[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • „Mhhh, ich glaube eh, dass ich aktuell zu angespannt bin um es wirklich zu genießen.“
      Aufrichtige Worte, die Ember formulierte während sie mit von Gott gegebener Selbstverständlichkeit August musterte, der kurzweilig seine Hüllen komplett fallen gelassen hatte. Selbstverständlich drehten sich ganz bestimmte Gedanken in seinem Kopf. Mit Sicherheit hatte er den Abend nicht vergessen können, wo er zu Ember in ihre Wohnung kam, um Ruairi zu retten. Sein Verstand würde sich alles mögliche ausgemalt haben, was die Zwei dort veranstaltet haben könnten. Und er lag ja alles andere als falsch dabei.
      „Ich mach mir da weniger Sorgen. Immerhin hab ich nun schon von mehreren Fronten gehört, dass du einer der besten Illusionisten sein sollst“, sagte sie während sie mit den Füßen leicht abwechselnd wippte. „Sofern wir den Abend heil überstehen und kein Krieg ausbricht, würde ich vermutlich erst einmal das Problem mit den Würfeln angehen. Meine Geschichte kann warten. Es ist ja nicht so, als wäre es etwas weltbewegendes. Bis jetzt ist sie ja auch prima ohne meine neugierige Nase ausgekommen.“
      Das leichte Lächeln war von ihrem Gesicht verschwunden als sich August neben sie setzte. Seine Hand fühlte sich heiß an, so wie ihre Hand klein in seiner wirkte. Vielleicht aber waren auch einfach nur ihre Finger eiskalt. So eiskalt, wie es die Körper der drei Männer sein würden.
      „Wäre ich zart besaitet, dann wäre mein Job definitiv der falsche für mich. Ich fühle nicht mit den Opfern mit, deren Mörder ich nachstelle. Deswegen bin ich so gut in meinem Job. Aber es ist etwas anderes, wenn man selbst wissentlich Menschen an die Schlachtbank führt.“ Sie sah ihm dabei zu, wie er ihre Knöchel sanft küssten. Dann seufzte sie kurz. „Aber wem erzähl ich das, hm?“
      Welchem Zauberer erzählte sie das denn? Wenn sie es sich recht überlegte, dann gab es vermutlich nicht einen in ihrem Bekanntenkreis, der das nicht nachvollziehen konnte oder gar über ein deutlich höheres Opferkonto verfügte als sie. Sie war an einem Tod, den sie verursacht hatte, fast zerbrochen. Sie konnte sich nicht hineinversetzen in diejenigen, die noch mehr Leben auf dem Gewissen hatten und darunter litten.
      „Wir bleiben dabei. Es ist das Einzige, was wir -“
      Es klopfte und August zuckte merklich zusammen. Sogar noch stärker, als Ember es vermutet hätte. Träge richtete sie sich auf noch bevor Perleys Stimme dumpf erklang. Hinter ihr spürte sie wie sich August wieder entspannte. Also war auch er nervöser eingestellt über die ganze Situation als sie angenommen hatte.
      Zeitgleich mit August erhob sich Ember vom Bett und rückte ihr Holster zurecht. Das magische Magazin steckte in direkter Greifnähe, ein weiterer Platz war noch frei für das, was sie von ihrem Techniker zu erwarten hatte. Sie zog sich ihren Zopf etwas fester und nickte. „Alles klar. Dann fangen wir an.“

      Ember musste sich von Perley zur Hintertür führen lassen, die sie noch nie zuvor benutzt hatte. Auf ihrem Handy war wie erwartet keine weitere Nachricht eingegangen. Dafür hatte sich Noland bereits im Wohnzimmer vor dem Kamin in einem Sessel niedergelassen.
      Sorgsam schloss die Detective die Hintertür auf und bedeutete dem Hauswirtschaftler, ebenso aus dem Sichtfeld zu rücken. Sie selbst öffnete die Tür nur einen winzigen Spalt breit, gerade so, dass Ruairi sehen konnte, dass sie geöffnet war. Dann erschauderte Ember ganz kurz, als sie spürte, wie eine Aura gewirkt wurde. Ihr Blick ging zur Decke, so als könne sie durch die blickdichten Beläge schauen. Früher wäre ihr das vermutlich gar nicht aufgefallen und nur ihr Fußkettchen hätte alarmierend vibriert. So war sie wenigstens nicht mehr ganz so blind, auch wenn sie es nur fühlen konnte.
    • I'll take you away through lands of make believe
      Where wildest dreams come true
      If your skin will crawl don't be afraid of what you'll see
      Now close your eyes and count to three – come to me…



      Wenn August Foremar zauberte, schien die Welt sich ein wenig zu biegen und unter seinen Gesetzen zu kuschen.
      Als würde eine unsichtbare Macht auf seine Worte hören, hatte er einen Spiegel über das ganze Haus gelegt. Dieser würde das Haus zeigen, wie es in seiner Pracht da stand. Jedoch ohne das merkwürdige Flackern, was die Aura implizierte.
      Schweigsam atmete er aus als er sein Werk verrichtet hatte und ging nach Ember die Treppe hinab.
      Die Hintertür lag unweit des schmalen Zugangs zur Küche und bot nicht wirklich viel Platz. Perley hatte sich aus dem holzbetäfelten Flur bereits entfernt und nur Ember stand noch in dem schmalen DUrchgang, als August hinzutrat.
      Der Spalt der Tür ließ die frische Nachmittagsluft Londons ein und verhehlte kaum das Geräusch eines brummenden Wagens, der in der schmalen Seitengasse gehalten hatte. Mit einem energischen Schwung stieß August die Tür auf und sah zu dem Chrysler, der dort parkte. Am Steuer saß Ruairi MacAllister.
      Für einen kurzen Moment wirkte die SItuation merkwürdig angespannt. Beide Männer taxierten sich kurz und keiner der Blicke hätte unfreundlicher sein können, als Ruairi aus dem Auto stieg und die hinteren Türen öffnete.
      "Ist dir Jemand gefolgt?", fragte August beinahe schnippisch kalt und trat nach draußen.
      "Nicht, dass ich wüsste."
      Selbst Ruairis Stimme klang ungewohnt kalt und präzise. Aber keiner der Männer schien dem anderen etwas antun zu wollen. Warum auch? Es war nicht die Zeit dafür. Es würde eine Zeit geben, da würde auch Ruairi nicht davor zurückschrecken, diesen Bastard an die nächstbeste Kette zu hängen. Doch heute nicht.
      Sorgsam öffnete August die Seitentür des Wagens und gab Ember einen Wink, auf dass sie helfen möge.
      "Wie lange wird die Illusion halten?", fragte Ruairi.
      August fischte den ersten der Caster aus dem Wagen und sah ihm in die Augen. Angst. Ja, da war Angst. Aber Verwirrung an erster Stelle. Zumindest dann, als August ihm die flache Hand auf die Stirn drückte und kurzerhand seine Aura durch ihn pumpte wie ein Getriebewerk. Der Leib des Casters begann zu zittern und seine Augen drehten sich nach innen. Augusts Augen selbst begannen zu glühen und ein Puls schoss durch den Raum, der selbst Ruairi dazu brachte, die Augenbrauen zu heben. ALs sie alle in RIchtung des Rücksitzes sahen, saß dort der Caster Nummer eins, den August noch im Arm hielt und blickte starr geradeaus.
      "Lange genug, denke ich", sagte August. "Ein paar Stunden. Vielleicht mehr. Wenn sie verschwinden, fährst du nach Hause."
      Dieselbe Prozedur wiederholte er mit dem Caster Nummer zwei und drei, als diese aus dem Auto ausstiegen. Nur um sie sogleich in die fähigen Arme von Perley und Ember zu übergeben.
      "Schafft sie nach drinnen. Es ist gleich soweit", sagte er und sah zu Ruairi, ehe er nickte.
      Der Caster sah einen Moment lang zu Ember und sein Blick wurde weicher. Sachte trat er an sie heran und überreichte ihr das Paket, das ihr der Techniker mitgegeben hatte.
      "Achte auf dich", wisperte er und nickte. Wie gerne hätte er sie geküsst. Wie gerne sich vergewissert. Doch auch dafür war keine Zeit. Stattdessen musste er zusehen wie die Herren nach drinnen geschafft wurden und ohne sein Wissen Noland vorgeführt wurden.

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    • Der Puls war beständig gleichmäßig und deutete auf keinerlei Unregelmäßigkeiten hin. Noch war keine Gefahr im Verzug, noch gab es keinen Grund zu früh Panik zu entwickeln. Also wartete Ember ruhig an der Wand nebst der Hintertür ab, bis es zur nächsten Phase überging. Tatsächlich befand sie sich jetzt gerade dermaßen im konzentrierten Fokus, dass sie ein leichtes Prickeln auf ihrer Haut spürte, das scheinbar die Richtung wechselte. Als August um die Ecke bog ging ihr auf, dass sie ihn gespürt hatte.
      Praktisch.
      „Alles gut soweit“, sagte sie und wich einen weiteren Schritt beiseite, als der Arkana unwirsch die Tür aufstieß und noch auf der Schwelle verharrte. Ember musterte das Profil des Zauberers, der ganz offensichtlich das Auto nieder starrte, das gerade vorgefahren war. Ihre Stirn warf leichte Falten. Diese plötzliche Anspannung war nicht zu übersehen und sie fragte sich, ob Ruairi August jetzt gerade genauso seltsam betrachtete. Ja, sie würden den Teufel tun und diese beiden Männer nicht länger als unbedingt nötig in der Gegenwart des jeweils Anderen lassen. Dann hörte sie Türen schlagen und wusste, dass Ruairi ausgestiegen war. Das Prickeln, das er auslöste, war ein gänzlich anderes als das von August. Vermutlich fühlte es sich so an, unterschiedliche Auren erspüren zu können. Jedoch stutzte sie bei dem altbekannten Tonfall, den August benutzte, als er den Caster ansprach. Wie lange hatte sie diesen Tonfall nicht mehr bei August vernommen? Sehr lange, wenn sie dermaßen irritiert darauf reagierte und weiterhin im Schatten des Gebäudes verharrte. Aber noch viel härter traf sie die Stimme Ruairis, die sie zwar leise, aber klar verstehen konnte. So war es also, wenn die Beiden in normalen Umständen gegenüber traten. Aus Beiden sprach eine angemessene Vorsicht sowie Misstrauen und schlagartig wurde der Detective bewusst, wie effektiv sie sich in die Leben beider mächtiger Zauberer geschlängelt hatte. Vorsichtig lugte sie um den Türrahmen herum und bekam gerade noch rechtzeitig den Wink mit. Ihr Zeichen.
      Daraufhin trat Ember selbst ins Sonnenlicht des Nachmittags. Sofort lag ihre volle Aufmerksamkeit auf Ruairi, den sie optisch nach Auffälligkeiten abscannte. Aber wie er versprochen hatte, fand sie nichts, außer vielleicht einem etwas müden Ausdruck in seinem Gesicht. Sie kam erst bei den Männern an, als die erste Kopie bereits erschaffen worden war und fischte den Caster an seinem Arm, um ihn ins Innere des Hauses und zu Perley zu bringen. Danach kam sie zurück, wobei sie sorgsam die aufkeimende Schwere in ihrem Inneren zu verbannen versuchte. Bei den anderen Beiden kam Perley hinzu und entführte einen weiteren Caster ins Innere.
      Es entstand nur ein kurzer Augenblick, in dem Ember und Ruairi sich nahe standen. Sie tauschten Blicke aus und das Gefühl, ihn in den Arm zu nehmen, sich auch physisch zu vergewissern, das alles in Ordnung war, wurde beinahe übermächtig. Wäre da nicht der Blick des Arkana in ihrem Rücken gewesen. Das Paket, das er ihr überreichte, war klein und zwängte sich zwischen ihren Torso und Arm, während sie eine Hand an seinen Arm legte und ihn nachdrücklich drückte. „Mach keine Dummheiten“, war ihre Antwort darauf weil sie hoffte, dass er wirklich nur rational arbeiten würde. „Und schreib mir, falls was passiert, ja?“
      Sie schenkte ihm das wärmste Lächeln, das sie zu geben hatte. Dann machte sich die Gruppe auf den Weg ins Innere des Hauses.

