[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Wenn es einen Moment gab, indem pure Überraschung in den Gesichtern der leicht erschöpften Elfen stand, so war es dieser.
      Zum einen waren es diese Linien, die Andvari selbst noch nie gesehen hatte. Auch wenn sie Ähnlichkeit mit seinen Tätowierungen hatten. Er hoffte nur, dass die Ursache und Wirkung der Lichtlinien gnädiger war. Gleichsam auch die Erzählung der Stimme, die beide Elfen verstummen ließ, als haben sie erneut von Sylvars Tod erfahren.
      Lhoris schüttelte nur sprachlos den Kopf und sah Viola mit großen Augen an, während Andvari weiterhin ihren Rücken streichelte und konzentriert zum Feuer sah.
      "Ich habe ehrlich gesagt nie davon gehört", gab der Weißhaarige zu und die Besorgnis seiner Stimme ließ sich beinahe nicht wirklich verstecken. Wenn Dinge anfingen zu sprechen, war es zumeist ein schlechtes Zeichen. "Sicherlich gibt es Legenden und Sagen, dass dieses Schwert besonders in sich sei, aber dass es dieser Art von Fähigkeit besitzt habe ich nicht gewusst...AUch in den Aufzeichnungen meiner Mutter war dies nicht vorhanden. Was summt diese Frau denn? Und was sagt es?"
      Lhoris nickte und sah Viola erwartungsfroh an. Das wurde immer bunter mit diesen Schwertern...Einer verrückter als der andere.


      In der Nähe Beleriands - einen Tagesritt entfernt


      Der Große und der Kleine überquerten die Mündung des Flusses behände auf einem kurz angebauten Floß.
      Hierbei wurde deutlich, wie gewaltig der Größenunterschied der beiden schweigsamen Gesellen war, als sie ihre Füße wieder auf festes Land und die Handelsstraße setzten.
      "Ick kann die Elfen riechen, wa?!", knurrte der Kleine, während der Große nur grunzte.
      "Wird Faolan nüsch jefallen, dass sein Bruda wieda so aktiv is, wa?"
      "Ein Jedes wird sich finden, mein Sohn."
      "Ick bin nüsch dein Sohn, det kannste dir ma janz schnell irjendwo anne Backe nageln, du Trollkopp."
      "Beleidigungen bringen dich nicht wei-"
      Er hielt inne.
      Der Große blieb mit einem Mal stehen, sodass der Umhang leicht im Wind wehte, der ihn zur Gänze verbarg. Der Kleine tat es ihm in der selben Reflexstärke nach. Aber das einzige, was beide beunruhigte, waren die Augen, die sie erspähten und beobachteten. Dort hinten, unweit des Weges, lauernd im Unterholz und gut getarnt, spürten sie beide die Anwesenheit eines Spähers.
      "Kieck ma...", flüsterte der Kleine. "Wir könnten..."
      Sein Griff ging unsichtbar an die Rückseite seiner verschleierten Waffe, doch der Große breitete eine seiner Hände aus um ihn anzuhalten.
      "Lass es mich vollenden, Sohn", murmelte er und das Lächeln unter der Kapuze wurde breit.
      In der nächsten Sekunde war er verschwunden.
      "Oh je...Na dit kann wat werdn...", murmelte der Kleine und wanderte in Richtung der Augen, die jetzt überrascht wurden.
      Mit einem gewaltigen Donnern kam der Große neben einem Elfen auf, der im Unterholz gekauert hatte. Grünlich braun gekleidet und mit beschmiertem Gesicht hatte er sich im Dornengestrüpp des Weges verborgen und sorgsam protokolliert, welche Schritte die beiden Reisenden unternahmen. Als wäre dies nicht genug, so hatte er sich gerade erheben wollen, als er bemerkte, dass er bemerkt worden war.
      Doch zu spät...
      Hinter ihm stand der größte und gewaltigste Mann, den der Späher jemals gesehen hatte. Sollte er an die Zwei Meter messen? Womöglich sogar mehr. Sein Schatten der breiten Schultern verdunkelte die Sonne, die ihm nicht mehr ins GEsicht schien und sein weißes Gesicht nicht mehr wärmte.
      "Ach, du armer Irregeleiteter...", murmelte die tiefe, basslastige Stimme des Mannes und eine tellergroße, kräftige Hand schälte sich aus dem Umhang und lüftete kurz die Kapuze. Das erstaunliche an dieser Hand war nicht zweifellos ihre Größe, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Knöchel mit Eisen bewehrt waren, das mit der Haut verwachsen war. Eine eiserne Faust.
      "Du...", flüsterte der Späher und fand sich auf den Knien wieder. "Bitte, ich...Ich bin nur ein einfacher..."
      "Ich weiß...", brummte der Große und streichte über den Kopf des Elfen. "Ich vergebe dir..."
      "Was? Verge-"
      Der Schlag, welcher mit einer Urgewalt das Gesicht des Elfen traf, hallte wie ein Kanonenschuss im Wald wider. Vögel riss es aus den Wipfeln und ein Wolf lief fiepend davon, während der Körper des Elfen puppengleich durch die Bäume schlug und diese fällte, ehe er an dem vierten der Bäume zum Liegen kam.
      "Friede sei mit dir", flüsterte der Große und begab sich wieder auf den Weg. "Ich bin wunderbar..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Zu oft in den vergangenen Tagen hatte Viola geglaubt, beim mysteriösen Klang der geflüsterten Stimmen den Verstand verloren zu haben.
      Fremde Stimmen zu hören, die niemand anderes wahrnahm, war ein beunruhigendes Zeichen. Mit der Zeit empfand die Heilerin das Flüstern beinahe als tröstlich und weniger gefährlich. Keine Silbe, ob glasklar formuliert oder untergegangen wie im sanften Rascheln der Baumwipfel, fühlte sich wie eine Bedrohung an.
      "In Telerin konnte ich das Flüstern zum ersten Mal hören.", fuhr sie fort und griff dabei bestimmend nach Lhoris' Händen, als der Schwertbruder Andvaris keine Anstalten machte sich zu bewegen. Behutsam schälte Viola das verkohlte Leder von der Haut und fand darunter hässliche Verbrennungen, die zwar nicht lebensbedrohlich waren aber schmerzhaft sein mussten. Ein reuevolles Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab, ehe sie mit den Fingerspitzen mit vorsichtig und hauchzart über die gereizte Haut fuhr. In kleinen Kreisen bewegten sich ihre Finger über den Handrücken zu den einzelnen Knöcheln jedes Fingers. Viola wusste und fühlte, wie sich die verbrannte Haut unter ihren Berührungen kühlte und langsam aber stetig in ihren unversehrten Zustand zurückkehrte.
      "Nachdem ich mich aus Vaerils Griff befreien konnte, haben sie mir gesagt, was ich tun muss.", erzählte Viola und betrachtete die geheilte Hand von alles Seiten, als suche sie nach einem vergessenen Fleckchen Haut. Erst, als sie zufrieden mit dem Werk war, nahm sich die junge Frau die andere Hand vor und duldete auch dieses Mal keinen Protest. "Nun ja, es waren keine verständlichen Worte eher eine...Eingebung. Vaeril hätte mich getötet, wenn ich den Schild nicht beschworen hätte. Sie haben mir das Leben gerettet, deswegen glaube ich nicht, dass die Stimmen, wer immer sie sind, eine Gefahr sind."
      Die zweite Hand des schwarzhaarigen Elfen erhielt dieselbe umsichtige Behandlung. Es war das Mindeste, das sie für ihn tun konnte.
      Die Beschwörung der Aura fiel Viola tatsächlich leichter, aber die Entkräftung des Körpers ließ sich kaum noch leugnen. Etwas schwerer sank die Heilerin zurück gegen Andvari und schloss geschwächt die Augen. Die Augenlider fühlten sich furchtbar schwer an.
      Bei den Fragen des Elfenprinzen zog Viola nachdenklich die Augenbrauen zusammen und griff nach seiner Hand, um ihre Wange in seine warme Handfläche zu schmiegen.
      "In friedlichen Augenblicken, wenn uns eine Atempause vergönnt war, habe ich mich etwas gefragt. Wenn Dandelost eine Verbindung mit dem Herz eingeht, dass sich als würdig erweist - und ich denke, das tut es - vielleicht bleibt ein Teil dieser Person, eine Erinnerung, im Kern zurück. Alle, die mit voraus gingen. Und diese Melodie..."
      Viola hauchte einen Kuss in die Handfläche an ihrer Wange und seufzte leise. Sie war müde.
