[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Cains Versteckversuche waren ab dem Moment sinnlos, in dem Helyon den Raum betrat und hinter sich verriegeln ließ. Er genoß den Vorteil der übersensorischen Ortung und brauchte nur einen Atemzug zu machen um den Seeker an Ort und Stelle zu lokalisieren. Er konnte schwören, den Pulsschlag des jungen Mannes sich beschleunigen zu hören und ein bitterböses Lächeln teilte seine Lippen, als er so tat als wüsste er nicht um die Position seines Opfers.
      Sylea bekam unterdessen Schnappatmung. "Jace, das ist die Seele, die uns im Wald gestellt hat. Wegen ihm sah er Jeep so aus. Er hat mir praktisch den Arm zerfleischt und Cain hat ihn irgendwie abgeschüttelt. Wenn Cain ihn zur Weißglut treibt, kommt er da nicht mehr raus!"
      Anifuris schwieg eisern. Es war keine Sorge um den Seeker, sondern eher um das, was noch in der Kammer weilte. Helyon war später erst dazu getreten, aber etwas anderes war unlängst dort. Dass es sich noch nicht gezeigt hatte, löste eher Sorge bei der alten Seele aus als alles andere.
      Helyon stand mittlerweile genau im Zentrum der Halle und legte den Kopf ein wenig in den Nacken. Er schloss die Augen und ließ seine Sinne für sich arbeiten, die ihm eine Note Honig in die Nase wirbelte.
      Hinter ihm. Noch immer auf der linken Seite.
      Der Jäger machte auf dem Absatz kehrt und sah den Gang hinunter zum Eingang. Dann hörte er, wie Schuhe kaum hörbar über den glatten Stein schabten und schloss daraus, dass der Seeker gerade in eine weitere Deckung hechtete. Ein weiterer Atemzug und er hatte die Fährte wieder aufgenommen.
      "Weißt du eigentlich, dass deine Aura nach Honig riecht?", fing er plötzlich an zu reden und setzte damit absichtlich den Hall in dem Raum ein, um den Seeker noch weiter zu verunsichern. Hätte Cain sein Gespür einsetzen wollen, wäre ihm das nicht entgangen. Spätestens dann hätte er aus dem langsamen Spiel ein schnelles gemacht.
      "Sie ist bestimmt golden, wie deine Augenfarbe, richtig?"
      Mit einem weiten Schritt trat Helyon hinter die Metallregale und hatte nun die Regale auf der einen, die Wand auf der anderen Seite von sich. Etliche wahllos hingestellte Kisten versperrten ihm die direkte Sicht, doch der Jäger wusste schon, dass zwei Gänge weiter der Seeker zwischen Kartons und Regal Schutz gesucht hatte.
      Heylon bleckte die Zähne.
      Mit wenigen Schritten stand er schon hinter der Kiste, hinter der Cain Deckung gesucht hatte. Aus dieser geringen Distanz konnte der Höllenhund das Schampoo an ihm riechen. Syleas Aura an ihm riechen und hörte leise Stimmen, die er nicht ganz zuordnen konnte. Er runzelte kurz die Stirn, dann beugte er sich über die Kiste und sah Cain direkt an.
      "Hab dich."
      Helyon hatte nicht einmal die erste Silbe ausgesprochen, da war der junge Seeker regelrecht von ihm fort gehechtet. Er war so schnell um die Ecke verschwunden, dass Helyon lachen musste und die Hände an seine Taille stemmte. Er würde nicht mal seine Gestalt wandeln müssen, um den kleinen Kerl zu fangen.
      Von der Jagdlust gepackt sprang Helyon mit einem unwirklich scheinenden Satz auf das nächste Metallregal und ging dort in die Hocke. Von dort aus hatte er den gesamten Raum im Blick sowie Cain, der sich erst ganz nah hinter einem Regal außer Sichtweite bringen konnte.
      "Also, erzähl mir doch mal", sagte er laut, "was genau sucht ihr hier? Ich würde tippen, du bist wegen Anifuris hier. Er will also irgendwelche Artefakte haben und du glaubst, du kommst hier einfach rein und wieder raus? Du stichst wie ein bunter Hund aus der Menge, in mehreren Aspekten."
      Ein Poltern, da war der Mann bereits auf das nächste Regal gesprungen.
      "Will er versuchen, einen Weg aus dem Körper der Rubra zu finden? Er brauch doch einfach nur die Anker zu lösen."
      Da meldete sich Anifuris leise zu Worte: "Elender Tölpel. Hätte er ein wenig Ahnung wovon er spricht, wüsste er, dass die Anker bei euch Rubra nicht die Gleichen sind..."
      Nochmal ein Poltern, da war er auf dem nächsten Regal.
      "Wieso hilfst du diesem Monster? Woher willst du wissen, dass er ihr Bewusstsein nicht längst ausgelöscht hat und nur die Kopie ihres Seins zeigt? Wer kann dir beweisen, dass das Mädchen, das du offensichtlich liebst, noch immer da drin ist?"
      Dann hatte er den Seeker erneut lokalisiert. Dieses Mal agierte er schneller, sprang auf das nächste Regal und stürzte sich direkt an dem Metall nach unten. Mit weit aufgerissenen Augen stürzte er auf Cain hinab, rang ihn auf dem Rücken liegend zu Boden und fixierte beide seiner Hände neben dessen Kopf. Helyon Knie drückten sich hart in Cains Oberschenkel als er ihn mit seinem vollen Gewicht beschwerte und ein Grinsen auf den Lippen des Jägers lag, das so aus einem Horrorfilm stammen konnte. Seine eigentlich bläulichen Augen färbten sich erst braun, dann intensiv rot. Durch das Gemenge wurde das Regal erschüttert und es regneten kleine Behälter, Papiere und Glasflakons auf sie herab. Das reinste Bild des Chaos um sie herum.
      "Du wist nachlässig, kleiner Freund. Also, was genau wolltet ihr holen?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Von Oben betrachtete, glich die Verfolgung einem absonderlichen Katz- und Mausspiel.
      Wer welche Rolle bekleidete, stand dabei völlig außer Frage. Cain, der bereits Bekanntschaft mit den scharfen Sinnen des Höllenhundes gemacht hatte, wusste um die Sinnlosigkeit seiner Fluchtversuche. Der Bastard auf dem Gang konnte ihn wittern. Dabei ging es nicht einmal ausschließlich um den wohl verlockenden Geruch von Honig, wie Helyon behauptete. Der Seeker wusste mit fröstelnder Klarheit, dass der Alpha seine Atmung hören und den Schweiß auf seiner Haut riechen konnte. Vermutlich konnte er sogar die Witterung seiner Angst aufnehmen, die ihm wie eine eiskalte Hand in den Nacken kroch. Die Stimmen in seinem Ohr trugen nicht zu Verbesserung seines Gemütszustandes bei. Sylea hatte vollkommen Recht. Der Alpha zeriss ihn in kleine Fetzen, wenn er ihn einmal zwischen seine tödlichen Kiefer bekam.
      Durch die Regale ging ein heftiger Ruck, der den Inhalt erzittern und schwanken ließ. Helyon war offenbar auf eines des Metallgestelle gesprungen. Cain wunderte sich nicht über die Leichtigkeit darin. Das Bild eines Mannes mit durchaus düsterem Charme, der wie ein agiler Jäger über einen Tisch gehechtet war, spülte sich in seinen Erinnerungen ab. Vorsichtig wagte er einen Blick nach oben, konnte aber aus seiner Deckung heraus nichts erkennen. Die Seele bewegte sich zu geschickt und lautlos, dass Cain mit seinen simplen, menschlichen Sinnen keine Chance hatte. Es wäre einfacher gewesen seine Aura in den Raum zu bewegen, aber selbst als Ablenkung taugte diese Taktik nicht. Für jemanden wie Helyon wäre es ein Leichtes gewesen, den Ursprung der Aurafetzen zufinden.
      Der Seeker presste sich mit dem Rücken gegen den kalten Stahl und zählte die Sprünge seines Verfolgers. Ein Sprung fehlte noch zwischen ihnen und es war nur eine Frage von Sekunden. Die Stahltüren unweit seines Sichtfeldes waren fest verschlossen. Gemäß dem Fall er schaffte es an einem Stück vor Helyon an den Kontrollscanner, war sich Cain sicher, dass sämtliche Sicherheitssysteme abgeschaltet worden waren. Ein Versuch die Tür zuöffnen war also zwecklos. Zurück konnte er den Weg auch nicht, da der Alpha sich auf der Ebene über ihm bewegte und somit einen hervorragenden Rundumblick hatte. Eigentlich blieb ihm nur die Fluch nach vorne oder das Spiel vom Jäger und dem Gejagten so lange mit zuspielen, bis ihm die Kraft ausging. Helyon war eindeutig im Vorteil hinsichtlich Körperkraft und Ausdauer. Mittlerweile wunderte es ihn nicht mehr, dass Seeker gewöhnlich nicht in Frontalkämpfe gingen. Gegen solche Wesen war es einfach ein lächerlicher Gedanke.
      Die gehässigen Worte verfehlten die gewünschte Wirkung nicht, denn der Puls des Seekers berschleunigte sich weiterhin. Dieses Mal allerdings vor Wut und einem Funken der Ungewissheit. Was Helyon sagte besaß schließlich Hand und Fuß. Theoretisch war es möglich, dass Anifuris lediglich eine überaus geschickte Manipulation nutzt,um Cain gefügig zu machen. Die Vorstellung, dass jedes liebliche Worte und jede leidenschaftliche Begrüßung ein Trick gewesen sein sollten, hinterließ einen bitteren Beigeschmack.
      Über ihm ächzte der blanke Stahl und ein Schatten stürzte herab. Cain klammerte sich an die letzte Hoffnung und versuchte mit einem flinken Sprung zur Seite auszuweichen, da traf ihn bereits das Gewicht seines Verfolgers im Rücken. Die Wucht des Aufpralls presste sämtliche Luft aus den Lungen und er hörte ein beunruhigendes Knirschen in Rippenhöhe, als sein Oberkörper mit lähmender Kraft auf den kalten Marmor gedrückt wurde. Cain schnappte nach dringend benötigter Luft. Für einen Augenblick war die Welt um ihn herum Schwarz. Als sich der Nebel lichtete, waren seine Hände neben dem Kopf fixiert und Knie drückte sich äußerst schmerzhaft in seine Oberschenkel. Er konnte sich nicht bewegen ohne sich selbst weitere Schmerzen zuzufügen.
      "Fick dich...", zischte Cain und bäumte sich gegen den schraubsstockartigen Griff der fremden Hände an seinen Handgelenke. Er hatte nicht einem Millimeter Spielraum. Wie erwartet.
      Umgeben von glitzernden Scherben und aufgewirbelten Dokumenten lieferten sich die ungleichen Gegener ein Blickduell, das seinesgleichen suchte. Eine unheilvolle Stille breitete sich im Gewölbe aus und was Cain als erstes zwischen stechendem Schmerz und der dem Geschmack von Blut auf seiner Zunge auffiel, war das fehlende Fiepen und Piepsen der laufenden Bücher. Es war still.
      In jenem Augenblick öffnete sich eine Tür im hinteren Teil des unterirdischen Archives.
      Von den Gewölbewänden hallten erneut Schritte wieder, leichter als Helyons aber auch mit kürzerer Schrittweite. Die Klicken einer sich öffnenden Taschenuhr war zu vernehmen, gefolgt von einem missbilligenden Laut angesichts des herschenden Chaos. Mit der Gemütlichkeit eines Spaziergängers näherte sich ein Schatten, der über den glatt polierten Boden geworfen wurde. Die Gestalt, die in dem verwüsteten Gang auftauchte, stach heraus wie ein Pfau zwischen schlichten Gänsen. Nachlässig und in wirren Locken fiel rabenschwarzes Haar über schimmernde, reflektierende grüne Augen und umrahmten jugendliche Gesichtszüge. Wobei die Augen nicht zu dem jungen durchaus hübschen Gesicht passen wollten. Sie wirkten alt. Sehr alt.
      Die Kleidung des Neuankömmlings wirkte aus der Zeit gefallen. Über einem schlichten, weißen Hemd mit aufgestelltem Kragen lag eine ordentlich geknüpfte Weste mit Stickereien, die stark an die viktorianische Mode erinnerte. Um seinen Hals und tief auf seinem Brustbein ruhte ein leuchtender Smaragd in einer antiken Fassung, der ebenfalls einige Jahrhunderte hinter sich hatte. Auf seinem Nasenrücken trohnte eine filigrane Goldrandbrille, die an einer ebenso zierlichen Sicherheitkette um seinen Nacken lag. Die Sehhilfe war ihm soweit herunter gerutscht, dass er tadelnd über den Rand seiner Brillengläser auf die Raufbolde blickte. Einen wirklichen Zweck erfüllten die Gläser allerdings nicht. Seine Augen waren hervorragend. Der junge Mann wirkte eher schmächtig und gemessen an dem hochgewachsenen Helyon, reichte er dem Alpha gerade bis an die Brust.
      Auf den Armen trug er einen Stapel Bücher mit herrlich verzierten Ledereinbänden und goldenem Buchschnitt.
      "Meine Herren.", erklang eine sanfte aber durchaus gelangweilte Stimme. "Dürfte ich Sie daran erinnern, dass sie sich in einem Raum voller unebzahlbarer Relikte und gefährlicher Artefakte befinden und nicht in einem zweitklassigen Boxring?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Am Rande von Helyons Bewusstsein registrierte er, wie sich eine Tür öffnete und jemand anderes die Hallen betrat. Allerdings war der Hauptteil des Jägers damit beschäftigt, seine gefasste Beute nicht einen Moment aus den Augen zu lassen. Das Rot in Helyons Augen war mittlerweile vollständig manifestiert und hatte das Blau komplett verdrängt. Er atmete so exakt und gleichmäßig, dass man wusste, wie sehr sich dieser Mann gerade beherrschen musste.
