[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Lhoris fühlte sich mit einem Mal in die Ecke gefahren. Freilich wusste er um die Schwierigkeiten seiner Einkehr zur Kaiserstadt. Und doch gedachte er, an der Seite der Heilerin zu verweilen. Und komme was da wollte, er würde es tun.
      Schweigend sah er zu ihr hinab und nickte.
      Anschließend sah er zu Lucien, der sich neben ihm befand.
      "Einen Karren haben wir nicht. Wir flohen mit der wenigen Habe die uns gegeben war. Sofern Ihr in Eurem Tross etwas habt, was wir nutzen können, bin ich dankbar. Ansonsten werden sich sicherlich Zimmerleute finden, die einen Karren bauen können, aber dies würde dauern..."
      Sachte schob er sich an den Beiden vorbei ehe er den Ausgang zum Zelt versperrte. Seine Gedanken rasten noch immer um die Kaiserstadt und beinahe missmutig seufzte der Elfenkämpfer auf. Es war als glitt die Erkenntnis aus dem staubigen Hirn eines alten Mannes, während die Luft des Zeltes aufwirbelte, als er herum fuhr und Lucien ansah.
      Die Fäuste hielt er eng aneinander gedrückt und streckte sie wie Fremdkörper von sich, ehe er zu Sprechen anhob:
      "Dann führt mich als Gefangenen hinein"; beschloss er. "Sagt, Viola habe sich meiner Gefangenschaft widersetzen können und Euch durch Zufall bei einer Patrouille gefunden. Legt mir Ketten an und führt mich hinein. Nur vergesst mich nicht, wieder herauszuholen, Prinz. Sonst muss ich mich selbst herausholen."
      Ein kühnes Grinsen glitt auf die Züge des Elfen während er sich entspannte.
      "Berichtet ihnen nicht von meinen Fähigkeiten. Nicht einer. So habe ich zumindest einen Überraschungsmoment auf meiner Seite."
      Der Plan war zugegeben nicht der Beste, aber durchaus praktikabel wenn man darüber nachdachte. Sicherlich gab es Millionen Gründe, eine derartige Behauptung zu entkräften, aber vielleicht hatten sie auch Glück?
      Als der Prinz verschwand sah er ihm wortlos hinterher und blickte zu Viola.
      "Ich weiß", flüsterte er. "Aber sie werden mich nicht töten. Denn ich bin zu wertvoll. Denn du wirst ihnen sagen, wer ich bin, wenn ihr dort seid."

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    • Viola lauschte dem hitzigen Gespräch mit gesenkten Augenlidern.
      Die Logik der Elfen ließ sich nicht abstreiten und obwohl die Heilerin den Protest beinahe schon auf der Zunge trug, knirschte sie niedergeschlagen mit den Zähnen. Kein Streit der Welt half ihnen aus der Sackgasse, in der sie zwangsläufig steckten. Und sie hatte keine Kraft aufzubegehren. Mit flatternden Lidern sah sie auf und stellte mit Erstaunen fest, dass der Adelssproß aus dem Zelt in die kälte des voranschreitenden Tages verschwunden war. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass Lucien gegangen war.
      Mühselig und quälend langsam drehte Viola ihren geschwunden Körper auf die Seite.
      Unter einem Ächzen schob sie einen Arm stützend unter das armselige Kopfkissen, das dicht an ihrer Nase nach Krankheit und Schweiß stank. Allein die kleine Bewegung trieb ihr die Schweißperlen zurück auf die Stirn.
      "Du weiß nicht, was sie dir antun werden wenn ich ihnen sage, wer du bist, Lhoris.", flüsterte sie ebenso.
      Die Kompresse, längst ihrer wohltuenden Kühle beraubt, rutschte von ihrer Stirn und Viola schob die zitternden Finger unter den nassen Stoff um ihn aus den Augen zu schieben. Unter anderen Umständen wäre die Art und Weise wie die junge Frau fast gernervt das Gesicht verzog durchaus zum Schmunzeln gewesen.
      Viola zog die Beine etwas näher an den Körper wobei die versengte Haut um ihren Bauch herum unangenehm ziepte, aber sie erhoffte sich die Wärme so besser an ihrem Leib halten zu können.
      Wie viele Tage waren seit dem Kampf im blutigen Schnee vergangen? Anhand des Wetters vor dem Zelt und der hochstehenden Sonne war kaum auszumachen wie lange der fiebrige Schlaf sie in seinem festen Griff gehalten hatte. Es graute sie vor der erneuten Finsternis. Also kämpfte die Heilerin gegen die Schwere ihrer Augenlider.
      "Lhoris?", murmelte sie fragen. "Wie...wie lange war ich nicht bei Bewusstsein?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Lhoris verblieb noch eine Weile in dem stickigen Zelt und dachte noch eine Zeit lang über seine eigenen Worte und Vorhaben nach. Sicherlich war es ein riskanter Plan,a ber der einzige, den sie hatten. Er würde die Kaiserstadt nicht lebend durchqueren können ohne selbst erneut Unschuldige zu morden. Und das hatte er zu lassen geschworen, als er nach Beleriand kam.
      Seufzend schüttelte er den Kopf und sah Viola an, wie sie versuchte ihren genervten Gesichtausdruck durchzubringen. Beinahe wäre es lustig gewesen aber so blieb ihm nichts als nachsichtig zu lächeln.
      "Sie werden mir nichts antun, was mich umbringt", sagte er und sah ihr in die halb geschlossenen Augen. "Wir haben keine Wahl fürchte ich. Sagst du es ihnen nicht, werden sie mich umbringen. Wenn du ihnen den Namen Lhoris Farvalur nennst, werden sie sich an den Offizier der Weißen Garde erinnern, der ihnen zwei Niederlagen beigebracht hat. Ein wertvoller politischer Gefangener, der nicht einfach so gemordet werden sollte. Lass sie mich foltern. Was soll geschehen? Wunden? Habe ich genug. Narben? Unerheblich. Und ehe sie mich verstümmeln werde ich mich wehren, keine Sorge."
      Er lehnte sich gegen die Zeltplanke zurück und sah Viola an, während sie ihre letzte Frage formulierte. Er hatte damit seit ihrem Erwachen gerechnet, aber doch war es recht schwer, darauf zu antworten.
      "Zwei Tage," sagte er entschlossen. "Die Schlacht ist zwei Tage her. Und seither hörten wir nichts mehr vom Schlachtfeld, bis Lucien kam:"

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    • "Andvari und du seid selbstloser als für euch gut ist.", flüsterte Viola mit einem schwachen Lächeln.
      Zwei Tage in denen keine Nachricht von ihnen Beleriand erreichen konnte.
      Jeder Gedanke in ihrem Kopf protestierte dagegen weiter in den Osten zuziehen, wo sie hinter massiven und undurchdringlichen Mauern kein Zuhause mehr erwartete.
      Die Weiße Garde. Viola horchte auf und das Lächeln gefror.
      Der erschöpfte Gesichtsausdruck und der fiebrige Glanz ihrer Augen vermochten nicht über den Funken der Neugierde in ihrem Blick zu schmälern Die Heilerin erinnerte sich dunkel an die Erzählungen vor wärmenden Feuern in finsteren und eisigen Nächten. Die Weiße Garde war über die verscheidensten Kriegstrosse hinaus bekannt. Sie wusste, dass die Elitesoldaten der Elfen eine Schneise aus Tod und Verwüstung durch den hohen Norden gezogen hatten, während sich die überwiegenden kaiserlichen Armee südlich kleinere Scharmützel geliefert hatten.
      Es war einige Jahre her und was die Armee nicht zersört hatte, rissen marodiernde Nachzügler an sich. Elfen ohne Gewissen und Ehrgefühl. Wissentlich ignorierte Viola die Frage, deren Antwort sie nicht wollte.
      War es die Weiße Garde gewesen, die bei ihren Zügen durch den Norden auch ihre Heimat zerstört hatte?
      Das Wissen darüber änderte nichts.
      Hinter Stirn arbeiteten die Zahnräder unablässig, wenn auch langsamer als gewohnt. Sie bemerkte, dass sie so gut wie Nichts über den
      Schwertkämpfer wusste, der dem Mann, den sie über alles liebte, nahestand wie ein Bruder und nun ihr Beschützer sein sollte.
      Die verletzte Frau suchte weiterhin eine bequeme Position auf der Seite liegend in den Fellen ohne die brennende Wunde zu irritieren.
      "Erzähl mir eine Geschichte, Lhoris. Bitte.", bat sie und fühlte die Müdigkeit schwer in den Knochen. "Andvari ist nicht dein Bruder dem Blute nach. Wie seid ihr euch begegnet?"
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    • Lhoris fühlte sich ein wenig hilflos, wenn er ehrlich war.
      Er war nie ein guter Pfleger gewesen. Selbst als Hauptmann und Offizier waren seine Untergebenen meist erpicht, ihn zu meiden, wenn es um derlei Dinge ging. Und nun lag eine fiebernde Frau vor ihm, die seinem Bruder die Welt bedeutete. Was sollte er nur tun, wenn sie starb? Wie konnte er seinem Bruder wieder unter die Augen treten und atmen?
      Schweigsam ließ der Elf sich nieder und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
      "Selbstlos...Ich bin nicht selbstlos, Viola", berichtete er. "Ich bin ein Monstrum, in halbwegs akzeptabler Gestalt. Ich habe ebenso die Menschen abgeschlachtet und gemordet, im Geiste des Königs. Ich habe nicht das Wort erhoben wie Andvari und bin dafür verurteilt worden. Ich war nicht so mutig..."
      Seine Stimme wurde regelrecht kleiner, je mehr er berichtete und sein Blick finsterer. Dunkle augen hefteten sich an die halbwachen AUgen der Heilerin und bei ihrer Frage musste er lachen.
      "Eine Geschichte?", fragte er und seufzte. "Sehr wohl, aber beschwere dich nicht. Ich bin kein Barde oder Skalde, ich bin nicht gut im Erzählen..."
      Er setzte sich gerade hin und drückte sie etwas zurück, damit die Wunde nicht mit den dünnen Fellen in Berührung kam die sie ausgelegt hatten.
      "Die Geschichte unseres Treffens ist beinahe unspektakulär. Andvari kam als Tischlersohn in die Armee, nachdem man seine Mutter zur Erzmagierin gemacht hatte. Die Weiße Hand beschloss, dass Andvari, der Lichtrufersohn, ebenfalls an den Palast ziehen sollte, damit man ihn unter Kontrolle hatte. Andvari selbst war damals ungehobelt, ungeduldig und regelrecht cholerisch. Immer wenn er Holz sah, bekam er diesen merkwürdig verliebten Blick...Es war grausig..."
      Lächelnd berichtete der Elf weiter.
      "Ich war damals Rekrut der Garde und mir wurde die Aufgabe zuteil, dieses Wildschwein von Elf in die Gepflogenheiten des Palastes einzuweihen. Wir haben uns drei Tage beinahe jede Stunde einmal geprügelt, weil Andvari sich weigerte wie ein normaler Elf zu essen oder zu reden. Er beleidigte Adlige und ich musste mich bei ihnen entschuldigen. Dafür unterrichtete ich ihn im Schwertkampf, wenn der Hauptmann ihn wieder verletzt hatte. Mit der Zeit wurden wir zumindest keine Feinde mehr und ich begann, mich ihm zu öffnen. Und er sich mir. Freunde wurden wir jedoch anders..."

