[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Aufmerksam beobachtete Sylea, wie sich zunächst Cain erhob und begann, im Raum hin und her zu tigern. Er zeigte seine Unruhe deutlich. Dass ihm die Situation hier missfiel war mehr als offensichtlich. Doch das Vessel haderte mit sich, ihre Aura nach ihm auszustrecken und genau zu ertasten, was in dem jungen Mann gerade vor sich ging.
      Dann ging ein Ruck durch den Körper des Technikers, als sich dieser ebenfalls auf die Beine schwang und fast mit der gleichen Grazie wie der Seeker den Tisch umrundete. Ohne es zu merken hatte sich Sylea derweil komplett wieder in den Raum gedreht während ihr Blick den von Jace regelrecht fixierte. Niemand würde ihr aus ihrer Lage helfen, selbst Anifuris hatte nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet. Für ihn war die Sache klar - er kam hier so oder so unbeschadet heraus. Zumindest sollte man das meinen.
      Doch Sylea stutzte ein wenig als sie ein Gefühl in sich wahrnahm, das definitiv nicht von ihr stammte. Eine Form der Anerkennung und eine wissende Vorfreude, die sie erst verstand als sie sich der alten Seele etwas annäherte. Noch immer hielt Anifuris Jace's Verhalten für leichtsinnig, aber dieses bisschen Sympathie konnte er ihm nicht verwehren. Wie sich der Techniker gab erinnerte ihn ein wenig an sich selbst. Genauso wissbegierig um seine Ziele zu erreichen, egal wie.
      Ein dezentes Lächeln stahl sich gegen ihren Willen auf die Lippen der jungen Frau als Jace seine Gedanken äußerte. Es wurde immer breiter, wuchs zu einem Grinsen bis Cain einschritt und dem Techniker seine Grenzen aufzeigte. Auch ohne die Fähigkeit, Körpersprachen zu deuten, reichte ihr das Farbenspiel seiner Aura vollständig aus um zu erkennen, dass der blonde Mann am liebsten Cains Hand von sich gewischt und seine eigene Agenda weiterverfolgt hätte. Ein wilder Trieb in Sylea schien hervorzubrechen, der darum flehte, dass der junge Mann seinen Wünschen folgte und von sich aus zu der alten Seele kam. Denn er erkannte seine Stärke an, wusste, um seinen Nutzen und um die Macht, die er mit sich brachte.
      Doch dann ebbte das Farbenspiel in Jace's Aura ab als er sich der klügeren Aktion besann und einen Funken Zinnober durch das Nachtblau von Anifuris Aura trieb. Es ballten sich die Hände des Vessels zu Fäusten, die Sylea nur mit Not wieder in eine entspanntere Haltung zwang. Allerdings hatte sie dadurch ihre Lippen nicht mehr unter Kontrolle.
      "Es ist ein leichtes für mich, andere Seelen zu brechen und zu zwingen, mir zu folgen."
      Prompt schlug sich Sylea die Hände vor den Mund. Diese Worte waren für niemandes Ohren bestimmt und ihre Mimik war ein einziger Krampf. Vehement schüttelte sie den Kopf in Cains Richtung. Wenn er jetzt Anstalten machte, sie zu berühren, würde das sorgsame Gleichgewicht aus den Fugen gerate. Anifuris Geduldsfaden schien die gesamte Zeit über unglaublich lang zu sein, und das rächte sich nun. Während die junge Rubra gedanklich in ihrem Kopf neben sich blickte, sah sie eine Silhouette direkt zu ihrer Seite. Früher besaß Anifuris ihre Gestalt, ihre Stimme. Irgendwann war er nicht mehr in ihrer Gestalt sondern in einen Nebel gehüllt. Dieser Nebel war nun noch immer an ihrer Seite, doch er bekam eine Kontur, einen Umriss. Spielend leicht war daraus ein Mann zu erkennen, der sie um anderthalb Köpfe zu überragen schien.
      In Konsequenz weiteten sich Syleas Augen, die Hand noch immer vor den Mund gepresst, die andere Hand klammerte sich an den pinken Hoody. Ihr ganzer Körper schien zum Bersten angespannt zu sein während sie darauf achtete, die Balance zu halten. Dann begann ihre Hand vor ihrem Mund zu zittern als sich die beiden Seelen einen Kampf um die Vorherrschaft in ihrem Körper lieferten. Quälend langsam sank die Hand abwärts bis ihre Lippen gerade so viel Freiheit hatten, um verständliche Worte zu bilden. Doch Sylea behielt die Kontrolle über ihre Augen.
      "Du bist bisher so ungeschoren davon gekommen weil niemand nach deiner Aurasignatur gesucht hatte. Sie haben keine Probe von dir gehabt, ich hingegen schon. So wie Hellion uns zwangsläufig finden wird, kann ich dich spielend leicht unter tausenden Menschen ausfindig machen. Ich kann systematisch all jene aus dem Rat ausfindig machen, die für die Aktion mit deinem Bruder verantwortlich waren. Und sie dann so sehr leiden lassen, wie du es wünschst. Mit mir hättest du genau das, was dir fehlt, nämlich ein -"
      Da ging Sylea plötzlich auf die Knie und riss den Kopf an die Brust. Das war die einzige Kurzschlussreaktion, wie sie Anifuris vom Sprechen abhalten konnte.
      "Halt den Mund!", zischte sie zu sich selbst und presste die Augen fest zusammen.
      Die alte Seele versuchte gerade mit einfachen Worten den Techniker zu manipulieren und sie hatte berechtigte Sorge, dass er damit Erfolg haben könnte. Jemand, der sich aus seinen eigenen Überzeugungen Anifuris anschloss, war wesentlich entschlossener in seinem Handeln als jemand, den er mit seinen Kräften dazu zwang. Und davon würde sie ihn abhalten, so gut sie konnte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Anstieg der nachtblauen Aurensignatur glich einem schleichendem Prozess.
      Die Vorgehensweise war dermaßen subtil, das selbst ein äußerst empfänglicher Seeker wie Cain, mit katastrophaler Verzögerung die bedrohliche Präsenz bemerkte. Das erste Mal seit gefühlten Ewigkeiten lag ein deutlicher, ekelerregender Hauch von Fäulnis in der Luft. Eine benebelnde Süße der Verwesung, deren Intensität für kurze Zeit die Sinne betäubte. Er war bereits einen Schritt auf Sylea zugegangen, als das energische Kopfschütteln ihn erneut in eine nutzlose Starre verbannte. An seinen Seiten zuckten die Hände aufgrund der gezwungenen Tatenlosigkeit.
      In seinem Rücken war der Hacker in seiner Bewegung erstarrt und drehte sich wie in Zeitlupe zu der Rubra um. Der Blick in seinen Augen sprach Bände und mit jeder Silbe, die Anifuris wie einen Ködern zum Fischen auswarf um sein ahnungsloses Opfer an den tödlichen Haken zu bekommen, steigerte sich das Interesse des Techniker in ungeahnte Höhen. Die grausige Wahrheit beschlich Cain, dass es keine Manipulation seitens der alten Seele brauchte, um Jace zu überzeugen. Anifuris lieferte dem Hacker die lang ersehnte Erfüllung seiner Rache auf einem polierten Silbertablett.
      Bei dem Anblick der fehlgeleiteten Faszination wurde Cain augenblicklich speiübel. Jemand musste das hier unterbinden und das so schnell wie möglich. Mit ein paar großen Schritten war der Seeker an der Seite seines alten Freundes angekommen, der sich von den verlockenden Worten einspinnen ließ wie eine zuckende Fliege in einem Spinnennetz. Ein starker Arm schlang sich um den Hacker und zog ihn zurück.
      "Kein Wort mehr, Jace.", knurrte er an das Ohr des Hackers und führte ihn rückwärts von Sylea weg.
      "Hör dir an, was er zu sagen hat.", wehrte sich Jace mit Worten und schließlich auch mit seinem Körper, als er begann sich aus dem kräftigen Griff zu befreien. Zum Glück aller Beteiligten blieb es bei dem hoffnungslosen Versuch. "Cain, er könnte deine Schwester finden. Wolltest du das nicht immer? Die Lösung ist direkt vor deiner Nase und erwägst nicht einmal sie anzuwenden. Du bist ein elender Feigling! Du warst nie bereit das zu tun, was wirklich nötig ist!"
      Mittlerweile war das nachdenkliche Murmeln des Hackers zu einem ausgewachsenen Keifen geworden, wobei er beinahe hysterisch wirkte. Das war der Punkt an dem Cain begriff, dass es tatsächlich die Manipulation durch Anifuris war, die Jace seinen gesunden Menschenverstand über Bord werfen ließ. Die Empfänglichkeit gegenüber Anifuris war erschreckend groß, aber das war auch der Durst nach Rache in Jace. Die Seele musste nur die richtigen Knöpfe drücken.
      Unwirsch schnappte Cain die Laptoptasche vom Tisch und bugsierte den zappelnden Technikexperten zielsicher Richtung Wohnungstür.
      Alles, was er wollte, war an die Seite der jungen Frau zu eilen, die um ihren Verstand ringend am Boden kniete. Aber seine Nähe richtete im Augenblick mehr Schaden als Nutzen an.
      "Du weißt nicht, was du sagst, Jace. Du musste aus seinem Radius raus. Jetzt.", knurrte Cain und warf einen finsteren Blick in Richtung Sylea, der nicht dem Mädchen galt sondern der kaltblütigen Entität, dessen beobachtenden Blick er sich sehr wohl bewusst war.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Gestalt in Syleas Kopf bekam mit jeder verstreichenden Sekunde mehr Form. Wutentbrannt starrte sie Anifuris an, der kräftige Arme vor der Brust, die sie noch nicht genau ausmachen konnte, verschränkte. Sie standen sich gegenüber, jeder schwieg und versuchte den jeweils anderen mit seiner Aura zu unterjochen.
      "Ich habe alles gesagt, was du wolltest", fauchte Sylea die nebelige Gestalt an, die sich keinen Deut rührte.
      "Richtig. Deshalb durftest du so lange noch eigenständig agieren."
      "Macht es dir Spaß, immer wieder auf Gegenwehr zu stoßen?!"
      "Gegenwehr?", fragte er nach und man hörte in diesem Wort bereits die Belustigung heraus. "Das ist ein Aufbegehren, nichts weiter. Du lernst schnell, das ist richtig. Aber du hast die subtile Grenze längst überschritten, dass du mich mit deiner alleinigen Stärke zurückdrängen kannst. Ab dem Zeitpunkt, wo du unsere Auren verwoben hast, hast du diesen Hebel verloren, meine Liebe. Deine Entscheidung, nicht meine."
      In einer Mischung aus Wut und Frustration ballte sie die Fäuste. Es stimmte, sie hatte in einem Augenblick etwas entschieden, dessen Konsequenzen ihr nicht bewusst gewesen waren. Anifuris hielt ihr lediglich den Spiegel vor und zeigte ihr, dass jede nicht vollends durchdachte Handlung direkt zurückfeuern würde. Sie war seinem berechnenden Wesen schlichtweg nicht gewachsen.
      "Ist es so schwierig für dich, mit mir zusammenzuarbeiten?", spie Sylea ihm entgegen.
      "Wir tun es doch in den vorgesehenen Momenten."
      "In einem Punkt hat Jace recht. Wir sind zu einigem in der Lage. Aber das geht nicht, wenn wir uns ständig bekriegen. Siehst du das nicht?"
      Anifuris schwieg einen Moment. Der Nebel in seinem Gesicht wurde lichter, so durchschaubar, dass das Vessel hellbraune Augen dahinter erkennen konnte. In einem sonst eher ausgemergeltem Gesicht.
      "Dann würdest du mich dabei unterstützen wie ich einen Weg aus deinem Körper finde", entgegneter er bedacht, sämtlicher Hohn war aus seiner Stimme gewichen. "Und niemand möchte darauf hin arbeiten, verfrüht zu sterben."
      Syleas Blick senkte sich. Richtig. Das widerstrebte natürlich auch ihrer Natur. Aber das Quäntchen Hoffnung, dass es einfach keinen Weg gab, wie sich die alte Seele aus ihrem Körper eigenmächtig befreite, lag tief verankert in ihrem Wesen. Dann streckte sie eine Hand aus, zögerlich, und hob den Blick.
      "Dann sieh mal nach", forderte sie ihn mit fester Stimme auf ehe die alte Seele ihre Hand ergriff.

