[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • PD
      Mittwoch, 7:00 Uhr

      Es war selbst für Ruairi MacAllister merkwürdig, einmal ausgeschlafen zu sein.
      Beinahe erfrischend, wenn man es genau nahm, betrat der Zauberer fröhlich pfeifend die Dienststelle und wurde von Piper direkt abgefangen um die neuesten Entwicklungen in einem Erpresserfall in Kensington zu erfahren. Offenbar waren auch hier die Kollegen beinahe unmittelbar in medias res gegangen und hatten recht schnell Erfolg gehabt. Merkwürdig war nur der Reim, den der Festgesetzte Täter immer wieder vor sich hersagte...
      "Bei Neun und Drei, ist der Nächste an der Reih'", flüsterte Ruairi noch immer vor sich her, als er sein Büro betrat und zu seinem Erstaunen bereits Licht in Embers Büro entdeckte.
      Grinsend fischte er in seinem Büro in seiner Jackentasche und förderte ein brandneues Smartphone zutage. Es war schwarz mit einem merkwürdigen orangenen Einband, den er sich hatte aufschwatzen lassen, aber besser als gar nichts. Grinsend wandte er sich gerade um, als Ember bereits ihren Kopf hinein steckte.
      Ein breites Grinsen erhellte das finstere Gesicht des Ermittlers, während er sich umdrehte und die Arme locker lässig vor der Brust verschränkte. Das schwarze T-Shirt wirkte beinahe zu kurz, während er sich zurücklehnte und Ember ansah.
      "Hi!", begrüßte er sie und räusperte sich. "Danke gut und wie gehts dir, Captain Eilig? Schau mal!"
      Erleichtert hielt er sein neues Telefon hinauf, das mit einem kurzen "pling" den Dienst aufnahm und einen kitschigen Hintergrund mit Rosen und Sonnenaufgängen zeigte.
      "Willst du meine erste Nummer sein?", fragte er und prustete daraufhin beinahe vor Lachen los. "Sorry, ich habe das lange nicht gemacht. Also um eine Nummer gebeten...Egal, zurück zum Thema: Ein Durchbruch also? Ist das der Grund, weshalb du aussiehst wie ein Zo-"
      Erst danach begriff er was sie ihm eigentlich hatte sagen wollen. Beziehungsweise versuchte, es elegant zu umschiffen. Eisern richtete er seinen glühenden Blick auf den Brief, dessen Handschrift er kaum entziffern konnte. Also hatte sie ihn aufgemacht. Natürlich hatte sie das. Mit wem sprach er hier eigentlich? Als würde Ember Sallow einen Brief der eine mögliche GEfahr darstellte, einfach liegen lassen und die Fachleute rufen.
      Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch das Gesicht und atmete durch. Sein Gesicht hatte die Farbe gewechselt und schwer seufzte er nochmals, ehe er sich in Bewegung setzte und ihr näher kam.
      "Ich bin ein Idiot", sagte er ruhig und erreichte Ember schlussendlich. "Geht es dir gut? Fehlt dir etwas? Was...Was hat der Brief getan? Und jetzt sag nichts "nichts"! Ich sehe dir an, dass etwas nicht stimmt."
      Man musste kein Hellseher sein. Ihre Haut war blass, die Augen lagen im Schatten. Offenkundig hatte sie nicht geschlafen.
      "Ich könnte mich in den Arsch beißen, dass ich mein Telefon nicht gestern erneuert hatte!"; zischte Ruairi und blickte zum Brief in ihren Händen. "Du kriegst alles was du brauchst. Sag mir wen und wann und sie sind da. Aber nur, wenn du diesmal vorsichtig bist!"
      Sorgsam sah er ihr ins GEsicht und fuhr ihr mit dem Finger über das weiche Kinn.
      "Bitte", flüsterte er halb lächelnd.

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    • Diverse Dinge spielten sich in diesem Büro zeitgleich ab. Zum einen bemerkte Ember, wie sollte es auch anders sein, das brandneue Smartphone, das winzig in Ruairis Händen wirkte. Womöglich hatte er seine alte Nummer nicht übernommen und das war der Grund gewesen, warum sie ihn gestern nicht hatte erreichen können. Dann fiel ihr auf, dass sie wirklich schon wieder mit der Tür ins Haus gefallen war und sich nicht einmal danach erkundigt hatte, wie es ihm ergangen war. Egal, wie hinfällig und kleinlich diese kleine Nachfrage wirken mochte, darauf fußte jede ordentliche Konversation. Und hier stand sie im Türrahmen und hielt ihre Belange in ihrer beider Blickfeld, als wäre es das Einzige, was zählte. Unabsichtlich verzog Ember das Gesicht bei dem Gedanken und wie Recht diese dämliche Illusion gehabt hatte.
      Sein Lachen, das von einem seiner typischen Witze rührte, erreichte Ember nicht einmal. Sie fühlte sich, als hätte man sie in ein Eisbecken geworfen und Eisschollen über ihrem Kopf zusammengeschoben hatte, kaum unterbrach Ruairi seine eigenen Worte. Sie versteifte sich sogar unweigerlich, als er zur ihr herüber kam und eine der natürlichsten Handlungen vollzog, die man sich hätte vorstellen können.
      „Ich glaube, der wirkliche Idiot kommt auf die Idee, die eigene Mordwaffe zu untersuchen“, stellte sie leise richtig und ließ den Beutel mit dem Brief darin endlich sinken. Gedanklich hatte sie ihre Augen schon im Hinterkopf bei der Befürchtung, man würde mehr von ihrem Gespräch auf dem Flur hören, als sie es zugeben wollte. Die Wänden besaßen ja sprichwörtlich Ohren.
      Sie wurde allerdings jäh aus ihrer Gedankenwelt gerissen als sich ein Finger an ihr Kinn legte. Ihre Reaktion war dermaßen stark, dass sie regelrecht vor ihm zurückzuckte und sofort ein schuldbewusster Ausdruck in ihr Gesicht trat. „Geh zurück....“, forderte sie ihren Kollegen auf und folgte ihm in sein Büro, woraufhin sie die Tür hinter sich schloss. Ihre Hand ruhte einen Herzschlag zu lange auf der Klinke, dann wandte sie sich ihm zu. „Ich...“, begann sie, brach ab und fuhr sich mit der freien Hand über das Gesicht, „ich weiß jetzt, wie er seine Opfer getötet hat. Es sind Halluzinationen, die mit der Zeit immer schlimmer werden. Wenn das Ziel den Brief liest, und ich schätze mal zur Gänze, dann wird die angeheftete Aura aktiv und löst Wahnvorstellungen aus. Die keine sind.“
      Ember stahl sich an Ruairi zum Schreibtisch, wo sie den Beutel auf den Tisch fallen ließ und Halt suchend ihre Hände auf der Rückenlehne des Stuhles abstützte. „Es fing an mit Nachrichten. Von meiner Freundin. Von meinem Bruder. Die im übrigen alle nur eingebildet waren. Dann kam die erste Halluzination.“ Sie machte eine Pause und schloss kurz die Augen wobei sie Mühe hatte, das Bild wieder loszuwerden. „Das warst in meinem Fall du. Ich hab versucht, dich anzurufen weil ich ich wusste, dass es nicht echt sein konnte. Aber ich bekam logischerweise kein Freizeichen. Gott, das war so verdammt nah dran, dass es schwierig war, nicht zu zweifeln. Der Anblick war perfekt. Die Stimme war perfekt. Und irgendwann hat er angefangen, mir meine Fehler vorzuhalten. Leider hat er damit nicht ganz so unrecht, wie ich feststellen durfte.“
      Sie erlöste den Stuhl von ihrem Klammergriff und richtete sich steif wieder auf. In ihrem Blick lag etwas entschuldigendes, als sie den seinen suchte.
      „Ich bin genauso wenig instabil wie Tallburn es war. Zur Not hätte ich das Trugbild einfach angeschrien oder ignoriert. Aber irgendwann hat er mich angefasst. Ruairi, ich schwöre dir bei was auch immer, es waren haptische Täuschungen. Und da bin ich durchgedreht und hab meine Wohnung völlig auf links gedreht in der Hoffnung, dass es aufhört.“ Sollte sie ehrlich sein? Ja. Er wollte immer die Wahrheit von ihr, dann bekam er sie auch ungefiltert. „Ich hab mich nicht auf die Straße getraut, wer weiß schon, wie stark die Halluzination dann ausgefallen wäre. Dich hab ich einfach nicht erreicht und dann hab ich den einen Rogue kontaktiert von dem ich wusste, dass er helfen kann...“
      Sie nannte Augusts Namen mit Absicht nicht. Warum wusste sie nicht einmal genau, aber Ruairi würde auch so schon wissen, wen sie damit meinte. Ein tiefer, gequält wirkender Atemzug verließ ihre Brust als sie die Arme um ihre Brust schlang und ihre Lippen hart wurden. „Vielleicht hat sich Tallburn im Wahn aus Versehen umgebracht. Wie auch immer, jedenfalls habe ich nun einen Namen und denjenigen ausfindig machen können. Ich werde nicht selbst hingehen und ihn verhaften, sondern Fachpersonal schicken. Wer weiß, vielleicht bin ich ja jetzt markiert oder sowas.“
      Das war einfach nur eine große Katastrophe. Ember hatte gehofft, dass Ruairi mit seiner Art sie in Windeseile dazu bringen konnte, die vergangene Nacht zu vergessen. Aber jedes Mal, wenn sie ihn ansah, hörte sie auch die Dinge, die der Falsche ihr ins Ohr geflüstert hatte. Zweifel ließen sie nicht los, egal mit welcher Logik sie daran ging.
      „Dein Trugbild hat mich als egoistisch beschrieben...“, fügte sie nach einer Pause leiser, zerbrechlicher, hinzu. „Dass ich mich nicht für andere interessiere, mich an meinem eigenen Problem ergötze... So wie ich eben nicht mal danach gefragt hab, wie es dir geht.“
      Schuldbewusst biss sie sich auf die Unterlippe.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ruairi zog die Augenbrauen hinauf.
      Es war eine Sache, Ember verletzlich und beinahe schuldbewusst zu erleben, jedoch eine ganz andere, mit einem Mal eine derartige Reaktion wahrzunehmen. Noch nie war sie vor ihm zurück gezuckt wie... Schmerzhafte Erinnerungen an die erste Frau in seinem Leben brandeten auf seinem Gesicht auf, als würde eine Welle sich an den Ufern brechen und Ruairi tat wie ihm geheißen. Schlagartig zog er seine Hand zurück und versenkte sie in den Hosentaschen, als sei sie verbranntes Diebesgut. Wortlos nahm er drei Schritte Abstand und betrat damit den Raum ein wenig mehr, ehe er Embers Worten lauschte und die Situation zu begreifen versuchte.
      Der Blick des Zauberers folgte ihr und schweigsam wanderte er um sie herum, um ihr am Schreibtisch gegenüber zu stehen. Das rettende Holz zwischen ihnen a ls unsichtbare Blockade zwischen zwei Welten. Eine, die verletzt war und sich zu sammeln suchte und eine Andere, die ihr Ausmaß noch nicht verstanden hatte.
      Als sie das erste Mal pausierte, sah er sie mit einem undeutbaren Blick an, während er sich auf seinen Bürostuhl setzte und wortlos auf den Stuhl vor dem Schreibtisch wies. Eine Kälte wohnte der Geste inne obgleich er sich selbst dafür verabscheute. Doch wie sollte man es deuten, wenn man aufgrund eines Trugbildes zurück gewiesen wurde? Und wieso hatte er nicht einfach noch einen Abstecher zu ihr gemacht, wie er es vorhatte?
      "Also eine Illusion, die sich aus deinen Gedanken und deinem Unterbewusstsein ernährt", schloss der Zauberer mit ruhiger, warmer Stimme. "Das ist ein ganz schöner Brocken. Einerseits zu zaubern, andererseits zu durchleben. Es gibt nicht Wenige, die daran zerbrechen und wahnsinnig werden..."
      Und sie hatte standgehalten, offenkundig. Oder?
      In ihrem Blick lag etwas das Ruairi nicht deuten konnte und auch nicht mochte. Etwas, das ihm eine Wahrheit offenbarte, die er kaum wahr haben wollte.
      Schweigsam lauschte er aufmerksam dem zweiten Teil der Geschichte und trotz der fiesen Vorahnung gestaltete sich das Zuhören als nicht ganz so einfach. Spätestens ab dem Punkt wo sie zu dem Rogue kam, den sie kontaktiert hatte. Und es konnte nur einer derartig dreist sein...
      "Foremar", schloss Ruairi und nun war die Kälte aus seiner Stimme nicht mehr zu überhören. Ja, sie waren nicht exklusiv unterwegs und hatten nie über das zwischen Ihnen wirklich gesprochen, aber den Namen des Mannes zu hören, mit dem Ember vorher verkehrt hatte, machte ihm doch ein wenig zu schaffen.
      Mühsam versuchte er seine professionelle Distanz zwischen dem Gehörten und seinen Gefühlen zu wahren, auch wenn das leichte Zittern seiner Stimme mit Sicherheit hörbar war. Der Zauberer sah Ember offen, aber nicht unfreundlich oder kalt an und seufzte.
      "Das klingt...", begann er mit ruhiger Stimme. "Das klingt nach einer höllischen Nacht. Und ich hasse mich gerade dafür, dass ich mein Handy nicht gestern bereits geholt habe..."
      Oder bei dir vorbei gefahren bin um nach dem Rechten zu sehen.
      "Das was du beschreibst, sind tatsächlich recht tiefgehende Illusionen. Und ich denke, es ist weise, wenn du nicht mitgehst. Ob nun eine Markierung dir anhaftet oder nicht, du bist eines der Opfer dieses Wahnsinnigen. Also ist es auch nur zu natürlich, wenn du dich fernhältst. Es wäre zumindest auch mein Wunsch..."
      Nach dem letzten Dritten Teil ihrer Geschichte, wirkte Ruairi etwas entspannter, auch wenn das Gehörte immer noch nicht schön war. Der Gedanke, dass Foremar dort war und er nicht, fraß ihn innerlich auf und dennoch versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen. Es war ihre Entscheidung und sie hatte das getan, was sie konnte. Sie waren ja nicht im Bett miteinander gewesen! Und welchen Anspruch hatte er schon?
      "Du bist nicht egoistisch, Ember", begann er schließlich nach einer kurzen Ruhepause. Mühsam stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. "Nur wenn man einmal nicht fragt, wie es einem geht, ist man noch kein schlechter Mensch. Wir alle sind zuweilen egoistisch und das ist auch gut und richtig so. Und dass du dich eben doch für andere interessierst, beweist das hier. Du erzählst es mir, obwohl du es nicht musst und es dir das Leben nicht einfacher macht. Das ist eine große Geste, die von allema nderen als Egoismus zeugt. Es waren Illusionen! Illusionen, die dazu gedacht waren, dich in den Wahnsinn zu treiben und schlimmeres. Und hey..."
      Das Kommende schmerzte ihn besonders.
      "Ich war nicht da und du hast Jemanden rufen können, der dir helfen konnte. Wie...Ich meine, also nur wenn du es mir sagen willst. Wie hat Foremar die Illusionen gelöst, wenn sie dir angehaftet haben? Reines Interesse."
      Bitte lass ihn sie nicht angefasst haben. Zumindest nicht mehr als notwendig.
      Herrgott, Ruairi wusste, dass er sich beinahe verriet, aber wer konnte ihm Gefühle dieser Art verdenken, wenn sie vor gefühlt einem Tag noch durch die Laken getollt und ihrer aufkeimenden...Ja, was war es eigentlich?, gefrönt hatten. Und jetzt...
      Innerlich fasste MacAllister einen finsteren Plan, ungeachtet seiner Mimik. Auch wenn es nicht gerecht war, aber es gab etwas, dessen er sich versichern musste. Und wenn es notwendig war, seinem erklärten Rivalen in die Augen zu treten, so würde er es tun.

