[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Hawthornes Grinsen wich einer bitteren Erkenntnis.
      Sie saßen richtigerweise in diesem Haus fest. Sicherlich, ein Safe House war es mit all den Talismanen und Hawthorne hegte nicht einen Zweifel daran, dass selbst der Leibhaftige keinen Weg in dieses vermaledeite Gefängnis finden würde. Jedoch stellte sich vielmehr die Frage, wohin es von hier aus weiter ging. Das war auch August ihm schuldig geblieben.
      "Ach...Nancy sieht das Ganze nicht so eng", murmelte er und zuckte die Achseln. "Sie war recht fasziniert von Foremar, muss ich zugeben. Er war mal bei uns zum Essen vor einigen Wochen. Sie war eigentlich ziemlich von ihm eingenommen. Er kann charmant und witzig sein, wenn er möchte. Und manchmal ist er einfach ein verrückter Arsch. Und wegen der Sache damals: Vergessen Sie's. Wir haben Sie damals richtig hinters Licht geführt. Es gibt nichts zu bedanken. Viel eher für mich zu entschuldigen."
      Kopfschüttelnd goss er ihrer beider Gläser nach und seufzte.
      "Er hat mir nicht gesagt, was jetzt geschieht oder was das hier alles soll. Er sagte nur, dass es Wissen gibt, dass noch nicht für Ohren bestimmt ist. Er ist jedoch darauf erpicht, das Geheimnis der Familie Sallow aufzudecken, wie es scheint. Und scheinbar ist das Geheimnis größer als bisher gedacht", sagte er und kramte seine Zigaretten heraus. "Ich meine, schauen Sie sich um. Ich bin erst seit Stunden hier und habe das Gefühl, diesen Ort zu kennen. Als wäre er mein eigenes Haus gewesen. Ist eine merkwürdige Stimmung hier...UNd wegen der Bibliothek denke ich, dass sie Recht haben. Vermutlich sucht er Quellen. Er hat mir mal erzählt, dass er nach dem Ursprung, dem "Mehr", sucht, was sie alle umgibt. Er versucht scheinbar immer noch, seine Familie und Freunde aus den Toren zu retten und glaubt vermutlich, so eher zum Ziel zu kommen."
      Mit einem Klicken seines Feuerzeugs entflammte sich die Zigarette.
      "Völliger Stuss, wenn Sie mich fragen", murmelte er und bließ den Rauch aus. Ruhig sah er Ember an und musste grinsen. "Wissen Sie...Ich habe mich schon damals immer gefragt, warum Sie es eigentlich waren. Die er haben wollte. Mit der Foremar arbeiten wollte. Mittlerweile glaube ich zumindest zu ahnen, dass er sie wirklich mag. Abgesehen von ihrer Herkunft und dem ominösen Mist um Ihre Familie herum. Ich frage mich nur..."
      Sachte zog er den Aschenbecher heran. "Wie stehen Sie dazu?"
      Auf ihre letzte Frgae hin schüttelte er den Kopf.
      "August kommt immer, wenn er es sagt. So viel durfte ich bis jetzt lernen", grinste Hawthorne und zog erneut den brennenden Rauch ein. "Wir warten, ja. Es soll noch Jemand kommen. Eine Art Forschungskollege, wie er sagt. Er hat ihm wohl bei der Enträtselung mancher Geheimnisse des Tores geholfen. Gemeinsam wollen Sie hier unter anderem das Sallow Anwesen untersuchen und den Tod verarschen. Fragen Sie mich nicht. Mein Job ist Ihr Schutz. Der Rest ist mir egal."

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    • „August war bei Ihnen zum essen?“, wiederholte Ember sicherheitshalber, um auszuschließen, dass sie es falsch aufgefasst hatte. Um Gottes Willen, also hatte der Rogue tatsächlich noch die Nerven gehabt, sich außerhalb des DnD inmitten einer beschaulichen Ansammlung von Wohnhäusern zu zeigen. Darüber hinaus hatte er seinen ehemaligen Jäger bei ihm zuhause besucht und außerdem noch seine Frau verzaubert. Ein ehemaliger Schwerstverbrecher war bei seinem Häscher zum Essen. Das war es auch, was ihr ein wissendes, wenn auch spöttisches Grinsen ins Gesicht trieb.
      „Also wenn ich nicht von seiner Wechselbalgnatur weiß, dann ja wohl niemand.“
      Den Witz in seinen Worten zu finden mochte sich durchaus als schwierig gestalten von Zeit zu Zeit, aber charmant konnte er sein. Spätestens, wenn sie an den Abend der ersten Versammlung der Arkana zurückdachte, konnte sie diesen Punkt sehr gut nachvollziehen. Oder wo er einfach verschwand und sich in seinem Leid suhlte, da nahm er eher die Rolle des Arsches ein.
      Ember startete den schwachen Versuch, ihren Becher von Hawthorne wegzuhalten, doch da hatte er ihr bereits Plörre nachgekippt. Missmutig schwenkte sie den viel zu vollen Becher und seufzte. „Mhm, Geheimnisse waren schon immer sein Ding. Ständig muss man ihm alles aus der Nase ziehen und dann wundert er sich, warum ich immer so säuerlich darauf reagieren, wenn ich was erst später erfahre. Wie das hier zum Beispiel.“ Sie gestikulierte einmal im Kreis. „Ein komisches, verstecktes Anwesen. Namen, die aus alten Schriften nachträglich gestrichen worden sind und Verbindungen zur Entdeckung der Magie. Ich nehm's August ja nicht mal übel, dass er sich dafür interessiert. Er war ja schon immer zu wissbegierig.“
      Das bewies unter anderem der Spiegel in den Untiefen seines Koffers. Oder die Zeichen auf seinen Rippen, die schwarz wie Mahnungen von seiner Haut hervor stachen. Während Hawthorne weitersprach, traute sie sich doch nochmal an den Schnaps und verzog erneut das Gesicht. Wenn auch deutlich weniger stark. Leugnen konnte man jedoch nicht, dass er ganz allmählich die Kälte aus ihrem Inneren tilgte und das Gefühl der Müdigkeit noch bestärkte. Allerdings wunderte es sie, dass auch er solch eine seltsame Verbindung zu diesem Anwesen verspürte. Sicher, in ihrem Fall lag es einfach daran, dass sie den Familiennamen trug und Geschichten kannte. Aber James war hier vollkommen fremd und darüber hinaus hatte keiner von ihnen auch nur einen Grund, sich in einer Ruine heimisch zu fühlen.
      Hawthornes Grinsen erwischte Ember jedoch auf dem völlig falschen Fuß. In ihren Augen lag unverhohlene Überraschung und entgegen ihrer Natur eine Spur Scham. So wie er es formulierte... Die er haben wollte.... Klang beinahe danach, als habe er damals schon ein Auge auf sie geworfen. Aber das war aus ganz anderen Aspekten gewesen! „Hey, hey, hey, der Grund, warum er anfangs nur mit mir gesprochen hat, war einfach der, dass er sowas wie 'ne Prophezeiung bekommen hat, ja?“ Gut, vielleicht eine kleine Spur zu bissig, aber sei es drum. „Er wusste, dass er sich an meine Fersen heften musste, damit er aus seinem Deal da rauskam. James, er hat mir später direkt ins Gesicht gesagt, dass er mich anfangs nicht mal ausstehenkonnte. Ich war die nervige Detective an seiner Seite.“
      Eine für ihre Kapazitäten übermotivierte, teils kurzsichtige und zu temperamentvolle Ermittlerin. Wie auch immer es gekommen war, irgendwann hatte er etwas für sie entwickelt, aber in all dem Chaos hatte Ember sich nie wirklich die Zeit genommen, ihre eigene Gefühlswelt zu hinterfragen. Jedenfalls musste der leichte Farbton in ihrem Gesicht von dem Schnaps oder dem Kerzenschein rühren.
      „Sie müssen ja erstaunlich viel mit ihm zu tun haben, wenn Sie meinen, er habe was für mich übrig. Er hat es nie wirklich offen gesagt, sondern eher verschroben ausgedrückt oder gezeigt.“ Wobei ich jetzt nicht unbedingt das bessere Beispiel wäre. „Es ist nur.... seltsam, das aus dem Mund eines anderen zu hören. Mittlerweile weiß ich, dass er meine Nähe genießt und andersherum. Er schützt mich mehr, als er seine Freunde schützen würde.... Denke ich.“
      Sie strich mit ihrem Zeigefinger an ihrer Unterlippe herum, nachdenklich gestimmt. Dann zog Hawthorne den Aschenbecher zu sich, um seine Aschereste hinein fallen zu lassen und stellte eine wesentlich pikantere Frage.
      Ember blinzelte ihn an. Sie überlegte. Lange. Dann ließ sie ihre Hand vorm Gesicht sinken und begann wieder, den Becher zu schwenken. „Schwierig. Ein Teil von mir denkt immer noch, dass Augusts Verhalten darin begründet liegt, dass ich ihm neue Wege für seine Forschungen liefern könnte. Immerhin hat er mich gefragt, ob ich ihm bei den Toren helfen würde. Er ist und bleibt ein Forschender, wie man hier ja sieht. Auf der anderen Seite kann ich nicht leugnen, dass da eine gewisse Faszination besteht.“ Faszination... Ja, ein atemberaubendes Wort, das ihr da gerade in den Sinn gekommen ist, um es nicht unverblümt zu sagen. „Aber der größte Teil in mir.... sieht die Deadline über seinem Kopf.“
      Ausgelöst durch ihr eigenes Tun. Wenn sie nicht so töricht gewesen wäre, dann hätte sie sich niemals dem Gedanken stellen müssen, dass sie nur noch Tage mit jemanden verbringen können würde, den sie wirklich mochte. „Ich schöpfe jede Sekunde aus, die bleibt, aber ich habe ständig diese Gewissheit, dass er nur noch Tage hat. Und dann mach ich dicht, weil ich weiß, wie weh es tut, wenn er geht.“
      Sie biss sich auf die Lippen und starrte den Tisch an. Seine Furchen waren aufgesprungen und führten einzelne Risse ab, die bestimmt früher mal von Speisen oder Flüssigkeiten heimgesucht wurden. Vielleicht gaben sie ja Aufschluss darüber, wer hier gelebt hatte...
      „Das zwischen uns ist eher wie ein Lauffeuer. Kurzweilig und heftig, fürchte ich. Wir hatten gar nicht genug Zeit, um uns wirklich kennenzulernen. Das ganze Geplänkel vorher hat ja nie richtig stattgefunden. Ich weiß zum Beispiel nur, dass er eine Schwester hatte und die vielleicht abgehauen ist, bevor alles bei den Foremares den Bach runterging. Ich weiß, dass seine Mutter wohl auch ein Ausnahmetalent insbesondere bezogen auf die Tore gewesen sein musste. Aber was war mit seinem Vater? Nichts weiß ich davon. Ich weiß, dass August Süßes liebt, aber was genau ist seine Leibspeise? Seine Lieblingsfarbe? So banale Sache haben wir nie angesprochen. Weil einfach nicht die Zeit war. Er weiß ja nicht einmal von Emely....“ Einem de größten Bausteine ihrer Seele.