      Den Schatten und schließlich das Auftauchen der weiteren Person war Helyon nicht entgangen, er schenkte ihm lediglich nicht die notwenige Aufmerksamkeit. Hätte er Ohren wie in seiner wahren Gestalt gehabt, wären diese nun wohl hinter sich gezuckt, wo der deutlich kleinere Mann in seiner antik wirkenden Robe stand und sie beiden tadelnd ansah.
      "Sehe ich aus, als müsste ich mich gegen den Kleinen hier beweisen?", erwiderte Helyon und konnte ein Knurren in seiner Stimme nicht unterdrücken.
      Seine Sinne schrien ihn geradezu an, sich nicht mit dem Mann hinter sich anzulegen. Als er einen tiefen Atemzug machte, fror das Grinsen in seinem Gesicht einen Moment lang ein. Der Geruch nach fremdartigem Tee und Weihrauch kitzelte in seiner Nase und eine Priese Macht schwang subtil bei dem Geruch mit. Entgegen der Annahme verharrte er allerdings noch immer in seiner Haltung über Cain und starrte ihn an.
      "Du hast deine Bücher, auf die du aufpassen musst, und ich meine Beute, die ich fangen soll. Kennst du den kleinen Seeker hier etwa? Ich denke nicht. Er wollte hier etwas für eine andere Seele stehlen und da er mir nicht sagen will, was es war.... Muss ich eben denjenigen herlocken, der es haben will."
      Erst jetzt warf Helyon einen flüchtigen Blick nach hinten, wo noch immer der deutlich kleine Mann stand und sie gelangweilt ansah. Irgendetwas war hier faul, besonders, wenn man bedachte, dass niemand dem Jäger gesagt hatte, dass noch eine Seele hier unten war. Schließlich seufzte er jedoch, rutschte mit den Knien von Cains Oberschenkeln ab und gab seine Handgelenke frei. Als Helyon sich aufrappelte, zog der Seeker gerade seine Hände zu sich und setzte sich langsam auf.
      Von oben herab gönnte der Jäger dem Gejagten nur einen abfälligen Blick ehe er seinen Fuß hob und mit der Ferse mit aller Macht auf Cains rechtes Schienbein trat. Das hässliche Geräusch von berechenden Knochen schallte durch die Halle und sorgte dafür, dass selbst Sylea durch die Übertragung hindurch die Hände vor die Ohren schlug und angewieder das Gesicht verzog.
      "Mach Anstalten wegzurobben und ich breche dir auch noch dein zweites", warnte Helyon den sich windenden Cain bevor er sich umdrehte und den anderen Mann begutachtete.
      Der Geruch, die Erscheinung, diese Augen... In Windeseile hatte Helyon bestimmen können, dass diese Seele älter war als er selbst. Wenn der Rat ihn hier unten hielt, war er nicht für den Kampf ausgelegt und vielleicht konnte man ihn leichter überwältigen als gedacht. Auf der anderen Seite... warum hielt sich diese Seele völlig abgeschottet von der Welt hier unten auf?
      Ganz der "Gentleman" der Helyon war, streckte er dem Archivar seine Hand aus. "Helyon, Jäger im Dienste des Rates. Man hat mir gar nicht gesagt, dass hier unten jemand meinesgleichen versteckt gehalten wird. Der Stimme nach zu urteilen macht's nicht besonders viel Spaß, hm?"

      "Er hat ihm irgendwas gebrochen! Jace, wir müssen ihn da rausholen!"
      Sylea war außer sich. Die Aufnahme war so verwackelt, dass niemand von ihnen sagen konnte, was genau da nun geschehen war. Nur die Geräusche, die Stimmen drangen durch die Übertragung, alles schwer verzerrt und undeutlich. Das Vessel wusste, dass sie unter keinen Umständen zum Archiv gehen sollte, aber Cain dort seinem Schicksal zu überlassen war genauso unmöglich. Irgendwann wäre die Batterie in der Brille leer und ihr Kontakt würde komplett abbrechen.
      Anifuris hingegen war die Ruhe selbst. Bis auf den Aspekt, dass er außerordentliches Interesse für die weitere Person hegte, die man bisher nur einmal gehört hatte. So neugierig er auch sein mochte - dort unten reinzukommen dürfte sich als schwierig herausstellen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein markerschütternder Schrei erfüllte gewölbeartige Archiv.
      Von allen Seiten her versetzte der Schmerzlaut die Luft in Schwingungen und hallte noch Sekunden nach, obwohl der gequälte Seeker längst verstummt war. Cain krümmte sich auf dem kalten Marmor, während sein Unterschenkel vor Schmerzen in Flammen stand. Das krachende Geräusch eines gebrochenen Knochens klingelte unaufhörlich in seinen Ohren. Mühevoll blinzelte er die Lichtpünktchen vor seinen Augen davon und war daraum bemüht, dass sein Verstand vor Schock und Schmerz nicht in die Bewusstlosigkeit abschaltete.
      Die fremde Person rückte für Cain weit in den Hintergrund, als er einen Blick durch verschleierte Augen hinab wagte. Allein bei dem Anblick hätte er beinahe das Bewusstsein verloren. Die goldenen Augen hinter den tönenden Brillengläsern schimmerten von Tränen. angesichts des intensiven Schmerzes in seinem Bein. Durch den schwarzen seiner Hose konnte er die ersten Andeutungen von Knochensplittern erahnen, die sich durch Muskeln, Haut und Stoff gebohrt hatten. Frisches, warmes Blut tropfte seine Wade herunter und tröpfelte auf den Boden. Die Drohung seitens Helyon war unnötig. Selbst wenn Cain gewollt hätte, das Pochen und Brennen in seinem Bein war so intensiv, dass selbst der Gedanke daran sich zu bewegen, den Schmerz in die Höhe trieb. Die Kontrolle über seine Aura war ihm ebenfalls entglitten und so floss das aufgewühlte Gold in alle Himmelrichtungen, blank wie ein freigelegter Nerv.
      Helyons Blutdrust mischte sich dem faden und staubigen Geschmack der Langeweile und Überdrüissigkeit. Angestrengt und mit deutlichem Schwindel drehte Cain den Kopf, der auf dem kühlen Marmor ruhte. In seinem vernebelten Verstand nahm er schwach zur Kenntnis, dass der Alpha mit jemandem sprach. Natürlich, die Schritte, die er vernommen hatte bevor der Höllenhund ihm das Schnienein zerschmettert hatte. Dem Seeker wurde schlecht. Die übertragende Brille rutschte weiter von seiner Nase, er verstand kaum noch die Worte an seinem Ohr, nur ein statisches Rauschen.
      "Eine gute Jagd in allen Ehren.", erwiderte der Unbekannte beiläufig, während er in aller Seelenruhe die Bücher an ihre alten Plätze im Regal einsortierte, als wäre die Folter von potenziellen Dieben ein altägliches Ereignis in seinen Räumlichkeiten. "Allerdings befinde ich die damit verbundene Unordnung für absolut unnötig und nicht akzeptabel. Ich erwartete, dass sie dieses Chaos beseitigen."
      Mortimer Langdon, seines Zeichens eifriger Bibliothekar und gewissenhafter Archiver, zuckte angesichts der kaltblütigen Brutalität nicht einmal müde mit dem Mundwinkel. Der Geruch von Tee und altem Pergament umgab den jungen Mann wie eine Wolke und in der Tat bewegte sich seine Aura wie ein kleine Wirbel an seinem Körper entlang, gemächlich treibend.
      Er würdigte die ausgestreckte Hand keines Blickes und machte auch keine Anstalten den begrüßenden Händedruck zu erwidern. Die einzige Kenntnisnahme der wohl höflich gemeinten Vorstellung war ein dezentes Kopfnicken.
      "Professor Mortimer Langdon. Hirstoriker und Archiver in flexibler Anstellung", kam die emotionslose aber informative Antwort, die so viel bedeutete, dass er hier unten war solange er hier sein wollte. "Die Welt und ihre armseligen Menschen langweilt mich. Sie haben sich in den letzten Jahrtausenden unzählige Male an den Rand der Auslöschung gebracht. Ich frage mich, ob sie es dieses Mal zu Ende bringen..." Die Worte waren in ein geistesabwesendes Gemurmel übergegangen, als hätte er vergessen, dass er nicht allein war.
      Und dann, das erste Mal seit Helyon sich dem Archivar zugewandt hatte, zeigte sich eine Regung auf seinem Gesicht. Und diese war ganz und gar abfälliger Natur.
      "Pardon? Ihresgleichen? Keineswegs, mein blutrünstiger Freund.", die Worte klangen gleichmäßig und ungerührt. Wie die Ruhe vor dem Sturm. "Und ich dulde keinen mutwilligen Vandalismus in meinem Archiv."
      Ein Zittern ging durch den Boden und um Mortimer herum begannen die eingravierten Runen im Boden in einem schwummrigen, grünen Licht zu flimmern. Glassplitter schwebten über dem Boden und setzten sich kunstvoll zu ihrer ursprüngliche Form wiederzusammen ohne dabei Risse in der Oberfläche zu hinterlassen. Die Einzelteile zerschmolzen zur Perfektion wieder zusammen.
      Sein Blick fiel auf den verletzten Seeker am Boden, als hätte er Helyon zuvor nicht zugehört. Eine erste Regung zeigte sich in seinem Gesicht, als ein kaum merkliches Zucken seine Mundwinkel verdächtig bewegte.
      "Ein Dieb, also?", ungerührt schritt Mortimer an der recht beeidruckenden Statur des Alphas vorbei und er ging vor Cain die Hocke. "Dein Auftraggeber sieht uns zu nicht war?"
      Die unvernarbten, weichen Hände eines Akademikers griffen nach der Brille des Seekers, währen die Flakons und Fläschchen noch immer ihre gleichmäßigen Kreise um ihn zogen.
      "Shit...", ertönte es von Jace. "Ich kann nichts tun, Sylea. Wir müssen das Signal kappen. Das Risiko ist zu groß, dass sie es zurückverfolgen." Der Hacker hatte bereits die Verbindung der Rubra und seine eigenen unterbrochen. Sie konnten noch sehen und hören was geschah, aber ihre Stimmen erklangen nicht länger aus dem kleinen Mikrofon.
      “We all change, when you think about it.
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    • Größenteils hatte Helyon damit gerechnet, dass der Archivar seine Hand nicht ergreifen würde. Die meisten Vessel scheuten sich vor direkten Körperkontakt solange sie nicht wussten, mit wem sie die Ehre hatten. Genauso absehbar war es, dass der Mann den Namen seiner Hülle und nicht seiner Selbst nannte.
      Unbeeindruckt ließ er die Hand sinken, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an das Metallregal an. Die Kälte drang praktisch gar nicht durch seine Lederjacke, allerdings hätte er sie so oder so nicht gespürt. Die Qual und den Schmerz, den Cain am Boden liegend verspürte, war besser als jedes Aphrodisiakum. Unweigerlich zuckten immer wieder die Museln in den Armen des kräftigen Jägers und spornten ihn dazu an, sich auf seine Beute zu stürzen.
      "Oh doch, und wie du zu meinesgleichen gehörst. Wir beide haben unseren Wirt ins Jenseits befördert. Du riechst mindestens fünfmal so alt wie die meisten Unterlagen hier", merkte Helyon lediglich an und meinte keines seiner Worte als Beleidigung sondern nur als ein Fakt.
      Trotzdem gewährte er Mortimer, sich Cain zu nähern. Üblicherweise hätte Helyon jedem die Hand abgerissen, der seiner gestellte Beute auch nur zu Nahe kam. Da er aber keine Einschätzung zu diesem Mann hatte, blieb er auf einem gewissen Sicherheitsabstand. Was sich vermutlich auch als klug herausstellte, als kurz darauf der Boden vibrierte und das Chaos auf dem Boden sich langsam in den Ursprungszustand zurückversetzte. Aufmerksam verfolgten die roten Augen das Schauspiel während es in seinem Kopf bereits ratterte, wie er das Gesehene einzustufen hatte.

      "Nein, nein, nein, NEIN!", japste Sylea verzweifelt vor dem Bildschirm und schlug die Hände neben dem Laptop auf den Tisch. "Mach die verdammte Leitung wieder auf! Er muss hören, dass ich zumindest da bin! Das könnte Zeit erkaufen!"
      Und alle Anderen direkt zu Jace und oder uns führen. Willst du dieses Risiko eingehen?
      JA, Anifuris, WILL ich! Man hätte schon seit dem Beginn die Spur verfolgen können. Schau dir den Typen da doch einmal an! Der ist doch nicht normal.
      Anifuris hüstelte. Normal sind wir auch nicht.
      "Jace, ich fürchte, Sylea hat recht", schaltete sich die alte Seele plötzlich seelenruhig dazwischen und musterte interessiert den Bildschirm, wo sich Mortimer gerade der Brille bemächtigt hatte und sie zu untersuchen schien. "Wenn Helyon ihn als solches einschätzt, wird er seinen Wirt wirklich assimiliert haben und nur noch selbst da sein. Der Mann ist gelangweilt, mehr als ihr euch vorstellen könnt. Ihr erinnert euch an die Buchmäuse? Jace, ich habe damals laufende Weinbecher erschaffen. Aus purer Langweile und dem Verlangen, sie zu ertränken. Lass uns mit ihm reden."

      Helyon runzelte die Stirn nachdem er sich gebückt, ein Buch aufgehoben und es wieder an die richtige Stelle einsortiert hatte. Dass in der Brille eine Kamera und Mikrofon sein konnten, hatte er nicht berücksichtigt. Aber umso besser für ihn. Dann wusste die Rubra immerhin, dass er hier war und ihren kleinen Seeker jeden einzelnen Knochen brechen würde bis sie hier auftauchen würde.