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    • Ein nachsichtiges Lächeln spiegelte sich im bleichen Gesicht der Heilerin.
      Der einzige Farbtupfer war der fiebrige Rotschimmer über ihren Wangenknochen, der die Illusion von lebendiger Gesundheit erzeugte.
      Viola lauschte den Worten des Elfen und zwang sich die flatternden Augenlider vollständig zu öffnen, als sie einen Blick auf sich spürte. Ein finsterer Ausdruck überschattete Lhoris Gesicht, aber das zaghafte Lächeln auf den Lippen der fiebernden Frau ließ sich davon nicht beeindrucken. Viola schob die eigene, kühle Hand stützend unter ihre Wange, um den schwarzhaarigen Elf besser ansehen zu können.
      "Mut zeichnet sich nicht immer durch große Taten aus.", flüsterte sie. "Ein Soldat, der seine Pflicht erfüllt, ist kein Monster. Hinter jedem Einzelnen steckt eine Geschichte. Ehemänner, Väter, Söhne, Brüder... Es macht aus einem Krieger kein Ungeheuer, weil er für seine Familie oder seine Überzeugung kämpft. Und manchmal haben wir schlicht und ergreifen keine andere Wahl."
      Ein Seufzen erklang, ehe sich ein trauriger Schimmer flüchtig in den glasigen Augen zeigte.
      Etwas Ähnliches hatte sie bereits einmal zu Andvari gesagt und Viola konnte Lhoris ebenso wenig von seinen Taten freisprechen wie seinen Schwertbruder.
      "Männer wie Vaeril sind Monster, Lhoris.", fügte Viola mit Nachdruck hinzu. "Jene, die sich am Leid anderer erfreuen und Vergnügen dabei empfinden den Besiegten und Zurückgelassenen auch noch das letzte bisschen Hoffnung und Würde zu rauben."
      Ein kraftloser Hauch von Zorn hatte sich in die letzten Silben gemischt und die Heilerin hielt inne während ihr das Atmen schwer fiel. Reden kostete Energie, von der sie kaum welche übrig hatte. Violas Stimme war nicht mehr als das seichte Wispern des Windes in den Bäumen.
      Ein milder Protest blitzte in den grünen Augen auf, als der Elf sie sachte zurück in das notdürftige Lager drückte.
      Heiler waren ihrer Erfarhung nach die schlechtesten Patienten.
      "Es braucht nicht die blumigen Worte eines Barden für eine gute Geschichte.", lächelte sie müde. "Manchmal reicht die Wahrheit."
      Viola sank tiefer unter die wärmenden Felle und schloss die Augen, während sie lauschte.
      Für einen Augenblick wirkte es beinahe so, als wäre die junge Frau erneut dem Schlaf erlegen, doch ihre Atmung sprach dagegen. Ein amüsierter Laut zwischen Schnauben und Lachen erklang aus dem Berg an Fellen.
      "An den Blick erinnere ich mich.", murmelte Viola mit dem Schatten eines Grinsen auf dem Gesicht. "An diesen verträumten Ausdruck, mit dem er die Bäume in den Wädern um Telerin betrachtet hat."
      Als Lhoris ein weiteres Mal in seiner Erzählung stoppte, schlug sie die Augen auf.
      "Warum sollte der Hauptmann ihn verletzen?", fragte sie. "Was ist dann passiert? Wie wurdet ihr Freunde?"
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    • Lhoris blickte zu Viola während sie berichtete und es wäre gelogen gewesen, wenn in dem kalten Herzen des Schwertkämpfers nicht ein Funken der Zuneigung entsprungen wäre. Ein freidenkender Mensch...Wer hätte das gedacht.
      Schwach grinsend nickte er lediglich ergeben auch wenn die Tatsache, dass sich Monster durch durchaus mehr Eigenschaften auszeichneten gegeben war.
      "Ein Soldat, der blind einem Befehl gehorcht, ist kein Soldat", gab er schließlich wider. "Er ist ein Sklave. Und Überzeugungen...Nichts ist so brüchig wie die Überzeugung andere töten zu müssen. Aber hab Dank für deine Worte."
      Der Elf räusperte sich kurz und setzte seine Geschichte fort:
      "Damals war der Blick weniger verträumt sondern eher besessen. Immerzu baute oder schnitzte er in seiner freien Zeit. Seine Mutter hätte es gern gesehen, dass er an seiner Magie arbeitete, aber Andvari hatte stets andere Pläne. Der Hauptmann war kein Freund unseres weißhaarigen Freundes. Bei jedem Appell wurde etwas an Andvari kritisiert und er gab sich alle Mühe, dass man Punkte fand, die man kritisieren konnte. Es war beinahe sechs Monate nach unserem Kennenlernen, da erging der Hauptmann sich erneut in Züchtigungen. Andvari hatte eine Übung falsch gemacht und mich leicht verletzt. Als Strafe sollte er gepeitscht werden, was unüblich war seinerzeit. Anstatt dass er die Strafe annahm, forderte er den Hauptmann zum Duell. Sollte er gewinnen, so würde Andvari die doppelte Strafe nehmen. Sollte es Andvari tun, sollte die Strafe erlassen werden.
      Der Hauptmann nahm es etwas zu wörtlich und drosch auf ihn ein, als wäre er der Leibhaftige selbst. Wieder und wieder fiel das Schwert auf das Schild meines Freundes und irgendwann hielt es mich nicht mehr. Ich ging dazwischen und trat ihm in die Kniekehle sodass Andvari ihm eine blutende Wunde zufügen konnte."
      Lhoris zuckte mit den Achseln.
      "Es kam wie es kommen musste: Wir verbrachten 3 Wochen im Karzer der Kaserne und Nuala brachte uns heimlich Essen. Während der Nächte tauschten wir Gedanken aus und mit der Zeit wurden wir Freunde...Ich glaube, spätestens in der Nacht, in der Andvari mir von seiner Idee erzählte, ein Königreich zu führen..."

