[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • „Ganze 12 Clans allein in England? Ich bin erschüttert.“
      Jasper konnte seinen Spaß nicht aus seiner Stimme fernhalten während er hinter dem Gnom her trottete und scheinbar endlich etwas gefunden hatte, das ihm Freude bereitete. „Also Deutschland gibt es. Vermutlich meinst du das.“
      Ganz offensichtlich nahm er die Drohung des abgebrochenen Meters nicht wirklich ernst. Wie auch, immerhin kannte er keine Gnome und wusste nicht, ob sie überhaupt magisch begabt waren oder nur darin ihren Ursprung fanden. Sicherheitshalber zog er sich den ekeligen Hut noch etwas fester auf den Kopf als er auf eine Tür zu ging, deren Farbe und Form ihm nicht bekannt vor kam. Das war ihm bereits öfter aufgefallen. Türen schienen hier ihre Form und Farbe nach gutdünken zu ändern. Ein einziges Mal hatte August ihn eine Treppe hinab geführt, von der er immer noch mehr fasziniert als schockiert war. Er hätte viel dafür gegeben, noch mehr der Räume zu erkunden. Sofern man es als sicher betiteln konnte.
      „Wunderbar. Zeig mir dein Reich und du erhältst deine Zierde zurück“, sprang Jasper auf den Zug der gestarksten Sprache auf und schüttelte leicht den Kopf. Wie schaffte August es immer nur, noch seltsamere Figuren ans Licht zu befördern?
      Die Tür ging auf und Jasper erkannte zu seiner Freude genau die gleiche Wendeltreppe. „Hey, die kenn ich doch“, platzte er direkt raus und starkste die Stufen runter. „Das hat mir August schon mal gezeigt. Wo soll das hier denn bitte ein Koffer sein?“
      Auf dem Weg nach unten wirkte fast alles unverändert. Nur das Flatterband, das irgendwie falsch platziert aussah, war neu. Unten angekommen zeigte Jasper auf die nächste Tür. „Da hinter war ein Garten. Also, mehr oder weniger Garten. Ein ziemlich... tödlich wirkender Garten“, erinnerte er sich und grinste. Auch die Falltür weiter hinten kam ihm noch bekannt vor.
      „Beim letzten Mal ist mir schon aufgefallen, dass hier mehrere Auren am Werk waren. Wieso? August hatte mir nur gesagt, dass er es nicht allein aufgebaut hat. Wo sind die anderen?“

      Embers Augenbrauen schossen zur Decke. „Sie beten was an? Ihnen ist klar, dass da eine frappierende Ähnlichkeit besteht?“
      Damit hatte sie nun wahrlich nicht gerechnet. Das wiederum konnte aber erklären, warum Ulysses ständig mit einem schlechten Geschmack für Garderobe anzutreffen war. Wer fragwürdige Gottheiten anbetete hatte mehr als nur einen Dachschaden. Und dann drohte Ulysses auch noch damit, die von Jasper zu verhexen? War das dann in einer verquerten Ansicht nicht sogar eine Ehre? Wie auch immer, sie wollte nicht länger einen Gedanken daran verschwenden und schüttelte energisch den Kopf, um etwaige Bilder zu verwischen.
      „Zugegeben, Wasserleichen sind immer sehr aufgequollen. War ein schlechter Vergleich. Mein Gesicht ist immer noch erkennbar, nur verdammt schwarz untermalt. Aber wenn du das hier als perfekt beschreibst“, sie gestikulierte mit einer Hand im Kreis vor ihrem Gesicht, „dann hast du mich echt noch nie richtig entspannt gesehen. Wobei. Ich fand mich schon sehr hinreißend als wir in den Zwielichtsaal gegangen waren.“
      Sie ging bewusst nicht auf das Kompliment ein. Es würde ihn vermutlich nur noch mehr beschämen, wenn sie direkt darauf einging, wenn August bereits jetzt schon stockte. Also folgte sie ihm, nachdem er ihr quasi entwischt war, und driftete zuletzt doch vom Weg ab, um sich in den Sessel zu setzen, der eben noch von Jasper belagert worden war.
      „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Je nachdem darfst du mich dann auch verarzten. Ich glaube, heute werden wir uns nicht nur böse anstarren“, grinste Ember beinahe diabolisch und wusste nicht, ob sie sich darauf freuen sollte oder nicht. „Ich hab auch schon gedacht, die drei mal herzuholen. Wenn Noland mitmacht. Was ich nicht weiß nachdem wir nicht ein weiteres Wörtchen mehr gewechselt haben.“ Sie seufzte gedehnt und legte den Kopf in den Nacken. „Er könnte ihr Gedächtnis manipulieren, damit sie nicht mehr wissen, dass sie hier waren. Aber ich schätze, dass er vermutlich der Einzige sein wird, der uns ein bisschen erhellen kann. Weißt du, ich hab schon mit dem Gedanken gespielt, die drei Kerle einfach mit zur Versammlung zu schleppen, damit Prestegard von mir absieht. Grausam, oder?...“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ulysses schnaubte und schüttelte den Kopf.
      "Deutschland...Nie gehört. Widerliches Stückchen Erde, wenn du mich fragst", murmelte er vor sich her, während er die Wendeltreppe hinab wackelte. "Überall Autobahnen und Smog. Richtig ekelhaft. Und die wenigen grünen Haine, die noch verblieben sind, sind von diesen lächerlichen Feendingern besetzt. Wie Toiletten. Die Besten sind immer besetzt."
      Als Jasper seine Erkenntnis geradezu hinausposaunte, vibrierte der Raum und ein Brüllen schien aus dem Keller zu kommen. Ulysses sprang vor und gestikulierte wild herum.
      "Sei still, du Knastvogel!", zischte er. "Die Chimäre ist wach und ziemlich ungehalten, weil...Jemand...vergessen hat, sie zu füttern. Nun, komm herab und stell dich nicht an wie ein zweitklassiger Tourist."
      Als er auf die Tür zur Kräuterabteilung verwies nickte der Gnom nur und verzog das Gesicht. Er mochte diesen Naturtand nicht wirklich. Pflanzen. Bah. Da konnte man ja gleich anfangen, auf Milch und Fleisch zu verzichten. Widerlich.
      "Ja, dahinter ist der Kräutergarten. Die Hälfte der Pflanzen werden versuchen, dich umzubringen und die andere holen dich vermutlich asu dem Trauma zurück, aber dennoch ist ein Betreten nur mit Begleitschutz zu empfehlen. Da vorne ist die Alchemieecke", sagte er und wies auf eine kleine Nische, in der diverse Phiolen und Ballonflashcen zu einem kleinen Labyrinth aus Glas aufgebaut waren. Ein Brenner erhitzte eine gräuliche Flüssigkeit, die sich merkwürdig bewegte und blubberte.
      "Das alles hier ist der Koffer", murmelte Ulysses und machte eine umfassende Geste. "August beherrscht eine Art von Raummagie, wenn man es so nennen kann. Dimensionsmagie oder so. Er kann Räume in Räumen erschaffen und diese beliebig komprimieren und expandieren, wenn du verstehst. Und mehrere Auren,...Ja, macht Sinn. Er beherrscht ja auch sechs Arten von Magie, daher müssen es auch sechs Auren sein, nicht wahr? Warum? Hast du versucht, gegen ihn zu kämpfen?"
      Meckernd kicherte der Gnom und stakste in Richtung der Raummitte.

      August indes ließ sich auf dem freien Sessel nieder und betrachtete Ember eine Sekunde lang ohne Scheu oder Verlegenheit.
      Gott, sie war wunderschön. War es die Melancholie vor dem beinahe sicheren Tode oder war sie wirklich noch schöner geworden in der letzten Zeit? Sicherlich bemerkte der Zauberer, dass sie nicht auf sein Kompliment einging und wunderte sich ein wenig darüber. Eigentlich hatte er gedacht, dass es ihr eine Freude machen würde, wenn er sie lobte, aber offenbar war dem nicht so. Sallow war durchaus schwierig wenn es um Komplimente ging, zumal August selbst nicht viel vom Dating (war es das überhaupt? Eigentlich nicht, oder?) verstand. Er hatte noch nie eine Frau wirklich umworben. Die wenigen, die seiner Nähe nicht überdrüssig geworden waren, hatten ihrerseits das Heft in die Hand genommen.
      Sachte trank er einen kleinen Schluck und nickte grinsend. Der Zwielichtsaal...Es erschien wie eine Ewigkeit...
      "Ja, das warst du", nickte er und sah träumend in die Flammen, die der Kamin in den Raum spie. Eine wohlige Wärme breitete sich aus und er atmete durch.
      Sein Leib schmerzte ein wenig und er fühlte sich komisch. Vielleicht mochte es am Puls liegen, der in die Höhe geschnellt war, aber irgendwie war ihm nicht wohl.
      "Ich hoffe nicht, dass ich dich verarzten muss", sagte er lachend. "Mir wäre lieber, ich könnte einfach nur mit dir etwas trinken und Zeit verbringen, wenn ich ehrlich bin. Aber sofern Wunden entstehen bin ich gern zur Stelle. Ich hätte vielleicht noch eine Idee...Du erinnerst dich an den rumänischen Arkana? Den Mentalmagier? Ich könnte ihn ebenso fragen, wenn dir Noland zui unsicher ist...Aber ich denke, er ist die Beste Option..."
      Als sie das letzte sagte, musste August lachen und hielt sich dabei eine Rippe.
      "Ich halte das für legitim. Kjetil ist ohnehin schon wütend genug, nachdem man diesen Jungen getötet hat und es den Rogues anhängen will."
      August wollte Luft holen um noch etwas zu sagen, als Perley Caulson zur Tür hereinspazierte und einen Hauch von kalter Luft mit sich führte. Der Mantel, den er trug, dampfe und dem Gesichtsausdruck nach war er genervt.
      "Hey Perls", murmelte August und winkte ihm, ehe er ihn ansah. "Ach du heilige Knolle..."
      "Da sagst du was", grunzte der Butler und hing seinen Mantel an die Garderobe. "Bibliotheken sind auch nicht mehr, was sie waren. Hab einen Feuermagier dort getroffen wie er gerade das Buch verbrennen wollte, was ich brauchte. Jämmerlicher Idiot. Nun. Ms Sallow, ausnahmsweise pünktlich. Ich bin begeistert."
      Das Lächeln des Butlers erschien eine Sekunde lang echt, ehe es wieder versteifte.
      "Du hast nichts dagegen, wenn ich Ms Sallow entführe, oder?"
      August schüttelte den Kopf und wies auf die Tür, die sich bereits in Form und Farbe verändert hatte. Dieses Mal war sie eine wunderschöne Ebenholztür mit herrlich feinen Ornamenten in Elfenschrift.
      Perley ging forschen Schrittes hinzu und öffnete diese.
      "Nach Ihnen, Ember", murmelte er und neigte leicht den Kopf.


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      Diesmal ist der Raum vor Ember eine Art Wald. Es liegt ein Nebelfilm auf dem Areal und die Luft riecht nach Amber und Regen. Die Lichtung ist gesäumt von Büschen mit merkwürdigen Pflanzen, deren goldene Beeren nach Ember zu greifen scheinen. In der Mitte ist ein See mit silbernem Wasser.

