[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Eine Spur Verwirrung hatte Ember auf Ruairis Gesicht entdecken können bevor ein Lächeln sie überlagerte. Es ging regelrecht von der Riege in die Traufe, kaum hatte Ember Platz genommen und sich angeschnallt. Sichtlich überrascht sah sie Ruairi an, als dieser das Blut auf ihrem Pulli ansprach. Fast schon schuldbewusst fasste sie sich an den Kragen ihres Mantels. Der eigentlich hoch geschlossen war und den Blick auf ihr Oberteil verhindern dürfte.
      „Na ja, der Leibhaftige war es nicht. Das war Nahkampftraining und es ging darum, sich eben nicht treffen zu lassen. Mein Lehrer hat mich einmal unglücklich an der Nase getroffen und dann ging's schon los...“ Sie zuckte mit der Schulter als sei es etwas alltägliches. „Er hat mich aber kein zweites Mal erwischt. Alles in Ordnung.“
      Den Teufel jedoch würde sie tun und sagen, dass sie mit einem Duplikat des Richters trainiert hatte. Wenn Ruairi das erführe, dann wäre er mit Sicherheit die Decke hochgegangen.
      Mit einem gleichmäßigen Brummen setzte sich der Wagen in Bewegung. „Manchmal ist ereignislos doch auch willkommen. Oder eher entspannt. Ich hätte auch mal gerne wieder einen entspannten Tag.“ Wo man sich nicht den Kopf über Deadlines oder potenzielle Mörder zerbrechen musste. „Ich gehe schon seit Ewigkeiten zum Training. Gerade als Frau musst du dich im Notfall während Handgreiflichkeiten durchsetzen können. Sonst nimmt dich niemand ernst. Ich bin nur schon länger nicht dort gewesen weil ich mich entweder kurieren musste oder selbst fast den Löffel abgegeben hab.“
      Das letzte Mal waren es die Sharoks gewesen. Und dann hatte sie es einfach schleifen lassen bis sie feststellen durfte, dass sie gegen Zauberer viel zu ungeschützt war. Das musste sich ändern, wenn sie in diesen Gefilden mitspielen wollte. Oder zumindest den Richter überleben wollte.
      „Ich habe eine Bitte an dich.“ Ember wandte ihren Kopf zu Ruairi, der konzentriert auf die Straße blickte. „Kannst du mir morgen die drei Caster aus deiner Abteilung zuweisen? Die, die bei dem Zwischenfall mit der Familie des Richters zutun hatten? Ich habe da einen etwas... unorthodoxen Plan. Bitte frag nicht, warum er unorthodox ist...“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ruairi fühlte sich ein wenig ertappt, als er die Überraschung in ihrem Blick sah. Er hatte sich geschworen, die Fähigkeiten nicht auf sie anzuwenden, doch aus irgendeinem Grund war die Gewohnheit ins ein Tun eingeschlichen.
      Durch die Fähigkeiten, die ihm innewohnten vermochte er zwar nicht durch jedes Kleidungsstück zu sehen, aber Realitäten waren ein Hinterhalt der Wahrheit für ihn. Weshalb also nicht...Doch war dies eher unbeabsichtigt geschehen.
      "Entschuldige", murmelte er und fuhr weiter durch den Londoner Abendverkehr. "Ich wollte nicht meine Fähigkeiten nutzen, wenn wir uns sehen. Es war unbeabsichtigt. Aber bemerkenswert, dass er dich nur einmal getroffen hat. In meinem ersten Nahkampftraining in Glasgow hat mich mein Ausbilder regelrecht verdroschen."
      Es mochte vielleicht auch an dem ausgeprägten Hass auf Zauberer liegen.
      "Wer ist dein Trainer? Ist es einer der Partner vom PD?", fragte der Zauberer und sah kurz zu ihr. Die Frage spiegelte echtes Interesse und im Grunde verfolgte er damit keinen Irrsinn, auch wenn eine Stimme in seinem Hinterkopf zu zucken begann.
      Ruairi selbst sah müde aus und beinahe abgekämpft, während er die Straßen entlang fuhr. Beinahe so, als deckte sich seine Geschichte nicht mit der erzählten Weise. Das Haar stand ein wenig ab und die Haut seines Gesichts wirkte beinahe grau.
      "Verstehe ich", nickte er und grinste schwach als er um eine Kurve fuhr. "Vielleicht sollten wir mal...Also ich meine natürlich nur, wenn du willst und Zeit hast und...Also...Ich denke wir sollten vielleicht unter Umständen mal fort fahren. Für ein Wochenende oder so."
      Die letzten Worte wurden immer leise, während eine leichte Röte in sein Gesicht stieg. Ruairi meinte die Anfrage durchaus ernst, wusste aber auch dass der Alltag einer Detective in leitender Position nicht einfach war. Und mit der Aufsicht von Knight kamen noch diverse Schwierigkeiten hinzu...
      Er kam erst zurück aus seinem Gedankenkreis, als er Embers Anfrage hörte. Just in dem Moment hielten sie vor einer Ampel, sodass seine gesamte Überraschung nebst einem dunklen Schatten in sein Gesicht stieg und offen zu lesen war. Seine Augen bohrten sich regelrecht in ihre.
      "Ich werde aber fragen", sagte er. "Ember, du weißt, was passiert, wenn wir die Regeln brechen. Die Gefangenen werden auf Knights Anweisung hin wie Staatsverbrecher aufbewahrt. Ich kann sie dir nicht einfach überstellen, selbst wenn ich wollte. Und seit wann haben wir Geheimnisse? Sag mir doch, was du vorhast und ich sehe, wie ich dich unterstützen kann...Ich bin auf deiner Seite!"

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    • Ein leichtes Lächeln legte sich auf Embers Lippen als sie in Erinnerungen schwelgte. Ja, auch ihr hatte man bei ihrem ersten Training, das dann tatsächlich noch auf der Wache abgehalten wurde, so ziemlich alles Blau geschlagen. Aber mittlerweile machte sie das einfach viel zu lange und die normalen Einheiten, für die man sich eintragen konnte, waren nur noch Kinderkram für sie.
      „Du kennst denjenigen nicht, schätze ich. Ist ein Privatmann und nicht im Kontakt mit dem PD. Jeder Kurs oder Verbindung öffentlicher Seite ist für mich nur noch Zeitverschwendung. Du hast ja keine Ahnung, wie lang ich das schon mache.“ Sie versackte ein wenig mehr in dem weichen Sitz und genoss einfach nur die kurze Ruhe.
      „Mhm, so ein Wochenendtrip hatte ich schon ewig nicht mehr.... Ich fürchte, mein Leben ist kein Leben sondern besteht nur noch aus Arbeit.“
      Ein trauriges Statement, allerdings ein äußerst treffendes. Irgendwann hatte sich Ember dermaßen in ihrer Arbeit verkopft, dass sie an so etwas wie Urlaub keinen Gedanken mehr verschwendet hatte. Maximal ein Besuch bei ihren Eltern war drin gewesen. Das war es jedoch schon wieder gewesen.
      Die Ampel kam in einem mehr als günstigen Zeitraum. Ganz langsam kam der Wagen zum Halten und so hatten sie beide die Zeit, sich vernünftig anzusehen. Erst hier, mit der trügerischen Ruhe der Ampel, fand Ember die Zeit, Ruairi genauer zu betrachten. Jäh hätte sie ihre Anfrage am liebsten wieder direkt zurückgezogen als ihr auffiel, dass er keine wirklich tolle Gesichtsfarbe hatte. Schatten hier und da waren Altbekannte, die man in Kauf nahm. Aber sein sonst so frischer Taint hatte deutlich gelitten, ganz davon zu schweigen, dass seine sonst so adäquate Frisur nicht mehr ganz so adäquat aussah. Gedanklich sortierte sie sich und wägte ab, was sie am Besten direkt sagen sollte und was nicht. Oder eher, wie. Sobald die Ampel auf grün sprang und sie das Thema auf ihn gelenkt hätte, wäre es ungünstig geworden. Wobei... Die Alternative war nicht besser.
      „Du wirst mir sagen, dass du es melden musst. Und ich weiß, dass die Gefahr, dass du es auch machst, nicht von der Hand zu weisen ist. Es gibt im PD niemanden mehr, der etwas bei den Dreien bewirken kann. Ich hab allerdings jemanden, und der wird dir nicht gefallen. Ich habe Noland ausfindig gemacht.“
      Es entstand eine Pause zwischen ihnen, in der die Ampel auf grün schaltete, Ruairi aber nicht anfuhr. „Es ist grün“, sagte sie leise und nickte nach vorn. Erst dann fuhr Ruairi wieder an und heftete seinen Blick erneut auf die Straße. „Ich kenne niemanden mit seinen Fähigkeiten. Wenn wir etwas aus den Dreien gewinnen wollen, dann mit ihm.“
      Im Gegensatz zu ihm konnte Ember sich ein wenig auf die Hüfte drehen und ihren Fahrer unentwegt betrachten. Ihr Ausdruck spiegelte Sorge wider, als sie sein Profil genauer betrachtete.
      „Was ist wirklich passiert? Du siehst alles andere als wie dein übliches Selbst aus...“

