[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Anifuris sah dem Archivar hinterher, wie er den Einsatz des SChlüssels demonstrierte und schließlich in einer Schwärze verschwand. Wie vermutet hatte er der alten Seele ein paar Denkanstöße vermitteln können und selbst wenn diese nicht unbedingt großartige Neuigkeiten waren, brachten sie ihn ein Stückchen weiter. Allerdings hatte auch er gesehen, wie sich die grüne Aura des Babylonier kurz enttäuscht gekräuselt hatte als er auf das Silber in der goldenen Aura gestoßen war. Er wusste, dass eine vermischte Aura für ihn eine Verunreinigung darstellte. Doch Anifuris wusste es besser. Schließlich war er derjenige, der schon etliche Seelen in seiner eigenen vereinte und besser als jeder andere wusste, was ein Aurengemisch bewerkstelligen konnte.
      Von seinem Sitzplatz aus beobachtete Anifuris Cain, wie er sich mühevoll aufrichtete. Wie erhofft hatte der Seeker nichts von dem mitbekommen, was in den letzten Minuten hier geschehen war. Beiläufig warf Anifuris einen Blick über die Rückenlehne der Couch, wo nur noch die Kleidungsstücke und Asche darauf hindeutete, dass dort einmal Helyon gelegen hatte. Just in diesem Moment drang ein Schmerz durch Anifuris Kopf, der ihn laut zischen und die Hände an den Kopf schnellen ließ. Es fühlte sich an, als würde sein Kopf entzwei gespalten werden als eine Flut an Bildern, Emotionen und Erinnerungen durch seinen Geist schossen. Er hatte den Punkt erreicht, an dem Helyons Aura ihm seine Geschichte erzählte. Ihm zeigte, was er erlebt, gefühlt und gesagt hatte. Dies lief in einer atemberaubenden Geschwindigkeit ab und nur dank seines Alters und der Erfahrung hielt Anifuris diesen Schmerz stand. Je älter die Seele war, desto größer der Schmerz und der Reflux, der sich während der Angleichung ergab. Als es sich langsam anglich und der Strom an Erinnerungen langsam abebbte, tauchte plötzlich ein warmes Gefühl in ihm auf. Ein Gefühl, das daher rührte, dass er sein Versprechen gehalten hatte. Helyons Seele traf in Anifuris auf jene seines verschollenen Rudels, die er vor Jahrhunderten bereits absorbiert hatte. Dieses Gefühl war so übermächtig, dass sich unweigerlich Tränen in seinen Augen sammelten und als letzte, stumme Zeugen über die Wangen rannen bevor die Seele endgültig ein Teil seiner wurde.
      Seufzend wischte sich Anifuris die Tränen aus dem Gesicht als er aufstand und zu Cain hinüber schritt. Sicher, es wäre das einfachste, den Jungen jetzt einfach zu töten. Er glaubte Mortimers Worten, dass eine Verschmelzung eine Gefahr darstellte, sofern er nicht einen Weg fand aus dem Körper der Rubra zu verschwinden. Entweder er absobierte auch Cains Seele, was im Augenblick das Einfachste der Welt war, oder er nutzte den Moment und sorgte dafür, dass Sylea nie wieder in ihr Bewusstsein zurückkehrte.
      "Schwierig, schwierig...", murmelte Anifuris als er vor dem Seeker ankam und ihn von oben herab begutachtete.
      Er wurde das Gefühl nicht los, dass er sich der Aura des Jungen bemächtigen müsste, um seine Ziele zu erreichen. Sollte jemand Wind davon bekommen, dass er einen Goldling in seiner Reichweite hatte, könnte sich die gesamte Angelegenheit noch einmal weiter verkomplizieren. Die Lösung dahinter war jedoch erstaunlich einfach.
      "Willkommen zurück, kleiner Seeker", grüßte er Cain bevor er ihn am Oberarm packte und so kraftvoll es ging hochzog. "Setz dich."
      Anifuris bugsierte ihn ungelenk zurück in den Sessel, den Helyon verschoben hatte, und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihm war bewusst, dass Cain vielleicht etwas desorientiert sein könnte, er sich aber schneller als ihm lieb war an die Situation anpassen würde. Das war ihm schließlich antrainiert worden. Ebenso sicher war sich der Seelendieb, dass der junge Mann seine veränderte Aura sofort wahrnehmen würde, ebenso wie das Fehlen des Silbers.
      "Ich fasse einmal kurz für dich zusammen was passiert ist bevor sich dein Kumpel wieder zuschaltet", begann er und war sich bewusst, dass er nur noch ein paar Minuten hatte, um das Wichtigste zu klären. "Wir haben Helyon getötet. Seine Überreste liegen hinter der Couch. Der Babylonier hat uns die Memoiren zurückgelassen mitsamt einem Schlüssel, mit dem wir jederzeit in sein Archiv gelangen können. Dafür hast du nun einen neuen Verfolger am Hals. Deine Aura ist noch immer beschädigt, aber wenn der Babylonier dich in voller Blüte erwischen sollte wird er dich aussagen und sich deiner Aura bemächtigen. Dein Gold ist wertvoller als du vielleicht denkst. Soweit mitgekommen?"
      Er machte eine Pause, um den wichtigsten Punkt separat darzustellen.
      "Du unterläufst gerade eine Auraverschmelzung mit Sylea. Das heißt, wenn einem von euch etwas zustößt, geht der andere daran zu Grunde. Hast du das verstanden? Wenn du willst, dass dem Mädchen nichts geschieht, dürft ihr euch nicht weiter annähern. Noch könnt ihr die Verschmelzung stoppen, alles danach ist nicht mehr rückgängig zu machen. Stirbst du, wird sie dir direkt folgen."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Etwas durchdrang den undurchsichtigen Nebel seines Verstandes. Der Klang einer vertrauten Stimme, die er wie ein Rettungsseil nutzte, um sein Bewusstsein aus der Dunkelheit zuziehen. Eine Hand, erstaunlich kraftvoll, umfasste seinen Arm. Die Gliedmaßen fühlten sich taub und fremd an, als gehörten sie nicht länger zu seinem Körper. Langsam schickten Nervenbahnen die Impulse von Berührung und Empfindungen an die erlahmten Synapsen seines Gehirns. Die Zeit floss zäh dahin und es dauerte eine geschlagene Ewigkeit, da blinzelte Cain und der ziellose Blick der goldenen Augen richtete sich endlich auf Sylea.
      Fokussiert sah der Seeker in mit Silber gesprenkelte Augen, ehe sich ein Lächeln auf seine Lippen stahl. Wie war er zurück in den Sessel gekommen, war er denn nicht vor einigen Minuten zu Boden gestürzt? Cain verzog das Gesicht, als der Schwindel sich seiner bemächtigte. Er fasste sich an den Kopf, das Gefühl einer Phantomhand an seinem Hinterkopf, die ruppig an dem wirren Haarschopf gerissen hatte.
      "Sylea? Geht es dir gut? Was...?", murmelte er und blinzelte in schneller Abfolge. Der Raum um ihn herum rückte in den Fokus und er erkannte mit sichtlicher Überraschung, dass er sich im Wohnbereich des Apartments befand. Der Hinweg war ein verschwommener Erinnerungsfetzen.
      Schwach glühende Augen nahmen erneut die junge Rubra ins Visier, da spiegelte sich Erkennen darin.
      "Anifuris...", sagte er nüchtern und sank geschwächt in das einladende, weiche Polster zurück. Vielleicht hätte er alarmierter sein sollen, aber es fühlte sich an, als hätte jemand der Bereich zwischen seinen Ohren mit Watte vollgestopft. Endlose Minuten verstrichen, in denen seinen Blick immer wieder aufs Neue in eine Leere abdriftete. Mühselig erkämpfte sich die goldene Aura ihren angestammten Platz zurück und streckte sich aus, erblühte ohne den erstickenden Einfluss von Helyon. Der Puls seiner Aura erwachte zu neuem Leben. Wirbel aus schimmerndem Gold erhoben sich aus der dünnen Schicht und breiteten sich in Wellen um den Seeker aus. Mit jeder verstreichenden Sekunde gewann er an alter Form zurück und das Erste, das er spürte, war nicht das beruhigende und vertraute Silber. Ein kaltes Nachtblau streifte sein Bewusstsein und ausschließlich Anifuris' Präsenz. Und da war noch etwas Anderes. Die Aura der alten Seele wirkte verändert auf ihn. Die unterschwellige Signatur von Helyon sorgte für einen Schub seiner Wachsamkeit, doch als er sich umsah, war der Alpha nirgends zu sehen. Die Erklärung erhielt er prompt.
      "Der Babylonier...was," erwiderte er nur ahnungslos und nur neblige Erinnerungen und Bilder kehrten mühevoll zurück. "Der seltsame Kerl im Archiv. Und Helyon ist tot. Gut. Das ist gut." Die Worte wirkten noch wirr und zusammenhangslos, aber zeigten bereits, dass seine Aufnahmefähigkeit schnell anwuchs.
      Die abschließenden Worte allerdings wischten auch die letzte Benommenheit davon. Bedrückendes Schweigen hüllte den Seeker ein, während er den Wahrheitsgehalt des Gesagten anzweifelte.
      "Ist das wieder einer deiner Tricks?", knurrte er wenig bedrohlich. Als sich leuchtende, goldene Augen endlich direkt auf Anifuris richteten, lag ein nachdenklicher Ausdruck in ihnen. "Und wenn das passiert, reißt es dich mit, so lange ihr noch verbunden seid, korrekt?"
      Cain war nicht so schwer von Begriff, wie die alte Seele ihm manchmal vorwarf. Jedoch, an der Problematik änderte das nichts. Er war, gelinde gesagt, schwächer und angreifbarer als Sylea. Die Wahrscheinlichkeit, dass er bei ihrem kleinen Ausflug von verfolgenden Huntern oder anderen Bedrohungen zum Opfer fiel, war nicht von der Hand zu weisen. Die Frage, ob er damit leben konnte, war schnell beantwortet.