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    • Wie erwartet stattete Ruairi den Rogue mit dem vollkommen richtigen Namen aus. Die Kälte, die dabei seine Worte begleitete, war ihr selbstverständlich nicht entgangen und sie hätte vieles dafür gegeben zu wissen, was er sich dabei dachte. Warum er es als nötig erachtete, solch eine Betonung in seine Worte legen zu müssen. Sie hatte sich Hilfe suchen müssen und das sollte doch sogar er einsehen können.
      Natürlich machte er sich Vorwürfe. Er hatte ihr immerhin versichert, dass ihr in seiner Anwesenheit nichts geschehen würde. Und nun war der Fall eingetreten, dass er nicht erreichbar gewesen war und ihr dennoch etwas widerfahren war. Diese Hilflosigkeit konnte Ember durchaus nachvollziehen, aber genauso gut hätte sie sich ihr eigenes Blatt ausspielen können. Hätte sie einfach nur nicht den Brief im Alleinsein geöffnet, wären einige Konsequenzen wohl ausgeblieben. Wegen ihrer Dummheit müsste sie sich eigentlich selbst ohrfeigen, denn überschätzen war in ihrer Lage und Position mehr als nur fatal. Es war letal.
      Ember konnte es ertragen, wenn man sie vorwurfsvoll ansah. Mahnend betrachtete oder allein mit Blicken maßregeln wollte. Aber als sich ein erzwungenes Lächeln in Ruairis Gesicht zeigte, wurde ihr doch wieder schwer ums Herz. Das waren die Kleinigkeiten, an denen sie dann doch zu knabbern hatte. Er sollte nicht denken, dass ein Lächeln sie oder ihn jetzt beruhigen würde.
      „Es war einfach ein blödes Timing mit deinem Handy und meiner Überheblichkeit“, fand die Detective endlich ihre Stimme wieder, die ebenso bröckelig wirkte wie seine Mimik. „Ich wusste nicht, dass die Illusionen haptisch werden können. Ich habe Angst gekriegt. Nicht vor dem, was ich gesehen habe sondern vor der Möglichkeit, nicht mehr unterscheiden zu können was ich mir und was anderen antun könnte.“
      Während ihres Gespräches hatte sie sich nun doch auf den Stuhl gleiten lassen und die Füße von sich gestreckt. Unruhig wippten sie von einer Seite zur anderen als sie den Blick hob und seinem begegnete. „Gar nicht. August hat sie nicht lösen können. Ich war zu dem Zeitpunkt schon so sehr der Panik verfallen, dass ich fast ihn angegriffen hätte, als er kam. Dann bin ich einfach eingeschlafen, keine Ahnung, was er genau gemacht hat. Allerdings weiß ich, dass er den Einfluss nicht hatte lösen können und mich zu jemanden brachte, der es kann.“ Sie schmunzelte schwach. „Ich hab doch gesagt, dass Noland mit einem Kind bei mir war. Der Junge hat es lösen können. Wie weiß ich nicht. Nur, dass er wohl Auren zersetzen kann oder so. Passend für Nolands Neffen, oder? Ach, der ist übrigens bei August untergekommen.“
      Ember seufzte eher genervt als erleichtert und ließ die Hände kraftlos in ihren Schoß sinken. Was würde Ruairi mit diesen Informationen wohl anstellen? Nicht nur, dass sie den genauen Aufenthaltsort von August kannte, sondern sie wusste auch, wo Noland abgestiegen und ein unregistrierter unberechenbarer Rogue abgetaucht waren. Wenn sie ihm jetzt noch erzählte, dass August noch drei Wochen lebte und mit einem anderen Arkana nach einem Weg aus dem Schlamassel suchte, würde sie sich vermutlich gleich die Kugel geben können.
      „Ich wollte dich anrufen. Ich habe es versucht. Ich wusste ganz genau, dass du niemals sowas zu mir sagen würdest. Aber es war grausam echt. Und ich wusste mir nicht anders zu helfen als so. Du wärst durch alle Hindernisse gegangen, wenn ich dich gerufen hätte. Das weiß ich schon...“
      Langsam erhob sich ihre rechte Hand und schob sich über die unglaubliche harte Oberfläche des Schreibtisches, hinüber zu dem Zauberer auf der anderen Seite. Er hatte sie vorhin überrumpelt, im falschen Mindset erwischt. Das war so nicht gewollt, er sollte nicht denken, dass sie ihn fürchtete. Oder das, zu dem er fähig war. Und langsam wurde ihr gewahr, dass es heikel werden könnte, wenn Caster und Arkana aufeinander treffen sollten. Womöglich sollte sie dann ganz schnell das Weite suchen, um nicht zwischen die Fronten zu geraten, die sich vielleicht in drei Wochen eh von selbst erledigt hätten. Wenn sie bis dahin keinen Weg fand.

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    • Auch wenn sich Ruairi alle Mühe gab, seine Mimik unter Kontrolle zu halten, so entglitt sie ihm immer wieder aufs Neue. Nicht aufgrund der Tatsache, dass sie ihm die Dinge erzählte, die sie beschäftigten oder versuchte, ihr Verhalten zu erklären. Es war eher die Tatsache, dass er wieder Mal nicht da war!
      "Illusionen", flüsterte er,e he er sich räusperte, um seiner Stimme Kraft zu verleihen. "Illusionen können haptische Eigenschaften entwickeln, wenn ein ausreichend talentierter Zauberer diese verkörpert. Zumeist bindet er die Aura an das Unterbewusstsein des Opfers und dieses füttert die Illusion. Je genauer die Vorwürfe in deiner Richtung also waren und je stofflicher die Illusionen sind, umso mehr Energie hat das Unterbewusstsein hinein gebuttert. Das zumindest ist das, was ich weiß und was die Forschung lehrt."
      Schweigsam lauschte er ihrer Erzählung und verzog hernach nicht einmal eine Miene. Die Worte berührten ihn auf eine Art und Weise, die der Zauberer nicht mal ansatzweise für möglich gehalten hätte. Wann hatte er zuletzt so etwas wie Eifersucht verspürt? Auf einen Arkana auch noch! Einen Rogue, einen verdammten...
      Nein, Rogues waren nicht alle schlecht, aber gerade musste er seinen Gedanken etwas Futter geben, damit er nicht in Selbstmitleid ertrank, während er Ember zuhörte. Wie gerne hätte er die zarte, warme Hand ergriffen, die über den Tisch geschoben wurde. Wie gerne mit den Fingern gespielt und ihr einen versichernden Kuss gegeben und doch...Etwas hielt ihn davon ab, als er ausatmete und seine Hand auf ihre legte. Schlussendlich und nach einer viel zu langen Zeit des Zögerns, dies sei gesagt. Doch ncihts glich dem verspielten, was sie sonst teilten. Er legte seine Handfläche auf ihren Handrücken und begrub die Hand unter seiner, als wollte er ihr keine Möglichkeit geben, nach ihm zu greifen. Obgleich er dies gar nicht wollte.
      Seine Gedanken rasten von ihrem Erzählten zu seinen Gefühlen und zurück, ehe er seufzte und den Kopf schüttelte.
      "Ich verstehe deine Situation", flüsterte er und nickte langsam. "Und ich mache dir keine Vorwürfe. Du hattest Panik und ich war nicht zuverlässig genug um da zu sein. Das ist nicht deine Schuld."
      Aber musste es Foremar sein? Ausgerechnet der?
      Auch wenn er die AUgenbrauen bei der Erzählung um den Jungen angehoben hatte, kam er erst jetzt darauf zurück, als er Ember ansah und ihrem Blick standhielt. Zumindest glaubte er das.
      "Dieser Junge...", begann er und fuhr sich erneut durchs Gesicht. Nicht verraten, dass du die Eifersucht in Person bist! Sie kann nichts dafür! "Er hat eine sehr gefährliche Fähigkeit wenn das stimmt, Ember. Du weißt, dass du ihn früher oder später melden muss, damit er überwacht werden kann. Und NOland ist auch bei ihm? Muss ein volles Haus sein..."
      Ruairi sah sie ruhig an und nahm nun ihre Hand in seine.
      "Ich...Ich bin froh, dass du keinen Schaden genommen hast", sagte er und sah sie ehrlich und offen an.
      Aber ich bin eifersüchtig wie ein Teenager und würde August am Liebsten den Schädel einschlagen, dachte er und versuchte sich nicht auszumalen, was in der Zeit geschehen war, die sie beisammen waren. Dieser Mann kannte keine sorgsamen Grenzen! Ein Tier unter Menschen!
      "Ich werde...Ich meine...Ich will nicht wieder etwas versprechen und es dann nicht halten, aber...Ember, wenn du mich brauchst, werde ich da sein. Mein Handy funktioniert wieder und ich überlege mir was, wie du mich erreichen kannst. Ich..."
      Ich bin eifersüchtig. Bitte gib mir doch eine Gewissheit.
      Sein ganzer Blick schrie diese Worte regelrecht hinaus und konnte es doch nicht in Worte fassen. Stattdessen küsste er wortlos ihren Handrücken und seufzte.
      "Sorry, ich bin nicht gut in sowas. Schätze, ich bin einfach überwältigt und froh, dass es dir gut geht. Und ich denke, ich schulde auch August irgendwann einen Dank. Denn trotz seiner Art und Weise hat er eine Frau gerettet, die mir viel bedeutet", sagte er und lächelte das erste Mal ein wenig leichter. "Wie kommst du klar in deiner Wohnung?"