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    • Auf ihr Kommando hin, gab Ruairi wieder Gas und versuchte, das Gesagte ein wenig zu verarbeiten. Es war nicht einfach, die Stimme von Ember in den Vordergrund zu drängen, wenn gefühlt einhundert andere Gedanken seinen Verstand fluteten. Und der geheimnisvolle Fremde, deren Identität er zwar nicht bestätigen konnte, jedoch einen leisen Verdacht hatte, war nur einer davon.
      Ruhig fuhr er weiter, ehe bereits der Verkehr weniger zu werden schien und die Luft sich merklich abkühlte. Als würden sie einem Hexenkessel entfliehen.
      "Dann sollten wir das Wochenende einmal ins Auge nehmen, nicht wahr?", grinste er schwach und verhalten, ehe er durchatmete und die Spur wechselte. "Ein Privater? Erstaunlich, dass es noch Jemanden gibt, der dir im Nahkampf das Wasser reichen kann. Aber ich kann verstehen, dass unsere Kampfexperten für dich wie lustlose Kinder wirken müssen."
      Zu den Einwürfen zu Noland veränderte sich selbst hier nochmals die Stimmung, während sie langsam in Embers Wohngegend einfuhren. DAs Gesicht des Zauberers verdüsterte sich merklich, auch wenn seine Stimme nicht einen Hauch von Ärger erreichte. Diese war ruhig und gesittet tief, als sei er sich darüber bewusst, dass es keine Wahl gab. Es sei denn, er wollte sich mit Prestegaard anlegen. Und selbst das würde er für Ember tun.
      "Du denkst wirklich, dass ich dich verpetzen würde?", fragte er und fuhr in die Straße, in der Ember lebte, ein. "Ich würde dich nicht melden. Aber ich würde und werde dir sagen, dass dieses Unterfangen deine und meine Karriere kosten kann, sofern es Knight heraus kriegt. Die drei Caster sind zwar friedlich, so habe ich mir sagen lassen, dennoch haben sie Menschen getötet und ich kann sie nicht unbeaufsichtigt lassen. Auch wenn es mir nicht schmeckt, dass Noland involviert ist, aber ich verstehe, dass er die logische letzte Wahl ist..."
      Langsam parkte er vor dem Haus und ließ sich in den Sitz fallen, ehe er Ember ansah. Ein schmales Grinsen zierte Ruairis Gesicht.
      "Du hast nicht wirklich geglaubt, dass ich dich melde oder?", fragte er und schüttelte den Kopf. "Ich bin auf deiner Seite, das habe ich gesagt. Und dazu stehe ich. Nur reicht es, zu wissen, dass Prestegaard deinen Hintern haben will. Ich wünschte, es wären nicht noch mehr Gefahren, die durch Nolands Beteiligung zustande kommen."
      Oder Foremars...
      "Die Gefangenen zu überführen wird nicht einfach. Aber wir sollten es möglich machen können. Es muss nur absolutes Stillschweigen darüber herrschen...", sagte er schließlich und sah zum Haus, während er ihre letzte Frage abwog.
      "Ich habe kaum geschlafen und mich die ganze Zeit mit diesen Morden beschäftigt. Diese Jugendlichen. Ich verstehe diesen Hype nicht so sehr und versuchte, mich darin einzudenken. Habe sogar versucht, an solche Würfel zu kommen, aber die Foren sind klüger als ich, fürchte ich."

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    • „Mir gefällt es einfach nicht, dass meine irrwitzigen Aktionen dein Leben und deine Karriere beeinflussen, weißt du? Ich bin bereits die Konsequenzen für meine eigenen Vergehen zu tragen, aber ich will das niemanden sonst aufbürden. Niemanden, und erst recht nicht dir.“
      Tief in ihrem Inneren war Ember davon ausgegangen, dass Ruairi zumindest melden würde, wo sich Noland befand. Dass er die Fährte direkt zu ihr geführt hätte, schrieb sie ihm nicht zu. Eher würde er in Schweigen verfallen und ihre wahnwitzige Idee sogar noch unterstützen. Das war es, an das sie geglaubt hatte.
      „Ich kann Noland unmöglich ins PD bringen. Aber ich muss etwas tun, wenn ich den Richter von mir lösen will. Wenn du mitkommst und Noland das sieht, wird er einen Rückzieher machen, denke ich. Er traut kaum jemanden und vermutlich auch nicht dir. Mein Wort wird nicht mehr viel wert sein wenn ich daran denke, dass er mich auch einfach angegangen ist, um seine Ziele zu erreichen. Obwohl es Worte schon getan hätten...“
      Sie merkte, dass sie das Thema doch noch nicht ganz abgearbeitet hatte. Es war noch immer ein Vertrauensbruch auf tiefster Ebene gewesen und es hatte sie aufrichtig gewundert, dass Noland dem Plan zugestimmt hatte. Auch ohne Aussprache zwischen ihnen.
      Das Wagen kam langsam zum Stehen und Ember blinzelte bevor sie realisierte, dass sie bereits in ihrer Straße gehalten hatten. Doch weder sie noch er machten Anstalten, den Wagen direkt zu verlassen. Während sie noch immer seitlich im Sitz saß und den Gurt nun löste, hatte sich der Zauberer in seinen Sitz sinken lassen und einen nachdenklichen Ausdruck aufgesetzt.
      „Die Versammlung der Arkana steht dieses Wochenende an, wenn ich nicht komplett mein Zeitgefühl verloren habe. Bis dahin muss ich etwas finden und ich habe allen Ernstes damit geliebäugelt, die drei Caster mitzunehmen und Prestegaard einfach vor die Füße zu werfen. Da ich das aber nicht kann, muss ich mir andere Dingen einfallen lassen. Deswegen auch das Sondertraining...“ Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. Er war auf ihrer Seite... „... mit einem ehemaligen Jäger.“
      Als hätte sie Angst vor der direkten Antwort stieg sie hastig aus dem Auto und hoffte einfach, dass das Wort nicht unbedingt etwas noch Schlimmeres in Ruairi auslöste. Ihr war schon öfter aufgefallen, dass ihm etwas nachhing und sie wusste nie, was es war. Wenn es daran liegen mochte, dass er noch immer daran zu kauen hatte, wie sie ihren Kontakt zu August hielt, dann half es ihm vielleicht wenn sie ihm etwas zu Perley sagte. Der nur ein Mensch war.
      Ruairi folgte ihrem Beispiel und stieg ebenfalls aus dem Wagen aus. Unter offenem Himmel entfaltete sich das ganze Schlamassel mit seiner Optik und Ember konnte nicht anders als ihn mit gehobenen Augenbrauen anzusehen. Was im Auto schon schlimm gewirkt hatte sah draußen noch schlimmer aus.
      „Meine Güte...“, sagte sie leise und legte die Hände auf das Autodach. „Ich weiß, dass du voll in deinen Ermittlungen steckst. Aber dassieht nicht nach nur einer durchzechten Nacht aus. Was ist los, Ruairi?“

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      [Lord of the Lost - Drag Me To Hell]