      Diese Unterhaltung hatte in der Realität nur Sekunden gedauert. Sekunden, in denen Cain Jace aus der Wohnung bugsieren konnte und sich wieder ein normales Level einstellen konnte. Als der Seeker zurück ins Wohnzimmer kam, saß Sylea noch immer auf ihren Knien vor dem Fenster, ihr Kopf war allerdings wieder erhoben und sah den jungen Mann entschuldigend an. Ihr Aurenspiegel war wieder eine gleichmäßige Einheit.
      "Es tut mir leid...", entschuldigte sie sich für den Kontrollverlust und entschied noch einen Augenblick sitzen zu bleiben, da ihre Beine ihr noch immer den Dienst verwehrten. "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Jace so leicht zu manipulieren ist. Das ging so schnell, ich kam da gar nicht hinterher."
      Sylea stellte erst viel zu spät fest, wie ihr Blick zu verschwimmen begann und sich heiße Tränen den Weg über ihre Wangen bahnten. Als sie es schlussendlich tat, wischte sie sie hastig beiseite und fing sich wieder. Sie fühlte keine Trauer, keinen Schmerz, der diese Tränen erklären würde, wodurch nur Verwirrung vorherrschte.
      "Wir sollten wirklich schauen, dass wir an die Aufzeichnungen kommen und schnellstmöglich von hier verschwinden", schlug sie mit leicht zitternder Stimme an und rappelte sich auf die Beine auf.
      Da war Cain auch schon an ihrer Seite und stützte sie. Sofort schlug seine wärmende Aura auf sie über, wodurch sich die junge Frau augenblicklich etwas entspannte. Wie gut, dass der junge Mann keine Gedanken lesen konnte und nichts von ihrer Unterhaltung mitbekommen hatte. Er würde ihr den Kopf waschen, dessen war sich Sylea sicher.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Relativ unsanft beförderte Cain den aufgewühlten Technikexperten aus dem Apartment.
      Für eine Minute trat er ebenfalls vor die Tür um Jace am Kragen zu packen und gegen die Wand neben der geschlossenen Wohnungstür zu drücken. Wütend war gar kein Ausdruck für den Blick, den der Hacker gerade abbekam. Gefühlte Ewigkeiten verstrichen während sich beide Kontrahenten mit Blick taxierten und lediglich der schwere Atem auf dem weitläufigen Flur zu hören war. Die Finger zuckten bedrohlich und Cain widerstand dem Drang seinem Unmut freien Lauf zu lassen. Andernfalls hätte das Gesicht des Techinkers eine wohl schmerzhafte und wenig willkommene Verabredung mit seiner Faust gehabt.
      "Geh nach Hause und komm wieder runter.", knurrte Cain, ehe er seinen alten Freund mit beinahe angewiderter Miene los ließ. Er wusste das Jace flexible Moralvorstellungen keine Neuerscheinung waren aber das ging einen Schritt zu weit. Bisher hatte sich Cain auch um niemanden Sorgen müssen, sobald er mit dem Hacker in Kontakt trat. Und an den meisten Tagen war Jace eigentlich ein anständiger Kerl. Wenn das Wörtchen eigentlich nicht wäre.
      "Morgen Vormittag um 10:00 Uhr bin ich bei dir.", fügte der Seeker noch hinzu, bevor er die Tür mit energischem Schwung ins Schloss warf. Es war sicherlich nicht klug Jace einfach wie bestellt und nicht abeholt im Flur zurück zu lassen, aber Cain hatte für heute den Kaffee auf. Schlurfende und kraftlose Schritte bewegten sich über den Flur davon. Erst als er das vertraute 'Ping' des Fahrstuhls hörte, kehrte er den Tür den Rücken zu.