      "...klingt traurig und tröstend zugleich. Jedes einzelne Mal spüre ich diese Wehmut, als vermisse sie etwas. Es klingt wie ein Schlaflied. Die Stimme dieser Frau war es, die mich in Telerin gerettet hat. Ich solle aufstehen, sagte sie. Ich habe die Stimmen jedes Mal gehört, wenn wir in Gefahr waren. Ein Flüstern und Murmeln. Aber eigentlich stellen sie mir die meiste Zeit nur eine Frage."
      Viola blinzelte träge, während ihr Kopf zurück gegen Andvaris Schulter fiel, doch die Augenlider weigerten sich zu gehorchen.
      Bevor der Schlaf ihr das Bewusstsein raubte, flüsterte sie noch leise Worte in den Raum, der erfüllte war vom Knistern des Feuers.
      "Was bist du bereits zu geben, um die zu schützen, die du liebst?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Beide Elfen lauschten den Worten der Menschenfrau und waren sich gleichsam nicht sicher, wie das ganze einzuschätzen war. Lhoris wehrte sich nicht, als man seine Hände von den Handschuhen befreite, obgleich die Verletzungen beinahe zu vernachlässigen waren. Erstaunlicherweise heilten die Wunden in rasanter Geschwindigkeit zu, nachdem die BErührungen der Heilerin so federleicht von dannen zogen. Und wie wundersam kühlend sie waren...
      Beinahe hätte sich der Schwertkämpfer ertappt und die Augen geschlossen, da das Angenehme dem Nützlichen durchaus überwog, aber er riss sich zusammen, während draußen ein Windzug heulte.
      War das ein Kanonenschlag gewesen?
      Beide Elfen sahen zeitgleich nach Süden durch das Fenster, aber gleich danach wieder zu Viola.
      Andvari genoß die Wärme ihrer Berührung ebenso und legte seine Hand auf ihre, während er ihren Körper beinahe schützend an sich drückte. Doch den besorgten, gerade zu grimmig entschlossenen Gesichtsausdruck wurde er nicht los. Er verstand zu wenig von Magie um das alles begreifen oder erklären zu können. Fakt war nur, dass es nicht gut war, auch wenn die Stimmen hilfreich waren...
      "Es ist möglich", murmelte Andvari. "Magische Artefakte haben durchaus diese Fähigkeit, wenn man es herunter bricht. Aber inwieweit dieses Schwert dies kann, vermag ich nicht zu sagen."
      Schweigend sahen ihr beide Elfen zu wie sie in den Schlaf sank und sahen sich anschließend an. Der Raum schien kleiner zu werden, je länger sie hier Zeit verbrachten. Es konnte aber auch nur die Gewissheit einer dräuenden Gefahr sein.
      "Denkst du, es sind böse stimmen?", fragte Lhoris schließlich, seine Stimme ein schneidendes Schwert in der Stille.
      Andvari schüttelte den Kopf.
      "Das Wispern...DAs Wispern einer Frau..."
      "Denkst du es ist..."
      Andvari schüttelte den Kopf. Konnte es sein? Konnte das Mädchen, dass Steinen Namen gab wieder zurückgekehrt sein? Zumindest in Form einer Schemens?
      "Ich weiß nicht, wer es ist", log Andvari und behielt seinen Verdacht für sich. Manches blieb besser unausgesprochen. Zumal es nur VErmutngen blieben.
      "Sei's drum. Lassen wir sie ein paar Stunden ruhen", sagte er und sah zum Fenster. "Hast du es eben auch gespürt?"
      Lhoris nickte.
      "Ich gehe auf Pirsch", sagte der Schwarzhaarige und griff nach seinem Schwert. "Ich habe kein gutes Gefühl, Andvari...Das alles hier wird ein Massaker wenn uns nichts einfällt...Das sind Bauern dort."
      Der Prinz nickte wehmütig und fühlte sich innerlich leer. Gott, es musste doch einen Weg geben...Er entließ seinen Adjutanten in die eisige Kälte des Tages und blieb nachdenklich zum Schwert blickend mit Viola zurück.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Hinter dem getrübten Fensterglas erstreckte sich nichts als nächtliche Dunkelheit.
      Es mochten wenige Stunden vergangen sein und als sich Violas Augen flatternd wie die zerbrechlichen Schwingen eines Falters öffneten, war die Nacht noch immer präsent. Das Erwachen kündigte sich schleichend an durch ein sanftes Stocken des Atems uns dem unwillkürlichen Zucken des Körpers nah an Andvaris Brust. Der Boden unter ihnen war kühl uns staubig, doch das Feuer warm und der vertraute Körper des Elfen an ihrem warm und einladend. Die Versuchung war groß einfach die Augen wieder zu schließen und sich der eisigen Nacht noch etwas zu entziehen. Ein Seufzen verließ ihre Lippen, während sie die Wange gegen seinen Wams schmiegte und die Nasenspitzen gegen das starke Brustbein drückte. Viola atmete den Geruch von Wald und frischem Holz an, den sie mit Geborgenheit verband.
      Ein unwilliges Brummen folgte und die Hände der schlaftrunkenen Heilerin entwickelten ein Eigenleben. Aus dem ruhenden Platz in ihrem Schoß bewegten sich erwärmte Finger über den von Körperwärme durchdrungenen Stoff die Rippen hinauf. Sanft gruben sich ihre Finger in das Kleidungsstück und Fingerspitzen drückten sich in den Schwung der Rippenbögen.
      "Wie lange habe ich geschlafen?", murmelte sie gedämpft in seinen Wams.
      Ohne ersichtlichen Fokus glitt der Blick verschlafener Augen in Richtung der Fenster, durch die keinerlei Licht drang außer der fahle Schein des Wintermondes. Langsam löste sich das vom friedlichen Schlaf gerötete Gesicht aus seinem behaglichen Versteck an der Brust des Elfenprinzen. Der Kopf sank nach hinten in den Nacken, um einen ersten Blick in das vertraute Gesicht des Elfen zu werfen.
      Lhoris war verschwunden. Nichts in ihrem Augenwinkel deutete auf seine Anwesenheit hin.
      "Ist Lhoris gegangen?", fragte junge Frau deren Stimme langsam aber stetig einen wacheren Klang bekam. Der Schwertkämpfer hatte sich seit seiner Wiederkehr wie ein Schatten um seinen Herrn und Schwerbruder herum bewegt. Versteckt und vor dem sehenden Auge verborgen mit einem Talent, dass selbst jeden Schattenläufer vor Neid erblassen ließ. Wenn er gegangen war, musste es einen Grund dafür geben.
      "Andvari? Ist etwas passiert?", stellte sie die nächste Frage und setzte sich dabei etwas mehr auf, einerseits um ihren Gefährten besser ansehen zu können und andererseits, weil ihre Gelenke und Gliedmaßen sich nach dem langen Verweilen in sitzender Position steif anfühlten. Seufzend streckte sie die Beine von sich.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Violas ruhendes Gesicht zu beobachten mochte für die Meisten ein Anzeichen fehlender geistiger Gesundheit sein.
      Doch für den Elfenprinzen, der alleine in den letzten Monaten gleichsam gewonnen wie unendlich viel verloren hatte, erschien dies jetzt genau das Richtige.
      Er hatte nicht einmal gemerkt, wie die Nacht über sie hereingebrochen und durch die Ritzen und Falten des Hauses gekrochen war. Das Feuer wärmte noch ein wenig und ihr Duft stieg ihm in die Nase ehe er die ersten wachenden Zuckungen von ihr bemerkte. Und wie herrlich es sich anfühlte, ihre Finger auf seinem Wams zu spüren.
      Sachte legte er seinen Arm um sie und drückte sie noch etwas an sich, ehe die Zeit zu schnell verflogen und dem dräuenden Tag Platz gemacht hatte.
      Seine Hand fuhr sachte über ihren Scheitel, als er ihn küsste und grinsend sah er hinab.
      "Ein paar Stunden nur", murmelte er und sah aus dem Fenster. Nun, das war dezent gelogen. Es war fast der ganze Tag. "Lhoris ist auf die Pirsch gegangen. Wir haben als wir deine Kanäle geweitet haben, ein Ungleichgewicht in der magischen Verteilung gespürt. Jemand Starkes ist auf dem Weg hierher und ich denke, er wollte sichergehen, dass es nicht bereits die Armeen meiner Brüder sind."
      Oder gar die Brüder selbst. Andvari fragte sich, was schlimmer war.
      Andvari half Viola sich aufzurichten, ehe er scih selbst erhob um seinen Rücken zu strecken. Ein sanftes Knacken hallte durch den Raum während er sich umsah.