      Der Moment, wenn einem Menschen die Beine nachgeben, war dem Zauberer wohl bekannt.
      Es war bereits einige Male vorgekommen, dass er den Boden unter den Füßen verloren hatte und nicht gut aufstehen konnte. Doch dies hier war anders. Als Ember sprach und Ruairi langsam aus dem Auto ausstieg, verlor er den Bezug zur Realität in der Sekunde, in dem sie den Jäger angesprochen hatte.
      Ein Jäger...Ein Jäger von Zauberern...Eine Spezies, die jeder Zauberer, Caster oder Rogue, gleichsam fürchtete und verdammte, waren sie doch die Ausgeburt dessen, was mit dieser Welt schief lief. Konnte man es ihm verdenken, dass kurzzeitig eine Art von Kälte durch seine Glieder zuckte? Ein Mensch, der sich einen Jäger nahm um sich zu schützen. Und die wenigen Jägerfamilien, die es noch gab, waren berüchtigt.
      Sachte stützte er sich ebenfalls auf das Autodach und seufzte. Auf ihrer Seite...
      "Ein Jäger also", murmelte er und nickte nach einer Weile des ziellosen Umherschauens. "Vermutlich hast du Recht. Du begibst dich unter die mächtigsten Zauberer der Welt. Da war es naheliegend, sich Schutz zu suchen... Oder ein Mittel... Bitte, sag mir seinen Namen..."
      Auch wenn es bedeutete, dass sie Mittel und Wege kennen lernte, wie sie selbst Ruairi besiegen konnte. Nicht, dass er sich davor fürchtete. Es wäre mal erfrischend, zur Abwechslung mal auf dem Rücken zu liegen, aber die Aussicht, dass Ember ihn vielleicht töten könnte...
      Das würde sie nicht! Sie würde ihn nicht töten, nur weil er mächtig war. Oder?
      "Hinsichtlich der Caster verstehe, was du sagen willst", sagte er weiter. "Ich kann dich nicht offen unterstützen, aber ich werde es aus dem Hinterhalt tun. Ich sorge dafür, dass die drei Caster morgen eine Art Freigang zu Ermittlungszwecken haben. Ich befürchte nur, dass wir auf Foremars Fähigkeiten - jetzt schau nicht so! - zugreifen müssen. Er ist - und ich glaube das kaum, dass ich es sage - der beste Illusionist in England und ich werde mit Trugbildern der drei durch die Gegend fahren, damit Knight keinen Verdacht schöpft."
      Auf seinem gräulichen Gesicht zeichnete sich eine Art Erkennen ab, jedoch verschwand es genauso schnell wieder wie es gekommen war. Kurzzeitig blitzte eine seiner Iren auf und schob ihn zurück in die Realität.
      "Ehrlich gesagt...Ich weiß gerade nicht, was mit mir los ist", gab er zu. "Gestern noch ging es mir gut, ich..Ich habe einfach geforscht...Ich habe recherchiert und irgendwann sind mir einfach so die Augen zugefallen. Ich war nicht mal müde...Ich kann dir nicht sagen, was es ist, aber seit dieser Nacht schlafe ich kaum. Ich hoffe, ich komme heute dazu...Wollen wir hinauf?"



      D & D - 21:37 Uhr

      August saß in dem Sessel am Feuer und spielte mit dem Chronometer in seiner Hand.
      Es erschien ihm opportun, diese Gelegenheit zu nutzen, denn immerhin kam man selten in Kontakt mit Menschen, die einem das Schicksal verdrehten. Und Ember Sallow war eine dieser Menschen. Doch die Tatsache, dass die Winde des Schicksals sich derart verzerrten, war neu. Ruhig legte er den Chronometer nieder und sah zu dem kleinen Beistelltisch, auf dem noch eben das Wundversorgungszeug gestanden hatte.
      Der Blick des Zauberers war kalt und entschlossen. Als hatte er die Entscheidung seines Lebens getroffen.
      Was blieb einem Menschen auch übrig? Er stand am Rande seines Untergangs, näher als jemals zu vor. Die Frau, die er lie-, na zumindest sehr mochte, war bei einem Anderen, der ihre Nähe eher verdiente und der Junge war bereits nach oben verschwunden. Selbst Ulysses hatte eine Abendrunde abgelehnt und das machte ihn - in Augusts Augen - zum einsamsten Mann heute Abend. Es war nur verständlich, nicht wahr?
      Wieder und wieder las er die Zeilen des schmalen Schriftstücks, dass er eben in einem seiner Kofferräume gefunden hatte. Und gruseligerweise ließ sich nicht einmal spüren, was es damit auf sich hatte. Dem Ding wohnte keine Aura inne, obwohl es vor Magie beinahe zersprang...
      Auf dem Zettel auf dem Tisch stand einfach nur eine gekritzelte Phrase:
      "Hallo August..."
      Und der elfseitige Würfel daneben ruhte...

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    • Ember hatte den Vorteil gehabt, dass sie vor Ruairi den Wagen verlassen hatte. So konnte sie ganz genau sehen, dass er minimal wankte, als er selbst ausstieg. Ihre Augen verschmälerten sich etwas während sie dabei zusah, wie er ihre Haltung nachahmte. Man sah ihm zwar nur vor den Kopf, aber es war nicht zu leugnen, dass etwas in seinem Oberstübchen vor sich ging. Und das fand nicht unbedingt Embers Gefallen.
      „Ich sage das jetzt ganz unverblümt. Ich mache das nur aus Selbstschutz. Ich muss wissen, wie ich im Falle mich wehren kann. Ich rechne es dir hoch an, dass du mich schützen willst und auch wirst, aber ich kann nicht ständig darauf angewiesen sein, dass du jederzeit für mich da bist. Wenn mir was passiert weil ich wieder Dummheiten nachgehetzt bin und du wusstest nichts davon, wirst du es dir ewig vorhalten.“ Ihr Blick wurde weich, beinahe zärtlich als sie seine Augen suchte. „Es hat dich mehr als nur mitgenommen, als ich unter den Halluzinationen litt und ich dich nicht erreichen konnte....“
      Im Endeffekt war das, was sie miteinander hatten, noch keiner Beschreibung unterlegen. Keiner von beiden hatte dem anderen klar gesagt, welchen Stellenwert der jeweils Andere in seinem Leben einnahm. Und solange das nicht geschah, teilten sie eine Verbindung auf mehreren Ebenen, aber eine Beziehung hatte noch keiner angesprochen. Sie genossen ihre Zeit miteinander, das stand außer Frage.
      „Er heißt Caulson...“
      Die Idee mit den Trugbildern war schlau. August würde ihrer Bitte ohne Umschweife nachkommen, aber es gefiel ihr dennoch nicht, dass die Beiden dafür zu nah aufeinandertreffen würden. Anderseits würde Ember die drei Caster vermutlich nicht selbst zum D & D bringen können. Ergo würde Ruairi sie bis vor die Tür fahren müssen, August die Trugbilder erschaffen und ein nahtloser Übergang stattfinden müssen. Und vermutlich würde Ruairi in einem gewissen Umkreis zu ihnen bleiben müssen. Mit Noland, der die Erinnerungen später manipulieren würde, dürfte es keinen Hinweis darauf bei den Castern mehr geben, wo sie gewesen waren oder was mit ihnen geschehen war. Dennoch... ein fader Beigeschmack blieb.
      Bei seiner Erklärung fiel jegliche Leichtigkeit von Ember ab. Ob sie es wollte oder nicht, ihr Verstand verselbstständigte sich. Waren es Ermüdungserscheinungen? Er hatte immerhin mal gesagt, dass seine Fähigkeiten nicht ohne Kosten daher gingen. War das vielleicht eine dieser Auswirkungen? Nach seinen Worten hin – wenn man ihnen denn glaubte – war wirklich nichts Außergewöhnliches vorgefallen. Trotzdem war da ein ungutes Gefühl, das sich tief in ihrem Inneren Wurzeln schlug. Ein ähnliches Gefühl hatte sie schon mal gehabt.
      „Ja, komm“, sagte sie, kam um den Wagen herum und nahm sich seine Hand, an der er ihn zum Hauseingang zog. „Vielleicht brauchst du einfach ein paar Stunden, die nicht mit Arbeit oder so zusammenhängen. Hast du Hunger? Wir können was bestellen.“