      "Ich kann dir ganz genau sagen, wer der Auftraggeber ist", sinnierte der Jäger und fuhr mit seiner Tätigkeit unberührt fort. "Er nennt sich nun Anifuris, aber das ist nicht sein richtiger Name. Wir kennen uns aus unserer echten Lebenszeit, vermutlich wird er dir kein Begriff sein. Aurenmanipulator aller erster Klasse. Aber ich gehe davon aus, dass er dir in diesem Thema nicht das Wasser reichen kann."
      Er fischte beiläufig nach Informationen, die ihm der Rat unterschlagen hatte. Sicher, er verfolgte noch immer den Plan, Sylea hierher zu locken. Trotzdem brauchte er eine Alternative, falls sich das Mädchen nicht raus traute. Dann würde er den Seeker wohl oder übel töten müssen und seine Leiche hinter sich über die Straße ziehen, um sie aus der Reserve zu locken. Immerhin war sie eigentlich nicht mehr als ein Kind.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Technikexperte blickte beunruhigt auf die unzähligen Monitore.
      Das künstliche Licht der Bildschirme war die Einzige Lichtquelle in dem ansonsten abgedunkelten Raum. Die Stimme der jungen Frau bohrte sich durch die Kopfhörer direkt in sein Hirn. Jace rühmte sich damit in brenzligen Situationen stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Gewöhnlich kontrollierte er die penibel Gegebenheiten und behielt stets die Kontrolle über die zuvor sorgfältig kalkulierten Ausgänge. Er hatte immer einen Plan B. Die gequälten Schmerzensschreie seines alten Freundes, obwohl sich ihr Verhältnis durch seinen blinden Egoismus augenblicklich gespannt zeigte, trafen ihn tief bis ins Mark. Eine Ewigkeit verstrich und von der Seite des Hackers war nur ein statisches Rauschen zu hören. Schließlich knackte es in der Leitung und ein gedehntes Seufzen erklang.
      "Ich kann nicht glauben, dass ich das sage.", murmelte Jace. "Ich kann nichts mehr für Cain tun. Gut, ich öffne die Kanäle. Hoffentlich wisst ihr, was ihr tut."

      Mit einer kindlichen Faszination betrachtete der Bibliothekar die ausgeklügelte Technik in seiner Hand.
      Er drehte die Brille in seinen Fingern und begutachtete sie grünlich von allen Seiten. Zu seiner Schande fehlte ihm der Bezug zu moderner Technik, da er für neumodischen Schnickschnack allgemein nicht viel übrig hatte. Die Funktion stellte für die uralte Seele jedoch kein Hindernis da. Ein flüchtiger Blick lag auf dem dreisten Dieb, der sich mühselig über den Boden gezogen hatte und nun mit dem Rücken an einem der Regale lehnte. Mortimer empfand einen winzigen Funken Respekt für den verletzten Mann, der sich trotz heftiger Schmerzen noch bewegte. Ein schwächerer Geist hätte bereits das Bewusstsein verloren. Der Seeker musste eine beeindruckte, mentale Kontrolle besitzen und das war zu heutigen Zeit Dank überfluteter Medien und vorgekauten Informationen eine Seltenheit geworden.
      Die gläsernen Flakons froren in ihrer kreisenden Bewegung ein, als Helyon erneut sprach. Überwiegend vermittelte der Bibliothekar den Eindruck, als würde er von dem sprechenden Alpha keine Notiz nehmen. Erst die Erwähnung des mysteriösen Aurenmanipulators schien sein ungeteiltes Interesse zu wecken.
      "Anifuris?", flüsterte Mortimer nachdenklich in das stille Gewölbe, dessen Ruhe nur von den schweren Atemzügen des Verletzen gestört wurde. Das Helyon beinahe sofort annahm, dass er ebenfalls das Talent der Aurenmanipulation besaß, amüsierte ihn. Vermutlich hätte Mortimer ihm widersprechen können, denn dieses herrlich, faszinierende Talent war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Welche wunderbare Dinge sich damit wohl anstellen ließen? Die Seele schluckte den Köder nicht.
      "Erstaunlich, dass es noch Namen und Existenzen gibt, die meiner Aufmerksamkeit entgangen sind, Alpha. Wie aufregend.", sagte er und das Grinsen auf seinen Lippen ähnelte einer verzerrten Version von Freude. Gleichzeitig hatte er Helyon einen winzigen Brocken an gezielter Information zugeworfen. Er wusste sehr wohl, wer gerade augenscheinlich kooperativ die kostbaren Bücher zurück ins Regal stellte. "Ich schließe aus deinen Worten, dass du genau weißt, wer sich hinter Anifuris verbirgt?"
      Beinahe elegant hob er die Hand an das eigene Gesicht, um die eigene Brille von seiner Nase zu schieben. Das zeitgemäße, moderne Gestell der Spionagebrille wirkte im Gesamtkonzept falsch, als er sich die fremde Brille auf die Nase schob.
      "Da ich davon ausgehe, dass meine Stimme gehört wird...", begann er und richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. "...wie wäre es mit einem kleinen Plausch? Meine erste Frage, was sucht ihr in meinem Archiv? Es ist äußerst unhöflich sich etwas zu nehmen, dass einem nicht gehört. Ich erwarte eine ehrliche Antwort und ich habe Ewigkeiten Zeit darauf zu warten. Euer kleiner Freund hier, nicht."
      Sylea und Jace bekamen endlich einen kompletten Ausblick auf den Zustand von Cain, samt gebrochenem Schienbein und dem gequälten Gesichtsausdruck.
      "Ich bin fast dazu geneigt unserem ambitionierten Spürhund seinen Willen zulassen, nur um zusehen, wie viel euer Freund aushält. Entscheidet euch schnell, bevor ich mich langweile. Und niemand möchte, dass ich mich langweile."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Heylon reagierte alles andere als überrascht auf den Fakt, wie Mortimer ihn ansprach. Er hatte nicht vermutet, dass der Archivar selbst ein Manipulator war, dafür hatte er ihm gerade eindrucksvoll gezeigt, was er stattdessen beherrschte. Vielmehr der Aspekt des Wissen war es gewesen, den er angespielt hatte. Der deutlich kleine Mann war alt. So alt, dass sein Wissen vermutlich die kumulierte Anzahl von den größten Bibliotheken der Welt bedurfte, um ansatzweise die Menge an Informationen zu erhalten, die er in seinem Kopf besaß.
      "Genau ist vielleicht ein bisschen übertrieben", gab Helyon wahrheitsgemäß zu. "Ich weiß, wie er ursprünglich hieß. Wer er war. Was er war und wozu er eigentlich nur fähig sein sollte. Ich kann nur nicht sonderlich viele Worte darüber verlieren, denn ich vermute, die beiden hatten Hilfe bei ihrem Versuch unterzutauchen. Derjenige wird vermutlich auch dieses Spielzeug da bereitgestellt haben, denn auch der Rat benutzt ähnliche Technik. Hätte der kleine Seeker auf Ressourcen vom Rat zugegriffen, hätten wir es sofort gewusst."
      Gemächlich trat der Jäger zu Cain herüber, der sich inzwischen an einem Regal aufgesetzt hatte. Sehr gut erinnerte sich Helyon daran, wie er früher beim Geruch von Blut in einen rauschähnlichen Zustand verfallen war. Doch das war Jarhunderte her. Seine Kontrolle darüber war mittlerweile fantastisch. Anders sah es bei seinen Rachegelüsten aus.
      Er ging neben Cain in die Hocke und musterte erst sein Bein, dann sein Gesicht. Im Hintergrund hörte er, wie Mortimer sich an der Brille zu schaffen machte. Ergo hatte er einen Moment Ungestörtheit.
      "Wenn du dies alles tust für das Mädchen gehe ich davon aus, dass Anifuris sie noch nicht gebrochen hat?", fragte er nach und das erste Mal lag weder Spott noch Hohn in seiner Stimme. Vielmehr war ein ein interessiertes Nachfragen, so als müsse er etwas abwägen. "Kannst du abschätzen, wieviel Zeit sie noch hat?"

      Wenn er die Leitung öffnet hast du kein einziges Wort zu sagen wenn du wünschst, dass dein kleiner Seeker da wieder heil rauskommen soll. Verstanden?
      ....Verstanden.
      "Du vielleicht nicht. Ich hingegen schon", sagte Anifuris wobei es klang, als spucke die alte Seele nur große Töne.
      Das Bild der Übertragung drehte sich in rasanten Abfolgen während Mortimer die Brille untersuchte. Dann wurde sie aufgesetzt, zurechtgerückt und die Altitude geändert. Dann klang seine Stimme durch die Übertragung, die Sylea erschaudern und Anifuris ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Dann gab er den entfernten Zuschauern einen deutlich besseren Ausblick auf Cain, neben dem nun ein Helyon hockte.
      "Der kleine Seeker da ist der Freund meines Vessels, nicht meiner", grinste er weiterhin hörbar erheitert ehe er seine Freude zurückschraubte und einen seriöseren Tonfall annahm. "Das Problem ist, dass mich der Rat nicht unbehelligt draußen spazieren lässt. Ansonsten hätte ich um eine direkte Audienz bei dir gebeten."
      Audienz? Wirklich?
      Die Seele ist alt. Vielleicht nicht eitel, aber durchaus einen gewissen Anstand gewohnt.
      "Ich suche nach den Memoiren der Estryreh aus dem Zeitalter der Anfänge. Eine kleine Ewigkeit war ich nicht mehr auf Erden gewesen und dadurch fehlt es mir ein einem gewissen Zeitsptrang, was in der Zwischenzeit passiert ist. Ich gehe davon aus, dass Estryreh es in ihrem Tagebuch augeschrieben hat. Sie wird mich höchstwahrscheinlich darin erwähnen, wenn auch nicht namentlich."
      Aber Estryreh war ein Mensch? Wie war eure Beziehung damals? Kanntet ihr euch?
      Später.
      "Meinetwegen kannst du Helyon auf den jungen Mann dort loslassen. Der kleine Köter will eh nur seine Rachsucht befriedigen und die bekommt er nur, wenn er mich in Stücke reißen kann. Immerhin habe ich sein Rudel auf dem Gewissen. Deswegen versucht er gerade, mein Vessel so zu reizen. Das gute Mädchen ist eine Rubra, kennst du mit Sicherheit. Folglich benötige ich das Tagebuch um das zu Erfahren, was mir entgangen ist."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein wütender Blick funkelte Helyon entgegen und zeugte von dem ungebrochenen Lebenswillen.
      Cain unterdrückte den instinktiven Reflex einen größeren Abstand zwischen sich und den rachehungrigen Alpha zu bringen. Der neutrale Ton jedoch verwirrte den Seeker mehr als er zugab. Der Schmerz pochte durch seinen gesamten Körper und zerrte an der eisernen Kontrolle, die Beherrschung über sein Bewusstsein und die wellenschlagende Aura nicht zu verlieren. Der Goldschimmer strömte zu allen Seiten aus und erfasste neben der düsteren und blutgierenden Aura des Höllenhundes, auch eine wesentlich kühlere und gefasstere Präsenz. Die Oberfläche der bisher fremdartigen Aura war so glatt wie der polierte Marmor, auf dem er saß. Nichts konnte nach dem eisigen Hauch greifen, dass sprichwörtlich aus jeder Pore eine träge Langeweile und Gleichgültigkeit verströmte, als besäße er keinerlei Emotionen. Tief darunter verspürte Cain noch etwas anderes. Es war nur ein subtiler Funken. Einsamkeit.
      Ein abfälliges Schnauben erklang und der Seeker, sah seinem möglichen Scharfrichter mit vernichtender Verbissenheit in die Augen.
      "Denkst du wirklich, ich beantworte dir auch nur eine lächerliche Frage?", zischte Cain durch die zusammengebissenen Zähne.

      Mortimer Langdon fühlte sich angenehm überrascht, als er ein durchaus wunderschöne, weibliche Stimme zu hören bekam.
      Darüber hinaus schien die fremde Seele mit Namen Anifuris auch Manieren zu besitzen. In der Hinsicht war der Bibliothekar durchaus traditioneller Natur. Ein wenig Anstand und Höflichkeit hatte noch keinem Menschen und auch keiner übernatürlichen Entität jemals geschadet.
      "Es geschehen noch Zeit und Wunder.", flötete er förmlich in das versteckte Mikrofon und seine gesamte Aufmerksamkeit verschob sich sofort auf das Gespräch mit Anifuris. Zumindest konnte der Eindruck geweckt werden. "Jemand mit guten Manieren ist mir seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr unterkommen. Und der Rat besteht lediglich aus einer Ansammlung von zerbrechlichen Schachfiguren. Die Struktur alter, weißer Männer lässt sich leicht destabilisieren, wenn einem die richtigen Hebel bekannt sind. Gib ihnen das Gefühl der Überlegenheit und sie verlieren den Fokus."
      Mortimer schritt zwischen den Regalen voller Kostbarkeiten auf und ab, wobei er wirkte, als würde er eine höchst erfreuliche Plauderei führen.
      "Die Memoiren der Estryreh?", fragte der Bibliothekar und rückte dabei die Brille auf seiner Nase zurecht. "Wenn ich mich recht entsinne, stand die gute Dame dem hochgepriesenen Rubra-Clan sehr nah. Ich bezweifle, dass es dir allein um die Auffrischung des Gedächtnisses geht, mein Freund. Ich hörte von einem Vessel, im Kindesalter einem gefürchteten Monster zum Fraß vorgeworfen. Sie starb nicht, egal, was der Clan unternahm. 'Der Gefangene'...", murmelte Mortimer und tippte sich nachdenklich ans Kinn. "Du suchst einen Weg dein Vessel zu verlassen...?"