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    • Die Aura an das Unterbewusstsein binden....
      Ja. Das konnte dieses widerliche kalte Gefühl erklären, das Ember überkam kaum hatte sie den Brief gelesen. Diese Welle an Andersartigkeit, die sich in jede Pore zu saugen schien und sich nicht mehr abschütteln ließ. Kein Wunder, dass August Schwierigkeiten damit gehabt hatte, ihr zu helfen. Wie sollte er etwas auflösen, das praktisch mit ihr verschmolzen war? Diese Erkenntnis sorgte allerdings dafür, dass sie Jasper unter einem anderen Licht nun wahrnahm. Er konnte in seinen jungen, ungelernten Jahren etwas, das August dazu veranlasst hatte, ihn um Hilfe zu bitten. Wahrscheinlich hätte der Junge sie schneller frittieren können, als man hätte Stoppsagen können.
      Ihre Gedanken schweiften ab als sie ihre Hand auf dem Tisch anstarrte. Üblicherweise hatte Ruairi binnen Sekunden jede Chance ausgereizt, mit ihr in Kontakt zu treten. Und hier lag ihre Hand nun einsam und verlassen auf dem Tisch und bettelte schier um seine Aufmerksamkeit. Es pochte in ihrer Brust und sie wusste, dass es nicht nur ihr gewöhnlicher Herzschlag war, den sie dort spürte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die definitiv länger als es gut war war, legte er seine Hand auf ihre und begrub sie regelrecht unter sich. Embers Aufmerksamkeit verschob sich, weg von Ruairis Worten und Gesicht hin zu der Hand. War das ein Sinnbild? Drückte er sie gerade absichtlich nieder, damit sie sich gewahr wurde, dass er der Stärkere von ihnen war und sie mit ihrer Dummheit nicht durchkommen würde? Sie konnte nicht einmal einen einzigen Finger bewegen und die nichtssagende Starre in ihrem Gesicht wich allmählich einem bestürzten Ausdruck. Bei seinen folgenden Worten reagierte sie nicht, irgendwann jedoch riss sie ihren Blick von den Händen am Tisch los und begegnete seinem Blick.
      „Ich weiß nicht, ob das seine Fähigkeit ist. Ich weiß nur, dass Noland es für wichtig erachtet hat, ihn von wo auch immer wegzuholen. Ich gehe davon aus, dass er unter dem Radar läuft. Und das, nach seinen Worten zu urteilen, wohl auch absichtlich. Er will seine Kräfte nicht“, erwiderte Ember darauf und wusste, dass man ihn eigentlich sehr wohl melden sollte. Aber sie brachte es nicht übers Herz. Nicht für ihretwillen oder seinetwillen. „Ich hab auch nicht erwartet, dass Noland wirklich noch bei ihm ist... Die Begegnung war... seltsam ausgefallen.“
      Seltsam war eine Untertreibung gewesen. Mehr als stumme Blicke hatten sie nicht austauschen können bevor sie wortwörtlich die Flucht ergriffen hatte. Das Gespräch stand eigentlich noch aus – sofern Noland dem auch zugeneigt war. Sonst verschwand der alte Mann einfach wieder im Untergrund. Mit oder ohne Jasper.
      „Du meinst wohl keinen langanhaltenden Schaden“, brachte sie trotz des Klumpen in ihrem Hals hervor und das Stechen wurde milder, als er ihre Hand doch endlich richtig in seine nahm. Wärme umspielte ihre Glieder und beinahe wäre ihr ein erleichtertes Seufzen herausgerutscht. Stattdessen beobachtete sie, wie er ihre Hand erneut in seiner deutlich Größeren verschwinden ließ, wenn auch in einer anderen Position. Das hatte er so bisher noch nie getan. Warum jetzt`? Warum dann, wenn sie ihm beichtete, dass sie ihrer Dummheit gefrönt und den Preis dafür bezahlt hatte?...
      Es geht nicht um Dummheit oder was geschehen ist. Es geht darum, dass er nicht derjenige war, der zur Stelle war sondern jemand anders.
      Embers Blick wurde eine Spur wacher, weniger gedrückt. Mit jedem weiteren Wort, das Ruairi verlor, schien ihr Verstand wieder in Gang zu kommen und zu verarbeiten, was hier gerade zwischen den Zeilen vor sich ging. Sie wusste, dass er viel für sie empfand. Jetzt damit konfrontiert zu werden, dass er in Zeiten der Not nicht greifbar war und sie in ihrer Lage einen anderenMann um Hilfe bat, war schlichtweg unerträglich für ihn. Es gab ein einziges Wort, das diesen Zustand beschrieb. Just in diesem Moment küsste er ihren Handrücken und der Blick, den er ihr zuwarf, war Bestätigung genug.
      „Sollte ich nochmal in meiner Dummheit brillieren, dann werde ich wieder versuchen, dich als Ersten zu erreichen. Das wird sich nicht ändern, auch nicht nach diesem Mal“, sagte sie sanft und war froh darüber, dieses Mal keine Lüge oder abgewandelte Wahrheit erzählen zu müssen. „Ich war ja erst eine Nacht wieder in meiner Wohnung. Das ist schon in Ordnung, ich hab das Chaos beseitigt und traumatisieren kann mich diese Kliniklandschaft schon nicht. Viel wichtiger ist, dass ich diesen Oliver Brown herschleppen lasse und ihm nachweisen kann, dass der Brief wirklich von ihm kam. Ich will wissen, wer hinter so einer perfiden Methode steckt und warum. Willst du dann mit oder meinst du, deine Leute reichen aus?“

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      Beide Varianten sind möglich. Der Verdächtige ist bereits ausfindig gemacht worden und wegen dringenden Tatverdacht in U-Haft zu bringen. Ruairi kann mitgehen, er kann aber auch nur seine Leute schicken. Das kann am selben Tag noch passieren.

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    • Ruairi blickte eine ganze Weile lang in Embers Augen und schien etwas zu suchen.
      Eine Art Heil, die er vermutlich nicht finden würde, auch wenn er arg lange suchte. Denn in diesen Augen stand geschrieben, dass sie die Zuneigung ihm gegenüber nicht vergessen hatte und doch quälte ihn die Einsicht, dass er nicht dort war in dieser Stunde. Und stattdessen dieser August...Dieser vermaledeite August seine Hände wieder nach ihr ausstrecken konnte.
      "Ich kann mir vorstellen, dass es seltsam war", flüsterte er. Und wie er das konnte! "Und ich meine keinen Schaden. Ich bin mir sicher, dass August dir nicht schaden wollte und zumindest diese Aufgabe ausreichend gut lösen konnte."
      Er spielte weiterhin mit ihrer Hand und versuchte, seine Wut und Eifersucht zu zügeln. Sie konnte nichts dafür. Er, Ruairi MacAllister, hatte es verbockt. Auf ganzer Linie. Und niemand sonst hatte daran Schuld.
      "Danke", flüsterte er nach ihrer Bestätigung, dass sie ihn als erstes zu kontaktieren versuchte.
      Und doch...Da stach etwas. Etwas dräuendes, dorniges, das seinen Weg in das Unterbewusstsein des Zauberers gefunden hatte. Etwas, das ihm riet, ihre Aura nach anderem abzusuchen. Augenscheinlich, um die Gefahr zu bannen, doch da war ein Gedanke, dem er nachgehen wollte, es aber nicht über sich brachte. Vielleicht auch aus EIgenschutz.
      Also hielt er seine suchende Aura zurück und lehnte sich zurück, ehe er ihre Hand losließ. Was blieb, war ein zarter Hauch von Zweifel, den er nicht besiegen konnte. Als sie aufs Dienstliche zurück kam, war er beinahe dankbar. Nur noch eine Frage mehr und er hätte alles zugeben müssen.
      Seufzend erhob er sich aus dem Stuhl und kam um den Tisch herum. Sachte legte er eine Hand auf ihre Schulter ab und grinste.
      "Ich gehe selbst. Ich nehme mir drei Mann mit und bringe dir diesen Brown. Nehme an, dass wir ihn recht schnell mit diesem Brief finden", grinste er und hielt den Brief wie ein Mahnmal hinauf. "Achte auf dich!"
      Sachte küsste er ihren Scheitel und machte sich mit grimmigem Gesicht auf den Weg.

      Drei Stunden später - Embers Büro

      Solomon Knight war nicht guter Stimmung.
      Ganz und gar nicht guter Stimmung. Der Tag hatte bereits schlecht begonnen. Mit einem kalten Kaffee und der Erkenntnis, dass er aufgewärmt nicht mehr gut schmeckte. Also war er schlechter Stimmung bereits in drei Mitarbeiter reingelaufen und hatte zwei von ihnen bis ins Mark verschreckt, ehe er an Embers Büro geklopft hatte.
      Auf keine Reaktion wartend, riss er die Tür auf und betrat sorgsam den Raum.
      "Ms Sallow", begrüßte er sie mit einem kalten Lächeln, ehe er die TÜr hinter sich ins Schloss fallen ließ. "Ich habe lange nicht die Zeit gefunden, mich Ihrer persönlich anzunehmen, daher dachte ich, ich schaue kurz vorbei, nicht wahr? Haben Sie sich gut eingelebt? Die Kollegen sind gut zu Ihnen?"
      Mit sorgsamen, drei Schritten betrat er ihr Heiligstes und faltete die Hände vor der Hüfte, ehe er sich interessiert umsah. Wirkliche Einrichtung fand sich hier nicht und das war Knight sympathisch. Er mochte kein Klimbim und unnötigen Tand. Das lenkte nur ab. Und Ablenkung wurde bestraft.
      Ruhig sah er Ember an, wie sie an ihrem Schreibtisch zugange war, ehe er sich räusperte.
      "Ich hoffe, es ist nicht zu vermessen, aber wie Sie sich denken können, habe ich leider einen akuten Grund, weshalb ich Sie aufsuche. Eigentlich sind es zwei Dinge."
      Sorgsam setzte er sich und schlug die Beine übereinander, ehe er mit seinem Auge die junge Frau fixierte.
      "Wir haben vor etwa zwei Stunden einen neuen Fall herein bekommen, den ich gerne Ihnen geben möchte. Ich würde gerne Mr MacAllister dort hinaus halten, da dieser Fall durchaus eine gewisse Bewandtnis besitzt und ich fürchte, dass diese Bombe sehr schnell in die falsche Richtung ausarten kann.
      Der Sohn des Premierministers ist gestern tot aufgefunden worden."
      Knight machte eine kurze Schaffenspause und atmete durch.
      "Wie Sie sich denken können, unterliegt dies alles absoluter Geheimhaltung. Man dachte zunächst, der Junge starb durch einen Drogencocktail, aber es ist eher wahrscheinlich, dass etwas anderes seinen plötzlichen Tod herbei geführt hat."
      Sorgsam reichte er eine schmale Mappe über den Tisch, aus dem Fotos lugten.
      "Sobald Ihr Fall hier beendet ist, möchte ich Sie bitten, sich dieses Falles anzunehmen. Und halten Sie mich bitte auf dem Laufenden. Fragen, Sallow?"

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      Die Fotos zeigen eine schwer verstümmelte Leiche. Ein Arm und ein Bein wurden ausgerissen und das Gesicht zeigt den puren Schrecken. Die Wunden sehen sauber aus, als wären die Arme schlicht abgefallen wie reife Früchte. Unter dem Bild steht der Name "James Cunningham, Geboren 17.08.2001". Das Bild ist datiert auf den gestrigen Tag und mit der Ortskennung "Croydon" versehen.

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      The more you drag me to hell
    • Mit weniger geplagtem Blick folgte Ember Ruairis Bewegung, als sich dieser erhob und um den Tisch herum pirschte. Die Hand, die er ihr auf ihre Schulter legte, trug endlich wieder etwas mehr von der Nähe zwischen ihnen, die sie vorhin so rigoros unterbunden hatte. Sofort wurde ihre Mimik weich und deutlich wärmer als den gesamten Tag zuvor.
      „Tu mir den Gefallen und lass den Kerl ganz. Wenn er das wirklich war, dann will ich als Opfer meinem Peiniger wenigstens gegenüberstehen“, erwiderte sie mit einem glücklicheren Tonfall als vorher. „Lass deinen Frust nicht an solchen aus...“
      Damit folgte auch sie ihm aus seinem Büro und verschwand wieder in ihrem eigenen, um alle Formalitäten zu klären bevor Oliver Brown vorgeführt würde. Denn Ember war sich vollkommen sicher, dass Ruairi nicht mit leeren Händen zurückkommen würde.