      Schlussendlich seufzte Ember gedehnt und streckte sich, damit sie nicht vollkommen versteifte und doch noch einschlief. Das war auch dringend notwendig bei dem, was ihr Gesprächspartner ihr nun offenbarte.
      „Wenn Sie ihm keinen Namen geben, haben Sie wohl auch keinen, was uns zum Warten verdammt. Schön. Aber dann erklären Sie mir mal bitte, vor was Sie mich schützen wollen. Wenn ich jetzt immer noch nicht auf mich aufpassen kann, was hab ich dann bitte in der Zeit nach Ihrem Abgang geleistet, hm? Ich bin nicht schreiend vor dem Richter weggelaufen, das ist doch schon mal was, oder nicht?“, stichelte sie weiter.
      Wann hatte sie zuletzt eine Unterhaltung wie diese gehabt? Das Gefühl, mit jemanden zu sprechen, der sie schon seit so langer Zeit kannte. Geplänkel, das ihr über die Zeit irgendwie abhanden gekommen war.
    • Hawthorne nickte bedächtig, während Ember mehr und mehr in ihren üblichen Redefluss verfiel.
      Gesprächsführung war nur teilweise eine ihrer Stärken und auch wenn er die Angewohnheit kannte, musste er beinahe lachen. Ganze Minuten lang war er zum Schweigen und Nicken verdammt, was so gar nicht seiner Gesinnung entsprach. Zwischenzeitlich schenkte er sich nach und schnaubte nach einiger Zeit.
      "Ja, August war bei mir zum Essen", bestätigte er. "Er kam bei strömendem Regen zu meinem Haus und wollte eine Information austauschen und meine Frau hatte Mitleid. Wie gesagt, es war an sich ein recht angenehmer Abend. Außer seinem leichten Trübsinn, den er immer mit sich herum trägt, ist er eigentlich ganz verträglich. Wenn er nicht gerade wieder in irgendwas versinkt..."
      Schweigsam lauschte er weiter. Was konnte er auch anderes tun? Sie mussten Zeit totschlagen, die er nicht beschleunigen konnte. Es lenkte jedoch nicht davon ab, dass Hawthorne derartige Gesprächsorgien hasste. Er hasste es schon bei seiner Frau. Grässlich.
      "Schon immer...", murmelte Hawthorne und lachte unter seinem Glas hervor. Sein unrasiertes Gesicht kratzte hörbar über das Metall und erstickten das kehlige Lachen damit. "Sie klingen, als würden Sie sich ewig kennen. Aber ich gebe zu, Unrecht haben Sie nicht. Der Junge ist ein wenig zu fasziniert für Altes und Totes wenn Sie mich fragen. Nachdem ich begonnen habe mit ihm zu arbeiten, habe ich ihn selten ohne Bücher oder magische Apparaturen gesehen. Es ist als würde sein Verstand zwanghaft versuchen, sich in Beschäftigung zu halten. Der Teufel weiß, was er da in seinem Oberstübchen sonst ausbrüten würde. Und das mit den Informationen würde ich nicht persönlich nehmen. Er scheint nicht sehr mitteilsam über Motive zu sein. Also generell nicht."
      Mit einem Mal wirkte Hawthorne nachdenklich. Als würde ihm ein, zwei Dinge klar werden, die er vorher nicht so ganz begriffen hatte. Denn so sehr er sich auch vorstellte, dass die Aussagen der jungen Frau wertfrei zu betrachten waren, so war es doch offensichtlich, dass da ein Gefühl mit schwang. Ein merkwürdig vertrautes Gefühl.
      "Ja, ja", grinste er und lehnte sich in den knarrenden Stuhl zurück. "Wer konnte sie denn ausstehen? Meine Güte, Ember, selbst ich habe Sie nicht leiden können zu Anfang. SIe waren eine besserwisserische, streckenweise arrogant wirkende, beinahe drastisch neurotische und temperamentvolle Frau. Das meiste, was Sie zu Beginn gesagt haben, waren neurotische Ausbrüche oder Spuren zu Fällen, die Sie nichts angingen. Und August ist nichts anderes. Er steckt seine Nase zu sehr in andere Dinge, die ihn nichts angehen. UNd er ist ein unerträglicher Besserwisser, wenn Sie mich fragen. Grässlich."
      Kopfschüttelnd leerte er seinen Becher und sah Ember an. Ja, einem guten Cop entging der Wechsel der Gesichtsfarbe nicht. Und auch, dass dies nicht von der Kerze oder dem fehlenden Licht stammte. Grinsend wartete er auf weitere Verleugnungen, doch wurde er überrascht.
      "Was erwarten Sie von einem Kerl, der über 150 Jahre alt ist und vermutlich so viel Erfahrung mit Frauen hat wie ein 25jähriger? Männer dieser vergangenen Zeit waren keine Gefühlsakrobaten, wenn Sie verstehen...Ich brauche mehr Alkohol für so ein Gespräch..."
      Schweigsam goss er sich in Embers nächstem Redefluss ein und nahm bedächtig kräftige Züge des Gesöffs. Ihr bot er nicht mal mehr etwas an, wissend, dass sie nicht so schnell trank. Und wer wusste, wohin das noch führte? Vielleicht zu einer Art Therapiesitzung. AUch wenn er den Verdacht hatte, dass er schon mittendrin war.
      "Wissen Sie, was ich an Ihnen manchmal nicht leiden konnte?", fragte er unvermittelt, nachdem Sie geendet hatte. "Sie waren immer so stark nach außen hin. Haben sich zumindest so verkauft. Haben die ganze Zeit über so getan, als tangiere sie alles peripher und sich was darauf eingebildet, wenn Sie Details wahrnahmen, die andere nicht wahrnahmen. Aber so herausstechend diese Eigenschaft ist, Ihre Beobachtungsgabe, meine ich, umso weniger nutzen Sie sie zielführend. Überlegen Sie doch mal: August Foremar, magischer Forscher, galt bereits in den frühen 1920ern als Genie auf seinem Gebiet, fragt einen Mensch um Hilfe bei einem magischen Konstrukt? Sicherlich haben Sie Fähigkeiten, die das berechtigen, aber vielleicht wollte er auch einfach nur Zeit mit Ihnen verbringen, um Ihnen sein Innerstes nahe zu bringen. Seine Faszination und Leidenschaft. Sie sehen nur das Negative. Ember Sallow zeigt ihm neue Möglichkeiten. Vielleicht ist es sogar positiv. Vielleicht hat August einfach erkannt, dass er nicht Ihre Fähigkeiten braucht. Vielleicht braucht er ja Sie."
      James zuckte die Achseln und seufzte.
      "Geplänkel ist das rechte Wort", grinste er. "Es ist Geplänkel. Nancy weiß bis heute nicht, dass ich insgeheim rauche. Sie weiß auch nicht, dass ich auf Musicals stehe. Ein Wort, und ich vergrabe Sie in diesem Sumpf, Sallow!"
      Das Knurren hallte an den Wänden wieder, ehe er wieder lächelte.
      "Was kümmert es? Sie haben Zeit! Die Deadline ist eine Sache für sich, aber auch aus diesem Mist wird er herauskommen. Ich meine, scheiße! Er hat den Tod überlistet damals. Also wird er auch dafür eine Lösung finden! UNd dann können Sie ihn nach Lieblingsbäumen und Farben fragen. Und nach Vätern und auch von Emely erzählen. Es ist nicht wichtig, was Sie verpassen, Sallow. Es ist wichtig, was Sie tun werden, wenn er hier aufschlägt. Es ist ein Scheideweg und eine schwere Entscheidung. Aber jeder der Wege wird sich lohnen, Ember."
      James tat es ihr schlussendlich nach und streckte sich, ehe er sich umsah.
      "Was ich tun kann?", lachte er. "Haben Sie die hässliche Rothaarige bemerkt?"
      James zwinkerte ihr zu.
      "DIe Narben stammen von mir. Also ich denke, ich kann Ihnen schon eine Hilfe sein. Gerade im Kampf gegen Magier."

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    • „Also Tarah konnte mich super ausstehen. Nachdem wir einmal eine... Aussprache hatten!“, fuhr Ember auf und knallte den Becher etwas zu harsch auf den Tisch, dass es Schnaps spritzte. „Und Sie finden alle selbstbewussten, jungen Anfänger lästig. Das wusste jederauf dem Revier.“ Wobei Hawthorne durchaus Recht hatte. Das, was er beschrieb, was ohne Zweifel die junge Ember gewesen, als sie damals angefangen hatte. Sie wollte sich unbedingt behaupten und hatte sich alles angelesen, was es nur gab. Getrieben durch den Unfall wollte sie sich niemals in ihrem Weg beschneiden lassen und das verfolgte sie noch bis heute.
      Dann versank sie erneut in ihren Becher, dankbar dafür, dass sich Hawthorne nur selbst einschüttete und nicht auch noch ihr. Sein Tempo war schon immer abartig gewesen und das musste sogar sie selbst zugeben, obzwar sonst sie es war, die ihre Kollegen unter den Tisch trank. Vielleicht wurde sie ja auch einfach nur alt... Wobei. Wurde James schließlich auch.
      Jedenfalls bestätigte er ihr diese Annahme, als er sich noch mehr nachschenkte, da das Gespräch scheinbar in eine Richtung abdriftete, die ihm nicht sonderlich lag. Dass August nicht offen darüber sprach, wie es in ihm aussah, war ihr mittlerweile klar und von mehreren Leute gesagt worden. Das hatte sie nie hinterfragt, sie hatte sich einfach ihren Teil dazu gedacht. Folglich machte sie ihm dafür auch keine Vorwürfe, aber es gehört zu haben würde mit Sicherheit einen anderen Einschlag haben. Dann war es nicht mehr ein Lauffeuer, sondern ein Schwelbrand, den sie nicht leugnen können würde.
      Dafür hob sie herausfordernd die Augenbrauen, als er sie fragte, was er an ihr noch nicht leiden konnte. Was er dann beschrieb war so akkurat, dass ihr sämtlicher Ausdruck aus dem Gesicht fiel. Jegliche Farbe verschwand einfach im Nichts und sie fühlte sich schlagartig so, als hätte sie rein gar nichts getrunken. Was ein wenig grenzdebil nach außen hin wirken mochte, war tatsächlich eher wie der Groschen, der fiel. Natürlich. Sie hatte es ja selbst gesagt, August war Forscher, Wissenschaftler. Der keinen Stümper bei seiner Arbeit gebrauchen konnte und sie dennoch gefragt hatte. Warum zum Geier war ihr das nicht so aufgefallen?!?!
      Weil ich es nicht sehen wollte.