      "Es ist alles in Ordnung, Liebes", murmelte er, es selbst nicht glaubend. "Dennoch glaube ich, dass wir langsam in die tröstenden Arme von Tilda zurückkehren sollten, nicht wahr?"
      Für einen Übungskampf war morgen auch noch Zeit. UNd wenn die Ankömmlinge bereits so nah waren, war Andvari lieber in der Nähe der MEnschen.
      "Wie geht es dir?", fragte er schließlich und streckte seine HAnd aus um ihr aufzuhelfen.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ein Ungleichgewicht im magischen Gefüge der Welt klang in den Ohren der Heilerin mehr als beunruhigend.
      Die Vorstellung, dass Faolan oder Lysanthir viel schneller eintrafen als vermutet, jagte einen eiskalten Schauer über den Rücken. Violas eigene Aura war nicht sensibel genug um derlei Veränderungen zu spüren. Das musste sie auch nicht. Es reichte vollkommen aus, dass eine solche Machtverschiebung Andvari und seinen langjährigen Schwertbruder in Besorgnis versetzte. Trotzdem verlor die Heilerin das merkwürdige Gefühl nicht, dass der Elfenprinz etwas verschwieg. Dabei wäre es nicht zum ersten Mal und eigentlich sollte sie mittlerweile daran gewöhnt sein. Sylvar und Andvari waren sich bezüglich der Geheimniskrämerei sehr ähnlich. Keiner von beiden gab je mehr Preis, als notwendig war. Ein Umstand, den sie bereits lange akzeptiert hatte.
      Seufzend strich Viola das im Feuerschein glühende Haar zurück und ergriff die angebotene Hand dankbar.
      Schwerfälliger als ihr lieb war, zog sich Viola auf die wackeligen Beine und kam sich dabei vor, wie ein neugeborenes Rehkitz, das gerade das Laufen lernte.
      "Denkst du es wäre möglich, dass die Armeen in so kurzer Zeit den Fluss überquert haben?", fragte Viola und dachte an den gefangenen Dunkelelf in der baufälligen Scheune. Vielleicht wusste er doch mehr, als er unter Schmerzen zugegeben hatte. Vielleicht war die Gefahr näher als gedacht.
      Beiläufig klopfte die Heilerin den Staub von ihren Beinkleidern und fröstelte je weiter sie sich vom Feuer entfernte.
      Über die Schulter warf sie einen Blick zu Andvari, während sie blind nach dem gefütterten Winterumhang griff, um sich für die nächtliche Kälte des Waldes zu rüsten. Sicherlich war es klüger den Schutz der Stadt zu suchen, war er auch noch so gering.
      "Hoffen wir, dass sie noch keinen Graben um ihre Taverne gelaufen hat.", schmunzelte Viola und zeigte endlich ein vertrautes, warmes Lächeln auf den Lippen. Die Vorstellung der ungeduldig wartenden und schnaubenden Schankdame war schon ein wenig amüsant. Tildas Herz saß am rechten Fleck.
      Die Heilerin schlüpfte in den Winterumhang und griff entschlossen nach Dandelost. Eine Welle der Erleichterung durchströmte Viola, denn die Elfenklinge fühlte sich nicht fremd in ihren Händen an. Für eine Sekunde hatte sie die Befürchtung gehegt, es könnte sich etwas verändern. Mit eine liebevoll anmutenden Geste strich sie über die gläserne Klinge und ließ das Schwert schlussendlich unter ihrem Mantel verschwinden. Das es noch da war, bestärkte sie in dem Glauben, dass auch Andvari die mysteriösen Stimmen nicht als Bedrohung ansah.
      "Es geht mir gut, eigentlich.", zögerte Viola etwas und suchte nach den richtigen Worten. "Mein Körper fühlt sich schwer an, als könnte ich noch Ewigkeiten schlafen. Komm, wir sollten Tilda nicht warten lassen, bevor sie uns eigenhändig suchen kommt."
      Der Weg zurück nach Beleriand war eisig und finster, aber die Lichter der Stadt in der Ferne lockten mit einem flackernden Feuer, einem verspäteten Abendessen - Tilda hatte gewisse etwas aufgehoben - und einem warmen Bett. Dass sie einen ganzen Tag verschlafen hatte, war Viola nicht bewusst.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Schweigsam sah der Elf zu seiner Geliebten und schüttelte den Kopf. Es war im Grunde nicht möglich, dass die Armeen bereits jetzt den Fluss überquerten. Aber wer konnte dann...
      "Nein, ich denke nicht, ehrlich gesagt", murmelte Andvari während er die wenige Habe zusammenpackte, die sie mitgebracht hatten. Schweigsam reichte er Viola ein Stück Brot für den Weg, das einem kleinen Fladen ähnlich sah. Manche nannten es Baumbrot, andere jedoch einfach Brot. Es ähnelte sich nur in dem Sättigungsgehalt.
      Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück in die Stadt und begaben sich auf denselben kleinen Feldweg, den ihnen erst am Morgen diese merkwürdige Frau gezeigt hatte. Andvari ging voraus, da er noch den sichersten Tritt zu haben glaubte und folgte sicher dem Weg im Schnee. Der Himmel hatte sich bereits verdunkelt und jetzt, wo er die Sterne sehen konnte, kamen ihm das erste Mal Zweifel an Lhoris' Erfolg.
      "Vielleicht solltest du noch eine Weile ruhen. Eine Eröffnung dieser Art kann schwere Nachwirkungen haben", rief er über seine Schulter und richtete die Hand nach hinten, damit er wusste, dass sie bei ihm war. Kitschig, aber zielführend, wie er dachte.
      Als das Stadttor schließlich doch in Reichweite kam und er die Fackeln an den Wehrgängen sehen konnte, hielt er nochmals kurz inne und sah zu Viola.
      "Diese Stimmen...", murmelte er. "Bitte sag mir was sir dir sagen, in Ordnung? Es ist nicht ungewöhnlich, dass manche Artefakte Stimmen besitzen, aber genauso ist es nicht ungewöhnlich wenn sie versuchen, einander zu übernehmen..."
      NNicht weiter lange herauszögernd, setzte sich der Elf die letzten Meter zum Tor in Bewegung


      Südlich von Beleriand - einen halben Tagesmarsch entfernt

      Lhoris war weit gelaufen.
      Zwischen dem Schattenfall der Nacht und dem kümmerlichen Licht des fahlen Tages hatte er sich auf den Südpfad begeben und den Fluss erst einige Zeit später überquert. Zielsicher hatten ihn seine Sinne durch die Unterhölzer der Wälder um Beleriand geführt und entlang des Flusslaufes.
      Immer wieder war er dabei auf einzelne Truppen und Späher verschiedenster Art gestoßen. Einige hatte er gemieden, andere wiederum hatte er beinahe augenblicklich ausgemerzt.
      Eine Söldnertruppe berichtete ihm von zwei Reisenden, die den Fluss entlang hinauf nach Beleriand wanderten. Wobei sie sich merkwürdig schnell voran bewegten. Und egal wie man es drehte und wendete: Das war keine gute NAchricht.
      Schweigsam hatte er sich auf die Spur der beiden Reisenden begeben und schlussendlich an einer Flussbiegung einen jungen Elfen aufgelesen. Nun, aufgelesen war nicht das rechte Wort. Vielmehr seinen Leichnam inspiziert...
      Das Gesicht des jungen Elfen war eingedellt, als habe ihn eine Kanonenkugel im Gesicht getroffen. Es war ein Wunder, dass der Kopf noch auf dem Hals saß.
      "Oh nein", wisperte Lhoris während er sich über den Leichnam beugte. "Nein, nein, nein...Nicht du..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Mit Dankbarkeit nickte Viola und nahm das zum Fladen geformte Brot entgegen.
      Erst in diesem Augenblick bemerkte die junge Frau, wie hungrig sie eigentlich war und folgte Andvari in die eisige Winternacht hinaus. Das verschrobene, modrige Haus und die darin bedrückende Aura ließ sie zurück. Verwaiste Spure und Mahnmale des Krieges ließen sie stets mit einem betrübten Gefühl zurück. Im Grunde war die Hütte nicht anders zu betrachten, als das Elternhaus der Heilerin. Ein lebloses Gerippe mit seiner ganz eigenes Geschichte und Menschen, die ihr Heim zurücklassen mussten.