      Ember konnte den drei Castern nicht ins Gesicht sehen. Sie konnte nicht in die Augen blicken mit der Gewissheit, dass diesen drei Menschen, und das waren sie nun mal, das schlimmste Schicksal bevorstand. Nicht nur, dass sie Bekanntschaft mit Noland machen würden, sondern vor versammelten Arkana ausgestellt und vermutlich gerichtet würden.
      Damit Ember nicht den Kopf hinhalten musste.
      „Ich weiß, dass ich das schon mehrmals gesagt habe, aber mir gefällt das alles nicht“, murmelte sie und schob die Caster ins Hauptzimmer der Detektei, wo Noland in einem Sessel vor der Kamin saß. Er wandte sich nicht um, als Ember die drei Männer dazu aufforderte, Platz zu nehmen. Erst, nachdem die Diskussion erledigt war, wandte er sich um und Erkenntnis erschien auf den Gesichtern der Caster. Ember verzog das Gesicht während sie betont ruhig das Paket in einiger Entfernung abstellte und damit begann, es auszupacken.
      „Wir hatten noch nicht die Ehre. Meine Name ist Noland und bin Mentalmagier“, stellte sich Noland vor und reichte dem einen Caster die Hand, der offensichtlich noch keinen Kontakt mit dem alten Rogue gehabt hatte. Da der Caster ihm zögerlich die Hand reichte, war Beweis dafür, dass er ihn nicht kannte. Nolands Gesichtsausdruck war eher freundlich, doch es reichte nicht bis in seine Augen, und der Caster realisierte seinen Fehler nicht einmal, als es schon zu spät war. Kaum war der Handschlag geschlossen, versteifte sich der Körper des Casters und Ember schloss die Augen. Immerhin wusste sie nun wie es sich anfühlte, wenn gegen den eigenen Willen im Kopf gewühlt wurde. Das Stöhnen war schwer mit anzuhören, weshalb sie besonders konzentriert das Klebeband vom Paket löste und den Inhalt darin erblickte. Nach einem kurzen Blick der Versicherung, dass August nicht unmittelbar in ihrer Nähe stand, steckte sie die Patronen aus dem kleinen Karton ein. Das war nicht das Problem. Das andere Teil darin widerstrebte ihr eher. Ihre Finger schlossen sich um das kalte Glas des Objektes ehe sie es ungesehen in den Untiefen ihrer Taschen verschwinden ließ.
      Soweit, so gut.
      Mit einem hörbaren Atemzug wandte sich Ember den Zauberern zu. Die anderen beiden, von denen der einen zumindest Noland zu kennen schien, saßen mit schockierten Augen da während der alte Rogue scheinbar sehr sorgsam durch die Hirnwindungen des Casters ihm gegenüber wühlte. Beide hatten die Augen geschlossen und wo Noland die Ruhe selbst war, litt der Caster sichtbar vor sich hin. So, wie Ember selbst vermutlich ausgesehen hatte.
    • Nachdem Ruairi das warmherzige Lächeln - sehr zu Augusts Missfallen - erwidert hatte, verschwand der Zauberer beinahe so schnell wie er gekommen war. Die Warheit war und ist, geneigter Leser, dass auch MacAllister wusste, was sie als nächstes erwartete. Die beiden Caster würden sicherlich nicht einfach so einem Ausschuss zur Findung der Wahrheit vorgesetzt. Im Schlimmsten Falle würden sie direkt dem Richter vorgeführt und das konnte nur den schnellen Tod bedeuten. Und auch den starken Gefühlen für Ember zum Trotz: Dies war ein Weg, auf dem er sie nicht begleiten konnte und wollte. Schweigsam und nach einem kurzen Blick zu August verschwand er wieder in seinem Auto und fuhr mit den Illusionen von dannen. Erpicht, die Verfolger, die er immer noch gefühlt in seinem Nacken spürte, loszuwerden.

      August betrat mit dem letzten der Caster den Raum und ließ die beiden anderen ihr Ding machen. Es erschien surreal, dass ein Arkana einem Mentalmagier bei der Arbeit zusah, doch offenbar war es notwendig, diese Menschen vor der eigentlichen Schlachtbank noch zu foltern.
      Schweigsam sah er zu, wie es den ersten zu schütteln begann und hätte einen Penny um die Gedanken gegeben, die Noland sehen konnte. Vielleicht ergab sich daraus auch etwas, das sie weriter brachte.
      Die beiden übrigen Caster schienen mehr denn je den Abstand zu suchen und wurden nur durch Perley und August aufgehalten, die sich in ihrem Rücken platzierten.
      "Eine Bewegung", murmelte August und grinste diabolisch, ehe er wieder zu Noland sah. Hoffentlich brachte das etwas.


      Die Gedanken

      Ein Strudel von Grau und Grell.
      Im ewigen Widerstreit zwischen dem Finstern und dem Hellen, wie es schien. Es drehte sich im Kreis und spuckte widerwillig wie ein bockiges Kind die Bilder aus, nach denen der Mentalmagier zu suchen schien. Wenn er denn suchte. Nicht, dass der Caster etwas dagegen zu setzen hatte. Die Kräfte dieses Mosntrums waren gefürchtet aber die Bilder. Sie schienen noch schlimmer und besser versteckt als der Rest.
      Zunächst sah man nichts, bis auf einen kleinen Würfel, den der Mann gefunden hatte. Lachend hielt er ihn seinen Freunden vor, den beiden anderen Castern inbegriffen. Sie befanden sich in einer Bar. Einer schaurigen kleinen Spelunke, die man besser nur betrat, wenn man sich nicht vor ansteckenden Krankheiten fürchtete. Der Tisch klebte und durch ein Versehen und einen Rempler ließ er den Würfel fallen. Dieser fiel auf die 3.
      Sekunden später piepste das Smartphone des Casters und er sah darauf. Eine App, DICES, hatte sich geöffnet und lud sich herunter, während er mit seinen Freunden rätselte, was dort geschah.

      - Szenenwechsel -

      Eine Nacht. Der Caster schlief unruhig.
      Vor seinem inneren Auge hatte sich eine Landschaft aufgetan, die aus einem Roman hätte stammen können. Dort war eine wunderbare, sattgrüne Ebene und der Wind pfiff durch das hochgewachsene Korn der Felder. Der Himmel war blau und die Luft roch nach Salz und der steifen Brise eines Meeres, während er sich umsah. Wie wunderschön es hier war. Und so friedlich.
      Doch da war etwas, das nicht hereinpasste, so schrecklich passend es auch war. Dort, in einiger Entfernung, war ein Hügelgrab zu sehen. Von Moos und Gras bedeckt und mit einem gähnend klaffenden Abgrund von Eingang, der eine kalte Luft in die Schönheit spie. Und eine Stimme war da. Ein Flüstern, ein Wispern, ein Säuseln geradezu. Komm zu mir, flüsterte es widerspenstig in des Casters Kopf und er wehrte sich zunächst. Doch die Neugierde brannte und der Würfel in seiner Hand ebenso. Er musste dort hin. In die klaffende Schwärze und den wunderbaren...Wunderbaren...Klang...


      - Szenenwechsel -

      Warum er hier war, wusste er nicht. Aber die Welt schien Kopf zu stehen.
      Im Hügelgrab befand sich nach einem schnöden einsamen Gang eine Art Kammer, die er neugierig betrat. Zu beiden seine Seiten türmten sich nach dem Eingang bereits große Berge an Kostbarkeiten auf. Gold, Geschmeide, Jade und Bronze. Statuen, Geld und Gold schienen den Raum gerade zu zu üverfluten und inhärent zu beleuchten, obwohl nicht eine Fackel brannte. Bis unter die Decke türmten sich die Reichtümer und nur ein schmaler Gang war zwischen den meeresgleichen Wellen freigeräumt worden. Ein Gang, der in die Mitte der Kammer führte und ein einsamer, einfacher Thron zu stehen schien.
      Geschlagen aus dem dunkelsten Holz, das jemals ein Menschenauge erblickt hatte, wirkte er schmucklos und hässlich im Gegensatz zu der Schönheit des Reichtums zu seinen Seiten.
      Der Caster schluckte und trat näher.
      Dort war etwas. Jemand. Ein Mann vielleicht? Im Grunde wusste er es nicht genau, denn er spürte keine Aura. Kein Lebenszeichen, nicht mal einen Puls. Der Mann saß mit überschlagenen Beinen auf dem schmucklosen Thron und trug einen altbackenen Gehrock aus edlem Leder. Das schwarze Haar war adrett nach hinten frisiert und der Bart, der sein Gesicht umrahmte, edel gestutzt. Das einzige was merkwürdig war, war die Narbe auf seiner linken Wange, die einer Inschrift ähnlich sah und die Augen.
      Gott, diese gelben, beinahe orangeroten Augen, die ihn leer anstarrten.
      Ein Grinsen umspielte das markante Gesicht und spätestens jetzt würde Noland merken, dass er nicht mehr heraus konnte. Denn es war eines in einen Geist, eine Erinnerung hinein zu sehen. Aber nicht, wenn man es mit ihm zu tun hatte.
      "Hallo Noland", begrüßte den Zauberer eine Stimme. Eine Stimme, die nicht aus dem Mund des MAnnes kam und doch von ihm stammte. Sie war tief und vollmundig und beinahe betörend schön.
      "Willkommen. Ich habe dich erwartet."



