“
      Was eine nüchterne Aussage sein sollte, fühlte sich an wie eine Klinge, die sie sich eigenmächtig in den Bauch trieb. Jedes Wort versenkte die Klinge ein wenig tiefer in ihrem Fleisch, Worte gleich Waffen. Eigentlich wollte sie nicht so über ihre eigenen Eltern sprechen. Immerhin blieben sie Familie und sich dermaßen zu distanzieren fühlte sich nicht richtig an. Trotzdem hatte Rupert vor Minuten eindrucksvoll gezeigt, was er von seiner eigenen Tochter nun hielt.
      Als August nach oben verschwand, schloss Shawn zu seiner Schwester auf. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete das seltsame Schauspiel, wie ausgerechnet James Hawthorne mit Smalltalk über die Berufe ihrer Eltern betrieb. Und scheinbar damit mehr oder weniger Erfolg hatte, denn die Axt glitt immer weiter aus dem Sichtfeld.
      „Ich glaube, Mom war kurz vor dem Nervenzusammenbruch“, sagte Shawn leise und Ember war sich sicher, einen anklagenden Unterton hören zu können.
      „Wesentlich erstaunlicher ist es, dass sie nicht zusammengebrochen ist. Ich will nicht wissen, was mit Eva vorgefallen ist bevor sie hier aufgetaucht sind.“
      „Wer kam eigentlich auf die glorreiche Idee, eine Französin zu schicken?“
      „Gut, konnte August ja nicht besser wissen, oder?“ Sie zuckte mit den Schultern.
      Eine Pause entstand ehe Shawn seufzte und sich von Ember trennte, um anschließend in der Küche zu verschwinden. Vermutlich wurde er angelockt durch den köstlichen Geruch, der sich langsam entfaltete. In der Zwischenzeit war der besagte Rogue wieder aufgetaucht und legte die Handtücher schlauerweise auf einen niedrigen Tisch, anstelle sie direkt den Personen zu reichen. Während Rupert sich mit James in einem Gespräch über das korrekte Pflegen von Kunst- und Echtrasen verlor, starrte June August an wie ein Beutetier seinen Jäger. Dann war er schon wieder bei Ember.
      „Ah, Liz!“, fiel es Ember siedend heiß wieder ein und sie schenkte August einen schuldbewussten Blick. „Da war ja was… Lass mich mitkommen. Ich werde hier sowieso nicht vermisst.“
      Und damit sprach sie nichts Weiteres als die Wahrheit. Also schloss sie sich ihm an und gemeinsam entflohen sie dem Hexenkessel in ein Stockwerk nach oben. Im oberen Stockwerk verlangsamten sie ihre Schritte, als sie sich sicher fühlten, dass man sie unten nicht mehr hören würde.
      „Es tut mir leid, dass sich die Beiden so…. gebärden. Ich dachte mir schon, dass June zusammenbricht, aber dass Rupert dermaßen ausrastet ist selbst mir neu.“ Sie hätte am liebsten in irgendeiner Form Körperkontakt zu ihm aufgebaut, wusste aber nicht, wie. „Das ist nicht ausschließlich gegen dich gerichtet. Sie sind einfach festgefahren in ihrer Meinung. Sie glauben eher den Medien als ihren eigenen Erfahrungen, fürchte ich…“
      August stoppte unvermittelt neben Ember und sie sah vom Boden auf, den sie stur angesehen hatte. Sie standen bereits vor Liz‘ Tür, wie sich Ember mit einem Schulterblick versicherte, und würden das Gespräch wohl auf einen anderen Zeitpunkt vertagen müssen.
      Ember seufzte. Dann hob sie die Hand und klopfte dreimal mit den Fingerknöcheln an die alte Holztür. „Liz? Bist du wach und hast Hunger?“
    • Erstaunlich, wie schnell sich die Ruhe über einen Ort legte, wenn man das, was einen zerrüttete, einfach zurück ließ.
      So oder so ähnlich erging es August, als er die Treppe Stufe um Stufe erklomm und sich lediglich auf das Geräusch seiner Schuhe auf dem Holz konzentrierte. Wäre es vermessen gewesen, zu schreien? Wäre es unangebracht?