      „Aaahhhhh“, stöhnte Ember plötzlich auf, kreuzte die Arme auf dem Tisch und vergrub ihr Gesicht in einer erstaunlich kindischen Gestik zwischen ihnen. Ihre Worte waren gedämpft, aber nicht minder gut zu verstehen. „Wie kann ich denn so beschissen kurzsichtiggewesen sein, mann! Beobachtungsgabe am Arsch!“
      Sie fügte noch andere Laute an, die sich verdächtig nach gequältem Stöhnen anhörten. Ihr Arm, den August ihr wieder eingekugelt hatte, schrie sie förmlich an, ihn wieder zu senken, ihre Schulter protestierte. Aber der dumpfe Schmerz lenkte sie effektiv von ihrer eigenen Dummheit ab.
      „Schon gut, schon gut! Ich schweige, immerhin haben Sie mich gerade erleuchtet.“ Sie tauchte aus ihren Armen wieder auf, wobei sie nur den Kopf drehte und Hawthorne schief von unten ansah. „Ich glaube nicht, dass er dieses Mal einen Weg findet. Er hat nicht einmal einen Anhaltspunkt, soweit ich weiß. Und seine Zeit dürfte in den nächsten Tagen um sein“, fügte sie kleinlaut hinzu und seufzte. Ihre Augen verloren sich kurz in etwas, das niemand sonst sah, bevor sie wieder zurückkehrten.
      „Sie meinen die Riesin mit dem unaussprechlichen Namen? Was zur Hölle haben Sie angestellt, damit die so aussieht? Haben Sie sich spontan Krallen wachsen lassen oder was? Dann sollten Sie mir das beibringen, das ist ziemlich cool.“
    • Das Aufstöhnen der Ermittlerin war missverständlich in Hawthornes Augen.
      Erstaunt sah er hinüber, wie sie sich urplötzlich auf dem Tisch zu vergraben suchte. Erst danach begann er noch breiter zu grinsen und sich genüsslich einen kleinen Schluck des Schna-
      Nein, das war die Suppe. Mit angewidertem Gesicht ließ er die Flüssigkeit in die Metallschüssel zurück fließen und warf die Schüssel ärgerlich durch den Raum. Jetzt war auch noch der Alkohol mit einem Nachgeschmack versaut! Konnte dieser Tag noch schlimmer werden? In einem verfluchten Moor frieren, Beziehungsgespräche und jetzt auch noch verpantscher Alkohol?
      Was hatte er dem Universum eigentlich getan?
      "Sie waren nicht kurzsichtig", murmelte James und spie noch mal die Reste der Suppe. "Gott ist das widerlich...Also was ich sagen wollte: Sie waren nicht kurzsichtig. Sie sind eine Frau, die sich mehr um ihre Zwänge kümmert als das Leben um sich herum zu sehen. Erinnern Sie sich noch daran, dass ich Ihnen damals nach Ihrer Ausbildung gesagt habe, Sie sollen auch mal leben? In eine Bar gehen, einen Mann oder eine Frau vögeln, sich betrinken und einfach spüren, dass Sie leben?"
      Räuspernd richtete er sich wieder auf und schenkte sich nach.
      "Das haben Sie nie gemacht. Und jetzt, wo Sie das Leben vor Augen haben, sehen Sie natürlich nicht hin. Denn Foremar ist nicht gerade ein Muster-Partner aus dem Katalog, sind wir ehrlich. Und erleuchten tu ich Sie die ganze Zeit!"
      Wiehernd lachend kippte er das Shotglas in den Rachen und seufzte zufrieden.
      "Oh wir das perlt", murmelte er mit brummiger Stimme, als er sich den Mund abwischte. "Nun unterschätzen Sie mich mal nicht, Sie Früchtchen! Ich habe schon Zauberer bekämpft, da haben Sie noch in Ihre Windeln geschissen und "Hello Mamie" auf zwei Zähnen gespielt!"
      Hawthorne verschränkte die massigen Arme vor der BRust und seufzte. Die Geschichte war leider nicht ganz so spektakulär.
      "Es waren andere Zeiten, wenn man ehrlich ist", begann er. "Damals haben die Arkana weitaus nicht so viel Ärger gemacht und sich meist bedeckt gehalten. Polizisten haben sich vor Implementierung der Magischen Division eher auf Hilfsmittel verlassen, wenn man es so will. Damals gab es so ein Mittel. Man nannte es "Fairy Dust". Ich weiß, klangvoller Name. Jedenfalls hatte Fairy Dust die Fähigkeit, die körperlichen Kräfte eines Menschen auf das Übermaß zu steigern. Dazu gab es verzauberte Handschuhe, die Magie immitierten, sodass wir magische Strukturen berühren konnten. Und diese Alte, Birkisdottir, kam damals, vor 20 Jahren mit dem Richter nach London. An ihrem ersten und zweiten Abend der Übernahme des Untergrundes gerieten wir in einen Konflikt. Sie ist so ein Djinn-Take-Over-Ding. Richtig widerlich sag ich Ihnen..."
      Kopfschüttelnd goss er nochmals nach und seufzte.
      "Na jedenfalls hatte Fairy Dust damals die Nebenwirkungen, dass man den Körper kurzfristig völlig überlastet. Meistens hieß das tagelang Krankenhaus und Innendienst, wenn man es übertrieb. Und als die Situation kritisch wurde, nahm ich vier Dosen von dem Zeug. Ich war in der Lage, mit dem Richter und dieser merkwürdigen Hexe mitzuhalten, hatte jedoch nicht die Auswirkungen auf meinen Leib im Kopf. Die Narben entstanden damals, als ich einen Stein vor ihr zertrümmert habe. Ging in tausend scharfe Splitter hoch."

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    • Gehen Sie raus, mischen Sie sich unter die Leute und vergessen Sie, dass Sie scheinbar nur für die Arbeit leben. Lassen Sie locker, lassen Sie sich gehen. Sie sollten nicht ständig an einem Gespinst aus der Vergangenheit nachhängen, das versaut Ihnen nur alles.
      Das war sehr lange her. Worte, die Hawthorne tatsächlich sehr früh an sie gerichtete hatte, nachdem sie häufiger mit ihm in Kontakt gestanden und er erfahren hatte, welche Motivationen sie verfolgte. Dass diese Motivation fraglich gewesen war, hatte jeder, selbst sie, gewusst. Trotzdem hatte es dafür gesorgt, dass sie nun da stand, wo sie war. Auf dem Weg dorthin hatte Ember jedoch große Teile von dem ausgelassen, was Hawthorne ganz recht bemerkt hatte. Das Leben war an ihr vorbeigezogen, was Alex ihr eigentlich recht deutlich hätte beweisen müssen.
      Noch immer war sie auf dem Tisch in ihren Armen vergraben, als sie protestierend einen einzigen Finger hob. „Ich binin Bars gegangen. Ich binin Kontakt mit Männern und Frauen gekommen und hab auch den ein oder anderen ins Bett geholt. Nur damit das klar ist.“ Sie dachte an Ruairi und vergaß dabei, dass Hawthorne gar nichts wusste, dass sie ein Verhältnis hatten. „Wer ist denn schon ein Muster-Partner? Bin ich auch nicht. Erinnern Sie sich noch an Alex, den Sani? Der wäre ein Muster-Partner gewesen, aber selbst das ist in die Brüche gegangen.“
      Ruairi kam dem sehr nahe. Er war herzlich, er setzte Berge in Bewegung und machte sich selbst Vorwürfe, wenn er nicht in Zeiten der Not da war. Er sah sich selbst nicht als den guten Mann an, den er war. Den Mann, der von Ember keine Furcht zu erwarten hatte, egal, was er ihr zeigte. Und doch war ihr Verhältnis nun irgendwie zerrüttet, eine Stille hatte zuletzt zwischen ihnen gestanden, die sie bei genauerer Betrachtung unglaublich schmerzte. Unausgesprochene Worte lagen zwischen ihnen, genauso wie zwischen ihr und August.
      Allmählich tauchte Ember aus ihrer Versenkung wieder auf. „Stimmt. Von Fairy Dust hab ich gehört und auch, dass es aus dem Verkehr gezogen worden ist wegen der unberechenbaren Nebenwirkungen.“ Sie richtete sich wieder vollkommen auf, um seiner Erzählung weiter zu lauschen und noch was von dem Schnaps zu trinken. „Ich hatte ja schon so einige Stories von Ihnen gehört, aber das ist mir neu. Ich glaub, das hatte man mir nie erzählt, damit ich Ihnen nicht nacheifer oder so ein Schwachsinn.“ Sie lächelte in ihren Becher hinein. In vielen Aspekten hatte sie Hawthorne nachgeahmt, ohne dass es ihm wohl wirklich aufgefallen war. In etlichen Hinsichten hatte sie sich Herangehensweisen von ihm abgekupfert obwohl sie es wohl nie zugegeben hätte.
      „Das klingt unglaublich, dass Sie mit dem Richter mithalten konnten. Selbst, wenn es nur mit Doping war. Und da soll noch mal einer sagen, dass wir Nichtmagischen nicht gefährlich seien.“ Das erinnerte Ember an den einen Abend, wo Ruairi sie so seltsam angesehen hatte. Ganz zu Anfang, als hätte er Sorge davor gehabt, dass sie ihm etwas hätte antun können. Damals, als sie ihm die Waffe auf den Tisch gelegt hatte. „Ich weiß, dass ich nie die Mustermitarbeiterin war, die Sie gerne gehabt hätten. Aber Sie waren eine unglaublich gute Vorbildfigur, egal, was Andere sagen. Wenn Sie nicht gewesen wären, hätte ich vermutlich noch ganz andere Bahnen eingeschlagen. Ich weiß das zu schätzen.“
      Ember prostete Hawthorne mit ihrem Becher zu und schob ihn anschließend zu ihm herüber. Jetzt durfte er ihr doch nachschenken.
      „Sie haben mir damals übrigens vorgehalten, dass ich mit August was angefangen hab. Ist das eigentlich immer noch so? Ist es in Ihren Augen immer noch... unklug?“
    • Grinsend nahm er ihr Glas entgegen und ließ den Schnaps in bedrohlichen Wellen über den Rand fließen.
      Es war merkwürdig entspannend, selbst für Hawthorne, hier so unbedarft zu sitzen, während die Welt dort draußen brannte. Die Götter mochten sie davor bewahren, was geschah, wenn August wirklich das Zeitliche segnete und die Arkana auch noch die zweifelhafte Stimme der Vernunft verlören.
      Sorgsam schob er das Glas wieder zu ihr rüber und prostete ihr zu.
      "Na dann haben Sie ja wenigstens einmal auf mich gehört", grinste er und leerte das Glas zur Hälfte. "Alex? Ja, ich erinnere mich an den Sanitöter. Ganz im Ernst, Sallow? Der wäre nicht mal ein Muster gewesen, wenn man es ihm auf die Stirn gestempelt hätte. Alex war verzehrt von der Angst um sie und hatte kein Vertrauen in Ihre Fähigkeiten. Das wäre auf Dauer nicht gut gegangen..."