      "Gib sie mir zurück. Ich muss mit ihr sprechen.", forderte Cain. Er konnte sie nicht im Ungewissen lassen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Anifuris richtete sich geradewegs auf und fixierte Cain mit eiskaltem Blick. Die Bedrohlichkeit, die der junge Mann gerade noch in der Stimme hatte, erreichten die alte Seele nicht im geringsten. Wie sich der Seeker gab und sprach ging einher mit dem ständigen Anwuchs seiner Aura, in der Anifuris das Silber wie notdürftige Fetzen ausmachen konnte. Das waren jene, die Sylea absichtlich eingepflegt hatte um die löchrige Aura zu stabilisieren. Dass sie dahinter nicht verstanden hatte, was es damit bezweckte, war offensichtlich gewesen.
      "Ich kann nicht", antwortete er nach einem Moment kalt und kehrte zurück zur Couch, um die Memoiren wieder an sich zu nehmen. "Sie ist weg. Helyon hat uns angegriffen als sie wegen dir einen falschen Zug gemacht hat. Er hätte uns fast erwürgt. Wir waren uns einig, dass wir ihn töten müssen um wieder mehr Bewegungsfreiheit zu bekommen. Folglich hat sie mir die komplette Kontrolle übergeben und nun... ist sie einfach weg."
      Er drückte sich selbstverständlich vage aus. Das ganz tief unter dem Haufen Purpur das Silber dünn wie ein Haar noch vergraben lag, band er dem Seeker nicht auf die Nase. Obwohl er tatsächlich Schwierigkeiten hatte, ihr Bewusstsein ausfindig zu machen. Als hätte es sich in Nebel aufgelöst und waberte nun durch ihren geteilten Geisteszustand.
      Dafür hielt er nun die Memoiren in die Luft und lächelte Cain süffisant an. "Aber dafür haben wir nun das hier. Oder eher ich. Mit ein bisschen Glück bist du mich dann auch bald los und darfst befreit wieder deiner Wege gehen."
      Wie zuvor brach der Kreis als er das Buch öffnete, die Füße auf den Couchtisch legte und sich in der Couch einlümmelte. Als er würde er in aller Seelenruhe einen Roman anfangen zu lesen, startete er mit der ersten Seite und sah auf die Uhr, die im bestätigte, dass die sechzig Minuten vorbei waren. Alles im Raum wirkte aufregend unaufregend wenn man vergaß, dass nun zwei Personen fehlten.
      "Sollte Sylea je wieder auftauchen - was ich wirklich nicht mit Sicherheit sagen kann - solltest du ihr nichts davon berichten. Wenn sie weiß, dass sie primär schuld an eurer Verschmelzung ist, wird sie an der Reue eingehen. Denken, jedes Quäntchen Glück, das ihr jetzt widerfahren ist, war nie für sie bestimmt. Was denkst du stellt das mit dem Mädchen an?"
      Er musste nur Unbehagen und Zweifel sähen. Dafür sorgen, dass sich das starke Band, das sich zwischen Vessel und Seeker zu formen begann, durchtrennt wurde solange es noch schwach war. Und sich anschließend einen Weg überlegen, wie er den jungen Mann in ein Einmachglas stecken konnte und so immer von seiner Aura Gebrauch machen konnte, wie es ihm gelüstete.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Was meinst du damit 'Sie ist weg'?", fragte Cain fassungslos.
      Ruckartig erhob sich der Seeker aus dem Sessel. Ein Versuch, den er augenblicklich bereute, denn das von Helyon zertrümmerte Bein gab sofort unter der zusätzlichen Belastung nach. Der stechende Schmerz ätzte sich wie Säure durch die Nervenenden. Cain schaffte es in letzter Sekunde sich auf die Armlehne des Sessels zu stützen und so zu verhindern, dass er vollends zu Boden ging. Sämtliche Farbe fiel aus seinem Gesicht. Der Schwindel in seinem Kopf nahm ihm für einen kurzen Augenblick die Orientierung und es war ein heikler Balanceakt, als er sich nach vorn beugte und mit zitternden Fingern das blutverkrustete und zerfetzte Lock in der schwarzen Hose weiter aufschob. Unter den Fingerspitzen und einer Schicht von rostigem Rot schimmerte silbriges Metall, das in kunstvollen Windungen mit seiner Haut verschmolzen war. Genau dort, wo der gebrochene Knochen Muskeln und Fleisch durchstoßen hatte. Er erinnerte sich nur schwach daran, dass der eigenartige Bibliothekar etwas mit seinem Bein angestellt und das Helyon den Knochen mit bloßen Händen zurück in seine angestammte Position gedrückt hatte.
      Prüfend und dieses Mal vorbereitet, legte er ein wenig mehr Gewicht auf das wackelige Bein und presste die Kiefer so fest aufeinander, dass der Knochen weiß unter der Haut hervortrat. Der Verrückte aus dem Archiv mochte seine Wunde geschlossen und den Knochen stabilisiert haben, aber Cain war sich ohne Zweifel sicher, dass winzige und schmerzhafte Haarrisse die Ursache für die geringe Belastbarkeit waren. Es würde einige Zeit in Anspruch nehmen bis ein Bein wieder das ganz das Alte war.
      Cain bewegte sich hinkend auf die Couch zu und warf, einer undurchsichtigen Erinnerung geschuldet, einen Blick hinter die Rückenlehne, um die kläglichen Überreste des Alphas zu erblicken.
      "Ein Kampf, ja...Die Erinnerung ist verschwommen. Die Aura von Helyon hatte meine ganze Wahrnehmung überschattet. Was hast du mit ihm angestellt?", murmelte er und drehte sich etwas um die eigene Achse und direkt Anifuris zu. Misstrauisch sah er die alte Seele an, die für seinen Geschmack zu entspannt auf dem Sofa herumlungerte. Die Aura des Höllenhundes war so dominant und erdrückend gewesen, dass Cain in seinem geschwächten Zustand keinerlei mentalen Schutz hatte nutzen können. Er war Helyon ausgeliefert gewesen. Der Seeker wünschte sich verzweifelt, sich an mehr erinnern zu können, um die Aussage von Anifuris besser bewerten zu können.
      Der Zweifel blieb. Und manchmal rechte ein winziger Funken aus, um einen Waldbrand zu erzeugen.
      "Du verlangst von mir, dass ich Sylea anlüge?", seufzte Cain schwer und setzte sich unangebrachter Weise direkt auf den Couchtisch Anifuris gegenüber, der völlig konzentriert auf das heißbegehrte Buch in seinen Händen sah. Cain stützte die Ellbogen auf die Knie und fuhr sich niedergeschlagen übers Gesicht. "Das wird sie mir nicht abkaufen, selbst wenn ich es wollte."
      Um sein eigenes Leben fürchtete er nicht. Er hatte sich geschworen Sylea zu beschützen, aber er war unbestritten der Angreifbarste in diesem seltsamen Dreiergespann.
      "Es wird ihr das Herz brechen.", murmelte er. Und mir auch...
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es waren lediglich kurze Seitenblicke, die Anifuris Cain zuwarf, als er Bekanntschaft mit seinem notdürftig geflickten Bein machte.
      "Was verstehst du nicht an 'Sie ist weg'?", wiederholte er die Frage während er die erste Seite des Buches umblätterte und mit einem Finger ein bestimmtes Wort umzirkelte. "Verschwunden. Nicht ansprechbar. Nicht auffindbar. Als hätte sich ihr Bewusstsein in einer Staubwolke aufgelöst."
      Dass diese Partikel wie Saharastaub in seinem eigenen Bewusstsein noch flogen, musste er dem Seeker ja nicht auf die Nase binden. Obwohl er jedes Mal, wenn er versuchte die Partikel einzufangen, scheiterte. Sie entglitten ihm, rannen durch seine Finger und zerstoben sich.
      Ein weiterer beläufiger Blick in Cains Richtung, der nun seitlich zu der alten Seele stand.
      "Ihn freigesetzt, siehst du doch. Das ist der einzige Weg, weshalb sich eine Hülle in Staub verwandeln sollte." Eine dreiste Lüge. "Und Kampf war nicht das richtige Wort. Notwehr vielleicht eher. Er wollte Sylea erwürgen", er reckte das Kinn und gab somit die Sicht auf Verfärbungen an seinem Hals frei, die eindeutig von größeren Händen stammten. "Und so kurz vor seinem Ziel zu stehen hat den Köter etwas nachsichtig werden lassen."
      Die nächste Seite wurde lautstark umgeblättert. Selbst noch, als sich der junge Mann direkt gegenüber auf den Couchtisch setzte.
      "Du lügst sie nur dann an, wenn du es nicht auch so meinst", merkte er leichtfertig an und runzelte die Stirn als er eine Passage ein zweites Mal lesen musste. "Aber es wäre besser für das Mädchen. Wie gesagt; sollte sie über die Verschmelzung stolpern wird sie wie auf rohen Eiern agieren. Sich Vorwürfe machen, dass sie dich mit in den Abgrund reißen wird. Denn wenn sie endgültig verschwinden sollte, tust du es auch."
      Es gab eine Alternative. Eine Alternative, die wahrlich einfach zu erreichen war und auf die der junge Mann scheinbar einfach nicht kam. Doch solange ihm dies nicht auffiel war Anifuris der Letzte, der ihn mit der Nase darauf stoßen würde. Vielleicht könnte die alte Seele einfach seinen Willen brechen, ihn zu einer willenlose Marionette machen, die ihm auf Schritt und Tritt folgte? Ein wandelndes Einmachglas sozusagen?
      "Junge, du bist zu leicht zu lesen." Mit einem Seufzen klappte er das Buch zusammen, der Kreis schloss sich und ließ die Runen wieder aufleuchten.
      In einer fließenden Bewegung zog er die Füße vom Tisch, stellte sie auf den Boden und legte das geschlossene Buch in seinen Schoß. Der Blick, den er Cain nun schenkte, war ein grausige Mischung aus Syleas forscher Neugier und Anifuris kalter Berechnung. Eine Mischung, die es unheimlich schwer machte zu erkennen, wo der eine anfing und der andere endete.