      Während sie Andvari durch den nächtlichen Wald folgte, blickte Viola hinauf zu den Sternen und kaute nachdenklich auf dem einfachen aber sättigendem Brot. Wie lange hatte sie wirklich geschlafen? Der Blick senkte sich in den Rücken des Elfen, der ihr sicheren Schrittes voraus ging. Das Mondlicht und die Sterne reichten aus, damit Viola nicht ungeschickt über knorrigen Wurzeln oder holprige Steine stolperte. Der Schnee bremste sie etwas aus und bevor sich befürchten konnte, auf dem vereisten Waldboden ins Straucheln zu geraten, entdeckte sie die ausgestreckte Hand vor sich. Über ihre Lippen legte sich ein breites, freudiges Lächeln beim Anblick dieser einfachen aber fürsorglichen Geste. Das letzte Stückchen Brot verschwand geschwind in ihrem Mund, ehe sie sich eilig die Krümmel von den Fingern wischte und nach Andvaris Hand griff. Viola war sich gänzlich bewusst, dass ihr Gesichtsausdruck einem jungen, verliebten Mädchen glich, das mit ihrem Liebsten durch die verschneite Nacht wanderte. Waren es nicht die kleinen, simplen Dinge, die das Glück nährten?
      "Vielleicht sollte ich das...", sprach sie schmunzelnd in seinem Rücken und schloss ein wenig zu ihm auf. "...wenn du mich begleitest."
      Für eine glückliche Sekunde verlor sich Viola in der Vorstellung mit ihrem Geliebten einfach in die Taverne zu schleichen, vor jedem verborgen, der den Wunsch verspürte mit ihnen zu sprechen. Es gab sicherlich eine Menge Fragen und die Bedrohung war deswegen keine geringere. Andvari hatte Wichtigeres zu bedenken, als sich mit der jungen Heilerin im Schutz der geliehenen Räumlichkeiten zu verstecken.
      Viola stutzte, als ihr Gefährte kurz vor den Stadttoren auf dem einsamen Weg stoppte.
      "Oftmals ist es lediglich ein Gefühl.", murmelte Viola und trat neben Andvari, um sich sachte in seine Seite zu lehnen. "Ein spürbarer Schubser in die richtige Richtung. Das Geflüster und Murmeln ist nicht immer eindeutig zu hören, das sagte ich ja bereits. In Telerin sagte diese Frauenstimme 'Steh auf. Vergiss deine Aufgabe nicht. Lass dich von der Angst nicht blenden.' Bevor wir in die Quellen des Tempels eingetaucht sind, wurde mir eine Frage gestellt. Eine Frage die ich seitdem immer wieder höre. Ich bin nicht sicher, ob ich es bereits gesagt habe. Die Momente bevor ich in der Hüte das Bewusstsein verloren habe, sind sehr nebelig. Ein Chor von Stimme fragte mich: 'Was bist du bereits zu geben, um die zu schützen, die du liebst?'"
      Die Antwort war einfach. Alles. Alles was nötig war.
      Für den Fall, dass Dandelost ihren Willen prüfte, musste sie nicht fürchten zu versagen.

      Ein paar Minuten später an Tildas Taverne...

      Einer Naturgewalt gleich stürmte Tilda aus der Tür, die laut donnernd in ihren Rahmen zurückfiel
      Die temperamentvolle Wirtin musste ungeduldig am Fenster gewartet und sich die Beine in den Bauch gestanden haben.
      "Bei allen Heiligen! Ich wollte schon die Männer losschicken, um euch zu suchen! Ein ganzer Tag! Ohne jede Nachricht," rief sie aus und baute sich förmlich vor den Rückkehrern auf. Ein Anblick, der angesichts des Elfen, der sie weit überragte recht belustigend aussah. Sie stemmte die Hände in die ausladenden Hüften und der grimmige Gesichtsausdruck verblasste durch die Sorge in ihren Augen.
      "Entschuldige, Tilda.", mischte sich Viola ein und sah sie ungläubig an. "Sagtest du, ein ganzer Tag?"
      "Ja, Herzchen. Ein. Ganzer. Gottverdammter. Tag.", wiederholte die Wirtin und schnaubte wenig damenhaft, während sie das schwarzgraue Haar zurückwarf. "Wir hatten Sorge, dass euch Dreien etwas passiert sein könnte. Und nachdem Marlena mir berichtet hat, welchen wahnsinnigen Irrsinn ihr dort treibt, hätte ich euch am liebsten an euren Elfenohren hier her zurückgeschleift!"
      Die letzten Worte waren mahnend an Andvari gerichtet, wobei sie wie eine Mutter wirkte die ihren ungezogenen Sohn schimpfte.
      "Geht es dir gut?", fügte sie wesentlich ruhiger hinzu und nahm das Gesicht der Heilerin zwischen ihre Hände und betrachtete sie von allen Seiten.
      "Ja, Tilda. Bitte, die beiden haben gut auf mich geachtet", beschwichtigte die junge Frau und lächelte.
      "Ich hoffe du weißt, wie viel Glück du hast, mein Lieber. Wenn das entzückende Fräulein hier nicht bis über beide Ohren trunken vor Liebe wäre, hätte dich nichts vor einer ordentlichen Standpauke gerettet", sagte sie zu Andvari, die ehrwürdige Anrede längst vergessen, und bedeutete dem ungewöhnlichen Paar ihr in die Taverne zu folgen. "Wo wir gerade beim Thema sind...Wo ist Lhoris?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari wusste nicht genau, wie er darauf reagieren sollte, dass Stimmen eines Artefakts der Frau, die er liebte, Anstöße gaben. Obgleich er bei dem Ansatz, eine gemeinsame Nacht in dem oberen Gemach zu nehmen, schelmisch grinsen musste. Dennoch gab sich der Elf die größte Mühe, dieses Lächeln vor ihr nicht geheim zu halten sondern drehte den Kopf sogar leicht zu ihr, damit sie es sehen konnte.
      Schweigsam lauschte er ihren weiteren Ausführungen und nickte nur,.
      "Bisher scheinen sie gute Absichten zu haben, weshalb ich nichts dagegen sagen kann und werde. Aber alleine die letzte Frage zeugt von einer gewaltigen Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten. Bitte überschreite diese Grenzen nur in Absprache, in Ordnung?"
      Bei der letzten Frage drückte er ihre Hand nochmals kurz ehe sie durch das Dorf zurückgingen.

      Tildas Taverne

      Andvari wusste an dieser Stelle erneut nicht, wie ihm geschah.
      Gerade noch hatten sie über das nächtliche Stelldichein gesprochen oder es zumindest angedeutet und über Schwertstimmen philosophiert und jetzt stand er einer NAturgewalt von Frau gegenüber und blickte zu der tosenden Furie hinab, die ihn regelrecht mit den Augen auffraß. Während neuer Schnee vom Himmel fiel und ihn langsam beschwerte, hörte er sich die Tirade der Wirtin an und senkte den Blick schuldbewusst.
      "Entschuldigung, Frau Tilda", murmelte er bubenhaft und kratzte sich an der langen Adlernase. "Wir haben ein wenig die Zeit vergessen..."
      AUch wenn sie glaubte, dass Violas Liebe ihn vor einer Standpauke rettete...Er konnte nicht umhin, sich am Kopf zu kratzen und beschämt zu grinsen. Sie hielt doch gerade eine Standpauke, sodass er sich fragte, wer hier eigentlich der Herrscher eines Königreichs war und wer nicht. Aber sei es drum. Aus ihrer Anrede heraus schwang ehrliche Sorge mit, sodass er nicht wirklich daran zweifelte, dass die alte Frau nur die besten Absichten hegte.
      "Lhoris wollte einer Spur nachgehen. Wir haben eben eine leichte Erschütterung in der Magie (Anm. d. Redaktion: Ja ich wollte Erschütterung der Macht schreiben :D) wahrgenommen und er ist losgezogen, um ihr nachzugehen. Ich denke, er wird im Laufe der Nacht zurückkehren..."
      War das Zweifel, der mitschwang? Wohl kaum. Lhoris war ein Meister. Ein Meister unter Meistern. Er würde doch nicht...
      Schweigsam folgte er Viola und Tilda in den Schankraum hinein und sah das letzte Mal in die dunkle Nacht hinaus. Wo kein Licht schien.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Hinter dem Elfenprinzen erklang ein belustigtes Kichern.
      Viola verbarg das schelmische Grinsen mit wenig ernsthafter Mühe hinter ihren Fingern und beobachtete amüsiert den Austausch zwischen Andvari und Tilda. Die Schankdame musste den Kopf weit in den Nacken legen, um überhaupt in sein Gesicht sehen zu können. Das aufgebrachte Zucken um ihre Augenwinkel und der mahnend erhobene Zeigefinger, erinnerten Viola nur noch mehr an ihre eigene Mutter. Andvari brachte es sogar fertig beschämt auszusehen, wie ein kleiner Lausbengel, der bei einem Streich erwischt wurde. Angesichts seines beachtlichen Größe und Statur unterstrich es nur noch mehr die absurde Komik der Situation.