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    • Es dauerte schon eine gefühlte Ewigkeit.
      Ember wusste, wie es ablief, wenn Noland auf Informationsbeschaffung ging. Je nach Stärke des Geistes und Kooperationsbereitschaft ging es schneller oder langsamer vonstatten. Dass er jetzt aber schon fast zehn Minuten in völliger Starre mit dem Caster verbrachte, war für den aktuellen Stand zu lange.
      „Es dauert zu lange“, merkte sie deshalb auch für August hörbar an, der selbstverständlich nicht wissen konnte, was gewöhnlich war und was nicht. „Es sollte nicht so lange dauern.“
      Just in dem Moment, wo sie es ausgesprochen hatte, erschütterte es den Caster gegenüber Noland. Sein ganzer Körper begann zu zittern, als hätte man ihn unter Strom gesetzt. Dann gab es sowas wie einen Ruck, ihre Hände lösten sich voneinander und der Caster sank regungslos in sich zusammen.
      Noland auf der anderen Seite war in Schweiß ausgebrochen und hatte sich gegen die Rückenlehne seines Sessels geworfen. Mit geweiteten Augen und schwer atmend starrte er den bewusstlosen Mann ihm gegenüber an und dieser Anblick jagte selbst Ember einen Schauer über den Rücken. So hatte sie den alten Mann noch nie erlebt. Noch nie hatte sie Schock und solche Anstrengung bei ihm gesehen. Irgendetwas war schief gelaufen, das stand für jeden sichtbar in Nolands Gesicht geschrieben.
      Fehde hin oder her – Ember trat an Nolands Seite und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Mann zitterte leicht. Der Mann, den kaum was erschüttern sollte. „Geht's?“, fragte sie kurz angebunden und musterte seine Augen, die etwas suchten und nicht fanden.
      „Es ist nicht mehr da“, brachte er langsam hervor und die Mischung aus Entsetzen und Wut wogen schwer in der Stimme. „Was ich gesehen habe, ist weg. Ich kann mich nicht erinnern.“
      Embers Gesichtsausdruck entglitt. Das war noch nie passiert. „Wie, du kannst dich nicht erinnern?“
      „Ich weiß, dass ich etwas Wichtiges gesehen habe. Aber nicht, was. Kaum ist er ohnmächtig geworden, war es fort. Wie ein Traum, an den man sich nicht erinnern kann.“ Er fuhr sich über das schwitzige, faltige Gesicht.
      „Gar nichts?“, versuchte sie weiter und warf August einen unbestimmten Blick zu.
      Nolands Gesicht verzog sich weiter, so als versuche er sich krampfhaft an was zu erinnern. Dann, plötzlich, rückte er von Ember ab und sah sie an, wie jemand komplett Fremdes. „Doch. Ich habe einen einzigen Satz.“ Er erschauderte, so als wären ihm die Worte allein zuwider. „Wenn sie sich weiter einmischt und sucht was war oder sein kann, werde ich ihr alles wegnehmen was sie liebt und es in den Strömen der Ewigkeit verstecken.“
      Ember richtete sich kerzengerade auf. „Wer?“
      Noland schüttelte den Kopf. Sein Blick ging hinüber zum Kollegen des Casters, dem allein der Horror ins Gesicht geschrieben stand. Vor Minuten hätte sich der alte Rogue auch an diesem Caster genüßlich getan. Nun jedoch war ihm die Lust daran merklich vergangen. „Mächtig. Ich kenne keinen einzigen Fall, der mich Erinnerungen sehen ließ und sie anschließend löschte. Eine Wirkung durch Erinnerungen eines fremden Geistes bis zu mir zu erwirken ist... furchteinflößend.“
      Und das aus Nolands Mund zu hören, löste das gleiche Gefühl auch in Ember aus. Abgesehen davon, dass auch diese Nachricht kryptisch war und wieder direkt an sie adressiert war. Was hatte sie eigentlich verbrochen, dass sie scheinbar eine ganz große Sache im Rad des Schicksals war? Vielleicht sollte sie doch noch schneller mit dem dazugehörigen Arkana sprechen, als sie angenommen hatte.
      „Was jetzt? Ich kann doch nichts dafür, dass mir der Würfel gebracht worden ist. Ich wollte doch nicht mal das Spiel spielen, das warst du“, sagte sie zu August, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Noland langsam wieder runterkam und der ohnmächtige Caster noch atmete. Es war doch viel kritischer, dass August so arg darauf erpicht war, den Würfel zu ergründen.
      ….und sucht was war oder sein kann....
      Was war... Was war damals passiert, als die Familie des Richter gestorben war? Was könnte sein, wenn jeder so einen Würfel besaß und das Spiel spielte? Aber dann müssten viel mehr Würfel im Umlauf sein und solche Artefakte waren bestimmt endlich. Was sein könnte war demnach also immerhin ein bisschen abzusehen, aber...
      Was war.... Was gewesen war? Was dazu geführt hatte, dass ihr Name aus den Büchern gestrichen wurde? Was das Wissen mit Ember anstellen konnte, wenn es nicht einfach nur eine Lappalie gewesen war? Was sie sein könnte, wenn sie weiter nachforschte?
      Sie musste sich setzen.
      Ihre Beine fühlten sich plötzlich seltsam weich an, als sie sich in den letzten freien Sessel neben Noland sinken ließ. Das war doch lächerlich. Wieso sollte sich auch nur irgendetwas einen Deut darum scheren, wenn ein Mensch ein bisschen Ahnenforschung betrieb? Sie konnte doch sowieso nichts dran ändern was in der Geschichte geschehen war. Weder besaß sie die Macht dafür, noch war es logisch...
      In den Strömen der Ewigkeit.
      Das Zeittor.
      Embers Blick schoss zu August. Was würde sie in seinen Augen sehen? War da ein Funken Erkenntnis, konnte er vielleicht sogar mehr damit anfangen, was Noland als Botschaft überbracht hatte? Wie viel Wissen versteckte August tatsächlich noch vor ihr?
    • Dauert nicht so lange.
      Na sicher.
      August war anzusehen, dass er über das Prozedere nicht erfreut oder gar erleichtert war. Sicherlich würde es Informationen gewinnen, aber dennoch war es ein sensibler Eingriff in die Freiheit eines jeden Menschen. Dieser Caster hatte ihm nichts zeigen wollen, so viel stand fest. Und der Arkana musste sich zurückhalten, um nicht doch einzugreifen. Denn auch wenn er die Caster für das was sie waren, verabscheute, so verabscheute er noch mehr diese Art der Folter. Diese mittelalterlichen Methoden...
      Sein Verständnis wuchs nicht gerade, als der Caster nach der Behandlung unkontrolliert zu zittern begann. Noch ehe August einen Blick mti Ember ausgetauscht hatte, sank dieser auch schon zu Boden und die beiden anderen Caster hoben an, den Raum zu verlassen. Alleine ein Blick des Arkana reichte aus, um sie dazu zu bringen, stehen zu bleiben und sich zitternd umzusehen. Unbewusst hatte August seine Präsenz in den Raum geschüttet und den Raum um die beiden Caster eng werden lassen. Beinahe so als bekämen sie keine Luft, kämpften sie mit dem Atmen und ließen für einen Moment den Fluchtversuch bleiben.
      Erst danach sah er zu Ember und Noland, die in ein Gespräch vertieft waren. August selbst ging zu dem Caster und fühlte nach dessen Puls. Schwach, aber spürbar. Immerhin.
      "Ohnmächtig", stellte er Perley gegenüber fest, der nickte.
      August lauschte derweil Nolands und Embers Gespräch und zuckte die Achseln als Ember ihn ansprach.
      "Sieh mich nicht so an, ich provoziere das nicht. Das Spiel habe ich nicht gespielt, ich habe einen Würfel geworfen. Noch habe ich nicht mal die App genutzt."
      Ruhig setzte sich Ember nach einer langen Episode des Schweigens in den freien Sessel. Selbst wenn sie sich noch nicht so lange kannten, wusste August, dass allzu langes Schweigen nie etwas gutes bedeutete. Zumeist kaute Ember die Dinge zu sehr durch oder verfing sich in Gedanken. Aber selbst der Arkana konnte nicht umhin, die Sätze der Nachricht wieder und wieder durchzugehen und kam unbewusst zu denselben Schlüssen wie die Ermittlerin.
      Bei ihrem Blick konnte er nicht anders als wissend drein zu blicken, ehe er seufzte und Perley anwies, die Caster in einen anderen Raum zu bringen. Dies war nicht für ihre Ohren. Erst dann ging er zu Noland und sah ihn an.
      "Sag mir wie er aussah", murmelte der Arkana und ließ sich eine knappe, wenngleich nur grobe Beschreibung geben. Und erneut.
      Da war dieses Wissen, dieses Erkennen in seinem Blick, das ihn verriet, als er sich zu Ember umdrehte.
      "Die Nachricht deutet darauf hin, dass das Zeittor eine Rolle spielt. Es gibt aber noch etwas. Und das konnte keiner von uns ahnen..."
      Langsam und bedächtig schritt August durch den Raum wie es seine Art war, wenn er denken musste und begann langsam zu sprechen.
      "Unter Torforschern gibt es eine Theorie", begann er. "Alles, was ist, hat einen Schöpfer nicht wahr? Also muss es das Tor auch haben. Jemand oder Etwas musste dieses Tor geschaffen haben oder zumindest einen tieferen Einblick besitzen. Denn es taucht nicht willentlich oder kontrolliert auf. Es ist ein magisches Konstrukt, dessen Kontrolle nicht möglich erscheint..."
      Er hielt kurz inne und sah zu Ember.
      "Während meiner Zeit im Tor lernte ich neben einer grausamen Welt auch etwas über die Struktur des Tores selbst. Und wie die Theoretiker dachten, gab es eine Macht, die über den Wesenheiten der Tore stand. Drei Wesen, um genau zu sein. Man nennt sie die Drei Weinenden Zaren. Könige der fremden Welten und mächtiger als alles was ich je sah. Nolands Beschreibung ähnelt zumindest Schauergeschichten, die ich damals hörte und herausfand. Ein Wesen mit einer merkwürdigen Narbe und grellgelben Augen...Es hatte sogar einen Namen, wobei ich nicht glaube, dass es wirklich einer ist. Die Wesenheiten, die mich nicht umbringen wollten, nannten dieses Wesen Liberio, das Wildfeuer."

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    • Da war es. Da war dieses Glitzern, wenn einem ein Licht aufging. Jenes Glitzern, das Ember schon öfter in Augusts Augen gesehen hatte und endlich in der Lage war, es fehlerfrei zu erkennen. Was auch immer er mit seinem schier maßlosen Wissen aus den Worten kombiniert hatte, schien mehr Sinn zu ergeben als das, was sich in ihren Windungen abspielte. Spätestens, als er Perley anwies, die Caster in einem anderen Raum bis zum Abend zu verbarrikadieren, wusste sie, dass das Wissen prekär sein musste.
      Noland wurde beinahe noch bleicher, als August zielstrebig auf ihn zukam. Selten ließ sich so leicht seine Gedankenwelt von seinem Gesicht ablesen. Scheinbar musste er Schock wahrlich tief sitzen. Der alte Mann fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen während er versuchte, der Aufforderung nachzukommen. Und langsam brachen Brocken aus seinem Mund hervor, die zu einem Bild führten, die in Embers Wahrnehmung vorrangig weniger schauderlich schien als es beispielsweise der Sharokh gewesen war. Aber genau dort lag die Krux; in den meisten Fällen war die Täuschung das Problem.
      Noch immer saß die Ermittlerin in ihrem Sessel, die Hände vor ihrem Mund gefaltet. „Das Zeittor hab ich auch vermutet.“ Da. Da war es nochmal. August machte sich gar nicht mehr die Mühe, sein Antlitz vor ihr zu verstecken. Ihr Blick folgte ihm weiterhin während er im Zimmer zu wandern begann.
      „Nichts erscheint einfach aus dem Nichts, ja“, stimmte sie ihm zu. Logisch, dass auch die Tore, genauso wie die Würfel, einen Schöpfer haben mussten. Etwas, das den menschlichen Verstand überschritt. Etwas, dem August näher gekommen war als viele andere zuvor.
      „Ist das Wissen über diese Wesen in der Welt dort so geläufig oder wie bist du daran gekommen?“ Hatte eigentlich jemand jemals gefragt, was August dort überhaupt erlebt hatte? Mit Sicherheit, oder? Darüber hatte sie nur keine Abschriften gefunden, wenn sie sich recht entsann. Vielleicht hatte er auch gar nicht darüber sprechen wollen...
      „Man brauch immer Namen, um etwas zu bezeichnen, also sieh es ihnen nach... Das sind zwei, nein, drei Merkmale, die zutreffen würden.“ Sie stieß einen Seufzer aus. Einen durchaus genervten. „Wie ich unser Glück bisher kenne, ist das kein Zufall. Auch wenn mir das lieber wäre, ganz ehrlich....“
      „Dein Name teilt dasselbe Thema wie seines...“, bemerkte Noland leise und erntete von Ember einen scharfen Blick. Das war ihr auch schon aufgefallen. Wie gesagt, sie glaubte nicht an Zufälle. Nicht mehr. Nicht, seitdem August sie oder jemand ihr ähnliches im Tor sah.
      „Spekulieren wir doch einmal kurz.“ Ember löste ihre Hände und lehnte sich geradeheraus nach hinten. „Was, wenn nicht die Würfel gemeint sind und tatsächlich meine jüngsten... Nachforschungen gemeint sind. Wie wahrscheinlich ist es, dass meine Vorfahren vielleicht Kontakt hatten mit genau so einem Wesen? Ich weiß nicht, ob die sich auf einen Handel herablassen würden, aber was, wenn doch? Es hieß, er könne alles mögliche im Strom der Ewigkeit verschwinden lassen. Wer sagt denn, dass er das nicht unlängst getan hat?“
    • August Schrittfolgen veränderten sich leicht, jedes Mal wenn seine Gedanken an die Tore und die Welten dahinter stießen. Jedes Mal, wenn er wieder diese graue, brutale Welt dachte.
      Noch immer hatte er die schimmernden Einöden und die beißend kalten Winde in Erinnerung, die nicht nur seine Haut gegerbt hatten. In einer Welt, in der man aus Blut Tempel baute und die jeglicher Farbe verlustig gegangen war. Die zwei Sonnen spiegelten sich geradezu in seinen Augen, als er wieder aufsah und zu seufzen begann. Doch dieses Mal lag keine Resignation in seiner Stimme. Es war einfach Zeit. Bevor er selbst keine mehr hatte.
      "Sagen wir einfach, ich bin nicht stolz auf das, was ich tun musste", murmelte er und bewegte sich weiter. "In der Welt, in der ich landete, ist das Wissen um diese Kreaturen durchaus geläufig. In etwa so geläufig wie hier die Angst vor einem Gott oder einer Strafe. Geben sie es freiwillig preis? Eindeutig nein. Sie verstecken sich vor diesem Wissen, sie horten es und begraben es unter Trümmern und Städten aus Blut. Und manchmal, da gräbt jemand in diesen Ruinen und findet etwas. SIe töten ihn rücksichtslos. Und ich tat selbiges. In einer Zeit, in der ich selbst mehr unvollständig denn vollständig war, wurde ich schlimmer als jedes Monster, das sie kannten. Ehe sie mir freiwillig von denen erzählten, die sie fürchteten. So gelangte ich an die Namen aller drei Zaren. Auch wenn ich nicht sagen könnte, dass sie viel bringen."
      Ruhig hielt er inne und sah zu Ember.
      "Liberio, das Wildfeuer", begann er und hob den Zeigefinger. Der Mittelfinger folgte. "Ymir der Tausendlande." Der Ringfinger ging nach oben. "Und Samsara, das Ewigdunkel. Das waren die Namen, die sie mir preisgaben, ehe sie sich wieder geißelten, eine solche Information herausgegeben zu haben. Und was soll ich sagen. In einer Welt, in der es kaum Zeit zu verschwenden gibt und diese auch noch anders läuft, hat man manchmal nichts anderes, als seinen Feind zu studieren, bis die Augen einem Menschen erblinden."
      Wie oft war er in diesen Einöden gestorben? Wie oft wieder erstanden? Nur weil er IHM missfallen hatte?!
      Auf Nolands Einwand hin, drehte August den Kopf zu ihm und nickte bedächtig. Das stimmte. Ember. Der Funke, die Glut. Und das Wildfeuer. Vielleicht...Nein. Nein, das war nicht möglich, oder?
      "Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch", murmelte August. "Auch wenn man es nur schwer sagen kann. Die Weinenden Zaren sind Könige des Tores. SIe herrschen über alles darüber und darunter und sind bekannt für derlei Spielchen. Es ist durchaus möglich, dass die Familie Sallow mit dem Tor und einem Zar in Berührung kam. Jedoch weiß ich nicht, ob dies nicht eine Geschichte für nach der Verhandlung ist."
      Wenn ich hoffentlich noch lebe...