      Im Wohnzimmer flog sein Blick regelrecht zu Sylea, die noch an derselben Stelle am Boden kauerte.
      Vorsichtig näherte sich Cain der jungen Frau und fühlte die Erleichterung ihn durchströmen, als sie die ersten Worte sprach und kein Hauch von Anifuris darin erklang. Die Schritte in ihre Richtung beschleunigten sich, da er er auch schon an ihrer Seite.
      "Aber ich hätte es wissen müssen.", murmelte Cain und zögerte kurz, ehe er einen Arm um ihre schmalen Schultern legte und Sylea an seine Seite zog. Das Zittern ihrer Beine ging durch Mark und Bein, das er es sogar bis in die Hände spürte, die Sylea stützend hielten.
      "Jace sucht seit Jahren nach einer Möglichkeit den Rat in seiner Einzelteile zuzerlegen. Bedauerlicherweise habe ich die Stärke seines Rachdursts etwas unterschätzt."
      Das nur wenige Minuten später der Hacker willentlich alles gegeben hätte, um sich den Wunsch nach Rache und Vergeltung zu erfüllen, verschwieg er. Obwohl er beinahe ahnte, dass die alte Seele längst wusste, welche Schalter er umlegen musste um Jace ohne Zwang unter seine Kontrolle zu bekommen. In Zukunft würde er die beiden nicht mehr zusammen in einem Raum lassen. Was ihn mehr beunruhigte, war ein anderer schwerwiegender Fehler. Anifuris hatte es selbst erklärt. Er wusste nun um die Aurasignatur des Hackers. Es würde ein leichtes für ihn sein, Jace in der Großstadt ausfindig zu machen und im Ernstfall konnte Cain rein garnichts dagegen unternehmen. Die Machtlosigkeit lag wie ein schwerer Stein in seiner Magengrube und trieb ihm die Galle den Hals hinauf.
      "Langsam...", flüsterte er Sylea zu und führte sie im Schneckentempo zurück zur Couch. "Setzt dich erstmal wieder."
      Vor der Rubra ging er in die Hocke und legte die Hände auf ihre Knie.
      "Brauchst du etwas?", frage er und drückte kurz sanft mit den Händen zu. Cain war über den Punkt hinweg eine allgegenwärtige Angst gegenüber Anifuris zuversprüren. Er hatte die Kraft am eigenen Leib erfahren und wusste wie sinnlos es war. Auch wenn er nie kampflos aufgegeben würde. Seine Aura musste doch zu irgendetwas gut sein...
      Wenn er als Verstärker agierte, könnte Sylea vermutlich Kraft aus ihm ziehen. Aber die Chance, dass Anifuris sich ebenfalls daran bediente, blieb leider bestehen. Besorgt musterte Cain die Überbleibsel der Tränenspuren und versuchte sich an einem Lächeln.
      "Hey...Es ist nicht deine Schuld, okay? Hätte ich auf deine Bedenken gehört, wäre das nicht passiert. Morgenfrüh gehe ich zu Jace und hole alles was wir brauchen. Und sobald wir die Memoiren haben, verschwinden wir."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea blinzelte Cain an, kaum hatte sie sich auf die Couch gesetzt und er seine großen Hände auf ihre Knie gelegt. Ein Zorn loderte in ihrem Inneren von dem sie ganz genau wusste, dass er sie mehr behindern als weiterbringen würde. Jedes Mal verliefen entscheidende Augenblicke so, wie es das andere Bewusstsein in ihr verlangte und jedes Mal ahnte sie es im Voraus. Jedes Mal dachte sie, sie wäre gewappnet und könnte ihn halten, doch jedes Mal wurde sie eines Besseren belehrt.
      "Ich habe es einfach satt", machte das Vessel ihrem Unmut schließlich Luft und fing die Hände des Seekers mit ihren viel kleineren ein. "Ich mache so viele Schritte vorwärts. Lerne aus jedem Fehler und wähne mich in der Annahme, ihn kontrollieren zu können. Stattdessen verliere ich immer wieder gegen ihn. Er geht auf rein gar nichts ein mit dem ich arbeiten könnte. Ich halte das nicht aus, wenn es immer so ein Kampf bleibt."
      Die letzten Worten kamen nur noch erschöpft über ihre Lippen, die Flamme des Zornes war erloschen und ertränkt worden von einer Flutwelle Resignation. Die junge Rubra war stark, das stand außer Frage. Aber sich tagtäglich einem Kampf auszusetzen, nie wissend, ob man ihn gewinnen würde und nicht bereit war, die Konsequenzen zu schultern, zehrte stärker an ihren Kräften als sie gedacht hatte. Bisher hatte sie sich nie die Blöße gegeben, aber der junge Mann vor ihr sorgte dafür, dass sie sich fallen lassen konnte.
      "Wenn sich Anifuris eines Tages dafür entscheiden sollte, dich loszuwerden, werde ich ihm alles entgegen werfen, was ich habe. Aber was, wenn das nicht reicht? Wenn er mich wieder eines Besseren belehrt? Ich kann das nicht, Cain. Die Verlockung wäre dann zu groß, einfach aufzugeben. Und dann hätte ich ein Monster auf die Welt losgelassen."
      Bei dem Wort Monster rührte sich etwas in ihr. Sie spürte ein Unwohlsein, einen Hauch konsequenter Ablehnung. Als wäre Anifuris nicht damit einverstanden, so genannt zu werden.
      "Wenn wir miteinander sprechen steht er wie eine zweite Person neben mir vor meinem geistigen Auge. Bislang stand ich quasi mir gegenüber. Aber dann verlor er meine Gestalt und war nur noch ein Nebel. Jetzt lichtet sich dieser Nebel langsam und ich kann einen Mann darunter erkennen. Ist das das Zeichen dafür, dass wir uns noch weiter annähern? Und was passiert, wenn seine Gestalt komplett erichtlich ist?"
      Der Satz Ich habe Angst blieb unausgesprochen im Raum stehen. Jedoch hörten sie beide ihn in ihrem Geiste ganz automatisch folgen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eine Welle aus glühendheißer Wut erfasste Cain.
      Keine leidenschaftliche Hitze sondern ein unangenehmes Brennen, dass langsam seine Kehle heraufkroch und in dem bitteren Geschmack von Frust überging. Für die bedächtige Neutralität auf seinen Gesichtszügen hätte er sich am liebsten selbst eine Ohrfeige verpasst, aber er versuchte sich nicht zu deutlich anmerken zu lassen, wie Syleas Emotionen ihn in diesem Augenblick umspülte wie eine unaufhaltsame Flut. Die nötige Stabilität seiner Aura ließ sich nur durch konsequente Kontrolle aufrecht erhalten und im Moment wollte Cain Anifuris keinerlei Angriffsfläche bieten. Auch wenn seine mentalen Schutzmauern nur eine schwächliche Abwehr gegen die alten Seelen waren. Es war die letzte Bastion die der Seeker aufbringen konnte. Die Situation mit Jace hatte ihn ebenfalls aufgewühlt und je länger er ruhig atmete, sich konzentrierte, umso dumpfer nahm er die Gefühlswelt der Rubra vor sich war. Es bereitete ihm fast physische Schmerzen sich so weit von ihr abzukapseln, aber ihr Bericht über die Manifestation von Anifuris beunruhigte ihn schließlich mehr als er zugab.
      Behutsam hob er ihre zierlichen Hände an, die seine Finger umklammerten und führte ihre Fingerknöchel in einer vertrauten Geste an seine Lippen. Ein paar Sekunden lang hielt Cain vollkommen still, die warme Haut unter seinen Lippen und seine ruhigen Atemzüge die ihren Handrücken streichelten.
      "Diese Schuld trifft mich auch, Sylea.", murmelte er. "Ich habe willentlich ein Sicherheitsrisiko aus einem Hochsicherheitsbereich entkommen lassen, weil ich meine Gefühle nicht im Griff hatte."
      Anifuris gewann an Stärke. Mit jedem Tag wurde es ein wenig mehr und mit jedem einzelnen Tag stieg das Risiko, Sylea an das Bewusstsein eines anderen zu verlieren. Der Seeker hob den Kopf und führte ihre Fingerspitzen seitlich über sein Gesicht, bis ihre Hände sein Gesicht zart umschlossen. Ein tiefes, langgezogenes Seufzen verließ seine Lippen.
      "Du hast Angst.", sprach er die versteckten Worte hinter dem Gesagten aus und sah sie unentwegt an. Cain wagte es kaum zu Blinzeln, als könne die junge Frau plötzlich verschwinden, wenn er es tat. "Und das ist okay. Ich habe auch Angst. Und ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich dir in die Auge sehe und weiß, dass ich dich verloren habe. Aber wir werden alles Menschenmögliche unternehmen, um das zu verhindern. Du hast es bis hier her geschafft und noch ist nichts verloren."
      Cain ließ seine Hände über ihre Handrücken und das schlanke Handgelenk hinabwandern bis er ihre Unterarme sachte umfassen konnte.
      "Gibt es etwas, das ich tun kann?", fragte Cain. "Wenn meine Aura dazu in der Lage ist, andere zu stärken...Kannst du diese Fähigkeit nicht deinem Vorteil nutzen? Mir ist bewusst, dass das Risiko besteht, dass Anifruis dasselbe versuchen könnte. Aber rein theoretisch?"
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    • Das Gefühl von Cains Haut unter ihren Fingerspitzen gewährte Sylea ein Maß an Fassung, das sie bitter nötig hatte. Sie hielt seinem Blick stand, verlor sich in den güldenen Tiefen, die seine Augen waren. Seine Atmung wurde zu ihrer, das einzige Indiz, dass sie beide gerade in direktem Kontakt standen. Den absolut glatten Aurenspiegel des Seekers hatte das Vessel bis vor ein paar Augenblicken gar nicht bemerkt und stellte nun fest, dass er aufgrund ihrer Gefühlswelt seine über Jahre antrainierte Kontrolle walten ließ. Sie wollte nicht an den Tag denken, an dem er nichts mehr von ihr in ihren Augen entdecken konnte. Die Bestürzung konnte sie sich auch jetzt schon realistisch ausmalen.
      Sylea behielt ihre Hände weiterhin an Cains Wangen während er ihre Unterarme umfasste. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen bis der findige junge Mann auf die Idee kam, seine Aura für ihren Nutzen anzubieten. Ohne Zweifel konnte das Vessel sagen, dass sie seine Aura für eben jenen Zweck nutzen konnte, aber wie sollte sie sie nutzen um etwas auszusperren, was längst Teil ihrer Seele geworden war?
      "Ich kann dein Gold nutzen, ja. Aber ich muss dafür schneller sein als Anifuris und genau wissen, was ich tun muss. Er ist schon so sehr ein Teil ein von mir, dass es wirken würde, als teile ich ein Stück meiner Seele von mir. Ich weiß nicht, ob das der richtige Ansatz ist. Gib mir ein wenig Zeit... Er wird Fehler machen und mir Dinge zeigen, die ich gegen ihn einsetzen kann."
      Sie hatte im Laufe der Zeit genau diesen Effekt schon häufiger beobachten können. Jedes Mal, wenn die alte Seele im Begriff war, etwas zu tun, hatte sie etwas Neues lernen und es zu ihrer Waffe machen können. So wie das Geflecht, mit dem sie Anifuris in sich verankert hatte. Noch tiefgreifender, als es ihr Dasein als Vessel bereits tat.
      "Wir holen die Memoiren. Und dann setzen wir uns ab. Wir kriegen das schon hin...", sagte Sylea leise und schenkte Cain ein schmales Lächeln.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Vier Tage später