      Sorgsam sah er Ember ins Gesicht und erkannte darin die Reminiszenzen, die er selbst vor vielen Jahren einst gefühlt hatte. Das Ungewisse des Jobs machte Beziehungen per se sehr schwierig. Da war es kein Wunder, wenn sie reihenweise scheiterten. Selbst die Ehen von Polizisten hielten zumeist nicht lange.
      Seufzend fuhr er sich durch das länger gewordene, mittlerweile deutlich grau melierte Haar und das unrasierte Gesicht, das auch mehr graue als schwarze Haare zierte. Die Augen des Polizisten waren blutunterlaufen, aber wach, auch wenn die Tage lang gewesen waren.
      "Die Stories von mir sind auch keine Geschichten, die man erzählen sollte", murmelte er. "Ich war in meiner Jugend ein sehr unvernünftiger und rücksichtsloser Mann. Die Nebenwirkungen von diesem Zeug haben mich nicht interessiert und noch heute würde ich sagen, dass ich es jederzeit genauso gemacht hätte. Von daher danke ich für Ihre Worte, auch wenn Sie nicht stimmen. Ich war ein beschissenes Vorbild und das ist gut so. Ein Chief sollte nie ein gutes Vorbild sein. Er sollte die Abschreckung sein, der Weg, den andere nicht gehen wollen."
      Seltsam nachdenklich sah er an Ember vorbei und lächelte versonnen.
      "Es war eine harte Zeit damals", murmelte er. "Und Sie wären als Mustermitarbeiterin niemals so weit gekommen. Ich brauchte Jemanden, der bereit war, die Wege zu gehen, die keiner gehen wollte. Auch wenn ich mir die Haare hätte raufen können, haben Sie getan was zu tun war. Und das war gut so."
      Ruhig prostete er ihr erneut zu und leerte das Glas. Dann musste er lachen.
      "Ist es klug, mit einem vermutlich halb Wahnsinnigen eine Liaison einzugehen?", fragte er kichernd und schüttelte den Kopf. "Scheiße, nein. Es ist nach wie vor unklug. DIe Dunkelheit in diesem Wichser ist tiefer als der Mariannengraben, wenn Sie mich fragen. Und selbst nach Wochen der Zusammenarbeit kann ich nicht sagen, ob er mir jemals alles sagen wird. Ich kann immer nur davor warnen, sich kopfüber in die Dunkelheit zu stürzen, sondern eine Sicherheitsleine bereit zu legen, wenn Sie verstehen. August Foremar neigt stets dazu, sich selbst umzubringen, wenn er zu weit geht..."
      Schließlich zuckte er die Achseln und sah Ember an.
      "Aber wer sagt, dass klug zu sein und zu entscheiden immer der richtige Weg ist?"

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    • „Ich seh's ja ein, dass es auf Dauer nicht gut gegangen wäre. Deswegen haben wir uns ja auch im Einverständnis getrennt, aber das ändert nichts daran, dass er bis auf seine Angst alles in eine Beziehung eingebracht hat, was man sich hätte wünschen können. Er war halt einfach nicht für mich bestimmt. Und andersherum.“
      Es war kein Geheimnis, was der Grund für ihre Trennung gewesen war. Dass sie Alex hin und wieder auf dem PD noch begegnete, war eher eine glückliche Fügung, denn gut waren sie auseinander gegangen. Außerdem mochte es Ember nicht, wenn man ihn abwertete anhand der Dinge, die er in ihrer Anwesenheit ausgelebt hatte. Seine Angst würde bei einer anderen Frau verschwinden, die nicht ständig ihren Kopf riskierte.
      Nachdenklich lauschte Ember dem Selbsturteil des ehemaligen Commissioners. Seine Worte mochten durchaus Sinn ergeben, jedoch würde sie sie niemals so unterschreiben. Auch Knight war jemand, der in seiner Position abschreckend wirkte und wenn man Hawthornes Urteil auf ihn anwandte, dann hatte der Mann in seiner Aufgabe brilliert. So verbissen wollte und würde sie niemals werden. „Ich denke nicht, dass jemand ein beschissenes Vorbild sein kann, wenn er längst zurückliegende Taten reflektieren kann und sie genauso so wiederholen würde.“
      Unvernünftig waren viele Menschen, und das oftmals sehr lange. Daraus aber das Bessere zu machen war hierbei die große Kunst. Das hatte Hawthorne mehrfach bewiesen und gab diese Erkenntnis an seine Nachfolger weiter, ohne es wirklich zu schätzen.
      „Zum Glück haben Sie nicht zu viel gerauft, sonst wären Ihre Haare nicht nur grau sondern auch licht“, erwiderte Ember nüchtern und nahm einen weiteren Schluck. „Aber ich sag ja, meine verschrobene Motivation und Eigenart hat mich eben Dinge tun lassen, die sonst keiner wollte. Immer ein für und wider, James.“
      Nun knöpfte Ember ihren Mantel doch langsam auf. Die Wärme aus dem Haus und der Alkohol schafften es, die Kälte aus ihr zu vertreiben, sodass sie es als gesichert ansah, den Mantel zumindest zu öffnen. „Das gefällt mir nicht, wenn Sie ihn als halb wahnsinnig beschreiben. Das klingt in meinen Ohren dann so, als wenn ich auch nicht mehr alle Tassen im Schrank hab.“ Immerhin hatte sie ja eine Alternative, wenn sie denn wollte. „Sie kennen ihn ja länger als ich. Besser, würde ich schätzen. Es ist einfach wertvoll für mich auch noch ein anderes Urteil zu hören. Von jemanden, der ihn kennt. Ich weiß, dass er Abgründe hat, aber ich kann nicht abschätzen, wie tief sie sind. Manchmal denke ich immer noch, ich bin in seiner Nähe zu gutgläubig und gehe ihm auf den Leim. Was auch immer er da plant.“
      Jedenfalls war das anfangs so. Sie hatte sich mit Händen und Füßen gegen ihn gesträubt, gegen seine Worte gekämpft und alles hinterfragt. Irgendwann hatte sie damit aufgehört und in Kauf genommen, dass sie ihm wieder auf den Leim ging. Irgendwann wurden Embers Augen ein wenig düsterer, befangener.
      „Wenn es schlecht läuft, wird mir eine Entscheidung abgenommen. Wie realistisch schätzen Sie es ein, dass er einen Weg finden wird? Das Unvermeidliche doch zu umgehen? Hoffnung ist.... schmerzhaft.“
    • James schien eine Weile ziellos im Raum Punkte zu fixieren, als gelänge es ihm nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Stimmung des Hauses drückte ihm auf die Seele, wenn er ehrlich war. Es widerte ihn regelrecht an, dass er sich hier so heimisch fühlte, obschon es nicht sein Haus war. Auch war es ihm als würden sie beobachtet.
      Ziellos streifte sein Blick umher, doch im Gegenlicht des Fackelscheins der Kerzen war nichts zu erkennen. Kein Geräusch außer Embers Stimme erhellte das Gebäude. Er musste sich täuschen. Musste.
      "Ich würde es nicht so sehen. Reflektieren kann grundsätzlich Jeder. Es ist eher die Frage, ob ich die daraus gewonnen Erkenntnisse gewinnbringend für mich umsetzen kann. Ein Chief hat keine Vorbildfunktion mehr. Er ist das politische Instrument um eine Behörde zu leiten. Und dieses Instrument sollte nicht fragwürdig in seinen Aktionen sein", grunzte James und atmete durch. "Ist meine Meinung. Und so sehr ich mich gerauft habe, meine Haare wurden erst jetzt grau, nachdem ich für diesen Wahsinnigen gearbeitet habe. Das heißt so schlimm können Sie gar nicht gewesen sein, Ember."
      Schulterzuckend beobachtete er Sallow dabei, wie sie sich langsam ihres Mantels entledigte. Na, da mochten die Götter doch ein Einsehen haben, dachte er beim Ausdrücken der Zigarette. Würde sie doch noch locker werden?
      Ihre Fragen wurden nicht besser, wenn er das so behaupten müsste.
      "Was soll ich Ihnen jetzt sagen, Ember", murmelte er und fischte sich die nächste Zigarette aus der Packung. DAs Klicken des Feuerzeugs ertönte und er nahm einen Zug von dem Giftzeug. Brennend labil jagte es durch seine Luftröhre und hinterließ neben dem widerlichen Geschmack noch das Gefühl des Zuges, der an ihm riss. Merkwürdige Stimmung. "Ob ich August besser oder länger kennen würde, weiß ich nicht. Länger, ja. Aber besser? Ich weiß, dass er fasziniert von allem Neuen und Rätseln ist. Vor allem die Unlösbaren scheinen seinen beinahe jugendlichen Eifer zu wecken. Andernfalls erscheint er mir wiederum in anderen Situation sehr arglos und beinahe naiv. Gerade was Gefühle angeht, neigt er dazu, das erste zu glauben und erst dann zu hinterfragen. Als würde man mit einem Mann Mitte 20 sprechen anstelle eines Greises. Und die Abgründe...Ja, er hat die ABgründe mit sich. Und sie sind tief, Ember. Sehr tief. Ich wollte eigentlich Noland irgendwann bitten, einmal hinein zu sehen, aber ich denke, nicht mal er würde das begreifen wollen..."
      Ruhig legte er seine Hände auf den Tisch, nachdem er die Zigarette im Aschenbecher abgelegt hatte. Sein Blick war merkwürdig konzentriet, obschon er den Alkohol in seinem Kopf bemkerkte.
      "Ember, ich...Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll", murmelte er und kratzte sich nervös an der Nase. "Ich meine, Hoffnung ist schmerzhaft, ja, aber es ist besser als keine Hoffnung mehr zu haben. Bisher hat dieser Mensch sich immer wieder aus allem herausbugsiert. Und ich weiß, dass er mit Hochdruck an einer Lösung gearbeitet hat. Da war noch so ein Forscher...So eine merkwürdige kleine Frau mit abstehenden Haaren und Brille. Sie wollte auch herkommen. Sie arbeiten zusammen daran und scheinen sich in endlose Diskussionen zu begeben. Aber wie es genau steht, weiß ich nicht und will ich nicht bewerten..."

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    • Ein wenig Stirnrunzeln konnte Ember nicht unterdrücken. Ihr war es bisher noch nicht so sehr aufgefallen, aber jetzt gerade war es offensichtlich gewesen. Die Art, wie Hawthornes Blick umher wanderte war nicht jene, die von Langeweile oder Ablenkung zeugte. Er hatte irgendetwas im Gespür, suchte vielleicht sogar etwas. Was genau es war, konnte sie allerdings nicht bestimmen.
      „Allerdings rauchen Sie mittlerweile wie ein Schlot. Schachtel nach Schachtel ist selbst für Sie schon viel“, bemerkte sie und dadurch war klar, dass ihm merklich Stress im Nacken saß. Nicht nur seine Haarfarbe bezeugte dies.