      Mortimer war nicht allwissend. Diese Eigenschaft zu beanspruchen wäre gnadenlose Selbstüberschätzung gewesen, aber das Gespräch versprach seine triste Existenz für ein paar Augenblicke zu erhellen.
      "Die Memoiren befinden sich in meinem Besitz. Das ist richtig. Allerdings hätte dieser ungeschickte Dieb, es niemals in die Finger bekommen. Nicht ohne meine Erlaubnis."
      Ein kühles Lächeln spiegelte sich auf seinen Lippen.
      "Nennt mir einen Grund, warum ich dir die Memoiren überlassen sollte."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Helyons Nasenflügel blähten sich, als eine Welle Adrenalin ihn erfasste. Er kam nicht drum herum, einen weiteren Atemzug zu machen und den Sinneszellen in seiner Nase etwas zum Frohlocken zu geben. Er musterte Cain schweigsam, dann schien sich das Rot aus seinen Augen langsam aber stetig zu verflüchtigen. Es wandelte sich zu einem Braun bevor die ersten Nuancen von Blau wieder hervorstachen.
      "Wenn du möchtest, dass dein Mädchen etwas mehr Zeit gewinnt, dann schon."
      Vorsichtig warf Helyon einen Blick zurück zu Mortimer, der scheinbar ganz vertieft in dem Gespräch mit der Brille war. Was eine offensichtliche Ablenkung sein mochte, konnte auch nur den Anschein haben. Optik neigte dazu, zu trügen.
      "Sie wird dir sagen, dass sie ihn mit der Zeit unter Kontrolle bekommen wird. Er ihr unfreiwillig Wege zeigt, wie sie ihn binden kann. Das sind alles leere Worte. Wenn ihr Bewusstsein einen kleinen Fehler macht, dann hat er sie direkt dort, wo er sie braucht. Was denkst du, wie wir Seelen die vollständige Kontrolle über den Körper bekommen? Es gibt mehrere Faktoren, die dazu führen."
      Ein weiterer Blick über seine Schulter. Dann richtete sich Helyon auf mit dem Rücken dem Archivar gewandt. Von oben herab blieb sein Blick jedoch an den auf dem Boden kauernden Cain hängen.
      "Versteh' mich nicht falsch. Ich bin hinter der Seele in der Rubra her. Solange wie er noch nicht sein volles Potenzial entfach hat, kann ich ihn noch bezwingen. Sobald er das Mädchen bricht, wird's schwierig. Dann hat er auch keinen Zweck mehr für dich, kleiner Seeker."

      "Der Rat versucht einen Weg zu finden, wie er zwei Seelen in Einklang bringen kann. Eine Symbiose, die mein Vessel und ich in Teilen bereits erreicht haben. Daher sollten diese Aasgeier besser nicht uns habhaft werden."
      Sofort hatte Anifuris den Stimmungswechsel in der Stimme Mortimers gehört. Seine Vermutungen waren richtig, dass es dieser Seele schlichtweg an Abwechslung, an Neuerungen fehlte. Vielleicht litt er sogar an dem Umstand, allein in dem Archiv zu sein wobei es ihm höchstwahrscheinlich jederzeit möglich war, einfach zu gehen.
      "Jawohl, genau diese Dame. Und genau dieses Mädchen ist mein Vessel, korrekt. Man hat mich zehn Jahre erfolgreich wegsperren können und das lag einzig an der Tatsache, dass ein uralter Bannkreis um die Kathedrale dort gezogen worden war. Ich weiß bis heute nicht, wer es war aber ich gehe stark davon aus, dass derjenige noch weitere Tricks auf Lager hat. Da die Rubras seit je her das Gebiet dort besiedeln liegt die Vermutung nahe, dass es jemand aus ihrem Clan gewesen sein muss. Deswegen die Tagebücher Estryrehs. Und weil mir Zeit fehlt, das stimmt schon."
      Sylea fühlte, dass da mehr im Argen war. Etliche Bilder tauchten vage in ihrem Hinterkopf auf. Stimmen, die wie im Wind flüsterten und längst verschollene Geschichten erzählten. Irgendetwas stimmte hier ganz gewaltig nicht. Das Lügenkonstrukt um Anifuris verlor stetig an stabilisierenden Streben, deren Verlust das Konstrukt irgendwann zu Fall bringen würden.
      Auf Mortimers Frage hin, warum er ihnen die Memoiren überlassen sollte, verfiel Anifuris kurz in Schweigen. Er wägte ab, wie viel der Wahrheit er einsetzen musste, um das Buch zu bekommen und zeitgleich nicht zu viel von sich preiszugeben.
      "Estryreh und ich liebten uns. Ich habe nie erfahren, wie es mit ihr zuende ging. Ich würde vieles geben um zu erfahren, was ihre letzten Gedanken auf dem Sterbebett gewesen waren. Ob sie mich für das verteufelt hatte, was ich tat."

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    • Mit aller Verbissenheit blickte Cain auf.
      Der Goldschimmer seiner Augen glühte förmlich unter dem kalten Licht des Archives und erweckte mehr den Anschein kalten, blanken Metalls als warmem Honig. Vielleicht war es der Schmerz, der langsam aber stetig wie der fallende Sand in einer Sanduhr seinen Geist zermürbte. Oder es war die tief sitzende Verzweiflung um das Leben der Frau, die er liebte. Helyon sprach genau die Dinge aus, die Sylea ihm bereits selbst erläutert hatte. Die Saat des Zweifels, einmal Wurzeln geschlagen, ließ sich nur schwerlich vernichten. Das richtige Worte reichte aus und der Zweifel streute seine Saat aus wie ein Parasit.
      "Ich kann dich nicht in ihre Nähe lassen.", flüsterte er geschwächt von Schmerz und Blutverlust. "Sie wird sterben, wenn du Anifuris vernichtest. Vielleicht ist es unvermeidlich, aber ich werde dieses Schicksal herauszögern solange ich atme. Mir ist es gleich, was Anifuris mit mir anstellt, solange sie eine Chance hat."

      Das abfällige Schnauben des Bibliothekars zeugte wenig von der geschätzten Höflichkeit.
      "Die Tatsache ist mir bekannt. Allerdings bezweifle ich sehr, dass der Rat über genügend Intelligenz besitzt, um die Puzzleteile korrekt zusammenzusetzen. Diese Amateure besitzen das geistige Fassungsvermögen einer Amöbe. Dennoch ist es kein Risiko, das wir eingehen sollten, nicht wahr?", sagte Mortimer und klang dabei viel zu fröhlich. Etwas schien sich in dem uralten Verstand zu bewegen, von dem Niemand anfangs sagen konnte, ob es etwas Gutes war oder letztendlich das Ende der Welt bedeuten sollte.
      "Die Runen, die dich in deinem bedauerlichen Gefängnis hielten, sind äußerst raffiniert. Und zumeist sehr effektiv.", fuhr der junge Mann fort, ehe er den Blick senkte, um seinem Gesprächspartner einen guten Blick auf seine erhobene Hand zu geben. Aus den wirbelnden Flakons gesellten sich erst ein paar wenige, dann immer mehr gläserne Gebilde um seine Hand. Geisterhaft zerschmolz das Glas zu einem flüssigen, glitzernden Strom, der langsam die Konturen eines Buches annahm.
      "Aber im Endeffekt ist es unerheblich. Du hast den Bannkreis durchbrochen, dass mach ihn nutzlos und unbrauchbar.", murmelte er und betrachtete das schlichte Buch aus Glas, das sich auf seine Handfläche legte. Mit jeder verstreichenden Sekunde verlor es die durchsichtige Konsistenz und verfestigte sich zu einem realen Literaturstück. Der Einband bestand aus dunkelbraunem Leder, der Buchschnitt wies eine wertvolle, silberne Färbung aus.
      "Estryreh...", murmelte er und betrachtete den mit silbernen Runen verzierten Buchrücken. "Natürlich. Die Begründern des ehrenwerten Rubra-Clans. Faszinierend."
      Mortimer besaß das Wissen von Jahrtausenden, aber die Tragweite und Fähigkeit zur Aufnahme von Informationen eines menschlichen Gehirn waren so lächerlich gering. Manchmal fühlte es sich an, als fließen die Erinnerungen zäh wie Honig.
      "Die Memoiren können nur von einer reinblütigen Rubra geöffnet werden. Aber das sollte für dich kein Hindernis darstellen. Die Trivialität von Romantik ist für mich nicht von Interesse, auch wenn deine kleine Geschichte rührselig anmutet. Wir alle waren einmal jemand anders, in einem anderen Leben. Aber ich bin überaus neugierig, welches Chaos du mit diesen Schriften anstellen könntest. Ich bin fast verleitet es dir zu überlassen, nur umzusehen, was passiert."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Helyon musterte Cain weiterhin ohne auch nur die kleinste Regung in seinem Gesicht.
      "Sie wird so oder so sterben. Sie ist schon längst tot. Das Herz, das das Blut durch ihre Adern treibt, wird von einer Kraft bewegt, die Übermenschlich ist. Der Körper in seinem Kern ist erkaltet, ihre Aura ist das einzige, das ihn warm hält. Ich weiß nicht, warum ihre Aura noch an den sterblichen Überresten klebt, denn eigentlich müsste sie längst fort sein."
      In völliger Ruhe blickte sich der Jäger um und schien etwas zu suchen. Dann erspähte er irgendetwas, verschwand aus Cains Sichtfeld um die nächste Regalseite und steuerte auf den Tisch mit seinen vier Stühlen zu, auf dem stapelweise Bücher lagen. Der Mann zögerte nicht langte, packte beherzt einen Stuhl am Bein und riss es mit einem lauten Knacken aus. Sorgsam stellte er den Stuhl wieder zurück zu den anderen, als sei nichts gewesen.
      Dann kam er schlendernd um die Ecke zurück und ging vor dem Seeker in die Hocke. Grab wischte er Cains Hände beiseite, die ihn von seinem Bein abhalten wollten. Mit zwei, drei kräftigen Bewegungen zerriss Helyon Cains Hose, um den Schaden in Augenschein zu nehmen, den er verursacht hatte. Ein sauberer Bruch des Schienbeins, der den Knochen durch sein Fleisch getrieben hatte. Mit beiden Händen packte die Seele die Knochen links und rechts vom Bruch und schob sie wieder in eine Linie. Was bei ihm so leicht aussah, war einzig und allein seiner Kraft geschuldet. Das Aufbäumen des jungen Mannes schien ihn überhaupt nicht zu kümmern. Anschließend zog er seine Lederjacke aus, legte das Holzbein an Cains Bein und band es mit seiner Jacke fest. Dabei achtete er darauf, die blutende Wunde so gut es ging abzubinden. Helyon war ein Jäger, kein sonderlich guter Heiler und dazu hätte er seine Form wechseln müssen, was dem jungen Mann wohl vollständig den Verstand geraubt hätte.

      Es war ein unbeschreibliches Schauspiel, wie sich auf dem Bildschirm der Übertragung Flakons zersetzten und etwas Neues, nein, bereits Bestehendes bildeten. Wenn das das Geheimnis war, dann hätte Cain wirklich niemals das Buch finden können. Wieso sollte der Archivar ausgerechnet dieses Stück so sichern?
      Als sich das Buch letztlich als das manifestierte, was es war, spürte Sylea das erste Mal ein warmes und zeitgleich unglaublich schweres Gefühl seitens Anifuris. Er las die Runen, erinnerte sich an die Person, die dieses Buch geschrieben haben musste. Wie er sie wirklich geliebt hatte, wie sehr er sich danach sehnte, diese Seiten zwischen seinen Fingern spüren zu können.
      "Mit Verlaub, auch du weißt nicht um die volle Tragweite dieses Schreibens. Der Bannkreis war nicht nutzlos, er verlor über die Jahre seine Wirkung. Er konnte mich während meiner Hochzeit bannen ohne auch nur ein Wort einer Beschwörung. Er hat sich selbst aktiviert, der Rubraclan war damit beschäftigt ein kleines Kind zu opfern. Estryreh war nicht die alleinige Begründerin des Clanes. Das stand so leider nie im Schreiben, fürchte ich. Ebenso wenig gibt es im Clan Überlieferungen dazu. Schade, was verlorenes Wissen alles anrichten kann."
      Er starrte wie gebannt auf den Bildschirm und auf das Buch, seine Stimme klang sachlich im harten Kontrast zu der erstmals menschlich wirkenden Gefühlswelt, die die alte Seele gerade durchlebte.
      "Ich weiß deinen wahren Namen nicht, aber du stammst urspünglich aus Babylonien, richtig? Wie versiert seid ihr im Bezug auf Seelen? Ich gehe davon aus, dass Estryreh nach meinem Tode Erkenntnisse zu Tage gefördert hat, die ein Schlüssel für meine wirkliche Natur sein können."
      Sylea spürte, dass Anifuris versuchte, der anderen Seele etwas zu verraten, das nicht für die Ohren von Menschen bestimmt war. Er redete sich um Dinge herum, um nicht zu verraten, was er wirklich war und wieder versuchte zu sein. Und dass die pure Existenz von Sylea dem bereits ein Riegel vorzuschieben schien.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Missbililgend verzog der Bibliothekar das Gesicht.
      Das eindeutige Geräusch von splitterndem Holz erfüllte das Gewölbe und er wusste nicht, ob er die mutwillige Zerstörung seiner Einrichtung wirklich gut heißen sollte. Es war nicht so, dass er besonders an den antiquarischen Möbelstücken hing. Hier ging es ganz allein ums Prinzip. Gefährlich zuckte eine seiner Augenbrauen in die Höhe, während die wirbelnden Flakons um seinen Körper erneut an Geschwindkeit gewannen. Die konzentrischen Kreise erweckten den Eindruck, als würde sich der Radius langsam ausweiten.
