[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • "Ich würde es deiner Mutter nicht übel nehmen, dass sie dich zum Rat gegebene hatte. Sie war einfach überfordert. Wenn sie dich in ein einfaches Heim abgegeben hätte, dann wäre dir noch weniger geholfen gewesen. Keine wüsste, was bei dir im Argen wäre."
      Leise summte Sylea, als Cain sie in die Decke einschlug. Zäh befreite sie einen Arm aus der Decke, um sich vom Tisch noch eine weitere Erdbeere zu angeln. Sie hatte gerade von der Beere abgebissen, da verharrte sie urplötzlich. Anifuris sprach in ihrem Kopf zu ihr und forderte für etliche Sekunden ihre volle Aufmerksamkeit. Dann war sie wieder im Hier und Jetzt und schaute Cain etwas verdutzt an.
      "Anifuris gibt Jace's Annahme recht", sagte sie überrascht über die Säuerlichkeit, mit der Anifuris ihr seine Meinung dazu mitgeteilt hatte. "Die Seelen werden nicht mächtiger, als sie es bereits waren. Sie bekommen lediglich mehr Wissen, wie die Welt jetzt funktioniert mit jedem Mal, wo man sie in einen Körper steckt. Im Prinzip bin ich das, was der Rat versucht, künstlich zu erzeugen. Ein Körper, der zwei Bewusstseine zeitgleich halten kann und die kompletten Fähigkeiten der Seele nutzen kann, ohne an ihnen zu zerbrechen und willentlich einsetzbar."
      Du weißt, wie genau das Binden von Seelen an andere Körper funktioniert, oder?
      Schweigen.
      Es hat mit der Kompatibilität der Auren zutun, richtig?
      ....Richtig.
      Syleas Mund klappte auf. Sie hatte es nur als Scherz gemeint, dass sie quasi das Ziel des Rates sein konnte. Wenn sie es schafften, ihr Ziel zu erreichen, hätten sie den perfekten Supersoldaten gezeugt. Ansätze waren durchaus schon zu sehen gewesen. Helyon, im vollen Besitz seiner Kräfte aber so unberechenbar, wie es eine alte Seele eben sein mochte. Farina, die zwei Seelen gehalten hatte und vermutlich nur nicht die volle Kraft ihrer Seele hatte nutzen können. Der Rat war schon viel zu nah dran und wenn Sylea nicht aus Hollow Point entkommen wäre, dann hätte man an ihr ein Exempel statuiert.
      Dem Vessel wurde flau im Magen. "Der Rat versucht, ein Vessel zu erzeugen, das im vollen Besitz der Kraft der Seele ist, ohne dass das menschliche Bewusstsein die Kontrolle verliert. Also genau das, was ich bin. Eine Art Supersoldat. Das schaffen sie nur, wenn sie die Aurenkompatibilität beachten, zumindest ist das alles Anifuris' Theorie. Anscheinend hat der Rat nicht das Wissen, das er über Auren hat."
      Natürlich wusste niemand, ob diese Vermutung der alten Seele richtig war. Weder hatte Anifuris Einsicht in den Rat gehabt noch wussten sie sicher, wie viel der Rat über die Jahrzehnte an Wissen hatte ansammeln können. Allerdings war es nur eine logische Konsequenz wenn sie versuchten, das volle Kraftpotenzial der Seelen auszuschöpfen obwohl das Vessel nicht ausreichte. Selbstverständlich liefen sie dann Amok.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Wahrscheinlich hast du Recht.", murmelte Cain und pickte nachdenklich in der Pappschale mit Erdbeeren herum. "Ich hätte irgendwann zwangsläufig den Verstand verloren. Ohne das richtige Training wäre ich durch die Überflutung an Reizen wahnsinnig geworden und eine Gefahr für mich, aber vor allem für andere."
      Im Augenwinkel bemerkte der Seeker die plötzliche Erstarrung von Sylea. Es dauerte lediglich den Bruchteil einer Sekunde, da hatte Cain bereits den schimmernden Umriss seiner Aura eng an seinen Körper gezogen und sämtliche mentalen Mauern hochgefahren, die er zu bieten hatte. Die Warnung der jungen Rubra gegenüber Anifuris hatte er durchaus mit dem nötigen Ernst registriert. Schließlich befanden sie sich nicht mehr in einer geschützten Zelle im Untergrund, sondern in einer pulsierenden Stadt voller Leben. Seine Kontrolle an das alte Bewusstsein zu verlieren, war ein zu hohes Risiko. Bedauerlicherweise war Cain der Einzige, der Anifuris im Weg stand, sollte Sylea ihre Vorherrschaft über ihren Körper und Geist verlieren. Cain zweifelte nicht an ihren Fähigkeiten, aber die zweite Seele in ihrem Kopf hatte bereits einmal zu viel ein Ass aus dem Ärmel gezogen.
      Cain konnte den genauen Augenblick abpassen, in dem bei Sylea der Groschen fiel und auch in seinem Bewusstsein begannen die Zahnräder in schwindelerregender Geschwindigkeit zu laufen.
      "Der Rat hätte dich benutzt, um ihre Fehlerquelle zu finden.", flüsterte er, ehe sein Blick hinauf zu ihren Augen schnellte. "In der Forschungsabteilung hätten sie dich in körperlich und geistig in Einzelteile zerlegt, um hinter das Geheimnis zu kommen. Theorie hin oder her. Das macht die Vorstellung nicht weniger erschreckend. Und gerade Anifuris Kräfte wären eine überaus gefährliche Waffe in den Händen des Rates. Die ultimative Kontrolle."
      Der Seeker sackte etwas tiefer in seinen Stuhl. Die Tragweite, falls sich ihre Vermutungen bestätigten, war enorm und barg ein riesiges Potential an Machtmissbrauch. Es ging nicht mehr nur um die Suche nach Cordelia. Oder um Jace' persönlichen Rachefeldzug. Oder darum eine Lösung für Syleas verzwickte Lage zu finden. Was sich hier in Gang setzte, war größer als sie alle zusammen.
      Seine Hand tastete nach Syleas unter der wärmenden Decke und drückte sanft ihre Finger.
      "Wir besorgen die Memoiren. Vielleicht helfen uns die Informationen weiter."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Syleas Finger lagen warm in Cains größerer Hand unter der Decke in ihrem Schoß. Wieder wanderte ihre Blick über die Stadt hinweg bis sie den jungen Mann an ihrer Seite ansah. Er hatte seine Barrikaden wieder hochgefahren, ganz wie es sich das Vessel gewünscht hatte. Ein trübes Lächeln tauchte kurz auf ihren Lippen auf, verschwand dann aber sofort wieder.
      "Wüsste der Rat um Anifuris Wissen hätten sie mich aus der Kathedrale gezerrt und sonst wo weggesperrt. Da wäre ich nie wieder rausgekommen ohne mich komplett an Anifuris zu verlieren. Wenn sie mit ihren Experimenten Erfolg gehabt hätten, wäre ich vermutlich in dem Prozess sowieso schon verschwunden. Aber ich weiß nicht..." Sie lauschte kurz in sich hinein. "Ich denke nicht, dass er freiwillig mit ihnen zusammengearbeitet hätte."
      Nein, hätte ich nicht. Immerhin sind sie selbst Schuld an ihrem Unwissen.