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    • Eine nachdenkliche Stille umgab Viola während sie der fortschreitenden Geschichte aus alten Tagen lauschte.
      Die Grausamkeit und Härte, die Andvari zu allen Zeiten seines Lebens entgegengebracht wurde, sollte die Heilerin vermutlich längst nicht mehr erschrecken. Dennoch zeichnete sich in den erschöpften Gesichtszügen der Anflug von unmissverständlicher Wut ab.
      Die Furcht eines schwachen Elfenkönigs vor einer alten Legende hatte Andvari am Ende alles gekostet. Verlust und Verrat zogen sich einer blutroten Linie gleich durch das Leben des Lichtrufers. Eine Bestimmung, die ihn Freiheit und Familie gekostet hatte und dafür sorgte, dass sein eigener Vater ihn zum Sterben in eine aussichtlose Schlacht schickte. Beim Gedanken an die grausame Hinrichtung von Frau und Kind spürte Viola stets eine bleierne Übelkeit.
      "Siehst du dich so, Lhoris? Als Soldat, der blind Befehlen folgte bevor Andvari dir einen anderen Weg ermöglichte?", fragte sie vorsichtig, da die Frage ihr in diesem Moment beinahe zu persönlich erschien.
      Entgegen aller Vernunft schob Viola die Arme unter den eigenen Körper und stützte sich etwas auf den Ellbogen hoch.
      Die Bewegung erzeugte einen seichten Schwindel und sie musste für eine Sekunde die Augen fest schließen, damit die Erde unter hier aufhörte sich zu drehen. Als Viola die Augen zum unzähligsten Mal an diesem Tag nach ihrem Erwachen öffnete, war ihr Blick ein wenig klarer. Eine sanfte Brise wehte durch die stickige Luft des Zeltes und ließ sie tief einatmen.
      "Hilft du mir, mich aufzusetzen und reichst mir etwas Wasser? Bitte.", bat Viola, die das Gefühl bekam vom ständigen Liegen noch mehr Kraft zu verlieren.
      Ein Aufbäumen vor dem Unvermeidlichen.
      "Es ist erschreckend, was die Frucht eines einzelnen Mannes anrichten kann, wenn seine Macht bedroht wird.", sagte Viola bedächtig. "Ich habe mich schon oft gefragt, warum König Oberon Andvaris Mutter zur Geliebten nahm und das Risiko ignorierte ein Kind zuzeugen, wenn er sich letztendlich durch seinen eigenen Sohn in seiner Herrschaft bedroht sieht. Ob sie den König geliebt hat?"
      Bei der Erinnerung an den Elfenkönig umgeben von kaltem, weißen Stein und einem Blick alter Augen gefüllt mit Abscheid und Hass, schüttelte Viola den Kopf.
      "Dann kanntet ihr Zwei zu diesem Zeitpunkt Nuala schon.", stellte sie fest. "Das alles passierte vor Feanore, oder? Andvari erzählte mir, dass er allem und auch dem Thron abschwor, weil er in Frieden mit ihr leben wollte."
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    • Schweigsam betrachtete Lhoris die junge Frau und tat wie geheißen. Leicht legte er eine Hand in ihren Rückjen und half ihr, sich ein wenig aufzurichten. Hierbei war es erschreckend wie wenig sie mitarbeiten und Kräfte aufbringen konnte. Es glich beinahe einer alten Frau, die Stück für Stück ihr Leben aushauchte. Grausig, wenn man daran dachte, wie jung sie war.
      Wenn er recht überlegte, hatte er noch nie einen Menschen recht langsam sterben sehen. Die meisten starben schnell wenn sie auf dem Schlachtfeld lagen.
      "Ich war genau das", bestätigte er seufzend und reichte ihr einen Becher Wasser. "Ich war ein Sklave meiner Befehle und sah nicht den Wald vor lauter Bäumen. Es musste ein cholerischer, ungehobelter Tischler kommen, der mir den Scheitel gerade zog und die Augen öffnete, damit ich nicht im Dunkel meiner Existenz verloren ging. Ein Lichtbringer eben."
      Versonnen lächelte der Elf und nickte schlussendlich.
      "Andvaris Mutter hat ihn geliebt, da bin ich sicher. Wenngleich nur kurze Zeit, aber ich denke eher, dass der König einen Weg suchte, seine Herrschaft zu festigen. Sie unterliegen einer alten Legende, wie Sylvar es immer sagte. Er glaubte, dass der König dem Irrglauben erlegen war, die Magie des Lichts auf sich zu übertragen. Ob es möglich ist weiß keiner", sagte der Elf und seufzte. "Ja, dies geschah vor Feanore. Sie war später in seinem Leben, wenngleich nur kurz. Wir lernten Nuala ein Jahr nach Andvari kennen. Sie war ebenfalls von ihrer Familie in den Kriegsdienst gezwungen worden und fühlte sich nicht wohl mit ihrem Los. SIe hat Andvari beinahe gluckenhaft bewacht. Wenn man es nicht besser wusste, hätte man sagen können, dass sie seit dem ersten Tag verliebt in den Zimmermann war. Damals trug sie ihr Haar burschikos kurz. Erst nach einer Weile ließ sie es auswachsen und erlag damit jeder MEnge Spott, die Arme."

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    • "Nun, er hat die Eigenart einen bleiben Eindruck zu hinterlassen.", murmelte Viola mit einem warmen Lächeln während der Rotschimmer auf ihren Wangen für einen kurzen Augenblick nicht länger nur vom Fieber herrührte.
      Mit einem dankbaren Lächeln aber mit zitternden Fingern umfasste Viola den gereichten Becher.
      "Sylvar sagte mir es sei nicht möglich die Magie der Lichtrufer zu stehlen. Ich fragte ihn danach, als er er mit von Faolans Missgunst gegenüber Andvari berichtete. Dieser grausame Mistkerl hat Andvari in den Kerkers Tirions ausbluten lassen wie ein Lamm auf der Schlachtbank. Und damit nicht genug, er es ebenfalls mit der Magie getan bis kaum ein Funken Licht mehr übrig war. Den Anblick werde ich bis ein mein Lebensende nicht vergessen."
      Erleichterung erfüllte die erschöpfte Heilerin, als sie es schaffte das Gefäß an die Lippen zuführen ohne dabei die Hälfte des wohltuenden Inhalte zu verschütten. Das kühle Wasser wirkte Wunde für die trockene Kehle und obwohl sie nur allzu gern den gesamten Trinkbecher in einem Zug geleert hätte, mahnte sich Viola selbst zur Vorsicht. Zwei Tage hatte sie im Fieberdelirium verbracht. Aller Wahrscheinlichkeit hatten weder Tilda noch Lhoris wirklich Flüssigkeiten oder gar Nahrung in den geschwächten Leib bekommen. Das Letzte, das sie gerade brauchte, war sich aufgrund der Gier zu übergeben.
      "Jemand besaß den Mut Nuala zu verspotten?", fragte Viola mit einem blassen Grinsen auf den Lippen. "Die Frau ist furchteinflößender als die Tatzelwürmer des Prinzen. Aber ist dem nicht so? Dass sie in Andvari verliebt ist, meine ich."
      Viola senkte das hölzerne Trinkgefäß in den Schoß und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass es allein Lhoris Hand zwischen ihren Schulterblättern war, die sie aufrecht hielt. Erschöpfung fraß sich durch ihren Leib bis in die Knochen. Es fiel der jungen Frau mit jeder Sekunde schwerer im Reich der außerhalb der Bewusstlosigkeit zu verweilen. Die Furcht aus dem nächsten Schlaf nicht zu erwachen, trieb sie dazu an jedem wachen Augenblick festzuhalten. Finsternis breitete sich wie eine Seuche unter der Haut aus und vertrieb das Echo des Lichtes, das Andvari gesät hatte.
      "Lhoris...?", begann sie und griff fahrig nach dem freien Arm des Elfen. "Sobald wir die Kaiserstadt erreicht haben und ich...und ich noch lebe, sagt den Klerikern, dass die Schattenkrankheit in meinen Adern wütet. Die Ordensbrüder haben mich schon einmal davor gerettet, wenn die Götter uns beistehen, schaffen sie es ein zweites Mal. Ich...Ich weiß nicht, ob ich noch einmal aufwache, wenn ich das nächste Mal einschlafe."
      Bebende Finger gruben sich in den Stoff des Ärmels, wie der Ertrinkende an das rettende Ufer.
      Die Handlung rief eine verschwommene Erinnerung wach und das Gefühl eines schmerzenden, lodernden Feuers in ihrem Leib. Eine blutige Hand, die sich um Lhoris' Arm geschlossen hatte und ein Warnung nah an ihrem Ohr.
      "Beantworte mir noch eine Frage...", murmelte sie, die Stimme leiser und die Spannung aus ihrem Körper weichend. "Was hab ich im Tunnel getan? Du hast mich angesehen, als wollte ich dir die Seele aus dem Körper reißen."
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    • Lhoris verblieb in einem schmalen Lächeln, nachdem er sich wieder auf den Stuhl gesetzt hatte und die junge Frau ansah.
      "Ja, einen bleibenden Eindruck vermag er durchaus zu hinterlassen", bestätigte er und seufzte. Mit einem Mal wirkten seine Knochen schwer und ungelenk, als trugen sie eine unsichtbare Last in diesem schmalen Zelt, während die Abbauarbeiten weiter gingen. Die Gespräche wurden lauter, die Geräusche eindringlicher.
      Es war bald Zeit, aufzubrechen. Allzu lang konnten sie nicht mehr warten.
      "Es ist auch nur schwerlich möglich. Und dennoch ranken sich freilich ein Dutzend Legenden um die Möglichkeit, eines Anderen Magie auf sich zu übertragen. Wie gesagt, ein simpler Irrglaube, der sich wie ein Insekt in das Hirn des Königs fraß. Und als Andvari geboren wurde und seine Kräfte offenbarte schürte er später noch Neid und Missgunst seiner Brüder. der Rest ist, wie du weißt, Geschichte."
      Lhoris lachte ob ihrer Bemerkung zu Nuala.
      "Nuala ist sicherlich furchteinflößend, aber Andvari schaffte es immer ihre weiche Seite hervor zu locken. Und ja, es gab Elfen die den Mut hatten. Was soll ich sagen? Manche haben dafür einen Finger verloren, denn Nuala ist mindestens genauso jähzornig wie Andvari selbst. Aber ob sie ihn liebt...Dies ist eine Frage, die sie nur selbst beantworten kann. Ich glaube, dass sie ihn liebt wie es eine Schwester tut. Sie ist nicht die Art Elfe, die eine Liebe hegt und auslebt. Sie liebt im Stillen und unbemerkt, sodass sie fort kann, wenn es ihr zu Nahe geht. Zumindest war es so, als Feanore auf den Plan trat."
      Einen Moment lang überlegte der Elf und verwarf die Antwort, als er ihre nächsten Fragen und Worte hörte. Eine ungewöhnlich schlechte und düstere Vorahnung erlitt ihn und mit einem Mal wollte er nach seinem Schwert greifen, ehe ihm einfiel, dass er ihren Körper stabilisierte.
      "Du wirst leben", befand er deutlich und sah sie ernst an. "Keine Wiederrede. Wir tun alles, um dich am Leben zu halten und die Herren des Ordens werden dich retten. Ich werde deine Nachricht geben, wenngleich sie vielleicht Lucien geben muss, sofern man mich am Tor in Gewahrsam nimmt..."
      Zu ihrer letzten Frage zog er erstaunt die Augenbrauen hinauf. Es fühlte sich an, als sprächen sie über Jahre anstatt von 2 Tagen. Er konnte sich kaum noch daran erinnern.
      "Nach dem Magiekern eines Anderen zu greifen ist eine der intimsten und gleichsam gefährlichsten Aktionen. Nimmst du zu viel, tötest du den Menschen oder das Wesen das du beraubst. Es ist in höchstem Maße unethisch und ein Eingriff in die Natur selbst. Zumal man ohne die rechten Kontrolle dieser Fähigkeit - woher auch immer sie stammt - sein eigenes Leben gefährdet. Magiearten, die nicht zueinander passen, stoßen sich ab und zerstören den Körper."