      Sie wog den Kopf leicht hin und her. „Das ist mir auch schon aufgefallen. Das mit den Gefühlen, meine ich. Aber gut, was sollen wir erwarten wenn er in jungen Jahren ins Tor gezogen worden war und dann eher mit dem Überleben als allem anderen zu kämpfen hatte. Sein Leben läuft länger, aber das Tor hat ihm effektiv auch Lebenserfahrung genommen. Noland ist ja auch im DnD untergekommen und ich schätze mal, er wird den Teufel tun und bei August nachforschen. Zumal der sehr eindrucksvoll klar gemacht hat, dass das kein gutes Ende nehmen würde.“
      Ember hatte gerade den Mantel über ihre Schultern abgestreift und hinter sich über den Stuhl gehängt, da hielt auch sie kurz inne. Nur ganz kurz, aber es schien, als wäre da ein Flüstern gewesen. Sachte schüttelte sie den Kopf und konzentrierte sich wieder auf Hawthorne, der sich gerade an der Nase kratzte.
      „Noch so ein Forscher? Wo haben Sie denn noch einen Forscher gesehen?“, fragte sie erstaunt. August hatte nie ein Wort über jemand anderen verloren... oder? Oder hatte er einfach in der aktuellen Zeit wieder neue Bekanntschaften geschlossen? „Soweit ich weiß, hat sich August immer mit Hakim auseinander gesetzt und nach einer Lösung gesucht. Zwar ohne Erfolg, aber...“
      Ember brach ab und verengte die Augen. Da. Da war es doch schon wieder gewesen. Er guckte sich schon wieder so seltsam um und das lag ganz sicherlich nicht nur an dem Schnaps. Diese nervöse Geste war die Kirsche auf der Sahne. „Was ist los?“
      Keine Frage nach dem Was stimmt nicht. Etwas gefiel ihm nicht und das war überdeutlich. Und je länger sie sein Argwohn aufsaugte, umso mehr bekam auch sie den Eindruck, dass sie nicht allein waren. Es stellten sich ihr nun nicht die Nackenhaare auf, aber auch sie ließ einen prüfenden Blick durch das Haus schweifen.
      „Sie haben vorhin gesagt, Sie fühlen sich hier heimisch. Was durchaus seltsam ist. Sie gucken schon seit Minuten hin und wieder argwöhnisch umher. Der Ort hier ist seit – wie lange? - verlassen und trotzdem haben wir beide das Gefühl, es sei hier drinnen besser als draußen. Ich wette doch, dass Sie beim Eintreffen das Haus erkundet haben. Wenigstens der Talismane wegen. Nichts auffälliges?“
      Sie hatte sich gänzlich auf das Urteil Hawthornes verlassen. Dass es sicher war, zumal sie wegen der Warnung weder sich umsehen noch die Umgebung überprüfen wollte. Sie saßen an dem Ort, der garantiert Geheimnisse verbarg und sie setzte sich gerade Scheuklappen auf. Bewusst, sicherlich, aber so ein seltsames Gefühl ließ sich nicht dauerhaft ignorieren.
    • James fuhr sich mit der massigen Hand durch das markante Gesicht und schüttelte den Kopf.
      Ember hatte Recht. Er verhielt sich wie ein pubertierender Jung-Cop. Ein Rekrut! Die Schlimmste aller Arten. Seufzend ließ er den Blick zu dem Aschenbecher schweifen und schüttelte den Kopf.
      "Ja, ich weiß", murmelte er. "Es wird schwerer, es vor Nance geheim zu halten. UNd dem Stress geschuldet. Glauben Sie mir, arbeiten Sie erst mal hinter den Kulissen für Foremar und Sie würden ihn auch wahnsinnig nennen. Also Butter bei die Fische, Sallow. Die ganze Fragerei ist ja nun doch offensichtlich: Haben SIe was mit Foremar gehabt oder aktiv? Keine Sorge, ich bin nicht im Dienst."
      Hawthorne kicherte über seinen eigenen Witz, ehe er wieder den Nacken streckte als Reaktion auf das Gefühl, das man ihn beobachtete. Eigentlich sollte der Kübel hier doch leer sein? Es sollte sich Niemand hier befinden.
      Auf den Forscher angesprochen musste er grinsen.
      "Ach, das ist auch so eine Wahnsinnige. Völlig meschugge, wenn Sie mich fragen. Ist so eine kleine Frau mit wirrem Haar. Laut August ist sie ein Spezialistin in der magischen Irgendwas-Strukturierung. Keine Ahnung, was genau. Da war dieser merkwürdige Arzt, der mir mehr Angst als alles andere gemacht hat und dann dieser kleine Kerl. Hab versucht herauszukriegen, was die drei dort treiben, aber ich habe nicht mal ein Drittel davon verstanden. Was ich kapiert habe, war jedoch, dass August irgendeinen Weg sucht. Eine Art Schlüssel zum Rätsel. Ich meine, was will man auch machen, wenn man den Tod betrügen will..."
      Schulterzuckend lehnte er sich wieder zurück und zog an der Zigarette, ehe er die Augenbraue anhob.
      "Ich weiß nicht, was los ist"; gab er schließlich zu. "Und selbstverständlich habe ich den Ort untersucht, halten Sie mich für einen Anfänger?! Es ist einfach komisch. Ich kam hierher und fühlte mich eigentlich recht heimisch. Jetzt habe ich irgendwie das Gefühl, dass wir beobachtet werden. Aber nicht feindselig irgendwie..."
      Er sah nochmals demonstrativ in alle Richtungen und seufzte.
      "Es ist als würde uns der Hausherr beobachten, obschon er nichts dagegen hat, dass wir hier sind, verstehen Sie? Was ist mit Ihnen? Perley sagte, dass SIe zwischenzeitlich Auren spüren können. Meinte, Sie hätten sich nicht halb so dämlich angestellt wie gedacht. Sein Ton, nicht meiner."
      Unauffällig stand er auf und wanderte zu dem Campingkocher hinüber. An einer kleinen Hakenvorrichtung hing eine Tasche mit Ingredienzien, wie es erschien. Nicht zu erwarten war die Tatsache, dass er eine Dose Ravioli hervor zog und sie kalt auf die kochende Platte stellte. Es musste reichen, in Anbretracht der Umstände.
      "Sagen Sie...", begann er erneut. "Was war das eigentlich für ein Typ, der sich in der Schwarzen Stadt mit August angelegt hat? Der Polizist?!"

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    • Ein Schnauben war alles, womit Ember Hawthornes Aussagen abtat. „Ich hab mit ihm auch hinter den Kulissen des Pds gearbeitet, das am Rande.“
      Bei seiner Nachfrage zum Thema Verhältnis rollte sie jedoch theatralisch mit den Augen. „Sie werden nachlässig mein Guter. Hinweis darauf gab es vorhin doch schon.... Ich sagte ja, es sei wie ein Lauffeuer. Und das war es am Anfang auch. Wir sind recht schnell aneinander geraten, wobei das wohl eher eine Entladung von angestauten Emotionen war. Sie haben gesehen, was mit mir passiert ist, als ich ihn erschossen habe. Und Sie kennen mich gut genug als dass Sie wissen, dass ich nicht für Bekannte oder Kollegen so brechen würden.“
      Seinen Witz hatte sie eiskalt übergangen. Stattdessen beobachtete sie ihn dabei, wie er seinen Nacken streckte und sich immer noch seltsam steif bewegte. „Aktuell ist es so, dass wir nicht leugnen können, dass wir uns zueinander hingezogen fühlen. Was seltsam ist, da da noch ein paar andere... Faktoren mit reinschlagen. Ich glaube, er hat es schon länger für sich gewusst und nur nie ausgesprochen.“
      Oder hinterfragt. Also wechselten sie auf das Thema dieses anderen Forschers. Leider bekam sie anhand der Beschreibung auch kein besseres Bild zusammen. Oder vielleicht lag es auch daran, dass ihr mittlerweile warm wurde. Auch gedanklich. Dank eines gewissen Gesöffs.
      „Sie haben den Eindruck, wir werden beobachtet?“ Was für eine paranoide Eigenart Hawthrone manchmal doch an den Tag legte. Währenddessen zog Ember die Augenbrauen zusammen und horchte in sich hinein. Nein, für sie fühlte es nicht ganz so an als würden sie beobachtet. „Wenn's feindselig gewesen wäre, dann säßen wir hier nicht. Ist mir schon klar, dass Sie Ihre Aufgabe für meinen Schutz ernst nehmen und deshalb wären wir beim kleinsten Anzeichen hier raus.“
      Sie deutete mit dem Daumen ohne hinzusehen hinter sich zur Tür. Auf Perley angesprochen verzog sie fast schon angewidert das Gesicht. „Oh, dieser Butler. Tarnt sich als Butler, ist aber 'n Jäger und dann auch noch entfernt mit mir verwand. Völlig absurd, aber August hat ihn dazu genötigt, mich unter die Lupe zu nehmen und zack; so untalentiert bin ich nicht. Ich kann ein bisschen Auren spüren, aber bei Weitem nicht perfekt.“ Ihr Perfektionismus hätte es gern noch viel besser hinbekommen, aber wenigstens war sie nicht mehr komplett taub für Magie.
      Was allerdings nicht bedeutete, dass es hier auch funktionierte. Während Hawthorne sich von seinem Stuhl erhob und zum Campingkocher schlenderte, schloss Ember die Augen und ging noch tiefer in sich. Vielleicht vernebelte ihr der Alkohol noch nicht so den Verstand, als dass sie gar nichts spüren konnte. Denn so, wie es hier wirkte,musste es doch irgendetwas geben. Und sei es nur das kleinste Frösteln ihrer Haut.
      Als er jedoch in einem etwas anderen Tonfall wieder zu sprechen anfing, zuckte Embers Mundwinkel verräterisch, doch ihre Augen blieben geschlossen. „Der Typ, der sich mit August angelegt hat, war der S-Klasse Caster Ruairi MacAllister. Der Cunninghams Platz eingenommen hatte und mit mir die Leitung übernommen hat, damit ich keinen Scheiß anstelle. Was im Übrigen sehr gut geklappt hat. S-Klasse Caster, der ein Auge auf mich geworfen hat, mir den Hof gemacht hat und sich deswegen wohl auch mit August in die Haare kriegt. Können wir vielleicht lieber über gruselige alte Herrenhäuser reden?“
      Sie öffnete ein Auge einen Spalt breit und warf Hawthorne einen vielsagenden Blick zu.
    • James musste lachen, als sie seine Neugierde als Nachlässigkeit abtat.
      Eben Ember, wie sie war. Die Hauptsache war, aus allem kein großes Ding und eine selbstredend sehr logische Verkettung von Umständen zu machen. Und nichts davon sprach von Emotionen oder dergleichen. Gut, wenn sie nicht mal bemerkte, dass Foremar in ihrer Nähe sein wollte, obwohl es einem Blinden mit Krückstock mit dem nackten Arsch voran ins Gesicht sprang, wusste er auch nicht weiter. Er war einfach nicht für dieses Dating Gequatsche geeignet. Hier sollte Nance sitzen. Oder...Irgendwer anders!