      Vermutlich ja. Vermutlich war es genau das, was diese Menschen von ihm, dem Monster erwarteten, wenn man ehrlich genug die Szenerie betrachtete. Sie würden erwarten, dass August Foremar anfing zu schreien und sich mit kalter Autorität den Raum verschaffte, den er brauchte. Den er so dringend brauchte. Sein Kopf fühlte sich an wie ein wackeliger Melonenkompott und innerlich verfluchte er den Tag, an dem die Magie auf die Welt gekommen und sie alle entzweit hatte. Auch wenn er sicherlich wusste, dass dieser Hass bereits Generationen überdauerte, schmerzte es ihn, ihn dennoch am eigenen Leibe und auch in leibhaftiger Person zu erleben.
      Am Fuß der Treppe hielt er kurz inne und atmete durch, um Ärger und Wut hinab zu spülen und sich auf das zu besinnen, was zählte. Und das ging hinter ihm die Treppe hinauf.
      Diese Frau hatte sich gewandelt, sie hatte ihm eine Art von Empfindung nahe gebracht, die er lange verloren glaubte und letztlich war sie alles, was hier und jetzt zählte. Deswegen waren sie hier, in Sallow Manor, in einem Moor am Ende der Welt. Deswegen und nicht wegen Rupert und June, die noch immer angeregt mit James diskutierten. Worüber, das wussten die sieben Teufel.
      Ruhig wollte er soeben an Liz's Tür klopfen, als Ember zu sprechen anhob. Ihre Stimme fühlte sich fremd an, als würde sie versuchen, eine Wune zu heilen, die zu tief war. So tief, das man nicht mehr an Heilung denken konnte. Und doch...Ihre Worte waren seltsam beruhigend, beinahe betörend ruhig. Innerlich spürte August, dass er danach greifen wollte, dieser Ruhe, diesem Zufluchtspunkt, der ihm beinahe abhanden gekommen war. Und den er so vermisste. Die Zeit allein, zu zweit, in ein Bett gekuschelt und der Welt entflohen. Mit Sicherheit war dort auch ein unanständiger Gedanke, jedoch war dies nettes Beiwerk. Es brauchte doch nicht mehr...
      "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen"; sagte er und sah Ember kurz, aber warmherzig an. "Es ist nur...Es ist hart, diese GEfühle zu hören, obschon ich mich daran gewöhnt haben sollte. Doch der Hass, der einem entgegen schlägt, nur weil ich Dinge kann, die sie nicht können, lässt mich in Unverständnis zurück. Und ich wünschte, ich könnte es ändern. Könnte es gut machen, weißt du..."
      August zuckte die Achseln und sah zur Tür, an die Ember klopfte.
      Ruhig und beinahe knarrend gruselig öffnete Liz die Tür und sah hinaus. Noch immer wirkte die Frau unverändert, doch das geschulte Auge vermochte die leichte Rötung ihrer Augen und die geschwollenen Lippen erkennen. Typisch für sie. Sie steigerte sich so her hinein, das Weinen zu unterdrücken, dass sie beinahe körperliche Ausfallerscheinungen bekam.
      "Ich habe keinen Hunger", sagte sie kalt und ohne einen Funken von Unsicherheit.
      "Liz..."
      "Nein, August", schnitt sie ihn kalt ab. "Ich bin es Leid. Ich bin das alles so Leid! Ständig und überall verteufeln sie uns, weil wir Lampen ohne Schalter anmachen können. Sie verteufeln uns, weil Medien uns für Monster halten. Nur weil einer, EINER!..."
      Sie hielt inne und fuhr sich über die Wange um eine Träne fort zu wischen, die sie nicht akzeptierte.
      "Hat eigentlich Jemand eine Ahnung, wie sich das anfühlt?!", sie sah nunmehr Ember direkt an. "Ich hätte gern mit deinem Bruder gesprochen. Auch wenn er unsereins hasst. Aber ich hätte es gern versucht."
      "Ich bin sicher, niemand wollte dich übervorteiln, Liz..."