      "Da haben wir ihn ja. Bitteschön, ihr Zugangsberechtigungen, Mr. Anderson.", zwitscherte die fröhliche Dame hinter dem Sicherheitsglas, während Cain das charmanteste Lächeln präsentierte, dass er besaß. Für seinen Geschmack wirkte es zu aufgesetzt, aber für die Sekretärin mit den grotesk, langen Fingernägeln reichte es scheinbar aus.
      Mit betonter Gelassenheit nahm er die Ausweise von der Größe einer gewöhnlichen Scheckkarte aus ihren lackierten Nägeln und bemührte sich darum, nicht zu hektisch die Hand zurück zuziehen. Durch das Mikro, das im Bügel seiner Brille eingelassen war, hörte er das viel zu heitere Kichern von Jace, der sich köstlich auf Kosten des Seekers amüsierte. Am liebsten hätte er ihm den entsprechenden Kommentar verpasst, aber noch war er umgeben von anderem Sicherheitspersonal und einer jungen Dame, deren Blick sich unangenehm in sein Gesicht bohrte.
      "Recht herzlichen Dank, Miss. Abbotts.", erwiderte er und versuchte krampfhaft nicht das Gesicht zu verziehen, als erneut das misstönige Kichern seine Ohren erfüllte.
      "Ach, nenn Sie mich doch bitte Sara.", flötete sie ungerührt durch sein Desinteresse weiter und hielt ihm ein Tablet durch die Durchreiche hin. "Jetzt benötige ich nur noch ihre Fingerabdrücke für die Sensoren der Archivtüren. Wenn Sie so freundlich wären."
      Fingerabdrücke? Das war nicht gut. Sämtliche dieser Daten waren in den Datenbanken des Rates gesichert. Eine gründliche Überprüfung würde seine Tarnung auffliegen lassen. Andersherum konnte auch der Rat so auf kurz oder lange seine Position ausfindig machen. In seinem rechten Ohr ertönte nun die Stimme des Hackers.
      "Bleib ruhig. Es dauert eine Weile, bis sie den Datenabgleich gemacht haben. Außerdem, habt ihr mich. Ich werde ein wenig Unruhe in ihren Systemen stiften." Im Hintergund erklang bereits das rasante Tippen der Tastaturanschläge. "Spiel einfach deine Rolle."
      "Natürlich...", lächelte Cain und legte seine Hand auf das Glas. Ein Signalton erklang und der Seeker zog seine Hand zurück.
      "Das war's. Ich wünsche Ihnen einen schöne, erste Nacht, Mr. Anderson.", rief sie ihm gut gelaunt nach.
      Cain bog um die nächste Ecke und war erleichtert das schwere, süßliche Parfüm nicht länger in der Nase zu haben.
      Die letzten vier Tage waren förmlich wie im Flug vergangen. Allein in den letzten 48 Stunden hatte Cain fast jede freie Minute mit dem Studieren der Grundrisse und sämtlicher Sicherheitsanlagen verbracht. Ebenfalls hatte er vor zwei Tagen seine Stelle in der historischen Bibliothek angetreten. Nach dieser Einführung befand er sich, wie gehofft, relativ allein in dem weitläufigen Gebäude. Er konnte sich endlich frei bewegen und rückte nachdenklich die Brille auf seine Nase zurück.
      Das raffinierte Ding besaß eine Kamera, die es seinen Verbündeten erlaubte, zu sehen was er sah. Cain sah sich kurz um und sprach erst, als er sich sicher war, dass niemand in der Nähe war.
      "Sylea, ich begebe mich gleich in die unterirdischen Archive.", murmelte er. "Wenn Anifuris etwas Vertrautes erkennt, sag mir Bescheid. Wir müssen uns beeilen. Wenn der Scan meiner Fingerabdrücke durch gelaufen ist, kriegen wir ein Problem. Ich bin mir sicher, dass der Rat bereits alles überwachen lässt."
      Nach seinem Besuch bei Jace hatte der Seeker einen brandeuen Laptop mit in das Apartment gebracht. Das Gerät war mit der Kamera in seiner Brille verbunden, so dass die junge Rubra inklusive Anifuris alles mitbekamen, was er sah. Er brauchte Anifuris Hilfe um das richtige Buch zu identifizieren. Auch Sylea und Jace konnten kommunizieren. Mit dem nötigen, physischen Sichereitsabstand.
      Obwohl Jace sich mehrfach entschuldige, hatte der Seeker ein gesundes Misstrauen gegenüber seines Freundes entwickelt.
      Er würde den Hacker nicht noch einmal in die Nähe von Anifuris lassen. So lange er es verhindern konnte.
      Jace hielt in seinem Versteck die Überwachungskameras und restlichen computergesteuerten System im Auge. Bisher war alles glatt verlaufen, fast schon zu einfach. Cain konnte kaum fassen, dass sie mit dieser Clark Kent Nummer durchkamen. Die Gläser der Brille tönten das Gold seiner Augen zu einem langweiligen Braun herunter, aber ansonsten gab es wenig, das seine Äußerlichkeiten veränderte. Ein Bild von ihm in der Suchkartei und es war vorbei.
      "Jetzt hör auf an deiner Brille herumzufummeln..." zischte es an seinem Ohr. "Du störst die Übertragung!"
      "Im Ernst...Eine Brille? Deine Vorliebe für Comics in allen Ehren, aber das hier ist nicht DC und ich bin nicht Clark Kent.", grummelte Cain.
      "Stimmt. Superman sieht besser aus. Zumindest wenn wir Henry Cavill in Betracht ziehen, wusstest du...", kam die schnippische Antwort über die Leitung.
      "Jace? Halt die Klappe."
      Am liebsten hätte Cain das ungeliebte Accessoire an der nächsten Ecke in den Müll geworfen.
      "Okay. Ich geh jetzt rein.", flüsterte Cain noch und bog um die nächste Ecke. Freundlich nickte er einem weiteren Wachmann zu, der in derselben Uniform seine abendlichen Runden drehte.
      Der Seeker stoppte vor einer imposanten, schweren Stahltür. Er wusste bereits, dass sich dahinter ein Aufzug befand, der in die tiefer liegenden Archive führte. Er hatte gestern bereits eine kurze Führung bekommen, damit er sich seines Postens entsprechend orientieren konnte. Nach einem tiefen Atemzug legte er die Hand den Scanner neben der Tür und entspannte sich erst als das erlösende Signal ertönte und die Verriegelung in einem satten Grün blinkte. Die Tür schob sich knarzend auf und verschluckte den Seeker wenige Sekunden später.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea war unfassbar angespannt während sie auf dem Bildschirm verfolgte, was Cain sah. Sie hatte sich im Wohnzimmer vor den Couchtisch auf den Boden gesetzt, den neuen Laptop vor sich aufgeklappt. Durch die Lautsprecher drangen Cains und Jace's Stimme sowie alles andere, was der Seeker gerade im Museum erlebte. Somit auch die Unterhaltung mit der Sekretärin, die offensichtlich ihren Gefallen an dem jungen Mann gefunden hatte. Zumindest würde das erklären, warum der Techniker wie ein Schulmädchen am kichern war.
      Doch das Vessel verlor nicht eine Silbe. Ihr gefiel es nicht, dass der Seeker der Bitte Anifuris' tatsächlich nachkam und sich praktisch direkt vor den Flintenlauf positionierte. Unwissend wie sie war wunderte sie sich auch nicht darüber, warum Cain damit haderte, seinen Fingerabdruck abzugeben. Einzig der Hinweis, dass sich Jace einschaltete deutete darauf hin, dass man mithilfe der Abdrücke Rückschlüsse auf Cain ziehen konnte. Was bedeutete, dass das Zeitlimit ab der Sekunde lief, in der seine Hand das Glas berührte.
      "Alles klar. Ich sage Bescheid. Er sagt, es dürfte einen zerfleddert aussehenden Ledereinband haben. Über die Zeit vermutlich ausgeblichen und spröde", flüsterte Sylea, obwohl sie es gar nicht musste. Schließlich hörte man sie nur innerhalb der Wohnung, aber sie fühlte die Situation mit.
      "Henry Cavill ist ein Schauspieler, ja? Klingt so, als würde er eindrucksvoll aussehen", meinte Sylea und redete primär mit Jace. Eindrucksvoll war ein falsch gewähltes Wort geschuldet der Tatsache, dass die junge Frau praktisch nichts von der Welt mitbekommen hatte.
      Schon im nächsten Moment befand sich Cain in einem Aufzug. Das Surren der Maschinerie drang sogar durch das Mikrofon bis zu Sylea durch. Dann ertönte ein leises Ping und die Tür öffnete sich. Als Cain aus dem Aufzug trat lag ein kurzer Korridor vor ihm. Am Ende des unscheinbar wirkenden Ganges befand sich eine weitere schwere Panzertür mit einem weiteren Scan.
      "Die scheinen ihr Archiv ja wirklich sehr zu wertschätzen", murmelte das Vessel und sah dabei zu, wie der Seeker auch diese Sicherheitskontrolle mit Bravur bestand und in das Hauptarchiv eintrat.
      Der Raum besaß eine Deckenhöhe, die unchristlich war. Vielleicht wirkte sie auf der Übertragung auch einfach nur verzerrt, aber angesichts der Tatsache, dass sich nur wenige Meter über Cains Kopf die gewöhnliche Ausstellung sein musste, wirkte die Decke künstlich erhöht. Auf beiden Seiten des Raumes gingen hohe Regale aus Metall ab, manche mit Glaskästen ausgestattet, andere mit geschlossenen Behältern, vor denen ein Schild darauf deutete, was der Inhalt war. Der Boden war gefließt, nein, mit Marmor ausgelegt und auf Hochglanz poliert.
      Mit einem Mal wurde Sylea unruhig. "Cain. Geh mal bitte näher an den Boden."
      Die Bildschirmübertragung wackelte etwas als der junge Mann in die Hocke ging und die Steine unter seinen Füßen näher betrachtete. Erst jetzt fiel bei genauerer Betrachtung auf, dass der Marmorboden absichtlich mit einer stark ausgeprägten Textur gewählt worden war. In der Marmorierung gingen die eingeritzten Symbole nämlich fast unter. Sie waren so klein und unregelmäßig verteilt, das man sie leicht hatte übersehen können.
      "Ich weiß nicht, was die Symbole machen, aber ich würde schwören, es ist eine weitere Sicherheitsmaßnahme....", sagte Sylea und spürte, wie Anifuris leicht den Kopf schüttelte. Auch ihm waren diese Zeichen unbekannt. "Betreten wird nicht das Problem sein. Vermutlich kommst du aber nicht so leicht ungefragt mit den Memoiren wieder raus... Jace, kannst du irgendwas dazu herausfinden während Cain nach den Aufzeichnungen schaut?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Skeptisch beäugte Cain die schwere Panzertür, die schon bald den Weg nach draußen versperrte.
      Das beklemmende Gefühl, wie eine Laborratte in einem Käfig zusitzen, kroch unangenehm seinen Nacken hinauf und er war gerade sehr dankbar dafür, dass Sylea über die Entfernen die Schwankungen seiner Aura nicht mitbekam. Durch die gewaltigen Decken entstand die Illusion, als befände sich das Archiv noch überirdisch. Lediglich das Fehlen von Fenstern und natürlichem Tageslicht zerstörte den Eindruck. Alles in Allem wirkte der gut gesicherte Archivbereich überraschend großzügig und gut sortiert. Cain hatte ein verstaubtes und dunkles Kämmerlein erwartet, aber sicherlich keine pompöse Halle mit Marmorboden und Meterhohen Regalen aus blankem Metall.
      Sylea erklang besorgt in seinem Ohr und der Seeker blickte sich kurz um, ehe er in die Hocke ging und mit den Fingerspitzen über den glatt polierten Marmor strich. Darunter fühlte er die präzise und gut verborgenen Einkerbungen mystischer Symbole, die er in seinem Leben noch nie in dieser Anordnung gesehen hatte. Sie sahen nicht aus wie die Blutrunen, die der Rubra-Clan benutzte. Diese hatte er in den vergangenen Tagen zur Genüge studiert.
      "Sind das Runen?", wisperte Cain und versuchte in der chaotischen Verteilung der Symbolik ein Muster zu erkennen.
      Erneut erklang die Stimme der jungen Frau und bestätigte ihm die Vermutung, dass es sich nicht um Runen handelte, die üblicherweise von ihrem Familienclan benutzt wurden.
      "Bin dabei...", rauschte es am anderen Ende der Übertragung, ehe Jace sich beunruhigend still verhielt. Die Konzentration des Hackers richtete sich ausschließlich auf das Aufspüren hilfreicher Informationen.
      Der Seeker erhob sich möglichst langsam und gemächlich. Von Weitem betrachtet, sah es so aus, als hätte er einen gelösten Schnürsenkel neu gebunden. Scheinbar routiniert richtete Cain die befremdliche Uniform und verfluchte den Sitz der Krawatte, die ihn mehr einengte und doch zu Komplettierung der Nachtwächteruniform gehörte. Auf den äußeren Schein wurde besonders viel Wert gelegt.
      Die bedrückende Stille in seinem Ohr zeugte von der Anspannung aller Beteiligten und ihnen rannte die Zeit davon. Wie lange Jace den Datenabgleich verzögern konnte, hatte er bisher nicht verraten. Der Seeker nahm die mangelnde Information als Zeichen dafür, dass sie noch genug Zeit hatten, um sich in Ruhe nach den Memoiren umzusehen.
      Cain bewegte langsam durch den von künstlichem, hellen Neonlicht beleuchteten Gang. In den ausgestellten Glaskästen befanden sich nicht nur alte Bücher und Schriftstücke. Seltsame Artefakte und Schmuckstücke lagen hinter dicken Glas auf samtigen Polstern. Der Seeker entdeckte eine Glaskugel, in der Nebelschwaden gemächlich ihre Kreise drehte und eine wirklich alt anmutende Halskette aus augenscheinlich purem Gold. In dem filigranen Anhänger war ein tropfenförmiger, diamantartiger Stein eingefasst. Als er genauer hinsah, huschte ein Schatten über den schimmernden Anhänger, als wäre etwas darin eingeschlossen.
      "Was zur Hölle ist das...", murmelte er und entdeckte im nächsten Schaukasten ein altes und in Leder gebundenes Buch. Die Ausmaße waren recht großzügig. In eine stinknormale Tasche passte das Werk sicherlich nicht. Die Zeit hatte ihre Spuren daran hinterlassen. Der Einband war fleckig und die untere, rechte Ecke schwarz von Ruß. Ein Titel fand sich nicht, denn selbst die beschriftung des Schaukasten selbst war geschwärzt worden.
      "Merkwürdig...", murmelte er. "Anifuris, sieh dir das bitte Mal an."
      "Wenn ich euch kurz unterbrechen dürfte," knisterte es in der Leitung. "Bei den Symbolen im Boden handelt es sich um altbabylonische Schutzsiegel. Grob übersetzt bedeuten sie in etwa 'Was wir halten, geben wir nicht frei', aber die Übersetzung ist noch nicht vollständig. Entweder sind die Platten sehr alt und von weither in dieses Archiv gebracht worden oder jemand sehr, sehr altes hat die Siegel angebracht. Hier unten verbirgt sich mehr als nur verstaubte Bücher, meine Lieben. Ich denke, Sylea hat Recht. Du wirst das Archiv nicht mit dem Buch verlassen können. Jemand, vermutlich unser hochverehrter Rat, möchte verhindern, dass das angesammelte Wissen jemals dieses Gewölbe verlässt. Ich hatte schon befürchtet, dass das Archiv unter der Kontrolle des Rates steht. Alles andere wäre auch zu einfach gewesen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Für Anifuris war die Besichtigung des Archivs vergleichbar mit dem Besuch einer Galerie. Einige der Bezeichnungen, die Cain nur flüchtig im Vorbeigehen per Kamera an den Bildschirm übertrug, waren der alte Seele ein Begriff und Sylea spürte, wie er ihn ein Anflug Nostalgie zu überkommen schien.
      Als der Seeker an einer Auslage vorbei kam, in der eine goldene Kette mit auffälligem Anhänger lag, hob Sylea ihre Augenbrauen.
      "Das ist Inolas Kette. Spannend, dass sie sie hier unten nur gelagert und nicht im Einsatz haben. Du denkst, der kleine Feuerteufel ist schwierig um Umgang? Dann solltest du Inola kennenlernen. Eines meiner Meisterwerke, wie ich behaupten darf."
      Sylea stutzte. Ihr Bewusstsein war relativ weit für die alte Seele geöffnet damit er seine Gedanken äußern konnte. Folglich verschwamm die Grenze hörbar zwischen ihnen sobald das Vessel den Mund aufmachte. Dass Anifuris so frei von sich erklärte, Ersteller eines Artefaktes zu sein, war ungewöhnlich.
      "Inolas Seele war mein erster gelungener Versuch, eine Seele an ein Objekt zu binden. Ich glaube bis heute, es war eine günstige Fügung der Umstände, dass es funktioniert hat. Scheinbar traut sich der Rat nicht, die Kette zu benutzen. Was ich ihnen nicht verübeln kann. Inola ist eine extrem rachsüchtige Seele, wobei das daran liegen mag, dass sie gegen ihren Willen zu einem Leben im Dämmerzustand verdammt worden war..."
      Man konnte Seelen an Objekte binden? Warum tat der Rat dies nicht? Er musste sich im Klaren darüber sein, wie die Kette funktionierte und sie in der Vergangenheit bestimmt einmal eingesetzt haben. Dies wäre noch ein Punkt, warum der Rat niemals in Besitz der Seele im Körper des Vessels gelangen durfte. Zu diesem Thema würden sie später noch mal zurückkehren müssen.
      Das Buch, das Cain im Anschluss entdeckte, fing Anifuris Aufmerksam vollständig ein. Er musterte eingehend den Bildschirm und schwieg während Jace verkündete, was er hatte in Erfahrung bringen können. Altbabylonische Zeichen? Die waren sogar älter als Anifuris was dafür sorgte, dass sich Syleas Pulsschag beschleunigte. Die alte Seele in ihr war nur im Ansatz beunruhigt. Vielmehr war er angepisst, dass er nicht vor Ort war. Auf diese Distanz hin war er nicht hilfreich, konnte nicht bestimmten, was genau dort Phase war.
      "Der Rat spielt mit Figuren, von denen er besser die Finger lassen sollte", murmelte Sylea während der Bildschirm seit etlichen Sekunden schon das gleiche Bild zeigte.
      Vermutlich machte sich in Cain echte Sorge breit. Solange er ohne einen Gegenstand den Raum verlassen sollte, dürfte es keine Probleme geben. Was genau jedoch der Auslöser war, um die Siegel zu aktivieren, konnte niemand von ihnen mit Sicherheit bestimmen.
      "Das Buch da kommt mir nicht bekannt vor", verkündete Anifuris schließlich nachdenklich, "und ich würde dir empfehlen, nach keinem Titel zu suchen. Wenn sie die Bezeichnung schwärzen wird es etwas sein, dass über Worte aktiviert wird. Also besser vergessen, dass es da liegt und nach einem weiteren Buch suchen. Aber die Richtung ist schon mal nicht schlecht. Vielleicht liegt es auch in einem der Behälter..."