      SMS von Ruairi: Hey du! Ich wollte nachher noch vorbei schauen! Bist du zuhause? xo

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    • Ein vibrierender Raum war mehr als beeindruckend. Jaspers Augen wurden groß als er das dazugehörige Brüllen hörte und verfiel in ein angespanntes Schweigen. Sein Blick driftete zu der Falltür, von der er wusste, dass die magischen Wesen da unten hausen sollten. Auf der einen Seite wollte er sie zumindest einmal in seinem Leben sehen. Auf der anderen Seite gewann aktuell noch der Respekt, erst recht nach diesem eindrucksvollen Gebrüll. „Wie kann man vergessen, so was zu füttern? Seid ihr lebensmüde?“
      Er würde sich hüten vorzuschlagen, die Beste selbst zu füttern. Dafür war er nicht gemacht, wenn ihn jetzt noch alle möglichen Dinge überraschten. Sichtlich interessiert begutachtete er die Phiolen und Fläschchen mit dem unbestimmbaren Inhalt, die vor sich hin blubberten.
      „Soll ein Zauberer nicht eigentlich nur eine einzige Magie beherrschen können?“, fragte er weiterhin und zuckte vor einem Gefäß zurück, wo sich die Flüssigkeit plötzlich in seine Richtung zu konzentrieren schien. „Wie soll ich denn gegen August kämpfen? Weder will ich allgemein kämpfen noch bin ich dazu wirklich in der Lage. Ich wusste nur nicht, dass das alles hier sein Konstrukt ist.“
      Jasper entfernte sich von der Alchemieecke und ging in die Hocke. Seine Hand lag flach auf dem Boden und seine Augen begannen sachte zu glühen als er sich konzentrierte. Und tatsächlich feststellen musste, dass der Boden unter seinen Füßen aus Aurawebungen bestand. Er verengte die Augen als er eine einzige Melodie hörte, die unglaublich delikat und komplex war. Erstaunlich schön, wie er fand und ihn unverrichteter Dinge wieder aufstehen ließ. Ob er wohl irgendwann dazu fähig war, das alles hier in Einzelteile zu zerlegen? Und was passierte dann wohl mit den Lebewesen, die sich in diesen Räumen befanden?
      „Wie habt ihr euch eigentlich gefunden?“


      „Hm, wenn du Glück hast, dann bin ich so platt, dass ich erst noch ein bisschen brauche bis ich mich wieder ins Auto setzen kann. Hängt alles von deinem Haushälter da ab“, entgegnete Ember schmunzelnd. „Aber ich bin eigentlich abgeneigt, mit noch mehr Arkana als nötig zu interagieren. Vor allem der Rumäne ist mir nicht geheuer.“
      Sie erinnerte sich lebhaft daran, wie er im Saal gewirkt hatte und eine erstaunliche Wirkung auf die anderen Anwesenden nur mit einer leichten Demonstration gehabt hatte. Vielleicht war das der Grund, warum man nur einen Mentalmagier im Kreise hatte. Damit sie sich nicht bekriegten oder verbündeten. Beides wäre nicht unbedingt erstrebenswert gewesen.
      Als August lachte und seine Rippe befühlte, war Embers aufmerksamer Blick fast sofort zur Stelle. In den paar Tagen war noch etwas vorgefallen. Hatte er sich wieder mit irgendwem angelegt, dass er sich jetzt eine Rippen halte musste? Auch Ember hatte bereits ihren Mund geöffnet, kam jedoch zu keinem Wort als Perley die Detektei betrat samt dampfenden Mantel. Skepsis zeigte sich in ihrem Gesicht während der Haushälter seinen Mantel weg hängte als sei rein gar nichts geschehen. Aus ihren bisherigen Interaktionen hatte sie gelernt, besser nicht nachzufragen, was mit dem Zauberer passiert war. Es bestand nur noch die Frage, ob es morgen ebenfalls in den Nachrichten stand oder sie einen neuen Fall auf dem Tisch hatte.
      „Ich gebe mir äußerste Mühe, meinen Job und mein Überleben in Einklang zu bringen, ja?“
      Mit einem Klaps ihrer Hände auf ihren Oberschenkeln schwang sich Ember auf ihre Füße und folgte Perley, der ihr die neue Tür aufhielt. Bereits durch die geöffnete Tür kam ihr eine andersartige Luft entgegen. Ein bisschen feucht, kühler und frischer. Etwas, das sie definitiv nicht abschreckte und eine angenehme Abwechselung zum Stadtleben oder ihrer letzten Übung darstellte. Sie hörte und fühlte den Waldboden unter ihren Füßen, als sie tunlichst von den Büschen weg ging, die sich eindeutig nach ihr ausstreckten. Allein das war ihr schon nicht mehr ganz geheuer.
      „Das ist ein echt schöner Ort“, gestand Ember, die nicht den Fehler beging und das Silberwasser auch nur anrührte. Sie guckte lieber nur mit ihren Augen. „Wo ist das hier? Also, ist das ein realer Ort, wo August mal gewesen war?“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Hey was soll ich machen? Das passiert nun einmal, verdammt noch eins", knurrte der Gnom und trat mit einem ausgewählten Stampfer auf die Falltür. "Dämliche Kreatur...Ständig Hunger...Also wirklich...Ah vorsicht!"
      Zu spät. Die Flüssigkeit in dem Glas waberte in Richtung des Jungen und bildete mit erstaunlicher Präzision eine kleine Faust aus, die an das Glas der Ballonflasche klopfte. Anschließend - und dies zur Belustigung des Gnoms - zeigte sie dem Jungen den Finger.
      "Das ist Mobilium", kicherte der Gnom und zog Jasper an seinem Hosenbund einen Schritt aus der Ecke fern. Freiwillig verließ er die Ecke und Ulysses starrte grantig zu der Flüssigkeit. "Mobilium ist ein mit Leben infiziertes Metall. August hat es für Rüstungsforschung verwendet. War grausig. Er hat sich einen Helm daraus gemacht und er hat ihn fast erwürgt."
      Ulysses betrachtete den Jungen wie er den Boden berührte und nach etwas zu suchen schien. Etwas war anders an diesem jungen Mann und Ulysses wusste nicht, ob das gut war, was er dort spürte. Auch wenn es nur für einen kurzen Moment spürbar war, so war die Kraft doch ungewöhnlich.
      "Alles was du hier siehst, ist ein Konstrukt", murmelte Ulysses ein wenig geistesabwesend, ehe er auf die Frage zurück kam. "Wie man sich eben so findet in den Zeiten magischen Aufruhrs. August ist durch das Reich gereist und hat versehentlich einen Aufstand angezettelt. In den folgenden Kämpfen mit den Castern des Reiches - Dort heißen sie übrigens "Reiniger", erstaunlich nicht wahr? - hat er mir drei mal das Leben gerettet und mir eine Schuld aufgebürdet. Und hier sind wir. Und was bist du für ein Kerlchen? Was kannst du?"

      Als Perley die Tür schloss, erhaschte er noch einen schnellen Blick auf August, der sich unter Ächzen aus dem Stuhl erhob, den er gerade noch so besetzt hatte. Es schritt fort. VIel zu eilig und zu schnell. Caulson seufzte schwer, als er die Tür ins Schloss fallen ließ und sich der unliebsamen Aufgabe des Trainings für eine junge Frau widmete.
      "Schön ist er, ja", nickte Perley und betrat das Areal nun selbst. "Dies ist Sherwood Forest wie ich ihn in der Erinnerung habe. Der Ort, an dem ich August das erste Mal traf und an dem er mein Leben schonte obwohl er es nicht musste. Der Ort, an dem ich beschlossen habe, stärker als jeder Arkana zu werden, damit ich mir nicht jedes Mal in die Hose mache, wenn ich einen sehe. Und dies...Wird heute Ihr Training, Ms Sallow."
      Ruhigen Schrittes wanderte der Butler an den See und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
      "Wir haben in den ersten Stunden gelernt, dass sie Auren spüren können. Ich hoffe, SIe haben geübt. Denn das Erspüren der Auren wird heute ungemein wichtig werden. Zudem haben Sie erlernt,die Aufmerksamkeit eines Zauberers zu binden, um damit beinahe unsichtbar für sein Sichtfeld zu werden. Heute..."
      Er hielt am See inne und blickte in das Silberbecken.
      "Heute werden wir dieses Wissen unter Druck vertiefen. Hier wird gleich ein Duplikat entstehen. Dieses Silberwasser wurde eigens von August für diese Trainingseinheit erschaffen. Es handelt sich um eine Art flüssigen Spiegel. Ehe wir Ihnen die Waffen an die Hand geben, um einen Arkana zu töten, sollten sie sich erstmal bewusst werden, wie lange sie gegen die Aura eines Arkanas bestehen können, wenn er sie nur ansieht."
      Mit einem Schnips seiner Finger begann das Wasser sich zu regen und zu geistern. Strudelartig verfiel es in Bewegung und bildete im Zentrum des Sees einen schwarzen Mahlstrom, der in die Tiefe zu ragen schien. Wind kam auf und zerstob den lieblichen Geruch nach Amber und Regen zu einem Nichts. Mit einem plätschernden, widerlich anmutenden Geräusch schälte sich nach einer Minute des Wartens eine Gestalt aus dem See. Schritt um Schritt kam sie dem Ufer näher und manifestierte mehr und mehr menschliche Züge, je mehr sie dem Ufer nahe kam.
      "Wie Sie wissen, ist August eher ein Forscher unter den Zauberern. Daher ist es eine besondere Leistung, wie ich finde, dass wir nicht nur ein Abbild eines bekannten Zauberers hier haben, sondern dass es August gelungen ist, mittels eines Spiegelzaubers die Aura des Zauberers zu replizieren. So können wir mit einem authentischen Beispiel trainieren."
      Perley betrachtete wie sich mehr und mehr Züge der Gestalt manifestierten, ehe vor ihnen beiden ein lebensgroßer Mann aufragte. Er war gut und gerne anderthalb Köpfe größer als Perley und besaß breite Schultern und eine breite Brust. Bekleidet war die Gestalt nicht, aber ab der Hüfte hatte sich nichts mehr manifestiert was Anstoß erregen würde. Doch das Gesicht war eindeutig.
      Kjetil Prestegaard starrte mit kalten, farblosen Augen zu Ember Sallow hinab und wartete.
      "Er wird nun etwa die Hälfte seiner Aura freisetzen. Halten Sie stand. Erspüren sie die Aurastrukturen so gut sie können. Versuchen Sie mittels Ihres Spürens zu verstehen wie eine Aura aussieht! Wie sie sich verhält!"
      Mit einem Wink begann der Silberne Mann.
      Erst änderte sich gar nichts. Der Wind wehte, die Vöglein sangen. Doch dann...Mit einem Aufwind sondergleichen drehte der Wind und schlug die Gräser des Bodens in Embers Richtung um. Als würde eine kalte Hand nach dem Raum greifen, schien die Temperatur um beinahe zehn Grad zu sinken und die Bäume begannen zu knarzen, als versuchten sie, reißaus zu nehmen vor der dräuenden Gefahr. Der Silberne bewegte sich nicht, sondern starrte Ember nur an.
      Zu seinen Füßen begann das Gras eine Art von Tau anzusetzen, der langsam glitzernd gefror. Oder fror er nicht?

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      Lasse dir die Wahl wie sich E schlägt. Aura sieht diamantförmig aus und breitet sich auch demnach radial um ihn herum aus.

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    • „Mh... Ich habe mir schon gedacht, dass August mehr Typ verrückter Forscher als Serienkiller ist. Obwohl das eine mit dem anderen ja auch funktionieren kann.“
      Jasper beäugte das flüssige Metall noch immer mir Argusaugen, gerade nachdem es ihm den Mittelfinger gezeigt hatte. Irgendwie war hier unten vieles wirklich garstig. Ember hatte gar nicht so unrecht gehabt mit dem Tipp, dass der Gnom giftig sei. Das galt scheinbar auch noch für andere Dinge hier in Augusts Besitz.
      Dann glitt Jaspers Blick hinüber zu Ulysses. Was hatte August davon gehabt, diesen abgebrochenen Meter mehrmals zu retten? Ihm kam er bisher nicht so vor wie der gönnerhafte Retter in der Not. Aber woher sollte Jasper das schon wissen, er lebte immerhin in seiner eigenes erklärten Miniweltanschauung. „Wieso bist denn nur du hier? Du warst doch bestimmt nicht allein. Was ist mit deiner Familie? Angehörige? Sag mir nicht, du warst der Einzige, den er hatte retten können.“
      Denn das wäre verdammt traurig gewesen. Niemand sollte dazu verdammt sein, sein Leben allein zu fristen wenn er es nicht wollte. Selbst Jasper selbst war nicht darauf erpicht, völlig allein in einer kleinen Wohnung vor sich hin zu leben. Hätte sein Plan funktioniert und er hätte sich wie ein Mensch untermischen können, dann hätte er dennoch einen Freundeskreis gesucht. Das Alleinsein stand ihm nicht.
      „Tja, was bin ich für ein Kerlchen...“, murmelte Jasper und hatte derweil damit begonnen, durch die offene Fläche zu spazieren. Ihm fiel der abgehangene Spiegel auf, den er nur so kannte. Ob Kleinteile verschwunden waren, konnte er nicht mit Sicherheit bestimmen. „Ich bin entführt worden, glaube ich. So halb. Mein Onkel hat mich von meiner Mutter abgeholt, die scheinbar das Gefühl hatte, ich bin nicht mehr sicher. Keine Ahnung. Keiner von Beiden hat's mir so richtig erklärt.“ Er zuckte mit den Schultern während des Gehens. „August meint, meine Fähigkeit sei gefährlich. Ist sie scheinbar auch weil ich in der Schwarzen Stadt einen Gedankenleser frittiert habe. Glaube ich. Oh, kennst du die Schwarze Stadt?“
      Als er sich Ulysses zuwandte streifte Jaspers Fuß eine der weißen Linien im Boden. Fast augenblicklich strahlten seine Augen auf und er ging in die Knie. Der gelbe Zylinder rollte ihm vom Kopf über den Boden während er schnaufend nach Atem rang. Es hatte ganz kurz in seinen Ohren geklingelt, jetzt spielte eine ganze Symphonie in seinem Kopf. Er stützte sich mit einer Hand ab, die frontal auf der Linie zum liegen kam. Doch entgegen der üblichen Male flippte Jasper nicht aus oder wurde ohnmächtig. Seitdem er in Kontakt mit Hakim getreten war, hatte sich seine Beziehung zu seiner Gabe irgendwie verändert. Es war immer noch laut und bescherte ihm Kopfschmerzen, zeitgleich gelang es ihm aber, ungetrübter dem Klang zu lauschen. Und der sagte ihm: „Das ist unglaublich stark... Was hat er hier gemacht?“
      Einen Moment lang lauschte er noch der Symphonie, dann löste er den Kontakt zu den Kreisen am Boden, woraufhin das Glühen seiner Augen erstarb. Grob schüttelte er seine Hände aus, die immer noch kribbelten. „Ich kann Auren auflösen. Oder auseinander nehmen. Wie man's nennen will.“