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    • Des Öfteren war Ember bereits aufgefallen, dass sich Augusts Wortschatz abänderte, sobald er anfing über Themen zu sprechen, die auch nur entfernt die Tore behandelten. Manchmal hätte sie viel dafür gegeben, nur ein einziges Mal in seinen Kopf blicken und das sehen zu können, was er in der Zeit im Tor getan hatte. Nicht, weil sie neugierig darauf war, wie es dort war. Sondern was es mit dem Mensch angestellt hatte, den es verschlungen hatte.
      Aber immerhin hatte sie nun drei Namen, die erschreckend nah an Namen von Göttern dieser Welt erinnerten. Wer war auf die Idee gekommen, die Bezeichnung „Zaren“ für diese drei Einheiten zu benutzen? Ebenfalls ein seltsam menschlicher Ausdruck, oder womöglich einfach nur ein Übersetzungsfehler... Hieß das, man konnte sich untereinander verständigen?...
      „Recht hohe Wahrscheinlichkeit. Mhm“, sagte Ember. „Das heißt, wir haben drei Entitäten, die sich die Regentschaft über ein Tor teilen, ja? Ich wüsste jedenfalls nicht, warum sich so eine Einheit auch nur die Mühe machen sollte, eine Erinnerung nur für mich zu verstecken.“
      Zugegeben, damals hatte sie auch nicht erwartet, dass ein Sharokh ausgerechnet mit ihr einen Handel hatte schließen wollen. Oder dass sie wirklich so dumm gewesen war, den allein in Angriff zu nehmen. Allerdings hatte August recht – ihnen saß die Zeit im Nacken und es würden sich immer neue Fäden auftun, nach denen sie greifen wollte.
      „Auch wahr. Immerhin haben wir erst mal andere Probleme anzugehen, richtig?“
      Ember ließ die Hände vor ihrem Gesicht sinken und starrte das leise prasselnde Kaminfeuer an. In ein paar Stunden würde sie dadurch gehen und es fraglich sein, ob sie geschlossen wieder zurück kamen.

      Es war früher Abend geworden. Ember hatte sich die Jacke bereits wieder angezogen und ihr missmutiges Blickduell mit den Scheiten in der Feuerstelle des Kamins aufgenommen. Über die letzten Stunden hatte sich eine zähflüssige Stille über ihren Geist gelegt, so als würde sie bewusst alles von sich weisen, das potenziell ihren Gedankenfluss stören konnte. Doch nun war die Zeit gekommen und auch das Ausbleiben von Ruairis SMS förderten nicht unbedingt ihre Zuversicht. Das Magazin, das August ihr gab, wog schwer in ihrem Holster. Er würde sie nicht derart schwer ausstatten, wenn er nicht davon ausging, dass es zu Reibereien kommen würde. Vermutlich musste sie sich auf das Schlimmste einstellen und ein Teil von ihr war dankbar, dass sie sich dieses Mal wirklich bis an die Zähne bewaffnet hatte. Mit Spielsachen, von deren Existenz nicht einmal August etwas ahnte.
      Es wurde geschäftiger im Raum, als August mit Perley und den Castern erschienen. Ember versuchte, den drei Castern einen betont ausdruckslosen Blick zu zuwerfen, aber ihr Gefühl sagte ihr etwas anderes.
      „Also. Ich sage Ihnen dreien jetzt noch einmal, dass Sie nichts unüberlegtes gleich tun sollten. Verhalten Sie sich ruhig und antworten Sie nur auf Fragen, die man Ihnen direkt stellt. Panik wird Ihnen nicht weiterhelfen“, wies die Detective die drei Männer an und hasste selbst die verschwiegenen Fakten in ihren Worten. Danach ging ihr Blick zu August. „Wenigstens sind wir dieses Mal pünktlich.“
    • Der Ratssaal - 14 Sekunden später


      Der Raum war noch immer derselbe.
      Noch immer türmten sich die rundlich angelegten Sitzplätze auf einer Empore, währenddessen in der Mitte eine Art Altar errichtet worden war. Ein rundlich steinerner Tisch, der seinesgleichen noch zu suchen schien. Weiß und glänzend hob er sich von dem beinahe schwarzen Boden hervor. Es glich einem merkwürdigen Rednerpult, bedachte man den Buchstand, der aus Stein an den Tisch gehämmert worden war. Das geschulte Auge vermochte Runen zu erkennen, die sich auf dem Boden ausbreiteten und von denen ein merkwürdig grünes Leuchten ausging, das den Raum auf eine markabere Art betonte.
      Sanfte Lichter erhellten den Ratssaal und legten den Raum in ein merkwürdiges Halbdunkel, was der Stimmung gleich kam, die sich im Raum verbreitete.
      Damals, als sie das erste Mal hier waren, war die Stimmung zwar angespannt, aber dennoch nicht feindselig. Jetzt jedoch stach die Luft voll Blut, obgleich keines vergossen wurde. Wütend und dräuend glich der Raum einer kleinen Klokabine, obschon mehr als 100 Leute hier hereinpassten, wenn man es drauf anlegte. August schreckte kurz zusammen, als er durch das Feuer ging und versuchte noch, das Unweigerliche zu verhindern.
      Doch zu spät.
      Sobald die Caster den Raum betreten hatten, schienen ihre Blicke jeweils zu verschwimmen. Sie hätten daran denken sollen, dass Klasse-B-Zauberer nicht für ein Zusammentreffen mit Arkana geschaffen waren. Zumeist endete es in einer akuten Ohnmacht und einem raschen Zusammenbruch. Doch die Reaktion, die die Caster zeigten, war neu.
      Die ersten beiden Caster brachen auf dem Fleck weg zusammen und rissen beinahe August und einen weiteren Adjutanten um, der sich in ihrer Nähe befand. Der Schaum, der ihnen aus den Lippen glitt, wirkte beinahe wild und ungezähmt. Die Augen der Zauberer drehten sich nach innen und mit einem Mal erschien ihr Geist wie ausgeknipst. Für August, der gerade noch einen der beiden auffangen konnte, war dies Alltag. Die Auren zu spüren und den Druck im Raum zu ertragen. Doch erschien es heute besonders feindselig, sodass selbst dem Arkana mulmig ums Herz wurde.
      "Achte auf den Letzten", wisperte er Ember zu und wies auf den Caster, der sich noch auf den Beinen halten konnte.
      Es war zutreffend, sie waren pünktlich. Überpünktlich. Noch standen die Arkana in ihren Gruppen zusammen und unterhielten sich leise. Obschon manche Gespräche hitzig zu verlaufen schienen, so war noch keine Feindseligkeit offen gesprochen worden. Mit Bedauern bemerkte August einen Umstand, der ihn zum Nachdenken brachte.
      "Es fehlt Jemand", murmelte er Ember zu. "Es fehlt eine Aura im Raum. Es ein Ungleichgewicht in den Arkana und ich weiß nicht, wie lange das hier gut geht. Ich hoffe, du hast deine Waf-"
      "Geht es den beiden gut?"
      Eine Stimme, tief und brummend, erklang an Augusts Ohr und hastig wirbelte herum. Nur um sich danach wieder zu entspannen und auszuatmen.
      Vor ihm stand ein alter, gebeugter Mann mit Halbglatze und dichtem Bart. Das runzelige Gesicht strahlte eine großväterliche Ruhe aus, die er in den Raum strahlte und der merkwürdig schlecht sitzende Anzug erschien Fehl am Platze. Die Augen des Mannes jedoch, sahen leuchtend auf Ember und August hinab.
      "Henry", sagte August und nickte. "Ich grüße dich, Bruder. Das ist Ember, meine Adjutantin."
      "Wir hatten schon einmal das Vergnügen, ja", nickte Henry lächelnd. "Ich bin Henry Duffy. Freut mich sehr."
      "Was ist hier los? Es fehlt Jemand..."
      Duffy nickte und Trauer zog wie ein Streitross über sein Gesicht.
      "Dumas", verkündete er und hustete kehlig und frostig. "Dumas ist tot. Vor vier Tagen in einer Auseinandersetzung mit den französischen Behörden gestorben."
      "Scheiße...Was ist noch geschehen?"
      Dumas war eine seiner Stimmen gewesen. Der Magier war zwar recht eigen, aber durchaus vernünftig. Es war kein Wunder, das ein Ungleichgewicht herrschte. Zwei Arkana-Plätze vakant und ein interner Krieg und Machtkampf am Start. Es war wahrlich kein guter Tag.
      "Was du nicht sagst. Nicht viel fürchte ich. Die Welt hat sich recht ruhig verhalten. Dafür ist Deutschlang im Bürgerkrieg. Siegfried und Mueller haben sich in eine offene Konfrontation begeben, weshalb die beiden sich immer noch ein wenig angiften. Angeblich hat Siegfried gewonnen, aber wenn man den Nachrichten glaubt, haben sie nur eine Stadt im Ruhrgebiet in Schutt und Asche gelegt. Vermutlich also eher ein Unentschieden."
      "Irgendwelche Vorschläge für die Vakanzen?", fragte August und sah von Duffy zu Ember. Mochte es auch noch so sinnlos sein, aber...als Arkana besäße sie Schutz...
      Duffy seufzte und holte gerade Luft, als Gallows die Szene betrat. Der Südafrikaner grinste breit und winkte, ehe er sich ihnen näherte.
      "Ein freudiges Ereignis, das wir uns wiedersehen, Freunde. August, schön, dich nochmals lebend zu sehen!", sagte er und nickte Ember zu. "Und Sie sind?"