      Die Heilerin betrat als Letzte die Schenke und verschloss sorgsam die schwere Tür hinter sich. Endlich wieder im Warmen zu sein, war eine Wohltat und Viola rieb die ausgekühlten Fingerspitzen aneinander.
      "Nun, das klingt beunruhigend.", antwortete Tilda und der Ärger schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sie hatte sich schlicht und ergreifen Sorgen gemacht. Die Zweifel im Blick des weißhaarigen Elfen erwiderte sie mit einem milden Lächeln und tippte sich an die Nasenspitze. Mit Sorge kannte sie sich bestens aus. "Lhoris kommt zurecht, Andvari. Davon bin ich überzeugt."
      Tilda scheuchte die das Paar in die Nähe des wärmenden Feuers im Zentrum des Schankraumes und bedeutete ihnen Platz zunehmen. Ihr Blick verdeutlichte, dass sie keine Widerworte duldete. Flinker, als man ihr zutrauen würde, verschwand Tilda in der Küche und kam mit zwei dampfenden Tonbechern zurück. Bei Violas argwöhnischem Gesichtsausdruck lachte die Wirtin bellend auf. Ein Laut, so durchdringend, dass am kaiserlichen Hofe die feinen Damen reihenweise mit den Augen gerollt hätten.
      "Nichts Starkes. Nur ein simpler Tee um euch beide etwas aufzuwärmen. Der Weg von Marlenas Hütte ist lang und unwegsam.", würgte Tilda zwischen amüsierten Lachern hervor und drückte jedem einen Becher in die Hand. Auch Andvari, noch bevor er dankend ablehnen konnte. Mit hochgezogener Augenbraue sah sie ihn an, als würde sie ihn herausfordern wollen, mit ihr zu argumentieren. Elfische Stärke und Physis hin oder her, er würde erst aufstehen, wenn dieser Becher leer war.
      Im hinteren Raum rief jemand nach der Wirtin und winkte mit einem leeren Krug.
      "Entschuldigt mich kurz, meine Lieben.", sagte sie und wollte sich schon davon trollen, als sie noch einen warnenden Blick über die Schulter warf. "Und wehe euch beiden, ihr bewegt euch einen Zentimeter von dieser Bank weg."
      Viola sah Tilda nach und schnupperte misstrauisch an dem Becher, in dem tatsächlich nur ein wohlduftender Tee war. Der süße Duft von gezuckerten Äpfeln und Honig weckte Erinnerungen an lange Winternächte mit abenteuerlichen Geschichten vor einem kleinen, schief gemauerten Kamin.
      "Auch wenn sie es gut meint, manchmal macht mir Tilda Angst...", murmelte Viola verschwörerisch und nippte vorsichtig an dem dampfenden Tee, begleitet von einem entzückten Seufzen - das zugegeben etwas zu genüsslich anmutete - als sich der unverkennbare Geschmack von Wildhonig auf ihre Zunge legte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Eine Weile noch sah Andvari auf den schmalen Rücken der Schankdame und blinzelte mehr als notwendig. Der Weg zur Feuerstelle erschien ihm beinahe unendlich lang und auch die Blicke im Raum wirkten beinahe spöttisch. Hatte ihm gerade eine einfache Schankdame die Leviten gelesen?
      Und er hatte nicht mal daran gedacht sich zu wehren?
      "Ich vertraue ihm", murmelte der weißhaarige Elf leicht unterwürfig und nicktge, während er sich ans Feuer setzte, wie ihm regelrecht aufgetragen wurde. Ehe er sichs versah, fand sich ein Becher heißen Tees in seiner Hand. Und tatsächlich war sein erster Impuls, diesen abzulehnen und gegen ein Glas Met eintauschen zu wollen. Doch gerade bei der Geschwindigkeit der Bardame sah er mehr blinzelnd herab und bedankte sich artig.
      Andvari gab es nur ungern zu, aber der Gedanke, einmal gegen Tilda kämpfen zu müssen, grauste ihn innerlich. Schweigsam nippte er an dem Tee, der zwar süß war, aber für ihn nur gewürztes Wasser enthielt. Dennoch wärmte es die unterkühlten Knochen und brachte etwas Wohligkeit in seinen Leib.
      Als Tilda die beiden verließ sah er hinter ihr her und schüttelte danach lächelnd den Kopf.
      "Manchmal?", fragte er sarkastisch und trank einen großen Schluck des Getränks. Mit einem Mal zuckte er zurück und hielt sich den Hals. "Bei den verfaulten Klöten meines Großvaters, ist das heiß!", donnerte er durch den Raum und blickte sogleich erstaunt zu Viola.
      Ein leichter Schleier der Röte umfloss seine Nase und er räusperte sich.
      "Ich meine...", begann er erneut und pustete edel den Rauch von der Tasse. "Ein wenig warm, dies Getränk."
      Das Gelächter einiger Menschen ignorierte er gekonnt und sah Viola an. "Wie geht es dir derweil? Spürst du etwas? Taubheit, Müdigkeit?"
      Stimmen im Kopf, die da nicht sein sollten?
      Es dauerte eine ganze Weile bis er seinen Becher ausgetrunken hatte, doch irgendwann stellte er den leeren Becher auf den kleinen Tisch beim Feuer und sah in die Flammen.
      "Frage mich, was dieser Idiot macht...", murmelte er in seine Hand, auf die er das Kinn stützte. "Braucht doch sonst nicht so lange..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Möglicherweise hätte sich der gesüßte Tee über die knarzenden Holzdielen verteilt, hätte Viola nicht instinktiv die Finger fester um den warmen Tonbecher geschlossen. Vor Schreck wäre ihr das Gefäß fast aus der Hand geglitten.
      Mit einer Mischung aus Überraschung und Belustigung schielte sie aus dem Augenwinkel zu Andvari, während die Dampfende Flüssigkeit noch bedrohlich im Becher hin und her schwappte. Die Vorstellung Andvari mit einem solchen Mundwerk unter feingekleideten Edelleuten zu sehen, amüsierte sie mehr als vielleicht angebracht war. Den erhabenen Herrschaften stünden vermutlich die Haare vor Entsetzen zu Berge.
      Gleichzeitig herzlichst zu lachen und dabei den dampfenden Inhalt im Becher zu behalten, stellte sich als schwieriges Unterfangen heraus.
      Viola musste mit beiden Händen den warmen Ton umschließen, damit kein Unglück passierte. An das sagenhaft bunte Vokabular ihrer elfischen Begleiter hatte sie sich längst gewöhnt.
      "Charmant. Deine Wortgewandtheit muss einer der Gründe sein, warum ich mich in dich verliebt habe", kicherte Viola und nahm einen vorsichtigen Schluck, um sich nicht die Zunge zu verbrennen und schaffte doch keinen Zweiten. "Wie könnte eine Frau da nicht schwach werden."
      Die Röte verlieh ihm eine jugendliche Leichtigkeit, die Viola tatsächlich verzauberte. Das Kichern verstummte und das breite Grinsen verwandelte sich in ein liebevolles Lächeln. Trotz der drohenden Lage war es herrlich befreiend Andvari so zusehen. Das bellende Gelächter im Hintergrund und die beobachtenden Gäste der Taverne waren leicht zu ignorieren.
      "Erschöpft und ausgelaugt.", gab Viola schließlich zu und wandte dabei das Gesicht nicht ab, um seinem Blick auszuweichen. Ein Reflex, der schwer zu überwinden, wenn sie stärker erscheinen wollte als sie augenblicklich war. "Ich spüre noch das Echo deiner Aura, wie ein leichtes Kribbeln direkt unter der Haut. Nichts Weltbewegendes."
      Nun, das entsprach nicht gänzlich der Wahrheit. Es fühlte sich beinahe angenehm an, die letzten Spuren des warmen Lichtes, die sie fast den brennenden Schmerz vergessen ließen. Zu angenehm. Viola hielt den Blick der bernsteinfarbenen Augen noch einen flüchtigen Augenblick und sah in die schimmernden und lechzenden Flammen. Eine Hitze kroch den Nacken hinauf, die ebenso gut auf den heißen Tee zurückgeführt werden konnte.
      Viola leerte den eigenen Becher und stellte ihn außer Reichweichte. Sanft führte sie die Hand den gekrümmten Rücken hinauf und ließ sie zwischen seinen Schulterblättern verweilen.
      "Lhoris kann auf sich aufpassen.", sprach sie ruhig und versuchte alle Zuversicht in die Stimme zu legen.
      Die Heilern schob sich auf der Bank näher an Andvaris Seite und musste den Hals arg strecken um das Kinn auf seiner Schulter abzulegen.