      "August? Sei so gut und halt einmal deine Klappe! Das ist ein Gespräch zwischen uns beiden. Ich weiß, du meinst es gut, aber das hier ist einfach unfairer Scheißdreck. Also...Was hast du zu sagen, Sallow?!"
      Trotz der Angriffslust ihrer Worte erschien ihre Sprache brüchig und in den Rändern ihrer Augen sammelten sich Tränen. Auch das hatte August noch nie gesehen.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ember hatte den Moment verpasst, in dem sie Körperkontakt zu August hätte aufbauen können. Doch sein Blick, dieser ungewöhnlich warme Ausdruck in den hellen Augen, machte ihr deutlich, dass sie es auch gar nicht gebraucht hätte. Er fühlte das Band zwischen ihnen und den Versuch, mittels Worten eine Verbindung zu knüpfen. Als nichtmagische konnte Ember sich schlecht in die Lage eines Rogues versetzen, allerdings kannte sie es selbst sehr gut, mit Anfeindung und Ablehnung selbst in den eigenen Reihen umgehen zu müssen. Doch solch eine grundlegende Ablehnung zu erfahren überstieg auch ihren Horizont. Was sie jedoch mindestens genauso unverständlich war, war der Punkt, dass August etwas gutmachen wollte, das man nicht gutmachen konnte. Niemand konnte sich für das entschuldigen, was man war. Niemand konnte das Schicksal eines ganzen Volkes oder einer Rasse auf den eigenen Schultern tragen. August konnte nur für sich selbst Sorge tragen und gerade, als Ember das erwidern wollte, öffnete sich die Tür mit einem gedehnten Knarzen.
      Binnen gefühlter Mikrosekunden scannte Embers wacher Blick Liz‘ Gesicht vollständig. Was sie sah war das Gesicht einer Frau, die ihre eigene Gefühlslage nicht akzeptierte. Die dermaßen im Frust und Wut unterging, dass ihr Körper auf Eigenregie geschaltet hatte. Das bewiesen die geröteten Augen, aus denen sich Tränen lösen wollten, aber nicht durften und die minimal zitternden Lippen, als Liz das Essen ablehnte. Im ersten Moment war selbst Ember überrumpelt, wie sehr es Augusts Assistentin mitnahm, dass…. Moment. Weil sie Shawn weggeschickt hatte?
      Als Liz Augusts Worte abschnitt, brüstete sich Ember bereits und schob Überraschung und Sorge zur Seite. Sie wurde gar ein Stückchen größer, als sie einatmete und sich darauf einstellte, dass gleich Liz Ärger ihr gelten würde. Lediglich die schmaler werdenden Lippen der Detective zeugten davon, dass Liz ihr Mitgefühl bekam, als diese sich eine Träne mit ruppiger Bewegung von der Wange fegte.
      „Zum einen wäre es großartig, wenn du meinen Namen und nicht meine Familie als Anrede für mich benutzt“, gab Ember ruhig zurück und signalisierte indirekt damit, dass sie sich entgegen der Handlungen und Denkweisen ihrer Familie stellte. „Zum anderen habe ich weder dir noch Shawn verboten, miteinander zu reden. Das ist nicht mal mein Recht. Er hat auf meinen Hinweis hin eigenständig reagiert, er hat es sich selbst so ausgesucht.“
      Früher hatte Ember oftmals die Konsequenzen für ihren jüngeren Bruder getragen, doch jetzt tat sie es nicht mehr. Er war alt genug um zu entscheiden, wie er auf Umstände reagierte, die ihm Unwohlsein bereiteten.
      Respektvoll trat Ember einen Schritt zurück, um Liz im Spalt ihrer Tür mehr Raum zu geben. „Ich bin nicht diejenige, die anderen einen Riegel vorschiebt, Liz. Das solltest du auch sehen, indem ich zugelassen habe, dass meine Eltern hierherkommen, wohlwissend, dass sie alles und jeden verteufeln würden. Ich weiß, du hast es nicht mitbekommen, aber vielleicht hätte es dir einen etwas anderen Einblick verschafft, wenn du draußen im Moor gesehen hättest, wie mein eigener Vater mit mir umgegangen ist. Wie meine eigene Mutter mich ansieht, nachdem sie feststellen durfte, dass ich mit August zusammenarbeite.“ Dabei zuckte ihr Blick nicht ein einziges Mal in die Richtung des Rogues, obwohl sie seinen Blick förmlich auf ihr fühlen konnte. „Ihr erfahrt Ablehnung für das, was ihr seid. Ich erfahre Ablehnung, weil ich mit Zauberern arbeite. Also ja, ich kann es gewissermaßen nachvollziehen.“
      Die Angriffslust in Liz‘ Stimme war reine Schutzmaßnahme. Das kannte Ember zu Genüge und sah um die Fassade herum. Die Zauberin war verletzt, weil sie nicht einmal zu Worte hatte kommen können, um etwaige Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.