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    • Es war erst, nachdem sie aus dem Feuer trat, dass Ember bemerkte, wie blind sie damals bei ihrem ersten Besuch des Zwielichtsaals gewesen war. Wie ein Schlag traf sie die Erkenntnis, da hatte sie noch nicht einmal einen Schritt auf den schwarzen Boden des Saales gesetzt. Schon damals war sie ehrfürchtig, wenn nicht sogar etwas ängstlich gewesen. Aber der Druck, der nun wortwörtlich in der Luft lag, war ihr damals entfallen. Vielleicht lag es ja an dem Training, dass sich sämtliche ihrer Härchen aufstellten und sie kontinuierlich das Gefühl hatte, ihre gesamte Haut würde brummen. Auch die Runen am Boden waren neu. Das Licht, das sich leicht grünlich vom Boden zur Decke des Kuppeldaches kämpfte, war beim letzten Mal nicht da gewesen. Auch der Tisch wirkte verändert, nur die Ränge waren gleich geblieben.
      Ember war selbst so eingenommen, dass sie gar nicht auf die beiden Caster reagieren konnte, die ohne ein Wörtchen in sich zusammen sackten. Einer wurde von August aufgefangen, der andere ging vor Ember zu Boden, sodass sie über seinen Leib stolperte und erschrocken keuchte. Ruckartig fuhr sie zu dem Dritten herum, der zwar stand, aber alles andere als gut aussah. Während Ember möglichst unauffällig einen Arm unter den des armen Casters schob, ließ sie ihren Blick schweifen. Wie damals hatten sich Grüppchen gebildet, doch was einst ruhig und gesittet wirkte, war nun eher einzelnen abgeklärten Fraktionen gewichen. Irgendwas war hier aus den Fugen geraten, das erkannte die geschulte Ermittlerin binnen Sekunden. August folgende drei Worte erklärten diesen Umstand und ihr Gesicht verfinsterte sich. Die Frage nach dem Wer war übermächtig. Es brauchte nicht einmal Worte, damit sie sich über ihr gesamtes Waffenarsenal Gedanken machte. Sie war so angespannt, dass sie es erst bemerkte, als sich jemand August näherte und ihn überraschte.
      Ember musste ein wenig um August umher tanzen, damit sie den alten Mann entdeckte. Auch er hatte letztes Mal am Tisch gesessen, allerdings kein Wörtchen gesagt. Sie erinnerte sich, dass er wohl einmal eine Auseinandersetzung mit August gehabt hatte – zumindest hatte er das einmal erwähnt. Dass sich die Spannung von den Schultern des Teufels löste, wertete sie allerdings als ein gutes Zeichen. Ihre Vorsicht gemahnte ihr, auf die Frage unbedacht zu antworten. So ließ sie August sie vorstellen ehe sie nickte und dem anderen Arkana ein durchaus ehrlich gemeintes Lächeln entgegen brachte. Freunde statt Feinde machen, war hier die Devise.
      Was sie hingegen dann als neue Information bekamen, wischte das Lächeln mit aller Macht aus Embers Gesicht. Das war doch der jüngste Neuzugang unter den Arkana gewesen. Der, den sie selbst mit beigewohnt hatte. Was war wohl genau passiert, damit die Franzosen sämtliche Geschütze auffuhren, um einen Arkana zu töten?
      ….
      War Dumas nicht einer von denen gewesen, die für August und sie gestimmt hatten? Es war eine einzige Stimme gewesen, die damals entschieden hatte. Und nun war sie weg. Ausgelöscht. Der Weg geebnet. Und noch immer keine neue Kaiserin in Sicht. Dass sich scheinbar global auch noch die Arkana bekriegten, trug nicht unbedingt zur allgemeinen Beruhigung bei. Vielleicht war es auch einfach ungünstig gelegen, dass gleich zwei Arkana innerhalb eines Landes lebten.
      Embers Gedanken drehten sich und sponnen ihre Fäden als sie diesen einen Blick von August auffing. Nur kurz trafen sich ihre Blicke und seine Worte trafen sie beinahe so sehr wie ihr Erscheinen hier im Saal. Was für Schnappsideen brauten sich da in seinem Hirn wieder zusammen?! Man setzte Zaubereran die Stelle der Arkana, keine Menschen. Mittlerweile kannte Ember die Regeln, sie wusste, wie man einen Platz bekam. Niemand würde sich dafür aussprechen, sie in den Rang einzulassen. Verdammt, sie würde vermutlich bei dem Versuch, standzuhalten, schon einknicken. Nein, einknicken war nicht das richtige Wort. Man würde sie vom Antlitz der Welt tilgen. So was konnte August ihr unmöglich antun. Das war aber der einzige Weg, wie sie...
      War es... nicht. Es gab noch einen anderen Weg, wie sie an ein Amt käme. Sofern denn die restlichen Mitglieder es ihr zuerkennen würden, obwohl sie kein Zauberer war. Aber viel wichtiger: Wollte Ember Sallow das überhaupt?
      Die Gedanken zogen sich enger, ihr Gesicht wurde immer finsterer und sie merkte nicht einmal, wie sie dem Caster in ihren Fängen den Arm abschnürte. Also lieber zuhören, wer vorgeschlagen wurde für die Plätze. Ein Name kam ihr immer wieder in den Sinn und die Logik dahinter war makellos. Nur würde er das Amt niemals annehmen. Nicht er. Nicht neben seiner Schwester und ihren verkorksten Ansichten.
      Ein feuerroter Schopf riss Ember aus ihren Gedanken. Jetzt hatte sie drei Arkana in unmittelbarer Griffreichweite und der Caster verlor allmählich immer mehr Standfestigkeit. Allerdings waren es Gallows leichtfertige Worte, die ihren Mund staubtrocken werden ließ. Sie musste sich daran erinnern, wie seine Magie funktionierte. Und dann ergab alles einen schrecklichen Sinn. Er sah das Schicksal, das sich nur schwerlich ändern ließ. Die Richtung, die er einschlug, gefiel ihr absolut nicht und entlockte ihr einen besorgten Blick in Augusts Richtung.
      „Ember Sallow, freut mich.“ Auch sie nickte nur und zuckte entschuldigend mit den Schultern angesichts des Gewichts ihres Mitbringsels. „Adjutantin Foremars und Leiterin der Antimagischen im PD... offensichtlich nicht magisch begabt, aber sei es drum. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe das dringende Bedürfnis, Sie bei Gelegenheit zu einem Kaffee einzuladen. Sofern das nach diesem Abend noch machbar ist.“
      Ember schenkte dem Arkana des Schicksals einen vielsagenden Blick. So wie es klang musste sie ihn nicht mehr in Hinblick auf August befragen. Scheinbar war sein Schicksal längst besiegelt.
    • "Das PD, soso!"; grinste Gallows breit und warf seine lockigen Haare kunstvoll zurück. "Ich bin schon schlechter angemacht worden, aber zu einer schönen Frau sage ich nicht nein. Vor allem nicht, wenn es um Kaffee geht. Ich kenne ein vorzügliches Restaurant und freue mich bereits jetzt, ihre Bekanntschaft von Neuem zu machen. Treffen SIe mich in vier Tagen in Notting Hill, meine Teuerste. Ich meine mich an ein wunderbares Kaffeetreffen zu erinnern."
      August legte derweil das Gewicht des Casters an der Wand ab und sah zu dem Dritten im Bunde, der wie erstarrt zu den Arkana sah. Freilich war es selbst unter Gossenpolizisten bekannt, welche Auswirkungen diese Zauberer auf ihre Welt hatten. Ein Jeder kannte ihre Namen und Gesichter und es war von merkwürdiger Gewissheit, dass er sie alle in einem Raum sah. Mühsam hielt der Dritte sich auf den Beinen und schluckte.
      "Wo...WO habt ihr mich hingebracht", wisperte er in Richtung von Ember und August, der zumindest mit den Schultern zuckte.
      "Dahin, wo man über euch richten wird."
      Richten traf es. August brauchte sich nicht umzusehen um Prestegaards Aura im Raum zu spüren. Es war wie ein Hämmern auf der Schläfe, ein beträchtlich wütend werdender Rhythmus. Und er würde keine Gnade zeigen, so viel war zu sagen. Die Wut im Raume war greifbar, vor allem wenn er die streitenden Parteien betrachtete.
      "Bist du vorbereitet, August?", fragte Henry und Johannan nickte eifrig.
      "So gut ich eben vorbereitet sein kann. Was macht das gegnerische Lager?"
      "Hat sich recht bedeckt gehalten.", sagte Gallows grinsend. "Habe Nachrichten meines zukünftigen Ichs erfahren, dass zumindest Siegfried sehr umtriebig war und seine Finger sowohl in Muellers Gebiet als auch in das Gebiet des Sterns gerichtet hat. Beide Male soll er gescheitert sein, jedoch..."
      Schweigsam wies er auf die beiden Betroffenen. Mueller saß adrett gekleidet und aufrecht bereits auf seinem Platz und hatte wie immer keinen Adjutanten bei sich. Jedoch zeigte sich eine schwere, tiefe Narbe auf seinem Gesicht und seinem Hals. ALs habe ein gewaltiges Schwert mitten hindurch geschnitten. Und auch Pedersoli, der schöne junge Italiener mit dem seidenweichen, weilligen Haar, wies Kampfesspuren auf. UM seinen Kopf lag ein Verband und ein Arm hing nutzlos in einer Schlinge vor seinem Bauch.
      "Also ist Siegfried..."
      "Nicht auf unserer Seite", bestätigte Henry und lächelte. "Dafür habe ich aber Brasilien gewinnen können."
      Erstaunlicher war vielmehr die Tatsache, dass die Dinge sich erneut zu überschlagen schienen.
      Mit einem Brausen und Tosen gröhlten die Feuer wieder auf und bliesen grünliches Licht in den Raum, als der Besagte selbst den Raum betrat. Siegfried, Arkana aus Deutschland, betrat den Saal frisch und wie die Jugend selbst. Das lange, braune Haar war adrett zu einem Zopf gebunden und sein muskulöser Leib steckte in einer Art Kampfanzug, der sämtliche Vorzüge eines muskulösen Körpers zu betonen wusste. Das Gesicht blickte grimmig in die Runde und viel erstaunlicher war jedoch die Tatsache, dass er nicht eine Wunde am Leibe trug. Keine Narbe, kein Verband, kein unsicherer Gang zeugten von den Kämpfen die er bestritten hatte, obschon er sich mit zwei Arkana unmittelbar hintereinander angelegt hatte.
      Räuspernd trat er vor die Meute und sah sie an.
      "Meine Brüder!"; tönte er mit vollmundiger, akzentbehafteter Stimme. "Schwestern! Gerade erlangte ich Kenntnis, dass sich ein Verräter unter uns befindet. Man hat diesen Raum verraten und eine Information an die hiesigen Jäger verschickt, die bereits die ganze Schwarze Stadt durchkämmen! Und auch wenn es sicher ist, dass sie diesen Raum nicht finden, so bin ich sicher, dass einige von uns mit Waffen angereist sind, obgleich es eine friedliche Veranstaltung werden soll!"
      August wurde bleich. In jener Sekunde.
      Eilig warf er einen kurzen Blick zu Ember und wieder zurück. Nicht auffallen. Denk, du Idiot, denk!
      "Ich schlage daher vor, dass wir die Adjutanten und Arkana dieses Raumes durchsuchen und die Waffen an einem sicheren Ort lagern."
      Ohne Waffen war Ember Freiwild.
      Zu seinem Leidwesen erklang zustimmendes Gemurmel, während August sich erhob und ebenfalls räusperte.
      "Meine Brüder und Schwestern!"; rief er über den aufkommenden Lärm hinweg und hob beide Hände wie ein Priester zum Gebet. "Ich bitte euch! Nie war das Vertrauen in eure Verschwiegenheit größer als in dieser Stunde. Und niemals haben wir einander derart misstraut. Ich lege meine Hand ins Feuer, dass meine Adjutantin keinerlei Waffen mit sich trägt, die euch schaden könnten."
      Nun, das war nicht gelogen und nicht die Wahrheit.
      Gallows Blick zu Ember sprach Bände während August kurz zu ihr sah. Das war schlecht. Das war mehr als schlecht.
      "Hast du Angst, Foremar?", fragte eine weibliche Stimme hinter ihnen auf dem Rang und Foremar wusste bereits, dass Siobhan war, ehe er sich herum gedreht hatte.
      "Siobhan..."
      "Ich meine ja nur. Du bringst eine Polizistin hierher, mit weiteren Stammesverrätern. Und verbürgst dich für sie?! Für diese Art von Mensch?", grinste sie abfällig und nickte zu Ember.