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    • Während Ruairi sich redlich Mühe gab, auf den Beinen zu bleiben, stützte er sich am Wagen ab. Schweigsam fand sein Blick erst nach einiger Zeit wieder zu Ember.
      Sie fand zumindest den Kopf des Nagels, der ihm in der Seele ein Loch in die Eingeweide bohrte.
      "Das stimmt", bestätigte er ihre Vermutung und schlug leicht mit der Faust auf das Autodach. Ein blecherner Ton durchzog die Nacht und er seufzte. "Ich habe es gehasst. Ich habe es gehasst, dass dieser, dieser...Andere...vorher dort war. Ich habe es gehasst, weil ich nicht weiß, ob ich hätte helfen können, denn ich kenne keine Illusionslöser. Es macht mich traurig, dass ich einer der Figuren war, die dir diese Dinge unterstellt haben. Und ich hasse es, dass ich nichts daran ändern kann."
      Seine Stimme war mit jedem Satz gramerfüllter geworden. Bitternis wie schwarzer Teer troff von seinen Lippen, während er den Blick senkte und sich dämlich vorkam. Was bildete sich Ruairi ein? Wer war er schon, dass er derartige Ansprüche stellen konnte? Sie hatten nie definiert, was sie füreinander waren, obgleich es ihm mittlerweile nicht mehr gleich war. Was brachte einem die größte Macht auf Erden, wenn man simplen Gefahren nicht entgegen wirken konnte?
      Noch ehe er sich weiter in Gedanken verrennen konnte, hielt er beim Namen der Familie inne und erbleichte zusehends. Ein Schmerz, als hätte man ihm in den Magen geschlagen, breitete sich aus und er verzog leicht den Mund.
      "Lernst vom Besten...", murmelte er und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. "Die Familie Caulson sind berühmt-berüchtigte Jäger. Haben seinerzeit viele Zauberer getötet. Haben auch angeblich in den "Dunklen Kriegen" gekämpft und waren den damaligen Zauberern ebenbürtig...Die ganze Familie ist ein einziger Jägerstamm. Gruselig..."
      Als ihre Hand sich in seine legte und sie ihn zum Hauseingang zog, grinste er schwach und genoß das Gefühl auf seiner Haut. Auch wenn es bereits wieder unwirklich wirkte.
      Sachte folgte er ihr und schaffte es merklich langsamer als sonst. Die Schritte fühlten sich nicht real an. Dr Boden wirkte durchlässig und weich. Wie ein Minenfeld, das man zu erkunden hatte. Vorsichtig legte er Schritt um Schritt vor und seufzte erleichtert, als Ember es ansprach.
      "Vielleicht ist das so", nickte er und lachte leise. "Und das Essen klingt himmlisch. Je fettiger und ungesunder, desto besser..."

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      Side-Info:
      Die Dunklen Kriege fanden zwischen 1893 und 1895 statt. Es kämpften die britischen Zauberer gegen die menschlichen Vertreter. Ursache hierfür war ein Mord an einem Zauberermädchen mit Namen Elsbeth Cunnings. Die Kriege forderten den Berichten nach nur einige 100 Opfer, verfinsterten aber über Jahrzehnte das Verhältnis zwischen den Parteien.

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    • Mit Ruairi an der Hand sah sich Ember nicht ein einziges Mal um. Sie ging langsam, beinahe gemächlich, während sie darauf achtete, dass er Schritt halten konnte. Sonst musste sie immer neben ihm leicht joggen, wenn er nicht auf sie Acht gab und sein volles Schrittmaß ausnutzte. Nun jedoch war es andersherum und sie spürte, dass irgendetwas nicht stimmte.
      Die Sorge konnte sie nie gänzlich von ihrem Gesicht bannen. Als sie ihre Wohnung betraten, die mittlerweile wieder so klinisch aussah wie zuvor, nahm sie ihm seine Jacke ab und führte ihn in die Küche. Zu keiner Sekunde ließ sie ihn los, da sie das seltsaem Gefühl hatte, ihn irgendwie zu verlieren. Sogar am Tisch setzte sie sich neben ihn, rückte den Stuhl extra heran und hielt ständig zumindest auch mit nur einer Hand den Kontakt zu ihm aufrecht. Ihre Finger kribbelten unter der Berührung und ihr Argwohn stieg.
      „Hm, muss wohl ziemlich hinterm Berg wohnen wenn ich das mit den Caulsons nicht wusste. Gut, der Mann kam mir auch ziemlich suspekt vor. Er tarnt sich dann vielleicht als Haushälter.... Hauswirtschaftler?.... Er mag diese Namen alle nicht sonderlich.“
      Ihr Tonfall war etwas leichter und wirkte unpassend zu ihrem Ausdruck. Die Farbe war noch immer nicht wirklich gesund, die im Gesicht des Mannes an ihrer Seite stand. Wenn sie ihn länger beobachtete sah es sogar so aus, als schwanke er gelegentlich. Ember presste die Lippen zusammen, dann zückte sie ihr Handy und suchte den nächstbesten Lieferdienst aus, der halbwegs etwas taugte. Danach schob sie das Handy zu Ruairi hinüber.
      „Such dir was aus.“
      Während er seine Aufmerksamkeit dem Gerät widmete, senkten sich Embers Lider halb. Sie konzentrierte sich auf das Kribbeln in ihren Fingern und alsbald hatte sie das altbekannte Gefühl vom Kribbeln am ganzen Körper. Ein Gefühl, dass sie immer mit dem Caster in Verbindung bringen würde. Noch während sie sich darauf konzentrierte, brach dieses Gefühl immer wieder zwischendurch ab, so als verlöre Ember kurzweilig die Konzentration. Mittlerweile wusste sie jedoch, dass das nicht stimmen konnte. Also strengte sie sich noch weiter an, leerte ihren Kopf bis auf's Nötigste und fühlte. Und da bemerkte sie das andere Gefühl. Eines, das wie eine Ölschicht sich zwischen sie und Ruairi schob und das Kribbeln unterdrückte. Es dauerte einen Moment ehe sie Begriff, dass das kühle, glitschige Gefühl eine andere Aura sein konnte.
      Ember öffnete die Augen und sah Ruairi an. „Du weißt wirklich nicht, warum es dir so seltsam geht?... Also, ich weiß ja nicht, aber ich glaube, mein Training macht sich bemerkbar. Du kribbelst nicht mehr ständig auf mir.“ Sie blinzelte ehe sie sich der Wortwahl bewusst wurde. „Damit meine ich, so fühlt sich deine Aura für mich an. Und wenn ich mich auf dich konzentriere, dann spüre ich da etwas anderes, das ganz bestimmt nicht zu dir gehört. Wo warst du die letzte Zeit? Hast du was gemacht, was unüblich ist?“
      Die Sorge schwang nun doch in ihrer Stimme mit. Inständig betete sie, dass das hier nichts mit dem Treffen mit Siobhan zu tun hatte oder anderweitig ihn in Gefahr bringen würde. Aber so schlecht, wie er jetzt schon aussah, war die Sorge wohl berechtigt.

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    • Ruairi nahm mit beinahe zitternden Händen das Smartphone entgegen und flippte durch den Lieferdienst. Zumeist waren die Lieferdienste in London ein Sammelsurium an Kuriositäten. Manchmal bestanden sie aus einem Fundus von schrägen Gerichten und einem Koglomerat an Wunderlichkeiten. Doch hier hatte man offenbar einfach nur einen stinknormalen Italiener erwählt. Unter all den Kuriositäten. Schweigsam wählte er eine einfache Portion Nudeln aus. Normalerweise wäre dies nicht einmal mehr etwas für den hohlen Zahn gewesen, aber der Magen des Zauberers rumorte schlimmer als so manches Trommelkonzert.
      Er bemerkte, dass Ember sich mehr und mehr um ihn scharte und seine Reaktionen beobachtete. So schön das Gegfühl ihrer Hand in seiner gewesen war, umso mehr kam er sich verloren vor, je länger er in dieser bekannten Küche saß. Etwas stimmte nicht. Etwas stimmte ganz und gar nicht.
      "So sehr hinter dem Mond auch nicht", murmelte er und gab ihr das Handy zurück. "Die Familie Caulson verstand es recht gut, sich zu tarnen. Sie waren Meister in der Aurenaufspürung und der Tötung von Zauberern, die ihnen haushoch überlegen waren. Legenden sagen, dass ein Caulson der Grund für die Wende im Krieg war. Indem er den obersten Zauberer dieser Zeit regelrecht abschlachtete, als er dessen Schwäche fand. Und wir alle haben Schwächen..."
      Für einen Moment lang starrte er ein gefühltes Loch in die Wand gegenüber und wirkte leicht entrückt ehe er sich Ember wieder zuwandte, die just in dem Moment die Augen öffnete und zu sprechen begann.
      Schalkhaft wanderte ein Lächeln über das müde Gesicht, ehe er sich wieder fing.
      "Ich kribbele also auf dir, ja?", fragte er und zog eine Augenbraue hoch, ehe er sich zurücklehnte. "Ich verstehe was du meinst, ja. Es ist erstaunlich, dass du bereits jetzt in der Lage bist, Auren wahrzunehmen. Das ist für nichtbegabte Menschen durchaus nicht ganz einfach..."
      für einen Moment überlegte er angestrengt und schüttelte den Kopf.
      "Es ist nichts ungewöhnliches passiert. Ich war arbeiten, hatte diesen Fall und habe ich Feierabend gemacht. Zumeist bin ich dann nach Hause gegangen. Ansonsten bin ich nicht sonderlich draußen gewesen. Das was du beschreibst, kann eine Aurenüberlagerung sein. Dafür müsste der ausführende Zauberer ungleich mächtiger als der Empfänger sein und gleichermaßen in der Lage, die Aura des Empfängers beinahe vollständig zu unterdrücken. Nur zu. Spüre, berühr mich, tu was du möchtest. Ich bin dein."
      Was für eine Theatralik. Ich bin dein. Konnte es noch kitschiger werden?