      „Ich musste erst mal mit meinen Eltern fertig werden, damit Rupert niemanden aus Versehen etwas abhackt. Ich musste Shawn dahingehend etwas zuwerfen von dem ich mir dachte, dass er es nehmen und gehen würde. Mein kleiner Bruder ist manchmal etwas kurzsichtig, aber ich versichere dir, dass du noch immer mit ihm sprechen kannst. Schließlich hat er ja auch einen gewissen Draht zu August gefunden, und das will schon was heißen.“
      Ihre Mundwinkel zuckten leicht in dem Wohlwollen, ein Lächeln zu produzieren. Ein aufmunterndes, gutzusprechendes Lächeln. So kurz, wie sie Liz erst kannte, wusste sie nicht, mit ihr umzugehen. Grenzen musste sie erst noch abstecken.
      „Wenn du ihn ansprichst, kann er sich dir im ersten Moment eh nicht erwehren. Ich weiß, wie es aussieht, wenn jemand das Interesse meines Bruders geweckt hat.“
    • I′m scared to get close, and I hate being alone
      I long for that feeling to not feel at all
      The higher I get, the lower I'll sink
      I can't drown my demons, they know how to swim

      BMTH - Can You Feel My Heart



      August verblieb ruhig und überließ den beiden Frauen das Feld ihrer Emotionen. Und Emotionen wallten auf wie sich brechende Wellen. Und sei es auch noch so widersinnig, er verstand beide Seiten.
      Liz indes lauschte ausnahmsweise aufmerksam den Worten der Frau, die sie aus irgendeinem (Jeder andere vermochte den Grund zu erkennen) Grund nicht mochte. Ihre überhebliche Art (zumindest kam es ihr so vor), die selbstgerechte Selbstjustiz in Form einer Bevormundung. Es war immer dasselbe oder? Immer dieselbe Masche und immer dieselben Ausreden. Als seien sie alle Kinder. Kinder, die es zu beschützen galt.
      "Glaub mir, Ember", begann Liz schließlich und öffnete die Tür ganz um sich in den Türrahmen zu legen. Unter ihren weiten Laborkleidern zeigte sich eine recht trainierte Figur, die Embers austrainiertem Körper nicht unähnlich war. "Du hast nicht den Hauch einer Ahnung...Du warst und bist vielleicht nicht diejenige, die ihm verbat, mit mir zu sprechen, das gestehe ich dir zu. Aber dennoch gabst du den Hinweis, weshalb er es nicht tat. Du warst diejenige, die mir den Stempel des verbrannten Mals aufdrückte, auch wenn es vielleicht gut gemeint war! Und das war unfair!"
      Auf ihre Erwähnungen hinsichtlich ihrer Familie wusste Liz zunächst nichts zu sagen, obschon sie den Hinweis mit August mit einem schwachen Grinsen aufnahm. August indes protestierte.
      "Hey!"
      "Komm schon, du weißt sie hat Recht. Erinnerst du dich noch an den einen Wissenschaftler aus meinem Team?! Du hast ihn vergrault."
      "Ich habe nichts dergleich-"
      Liz seufzte und rückte die Brille gerade. "Du hast ihm die Chimäre am ersten Tag gezeigt. Der Gute hat sich eingeschissen."
      Kopfschüttelnd rückte August etwas ab, während Liz sich wieder Ember zuwandte.