      Schnell kippte er weiter Alkohol in seinen Becher und räusperte sich.
      "Sie wollen mir also sagen, Sie haben schon damals herum gevögelt?!", grinste er. "Ja, Anzeichen gab es, aber ich handelte im Zweifel für den Angeklagten. Früher hätte es Ihren Job gekostet, wenn man das herausgefunden hätte. Aber heute..."
      Er hob sein Glas wortlos und dankte dem Herrn für die langsam einsetzende Benebelung. "Heute bin ich nicht mehr Ihr Boss."
      Sie machte nicht den Eindruck als dass sie über die weiteren Faktoren sprechen wollte und James dankte dem Herrn dafür. Er wollte nicht durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen auf einmal über Schwanzlängen und Befriedigung reden. Nicht heute. Eigentlich niemals! Alkohol!
      Sachte schüttete er den Becher leer und nickte, nachdem er seufzend ausgeatmet hatte.
      "Ja, irgendwie schon", murmelte er und sah sich nochmals um. Da war nichts in der dräuenden Nacht um sie herum. "Am verdammten Arsch der Welt...Da rette ich ihm verflucht nochmal das Leben und zum Dank sitzen wir am Arsch der Welt in einem kalten Haus und warten auf das Erscheinen des Retters. Na Mahlzeit."
      Vor allem saß er hier, gefangen in einer Woge von Beziehungsgesprächen, die ihm langsam die Seele zerpflückten.
      "Was heißt tarnt?", lachte James plötzlich. "Perley hat einen ausgeprägten Ordnungsfimmel. Ich glaube, er ist nicht mal auf Augusts Bitten hin sein Butler geworden, sondern hat sich selbst dazu gemacht, nachdem er August nicht töten konnte. Ach, die Sallows und Caulson sind verwandt? Die Nummer kannte ich noch nicht. Nahe Verwandte wie das Inzestdorf in Birkshire oder normale Verwandte?!"
      Was fragte er da eigentlich?!
      "Naja, Auren spüren ist doch schon was. Ich wette, wenn Sie dem alten Griesgram etwas Zeit geben, macht er noch die perfekte Jägerin aus Ihnen."
      Als sie von MacAllister berichtete, sah James erst interessiert zu. Mit der Zeit jedoch wurde sein Gesicht weiß, dann rot und schließlich violett. Erst danach raufte er sich seufzend die Haare und schüttelte den Kopf.
      "Ich sagte damals, gehen Sie in eine Bar und reißen Sie sich ein paar Typen auf. Und nicht gehen Sie ins PD und vögeln Sie den Mörder Nummer 1 und den Top-Polizisten! Gute Güte, warum habe ich nur gefragt..."
      Seufzend schlug er seinen Kopf auf den Tisch, um dem Gedanken Einhalt zu gebieten, als es gebieterisch in der Küche krachte.
      Mit einem "HUI" und einem "RUMMS" flog die Haustür regelrecht auf und kalte Luft blökte wie ein lahmer Ziegenbock in den Raum. Sacht überzog er die Trümmer mit einem bereits einsetzenden Raureif und pfiff bedrohlich durch die Ritzen, sodass die Flammenfinger der Kerzen zu flackern begannen.
      Situationsbewusst schoss Hawthorne von seinem Stuhl hinauf und griff an sein Rückenholster, um eine kurze Schusswaffe herauszubefördern.
      Mit einem kurzen Blick zu Sallow und schließlich zum Foyer, durchmaß er den kleinen Raum und postierte sich in Sicherungsweite an der Schwelle der Tür. Die Pistole hielt er im Anschlag auf das Foyer gerichtet und wirbelte herum.
      Es folgte, geneigter Leser, ein Schrei.
      Ein unmännlicher, hoher, beinahe perfekt getimter Schrei, der in einem Rumpeln endete und eine Frau in den Dreißigern, die im Foyer stand und gerade die Tür zugedrückt hatte, stand mit erhobenen Händen vor Hawthorne und verdrehte just in dem Moment die Augen nach hinten.
      "Hände da wo ich SIe sehe-...Hallo?", Hawthorne war perplex. Die Frau rührte sich nicht.
      Stand einfach nur da in ihrem merkwürdigen grauen Kittel und den verwuschelten dunklen Haaren. Trotz des Beschlags verbarg die Brille nicht die feinen Züge und die hohen Wangenknochen der Frau, sodass es beinahe unmöglich war, ihr Alter zu schätzen. Unter ihrem Kittel trug sie artgerecht eine Art Hoodie mit einer "YES; SCIENCE BITCH!" Aufschrift, der es unmöglich machte, sie als Bedrohung zu sehen.
      "Hallo?!", donnerte James nochmals und ließ die Waffe etwas sinken.
      Mit einem donnernden Atemzug, der dem eines Ertrinkenden glich, der die rettende Luft erhaschte, erwachte die Frau wieder zum Leben und blickte erneut in die Mündung einer Waffe.
      Und erneut, geneigter Leser, was soll ich sagen?
      "HIIIIIIIYAAAAAAAAAAAAH, HEILIGE MARIA MUTTER GOTTES, ICH WEIß DOCH NICHTS, ICH-"
      Erneut drehte sie die dunklen Augen nach hinten und der Kopf sackte vor. Und sie blieb aufrecht stehen!!! James schüttelte den Kopf in Unglauben und sah nochmals hin. Erst dann legte er den Kopf schief und senkte die Waffe ganz.
      Erneut erwachte die Frau zum Leben und sah diesmal nur in zwei fragende Gesichter.
      "Verzeihung", begann sie nickend. "Ich bin ohnmächtig geworden..."
      "ACH NEIN!!!"; schrie Hawthorne in einem Aufkeimen von Wut. "NICHT WAHR; WIRKLICH, SHERLOCK?!"
      "Bitte schreien Sie doch nicht so. Ich höre sehr gut", sagte die Frau mit einem breiten Hackney Akzent. "Sie müssen demnach Mr Hawthorne sein. Man warnte mich vor Ihrem Temperament."
      "TEMPERA-WAS?!"
      "Wie dem auch sei. Und Sie sind demnach Miss Sallow. Es freut mich. Mein Name ist Dr. Eliza Hawkins, nennen Sie mich Liz. Ich bin die Forschungsassistentin von August Foremar."



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    • „Damals herum gevögelt klingt so, als wäre ich eine Bordsteinschwalbe, James. Wir sind exakt einmal aneinander geraten und dann war erst mal Ruhe weil wir beide wohl gedacht haben, wir hätten einen an der Klatsche.“
      In der Tat, Ember hätte darüber nicht so frei gesprochen, wenn sie mit Hawthorne noch in einem Dienstverhältnis stünde. Aber dies war gefallen und so waren sie beide nichts anderes als... Bekannte? Kollegen anderer Art? Was eigentlich?
      Hinter ihnen machte sich langsam der Duft von Ravioli breit und erstmalig meldete sich Embers Magen zu Wort. Die Pampe in der Schüssel war längst vergessen, davor schmeckte sie nun bereits Nudeln und Tomatensauce auf ihrer Zunge.
      „Perley tarnt sich für alle anderen als Butler, aber August hat ihn nicht dazu gemacht. Es stimmt, dass er nie darüber hinweg gekommen ist, August nicht umbringen zu können und darüber hinaus steht er sogar in seiner Schuld. Oder stand.“ Sie zuckte mit geschlossenen Augen mit den Schultern. „Aber so, wie sich Perley aufgespielt hat als August verschwunden war.... Meine Güte, das kam ja einem Liebhaber schon verdammt nah.“
      Ihre Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. Wäre Perleys Auftritt im PD nicht so spektakulär gewesen, hätte sie ihn damit vielleicht sogar aufgezogen. Aber so ging es leider nicht. Als Hawthorne allerdings weitersprach und plötzlich von Inzest anfing, war es mit ihrer Konzentration dahin. Sie riss ungläubig die Augen auf und bedachte den Mann mit einem empörten Blick.
      „Birkshire?? Ernsthaft? Normale Verwandte des keine Ahnung wievielten Grades, James! Gott!“ Es war so lächerlich, dass die Empörung in pure Erheiterung umschwang und Ember noch mehr von dem Schnaps nachsetzte. Schaden würde das nun auch nicht mehr. Also fügte sie ihre Erklärung von Ruairi mit an, wobei sie da schon nicht mehr so genau darauf achtete, welche Informationen sie da gerade breittrat und welche lieber nicht. Als Resultat änderte sich Hawthornes Gesichtsfarbe mehrfach und bevor er sich die Haare raufen konnte, war Ember auf die Füße gesprungen. Sie hatte ein Knie auf dem Stuhl abgestützt und lehnte gefährlich nah über dem Tisch, einen Finger anklagend auf Hawthorne gerichtet.
      „Moment mal! Ruairi hat mich wenn schon verführt, ja?! Der hat darauf gewartet, dass die Abteilung einen trinken geht und sich dann nur an meine Fersen geheftet! Bar! Trinken! Abschleppen! Ist doch genau die Reihenfolge, nur eben von ihm und nicht von mir! James, jetzt stellen Sie mich nicht hin wie eine Bordsteinsch-“
      Es krachte. Heftig. Kalte Luft strömte in das Haus, das sie gerade halbwegs aufgeheizt hatten und jagte Hawthorne noch schneller auf die Beine als es Ember gekonnt hätte. Sie beide fixierten sofort in alten Mustern den Eingang, wobei allerdings nur er bewaffnet war. Also ließ sich Ember zurückfallen und den Mann seinen Job erledigen.
      Der Schrei schien sie beide zu überraschen. Ember war Hawthorne dicht auf den Fersen, der die Frau im Foyer als erstes im Sichtfeld hatte. Ungefähr zeitgleich stellten sie fest, dass die Unbekannte sich nicht mehr bewegte. Als sei sie zu Stein erstarrt. In der Zeit konnte Ember an Hawthornes Seite hinweg die Frau mustern. Der Kittel, den sie trug, war schäbig, sowohl Stoff als Farbe. Der Hoodie, den sie darunter trug mit einer sehr plakativen Aufschrift, wirkte irgendwie fehlplatziert. Normal, wenn man es so nennen wollte. Unscheinbar. So unscheinbar wie ihr Gesicht vielleicht hinter der gut ausgewählten Brille hätte verschwinden sollen, es aber nicht tat. Die Gesichtszüge waren feiner als Embers, definierter, und machten es unglaublich schwer, dieser Person ein Alter anzuraten. So wie es aussah, dürfte sich in Embers Altersspanne bewegen. Dürfte.
      Dann begann sie erneut zu schreien und Ember verzog gequält das Gesicht. Eine hohe Stimmfarbe hatte sie durchaus. Dann sackte ihr Kopf nach vorn und es sah aus, als wäre sie in Trance. Ohne Stütze stand sie einfach da ehe sie plötzlich wieder zu sich kam und vernünftige Worte formulieren konnte.