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    • "Deine Schwester", entkam es Ember, kaum hatte sie daran gedacht.
      Wer sollte es sonst gewesen sein? Wenn niemand sonst großartig in Kontakt mit Ruairi gestanden hatte, dann war die Auswahl an mächtigen Zauberern ziemlich begrenzt. Es gab nur eine Handvoll Caster in Großbritannien auf seinem Level, dafür aber einen Haufen an Arkana in letzter Zeit in London. Oder es rangierte eine noch größere Größe ungesehen unter ihnen. Was deutlich fataler wäre.
      "Ich weiß nicht... fühlt sich immer noch seltsam an", murmelte sie wobei sie ihre Hand zunächst langsam über seine gleiten ließ und dann seinen Arm aufwärts folgte. "Ich kann es auch nicht sehen, nur fühlen. Caulson meint, er sehe sie, aber ich konnte es nur mit einem Gefühl orten..."
      Sie überlegte ungehört weiter und sah dann Ruairi erneut ins Gesicht. Er wirkte noch abwesender als zuvor, geriet langsam schon in eine Apathie. Er wankte, selbst im Sitzen und wirkte eher wie jemand, der wirklich, wirklich krank war. In der nächsten Sekunde hatte Ember sein Gesicht mit beiden Händen ergriffen und zu sich gedreht. Sie betrachtete eingehend seine Augen, suchte nach dem Flackern, was er sonst zeigte, blieb jedoch erfolglos.
      "Was können wir dagegen machen? Vom Auto bis hierher hat sich dein Zustand massiv verschlechtert. Wenn man deine Aura unterdrücken kann, ist das schlecht. Richtig schlecht. Hast du Kontakt mit einem dieser Würfel gehabt oder so? Irgendwas? Soll ich jemanden anrufen? Ich kenn da wen, der bestimmt helfen kann..."
      Ember hörte selbst, wie sich eine Verzweiflung in ihre Stimme schlich. Wenn ihm etwas hier geschah, würde sie vermutlich nicht viel tun können. Sie fühlte die Veränderung und war doch nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Dafür kannte sie in der Tat jemanden, der es konnte.
      "Jasper könnte diesen Einfluss bestimmt lösen...."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ruairi schüttelte den Kopf, nachdem sie ihre Vermutungen ausgesprochen hatte.
      ein sanftes Grinsen schüttelte sein Gesicht und er spielte mit ihrer Hand zwischen seinen Fingern.
      "Meine Schwester ist - zugegeben -recht mächtig, aber der Nachteil unserer Zwillingsgeburt ist, dass wir dieselbe Art von Macht besitzen. Unsere Kräfte heben sich auf, will ich damit sagen", grinste er sie an und küsste ihre suchenden Finger, ehe er sie wieder entließ und ihren Weg den Arm hinauf fortsetzen ließ.
      Die Lage war zugegeben recht verfahren aber dennoch fühlte sich Ruairi nicht merklich schlechter. Es schien inne zu halten und auch wenn es Jemand schaffte, seine Aura zu unterdrücken, würde dieser kein einfaches Spiel haben.
      "Mach dir keine Gedanken", murmelte er und versuchte sich an einem neuen Grinsen. "Zumindest nicht so vielen. Ich möchte keine Hilfe, auch nicht von Jasper. Und nein, ich hatte keinen Kontakt mit einem Würfel. Glaub mir, es müsste schon ein Artefakt von beachtlicher Kraft sein, um meine Aura zu unterdrücken. Es gibt zumeist ein einfaches Heilmittel und ich bin sicher, du, Ember Sallow mit dem brillanten Verstand, hast es bereits erkannt."
      Das Lächeln um seine Züge zeigte nur die Wärme und Zuneigung, die er ihr immer gezeigt hatte. Nichts davon sprach, dass er das, was er gerade gesagt hatte, nicht so meinte.
      "Unterdrückung ist eine Kraft, die hernieder drückt, was aufzubegehren sucht. Und so ist es hier auch. Und wenn dich eine Kraft nieder drückt, muss man sich wehren. Ich könnte diesen Schleier lösen, indem ich meine Aura für ein paar Sekunden zur vollen Stärke freisetze. Ich tue es nur nicht, weil das für deinen Körper einen enormen Druck bedeuten würde, dessen Folgen ich nicht einschätzen kann. Also werde ich das für diesen Abend überleben und gleich morgen diesen Schleier von mir nehmen. Ist das in Ordnung?"
      Er grinste Ember an und fuhr ihr mit seinem Daumen sacht über die Unterlippe. Das Gefühl wirkte unecht und eine Sekunde lang beherrschte Sorge seine Gedanken. Ehe das Gefühl wieder real wurde. Konnte sie vielleicht Recht haben? Hatte er Kontakt mit einem Artefakt gehabt, das er nicht kannte?
      "Caulson kann also Auren sehen...Es ist erstaunlich, wie ein Erbe der Jäger sich fortsetzen kann, nicht wahr? In den frühen Jahren der Jagd, so heißt es, haben die Jäger bestimmte Teile von aurenbehaftetem Fleisch oder Blut zu sich genommen, um Teile der Kräfte zu erhalten. Manche starben bei dem Prozess, andere jedoch entwickelten FÄhigkeiten dadurch. Zwar keine magischen, aber zumindest teilmagisch würde ich sie ansehen..."