      Ember war noch nie im Sherwood gewesen. Aber wenn das hier der Realität entspach, dann wäre es definitiv einen Ausflug wert. Noch während sie so mit Staunen beschäftigt war, summte es in ihrer Hosentasche. Geistesgegenwärtig holte sie ihr Handy hervor und sah, dass Ruairi ihr eine Nachricht geschrieben hatte. Mit XO am Ende. Eine ihrer Augenbrauen wanderte gen Himmel und ein amüsiertes Lächeln kräuselte ihre Lippen.
      Kommt drauf an, wie spät du noch wach bist.
      Bin beim Selbstverteidigungstraining.
      Könnte was später werden.
      Dann tippte sie selbst das XO, befand es als seltsam und löschte es wieder. Tippte ein GLGein, und löschte auch das wieder. Sie brummte und beließ es bei einem Fühl dich gedrückt. Prompt schüttelte sie nur den Kopf und ließ das Handy wieder in ihrer Tasche verschwinden. Steifer ging es wirklich nicht...
      „Ich muss gestehen, dass ich bisher noch keine Panikattacken bekommen hatte, wenn mir ein Arkana gegenüber steht“, meinte Ember nur laut, wobei sie sich definitiv nicht als besser erachtete, sondern lediglich resümierte, wie sie bisher reagiert hatte. Sicher, es hatte noch keiner seinen Zorn ausschließlich auf sie gerichtet. Wobei die Verrückte Bones schon recht nah dran gewesen war. Aber bislang konnte sich nichts mit dem Sharokh messen, als er ihr auf der Parkbank erschienen war.
      Sie ließ Perley an sich vorbei zum See schreiten und folgte ihm gut fünf Fußlängen entfernt. Als er anhielt, tat sie es ihm gleich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was erwarten Sie? Mich hat ein Verrückter mit einem Brief angegriffen, das nächste Mal fühl ich schneller, was ich vielleicht nicht anfassen sollte.“
      Embers Blick glitt zu der spiegelglatten Oberfläche. Rein gar nichts schien die Flüssigkeit darin in Bewegung zu versetzen und so sah sie als Brechung den Himmel über ihren Köpfen, der vermutlich gar nicht echt war. Ein Spiegel also, im wahrsten Sinne des Wortes. Das erklärte so einiges. Trotzdem war es faszinierend zu zusehen, wie sich ein Strudel im Zentrum bildete und der Wind auffrischte. Es dauerte gut eine Minute, dann erhob sich etwas aus dem Silber und näherte sich dem Ufer. Was aussah wie eine Szene aus einem schlechten Film stakste geradewegs auf sie beide zu und nahm immer mehr Konturen an. Es dauerte nicht lange, da erkannte Ember die Gesichtszüge, auch wenn sie noch nicht komplett waren. Ihre Augen verschmälerten sich ein wenig und ein herausforderndes Grinsen trat auf ihre Lippen.
      „Fantastisch. Ich bin begeistert. Jetzt hat er sogar denjenigen gespiegelt, der mir wirklich den Kopf abreißen will.“
      Ob sie es wollte oder nicht, Ember musste den Kopf heben um dem Richter-Duplikat ins Gesicht zu sehen. Jäh musste sie feststellen, dass sie ein Gesicht mit lebendigen Augen besser bekämpfen könnte als ein silbriges Gesicht ohne lebendige Augen. „Ohne Witz, das spielt in der Skala der Unheimlichkeiten schon verdammt weit oben mit“, bemerkte sie und war sich nicht sicher, ob sie beruhigt sein sollte oder nicht. Ihre Vermutung, dass sie heute nicht nur mit Starren beschäftigt seien traf unvermittelt voll ins Schwarze. Doch bevor sie noch etwas weiteres sagen konnte, bekam das Duplikat den Befehl anzufangen und Ember verschluckte ihre eigene Stimme.
      Und dann kam plötzlich eine Windwand auf sie zu und hätte sie beinahe umgeworfen. Trotz und Training allein war es geschuldet, dass sie lediglich einen Schritt nach hinten machte, dann aber wieder verdrießlich zu dem Duplikat sah. Es hatte sich nicht bewegt, gar nichts. Und doch war alles, was jetzt gerade geschah, sein Verschulden. Der echte Richter wäre nicht dort stehen geblieben und erst recht nicht mit der Hälfte seiner Fähigkeiten auf sie losgegangen. Dieser Mann hatte seinen Titel, weil er seine Ziele nicht unterschätzte und sie alle mit der gleichen Kraft – nämlich seiner ganzen – anging. Das hier glich einer Naturgewalt, und das bereits bei 50 Prozent. Gedanklich lachte Ember frustriert auf. Wie sollte man als Nichtmagier so was im offenen Zweikampf besiegen?
      Die fallende Temperatur schien ihr ins Gesicht zu schneiden und schenkte ihr damit endlich wieder den Fokus, den sie brauchte. Sie drehte ihren Fuß in die Erde ein, damit sie nicht wieder auswich und starrte das silbrige Duplikat an. Sie hatte die Tage unter anderem auch in ihrem Büro geübt und irgendwann festgestellt, dass siefühlen konnte, wenn Ruairi nebenan war. Er bescherte ihr ein besonders prickelndes Kribbeln, das sich bis in ihre Körpermitte zog. Hier im freien Wald war das anders. Schnell spürte sie ein Stechen auf ihrer Haut, wie tausende Nadelstiche auf einmal. Anfangs schienen sie willkürlich aufzutauchen, je länger sie sich drauf konzentrierte, umso deutlicher wurden gleichmäßige Wellen, die über sie hinweg schwappten. Ruairi war einer undefinierten Kraft gleich gewesen, aber das hier besaß eine klare Richtung.
      „Es ist kreisförmig!“, rief sie Perley zu und erst da fiel ihr der Boden zu den Füßen des Duplikates auf. Embers Augen blinzelten. Was aussah wie gefrorener Tau war keiner. Das wusste sie. Schließlich hatte sie Prestegard bereits kämpfen gesehen und das auch nicht aus allzu großer Entfernung. Er hatte es über seinen kompletten Körper gezogen, unter dem Tageslicht hatte er geglänzt wie...
      Diamanten!
      Er komprimierte also vermutlich Kohlenstoff so sehr, dass er Diamanthärte bekam. Deswegen war er auch Pugilist und war von Treffern nie so sehr geschockt gewesen, wie es hätte sein soll. Er war ein wandelnder Panzer. Deswegen spürte sie seine Aura in Wellen. Sie sah es nicht, aber fühlte genug, sodass sich ein Bild vor ihrem geistigen Augen fügte.
      „Er ist das Zentrum und es geht kreisförmig von ihm aus. Er verdichtet.... Kohlenstoff?“, rief sie erneut und war selbst erstaunt, dass sie noch nicht längst Reißaus genommen hatte. Vielleicht waren die letzten Wochen und Monate schon so übel gewesen, dass ihr Selbsterhaltungstrieb maßgeblich gelitten hatte. Aber das hier hielt sie aus. Wobei sie doch argwöhnisch dabei zusehen musste, wie sich die glitzernde Decke immer weiter ausbreitete.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Perley Caulson war nicht mit überrascht.
      Freilich hatte er beim ersten Mal bereits erkannt, dass Ember einen recht festen Willen hatte, sofern sie sich konzentrierte. Doch zumeist geriet dieser ins Wanken, wenn sie taumelte oder zu viel auf einmal in ihrem Kopf hatte. Jetzt, wo sie sich auf das fokussierte, was vor ihr lag, war sie durchaus in der Lage standzuhalten.
      Gut, er musste dem Trugbild zu Gute halten, dass dies nur die Hälfte der möglichen Aura war, aber dennoch erkannte sie recht schnell, was dieses Wesen tat.
      "Sehr gut"; nickte Perley. "Was noch?"
      Der Kohlenstoff auf der Haut und um ihn herum wurde verdichtet und legte sich wie ein schimmernder Panzer auf die Hände und Körperteile des Silbermannes. Beinahe ungläubig sah dieser auf seine Hände und trat einen Schritt näher an Ember heran. Die Aura wurde dichter, veränderte die Wellen und legte sich wie ein Panzer um den Diamantenmann selbst, als wolle er sich doppelt und dreifach schützen. Das Stechen auf Embers Haut würde nachlassen und durch etwas ersetzt, was wesentlich grausamer in diesem Moment erschien: Druck. Als würde man einen Kopf kilometerweit unter Wasser tauchen. Und das in unter zwei Sekunden. Wenn man nicht aufpasste würde man diesem Druck nicht standhalten und an simplen Blutungen sterben. Selbst bei der Hälfte der Aura und nicht unmittelbarer Nähe spürte selbst Perley die Auswirkung dieser gefräßigen Aura und war dem Himmel dankbar, dass er diesem Monstrum noch niemals gegenüber stehen musste.
      Es war gruselig zu spüren, wie sich der Bereich der Wirkung immer weiter ausdehnte. Die Wurzeln der Bäume waren mittlerweile mit Glitzerstaub übersäht.
      "Achtung!", rief Perley grinsend und gab das Signal.
      Der Silbermann bewegte sich. Und das schneller als gedacht. Dachte man doch, dass die Diamantenschale ihn zumindest behindern würde, so war dem nicht so. Er bewegte sich grazil und schneller als gedacht für sein Alter vorwärts und war mit drei schnellen Schritten bei Ember. Der erste Schlag kam von Rechts und er verfehlte die Frau mit Absicht. Auch wenn sie es vielleicht nicht merkte, aber der Schlag war zu hoch geführt. Stattdessen fuhren die Diamantbesetzten Finger in den nächsten Baum und hielten das Holz wie in einem Schraubstock. Erst danach setzte das Knirschen und Knarzen ein, als er ein gutes Stück sauber aus dem Holz brach.
      Die Risskanten glitzerten merkwürdig und es sah aus als habe man präzise eine Säge angesetzt, um das Holz zu teilen.
      Der nächste Schlag würde nicht so einfach zu blocken sein.
      "Nutzen Sie das gelernte! Und Spüren Sie weiter! Was tut er?!"
      Das Ungetüm schlug zu, nachdem es das Holz achtlos hatte fallen lassen. Diesmal kam der Schlag von links auf halber Höhe.