      "Du hast den Fehler gemacht dich in ein Vessel zu verlieben. Liebe macht blind und dumm - lass dir das von einem Gleichgesinnten sagen. Du wusstest genau um ihr Schicksal, welche Rolle ich einnehme und dass Trauer und Tod ihre Schatten sind. Tief in dir weißt du ganz genau, dass eure Zeit wesentlich begrenzter ist als ohnehin schon. Trotzdem hast du diesen Teil deines Verstandes getrost ignoriert und nun zahlst du den Preis dafür."
      Er tippte mit seinen Fingern auf den ledernen Buchrücken.
      "Gleiches Spiel. Ich dachte, ich tue es für sie, aber am Ende ist sie mir in den Rücken gefallen und hat mich richten lassen. Größenwahnsinnig hat sie mich genannt. Anmaßend, dass ich Grenzen überschritt, die der normale Mensch nicht mal wagte zu berühren. Der Babylonier möchte das Wissen aus diesen Schriften, das ich ihm zuteil werden lasse, sobald ich fertig damit bin. Bis dahin sollte sich entschieden haben, wie es mit Sylea weitergeht. Ist sie bis dann immer noch fort, hat sie wohl kapituliert. Überlege dir, welches Auskommen das Bessere für dich wäre, kleiner Seeker."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Erinnerungen an Hollow Point verdrängte Cain gut und gerne.
      Der geistigen Gesundheit war besser damit gedient, wenn er sich nicht ständig vor Augen führte, welches Leid er Sylea zugefügt hatte, während er unter dem Einfluss von Anifuris gestanden hatte. Allerdings führte das Misstrauen, das wie ein eigenwilliges und unaufhörliches Ziepen in seinem Hinterkopf pochte, viel weiter zurück. Argwöhnisch beäugte Cain die zerfallenen, staubigen Überreste des einst so gefürchteten Höllenhundes. Und erinnerte sich an Farina. Die bedauernswerte Farina Hallesvord, die ohne die übernatürlichen Kräfte der fremden Seele ihren Nutzen für den Rat verloren hatte. Anifuris hatte das zweite Bewusstsein in ihrem Kopf freigesetzt und so der selbstbewussten Frau jegliche Fähigkeiten geraubt. Die komplexe Prozedur hatte das Leben der Frau unangetastet gelassen, aber im Gegensatz zu Farina hatte Helyon die Seele seines Wirtes verdrängt. Und ohne Seele konnte ein Körper nicht existieren. Wie lange mochte Helyon bereits in dem Körper dieses Mannes gesteckt haben. Zum ersten Mal seit der verhängnisvollen Begegnung mit dem Alpha, fragte sich Cain, wer dieser Mann gewesen war. Hatte er Familie gehabt, als Helyon sein Bewusstsein auslöschte?
      Ein malträtierender Kopfschmerz pulsierte hinter seiner Stirn, während er sich mit den Fingerspitzen kreisend über die Schläfen fuhr.
      Besorgnis spiegelte sich in dem schwachen Goldschimmer seiner Augen, die Flecken und Tupfen eines warmen Brauntons zeigten. Der Blick galt den bläulichen Schatten um den schlanken Hals. Wie einfach wäre es für Helyon gewesen, ihr sämtliche Luft aus dem Körper zu pressen, wenn Anifuris nicht gewesen wäre. Aber der simple Dank erstarb auf seiner Zunge. Anifuris hielt auch nur sich selbst am Leben, was mit Syleas Geist passierte interessierte ihn nicht.
      Junge du bist zu leicht zu lesen.
      Der Kopf des Seekers ruckte in Richtung der vertrauten und doch anderartigen Stimme. Gleichzeitig faszinierend und furchterregend zu gleich, wie fließend die Übergänge in den Gesichtsausdrücken und Gesten waren. Dabei war sich Cain sehr wohl bewusst, dass Anifuris diese Punkte geschickt einsetzte, um ihn zu manipulieren. Jeder kleinste Funken, der ihn an Sylea erinnerte, konnte eine gefährliche Hoffnungs schüren, dass sie noch irgendwo in ihrem Körper war. Verloren aber nicht vollständig verschwunden.
      Der Anblick der blitzende Neugierde in den graubraunen Augen versetzte ihm einen Stich mitten ins Herz. Ein Blick, der ihn zu sehr daran erinnerte, was er verlieren konnte. Sylea. Sein Herz. Seinen eigenen Verstand.
      Cain fühlte sich wie ein unbeholfener, ahnungsloser Schuljunge der gerade für sein Verhalten getadelt wurde.
      Nichts, was Anifuris erzählte war ihm neu. Cain konnte sich vieles vorwerfen lassen: Naivität, Dummheit, Leichtsinnigkeit.
      Und Verantwortungslosigkeit.
      Mit einem Mal löste sich die Spannung in seinen Schultern und der Seeker sackte ein winziges Stückchen in sich zusammen. Nicht einen Augenblick lang hatte er einen Gedanken an seine Schwester verschwendet. War nicht eigentlich deswegen in erster Linie mit Sylea aus Hollow Point geflohen? Selbst Jace hatte ihm diesen Punkt bereits vorgeworfen. Cains Verstand begab sich eine Spirale, die sich unaufhörlich drehte und seine eigenen Entscheidungen in Frage stellte.
      Die ganze Zeit über lauschte Cain schweigend der alten Seele, ehe er die Stille brach.
      "Mich zu verlieben, war nicht meine Absicht gewesen.", gab er nach langer Pause endlich zu. "Eigentlich wollte ich deine Hilfe um Cordelia zu finden, aber Jace hat Recht. Ich bin ein zu großer Feigling, um dich einfach auf die Welt loszulassen und dafür brauche ich Sylea. Sie brauchte etwas, dass sie an dieser Welt festhalten ließ. Bei all dem habe ich nie in Betracht gezogen, dass ich mich verlieben 'kann'. Alles, was ich fühle, verwahre ich sorgsam verschlossen. Sylea hat es geschafft alle Barrikaden und Schilde einfach niederzureißen."
      Er wusste nicht, warum er gerade Anifuris diese Dinge erzählte, aber Cain war müde und mental mehr als instabil. Helyon hatte ganze Arbeit geleistet.
      "Und jetzt fühle ich zu viel. Ich schaffe es kaum die Barrieren aufrecht zu erhalten." Cain hatte nie wieder die Angst spüren wollen, jemanden verlieren zu können. Es zerfraß ihn förmlich. Der Wunsch diese verzweifelten und nagenden Gefühle loszuwerden, legte sich bitter auf seine Zunge. Sylea und er würden sich unweigerlich gegenseitig in den Abgrund reißen. Und das schlechte Gefühl schlich sich sein, dass er nur eines der Mädchen retten konnte, die liebte. Sylea oder Cordelia.
      Jace hatte wirklich recht. Er war ein Feigling.
      "Wer war sie?", murmelte Cain schließlich und blickte auf das Buch.
      “We all change, when you think about it.
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    • "Es ist nie jemandes Absicht, sich zu verlieben. Wir sind oder waren alle nur Menschen, die nichts gegen die eigene Gefühlswelt einzuwenden haben. Wäre dem so gewesen wärst du nun längst bei deiner Schwester oder ich vermutlich eines normalen Todes gestorben."
      Indes hatte Anifuris damit begonnen, das alte Leder sanft zu streicheln. Ein Blinder sah, dass er diesem Stück einen extrem hohen persönlichen Wert zumaß und sich nicht einmal dafür zu schämen schien. Sollte die Außenwelt ruhig sehen, dass auch er noch einen Funken Menschlichkeit besaß.
      "Im Endeffekt ist deine Angst mir gegenüber nicht mehr gerechtfertigt. Nüchtern betrachtet hast du mich schon auf die Welt losgelassen - zumindest sehe ich überhaupt keinen Grund, der mich auch nur im Ansatz an dich bindet. Ich könnte jederzeit aus dieser Wohnung spazieren und du könntest rein gar nichts mehr dagegen unternehmen. Du sagst, du brauchst Sylea dafür. Du hast nur gehofft, dass sie mich halbwegs in meinen Aktionen stoppen kann und mich nicht ganz so unberechenbar für dich macht. Das Mädchen war für dich nichts anderes als ein Mittel zum Zweck, das plötzlich einen Charakter für dich angenommen hat. Nichts weiter."
      Primär war Anifuris einfach in Cains Begleitung geblieben, weil es eine Form von Unterhaltung versprach. Er sich in dieser Zeit erst einmal akklimatisieren und orientieren musste, um den eigenen Weg festzulegen. Dass sein Vessel ihn nun effektiver band als üblich war auch für ihn eine Umstellung gewesen, doch spätestens die Tatsache, dass der Seeker das Gold trug, eröffnete ihm neue Wege. Nur musste er dafür sorgen, dass sein Goldesel nicht verfrüht ins Gras biss.
      Anifuris wacher Blick schien Cains mürber Erscheinung Stück für Stück seiner Schalen zu berauben. Wie eine Zwiebel zog er eine nach der anderen ab bis er schließlich dank des Farbenspiels der Aura des Seekers genau sehen konnte, was dieser fühlte und vielleicht sogar dachte.
      Dieses Mal legte sich kein Lächeln auf Anifuris' Lippen.
      "Dass deine Barrieren gerade sehr labil sind, sieht man", merkte er an und legte tatsächlich das Buch zur Seite auf die Couch während er sich neu positionierte und die Hände in einander legte mit den Handflächen nach oben. "Ich glaube du vergisst, dass ich dir dabei helfen kann. Ich kann dir deine Sorgen, deine Ängste nehmen. Oder auch nur einen Aspekt davon, wie du möchtest. Das gibt dir vielleicht wieder die Luft zum atmen zurück."
      Er kippte den Kopf ein wenig, so wie Sylea es manchmal tat, wenn sie etwas spannend fand.