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    • Ember schürzte die Lippen. Sie war ein Kopfmensch – das wussten alle, die mit ihr zu tun hatten – und da sagte es sich leicht, nicht zu viele Gedanken zu machen. Es war eine Sache zu sehen, wie es jemanden ging, doch eine völlig andere, auch zu fühlen, dass etwas nicht stimmte.
      Lediglich die zurückkehrende Wärme in Ruairis Lächeln, das endlich etwas weniger gezwungen wirkte, beruhigte sie minimal. „Soll das heißen, du siehst mich als gefährdet an? Ich bin entrüstet, Ruairi.“
      Sie gab sich gespielt beleidigt, wobei sie beide ganz genau wussten, dass sein Einwand völlig gerechtfertigt war. Früher hätte sich Ember vermutlich hart überschätzt. Diese schlechte Eigenschaft hatte sie mittlerweile größtenteils abgelegt. Sie wagte es gar nicht, ihn dazu zu nötigen, den Einfluss jetzt zu lösen. Wenn er es als zu gefährlich erachtete, dann akzeptierte sie es stillschweigend. Immerhin kannte er seine Fähigkeiten besser als jeder andere.
      Ihre Unterlippe zuckte, als er mit seinem Daumen über die empfindsame Haut glitt. Wo ihr Blick vorhin noch über seinen gesamten Körper zu gleiten schien, fraß er sich augenblicklich an seinen hellen Augen fest. Diese einfache Berührung löste bereits eine Reihe an Bildern in ihrem Kopf aus und sie musste sich zusammenreißen als er das Thema auf die Jäger zurückführte. Bevor sie etwas darauf sagte, ergriff sie seine Hand vor ihrem Gesicht und brachte sie gemeinsam zurück auf den Tisch. Sie konnte sich nicht konzentrieren, wenn er sie so berührte.
      „Sie waren kannibalistisch??“, wiederholte Ember und konnte sich etwas zu gut vorstellen, dass Perley damals bei ihrem ersten Aufeinandertreffen nicht nur gewöhnliches Tierfleisch mit dem Messer kleingeschnitten haben könnte. Wie passend für August... „Ich wusste nicht, dass man dadurch sterben kann. Muss ich mir das vorstellen wie eine Art Verstrahlung?“
      Musste es ja sein. Wenn sie aurenbehaftete.... Dinge konsumierten, dann hatte sie vermutlich von innen heraus den Körper der Menschen verändert. Bedeutete dies, dass Perley ebenfalls Veränderungen aufwies? Dass er gewisse Talente besaß war nicht von der Hand zu weisen. Zumal er ihr noch gar nicht wirklich eröffnet hatte, zu was er eigentlich fähig war. Bislang nahm er nur die Rolle des zurückhaltenden und manchmal schrulligen Haushälters mit zu viel Wissen ein. Das würde sich demnächst vermutlich ändern.
      Indes hatte Ember Ruairis Hand auf den Rücken gedreht und strich sanft mit ihren Fingerspitzen über die leicht geöffnete Innenfläche. „Sag mal, wieso hast du dich eigentlich entschieden, Ermittler zu werden? Du musstest die Ausbildung zum Caster machen, schon klar, aber du hättest auch eine andere Schiene verfolgen können. Warum diese?“
      Es gab noch so viele andere Dinge, die sie ihn am liebsten gefragt hätte. Die sie besprochen hätte, aber angesichts seiner Verfassung und ihrer Worte, heute die Arbeit ruhen zu lassen, konnte sie es nicht. Er wusste von ihrer Motivation durch Emily und wie sich ihre Auffassung zur Magie langsam aber stetig gewandelt hatte. Was sein Antrieb gewesen war, hatte er ihr noch gar nicht erzählt. Oder sie nicht danach gefragt.
    • Ruairi musste lachen, als sie ihre Frage stellte und spielte noch eine kurze Weile mit ihren Fingern. Er genoß die Wirkung, die er auf sie hatte. Nicht nur, dass seine heißen Lippen ihre Haut streiften, sondern auch die Tatsache, dass er die kleine Veränderung in ihrem Blick sah, die er eigentlich von Anderen erwartet hätte. Und nicht von dem Kopfmensch Ember.
      "Ich halte dich nicht für gefährdet, nein", schüttelte er den Kopf und grinste breit. "Jedoch ist es eine Sache, einem Jäger gegenüber zu treten und eine ganz Andere, einem S-Klasse-Zauberer gegenüber zu treten. Wenn ich so selbstherrlich sein darf."
      Dem Ton seiner Stimme entwich eine Art Ironie, wie er sie selbst an sich am meisten mag. Trotz der Tatsache, dass er eine Wahrheit ansprach, sollte sie nicht denken, sich unterlegen zu fühlen: Ember Sallow war vielleicht der einzige Mensch, der ihm wirklich gefährlich werden konnte. Da er nicht wusste, ob er sich gegen sie wehren konnte oder wollte.
      Als ihre Hände gemeinsam auf dem Tisch lagen, zeigte sich eine leichte und kurze Enttäuschung auf seinem Gesicht, aber diese verhallte nur kurz.
      "Ja, zu gewissen Teilen mag man das kannibalistisch nennen"; stimmte der Zauberer der Detective zu. "Sie aßen verschiedene Teile und tranken wie gesagt das Blut. Man kann durch den Verzehr von Menschenfleisch grundsätzlich nicht sterben, sofern man es nicht roh zu sich nimmt. Durch die Versetzung mit Magie jedoch wird aus dem Fleisch eine Art Bombe. Man kann es mit einer radioaktiven Verseuchung beschreiben, ja. Von zehn Probanten überlebte vielleicht einer, mit Glück. DIe Rituale der ersten Jäger waren drakonisch und beinahe wild anzusehen. Sie scheuten nicht zurück, ihre Körper zu verändern. Alles aus Angst vor den Zauberern..."
      Sachte, während er erzählte, griff er um ihre Finger und spielte regelrecht damit. Ließ sie durch seine Finger gleiten, kratzte mit den Nägeln sachte über die Handinnenflächen und die Fingerkuppen und drückte in der Hand verschiedene Punkte. Als wollte er sie massieren.
      Die letzte Frage jedoch rang ihm ein erstauntes Aufblicken ab. Wieso jetzt?
      "Ich...", begann er und seufzte. "Ich wollte nicht so sein wie sie. Die Rogues. Es gab hunderte von Angeboten. Tausende. Alle wollten, dass ich den Rogues beitrete um die Chancen auszugleichen. Doch ich wollte nicht derart kontrollverlustig sein wie meine Schwester zu ihren besten Zeiten. Ich wollte einfach nur ein normales Leben leben und etwas Gutes für die Menschheit tun. Vielleicht war es auch das Gefühl der Schuld, weil ich eine Macht besaß, die andere nicht hatten. Nach denen sich so mancher neidvoll verzehrte und mich verteufelte...Und die Polizei bot sich an. Sie besaß eine Akademie nach dem Caster-Abschluss und ich konnte mich nützlich machen. Auf einmal waren da Menschen, die meine Kräfte zu schätzen wussten!"
      Ruairi zuckte die Achseln. "ich denke, das war es. Weshalb fragst du?"

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    • „Ich kann mir das ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen, wie es sein muss praktisch in der Luft zerrissen zu werden.“
      Hier endete Embers Vorstellungsvermögen tatsächlich. Wenn sie so hörte, dass er hunderte von Anfragen bekommen hatte, musste es mehr als überwältigend gewesen sein. Erst recht, wenn man zu diesem Zeitpunkt noch so jung gewesen war.
      „Rein aus Interesse. Ich fand die verschiedenen Motivationen hinter dem eigenen Handeln immer am spannendsten. Ich bin ursprünglich ja auch aus Abneigung? Rache? Keine Ahnung – zur Polizei gegangen. Weil ich es ungerecht fand, was Emily zugestoßen ist. Mittlerweile sehe ich die ganze Sache auch wieder unter einem völlig neuen Licht. Und siehe da; jetzt halte ich mit genau so einer Person Händchen, die ich früher am liebsten gleich durchlöchert hätte.“
      Sie schmunzelte in Anbetracht ihrer Hände, die nicht eine Sekunde stillhalten konnten. Als führten sie einen eigens choreografierten Tanz auf, den sie nicht wirklich verstanden. Selbstredend gab es auch eine Option, wo sie sich das reden vollkommen sparen konnten. Allerdings wusste sie nicht, ob er sich dazu wirklich fähig fühlte.
      „Ich denke, es gibt genug Menschen, die wertschätzen, was du bewirken kannst. Die Gesellschaft ist nur leider grau und unentschlossen. Aber wenn ich mir so vorstelle durch deine bisherigen Erfolge zu blättern, dann wird schnell deutlich, dass du einen großen, positiven Beitrag leistest. Oder etwa nicht?“
      Ember grämte sich. Sie war damals nur aus niedrigen Beweggründen bei der Polizei geblieben und hatte eine höhere Stelle angestrebt, wohingegen Ruairi seinen Platz selbst finden musste und sich bewusst für etwas entschieden hatte, dass nicht nur ihm persönlich zu Gute kam. Auf genau der anderen Seite hatte sie damals gestanden, auch wenn sich das Blatt heute gewendet hatte.
      Ihr Blick musste leicht abwesend geworden sein, denn als sie Ruairi erneut ansah, schaute er sie fragend an. Ohne Umschweife entwand sie ihm ihre Hand, legte sie in seinen Nacken und zog ihn zu sich heran. Ihre Lippen schrammten über seine hinweg als sie ganz kurz zögerte. Doch dann vollendete sie den Kuss, der nichts von der Ungestümtheit hatte, wie sie beide sie sonst schon mal an den Tag legten. Er war sachte, liebevoll und voller Bestätigung. Ein weiterer Atemzug verging, doch sie brachte gerade einmal eine Handbreite Platzen zwischen sie beide.
      „Ich finde, du hast die richtige Stelle für dich gefunden. Ohne Zweifel.“
    • Immer wenn man glaubte, dass man Ember Sallow zumindest rudimentär verstand, überraschte sie einen.
      Erst die Hände, die ihn regelrecht vom Sprechen abhielten, während er lauschte und jede Reaktion auf ihre Handlungen so obsolet machte und schließlich die feurig heißen Lippen, die nicht recht zu wissen schienen, was sie genau damit erreichen wollten, dass sie sein Gesichts ertauben ließen.
      Hatte er sich wirklich gefragt, ob das hier real war? Es war verflucht nochmal real!
      Als sie sich wieder trennten, sah er sie eine Weile lang an und atmete schwer. Gott, wie gerne würde er einfach...Doch es gab vorher noch Dinge zu beantworten.
      "Sei froh...Dass du es nicht denken kannst, meine ich. Weil wenn es so wäre, dann wärest du ja zerrissen und ich müsste puzzlen und ich...Rede ausgemachten Blödsinn weil eine wunderschöne Frau mich gerade geküsst hat."
      Ein laues Lachen glitt über sein Gesicht als er sich leicht vorbeugte um ihr näher zu sein. Den Widerschein ihrer Wärme auf seinem Gesicht zu spüren, dessen Lippen sich noch immer anfühlten, als hätte man sie in heißen Honig getaucht.
      "Ich glaube, du hättest recht leichtes Spiel gehabt", grinste Ruairi. "Ich kann verstehen, warum du es damals wolltest. Und ich freue mich darüber dass du mittlerweile ein anderes Licht vorziehst. Vielleicht mag es Menschen geben, die es zu schätzen wisssen, was ich tue, aber es gibt genügend, die sich noch immer fürchten, wenn ich auch nur ansatzweise zu zaubern beginne."
      Das Lächeln verblasste kurz auf seinem Gesicht und sein Blick ähnelte dem, den Ember zuvor an den Tag gelegt hatte. Gesichter von Missbilligung und Hass tauchten vor seinem inneren Auge auf, während er angestrengt versuchte, im Jetzt zu bleiben.
      Beinahe automatisch griff er nach ihrer Hand und zog sachte an ihr.
      "Eine Frage habe ich aber auch...", flüsterte er und küsste ihre Finger erneut, diesmal nicht zulassend, dass sie sich wieder entwand. "Wieso küsst du mich so als wüsstest du nicht, ob ich gleich einen Herzanfall erleide?"
      Da war es wieder. Das schelmische Grinsen. Dieses, was man an den Tag legt, wenn man mehr wollte, als man eigentlich nehmen durfte.
      "Ich habe die richtige Stelle", nickte er. "Ich habe dich getroffen. Keine könnte besser sein."