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    • Schon bei ihrem ersten Treffen war Ember Gallows als durchaus sympathisch erschienen. Egal, wie kryptisch er sich ausdrücken mochte oder wie verwirrend sie seine Fähigkeiten fand. So kam sie auch nicht dazu, das amüsierte Lächeln vollständig zu kaschieren, als er dachte, sie würde ihn anmachen. Nicht den Part mit den hübschen Frauen.
      „Ich hatte zwar eher an ein unaufregendes Café gedacht, aber Ihre Erinnerungen werden Sie wohl nicht trügen“, sagte Ember stattdessen und musste sich stark daran erinnern, nicht all zu viel Hoffnung in seine Worte zu legen. Er mochte zwar in einer rückwärts laufenden Linie aus ihrem Blickwinkel leben, aber ein Garant für ihre Zukunft durfte es dennoch nicht sein.
      Tatsächlich zuckte sie reumütig zusammen, denn den Caster an ihrer Seite hatte sie dank Gallows effektiv vergessen. Sein Murmeln, das eindeutig von Schwäche zeugte, hätte sie beinahe überhört. Eigentlich wollte Ember ihm eine Antwort geben, die nicht ganz so viel Ausblick darauf geben würde, welches Schicksal ihn hier erwarten würde. Doch August kam ihr zuvor und Ember schoss ihm einen anklagenden Blick zu. Wahrheit hin oder her – das war alles andere als beruhigend für den Mann, der eigentlich nur einen Job zu erfüllen hatte. Dass der arme Mann an ihrer Seite jetzt sichtlich beunruhigt war und seine Atmung sich derbst beschleunigte, bekam eigentlich nur Ember wirklich mit.
      „Lassen Sie sich nicht von Foremar beirren. Ich brauche nur Ihre Aussage, mehr nicht.“ Mehr brachte Ember nicht übers Herz. Es reichte, dass sie sich soweit hatte sinken lassen, Menschen für ihren Schutz zu opfern. Die Grausamkeit, es ihnen auch so zu sagen, besaß sie einfach nicht. Dafür versuchte sie, dem Gespräch der drei Arkana zu folgen. Dieser Siegfried war damals nicht anwesend gewesen und demnach konnte Ember nicht wirklich einschätzen, wie dieser Arkana war. Aber dass er einfach so sich in die Territorien der Anderen auszudehnen versuchte, war problematisch. Was waren seine Beweggründe dafür gewesen?
      Wie aufs Kommando erschien der Arkana inmitten der Flammen. Nein, die Flammen schienen ihn eher auszuspucken, so als wollten sie ihn gar nicht haben. Als ihre Augen auf ihn fielen bemerkte sie erst, dass sie gar keine Erwartungen an den Rogue aus Deutschland gehabt hatte. Umso überraschter musterte sie den stattlichen Mann, der allen ernstes in einem Kampfanzug aufgelaufen war. Kleidungsfreiheit für jeden, aber so hier aufzutauchen bezeugte doch schon gewisse Absichten.
      Um diesen Kerl würde sie einen weiten Bogen schlagen.
      Dieser Entschluss festigte sich, als Siegfried zu sprechen begann. Unter anderen Umständen hätte sie seine Stimme durchaus als interessant empfunden, nun aber ließen seine Worte ihre Gefühlswelt finster werden. Natürlich. Es war ja nur eine Frage der Zeit gewesen, bis das obligatorische Wort mit V fallen musste. Wie sonst machte man eine unstete Meute noch unsicherer?
      Ember war noch dabei, Siegfried finster Löcher in den Schädel zu stieren, da fiel ihr eine Bewegung von August auf. Nervös, wie sie fand, so wie er sich betont unauffällig nach ihr umsah. Ihm war sogar die Farbe aus dem Gesicht gewichen, ihr allerdings nicht. Ja, sie war bis an die Zähne bewaffnet, was eigentlich auch kein Geheimnis sein sollte. Jedenfalls machte sie da keines raus. Und immerhin hatte August ihr eigenmächtig Munition zugesteckt. Er trug also Teilschuld.
      „Ich schlage daher vor, dass wir die Adjutanten und Arkana dieses Raumes durchsuchen und die Waffen an einem sicheren Ort lagern.“
      In diesem Augenblick lichtete sich der finstere Ausdruck im Gesicht der Ermittlerin. Die Wortwahl war viel zu präzise, viel zu einschränkend. Solche Aussagen fallen nur dann, wenn man Insiderwissen besaß. Denn ansonsten wäre es zunächst an die Findung des Verräters gegangen, und dann hätte man den gesamtenSaal durchsucht. Nicht nur die Arkana, die natürlich keine Waffen am Leibe trugen. Nicht nur die Adjutanten, von denen alle vermutlich Zauberer waren.
      Bis auf Ember. Die einzige, die sich wirklich bewaffnen musste und keine inhärente Gefahr ausstrahlte. Offensichtlich hat da jemand nicht nur den Zwielichtsaal ausgeplaudert.
      Gemurmel erhob sich, befeuert durch den Zweifel und die Sorge der Anwesenden. Sie würden zustimmen, ohne die Rückschlüsse gezogen zu haben, wie es Ember getan hatte. Allerdings gab es genug kluge Rogues in diesem Saal, die ähnliche Gedanken hegen mochten. So auch August, der plötzlich die Stimme erhob und genau das aussprach, was sie befürchtet hatte. Aber sie warf ihm keinen weiteren mahnenden Blick zu, es lagen schon hunderte Augenpaare auf ihnen. Zwei von ihnen kamen aus unmittelbarer Nähe und der Ausdruck in ihnen gefiel ihr überhaupt nicht. Also musste sie jetzt angemessen reagieren und nicht nochmal den Fehler wie vor einer Woche begehen.
      Ember holte gerade Luft, da ertönte eine Frauenstimme in ihrem Rücken. Sie musste sich nicht einmal umdrehen, um die Stimme zu zuordnen und sie gab der Welt nicht die Genugtuung, in ihr Gesicht zu sehen. Stattdessen blieb ihr Blick nach vorn auf die Tafel gerichtet, während sie aus dem Augenwinkel Augusts Gesichtsausdruck sah.
      Ruhe bewahren. Lass dich nicht reizen, das kann sie zu gut.
      Ember wartete, bis Siobhan endlich ihr Mundwerk hielt. Dann strafte sie August doch mit Blicken, kein weiteres Wort zu sagen. Es wurde Zeit, das Training einzusetzen und Perley stolz zu machen.
      Im Gegensatz zu ihrem letzten Besuch im Saal merkte man Ember nun keine Nervosität mehr an. Sie gewann sekündlich an Präsenz, als sie sich aufbaute und regelrecht darum bat, dass auch ja jeder Zauberer zu ihr herüber sah. Geflissentlich öffnete sie die Jacke, unter der man das Holster mit der Glock erspähen konnte. Eine gewöhnliche Waffe, wie jeder zweifellos bestätigen würde.
      „Mir wurden von Ihnen allen eine Aufgabe zugetragen, insbesondere durch den Richter. Ich bekam eine Woche Zeit, um herauszufinden, wer hinter dem Anschlag steckte und ich bin gewillt, meine Erkenntnisse vorzubringen“, sagte Ember ohne auch nur den Funken von Zweifel oder Scheu in der Stimme. Sie ruckte an dem Caster, der sich immer noch auf ihr stützte und ganz offensichtlich nicht Kern der Aufmerksamkeit sein wollte. „In einer Woche ist es mir nicht gelungen, den Urheber der Unruhen ausfindig zu machen. Jedoch präsentiere ich die drei Caster, die seit des Unfalls in Haft sitzen und maßgeblich an der Tat beteiligt waren. Hiermit überstelle ich die drei Caster in die Obhut des Richters.“
      Und damit stieß Ember den Caster von sich in Richtung der Tafel. Zauberer, die in ihrer Nähe standen, wichen vor dem armen Mann zurück, der so klein wurde wie eine Maus.
      „Darüber hinaus mache ich keinen Hehl daraus, dass ich Waffen an mir trage. Im Gegensatz zu euch magisch Begabten trage ich meine Waffen nicht ständig unsichtbar in mir herum. Sie alle sind nur solange sicher, wie Sie an den Spielregeln festhalten und können das binnen eines Wimpernschlages ändern. Ich muss dafür erst zu meiner Waffe greifen. Genug Zeit, um zu reagieren, finden Sie nicht?“, fuhr sie fort, wobei ihr Blick in der Runde schweifte. Dieses Mal würde sie nicht den Fehler begehen und einen Arkana offenkundig irgendwelcher Taten bezichtigen.
      „Darüber hinaus“, ihr Blick haftete kurz an Siegfried, ehe sich Ember träge umdrehte und die Arme verschränkte, bevor sie Siobhan auf den Rängen ausfindig machen konnte, „hätte ich zunächst in Erfahrung gebracht, woher die Kunde mit dem Verräter stammt und ob nicht unter den Anwesenden, die weder Arkana noch Adjutant sind, eine wesentlich potentere Gefahr ist als eine menschliche Polizistin.“
      Logik. Strafe die Anderen mit einer unfehlbaren Logik und hoffe darauf, dass du damit einen Teil zum Einhalten bekehrst.
    • Die Blicke manches Arkana weiteten sich, als Ember ihre Jacke lüftete und die Glock darunter offenbarte.
      Sicherlich, es mochte lächerlich wirken, dass die mächtigsten Rogues der Welt sich derart wunderten, eine Menschenwaffe unter ihnen zu sehen, doch sah es mancher als Verifizierung von Siegfrieds Gesuch.
      Es war eine Waffe hier, die niemand gefunden hatte. Und diese Waffe stammte von einem Menschen, der nicht in ihren Kreis gehörte.
      "Hältst du mich für einen Anfänger, Kind?"
      Die Stimme des Deutschen hatte sich merklich verändert. Nicht einmal, dass sie tiefer oder höher geworden. Viel eher glich der Satz einem Hammerschlag, der mit jeder Silbe auf den Kopf der Anwesenden geschlagen wurde. Aus dem Augenwinkel, den Siegfried für Ember erübrigte stach purer Hass entgegen, ehe er sich wieder der Masse zuwandte.
      "Dennoch will ich euch die Antwort nicht schuldig bleiben!", rief er und räusperte sich mit einem Blick zu Siobhan, die genüsslich grinsend die Arme vor der Brust verschränkte.
      "Die Kunde zum Verräter stammt aus einer verlässlichen Quelle im Londoner Polizeipräsidium. Vor dem Eingang zur Schwarzen Stadt lungerte einer ihrer hochrangigen Caster herum, als ich eintraf. Noch ehe ich ihm seinem hoffentlich wohlverdienten Ende zuführte, zwang ich ihn, mir diese Kunde preiszugeben. Wir sollten demnach diejenigen, die nicht diesem Kreis angehören, einer genauen Prüfung unterziehen."
      "Denkst du nicht", begann eine sanfte weitere Stimme aus der Masse hervor zu stechen. Hakim trat aus dem Schatten einer Unterhaltung hervor und strich sich das schwarze Haar nach hinten, während er lächelnd auf den Deutschen zuging. Ihm zur Seite stand eine Frau, die mit ihrem Antlitz merklich in die Richtung "Freak" stach. Ihre Haare wirkten wie Spinnennetze von ihrer Beschaffenheit und die dunklen Augen lagen tief in den Höhlen ihres Kopfes.
      "Denkst du nicht, wir sollten es dabei belassen? Die Caster, die hergebracht wurden, entstammen einem Auftrag dieser Runde. Und die Waffe...Siegfried, ich bitte dich. Wir alle hier wissen, dass nicht einmal die Geschütze von Maschinengewehren durch deine Haut dringen."
      "Dennoch sollten wir..."
      "Was wir sollten, ist uns zu beruhigen", mahnte der Hakim und lächelte erneut. Und doch gebot dieses Lächeln keinerlei Widerspruch. Man legte sich nicht mit einem Arzt an. Nicht mit einem Arzt oder einem Koch. Es waren Kämpfe, die man meist nur verlieren konnte.
      "Lasst uns lieber darüber sprechen, weshalb erneut einer von uns dem Tode anheim fiel und was wir dagegen tun können..."
      "Willst du mir den Mund verbieten?", zischte der Deutsche und baute sich vor Hakim auf.
      AUch wenn der Arzt durchaus von stattlicher Größe war, sah Siegfried beinahe turmhoch auf ihn herab. Zwei Auren, selbst für einen Menschen fühlbar, kreisten umeinander und stachen ineinander wie Dolche, die man geschärft hatte. Blitzend und krachend waren die Auren beinahe zu hören, die sich aneinander rieben und keine klein bei gab.
      "Ich muss keinen Mund verbieten, Bursche", flüsterte Hakim. "Ich denke, du wirst die Logik der Ms Sallow durchaus zu verstehen wissen. Oder muss ich annehmen, dass du der Dummheit anheim gefallen bist?"
      "Ganz vorsichtig, Arzt...Ganz...vorsichtig..."
      "Es reicht jetzt", donnerte August und sah beide Konkurrenten mahnend an. So mahnend, dass die Adjutantin des Arztes einen bleichen Blick zu Foremar warf. Beinahe so als sähe sie ihn zum ersten Mal. "Setzt euch und lasst uns beginnen. Wenn bereits Caster vor den Türen warten, sollten wir uns nicht unnötig aufhalten."
      Und nicht in einen Krieg verfallen.
      Geruhsam und murmelnd setzte sich die Meute in Bewegung und nahm langsam ihre Plätze ein. August indes beugte sich leicht zu Ember und drehte sich so, dass man sein sorgenvolles Gesicht nicht sehen konnte.
      "Das hier wird ein Desaster", flüsterte er. "Achte auf deine Worte wie du es bisher getan hast. Für etwa fünf Minuten kann ich dich nicht schützen. Nutze alles was dir Perley beigebracht hat. Das eben war..."
      erstaunlich. Gut. Brillant. Dafür dass sie kaum Aura nutzen konnte.
      "Es war riskant", grummelte August und verdrehte die Augen. Anschließend wies er auf den Tisch. "Dort ist dein Platz fürs Erste. Bring die drei dorthin, so gut du kannst. Zwei der Adjutanten werden dir helfen. Wenn es zum Äußersten kommt, Ember..."
      Er wies mit dem Kinn auf Henry, der tatsächlich sehr nah beim Tisch saß.
      "Geh zu Henry. Er kann dich eine Weile schützen und dir Deckung geben."
      Dann, wenn ich es nicht mehr kann und beschäftigt bin, mindestens 10 der mächtigsten Rogues aufzuhalten.
      "Ah noch etwas...Schreib Ruairi. Ich will sicher gehen, dass er es nicht ist, den wir oben verloren haben."