      Eine kurze Bewegung seines Kopf eröffnete Sylea und Anifrus einen flüchtigen Blick auf den verwundeten Seeker, der notdürftig aber effektiv von Helyon versorgt wurde. Allerdings lag sein Augenmerk eher auf dem missbräuchlichen Verwendung des mit antiken Schnitzereien versehen Stuhlbeins. Ein Jammer, diese Möbelstücken besaßen bei Sammlern einen beträchtlichen Wert. Obwohl Mortimer jeglicher Währung keinen besonderen Wert beimaß, hatte auch der alte Babylonier sich dem monetären System beugen müssen. Ein gewisser Lebensstandard ließ sich nicht allein mit Luft und uraltem Wissen finanzieren.
      Warum um Himmels Willen der Alpha beschloss seine Beute laienhaft zusammen zuflicken, erschloss sich Mortimer nicht. Allerdings hatte er bereits vor Ewigkeiten die Fähigkeit eingebüßt, jede menschliche Handlung nachzuvollziehen. Die Distanz zur menschlichen Spezies wuchs mit jedem Jahrzehnt an. Und je mehr er sich von den Wesen entfernte, zu denen er einst selbst zählte, umso gefühlsärmer blieb der Babylonier zurück.
      "Jedes verlorene Wissen ist eine Tragödie, mein kryptischer Freund.", erwiderte der Bibliothekar und seine Fingerspitzen tanzen beinahe zärtlich über das weiche Leder, als spüre er, wie sehr Anifuris begehrte, das Buch in den eigenen Händen zu halten. "Bedauerlicherweise bist du mir an diesem Punkt ein paar Schritte voraus. Da in meinen Venen nicht das Blut der Rubra fließt, war ich nie in der Lage es zu öffnen. Eine wirkliche Schande"
      Eine subtile Bewegung der Übertragung spiegelte wieder, wie Mortimer nachdenklich den Kopf zur Seite legte und scheinbar die letzten Worte des Aurenmanipulators sorgsam abwog. Anifuris stellte eine überaus hervorragende Möglichkeit dar, an den Inhalt der Memoiren zu kommen. Was sein Gesprächspartner damit anstellen konnte, lockte ihn umso mehr. Der Verlust von unschuldigen Menschenleben stellte für ihn kein Hindernis da, ein paar mehr oder weniger spielte im Zuge der Überbevölkerung sowieso keine nennenswerte Rolle. Ein paar tausend Jahre noch und die Menscheit hatte ihren blauen und blühenden Planeten aufgezehrt wie ein Schwarm gierige Heuschrecken.
      Anifuris suchte nach einem Weg seine wahre Natur zu entfesseln. Das konnte vieles bedeuten.
      Die Befreieiung von der armseligen Seele des Mädchens, die Wiedererlangung seiner vollständigen Kräfte bis hin zur Manifestierung seines ursprünglichen Körpers. Wobei bei letzteres noch keine noch so begabten Seele gelungen war. Einschließlich dem Babylonier. Und er besaß die beinahe uneingeschränkte Kontrolle über Materie jeglicher Art. Einen Körper zu formen war kein Hindernis, aber die Verschmelzung einer lebenden Seele mit einem toten Gegenstand schon. Wie der kostbare Anhänger in der Vitrine. Die abstrakten Buchmäuse waren eine Fingerübung, sie enthielten kein echtes Leben. Sie waren Marionetten, nicht mehr. Dazu benötigte es besondere Kniffe über dessen Macht er nicht verfügte. Es fehlte der Funken.
      "Das ist richtig.", bestätigte Mortimer. Die Information über seine Herkunft war weder geheim noch sonderlich wichtig. Seine Stimme klang fast sehnsüchtig. "Ein wunderschönes Land und eine Stadt von einzigartiger, mitreißender Schönheit. Die Babylonier beschäftigten sich bereits früh mit der Seele der Lebenden. Sie war ein heiliges Gut. Und der Schlüssel zur Unsterblichkeit. Fleisch ist vergänglich und verfault unvermeidlich. Die sterbliche Hülle zu erhalten, stellte sich als unmöglich heraus. Die Unversehrtheit der Seele zu verletzen, galt als Ketzerei und äußerstes Vergehen. Aber die tögliche Strafe hielt nicht alle von dieser Vorstellung ab. Ich gehe davon aus, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Du bist alt, wenn auch nicht so alt wie ich."
      Wieder drehte er das Buch in den Händen.
      "Ich überlasse dir die Memoiren deiner Geliebten.", verkündete Mortimer. "Unter einer Bedigung. Ein Treffen. Und das Teilen deiner gewonnenen Erkenntisse."

      Die bittere Erkenntnis ließ sich nicht abwehren.
      Helyon traf mit jeder einzelnen Silbe ins Schwarze und schürte mit jeder einzelnen Silbe den Funken der Verzweiflung in seinem Herzen. Bisher hatte Cain keinen Gedanken daran verschwendet, das Anifuris den Körper einer Toten aufrecht hielt. Sein Kopf fiel mit einem tiefen, kraftlosen Seufzen nach vorn bis sein Kinn die Brust berührte. Durch das strähnige, schwarze Haar blickte er zu Helyon auf und erblickte das Gebilde aus Holz in seiner Hand. Hatte er vor ihn damit zu durchbohren wie einen Vampir? Etwas mittelalterlich aber wahrscheinlich hatte er dabei sowieso kein Mitspracherecht.
      Was dann passierte, trieb ihm sämtliche Luft aus den Lungen. In der ersten Sekunde nahm Cain nur das ekelerregende Geräuch von knirschenden Knochen wahr, die in ihre ursprüngliche Position geschoben wurden. Dann erst folgte der Schmerz. Der Seeker bäumte sich auf und lediglich der eiserne Griff des Alpha verhinderte ein Zurückreißen des gebrochenen Beines. Ein schmerzerfüllter Schrei übertrug sich über das Mikrofon direkt zu Sylea und Jace, wobei letzterer ohne das es jemand sehen konnte, ganz grün im Gesicht geworden war. Aus dem Schrei wurde ein qualvolles, ersticktes Wimmern. Durch den Schleier aus flammenden Schmerzen und dem brennenden Schweiß in seinen Augen vermischt mit den Tränen, die sich nicht zurückhalten ließen, sah Cain an seinem Bein herab.
      Da begriff er, was Helyon getan hatte.
      Cain leckte sich über die Lippe und der metallische Geschmack von Blut legte sich auf seine Zunge. Offensichtlich hatte er sich die Unterlippe blutig gebissen.
      "Warum tust du das?", keuchte er und war drauf und dran einfach zur Seite zu kippen. Sterne tanzten vor seinen Augen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Heylons Hand schoss nach vorne, um Cain am KRagen zu packen damit er nicht wegkippte. Er hatte noch einen Zweck zu erfüllen und dieser Moment rückte in greifbare Nähe, als er hinter sich hörte, wie der Archivar einem Treffen zustimmte. Der Sanftmut war augenblicklich aus seinem Gesicht gewichen und das wilde Grinsen auf seine Lippen zurückgekehrt.
      "Weil du uns führen wirst, kleiner Seeker", raunte er Cain zu während er bereits einen Arm unter dessen Knie und den anderen hinter seinen Rücken schob.
      Etwas zu schwungvoll erhob sich der Jäger mit der angeschlagenen Beute auf den Armen und wandte sich Mortimer zu. Er wusste, dass der junge Mann in seinen Armen keinen Widerstand leisten würde, wobei sich Helyon nicht sicher war, ob Cain seiner Forderung folgen würde. Dass aber Anifuris es scheinbar geschafft hatte, den Babylonier zu bequatschen waren zwei Fliegen mit einer Klappe. Die er andernfalls nie auf diese Art und Weise hätte verbinden können. So bekam er die Gelegenheit, das ganze Nest auszuräuchern und nicht mit den Spähern zu beginnen, um die Königin zu finden.
      Anifuris hatte keine Miene bei dem fürchterlichen Schrei verzogen. Dafür war Sylea am liebsten brechen gegangen. Sie war dankbar, dass ihre Gefühlswelt sich gerade nicht allzu stark auf ihren Körper auswirkte, da die alte Seele primär gerade im Vordergrund war und es tatsächlich schaffte, Mortimer dazu zu bewegen, die Memoiren aufzugeben. Dies wiederum bedeutete, dass sie nur noch Cain da raus holen müssten.
      "Kein Problem unsererseits", bestätigte Anifuris Mortimers Bedingung und versuchte, Syleas Gedanken beiseite zu schieben. Ihnen nachzugeben und auszusprechen würde ein weiteres Risiko darstellen. Trotzdem beschlich ihn das Gefühl, dass er das größte Problem dennoch nicht loswerden würde. "Allerdings bräuchten wir den Seeker zurück. Aufgrund der etwas angespannten Lage können wir unser Versteck nicht verlassen ohne die komplette Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Der Seeker wird dich führen können."
      Sylea verstand schlagartig das Problem. Der Archivar hätte Cain einfach an Ort und Stelle liegen lassen oder gar von Helyon einfach töten lassen. Helyon auf der anderen Seite hatte Cain legitim eingeschränkt, sodass er ohne Hilfe nicht aus dem Keller kommen würde. Ohne die Hilfe des Seekers würde der Jäger noch eine geraume Zeit brauchen bis er sie unter den tausenden Menschen hätte orten können. Doch so wie die Dinge standen, musste Helyon den verletzten Seeker als Führung aus dem Archiv tragen.
      Und er würde somit Heylon direkt zu Anifuris und Sylea führen.
      Ein Risiko, das Anifuris einging und dem Vessel erst jetzt wahrlich auffiel. Doch anstelle von Angst oder Panik schien eine stumpfe Kälte ihr Herz zu überwältigen. Ihm ein Eispanzer zu verleihen, so glatt und dick, dass nichts ihn zu durchstoßen vermochte. Sie beide waren sich in dem Punkt einig, dass sie nicht ewig vor dem Höllenhund flüchten können würden. Ergo mussten sie auf Konfrontationskurs gehen, wenn Anifuris das Buch und Sylea Cain zurückhaben wollte. In diesem einen Punkt liefen die Absichten der beiden Seelen Hand in Hand.
      Anschließend richtete Anifuris das Wort an Jace: "Kapp die Leitung zu der Brille."
      Es dauerte einen Augenblick, dann tat der Techniker wie geheißen. Anifuris lehnte sich etwas zurück und ließ den Blick schweifen. Räumlich gesehen waren sie im Nachteil. Er ging nicht davon aus, dass die alte babylonische Seele eingreifen würde, sollte sich der Höllenhund auf sie stürzen kaum traf sein Blick auf das Vessel. Er würde sich etwas einfallen lassen müssen.
      "Jace, wenn es klingelt möchte ich von dir, dass du die komplette Überwachung hier für eine Stunde einstellst. Weder Ton- noch Bildaufnahmen, verstanden? Finde ich heraus, dass irgendetwas von diesen 60 Minuten aufgezeichnet worden ist, dann sorge ich dafür, dass du dich selbst ausbluten lässt. Ich verspreche dir, dass wir alles mögliche tun werden um deinen kleinen Freund lebend zurück zu bekommen."

      Wie selbstverständlich stolzierte Helyon mit Cain im Arm voran als Mortimer die Sicherungsvorkehrungen auflöste und ihnen somit den Weg nach oben ebnete. Der Archivar hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Erscheinung etwas weniger auffällig zu gestalten. Das war auch nicht notwendig, wenn man den großgewachsenen Mann mit dem ziemlich zerhunzten Seeker auf den Armen so betrachtete.
      Auf dem Weg nach oben im Aufzug warf Helyon einen Blick zum Babylonier. "Sagtest du nicht vorhin, du kannst so ziemlich alles verschmelzen? Wärst du dann so gut und würdest einen Blick auf das Bein des kleinen Seekers werfen? Ich fürchte, der kippt und sonst gleich weg und dann wird's dauern bis ich Anifuris ausmachen kann." Heylon rückte Cains Bein in Mortimers Reichweite.

      Syleas Hände waren schweißnass. Anifuris hatte sich wieder in den Hintergrund begeben und schien an etwas zu tüfteln, was er dem Mädchen nicht verraten wollte. Seitdem saß sie auf dem Sofa und zählte die Minuten bis die Klingel die angespannte Stille zerreißen würde und eine Situation mitsich bringen würde, die sie nicht einzuschätzen vermochte. Man konnte sich nicht davor wappnen, von Zähnen in der Luft zerrissen zu werden oder abartigen Schmerz sich vorzustellen. Alles Ausgänge, die in dieser Lage nicht unwahrscheinlich waren.
      Gerade weil Sylea es wusste und darauf wartete, erschrak sie umso mehr, als das freundliche Tüdeln der Klingel erklang. Innerhalb von Sekunden war sie auf den Füßen und ging mit wackeligen Beinen zur Eingangstür herüber.
      Eine Sache noch.
      Alles gut. Ich krieg' das hin.
      Richte das Wort nicht unüberlegt an den Babylonier. Ich bin mir noch nicht sicher, wie mächtig er ist. Und sollte der Hund uns direkt angreifen, zögere nicht. Wir müssen nach vorne und nicht zurück.
      Sylea nickte stumm als sie ihre Hand auf die Klinke legte und die Tür aufmachte. Sie brauchte weder die Kamera noch den Spion, sie spürte Cains fades Gold bereits durch die Tür sowie Helyons blutrünstige Aura und eine weitere, die sich seltsam mythisch anfühlte. Direkt vor ihr ragte bereits Helyon auf, der sie mit blutroten Augen von oben herab musterte. Cain in seinen Armen bewegte sich kaum, atmete jedoch flach und löste einen Stich in Syleas Herz aus. Den dahinter stehenden Mortimer sah sie zunächst dank seiner kleineren Erscheinung nicht.