      "Die Memoiren sind wirklich nur für ihn. Aber er sagt mir nicht, in welchem Verhältnis er zu dieser Estryreh steht..."
      Es war das Beste, dass sich Sylea keine Gedanken darum machte, was unter diesen Umständen mit ihr hätte passieren können. Sie wusste, dass tief in Anifuris Erinnerungen so viele Bilder steckten, die sie für Lebzeiten verstören konnten. Sie kannte den Boswillen der Menschen, das Ausüben von Gewalt ohne Rücksicht auf Verluste. Seien die Gründe noch so vielfältig.
      "Helyon vermutet, wer Anifuris einmal war. Und er weiß, was er kann. Sollte der Hund auch nur ansatzweise mit dem Rat sympathisieren und ihnen das alles verraten, dann setzen sie alles daran, mich zu kriegen. Du wirst nur Kollateralschaden sein", dachte das Vessel laut weiter. "Aber dank der Aktion hegt er wohl einen persönlichen Groll gegen uns und wird dem Rat nichts sagen, denke ich."
      Das Problem löste sich dadurch aber nicht. Je mehr Einheiten von ihrer Existenz wussten, umso brenzliger würde ihr Leben sein. Und umso schwerer würde es sein, die alte Seele unter Kontrolle zu halten, damit sie den Rat nicht wegbombte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Vielleicht sollten wir dankbar dafür sein, dass der allwissende Rat am Ende doch nicht alles weiß.", murmelte Cain.
      Sylea hatte Recht. Die Kenntnis über das Wissen und die Kräfte des alten Bewusstsein im Körper der jungen Frau wären eine zu große Verlockung für den Rat gewesen. Billigen wäre in Kauf genommen worden, die Existenz eines eigenständigen Menschen zu opfern, um Macht und Wissen anzusammeln. Ein Preis, der Cain viel zu hoch erschien. Beschämt musste sich aber der quälenden Frage stellen, ob seine Ansichten nicht anders wären, wenn er niemals von der misslichen Lage seiner Schwester erfahren hätte. Sein persönliches Interesse hatte doch erst dazu geführt, dass er sich letztendlich dazu entschlossen hatte Sylea und auch Anifuris zu helfen.
      Sich dabei in die Frau zu verlieben, die noch Minuten zuvor neben ihm mit kindlicher Faszination eine tropische Frucht verschlungen hatte, war sicherlich nicht Teil des dürftigen und lückenhaften Plans gewesen. Der Ausweg, den sie sich gegenseitig geboten hatten, sorgte nun für die Illusion von Freiheit und die Chance auf etwas Gutes. Aber dahinter stand auch die Aussicht auf großes Leid. Cain wusste nicht, ob er es ertrug eine weitere Person, die ihm am Herzen lag, schlussendlich an den Rat und seine Machenschaften zu verlieren.
      "Nein, ich glaube auch nicht, dass Anifuris sich dem Rat untergeordnet hätte.", bestätigte er. "Lass mich raten, er hat auch nicht vor uns jemals zu verraten, wie seine Verbindung zu dieser Estryreh aussieht?"
      Einmal noch drückte er zart die Hand von Sylea, um sie schlussendlich wieder zurückzuziehen. Mit grübelnder Miene verschloss Cain die Pappschachtel mit den übrig gebliebenen Erdbeeren für einen späteren Zeitpunkt.
      "Helyon hat Blut geleckt." Mit grimmiger Miene stützte Cain seine Ellbogen auf den Knien ab während sein Blick sich in die Bodenplatten der Dachterrasse bohrten. "Ich glaube nicht, dass er dem Rat etwas mitgeteilt hat und ich gebe dir Recht, was seinen persönlichen Groll angeht. Er ein Jäger, dem seine Beute vor der Nase weggeschnappt wurde. Mich würde es nicht wundern, wenn er bereits die Fährte wieder aufgenommen hat. Das kleine Bad, dass ich ihm gegönnt habe, wird ihn nicht allzu lange aufgehalten haben."
      Von der Seite sah er Sylea fragend an.
      "Willst du noch draußen bleiben oder sollen wir langsam reingehen?"
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Du fühlst es, richtig?
      Während Cain die gesamte Zeit über sprach hatte sich Syleas Blick gen Himmel gerichtet, weit über die Dächer der Stadt hinweg. Am Horizont zogen schon seit sie hier draußen saß etliche Vögel ihre Kreise, die vermutlich Dohlen oder Tauben waren. Irgendetwas störte sie an diesem Bild, sie wusste nur nicht genau, was es war.
      "Sagt er mir nicht, nein. Aber ich denke, sobald er die Memoiren hat, wird er sich nicht mehr vollends verschließen können. Reingehen klingt ganz gut, denke ich", stimmte das Vessel dem Seeker zu als sie sich noch mit der Decke um die Schultern erhob.
      Noch immer hing ihre Aufmerksamkeit an den Vögel. Sie verengte die Augen ein wenig und hätte schwören können, ein seltsames Glitzern bei den Vögeln sehen zu können.
      Darf ich?
      Sylea stutzte. Seit wann fragte Anifuris sie in solch einem Tonfall nach Erlaubnis? Trotzdem gewährte sie ihm den Zugriff was sich darin äußerte, dass die harten Grenzen ihrer Aurenfarben zu verschwinden begannen. Silber ging langsam in Nachtblau über und umgekehrt. Als sie nun die Vögel abermals betrachtete, fühlte die junge Rubra Anifuris Präsenz so deutlich neben ihrer eigenen, als stünde er neben ihr. Führe die Hand, die sich nun erhob und in Richtung der Vögel zeigte. Ihre Finger bildeten spielerisch eine Pistole, wie Kinder es beim Spielen taten.
      "Bam."
      Anifuris Worte, nicht ihre. Mit einem Mal stürzten die Vögel in der Entfernung ab als wären sie vom Himmel geschossen worden. Sylea blinzelte. Sie hatte nicht mitbekommen, dass die alte Seele ihre Aure gleich einer Schusswaffe genutzt hatte und mit minimalstem Aufwand die Vögel getötet hatte. Syleas Frage war in ihren Gedanken schneller weshalb Anifuris mit ihrer Stimme hörbar die Erklärung lieferte.
      "Die Vögel dahinten waren manipuliert. Sie haben ein Vessel in der Stadt, das Tiere manipulieren kann. Mit den Vögeln haben sie nach auffälligen Signaturen gesucht. Leider sind die Schutzschilde von Tieren minderbemittelt und wenn man ein Loch in deren Aura schießt, das groß genug im Verhältnis ist, tötet die Schockwirkung sie. Ja, ich denke, wir sollten definitiv reingehen."
      Mit den Worten zog sich das alte Bewusstsein wieder zurück, die Grenzen ihrer Aurafarben wieder so deutlich abgegrenzt wie zuvor. Sylea hinterfragte es nicht weiter als sie mit Cain zurück in die Wohnung ging.
      Dadurch entging ihnen, dass winzige Fragmente in glänzenden Farben aus der Richtung der Vögel zu ihnen zog wie Staub, der vom Winde getragen wurde. Sie umschwebten den Körper des Vessel, um schlussendlich von Anifuris Aura förmlich aufgesogen zu werden.

      In der Wohnung hing Sylea über den Plänen, die Jace ihnen beschafft hatte. Allerdings verstand sie nur Bahnhof und resignierte schließlich.