      Indes sah Ulysses den jungen Mann aufmerksam in dem kleinen Kofferraum an und grinste breit über seine rötlichen Wangen. Hach, die Jugend. Es war immer wieder erstaunlich, wie unbedarft man Fragen stellte ohne zu ahnen, dass man vielleicht Wunden aufriss. Er konnte es Jasper jedoch nicht verdenken. Wer hätte nicht nachgefragt, wenn er in einem Koffer stünde und derartige Fähigkeiten besaß? Der Junge dürstete danach, die Kräfte zu erproben und hatte gleichsam Angst davor. Auch wenn die Angst spürbar war, mit jedem Wort das er sagte, so war es erstaunlich wie einfach er auf sie zugriff und der Magie zu lauschen schien, die um ihn herum war.
      "Deine Fähigkeit ist gefährlich", nickte Ulysses und ging langsam zu ihm hinüber. "Eine Fähigkeit, die Auren zersetzt, ist durchaus nicht zu verachten und für jeden großen Zauberer eine Waffe. Es ist immer dasselbe Lied, Junge. Ein Zauberer kommt, ein anderer ist mächtiger. Der SChwächere neidet den Stärkeren. Schlussendlich überschreitet der Schwächere Grenzen die keiner kannte und wird selbst zum Stärkeren, bis ihn ein Schwächerer besiegt. Du hingegen bist nicht der Stärkere für all diese Zauberer...Du bist eine Gefahr."
      Ulysses sagte es ungern und strich sich über das Frack, ehe er den Jungen ein wenig vom Kreis wegzog, nachdem dieser sich beinahe darin verloren hatte.
      "So, genug der Besichtigung", murmelte er und platzierte ihn auf einem Stuhl. "Ja, das ist mächtig. Und nein, ich werde es dir nicht sagen. Das ist etwas, was der große Meister dir selbst sagen kann, wenn er wieder klare Worte findet und bis dahin lass dir eines gesagt sein: Lass die Finger von allem, was mit den Arkana zusammenhängt, verstanden? Es bringt dir kein Glück! Wenn du leben willst, lebe dein Leben so normal wie möglich und jetzt schau nicht wie sieben Tage Sonnenschein, du Hosenmatz! Es ist auch mit einem schrecklichen Erbe möglich Freunde zu finden!"
      Ulysses nahm etwas Abstand und räusperte sich, ehe er sich geschickt vor dem Siegel auf dem Boden platzierte. In seinem Gesicht stand eine Erkenntnis und gleichzeitig ein unendlich wirkendes Alter, das er nicht verstecken konnte, ehe er seufzte und fortfuhr.
      "Um deine Frage zu beantworten. Es gibt Niemanden mehr, den ich meine Angehörigen nennen könnte. Wir Gnome sind von Natur aus nicht zwingend Magiebegabt. Die meisten von uns erlernen Handwerksberufe und einfache Verzauberungen, aber keiner erlernt die magischen Künste. Wenn es jedoch einer tut, dann erfolgt das, was wir in meiner Heimat die "Schandtat" nennen. Man wird geächtet und verbannt. Denn Zauberei ist menschlich. Und wer darin forscht, ist sogar nochmehr ein Ungeheuer als die verfluchte Chimäre da unten. So viel also dazu."

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    • Wenn sich Jasper so richtig zurück besann, dann mochte es wohl stimmen. Dann war er wohl eine Gefahr, primär für sein Umfeld als für sich selbst. Er hatte jetzt schon zwei Menschen getötet, einen, der ihm ebenbürtig gewesen wäre und einen Zauberer, der ihn um Klassen überragt hatte. Beinahe hätte sich noch eine Polizistin dazu gesellt und spätestens hier hätte er wissen müssen, dass es kein Spaß war, wenn er seine Fähigkeiten in Bezug auf andere nutzte. Jetzt war seine Gabe für ihn gefühlt ein bisschen weniger unberechenbar – aber selbst August hatte ihn das ein oder andere Mal mit einem Blick bedacht, der nicht ganz Ohne gewesen war.
      Bereitwillig ließ sich Jasper von Ulysses auf einen Stuhl setzen. Unterwegs hatte er den Zylinder aufgesammelt und dem Gnom wieder auf den Kopf gesetzt. „Ich wollte eigentlich als Mensch unter den Anderen leben und nichts mit Zauberern und dem allen zu tun haben. Mein Onkel wusste scheinbar niemand besseren, wo er mich hätte unterbringen können und wenn du sagst, dass ich so gefährlich sei, dann kann es ja eigentlich nur ein Arkana sein, der drüber schaut was ich tue. Oder nicht?“
      Er hatte sich ja nicht selbst ausgesucht, wo er am Ende gelandet war. Hier hatte er lediglich das Gefühl, nicht völlig aus den Bahnen zu geraten. Und gerade nach den Ereignissen hatte er eindrucksvoll gesehen was geschah, wenn er sich nicht damit beschäftigte, wozu er Fähigkeiten besaß. Er besah sich seiner eigenen Hände, die er flach auf seine Oberschenkel gelegt hatte.
      „Ich seh das gar nicht als schreckliches Erbe. Nur... ist es einfach an die falsche Person geraten, glaube ich. Es hätte jemand sein sollen, der sich wirklich damit beschäftigt. Der sie gebrauchen kann. Ich hab damit fast nur Schaden angerichtet bis auf dieses eine Mal.“ Er dachte an Ember zurück und wie August ausgerechnet ihn um Hilfe gebeten hatte. „Das macht sie aber noch lange nicht schrecklich. Aber ich brauche jemanden, der mir zeigt, wie ich damit umgehe. Damit sie nicht doch schrecklich wird.“
      Es entstand kurz Pause, in der sich Ulysses vor dem Spiegel aufbaute. Sichtlich interessiert beobachtete Jasper den Gnom, der ihm tatsächlich eine Antwort auf seine so unbedarft gestellte Frage gab.
      „WiesoSchandtat? Wenn es etwas ist, das man nutzen kann ohne große Kosten oder Rückschläge, warum nicht davon Gebrauch machen? Das heißt, du wirst doch auch deine Gründe gehabt haben, dich dem Thema zu widmen. Und ich glaube nicht, dass die schlecht waren.“ Er lächelte ein weiches, schiefes Lächeln. „Ich finde, du bist zwar etwas klein und schrumpelig, aber ganz bestimmt kein Ungeheuer. Da hab ich schon schlimmeres gesehen.“
      Zum Beispiel mich selbst.


      Wie bereits damals konnte Ember sehen, wie sich der Panzer auch auf dem Silberwesen bildete und formte. Eigentlich hätte das schon das Signal sein müssen, sich in Sicherheit zu bringen. Doch irgendwie ging sie davon aus, dass sich das Wesen schon nicht bewegen würde und sie einfach nur beobachten sollte. Als er jedoch einen Schritt auf sie zutrat, weiteten sich ihre Augen trotz des peitschenden Windes. Und dann aufeinmal verschlug es ihr im wahrsten Sinne des Wortes den Atem. Die Millionen kleiner Nadeln ließen nach und ein Druck machte sich breit. So stark, dass sie das Gefühl hatte, ihr Brustkorb würde eingedrückt werden und die Trommelfelle reißen. Etwas änderte sich, das Wesen veränderte die Aura und demnach auch, was es damit anstellen würde. Das Achtung!Seitens Perleys half ihr nicht eine Millisekunde dabei, kommen zu sehen, was nun geschah. Gerade noch bestaunte Ember die Glitzerwüste, die er um sie herum auslöste, dann ging alles sehr schnell. Sie wusste, dass Prestegard alles andere als langsam gewesen war und verließ sich nicht auf die trügerische Annahme, der Panzer würde ihn beschränken. Aber so schnell hatte sie ihn dann doch nicht eingeschätzt. Binnen drei weiten Schritten war er ihr so nah, dass er sie mit einem Schlag erreichen konnte. Das war dermaßen unerwartet, dass sie den Schlag nur halb hatte kommen sehen. Ihre Reflexe ließen sie leicht weg zucken, doch das Knirschen des nächstgelegenen Baumes ließ auf sich warten. Gerade noch sah sie, wie sich seine Finger in den Stamm gebohrt hatten, da setzte das Knirschen ein und er riss ein beträchtliches Stück Holz heraus.
      Das hätte ich sein können.
      Ein einziger Gedanke schoss ihr durch den Verstand, dann schmerzten plötzlich ihre Augen und etwas Warmes lief ihr über die Lippen. Sie presste die Augen zu Schlitzen zusammen und ließ das jahrelange Training wirken, das ihr in Mark und Bein steckte. Und das sagte ihr: Hau ab. Dieses Mal sah sie, wie er den Schlag ansetzte. Blitzschnell hatte sie sich fallen lassen und war nach hinten gehechtet, um wenigstens einen Baum zwischen sich und das Monster zu bringen. Natürlich sah sie nicht, dass ihre Augen blutunterlaufen waren, weil die feinen Äderchen durch den Druck geplatzt waren. Dafür bemerkte sie aber das Nasenbluten, als sie sich über die Lippen mit der Hand fuhr und das Blut darauf sah. Also war der Druck tatsächlich nicht nur eine Einbildung gewesen.
      „Der bringt mich um, wenn der mich einmal kriegt!“, brüllte Ember hinter dem Baum, erstaunlicherweise ohne Panik in der Stimme, dafür mit umso mehr Entrüstung. Wieder verstärkte sich der Druck und sie rollte sich hastig nach vorne weiter ehe es erneut krachte und der nächste Baum ein empfindliches Loch aufwies. Eigentlich hätte das Holz eingedrückt oder weggeschleudert werden müssen. Stattdessen glich es eher eine Stanzung, als das Wesen seine Hand aus dem Baum zurückzog. Also war es keine stumpfe Gewalt, mit der er zuschlug. Er zertrümmerte nicht – er schnitt. Und jedes Mal, wenn er das tat, zog er seine Aura an sich heran, verdichtete sie um sich herum und nahm dadurch das Stechen von Embers Haut.
      „Er fügt kein Trauma zu, es sind scharfe Verletzungen!“, rief sie und mit jedem Wort spuckte sie ihr eigenes Blut von den Lippen. Ein weiteres Mal musste sie vor ihm abhauen und achtete dieses Mal darauf, sich langsam Perley anzunähern. Eigentlich war Ember sehr versiert im Nahkampf, aber gegen dieses Ungetüm hatte sie keine Chance. Sie konnte ihn nicht einmal blocken oder ablenken, der Kontakt würde schon ausreichen, damit sie ernsthaften Schaden erlitt. Wie sollte man so was aufhalten?

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ulysses nahm den Hut nickend in Empfang und richtete ihn schief auf seinem Kopf aus, während er sich vor dem Jungen aufbaute. Die Hände stemmte er in die kleinen Hüften und das Haar, was noch herausschaute, wackelte beim Sprechen deutlich hin und her.
      "Jetzt hör mal zu", begann er und seufzte, während er sich mit knubbeligen Fingern über die Nasenwurzel rieb. "Ein Erbe ist ein Erbe, Jasper. Ob man will oder nicht. Es gibt hernach kein richtig und kein Falsch. DU hast diese Fähigkeit erhalten, weil du derjenige bist, der sie meistern kann und wird. Ich denke, wenn du August um Unterricht bittest, wird er diesen erteilen. Auch wenn der Arzt beileibe der bessere Meister wäre, wenn du mich fragst. Eure Auren ähneln sich. Er setzt zusammen was du trennen kannst. Und zum Thema normal Leben:"
      Der Gnom grinste schief und knuffte den Jungen gegen die Schulter.
      "Dann leb normal. Du bist'n gut aussehender Junge! Geh in die Schule, sprich mit den Menschen dort. Musst ihnen ja nicht auf die Nase binden, dass du ein Monstrum bist, kekekekeke. Was ich damit sagen will: Sie werden dich mögen. Gib ihnen die Chance dazu, wa?"
      Ulysses nickte und nahm etwas Abstand von dem Jungen und seufzte. Die Fragen die er stellte, waren so herrlich unbedarft, dass er kurz davor war in Gelächter auszubrechen. Wenn es doch so einfach wäre...
      "Weißt du, Junge"; begann der Gnom und lehnte sich an einen anderen Stuhl. "Manchmal ist ein gutes Motiv nicht ausreichend, damit dich die Welt nicht als Monster sieht. Ich hatte meine Gründe und die sind deiner Argumentation nicht unähnlich. Aber Gnome sind...eigen, was Magie angeht. Wenn es dich interessiert, recherchier mal zu den Gnomenkriegen von 1687. Da wirst du wohl alles finden, was du brauchst. Aber danke. Du bist auch nur halb so sehr Monstrum, wie ich dachte. Bist in Ordnung, Kleiner."