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    • Die fühlbare Nostalgie, die Anifuris beim Anblick der seltenen und mystischen Schätze des Archives erfasste, lockerte offenbar seine Zunge. Cain sog jede Information auf wie ein Schwamm. Seelen in Gegenständen zu versiegeln, um sich ihrer Kräfte zu bedienen, klang mehr als beunruhigend. Allerdings hatte es auch den praktischen Nutzen, das kein Vessel mehr von Nöten war. Eine Vermutung, die beinahe zu einfach klang, um wirklich wahr zu sein. Wissenschaftler zerbrachen sich schließlich noch immer die Köpfe darüber, wie sie sich die Fähigkeiten der uralten Seelen aneignen konnten, ohne die lästigen Nebenwirkungen.
      "Entweder traut sich der Rat nicht oder es gab in der Vergangenheit Fehlschläge.", flüsterte Cain. "Das würde erklären, warum sich ein Artefakt wie dieses in einem gesicherten Archiv hinter meterweise Stahl verbirgt. Und Siegeln, die älter sind als die meisten Geschichtsbücher."
      Geduldig wartete Cain und fühlte einen Hauch von Enttäuschung, als Anifuris seine Antwort verkündete. Ein Treffer beim ersten Buch wäre auch zu schön gewesen um wahr zu sein. Die Herzfrequenz des Seekers befand sich die ganze Zeit über in einem regelmäßigen Rhythmus. Das harte, mentale Traning und die darauf resultierende Konditionierung zeigten einmal mehr ihren erschreckenden Nutzen. Obwohl der Druck von Außen stieg und sich bereits zu Beginn die ersten Schwierigkeiten ankündigten, blieb Cain ein Ruhepol. Die Suche nach den Memoiren forderte seine gesamte Konzentration. Um das Problem der Flucht konnten sie sich zu gegebener Zeit kümmern.
      Seufzend wandte er sich von dem alten Ledereinband ab und folgte Anifuris Anweisungen. Beiläufig berührten seine Fingerspitzen das kalte Metall der Regal, während er die Reihe entlang ging. Außer dem falschen Nachtwächter befand sich niemand in der unmittelbaren Nähe. Der Raum war groß und bot versteckte Nischen, aber er hörte nichts außer seinen eigenen Schritten auf dem Mamor. Es war beinahe verdächtig, dass sich kein weiteres Personal im unterirdischen Gewölbe aufhielt. Keine Archivare, kein Wachpersonal.
      Cain wagte es nicht seine Aura in die Schatten auszustrecken, um seine Vermutung zu bestätigen.
      Langsam näherte er sich den Behältern und blickte auf die schweren aber teils erstaunlich hübschen Vorhängeschlösser. Der Anblick war wirklich ungewöhnlich. Vor einigen der zylinderförmigen Behälter hingen antike Schlösser, die teils kunstvoll mit diverser Flora und Fauna verziert waren. Eindeutig das Handwerk eines Meisters. Versteckt in den Verziehrungen fand Cain ebenfalls Runen ähnlich derer auf den Marmorfließen. Das Seltsamste an den kleinen Dingern war allerdings, dass sie keine Öffnung für einen Schlüssel besaßen.
      "Seht ihr das?", murmelte er und tippte auf den rechten Bügel seiner Brille, um das Bild etwas zu zoomen. "Jace, kannst du das übersetzen?"
      Die ausbreitende Stille dauerte eindeutig zu lang, als endlich das erlösende Knistern ertönte.
      "Kein weltlicher Schlüssel kann mich öffnen. Kein Druck und keine Zeit mich zerstören. Was ich begehre ist das Elexir des Lebens", sagte Jace. "Oder Existenz, das wird nicht ganz deutlich. Wirklich? Etwas besseres als Blut ist denen nicht einfallen?"
      "Ich glaube nicht, dass es um Blut geht, Jace.", verneinte Cain. "Überlegt für einen Moment. Ohne welchen Teil seiner Existenz ist ein Mensch nicht lebensfähig? Was macht uns zu dem, was wir sind. Wir reden hier von alten, mystischen Siegeln und Runen, vermutlich erschaffen von einem mächtigen Bewusstsein. Und keinem heidnischen Vodoozauber."
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      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Name:
      Mortimer Langdon
      Richtiger Name
      Baltazar-Jadara Shardin