      Drei Stunden später

      Sorgfältig prüfte Ember jede Unterlage, jedes Protokoll und jedes Indiz. Sie wollte das Verhör wasserfest haben und dafür Sorge tragen, dass die sinnlosen Morde endlich ein Ende hatten. Danach konnte sie sich ihrem nächsten Baustein widmen und das wäre hilfreich, um den Kopf aus der Schlinge zu bekommen, die ein gewisser Richter stetig enger zog.
      Als es an ihrer Tür klopfte, rechnete sie bereits fest damit, dass Ruairi dort stand und ihr grinsend verriet, dass unten in einer Zelle Mr. Brown auf sie warten würde. Da sich ohne Verzögerung die Tür öffnete und Knight eintrat, änderte sich Embers lockere Haltung schlagartig. Genauso schlagartig wie ihr die Ratschläge wieder bewusst wurden, sich vor diesem Mann in Acht zu nehmen. Seit ihrer letzten Begegnung hatte sie hinzugelernt und anstatt sich defensiv und devot zu geben ging sie nach vorn. Kontrolliert erhob sie sich hinter ihrem Schreibtisch und nickte dem Mann zu. „Commissioner. Wir sind alle zur Zeit mit zu wenig Zeit ausgestattet, wie es scheint. Aber ja, ich habe mich mit meinem neuen Büro angefreundet und ich denke, die Kollegen sehen es ähnlich. Danke der Nachfrage.“
      Sie sah bereits innerhalb der ersten zwei Sekunden, dass sein Lächeln seine Augen nicht erreichte. Er hatte schlechte Laune, warum auch immer, und das strahlte er regelrecht aus. Ob es daran lag, dass sich das Training mit Perley schon bezahlt machte, wusste sie nicht. Dafür war ihr jedoch klar, dass sie ihm mit ähnlich starker Präsenz zumindest die Stirn bieten können würde. Abwartend ließ sie ihn ihr spärlich und eher praktisch eingerichtetes Büro bewundern ehe sich seine Aufmerksamkeit wieder ganz auf sie richtete.
      „Sie hätten mich in Ihr Büro zitieren können, richtig. Demnach wir der akute Grund vermutlich auch nichts Minderwertiges sein“, schlussfolgerte sie aus seinen Worten und Taten während sie ihm den Stuhl anbot und sich zeitgleich mit ihm setzte. Dabei war ihr Haltung gerade, nicht steif und auch nicht so lässig, wie sie es sonst manchmal getan hätte. Ihre volle Konzentration lag auf dem Commissioner vor ihr, der ihr noch keine Akte vorlegte, aber mit Worten erklärte, worum es ging. Als es hieß, dass man Ruairi heraushalten sollte, rechnete sie direkt mit einem größeren Kaliber á la randalierenden Arkana, doch die folgende Erhellung ließ ihre Augenbrauen zusammenfahren. Es war brisant, dass der Sohn des Premier ermordet worden war, aber wieso sollte man den besten S-Klasse Caster aus diesem klar magischen Falle heraushalten?
      Erst da schob Knight Ember eine schmale Mappe über den Tisch. Mit einem kurzen Blick bedachte sie ihren Vorgesetzten, dann schlug sie die Mappe auf und ihr Blick fiel direkt auf das erste Bild des Opfers obenauf. Wie vermutet war das definitiv ein Fall für die Magische und nicht ihr Bereich. Die Erklärung hierfür wäre spannend.
      „Mit etwas Glück hab ich den Mörder im Laufe des Tages aus meinem Fall, ja. Dann schaue ich mir das hier an. Es erklärt sich mir nur nicht ganz, warum MacAllister nicht involviert werden soll. Das hier ist klar magischen Einflüssen zu zuordnen und ist eher ein Fall für die Magische. Wenn Sie mir den Fall auftragen werde ich mich selbstverständlich darum kümmern, aber etwas irritiert bin ich dennoch.“
      Erneut ließ sie ihren Blick über das Bild wandern. Magische Verletzungen oder Amputationen waren ihr nicht unbekannt. Trotzdem beschlich sie ein ungutes Gefühl. Die Wunden waren keinen Schnittverletzungen zu zuschreiben. Auch Rissverletzungen schien nicht logisch. Wenn sie es nicht besser wüsste, dann sah es so aus, als wäre der Junge mit etwas in Berührung gekommen, dass entweder Wasser, Zeit oder das Leben selbst absorbierte. Darunter stand der Name des Opfers und sein Geburtsdatum. Kurz blieb Ember ein Atemzug in ihrem Hals stecken, dann ging er wie gewohnt seines Weges.
      „Ist das ein Zufall, dass das Opfer verwandt ist mit der vorherigen Leitung der Magischen?“, fragte Ember leise. „Oder ist es einfach nur ein blöder... Zufall, dass er der Sohn des Premier ist? Wie haben Sie es eigentlich geschafft, dass die Medien völlig blind sind? Normalerweise sickert immer irgendein Gerücht durch.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Solomon Knight beobachtete ihre Reaktion haargenau.
      Es war kein Geheimnis, dass die Detective unter den Kollegen als versiert und fähig galt. Mindestens genauso wie man sie als kratzbürstig oder gar kalt beschrieb. Nichts von alledem erschien ihm jedoch passend, als er ihr ins Gesicht starrte und ihre Worte zur Kenntnis nahm. Immerhin hatte sie genügend Mumm, um nicht zu kuschen. Das hätte ihn weitaus mehr aufgeregt als eine Kaffeetasse mit zu kaltem Gebräu.
      Er fuhr sich mit den schmierigen Fingern durch das Barthaar und seufzte schwer, ehe er den Kopf schüttelte.
      "Mitnichten ist es ein Zufall, Ms Sallow", sagte er mit fester Stimme. "James Cunningham war der Neffe Ihrer vorherigen Leitung. Der Bruder der verstorbenen Julia Cunningham ist unser derzeitiger Premier wie Sie wissen sollten. Ein Umstand, den ich nicht mag, aber wir werden ihn nehmen müssen. James fiel über seine bisherige Zeit zumeist mit kleineren Alkohol- und Drogenexzessen auf, aber ebenso waren diese zumeist nicht wirklich erheblich. Kleinere Gefängnisstrafen, die vertuscht wurden. Dieses jedoch..."
      Er wies mit dem Kinn auf die Fotos und atmete durch. Das Gesicht des Jungen stand ihm noch immer vor dem inneren Auge. "Dieses hier ist eine Nummer größer."
      Er hatte gewusst, dass ihre Frage MacAllister beinhalten würde. Es war nicht verwunderlich, dass sie nach ihm fragte und auch wissen wollte, weshalb er nicht involviert werden sollte. Und freilich, wenn Knight die Wahl gehabt hätte, so wäre er diesen Weg gegangen. Doch manchmal zwangen einen die Umstände zu etwas anderen Pfaden.
      Solomon nickte und überlegte seine nächsten Worte wohl.
      "Ich möchte, dass das Folgende hier in diesem Zimmer bleibt", begann er verräterisch und sah sich sogar nach beiden Seiten um. Als erwarte er Augen in den Räumen.
      "Wir haben Ruairi MacAllister gestern beschatten lassen von unseren besten Tarnungszauberern. Gestern morgen bekam ich einen anonymen Hinweis, dass Mr MacAllister offenbar einer Art Guerillatruppe der Rogues angehören soll. Vielmehr gab der Tippgeber zu erkennen, dass MacAllister selbst mit hinter den Anschlägen von vor zwei Tagen steckt. Sie erinnern sich? Die Roguefamilie des Richters?"
      Knight blickte in ihre AUgen. Blicken traf es nicht ganz, er fraß sich regelrecht fest mit seinem einen Auge. ALs würde er alles aus ihr herauspressen wollen, was er fand.
      "Ich habe daraufhin eine Art Überwachung veranlasst, jedoch vermochte sich Mr MacAllister aus allen Überwachungsmaßnahmen herauszuwinden, wie es mir scheint. Gestern jedoch..."
      Ein weiteres Foto wanderte über den Tisch.
      Es zeigte Ruairi mit einer Frau, die Ember gut kennen mochte. Sie glichen sich beide wie ein Ei dem Anderen.
      "Wurde er mit Siobhan MacAllister in Kensington gesehen", fuhr Knight fort. "Passanten berichteten, sie hätten gestritten, wären aber dann zusammen in einer Gasse verschwunden. Ms MacAllister steht ebenso im Verdacht wie leider auch Ruairi. Daher geht der Fall an Sie. Es gilt hier einen Kollegen von seiner Schuld zu befreien oder aber zu verifizieren."