      "Estryreh? Die Begründerin des Rubra-Clans. Daher kenne ich so viele der Runen, die man Sylea nie gelehrt hat. Essy war die Frau an meiner Seite als ich noch lebte. Wir haben zusammen geforscht, ausprobiert und uns geliebt. Leider hat sie recht früh dafür gesorgt, dass mich der damals frisch gegründete Rat exekutieren ließ. Sonst hätten wir vielleicht sogar Kinder gehabt, die unsere Geschichten weitertrügen. Stattdessen hat sie diese Memoiren verfasst. Primär um ihre Erkenntnisse für die Nachwelt festzuhalten. Ich denke jedoch, dass sie wenig Gutes an mir lassen wird. Zumindest kenne ich noch alles, was sie auf den ersten beiden Seiten beschreibt."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein freudloses Lachen erklang.
      Ein ersticktes und dumpfes Geräusch, das die Tiefen seines Brustkorbes füllte. Die Gewissheit, dass er Anifuris nicht eine Sekunden in dieser Wohnung halten konnte, war eine wirklich bittere Pille. Cain erwischte sich dabei, wie er jede brenzlige Situation der vergangenen Tage vor seinem geistigen Auge abspielte, wie eine veraltete Filmaufnahme. Und jedes einzelne, verdammte Mal hatte er zu Gunsten von Sylea entschieden. Der Seeker hatte wissentlich über die schleichende Bedrohung hinweg gesehen und ganz auf die außerwöhnlichen Fähigkeiten und das Selbstvertrauen der Vessel vertraut. Auf die Talente eines jungen und unerfahrenen Mädchens, dessen ganze Emotionswelt ebenso manipulierbar war, wie seine Eigene. Mitgefühl legte den Grundstein für die Gefühlsspirale, die ihn immer weiter in die Dunkelheit des Kaninchenbaues gezogen hatte. Und auf dem Weg nach Unten war aus dem anfänglichen Mitleid die Zuneigung und schließlich die Verliebtheit gewachsen.
      Die sachliche Auslegung seiner Gefühl schmerzte selbst in seinen Ohren und verdrehte ein eigentlich wärmendes Gefühl in eine berechenbare Kälte. Und Cain, so empfänglich unter der brüchigen Aurahülle, sog jedes Wort auf wie ein trockener Schwamm.
      "Irgendwie fällt es mir schwer in die den liebenden Gefährten zu sehen, bei all der Grausamkeit, die du verbreiten kannst.", murmelte Cain und die goldene Iris seiner Augen funkelte im wärmenden Licht der untergehenden Sonne, dass durch die winzigen Lücken in den Vorhängen sickerte. "Was genau war eigentlich der Grund dafür, dass Estryreh deine Hinrichtung forderte?"
      Essy. Cain konnte nicht mich Sicherheit sagen, ob der Kosename aus Gewohnheit oder einem Restfunken von Zuneigung entsprach. Allerdings konnte er etwas spüren. Einen zarten Hauch, den er kaum definieren konnte, während die Finger alten Seele scheinbar liebevoll über den Ledereinband fuhren. Vielleicht wünschte sich ein winziger Teil seiner Selbst, das Anifuris das letzte Bisschen seiner Menschlichkeit nicht als Belastung ansah. Anifuris war ein chronischer Lügner, verdrehte die Wahrheit zu seinen Gunsten und manipulierte die Menschen. Und dennoch...
      "Kann ich dir eine Frage stellen? Obwohl ich mir nie sicher sein werde, ob du die Wahrheit sagst.", sprach Cain mit ruhiger Stimme und setzte sich etwas aufrechter hin. Einzelne Strähnen des shwarzen Haares fielen ihm unordentlich in die Augen. "Du warst einmal ein Mensch. Dabei frage ich mich, wie viel von diesem Menschen übrig ist. Ist Sylea tatsächlich nur ein Hinderniss für dich? Oder ein Mittel zum Zweck, so wie du es mir vorwirfst. Gibt es nach all den Jahren, die du mit ihr in einem Verstand verbracht hast nicht einen winzigen Teil, der ihr Schicksal bedauert?"
      “We all change, when you think about it.
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    • Da zeigte sich ein spöttisches Lächeln auf Anifuris Lippen. Er konnte es nicht länger einhalten.
      "Natürlich würde ich mich jetzt auch nicht mehr als liebenden Gefährten bezeichnen. Aber du vergisst, dass ich mehr als ein Leben lebe, meine Zeit ist künstlich verlängert worden. So sehr, dass wir unsere Menschlichkeit verlieren und der Verstand am Ende bricht. Deswegen sind viele Seelen scheinbar wahnsinnig. Weil sie einst auf Menschen beruhten, deren Geist nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Daher weiß ich auch, wie mit dem Babylonier umzugehen ist. Glaub nicht, dass der Mann nicht mindestens genauso verdreht ist wie ich."
      Er wollte nicht darüber sprechen, wie seine einstige Geliebte ihn verraten hatte. Über die Jahrhunderte hatte er genug Zeit gehabt darüber zu sinnieren, warum sie es tat und ob man es gutheißen konnte oder nicht. Im Endeffekt hatte sie ein Übel gesehen, das sie mit dieser Aktion hatte unterbinden können. Bis der Rat nun selbst gefährlich nah am Übel kratzte.
      "Bringt es dich in irgendeiner mir unerfindlichen Art und Weise weiter zu wissen, warum ein Mensch vor über 800 Jahren einen anderen zum Tode verurteilen ließ?"
      Die Stimme war leicht. Man konnte sie schon fast toxisch süß bezeichnen während die Worte über seine Lippen kamen und einen Umstand so banal darstellten. Eingehend musterte die alte Seele den Seeker und erkannte, dass der junge Mann gerade versuchte, etwas aus seinen Worten zu lesen.
      Fast war er schon geneigt wieder zum Buch zu greifen, da stellte Cain eine weitere Frage. Eine so essentielle, dass Anifuris ernsthaft seine Gedanken von den Memoiren löste und sie vollends auf den Mann vor sich auf dem Couchtisch lenkte. Für einen Bruchteil seines eigenen Herzschlages sinnierte die alte Seele darüber, ob Einfühlung das richtige war, was man ihm jemals gegenüber erbringen sollte.
      "Was gerade mit dir spricht ist nur noch ein Schatten von dem Menschen, der er einst war."
      Pause. Anifuris hielt den Blickkontakt unbehellig aufrecht während er in sich hineinhörte und darauf achtete, ob sich Syleas Bewusstsein zu sammeln begann. Noch immer war es ein einziger Sandsturm.
      "Sie ist für mich ein Hindernis, weil sie meine Freiheit entscheidend bedroht. Jeden anderen Menschen hätte ich binnen Sekunden brechen können und wäre dann Herr meiner Selbst. Ich bedauere ihr Schicksal nicht. Wie sollte ich? Dann würde ich für jede einzelne Seele trauern, der es vergönnt ist, immer wiedergeboren zu werden. In einen fremden Körper gesteckt zu werden und im schlimmsten Falle das Gefäß dabei zu töten, selbst wenn sie es gar nicht wollte. Sie hat dir nie genau gesagt, was in der Kathedrale über all die Jahre vorgefallen ist. Willst du es wissen?"
      Die letzte Frage stellte er mit einem herausfordernden Tonfall. So angeschlagen wie Cain es gerade war, konnte Anifuris ihm mit Leichtigkeit seine Erinnerungen aufzwängen. Den jungen Mann das durchleben lassen, was er für Sylea ertragen hatte. Damit würde er den Seeker zweifelslos brechen, doch der Preis war eindeutig zu hoch. Cains Neugier würde ihre Arbeit schon erledigen.
      "Als man mich in ihr bannte, starb sie. Ihr Bewusstsein war in einem ähnlichen Zustand wie jetzt gerade. Ich wachte plötzlich in einem physischen Körper auf, der nicht meiner war nach einer gefühlten Ewigkeit des Nichts. Ich musste mich orientieren, verstehen, warum ich eine weitere Präsenz in mir spürte, die nicht da zu sein hatte. Sieben Jahre lang hatte ich dafür Zeit, war in dem Kreis gefangen mit mir allein und der Großzügigkeit der Wachen ausgesetzt. Dass man versucht hat uns zu töten hat sie dir ja berichtet. Ich war derjenige, der diese Versuche alle ertragen hat und nicht sie. Sie hat sich erst nach sieben Jahren dazu entschlossen, wieder aktiv zu werden und dann hatte ich plötzlich ein naives Kind neben mir, die überhaupt keine Ahnung hatte, dass sie eigentlich schon kalt unter der Erde hätte liegen müssen. Ich habe erst dann ihre Erinnerungen durchkämmen können. Nach Hinweisen, Verbindungen suchen können. Und rein gar nichts davon hat mir auch nur im Ansatz geholfen. Wir sind wie zwei Fremde, die aneinander gekettet worden sind. Nur dass ich vollen Zugriff auf ihre Erinnerungen habe, sie umgekehrt jedoch nicht."
      Bedauern war etwas, das Anifuris über die Jahre abgelegt hatte. Mitleid war etwas, das ihm fast zur Gänze abhanden gekommen war. All diese Schritte waren notwendig gewesen, um nicht vollends dem Wahnsinn zu verfallen, der mit Schuld und Reue einen Menschen in den Ruin treiben konnten.
      "Du kannst über die Jahrhunderte nicht anders als dein Mitgefühl ablegen. Du musst, wenn du nicht völlig wahnsinnig werden willst und noch mehr Chaos anrichten möchtest, falls dich doch einmal die Reue überkommen sollte. Es ist schade, dass Sylea ausgerechnet an mich gebunden worden war. Aber im Gegensatz zu anderen ist ihre Seele bei mir frei und kann ziehen, wenn sie es sich so wünscht."