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    • Viola nickte schwach.
      Vielleicht hatte sie die eisigen Blicke der Elfe falsch gedeutet. Nuala hatte sie angesehen, als würde sie etwas oder besser jemanden davonstehlen, der von größter Bedeutung für die Elfenkriegerin war. Vermutlich hatte sie in der verzwickten Situation den Wunsch Andvari zu beschützen mit Eifersucht verwechselt.
      Die Frage über die Bedeutung von Feanore in dieser Geschichte lag ihr förmlich auf der Zunge, aber als ihre Finger kraftlos den verzweifelten Griff um Lhoris Arm aufgaben, wusste sie, dass der Schlaf nicht mehr fern war. Die Müdigkeit raubte Viola alle Energie.
      Über die einst strahlenden Augen legte sich ein dunkler Schleier, der das lebendige Licht in ihnen zuersticken drohte. Ein Schatten, der das Bewusstsein der Heilerin in die Finsternis hinabzog; eine traumlose Dunkelheit ohne jegliche Existenz.
      Ein tonloses Lachen erklang rasselnd in ihrem Brustkorb.
      "Das ist es also, was Vaeril getan hat.", wisperte sie ohne jegliche Erklärung.
      Der rachsüchtige Elf hatte sich nicht damit zufrieden gegen den zierlichen Körper zuzerstören. Die schattenartigen Klauen getränkt mit der dunklen Magie hatten nicht nur ihren Leib durchstoßen. Die Schattenmagie vergiftete den Magiekern und breitete sich unaufhaltsam über die Leylinien aus. Es war beinahe reinste Ironie, dass der komatöse Zustand eines physisch schwer traumatisierten Körpers von den Klerikern als Schattenkrankheit bezeichnet wurde, da die schlafenden immer mehr zu einem Schatten ihrer selbst verkamen und manchmal gar nicht mehr erwachten.
      Viola konnte die Ratlosigkeit nicht in Worte fassen. Wie sollten Menschen ohne jeglichen Funken Magie in den Adern diesen unsichtbaren Feind in ihren Körper bezwingen?.
      Die Heilerin lächelte obgleich der schweren Erkenntnis und als jegliche Stärke aus ihren Adern floss, ließ sie sich gegen Lhoris sinken.
      "Andvari...", murmelte sie matt grinsend mit einem tadelnden Unterton in der Stimme. "Dieser leichtsinnige Hornochse hätte mich warnen sollen. Ich hätte ihn umbringen können, ohne es zu merken."
      Viola schloss die Augen.
      "Versprich mir etwas. Wenn es nichts mehr zu retten gibt, rette dich selbst. Kehre zu Andvari zurück, denn er wird dich an seiner Seite brauchen.", flüsterte Viola, die Silben mit jeder Sekunde undeutlicher und leiser bis ihr Haupt regungslos und schwer an Lhoris Schulter ruhte.

      Die Abenddämmerung hüllte das karge Niemandsland in ein warmes Licht und zauberte auf diese Art selbst aus der lebensfeindlichsten Einöde eine zauberhafte Winterlandschaft.
      Luciens Männer waren samt Ross, Reiter und ein paar stabilen Karren endlich am Ziel angekommen. Das wenige Hab und Gut war schnell auf den einzelnen Wagen verladen und nicht viele begleiteten die kleine, handverlesene Gruppe die zur Kaiserstadt zog. Wie Marlena prophezeit hatte, blieben viele der flüchtenden Menschen im Niemandsland zurück um ihre Glück an einem neuen Ort zuzusuchen. Und wie von Lucien versprochen kümmerten sich die Soldaten der Garde um eine sichere Reise unter dem Wappen des Kaisers.
      Tilda trat auf Lhoris zu nachdem die bewusstlose Heilerin sicher und warm eingepackt in dem letzten Karren ruhte. Das Gespann des Karrens bestand aus zwei massigen Ochsen mit beeindruckenden Hörnern. Die legendäre Sternenstahlrüstung war ebenfalls sorgsam samt Heilerin in den Wagen geladen worden.
      "Fürs Erste werden sich unsere Wege hier trennen.", lächelte die Schankdame tapfer und versuchte sich die Besorgnis über eine ungewisse Zukunft nicht anmerken zu lassen. "Pass gut auf Viola auf, hörst du, und kommt uns besuchen, wenn es ihr besser geht. Du, Andvari, Viola und der gesamte chaotische Haufen, der uns soviel Unruhe beschert hat. Ich versuche euch eine Nachricht zukommen zulassen, wenn wir einen neuen Ort gefunden haben, an dem wir uns niederlassen können."
      Tilda blickte auf das verschnürte Bündel, das sie sich vor die Brust hielt. Die ältere Frau wirkte müde und von tiefer Traurigkeit ergriffen. Lucien hatte die schlechten Nachrichten nicht mehr zurückhalten können und Tilda von Alberst tot berichtet. Es hatte die resolute Wirtin schwer getroffen.
      "Ah, bevor ich es vergesse.", furh sie Wort und schniefte herzhaft ehe sie Lhoris das Bündel reichte. "Hier, dass sind die wenigen Sachen, die wir aus Andvaris und Violas Zimmer retten konnten. Und Sylvars zurückgelassene Habseligkeiten. Ich hätte sie eigentlich Andvari geben wollen, aber dafür war es zu spät."
      "Tilda? Es wird Zeit!", erönte es über die Köpfe hinweg.
      Hoch zu Ross thronte der Kronzprinz und überblickte das geschäftige Treiben bis alles sorgsam verstaut war.
      Die Tarnung hatte er längst aufgegeben, was im ersten Augenblick für einige Unruhe gesorgt hatte. Jetzt trug er formelle Reisebekleidung, verzichtete aber auf die schwere Rüstung.

      Spoiler anzeigen
      In dem Bündel befinden sich neben dem Familienschmuck, die zwei Armreifen ihres Urgroßvaters, von Viola auch diverse Gegenstände von Sylvar: Kristalle, diverse Tinkturen und das kleine Fläschchen, das den flüssigen Stern enthält... ;)
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ihre Kraft wurde weniger. Es brauchte keinen Doktor oder Heiler, der einem dies verriet. Alleine an ihrem Pulsschlag, den der Elf in ihrem Rücken fühlte und anhand des Gesichts was mehr und mehr an Farbe verlor. Dennoch war der Punkt recht interessant, den sie noch verlor, ehe sie beinahe in den Schlaf sank.
      Vaeril hatte ihren Kern vergiftet. Mehr und mehr bedauerte er die Tatsache, dass dieser irre Sylvar sein Leben ließ. Er hätte gewusst, wie man es retten könnte, dieses wertvolle Leben. Und nun saß er hier. Lhoris aus dem Hause Farvalur. Ungeliebter Sohn seines Vaters, der Dritte unter Fünfen. Ein Schwertkämpfer und kein Heiler.
      Sachte drückte er den schwachen, schlafenden Körper an sich und seufzte tief.
      "Ich verspreche, ich werde retten was sich zu retten lohnt", murmelte er mehr zu sich selbst, wissend, dass Viola es nicht hörte. Die Sieben Teufel mochten sich ihm verschwören, aber er würde dieses Leben bewahren, so sehr es ihn auch das eigene kosten mochte.

      Lhoris hatte eine ganze Weile vor dem Zelt verbracht und seine Habe verschnürt und auf einem Pferd verstaut. Die Abenddämmerung kitzelte seine Nase und ein leichter Wind glitt durch das raue Tal und die Siedlung umhin. Die Blätter raschelten wie Espenlaub, sofern es noch welches gab und er fragte sich eine ganze Zeit, wie lange sie wohl reiten mochten? Wochen? Monate? Und konnte man Viola derart lange am Leben erhalten?
      Lhoris führte sein Pferd durch die herumwuselnden Menschen, von denen er sich in aller Eile verabschiedete, so er sie denn kannte. Sachte glitt er mit dem Ross an den Karren, auf den man Viola verfrachtet hatte. Auch wenn es die kaiserliche Garde war, die sie begleitete, so herrschte doch ein merkwürdiges Gefühl in seiner Magengegend vor, das er nur schwerlich ignorieren wollte und konnte. Noch ehe er einen genauen Blick auf Viola werfen konnte, hörte er Tildas Stimme wie aus weiter Ferne.
      Tilda...Wie lange waren sie nunmehr Freunde und Gefährten gewesen auf diesem steinigen Weg? Lhoris lächelte ergeben und neigte leicht das Haupt.
      "Einstweilen", besträtigte er. "Aber es gibt ein Wiedersehen. In einem neuen oder alten Zuhause vielleicht. Ich werde mein Möglichstes tun, um sie schützen und zurück zu bringen."
      Er fühlte sich wie ein Schuljunge als er die Schankdame ansah, denn der Elf hasste Abschiede wie die Pest. Dennoch war die Trauer der Schankdame nicht zu übersehen. Während er das Bündel in Empfang nahm, legte er eine Hand auf ihre Schulter.
      "Wer geht, geht niemals vollständig", murmelte er. "Vergiss das nicht. Er ist hier. Bei dir. Achte auf dich, verrückte Frau. Bis wir uns wiedersehen!"
      Er nickte ihr zu und schwang sich beim Laut des Prinzen auf sein Pferd, ehe er sich neben den Karren bugsierte. Ein leichter Blick konnte ja nicht schaden...Sachte öffnete er das Beutelchen und warf einen Blick hinein.
      Und Lhoris lächelte.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell

    • “Our love is stronger than time, greater than any distance.
      Our love spans across stars and worlds. I will find you again, I promise.”
      [House of Sky and Breath]