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    • Auf den ersten Hörer hin konnte Ember keinen triftigen Grund nennen, dass es speziell ein Angehöriger der Cunninghams sein musste, der sein Leben zu lassen hatte. Eher ging sie mit der Theorie, dass es schlichtweg ein Opfer sein musste, das Verbindung zu hohen Tieren der Politik hatte. Ein Mahnmal. Ein Zeichen. So wie vielleicht auch Tallburn ein Zeichen hätte sein können. Ein weiteres Mal begutachtete Ember das Tatortbild und das Gesicht des Jungen. Dass der Horror auf dem Gesicht der Leiche noch zu sehen war, sprach in der Regel für die Brutalität des Täters. Was auch immer der Junge gesehen hatte, würde ihn bis in sein Nachleben verfolgen. Er war stummer Zeuge von Etwas, dem sie alle wohl nicht begegnen wollten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen empfand Ember kein Mitgefühl für die Opfer. Das ließ sie erst zu, wenn der Fall abgeschlossen war. Zu früh Empathie zu beweisen behinderte ihre Arbeit nur, das hatte sie damals überdeutlich bei Emily zu spüren bekommen.
      Dann verlangte Knight nach Vertraulichkeit. In der Regel war dies nichts ungewöhnliches, dass er sie aber in Bezug auf ihre Frage nach Ruairi verlangte bedeutete, dass er in diesen Fall bereits stärker involviert war, als es gut wäre. Allerdings hätte sie einen anderen Ansatz verfolgt als jener, den Knight ihr nun vorlegte. Sofort trafen ihre Augen aufeinander und es entbrannte ein Blickduell zwischen der Ermittlerin und dem Commissioner.
      Ember war nicht allzu naiv. Vielmehr misstraute sie allem mehr als manchmal gut war. Allerdings besaß sie offenbar Hintergrundwissen, das dem Commissioner fehlte. Sie war sich mit jeder einzelnen Zelle sicher, dass Ruairi nicht hinter dem Anschlag steckte. Dagegen sprach die Art, die er ihr gezeigt hatte als der Vorfall ans Licht kam. Und was noch viel wichtiger war: Sie waren die betreffende Nacht davor zusammen gewesen. Er hatte durch sie ein Alibi und das wusste Knight scheinbar nicht. Also nickte Ember langsam während der Commissioner sie niederstarrte und ganz offensichtlich nach etwas in ihrem Blick suchte, das mehr verriet. Diese Genugtuung würde sie ihm sicherlich nicht geben und so ließ sie die Kälte und Entschlossenheit, die sie am Vorabend bei Perley zur Schau gestellt hatte, die Farbe ihrer Augen bestimmen.
      „Sie lassen Ihren eigenen besten Mann überwachen, den Sie selbst in dieses Präsidium auf diese Stelle gesetzt haben?“, fasste sie kurzerhand noch einmal zusammen, was bisher aus den Worten zu filtern gewesen war. Wie war es möglich, dass noch nicht zur Sprache gekommen war, dass sie Beide eine Affäre hatten? Hatte Ruairi permanent dafür gesorgt, dass sie aus der Realität entschwanden? War er ständig auf Alarmstellung gewesen, wenn er mit ihr zusammen gewesen war?
      Unaufgefordert wanderte ein neues Foto über den Tisch und wechselte den Besitzer. Dieses Mal jedoch musste Ember härter darum kämpfen, dass man rein gar nichts in ihrer Mimik ablesen konnte, als sie zweifellos Siobhan mit ihrem Bruder auf dem Foto erkannte. Es war erstaunlich gut aufgenommen und es müsste schon jemand sehr talentiertes dran gewesen sein, um es zu faken.
      Kontrolliert atmete Ember einmal tief durch. „Normalerweise würde ich behaupten, dass es rein gar nichts Schlimmes hat, wenn sich zwei Geschwister auf offener Straße treffen. Und ehrlich gesagt finde ich Streit zwischen Geschwistern auch nicht unnormal. Mein Bruder und ich kriegen uns auch regelmäßig in die Haare.“ Allerdings waren die Sallows auch nur Menschen und keine S-Klasse Zauberer. „Sie vermuten also, dass sich die Beiden zusammen auf die Jagd gemacht haben und James getötet haben? Soweit ich weiß dürfte James als Caster registriert sein, wenn er wie Julia magisch befähigt war. Ich glaube nicht, dass eine ominöse Gruppierung hinter einem Caster her sind, der noch nicht einmal ein Amt bekleidet. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, direkt nach einer Führungsperson zu trachten? Gerade wenn man in Betracht zieht, zu was die MacAllister Zwillinge fähig sind?“
      Knight würde nicht einen kleinen Fitzel von ihr bekommen, der darauf deutete, dass Siobhan die Welt war. Dass Ruairi sich deswegen mit ihr in den Haaren hatte. Aber das war deutlich vor dem gestrigen Vorfall gewesen. Ergo hatte Ruairi den Kontakt zu seiner Schwester ein weiteres Mal gesucht und Ember nichts davon gesagt. Und dann war da noch die Frage mit dem Tippgeber. Irgendwer hatte den Caster scheinbar auf dem Schirm.
      „Ich sehe, was ich tun kann“, konkludierte sie schließlich und ließ die Mappe in ihrem Schreibtisch verschwinden. „Nachdem ich meinen Täter gefunden habe.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Knight sah sie eine Weile an und seufzte schgwer, ehe er sich zurücklehnte, sodass der Stuhl leicht knarzte.
      Auf seinem Gesicht stand eine süffisante Note, konnte man meinen, ehe sich seine Augenbraue ernst zusammenzog und er den Kopf schüttelte, sodass das längere Haar leicht im Gegenwind wehte. Dem schmal geschnittenen Anzug, den er trug wirkte beinahe unter Spannung als er einatmete, um auf ihre Fragen zu antworten.
      "Ich lasse den Mann bewachen, der mit seinen Fähigkeiten eine nationale Gefahr sein könnte, ja", nickte er und brach den Blickkontakt mit der Detective. "Und glauben Sie nicht, dass ich mich wohl dabei fühle. Aber die Indizienlast ist beinahe erdrückend."
      Hinsichtlich ihrer Ausführung musste er sie kurz unterbrechen.
      "Sie missverstehen da etwas, Ms Sallow", begann er. "Das Problem an diesem Mord ist nicht die Tatsache der Identität des Opfers. Mit Sicherheit ist es kritisch, den Sohn eines Staatenführers zu töten, aber dies ist nur ein Opfer unter Vielen, wenn ich es einmal so sagen darf. Das Problem ist die simple Tatsache, dass Mr Cunningham kein Zauberer war. Weder Rogue noch Caster. Er war ein einfacher Mensch, der offenbar von einem Zauberer getötet wurde und selbst Sie müssten erkennen, dass dies eine beängstigende Parallele zu den bisherigen Morden an der Roguefamilie trägt."
      Knight erhob sich mit einem kurzen Schlag auf die Knie und schob den Stuhl geräuschvoll zurück.
      "Das Problem an dieser ganzen Sache ist die Tragweite dieses Mordes. Mr Cunningham ist einer von Vielen, aber nun ist es ein Mord von einem Zauberer an einem Menschen. Einem hilflosen Mann, der offenbar grausam verstümmelt wurde. Ich kann die Presse noch eine, vielleicht zwei Wochen hinhalten, aber sobald es öffentlich wird, werden sich auch die Feindesparteien bewegen und ihre Schritte planen. Und wenn wir bis dahin nicht Handfestes haben, fürchte ich, dass wir auf einen Bürgerkrieg zu laufen", verkündete der Commissioner und stopfte die Hände in die Hosentaschen.
      "Glauben Sie nicht, dass es mir gefällt, MacAllister überwachen zu lassen", sagte er schlussendlich. "Ich finde es zum Kotzen, dass ich das tun muss. Aber es ist die einzige Chance, diesem Chaos Herr zu werden."
      Mit diesen Worten ließ er sie grübeln und nahm ihre Zusage an.
      Als Knight die Tür hinter sich schloss, atmete er durch und sah den Korridor hinauf. Er wirkte beinahe erleichtert, endlich aus dem Büro heraus zu sein und war dankbar, dass man die silberne Pistole nicht gesehen hatte, die er unter der Jacke trug. Wer konnte denn schon wissen, wann man sie brauchte.

      Weitere 2 Stunden später - PD

      Ruairi freute sich.
      Es hatte länger gedauert als gedacht, Oliver Brown in all dem Chaos zu finden, dass er zu hinterlassen wusste. Doch mit ein paar Passanteninformationen und Nachbarschaftsfeindschaften wurden sie recht schnell auf eine Wohnung in der Stadt aufmerksam. Beim Betreten des Treppenhauses hatte seine Eingriffstruppe recht schnell verifizieren können, dass es sich um Browns Wohnung handelte. Alleine anhand der Aura, die emittiert wurde.
      Der Zugriff selbst gestaltete sich als recht unspektakulär, sodass sie zeitig zum PD zurückkehren konnten. Während Piper und ein weiterer Mitarbeiter den Verdächtigen in die Verhörräume brachte, war Ruairi nach oben geflizt und hatte an Embers Büro geklopft.
      "Hey!"; sagte er fröhlich und grinste breit. "Alles in Ordnung? Ich hab deinen Verdächtigen unten!"

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    • Embers Blick blieb starr auf ihren Vorgesetzten gerichtet. Es gab ab diesem Zeitpunkt zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Knight Ruairi erst beschatten lassen, nachdem diese Vorfälle geschehen waren und ein gewisses Misstrauen geweckt worden war oder er hatte es schon länger getan und niemanden etwas darüber verraten. Träfe Ersteres zu, widerspräche es direkt seinem Argument, eine potenzielle Gefahr von nationalem Level zu überwachen. Denn dann müsste er auch längst Siobhan beschatten lassen und das stand nun völligst außer Frage. Viel spannender war da dann der Punkt, dass der Commissioner nicht nur bei Ruairi, sondern auch bei seiner Schwester von einer Verbindung zu Rogues wissen wollte. Einer Verbindung, von der nicht mal ihr eigener Bruder etwas wusste. Auch hier war die Frage: Wahrheit oder Lüge? Der Mann war schwieriger zu lesen als alle anderen.
      Als Knight Ember jedoch unterbrach und klarstellte, worin das eigentliche Problem lag, wanderten ihre Augenbrauen unweigerlich in die Höhe. Ein Mensch war James Cunnigham gewesen. Kein Zauberer und somit genau das, was es brauchte, damit die Menschen auf die Barrikaden gingen. Es war eine Sache, wenn Rogues starben. Eine andere, wenn Menschen es durch Zaubererhände taten. Was allerdings wirklich die Farbe aus ihrem Gesicht trieb war die Erkenntnis, dass sie beinahe die gleiche Rolle eingenommen hatte. Und die Tatsache, dass das erste Opfer in ihrem Fall auch ein Mensch gewesen war, getötet durch die Hände eines Rogues. Wieso war der Fall nicht dermaßen zerrissen worden? Die Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt längst alarmiert gewesen...
      Was jedoch noch schlimmer war, war der Punkt, dass ein Vorgesetzter, der seinen Mitarbeitern misstraute, auch ihr misstrauen würde. Knight würde keine umfassenden Vorsichtsmaßnahmen ihr gegenüber treffen so wie er es bei Ruairi, einer echten Gefahr, tat. Aber wer konnte ihr versichern, dass Knight nicht auch sie überwachen ließ? Sie als etwas einstufte, das man als Gefahr für was auch immer einordnen konnte?
      Als sich Knight verabschiedete, war Embers Blick mehr als nur unterkühlt auf die sich schließende Tür gerichtet. Plötzlich ergab es umso mehr Sinn, dass man sie vor diesem Mann gewarnt hatte und ihr Misstrauen ihm gegenüber erreichte neue Höhen. Wie sie vermutet hatte würde sie ihm nichts anvertrauen, was auch nur in irgendeiner Weise pikant sein könnte. Wie beispielsweise Jasper oder den Aufenthaltsort von Noland oder das Wissen um die Welt. Wenn Knight also wusste, was sie des Nachts so trieb – welchen Grund hatte er, um sie unbehelligt laufen zu lassen?

      Weitere zwei Stunden später

      Zwei Stunden hatten nicht ausgereicht, als dass Ember sich aus ihren Gedanken losreißen konnte. Ohne es zu wollen hatte sie damit begonnen, jede Ecke ihres Büros schief anzusehen, so als befände sich dort eine versteckte Kamera. Paranoid konnte man leicht werden und da war es eine willkommene Abwechslung Ruairis frohlockendes Gesicht in der Tür zu entdecken, die er strahlend aufzog. Auf seine Nachfrage hin verbog sich Ember, um so zumindest ein bisschen hinter Ruairi in den Flur zu spähen. Sie nutzte keine Worte, dafür aber ihre Mimik um ihm zu bedeuten, dass etwas vorgefallen war.
      „Würde ich dir in einer ruhigen Minute mal erzählen. Ihr habt ihn tatsächlich in einem Stück? Und er lebt noch?“
      Irgendwie hatte sie damit gerechnet, dass es ein größerer Akt würde, den Kerl zu fassen. Solch ein Terrorist sollte doch entsprechen aufbegehren. Doch während Ember zusammen mit Ruairi die Treppen ins Erdgeschoss zu den Verhörräumen nahm und er ihr berichtete, wie es vonstatten gegangen war, staunte sie nicht schlecht. Oliver Brown war ein völlig durchschnittlicher Mann Mitte Vierzig. Er hatte nicht einen Funken Widerstand geleistet, als man ihn abführen wollte und hatte nicht einmal besonders viel gesagt. Völlig entgegen dem, was sie angenommen hatte.
      Als sie beide das Verhörzimmer 2 betraten, fanden sie Oliver Brown mit einem Pappbecher mit Wasser in der Hand am Tisch vor. Man hatte ihm antimagische Fesseln angelegt, die seinen Aurenfluss störten. Trotzdem kam Ember nicht drum herum, den Mann sprachlos anzustarren. Er war eine hagere Gestalt, das Gesicht eingefallen und die dunklen, langen Haare hingen ihm fettig ums Gesicht, so als habe er sie tagelang nicht mehr gewaschen. Die Augen waren gerötet, die Brille mit den großen Gläsern vergrößerten sie nur noch weiter. Ein Stoppelbart krönte den Abschluss und sein Blick wirkte seltsam starr als er zuerst Ruairi feindselig anstarrte und dann zu Ember sah. Als sich ihre Blicke trafen, weitete sich sein Blick und er stellte in Zeitlupe den Becher ab.
      Indes verschränkte Ember die Arme vor der Brust. Hinsetzen stand nun außer Frage. Dieses Würmchen hatte versucht, sie umzubringen? War der Mörder von zwei unschuldigen Menschen?
      „Wie Sie sehen hat Ihr Versuch nicht geklappt“, brach Ember die Stille nach einem Moment, als Ruairi die Tür geschlossen hatte. „Kein schlechter Versuch. Leider kenne ich nur die richtigen Leute.“
      „Es gibt niemanden bei der Polizei, der es hätte lösen können. Wie?“ Seine Stimme war leise und wirkte brüchig, wenn auch entschlossen. Eine seltsame Kombination. „Ich habe es vorher geprüft.“
      „Offensichtlich kann man nicht immer alles prüfen. Aber immerhin geben Sie damit zu, dass der Brief von Ihnen ist.“
      „Wieso sollte ich es leugnen? Ich stehe zu meiner Überzeugung und Fähigkeiten. Ich habe Ihren Kollegen schon gesagt, dass ich ungefährlich bin solange sie nichts von mir lesen.“ Er schob den Becher mit einem Finger von sich weg und wirkte fast ein wenig beleidigt.
      „Ungefährlich würde ich nicht nennen, was Sie können“, meinte Ember nüchtern und tippte sich an ihre Schläfe. „Sie haben geschafft, dass sich Tallburn selbst richtet und ein Zivilist sich erhängt. Wie genau haben Sie das angestellt?“ Embers Blick fiel auf einen Zipbeutel auf dem Tisch. Darin befanden sich Briefpapiere und ein seltsam wirkender Füller aus mattschwarzem Material. „Damit haben Sie's geschrieben?“
      Oliver nickte. „Das Artefakt habe ich vor Jahren auf dem Schwarzmarkt besorgt. Meine Magie lässt die Ängste und Befürchtungen von Menschen beinahe real werden. Das geht allerdings nur über entsprechend aufgesetzte Schriftstücke. Sie haben den Brief komplett gelesen, richtig? Hätten Sie den Abschluss nicht gelesen, dann wäre Ihnen rein gar nichts widerfahren. Aber in der Regel lesen Menschen ihre Briefe von Anfang bis Ende, wenn es keine Werbung ist. Muss man nur ausnutzen.“
      Ein abfälliges Geräusch entkam Ember bevor sie es zurückhalten konnte. Er berichtete so banal davon, wie er Menschen systematisch und gezielt tötete. Wohl bewusst, dass es nur wenige gab, die diesen Einfluss lösen konnten. „Wonach haben Sie ihre Ziele ausgewählt?“
      Da sah er einen kurzen Moment zu Ruairi hinüber ehe er seinen Blick auf Ember richtete. Seine Augen wanderten über ihren Körper hinweg und sie hätte ihn beinahe ermahnt, es zu unterlassen. „Der Erste war bloß eine Übung. Er hat sie nach ihrer Trennung gestalked und das nicht zu wenig. Sie hat im Netz ein paar persönliche Daten zu ihm preisgegeben und dann war es ein leichtes, ihn auszuschalten. Als es funktioniert hat und ich die Todesanzeige gelesen habe, konnte ich zu größeren Zielen wechseln. Und ganz ehrlich, was hat sich diese Tallburn eigentlich eingebildet? Wie kann sie darauf plädieren, die Arkana wegen einer Aktion enger in die Gesellschaft zu etablieren? Das ist völliger Wahnsinn! Wir gehören einfach nicht in eine gleichberechtigte Gesellschaft, ihr Nichtmagischen und wir sind von der Evolution auf eine völlig andere Stufe gestellt worden! Es hätte nie -“
      „Ihnen ist klar, was Sie mit Ihrer Aktion bewirken?“, schnitt Ember ihm hart das Wort ab und die Kälte war aus ihrer Stimme nicht mehr wegzuhören. Sie hasste diesen Mann nicht, aber die Abneigung gegenüber dem, was er getan hatte, war unübersehbar. Eine gewisse mentale Einstellung legte sich an den Tag und ähnelte frappierend dem, mit dem sie Perley beim Training begegnet war. „Sie haben nicht nur eine hochrangige Politikerin getötet, Sie haben auch noch einen Menschen als Rogue umgebracht. Sie hätten beinahe mich umgebracht nachdem die Bevölkerung weiß, dass ich am Fall ermittle. Wenn rauskommt, dass ein Rogue einen Menschen und dazu noch eine Polizistin auf dem Gewissen hat, haben Sie einen Aufstand provoziert.“
      Da zuckte Oliver einfach nur träge mit den Schultern, als sei dies nicht die Welt. Lässig lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete das ungleiche Paar. „Schon spannend, wie Sie hier einfach so zusammen arbeiten können. Sind Sie beide noch nicht an dem Punkt angekommen, dass Sie dem jeweils anderen einmal misstraut haben und nicht wussten, wieso das so ist? Haben Sie einen Augenblick lang einen Gedanken daran verschwendet?“
      Embers Kiefermuskeln mahlten. Vor sich hatte sie einen ausgewachsenen Psychopathen sitzen, unfähig auch nur irgendwelche Empathie zu empfinden. Er hatte gestanden, die Morde begangen zu haben. Ihnen erklärt, wie es funktionierte. Das Tonband, das die ganze zeit mitgelaufen war, hatte dieses Geständnis lückenlos aufgezeichnet. Sie hatten alles, was sie brauchten, um eine Anklage problemlos durchzubekommen.
      „Immerhin sind Sie geständig und können den Rest Ihres Lebens im Knast verbringen“, murrte Ember und nickte zu Ruairi als Zeichen, dass sie gehen würden. Mehr gab es hier nicht zu holen. Damit war die Akte geschlossen.
      Draußen vor dem Zimmer holte Ember einmal tief Luft. Sachte schüttelte sie den Kopf ehe sie zu Ruairi blickte. „Ich glaube, ich brauch darauf erst mal einen Kaffee. Und dann sollten wir in unserer Freizeit über eine Kleinigkeit reden, die mir Kopfschmerzen bereitet. Später.“
      Damit setzten sich die beiden Leiter in Bewegung auf die Jagd nach dem Koffeinkick und um die Unterlagen für die Anklage einzureichen.