      Anifuris Stimme war immer leiser geworden, dunkler sogar. Vielleicht hatte er über all die Jahre auch einfach nur vergessen, dass man Reue auch in seiner Stimme nachhören konnte. Vielleicht hatte er vergessen, wie sich seine eigene Stimme dabei anhörte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Nachdenklich legte Cain den Kopf schief und lauschte den unzähligen Worten, die wie ein eisiger Regen auf ihn einprasselten.
      Die kühle Distanz in jeder Silbe unterstrich den Verdacht, dass die alte Seele bereits vor gefühlten Ewigkeiten vergessen hatte, was es bedeutete ein Mensch zu sein. Durch die goldschimmernde Aura zog sich unweigerlich eine seichte Welle aus Mitgefühl. Vielleicht hatte Anifuris bereits vergessen, wie er sich nach dem Verrat seiner Geliebten gefühlt hatte. Und ehrlicherweise, spielte der Umstand auch keine besonders große Rolle mehr. Wie gewöhnlich verschwieg Anifuris einen Teil der Geschichte oder umschiffte die Antwort geschickt. Allerdings konnte sich Cain nicht daran erinnern, dass sein Gegenüber jemals so viele persönliche Dinge an einem Stück geteilt hatte. Der Verdacht lag nahe, dass er sich das Vertrauen des Seekers erschleichen wollte. Ein Köder aus armseligen Brotkrümeln, die Cain am langen Arm verhungern ließen. Was Cain sich auch erhofft hatte, blieb ihm versagt.
      "Nein.", antwortete der Seeker mit erschöpftem Blick und wandte doch keine Sekunde die Augen von Anifuris ab, von dem vertrauten und geliebten Gesicht, dass unter der Kontrolle des anderen Bewusstseins erschreckend fremd wirkte. "Ich brauche es nicht zu wissen. Und es besteht keine Notwendigkeit es mir zu zeigen. Jede Narbe auf ihrem Körper erzählt mir mehr als genug. Keinem ist damit geholfen, wenn ich mich in alten Erinnerungen verstrickte. Nicht jetzt."
      Cain war sich bewusst, wie angreifbar er für Anifuris war. Die Schatzhülle seiner Aura war dünn und somit ebenfalls die Barriere die seinen Kern und sein ganzes Wesen umfing. Anifuris wäre es spielend leicht möglich, alles, was Cain ausmachte, in winzige Fetzen zu reißen. Aus irgendeinem Grund verhielt er sich dennoch friedlich. Eine Ruhe, die eine gewissen Nervosität in dem Seeker schürte. Die Ruhe vor dem Sturm.
      Anifuris erhob erneut die Stimme und der Seeker verfiel in ein grübelndes Schweigen. Bedauern nahm er in dem Gesprochenen nicht war. Die Worte waren sachlich gewählt und trieften vor Gleichgültigkeit. Lediglich eine hauchfeine Nuance in der Stimmfarbe, gut verborgen und für jemanden ohne Cains sensible Wahrnehmung nicht zu hören, verriet etwas anderes.
      Eine bittere Note von Reue legte sich auf seine Zunge. Die Art von Bitterkeit, die eine Schwere im Herzen auslöste. Die Regung war sehr gering, aber für ihn spürbar. Er sprach Anifuris darauf nicht an. Cain hatte einen Funken Gewissheit, dass Anifuris zwar in den Augen der Menschheit ein unberechenbares Monster war, aber nicht so herzlos, wie die Vermutung nahe legte. Auch er hatte nach 800 Jahre nicht jegliche Empfindung ablegen können.
      "Sollte der Tag kommen, an dem Sylea diesen Wunsch äußerst, werde ich ihr dabei nicht im Wege stehen. Nichts gibt mir das Recht von ihr zu verlangen bis an ihr Lebensende unter diesen Umständen zu existieren."
      Die Befürchtung, dass ihr Geist eines Tages einfach daran zerbrach, ertrug er nicht. Vielleicht hatte Anifuris Recht. Vielleicht war es besser das Band zu zerschneiden, so lange es noch dünn und brüchig war. Für ihn. Für Sylea.
      Die Rubra würde an der Schuld vergehen, sollte sie die Verantwortung für sein Leid tragen. Und Cain...Er ertrug den Gedanken nicht sie zu verlieren oder ihr ein Leben aufzubürden, dass niemals vollständig ihr gehören würde. Denn ohne Anifuris, war es vorbei.
      Sollten sie auch nur den Hauch einer Chance haben, jemals frei aus dieser Geschichte herauszukommen, musste sie einen klaren Kopf behalten und das konnte Cain unter der Flut aus Gefühlen nicht. Die Liebe zu Sylea würde ihn immer wieder über Risiken hinwegsehen lassen.
      Etwas glomm in den goldenen Augen auf, ehe er sich wieder etwas vorlehnte und somit unmittelbar der alten Seele näher kam.
      "Ich möchte, dass du sie versiegelst.", sagte Cain schließlich. "Meine Liebe zu Sylea. Das ist die einzige Möglichkeit, die Verschmelzung aufzuhalten. Ich glaube dir, wenn du sagst, dass sie unter der Schuld leiden wird. Ein Umstand, der dir sicherlich nicht ungelegen kommt. Aber für das, was auf uns wartet, brauche ich einen klaren Verstand. Wenn ich Sylea beschützen will, brauche ich meine Kontrolle zurück, die sie mir entrissen hat."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Cains letzte Sätze waren die Ersten, die eine Regung in Anifuris' Augen hervorriefen. Eine Mischung aus Verwunderung, Überraschung und Anerkennung. Hatte er so einfach sein Ziel erreichen können? Da musste ein Haken sein.
      "Das ist nicht die einzige Möglichkeit, wenn ich so sagen darf. Du trägst Fetzen ihres Silbers bereits verankert in deiner Aura, die du nicht freiwillig eingebaut hast. Wenn sie dir weiterhin so nahe kommt, etabliert sie eine Verbindung gegen deinen Willen. Sie weiß es nicht, aber so bindet man Individuen an sich. Was bedeutet, dass du weiterhin alles für sie tun würdest, sogar sterben, und sie völlig unbetroffen davon sein würde."
      Anifuris musterte den jungen Mann vor sich. In seiner Aura sah er keinen Zweifel auftauchen, nur einen Entschluss und den damit verbundenen Schmerz. Ein wenig schlechtes Gewissen vielleicht. Und eine gewaltige Menge an Fürsorge. Die darunter liegende Liebe war so stark ausgeprägt, dass die alte Seele kurz überlegte, wie er sie am besten bannen sollte. Und wie sehr es den eigentlichen Menschen dahinter verändern würde.
      "Ich kann das Gefühl der Liebe ausradieren, ja. Genauso wie ich es damals mit deiner Angst tat. Aber ich erinnere dich gerne daran: Ich nehme dir eine wichtige Komponente deiner Selbst. Es wird das Gefühl im Allgemeinen gebannt und nicht nur spezifisch auf eine Person ausgerichtet. Das bedeutet, du verlierst die Liebe für Sylea, deine Schwester, allen anderen Personen, die dir etwas bedeuten."
      Andernfalls müsste man die Verbindung zu einem anderen Menschen, vollständig mit den gesammelten Erinnerungen, auslöschen. Das war eine Sache, die Anifuris noch nicht bewerkstelligen konnte.
      Noch immer zeigte sich kein Lächeln auf Anifuris' Lippen. Stattdessen bemerkte er, wie sich Cain weiter zu ihm lehnte, sich bewusst um die Gefahren war und zeitgleich rätselte, warum die alte Seele ihn noch immer nicht in seine Einzelteile zerlegt hatte.
      So ein dummer Junge... Hat nie gelernt, sich selbst im Fokus zu sehen.
      Anifuris legte eine seiner Hände mit der Handfläche nach oben auf sein Knie, so als erwartete er, dass Cain seine in ihr platzierte. Eine stille Aufforderung, sollte sich der Seeker wirklich für diese Variante entscheiden.
      "Noch einmal: Du wünschst, dass ich eine deiner Grundemotionen versiegele. Die nicht nur gerichtet für eine Person existiert. Es wird dich verändern und du wirst ohne mich das Siegel nicht eigenständig lösen können. Falls Sylea zurückkommen sollte wird sie sich hieran höchstwahrscheinlich nicht erinnern können. Sie wird nicht verstehen, warum plötzlich ein anderer Cain vor ihr steht und sie mit einer kalten Schulter behandelt. Es kann sein, dass du nicht einmal mehr den Antrieb verspürst, deine Schwester zu suchen. Weil dir schlichtweg die Liebe zu ihr fehlt. Bist du dir sicher, dass du diesen Weg gehen willst, kleiner Seeker?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eine Erschütterung begleitet von Zweifeln und Furcht durchzog die zerbrechliche Substanz der goldenen Aura.
      Winzige Schwingungen, die sich wie Wellen über die vollständige Oberfläche bewegten und die zerfaserten Ausläufer des Goldschimmers erfassten, die ihren Weg zurück zum Ursprung noch nicht finden konnten. Die Frage, ob er die Versiegelung überhaupt aushielt, erfüllte die vorderste Front seines Verstandes. Die Belastung war sicherlich nicht zu unterschätzen. Die Worte der alten Seele kamen einer Warnung gleich, als wollte Anifuris ihn von seinem leichtsinnigen Vorhaben abbringen. Die Illusion von Verständnis und das fadenscheinige Angebot seine Meinung zu ändern.
      Seufzend glitt sein Blick zu der dargebotenen Hand, die ihn unter anderen Umständen zärtlich berührt und ihm ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelte. Jetzt war sie das Sinnbild einer tödlichen Klaue eines Monsters, in die er seine Persönlichkeit und das Schicksal aller, die er liebte, legte.
      Für einen Augenblick fragte sich Cain still, was für ein Mensch aus der Versiegelung entspringen würde. Vielleicht erzählte er Sylea die notwendigen Lügen. Vielleicht war es diesem Cain schlichtweg egal. Ob Sylea die Wahrheit über diesen teuflischen Pakt erfuhr, spielte vermutlich keine nennenswerte Rolle für diesen Mann.