      "Gibt's denn nichts, was ich tun kann?", fragte sie Cain schon fast genervt.
      Sie hasste es, nutzlos herum zu sitzen wenn sie wusste, dass die Angelegenheit noch lange nicht geklärt war. Ja, sie musste sich bedeckt halten, aber das würde nicht ewig funktionieren. Er konnte sie nicht dauerhaft in der Wohnung einsperren in der Sorge, man könne sie auf offener Straße erkennen. Früher oder später mussten sie sich etwas einfallen lassen, ein Dauerzustand war das hier ganz bestimmt nicht.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Für einen Augenblick lag seine Aufmerksamkeit auf dem kreisenden Vogelschwarm.
      Der Anblick allein war keinesfalls ungewöhnlich, um Misstrauen in dem Seeker zu wecken. Der fixierte Blick von Seiten Syleas entging seiner Beobachtung dennoch nicht. Vielleicht hätte er dem ganzen mehr Beachtung schenken sollen. Ein paar Vögel am Horizont wirkten allerdings nicht sonderlich bedrohlich auf ihn.
      Was seine Sinneswahrnehmung jedoch auf alarmierende Weise reizte, war die Manifestierung der fühlbar eisigen Aura von Anifuris. Der Temperaturabfall in seiner unmittelbaren Umgebung war eindeutig spürbar. Es verwirrte ihn, dass beide Auren trotz der fühlbaren fremden Präsenz nur schwer auseinander zu halten waren. Für ihn die beunruhigende Bestätigung, das Anifuris und Sylea sich unaufhaltsam einander annäherte ohne sich gegenseitig wie Fremdkörper abzustoßen.
      Skeptisch beobachtete er das auffällige Verhalten, das die Handschrift der alten Seele trug. Die Vögel fielen wie von einem unsichtbaren Geschoss getroffen vom Himmel. Der Schock darüber löste sich in Luft auf, als Anifuris seine Erklärung zum Besten gab. Die bernsteinfarbene Iris seiner Augen leuchtete für einen Sekundenbruchteil auf, als er trotz Anifuris Anwesenheit seine Sinne befreite. Wie ein Puls streckte sich seine Aura über das Gebäude hinweg aus.
      "Ich kann nichts spüren.", murmelte er und kniff die Augen frustriert zusammen. Der Goldschimmer schnappte mit einem Ruck zu seinem Träger zurück und er blickte Anifuris aus dem Augenwinkel an. Er nickte zustimmend und folgte Sylea in das Apartment, nur um hinter sich die Tür fest zu verschließen. Im Handumdrehen hatte er die großzügigen Vorhänge vor alle Fenster gezogen. Gegen Helyon schützten sie nicht, aber zumindest vor neugierigen Blicken.

      Cain beugte sich ebenfalls über den Grundrissplan und fuhr mit den Fingerspitzen über die eingezeichneten Korridore.
      Tatsächlich befand sich das gesuchte Archiv im weit verzweigte Keller. Einen Fluchtweg gab es also nur wieder zurück über die Treppe. Es musste eine zweite Option geben. Eine einzige Möglichkeit zum Rückzug war zu riskant.
      Der genervte Ton entging ihm nicht und Cain lehnte sich seufzend auf der Couch neben Sylea zurück.
      "Wir müssen abwarten bis Jace alle Informationen zusammen hat. Ohne die Sicherheitspläne nützt uns das Wissen um den Aufbau des Gebäudes rein gar nichts. Wir finden schon etwas, was du tun kannst."
      Der Seeker erhob sich und begann im Wohnzimmer auf und ab zu laufen, während er sich nachdenklich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn tippte.
      "Es gibt etwas anderes, das ich nicht verstehe.", murmelte er. "Wenn ein Vessel in der Stadt ist, müsste ich das fühlen können. Aber da war nichts. Wie ist das möglich?"
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    • "Er kennt auch nicht alle Seelen, die es gibt. Vielleicht kann sich diejenige einfach besser maskieren?"
      Noch immer saß Sylea nebst Cain auf der Couch vor dem kleinen Tisch, auf dem die Pläne ausgebreitet worden waren. Sie hatte sich nach hinten an die Rückenlehne gelehnt, den Kopf in den Nacken geworfen und starrte nun die Decke an. Ihre Beine hatte sie ausgetreckt, die Füße auf den Fersen aufgestellt, die nun regelmäßig von links nach rechts wippten. Zeitgleich eine Unterhaltung mit Cain und Anifuris zu führen stellte sich langsam aber sicher als immer machbarer heraus.
      "Das Vessel nutzt Tiere anstelle sich selbst zu zeigen. Die Chance, dass es gar nicht IN der Stadt ist, sondern am Rande und sich dort besser abschirmen kann, ist hoch. Es kann auch sein, dass es nur eine schwache Seele ist, die nicht kämpft sondern nur extrem gut in Sensorik ist?", schlug Sylea vor unter Anleitung von der anderen Stimme in ihrem Kopf.
      Wohl wissend ließ sie außen vor, dass Anifuris vielleicht einfach nur weltenbesser war, was das Feeling für Auren betraf. Wenn er dem Seeker doch nur zeigen würde, wie er seine Fähigkeiten richtig einsetzte, dann würde der Seeker seine Gabe vielleicht ganz anders zu Nutzen wissen als jetzt.
      "Wie weit ist dein Radius ohne das Blind Eye?"
      Da ging ihr ein Licht auf. Ihr fiel ein Weg ein wie sie dem Seeker erklären konnte, was seine Farbe bedeutete ohne es in Worte zu fassen. Oder zumindest konnte sie es ihm andeuten. Bei diesem Gedanken ziepte etwas in ihrem Schädel - der Hinweis, dass Anifuris auch noch da war.
      "Anifuris ist auch nur deshalb auf ein Vessel gekommen weil die Signaturen der Tiere gestört waren. In ihren Auren waren Farben, die nicht für Tiere gedacht sind. Sondern komplexere. Deswegen kam er auf diesen Rückschluss. Habt ihr erklärt bekommen, welche Farben komplex sind und welcher Lebensform zuzuordnen sind?"

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    • Bei der gestellten Frage nach der Reichweite seiner Fähigkeiten ohne die Potenzierung durch das Blind Eye ließ ihn in seinen Schritten stoppen. Der Goldschimmer pulsierte unter der eisernen Kontrolle des jungen Mannes, was sich ebenfalls in einem aufkeimenden Glühen seiner bernsteinfarbenen Augen zeigte. Ohne das Blind Eye fühlte sich seine Aura mehr wie ein dazugehöriger Körperteil an und nicht wie ein Werkzeug.
      "Vielleicht ein paar Kilometer.", murmelte Cain. "Je größer die Entferneng umso dünner wird meine Wahrnehmung. Stell es dir wie ein feinmaschiges Tuch vor. Ziehst du denn Stoff an allen vier Ecken auseinander und dehnst ihn auf das absolute Maximum umso größer werden die Freiräume. Desto größer die Lücken, umso mehr geht ungefiltert hindurch. Das Blind Eye dehnt meinen Radius nicht aus, aber schließt die Löcher in meiner Wahrnehmung und windet sich wie ein roter Faden hindurch, dem ich gezielt folgen kann. Ich kann natürlich ein Zielobjekt auch ohne das Blind Eye aufspüren, aber es ist weniger präzise und fokussiert sich je näher ich dem gesuchten Ziel komme."