      "Bestimmt ist er bereits auf dem Rückweg. Ihm geschieht nichts, mein Herz."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari nickte abwesend und sah ins Feuer.
      Es machte keinen Sinn, dass Lhoris so lange brauchte. Sie hatten die Erschütterung nicht allzu weit von hier gespürt. Vielleicht eine halbe Tagesreise, wenn man langsam ging? Er müsste den Ort des Geschehens vor einigen Stunden erreicht haben. Die einzige Antwort, die der Elf fand, war die Tatsache, dass Lhoris aufgehalten wurde. Die Frage war nur, von was?
      Schweigsam schüttelte er den Kopf und sah Viola lächelnd an.
      "Ja, du hast bestimmt Recht", bestätigte er und küsste sie auf die Stirn.
      Die BEcher waren geleert, also konnte Tilda nicht wirklich etwas sagen, oder? Sachte erhob er sich und zog Viola ebenso sachte wie bestimmt mit sich. Es war Zeit. Ihr Körper wirkte beinahe schlapp und dennoch...Wenn er in ihre Aura sah, bemerkte er dort einen Puls, der ihm unnatürlich stark vorkam. Konnte es sein...
      "Lass uns nach oben gehen", murmelte er und zog sie im gleichen Maße mit sich. Unterwegs hielt er eine der jungen Damen an, die Getränke zu den übrigen Gästen brachten und orderte zwei Portionen von dem Eintopf, der mit Sicherheit über dem Feuer brodelte. Sie würden es brauchen.
      Schweigsam führte er seine Liebste hinauf und schloss die Tür hinter den Beiden. Erst danach sah er sie an und musterte sie von oben bis unten. Ihr Körper wirkte normal. Aber ihr Geist...Irgendetwas stimmte nicht und er fragte sich um es an der Öffnung lag oder ob dort etwas anderes begann, sich nach oben zu arbeiten.
      "Entschuldige, dass ich dich so fortreiße, aber...", begann er und legte seinen Umhang und das Schwert ab. Klirrend legte er es auf den Tisch und blickte sie zweifelnd an.
      "Ich habe eine Frage. Ist während der Zeremonie irgendetwas geschehen oder irgendetwas ungewöhnliches geschehen? Ich weiß nicht, was es ist, aber ich spüre etwas, was nicht recht zusammen passt..."
      Eine Weile wanderte er durch den Raum ehe er das Feuer erneut entzündete und sie wieder ansah.
      "Gab es in deiner Familie irgendwann ein Mal einen Zauberer oder eine Zauberin, die mächtiger war als der Durchschnitt?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Verstohlen blickte Viola über die Schulter in den gut besuchten Schankraum.
      Tilda, die alle Hände voll zu tun hatte, um die durstige und hungrige Kundschaft zu versorgen, eilte zwischen den überfüllten Tischen geschäftig hin und her. Den überraschenden und erneuten Wintereinbruch, mit dem keiner gerechnet hatte, nahmen die bunt durcheinander gewürfelten Bewohner der Handelsstadt wohl zum Anlass für gemütliche Geselligkeit. Einen Abend die drohende Gefahr in die Kälte zu verbannen, konnte keinen allzu großen Schaden anrichten. Dieser Gedanke schien auch Viola durch den Kopf zugehen, die sich bereitwillig von der Bank ziehen ließ und auf dem Weg zur alten Holzstige ein wachsames Auge auf Tilda hatte. Offenbar bemerkte die Wirtin zwischen all den lautstark singenden und lachenden Trunkenbolden das plötzliche Verschwinden nicht. Die Heilerin hätte den kläglichen Besitz im Zimmer oberhalb der Stiege verwettet, dass die energische Wirtsfrau noch lange nicht mit der Standpauke fertig war.
      Mit einem freudig aufgeregten Kichern lehnte sich Viola gegen die knarzende Holztür und strich sich die wirren, rötlichen Strähnen aus dem Gesicht. Der belustigte Laut erstarb jedoch, als sie in das viel zu ernste Gesicht ihres Liebsten blickte.
      Jede Silbe ließ die Mundwinkel etwas mehr hinabsinken, während der durchdringende Blick ihr das unbehagliche Gefühl gab, dass etwas nicht stimmte. Prüfend sah sie auf ihre Finger und Handrücken, konnte aber keine äußerlichen Überbleibsel erkennen.
      Viola stieß sich sachte vom Türblatt ab und trat weiter in den Raum hinein, um es Andvari gleich zu tun.
      Der gefütterte und wärmende Wintermantel fand seinen neuen Platz über einem der verwaisten Stühle, während sie Dandelost achtsam an der Stuhllehne platzierte. Viola lauschte, aber es herrschte friedliche Stille.
      Der Elf wirkte unruhig, wie er rastlos durch den Raum wanderte.
      "Über den Erinnerungen liegt ein Nebelschleier, Andvari.", murmelte Viola und trat an eines der Sprossenfenster heran, um auf den leeren Marktplatz zu blicken. Nachdenklich bildeten sich kleine Fältchen zwischen ihren müden Augen, während sie versuchte sich zu entsinnen, was sie gespürt hatte.
      "Ich erinnere mich an den blendenden Schmerz. Und an den Geruch von Feuer.", fuhr sie fort und schloss die Augen, während sie tief einatmete. "Verbranntes Holz und Stroh. Ein zerstörtes Dorf, bedeckt von Asche und Schnee. Ich konnte die Hitze auf der Haut spüren und das Gefühl der Asche unter meinen Fingerspitzen, die Kälte und Härte des Bodens. Da waren Hände, die mich fortrissen. Ich weiß, wonach das klingt, Andvari. Aber ich kenne meine Albträume, die mich seit Jahren verfolgen. Das war keiner von Ihnen und es war nicht mein Heimatdorf."
      Viola umschlang den eigenen Oberkörper mit den Armen und lehnte die Stirn an das kühle Fensterglas.
      "Nein, ich wüsste nicht, dass es in unserer Familienlinie überhaupt magisch Begabte gab. Und sollte es so sein, hat niemand es an die große Glocke gehängt. Die Menschen betrachten die Magie nicht wie die Elfen, Andvari. Für sie sind diese Kräfte etwas Bedrohliches und gar Unheimliches. Ich erinnere mich an alte Berichte, die einige Jahrhunderte zurückgehen, in der Bibliothek des Ordens, die über die Hinrichtung von Frauen und Männern mit Magieaffinität berichteten."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Für eine Weile wanderte er noch ziellos im Raum umher, ehe er sich schließlich seufzend auf einem Schemel niederließ und für einen Moment dem Knistern der Flammen und den Schattentänzen an der Wand zusah und -hörte. Es machte keinen Sinn. Etwas an diesen Erzählungen machte in seinen Ohren keinen Sinn.
      "Ich verstehe, dass die Erinnerungen im Schatten liegen"; sagte er und trat zu ihr, nachdem er die Schuhe ausgezogen hatte. Sachte drückte er sich von hinten an sie und küsste ihren Nacken. "Aber etwas beschäftigt mich. In der Theorie der Magie, die mir Sylvar vor einigen Jahrzehnten einmal nahegebracht hat, bist du praktisch ein magisches Wunder. Magie pflanzt sich fort. Sie wird vererbt und benötigt eine Quelle in einem Menschen. Wie eine Pflanzenfamilie, die sich eine gemeinsame Wurzel teilt."
      Während er sprach, drückte er sein Gesicht an ihren Nacken, damit er nicht so laut reden musste und die Nähe für eine Weile genießen konnte.
      "Das mag merkwürdig klingen, aber als ich meine Aura zur Weitung deiner Kanäle ausließ, war ich beinahe sicher, dass du Schäden davon tragen würdest. Aber was sich als Fluss von Lava anfühlte, als es meine Hand verließ und mit deiner Aura in Kontakt kam, wurde mehr zu einem wärmenden Umhang. Zumindest für mich. Ich weiß, dass du enorme Schmerzen gelitten haben musst, aber es war merkwürdig, meine Aura derart aufgesogen zu sehen. Als würde sie willkommen geheißen werden."
      Andvari erhob seinen Kopf aus ihrem Nacken und stellte sich normal neben sie, ehe er sie wieder ansah.
      "Dazu die Tatsache, dass Dandelost bei dir die Form eines Schildes annimmt. SIcherlich, das Schwert war immer zum Schutz gedacht, aber Niemand vor dir hat das tatsächliche Schild beschworen. Bei den meisten blieb es ein Schwert und nicht mehr. Was für mich die Vermutung nahe legt, dass man seine Form und Funktion vielleicht noch verändern kann. Es sind zu viele Merkwürdigkeiten um sie als bloße Zufälle abzustempeln.