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      Ember wird Ruairi erzählen, dass Knight ihn überwacht. Wenn sie sicher ist, dass sie nicht überhört werden können. Sie erwähnt nichts von der Verdächtigung wegen eines Roguekreises oder den Tod James Cunninghams. Sie erklärt es damit, dass er ihn als potenzielle Gefahr ansieht angesichts der aktuellen Entwicklungen mit den Aufständen. Außerdem, dass er ihr einen Besuch in ihrem Büro abgestattet hatte und sie den Rat zu Herzen genommen hat, ihm zu misstrauen. Außerdem fragt sie ihn, ob er in der letzten Nacht wirklich mit Siobhan zusammen war oder ob das vorgelegte Foto ein Fake war.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ruairi lächelte kurz und verfolgte das Verhör in dem Raum beinahe teilnahmslos passiv.
      Wie sollte er auch anders reagieren? Es war Embers Fall und es fühlte sich falsch an, dort einzugreifen, wo sie selbst am Sichersten erschien.
      Schweigsam lauschte er dem Geständnis des merkwürdigen Mannes, den er unvoreingenommen als Psychopathen einschätzen konnte. Es stand keinerlei Empathie dem entgegen, womit Ember ihn konfrontierte und würde vermutlich nicht mal auftauchen, wenn man es ihm ins Gesicht prügelte.
      Schweigsam lauschte er der letzten Frage des Psychopathen und schüttelte umgehend den Kopf. "Nicht einmal", murmelte Ruairi und lächelte den Mann entschieden an.
      Auch wenn er sich wunderte, dass Ember nicht bestätigte, was er getan hatte. Wieso? War sie vielleicht anderer Meinung?
      Eine kurze Zeit später sollte Ruairi MacAllister erfahren, weshalb sie derartig reagiert hatte. Als sie den Raum verließen und Embers Trieb nach Koffein befriedigt hatten, hatten sie das PD verlassen. Auf besonderen Wunsch nach Ruhe hin, hatten sie den Weg in den nahen Park eingeschlagen und Ruairi hatte sich vergewissert, dass sie unbeobachtet und unbelauscht waren.
      Erst danach lauschte er Embers Worten mit wachsender Sorge und gleichsamer Gefühlsaufwallung seinerseits. Die Tatsache, dass der Commissioner ihm offenbar nicht traute, war eine Sache. Aber eine ganz andere, dass er Ember mit hinein gezogen hatte und sie nun an ihm zu zweifeln schien.
      Das hieß: Tat sie das eigentlich? Sie fragte ihn doch nur...War eine Frage ein Misstrauen? Eindeutig ja, dachte Ruairi und seufzte, als sie ihren Bericht geendet hatte.
      "Das ist...Also ich meine...Das ist der Hammer, Ember", murmelte Ruairi. "Weshalb sollte ich eine Gefahr sein? Ich meine, ich kläre Verbrechen auf und ich-"
      Bei der Vorlage des Fotos musste er stutzen und endete seinen Satz mit einem kurzen Schnappatmer. Und mit einem Mal stand eine Erkenntnis in seinem Gesicht, die ihn schmerzte. Es war tatsächlich Misstrauen, oder?. Auch wenn der Rat von Knight kam, hatte sie ihn zu Herzen genommen und all das schmerzte Ruairi, auch wenn sie die Fragen stellen musste. Selbst um ihn reinzuwaschen. Schweigsam atmete er zweimal durch und erhob sich von der Bank, auf der sie Platz genommen hatten.
      "Weißt du...", begann er. "Ja, ich habe meine Schwester getroffen. Nach den Dingen, die du mir erzählt hast, musste ich wissen, was da dran war und habe sie aufgesucht. Wir haben gestritten, ja! Das tun Geschwister nun einmal ab und an. Aber ich habe keinen Anschlag oder dergleichen geplant. Wir haben über ihre Beteiligung bei den verfluchten Arkana gesprochen und dass ich enttäuscht von ihr bin. Anschließend sind wir in einer Seitengasse verschwunden und haben in einer kleinen Bar ein Bier getrunken. Ich habe mit diesen Morden nicht das Geringste zu tun."
      Er konnte den wütenden Unterton nicht heraus lassen, auch wenn es eher nach Schmerz klang, der sich hinauf arbeitete. Erneut wurde er verdächtigt, nur weil er Kräfte jenseits des Vorstellbaren besaß. Erneut gehetzt...in Zweifel gezogen...
      "Du weißt hoffentlich, dass ich niemals einem Menschen willentlich etwas antun würde. NUr ist es leider allzu leicht, einen S-Klasse Zauberer zu verdächtigen. Ja, wenn ich wollte, könnte ich dieses Gebäude da zu Klump schlagen und es wieder aufbauen. Und das alles in unter fünf Minuten. Aber warum muss man sofort unter Verdacht stehen, sobald man etwas kann? Ich verstehe es wirklich nicht. Ich habe nie willentlich einem Menschen Schaden zugefügt und denselben Eid wie ihr alle geschworen. Und dennoch verdächtigt er mich?"
      Er ließ es und Ember so stehen wie die Dinge nun mal waren. Es blieb dabei, dass er enttäuscht und gleichzeitig erschüttert war. Als würden Indizien ausreichen!
      "Wir sollten zurück gehen. Es warten noch ein paar Mörder auf mich", murmelte er.

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      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von NicolasDarkwood ()

    • - Sorry für den Doppelpost, aber so war es übersichtlicher -

      ARC III
      Kapitel 1: Die Löcher in der Menge


      Fünf Tage später
      Metropolitan PD


      Der Fernseher in der Lobby des PDs flackerte verräterisch. Vermutlich hatte Jones erneut die Wartung verpennt, aber Ruairi MacAllister war sich nicht sicher, ob dem so war. Genau wie drei weitere Kollegen stand er vor dem flackernden Gerät, das an einem Standbein in der Ecke hing und lauschte den Nachrichten, die sie seit anderthalb Wochen beschäftigten.
      Eine attraktive junge Frau nahm einen Stapel Papier vor ihrem Seidenkostüm auf und sah starr in die Kamera.
      "Großbrittanien - Die Berichte um weitere Todesfälle, die in Verbindung mit dem viralen Spiel "Dices" steht, häufen sich. Zwischenzeitlich wurden von der Metropolitan Police in London nahezu 25 Todesfälle von Jugendlichen im Alter von 12 - 22 Jahren gemeldet. Die Polizeistationen in Manchester und Birmingham melden nahezu dieselben Zahlen. Es ist den Experten noch immer ein Rätsel, wie die Jugendlichen an das Spiel herankommen. Über diverse Social Media Accounts wird derzeit versucht, eine Kontaktmöglichkeit herzustellen, jedoch bislang ohne Erfolg. Sachdienliche Hinweise bittet die Polizei, an die unten stehende Nummer weiterzuleiten und sich möglichst von dem Spiel fern zu halten.
      Von Seiten der Regierung wird empfohlen, die eingerichteten Schutzstellen für Eltern aufzusuchen, sobald Ihr Kind mit dem Spiel in Berührung kommt. Sollten Sie einen rötlichen oder gelblichen Würfel in dieser Form sehen, bittet die Polizei um umgehende Meldung. "


      Die Frau unterbrach sich kurz und atmete durch.
      Es folgte der Wetterbericht.