      Cain kehrte zur Couch zurück und ließ sich neben Sylea nieder, wobei er die Beine unter sich in einen Schneidersitz zog.
      "Wie du weißt, kann ich die Färbung der Auren nicht sehen. Also war dieses Thema für ich nie von großer Relevanz. Ein Defizit, dass ich gegenüber meinen Mittreitern hatte. Ich kenne durchaus Seeker, die diese Fähigkeiten besitzen. Dafür war meine Wahrnehmung für Emotionen und Auraimpulse schon immer wesentlich empfänglicher. Einen Vorteil hatte das Blind Eye. Es hat die unnötigen Reize ausgeblendet. Wenn ich jetzt durch die Straßen laufe, verlangt es alle Kontrolle, die ich habe, um fremde Emotionen abzublocken. Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen. Aber es ist nicht unmöglich."
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    • "Mhh...."
      Ein nachdenklicher Summton Syleas. Sie wägte ab, ob sie es riskieren und ihrem ersten Impuls folgen sollte. Entweder hatte sie dann einen sehr ungehaltenen Anifuris in ihrem Kopf oder sie schaffte es, ihn unter Kontrolle zu halten. Alles, was dafür nötig war, war nur die richtige Herangehensweise.
      "Gib mir mal deine Hände", forderte das Vessel den jungen Mann zu ihrer Seite plötzlich auf, nachdem sie seine Haltung nachgeahmt und sich ihm zugewandt hatte. "Du weißt, ich kann die Farben dank Anifuris sehen. Ich würde gern was probieren, aber dafür darfst du deine Schutzwände nicht bis zum Anschlag hochfahren. Wenn etwas schieflaufen sollte, sag ich's dir, okay?"
      Sie hatte ihre Hände mit den Handflächen nach oben auf ihre Knie gelegt und wartete, bis Cain seine Hände in ihre platzierte. Dann verfiel sie in ihre Konzentration, um genau festlegen zu können, wo und wie dick sich Cains Aura um seinen Körper legte. Als sie es abstecken konnte, begann die junge Frau, ihre eigene Aura zu verschieben. Sie schob ein beträchtliches Stück ihrer silbernen Aura, die noch immer mit dem Nachtblau von Anifuris verwoben war, zu Cain hinüber bis sich ihre Aura vollständig über seine gelegt hatte. Die Grenze zwischen Gold und Silber war so deutlich wie zu dem Nachtblau.
      "Wenn du mich anschaust, siehst du nichts, richtig? Schließ die Augen und entspann dich", sagte Sylea leise und musste kurz innehalten, als das feine blaue Netz im Silber zu vibrieren begann. Warnend.
      Warum hast du eine solche Angst davor ihm zu sagen, was sein Gold eigentlich bedeutet?
      Weil er sich dadurch auch zur Zielscheibe des Rates machen wird sobald sie erfahren, was es mit den Farben auf sich hat.
      Konnte das der alten Seele nicht vollkommen egal sein? Die Gründe, die Anifuris für diesen Gedankengang hatte, waren vielfältig. So vielfältig, dass Sylea sie zu diesem Zeitpunkt nicht nachvollziehen konnte.
      Deswegen überging sie ihn, hielt das Vibrieren in Schach und begann, die Grenze ihres Silbers unscharf werden zu lassen. Fast augenblicklich floss etwas Gold ins Silber und jagte ihr umgehend einen Schauer über den Rücken. Es dauerte einen Moment ehe sich ein feiner, gleichmäßiger Fluss eingestellt hatte.
      "Schau mich jetzt nochmal an."
      Sylea wusste, dass Cain nun das erste Mal sehen würde, wie die drei Auren in Wirklichkeit aussahen. Wie sich sein Gold ins ihr Silber ergoss, das von ihrem Leib zu ihm herübersickerte und das feine blaue Netz von Anifuris. Eine wabernde Energie des Lebens, die sich ständig um seinen Ursprung bewegte.
      Syleas Silber war signifikant empfänglich für andere Auren und das Halten anderer Seelen. Cains Gold hingegen besaß die Fähigkeit, zu verstärken. In wie weit das reichte, war aber auch Sylea noch nicht klar.
      "Das sehe ich ständig. Wenn ich es will", flüsterte sie und war ein bisschen verzückt von der Tatsache, dass sie ihre Sicht auf die Welt für einen Moment mit Cain teilen konnte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mit einer deutlichen Frage im Blick drehte sich Cain ein wenig auf den Sitzpolstern der Couch bis er Sylea bequem gegenüber saß und ihr Bitte nachkommen konnte, ohne sich dabei die Wirbelsäule zu verrenken.
      Vertrauensvoll legte der Seeker seine Handflächen über ihre und sah sie dabei die ganze Zeit über unverwandt an. Eine stetiger glühender Funken schimmernden Goldes erfüllte seine Iris. Stück für Stück senkte Cain die Schutzwälle seiner Aura um den Zugang zu gewährend, den Sylea sich wünschte. Das Glühen in seinen Augen flammte einen Augenblick lang auf, als sich die vertraute Aura um seinen Körper legte. Die Berührung löste einen heißen Impuls aus, der sich durch seine Haut, durch Muskeln und Sehnen bis in den Knochen brannte. Die Fingerspitzen, die auf ihren Händen auflagen, zuckten unkontrolliert.
      Sehnsüchtig kreisten seine Gedanken, um die zärtlichen Berührungen und die leidenschaftlichen Küsse der Morgenstunden. Seitdem hatte Cain, wie gefordert, die schützenden Barrikaden aufrecht erhalten. Jetzt gerade fühlte es sich wie eine Überreizung aller Nervenenden an. Die Augenwinkel zuckten verräterisch, während sich sein Blick förmlich in die junge Rubra bohrte. Die Frage nahm er kaum zur Kenntnis, bis er die Bewegung ihrer Lippen bemerkte. Sofort fixierte sich sein Blick auf ihren Mund und langsam sickerten die Worte in seine Ohren. Cain nickte und schloss nach ihrer Aufforderung die Augen.
      Die aufgewühlte Gold unter dem Silberstreift beruhigte sich und verstummte bis es lediglich gemächlich pulsierte.
      Der Seeker spürte, wie ein Teil seiner Aura an Sylea überging. Es war kein Zwang und kein schmerzlichen Reißen an seiner Hülle, sondern eine Einladung, der Cain umgehend nachkam. Fast von allein suchte sich das Gold sanft seinen Weg in die Freiräume des Silbers, so winzig die Lücken auch sein mochte.
      Blinzelnd schlug er die Augen auf und brauchte einen Moment, um sich an das zarte Leuchten ihrer Energien zu gewöhnen.
      Als Erstes fiel sein verwunderter Blick auf das funkelnde Silber, das Sylea umhüllte. Das Licht war so klar und rein, dass Cain der Vorstellung erlag in das Licht der Sterne zu blicken. Die Perfektion wurde von einem nachtblauen Netz unterbrochen, dass sich wie maßgeschneidert darin verwob. Die dunklen Fäden schienen sich in einer leichten Vibration zu bewegen. Ein anmutiger Fluss im Wechsel aus Silber und Gold floss zwischen ihnen in einer gleichmäßigen Balance der Energien zwischen ihnen hin und her.