      Aktenbezeichnung:
      Der Bibliothekar

      Klassifizierung:
      VS - Victorious Soul
      Seele, die das Bewusstsein des Wirts auslöschte

      Seelengefäß für:
      "Der Babylonier"

      Alter:
      Körper zwischen 20 und 25 Jahre, Seelenalter ist unbekannt

      Zugehörigkeit:
      Historiker im Auftrag des Rates & Archivar seltener Artefakte und Schriften

      Hintergrund:
      Es ist so gut wie nichts über Herkunft und Leben des Babyloniers bekannt. Und er hat auch nicht das Verlangen etwas daran zu ändern. Die Bezeichnung "Der Babylonier" stammt von den Siegeln, die er verwendet. Altbabylonisch gilt als verlorene und tote Sprache. Ob er seinen Anfang wirklich in Babylon nahm ist nicht geklärt. Allerdings erwähnte er einmal verträumt, dass es niemals in der Menschheitsgeschichte einen schöneren Anblick gab als die berühmten Hängenden Gärten.
      Von der eigenen Existenz und der Ewigkeit gelangweilt, sucht er Zerstreuung auf die verschiedensten Arten.

      Sonstiges:
      - Die Aurafarbe ist ein leuchtendes Smaragdgrün.
      - Die charakteristische Eigenschaft seiner Aura wird in den Akten allgemein als Materia bezeichnet.
      - Sie umfasst die Transformation und Manipulation jeglicher Art physischer Materie.
      - Seelen mit dieser Eigenschaft werden auch Konstrukteure genannt.
      - Allgemein glit seine Treue aber als durchaus ambivalent

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      “The trap is loneliness, and none of us escapes it. Not even me.”
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      “We all change, when you think about it.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 10 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • "Selbstverständlich muss es Fehlschläge gegeben haben. Wie willst du den Quell des Lebens in ein totes Objekt bannen? Die Rubras sind da schon verdammt nah dran, aber die können nichts Lebendiges in etwas Totes bannen. Wie gesagt, vielleicht war es bei meinen Versuchen auch einfach Fügung."
      Der Rat hatte mit Sicherheit in der Vergangenheit die Kette mindestens einmal ausprobiert und sehr schnell gelernt, dass man in innewohnende Seele besser nicht mehr auf die Menschheit loslässt. Sie stuften Anifuris schon als höchstgefährlich ein - Inola war allein schon wegen ihrer Rachsucht auf dem gleichen Level anzusiedeln.
      "Wenn es hier unten keinerlei Personal gibt, dann haben sie etwas eingesetzt, was besser schützt als jedes erdenkliche andere Mittel", brachte Sylea ein, der es absolut nicht gefiel, dass der Seeker wirklich allein dort unten in der Kammer war. Dass das Signal der Kamera noch durch das Mauerwerk reichte war schon das reinste Wunder. "Bis du dazu genötigt wirst würde ich auch den Einsatz deiner Aura sein lassen. Das enttarnt dich sofort als ungewöhnlichen Menschen und löst vielleicht schon die ein oder andere Barriere aus."
      Dann verfiel die junge Frau wieder in Schweigen bis Cain auf ornamentreiche verzierte Schlösser stieß. Ohne Schlüsselloch, dafür mit Zeichen ausgestattet, die von der Art her jenen auf dem Boden ähnelten. Ebenfalls babylonische Zeichen, die Anifuris zu seinem Missfallen nicht lesen konnte. Babylonisch stand nicht auf dem Katalog der Sprachen, die er gelernt hatte. Bei Jace's Erklärung wurde es Sylea kalt und Anifuris heiß zumute. Sie beide hatten innerhalb einer Sekunde verstanden, was der Schlüssel war und löste Angst bei dem Vessel und Amüsanz bei der alten Seele aus.
      "Cain, fass sie nicht an", warnte Sylea den Seeker prompt bevor dieser auch nur auf die Idee kommen konnte, seine Finger nach den Schlössern auszustrecken. "Der Schlüssel zu den Schlössern wird die Seele oder gegebenfalls die dazugehörige Aura sein. So wie das aussieht, reagiert jedes Schloss auf eine andere Zusammensetzung. Ich würde wetten, dass deine Aurafarbe zumindest ein Schloss öffnen kann. Aber ich weiß nicht, ob die Schlösser nur einen Fetzen dafür benötigen oder dich komplett verzehren."
      Ein Glücksspiel, dessen Preis das eigene Leben sein könnte. Allein der Punkt, dass hier Seelen und Auren in Betracht gezogen und nutzbar gemacht wurden, erfreute Anifuris zutiefst. Er wusste nicht, dass die Babylonier schon weit vor seiner Studie in sein Forschungsbereich eingedrungen waren und er nicht einmal der Erste gewesen war. Allerdings bedeutete ihm dies, dass hinter diesen Schlössern die wirklichen Schätze lagen und mit ein bisschen Glück sogar die Memoiren.
      "Ich gehe davon aus, dass hinter einem dieser Schlösser wirklich die Memoiren lagern. Willst du dein Glück versuchen? Ich denke, es wird gar nichts passieren, wenn deine Seele nicht mit dem Schloss harmoniert", legte Anifuris zum Bedenken in die Waagschale und ärgerte sich wirklich, dass er nicht dort unten sein konnte und selbst alles anfassen durfte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die prompte Warnung erreichte den Seeker keinen Augenblick zu spät.
      Ruckartig zog er die Hand zurück, deren Finger gerade im Begriff gewesen waren, eines der geheimnisvollen Schlösser zuberühren. Fragend zog er die Augenbrauen zusammen und lauschte den Ausführungen. Ein leichtes Knirstern störte die Übertragung, aber noch vernahm Cain die Stimmen klar und deutlich. Die Bedenken klangen nachvollziehbar, aber es tat sich gerade ein Problem ganz anderer Art auf.
      "Wie hoch stehen die Chancen, dass ich ausgerechnet den Behälter öffnen kann der die Memoiren enthält?", flüsterte Cain und hob den Blick, um seinen Verbündeten in ihren gesicherten Verstecken die lange Reihe an Behältnissen und Boxen zu präsentieren. Die Aufgabe erwies sich als völlig Unmöglichkeit in kürzester Zeit das richtige Schloss zu finden und dann noch das absurde Glück zu besitzen, die begehrten Schriftstücke ausgerechnet in diesem Behälter zu entdecken.
      Eine Bewegung im Augenwinkel lenkte den Seeker kurz von seiner eigentlichen Mission ab. Etwas rührte sich im Schatten zwischen den Regalebenen. Mit gespitzten Ohren konnte er deutlich das typische Geräusch scharrender, kleiner Krallen auf Metall vernehmen. Die Frage, ob Sylea oder Jace es auch hörten, sparte er sich. Die Laute waren so leise und subtil, dass er sie selbst beinahe überhört hätte. Cain spähte in die schlecht einsehbaren Zwischenräume inmitten von Kartons, Behältern und Glasvitrinen. Tatsächlich huschte ein recht kastiger und kantiger Schatten hinter ein paar gewöhnlich aussehenden Buchrücken entlang.
      "Habt ihr das gesehen?", zischte er fast schon und nahm etwas Sicherheitsabstand zu den verschlossenen Behältnissen ein. Was sich auch im schattigen Versteck verbarg, er war nicht erpicht darauf, dass es ihm ohne Vorwarnung ins Gesicht sprang. "Scheiß drauf. Ich werde jetzt versuchen einen der Behälter zu öffnen. Wünscht mir Glück."
      Zielstrebig steuerte der Seeker einen zufällig ausgewählten Zylinder an und ließ seine Fingerspitzen über die kalte Außenhülle wandern. Eine angespannte Stille trat ein, als er einen filigranen Ausläufer seiner Aura hervorbrachte. Das winzige Ärmchen aus reiner Aurenenergie wanderte über den Behälter hinab und wickelte sich schlangenartig um das verzierte Schloss. Kaum berührte seine Aura den seltsamen Mechanismus, zuckte Cain auch schon zurück. Ein stechender Kopfschmerz schoss geradewegs durch seine Stirn. Das Sichtfeld der Kamera schwankte kurz.
      "Das war wohl das Falsche. Die Schlösser haben einen Abwehrmechanismus. Vielleicht reagieren sie tatsächlich nur auf eine bestimmte Aurasignatur. Zum Beispiel auf die Aura der Person, die sie entworfen hat...", überlegte Cain und seufzte. "Das ist zwecklos. Wie soll ich den richtigen Behälter mit den Memoiren der Estryreh unter diesen Umständen finden?"
      Ärger ließ den ebenmäßigen, goldenen Schimmer aufgebrachte Wellen schlagen. Lediglich ein paar tiefe, beruhigende Atemzüge verhinderte, dass das Gold unkontrolliert in alle Richtungen ausstob, um den Vorgang zu beschleunigen.
      Ein Poltern und Krachen ertönte aus dem Nichts.
      Cain wirbelte herum und sah auf einen umgefallenen Karton, dessen Inhalt aus seltsamen Steinen sich über den gesamten Marmorboden verteilte. Bei näherer Betrachtung stellten sich die vermeintlichen Kiesel als Runensteine heraus, wie sie in alter Zeit verwendet wurden. Das Verwunderliche waren allerdings nicht die Runensteine oder der von Geisterhand bewegte Karton, sondern die kleine...Kreatur, die sich mit trippelnden Krallen über den Boden davon machte.
      Bei dem Körper handelte es sich um ein gewöhnlich, aussehendes Buch ohne jeglichen Titel. Der Buchrücken war noch oben gerichtet und es stand aufrecht, während aus den flatternden Seiten kleine Füßchen ähnlich einer Maus oder Ratte herausragten. Aus der Vorder- oder eher Hinterseite lugte ein haarloser Rattenschwanz hervor. Die Abstrusität hatte sogar noch die Dreistigkeit zu fiepen, ehe es zwischen den Füßen der schweren Metallregale verschwand.
      "Bitte sagt mir, dass ich nicht halluziniere...", murmelte Cain.
      "Cain? Ich glaube du bist nicht mehr allein...Etwas stört die Signale.", tatsächlich erklang die Stimme des Hackers undeutlicher als zuvor. "Vergiss das Buch. Komm da raus, sofort!"
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    • "In den meisten Fällen bestimmt der Siegelnde nicht, welche Seele ein Schloss zu öffnen mag. Nenn' es Schicksal zu welchem Schloss du der Schlüssel sein wirst", gab Anifuris nüchtern zurück.
      Es waren hunderte Behälter mit Schlössern, die sich nun im Sichtfeld der Kamera auftaten. Es würde Stunden dauern jedes einzelne zu berühren und dann hatte der Seeker mit seinen Bedenken durchaus recht. Vermutlich würden sich nicht die Memoiren hinter seinem Schloss verstecken. Umso interessanter, was sich anstelle dessen darin befinden mochte. Zweifelslos würde es etwas sein, dass dem jungen Mann weiterhelfen würde, in welchem Bezug auch immer. So waren solche Schlösser in der Regel konzipiert.
      Tatsächlich hatte Sylea nichts so schnell sehen können. Sie war ein wenig abgelenkt von der alten Seele, die in ihrem Geist seine eigenen Überlegungen anstellte und sie damit nicht unerheblich ablenkte. Zum einen wollte sie hören, was Anifuris davon hielt, auf der anderen Seite war sie nur unglaublich angespannt um Cains Willen. Als dieser dann auch noch jegliche Vorsicht über Bord warf und sich einfach an ein Schloss machte, wäre die junge Frau fast aufgesprungen.
      "Ich kann dir einen Tipp geben, wenn du willst. Ein bisschen gelernt hast du ja schon, also würde ich einfach mal vers-"
      Zu mehr kam Anifuris nicht als das laute Poltern ertönte und selbst die alte Seele in seinen Worten unterbrach. Beide Bewusstseine starrten gebannt auf den Bildschirm als sich das Bild rasch wandte und einen umgestürzten Karton einfing. Davor lagen haufenweise Steine verstreut. Viel spannender war allerdings das Mäusebuch, das sich eiligst wieder in die Schatten zurückmachte.
      Just in diesem Moment begann das Bild langsam zu ruckeln, als würde die Verbindung konstant schlechter. Weder Sylea noch Anifuris kannten sich mit der Technik aus, allerdings hatten sie ja noch Jace, der die Lage völlig anders einstufte. Dass der Seeker nicht einen Moment allein im Archiv war, wusste Anifuris. Die Zeichen am Boden würden sich höchstwahrscheinlich nicht selbst aktivieren, sondern aktiviert werden müssen. Ergo hatte etwas die ganze Zeit über den jungen Mann bei seinen Taten beobachtet.
      "Haha, das Buch siehst aus wie etwas, das man aus Langeweile erschaffen hat", lachte Anifuris und ahnte nicht, wie Recht er damit haben mochte. "Was auch immer da drin mit dir ist, wird dir bestimmt helfen können, die Memoiren zu finden. Denkt mal einen Moment nach. Die werden nichts da unten als Schutz einsetzen, was die wertvollen Artefakte zerstören wird. Es wird eine schützende Einheit sein, die die Relikte über alles andere stellt. Mach nichts kaputt und die Chancen stehen gut, dass es mit dir auf normaler Ebene sprechen wird."
      Oh, ich ahne schon. Das wird ein altbabylonisches Wesen sein. Die konnte nicht mal ich beschwören.
      Du hast gezielt Seelen beschworen? Was stimmt denn nicht mit dir?!
      Naja, es baut Mäusebücher, ich hatte laufende Weinbecher, die mir gedient haben.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Name:
      Helyon