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      Es sind 5 Tage vergangen. Ember hat den Tatort des Mordes an Cunningham besichtigt, jedoch nicht viele Hinweise gefunden. Einziger Hinweis war die gekrümmte Fingerstellung des Opfers, die einen Würfel oder kleines Objekt impliziert. VOn den 25 Toten des Spiels hat Ember beinahe 10 gesehen. Sie alle trugen keine Spuren an sich und den gleichen Horror im Gesicht wie Cunningham. Von den 25 Opfern waren etwa 12 Kinder bis 16 Jahre. Ember ist mit der Ermittlung betraut worden. Ruairi wurde mitbeteiligt, jedoch unter ihrer BEfehlsgewalt. Er hat es hingenommen, auch wenn er sich merkwürdig vorkommt. Ruairi hat sich auch etwas beruhigt. Knight hat Ember seitdem nicht mehr kontaktiert.
      Ember hat heute Abend eine Trainingseinheit mit Perley zur Vertiefung. (Kann auch schon um sein)

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Wie erwartet war der Fall um Embers Briefmörder, wie man ihn nun in den Akten nannte, gelöst. Die Anklage war lupenrein gewesen und anhand seines Geständnisses musste es keine weiteren Aussagen von Oliver Brown geben. Es fehlte also nur noch das Gerichtsverfahren, in dem er höchstwahrscheinlich schuldig gesprochen und im Gefängnis eingebuchtet werden würde. Alles gut gelaufen, wenn man es nüchtern betrachtete.
      Danach hatte sich Ember wie aufgetragen mit dem Cunningham-Fall beschäftigt. Wie befürchtet hatte es am Tatort selbst nicht sonderlich viele Hinweise gegeben. Lediglich eine Hand, die die Finger seltsam verkrümmt aufwies, war verdächtig. Und während sie noch so überlegt hatte, was der Junge wohl gehalten haben mochte, kam die Lösung dafür wenige Tage später, als sich immer mehr Todesfälle häuften. Das Ding, was sich womöglich in seinen Händen befunden hatte, war einer dieser ominösen Würfel gewesen. Die Berichte begannen sich zu häufen und innerhalb der nächsten drei Tage war das Präsidium regelrecht überlaufen mit Meldungen und verunsicherten Eltern. Man hatte – entgegen ihrer Vermutung – doch Ruairi mit in den Fall gezogen, allerdings ihr direkt unterstellt. Was seltsam war, für das Image aber vielleicht genau richtig. Deswegen sagte Ember auch nicht dagegen, obwohl es ihr zuwider war, dermaßen missbraucht zu werden.
      Und ob sie es wollte oder nicht, sie wurde mehrmals an die drei Caster erinnert, die sie befragt hatte zu dem Unfall mit der Familie des Richters. Ihre Zeit wurde langsam aber sicher knapp und mehr als die mögliche Verbindung mit dem Würfel, der vielleicht gar keiner gewesen war, hatte sie nicht. Und natürlich die Worte Bei neun und drei ist der Nächste an der Reih'. Was damals wenig Sinn ergeben hatte, schien jetzt mit den Würfeln plötzlich gefährlich nah dran zu sein an dem, was geschehen war. Wie jedoch ein Onlinegame mit der Realität korrelieren sollte, war ihr nicht ganz klar. Selbst wenn sie das Wort Realität in einem Atemzug nannte, mit dem sie Ruairis Fähigkeiten betitelte.

      Ember war im Fall des Richters nicht weitergekommen. Stattdessen hatte sie nur noch eine Woche ehe die Versammlung wieder aufgenommen wurde und sie Beweise präsentieren müsste. Die Zeit drängte in zu vielen Aspekten und langsam fasste sie den Plan, die drei Caster wirklich zu verschleppen und der Versammlung vorzuwerfen. Einfach nur, damit Prestegard sie nicht auch noch einen Kopf kürzte.
      Apropos kürzen – während der verstrichenen anderthalb Wochen kam Ember nicht dazu, dem Dusk and Dawn einen Besuch abzustatten. Einerseits weil sie fürchtete, doch beschattet zu werden und anderseits weil sich die Berichte regelrecht überschlugen. An diesem Mittwochabend, gerade nach Feierabend, fand sie endlich die notwendige Zeit und Überwindung, doch der Detektei einen Besuch abzustatten. Erst recht, nachdem sie einen ungehaltenen Perley an der Strippe gehabt hatte, der scheinbar wie auch immer an ihre Nummer durch August gelangt war.
      Also traf sie gegen 20 Uhr am Dusk and Dawn ein in ihrer unauffälligen Freizeitmontur, bestehend aus einer Blue Jeans sowie einem einfachen Pullover, den sie wie immer unter ihrem Mantel versteckt hatte. Dieses Mal klopfte sie nicht an sondern verschwand möglichst schnell im Gebäude, weg von der neugierigen Straße. Noch während sie ihren Mantel aufhängte erspähte sie Jasper in einem der Sessel, den Blick auf sein Smartphone gerichtet. „Hey Jasper, alles gut?“
      Der junge Rogue reagierte zunächst nicht. Erst einen Moment später sperrte er sein Handy und ließ es in seine Tasche gleiten. Er lümmelte halb über den Sessel, um zu der Detective sehen zu können. Er wirkte entspannt, weniger gestresst und vor allem weniger unwillig. „Klar. Bis auf die Nachrichten, die dafür sorgen, dass ich mein Handy kaum noch angucken will.“
      Ein schmallippiges Lächeln glitt über Embers Gesicht hinweg. Jasper fiel genau in die kritische Schiene, aber wenn es irgendetwas mit Magie zu tun haben musste, dann wäre er derjenige, der es als erstes im Kontakt bemerken würde. Vielleicht war er ja sogar immun – wer konnte das schon sagen.
      „Wie geht’s dir eigentlich? Hast du dich hier halbwegs eingelebt?“, fragte sie und schlenderte langsam zu den Sesseln hinüber. Noch war nirgends eine Spur von Perley oder sonst wem zu sehen.
      Jasper zuckte mit den Schultern. „Ich werde ja genötigt, doch zur Schule zu gehen. Aber wenigstens meidet man mich als creepigen Kerl ohne Eltern.“ Es sollte locker klingen, doch er verfehlte den Tonfall dafür.
      „Also noch keine Freunde gefunden?“
      Ein leichtes Kopfschütteln war die Antwort und selbst wenn es so wirkte, als wäre es ihm egal, traf es Jasper doch ein bisschen. Jugendliche in seinem Alter brauchten den Kontakt mit Gleichaltrigen und keine hochrangigen, gesuchten Zauberer jeglicher Kaste. „Das wird schon noch. Du musst nur ein bisschen auftauen und dann passt das schon.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Dusk and Dawn - 20:03 Uhr

      August Foremar war ungehalten.
      Ja, geneigter Leser, man konnte beinahe sagen, dass er wütend war. Da er Embers Hereinkommen nicht vernommen hatte und es seit ihrer nächtlichen Begegnung vor einigen Tagen keinen weiteren Kontakt gab, hatte er auch nicht mit ihrem Kommen gerechnet, zumal Perley in seiner Geistesgegenwart sein Handy geplündert hatte.
      Doch dieses Mal war er ungehalten über den kleinen Gnom, der jetzt fauchend vor ihm stand und die Tür zum Gemeinschaftsraum öffnete.
      "Ich finde, du stellst dich wirklich an!", schimpfte Ulysses von Stratenwalde zur Erzsteinhöhle. Der bullige, kleine Gnom war in ein merkwürdig violettes Frack gehüllt und trug einen grässlich gelben Zylinder, der stark an die Farbe von Urin erinnerte.
      "Ach, ich stelle mich an?", donnerte August hinterher und betrat ebenso das Zimmer.
      An ihm waren deutliche Veränderungen sichtbar. Die Augen trugen schwere Schatten und sein Gesicht war merklich abgemagert. Das mittellange Haar war zerzaust und wirkte ein wenig farbloser als sonst und die Brille saß schief auf seiner Nase. Erneut trug er nur ein T-Shirt und eine eng anliegende Hose, die beinahe nicht um Ensemble passen wollte.
      "Ja! Ich meine, wir versuchen, den Tod auszutricksen und du kommst mir mit moralischen Bedenken? Bei den Knollen am Eierbaum, du hast sie nicht mehr alle!"
      "Babyblut, Ulysses!", knurrte August und schüttelte den Kopf. "Du wolltest Blut eines Kleinkindes! Für wen hältst du mich? Für ein Monstrum?"
      "Ja!"
      Schnaubend trat August nach dem Gnom, der jedoch gekonnt zur Seite hüpfte. Spielerisch kichernd versteckte er sich hinter einem Beistelltisch und rückte den Zylinder gerade.
      "Ich kann deine Bedenken nicht verstehen. Wir haben alles andere versucht. Was bleibt ist nur, das T-"
      "Ember!"
      Beide unterbrachen ihren Streit und blickten erstaunt in den Raum, in welchem sich Ember Sallow mit Jasper aufhielt. Für einen Moment verspannte sich Augusts Haltung, ehe er wieder normale Spannung annahm und sie anlächelte. Warum war es so merkwürdig, sie anzusehen und nicht auf sie loszustürmen? Was hielt ihn eigentlich davon ab? Sie waren doch Freunde oder?
      Und warum tat das Wort "Freunde" so weh, wenn er es in ihrem Zusammenhang ansprach?
      Wütend über sich selbst tappste er auf der Stelle, während Ulysses hinter dem Regal hervor kam.
      "Ach sieh an! Die neugierige Detective", begrüßte er sie grinsend. "Hast dich gemacht! Bist du verliebt? Du strahlst richtig!"
      "Ulysses!"
      "Was denn? Man wird ja wohl nochmal fragen dürfen. Ich finde sie sieht toll aus, findet ihr nicht auch?"
      Der Gnom sah zu Jasper und August und während der Junge noch etwas Zeit zu bekommen schien, räusperte sich August und tippelte auf der Stelle. Gezielt versuchte er, nicht Ember in die Augen zu sehen, sondern einen Punkt hinter ihr zu fixieren.
      "Ja, sie sieht toll aus, aber trotzdem muss das nicht so-"
      "Nur weil du nicht flirten kannst, muss ich nicht drauf verzichten. Also, meine Liebe. Setz dich, setz dich! Dieser Idiot hier würde dir einen Platz erst anbieten, wenn er ihm aus dem Arsch wächst!"
      "Bodenlose Frechheit!", keifte August und wurde leicht rot. "Ich hätte ihr definitiv noch einen angeb-"
      "Ja, ja, Bla bla!", äffte der Gnom und sah zu Ember und Jasper. "Was ist los, Junge? Du siehst aus, als würdest du deine Zeit nur mit alten Männern und Verrückten verbringen, hähö!"

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      The more you drag me to hell
    • Was eigentlich eine leichte Unterhaltung hatte werden sollen wurde jäh in seinem Keime erstickt als eine Tür aufgestoßen wurde und zwei laute Stimmen herein polterten. Sowohl Embers als auch Jaspers Blick rasten sofort in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. Jaspers Augen wurden groß, als der Gnom um die Ecke hüpfte und sich hinter einem Beistelltisch in Sicherheit brachte. Ember hingegen war eher mit dem Wortlaut überfordert und hoffte, dass sie sich einfach nur verhört hatte. Und dann kam August ins Sichtfeld, der sofort wie angewurzelt stehen bleib als seine Augen sie erspähten. Was bei Ember als Freude hätte herauskommen sollen, verpuffte als sie den Arkana genauer betrachtete. Wo sie ihn vor Tagen noch in guter Verfassung gesehen hatte, schien dies alles und noch mehr einfach wieder verloren zu haben. So als hätte er sich selbst aufgeopfert, um einer Lösung des Problems näher zu kommen. Beziehungsweise schneller näher zu kommen als es gut für seinen Körper war. Ihr war natürlich nicht entgangen, dass er wieder eines dieser verboten jung machenden Shirts trug, aber es war sein Gesicht, das sie sofort fesselte. Die Schatten waren neu, sein Gesicht war eingefallen wie ihres nach dutzenden Nachtschichten und irgendwie hatte er die Farbe aus seinem Haar verloren. So wie Embers Gesicht an Blässe gewann.
      „Was zum Geier bist du ?“, kam es entgeistert von Jasper, der Ulysses anstarrte wie eine Abnormität. Die er, gelinde ausgedrückt, mit diesem Outfit auch war.
      „Nicht was, sondern wer“, ermahnte Ember den Jungen ohne den Blick von August zu nehmen. Der zwar in ihre Richtung sah aber ihren Blick irgendwie verfehlte. „Er heißt Ulysses und ist ein Gnom. Pass auf, die sind giftig.“
      „Wie, giftig? Darf man die nicht anfassen oder was?“ Seine Antwort bekam er als sich die Unterhaltung entfaltete und ihn dazu nötigte, die Augenbrauen in Erstaunen anzuheben. Jasper war mehr als nur fasziniert von dem Gnom, ob er es nun wollte oder nicht. Vielleicht lag das auch einfach nur an dem verstörenden Zylinder.
      Eilig winkte Ember Ulysses ab und hatte sich schon in Bewegung gesetzt, direkt auf August zu. Dieser tippelte sogar auf der Stelle, ein Verhalten, dass sie eher einem Teenie oder vielleicht noch Ruairi zugeschrieben hätte. Und dann kam da noch die Röte in sein Gesicht, die ihr beinahe den Todesstoß versetzte. In ihren Augen lag nur Sorge, die Miene war gespannt als sie sein Gesicht in ihre Hände nahm und es nach links sowie rechts drehte, um es zu begutachten. „August, was zum Teufel hast du getan? So beschissen sahst du vor Tagen noch nicht aus.“
      „Das trifft so ziemlich den Nagel auf den Kopf“, bestätigte Jasper derweil Ulysses Frage, der eiskalt von Ember ignoriert wurde. „Aber wie kommt das, dass ich dich noch nie hier gesehen habe? Gehörst du auch zu Augusts Freunden?“ Er begann zu grinsen als er von seinem Sessel rutschte, um sich auf Augenhöhe mit dem Gnom zu begeben.
      August wurde starr unter Embers Berührung und sie wusste genau wieso. Früher hätte sie vermutlich schuldbewusst ihre Hände zurückgezogen, jetzt allerdings zog sie ihn in eine Umarmung und hielt ihn dort. „Ich weiß, dass die Zeit rennt. Aber mach dich nicht noch eher kaputt als ohnehin schon. Und was heißt hier, ihr braucht noch Kinderblut?“ Ihre Worte waren leise und sanft gesprochen während ihr Blick diffus im Raume stand. Er wirkte in ihren Armen sogar schmächtiger als noch zuvor. In dem Moment fasste sie den Entschluss, dass sie für ihn sogar an das Blut käme, sollte er sie danach fragen.
      Indes hatte Jasper den Zylinder von Ulysses erbeutet und ihn sich selbst auf den Kopf gesetzt. Er grinste den Gnom an und seine braunen Haare bildeten einen lebhaften Kontrast zum Farbton des Hutes. Mit ein bisschen Fantasie konnte man noch mehr da rein interpretieren. „Ich versteh gar nicht, wieso August dich ständig aussperrt. Rauslassen muss man jemanden wie dich!“