      Cains Augen weiteten sich, als er begriff, dass das Gold seine eigene Aura darstellte.
      Das Lächeln auf seinen Lippen konnte als nichts anderes als strahlend bezeichnet werden, als er Sylea mit kindlicher Begeisterung ansah.
      "Das Silber...", wisperte er. "Es ähnelt den grauen Sprenkeln deiner Iris. Das dunkle Blau...Ist das Anifuris?"
      Daher also stammte die ungewöhnliche, goldene Färbung seiner eigenen Augen, seine Aura spiegelte sich darin weiter.
      Die Pforten zur Seele, hieß es allgemein so poetisch.
      "Es ist wunderschön, Sylea."
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    • Bei Cains verzücktem Blick konnte Sylea nicht anders als ebenfalls zu lächeln. Dieser kleine Versuch hatte ihr bestätigt, dass eine goldene Aura als Katalysator funktionierte. Das bedeutete vermutlich auch, dass ihre Runen, die ebenfalls mit Auren funktionierten, auch verstärkt werden konnten.
      "Es ist nur solange schön wie du nicht siehst, wie zerbrochen deine Aura zum Beispiel war", merkte das Vessel an und ließ ein wenig ihrer Kontrolle fallen.
      Prompt tauchte unter dem Silber ein zitronengelber Streifen auf. Er lag sehr eng an ihrem Körper an und waberte deutlich sichtbar um ihn herum. Hin und wieder brach ein Funken Weinrot mit durch, den die junge Frau nicht vollends unterdrücken konnte.
      "Zitronengelb ist Freude. Zinnober wäre Hass, ein matschiges Grün Trauer", erklärte sie kurz und ließ dabei aus, was die weinroten Funken bedeuteten. "Manchmal sieht man die Aura in den Augen der Menschen, aber nicht immer. Und ja, das Nachtblaue ist Anifuris."
      Langsam aber sicher trennte die junge Rubra die Verbindung zum Seeker und nahm ihm somit auch wieder die Fähigkeit, die Farben der Auren zu sehen. Sie war sich sicher, dass er es auch ohne ihre Hilfe konnte wenn man ihm denn zeigte, wie er sein Gold richtig einsetzen musste.
      Als Sylea die kleinen Pforten zwischen dem Gold und Silber schloss, lag ihre Aura anschließend noch immer komplett um Cain. Erst jetzt gewährte die junge Frau sich einen tiefen Atemzug noch bevor die nächste Welle sie überrollte. Natürlich war ihr seine Reaktion vorhin nicht entgangen, aber sie war dermaßen im Fokus, dass sie es verdrängt hatte. Jetzt hingegen wurden auch ihre Erinnerungen wach gerüttelt, sodass sich ihre Finger kräftig um jene des Seekers schlossen.
      "Sorry, ich hab vergessen, was das in dir auslöst", murmelte sie und zog ihre Aura von Cains Leib ab.
      Anstelle von Linderung stellten sich nun alle ihre Körperhärrchen auf bei der darauf folgenden Gänsehaut. Sie warf den Kopf wieder in den Nacken, schloss die Augen und wartete darauf, dass die heiße Welle endlich versiegte. Vermutlich würde sie sich nie daran gewöhnen wie es war, wenn sie mit ihren Auren agierten.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Verwirrung spiegelte sich in den glühenden Augen wieder.
      Ein paar Sekunden verstrichen, ehe er begriff, wovon Sylea da eigentlich sprach. Die qualvollen Auswirkungen des Blind Eye wirkten sich also auf die Erscheinung seiner Aura aus. Das Gefühl, seine Seele zerspringe in Einzelteile, war also keine Einbildung gewesen. Vermutlich hätte es ohne die schützende Hülle von Sylea seine Aura in kleine Fetzen zerrissen. Cain schluckte schwer und nickte verstehend.
      Der Seeker ließ seinen Blick auf das strahlende Zitronengelb fallen, dass sich eng um ihren Körper legte.
      Bevor er fragen konnte, lieferte Sylea ihm bereits die notwendige Erklärung zu der leuchtenden Farbe während Cain die weinroten Funken beobachtete, die spielerisch aus dem Gelb hervorbrachen, um anschließend langsam zu verglühen.
      "Verstehe ich das richtig? Jede Emotion besitzt eine einzigeartige Farbe? Das ist faszinierend.", murmelte Cain mit einer Stimme rau wie Schleifpapier. Er selbst nahm die Gefühle um sich herum nicht als Farbe aber dafür mit Geruch und Geschmack war. Hass hatte eine gewisse Schärfe, Blutdurst schmeckte schwer nach Kupfer. Freude roch nach frisch gefallenem Regen auf warmer Erde. Ein Lächeln ruhte auf seinen Lippen. "Also bist du gerade glücklich?"
      Die Welt vor seinen Augen wirkte für einen Augenblick trostlos und grau, als er den Wirbel ihrer verschlungenen Auren nicht mehr sehen konnte.
      "Wie du weißt nehme ich Auren und Gefühle als Gerüche auf. Wie ein gut abgerichteter Spürhund, wie Marcus sagen würde. Aber ich kann sie manchmal auch schmecken. Der metallische und schwere Geschmack von Blutdurst. Hass besitzt eine gewisse Schärfe und brennt in der Kehle. Freude, um dein Besipiel aufzugreifen, schmeckt süß und bitter zugleich. Es ist schwer zu beschreiben. Wenige Nuancen reichen aus, um die Deutung zu verändern. Keine Untersuchung des Rates hat je ein brauchbares Ergebnis hervorgebracht, warum ich diese gesteigerte Wahrnehmung besitzte. Bisher ist es einzigartig."
      Cain schloss die Augen und genoss das Gefühl von Gebrogenheit, dass die vertraute Aura bei ihm auslöste. Er war kein kleines Kind mehr, wusste aber das Gefühl dennoch zu schätzen. Ein Ruck fuhr durch seinen Körper, als Sylea ihre Aura zurückrief und ihn kurz mit dem beunruhigenden Gefühl der Verwundbarkeit zurückließ. Seine Finger schlossen sich ebenfalls fest um ihre.
      "Tut mir leid. Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt.", lachte Cain verhalten. Die Flamme in seinen Augen war zu einem stetigen Glühen geschrumpft, das nicht weniger Hitze in sich barg. "Vielleicht sollten wir noch etwas üben. Damit ich nicht jedes Mal, wenn deine Aura meine umhüllt den Wunsch verspüre dich über die Schulter zu werfen und ins nächste Schlafzimmer zu tragen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Noch immer hatte Sylea ihre Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt.
      "Der Rat konnte es nicht erklären weil sie nichts von deiner Aurensignatur wissen. Es ist dein Gold, dass dir diese Fähigkeit verleiht. Jeder Seeker kann es in Bruchteilen, aber nur du mit deiner Farbe kannst es so überdeutlich."
      Sie durfte das konkrete Wort nicht in den Mund nehmen, sonst würde Anifuris das Zepter gewaltsam an sich reißen. Das hier war schon gefährlich nah dran und sie fühlte seine Präsenz deutlicher als je zuvor.
      "Üben sagst du?", wiederholte sie langsam und öffnete die Lider einen Spalt breit. Ganz langsam kippt sie ihren Kopf wieder nach vorn bis sie Cain ihr gegenüber ansehen konnte. "Jetzt?"