      Dandelost verändert seine komplette Form unter deiner Hand, Deine Aura heißt meine regelrecht willkommen und nimmt sich daraus was sie braucht anstatt sie als Invasion zu betrachten und die Tatsache, dass du offenbar keine magisch begabten Vorfahren hast..."
      Schließlich grinste er.
      "Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich glaube, du könntest die stärkste Gefährtin werden, die ich jemals hatte."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Für ungeübte Ohren bewegte sich der Elf völlig lautlos durch das von Flammenschein beleuchtete Zimmer.
      Obwohl Viola die katzengleichen Schritte auf den spröden Holzdielen nicht hören konnte, spürte sie jedoch instinktiv seine Nähe. Bevor die Lippen ihre Haut zart berührten und sich die vertrauten Konturen seines Körpers sich sachte in ihren Rücken schmiegten, durchströmte Viola eine wohlige Wärme. Ein Lächeln blieb hinter einem Vorhang aus rebellischen, roten Strähnen verborgen da sie den Kopf leicht nach vorn senkte und den Kuss an ihrem Nacken mit einem zufriedenen Seufzen quittierte.
      Bei jeder Silbe streifte der warme Atem die Haut, die sich nach der magischen und kräftezehrenden Prozedur dünn und überempfindlich anfühlte. Beinahe augenblicklich stellten sich die feinen Härchen im Nacken auf. Die eigenen Finger zuckten auf ihren Armen und wollten ihre einsame Position verlassen, um nach hinten zugreifen und sich in den seidigen, weißen Strähnen zu vergraben. Es fiel ihr unsagbar schwer sich auf die Ausführungen des Elfen zu konzentrieren, wenn sich seine Lippen doch bei jedem Wort gegen ihren zerbrechlichen Nacken bewegten.
      Blinzelnd zwang sich Viola die Augen zu öffnen und den Blick in die finstere Nacht zu richten. Sie versuchte sich auf den entfernten Schein einer Öllampe in einem der Fenster zu konzentrieren. Schweigend lauschte sie Andvari und gab ihm im Stillen Recht. Das Ganze ergab absolut keinen Sinn.
      "Die Familie meiner Mutter waren einfache Bauern.", murmelte sie. "Über die Vorfahren meines Vaters dürfte es andererseits Aufzeichnungen geben. Die befinden sich bedauerlicherweise in den Archiven der Schreiber in der Kaiserstadt. Nachdem mein Urgroßvater auf seinen Titel und Ländereien verzichtete und das Leben eines Bauern vorzog, um die Frau zu ehelichen die er liebte, müssten sämtliche Nachlässe und Überbleibsel über die Familiengeschichte und alle Ahnenlinien dort hingebracht worden sein. Ich habe mich nie getraut, nachzusehen. Abgesehen davon, hätte mich eh niemand in die Bibliothek oder die Archive gelassen. Der Name meiner Familie hat schon seit langer Zeit keine Bedeutung mehr in den Kreisen der Edelleute. Er sorgt eher für höhnisches Gelächter."
      Viola blickte schließlich zu Andvari auf.
      Endlich erlaubte sie ihren Händen ihren Platz zu verlassen, wo sie bereits unruhig auf ihren Oberarmen trommelten und schob eine verirrte, weiße Strähne aus der Stirn ihren Gefährten.
      "Diese Wärme, die du beschreibst, fühle ich beinahe jede einzelne Sekunde in deiner Nähe. Es ist mehr als ein Gefühl der Verliebtheit. Das hier geht tiefer. Aber mir fällt gelinde gesagt die Vorstellung schwer, dass ich die Erste sein soll, die diese Kräfte entfesselt.", fuhr sie fort. Für ihre Fähigkeiten Lob zu bekommen, fühlte sich noch immer fremd an. "Ich bin nur ein Mensch."
      Und vielleicht entsprach das nicht der vollständigen Wahrheit, wenn Andvari Recht behalten sollte. Vielleicht gab es um die verlorene Blutlinie ihrer Familie mehr Geheimnisse als es den Anschein hatte. Selbst Sylvar war über die schnelle Entwicklung ihrer Zauberkräfte erstaunt gewesen. Und ein Erzmagier mit seiner Erfahrung hatte sicherlich schon Einiges gesehen, als das ein gewöhnliches Menschlein ihn überraschen konnte.
      "Ich wünschte wir könnten Sylvar fragen...", begann Viola und stieß dann einen überraschten Laut aus, als erinnerte sie sich an etwas, dass sie bereits vergessen hatte. "Sylvar sagte mir einmal ich sollte versuchen etwas mit Dandelost zu zerschneiden. Ich habe nie die Gelegenheit abpassen können, ihn nach dem Grund zu fragen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari ließ ihre Finger an seiner Stirn zu und lächelte nachsichtig, während sie berichtete.
      Selbst jetzt wirkte alles wie ein undurchsichtiges Netz von Legenden, Vermutungen und Fragen. Und er hatte derer Viele. Schweigsam griff er ihre zerbrechlich wirkenden Finger und betrachtete sie einen Moment lang. Wie konnten derlei schwach wirkende Glieder, derlei Zartheit nur solche Kraft beherbergen. Ob sie es wusste?
      "Einem Namen keinen Respekt zu zollen, zeugt von Irrsinn", murmelte er und küsste die Finger vor seinen Lippen. "Dein Ahne war ein mutiger Mann. Sich für die Liebe zu entscheiden und dem schnöden Mammon zu entsagen und hinter sich zu lassen, ist wahrer Mut und wahre Hingabe an ein Gefühl. Ich beneide ihn..."
      Anschließend ließ er ihre Finger mit seinen verschmelzen und küsste sie auf die Stirn.
      "Dann müssen wir in die Kaiserstadt und es herausfinden. Es wäre sträflich, deine Kräfte weiter zu enthüllen, wenn wir nicht vorher wissen, wer du bist und warst..."
      Dazu mussten sie die nächsten Tage überleben...Und das war schwer genug, wenn er so für eine Sekunde daran dachte. Bei ihren letzten Sätzen wurde sein Lächeln wehmütig.
      "Du bist weit mehr als das, Heilerin Viola. Mein Bruder hätte dich nicht unterwiesen, wenn du nur einen simple Heilerin und ein simpler Mensch wärest. Ich zweifle deine Herkunft nicht an, aber Dandelost hat bisher nie die Form eines Schildes angenommen. Vielleicht ist dies bereits ein Zeichen..."
      Er blickte nachdenklich in den Raum und musste bei ihren letzten Sätzen lachen. Glockenhell und amüsiert. Offenbar war sein Bruder doch nicht damals dem Wahn anheim gefallen. Vielleicht hatte er weiter gesehen als sie alle.
      Mit einem jubelnden Laut wandrte er sich kurz ab und zog sich das Wams über den Kopf. Zugegeben, etwas überzogen, die Geste, aber letztlich ausreichend um es ihr zu verdeutlichen.
      "Sylvar hatte damals scheinbar bereits die Eingebung von heute", murmelte Andvari und grinste breit, als er Dandelost ergriff und es schwungvoll zu Viola warf.
      "Zerschneide mich", sagte er lächelnd und breitete die Arme aus. "Hab keine Angst!"

      Spoiler anzeigen
      Wirkung:
      Dandelost schneidet, man spürt auch dass man schneidet, aber es wird keine Wunde geschlagen.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Viola senkte den Blick auf die verschlungenen Hände und lächelte.
      Unter den Fingerspitzen fühlte die Heilerin die hauchfeinen, weißlichen Narben auf den erhabenen Knöcheln, die selbst in gutem Licht kaum zu erkennen waren. Spuren einer gründlichen und harten Ausbildung im Kampf und der Unterweisung sein magisches Erbe zu kontrollieren. Das erste Mal waren ihr die Narben in dem verträumten Haus am See aufgefallen. Die Linien waren ihren eigenen so ähnlich, obwohl diese von dornigen und widerspenstigen Kräutern und allerei anderen Pflanzen stammten.
      Zwei Teile eines Ganzes, die unterschiedlicher nicht sein konnte und doch auf wunderschöne Art perfekt zueinander passten.
      Das Lächeln verblasste ein wenig bei der Aussicht, die Kaiserstadt in naher Zukunft betreten zu müssen. Rechenschaft abzulegen, warum sie noch am Leben war und nicht unter Schnee und Erde begraben, war eine Sache. Aber das Herz des Menschenreiches an der Seite eines Elfen zu betreten, stand auf einem ganz anderen Blatt Papier. Viola schämte sich der Beziehung zu Andvari nicht, aber sie fürchtete um die Gefahren, die auf kaiserlichen Hof warteten. Und diese kamen nicht in Form von Schwert und Dolch. Spitze Zungen richtete zumeist mehr Schaden an, als jede Klinge es konnte.