      Bei all den düsteren Gedanken blieb eine Hoffnung unerschütterlich, denn Cain vertraute Sylea. Er glaubte auch weiterhin daran, dass sie ihre Fähigkeiten und die Kontrolle über Anifuris meistern würde. Und vielleicht, sollte er etwas Glück haben, würde sie es irgendwann verstehen und es schaffen das Siegel um sein Herz zu brechen. Eines Tages könnte Sylea ihm vielleicht diesen Schritt vergeben.
      Kurz schloss Cain die Augen und erinnerte sich an die wunderschönen Momente. Das befreite und freudige Lachen klang wie die schönste Melodie in seinen Ohren und versetzte seinem Herz die ersten splitternden Risse. Das Leuchten der Neugierde in ihren Augen, während sie sich über einen banalen Joghurtbecher begeisterte. Die zarte Röte ihrer Wangen und das Gefühl ihres warmen Körpers an seinem, das Gefühl der weichen Haut und der rauen Struktur der Narben unter seinen Fingerspitzen. Der Schauer, der ihn erfasst hatte, als sie das erste Mal seinen Namen mit Sehnsucht geflüstert hatte und wie das Licht des Morgens ihre Haut zum Leuchten gebracht hatte.
      Die Emotionen durchfluteten ihn wie ein aufkommender Sturm und verklangen zu einem sanften Hintergrundsummen in den Tiefen seines Gedächtnisses.
      Gedanken an Cordelia und Jace kreiste ebenfalls durch seinen Kopf. Menschen, die er liebte und beschützen wollte.
      Der Hacker war sicherer, je mehr sich Cain von ihm distanzierte und Cordelia konnte sich sicherlich kaum an ihn erinnern, sie war so jung gewesen.
      Die Gefahr blieb, dass Anifuris ihn nie wieder aus seinem Griff entließ und er konnte nicht vorhersehen, wie dieses fremde Ich auf die alte Seele reagierte. Der Hauch einer Chance, dass er sich Anifuris anschloss, war nicht von der Hand zu weißen.
      Cain schlug die Augen auf und berührte erst nur mit den Fingerspitzen die angebotene Handfläche, ehe er seine Hand vollständig in Anifuris' Hand legte.
      "Tu es.", war alles, was er sagte. Er schuldete Anifuris keine weitere Erklärung. Sobald sie sich verbanden, würde er ohnehin wie ein offenes Buch vor dem Wesen sitzen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tatsächlich hatte die alte Seele damit gerechnet. dass der Seeker einen Rückzieher machte. Sich die Worte noch einmal durch den Kopf gehen ließ und dabei feststellte, dass es eine grenzlos dämliche Idee war. Gerade eben hatten sie noch darüber sinniert, wie Emotionen und Gefühle sie eigentlich erst zu Menschen machten. Durch diesen Deal gab der junge Mann einen Teil seiner Menschlichkeit auf für einen Preis, der sich nicht lohnte.
      Als sich schließlich Cains Hand in die seine legte, veränderte sich kein Muskel in Anifuris Gesicht. Es zeigte sich kein Spott, Hohn, Mitgefühl oder Anerkennung. Er musste völlig frei sein von all diesen Emotionen, wenn er einen Teil aus Cains Seele erfolgreich abspalten wollte. Das Einverständnis des jungen Mannes war das letzte gewesen, das er dafür gebraucht hatte. Denn ohne Cains Aura als Verstärker hätte er damals auch Helyon nicht einfach so absorbieren können.
      Seine Finger schlossen sich wie ein Schraubstock um die größere Hand in seiner während seine purpurne Aura regelrecht explodierte. Er ummantelte das Gold und Cains Körper vollständig, schüfte hier und da Fetzen des Goldes ab und lagerte sie unter seinen Aurenschichten ein.
      "Kopf freimachen", wies er den Seeker ruhig an während er Stück für Stück durch die Schichten brach.
      Dies hier war fernab der üblichen Siegelkunst der Rubras. Selbst sie konnten nur Gefühle unterdrücken, sie mildern, aber nie völlig von einem Lebewesen trennen. Doch Anifuris, der sich so gut in den Facetten der heiligsten Seele auskannte, vermochte sie in ihre Einzelteile zu zerlegen. Genau diese Fähigkeit war es gewesen, die ihn damals größenwahnsinnig und in den Ruin getrieben hatte.
      Als Anifuris schließlich auch die letzte Schutzschicht beiseite zog und Cains Seele ungeschützt vor sich liegen sah, stahl sich doch ein Lächeln auf seine Lippen. Es war jedes Mal wieder ein brauschender Anblick, den Kern eines Lebewesens vor sich zu sehen. So ungeschützt, dass er ihn buchstäblich berühren konnte. Mit seiner Aura berührte Anifuris das, was Cains Seele darstellte und erschauderte.
      Binnen Sekunden prasselten Bilder, Gefühle, Worte und noch so viel mehr auf ihn ein. Alles, was diesen Menschen bis jetzt geformt hatte breitete sich vor der alten Seele aus und flutete dessen Verstand. Noch in diesem Zustand sortierte er haarklein jede Nuance heraus, die sich als Liebe kristallisierte. Liebe für Sylea. Für Cordelia. Für alle anderen in seinem Umfeld.
      Dann bündelte er diese Emotion und extrahierte sie aus Cains Seele. Sie tauchte durch das Purpur von Anifuris Aura hindurch in seinen eigenen Kern, um dort unauffindbar zu verschwinden. Erst als dies geschehen war legte er sorgsam Schicht für Schicht wieder übereinander, bis Cains Seele wieder hinter der undurchdringbaren Aura verschwunden war.
      Harsch löste Anifuris seine Hand von Cain und zog sie zurück. Er rieb sie, als hätte er sie sich verbrannt und musterte Cain. Wie erwartet war der junge Mann zusammengesackt, bis sich seine Seele wieder stabilisierte und den fehlen Teil ausglich. In der Regel dauerte dieser Zustand nur Sekunden an.
      "Wie geht's dem kleinen Seeker nun?", fragte Anifuris mit leicht geneigtem Kopf und musterte Cain eingehend.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eine quälende Ewigkeit lang geschah nichts.
      Der Seeker verzog keine Miene während sich eine kühle Hand, so viel schmaler als seine Eigene, schraubstockartig um sein Handgelenk schloss. Erstaunlich welche physischen Kräfte Anifuris in dem Körper der Rubra hervorbingen konnte. Der Griff erwies sich als unerbittlich, als Cain reflexartig das Handgelenk zu drehen versuchte. Die Überlebensinstinkte setzten ein und registrierten die ansteigende Aura der alten Seele als gefährliche Bedrohung. Ein tiefer Atemzug füllte seine Lungen mit Sauerstoff, gleichmäßig und äußerst ruhig. Den Verstand von allen Gedanken freizumachen, erwies sich allgemein als geradzu unmöglich. Jeder Mensch dachte zu jeder Tageszeit, in jeder Minute und jeder Sekunde. Die hart antrainierte Kontrolle über die eigenen Emotionen und Wahrnehmung erwies sich bedauerlicherweise als ziemlich nützlich bei diesem waghalsigen Vorhaben. Der Atem verließ seine Lungen beim nächsten Ausatmen und mit der Luft fegte er Empfindungen und Erinnerungen in die hinterste Ecke seines Kopfes.
      Keine Sekunde später umhüllte eine erdrückende Aura sein ganzes Wesen. Cain hatte noch einen winzigen Augenblick Zeit, um sich über die veränderte Aurasignatur zu wundern. Etwas an der Struktur und Austrahlung hatte eine massive Veränderung durchlaufen. Von der ursprünglichen Signatur war kaum noch etwas vorhanden, stattdesssen wirkte die gesamte Aura dominanter und überwältigender als zuvor. Etwas daran erinnerte ihn an Helyon.
      Die Alarmglocken in der tiefe seines Verstandes wurden mit erschreckender Leichtigkeit von Anifuris übertönt, als dessen Aura eifrig zu Werke ging. Stückchen für Stücken brach er den Goldschimmer auf. Die glühende Aura leistete in der aktuellen, zerfetzten Verfassung kaum einen Widerstand, begehrte dennoch gerade zu Anfang wehement auf um das kostbare Gut im Inneren zu schützen.
      Cain durchlief dabei einen irrsinnigen Wechsel aus Furcht und Schmerz. Am ganzen Leib spürte er, wie sich die fremde Aura unter seine Schilde zwängte und alle Defensivmechanismen einfach ausschlatete. Die Versiegelung in all ihrer Unnatürlichkeit und Härte, war eine Prozedur die einem Verbrechen an der Menschlichkeit selbst glich. Ein solcher Eingriff in das Wesen selbst, sollte unmöglich sein und dennoch grub sich Anifuris immer tiefer, bis er den glühenden Kern unter der Aura erreichte.
      Cains Seele spiegelte eine sondebare Wärme, voller Mitgefühl und Zuneigung für die Menschen in seinem Leben. Unter all den Schichten und Ummantelungen aus Logik, Kontrolle und Furcht hütete der Seeker das, was allen Menschen innewohnte. Es war der Wunsch nach Zugehörigkeit und die Sehnsucht eine Bedeutung im Leben von jemand anderem zu haben. Das Gefühl von Isolation und Einsamkeit war so prägnant, dass es die Seele umhüllte wie ein Spinnennetz.
      Ein ruckartiger Zug, obwohl er körperlich nicht stattfand, riss den Seeker vom dem niedrigen Couchtisch herunter. Keuchend griff er sich an den Brustkorb und bekam keine Luft mehr. Wie ein Fisch auf dem Trockenen lag Cain auf der Seite und rang gequält nach Luft, während sich binnen Sekunden zu beruhigen schien. Die Hand glitt aus seinen gekrümmten Fingern und die Eigene landete scheinbar leblos am Boden.
      Langsam kehrte Leben in den zusammengekauerten Körper zurück. Arme wurden unter den Körper geschoben und stemmten den Oberkörper nach oben, bis sich Cain drehte um sich aufrecht auf den Teppich setzen zu können. Ein zitternder Atemzgu entfloh seinen Lippen, ehe er die Beine gemächlich an den Körper zog und zu Anifuris aufsah.