      Abschiede beschwerten das Herz.
      Obwohl es keine Trennung von Dauer sein sollte, wusste Lucien, dass der Weg in die Zukunft alles andere als einfach war.
      Welche Art von Empfang die Erste Garde an den schweren Stadttoren der Kaiserstadt erwartete, konnte niemand vorausahnen. Tatsache blieb, dass der Kronprinz gegen die Empfehlung des Adelsrates gehandelt hatte. Alexandre von Bourgone, gefürchtet als der Wolf von Bourgone in zahlreichen Schlachten, war zu einem Schatten seiner selbst verkümmert. Der Geist zeigte sich brüchig und wankelmütig und zum Wohle des Volkes hatte der Adel beschlossen bis auf Weiteres die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Bei der Vorstellung brodelte es wütend und unablässig in den Gedanken des Kronprinzen. Aufgrund seiner Verpflichtung gegenüber des Militärs und der Tatsache, dass der amtierende Regent noch unter den Leben weilte, sehe man aus Respekt vor diesem davon ab, bereits den Thronerben zu krönen. Diese gierigen Speichellecker hatten lediglich ihren eigenen Vorteil im Sinn.
      Die politischen Gegebenheiten war nicht die perfekte Ausangslage um eine totgeglaubte Überläuferin und einen Elf in die Stadt zu bringen. Eine andere Wahl blieb den Gefährten allerdings nicht.
      Die Reise nach Bourgone hatte sie alle einen kostenbaren Monat gekostet.
      Und während die Schneeschmelze einsetzte und das erste lebendige, saftige Grün durch das triste Grau des Winters drängte, schien die Heilerin Viola langsam und setig zu verwelken. Lucien wusste, das sie beunruhigend an Gewicht verloren hatte, wobei an der zierlichen Frau bereits zuvor nicht das Meiste drang gewesen war. Mit Mühe und Not hatten sie in regelmäßigen Abständen wenigestens etwas Wasser und reichhaltige Brüder in den geschwächten Leib bekommen, damit sie ihnen auf der Reise nicht verhungerte.
      Der zukünftige Regent blickte zur Seite und betrachtete Lhoris auf seinem Pferd.
      Der Elf war mit jedem Tag unruhiger und greizter geworden. Je schlechter es Viola erging, umso düsterer wurde der Schatten auf seinem Gesicht. Dabei war noch nichts verloren, auch wenn die Hoffnung mit jedem Tag ein klein wenig mehr schwand.
      Lucien öffnete den Mund, um etwas zu sagen, da brach an vorderster Spitze ihres Trosses der Jubel aus und der Prinz wusste welcher Anblick über der nächsten Anhöhe auf sie wartete.
      Hinter einem breiten Fluss - dem Adoura - und drei aus Stein gebauten Brücken, erhob sich eine Stadt majestätisch aus dem Erdboden eingebettet in massiven Fels: Die Kaiserstadt Bourgone.
      Der Palast überragte mit seiner Erscheinung und der Kuppel aus spiegeldem Glas die dagegen winzig wirkenden Stadtvillen und einfachen Wohnquartiere. Die ehrenwerten Architekten hatten vor hunderten von Jahren den Sitz des Kaisers mit dem Einsatz tausender Arbeiter unmittelbar in den Fels geschlagen. Mit den Jahren war das Bauwerk um mehrere Flügel erweiterter worde und die besten Steinmetze des freien Königreiches hatten die ehrenvolle Aufgabe mit Dankbarkeit ausgeführt. Zu beiden Seiten des Palastes strömten rauschende Wasserfälle, kontrolliert durch ausgeklügelte Mechanismen der höchsten Ingenieure die Felswand hinab und mündeten im Adoura. Die führenden Kanäle versorgten die vollständige Stadt täglich mit frischem Wasser und erstreckten sich wie ein Labyrinth durch die Straßen und Gassen. Sie versorgten die Bürger mit dem nötigen Trinkwasser und tränkten die prächtigen Gärten des Adligen sowie Nutzvieh das stellenweise innerhalb der Mauern gehalten wurde.
      Links der gläsernen Kuppel des Kaiserpalastes erhob sich ein kirchturmähnliches Gebäude mit weitläufigen Gärten, die im Sommer wunderbar nach Kräutern und Blumen dufteten. Die Kleriker der blauen Rosen blieben mit Vorliebe für sich in Stille und Gelehrsamkeit.
      Die hübschen Wohnsitze der adligen Familien und jenen, die das Glück hatten in ihrem Leben reichlich Wohlstand angehäuft zu haben, tummelten sich direkt zu den Füßen des Palastes, wie die Adligen am Rockzipfel ihres Kaisers. Hinter einer hohen Mauer standen sie, geschützt vor den Blicken und der Missgunst des einfachen Volkes.
      Im äußeren Bezirk standen die kleineren Häuser und Quartiere der einfachen Bürgerschaft dicht an dicht und präsentierten sich in einem Gewand aus grob geschlagenem, grauen Stein und leuchtendroten Ziegeldächern. Wenige konnten sich einen farbenfrohen Garten leisten, aber in den späteren Wintermonaten fiel dies kaum ins Gewicht. Wer es sich leisten konnte, besaß einen Marktstand im Zentrum der Unterstand und bot dort allerlei Waren feil und fehlte das nötige Gold führten die Händler und Handwerker aller Zünfte das tägliche Geschäft von zu Hause.
      Die ärmsten der Armen sammelte sich and en Ufern des Adoura. All der Glanz der Oberstadt und den hübschen Gebäuden konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in einer prächtigen Stadt ein Teil der Bevölkerung Hunger und Armut litt. Direkt an den verdreckten Hafenvierteln roch es säuerlich nach vergorenem Fisch und allerlei Unrat. Zwielichtige Spilunken und leichte Mädchen lockten ihre Kundschafft in einen Teufelskreis. Ein Umstand über den gerne hinweggesehen wurde solange das Elend im Hafen blieb.
      Bereits auf den Brücken war das geschäftige Treiben der Stadt zu vernehmen als der Tross sich langsam und stetig dem ersten Tor näherte. Es summte wie in einem Bienenstock.
      Lucien führte seinen Schimmel im leichten Trab an die Seite des Elfen.
      "Haltet Euch bereit, Lhoris.", murmelte er mit knirschenden Zähnen.
      Wie aufs Stichworte stoppte der gesamte Tross nach einem lauten "Halt!".
      Der Kronprinz nickte Lhoris ein letztes Mal zu um sich seinem Stand entsprechend an die Führungsspitze zu setzen.
      "Wer verlangt Einlass zu solch ungewissen Zeiten! Sprecht!", forderte eine Wache vor dem Tor.
      "Bist du von Sinnen!", zischte es neben ihm. "Siehst du die Banner nicht? Das ist die Erste Garde unter Kronprinz Lucien!"
      Vor Schreck hätte der gute Mann beinahe die Lanze in seiner Hand fallen lassen und sah mit schlotternden Knien zu dem Reiter auf dem weißen Ross auf.
      "Vergebt mir, Eure kaiserliche Hoheit!", stieß er hervor und verneigte sich so tief, dass ihr in einer schweren Rüstung beinahe vorüber fiel. "Wir werden seine Majestät gleich von Eurer sicheren Rückkehr in Kenntnis setzen!"
      Es dauerte nicht lange, da hatten die wachsamen Bogenschützen über dem Tor die Auffälligkeit in den gut sortierten Reihen marschierender Soldaten entdeckt.
      "Ein Spitzohr! Feind vor dem Tor!", hallte es von der Brüstung nieder und ein Dutzend Pfeile richtete sich auf den Elfenkrieger, an dessen Anwesenheit dank des gemeinsamen Kampfes in Beleriand keiner der Soldaten Anstoß genommen hatte. Beschämt sahen die Männer zu Boden, die sich nicht in ihrerer Heimatstadt als Feindesfreunde sehen lassen wollten. Ungehalten schnalzte Lucien mit der Zunge.
      "Lasst den Unsinn. Lhoris Farvalur reitet mit uns.", erhob Lucien das Wort. "Ich bürge für ihn!"
      Eine Person in schwerer Rüstung löste sich vom Tor und stapfte auf die Reihe aus müden und hungrigen Soldaten zu.
      "Ich traue Eurem Wort, mein Prinz. Aber bedauerlicherweise können wir keine Ausnahmen machen. Wenn dieser Elf wirklich Lhoris Farvalur, der Anführer der Weißen Garde, betritt er die Stadt nur in Ketten oder mit den Füßen voran."
      Sie hatten keine Zeit und Lucien wusste das. Ein flüchtiger Blick zu Lhoris, der dieses Problem hatte kommen sehen.
      "Also gut. Nehmt ihn in Gewahrsam.", knurrte er. "Aber hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, das verspreche ich Euch."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Einen Monat...
      Einen Monat der Geistesstille und einen Monat des unbarmherzigen Reitens, das docgh keine Besserung einer Lage brachte. Immer wieder und wieder hatte er während der Lagerzeiten seine Götter angefleht, dieses Menschenkind leben zu lassen und war vermutlich einer der ersten Elfen überhaupt dabei gewesen, die um die Verlängerung eines Menschenlebens flehte.