      "Nein, ich denke, es wäre nicht gut, wenn ich das nun täte", sagte sie schlussendlich. "Hör zu, mir tut es Leid, dass deine Familie sich unseretwegen von dir entfernt. Muss schwer sein, den Rückhalt der Menschen zu verlieren, die man am meisten liebt. Aber glaub mir, dass du lediglich die Oberfläche dessen ankratzt, was wir erlebt haben. Wir werden verfolgt, gehasst und verteufelt. Alles Schlechte dieser Welt ist unsere Schuld und die der Arkana, diesem Verbrechersyndikat. Dass die meisten Rogues keine Wahl haben, als sich selbst zu unterrichten, weil man unsere Weltansicht verachtet. UNd ja, da sind es die Kleinigkeiten, die einen Unterschied machen. Du bist hier, gibst dich mit uns ab, aber es ist nicht okay, Jemanden zu brandmarken, weil man Wahrheiten aussprechen muss. Ich bin sicher, dein Bruder hätte über kurz oder lang herausgefunden was ich bin und wäre vielleicht fortgelaufen, ja. Vielleicht hätte ich mich getäuscht und würde jetzt Eis essend auf dem Boden sitzen und heulen. Aber es wäre meine Erfahrung! Und die wurde mir genommen."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Jetzt wäre üblicherweise der Zeitpunkt gewesen, in dem Ember auf eine Uhr geschaut und es noch als viel zu früh betitelt hätte. Zu früh, um sich mit solchen Themen zu befassen, zu früh, um an vier Brandherden gleichzeitig zu stehen. Früher wäre sie auf fast jede einzelne Bemerkung seitens Liz‘ angesprungen, ihre jahrelange Arbeit hatte ihr jedoch zugetragen, nicht sofort ihr Mundwerk in Fahrt zu bringen. Trotzdem konnte auch sie nicht unterbinden, dass der Versuch, eine verständnisvolle Atmosphäre und eine, wenn auch, versteckte Entschuldigung anzubringen, in Luft aufging und die Distanz wieder Einzug hielt. Mittlerweile war sich Ember absolut sicher, dass es keine Seite gab, die sie definitiv als schwarz oder weiß markieren konnte. Der Konflikt war auf beiden Seiten festgefahren: Die Menschen, die sich wegen ihrer Minderwertigkeit fürchteten und es jedem vorhielten, der anders war, und die Zauberer, die sich immer wieder auf ihre Opferrolle beriefen oder deswegen zu Gewalt tendierten. Beiden Seiten befeuerten sich immer wieder aufs Neue und seitdem sich Ember für die Grauzone entschieden hatte, wurde ihr es zunehmend immer stärker bewusst. Dieser Konflikt war nichts, was sie kitten konnte. Das überstieg schlichtweg ihre Kompetenz und vielleicht auch Rolle. Aber sie würde zumindest ihr Umfeld beeinflussen – in welcher Art und Weise auch immer.
      „So wie du mir vorwirfst, dass ich dir einen Stempel aufdrücke, verbitte ich mir, dass du dich für meine Familie entschuldigst. Das ist eindeutig deren Problem mit deren engstirniger Sichtweise und da kann nur ein einziger Rogue etwas für. Ein einziger, der ihnen eine Person aus dem Leben gerissen hat und nun dafür verantwortlich ist, dass sie jedem anderen Zauberer eine rote Flagge anheften.“ Die verschränkten Arme waren vor Embers Brust zurückgekehrt. Teilweise, weil sie sich damit davon abhalten wollte, unüberlegte vorschnelle Aktionen zu ergreifen. Aber ihr Tonfall war schon lange nicht mehr so nett und versöhnlich wie noch Minuten zuvor. „Ich vergleiche nicht, was ich erfahre mit dem, was ihr erfahrt. Kann ich auch gar nicht. Aber ich versuche dir wenigstens gerade einzutrichtern, dass ich mir Mühe gebe, es nachzuvollziehen. Wenn du mal Lust hast kannst du gerne August fragen, dass ich sehr genau weiß, dass Rogues sich selbst unterrichten müssen. Selbst lernen müssen. Hab ich selbst am Leib erfahren.“
      Eine Geschichte, die sich Liz gerne von August erzählen lassen konnte, sie hier und jetzt ihr mit Sicherheit nicht erzählen würde.