      Das Gesicht erfüllt von einer Leichenblässe, die sich lediglich schleppend durch eine gesunde Gesichtsfarbe verdrängen ließ, und wirren Haarsträhnen die ihm in die Stirn fielen. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, als er sich mit dem Handrücke darüber wischte.
      Anifuris Stimme schien etwas an der Teilnahmslosigkeit zu ändern, denn der Blick der goldenen Augen ruckte präzise und schnell in Richtung der alten Seele. Das Erste, dass wirklich als Veränderung ins Gewicht fiel, war eine gewisse Distanz in den goldenen Augen. Das Glühen war verklungen und ließ die einst warme Farbe seiner Iris zurück wie erkaltetes und gehärtetes Edelmetall.
      Die Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Nein, eigentlich kein Lächeln, es war die Imitation einer Muskelbewegung, die seine Augen nicht erreichte.
      "Leicht...", sagte er leise aber deutlich. Die Stimme hatte ebenfalls an Wärme eingebüßt und erklang kontrolliert und annährend emotionslos. "Mein Körper fühlt sich leicht an. Alls wäre das Gewicht, dass mich herunterzog, entfernt worden."
      “We all change, when you think about it.
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    • Anifuris hatte schon viel zu oft gesehen, wie sich die Seelenspiegel der Menschen augenblicklich veränderten, sobald man auch nur eine Facette der Seele trübte. Die anders wirkende Kälte in Cains Augen erinnerte ihn an das erste Mal, wo er sich Zeit genommen hatte, diesen jungen Mann genauer zu betrachten.
      Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen. Somit war er einen Schritt näher, die Kontrolle über diesen Körper zu behalten. Denn Cains Liebe zu Sylea würde mit an absolut grenzender Wahrscheinlichkeit ein Auslöser dafür sein, dass sich ihr Bewusstsein wieder sammelte und die alte Seele wieder zurückdrängte.
      "Gefühle sind schwer. Sagt man doch so, oder?"
      Er packte Cain am Oberarm und zog ihn auf seine Füße. Er selbst stand dem Seeker nun gegenüber, die Arme in die Hüften gestemmt und ein nicht wirklich deutbarer Ausdruck im Gesicht. Sein Blick glitt musternd über den Körper des Anderen ehe er zu den bernsteinfarbenen Augen aufschaute.
      "Die Liebe zu deinen Mitmenschen hat dich schwerer belastet, als du vielleicht zugeben wolltest. Sorge um deine geliebte Schwester von der du immer noch glaubst, sie sei irgendwo da draußen. Du hast dir Syleas Schicksal zum Teil angezogen und dich dadurch mehr belastet als es eigentlich sollte. Willkommen zurück in der Welt der Lieblosen", grinste Anifuris als er sich nach den Memoiren bückte.
      "Vergiss nur nicht, dass Schuld und Leid noch immer deine treuen Begleiter sind. Auch diese können schwer zum Tragen kommen."
      Gedanklich frohlockte Anifuris nur noch weiter. Noch immer war Syleas Bewusststein ein Sandsturm und machte keinerlei Anstalten, seine Form zu wandeln. Wie auch immer sich Sylea ins Aus geschossen hatte - es schien von Dauer zu sein. Vielleicht sogar über Jahre wie damals, als sie starb. Auf alle Fälle durfte Cain davon nur nichts erfahren.
      "Du solltest deinem Technikfreund vielleicht Bescheid geben, dass es dir gut geht. Ich schätze, die Aufnahmen könnten sonst etwas leicht zu misinterpretieren sein", merkte er an wobei er sich wieder in die Couch sinken ließ, um weiterzulesen. "Fass du dir erst mal einen klaren Kopf, was du mit deiner gewonnen Freiheit nun anstellen willst. Ich lese derweilen ein wenig."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kommentarlos ließ sich Cain auf die Beine helfen.
      Ein bereits erwarteter Schwindel erfasste seinen Kopf und ließ ihn kurzzeitig auf der Stelle schwanken. Die physischen Nebenwirkungen hielten sich ansonsten erfreulicherweise in Grenzen. Die Geste, mit der sich Cain schließlich die rabenschwarzen Strähnen aus der Stirn wischte, wirkte geschmeidig wie die kontrollierten Bewegungen einer Raubkatze. Und in der Tat zeigte sich in seiner vollständigen Körperhaltung etwas, das unterschwellig an die prägnante Eigenschaft der Seeker erinnerte. Die Angehörigen dieser Klassifizierung waren effiziente Jäger. Im Gegensatz zu den eigentlichen Huntern allerdings weniger grobschlächtig und zielgerichteter.
      Sylea hatte mit ihrem ganzen Wesen diese markanten Eigenschaften untermauert und in völlig andere Bahnen gelenkt.
      Einen signifikanten Vorteil hatte das kleine Intermezzo mit der jungen Rubra hervorgebracht. Cain war sich der Existenz seiner Aurasignatur bewusster als je zuvor. Die Eigenschaften des ungewöhnlichesn Goldschimmers würden sich ohne Zweifel als nützlich erweisen. Der Seeker blickte flüchtig zur Seite und betrachtete Anifuris mit demselben musternden Blick.
      Mit vollem Bewusstsein hatte sich Cain in das gefährliche Netz einer Spinne begeben. Jetzt galt es dafür zu sorgen, nicht gefressen zu werden. Schweigend nickte der Seeker zu den warnenden Worte. Schuld und Leid. Empfand er Schuld über das, was er getan hatte?
      War die Bitterkeit, die er wie einen Schatten in seinem Kern spürte, Schuld?
      Die Erinnerungen an die Augenblicke mit Sylea waren nicht fort, aber verblasst. Wie Fotografien, die zulange dem gleißenden Sonnenlicht ausgesetzt waren. Farblos und verschwommen. Jede gefühlte Empfindung existierte noch, dennoch unerreichbar hinter diamanthartem Glas. Versiegelt und klanglos, wie ein dumpfes Echo. Er erinnerte sich, aber er fühlte nichts.
      Beiläufig zog er das Smartphone aus seiner Hosentasche und fuhr mit den Fingerspitzen über die tiefen Risse im Display. Verdrießlich blickte auf den Schaden und war zumindest über die Tatsache erleichtert, dass die technischen Funktionen noch gegeben waren.
      Während er die Nummers des Hackers im Speicher suchte, schien er endlich seine Stimme wiedergefunden zu haben.
      "Freiheit? Bin ich das jetzt, frei?", die Stimme erklang mit einem verdeckten, misstrauischen Unterton. Aus dem Augenwinkel blickte er Anifuris abschätzend an. Er konnte nicht bestimmen, was genau ihn an der Situation irritierte, aber Anifuris verschwieg etwas.
      "Du hast Jace mitgeteilt, dass du ihn überall aufspüren könntest, sobald du einmal eine Kostprobe seiner Aura gespürt hast.", fuhr er ungerührt fort während er durch das Telefonbuch scrollte. Sein Kopf war klarer den je.
      "Die Aura meiner Schwester ist dir unbekannt, aber du sagtest du kennst Scintilla. Ich will, dass du sie für mich aufspürst."
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    • Zugegeben, Anifuris hatte wirklich die Lage so sein lassen und sich mit dem Buch aufs Sofa begeben. Doch er kam nicht einmal dazu, einen Satz zu Ende zu lesen, da Cain ihn zu sehr ablenkte. Die Art, wie sich der Seeker nun gab, wie er sprach war so klar als das einzuordnen was er eigentlich war, dass es schier unglaublich war. Sylea hatte ganze Arbeit geleistet, den Mann verweichlicht und ihm mehr Zukunft genommen als es ihr lieb gewesen war.
      Oh, was würde sie sich verteufeln, sollte sie jemals zurückkehren.
      "Frei von gewissen Lastern bestimmt", erwiderte die alte Seele nur schlicht und umschiffte gekonnt gefährliches Terretorium.
      Er hörte in Cains Stimme das Misstrauen, sah in seinen Augen einen Funken Erkenntnis, die noch nicht gänzlich zu ihm durchgedrungen war. Der Mann war nun deutlich aufmerksamer und vorsichtiger als jemals zuvor.
      Er klappte das Buch schließlich doch wieder zu und sah den Seeker offenherzig an. "Ich hatte mehr als einmal die Ehre mit Scintilla, ja. Dieses verrückte Weib könntest du unter Hunderten erspüren wenn du wüsstest, wonach du suchen solltest. Aber mal nüchtern betrachtet: Du stellst mir eine Forderung. Ohne etwas dafür anzubieten. Meinst du nicht, dass du deinen Standpunkt etwas falsch einschätzt?"
      Ein süffisantes Lächeln erschien auf Anifuris Lippen. Er war sich mehr als bewusst über den fremden, nicht absorbierten Teil von Cains Seele nahe seinem eigenen Kern und die damit verbundene Macht über diesen Menschen. Der Seeker mochte es selbst nicht ahnen, aber die Herrschaft über auch nur einen winzigen Teil einer Seele war atemberaubend mächtig.
      "Biete mir etwas an", schlug er ungewohnt großspurig vor während er sich in einer sehr maskulin wirkenden Geste nach hinten lehnte und die Arme über das Kopfteil der Couch seitlich ausbreitete. "Das Argument des Zeitvertreibs zählt nicht mehr. Ich könnte jederzeit aus dieser Wohnung spazieren und irgendwo hin verschwinden. Und du wüsstest nur, dass ich einen Teil deiner Selbst bei mir trage, den du bitterlich missen würdest über kurz oder lang. Also. Was hast du zu bieten, kleiner Seeker?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Standpunkt der alten Seele war nicht von der Hand zu weisen.