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    • Schlagartig stellte Ember fest, dass es nicht unbedingt das Klügste war, einem angesäuerten Siegfried den Rücken zu zukehren. Es kostete sie jegliche Ressource, sich nicht zu ihm umzudrehen, als er sich offenkundig von ihr angegriffen fühlte. Stur hielt sie ihren Blick auf Siobhan gerichtet, die mit ihrem gehässigen Lächeln eigentlich einen Schlag ins Fressbrett verdient hätte. Jedenfalls sah Ember das so. Allerdings sah man an ihrer Miene, die sich passend verengenden Augen wie mit Kopfschmerz, dass sie alles andere als immun gegen den Einfluss des Deutschen war. Ihr Rücken war ein einziges Meer aus Nadelstichen, das sich bis auf die Knochen durchzubohren schien.
      Die folgende Berichterstattung verfolgte Ember mit vollem Gehör. Jedoch ließ sie Siobhan nicht eine Sekunde aus den Augen. Volle Konzentration lag auf das, was sich in ihrem Gesicht abspielt, als Siegfried davon berichtete, wie er einen hochrangigen Caster zur Strecke gebracht haben wollte. Unweigerlich hielt Ember die Luft an und sah, wie sich absolut keine Miene im Gesicht der Welt verzog. Es kräuselte sich nicht einmal die Augenbraue, kein Lid warf Falten. Wenn das, was Ruairi erzählt hatte, auch nur ansatzweise stimmte, dann wäre dies nicht die erwartete Reaktion von einer Schwester, die ihren Bruder liebte.
      Es konnte und war nicht Ruairi vor den Eingängen der Schwarzen Stadt.
      Was wiederum bedeutete, dass auch dieser Caster, dessen Namen sie hoffentlich nicht kannte, Insiderwissen hatte. Hochrangiges Insiderwissen. Hier im Raum waren drei mittelständige Caster geopfert. Aber dass ein hochrangiger Caster solch Informationen besaß und dann auch noch genau zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle war....
      Unweigerlich rückte Knight ins Rampenlicht. Er und diejenigen, die noch höher gestellt waren. Hatte Ruairi sie deswegen vor Knight gewarnt? Wusste er schon irgendetwas?
      Bei Hakims Stimme wurde Ember schließlich doch hellhörig und wandte sich von Siobhan ab. Gerade rechtzeitig um zu sehen, wie sich Hakim und Siegfried geradezu Brust an Brust gegenüber standen. Es war das erste Mal, dass sie Zeuge wurde, wie sich zwei Arkana unverhohlen um Dominanz duellierten. Und auch wenn sie weder etwas konkretes hörte noch sah, fühlte Ember mehr als deutlich, wie sich die Flamme einem Pulverfass immer weiter näherte.
      Bis August es unterbrach und sehr zu ihrer Überraschung auch Erfolg damit hatte. Die Masse setzte sich in Bewegung und die Stille wurde abgelöst durch geschäftiges Gemurmel. Erst hier fiel die Haltung der Detective wieder ab – so lange hatte sie sich an ihr Training erinnert und den Schein gewahrt. „Ich hab aus meinem letzten Fauxpas gelernt“, raunte Ember zurück und sah zu dem Caster, der gegen seinen Willen an den Tisch gedrängt worden war und keinen Stuhl bekam. „Riskant?? Du hast in die Runde bestätigt, dass ich bewaffnet bin!“
      Sie ignorierte sein Augenrollen und blickte sich nach den anderen beiden Castern um. In der Menge an Leibern waren sie nicht mehr auszumachen, seitdem sie am Boden waren. „Ruairi geht’s gut, ich bin mir sicher. Du hast gesagt, ich soll abhauen. Ich hab das Ei, schon vergessen?“, erinnerte sie August trotz allem und trennte sich von ihm, um mit Hilfe von zwei anderen Zauberern, die sie nicht kannte, die beiden bewusstlosen Caster zu ihrem Platz zu zerren. Den dritten winkte sie unwirsch zu sich herüber und bedeutete ihm, zu warten und den Mund zu halten. In seinen Augen lag nichts anderes als Abscheu und Angst.
      Komplett die Anspannung fallen lassen konnte Ember nicht. Als sie auf ihrem Stuhl Platz nahm, der wie zuvor im äußeren Kreis an der Tafel angeordnet war, fühlte sie sich zwar nicht mehr auf dem Präsentierteller, dafür aber eher wie auf der Fensterbank eines hohen Gebäudes. Vor ihr der Abgrund, hinter ihr brennende Flammen aus dem Haus in ihrem Rücken. Kein vor, kein zurück, ohne beträchtlichen Schaden zu nehmen. Auch wenn sie genau wusste, dass Ruairi nichts passiert sein würde, konnte sie sich nicht davon abhalten, das Handy unterschwellig zu ziehen und ein kommentarloses u good? zu schicken.
    • Spoiler anzeigen
      SMS von Ruairi: Frag nicht. Ja, mir gehts gut, aber sie haben Williams erwischt. Ist ein Teil meiner Brigade. Wurde von einem Arkana brutal ausgeweidet. Knight ruft seit Stunden bei uns an. Lass dein Handy aus. R.


      Die Meute fand sich langsam aber stetig auf ihren Plätzen ein, während August den seinen vor Ember einnahm. Es lag eine Spannung im Raum, die nicht mehr in normalen Maßstäben gemessen werden konnte. Sie alle wussten, dass heute der Stein des Anstoßes gegeben wurde. Heute würde sich entscheiden, ob die Rogues der gesamten Welt in den Krieg zögen oder ob es nochmals eine Gnadenfrist gab. Und selbst August konnte es nicht beschwören, als er sich räusperte und erhob.
      "Brüder und Schwestern", rief er und richtete sich gerade aus. "Für alle, die ich sah und nicht sah: Willkommen! Und Dank. Dank, dass ihr erneut hier seid und euch der Schuld vergewissert, die es zu begleichen gilt. Fürs Erste möchte ich das Wort denen übergeben, die verschieden sind. Hakim?"
      Schweigsam setzte sich August und der Arzt erhob sich langsam. Die Konfrontation stand dem freundlichen Gesicht des Mannes noch immer im Gesicht geschrieben und selbst das Durchatmen vor dem Sprechen klang aggressiv und wütend.
      "Erneut ist einer der Unsrigen von uns gegangen, meine Freunde", sagte er ruhig und dennoch hörbar. "Alexandre Dumas, den wir als "den Magier" kannten, die Nummer 1 der Arkana, ist vor einigen Tagen von uns gegangen. Es ist eine Trag-"
      "Warum?!"
      Eine Stimme, schneidender als Eisen und mindestens genauso hart unterbrach den Hakim bei seinen Ausführungen. Kjetil Prestegaard saß auf dem Kopf der Runde und hatte die massigen Arme vor der Brust verschränkt. Der offensivstärkste Auranutzer unter ihnen sah Hakim und August beinahe bissig wertend an und legte den Kopf schief.
      "Warum starb Dumas?!"
      "Gründe für ein Versterben wurden bislang nicht erörtert, Kjetil", sagte August und sah den Richter an.
      Dieser jedoch schien sich keinen Deut darum zu scheren, was war oder ist. Schnaubend schüttelte er den Kopf.
      "Ich finde, wir sollten es", knurrte er. "Es sterben zu viele Rogues auf den Straßen der Welt. Angst und Hass regiert unser Dasein und ich weigere mich, es fürderhin hinzunehmen, Foremar. Egal wie sehr du meinst, als silberzüngiger Teufel aufzutreten."
      "Kjetil..."
      "Nein!", stach Siobhan dazwischen und nickte. "Er hat Recht, August. Wir haben allzu lang geschwiegen und hingenommen. Wir haben die Kriege ungewollt unter Tage geführt. Wir sollten es erfahren dürfen!"
      Das Seufzen reichte nicht aus, um die Enttäuschung zu ermessen, doch August nickte Hakim zu. Lieber eine kleine Niederlage als einen Verlust des Krieges.
      "Alexandre Dumas starb vor zwei Tagen bei einer Auseinandersetzung mit Behördlichen Streitkräften der französischen Polizei", referierte der Arzt bissig. "Verstorben ist er durch einen Zauber, der von einem französischen Caster ausgesprochen wurde."
      "Aha!", donnerte Kjetil und wies auf Hakim. "Erneut ein Caster!"
      "Prestegaard, halt die Klappe", murmelte Mueller und verschränkte die Arme vor der Brust. "Weshalb die Auseinandersetzung?"
      "Man weiß es nicht genau. Er hatte sich in der letzten Zeit mit magischer Geschichte auseinander gesetzt und war Gerüchten zufolge auf der Suche nach einem magischen Artefakt einer ausgestorbenen Zaubererfamilie."
      "Haben wir demnach genug?"; fragte August in die Runde und wartete nicht auf Antwort. "Ich bitte daher um eure Vorschläge. Gibt es Zauberer, die in Frage kommen, den leeren Stuhl zu besetzen? Denkt noch eine Weile darüber nach, ehe wir die Nominierten verkünden...Zuvor..."
      Jetzt war der Moment gekommen. Schweigsam sah August zu Ember und nickte ihr zu. Ihre Stunde hatte geschlagen. Es war ihr Auftritt, ihre Erklärung und ihr Moment.
      Zu gleicher Zeit erhob sich Prestegaard aus dem Plenum und ging langsam um die Holzvertäfelung herum, ehe er den Innenraum des Rondells betrat und vor dem Tisch stehen blieb. Wartend sah er zu Ember.
      "Ich höre, Sallow", knurrte er und verschränkte die Arme. "Wer hat meine Familie getötet?"

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    • Erstaunlich schnell vibrierte Embers Handy in ihrer Tasche. Sie zog es nur halb hervor, um die Nachricht aus dem Augenwinkel zu lesen und nickte kaum merklich. Natürlich war ihm nichts passiert. Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Dass es aber einer seiner Männer war, machte es nicht unbedingt besser. Ohne zu zögern befolgte sie seine Anweisung und schaltete das Handy auf Flugmodus.
      Schließlich lag die Aufmerksamkeit aller auf dem Heiler, der offensichtlich mehr Kunde darüber hatte, was mit dem Franzosen geschehen war. Allerdings reagierte die Ermittlerin etwas zurückhaltend als ihr klar wurde, dass man scheinbar den Grund für das Ableben des Arkana nicht nennen wollte. Unweigerlich zuckte sie zusammen, als sich der Richter einschaltete, dessen Stimme sie etliche Male in ihren Träumen gehört hatte. Die letzten Worte, bevor er ihr den Kopf abriss. In diesem Punkt konnte sie den Richter vollstens nachvollziehen. An seiner Stelle hätte sie auch auf den Grund gepocht. Folglich nickte sie sachte, zustimmend, hinter Augusts Rücken. Sie zog keine Grenze zwischen Zauberer und Nicht-Zauberern, nicht in solchen Augenblicken.
      Es verwunderte Ember in keinster Weise, dass es ein Caster gewesen war. Obwohl nicht genau erläutert wurde, ob es auch nur eine Person oder doch eine Gruppe an Castern gewesen war. Die Ursache war klar definiert als ein Zauber, wie viele daran jedoch beteiligt waren nicht. Der Grund wegen der Auseinandersetzung war hier das wirklich interessante Thema. Er war auf der Suche nach einem Artefakt gewesen. Das konnte nun wirklich alles sein, aber wenn es die französische Behörde auf den Plan rief, musste es eine gewisse Brisanz haben. Dass es zu einer ausgestorbenen Familie gehörte, war nicht weiter verwunderlich. Irgendwie stimmte es sie unruhig, dass niemand weiter darauf einging. Was dieses ominöse Artefakt wohl tat.
      Viel Zeit um darüber zu brüten hatte sie nicht. Schneller als ihr lieb war richtete August wieder alle Aufmerksamkeit auf sie und sie vollführte die gleiche Wandlung wie schon zuvor, als sie sich zur Wehr setzen musste. August hatte von einem Pulverfass gesprochen und sie hatte das Feuerzeug bereits in der Hand. Und so erhob sie sich mit scheinbar absoluter Sicherheit und warf ihren drei Opfern keinen weiteren Blick zu. Sie konnte es nicht. Ihre volle Aufmerksamkeit richtete sich auf Kjetil Prestegaard, der an den Tisch trat und dort Stellung bezog. Stimmte. Er hatte nicht mitbekommen, dass sie die Caster für ihn mitgebracht hatte. Also hakte sie die Daumen in die Taschen ihrer Hose, damit sie sie nicht misseführend in Taschen versteckte.
      „Im Präsidium wird ein wahnsinniges Geheimnis um diese Tat gemacht. Vielen Unterlagen sind die Riegel vorgeschoben worden und Nachforschungen erheblich erschwert. Insbesondere Commissioner Knight stellte sich bevorzugt gegen meine Nachforschungen zum expliziten Tathergang. Also ließ ich mir das Nächstbeste bringen, was mir weiterhelfen kann.“ Sie deutete auf die beiden bewusstlosen Caster und den Mann an ihrer Seite, der mittlerweile mehr grün als hautfarbend im Gesicht war. „Diese drei Männer waren bestätigt bei dem Einsatz an vorderster Front dabei. Ich habe sie befragt und festgestellt, dass sie absichtlich Falschaussagen entgegen jeder Logik abgaben. Als Reaktion auf steigenden Druck ist ihnen etwas widerfahren, was sich mir persönlich nicht ganz erschließt, aber dafür gesorgt hat, dass sie ihr Gedächtnis verlieren. Als verhindere ein Dritter, dass empfindliche Informationen ans Licht kommen.“
      Gröber als gewollt packte Ember den Caster am Arm und schubste ihn vorwärts, an August vorbei näher zum Tisch und zu Prestegard. „Sie sprachen von einer Kiste, einem Objekt, das kurz vor der Explosion gefallen sei und ein rötliches Licht abgestrahlt hätte. Ich schätze, es ging um den Inhalt dieser Kiste, den ich nicht spezifizieren konnte. Ebenso wenig wie der Aufenthalt eben jener Kiste. Deswegen überstelle ich diese drei Caster dem Richter, dem Angehörigen der Familie, für dessen Tod sie verantwortlich sind. Niemand im Präsidium bis auf Ruairi MacAllister weiß darüber Bescheid und ich würde mal sagen, dass man diesen Akt wohl als Verrat an meinesgleichen“, Ember betonte das Wort extra abfällig, „ansehen. Ich verfolge aktuell weitere Verdachtsfälle, die allesamt die Obrigkeit des Justizsystems umfassen. Aber innerhalb einer Woche konnte ich nicht mehr als diese drei Männer zur Verfügung stellen.“
      Damit endete Ember ihre Fassung.
    • Ich geh' die Wege wie im Traum, Wandle durch das schwarze Moor
      Alles scheint so Hoffnungslos, Und kommt mir so vergeblich vor
      Ich laufe durch die dunkle Nacht, Meinen Weg erkenn' ich kaum
      Ich ende dort wo ich begann, Ich geh' die Wege wie im Traum

      [ASP - Fluchtversuch]