      „Ich gebe mich nicht mit euch ab. Ich arbeite mit euch zusammen. Hör auf, dich und deinesgleichen selbst schlechtzumachen. Dir gefällt nicht, dass die Menschen euch brandmarken? Dann stell dich nicht so leicht genau da hin, wo sie mit ihrem Eisen hinzielen. Der Großteil der Rogues und Arkana verurteilen mich, weil ich ein Mensch bin und mit der Justiz zusammenarbeite. Ist gar nicht so unähnlich, wenn du mich fragst. Nur bleib ich nicht freiwillig da stehen, wo sie mich haben wollen.“ Sie schnaubte. Konnte es nicht für eine kurze Weile keine ständigen Konflikte geben?
      Scharf deutete Ember mit einem Fingerzeig Richtung Treppe und nach unten. „Jetzt hör auf, dich hier zu verkriechen und komm mit nach unten was Essen. Das hast du nicht nötig und ich werde unangenehm, wenn ich nicht langsam etwas zu essen bekomme.“
    • Liz sah eine ganze Weile zu Ember und im ersten Moment schien es beinahe so als wolle sie Luft holen, um gegen diese unsinnige Argumentation zu sprechen. Es wurde jedoch zu einem Wettbewerb des Schrecklichen und würde in nichts mehr als Trauer und Frust enden, wenn man es logisch betrachtete.
      Daher, und auch weil August ihr aus dem Hintergrund einen warnenden Blick zuwarf, zuckte die mit den Achseln und warf die Tür wieder ins Schloss. Sorgsam fischte sie aus den Sachen, die wild am Boden des Zimmers verstreut lagen, ihr schäbigstes Laborhemd und richtete ihre Brille gerade, ehe sie die Tür aufriss und vor Ember und August nach unten stapfte.
      "Das war ja ein Auftakt...", murmelte August und grinste schwach als er hinter Ember die Treppe hinab stieg.
      Erneut hatte man sich alle Mühe gegeben, das Foyer zu verwandeln. Der Küchentisch war durch die geräumige Tür in das Foyer gewandert, damit man mehr Platz hatte und nahe den Flammen war, die knisternd den Raum wärmten. Die Sofas hatten sie an die Seiten gedrückt und Stühle rund um den Tisch platziert.
      Noch immer hielt James Rupert gefangen und diskutierte mit ihm über allerlei (wie August empfand) Unsinniges. Diesmal erschien es der Alltag seines eigenen Berufes zu sein, denn er schien sich recht lebhaft über seine Rekrutenzeit unter den Jahren von Mrs Thatcher zu unterhalten. Man konnte davon halten, was man wollte, aber zumindest erschien Rupert nicht mehr ganz so argwöhnisch. Eva hatte den Raum derweil verlassen und man konnte ihr nicht verdenken, dass sie auch nur eine Sekunde länger geblieben war, als notwendig. Sie hatte ein Gebiet zu beschützen und es würde nicht allzu lange unbemerkt bleiben, dass der Krieg losgebrochen war. An den Rand des Kamins, auf einen der Sessel, hatten sie ein kleines Radio platziert, aus dem merkwürdige Melodein schepperten. Hin und wieder unterbrochen von weißem Rauschen drang auch hier und dort einmal die Stimme eines Radiosprechers hervor, der über die neuesten Geschehnisse informierte. Der Himmel wusste, wie lange sie hier sicher waren.
      "Wo ist mein Apparat?!", zischte Liz und sah sich beinahe schmerzhaft suchend um. "Wer hat den Apparat abgebaut, er darf nicht berührt werden, er..."
      "Er ist hier!"
      Izabella, die die Küche nunmehr verlassen hatte, wies mit ihrem Kopf auf Augusts Koffer, der unauffällig im Raum stand. Die wilden Haare der Spanierin waren mit einem Band zusammen gefasst und ihre dunklen Wangen waren rosig von der Hitze der Kochplatten. Ihre Hände wischte sie an einem Tuch ab und sah dankbar dabei zu, wie James neben der Unterhaltung noch ein paar Kerzen entzündete, um ein wenig Stimmung am Tisch zu verbreiten.