      Perley beobachtete das Schauspiel einer Form des Amusements, wenn man es genau nahm. Ember Sallow stellte scih nicht schlecht an. Alleine durch ihre bisherigen Übungen und den Willen, den sie in sich trug, hielt sie der Aura stand, auch wenn es nicht einfach war. So manch anderer wäre bereits in Ohnmacht gefallen oder innerlich verblutet, wenn Prestegaard ihn nur ansah. Und sie schaffte es sogar noch, einem geschwächten Prestegaard auszuweichen.
      Anerkennend hob er die Augenbrauen und nickte vor sich hin, während die beiden ihren merkwürdigen Tanz aufführen. WIeder und wieder versuchte der Silbermann nach ihr zu langen und doch schaffte sie zumindest das Ausweichen in einer zielgerichteten Art.
      "Ja, das wird er tun!", rief er Ember amüsiert zu als sie ihn auf die Tödlichkeit dieses Unterfangens hinwies. Es war offenkundig. Der Silbermann besaß zwar nur die Hälfte der Kraft, aber durchaus die Wucht, dieser Ausdruck zu verleihen. Wenn Ember falsch stand, würde es sie einen Körperteil kosten.
      "Sie halten sich gut, nur weiter!"; rief er amüsiert und sah auf seine Armbanduhr. Zehn Minuten waren sie bereits in der Simulation und dennoch hielt sie sich gut. Erstaunlich. Wirklich erstaunlich. Vielleicht, und nur vielleicht, war sie bereits bereit für das nächste Level.
      Als sie ihre Erkenntnisse herausschrie, nickte Perley und hob die Hand. Mitten im Schlag hielt die Figur an und der Druck verschwand wie auf sein Signal.
      Erst langsam kehrten die Laute der Vögel an den Ort zurück und das Gras begann wieder im seichten Wind zu wehen.
      "Das war gut!", sagte er und applaudierte dreimal ehe er sich Ember zuwandte und die paar Schritte nahm,d ie sie noch trennten. "Das war ausgesprochen gut, Ms Sallow. Sie haben der Aura standgehalten und gleichzeitig die Fähigkeiten Prestegaards erkannt und erspürt. Korrekterweise bestehen seine FÄhigkeiten aus Härtung und Schärfe. Beides kann er jedoch nicht zeitgleich verwenden, sondern muss das eine für das andere aufgeben. Wenn sie hier schauen..."
      Er wies auf den Silbermann, der gerade im Begriff war, seine Aura zu manifestieren und mittendrin unterbrochen wurde. Die Faust hatte er bereits ausgeholt und wirkte verärgert, beinahe rasend vor Wut, während er mit leblosen Augen in die Ferne starrte.
      "Sehen Sie sich die Struktur an", orderte Perley und wies auf den Körper. "Wenn er seinen "Modus" wechselt, sozusagen, muss er seine Aura einmal kurz auflösen und neu strukturieren. Sie sehen diesen Moment gerade. Ich weiß, dass Sie sich fragen, wie man ein Monstrum wie ihn aufhalten kann. Hier ist Ihre Lösung. Er ist ein klassischer "Wenn ich Angreife, bin ich verletzbar"-Typ. Wenn Sie ihn in dieser Sekunde angreifen, würde er selbst durch ihre nichtmagischen Waffen Schaden nehmen."
      Perley achtete einen Moment auf Ember und nickte sich selbst zu.
      "Alsdann. Zum Abschluss möchte ich, dass sie eine halbe Stunde meditieren und mir drei magische Objekte benennen, die sie hier erspüren. Dann ist Ihr Training für heute beendet."


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      Überlasse dir wo die Objekte sind und ob sie sie findet. Es sind kleine metallische Kugeln.

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    • Jasper runzelte die Stirn. Der Arzt? In seiner nicht besonders weitreichenden Sichtweise hatte er vollkommen vergessen, dass es mit Sicherheit noch andere geben würde, die ihm zeigten und lehrten. Bald war er 18 und damit würde er sich das Recht rausnehmen, sich komplett selbst zu orientieren. Außerdem war ihm nicht entgangen, dass mit August etwas nicht stimmte. Er baute sichtbar ab, und das innerhalb weniger Tage. Wie ein Todkranker, der seinem Ende immer näher rückte.
      „Hattest du nicht eben noch gesagt, ich soll mich von Arkana fernhalten? Dieser Arzt zählt doch selbst dazu“, merkte er an, war der Idee allerdings alles andere als abgeneigt. Ulysses hatte durchaus recht mit seinen Gedanken und Hakim wirkte bisher zugänglicher als alle anderen Zauberer, die er bisher getroffen hatte. Er würde ihn eines Abends einfach nur mal abfangen und fragen müssen. August war eh die meiste Zeit beschäftigt.
      „Mhm, vielleicht sollte ich mal ein bisschen lesen in meiner Frei-“, er brach ab und blinzelte den Gnom an. „Warte mal. Heißt das, du bist mehrere hundert Jahre alt? Nee, oder? Aber das würde ja die ganzen Falten erklären.“
      Er grinste breit und deutete leicht auf Ulysses' Gesicht. Es war nur ein bisschen Spott, der in diesem Grinsen lag, doch primär wurde es von ehrlicher Freude geprägt. So düster das Thema vielleicht auch gewesen sein mochte; bis auf seine Mutter hatte noch niemand zu ihm gesagt, dass er in Ordnung sei.
      „Dann sind wir beide wohl weniger Monster, als wir dachten. Sollen wir wieder nach oben? Bevor man sich fragt, ob wir irgendeinen Scheiß aushecken...“ Das Grinsen wich jedoch nicht von seinem Gesicht.


      Was hatte sich August bei dieser Schnappsidee eigentlich gedacht?! Oder Perley, der sie einfach gegen einen Arkana schickte, ohne dass sie auch nur eine Möglichkeit zur Gegenwehr hatte?! Wenn Ember einmal schlief, dann hatte sie die längste Zeit einen Kopf gehabt und kein Deal der Welt würde sie daraus wieder zurückholen. Spaßig war das Ganze hier also bestimmt nicht. Zumal sie mit jedem Mal, wenn der Silbermann wieder näher kam, erneut in Nasenbluten ausbrach. Wie sollte das enden, wenn sie dem echtenRichter gegenüberstand? Getoppt wurde das nur durch den hörbar gut unterhaltenen Perley, der anscheinend den Not der Lage nicht erkannte. Oder wollte.
      Plötzlich verschwand der Druck und nachdem sie um den Baum herum gelugt hatte, sah sie wie das Duplikat erstarrt war. Ein erleichterter Seufzer entkam ihr, als sie auf der Hocke auf die Knie fiel und den Kopf vornüber beugte. Der widerliche eiserne Geschmack hatte sich schon in ihrem Mund eingenistet und noch mehr sprenkeln wollte sie ihren Pullover nun auch nicht.
      „Danke, danke... Hat mich auch nur 500 ml meines Blutes gekostet“, schnaubte die Detective ehe sie sich wieder auf die Füße begab und einmal beherzt mit dem Handrücken über die Nase wischte. „Aber ja, wäre schlecht für mein Standing, wenn ich direkt hinten rüber gefallen wäre. Man macht beim Einstellungstest einen Toleranz-Checkup. Genau aus diesem Grund. Und meine war für die Verhältnisse extraordinär.“
      Sie grinste hämisch bei dem Gedanken daran, wie etliche ihre Möchtegern-Kollegen reihenweise umgeklappt waren, weil sie der angewandten Aura nicht standhalten konnten. Ihr Blick folgte der Geste Perleys und sie starrte ihren Widersacher erneut finster an.
      „Jepp, hab mir schon gedacht, dass es auf den richtigen Zeitpunkt und Schnelligkeit hinausläuft. Wenn er sich aber auf mich eingeschossen hat und mich angreift, halte ich seiner Aura nur nicht stand, um das Zeitfenster abzupassen. Da muss ich mir noch was überlegen“, murmelte sie leise. Sie besaß durchaus die notwendige Schnelligkeit und Reflex, um im richtigen Moment den Abzug zu drücken. Sie scheute dabei auch nicht, es aus nächster Nähe zu tun. Aber so wie es bisher aussah, wollte sie ihm nie so nah kommen, dass es zum Äußersten käme.
      Am Ende stieß sie einen angehaltenen Atem aus und rollte die Schultern. Meditieren klang gerade besser als Perley es vermutlich von ihr erwarten würde. Ergo folgte sie seiner Anweisung mit einem stummen Nicken und führte die Aufgabe wie gestellt aus.
      Nach Punkt dreißig Minuten hatte sie mit recht guter Genauigkeit die drei metallenen Kugeln orten können, trotz der Spuren der Aura des Duplikates. Ein Gewinn für sie, und damit war die heutige Trainingsstunde abgeschlossen.
      Als die verzierte Tür zum Innenraum des Dusk & Dawn wieder aufging, herrschte Leere im Raum. Noch immer prasselte ein Feuer gut erhalten im Kamin und zog Ember schier magisch an. Wie vermutet würde sie nicht sofort losfahren, sondern sich erst einmal wieder etwas erden bevor sie einen fahrbaren Untersatz betrat. Ihr Weg führte sie direkt wieder zum Sessel und sie verschmolz regelrecht mit ihm. „Das nächste Mal gibt’s dann die notwendigen Mittel, um mich ernsthaft bedrohlich zu machen?“, fragte sie mit geschlossenen Augen und dankte der Dunkelheit, die ihre brennenden Augen verhüllte. Ihre Augäpfel sahen aus, als hätte man versucht sie zu erwürgen. So stark waren die Einblutungen ausgefallen. Ein Hoch auf den Mantel, den sie sich überwerfen konnte und somit den gesprenkelten Pullover kaschieren konnte.
      „Meinst du, August ist wieder beschäftigt oder hätte er noch Zeit für einen Tee?“
      Sie lächelte in die Dunkelheit hinein.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Perley lächelte schief und begleitete die junge Frau nach draußen in den bequemen Wohnbereich.
      Dort herrschte die wohlige Wärme des Feuers und der Geruch nach frisch gebrautem Kaffee vor, der vermutlich von August stammte, der nicht zugegen war.
      "Es ist unübersehbar, dass SIe einen hohen Toleranzwert haben. Dies ist die Basis für eine gute Jagd", bemerkte der Butler und nickte ergeben, als er sich aufmachte, seinen häuslichen Pflichten nachzukommen. "Nein, das nächste Mal werden wir Ihnen nichts geben, was sie nicht schon haben. Das nächste Mal, Ms Sallow, werden wir jagen."
      Grinsend trug er benutztes Geschirr auf dem Arm auf und marschierte zur Tür, ehe er ihre letzte Frage bemerkte. Innehaltend überlegte er kurz und nickte.
      "Ich denke schon. Er hatte mich bereits angewiesen, oben einen Bereich in seinen Gemächern freizumachen, damit er sie verarzten kann. Wie wäre es also, wenn sie hinauf gingen? Er sollte sie vermutlich erwarten."
      "Schon gut!"
      Augusts Stimme zerriss die Stille im Raum, während er lächelnd die Treppe hinab kam. Der Gang des Zauberers wirkte eine SPur unsicherer als vorher und dennoch veränderte sich das Gefühl im Raum zusehends. Als würde man mit einer Wärme geflutet, die eigentlich dort nicht hinein passte. Das Feuer im Kamin nahm eine stärkere Färbung an, während die Hölzer knarschten und knirzten, ob der Hitze, die sie empfanden.
      Perley nickte ergeben und verschwand so schnell wie er gekommen war.
      In seinen Armen hielt der Zauberer ein schmales Bündel und einen Zuber voller Wasser, der gerade so viel Platz bot, dass man einen Lappen darin tunken konnte.
      "Ich dachte mir schon, dass er dich zurichtet", grinste August und setzte sich ungefragt in den Sessel neben Ember. Mit einem kurzen aber kräftigen Rucken drehte er den Stuhl, sodass seine Beine ihre Beine berührten und begann, Zutaten in das Wasser zu mischen. Dampfend ergoss sich der Duft von Lavendel und Honig in den Raum, als hätte man einen Tee aufgegossen.
      "Darf ich?", fragte er und hielt einen Lappen hoch, nachdem er ihn eingetunkt hatte.
      Erst danach begann er sanft und mit geschulter Präzision, über ihr Gesicht zu streichen. Neben der Tatsache, dass es das Blut fortwischte, dass sie verloren hatte und die Haut erfrischte, würde sie vermutlich ein Prickeln auf der Haut spüren. Eine kleine Essenz im Wasser sorgte dafür, dass ihre Haut einen verlorenen Glanz erhielt.
      "Wie war das Training? Geht es dir gut?"