      Hatte er Hintergedanken dabei? Vielleicht. Auch wenn dem so war, es störte sie nicht. Sie ging eh davon aus, dass sie sich nie auf die Aura des Anderen so einstellen konnte, dass sie weniger stark reagierten. Das bestätigte das Vessel auch direkt für sich, als sie ihre silberne Aura losschickte und über Cains goldene hinweg gleiten ließ. Die prompt folgende Welle war genauso intensiv wie die davor.
      "Sollen wir gucken wie lange du aushältst oder wie hast du dir das vorgestellt?", fragte die junge Frau sicherheitshalber nach und man hörte an ihrer leicht verklärten Stimme, dass es an ihr jedenfalls nicht spurlos vorrüber ging.
      Als wäre ihre Aura eine Verlängerung ihrer Arme ließ sie sie wie einen Wasserfall über Cains Körper von oben herab gleiten. Sylea hätte nicht mal hinsehen müssen und konnte zu jeder Zeit genau bestimmen, wo sich das Silber gerade befand. Auf seinem Weg sammelte es Fetzen des Goldes ein, die sich leicht lösen ließen und verleibte sie sich umgehend ein. Mit diesen Fetzen bekam das Vessel Emotionen und Gefühlsregungen des Seekers mit. Ein Aufputschmittel feinster Güte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Über sein Gesicht legte sich ein breites und überaus amüsiertes Grinsen.
      Träge kippte der Kopf der jungen Frau nach vorn, ehe sie ihn langsam anblinzelte. Die Erwähnung einer ausgedehnten Übungsstunde überraschte sie wohl etwas. Zur seiner Verteidigung hatte er in erster Linie tatsächlich keine Hintergedanken dabei gehabt. Cain hatte es durchaus ernst gemeint seine gesteigerte Sensibilität für den Silberstreif der Rubra in den Griff zu bekommen. Für zukünftige Auseinandersetzungen war es zu gefährlich, wenn die Berührung oder Verschmelzung ihrer Auren in jedes Mal dermaßen aus der Bahn warf. Syleas Gedanken allerdings drifteten wohl für eine Sekunde in eine komplett entgegengesetzte Richtung ab.
      Das Grinsen zerrte schon schmerzhaft an seinen Mundwinkeln, während Sylea ihn fragend ansah.
      "Das war ein Witz," antwortete der Seeker und das Zittern seiner Schultern, kündigte von einem unterdrückten Lachen, dass sich in seinem Brustkorb fest gesetzte hatte. "Wenn du allerdings darauf besteh..."
      Cain verschluckte sich mitten im Satz, als ohne jede Ankündigung die wohlvertraute Aura auf ihn niederprasselte wie ein warmer Sommerregen. Augenblicklich schlossen seine Finger wieder stärker um ihre Hände. Der Übergang des Silbers über seine eigene Aura hatte ihn tatsächlich überrumpelt. Er hatte gerade noch genug Verstand ihre Finger in seinen nicht zu zerquetschen, während er um den Erhalt seiner eisernen Kontrolle kämpfte.
      Unter dem allumfassenden Silberstreif pulsierte und vibrierte der Goldschimmer heftig und stemmte sich förmlich gegen die Aura der Rubra. Das Gold strebte danach sich auszubreiten und kleine Wirbel wühlten seine Aurahülle auf. Muskelzuckungen folgten der wandernden Aura von Kopf bis Fuß. Das war die bisher heftigste Reaktion auf Sylea. Er hatte sich wirklich völlig von ihr überumpeln lassen. So viel zu den berühmten Sicherheitsmaßnahmen.
      "Mach das nochmal und wir können das Schlafzimmer vergessen.", murmelte er zwischen zwei schweren Atemzügen.
      Cain zwang sich in einem regelmäßigen, tiefen Rhythmus zu atmen und versuchte sich die Worte in Erinnerung zu rufen, die Sylea vor dem berauschenden Übergriff ihrer Aura gesagt hatte.
      "Das bedeutet...", begann er und stockte kurz unter einem Schaudern seines Körpers. Cain schüttelte den Kopf und fixierte mit den glühenden Augen Sylea, die nicht ganz unberührt von den unzähligen Emotionen und Signalen wirkte, die seine Aura in pulsartigen Schüben abgab. Er hörte das Pochen förmlich in den eigenen Ohren. Ein verführerische Mischung aus Glückhormonen, unterschwelliger Erregung und dem Reiz der Kontrolle.
      "Also es bedeutet, dass meine Aurafarbe meine Sinneswahrnehmung verstärkt. Die Frage ist," flüsterte er und blinzelte. ", lässt sich die Versärkung auf andere übertragen? Könnte ich zum Beispiel durch die Übertragung von Teilen meiner Aura auf dich der Wirkung deiner Blutrunen einen Schub verpassen?" Wieder eine kontrollierte Atempause. "War Anifuris deshalb in der Lage, dich in der Zelle so leicht zurück zuzwingen? Hat er die Teile meiner Aura, die er mir entrissen hat, als Katalysator benutzt?"
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    • Da zeigte sich ein bestätigendes Lächeln auf Syleas Lippen. Sie wusste ja, dass der junge Mann alles andere als auf den Kopf gefallen war.
      "Genau das war damit gemeint", sagte Sylea leise und hielt für einen Augenblick ihre stetig wandernde Aura einfach still. "Es funktioniert auf alles, nicht nur meine Runen. Alles, was Auren benötigt, resoniert mit deinem Gold. Ob das auch für Anifuris gilt, ist eine andere Frage... Das weiß ich nicht. Er hatte mich überrumpelt, ich konnte nicht schnell genug reagieren, glaube ich."
      Apropos reagieren. Syleas Lächeln wurde zu eine Grinsen, kaum setzte sie ihre Aura wieder in Bewegung. Ihr gefiel es, wie er auf die kleinen Spielchen reagierte, die sie veranstaltete, und kostete jeden Moment aus. Wie Honig, den man auf die Zungenspitze träufelte. Genauso delikat begann sich ihre silberne Aura in kleinste Ritzen, die sie im Gold auftaten, zu schieben. Hier und da brach das Silber beinahe bis auf Cains Körper hindurch, was dem Vessel immer wieder ein Aufflammen in ihrem Herzen verursachte. Sie seufzte leise während ihre Finger seine leicht drückten. Mal sehen wie lange der junge Mann bestehen konnte.
      "Wenn man sehen kann, was die Aura veranstaltet, sieht es gleich noch prickelnder aus", neckte sie ihn weiter ohne auch nur die Andeutung zu machen, ihre Position zu verlassen.
      Stattdessen begann sie erneut, ihre Aura in einer gleichmäßigen Welle über seinen Körper hinwegwaschen zu lassen. Absichtlich ließ sie dabei kleinere Stellen frei, sodass das Gold in die Löcher flüchten konnte, sofern es denn wollte. Syleas Lippen zuckten derweil während sie sich vorstellte, wie sich Cains Lippen auf ihren angefühlt hatten.
      Dann lachte sie leise. "Und du behauptest, man könne sich dagegen abhärten? Ich glaube kaum."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Stille der liebkosenden Aura verschaffte Cain eine dringend benötigte Atempause.