      Dann war Hawthorne an de Reihe zu schreien. Mit ihm kam Ember jedoch besser klar, die den Mann beherzt von hinten stieß und ihn anfuhr, doch endlich mit dem lästigen Schreien aufzuhören. Erst dann widmete sie sich der Frau, die sich als Liz vorstellte. Embers Blick wusch einmal über ihre Gestalt hinweg, dann verschränkte sie den pochenden Arm vor der Brust.
      „Ember Sallow, angenehm. Augusts Forschungsassistentin also, ja? Seit wann denn? Oder eher, wo hat er Sie denn ausgegraben? Man sollte meinen, dass ich weiß, wenn er noch eine Assistentin hat. Wo bleibt er eigentlich?“
    • Hawthorne war in eine ewigen Feuer gefangen und brannte innerlich aus!
      So oder so ähnlich musste sich seiner Meinung nach die verdammte Hölle anfühlen, wie er gerade bewohnte. Es reichte nicht Sallow, die mit ihren Beziehungsgeschichten jede halbwegs gute Seifenoper im Fernsehen toppte. Nein, es musste noch eine weitere Frau sein, die vom Schlag weg in Ohnmacht fiel und die Bude zusammenschrie wie ein Poltergeist auf einem Metal-Konzert. Seufzend steckte er die Waffe nach dem Knuff wieder in das Rückenholster und stemmte die Hände in die breiten Hüften. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Wenn er diesem Irren von Zauberer nicht etwas schulden würde, wäre James auf dem Absatz herum gedreht und hätte diese Bruchbude verlassen. Stattdessen war er gefangen in diesem Stare-Off für Arme, wo sich beide Frauen taxierten, als wären sie Löwinnen.
      Wobei erneut Ember Sallow es war, die in ihr altes Muster verfiel und die Arroganz übernehmen ließ.
      Kopfschüttelnd ließ er den Moment verstreichen, ehe sich Liz (Welche Eltern gaben einen solchen Namen?!) wieder sammelte und räusperte.
      "Weshalb sollten Sie das wissen? Sind Sie seine Mutter?", fragte Liz nach einem ebenso kurzen, wie unscheinbaren Blick auf Embers Gestalt. Innerlich verbuchte sie einen Sieg, war sie immerhin die einzige im Raum, die geduscht zu haben schien. "Und ich bin bereits seit geraumer Zeit seine Assistentin, keine Sorge. Ausgraben musste man mich nicht, auch wenn man das der Leichenblässe Ihres Gesichts eher zuschreiben müsste. Mit Verlaub, Ms Sallow, Sie sind ziemlich unhöflich. "
      "Könntet ihr vielleicht...", begann James, besann sich doch eines Besseren und schüttelte resignierend den Kopf. "Meine verkackten Ravioli brennen an. Kommen Sie rein. Hunger?"
      Schweigsam marschierte der Mann in Richtung der Küche, um die Dose vom Herd zu nehmen und den Inhalt auf zwei Schüssel zu verteilen. Er selbst war nicht hungrig. Nicht nach diesem erschreckenden Einbruch.
      Eliza nahm den Blick von Sallow an und lächelte schmallippig, während sie nach dem schweren Koffer griff, den sie hinter sich her zog. Da drin klapperte es wie in einem Geschirrsalon und es wirkte gespenstig, wie ruhig es auf einmal in der Eingangshalle war. Schwerfällig ließ Liz ihr Hab und Gut in der Halle zurück und fuhr sich einmal mehr durch die wirren Haare. Freilich hätte sich Gus etwas besseres aussuchen können für eine kurze Rückzugsmöglichkeit.
      "Ich nehme die Frage von Sallow wieder auf", grunzte Hawthorne und stellte ihr und Ember eine Schüssel Ravioli und Löffel vor die Nase. "Wann kommt August?"
      Liz zuckte die Achseln und ließ sich an der rechten Seite des Tisches nieder, ehe sie zu löffeln begann. Sie war wirklich hungrig und aß beinahe gierig die vermaledeiten Teigtaschen, die schmeckten wie ein alter Hintern. Konnte dieser Mann eigentlich kochen? Seufzend lehnte sie sich nach ein paar Löffeln zurück und wischte sich undamenhaft über den Mund.
      "Ehrlich keine Ahnung", gab sie zu und seufzte. "Gus sagte mir, ich sollte herkommen und mich bereit machen für seine Ankunft. Er sagte, es würde nicht lange dauern."
      "Gus?"
      "Ja, und?", fragte sie. "Ist besser als ihn ständig beim vollen Namen zu nennen. Ich nenne ihn auch manchmal Schlaugust, wenn er mal wieder klugscheißt, aber immerhin besser als ständig ewige Namen. Wie nennen Sie ihn?"
      "Äh...", murmelte James und überlegte. "Meistens "Hey du" oder "Idiot"."
      "Charmant."

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    • Es waren die folgenden beiden Sätze aus Liz's Mund, die dafür sorgten, dass Embers soeben noch argwöhnisches Gesicht tiefste Abgründe aufwarf. Ganz offensichtlich kannte diese Schabracke lediglich ihre Namen und sonst nichts. Was darauf schließen ließ, dass sie mit August wohl noch nicht so lange verkehrte oder er sie einfach nicht vollumfänglich einweihte. Oder es sie einfach nicht interessierte. Trotzdem, die Art, wie sie ihre Worte wählte, stieß Ember ungewohnt arg auf. Stress, vermutlich.
      „Ziemlich unhöflich empfinde ich es eher, einfach hier reinzuplatzen und Leute anzukreischen. Vielleicht würde Ihnen ja auch ein bisschen mehr Farbe abhanden kommen, wenn Sie von einem Arkana angegriffen wurden, nachdem sich die Justiz und Rogues an den Hals gegangen sind“, gab sie überraschend ruhig, dafür aber eiskalt zurück und nur Hawthornes beherzter Einwurf schien die Frauen vor weiteren Ausbrüchen zu bewahren.
      Ember löste ihre Haltung nicht, gab aber den Weg in die Küche frei. Sie würden den Teufel tun und der Frau auch nur ansatzweise helfen, den Koffer ein Stückchen zu bewegen. Konnte ihre Sachen selbst von A nach B bringen. Dass Liz es nicht einmal für nötig hielt auch nur eine einzige Frage anzunehmen, missfiel ihr. Offensichtlich.
      Im Gegensatz zu Liz setzte sich Ember nicht. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die brüchig wirkende Wand, deren Kälte sich an ihrem Rücken ausbreitete. Von der aufkeimenden Wärme war nichts mehr zu spüren. Stattdessen beobachtete sie die ominöse Assistentin, wie sie die dargebotene Schüssel Ravioli verspeiste.
      Zeitgleich mit Hawthorne hinterfragten sie den Spitznamen, den Liz für August besaß. Die Verwunderung zeigte sich in Embers Gesicht nur anhand ihrer Augenbrauen, die ein bisschen nach oben zuckten. Scheinbar war die Frau sehr von sich überzeugt, dass sie ihn einfach mit Spitznamen nannte. Nicht einmal Perley kürzte ihn ab. Irgendwie, nur rein aus der Art wie Liz über August sprach, bekam die Ermittlerin den Eindruck, dass sie sich näher stehen mochten, als zuerst angenommen. Und je länger sie diese Möglichkeit in Betracht zog, umso unwohler fühlte sie sich. Was weder an der Lokalität noch an dem Alkohol lag.
      „Zurück zum Thema“, lenkte sie das Gespräch wieder in die Richtung, die hier wohl bedeutsamer als Spitznamen waren. „Seine Assistentin. Schön. Vielleicht haben Sie später ja die Muße und erzählen, wie sie sich kennengelernt haben. Hawthorne und ich sind ein wenig angespannt, angesichts der Umstände. Sehen Sie uns also nach, dass wir Sie direkt mit einer Waffe empfangen haben.“ Ember stieß sich von der Wand ab, um zu Tisch zu treten, jedoch noch immer nicht Platz zu nehmen. Sie brauchte jetzt doch den Becher mit dem Schnaps. Damit sie nicht doch wieder ihre mühsam erkämpften Manieren vergaß. „Sie forschen also mit ihm zusammen. Tor-Theorie?“
      Sie nahm einen ausgiebigen Schluck und musterte Liz weitergehend. Wenn sie sich konzentrierte, spürte Ember ein leichtes Kribbeln an der Hand, die Liz am nächsten war. Also war sie höchstwahrscheinlich auch magisch begabt. Was beherrschte sie?
      „Ich bin erst seit kurzem hier und hab mich noch nicht umsehen können.“ Oder wollen. „Sie arbeiten mit ihm an einer Lösung für sein Zeitproblem, richtig? Irgendwelche Anhaltspunkte? Etwas, das wir tun können?“
    • Genüsslich aß sie ihre Schüssel leer und beklagte sich nicht über die Behandlung, die ihr zuteil wurde.
      Wenn sie ehrlich war, hatte sie von zwei Polizisten (gut, einem Ex-Polizisten) nicht viel anders erwartet. Zumeist erging man sich nicht in Geplänkel, kam recht schnell zum Punkt und am Ende wurde es ein Verhör. Ähnlich wie jetzt.
      Während Sallow unhöflich stehen blieb, hatte sich Hawthorne ihr gegenüber platziert und an seiner Zigarette weiter gezogen. Auch unhöflich, aber zumindest wurde sie nicht betrachtet wie ein Tier beim Fressen. Selbst als sie den Becher mit dem merkwürdigen Zeugs anrührte, setzte sie sich nicht.
      Unhöflich. Und Eliza hasste Unhöflichkeit.
      Kopfschüttelnd laborierte sie noch weiter an dem Essen in ihrem Mund, ehe sie leicht missbilligend zu Ember herüber sah.
      "Fürs Erste möchte ich betonen, dass dies hier weder Ihre Domäne, noch ein Verhör ist, Ms Sallow", begann sie ruhig und erstaunlich gefasst, betrachtete man das Ausmaß der Unhöflichkeit in diesem Raum. Normalerweise wäre sie über jeden einzelnen hier wie ein Raubtier hergefallen. Nur Gus lag es zugrunde, dass sie sich zusammen riss. "Eine Muße, Ihnen etwas zu erzählen, besteht mitnichten."
      Hawthorne seufzte lautstark und sah genervt von der einen zur anderen Frau. Warum strafte ihn der Himmel so? Hatte er Kinder getötet in seinem vorherigen Leben?
      "Könnten Sie beide mal für einen Moment dieses Platzhirschgehabe sein lassen?", knurrte er und schüttelte den Kopf. "Wie Sallow schon sagte, sind wir die Typen mit der Knarre. Und ehe ich Sie in Augusts Nähe lasse ohne zu verifizieren wer sie sind, passieren Sie gar nichts. Also. Frage 1: Mit was assistieren Sie?"
      Süffisant seufzend schüttelte Liz den Kopf und lächelte.
      "Ich assistiere August Foremar bereits seit einiger Zeit. Seit ungefähr 10 Jahren brutto."
      "Brutto?"