      Ulysses schnaubte derweil inm Koffer und schüttelte den Kopf.
      Mit einer spielerischen Bewegung schlug er dem Jungen mit der flachen Handfläche vor die Stirn und seufzte.
      "Wie kann man nur so viel Stuss reden?", fragte er keifend. "Kinder. Natürlich bin ich nicht 300 Jahre alt. Ich bin zarte 107 Winter alt und die Runzeln kommen nicht vom Alter sondern vom Stress. Arbeite du mal sieben Tage die Woche den ganzen Tag lang für einen Sklaventreiber. DAneben wirken die hässlichen Deutschen von damals noch wie harmlose Lämmer!"
      Sorgsam verschränkte er die Arme vor der Brust.
      "Ja, cih sagte, dass du dich fern halten sollst, aber der Doc ist in Ordnung. Ist nicht grausam oder machtgeil wie manch anderer dieser merkwürdigen Gemeinschaft, wenn du mich fragst. Davon abgesehen bringt es nichts, dir Kontrolle beizubringen, wenn du dich vor dir selbst fürchtest."
      Ulysses tippte sich an den Kopf und grinste.
      "Wir sind keine Monster, Junge. Wir sind einfach Einzigartigkeiten, die die Menschheit noch nicht versteht. Und wenn du ihnen 'ne Chance gibst, denke ich, dass sie dich mögen würden. Also...Auf, auf du Trantüte! Auf nach oben und zum Beginn vom Rest deines Lebens! Zack Zack"

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    • „Hey!“
      Jaspers Ausruf war mehr pikiert als wirklich wütend nachdem Ulysses ihm mit der flachen Hand vor die Stirn schlug. Theatralisch rieb er sich die Stirn, ein Lächeln konnte er sich dabei nicht verkneifen. Zarte 107 Jahre – so alt wurden die meisten Menschen nicht einmal. Nur den Hinweis mit dem Stress kaufte er dem Gnom ab. Beinahe.
      „Moment mal. Ich hab nie gesagt, dass ich mich vor mir selbst fürchte. Ich hab nur gesagt, dass ich meine Fähigkeit lieber nicht hätte“, versuchte er ihn zu korrigieren, sah allerdings, dass jeglicher Versuch ins Nichts laufen würde. Also seufzte er und erhob sich von seinem Sitzplatz, um wieder den Weg nach oben anzusteuern.
      Dann stand sein nächster Plan eben fest: Hakim abfangen, wenn er wieder im Hause war.


      Waswerden wir?“, wiederholte Ember den letzten Part von Perleys Worten und öffnete die geschundenen Augen, um den Mann über ihre Lehne hinweg an zu funkeln. Das klang verdächtig danach, als wollte er mit ihr ernsthaft Zauberer jagen. Nicht, dass sie das in irgendeiner Art und Weise seltsam fand, immerhin war es ja auch ihr Job, aber angesichts der Motivation war sie doch ein wenig verunsichert. Hoffentlich machte sich der Hauswirtschaftler nur einen Spaß und flocht einfach Jasper als Opferlamm in eine Übung mit ein oder dergleichen. Doch bevor Ember noch etwas darauf erwidern konnte, ertönte Augusts Stimme und zog ihren Blick geradezu magisch an. Er trug ein Lächeln auf den Lippen als er die Treppe aus dem ersten Stock herunterkam, das über einen gewissen Umstand wohl hinweg täuschen sollte. Ihrem aufmerksamen Blick entging nicht, dass er seine Füße nicht mehr so selbstverständlich voreinander setzte, wie er es sonst tat. Noch immer übte er diese gewisse Präsenz aus, aber seine Bewegung hatten etwas Entscheidendes verloren. Da half es auch nicht, dass nicht nur ihr plötzlich wärmer wurde, sondern dass es für gesamten Raum galt. Und es sich nicht nur auf fühlbare Temperatur beschränkte. Ein kurzes Zucken ihres Blickes bestätigte der Detective, dass das Feuer eine etwas andere Farbe hatte und sie war sich sicher, dass sie es vor dem Training wohl nicht bemerkt hätte.
      „Mir wäre lieber, du hättest gesagt, du dachtest dir schon, dass ich in einem Stück da wieder rauskomme. Dir ist klar, dass ich Mus gewesen wäre, wenn ich einmal kurz geschlafen hätte?“, gab sie entrüstet zurück, doch ihre Körpersprache war offen und entspannt während er neben ihr im Sessel Platz nahm. „Ich bin nicht stolz drauf, mir meinem Pulli versaut zu haben. Wie sieht das denn aus, wenn mich draußen wer sieht?“
      Sie verschluckte weitere Worte als August den Sessel unwirsch mit einem Ruck zu sich drehte und ihre Knie sich berührten. Gerade wollte sie ihn mit einem beleidigten Blick strafen, da gab er seine Mitbringsel in den Minizuber und ein fantastischer Geruch stieg ihr in die Nase. Florale Note, typische Komponente von Parfums.... Lavendel. Und etwas, dass ihr erst etwas später als Honig einfiel. Auf seine Frage hin verschmolz sie wieder mit dem Sessel, lehnte den Kopf an die Lehne und schloss die Augen. Ihre Händen kamen in ihrem Schoß zur Ruhe und ließ zu, dass der Duft sie einlullte.
      Ember schmunzelte. „War richtig gut, das Training. Gab sogar mal ernstgemeintes Lob von Perley, wenn auch nur für zwei Sekunden. Ich muss gestehen, dass ich unterschätzt hab, wie es wirkt, wenn der Gegner sich gerichtet auf mich stürzt. Ich stand schon oft daneben wenn es zu magischen Konfrontationen kam und hatte damit nie wirklich Probleme. Aber dieses Duplikat war schon eine andere Nummer. Und dann war das auch nur die Hälfte vom eigentlichen Potenzial.... Ich ahne schon, Perley wird noch richtig Spaß haben...“
      Sie musste ernsthaft dem Drang widerstehen, sich das Gesicht zu reiben. Was auch immer er da fabrizierte, das war nicht nur Wasser mit Lavendel- und Honigzusatz. Langsam öffnete Ember ein Auge einen Spaltbreit und sah August an. „Was ist mit dir los? Nicht nur, dass du eingefallener aussiehst, du läufst auch so. Ist das... weil die Zeit langsam knapp wird?“ Die Leichtigkeit war aus ihrer Stimme gewichen und machte echter Sorge Platz. Ihr war klar, dass sie zu langsam war um ihm ernsthaft eine Hilfe zu sein. Zu viele Leute rissen an ihrem Bündel, sodass sie nicht für alle auch ein Stück Faden übrig hatte. Nur durfte sie leider nie wirklich entscheiden, für wen sie noch eines übrig hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Manchmal war es einfach, einen Menschen anzusehen und sich seinen Gefühlen hinzugeben.
      August Foremar war nie ein Mann gewesen, der sonderlich viel auf Gefühle gab, wenn er ehrlich war. Zumeist hatten sie ihn eingeschränkt oder belastet und die meiste Zeit tat er sein möglichstes, um ihrer nicht Herr zu werden, sondern sie beinahe gänzlich zu verschleiern. Warum auch anders handeln? Mach kaputt was dich kaputt macht, hieß es doch, oder?
      Stattdessen saß er hier, die Hand in diesem Wasser, das er noch von früher kannte und fuhr damit butterweich über Embers Gesicht, während diese Sprach. Ihr Gesicht war eine einzige Synphonie deren Spiel er die ganze Zeit lauschen konnte. Ihre Lippen, die vollmundigen, beinahe perplex symmetrisch wirkenden, waren wie ein Tor zu einem ganzen Hauch von Leben, der in den Raum strömte. Beinahe hätte er sich ertappt wie er zu lange auf den Lippen verweilte mit diesem schon besudelten Tuch und wrang es kurz im Wasser aus.
      Das Nasenbluten würde aufhören, als hätte man einen Schalter umgelegt.
      "Mach dir um deinen Pulli keine Sorgen", murmelte er. "Ich bin zwar kein besonders guter Illusionist, aber es wird denke ich mal reichen, bis du dein Heim erreichst."
      Das war gelogen. August wusste, dass er von den Illusionisten zumindest unter die Top 5 der Welt fallen würde. Aber das mochte man nicht jedem auf die Nase binden nicht wahr?
      "Mir ist das vollkommen klar"; nickte er. "Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass du dort heraus kommst, hätte ich dieses Konstrukt nicht entworfen. Aber ich wollte sicher gehen, dass du Kjetil standhalten kannst, wenn ich..."
      nicht mehr da bin.
      "Wenn ich mal nicht kann", schloss er und lächelte schwach während er weiter ihr Gesicht und den Hals abtupfte. Es war merkwürdig. Vor einigen Tagen hatten sie diverse Zärtlichkeiten ausgetauscht und nunmehr fühlte es sich so an, als hätten sie sich erneut voneinander entfernt. Wären wieder Freunde? Was waren sie eigentlich?
      Oder suchte sie seine Nähe nicht, weil er ohnehin bald seinen Löffel reichte?
      "Oh ja, Perley wird Spaß haben", lachte August und legte ihr den Lappen auf die Stirn. "Aber er ist ein fähiger Jäger. Wenn du ihm folgst, wirst du zumindest in der Lage sein, eine Herausforderung für einen Arkana zu werden. Man muss ja nicht gleich seine Menschlichkeit aufgeben wie Perley, aber zumindest widerstehen sollte man können. Und wie ich höre, hast du das mit Bravur gemeistert."
      Schweigsam nahm er den Lappen von ihr und legte ihn ins Wasser, ehe er sich selbst zurücklehnte und sie ansah.
      "Es ist nicht weil ich bald den Löffel reichen muss, wenn du das meinst", murmelte er und grinste schwach. "Ich habe wenig geschlafen und die Experimente fordern ihren Zoll von meinem Körper. Ich bin meilenweit von meiner Bestform entfernt und ich warte nur auf den Moment, in dem ich zusammen breche. Doch ich darf nicht...Ich muss leben...Ich muss."
      Denn sonst kann ich nicht bei dir sein und muss zusehen wie du zu Jemand anderem gehst...

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      SMS von Ruairi:
      Alles klar! Ich hole dich ab, sag mir wo!