      Mit hastig anmutenden Blicken wich Sylea ins geräumigere Wohnzimmer zurück, wo sie sich schweren Herzens dazu zwang, sich auf die Couch zu setzen. Sie hörte, wie zwei paar Schuhe die Wohnung betraten und die Tür wieder ins Schloss fiel. Dann trat Helyon ins Wohnzimmer, ließ den Blick kurz schweifen und steuerte einen Sessel an. Erstaunlich sanft setzte er den Seeker in das Möbelstück und packte anschließend den gesamten Sessel mit Cain darauf, um ihn weg von Sylea fast bis ans andere Ende des Zimmers zu stellen. Als sei er seine Leibwache stellte er sich neben seine Beute und fuhr dem jungen Mann immer wieder wie ein Liebhaber mit seiner Hand durch die rabenschwarzen Haare. Nicht eine Sekunde lang ließ er dabei das Vessel aus den Augen.
      Erst danach betrat der Archivar den Raum und sorgte umgehend dafür, dass Syleas Aufmerksamkeit weg von dem Höllenhund hinüber zu der ältesten Seele im Raum driftete. Im Gegensatz zu Helyon roch sie seine Aura nicht, aber der unwirklich schimmernde Smaragdton Mortimers Aura faszinierte die junge Rubra augenblicklich. Ein Prickeln ging über ihre Haut hinweg, als würde man Stachelefeu darüber streichen lassen.
      "Ich bin Sylea Rubra", brachte sie kratzig hervor und war so steif wie schon lange nicht mehr, "Vessel von Anifuris."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die tanzenden Sterne in seinem vernebelten Sichtfeld erloschen.
      Der äußerste Saum seines Sichtfeldes wirkte zunehmend verschwommener und verdichtete sich zu einer verlockenden Dunkelheit. Unter anderen Umständen wäre Cain über seine eigene Unfähigkeit verärgert gewesen. Durch den extremen Schmerz in seinen Bein schrumpfte das Denkvermögen zu den nötigsten Überlebensinstinkten zusammen. Bei Bewusstsein bleiben und die regelmäßigen Atemzüge standen an oberster Stelle. Goldene Augen glühten unter einem dunklen Wimpernkranz halbgeschlossener Augenlider, als der Seeker den Ruck an seinem Kragen bemerkte. Beherzt zog der Alpha seine Beute wieder in eine aufrechte Position. Cain besaß sogar noch genug Widerwillen, um Helyon einen finsteren Blick zu zuwerfen.
      Bevor er in einen weiteren verbalen Schlagabtausch gehen konnte, hob Helyon ihn vom kalten Marmorboden auf als wäre sein Gewicht nicht mehr als das einer Feder. Die schwungvoll Bewegung rüttelte an der notdürftigen Schiene und entlockte dem Seeker ein gequältes Zischen. Reflexartig schnellte seine Hand nach vorn und die Finger bohrten sich krampfhaft in den offenen Kragen der Lederjacke. Wenige Sekunden später zog er die Hand ruckartig zurück, als hätte er sich bei der Berührung des kühlen Materials verbrannt.
      Mit erstaunlicher Schnelligkeit riss Cain dern Kopf herum und fühlte sogleich den betäubenden Schwindel hinter seiner Stirn. Der Bibliothekar klatschte erfreut in die Hände, nachdem das Buch in sich zusammen geschrumpft war. Das winzige Gebilde verschwand so schnell in der Tasche der bestickten Westen, dass der Seeker nicht mehr erkennen konnte, was es war. Eigentlich hatte er ab dem Zeitpunkt, als Helyon ihm auf brutale Art den Knochen gebrochen hatte, nicht mehr viel von seiner Umgebung mitbekommen.
      "Wie überaus erfreulich!", rief Mortimer mit einer kindlichen Entzückung aus, dass er für einen Augenblick lang fernab des gesunden Menschenverstandes wirkte. "Ein Spaziergang an frischer Luft wird uns allen gut tun und die Gemüter ein wenig abkühlen, nicht wahr? Und du, mein ungeschickter Dieb, wirst mich höflicherweise zu deiner kleinen Freundin und dem faszinierenden Wesen in ihrem hübschen Köpfchen bringen."
      Nachdem die Verbindung der Brille abgebrochen war, hatte er die technische Spieleri ebenfalls in den Innentasche seiner Weste verschwinden lassen. Wer konnte schon sagen, ob sie nicht zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal nützlich sein konnte. Mortimer ließ sich selbst von dem wenig manierlichen Vorpreschen Helyons nicht die ekstatische Laune verderben. Mit einem beiläufigen Wink seiner Hand glühten die Runen im Marmor auf und enthülten das erste Mal einen sichtbaren, aus fahlem Licht bestehenden Schild, der an den Wänden entlang lief und das gesamte Gewölbe einfasste.
      Der Fahrstuhl öffnete sich mit einem altvertrauten 'Ping' und die etwas merkwürdige Truppe betrat den beengten Raum. Mortimer wippte auf den Fußballen vor und zurück, wobei er die Arme hinter dem Rücken gekreuzt hatte und den Eindruck eines ungeduldigen Schuljungen weckte. Er vebrierte förmlich vor Vorfreude und Neugierde. Das Archiv hatte er seit knapp 300 Jahren nicht mehr verlassen. Seine neuen Hüllen würden ihm gebracht, sobald es an der Zeit war und die Sterblichkeit ihren Tribute forderte.
      Bei der Frage wirkte sein Blick beinahe fragend, als hätte er erneut vergessen, dass sich andere Wesen direkt neben ihm befanden. Sein Blick fiel auf das Bein, aus dem stetig kleine Tröpfchen Blut auf den Boden des Fahrstühls tröpfelten.
      "Das wäre sehr bedeauerlich.", flötete Mortimer und streckte seine Hand nach dem Bein aus. Cain blieb nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen. Knirschend presste er die Kiefer aufeinander, als ein geräuschvolles Knacken den kleinen Raum erfüllte. Das Stuhlbein begann in der Haut zuversinken und verfärbte sich oberflächlich zu einem metallischen Schimmer. Die silbrige Flüssigkeit drang unter Haut und Muskeln und legte sich wie eine stabilisierende Hülle um den gebrochenen Knochen. Es knackte noch einmal, als der Knochen, die letzten und korrigierenden Millimeter begradigt wurde. Schweißperlen rannen die Schläfen des Seekers herab, der jeden Schmerzenlaut mühevoll herunter würde. Das flüssige Metall versiegelte ebenfalls die blutende Wunde und hinterließ ein silbriges Narbennetz.
      Ohne ein weiteres Wort wandte sich Mortimer wieder ab und summte eine wundersame, fröhliche Melodie.

      Der Hacker, der die blutige und bildliche Drohung sichtlich ernst nahm, hielt sein Versprechen und ließ Anifuris und Sylea über eine kurze Nachricht wissen, dass er die Verbindung unterbrach. Und das wenige Sekunden nachdem die Klingel der Wohnung ertönte. Jace warf einen letzten Blick auf den Seeker, der jegliche Körperspannung eingebüßt hatte und fast wie leblos in den Armen seines Jägers hing.
      Mit spürbarer Anstrengung zwang sich Cain die Augen zu öffnen, kaum spürte er das geliebte Silber und die Syleas Präsenz. Flüchtig glitt sein Blick zu ihrem blassen Gesicht, dass sichtlich verschreckt und angespannt wirkte. Alles, was er bewerkstelligen konnte, war ein schwaches Nicken, ehe die Augenlider erneut flatterten. Der Blutverlust und der dumpfe, pochende Schmerz in seinem Bein verlangten ihm mehr ab, als er vermutet hatte. Für ein paar Sekunden schloss er die Augen und das Erste, was er wieder bewusst spürte, war eine fremde eindeutig männliche Hand in seinen Haaren. Trotzig zuckte er mit dem Kopf zurück und bereute es in derselben Sekunde, als ein schwindelerregendes Pochen hinter seiner Stirn erblühte.
      "Nimm deine dreckigen Griffel weg...", knurrte er. Es war allein die Tatsache, dass Helyon ihm diese falschen und zärtlichen Berührungen zukommen ließ, die ihm Übelkeit bereiteten. Die Aura des Alpha war erdrückend.
      Der Bibliothekar wandte sich völlig und allein Sylea zu.
      Überraschenderweise lächelte Mortimer nachsichtig im Angesicht der kaum übersehbaren Nervosität und doch erreichte das Lächeln nicht seine grün, schimmernden Augen.
      "Mortimer Langdon. Es gibt keinen Grund nervös zu sein, Liebes.", sagte er und nahm gegenüber der Rubra in dem zweiten Sessel Platz, in dem auch schon Jace gesessen hatte. Auch hier gab er seinen wahren Namen nicht Preis."Mein Anliegen ist es nicht dir Schaden zuzufügen. Im Laufe Geschichte hat die Menschheit mir viele Bezeichnungen zugesprochen, aber ich war nie ein Lügner. Allerdings schließt das unseren gemeinsamen Freund nicht mit ein, der wie mir scheint eine ganz eigene Agenda verfolgt."
      Elegant zog er eine winzigen Kleinod aus seiner Westentasche und stellte das Mitbringsel mit einem leisen Klicken auf dem Tisch ab. Unter seiner feingliedrigen Hand kam eine weiß, polierte Schachfigur zum Vorschein. Die weiße Königin.
      "Verrate mir, Anifuris. Welches Wissen aus diesem Buch begehrst du wirklich? Ist es wahrlich nur die Sehnsucht nach dem Schicksal deiner Geliebten?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea hatte sichtlich Mühe ihre Aufmerksamkeit auf drei Parteien aufzuteilen. Am liebsten hätte sie Cain an oberster Priorität gesetzt, aber er durfte jetzt nur den dritten Platz einnehmen. Glücklicherweise konnte die junge Frau an dem Archivar vorbei und zu Helyon herüber sehen, der trotz dem Kommentars seine Handlung nicht einstellte. Das Rot in seinen Augen erinnerte Sylea kränklich an das doppelte Augenpaar, dass sie in jeder Nacht viel zu nah hatte erleben dürfen und konnte ein Frösteln nicht unterdrücken.
      Hauptaugenmerk lag allerdings nun bei Mortimer, der ihr mehr als nur einen Grund gab, nervös zu sein. Anifuris in ihrem Kopf war ab dem Zeitpunkt seines Eintretens in Schweigen verfallen, doch Sylea spürte, wie er sich das Hirn zermaterte und Eindrücke verarbeitete. Die gesamte Erscheinung des Mannes warf Fragen auf, zum Beispiel den wievielten Körper er da gerade im Besitz hatte. Oder wie er den ehemaligen Geist darin gebrochen hatte.
      Dann zog etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Eine kleine Schachfigur, die Mortimer zwischen ihnen auf den Tisch stellte. Für einen Augenblick vergaß sie, wie man atmete und erschrak als sie bemerkte, dass Anifuris der Ursprung dafür war. Er sah die Figur und fühlte etwas so unglaubliches Tiefes, das sich Sylea nicht erschloss. Doch sie wagte es nicht, auch nur einen Finger danach auszustrecken.
      Als sich ihr Blick wieder auf den Babylonier richtete, lag eine Spur Trotz darin.
      "Ich bin noch die vorherrschende Kraft in diesem Körper, bitte vergessen Sie das nicht", erhob sie ihre Stimme fester, als sie es selbst erwartet hätte. "Er hört jedes Wort mit an, aber er hat nicht wie Sie seinen Wirt ausgetrieben. Das schafft er nicht."
      Vielleicht eine Spur zu Großkotzig, aber sie wollte ihren Standpunkt klarmachen. Dass Anifuris darauf nichts erwiderte bezeugte ihr, wie abgelenkt er tatsächlich gerade war. Doch er bekam ein paar Worte zustande, die sie weitertrug: "Nicht nur. Da er selbst nicht genau weiß, was in den Schriften steht, kann er Ihnen darauf auch keine Antwort geben. Er erhofft sich allerdings ein paar Denkanstöße zu gewissen Theorien. Aber wenn Sie mich fragen, verzehrt er sich wirklich ohne es zugeben zu wollen. Im übrigen war er sehr amüsiert von ihren Buchmäusen. Er selbst habe wohl einst laufende Weinbecher kreiert.... und ich soll ausrichten, dass er der Schöpfer von Inolas Kette ist."
      Den letzten Teil sprach sie etwas verwirrt aus, da sie merkte, dass diese Worte einem Zweck dienten. Der sich ihr zwar noch nicht ganz erschloss, doch sie ließ es vorerst so stehen.
      Dann jedoch driftete ihr Blick wieder zu Helyon, der mittlerweile aufgehört hatte das Vessel anzustarren und stattdessen den Seeker an seiner Seite musterte. Grob packte er in dessen Haare und zog dessen Kopf in den Nacken.
      "Nicht einschlafen, kleiner Mann. Oder willst du verpassen, wie ich dein Mädchen in Stücke reiße?", flüsterte er Cain ins Ohr, sodass Sylea es nicht hörte sondern nur sah.
      Dank ihrer Aurensicht sah Sylea, wie ausgemergelt selbst Cains Aura war. Sie schwankte unter der viel mächtigeren Last von Helyons Aura und der sonst gut sichtbare Pulsschlag im Gold war recht schwach geworden. Er entglitt ihnen. Langsam, aber stetig.
      Das führte zu einer Kurzzschlussreaktion Syleas. Ruckartig sprang sie auf die Beine und ließ den Babylonier aus den Augen als sie das Wort an Helyon richtete: "Lass ihn, er braucht Hilfe!"