      Alter:
      Körper um die Mitte 30, Seelenalter mehrere hundert Jahre

      Klassifizierung:
      VS - Victorious Soul

      Seelengefäß für:
      Alpha der Höllenhunde

      Hintergrund:
      Helyon arbeitet mit dem Rat zusammen und agiert als Jäger für meist durchgedrehte Vessel. Er übernahm bisher in wenigen Stunden die Kontrolle über sein Vessel und löscht somit zu 100 Prozent den Mensch dahinter aus. Er unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse und hinterfragt nicht die Aktivitäten des Rates. Solange er seiner Natur fröhnen kann, gibt es keine Moral für diese alte Seele.
      Helyons Seele tritt von sich spontan auf und fährt meist in Körper, die physisch seinen Ansprüchen genügen. Er hatte, bevor man seine Seele von ihm löste und ihn somit verdammte, Kontakt mit Anifuris und ein vollständiges Rudel, das wie eine Plage über das Land fiel und Menschen einer Seuche gleich in Stücke riss.

      Sonstiges:
      Heylon besitzt die Fähigkeit, seine wahre Gestalt anzunehmen. Dabei wandelt er seinen Körper in den eines Höllenhundes, was einen Moment an Zeit bedarf und mit unglaublichen Schmerzen einhergeht. In diesem Zustand besitzt er eine ungetrübte Aurensicht und findet ähnlich eines Spürhundes jeden wieder, den er einmal gewittert hat. Darüber hinaus verfügt er über die Sinne eines Jägers, spürt seine Opfer und ist extrem schnell und stark. Von der Größe her erreicht er die Ausmaße eines Nashorns.
      Bereits in seiner menschlichen Gestalt sind seine Sinne verstärkt, Kraft und Schnelligkeit deutlich erhöht.
      Er hat allerdings ein kleines Aggressionspotenzial und verliert gerne den Zusammenhang aus den Augen, wenn er auf die Jagd gehen darf.

      Aussehen:

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Frustriert und gleichzeitig mit jeder Sekunde unruhiger werdend, betrachtete Cain die unzähligen Behältnisse.
      Bei den Worten der alten Seele, mittlerweile konnte er mit ziemlicher Gewissheit sagen wer von beiden gerade die Kontrolle hatte, schnaubte der Seeker auf unhöfliche Art und Weise. Die Memoiren mussten für Anifuris eine wichtige Bedeutung haben, wenn er sogar dazu bereit war dem Seeker auf die Sprünge zu helfen.
      "Es wäre wahnsinnig hilfreich, wenn nicht alles was ihr Seelen sagt und tut jedes Mal dermaßen kryptisch wäre.", knurrte Cain und zwang sich den Blick von den Schatten zunehmen, die ihm die weitere Sicht zwischen die Regale versperrten. Die Paranoia nahm jeder verstreichenden Minute weiter zu. Mittlerweile bildete er sich sogar ein von mehreren Augenpaaren beobachtete zu werden. Überwachungskameras konnten ein ähnliches Gefühl hervorrufen, aber Cain war sich sehr sicher, dass das Kribbeln in seinem Nacken nichts mit dem Sicherheitssystem zu tun hatte.
      "Mein Bedarf an antiken Seelen, die in meinem Kopf herumstochern, ist bereits gedeckt.", erwiderte Cain trocken und schien wenig begeistert von der Vorstellung mit dem Wesen oder der Kreatur zu kommunizieren, die sich offenbar dem Schutz des Archives verschrieben hatte. Zumindest vermutete der Seeker, dass es sich um eine weitere Seele handelte. Die Tatsache, dass er rein gar nichts spürte, verwirrte ihn zunehmend. Aber wenn Anifuris seine Aura verschleiern und tarnen konnte, warum also auch nicht andere alte Bewusstseine.
      "Anifuris?", wiederwillig richtete Cain das Wort direkt an das Wesen, dass Syleas Leben und damit auch sein Herz in den hinterhältigen Klauen hielt. "Du wolltest gerade etwas sagen, bevor wir von einem - ich kann nicht fassen, dass ich das sage - Buch auf vier Beinen unterbrochen wurden. Ich bin mit meinem Latein am Ende, also bitte, was würdest du versuchen?"
      Das Geräusch winziger Krallen auf Marmor erfüllte den Hintergrund des Archives. Es war sehr leise aber dennoch deutlich zu hören. Und dieses Mal waren es mehr als vier kleine Füßchen. Ruckartig trat Cain einen Schritt zurück und drückte sich mit dem Rücken an einer Regalreihe mit verstaubten Büchern. Ein ganze Horde dieser Buchmäuse huschte flink über den beleuchteten Gang und verschwanden am anderen Ende in der Dunkelheit, wo kein Licht das Ende des Archives erhellte.
      "Die Ratten verlassen das sinkende Schiff...", murmelte der Seeker nachdenklich vor sich hin und hob wieder den Kopf. "Anifuris? Das wäre der richtige Zeitpunkt, um mit deinem Wissen anzugeben."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Bei Weitem nicht jede Seele vermag es in den Köpfen anderer zu wühlen", gab Anifuris zu bedenken. "An deiner Stelle hätte meine Aura mal ausgestreckt und nach etwas gesucht, das dir entweder ähnelt oder dich anzieht. So sehr anzieht wie Syleas es beispielsweise tut."
      Es gab ein kurzes undeutliches Geräusch in der Übertragung, was wohl von Jace stammen musste. Anifuris lächelte süffisant als er sah, wie eine Horde an Buchmäusen in einer Herde von einem Raumende ins andere flüchteten. Wenn er den Querschnitt richtig im Geiste zusammengesetzt hatte, dann kamen sie aus der Richtung, in der der Eingang lag. Ein nicht wirklich gutes Zeichen.
      "Mein Wissen würde dir raten, dich irgendwo in Deckung zu begeben. Dein Kommentar war gar nicht mal so falsch, die kleinen Unfälle fliehen vor etwas, dem du nicht begegnen möchtest."
      Die Stimme, mit der Anifuris sprach, war völlig ruhig, wenn gleich sich nun Sylea wieder in den Vordergrund schob und alles andere als ruhig klang. "Wo soll er sich denn verstecken?"
      Es ging Bewegung durch die Aufnahme, als Cain sich in Bewegung setzte und scheinbar wirklich etwas suchte, hinter dem er wenigstens Deckung fand. Er sprach kein Wort mehr, eine grausige Stille und Knistern erfüllte die Übertragung während das Bild sich auf den einen Gang vor sich fokussierte und wie eingefroren erschien.
      Nur einen Augenblick später erklangen Geräusche, metallene Töne von schweren Türen, die geöffnet und wieder geschlossen wurden. Dann erfüllten langsam Schritte den Raum. Flache Schuhe, keine Damenschuhe. Bedacht gesetzt, so als würde die Person umher schlendern und nichts kontrollieren. Sie alle wussten in kürzester Zeit, dass der ungebetene Gast kein Wachmann war. Und dass die schweren Geräusche die Verriegelung an der Panzertür gewesen sein musste.
      Plötzlich erstarben die Schritte und nichts regte sich. Es vergingen ein paar Sekunden, dann hörte man einen tiefen Atemzug und etwas, das sich wie ein heiseres Kichern anhörte. Kehlig. Animalisch. Würde Cain jetzt seine Aura ausstrecken, hätte der Besucher innerhalb Sekunden die Bestätigung, dass ein Eindringling sich in den Hallen versteckt hielt. Und darüber hinaus kein geewöhnlicher Dieb war.
      Sylea wurde allerdings sofort speiübel, als eine Stimme zu sprechen begann, die sie alle nur zu gut kannten.
      "Hätte nicht gedacht, dass du dich freiwillig in die Ecke manövrierst, kleiner Seeker."
      Helyons Stimme.
      "Was macht der denn hier?!", zischte Sylea der Panik nahe und krallte ihre Finger um die hölzerne Tischkante bis die Knöchel weiß hervortraten.
      "Da war die Überprüfung wohl doch schneller als gedacht oder jemand hat ihn erkannt", erwiderte Anifuris nüchtern und der harte plötzliche Kontrast in ihren Stimmen wirkte so falsch wie bei einer dissoziativen Störung. "Dann hat dein kleiner Seeker ein ausgewachsenes Problem."
      Das musste die alte Seele nicht laut sagen.
      Die Schritte in der Halle setzten sich langsam wieder in Bewegung, schlenderten wie zu zuvor, als hätte der Jäger alle Zeit der Welt. Die er ja leider auch hatte. "Die Idee mit dem Fluss war nicht schlecht. Mein Fehler, muss ich gestehen. Hier unten gibt es allerdings kein Gewässer. Keine Bäume. Keine Fenster. Die Tür hinter mir ist verriegelt. Also komm schon aus dem vierten Gang auf der rechten Seite heraus."
      Die Arroganz und Amüsanz untermalte jedes seiner Worte. Der Jäger hatte seine Beute gestellt, und doch war der Seeker nicht sein eigentliches Ziel.
      "Die Rubra weiß doch sicherlich, dass du hier unten bist. Wenn du nach Stunden kein Lebenszeichen von dir gibst, wird sie kommen und dich suchen. Weißt du, was das bedeutet, kleiner Seeker? Wir werden stundenlang Spaß miteinander haben. Bis deine kleine Freundin auftaucht und ich dem Arschloch in ihrem Körper alles ausreißen kann. Apropos ausreißen."
      Die Schritte erstarben. Dank der hohen Decken war es nicht genau auszumachen, wie weit der Jäger noch von Cain entfernt war. Als dann mit einem ohrenbetäubenden Lärm eine Kiste mit Steinen quer über den Flur getreten wurde und in ein paar Metern vor Cain zum Liegen kam war klar, dass er nicht mehr weit weg war.
      "Dieses Mal breche ich dir vorher die Beine damit du nicht mehr weglaufen kannst. Vielleicht auch noch den ein oder anderen Arm, je nachdem, wie sehr du mir gleich auf den Nerv gehst."
      Helyon lachte, als sich seine Schritte wieder in Halle verteilten.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Cain verschwendete keine wertvolle Sekunde, als er auf dem Absatz kehrt machte und den Gang hinab eilte.
      Dabei folgte er der Horde vierbeiniger Bücher tiefer in das Gewölbe hinein und glitt beinahe lautlos in einen der Seitengänge. Hinter stapelweise Kisten und Kartons fand er eine halbwegs geschützte Ecke. Er büßte zwar den freien Blick auf den Hauptkorridor ein, empfand es aber als wichtiger sich im Verborgenen zu halten.
      Mit Anspannung lauschte er in die Stille hinein, die nur von einem gelegentlichen Fiepen und Rascheln unterbrochen wurde. Cain konnte seine Aura nicht ausstrecken, um die Quelle der Unruhe zu finden. Das Warten zerrte mit jedem verstreichenden Augenblick mehr an seinem Nervenkostüm. In dem unterirdischen Archiv saß der Seeker wie die Ratte in der Falle. Der einzige Weg führte durch die schweren Stahltüren hinaus, die sich mit einem ächzenden Geräusch in die gepanzerte Verriegelung schoben.
      Schritte bewegten sich außerhalb seines Blickfeldes weiter in das Archiv hinein und wirkten dabei völlig ohne Eile. Der düstere Gedanke beschlich ihn, dass der Neuankömmling genau wusste, was oder besser wen er suchte. Und das sein begehrtes Ziel keine Möglichkeit zur Flucht hatte. Cain wagte es kaum zu atmen, weshalb Sylea und Cain am anderen Ende der Leitung sein Schweigen ertragen mussten. Auf den mitlaufenden Monitoren schlugen die Sensoren für Puls und Herzschlag aus. Beiden beschleunigte sich mit jedem gelassenen Schritt des Fremden. Der Seeker musste es nicht aussprechen. Es war deutlich das er bereits über einen möglichen Ausweg nachdachte. Das unbehagliche Geräusch, als würde ein Bluthund versuchen seine Beute zu wittern, jagte Cain einen eisigen Schauer über den Rücken. Das kehlige und animalische Kichern kippten den sprichwörtlichen Eimer Eiswasser über seinem Kopf aus.
      Da ertönte eine allzu vertraute und zugleich verhasste Stimme von den höhen Wänden des Gewölbes wieder. Helyon.
      Cain erstarrte zu einer Salzsäule und wagte keine unbedachte Bewegung mehr. Wenn er keinen Sauerstoff brauchen würde, hätte er augenblicklich aufgehört zu atmen. Im Wald war er nur knapp dem Tod durch die gewaltigen Kiefer entkommen. Und der Alpha sprach exakt diese Gedanken aus.
      Eines wusste Helyon nicht. Und das war die Beteiligung des Hackers. Auch das seine Jagdbeute, Sylea, alles in Echtzeit miterlebte und vor allem mithörte, ahnte er scheinbar nicht. Der Seeker zog es vor, es bei der Unwissenheit zu belassen. Er wollte Helyon keine unnötigen Hebel in die Hand legen, um Druck auf seine Freunde auszuüben.
      Das Echo des höhlenartigen Raumes machte eine Lokalisierung der Schritte komplett sinnlos. Es hörte sich an, als würde Helyon in jeder Ecke gleichzeitig stehen. Erst die scheppernde Kiste, die mit einiger Wucht über den glatten Marmorboden getreten wurde, gab eine ungefähre Position bekannt. Er konnte gerade noch verhindern, dass bei seinem erschrockenen Zusammenzucken nicht umfiel und zu Boden schepperte. Cain blickte nach vorn und obwohl der Höllenhund Recht hatte, und der Seeker nicht entkommen konnte, würde er sich seinem Verfolger nicht auf einem Silbertablett servieren. Wenn er einen Bissen von ihm haben wollte, musste er ihn schon jagen.
      Darauf bedacht keinerlei Geräusch zu verursachen, löste sich der Seeker aus seiner Deckung und kroch geduckt auf allen Vieren hinter dem Stahlregal entlang. Versteckt hinter Behältnissen und Karton. Er verließ seine Position im vierten Gang, bis er auf die dritte Abzweigung stieß. Ein Meter hell erleuchteter Streifen Marmor lag zwischen ihm und der nächsten Deckung.
      Gedanklich zählte er bis Drei und wagte den risikoreichen Hechtsprung über den abzweigenden Gang.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”