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    • "Augusts Freunden?", fragte Ulysses ein wenig provokant und wurde sich durchaus bewusst, dass Ember ihn geflissentlich ignorierte. Er schrieb es seinem unwiederbringlichen Charme zu, dass sie ihn nicht beachtete, aber verletzt war er dennoch. Vor allem wegen des Vorwurfs der Giftigkeit. Wie konnte sie es wagen?
      "Was soll das, Junge?", fragte der Gnom als Jasper sich auf die Knie lies und zog eine Augenbraue hoch. "Missbilligst du meine Größe? Denkst du, dass ich nicht in deiner vollen Größe mit dir reden kann? Und davon abgesehen, bin ich nicht Augusts Freund. Eher sein Hofhund, sein Kammerdiener oder was auch immer dieser Sklaventreiber von mir will. Eigentlich, musst du wissen, bin ich nämlich ein Adeliger."
      Ulysses holte Luft und breitete die Arme aus, um dem neugierigen Jungen seine Lebensgeschichte darzubieten, da stahl dieses Mistbalg einfach seinen Hut! Seinen wunderbaren Zylinder Farbe von Gold (Urin!). Und es sah auf seinem Kopf aus wie Dünnschiss mit Uri-äh Gold!
      "Also wirklich!", schnaubte der Gnom. "Du gibst mir aber augenblicklich meinen Hut zurück junger Mann! Los los! Ich kam mit einem Hut hier rein und ich gehe mit einem hier hinaus. Und rauslassen muss man mich nciht, ich bin kein Gefangener. Ich lebe nur in einem Koffer. Den man nicht aufkriegt. Aber ich lebe dort aus freien Stücken!"

      August fand sich schneller als er wollte inmitten einer Umarmung wieder, deren Ausgang er unsicher betrachtete. Zuvor hatten sich weiche, zarte Finger um sein Gesicht gelegt und es gedreht, sodass Ember ihn von allen Seiten betrachten konnte. Und sie war so nah. Ob sie gut roch, vermochte er gar nicht zu sagen, da er jeden Geruch als gut befunden hätte, wenn man stundenlang nur Blut in der Nase hatte. Doch ihrer heftete sich regelrecht an seine Nase und die Röte in seinem Gesicht nahm noch zu.
      "Ja, ich weiß, ich..:Ich habe experimentiert und geforscht und darüber wohl ein wenig an Schlaf eingebüßt, wenn ich ehrlich bin"; murmelte er und kratzte sich verlegen die Nase ehe er seine Arme auch um sie legte. Zumindest auf ihrer Hüfte waren sie unverfänglich. Eine Schwäche, die er immer mit sich getragen hatte.
      Schweigsam genoß er die geschlossenen Auges die Umarmung und seufzte schwer, als sie sich langsam lösten, um ihr ins Gesicht zu blicken.
      "Nichts bedeutet das", murmelte er. "Ulysses hat von einer Legende gehört, die absoluter Schwachsinn ist. Sie glauben auch, dass ein Ochsenschädel die Potenz wieder herstellt und ich werde bestimmt nicht auf das Gewäsch von Gnomen hören, wenn ich dafür Kinder töten muss."
      Energisch schüttelte er den Kopf und grinste Ember an. DAs Lächeln zumindest war ehrlich und offen, als hatte es die lettzen Tage nicht gegeben.
      "Sieht schlimmer aus als es ist. Wie geht es dir?", fragte er. "Habe gehört, dass die Met ziemlich zu tun hat mit diesem merkwürdigen Spiel, oder? Konntest du wenigstens schlafen?"
      Sie musste schlafen können. Oder sie hatte den Jungbrunnen gefunden. Eins von beidem.

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    • „Also mir ist ja beigebracht worden, dass man allen Leuten auf Augenhöhe begegnen soll“, antwortete Jasper sogar noch breiter grinsend während sich Ulysses scheinbar immer mehr aufregte. Noch nie hatte Jasper einen Gnom gesehen oder war generell in Kontakt mit magischen Dingen gekommen.
      „Wie, du bist adelig? Ich dachte, das sei ausgestorben. Wie kann das denn sein, dass einadeliger Gnom als – wie hast du das genannt? - Kammerdiener arbeitet? Das ist ja wohl völlig daneben.“
      Jasper war sich nicht sicher, ob dieses Geschöpf einen Knall weg hatte oder tatsächlich die Wahrheit sprach. Wie auch immer es sein mochte, er ergötzte sich köstlich an dieser kleinen Witzfigur. Als er die Arme ausbreitete, konnte sich der junge Mann den Zylinder stibitzen und brachte Ulysses damit auf Hochtouren. Grinsend stand Jasper auf, so wie der Gnom es wollte, und brachte damit den Hut in unerreichbare Weiten.
      „Bitte sehr, ich bin wieder auf den Beinen. Vielleicht kriegste deinen Hut nachher wieder, aber zeig mir mal erst den Koffer. Den will ich sehen. Wenn der doch zu ist und man den von außen öffnen muss, damit du rauskommst... dann lässt man dich ja dochraus, oder nicht?“

      „Lass mich raten, du hast nicht eine Minute in deinem Bett verbracht seitdem ich weg bin“, stellte Ember nüchtern fest und bemerkte die Arme auf ihrer Hüfte und nicht anderswo um ihren Torso. Seltsam, wie sie dachte, allerdings nicht weiter darauf einging.
      „Hey, es gibt Mittel und Wege, wie man dran käme ohne ein Kind direkt zu töten“, gab Ember zu bedenken als sie die Umarmung lösten und sie erneut die Farbe in Augusts Gesicht bestaunen durfte. Wie kam es, dass er jetzt erst Farbe bekam und nicht ein einziges Mal, als sie sich zuvor an die Wäsche gegangen waren? Einfach nur, weil sie beide jeweils getrunken hatten? Unwahrscheinlich. „In deiner Lage würde ich ja fast alles ausprobieren. Ich kann mich umhören, wenn du willst...“
      Auf sein energisches Kopfschütteln hin verwarf sie diesen Gedanken und musterte ihn weiterhin. „Ja, die Sache mit diesem Onlinegame... So richtig weiß ich noch nicht, wo da die Verbindung ist. Es sterben nur viel zu viele Jugendliche. Du solltest auch Jasper im Blick behalten, er fällt in die kritische Zielgruppe und hängt bestimmt lang genug am Handy.“
      Sie seufzte und strich sich lose Haare aus dem Gesicht hinter die Ohren. „Ja, sicher. Ich muss keine drei Kilo Foundation mehr auftragen damit ich nicht mehr aussehe wie eine Wasserleiche. Vielleicht muss ich ja auch nur weniger schlafen weil ich weiß, dass meineDeadline näher rückt.“ Sie zuckte mit den Schultern und sah sich um. „Eine Ahnung wo Perley abgeblieben ist? Wir haben heute eigentlich Vertiefung. Die ich wohl dringend brauche wenn ich zumindest vor Kjetil abhauen will.“

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    • Ulysses schnaubte verächtlich, während er zu Jasper hinauf sah.
      Wenigstens besaß der Junge den Anstand, seiner Bitte nachzukommen. Er war schon mal besser erzogen als August, wenn man es so bedachte. Mit wehendem Haar und stolzem Gang trat er näher an den Jungen und schüttelte den Kopf, auf dem Gesicht die komplette Missbilligung dieser Dummheit behaftet.
      "Papperlapapp!", kommandierte er. "Natürlich sind Adelige nicht ausgestorben. Wenn dieser Sklaventreiber dort drüben mich nicht fortgesperrt hätte, hätte ich meinen Clan angeführt. Es gibt freilich Adelige unter den Gnomen. 12 Clans gibt es alleine in England und die Familie Stratenwalde kommt wohl eher aus dem Deutschen Reich. Gibt es das eigentlich noch?."
      Dass er nach seinem Hut angeln musste wie ein Diener widerstrebte dem Gnom zunehmend und er schmiedete bereits Mordpläne gegen diesen kleinen Taugenichts.
      "Wohlan denn", verkündete Ulysses. "Ich will die Ungeheuerlichkeit, die du mir angedeihen lässt, großzügig ignorieren! ICh zeige dir den Koffer und erhalte meinen Hut. Das ist der Deal und nichts anderes. Betrügst du mich, hexe ich dir die Hoden zusammen. Ich hoffe, das ist dir klar, du kleiner Schwerenöter!"
      Mit einem Wink ging der kleine Gnom voran und wies auf die Tür, welche schon wieder Farbe und Form verändert hatte und nun einer schweren Kerkertür glich.
      "Er lässt mich ja eben nicht heraus, Herrgott!"

      Während die beiden anderen hinter der Tür verschwanden (was August mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis nahm), sah er Ember weiterhin an und versuchte gleichzeitig, seine Temperatur ein wenig zu senken. Sein Körper fühlte sich schwer und kraftlos an und es wirkte beinahe wie ein Traum, dass sie wieder in seinen Armen lag. Er ertappte sich dabei, beinahe das Gesicht zu verziehen, als sie die Umarmung lösten obgleich er alle Möglichkeit der Verlängerung gehabt hätte.
      "Naja, nicht keine Minute"; gab er zu und grinste schief. "Vielleicht nur ein wenig Schlafdefizit, aber es hält sich noch in Grenzen. Und ich bin dir dankbar für deinen Input, aber ich denke nicht, dass es sinnig ist, einer Gnomenlegende zu folgen. Ember, sie beten teilweise eine Gottheit an, die eine schreckliche Ähnlichkeit mit einem Hodensack hat."
      Das war eine erschreckende Tatsache, wie August befand. Sicherlich konnte man den ein oder anderen merkwürdigen Gott haben, aber einen Hoden? Als wäre den Gnomen nichts besseres eingefallen.
      "Ich achte auf Jasper, danke", nickte er und wirkte einen Moment lang ernster als gedacht, als sie über den Fall berichtete. "Ich habe leider keine wirklichen Neuigkeiten für dich. Ich weiß auch nur, dass dieses "Dices" über das Handy geladen werden kann. Ich habe versucht, an das Spiel heran zu kommen,a ber offenbar erhält man es aus dem Darknet mit einem entsprechenden Passwort. Es bedarf also der Einladung eines Spielenden..."
      Wie ein Virus, dachte August, während er an ihr vorbei schlüpfte und auf die Sessel wies.
      "Du siehst nie aus wie eine Wasserleiche"; lachte er. "Du siehst perf..."
      Ja, nun!
      "Perfekt aus", schloss August schließlich und trat an die Bar, wo er sich ein Glas einer undefinierbaren Flüssigkeit einschenkte. "Möchtest du einen Drink? Oder lieber erst Perleys Training überleben? Er müsste gleich runter kommen, er wollte nur etwas nachlesen."
      Schweigsam sah er Ember aus der Ferne an und seufzte.
      "Was ist mit Noland? Hast du mal überlegt, diese Caster ihm vorzuführen? ICh denke, wenn du ihn fragen würdest, würde er es tun?

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      Der Eingang zum Koffer ist hinter der Tür. Es ist wieder die alte Wendeltreppe mit dem kleinen Foyer wie aus dem ersten Arc. Es gibt den Kräuterraum noch immer, das merkwürdige Symbol auf dem Boden und den Spiegel. Der Gang zu den Tieren ist ebenfalls gekennzeichnet und der Weg nach Oben mit Flatterband versperrt.

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