      Durch halbgeschlossene Augen betrachtete er das zufriedene Lächeln auf ihrem Gesicht. Anscheinend hatte Sylea darauf gehofft, dass er die Schlüsse zu dieser Feststellung selbst zog. Cain selbst fühlte eine tiefe Zufriedenheit, dass er ihre Hoffnungen erfüllt hatte. Verstehend nickte er und brachte kein sinnvolles Wort hervor, während er wie ein Ertrinkender gierig den Sauerstoff in seine Lungen beförderte. Warum Anifuris dieses Wissen vor ihm verbergen wollte, war ihm dennoch schleierhaft. Zugegen gestallte sich das klare Denken aktuell auch als schwierige Herausforderung.
      Cain schloss die Augen und sah noch den Anflug des Grinsens auf ihren Lippen. Ein zuckendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, unentschlossen ob Vorfreude oder Beunruhigung empfinden sollte. Der Gedankenzug stoppte ruckartig, als sich der Silberstreif fühlbar in die winzigsten Lücken seiner Aura zwängt. Dabei war Zwang nicht die richtige Beschreibung für das, was Sylea mit ihm anstellte. Tag für Tag kontrollierte er seine Wahrnehmung und seine Aura mit höchster Disziplin. Genüsslich legte Cain den Kopf in den Nacken und ließ willentlich zu, dass Sylea die eiserne Kontrolle Stück für Stück aufbrach. Stoßweise entkam der Atem über halbgeöffnete Lippen und entlockte ihm schließlich ein sanftes Keuchen, als die Aura der Rubra ein einzelnen Stellen beinahe bis auf den direkten Körperkontakt herabging.
      Ein heiseres Lachen entrang sich seiner Kehle, aufgrund ihres neckendes Kommentars.
      "Du hast keinen blassen Schimmer, wie unglaublich sich das anfühlt...", brachte er mit dem tiefen, rauen Klang seiner Stimme hervor und ließ seine Hände aus ihrem Griff gleiten, nur um ihre Unterarme herauf zufahren, bis er ihre Ellbogen umfassen konnte. Die Bewegung brachte sie ein kleines Stückchen näher zusammen. Sein Kopf fiel nach vorn auf seine Brust. Der Blick, den er Sylea nun schenkte, war erfühlt von brennendem Gold, das in einem schmalen Ring die geweitete Pupillen umrahmte. Obwohl kaum eine Berührung physischer Natur stattfand, verströmte Cain das Verlangen mit jeder Pore seines Körpers. Selbst sein Körper schien sich dem verführerischen Sog nicht entziehen zu können, wenn man der eindeutigen Wölbung in seiner Jeans Glauben schenkte.
      Von ganz allein suchte der Goldschimmer die Lücken in Syleas Aura und strebte der Verbindung ihrer Auren entgegen.
      "Wird vermutlich schwierig..." gab er zu und drückte ihre Ellbogen.
      “We all change, when you think about it.
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    • Für einen unwirklichen Moment lang befürchtete die junge Frau, dass sich Cain aufgrund seiner unglaublichen Kontrolle wirklich von ihr trennte. Als sich seine Hände aber ihre Unterarme hinauf schoben, kehrte das dezente Lächeln auf ihren Lippen zurück. Allerdings waren es seine Augen, die ihr wieder diesen ganz besonderen Kick verliehen. Das Vessel brauchte nur in die glühenden Augen des Seekers zu blicken und konnte alles lesen, was gerade in ihm vorging. Dafür brauchte sie keine Farbe der Welt, um diesen Ausdruck zu deuten.
      "Ich kann's nur erahnen", entgegnete Sylea während sie spürte, wie sich seine goldene Aura an ihrer angleichen wollte.
      Noch nicht.
      So gern sie sich einfach hätte fallen lassen, sie würde es nicht. Mit all ihrer Willensstärke schloss sie jegliche Lücken in ihrem Silberstreif, zog ihre Aura in einem Ruck von dem jungen Mann zu sich zurück und versteifte sich in diesem Prozess. Mit ihrer Aura kam ein Teil seiner Gefühlswelt zu ihr zurück, das unbändige Verlangen schier übermächtig. Trotzdem spürte sie unter dieser enormen Welle einen fast genauso großen Anteil, den man am besten als pure Wärme beschreiben konnte.
      Cains Zuneigung für Sylea.
      Am liebsten wäre sie in diesem Gefühl eiskalt ertrunken. Doch sie zog ihre mentalen Wände enger, sodass das Gold regelrecht an ihr abprallte und keine Angriffsfläche mehr bekam. Von jetzt auf gleich fühlte sie sich wieder allein, neutral und objektiv. Sie blinzelte ein paar Mal, das Lächeln war verschwunden.
      "Schon wahnsinn, wie krass es sich anfühlt, wenn man sich komplett abschottet", flüsterte Sylea und packte mit ihren Händen um, sodass sie Cains Unterarme fest im Griff hatte.
      Sie hob nicht mal den Blick, als ein kräftiger Anteil ihrer Aura aus dem Wall hinausbrach und sich wie ein Jänger auf das Gold stürzte. Wie ein Tier vergrub es sich in der Aura des Seekers, bekam sie zu fassen und zog sie zurück zum Körper der Rubra. Umgehend presste Sylea ihr Kinn auf ihre Brust als sie Cains Aura zu sich zog und sich das Gold in einer Schicht zwischen dem Silber anreicherte. Nie brach der stetige Fluss ab, das Gold wurde in einem feinen Rinnsal kontinuierlich zu ihr gezogen. Die ungefilterte Energie brachte Syleas eigenen Fluss gehörig durcheinander, sodass sie nicht einordnen konnte, was genau sie da alles fühlte. Wenn sie sich als Ziehende schon so fühlte wollte sie sich nicht ausmalen, wie Cains Gesicht gerade ausschaute.

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    • Ein Eimer gefüllt mit eiskaltem Wasser ergoss sich über seinen Kopf und erzeugte das feine, schmerzhafte Prickeln abertausender von winzigen Nadelstichen vom Scheitel bis zur Sohle. Zumindest hätte Cain genau diese Beschreibung verwendet, um einem Außenstehenden zu erläutern, warum er förmlich in sich zusammensackte, als Sylea sich ihm komplett entzog und die mentalen Wände zwischen ihnen unerwartet empor riss. Über seinen Rücken lief ein kalter Schauer, der im Beben seiner Schultern resultierte. Die Trennung kam so ruckartig, dass er keine Chance hatte sich davor zu schützen. Seine Fingerkuppen drückten sich fest in ihre Ellbogen.
      Das Gesagt war nicht mehr, als ein statisches Hintergrundrauschen, das sich nur schwer entziffern ließ. Der eigene Puls klang übermächtig laut in seinen Ohren und blendete jedes Geräusch aus. Um seinen Körper tobte die goldene Aura, wie ein ungezähmtes Tier, dass mit einer Verlockung geködert worden war und nun nicht die versprochene Belohnung bekam. Ein Verhalten, dass der Goldschimmer noch nie gezeigt hatte, während seine Aura versuchte nicht doch einen klitzekleinen Spalt in ihrem Wall zu finden. Allerdings war die Rubra bisher auch nicht mit demaßen offensiver Provokation ans Werk gegangen.