      Mehr konnte sie nicht sagen. Die junge Rubra sah noch, wie Helyons Kopf sich drehte, seine roten Augen auf sie richtete und dann buchstäblich verschwand. Im nächsten Moment prallte etwas mit ungeheurer Macht gegen sie, riss sie über das Sofa nach hinten weg und warf es gleich mit um. Hart kam sie mit dem Rücken auf dem Boden auf, die Luft wich ihr aus den Lungen. Doch dieses Mal wurde sie nicht von Angst gelähmt, sondern von Hass entflammt. Umgehend hechtete über das Sofa in Richtung Mortimers, der unbeweglich im Stuhl das Schauspiel zu beobachten schien. Diesen Blick erhaschte Sylea noch, dann wurde sie am Knöchel zurückgerissen und schrie auf auf. Sie drehte sich auf den Rücken, da ragte plötzlich ein Schatten über ihr auf. Eine kalte Hand legte sich an ihre Kehle und Heylons blutrote Augen bohrten sich in ihre grauen. Keiner von ihnen verschwendete auch nur einen Gedanken an Worte, als Sylea das Handgelenk des Jägers fest packte und ihn anlächelte.
      "Viel Spaß, du dreckiger Köter", quetschte sie aus ihrer Kehle hervor bevor sie ihr Bewusstsein völlig zurückzog und ihren Körper brach liegen ließ.
      Im Bruchteil einer Sekunde änderte sich das Gefüge im Raum. Der Luftdruck schien abzufallen, als das Silber von Syleas Aura praktisch vom Nachtblau vollkommen verschluckt wurde und Anifuris das erste Mal ungehalten auf den Plan trat. Sylea, die eigentlich ein friedliebender Mensch war wollte in diesem Moment nur eines: den Jäger loswerden. Und geschehe dies indem sie dem alten Bewusstsein in ihrem Körper völlige Freiheit gewähren musste. Es war ihr egal. So egal, dass sie wissentlich jegliche Erinnerungen an die folgenden Minuten aufgab um Cain zu schützen und Helyon endgültig loszuwerden.
      Anifuris grinste Helyon an, als er seine Hand löste und mit dem Daumen über seinen Mundwinkel fuhr, um ein wenig Blut der aufgeplatzten Lippe aufzunehmen. Dann verschwand sein Daumen unter sein Oberteil zwischen den Schlüsselbeinen, wo er einen Runenkranz vervollständigte, den niemand sonst hatte sehen können. Heylons Augen weiteten sich noch, er drückte so fest zu, dass selbst Anifuris zu würden begann. Doch dann gefror der Höllenhund inmitten seiner Bewegung. Als sei er versteinert. Wer die Aurensicht besaß konnte sehen, dass der ständige Fluss seiner Aura vollkommen zum Erliegen gekommen war. Als befände sich der Höllenhund in einer Stasis.
      "Es tut mir leid, aber ich muss dieses Probem hier ein für alle Mal loswerden. Dann habe ich Zeit für dich", richtete Anifuris das Wort an Mortimer in seinem Rücken, den er nicht sah, aber durchaus fühlen konnte. "Hast du dich nie gefragt, wer die Menschen auf die Idee gebracht hat, Seelen in andere Körper zu versiegeln?"
      Anifuris zog seine Hand aus dem Oberteil und hielt sie mit der flachen Hand auf Helyon gerichtet.
      "Du willst wissen, wo dein Rudel abgeblieben ist? Keine Sorge, ich erfülle dir deinen Wunsch und bringe dich zu ihnen zurück", wisperte die alte Seele und ließ seine eigene Aura aktiv werden.
      "Mortimer, so nenne ich dich vorest. Ihr betrachtet die Seele als heiliges Gut, richtig? Dann dürfte ich wohl so ziemlich dein Alptraum sein. Dass ich im Körper einer Rubra gefangen bin und diese auch noch jemanden mit einer goldenen Aura gefunden hat, war ein glücklicher Umstand für mich."
      Aus den Untiefen seiner blauen Aura kämpften sich goldene Fragmente empor. Rest von Cains Aura, die noch nicht mit dem Silber verschmolzen waren. Er kanalisierte sie an seiner Hand, verwob sie mit seiner eigenen und ließ sie wie einen Pfeil auf Helyons Brust niedersausen, wo das Blaugold dessen Aura kreisförmig spaltete und darunter etwas freilegte, was völlig undefinierbar war. Anifuris lächelte als er sah, wie sich in Helyons Augen die pure Angst kanalisierte. Der Jäger hatte mit einem Mal verstanden, warum man die Entität, die sich Anifuris nannte, so fürchtete. Was er mit seinem Rudel angestellt hatte und mit ihm gleich tun würde.
      "Anifuris stamm aus dem Latein und ist natürlich nicht mein richtiger Name", erklärte Anifuris hörbar ruhiger als er spürte, wie sich Helyons Griff lockerte und er zu zittern begann. "Anima für die Seele, Fur für den Dieb. Deswegen köpfte man mich damals weil ich als Einziger es vermochte, die wahre Seele unter den Auren freizulegen und sie mir einzuverleiben."
      Und genau das tat Anifuris dann auch. Seine Aura tauchte in den Kern Helyons ein und zog das undefinierbare Etwas aus ihm heraus. Es wand sich, wehrte sich, wollte in seinen Körper zurückziehen. Doch die alte Seele ließ nicht los bis es sich mit einem Ruck von Helyon löste und sich dem Blau einverleibte. Augenblicklich veränderte das Nachtblau seine Farbe und nahm ein sehr dunkles Purpur an.
      Der Höllenhund sackte im gleichen Moment leblos zusammen in einem Haufen lebloser menschlicher Zellen. Wie in Zeitraffer begann sein Körper zu verfallen und wurde mit jeder Sekunde älter und bleicher.
      Anifuris rieb sich die Kehle, als er sich aufrappelte und allen Ernstes die Couch zuerst wieder aufstellte. Den Körper zu seinen Füßen beachtete er nicht einmal, als er um das Sofa herum kam und sich auf das Polster setzte als sei nie etwas gewesen. Sein Blick ging kurz zu dem Seeker von dem er sich nicht sicher war, was und wie viel er mitbekommen hatte. Aber das war der Grund gewesen, warum Jace die Überwachung hatte einstellen sollen.
      Er faltete seelenruhig die Hände in dem zierlichen Schoß während er Mortimer mit einem abschätzigen Blick betrachtete. "Dann würde mich mal interessieren, ob du in deiner unendlichen Lebensspanne schon mal jemanden wie mir begegnet bist."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Oh, ich bitte um Verzeihung, Miss Rubra.", lächelte Mortimer Langdon und schlug elegant ein Bein über das andere.
      Die gesamte Körperhaltung wirkte äußerst kontrolliert und strahlte eine gewisse zeitlose Eleganz aus, die kaum in die gegenwärtige Zeit passte. Vor allem Anderen aber passte sie nicht zu dem jugendlichen Körper, den der Babylonier als sein Gefäß auserwählte. Die kindliche Neugierde in den grünen Augen verlieh den ebenmäßigen Gesichtszügen einen hauchdünnen Anschein von verstecktem Wahnsinn. Eine Wesenheit, die so lange im Verborgenen der Menschheit existierte, trug ohne jeglichen Zweifel spuren davon. Die zerbrechliche Seele eines Sterblichen war nicht für die Ewigkeit gemacht. Unsterblichkeit sollte Niemandem gehören, weder den Gerechten noch den Bösen.
      "Meine Absicht war keinesfalls sie zu kränken, meine Liebe.", fuhr er fort und lauschte interessiert den Worten der Frau auf dem Sofa gegenüber. Mortimer hing geradezu an den Lippenbewegungen, die Worte und Wissen formten. "Natürlich bist du eine Rubra. Die Kontrolle über diese sterbliche, vergängliche Hülle gehört noch Dir. Noch. Es ist eine Frage der Zeit, ob Du es hören willst oder nicht. Ah, ihm gefielen also meinen kleinen Kreationen? Billige Taschenspielertricks. Nicht sehr gesprächige Gesellen, aber durchaus unterhaltsam. Laufende Weinbecher? Wie einfallsreich. Ich hoffe er ist mir übel gesinnt, wenn ich gedenke diese Idee zu kopieren."
      Mortimer genoss das Gespräch sichtlich und mehr als er vermutlich sollte. Die Aussicht auf ein Gespräch mit einem anderen Wesen auf gleicher Augenhöhe war eine Verlockung, der er nicht widerstehen konnte. Bei der Erwähnung der unglückseligen Dame, die ihr Dasein im Gefängnis einer edlen Kette fristete, tippte sich Mortimer nachdenklich gegen das Kinn. Ein Grinsen zog an seinen Mundwinkeln, als bereitete ihm die Ahnung, die die Zahnräder in seinem Kopf auf Höchstgeschwindigkeit brachte, höchstes Vergnügen.
      "Die Kette ist ein wahres Kunstwerk und sehr effektiv. Die Gute kocht vor Rachegelüsten.", schmunzelte er und zeigte keinerlei Mitleid für die versiegelte Seele in ihrem Kerker aus glänzendem Gold.
      Ein schmerzvolles Zischen lenkte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden für einen kurzen Augenblick auf den jämmerlichen Anblick des jungen Mannes, der wie eine willenlose Puppe dem blutdürstigem Alpha ausgeliefert war. Missbilligend schnalzte der Bibliothekar über die rüde Unterbrechung. Helyon hatte den Kopf seines geschwächten Opfers mit Grobheit in den Nacken gerissen und flüsterte ihm gehässige Provokationen ins Ohr. Der Wortlaut war ihm zwar nicht bekannt, aber der klägliche und rebellierende Impuls der goldenen Aura, so armselig es auch anmutete, entging Mortimer nicht. Der ungeschickte Dieb war so instabil und geschwächt, dass die potente Aurasignatur des Alpha sie einfach niederdrückte.
      "Eine wirkliche Schande. Da ist er im Besitz einer goldenen Aura und hat nicht den blassesten Schimmer, wie er sie richtig nutzt. So viel verschwendetes Potenzial für einen Kräftemehrer.", seufzte er mit ehrlichem Bedauern. Und in den falschen Händen war der Seeker durchaus gefährlich. Der Rat konnte nichts davon wissen, ansonsten wäre der ahnungslose Seeker nicht mehr am Leben.
      Die verfahrene Situation nahm eine sichtlich faszinierende Wendung, als die kleine Rubra mutig auf die Beine sprang und das Wort fordernd an ihren Jäger richtete. Das versprach Unterhaltung erster Güte. Ein scharfer Windzug fegte durch den Raum und stellte das einzige Anzeichen dafür dar, dass der Alpha sich bewegte. Der Seeker, des kraftvollen Griffes beraubt, verlor jegliche aufrechte Haltung und sackte zusammen wie eine leblose Marionette, deren Fäden durchtrennt wurden. Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte, also Rubra und Höllenhund samt Couch zu Boden gingen. Mortimer löste die überkreuzten Beine und lehnte sich mit blitzenden Augen vor, um keinerlei Regung dieses Schauspieles zu verpassen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so aufgeregt gewesen war.
      Das beklagenswerte Schicksal des Höllenhundes rührte den Archivar nicht. Das Grinsen auf seinen Lippen gewann nur an Intensität, als der kostbare Seelenkren freigelegt wurde. Ein Anblick mystischer Schönheit, den er nie vergessen würde. Die sterbliche Hülle berührte kaum den Boden, da begann das Fleisch zu verfallen. Ein Gemahn an sie alle, dass ihre Körper nicht ewig hielten.
      Anifuris, ein Seelendieb und Manipulator der seines Gleichen suchte, setzte sich mit solcher Würde wieder auf die aufgestellte Couch, das ein Hauch stiller Bewunderung über Mortimers Gesicht huschte. Macht konnte er anerkennen und erst recht eine beeindruckende Gabe. Für ihn war es kein Grauen oder gar ein Fluch. Ihre Fähigkeiten waren Geschenke.
      "Eine wirklich beeindruckende Vorführung.", sprach Mortimer und zeigte dabei keinerlei Furch vor Anifuris. Er hatte nicht vor die Pläne der anderen Seele zu durchkreuzen. "Und, nein, ich bin nie einer anderen Wesenheit mit derlei Fähigkeiten begegnet. Keine Sorge, ich bin kein religiöser Glaubensfanatiker. Seinerseits gab ich mich freiwillig in die Hände der Schwarzmagischen, so nannten sie sich, um meine Seele in einen gesunden Körper zu führen bevor der Zerfall meine ursprüngliche Hülle dahinraffte. Die Welt war zu faszinierend und ein Menschenleben ist so unsagbar kurz."
      Mortimer lehnte sich vor und legte den Zeigefinger grazil auf die Schachfigur. Die weiße Königin begann an den Umrissen zu verschwimmen und langsam aber stetig löste sich die Figur in feinen weißen Sand auf. Der Archivar drehte die Handfläche nach oben, während die Partikel zwischen seinen Fingern umher wirbelten.
      "In alte Zeit gaben die Sterblichen uns einen Namen. Sie nannten uns Konstrukteure.", erzählte Mortimer. Er scheute sich nicht davor sein Wesen zu demonstrieren. "Wir verdrehen die physische Existenz, zerlegen sie in ihre kleinsten Bestandteile, um Kraft unseres Verstandes etwas Neues zu formen. Dreck zu Gold. Wasser zu Wein. Alchemie und Religion haben nichts damit zu tun."
      Mit einer eleganten Krümmung seiner Finger rieselte der feine Staub auf den Tisch zurück und türmte sich auf, formte sich neu, bis die begehrten Memoiren in all ihrer Schönheit, wie sie nur alte Bücher hatten, dort lagen.