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    • Theatralisch rollte Ember mit ihren Augen als Ruairi sie erneut wunderschön nannte und sich scheinbar wieder in ihr vergaß. Ihr Lächeln trug dieselbe Leichtigkeit wie sein eigenes als er endlich nicht mehr so behaftet auflachte. Sie konnte sich nicht einmal ausmalen, wie sie in ihrem jüngeren Alter wohl auf Ruairi reagiert hätte. Sobald sie herausgefunden hätte, welche Fähigkeiten er besaß, hätte sie sich direkt vor ihm verschlossen. Und wenn das Timing sowieso schon gestimmt hatte, dann wäre er noch in seiner Beziehung mit Melissa gewesen und hätte nicht einmal ein Auge auf Ember geworfen. Zu diesem Zeitpunkt wäre die Beziehung, wie sie sie jetzt pflegten, unmöglich gewesen.
      „Wie gesagt, die Gesellschaft ist grau. Ich hab gelernt, dass man es nie allen recht machen kann“, gab sie ihre persönliche Meinung dazu ab und fuhr sich mit der Zunge über die eigene Unterlippe. „Und ich bin mir fast sicher, dass ich mich nicht fürchte, wenn du anfängst zu zaubern.“
      Jedenfalls nun nicht mehr. Zum einen hatte sie ein gewisses Selbstvertrauen etablieren können, zum Anderen vertraute sie diesem Mann tatsächlich mehr, als es vermutlich gut für sie wäre. Nicht eine Sekunde lang spielte sie mit dem Gedanken, dass er sich doch irgendwann gegen sie stellen konnte oder es bereits tat. Denn wenn sie ihm die ganze Zeit schon über auf den Leim gegangen war, dann wäre ihr Fall endlos.
      Ihr Blick zuckte zu ihrer Hand nach der Ruairi automatisch gegriffen hatte. Erneut führte er ihre Finger an seine Lippen und küsste sie, dieses Mal spürte sie seinen deutlich festeren Griff um ihre Hand. Ein Griff, der nicht zuließ, dass sie sich ihm entzog. Aufmerksam beobachtete sie sein Mimikspiel, doch ein wenig besorgt, etwas falsch gesagt zu haben. Zu ihrer Erleichterung erschien dann dieses schelmische Grinsen, mit dem sie um Welten besser klarkam als alles andere. Sofort entspannte sie sich merklich, am deutlichsten sah man es an ihren Mundwinkeln.
      „Hör ich da gerade eine Beschwerde, wenn man dich mit etwas anderem als reine Begierde küsst?“, neckte sie ihn und konnte nicht verhindern, dass ein ähnliches Grinsen in ihrem Gesicht erschien. Gott, dieser Mann konnte andere so leicht anstecken, wenn er es denn wollte. „Du wirkst heute ein bisschen neben der Spur, ja? Da nehme ich mich lieber ein bisschen zurück und überfahre dich nicht mit meiner Art. Die du hoffentlich kennst.“
      Kurz testete Ember, ob Ruairi ihre Hand wieder freigab. Als er keine Anstalten machte, gab sie ihre Gegenwehr auf.
      „Ich weiß nicht recht, wie ich heute mit dir umgehen muss. Was du erträgst. Eben noch warst du amtaumeln, Ruairi. Nicht nur ein bisschen wanken. Wenn ich dich draußen nicht an der Hand gehabt hätte, wärst du Gott weiß wo gelandet. Verzeih mir einfach meine Vorsicht, ja?...“
    • Ruairi grinste schelmisch und hielt diese wundervolle, fast zart wirkende Hand in seiner. Das Gefühl um seine Finger herum glich einer Art Morgenschauer, bei dem man sich nicht sicher sein konnte, wann er aufhörte. Zärtlich strichen seine Lippen und die raue, durch Barthaar stoppelige Haut über ihre zarten Hände, während er die Geräusche von Draußen beinahe nicht mehr wahrnahm. Da waren nicht mehr die Geräusche der Nacht und wenn er ehrlich war, pumpte das Blut viel zu laut durch seine Venen, als dass er es hätte vernehmen können.
      Stattdessen hielt er ihre Hand weiter und sah sie an.
      "Das Problem ist nicht die Gräulichkeit", murmelte er. "Das Problem liegt im Schwarz und im Weiß. Wenn alles grau wäre, wäre die Welt ein toleranter und akzeptabler Ort. Doch wo es Heilige gibt, gibt es auch jene, die konsequent verdammen. Die Jäger sind solche, zum Beispiel. Sie verabscheuen Magie und deren Anwender seit dem ersten Tag des Entdeckens. Und heute sind wir hier..Am Rande eines Bürgerkriegs währned die Welt unter den Fuchteln der Menschheit leidet. Und wir diskutieren über Mord und Totschlag."
      Ein weiterer Kuss fand ihre Hände und das Lächeln wurde breiter.
      "Absolut nicht", schüttlete Ruairi den Kopf. Seine Augen wirkten müde und gleichsam hellwach. "Auch wenn ich Begierde niemals ablehnen würde. Zumal sie von dir käme. Ich käme mir dann nicht mehr vor wie ein siebzehnjähriger Teenager, der jede freie Minute daran denken muss, wie wunderbar sich der Körper unter und auf seinem anfühlte."
      Das war nicht einmal gelogen, wenn er ehrlich war. Selten hatte er derart häufig an Begierde und Lust denken müssen. Nicht mal bei Melissa war es derart intensiv gewesen. Doch er war sich sicher: Würde man ihnen die Gelegenheit geben, würden sie für Tage das Schlafzimmer nicht verlassen.
      Sachte fuhr er mit den Lippen nochmals über die Finger der Frau und lachte leise.
      "du nimmst dich zurück...", wiederholte er und nickte. "Geh mit mir um wie an jedem anderen Tag. Ich bin hier. Und ich will nichts lieber als dich. Nicht, dass ich nur deswegen hier bin, aber es ist die Wahrheit, die sich mir immer offenbart wenn ich dich sehe. Und ich wünschte, du könntest dich eine Sekudne mit meinen Augen sehen..."
      Schließlich gab er ihre Hände frei.
      "Hab keine Angst. Eine leichte Schwäche. ICh werde damit zurecht kommen. Aber nicht, wenn du mir deine Zuneigung oder was auch immer vorenthältst."