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    • Wie sollte man sich Gedanken um ein Stück Stoff machen, das sowieso nur dazu gedient hatte, in Stücke gerissen zu werden? Es ging nicht um die paar Pfund, die er gekostet hatte. Sondern was gewisse andere Personen vielleicht denken mochten, wenn sie sie in genau dem richtigen Zeitpunkt erwischten.
      „Wenn mich meine Quellen und damalige Recherche nicht enttäuschen, dass bist du wirklich kein besonders guter Illusionist. Du bist dann einer der besten Illusionisten.“ Das war unter anderem einer der Punkte gewesen, in denen sich alle Berichte einig waren. Er war das Sinnbild des Teufels und sponn damit Geschichten, die täuschend echt auf seine Opfer wirkten. In Anbetracht dessen hätte Ember in der Vergangenheit eigentlich öfter den Schein hinterfragen sollen. Woher sollte sie schon wissen, wann man ihr ein Trugbild gezeigt hatte und wann nicht?
      Als August seinen Satz kurz unterbrach öffnete Ember auch das zweite Auge und sah ihn urverwandt an. Auch ohne die Worte auszusprechen vollendete sie gedanklich den Satz so, wie er es eigentlich gemeint hatte. Er wollte sie nicht in einer Welt zurücklassen, in der er darum fürchten müsste, sie käme nicht klar. Am liebsten hätte er sie vermutlich bis zu den Zähnen bewaffnet und hätte sie erst dann widerwillig losgelassen. Deswegen hatte er Perley dazu breitgetreten, sie zu trainieren. Damit sein unruhiger Geist zumindest ein bisschen Seelenfrieden finden konnte. Ihre Augen ließen nicht von dem Gesicht des Mannes vor ihr ab, selbst als dieser den Lappen an ihre Stirn legte und leise lachte. Es wirkte so herrlich unbeschwert, als gäbe es keine laut tickende Uhr im Hintergrund. In ihrer beiden Hintergründe. Schließlich nahm er den Lappen wieder an sich und lehnte sich ähnlich wie sie zurück. Ihre Blicke fanden einander und für einen Moment hätte sie schwören können, dass da wieder dieses Bedürfnis war, ihn zu berühren. Sich berühren zu lassen und jede Sekunde davon auszukosten.
      Tatsächlich gab Ember einem dieser Impulse wissentlich nach. Sie griff nach seinem linken Handgelenk und hielt es fest. Dabei hatte sie ihre entspannte Haltung aufgegeben, war nach vorn gelehnt und hatte ihre Knie an seinen entlang geschoben. „Ich fordere nicht von dir, deine Versuche abzubrechen und deine Anstrengungen zu vermindern. Aberbitte“, sie betonte das Wort extra deutlich, „treib es nicht so weit, dass ich nicht mehr sagen kann, ob die Zeit schon abgelaufen ist oder nicht. Es bringt nichts wenn du dich so sehr ans Limit fährst, dass du nur noch mit reiner Willenskraft funktionierst.“
      Hatte sie da gerade gespürt, wie sich sein Puls verändert hatte? Schwachsinn, das ging nicht, so wie sie ihn gerade hielt. Eindringlich sah sie August an, dann summte es in ihrer Hosentasche und verkündete den Erhalt einer Nachricht.
      Ember ignorierte es.
      „Was kann ich tun, um zu helfen? Du weißt, dass ich nicht einfach gehen kann wenn du mir sagst, dass ein Zusammenbruch nicht weit ist“, fügte sie leiser hinzu und konnte nicht verhindern, dass sich ihr Griff leicht löste und sie mit dem Daumen über seine Haut streichelte. „Ich werde nicht nochmal den Zeitpunkt verpassen, wo ich hätte helfen müssen und können.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Diese Berührung war so gut...
      Ganz sacht nur und gleichzeitig impaktvoll wie ein Hammerschlag, kribbelten die Finger über seiner Haut entlang. Darunter wehte der Sturm von Drangsal und der Lust, nach ihr zu greifen und einmal mehr sich dem Sog seiner Gefühle hinzugeben. Gott, wie einfach wäre es gewesen, sich einfach hinzugeben und sie machen zu lassen. Bis Grenzen wieder Möglichkeiten wurden.
      Doch stattdessen sah August ihr wach in die Augen und lächelte schwach.
      "Ich verspreche, es nicht zu weit zu treiben", nickte er und hielt seine Hand starr in ihrer, angsthabend, dass die Berührung viel zu schnell endete.
      Sachte schob er seine Knie ebenfalls näher an ihren Stuhl mittlerweile und saß ihr nun beinahe gegenüber. Zumindest so ließ sich nicht ignorieren, dass ihr Handy summte. Auch wenn Ember es eisern ignorierte, huschte der Blick des Zauberers wissend zu ihrer Hosentasche udn wieder zu ihr zurück.
      Wie hätte er es ansprechen sollen? Wenn überhaupt? Es ging ihn nichts an, sie waren. Sie war sein. Nein, war sie nicht. Sie war nicht sein, sie war Niemandes. Sie war Ember. DAs Leben. Der Funke, der das Leben zündete.
      Schweigsam sah er Ember an und suchte in ihren Augen nach dem Funken, den er brauchte. Fand ihn aber nicht. August beugte sich zu ihr so dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter vor ihrem schwebte, ehe er erneut das Lächeln versuchte.
      "Es gibt wirklich nichts was du tun kannst", murmelte er. "Ich breche Gesetze, Ember. Ich überschreite Grenzen. Habe ich schon immer und werde ich auch weiterhin. Ich versuche mich zurückzuhalten, aber je mehr ich vordringe und dieses Band verstehe, was ich mir selbst um den Hals gelegt habe, desto mehr wird mir klar, dass es nur einen Weg gibt..."
      Er machte eine kunstvolle Pause, ehe er seine Hand um ihre Hand legte und mit ihren Fingern spielte. Vielleicht auch nur, damit sie das Handy vergaß.
      "Ich muss das Tor erneut öffnen. Ich muss erneut vordringen in dieses Dunkel und versuchen, einen Weg zu finden, eine ewige Entität daran zu hindern, mich zu grillen..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Nicht einen Moment lang unterbrach Ember die Bewegung ihres Daumens, nicht einen Moment gestattete sie es einen von ihnen, den Blick abzuwenden. August sollte verstehen, dass sie ihre Worte ernst meinte und, wenn nötig, den nötigen Nachdruck verleihen würde. Zumindest bis das Vibrieren in ihrer Tasche durch ihrer beider Beine auch zu dem Zauberer übertragen wurde und er den Blickkontakt brach.
      Verfluchtes Handy.
      Dann lehnte sich August noch näher zu ihr herüber. So weit bis nur noch Zentimeter ihre Gesichter voneinander trennten und er erneut ein Lächeln aufsetzte. Doch Ember durchschaute es binnen Sekunden, entdeckte die Brüchigkeit und dass es nicht ganz bis in seine Augen reichte. Am liebsten hätte sie es ihm vorgehalten, aber die Art, wie er nun weitersprach bedeutete ihr, dass es besser war, ihm jetzt nicht ins Wort zu fallen. Die Pause, die er bedeutungsschwanger setzte, trug nicht wirklich dazu bei, dass sie sich entspannte. Mit einer geschmeidigen Bewegung löste er seine Hand aus ihrer, um ihre Plätze zu tauschen und nun die Oberhand über ihre Finger zu haben. Das entlockte Ember nur ein Zucken ihres Blickes noch bevor August fortfuhr. Und die Worte hätten nicht mehr Reaktion als kaum andere beschwören können.
      Embers Brust schwoll an als sie Luft einsog für einen anstehenden Ausbruch. Unter den Ausdruck der Sorge in ihrem Blick mischte sich Wut und ihr Mund öffnete sich für all die Worte, die ihr durch den Verstand schossen. Das war eine verzweifelte und verdammt dumme Idee. Sie war rücksichtslos, aussichtslos und überaus gefährlich. Er würde damit alles verbrennen, was er noch an Reserven hatte und vielleicht das bisschen verlor, das ihn noch auszeichnete. Innerlich betete Ember, dass die Antwort darauf, warum man bereits war, so viel zu opfern, einfach nur sein Wunsch zu leben war. Und nichts anderes.
      Schon einen Augenblick später konnte man dabei zusehen, wie die Luft aus Ember entwich. Sie verpuffte einfach, ihr Brustkorb schrumpfte wieder zusammen und auch ihr Mund klappte wieder zu. Einzig ein kontrollierter Atemzug verließ ihre Kehle, als sie sich selbst zur Raison rief. Sicher konnte sie ihm all dies an den Kopf knallen und sich aufregen, wie es sich eigentlich gehörte. Aber nicht ihr Leben schien hoffnungslos verloren, sondern seines. Sie hatte nicht das Recht seine Taten zu bewerten und zu hinterfragen angesichts der Situation, in die sie allein ihn gebracht hatte. Am Ende war es nämlich genau das: ihre höchst eigene Schuld. Die Wut löste sich aus ihrem Gesicht schlagartig auf, doch eine Spur Härte blieb zurück. Das sah man jedenfalls an den leicht hervorgetretenen Muskeln ihres Kiefers, als sie hart die Zähne zusammenbiss.
      „Ich hoffe du weißt, dass ich das Vorhaben nicht gut schätze“, zwang sie schließlich hervor, „und ich bin angesichts deiner Vergangenheit irgendwie doch noch erschüttert, dass du das Tor überhaupt in Betracht ziehst. Es steht mir nicht zu, dich davon abzuhalten. Aber tu mir den Gefallen und sag mir, dass du das nur tust, weil du es deinetwegen machst. Weil du für dich weiterleben willst.“
      Es waren ihre Augen, die als Fenster zu ihrer Seele danach schrien, dass er ihr genau das sagen sollte, was sie hören musste. Wenn er es verneinte oder auch nur ansatzweise andeutete, dass es einen anderen Grund gab, warum er diese Strapazen auf sich nahm, dann würde sich alles in ihr zusammenziehen. Dann hatte sie nicht nur die Schuld auf sich geladen, dass es überhaupt zu dieser Situation gekommen war, sondern auch noch Schuld daran sein könnte, dass sich August vollständig verlor. Währenddessen brummte ihr Handy konstant weiter, doch es war in schier unendlicher Weite fort gerückt.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Für einen Moment dachte August, Ember würde ihn anschreien. Er hätte es ihr nicht mal übel genommen, wenn er ehrlich gewesen wäre. Einen Schlag hatte er verdient, wenn er dieses Teufelstor nochmals in Betracht zog, aber was sollte er machen? August Foremar hatte im Leben nicht viele Wünsche gehabt. Zumeist war es der, Andere zu schützen oder zu retten, aber auf einmal war da ein "Mehr". Den Wunsch, mehr Zeit mit Ember zu verbringen. Mehr Zeit, um Jasper auszubilden und zu schützen und verflucht noch mal mehr Zeit, um die Welt daran zu hindern sich selbst zu Grunde zu richten.
      Schweigsam sah er Ember an und seufzte schwer, als sie ihre Luft herausließ und eine Reaktion gab, die er nicht erwartet hatte. Anstatt einer Schreiorgie, die er verdient hätte, hielt sie an sich und schien sich zu sammeln. Doch die Muskeln, die an ihrem Kiefer hervortraten waren nicht zu ignorieren. Doch das was sie sagte, konzentrierte einen Wunsch in ihrem Subtext, den er beinahe nicht ignorieren konnte. Sie wollte hören, dass er es nicht für sie oder ihretwegen tat. Eine Versicherung, dass er nicht einem Phantom nachjagte.
      Eine Sekunde lang geschah gar nichts. Eine Sekunde, in der er sich einfach in ihrem Blick verlor und für eine kurze ZEit vergaß, welche Scheiße draußen vor der Tür rumorte.
      Hier, an dem knisternden Feuer, im Schutz der ledernen Sessel, da war es ihre Welt, die zusammenbrach. Das Brummen des Handys machte den Ton perfekt der in seinem Kopf vorherrschte und sorgsam schüttelte er den Kopf.
      "Ich möchte leben, Ember", sagte er schließlich mit aller Festigkeit in der Stimme die er aufbrachte. Die Hand in seiner hielt er fest u8nd gab das Spielerische dran, als er ihr in die Augen sah, die ihn regelrecht anschrien und um Antworten baten. "Ich möchte leben, weil es Dinge gibt, die ich tun muss. Ich möchte Jasper ausbilden, ich möchte Siobhan aufhalten und ich möchte, ja, auch Zeit mit dir verbringen, weil ich viel zu lange die Dinge ignoriert habe, die mich glücklich machen. Und die Zeit mit dir, war sie auch nur kurz, hat mich glücklich gemacht."
      Ruhig seufzte er erneut und sah kurz ins Feuer ehe er sich ihr zuwandte.
      "Ich weiß, dass das Tor nicht die beste Wahl ist. Sie ist die verflucht schlechteste. Aber ich habe keine Wahl. Alles andere hat nicht funktioniert und wenn mir nicht vom Fleck weg das Schicksal neu verteilt wird, werde ich in ein paar Tagen sterben. Und da ich das Schicksal nicht beeinflussen kann, muss ich einen anderen Weg suchen.. Wenn du eine bessere Idee hast, dann sag es mir. Ich bin offen für gute Ideen.,"