      "Wie...Was...Also..."
      Liz erschien mit einem Mal in ihren Grundfesten erschüttert. Wie hatten sie...Wie hatten sie den stolzen Apparat, den sie so mühevoll aufgebaut hatte, auch nur ansatzweise bewegen können?
      Erst danach fiel ihr ein, dass er nicht verankert war und es nur weniger Handgriffe bedurfte, das Pendel zu entfernen und die Konstruktion in sich zusammen zu schieben.
      Als Liz mit der Schuhspitze gegen den Koffer drückte, schepperte es darin wie in einem Geschirrschrank. Schlagartig gefror ihr Gesicht mit der Erkenntnis, dass man ihn nicht zusammen geschoben hatte. Sondern einfach nur in den Koffer gestopft...Wie ein Tier...
      "Das kann doch nicht...", wisperte sie, während August sich bereits an den Tisch setzte und einen Stuhl neben sich für Ember heraus zog.
      Izabella grinste und schleppte unter leichtem Stöhnen eine recht gewaltige Wokpfanne herein, die sie mit der Hitze beider Kochplatten bedienen musste. Zufrieden schmetterte sie diese in die Mitte des Tisches, sodass das Geschirr leicht hüpfte, aber ein wohliger Geruch den Raum erfüllte.
      "Ah, Essen. Palla, wie die Alten es lieben."
      "Paella", korrigierte sie James.
      Dieser zuckte die Achseln.
      "Paella, Palla, Pullern, drauf geschissen. Das Herz lacht, wenn es was zu essen gibt und macht Feinde zu Brüdern!"
      "Darauf trinke ich", murmelte August und hob das noch leere Glas. "Bedient euch! Setzt Euch. Esst und trinkt."
      Auf Frieden und Harmonie, dachte er sich.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Innerlich sammelte Ember ihren letzten Reserven, um Liz dann doch mit einer nicht sehr schönen Manier dazu zu zwingen zu tun, was sie wollte. Folglich sah sie, wie die andere Frau vermutlich wohl ansetzen wollte, ihr Blick jedoch an der Detective vorbei ging und Ember sich schmerzlich bewusst wurde, dass das ausschlaggebende Argument nicht sie gewesen war, sondern der Rogue in ihrem Rücken. Dann wurde ihr buchstäblich die Tür vor der Nase zugeknallt, es vergingen etliche Sekunden. Schließlich tauchte sie in der Tür wieder auf, mit sichtlich ramponierten Klamotten, und fegte wortlos an August und Ember vorbei nach unten.
      „Wieso müssen die sich aber auch alle so schrecklich bescheiden anstellen?“, murrte Ember leise, zusammen mit August nun auch auf dem Weg nach unten. „Langsam glaub ich, dass das doch eine nicht so kluge Idee war. Zu viele Sonderformate auf einem Fleck.“
      Besagte Sonderformate hatten sich unten im Foyer völlig neu ausgelebt. Ein weiteres Mal wurde umdekoriert und nun befand sich der Küchentisch vor dem Kamin, der immerhin Wärme ausstrahlte und das heruntergekommene Anwesen mit etwas Licht zu erwärmen suchte. Sofort suchten Embers Augen nach ihren Eltern. Rupert fand sie noch immer erfolgreich in den Fängen von James, der seiner Arbeit alle Ehre machte. Er hielt den Menschen bei der Stange, indem er ihm einfach gar nicht die Zeit ließ, sich mit anderen Anwesenden zu unterhalten oder sich irgendwelche abstrusen Meinungen zu bilden. Wenigstens war hier eine Zündschnur erstmal erstickt worden. Blieb nur die Frage, wo das nächste abgeblieben war. Oder eher die zwei. Denn weder June noch Shawn waren zu sehen. Der Apparat besaß für Ember sichtlich wenig Bedeutung, als sie langsam zum Tisch ging, wo sich August bereits einen Platz ausgesucht und ihr einen Stuhl hervorgezogen hatte. Sitzen konnte sie nicht. Noch nicht. Also ließ sie nur die Hände auf der Rückenlehne ruhen, nachdem sie sich davor postiert hatte.