      Cain stellte eine Forderung ohne dafür eine Gegenleistung anzubieten. Ein Handel, der eigentlich kein Handel war, lediglich eine dreister Anspruch. Tatsächlich besaß der wie bereits zuvor keinerlei Macht über Anifuris. Mit einer winzigen Spur Ärger verzog der abtrünnige Seeker missmutig das Gesicht, wobei sich grübelnde Furch zwischen seine Augenbrauen gruben. Eingehend betrachtete er Anifuris, der es sich gönnerhaft auf der Couch bequem machte. Das süffisante Grinsen auf dem vertrauten Gesicht befeuerte die Verärgerung über die eigene Gedankenlosigkeit. Natürlich verlangte Anifuris einen Preis, der gezahlt werden musste. Cain hatte nichts anzubieten. Nichts außer einer nicht unerheblichen Kleinigkeit.
      Über dem Display des Smartphones schwebten seine Fingerspitzen wie erstarrt. Der Name des Hackers leuchtete in hellen Buchstaben auf, der Ton des Handys war ausgeschaltet, aber das Anrufsymbol blinkte wie ein Mahnmal vor seinen Augen. Jace versuchte seinen alten Freund zu erreichen, nachdem er die beunruhigenden Bilder auf den Kameras gesehen hatte. Nichts regte sich in dem Seeker während sein Kopf sich leicht schräg zur Seite neigte und zielsicher in Richtung einer der versteckten Kameras blickte. Bestimmend hob er den Zeigefinger in die Höhe, um Jace zu signalisieren, dass er sich einen Augenblick gedulden musste. Das Smartphone in zwischen seinen Fingern vibrierte weiter ungeduldig.
      Mit gemächlichen Schritten bewegte sich Cain auf die Couch zu und verweilte gefährlich nahe vor Anifuris, dass sich sogar ihre Knie berührten. Ein Ähnliches wie Respekt, vielleicht sogar ein Funken Anerkennung, schimmerte in den goldenen Augen. Das unheilvolle an seinem Blick war allerdings die Bereitschaft ein gewisses Risiko einzugehen.
      "Finde Scintilla für mich.", antwortete Cain ungerührt und monoton. "Und ich biete dir das Einzige an, dass für dich einen Nutzen hat. Meine Aura funktioniert als Katalysator und Verstärker. Du kannst das volle Potenzial meiner Aura nur dann für dich auskosten, wenn ich mich dir freiwillig beuge. Ich gebe dir mein Wort darauf, dass ich dir zu einem Zeitpunkt deiner Wahl, freiwillig und ohne Fragen zu stellen, meine Fähigkeiten zur Verfügung stelle. Einmal."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Blick, mit dem Anifuris Cain nun betrachtete, hätte anzüglich wirken können, wenn er denn von Sylea gestammt hätte. Doch angesichts dessen, dass die alte Seele einzig und allein gerade präsent war, war dieser Blick nichts anderes als reine Vorfreude und Gier. Der Seeker behauptete großspurig die Einschränkungen zu kennen, unter denen man fremde Auren ziehen konnte. Dies war allerdings nicht mehr gänzlich richtig. Denn durch Cains Seelenanteil in Anifuris wurde seine Aura nicht mehr als fremd im Gold wahrgenommen und nicht mehr abgestoßen wie ein Fremdkörper.
      Durch diese Aktion besaß Anifuris bereits die freie Zugänglichkeit zu Cains Aura, ohne dass dieser von dieser Gefahr wusste.
      "Einverstanden", kam so schnell von der alten Seele, dass Cain direkt spüren müsste, dass er etwas Gigantisches übersehen haben musste.
      Mit scheinbar neuem Elan legte er das Buch an die Seite und schob den jungen Mann bestimmt ein Stückchen von sich weg. Dann sprang er schon regelrecht auf und lief verdächtigt beschwingt und gut gelaunt hinüber in die Küche.
      "Du solltest deinen Technikerfreund da anrufen. Ich wette, er dreht gerade schon förmlich durch und ärgert sich, dass er nicht vor Ort ist. Was er wohl dazu sagt, dass du mit mir einen Handel geschlossen hast und er durfte es nicht?"
      Anifuris grinste so breit wie schon lange nicht mehr als er mit einem Küchenmesser zurückkam und den kleinen hölzernen Couchtisch freiräumte. Dann setzte er sich davor auf den Boden und schnitt sich einmal quer durch die gesamte linke Handfläche. Er presste die verletzte Hand zur Faust weit über den Tisch, wo das Blut von seiner Hand auf die hölzerne Oberfläche ronn und schon bald einen kleinen Blutspiegel bildete. Dann sammelte sich etwas Purpur um seine Hand und verschloss leise zischend den Schnitt in der Handinnenfläche.
      Mit dem Zeigefinger der rechten Hand zog er Linien aus dem Spiegel nach außen und schrieb in einer ungelösten Bewegung eine Rune. Dies wiederholte er mit verschiedenen Runen kreisförmig um die Mitte des Spiegels herum.
      Als er die letzte vollendet hatte und einen Teil seiner Aura in die Mitte des Spiegels wie eine Blase gleiten ließ und ihre Farbe so änderte, bis der Seelenfarbe von Scintilla ähnelte, wurde auch ohne Aurensicht eine Wolke sichtbar mit etlichen Sternen wie im Firmament sichtbar. Nachdem sie vollends gebildet war bewegte er den Nebel, der kugelähnlich blieb, mit seinen Fingern.
      "So. Dann wollen wir mal schauen wo das verrückte Weibsbild abgeblieben ist, oder?", frohlockte Anifuris.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mit ersichtlichem Misstrauen folgten goldschimmernde Augen Anifuris.
      Die alte Seele wirkte beschwingt und eindeutig viel zu gut gelaunt für seinen Geschmack. Der Eindruck einen wahren Kuhhandel abgeschlossen zu haben, bohrte sich unnachgiebig in sein Bewusstsein. Es sah Anifuris nicht ähnlich ohne Verhandlung oder weitere Forderungen einfach auf Cains Angebot einzugehen. Eigentlich hatte der Seeker damit gerechnet sich mehr winden zu müssen, um Anifuris überzeugen zu müssen. Aber am Ende bekam so jeder, was er wollte.
      Während die alte Seele in Gestalt der jungen Rubra förmlich in die Küche tänzelte, drückte Cain endlich auf das Symbol mit dem grünen Telefonhörer, um Jace von der Warterei zu erlösen. Ein Rascheln und Poltern war vom anderen Ende der Leitung zu hören, als wäre dem Hacker das eigene Smartphone kurzzeitig aus den Händen geglitten. Sicher würde Jace verärgert sein, was sich augenblicklich bestätigte, als die aufgebrachte Stimme an sein Ohr dröhnte.
      "Es ist alles in Ordnung. Beruhig dich, Jace.", verlangte Cain geradezu und setzte sich dabei in aller Seelenruhe auf das Sofa, auf dem zuvor Anifuris gesessen hatten. Beiläufig schob er die historischen Schriften zur Seite. Sein Interesse an dem Buch war längst verflogen. Ein neuen Ziel tat sich vor seinen Augen auf und sämtliche seiner Gedanken ketteten sich daran endlich den Aufenthaltsort seiner Schwester zu finden. Dieser Wunsch hatte sich seit Jahren in sein Kleinhirn gebrannt und rückte nun unaufhörlich in den Vordergrund. Eine Fixierung, die auf Dauer ungesunde Ausmaße annehmen konnte.
      Der Seeker verzog das Gesicht, als Jace die Stimme zornig anhob. Er hatte nur einen winzigen Teil ihres Gespräches mitbekommen, aber es reichte aus um zu wissen, dass Cain einen gefährlichen Handel mit Anifuris eingegangen war. Die wüstesten Beschimpfungen drangen an sein Ohr. Er hielt das Smartphone ein Stückchen von sich fern und seufzte genervt.
      "Könntest du mir einen Gefallen tun und endlich für ein paar Sekunden mal die Luft anhalten? Es scherrt mich einen feuchten Dreck, was du davon hältst. Du bist nicht meine Mutter.", knurrte nun Jace in einem Tonfall, der unüblich für ihn war. Der Seeker wirkte ungeduldig und missgestimmt. Ein Pause entstand.
      "Überprüf die letzte Spur, die du von Cordelia hattest. Gibt es danach weitere Aufzeichnungen? Und nein, ich kann dir nicht erklären, was während der Funkstille passiert ist. Ich war nicht bei Bewusstsein. Also könntest du jetzt bitte deinen verdammten Job machen?"
      "..."
      "Das reicht mir."
      "..."
      "Ja ich bin mir sicher. Das ist alles."
      Cain senkte das Smartphone und kurz war noch Jace Stimme zu hören, die den Namen des Seekers rief. Eine Stimme, die verzweifelt wie wütend klang und ohne Frage sehr besorgt.
      Er sah auf, als Anifuris zurückkam oder war er schon die ganze Zeit wieder da? Cain rückte ein wenig zur Seite, um Platz vor dem Couchtisch zu schaffen und lehnte sich interessiert auf den Ellbogen vor. Unter anderen Aspekten wäre das Schauspiel recht hübsch gewesen, doch er hatte keinen Blick für die mystische Schönheit. Neutral betrachtet, waren die Fähigkeiten von Anifuris äußerst sehenswert. Und überaus nützlich.
      Aus dem Augenwinkel sah er in das frohlockende Gesicht und spürte, wie sich seine Mundwinkel ebenfalls zu einem Grinsen hoben. Die Verlockung, die mit der anstehenden Aufgabe einher ging, trieb den geschickten Jäger in Richtung eines Höhenfluges.

      Spoiler anzeigen
      Cordelia/Scintilla befindet sich aktuell in einer feuerbeständigen Isolationszelle.
      Der Hochsicherheitstrakt befindet sich in den tiefen der Highlands, außerhalb der Öffentlichkeit in einer unterirdischen Anlage
      Diese ist weitaus größer, als Hollow Point. Und bis an die Zähne gesichert ist.
      In der Anlage befinde sich ebenfalls das Zentrum aller Forschungseinrichtungen und Experimente.
      Der Ort trägt den Namen "Hellgate" und dient der Verwahrung der gefährlichsten Gefäße.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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