      In einem wilden Strudel aus Silber und Gold prallten die Auren wie kraftvolle Wellen aufeinander. Ohne Unterstützung bei der Aurasicht verblieb der fanszinierende Anblick dem Seeker jedoch verwehrt. Der aufgebrachte Goldschimmer fand sich in den Verschlingungen von gläzendem Silber gefangen und wurde davon gerissen. Als fasste Sylea nach seinem Körper, zerrte die Handlung auch Cains physischen Körper nach vorn. Er hatte gerade noch genug Verstand darauf zu achten, das ihre Köpfe nicht aneinander stießen.
      Cain sah es nicht, aber fühlte, wie sich seine Aura in inniger Weise zwischen Syleas Auraschicht und ihrem Körper ansammelte und in verschlungenen Windungen bewegte. Obwohl Luft zwischen ihnen war, hörte er plötzlich einen zweiten, schnellen Herzschlag in seinen Ohren. Zellen und Nervenenden wirkten überreizt und wie offen gelegt. Selbst die Hände auf seinen Unterarmen waren zu heiß, hielten zu fest. Und gleichzeitig verzehrte sich sein ganzes Selbst nach mehr.
      Trotz mangelnder körperlicher Anstrengung bildeten sich die ersten, kleinen Schweißperlen auf seiner Stirn und im Nacken.
      Der reizvollen Tortur hielt er nur noch wenige Minuten - Oder waren es Sekunden? - stand, da sackte sein Oberkörper ein weiteres Stückchen in sich zusammen, bis er soweit vorgelehnt saß, dass sein Kopf fast in der Mulde ihrer Beine zur Ruhe kam, die sie mit ihrem Schneidersitz bildete. Das ein so großer Mann sich dermaßen klein zusammenkrümmen konnte, grenzte fast an Unmöglichkeit.
      Cain, der in seinem Leben noch nie um Gnade gefleht hatte - nicht für sich selbst zumindest -, schluckte den Stein in seinem Hals herunter. Sein Verstand war kurz davor zu verglühen. Unter Syleas Silberstreif vibrierte die goldene Aura wie die gespannte Sehne eines Bogens.
      "Bitte...", murmelte er.
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea hatte eine Verbindung geschaffen, die weit über das hinaus ging, wie sich Menschen eigentlich fühlen sollten. Durch den konstanten Fluss seiner Aura zu ihrer hörte auch Sylea den zweiten Herzschlag in ihren Ohren widerhallen. Spürte, wie sich Cain verzehrte und sein Gedankengut Funken sprühte.
      Trotzdem sah sie den jungen Mann, der ihr fast schon zu Füßen lag, mit leicht geöffnetem Mund an. Von ihrer Sichtweise sah es so aus als würde der Seeker Höllenqualen leiden und darum beten, dass es endlich aufhören mochte. Doch das Vessel spürte seine wahren Emotionen, den wahren Grund, warum er sich dermaßen krümmte.
      "Bitte...", murmelte er.
      Syleas Herz zersprang bei dem Laut seiner Stimme beinahe. Unlängst hatte sie das Vibrieren in ihrem Zug wahrgenommen, das einer Überspitzung gleichkam. Wenn sie den Zug nun so hart kappte wie sie vorhin die mentalen Wände aufgezogen hatte, würde der Bruch Cain psychisch schaden. Das war der Moment, in dem die junge Frau aufhörte das Gold weiter zu sich zu ziehen und seine Aura wieder freigab. Sie behielt den Kanal beständig offen, ihr Silberstreif begleitete auch den letzten Funken seiner Aura aus ihrem Körper hinaus zu dem jungen Mann herüber, der sich immer noch keinen Zentimeter bewegt hatte. Sekündlich stieg das Hitzelevel in ihrem Kopf an während sie die Kontrolle wahrte und aus dem Zug einen Schub machte.
      Erst als jegliches Gold von ihr gewichen war, kappte Sylea ihre Verbindung bis man beide Farbtöne wieder deutlich auseinander halten konnte. Es änderte jedoch nichts daran, dass sowohl ihre Aura als auch die des Seekers regelrecht rebellierten und ein Eigenleben führten. Sie hörte seinen Herzschlag nicht mehr, misste die innige Verbindung, die sie vor Sekunden noch gehabt hatten. Aber Cain brauchte diese Pause.
      Sanft legte das Vessel ihre Hände an Cains Wangen, um seinen Kopf zu heben. Der Blick in seinen Augen hätte fast ausgereicht, um sie um den Verstand zu bringen. Langsam beugte sie sich zu ihm und hauchte ihm vorsichtig einen Kuss auf die Lippen.
      "Alles okay?..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein tiefer Atemzug füllte gierig seine Lungen, dehnte den Brustkorb aus und ließ die Schultern erbeben.
      Der unsichtbare Zug, wie ein zu starker Magnet, ebbte ab und für Cain fühlte es sich an, als wäre ein schweres Gewicht von seiner Brust gehoben worden. Der gesamte Druck auf jedem Zentimeter seines Körper schien langsam nachzulassen, während seine eigene Aura in einem stetig Ernergiefluss zu ihm zurück strömte. Überfordert versuchten die Synapsen in seinem Gehirn die intensiven Eindrücke zu verarbeiten, aber die einkehrende Ruhe, minderte das Stresslevel seines Körper. Physisch reagierte Cain mit einer Form der Sinnesüberreizung und doch blieb das Verzehren, das glühende Verlangen auf dem gleichen Level wie zuvor.
      Zarte Hände umfingen sein Gesicht und forderten ihn behutsam dazu auf, sich aus seiner gekrümmten Haltung zu lösen. Cain, der sich etwas steif wieder entfaltete wie ein missglücktes Origami, blinzelte als wäre das Licht zu hell für seine Pupillen.
      Die goldene Iris versprühte geradezu den leuchtenden Schimmer, als wäre ein Feuer hinter der Linse entzündet worde. Ihre Fingerspitzen brannten sich in seine Haut, aber er schob sich der Berührung entgegen.
      Die Muskeln standen noch immer unter Spannung, ebenso wie seine Aura die in der Luft unablässig vibrierte, als wäre sie nicht schlüssig wohin mit der aufgestaunten Energie. Cain blinzelte erneut in schneller Abfolge, als Sylea ihn direkt ansprach. Der Blick verlor kurzzeitig seinen Fokus, driftete ab an einen Ort, den nur der Seeker sah.
      Ruckartig schnellte der Blick zurück zu der Rubra, die immer noch sein Gesicht fest in ihren Händen hielt. Seine Hände wanderte von ihren Ellbogen wieder zurück zu den Handgelenken, wo seine Daumen Kreise über die dünne Haut an der Innseite zogen. Er fühlte den schnellen, hypnotisierenden Puls darunter. Kaum merklich zuckten seine Finger.
      Aus der seltsamen Trance riss ihn erst der vorsichtige Kuss, der mehr wie ein zarter Hauch wirkte. Ein Ruck ging durch seinen Körper und er durchbrach den besorgten Halt ihrer Hände, um seine Lippen gierig auf ihre zu pressen. Dem Kuss fehlte Finesse aber nicht an Leidenschaft. Die gesammte Anspannung entludt sich mit einem Schlag unter der Weichheit ihrer Lippen, dem Geschmack und der Hitze ihres Mundes. Erst als seine Lungen erneut nach Atem schriene, lehnte Cain sich etwas zurück.
      Er wirkte immer noch etwas blasser als gesund war, aber sein Körper schien zu glühen.
      "Das war heftig...", brachte er atemlos hervor.
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