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    • Schlagartig fiel Ember wieder ein, warum sie gerne ihre Hand aus Ruairis Griff befreit hätte. Denn das, was sie sah und fühlte, stand im harten Kontrast zu dem, was sie hörte. Ihre Gedanken fingen an, zu schludern und zu stolpern und immer mehr Inhaltsbröckchen schrammten an ihrer Aufmerksamkeit vorbei.
      Das stellst du dir die ganze Zeit vor? Wie sich mein Körper anfühlt?“
      Unglaube mischte sich in eine viel zu gehauchte Frage, nach der sie sich räuspern musste. Gott, seit wann reagierte sie denn auf so kleine Dinge so extrem? Scheinbar war sie mit den Nerven selbst wohl schon näher am Ende, als sie angenommen hatte. Obwohl... das könnte erklären, warum sie noch immer häufiger im Bett gelandet waren als sonst etwas. Wobei die vergangenen Wochen dann doch eher als Hungerperiode zu bezeichnen waren. Er drückte ihr einen weiteren Kuss auf die Finger und sie zog ihre Unterlippe zwischen die Zähne.
      „Ich glaube, mein Weltbild wäre zerstört wenn ich mich durch deine Augen sähe“, erwiderte sie trocken und bestürzt, als Ruairi unangekündigt ihre Hand freigab. „Ist mir schon aufgefallen, dass du mich willst. Zumindest verhaspelst du dich immer seltener in meiner Gegenwart. Ist ja beinahe schon ein bisschen schade.“
      Sie schmunzelte bevor sie vom Tisch aufstand und zur Küchenzeile ging. Sie zog die Schublade mit dem Besteck auf, nahm zwei Sets heraus und brachte sie zurück an den Tisch. Allzu lange dürfte das Essen nicht mehr dauern, da konnte sie schon mal den Tisch vorbereiten und wieder etwas Bewegung in den Körper bringen, damit die Hormone sich verflüchtigten.
      „Morgen statte ich meinem Lieblingstechniker einen kleinen Besuch ab.“ Sie verzog die Meine als sie merkte, dass sie doch wieder von Arbeit zu sprechen begann. Das leidige Thema, wenn man einen Kollegen im Raum sitzen hatte. „Ich hab einen Plan für etwas... schlagkräftige Maßnahmen, falls das mit Prestegaard komplett nach hinten losgehen sollte. Ich weiß, ich weiß“, sie schnitt Ruairi das Wort ab bevor er sich groß einmischen konnte. „Aber du wirst ganz bestimmt nicht mit zu der Versammlung der Arkana kommen. Das geht aus diversen Gründen nicht und der schlagkräftigste ist deine Schwester an der Spitze. Ich muss das größtenteils allein schaffen und wenn ich nicht die drei Caster als Opfer anbieten soll, muss ich mir was anderes einfallen lassen. Nimmst du auch ein Bier?“
      Ember verharrte an der geöffneten Kühlschranktür und wartete darauf, dass Ruairi ihre Frage beantwortete. Als sie die Flaschen öffnete, streifte ihr Blick ihr eigenes Dekollte, das von ihrem Oberteil hoch geschlossen verdeckt wurde. Allerdings trug sie immer noch die besudelten Teile vom Training.
      Ember fluchte.
      „Wehe du sagst, du findest mich in blutigen Klamotten auch noch attraktiv“, ermahnte sie ihn mit einem doch etwas peinlich berührten Grinsen und pilgerte in ihr Schlafzimmer. „Bin gleich wieder da. Sollte es klingeln, kannst du gehen?“
    • Ein Funke der Überraschung durchfuhr das Gesicht des Zauberers, während er Ember nachsah, wie sie Besteck und aus den Schubladen sammelte. Wenn er ehrlich war, war selbst Ruairi ein wenig überrascht, dass sie so aufgeräumt und ordentliche Schränke besaß. Seine sahen aus wie Dresden 1945. Und das nicht von der guten Seite..
      "Ist es so verwerflich, dass ich das denke?", fragte er mit heraufgezogenen Augenbrauen und sah ihr zu, wie sie die Sets auf den Tisch auflegte. "Ich stehe auf dich, ja. Und ich denke, das sollte doch schön sein, wenn ich nicht mehr alles umlaufe oder versuche, irgendwelche passenden Formulierungen zu finden, die das ganze umschiffen, nicht wahr?"
      Zumindest sah er es so. Trotz der Tatsache, dass er wieder nach ihr greifen wollte, verhielt er sich ruhig und seufzte leise, während er ihren Bewegungen nachsah. Und zuletzt ihren Worten.
      Er wollte Luft holen und ihr das Wort abschneiden, während sie von ihren Plänen berichtete, doch fand sich bereits in der Schleife wieder in die er nicht hinein wollte. In die Situation, in der Pläne gefasst wurden ohne die Konsequenzen zu kennen...
      "Ich würde mitgehen", sagte er schließlich kleinlaut. "ABer ich verstehe, dass du mich eher nicht dabei haben wolltest. Ich gehöre nicht zur guten Seite der Zauberer. Zumindest mit den Augen eines Rogue gesprochen. Was willst du ihn denn machen lassen, was Prestegaard aufhält? Ich meine...Ich traue dir durchaus zu eine Lösung zu finden, aber Prestegaard ist nicht irgendwer..."
      Das Bier jedoch lehnte er ab und winkte nur ab.
      "Wenn du etwas Wasser hast, würde es mir genügen", murmelte Ruairi und fühlte einen Druck in seiner BRust. Ob es von seiner Schwäche herrührte oder etwas anderes die Ursache war, vermochte er nicht zu sagen. Doch der letzte Satz seiner begehrenswerten Kollegin brachte ihn zum Lachen und er lehnte sich im Stuhl zurück.
      "Dann sage ich es nicht...", grinste er und sah ihr unverhohlen nach.
      Als er sich wieder zurücklehnte wurde das Gefühl in seiner Brust übermächtig und beinahe allgegenwärtig. Etwas stimmte ganz und gar nicht und es wurde gehaltvoller.
      DAs Klingeln an der Tür, das vielleicht zehn Sekunden nachdem Ember den Raum verlassen hatte, erklang, ließ ihn zumindest aus seinem Komfort ausbrechen. Schweigsam und schwerfällig erhob er sich und schleppte sich etwas unsicher zur Tür. Und auch wenn es nur wenige Meter waren, griff er sich danach an sein Herz. Etwas stimmte nicht. Erneut.
      Sachte öffnete er die Tür und sah hinaus.
      "Hi."
      Die Stimme einer Frau. Vielleicht auch eher die eines Mädchens. Sie war kaum halb so groß wie Ruairi und doch wagte er es nicht einmal in ihrer Nähe zu atmen, als sich karmesinrote Augen in seine gruben. Er konnte nicht atmen. Nicht, dass er es nicht wagte. Er KONNTE es nicht! Steif griff er sich an die Brust und versuchte einen Laut von sich zu geben doch nichts als ein Krächzen erhob sich daraus. Leicht weiteten sich die Augen des Zauberers, als er dem Mädchen ins Gesicht starrte, dass einen Lolli aus dem Mund zog und in ihrer Taste nestelte.
      "Hier."
      Schweigsam drückte sie ein Papier und eine kleine Schachtel in seine Hand.
      "Bye."
      Ehe Ruairi das Bewusstsein verlor, schien die junge Frau auf der Türschwelle zu verschwinden. Der Zettel in seiner Hand war ein altes, vergilbtes Pergament, das er kaum zu halten wusste. Nur das Gekritzel darauf war erkennbar.
      Dort stand:
      "Hallo Ember."
      Der Zauberer fiel schwer auf den Rücken und hielt mit einer Hand sein Herz während dieses zu pumpen versuchte. Nun unterdrückte nichts mehr seine Aura, er war vollkommen übermannt. Er brauchte Hilfe. Schnell.

      Spoiler anzeigen
      In der Schachtel ist ein Würfel.

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