      Jeden Abend hatte er die seidig schwindende Hand der jungen Heilerin gehalten und jeden Morgen erneut gefürchtet, aus dem Schlaf heraus in ein bleiches, totes Gesicht zu sehen. Ihr Bäume, wie sollte er das alles nur Andvari erklären?
      Mit der Zeit des Reisens war dem Elfen ein Schatten auf der Seele gewachsen, der sich in Wut und Frust ergab, je weiter sie vom Elfenreich entfernt ritten. Immer öfter auf ihrer beschwerlichen Reise fragte er sich, warum es immer beschwerlich wurde, derartige Geister am Leben zu erhalten. Kein Gebet oder kein Zauberspruch den er kannte, schien zu helfen. Im Gegenteil. Mal zu Mal wirkte Viola schwächer.
      Dies änderte sich auch nicht als am Tage ihrer Ankunft ein Jubelschrei durch die Männer ging, als sie die Anhöhe vor Bourgone passierten.
      Und das einzige Wort, was zur Beschreibung übrig blieb, war "gewaltig".
      Man konnte den Menschen vieles vorhalten und auch einiges nachsagen, aber bauen konnten sie. Zwar nicht so geschickt wie die Zwerge oder so naturbelassen wie Elfen, aber sie bauten enorme Prachtbauten aus einfachen Materialien. So glitzerte diese Stadt um die Kuppel des Palastes beinahe in den Augen des Elfen während er auf seinem Pferd ohne Umschweife erleichtert zu der gewaltigen Hauptstadt hinauf blickte.
      Und für einen Mometn empfand auch er das Gefühl der Männer und sackte etwas im Sattel zusammen. Eine Erleichterung erreichte ihn und hätte ihm beim Anblick der vielen Häuser und Dächer angespornt, mit vollem Tempo in die Stadt ztu reiten und die Heiler zu suchen. Auf dem Wege hatte er Lucien von den Worten der Heilerin berichtet und gebeten, diese an den Ordensleiter weiter zu geben, sofern er selbst es nicht konnte.
      Aber heute war der Tag endlich erreicht, an dem er die Hauptstadt der Menschen zu Gesicht und die Hoffnung greifbar bekam.
      Sachte steuerte er sein Pferd an die Seite des Prinzen und blickte das erste Mal mit wachem Blick genau hin. Dort, wo die Oberstadt prachtvoll glänzte und das Sonnenlicht reflektierte, hauste im Schatten zu ihren Füßen die Armenviertel, die vor Dreck geradezu starrten. Welche Menschen mochten hier leben, in diesem Koglomerat von Dreck und Traurigkeit?, fragte sich der Elf und ritt schweigsam neben Lucien her.
      Auf seine Warnung hin legte er das Schwert an die Seite und berührte es nicht mehr, während sie auf das erste Tor zuritten. Neugierig betrachtete der Schwertkämpfer die Menschen und tat das, was er tun musste.
      Er richtete sich zu voller Größe im Sattel auf und überragte damit auch Prinz Lucien, der durchaus stattliche Größe besaß. Das schwarze Haar hatte er im Kriegerstil frisiert und mit Zöpfen gemustert. Die Augen des Elfen richteten sich wachsam auf die Gestalten, die den Tross anhielten.
      Noch bevor der Befehl erteilt wurde, hob er bereits die Hände im Sattel und sah zu Lucien. Dies würde ein Abenteuer.
      Erst nach der kleinen Unterredung mit dem anderen Menschen stieg Lhoris von seinem Pferd. Er glitt förmlich aus dem Sattel und gürtete sein Schwert ab. Gehorsam legte er es auf den Sattel seines Pferdes und nickte Lucien zu.
      Vorsichtig und stolz trat er vor und reckte beide Fäuste in Richtung des Mannes, auf dass dieser im Ketten anlegen mochte.
      "Ich wähle die Kette", murmelte er in der Sprache der Menschen ohne einen Akzent.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Der Torwächter beäugte sichtlich verwirrt den Elf.
      In all seinen Jahren im Dienst an den mächtigen Stadttoren hatte er noch nie ein Spitzohr erlebt, das sich freiwillig in Gefangenschaft begab und sogar die Ketten einem schnellen Tod vorzog. Dazu gesellte sich die Tatsache, dass der Fein die eigene Sprache zur Perfektion beherrschte und damit nicht klang wie ein ungebildeter Wilder. Beiläufig streckte er die Hand zur Seite aus bis ihm von einem weiteren Soldaten ein paar schwere Eisenfesseln gereicht wurden. Das metallische Klingen des Eisens schien für einen Augenblick das einzige Geräusch am Ende der prunkvollen Brücke zu sein. Die Anwesenden hielten die Luft angesichts eines erwarteten Tricks an. Zur Überraschung aller, ließ sich der hochgewachsene Elf ohne Protest die Ketten anlegen, die der Worwächter sorgsam und mit äußerster Gründlichkeit fest um die dargebotenen Handgelenke schloss.
      Es mochte die stattliche Größe und Erscheinung oder auch sein Ruf sein, der Lhoris davor bewahrte, dass man ihn wie einen Hund an den Ketten zog.
      Lhoris Farvalur war kein unbekannter Name unter vielen ehemaligen Feldsoldaten, die seit Jahren unter dem Banner des Wolfes in die Schlacht zogen. Wer an den Toren und Mauern der Hauptstadt diente, hatte seinen Sold im offenen Feld bereits erfüllt. Es war ein im Grunde friedlicher Posten bis das voranschreitende Alter das Dienstende ankündigte. Bis zu Pension konnte jeder Mann hier ein einigermaßen ruhigens Leben führen. Ein Elf vor dem Haupttor war eine mehr oder minder willkommene Abwechselung.
      Der Kronprinz blickte mit grimmiger Miene auf die Eisen, die er für unnötig befand.
      Der Gedanke, einen Verbündeten wie ein gefangenes Tier durch die Straßen zu führen, gefiel ihm nicht. Für den Moment blieb keinem der Männer etwas anderes übrig, als das Haupt vor den Gesetzen der Stadt zu beugen. Die Götter wusste wie lange es dauern würde alle Mitglieder des Hohen Rates der Stadt einzuberufen, um über den Verbleib des Elfen zu verhandeln. Ein schwieriges Unterfangen, dass wertvolle Zeit fraß wie eine Plage Heuschrecken.
      Bevor ein Fußsoldat mit gierigen Fingern nach dem Schwert des Elfenkriegers langen konnte, hatte Lucien die kunstvoll geschmiedete Klinge bereits an sich genommen. Das Schwert als Kriegsbeute zu verschachern, kam nicht in Frage.
      Lucien kam nicht umhin der Bewunderung ein wenig Raum zu geben. Der Elf schritt mit erhobenem Haupt mit der Leichtfüßigkeit und Eleganz die den Elfen nachgesagt wurde voran in die Gefangenschaft mit ungewissem Schicksal - wobei der Galgen oder das Beil sicherlich zur Wahl standen. Das verlangte den nötigen Respekt.
      Mit einem ohrenbetäubenden Knarzen öffneten sich schließlich die schweren Torflügel für die Heimgekommenen.
      Die Nachricht hatte sich wärhrend des Geplänkels schnell verbreitet und die Straßen säumten hinderte Schaulustige. Kinder saßen auf den Schultern ihrer Väter und hier und dort waren jungen Maiden getrocknete Blüten zur Begrüßung auf den Weg. Jubel begleitete den Tross aus Reitern und Fußsoldaten. Familien begrüßten die lang vermissten Väter, Ehefrauen ihre Angetrauten. Lucien konnte obgleich der Lage ein Lächeln nicht ganz unterdrücken, als er sah wie seine Männer heimkehrten zu ihren Familien.
      Mit jeder Biegung und jeder Kurve änderte sich das Bild der Stadt.
      Von einfachen Häusern und Kopfsteinpflaster gelangte der Tross in einer leichten Steigung weiter hinauf, während der Karren über das grobe Pflaster ruckelte. Unter ihren Füßen wechselte der Untergrund zu großen Steinplatte, die das Vorankommen deutlich angenehmer gestalteten, selbst zu Pferd. Die Häuserfassaden wirkten gepflegter und Tor- wie Fensterbögen wirkten reich verziert. Goldene und silberne Verzierung zeugte von Reichtum und Wohlstand in diesem Viertel, das an einen großen Marktplatz angrenzte, auf dem sich ein Großteil des Stadtgeschehens abspielte.
      An einer Gabelung kurz vor dem imposanten Palasteinganz, eingeschlossen von weißen Mauern, zügelte Lucien sein Pferd.
      Er blickte zu Lhoris, der den Kopf stolz erhoben hielt und nickte ihm zu. Lucien würde ihn nicht in einer schimmeligen Kerkerzelle versauern lassen, aber mehr als ein zuversichtliches Nicken konnte er sich nicht erlauben. Zu viele Augen ruhten am dem zukünftigen Herrscher dieser Lande.
      Der Tross teilte sich. Zumindest das, was von ihm übrig war.
      Der Gefange nach rechts, der Prinz samt Karren und Gefolge nach links eine gewundene Straße hinauf, die sie den steilen Felshang hinaufführte.