      "Vielleicht kann uns Lucien dabei behilflich sein.", überlegte Viola und spürte doch wie sich jede Faser ihres Körper bei dem Gedanken, nach Bourgone zurückzukehren, sträubte. Und insgeheim fürchtete sich die junge Frau vor den Wahrheiten und Erkenntnissen, die sich im staubigen Pergament und alten Büchern verbargen. Vielleicht gab es mehr als nur einen guten Grund warum der letzte Sproß dieses Adelsgeschlechts beschlossen hatte, seiner Familiengeschichte den Rücken zu kehren und den Namen Clairmont zu begraben.
      "Ich werde nie lernen, mich in dem gleichen Licht zu betrachten, wie du.", schmunzelte Viola.
      Höchstwahrscheinlich erging es dem Elfenprinzen in diesem Punkt nicht anders. Aber auch er konnte sich selbst nicht durch die Augen seiner Liebsten betrachten.
      Ein seltener aber lieb gewonnener Laut erfüllte den Raum.
      Andvaris Lachen war dermaßen ansteckend, dass Viola sich mit einem breiten Grinsen zurück gegen die Fensterbank lehnte. Dabei wusste sie nicht einmal, was den Elf so urplötzlich amüsierte. Fragend legte sie den Kopf schief und zog eine Augenbraue steil in die Höhe, als Andvari mit einer fließenden Bewegung den Wams über seinen Kopf zog, das weiße Haar komplett zerzaust und mit liebenswürdigen Lachfältchen im Gesicht.
      Viola stieß sich von der niedrigen Fensterbank ab und schaffte es um Haaresbreite die Elfenklinge aus der Luft zu greifen. Hastig und mit einem überrumpelten Laut korrigierte sie den Griff, damit das kostbare Schwert nicht einfach durch ihre Finger glitt. Sie warf Andvari einen mahnenden Blick zu, der durch das Lächeln allerdings an Schärfe verlor.
      "Was?", entfloh es ihr sehr eloquent.
      Sie betrachtete die rasiermesserscharfe Klinge des Schwertes und dann Andvaris entblöste Brust, als versuchte sie etwas Unvereinbares unter einen Hut zu bekommen. Doch es schien ihm ernst damit zu sein. Bisher hatte sie das Vertrauen in Andvari nie bereut, also schenkte sie ihm seinen Worten auch jetzt festen Glauben. Ein tiefer Atemzug verging.
      "Tilda wird mich umbringen, wen ich die Holzdielen mit Blut ruiniere...", murmelte sie grimmig, ehe sie ausholte. Die Bewegung war beinahe elegant und sehr präzise, wie unzählige Male geübt. Viola spürte, das ihr Hieb auf Widerstand traf.
      Blinzelnd sah sie auf seine Brust, auf der ein blutiger Schnitt zusehen sein sollte, aber dort war nichts. Nicht. Ein. Kratzer.
      "Wie...Wie ist das möglich...?", stammelte Viola. Nicht, dass ihr ein anderes Ergebnis lieber gewesen wäre. Sie überbrückte mit zwei Schritten die winzige Distanz, um mit den Fingerspitzen über die unversehrte Haut zu fahren.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Haut mochte unversehrt verblieben sein, doch Andvari hatte den Schnitt genau gespürt.
      Sachte hatte das Schwert die Haut überwunden und gleichsam Organe wie Muskelstränge durchtrennt. Doch es war, wie Sylvar vermutet hatte. Dandelost in Violas Händen war mehr als ein Schwert. Nur wieviel mehr vermochte er nicht einmal zu ermessen.
      "In dem Dandelost in deinen Händen mehr ist als es zu sein scheint. Ich bekam den ersten Verdacht in Telerin", begann Andvari und ließ grinsend zu dass sie seine Brust abtastete. "Als du das gigantische Schild beschworen hast, schien selbst Sylvar im Nachheinein von der Tatsache überrascht. Du kannst scheinbar mühelos, wenngleich nicht schmerzfrei, andere Auren adaptieren, sodass sie dich nur stärken und nicht schwächen."
      Andvari kratzte sich über die Brust, da die Stelle wo Dandelost durch ihn gefahren war, durchaus ein wenig schmerzte. Als hätte man ihn hart vor die Brust geschlagen.
      "Ein simples Schwert wie Angrist oder Lhoris' Schwert reißt Wunden in einen Körper. Wunden, die heilen, wenn man sie pflegt. Dandelost hingegen sucht sich unter deinen Händen offenbar gut aus, wen es verwunden will oder nicht. Dieses Schwert kann selbst Wunden unter der Haut reißen, auch wenn es nicht danach aussieht. Selbst ich spüre, wie es mich durchglitten hat."
      Er stemmte die Hände in die Hüften und legte den Kopf schief. Eine ganze Weile lang betrachtete er Viola lächelnd und schüttelte den Kopf.
      "Ich bin gespannt, was wir in der Kaiserstadt herausfinden", gab er zu und nickte zu ihrem vorherigen Vorhaben. "Ich denke auch, dass Lucien nützlich werden kann..."
      Schweigsam nahm er ihr zart das Schwert aus der Hand und legte es auf den Tisch, der sich in ihrer Nähe befand.
      "Wann waren wir das letzte Mal allein und hatten nicht die brennende Schlacht vor der Tür? Oder im Kopf? "

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Einen Verdacht?", flüsterte Viola und unterbrach die zarten Berührungen.
      Fassungslos starrte die Heilerin auf die unversehrte Haut über der ihre Fingerspitzen schwebten und beobachtete das gleichmäßige Heben und Senken unter jedem Atemzug. Die natürliche Bewegung schenkte ihren galloppiernden Gedanken ein wenig Ruhe und dennoch schlug die anfängliche Faszination in Verärgerung um.
      Ein ungläubiger und missmutiger Laut erklang von der jungen Frau. Der Blick löste sich von der vernarbten Brust und heftete sich an die gläserne Elfenklinge, die sich angesichts des experimentellen Hiebes ungewöhnlich still zeigte.
      Natürlich. Hätte zu irgendeinem Zeitpunkt die ernsthafte Gefahr einer lebensgefährlichen Verletzung bestanden, hätte Dandelost sich bemerkbar gemacht. Für einen winzigen Augenblick bildete sich Viola ein, ein belustigtes Lachen aus dem Herz der Schneide zu vernehmen. Ein magisches Elfenrelikt lachte sie aus.
      "Einen Verdacht.", wiederholte Viola die vorherige Frage, die eigentlich nicht länger eine Frage sondern eine Feststellung war.
      Ohne Vorwarnung versetzte sie Andvari einen leichten Schlag mit der flachen Hand auf die Brust. Im Normalfall kein wirklich erstnzunehemder Tadel, aber Viola hoffte, dass es ein wenig mehr zog als notwendig.
      "Du wusstest es nicht sicher! Ich hätte dich schwer verletzen können, du Hornochse!", rief sie aus.
      Wenige Sekunden später überwog Besorgnis den Ärger und Viola blickte schuldbewusst über die impulsive Handlung zu Andvari auf, wobei sie den Kopf weit zurücklegte, um einen Blick in sein Gesicht erhaschen zu können. Er hatte den Schnitt gespürt, auch wenn äußerlich keine Spuren zu sehen waren.
      "Ist wirklich nichts zu Schaden gekommen?", fragte sie und ließ die freie Hand erneut über seiner Brust ruhen, als das Schwert sanft aus dem klammernden Griff ihrer Finger befreit wurde. Aus dem Bedürfnis der Sorge heraus, verselbständigte sich die Aura unter ihrer eigenen Haut und suchte sich einen Weg durch die Fingerspitzen, um nach unbemerkten Schäden zu suchen.
      Die letzten Fragen des Elfen verwunderten die junge Frau ein wenig.
      Hatte überhaupt jemals einen friedlichen Augenblick gegeben, der nicht von der Bedrohung über ihren Köpfen überschattet wurde?
      Die drohende Gefahr begleitete die Gefährten bei jedem Schritt auf dem Weg. Und doch, entsprach es nicht ganz der Wahrheit. Es hatte ihn gegeben, diesen friedlichen und unbeschwerten Augenblick. Einen Tag. Diesen einen Tag.
      "Ich kann mich nicht entsinnen", murmelte sie, den Schalk in den grünen Augen aufblitzen. "Du wirst meinr Erinnerung wohl auf die Spürnge helfen müssen..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”