      "Nun, er war 7 Jahre im Gefängnis, nicht wahr?", grinste sie und legte den Löffel fort. "Wie wir uns kennen gelernt haben, Ms Sallow, da es Sie so interessiert: Er hat mich aufgesucht in der Universität von London. Wir kamen ins Gespräch und er bot mir aufgrund meiner Fähigkeiten einen Job an. Das wars mit der Geschichtsstunde."
      "Nicht ganz", murmelte James und nickte zu Sallow. "Woran forschen Sie?"
      "Wir forschten über Jahre an dem Sieben-Wege-Tor und seit neuestem an einer Möglichkeit, den Tod zu betrügen. Und wenn Sie etwas tun können, hätte es Gus Ihnen gesagt. Ich glaube eher, dass hierbei lediglich magische Hilfe von Nöten sein wird. Anhaltspunkte gibt es, aber leider nicht viele. Zumal diese, wie Sie sich vorstellen können, eher mythischer Natur sind."
      "Und welche sind das?!"
      "Sind Sie beide mit der mythischen Gestaltung des Todes vertraut?!"
      "Dem Sensenmann?", fragte James und nickte.
      "Genau. Das ist die Anthropomorphisierung des Todes. Freilich geht es also nicht darum, einen Sensenmann aufzugreifen und ihn an etwas zu hindern. Es ist viel eher die Natur des Todes zu ergründen. Der Tod macht uns alle gleich und ist das gerechteste Urteil der Natur und damit etwas göttliches. Viel wichtiger aber ist etwas anderes..."
      "Na und was?!"
      Langsam wurde es nervig.
      "Der Tod ist das Gleichgewicht. Kommen Sie, Hawthorne, denken Sie mit. Ein Gleichgewicht ist in manchen Augen ein Zustand. Tatsächlich jedoch ist aber der Zeitpunkt entscheidend! Sogar sehr entscheidend!"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Entgegen ihrer üblichen Handlungsweise reagierte Ember dieses Mal nicht auf die Sticheleien. Sie trug immerhin den Namen der Familie, dem einst dieses Anwesen gehört hatte und machte sie am ehesten zu einem berechtigten Anwesenden hier. Was dieses Haus doch zu ihrer Domäne machte.
      „Das ist kein Verhör, das ist lediglich eine Nachfrage, wer Sie sind“, korrigierte Ember das vorlaute Weibsbild, doch sie fasste den Becher merklich fester je mehr Worte sie von sich gab.
      Bevor sie sich noch weiter angiften konnten, unterbrach Hawthorne sie erneut und Ember zog sich willentlich aus der Unterhaltung zurück. Ganz offensichtlich hatte das Weib Probleme mit ihr, da sie auf Hawthorne wesentlich zugänglicher wirkte. Musste an der Waffe gelegen haben. Oder einfach daran, wie er seine Fragen rechtfertigte. Ohne ein weiteres Geräusch zirkelte Ember um den Tisch herum zu seiner Seite, machte jedoch keine Anstalten, sich zu setzen. Die Entspannung war ihr wieder vollkommen aus den Gliedern gewichen.
      Das Seufzen, das ein wenig einschlägig klang, erwischte Ember jedoch auf dem falschen Fuß. Ihr Gesicht entglitt nur für den Bruchteil einer Sekunde und sie war froh, keinen Schnaps im Mund zu haben. Dass so etwas einfaches ausreichte, um sie derart zu triggern machte deutlich, wie fertig sie eigentlich war. Keine Ruhe, kein Essen, fast zwischen Arkana geraten. Das war einfach zu viel für einen Abend.
      Also kannten sie sich, bevor Ember ihn im Evenstar aufgesucht hatte. Kein Wunder, damals war August auch noch frei und mit anderen Motiven unterwegs gewesen. Irgendwie keimte in ihr die Hoffnung hoch, dass er sich geändert hatte. Nicht mehr der war, der diese Liz ausfindig gemacht und zu seiner Assistentin gemacht hatte. Sicherlich hatte sie Vorzüge, die Ember nicht besaß. Das galt allerdings auch andersherum.
      Trotzdem wollte sich Ember schütteln, ein jedes Mal, wenn diese Liz diesen Spitznamen benutzte.
      Sie hörte weiter den Erklärungen zu und merkte, wie ihre lahmen Hirnzellen zu arbeiten begannen. Dass der Tod ein Gleichgewicht bedeutete, war offensichtlich. Jeder, der lebte, endete schließlich mit dem Tod. Sie war nicht davon ausgegangen, dass man etwas nicht greifbares wirklich attackieren können würde. Es musste einen Weg drum herum geben, etwas, das...
      Ember stellte geräuschvoll den fast leeren Becher ab. Ihre Augen, die zwar müde aber nicht weniger aktiv wirkten, fixierten Liz. „Halten Sie es für möglich, sinnvoll und machbar, dass man eben jenen Zeitpunkt... verschiebt? Oder besser gesagt, die betreffende Person austauscht?“
    • Amüsiert stellte Liz fest, dass das Gesicht der anderen Frau entglitt, als sie einen Spitznamen benutzte.
      Interessante Wendung, dachte sie und lächelte bittersüß, ehe sie sich kurz zurücklehnte und einen Arm locker über die Lehne ihres Stuhl hängen ließ. Sie konnte sich nicht erklären, wie August sich zu dieser Frau hingezogen fühlte. Offenkundig umgab sie eine Aura von Unsicherheit und letztlich auch Gefahrensucht, wie ihr schien. Also eine Frau, die August sicherlich mögen könnte, aber zumeist endete es alles nun einmal in Chaos.
      Ruhig sah sie zu Ember hinauf, als diese ihre Theorie benannte.
      Innerlich schüttelte sich Liz bei dem Gedanken, das Jemand Unkundiges versuchte, eine komplizierte Theorie derart vereinfacht aufzublasen. Es war kein schlechter Gedanke, aber die Einfachheit dieser Lösung hätte sie beinahe laut auflachen lassen. Austauschen, natürlich. Klar, sie versuchten auch den Tod zu betrügen, aber eine Naturgewalt regelrecht belügen?
      "Nein, nicht verschiebt", schüttelte sie diplomatisch den Kopf. "Auch nicht austauschen. Den Tod zu täuschen ist sicherlich ein Frevel, aber eine Naturgewalt, die ein Gleichgewicht herstellt, das angestrebte Ziel zu nehmen, würde eine Katastrophe auslösen. Aber es ist ein ähnlicher Gedanke, den wir verfolgt haben..."
      James schüttelte den Kopf in ungläubiger Natur. Er verstand mal wieder nur die Hälfte und eigentlich war ihm auch egal, welche Naturgewalten es zu besiegen oder bezwingen galt.
      "Der Zustand des Gleichgewichts wird mit dem Tod von Gus hergestellt. Einen Entzug würde einer Katastrophe gleich kommen. Aber bedenkt man die Tatsache, dass der Zeitpunkt des Gleichgewichts und die Natur des Todes entscheidend ist, ergibt sich eine Möglichkeit. Wäre es möglich, den genauen Zeitpunkt der Gleichgewichtserstellung zu ermitteln und würde man das Gleichgewicht durch einen bestimmten herbeigeführten Umstand früher herbei führen, würde man den Tod als Naturgewalt dazu bringen, sich selbst zu betrügen. Denn ein Gleichgewicht muss zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehen. Besteht es früher oder später, betrügt der Tod sich selbst und wird daher nichtig."
      James sah die junge Frau eine Weile lang an und leerte sodann sein Glas erneut.
      "WAS?!"
      Seufzend schüttelte Liz den Kopf.
      "Vielleicht sollten wir uns alle etwas Ruhe gönnen, bis Gus kommt", murmelte sie.
      "Wartewartewarte!", murmelte James und hob die Hand. "Ihr versucht, den leibhaftigen Tod zu betrügen?!"
      "Genau das", grinste Liz und sah demonstrativ über die Schulter. "Also...Sie sagten, dass Sie sich noch nicht haben umsehen können. Wie wäre es wenn wir das täten und Schlafzimmer beziehen?! Mir scheint, es wird hier länger dauern und mich dürstet, dieses Haus zu erforschen."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Gemächlich richtete Ember sich wieder auf. Der Becher war aus dem Feld ihrer Aufmerksamkeit verschwunden und stattdessen betrachtete sie augenscheinlich noch immer Liz, die einen Teil ihrer bisherigen Erkenntnisse zu Tage förderte. Schließlich legte sich ihre Stirn in Falten während sie das Gehörte verarbeitete. Oder zumindest so weit, wie es ihr angeheitertes Hirn konnte.
      Die Theorie war also, dass der Zeitpunkt relevant war. Mit anderen Worten dann, wenn die Uhr von August ablief und die geliehene Zeit versiegte. Als sie ihn aus dem Reich der Toten zurückgeholt hatten, brachte er das Ungleichgewicht mit und das musste nun revidiert werden. Änderte man den festgelegten Zeitpunkt, dass er nicht nach der geliehenen Zeit endete, warf es das Gleichgewicht wieder durcheinander. Den Zeitpunkt nach hinten verschieben konnten sie scheinbar nicht – dafür hätten sie den Tod austricksen müssen. Also schob man den Zeitpunkt wissentlich nach vorn.
      Bedeutete das, August müsste... eher sterben? Das war alles? Aber dann stünden sie ja wieder vor dem gleichen Problem... Außer...
      Ember rieb sich die Stirn und seufzte. Sie schoss einen Seitenblick zu Hawthorne. „Natürlich versuchen sie das. Hat August doch nie ein Hehl draus gemacht. Was wundert Sie's denn jetzt?“
      Aus dem Stirn reiben wurde das gesamte Gesicht reiben. Vielleicht hätte sie doch keinen Alkohol trinken und damit die schleichende Müdigkeit abwehren sollen. Dann kam doch der Zeitpunkt, wo sie sich auf den nächsten Stuhl sinken ließ und ihre Haltung wieder an Spannung verlor.
      „Ignorieren Sie Hawthorne. Der hat die Schnapsflasche fast allein geleert. Ich habe mich noch nicht umgesehen, er hingegen hat das Haus wohl kurz auf Gefahren untersucht. Mehr aber nicht. Suchen Sie sich meinetwegen ein Zimmer aus, ich werde warten.“
      Mit langen Fingern angelte sie sich die Schüssel mit den Ravioli, die schon merklich an Temperatur verloren hatten. Aber das war ihr mittlerweile egal, sofern sie etwas im Magen hatte, das nicht so widerwärtig wie das Zeug davor war.
      „Schauen Sie sich gern um. Ich mein, das Haus läd ja praktisch dazu ein, es auf den Kopf zu stellen.“ Nur nicht für mich. „Sagen Sie, wenn sie einfach nur dort sitzen, spüren Sie etwas? Fällt Ihnen etwas auf oder wirkt etwas nicht normal?“
      Natürlich suggerierte Ember Liz nicht, was konkret sie bemerken sollte. Sie wollte wissen, ob auch Liz sich beobachtet fühlte. Oder eine seltsame Heimeligkeit in dieser Bruchbude empfand.
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