      Fast hätte sie den Frust von vor wenigen Minuten vergessen, als Izabella einen gewaltige Pfanne herwuchtete und ein unglaublicher Duft den Raum erfüllte. Kein Vergleich zu den Dosenravioli oder der fragwürdigen Suppe, die James ihnen dankbarerweise angeboten hatte. Das hier war eine völlig andere Nummer und insgeheim wusste Ember, dass ihre Mutter …
      Es knarzte hinter ihnen, als jemand aus dem oberen Stockwerk herunterkam. Ember warf einen halbherzigen Blick über ihre Schulter und entdeckte Shawn, der mit June die Treppe gerade am Absatz verließ. Er hatte seinen Garderobe gegen etwas gewechselt, das wie ein viel zu großes Leinenhemd und eine dunkle Cordhose aussah, wohingegen June ein fleckiges, aber ehemals sonnengelbes Kleid irgendwo ausgegraben hatte. Sofort erkannte Ember es als eines jener Gewänder, die in dem Kleiderhaufen in Augusts Koffer gelagert waren.
      Wer zur Hölle hatte ihr ausgerechnet eines dieser Kleider gegeben?
      Offensichtlich musste man die Fassungslosigkeit in Embers Gesicht ablesen können, denn Shawn sah sie nur mit erhobenen Augenbrauen an, als er June auf einen Platz nahe sich und Rupert setzte. Wie als Palisade schirmte er die zierliche Frau von der anderen Seite ab und ließ damit für Liz exakt einen Sitzplatz frei: Den neben sich. Hatte er eine Wahl gehabt? Womöglich?
      Seufzend ließ sich Ember schließlich doch auf den Stuhl neben August sinken und hätte am liebsten die Hände vor dem Gesicht zusammengeschlagen. Wie sehr sie sich jetzt die Versammlung der Arkana lieber herbeigewünscht hätte als diesen Zirkus hier. „Gib mir auch ein Glas…“, forderte sie August etwas unwirsch auf, bekam aber ihren Willen und bereute ihn sogleich darauf. War das noch immer das widerliche Gesöff von James?!
      Indes wurde begonnen, die Paella zu verteilen und Shawn holte sich eilig einen Teller, den er seiner Mutter vorschob. Die arme Frau war noch immer am zittern und hatte Augen so groß wie Untertassen, die immer größer wurden, je länger sie die Anwesenden betrachtete. Vermutlich malte sie jedem den Teufel auf die Stirn, ohne zu wissen, wieso eigentlich. Ehrlich erstaunt war Ember jedoch als sie bemerkte, dass ihr Bruder einen weiteren Teller nicht für sich, sondern für Liz organisierte und ihn ihr kommentarlos, aber mit sanfter Geste, hinstellte. Er mied ihren Blick, aber es sprach keine imminente Feindseligkeit aus seiner Handlung.
      Wow, dachte Ember, vielleicht hört er ja doch mal auf seine Schwester…
      „Das ist authentische Paella Valenciana“, kam es plötzlich ganz leise und kaum hörbar von der gegenüberliegenden Seite des Tisches. June hatte ihren Teller untersucht und einen einzigen Löffel probiert, während sie vorsichtig die einzelnen Zutaten separierte. „Sie hat echten Safran für die Farbe benutzt und den Rosmarin zum Schluss nur aufgelegt. Das Fleisch ist Kaninchen, kein Huhn…“
      Da gaffte die Tochter ihre Mutter einen Augenblick lang an, dann seufzte sie etwas erleichtert auf. Wie vorausgesagt war es das Essen, das bei June am ehesten die Dämme brach und genau das hatte Izabella gerade mit Bravour geschafft. Sofern gewisse andere Zauberer jetzt keine Show abzogen.
      An August richtete sie nun ihre nächsten Worte: „Also schauen wir morgen oder später noch mal mit dem Apparat nach Signaturen? Da waren doch Ausschläge, sollten wir die untersuchen? Ah, und ist Eva schon wieder weg? Ich hätte mich gern noch für meine Eltern… hm… entschuldigt. Oh, danke dir.“ Sie nahm einen Teller wunderbar duftender Paella an und ihr lief direkt das Wasser im Munde zusammen.
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