      "Ich bin nicht dein Feind, Anifuris.", fügte er noch hinzu. Der abschätzige Blick war ihm nicht entgangen und Helyons beklagenswertes Schicksal war eine indirekte Warnung. "Mir ist das Schicksal der Welt und einzelner Menschen gleich. Nimm die Memoiren. Ich hoffe, und das meine ich mit größer Aufrichtigkeit, dass du findest, was du suchst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Oberflächlich betrachtet schien die ganze Aktion wenig an Anifuris Nerven zu ziehen. Es war das erste Mal seit Ewigkeiten entfesselt worden, im Besitz seiner Kräfte und musste erst einmal das Wegbrechen der Eisentreben verkraften ehe er sich völlig gefasst geben konnte. Seine nunmehr purpurne Aura war ein einziges Chaos, schlug Wellen und verging sich in Strudeln während er unterbewusst daran arbeitete, die fremde Seele in ihre Bestandteile zu zerlegen und sich endgültig einzuverleiben. Dies war ein Prozess, der über längere Zeit erfolgen musste und wäre Sylea auch nur anwesend gewesen, hätte allein dieser Vorgang bei ihr vermutlich ernsthafte Schäden hinterlassen.
      Hin und wieder zuckten unwillkürlich verschiedene Muskeln in seinem Gesicht während sich die Seelen anzugleichen suchten.
      "Sicher, Menschenleben sind kurz. Ich bin selbst einer und merke, dass die lange Zeitspanne unserem Verstand meistens nicht gut tut."
      Er begann, seine Hände im Schoß leicht zu kneten. Eine Vorstellung oder gar Machtdemonstration sollte es gewiss nicht gewesen sein. Vielmehr ein notweniger Schritt, um sich freier bewegen zu können. Dass Mortimer es lediglich mit ansehen durfte, war reiner Zufall gewesen. Vielleicht sogar eine günstige Fügung.
      Schweigend sah er dabei zu, wie der Archivar die kleine weiße Schachfigur auflöste und sie in eine neue Form brachte. Das Buch wäre auf Ewigkeiten verloren gewesen, hätte sich jemand erdreistet und versucht, den Babylonier zu töten. Diese Erkenntnis schürrte ein wenig Zorn in der alten Seele, die sogleich verpuffte als er endlich die Memoiren vor sich liegen sah. Seit 800 Jahren war er auf der Suche nach diesem Schriftstück gewesen und nun war es zum Greifen nah.
      "Schon erstaunlich, was die Menschen über die Zeit alles erreicht haben. Kontrukteure nannte man euch? Hab ich noch nie so gehört, sowas beherrsche ich auch nicht. Ich war damals nur ein machthungriger dummer Mann, der nicht wusste, mit welchen Mächte er spielte. Ich weiß, dass du nicht mein Feind sein wirst. Keine Partei ergreifen wirst und dich nicht einmischen wirst, wenn ich das Mädchen breche. Aber der Junge da hinten könnte Schwierigkeiten machen."
      Anifuris Blick glitt an Mortimers Erscheinung vorbei zu dem zusammengesackten Cain. Vielleicht hatte er das Bewusstsein verloren. Wünschenswert war ihm dies zumindest.
      Dann richteten sich seine Augen auf das Buch zwischen ihnen. Mit klammen Fingern streckte er sich nach den Memoiren und als seine Fingerspitzen den alten Ledereinband berührten, flammten die Runen am Buchrücken auf und ein Runenkreis wurde geschlossen, der Luft zwischen die einzelnen Seiten strömen ließ. Anifuris atmete schwer ein als er das Buch in seine Hände nahm, es aufschlug und durch ein paar Seiten blätterte. Sein Gesichtsausdruck wechselte augenblicklich von angestrengter Neutralität zu einer weicheren, liebevolleren Mimik. Er erkannte die Handschrift wieder, erinnerte sich daran, wie Estryreh die Federn beim Schreiben hielt. Sanft strich er über die rauen Seiten.
      "Es wird dauern bis ich alles gelesen habe", murmete er leise und riss sich schweren Herzens vom Buch los und klappte es wieder zusammen. Der Runenkreis brach und versiegelte das Buch wieder.
      "Was kann ich also für dich tun? Du hast mir das Buch gebracht, ich habe dich ein bisschen unterhalten. Ich nehme an, du bleibst bis ich den Inhalt des Buches komplett gelesen habe um deinen Teil des Handels einzufordern?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Unser ungeschickter Dieb wird lediglich zu einem ernstzunehmenden Problem, wenn er die Tragweite seiner eigenen Macht begreift. Bedauerlicherweise ist eine Aura zu instabil. Eine vollständige Entfesslung seines Potenzials könnte nicht nur eine Gefahr für ihn selbst, sondern auch für alle anderen in seiner Nähe werden. Es ist eine Schande, wie der Rat vielversprechende Auren verstümmelt und stutzt. Unter anderem Umständen hätte er einer von uns werden können. Er ist, wie ich, einer der wenigen seiner Art. Wie du."
      Mortimer erhob sich katzengleich aus dem Ohrensessel und schlenderte gemütlich zu Cain herüber, der auf seiner Front auf dem Fliesenboden lag. Ein schwacher Atem ließ seine Schulter unter flachen Atemzügen erzittern. Der Babylonier legte eine Hand zwischen die Schulterblätter des Seekers. Augenblicklich erfüllte ein elektrisches Knistern die Luft, während sich die feinen Härchen auf dem Handrücken des Archivars aufstellten. Das Glühen der grünen Augen intensivierte sich. Mortimer spürte einen Anstieg der eigenen Aura und ein dezentes Zittern erfasste sämtliche losen Gegenstände und Möbelstücke im Raum. Selbst das Glas der Panoramafenster erweckte den Eindruck einer sanftes Schwingung, die aber nicht stark genug war um das Glas zu brechen.
      "Wie ich vermutet habe.", murmelte er und zog seine Hand ruckartig zurück, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Unter den Augenlidern huschten die Augäpfel und unruhig hin und her. "Seine Aura ist brüchig und lückenhaft. Aber sie kann sich erholen. Mit genug Zeit, bis dahin sollte er für dich kein Hindernis darstellen. Allerdings, die Bruchstücke von Silber in seiner Aura...Sie haben begonnen einige Risse zu schließen. Das ist wirklich erstaunlich. Wie nahe stehen sich dein Gefäß und der Junge?"
      Mortimer erhob sich aus der Hocke und legte einen grübelnden Gesichtsausdruck an den Tag. Vor dem niedrigen Couchtisch blieb er stehen und führte die schlanken Finger erneut in das Innere seiner Westentasche. Hervor zog er einen filigranen, silbernen Schlüssel. In das Edelmetall war ein funkelnder Smaragd eingebettet, in dessen Kern sich ein lebendiger Schatten wirbelnd bewegte. Der Bibliothekar schüttelte den Kopf und hielt Anifuris den Schlüssel mit ausgestreckter Hand hin.
      "Nein, so sehr ich deine Gesellschaft genieße. Ich werde nicht hier warten.", lächelte der Babylonier. "Sieh es als einen Vertrauensvorschuss unter Gleichgesinnten. Sobald du erfahren hast, was du suchst, benutze diesen Schlüssel. Er passt in jede beliebige Tür und wird dir einen Zugang zu meinem Archiv öffnen. Was ich begehre, ist das Wissen der versiegelten Memoiren. Ich warte seit langer Zeit darauf das Wissen dieser Seiten zu ergründen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Der Rat ist am gefährlichsten für sich selbst. Diese dummen Menschen haben meine Forschungen adaptiert und verhunzt. Sonst wären sie niemals auf die Idee gekommen, einen Menschen mit rarer Aura dermaßen zu malträtieren."
      Anifuris beobachtete Mortimer dabei wie er sich viel zu geschmeidig erhob und hinüber zu Cain ging. So beeindruckend dessen Macht auch sein mochte - für den Kampf schien auch er nicht wirklich ausgelegt zu sein. Sie beide brachten sich einen gewissen Respekt entgegen, der unter den richtigen Umständen zu etwas werden konnte, das man Kameradschaft nennen könnte.
      Allerdings hoben sich seine Augenbrauen in einer Form der Überraschung. Der Babylonier musste jemanden anfassen, um dessen Aura zu untersuchen?
      "Ich muss gestehen, das liegt teilweise an mir", warf Anifuris dazwischen und streichelte noch immer liebevoll das tote Buch in seinen Händen. "Es gab da ein wenig... Schwierigkeiten bei meiner Flucht. Mein Gefäß ist sich seiner Rolle nicht wirklich bewusst und hat sich einfangen lassen. Da sie so ziemlich alles tut, um mir das Leben schwer zu machen, musste ich ein wenig rücksichtslos agieren um aus dem Gefängnis da auszubrechen. Das beinhielt das teilweise Zerstören seiner Aura."
      Trotzdem wanderten seine Augen kurz im Raum herum um abzuschätzen, was die grünliche Aura gerade alles in Schwingungen versetzte. Allein der Gedanke daran, was passieren würde, sollte Anifuris diese Seele in Besitz nehmen können, war unvorstellbar. Sein Alter und der damit einhergehende Erfahrungsschatz würde vermutlich ausreichen, um ihn selbst durchdrehen zu lassen.
      "Das Mädchen stammt aus dem Rubra Clan und hat absolut keine Ahnung von den Aurenfarben. Die Alten waren so schlau und haben sie geopfert weil sie vermuteten, dass das Silber mich halten könnte. Leider hatten sie recht und das Mädchen lernt verdammt schnell von mir. Sie hat dem Jungen bereits verdeutlich, dass er als Verstärker agieren kann. Sie stehen sich nicht nur nah, die schlafen sogar miteinander."
      Die letzten Worten besaßen einen gewissen Ton von Abscheu. Einfach der Tatsache geschuldet, dass Anifuris einst ein Mann gewesen war und sich mit Sicherheit als hetero bezeichnen würde. Die Gefühlswelt von der anderen Seite zu empfinden, behagte ihm nicht.
      Mit langen Fingern nahm Anifuris den Schlüssel an sich und drehte ihn etwas im Licht. Er war unglaublich filigran gearbeitet, ein wahres Handwerkszeug. Er nickte und steckte den Schlüssel in seine Hosentasche. Dann wanderte sein Blick zur Uhr.
      "Da wir den Höllenhund nun losgeworden sind, gibt uns das ein wenig mehr Zeit. Ich werde dich aufsuchen sobald ich mit dem Buch durch bin und dir Fragen beantworten. Bis dahin schon mal vielen Dank", sagte Anifuris und nickte in die Richtung der Tür.
      Es waren nur noch wenige Minuten bis Jace Zeitspanne vorrüber war. Bis dahin musste er Cain zumindest vom Boden aufklauben und nicht mehr den Anschein erwecken, vollständig und in alleiniger Beherrschung des Körpers zu sein. Sylea in seinem Inneren war immer noch wie von Erdboden verschluckt. Was ihm ein wenig Sorge bereitete, denn dieser Umstand war sogar für die alte Seele nicht leicht einzuschätzen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Sei vorsichtig.", sprach Mortimer eine Warnung aus. "Die Signaturen der Auren verschmelzen bereits. Bestandteile von Silber haben sich in der Aura des Junge bereits verankert. Die Verbindung ist stark und werden mit jeder Vereinigung an Kraft gewinnen. Die Menschen nennen es Seelenverwandte. Eine kitschige und überromantisierte Version der Verschmelzung zweier Auren. Mein Rat an dich wäre, ihn schnellstmöglich loszuwerden. Allerdings wird das Mädchen davon nicht sehr angetan sein."
      Die Aura eines Menschen erlosch mit dem Vergehen der Seele. Eine Verschmelzung ließ sich nur durch den Tod eines Teils auflösen und selbst dann beherbergte dieser Umstand das unleidliche Risiko, dass der Übriggebliebene das Fehlen nicht verkraftete. Cain zu beseitigen, nachdem die Verschmelzung vollständig war, barg die Gefahr, dass das Gefäß mit ihm unterging uns solange Anifuris noch an sie gekettet war, galt das auch für die alte Seele.
      Mortimer nickte bestätigend und würde Anifuris seinen Studien überlassen. Für ihn gab es augenblicklich nichts mehr zu tun. Er würde in die Stille seines Archives zurückkehren und dort geduldig warten. Die Zeit war auf seiner Seite. Und was machten ein paar Tage oder Wochen aus?
      "Ich freue mich auf unser Wiedersehen, Anifuris.", sagte der Bibliothekar. "Ach, bevor ich es vergesse. Der Schlüssel ist nicht an unseren Handel gebunden. Bei Schwierigkeiten zögere nicht in zu benutzen. Es wäre mir ein wahres Vergnügen einem Gleichgesinnten meine Hilfe zur Verfügung zustellen."
      Der Archivar war sich der neugierigen Blicke bewusst. Seine Kräfte bargen eine wundersame Macht und Verbindung einer intakten, goldenen Aura war kaum zu ermessen, was er alles bewerkstelligen konnte. In dem jetzigen, katastrophalen Zustand war die Aura des Seekers für ihn allerdings völlig unbrauchbar. Und würde es auch bleiben. Das Silber stellte in seinen Augen eine bedauernswerte Verunreinigung da. Mortimer bewegte sich völlig entspannt und selbstzufrieden zur Wohnungstür und zog eine exakte Kopie des Schlüssels hervor, den er zuvor Anifuris überlassen hatte. Mit einem Klicken steckte er den Schlüssel in das eigentlich unpassende Schloss und drehte ihn dreimal gegen den Uhrzeigersinn. Als er die Tür öffnete verbarg sich dahinter lediglich finstere Schwärze.
      "Bis dahin, mein manipulativer Freund."
      Die Bibliothekar betrat die Türschwelle und die Dunkelheit verschluckte ihn mit Haut und Haaren.
      Im Wohnzimmer selbst drehte sich Cain mühevoll auf die Seite und schien den Verlust der mächtigen Auren im Raum unterbewusst zu spüren. Mit einem Ächzen und flatternden Augenlidern stemmte er sich auf die Ellbogen. Er hatte kaum bewusst wahrgenommen, was um ihn herum geschehen war. Lediglich zwischen seinen Schulterblättern fühlten sich die Muskeln an, als wären sie mit Stromstößen bearbeitet worden.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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