      Eine Woche später

      Die große Versammlungshalle unter der kunstvollen Glaskuppel war ein wahrlich beeindruckender Anblick.
      Zwischen den einzelnen Panelen aus Glas waren das tragende Gerüst mit Schnitzereien und wertvollem Blattgold verziert. Der Boden bestand aus wunderschönen, marmorierten Platten, die in sorgsamer Arbeit auf Hochglanz poliert worden war. Bei richtigem Licht konnten die Besucher sich beinahe darin spiegeln. Zu beiden Seiten an den Wänden voller schwerer Vorhänge und Gemälde erstreckten sich zwei tribünenartige Aufbauten auf denen sich bereits die Vertreter aller Parteien eingefunden hatten.
      Adlige, Kaufleute und hohe Mitglieder des Militärs redeten durcheinander angesichts der vergangenen Ereignisse. Wie eitele Gockel stolzieren sie über das edle, dunkle Holz und stellten ihren Wohlstand zur Schau. Offiziere und allerei hochrangige Militärangehörige mit so vielen Ehrenabzeichen an der Brust, dass sich der Kronprinz wunderte, dass niemand von ihnen vornüber über die Tribüne fiel. Er würde seine Krone darauf verwetten, dass die größte Anzahl dieser alten Männer noch nie ein Schlachtfeld geschweige denn einen Elf von Nahem gesehen hatten.
      Mit unbewegter Miene starrte er nach vorn, wo sich ein länglicher Tisch mit vier prunkvollen Stühlen befand.
      Ganz links saß der gewählte Vetreter der Kaufleute und zwirbelte an seinem höchstlächerlichen Spitzbart, während er mit einem ergrauten, älteren Herrn in edler Robe plauderte. Der Mann mit der bodenlangen Robe aus feinem, grünen Stoff war der offizielle Fürsprecher des Königs, da dieser aufgrund seiner voranschreitenden Krankheit unpässlich war. Ein Platz der dem Kronrpinzen zustand, aber bis zum heutigen Tage unter fadenscheinigen Gründen von jemand anderem gewärmt wurde.
      Ganz rechts am Tisch saß ein Vetreter des kaiserlichen Militärs, ein reich dekorierter Mann , der mit ernster Miene in den Saal blickte.
      Alles wartete.
      Eine Woche nach dem Eintreffen der Ersten Garde ließen sich die hochwohlgeborenen Herren dazu herab eine Sitzung einzubrufen.
      Sieben Tage in denen Viola nicht erwacht war. Obwohl die Heilkundigen des Ordens das Fieber erfolgreich bekämpft hatten, verweilte die junge Frau im Land der Bewusstlosigkeit. Vergebene Liebesmüh, hatten sie gesagt. Überrascht über die Neuigkeit des Prinzen, das eine einfach wenn auch talentierte Frau ihres Ordens der Magie fähig war, vermuteten die Heiler, dass es diese Kraft sein musste, die Viola überhaupt so lange am Leben gehalten hatte. Jetzt lag sie ruhig und friedlich in einem weichen Bett, umgeben von duftenden Kräutern. Am Leben. Noch.
      Sieben Tage, in denen der Elfenkrieger Lhoris in seinem Verlies vermoderte ohne Neuigkeiten da ein Besuch nicht gestattet war.
      Bei wurmstichigem Brot und trübem Brackwasser, dass selbst für die Hunde zu schlecht war. Die Feindlichkeit quoll aus jedem Winkel der modrigen Gänge. Die Wachen in den Verließen tief im Fels waren nicht zimperlich mit ihren Gefangenen, soviel stand fest. Und ein Elf, egal welchem Namen und ranges, war nicht weniger wert als eine Ratte.
      Und doch stand Lucien nun hier mit dem festen Willen zu betteln wenn es nötig war, um wenigstens ein Wort mit dem Elf wechseln zu können. Die Hoffnung, das die Kleriker schnell eine Lösung fanden, hatte sich nicht erfüllt. Mit den Tinkturen und Fläschchen aus dem ominösen Beutel konnte niemand etwas anfangen. Ratlosigkeit machte sich breit und die Akzeptanz die juneg Frau nicht retten zu können. Lhoris war der letzte Trumpf und vielleicht die einige Chance für den Elfen, sein Verlies jemals zu verlassen.
      Und Lucien selbst? Er wartete auf die Folgen seiner Befehlsverweigerung sich aus Beleriand rauszuhalten. Um diesen Punkt machte er sich gerringe Sorgen. Als Kronprinz war er beinahe unantastbar.
      "Das ist die reinste Farce.", sprach Lucien leise zu sich selbst und starrte auf den leeren Stuhl.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war immer wieder ein Erlebnis.
      Gustave Pompidou hatte den Saal bereits vor einer geraumen Zeit betreten um die Stille zu genießen, ehe man sich in unsinnige Diskussionen vertiefte. Ein Raum, so derart angefüllt von geschichtsträchtigen Entscheidungen, erschien ihm beinahe zu schade für eine derartige Farce.
      Der ältere Mann fuhr sich mit seiner massigen Hand durch die silbergrauen Haare und seufzte schwer, ehe er dem Pomp und Tand begutachtend erlag. Mehr und mehr Ratsmitglieder fanden den Weg in die Halle und stellten sich derart zur Schau, dass er kurzzeitig den Halt in seinen Gedanken verlor. Das Ratsmitglied trug einen recht langen Gehrock mit edler Verzierung, den er nur aus dem Schrank holte, wenn er hierher musste. Es gab Vieles zu erledigen, aber dieser Art Sitzungen waren ihm durchweg die Liebsten.
      Pompidou war anders als die meisten hier.
      Im Gegensatz zu den Vertretern des Militärs hatte er niemals auch nur eine Waffe angefasst. Die Kriege hatte er miterlebt, aber niemals alsm Offizier. Er war als einfacher Soldat vor über vierzig Jahren in den Krieg gegangen und hatte dort mehr verloren und gewonnen als man berichten konnte.
      Gleichzeitig war er auch nicht adelig geboren. Die Familie Pompidou war eine Familie von Handwerkern. Metallarbeitern wenn man es genau nahm. Seine Jugend hatte der achtundfünfzigjährige Mann an einem Amboss verbracht und Metalle zurecht gehauen. Während die anderen Jungen balgten und ihre Kräfte maßen, fertigte er kunstvolle Ringe und Schmuck an, die ihn in den Herzen der meisten durchaus wahrnehmbar machten.
      Und doch...
      Selbst als er hier stand und seinen Platz einzunehmen gedachte, hob er sich deutlich ab. Das Haar war nicht ordentlich mit Pomade gestreckt, es war vielmehr gekämmt und lockig auf seine Schultern fallend. Der Bart war nicht ordentlich gestutzt, da ihm das Geld dazu fehlte. Er wirkte eher ein wenig wild im Vergleich zu den anderen. Und doch blitzte hinter den warmen, braunen Augen des Mannes eine nicht zu verachtende Intelligenz auf, mit der er den Raum beobachtete und einschätzte.
      So ergab es sich auch nicht zufällig, dass er zu Prinz Lucien trat und lächelnd den Platz an seiner Seite stehend einnahm, wärhend er zum Podium hinauf sah.
      "Selten sprach jemand wahrere Worte", bemerkte er mit einem Augenzwinkern. Das angedeutete Lächeln fand sich nur in seinen Augen wieder. "Wir haben gewartet...Auf Eure Rückkehr, Prinz Lucien. Auch wenn man es Euch verbot, so war mir bewusst, dass Ihr Euch des Befehles verwehren würdet. Sagt...Hattet Ihr Erfolg? Man hört von einem Elf in den Kerkern, der sich nicht rührt und kein Wort sagt. Habe selten den Feind derart ruhig erlebt."