      Eine beiernde Stille legte sich über den Raum, während Ember Sallow als erster Mensch zu einer Horde von hochrangigen Zauberern sprach. Zauberern, die allesamt darauf aus waren, ihr böses zu wollen. Kalt und stechend glitten die Blicke über die fahle Haut der Ermittlerin und beinahe hungrig geifernd sah der Richter zu ihr hinab, während sie ihre Erklärung vorbrachte.
      Und kein Amusement stand darin. Keine Zufriedenheit. Keine Anerkennung ihrer Leistung.
      Sicherlich, die Argumente waren stichhaltig und logisch. Das musste das Gros der Menschen hier im Raum akzeptieren. Doch nichts, nichts in dieser Welt brachte dem Richter das zurück, was er am meisten begehrte. Schwer hob sich die Brust unter den Armen an und er sah zu den Caster, die zitternd und beinahe wimmernd vor dem Tisch standen. Einer von ihnen sah dem Arkana in die Augen und verdrehte innerhalb von Millisekunden die Augen wieder nach innen. Schaum geifernd brach der Caster zusammen, überwältigt von der Aura, die den Raum zu füllen begann.
      Gab es Zauberer, die ihre Aura mit Sparsamkeit nutzten, so zählte Kjetil Prestegaard nicht dazu. Aufgewachsen in den schlimmsten norwegischen Hinterhöfen, die Rauheit der See in den Augen, brach die Aura regelrecht in den Raum herein und glich einer Trommel, die zum Kriege rief. In weiter Ferne, in sternklarer kalter Nacht, ließ sich die Stimme einer Frau vernehmen, die kehlig ein Lied anstimmte in einer Sprache, die die Menschheit bereits vergessen hatte.
      Ruhig trat er vor und sah die Caster an, die sich noch auf den Beinen halten mochten.
      "Spricht sie wahr?"
      Es waren nur drei Worte. Und doch hallten sie wider, als sei der Raum leer.
      "W-wir...wir waren d-d-dabei...", murmelte derjenige der Caster, der sich bereits seit Anbeginn auf den Beinen hielt.
      "Ich danke. Für deine Ehrlichkeit", sagte Kjetil und nickte.
      Als Nächstes riss er dem Mann den Kopf von den Schultern.
      Die Verwandlung seiner Hand in brillierend schönen Diamanten war kaum vernehmbar und nur das Sirren zeugte von der Bewegung die durch seinen Körper ging. Als würde er einen Apfel pflücken legte sich die Hand an den Kopf des Mannes und riss diesen regelrecht aus der Verankerung.
      Eine Blutfontäne spritzte hinauf und tünchte den Tisch in ein blutig rotes Kleid. Triumphierend hielt der Richter den Kopf von sich fort und präsentierte sie dem Raum, der nicht einen Ton zu sagen wusste. Hakim schüttelte entsetzt den Kopf, während einige weibliche Rogues die Hände vor den Mund rissen. Niemand hatte eine derartige Reaktion erwartet, als der Caster gesprochen hatte. Nur Augusts Blick blieb kalt und berechnend, während der Richter den Kopf in Embers Richtung hielt.
      Der Ausdruck des Casters war verklärt, beinahe erleichtert. Selbst die leichte Entspannung war auf dem Gesicht verblieben, so schnell war er gestorben.
      "Es sei euch eine Lehre", knurrte der Richter und ließ den Kopf achtlos zu Boden fallen. "Euch allen! Alle, die ihr denkt, dass ihr Rogues behandeln könnt wie Schlachthausvieh! IHR habt diesen Kampf über euch gebracht, Caster und Menschen! IHR wart die Aggressoren!"
      Noch ehe Kjetil einen Schritt vor setzen konnte, hatte August sich erhoben.
      "Es reicht jetzt!", donnerte der Arkana und das erste Mal zeichnete Wut sein Gesicht. "Wir sind keine Tiere, Kjetil! Was hat der Mord an einem Mann dir gebracht?!"
      "Genugtuung."
      Der übrige Caster zitterte nun unkontrolliert und sah hilfesuchend zu Ember. Sachte schüttelte er den Kopf und formte wortlos Laute, die nicht mehr als Wimmern erkannt werden konnten.
      "Genugtuung. Ist das der Weg?"; fragte August und sah zu Siobhan. "Wirklich? Ist das deine Herangehensweise an einen Konflikt, Welt?! Wir töten einfach alles?!"
      Siobhan grinste schwach und zuckte die Achseln. Kjetil jedoch ließ nicht locker. Sachte ging er auf Ember zu und sah sie beißend an.
      "Du hast die Deinen verraten, Menschenkind", raunte er und schlug die blutige Hand in der Luft aus. "Tu es erneut. Was weißt du über diesen Kasten und die Worte, die gesprochen wurden?"

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    • Es war unmöglich, nicht auf die Blicke zu reagieren, die allesamt Ember zu durchlöchern schienen. Sie konnte die Gänsehaut unter den zahlreichen Stoffschichten nicht bekämpfen und ihrem Körper neue Regeln aufzwingen. Aber ihre Stimme konnte sie manipulieren, wie sie sich gab war manipulierbar. Öfter als sie sich daran erinnern konnte stand sie vor Opfern und Tätern, die sie mit weniger Boshaft anblickten, aber trotzdem eine Wirkung entfaltet hatten. Folglich war ihr von der ersten Silbe an bewusst, dass ihre Worte keinen Anwesenden bekehren würde. Oder gar versöhnlich stimmen würde. Alles hier war nur dafür da, damit sie nicht binnen Augenblicken den Kopf verlor. Erkaufte Zeit, so wie August sich auch seine ergaunert hatte.
      Nachdem ihre Ausführung geendet hatte, brach plötzlich der eine am Boden kauernde Caster ein weiteres Mal zusammen. Das wäre Ember beinahe entgangen, allerdings war es schwer möglich, den Grund dafür zu übersehen. Wäre die Lage nicht so angespannt, hätte sie nun auf Holz geklopft, dass August ihr diesen Doppelgänger gegenüber gestellt hatte. Sonst würde sie vermutlich ein ähnliches Schicksal fristen und das wäre jetzt zum einen sehr ungünstig und zum anderen ein Knacks in ihrem Stolz. Also spannte sie sich an, die Augenbrauen leicht zusammen gezogen, um dem aufbrandenden Engegefühl Widerstand zu leisten. Es war tatsächlich vergleichbar mit der Trainingseinheit, tragbar aber bei Weitem nicht bekämpfbar. Stumm folgte sie dem Weg des Richters mit ihren Augen und das Grauen begann sich in ihr zu regen. Er kam nicht nur auf die Caster zu, sondern auch sie selbst. Sie ahnte, was nun kommen würde und ihr Herz startete nur noch unregelmäßige Pulsschläge.
      Eigentlich hatte sich Ember geschworen, nicht hinzusehen. Dass man dieses Zeichen der Schwäche ihr andichten konnte würde sie in Kauf nehmen, aber nicht, wie sie Schuld an dem Tod dieser Männer war. Leider ließ Kjetil ihr nicht diese Wahl. Gerade so weiteten sich noch ihre Augen, da hatte der Richter den Caster schon geköpft, wie manche Kinder den Barbies ihre Köpfe abrissen. Ihre Hände krampften sich in den Stoff ihrer Hose und sie schwor, ein Reißen des Stoffes gehört zu haben. Es war nicht die Aussicht auf das Blutbad, das Ember als Erstes traf, sondern der signifikante Geruch von Eisen. Er hatte sich so sehr in ihr Gedächtnis eingebrannt, dass sie selbst geringste Spuren manchmal wahrnahm. Das Geräusch, wie der Körper leblos zu Boden fiel, erinnerte sie in grausame Art und Weise an Augusts Körper, nachdem sie ihn erschossen hatte.
      Es war genau das, was Ember erwartet und vorhergesagt hatte. Mit genau der Intensität, wie sie es befürchtet hatte. All das Wissen reichte nicht, um zu verhindern, dass sie sich wie in ein bodenloses Loch gestoßen fühlte. Seltsam leer fühlte sich ihr Inneres an als ihre Augen auf das Gesicht des Casters fiel, den Prestegaard in ihre Richtung hielt. Sie sah alles und nichts in diesem Gesicht, aber die Augen.... Die Augen waren das Problem.
      Mit einem dumpfen Geräusch kam der Kopf auf dem Boden auf, als der Richter seine Botschaft verkündete. Erst da erwachte wieder etwas in Ember zum Leben und ihre Hände entspannten sich unter größter Kraftanstrengung. Es brachte nichts, ihn zu reizen oder zu denken, sich behaupten zu können. So sehr sie ihn für sein despektierliches Verhalten verurteilte – sie besaß nicht den Stand, etwas daran zu maßregeln.
      Ember blinzelte. Den Stand....
      Da hatte sich August bereits erhoben und dazwischen geschaltet. Er versuchte über Siobhan etwas zu erreichen, da auch er erkannte, dass ein Durchdringen zu Prestegaard nur schwierig möglich war. Wie konnte es sein, dass sich absolut kein anderer Arkana dazu äußerte? Sie waren doch nicht eingeschüchtert oder dergleichen.
      Flüchtig begegnete Embers Blick dem des anderen Casters. Der Horror, der ihm ins Gesicht geschrieben stand, hätte genau so gut ihr eigener sein können. Aber sie konnte nichts sagen. Ihm nichts versichern. Denn sie waren ihre Versicherung. Stattdessen erkannte sie, dass sich Prestegaards Fokus von den Castern löste und sich auf sie richtete. Warum?! Sie hatte ihm doch diejenigen gebracht, die dabei gewesen waren und nicht sie!
      Niemand ging auf Augusts Einwurf ein. Wenn sie jetzt auf diplomatisch und friedsam machte, wäre sie die längste Zeit hier unten gewesen. Demnach entschied sich Ember für den Konfrontationskurs, selbst wenn jede Zelle ihres Körpers gleichzeitig in Panik zu verfallen schien. Mit all ihrer Willenskraft hielt sie den chaotischen Haufen namens Körper beisammen und wandte sich dem Richter zu. Noch während er sich ihr langsam näherte, bewegte sich ihre rechte Hand genauso langsam zu ihrem Holster. Ihr Blick war unentwegt auf den Arkana gerichtet.
      „Ich hab's schon dreimal getan. Ich würde sagen, das reicht.“ Ohne hinzusehen nickte sie zu den beiden anderen Castern. Verrat für je ein Leben zum Schutze des eigenen. „Wie August befürworte ich nicht solch eine Art der Konfliktlösung. Allerdings sehe ich die Genugtuung und deshalb sitzen die Caster hier.“ Ihre Stimme war düster geworden, als sie nicht zu ihrer Pistole griff, sondern etwas anderes aus einer Tasche holte. Es war so klein, dass man es in ihrer geschlossenen Hand schwer erkennen konnte. Außer, dass es rund war.
      „Eigentlich sollte diese Frage an einen der Caster gestellt werden und nicht mich.“ Sie drehte sich ein wenig seitlich und schob dabei den Stuhl aus der unmittelbaren Nähe. Doch Ember machte sich nicht klein, versuchte nicht, unterzutauchen. Sie stand noch immer an der gleichen Stelle, als sei es ihr von Gott gegebenes Recht. „Ich warne vor, wenn ein Schlag sitzt gibt es gar keine Antwort mehr von mir. Nicht vergessen; nichtmagischer, zerbrechlicher Körper.“
      Sie hatten nicht darüber gesprochen, ob die Artefakte erwähnt werden sollten. Moment mal. Die Würfel waren Artefakte. Keiner wusste, woher die kamen. In keinen Aufzeichnungen stehen sie, vielleicht waren sie auch einfach länger unter Verschluss gehalten worden. Hohe Tiere der Justiz wussten womöglich mehr über diese Würfel.
      …. Wer sagte denn, dass bei der französischen Besatzung nicht genau das gleiche Spiel vonstatten ging? Was, wenn Dumas wissentlich nach den Würfeln und nichts anderem gesucht hatte? War das hier überhaupt ein Thema? Aber das könnte der Grund sein, warum die Justiz....
      „Wie alt war Ihre Tochter noch gleich?“, fragte Ember plötzlich wie aus der Luft gegriffen und legte den Kopf leicht schräg. Gott, sie hatte das Gefühl mit jedem seiner Schritte weniger Luft zu bekommen. Trotzdem zwang sie sich einen winzigen Schritt nach vorn zu tun. Auf den Richter zu. „Jung, wenn ich mich richtig entsinne. Jeder hier hat mit Sicherheit von den Morden an den Jugendlichen gehört, die in Verbindung mit dem Spiel DICES gebracht wurden. Diese Würfel seien rot und gelb und ein rotes Licht wollen auch die Caster gesehen haben, bevor die Explosion losging. Die Würfel sind Artefakte und scheinbar hat eine gewisse Fraktion Interesse an ihnen. Was also, wenn Dumas nach den Würfel gesucht hat und die französische Behörde sich deswegen eingemischt hat?“
      Womöglich vage Vermutungen, aber irgendwie musste man den Richter aus der Bahn bringen oder die Umstehenden einbeziehen. Sie musste den Richter mit Bröckchen bei Laune halten, anders ging es nicht.
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