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      The more you drag me to hell
    • Es hatte so gut angefangen.
      August lieferte gute Gründe, die einzig und allein darin mündeten, dass er trotz seiner hundert Jahre noch nicht genug Zeit zum Leben gehabt hatte. Weil ihm Freiheiten in seiner Vergangenheit genommen worden waren, von denen Ember keine Ahnung hatte. Sie wusste nicht, wie sich ein Großteil seines Lebens bisher zugetragen hatte. Wusste nicht, auf was er verzichten musste oder wie harsch sein Leben bisher verlaufen war. Nur die Eckpunkte, die allen bekannt waren, schwebten auch in ihrer Wahrnehmung, doch das reichte bei Weitem nicht. Und so spürte sie, wie sich doch etwas in ihr verkrampfte als August fortfuhr. Während ihr Blick zwischen seinen Augen hin und her sprang wurde ihr ein weiteres Mal bewusst, dass diese Version von August, die so offen über seine Gefühlswelt sprach, noch Neuland für sie war. Er hatte nicht gesagt, dass er diese Eskapaden für sieunternahm, dennoch spielte sie eine nicht unerhebliche Rolle. Ihre Anwesenheit bereitete ihm Glück und ließ ihn freier fühlen, sofern er dies denn zuließ. Ein seltsam unpassendes Lächeln kräuselte ihre Lippen als sie den Kopf nach vorn fallen ließ und ihn sachte schüttelte. Was zur Hölle hatte sie sich hier eigentlich eingebrockt? Jetzt hatte sie zwei Männer in ihrem Leben, die ihr unabhängig von einander versicherten, dass sie Bestandteil ihres Glückes und Lebens war. Ihre Rolle in Augusts Leben hatte sie jetzt endlich verstanden; sie gab ihm Raum zum Atmen. Aber was war mit Ruairi? Er hatte bereits die Liebe seines Lebens einmal verloren und sich selbst womöglich direkt mit dazu. Er war im Kern verunsichert, einzig und allein der Fähigkeit geschuldet, die man ihm angeboren hatte. Die Frage war nur, welche Rolle Ember bei ihm genau einnahm. Denn darauf hatte sie noch keine klare Antwort.
      Man hörte, wie der Detectiv ein gedehnter Atemzug entkam. Ihre Hand griff um und erwischte August wieder an seinem Handgelenk, wo sich ihre Finger dieses Mal kräftiger darum schlossen. Erst danach hob sie ihren Kopf wieder an und alles unentschlossene war aus ihren Augen verschwunden. „Dann konsultieren wir die Nummer 10“, beschloss Ember.
      Sie streckte ihr eines Bein so weit es ging aus und drehte sich ein wenig auf die Seite, damit sie mit ihrer linken Hand das Handy aus ihrer Tasche ziehen konnte. „Wenn du das Schicksal nicht beeinflussen kannst, dann reden wir am Besten mit jemanden, der wenigstens in Kontakt damit steht.“ Sie gab das Handgelenk frei und entsperrte das Handy, auf dem sie die Benachrichtigung über verpasste Anrufe und Nachrichten löschte. In einer knappen SMS schrieb sie Ruairi, dass er an einer Bahnstation auf sie warten sollte. In etwas weiterer Entfernung, damit er sie nicht direkt dabei sah, wie sie das Dusk and Dawn verließ. Danach steckte sie das Gerät wieder zurück.
      „Kriegst du einen Termin bei dem rothaarigen Herren? Der war mir das letzte Mal schon so kryptisch gegenüber und er besteht drauf, dass ich nicht mit ihm Kaffee trinken gehen würde. Vielleicht kannst du ja was einfädeln?“ Ein spitzbübisches Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. „Und dann seh ich zu, dass ich die drei Caster hierher kriege. Morgen. Ich nehme mal an, dass Noland nicht großartig häufig unterwegs sein wird, oder? Dann haben wir vielleicht auch etwas gegen den Richter in der Hand. Und wenn nicht“, sie zuckte mit den Schultern, „dann weiß ich ja jetzt, dass ich einfach nur schneller sein muss als er bevor er mich zerquetscht wie eine Tomate.“

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    • Gallows...
      Als Ember ihren ersten Satz in dieser Richtung fallen ließ, weiteten sich Augusts Augen wie vom Schock getroffen. Gleichsam als hätte man ihm eröffnet, dass die Welt eigentlich flach denn rund wäre. An Gallows hatte er noch nicht gedacht. Zumeist taten es Arkana eher selten, dass sie an Mitkonkurrenten dachten, die sich um die Vorherrschaft balgten. Doch der Südafrikaner war eine durchaus legitime Wahl, wenn man es so betrachtete.
      Ihm blieb gar nicht die Zeit, Embers schönes Lachen zu begutachten und die Zeit zu genießen. Denn so sehr er sich auch Mühe gab, genug zu sein, so sehr war das Handy offenbar eine Art Mahnmal zwischen ihnen. Zu sehen wie sie es hervor klaubte und eine kurze Nachricht schrieb, war eigentlich schon ein wenig zu viel. Nicht, dass er es missbilligte. Er war selbst Schuld, dass es derart weit gekommen war. er hätte offener sein können. Doch ließ sich nicht vermeiden, dass er sich wieder zurück lehnte und kurz ins Feier sah, um ihr den Raum zu geben. Erst danach nickte er und lächelte wieder, als würde er den Schmerz verbergen können.
      "Ich denke schon, dass ich einen Termin erhalten würde", murmelte er nachdenklich und sah anschließend wieder zu ihr. "Auch wenn es durchaus nicht unüblich ist, einen Arkana um Hilfe zu bitten, so wird es doch eine harte Verhandlung. Aber wenn er schon Interesse gezeigt hat, dürfte es nicht allzu schwer sein."
      Als sie von den Castern sprach, regte sich Hoffnung in seinem Geist. Auch wenn sie es nicht direkt sagte, deutete sie doch an, dass sie morgen wieder hier sein würde. Nicht für ihn oder wegen ihm, aber zumindest in der Nähe. Er könnte zumindest aus der Ferne beobachten, was geschah und konnte ihr nahe sein. Vielleicht war das für den Moment das einzig Gute, das sie verband. Sah man von der Nacht vor einigen Tagen ab. Augusts Handgelenk vermisste die Berührung ihrer Finger und so kam er nicht umhin, zu seufzen und zu nicken.
      "Noland ist zumeist hier, ja", bestätigte er und legte seine Hände auf die Armlehnen des Sessels. "Bitte bedenke, dass es nur die halbe Stärke war, die ich replizieren konnte. Aber ja, bis dahin hast du Recht. Ich habe dir gesagt, dass Kjetil nicht einfach so an dich herankommt. Und dazu stehe ich."
      Nicht, dass er es nicht bereits versucht hatte. Aber nur über seine Leiche würde er zulassen, dass Prestegaard auch nur einen Finger an diese Frau legte. Und wenn es das Letzte war, was er tat.

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      The more you drag me to hell
    • „Ich gehe einfach davon aus, dass der gute Mann meinem Charme bereits verfallen ist. Nein, Quatsch, natürlich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass er schon weiß, dass wir ihn aufsuchen werden. In seiner Wahrnehmung.... war ich ja schon bei ihm.“
      Der Gedanke daran, wieder so verquert denken zu müssen, bereitete Ember bereits jetzt Kopfschmerzen. Doch das war ein kleines Übel, das sie mehr als gewillt war zu zahlen. Immerhin war es ein Anhaltspunkt, den sie nun verfolgen konnten und da er etwas war, an das August scheinbar noch nicht gedacht hatte, rechnete sie sich insgeheim gewisse Chancen aus.
      Im nächsten Augenblick war das Grinsen aus ihrem Gesicht verschwunden als sie August ein weiteres Mal mit einem Blick bedachte. Ein zweites Mal lehnte sie sich vor, streckte die Hand nach ihm aus und legte sie sanft auf seine Schultern. „Ich möchte, dass du morgen nicht mehr so aussiehst wie jetzt. Wenn ich morgen wieder hier bin und du immer noch nicht geschlafen hast, dann geh ich wieder ohne ein Wort zu dir zu sagen, verstanden?“
      Ihre Worte waren nicht mahnend oder aggressiv betont. Sie sprach genauso sanft wie ihre Hand noch immer auf seiner Schulter lag und deren Finger sie leicht drückten. Sie wollte und würde ihm keine Vorschriften machen, aber sie verlieh ihrem Wunsch einen gewissen Nachdruck. Erst dann erhob sie sich aus dem Sessel und glitt aus ihren verschränkten Beinen heraus.
      „Und jetzt muss ich Jasper noch einen kurzen Besuch abstatten bevor ich geh. Den muss ich auch noch um einen Gefallen bitten.“

      Wenig später verließ Ember die Detektei und rückte sich vor der Türe den Mantel noch einmal zurecht. In ihrer Tasche befand sich die empfindliche Ware, die sie morgen im PD zum Test bringen würde. Selbst die Luft von hier draußen ließ ihre Nase nicht zwicken – scheinbar hatte die Behandlung von August angeschlagen. Am Ende hatte sie doch abgelehnt, sich unter einer Illusion zu verstecken weil sie davon ausging, dass Ruairi es ohnehin bemerken würde. Also direkt mit offenen Karten spielen. Er würde es vermutlich schon verstehen. Dennoch schloss sie den Kragen recht hoch, um nicht direkt den Blick auf das besprenkelte Oberteil freizugeben.
      In Ruhe pilgerte sie zu der Bahnstation, die sie Ruairi genannt hatte. Es waren viele To-Dos auf ihre Liste gewandert, die sich langsam aber sicher ballten. August hatte nicht mehr viel Zeit, sie selbst hatte nicht mehr viel Zeit und dann war da ja auch noch dieses dämliche Spiel, was Kinder dahin raffte. Vielleicht hätte es ja bald ein Ende, wenn...
      Seufzend schüttelte Ember den Kopf kurz bevor sie Ruairis Wagen erspähte. Eine kurze Welle der Freude ging durch ihren Magen als sie sah, dass er noch immer auf sie wartete. Lächelnd trat sie an die Beifahrertür und zog sie auf.
      „Einmal bitte zu mir nach Hause. Was macht das?“ Sie lugte schräg in das Auto, wo sie auf den Blick des Casters traf. Etwas steif ließ sie sich auf den Sitz gleiten, schloss die Tür und schnallte sich an. „Na, wie war dein Nachmittag? Ich hoffe nicht so anstrengend wie meiner. Ich schwör dir, ich hab mich in meinem Leben noch nie so häufig auf dem Boden gerollt. Ausweichtraining ist verdammt anstrengend.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August brauchte eine ganze Weile, bis er Embers Einwurf verstehen konnte und wirkte ein wenig wie erschlagen, als sie von Charme und Gallows. Mit Sicherheit war dieser Schwerenöter ihr bereits verfallen. Das war nicht schwer. Die Frage war eher, was er bereits wusste, da seine Zeitlinie anders herum verlief.
      "Vielleicht ist das so", murmelte er und starrte auf ihre Hände.
      Zumindest die Hand, die auf seiner Schulter Platz nahm, vollzog ein brennendes Kribbeln unter seiner Haut, das er wie ein schweres Jucken nicht ignorieren konnte. Zuletzt grinste er breit und nicht schwach, als er sich zu einem Nicken hinreißen ließ.
      "Ja, in Ordnung. Ich werde schlafen. Und vorher muss ich noch Gallows ansprechen, ob er noch einen Termin in seiner Vergangenheit frei hatte, damit wir sodann demnächst zu ihm stoßen können."
      Innerlich musste er bereits über diesen Blickwinkel lachen und schüttelte den Kopf als Ember zu Jasper hinauf stieg. Schweigsam blickte er noch eine kurze Zeit in die Flammen, ehe er eine Uhr aus der Jacke nahm. Mit wachem Blick und eisernem Willen checkte er die verbliebende Zeit und wusste, dass nun seine gekommen war...

      Ruairi wartete bereits seit geraumer Zeit an der U-Bahn-Station Whitechapel. Die Musik im Auto war bereits verstummt und durch das merkwürdige Rauschen der Straße und der Stadt ersetzt worden. Die ganze Zeit über hatte er sich gefragt, was Ember wohl tat. Selbstverteidigungstraining? Eine Stimme in seinem Kopf mahnte ihn zur Untersuchung dieses Umstandes, da er sich fragte, wofür sie die Selbstverteidigung brauchte.
      Sie wollte doch nicht wirklich...
      Ruhig tippte er einen Rhythmus auf seinem Lenkrad und sah zur Seite aus dem Fenster als die Beifahrertür aufgerissen wurde und Embers Gesicht von der Seite herein lugte.
      Konnte es sein...Wieso hatte er sie nicht bemerkt? Normalerweise war sie doch immer spürbar gewesen...
      Ruairi wirkte eine Sekunde lang verwirrt, ehe sich ein breites Lächeln auf sein Gesicht setzte.
      "Für Sie, Ma'am, ist die Fahrt umsonst", sagte er und winkte sie herein.
      Nur um gleich wieder an Farbe zu verlieren, als er Ember ansah und das Blut bemerkte. Was zum Geier war dort passiert?
      "A-Ausweichtraining???", fragte er entsetzt, wärhend seine Augen ihren Pullover absuchten. "Wem zum Teufel bist du ausgewichen? Du siehst als als hast du dem Leibhaftigen gegenüber gestanden. Wer hat dich so zugerichtet?"
      Ruairi legte den Gang ein und begann die lange Fahrt durch die Nacht. Den Weg zu Embers Wohnung fand er mit der Präzision eines Computers, jedoch nicht ohne sich die Bahnhaltestelle zu merken, die Ember ihm genannt hatte. Irgendjemand unterrichtete sie offenbar oder gab ihr Nachhilfe. Die Frage ist nur, wofür? Sie konnte doch nicht wirklich gegen ihn antreten, oder?
      "Mein Nachmittag war...entspannt im Grunde. Neue Ermittlung. Kleiner Betrugsfall in der Unterstadt, aber nichts Wildes. Deiner war offensichtlich ereignisreicher..."

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