      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ungeduldig beobachtete Lucien die Ratsmitglieder.
      Mit bemerkenswerter Ruhe, die der Kronprinz in diesem Augenblick nicht besaß, nahmen die edlen Herren und Vertreter der Stadt langsam ihre Plätze ein. Das Rascheln edler Stoff und das klimpern von wertvollem Schmuck und Taschen voller Münzen verklang zu einem stillen Flüstern. Neugierige Blicke richteten sich auf den Prinzen in der Mitte, der sich wie auf dem Präsentierteller neugiergen Augen und Ohren ausgeliefert sah. Lucien war bewusst welche Gerüchte seine Person verfolgten. Zu seiner Schande gehörte lange Zeit ein gewisses Maß an Diskretion nicht zu seinen herausragenden Talenten. Vergnügungen aller Art hatten die Leere und Machtlosigkeit nur dürfit betäubt und nicht lange genug. Kurz davor der unnötigen Warterei ein Ende zu machen, ohne die minutösen Abläufe der Ratsitzung den nötigen Respekt zu zollen, rettete ihn eine vertraute Stimme vor einer närrischen Dummheit.
      "Was sicherlich dem Umstand geschuldet ist, dass Lhoris Farvalur nicht als Gefangener an meiner Seite reiste und sich lediglich freiwillig in Ketten begeben hat um eine Aufruhr zu vermeiden. Was die edlen Herren wohl bereits vergessen haben.", presste Lucien zwischen den Zähnen hervor, während seine Kiefer uneduldig mahlten und regelrecht vor Ungeduld knirschten.
      Ein tiefer Seufzer entkam ihm, ehe er die verkrampften Kiefer etwas enstpannte.
      "Verzeiht, Gustave.", fügte er weniger ungehalten hinzu. "Ich vergesse meine gute Erziehung."
      Die Stille im Hintergrund schrie lauter als das zuvor herrschende Durcheinander, als sich eine hochgewachsene Gestalt aus dem hinten Teil des reichverzierten Saals löste. Lucien hörten jeden bedächtig gesetzten Tritt der hohen Absätze auf dem glattpolierten Stein. Die Robe war von einem tiefen Rot verziert mit wertvollen Goldfäden, was dem Stoff einen eleganten Schimmer verlieh. Entgegen der langläufigen Meinung steckte hinter der allumfassenden Macht des Rates kein reicher Kaufmann, Offizier oder Edelmann.
      Die Comtesse de Beaufort schritt mit der Eleganz einer falschen Königin zum Podium hinauf. Die schimernden, goldenen Haare fielen ihr weit über den Rücken und erreichten beinahe die Höhe ihres Gesäßes. Es war ein gut gehütetes Geheimnis warum die Dame jenseits ihrer frühreren Jugend noch kein einziges, graues Haar besaß. Das edle Gesicht von den ersten Anzeichen des Alters gezeichnet, strahlte dennoch eine beneidenswerte jugendliche Schönheit aus, dass selbst das jüngere Mannsvolk sich den Hals verrenkte.
      Der Ruf einer schwarzen Witwe eilte der Erbin eines nicht unbeachtlichen Vermögens voraus, waren ihre beiden Ehemänner doch unter tragischen Umständen ums Leben gekommen. Allerdings wagte niemand den Gerüchten zu viel Gehör zu schenken, seit die Comtesse nach dem Verscheiden ihres letzten Ehemannes den mächtigsten Ratssitz geerbt hatte. Frauen waren im Rat nicht verboten, aber selten.
      Und es war ein offenes Geheimnis, dass Isabelle de Beaufort bereits zu Lebzeiten ihres Ehemannes den König umschwirrt hatte wie eine Biene den Honig.
      Die Frau schritt an Lucien und Gustave vorbei, wobei sie die Männer keines Blickes würdigte.
      Das teure Parfüm aus süßen Rosen und Lilien erfüllte beinahe augenblicklich den gesammten Raum.
      Alle Besucher der heutigen Sitzung erhob sich und wagten erst wieder Platz zu nehmen, als die Comtesse ihren Sitz eingenommen hatte.
      "Prinz Lucien, wir sind erleichtert und höchst erfreut Euch bei bester Gesundheit in unserer bescheidenen Mitte begrüßen zu dürfen.", begann die Comtesse mit der seidigen Stimme einer Sirene. "Wir haben jeden Tag darum gebeten die Götter mögen Euch sicher in die Heimat zurückführen, wo wir Euch doch ausdrücklich über die Gefahr dieser Unternehmung hingewiesen hatten."
      Allein das strenge Protokoll und die Befürchtung weiterer Verzögerung sollte er die Comtesse verärgern, brachten Lucien dazu eine angemessene Verbeugung zu vollführen.
      "Comtesse de Beaufort, ich danke Euch für eure herzlichen Worte und eure Gebete." erhob Lucien das Wort und zügelte seine Ungeduld. "Verehrte Comtesse, verzeiht mir, doch ich muss zur Eile drängen. Ich bin heute vor diesen erlauchten Rat getreten um..."
      "Wir wissen warum Ihr seid, Eure Hoheit.", unterbrach die Frau ihn mit erhobener Hand." Ihr verlangt nach der Freilassung des Elfen in Eure Verantwortung, weil ihr hofft dadruch einer Deserteurin und Blutsverräterin das elendige Ende zu ersparen, dass die Götter für Viola de Clairmont vorgesehen haben. Seid dankbar dafür, dass wir Baron Lemaire nicht gestatten sie eigenhändig zu erwürgen, wie er es in seinem Wunsch nach Gerechtigkeit verlangt hat. Wir sind keine Barbaren."
      Die zuvor samtige Stimme hatte an Lieblichkeit eingebüßt. Ein schwere Stille breitete sich aus.
      "Ungehorsam, Befehlsverweigerung, ein Bündnis mit dem Feind...", fuhr sie fort. "Ihr habt einen Elf vor unsere Tore ins Herz unseres Reiches gebracht. Soll ich fortfahren?"
      Der Kronprinz sah ihn verschlossene Gesichter wohin er auch blickte. Sein guter Wille das Richtige zu tun, hatte ihm am Ende nur Steine in den Weg gelegt.
      "Edle Herren.", sprach Lucien. "Viola de Clairmont ist eine fähige und geschätzte Heilerin des Ordens. Viele Soldaten verdanken dieser Frau ihr Leben. Diese Frau hat nie einer Fliege etwas zu Leide getan, geschweige denn den Mord an Hauptmann Lemaire begangen. Ist es das, wofür dieser Rat stehen möchte? Eine Unschuldige ohne die Möglichkeit gehört zu werden, sterben lassen? Sagt mir, wo ist die Gerichtigkeit darin, Comtesse?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Eine ganze Weile lang lauschte Gustave dem Prinzen und lächelte müde als dieser einen leicht zischenden Ton an den Tag legte. Er konnte es gut nachvollziehen. Sicherlich, die Elfen hatten ihnen allen viel Leid eingebracht und ihrerseits nicht gerade gnädig zu den Soldaten ihrer Majestät gestanden. Und doch...Irgendetwas sagte Gustave, dass ein jedes Volk das Recht auf seine Meinung und sein Begehren hatte. Weshalb sollte man also ein ganzes Volk über den Kamm scheren? VIelleicht gab es ja redliche Elfen unter ihnen? Und glaubte man den Gerüchten, so hatte der Elf im Kerker niemandem auch nur ein Haar gekrümmt oder ein beleidigendes Wort gesagt. Er war einfach dort und wartete stumm. Als hatte er sein Ziel erreicht und warte nur auf das ende.
      "Macht Euch keine Sorgen, Prinz", grinste der alte Berater und klopfte dem Prinzen auf die Schulter. "Wir alle sind Teil dieser großen Farce. Die Frage ist nur, wer den ersten Mattzug spielt."
      Grinsend nahm er seinen Platz ein als die Comtesse an ihnen vorbei geschritten war. Es war ein offenes Geheimnis, dass ihre Jugend von scheinbar ewiger Dauer erschien, während ihr Gemüt eher dem eines wild gewordenen Bären ähnelte. Auch dieses Mal wirkte sie wieder kalt wie die Eisblöcke des Südens.
      Langsam wanderte der Berater zu seinem Stuhl und wartete die Rede der Comtesse ab, ehe er sich niederließ.
      Dem ersten Wortwechsel lauschend bemerkte er etwas, was nicht stimmte. Weshalb wurde um das Leben eines Elfen und einer Heilerin derart gefeilscht? Es war töricht, gar weit hergeholt, aber konnte es sein, dass es eine tiefere Verbindung gab?
      Gustave lauschte und räusperte sich zum Ende hin.
      "Wenn ich mir wohl erlauben dürfte...", begann Gustave mit tiefer, kräftiger Stimme. "Alle diese Verbrechen, die Ihr bezichtet, hat der Prinz wohlwollend begannen. Dies ist unstrittig, hohe Damen und Herren. Und doch...Es verwundert mich, dass ein junger Mann, hochdekorierter Soldat und gleichsam Thronerbe, diese Gesetze nicht zu kennen weiß. Ich denke also vielmehr, dass ein gewisser Vorsatz dahinter schwebt, der bisher noch nicht besprochen wurde...Ist dem so, Prinz Lucien?"
      komm schon Junge..., dachte Gustave. Gib mir etwas...

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Mit versteinerter Miene blickte Lucien zum Podium auf.
      Der Widerstand der Comtesse war ein Problem, mit dem der Kronprinz gerechnet hatte. Allerdings war ihre Beharrlicht, ihn offensichtlich langsam in Richtung eines offiziellen Kriegsgerichts zu drängen, erschreckend. Eine derartige Offensivität hatte sich die Comtesse de Beaufort vor seinem unerlaubten Abzug aus Bourgone nicht erlaubt. Im Umkehrschluss konnte dies nur bedeuten, dass es um die Gesundheit und geistige Verfassung des Kaiser, seines Vaters, schlimmer stehen musste als zunächst angenommen. Die Machtgier dieser Frau kannte keine Grenzen, auch wenn sie es hinter einem kühlen Lächeln und dem Gesicht einer Porzellanpuppe verbarg.
      Die Rettung kam unerwartet, aber war dem Prinzen umso mehr willkommen.
      Welche Beweggründe Gustave Pompidou auch dazu veranlassten den scheinbar in Ungnade gefallenen Thronerben zur Seite zu eilen, waren gerade Luciens gerringste Sorge. Er würde den letzten Strohhalm annehmen, der ihm gereicht wurde.
      "Zu meinem Bedauern habt Ihr in diesem Punkt nicht ganz Unrecht, Ratsmitglied Pompidou.", begann er während die edlen Gesichtzüge ein wenig an Farbe verloren. Das Thema, dass er anzusteuern wagte, schien recht heikel zu sein.
      "Während der Patrouille an der Grenze des Niemandslandes bin ich auf einen unverhofften Verbündeten gestoßen. Prinz Andvari Valverden lebt und führt eine nicht unerhebliche Rebellion gegen König Oberon zu Felde. Wir stammen aus unterschiedlichen Völkern, aber uns verbindet das ehrenvolle Ziel diesen blutigen Krieg zu beenden. Ich kämpfte an seiner Seite in Beleriand, hohe Damen und Herren, und bereute es keinen Augenblick. Als Zeichen des guten Willens des Hauses Bourgone überließ ich ihm das Siegel des Kronprinzen. Das macht ihn als meinen Verbündeten unanfechtbar."
      Ein Raunen erhob sich im Raum, Menschen erhoben sie voller Empörung von ihren Plätzen.
      Die Comtesse sah den Kronprinzen an als wollte sie mit bloßen Hände seine Schultern von seinem Kopf erleichtern.
      Bevor die erbosten Stimmen zu laut wurden, fuhr Lucien fort.
      "Viola de Clairmont beschützte die Bewohner Beleriands mit ihrem Leben, wo das eigene Königreich diese Menschen im Stich ließ.", sprach er mit fester Stimme. "Ich gab Prinz Andvari mein Ehrenwort als Euer Kronprinz und zukünftiger Regent, dass dieser Frau, die er trotz des bösen Blutes zwischen unseren Völkern als die seine erwählte, nichts geschieht. Stirbt diese Frau ist unsere einzige Chance auf Frieden seit einhundert Jahren dahin. Lhoris Farvalur begleitete uns trotz der Gefahr um sein eigenes Leben, um über die Gefährtin seines zukünftigen Königs zuwachen nicht um einen Meuchelmord zu begehen. Er wandte sich von König Oberon ab. Sagt mir, soll das Königshaus der Bourgone für seine Wankelmütigkeit und Treulosigkeit in Erinnerung bleiben oder für das Haus, dass den Frieden brachte?"
      Lucien mochte ein wenig übertreiben, aber die gelangweilten Kaufleute und Adligen hatten eine Schwäche für große Worte.
      Er ließ weg, dass Lhoris einer der Elfen war, die Andvari in Milan befreit hatten.
      Er verschwieg die Legende und die Existenz der Blutlinie der Lichtrufer.
      Und er behielt Violas neugewonnene Fähigkeiten unter verschluss. Es reichte ihr den Blutsverrat aufzubürgen. Den Ruf einer Hexe brauchte es im Augenblick wirklich nicht.
      "Das ist lächerlich...", kommentierte die Comtesse Beaufort den Vortrag. "Ein Bündnis wird nie von Erfolg gekröhnt sein. Nicht ein einhundert und nicht in zweihundert Jahren. Denkt ihr wirklich das ein dahergelaufener Bastard unsere Chance auf Frieden ist?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”