[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • "Meine Gefährtin ruht noch, ja", bestätigte der Elf und nickte.
      Noch während Andvari mit wenig Gegenwehr zu einem Tisch geschoben wurde, grinste er schwach und ließ nickte den beiden Sitzenden zu. Erstaunlich war die Tatsache, dass der eine der zwei ein Elf war, den er zu kennen glaubte. Aber das konnte täuschen, nicht wahr?
      Nicht jedoch der Einfluss, den er offenbar auf den Elfen hatte, der sich nach seinem Hustenanfall schlagartig erhob. Der Raum schien eine Art Windzug zu erhalten und Andvari zog eine Augenbraue hinauf, während er schwach lächelte.
      Sein Körper hatte sich bereits wie von selbst auf den Weg gemacht, dem keuchenden Elfen zu helfen, ehe Lucien ihn offenkundig besser und schneller zur Stelle war.
      "Meliorn", murmelte er und nahm die Hand in fragender Geste. Die schüttelnde Geste war ihm neu, aber sie war durchaus als angenehm zu bezeichnen. "Verzeih, dass du warten musstest."
      Ein schwaches Grinsen glitt über sein ausdrucksloses Gesicht und suchte in dem Gesicht seines Gegenübers nach Bestätigung oder Ablehnung. Doch das einzige, was er sah, war die Tatsache, dass dieser das Wort Heimat nicht wirklich galant aussprechen konnte. Aber wem gelang das dieser Tage schon?
      "Hab Dank für deine Tapferkeit in der Schlacht. Und vergib einem Taugenichts, dass er euch nicht besser anführen und diese Schlacht gar erst führen musste", sagte Andvari und ließ sich nach einem kurzen Händedruck an dem Tisch der Drei nieder. Sachte nahm er ein wenig des Brotes, während auch Meliorn sich wieder setzte.
      Er hob kurz die Hand als Tilda dazwischen ging. Eine einfache, gar beiläufige Geste, jedoch mit so viel inhärenter Kraft, dass sie bisher jeden zum Schweigen brauchte, auch ohne dass er nur einen Funken seiner Stimme erheben musste. Doch würde er sich auch nicht wundern, wenn Tilda nicht einmal ansatzweise darauf hören würde.
      "Welche Gerüchte?", fragte er interessiert.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Die Schlacht war verloren bevor sie wirklich begann. Wir alle wussten das. Zahlenmäßig unterlegen und auf unbekanntem Terrain.", sagte Meliorn nüchtern und schüttelte den Kopf über die Bitte nach Vergebung. "Ich sollte um Vergebung bitte, Herr. Wir haben Eure Seite verlassen und sind wie feige Hunde davon gelaufen, um unsere Haut zu retten."
      Der Elf griff beiläufig nach einem Stück Brot, während er weiterhin den Weihaarigen mit aufmerksamen Augen beobachtete. In Meliorns Gesicht zeichnete sich keine deutbare Gefühlregung ab, werder Ablehnung noch die vielleicht gewünschte Bestätigung. Die Miene wirkte zu aller erst neutral aber respektvoll. Die Nachfrage Andvaris sorgte dafür, dass Meliorn das Brot auf halben Weg zu seinem Mund wieder sinken ließ.
      "Der Wind bringt dieser Tage merkwürdige Kunde in das Niemandsland. Für jene die Wissen, worauf sie hören müssen.", begann Meliorn mit seiner kleinen Erzählung und strich sich mit den Fingerspitzen über das malträtierte Ohr. "Es heißt die Schwerter befinden sich in Aufruhr. Das Geflüster von Rebellion liegt in der Luft. Der gefallene Prinz sammle seine Verbündeten, um zu beenden, was einst im Sande und Blut verlief."
      Tilda, die sich bisher zurückgehalten hatte. Auch ihre forsche Art kannte Grenzen und dieses Gespräch trug eine unterschwellige, ernste Note. Erst als Meliorn schwie ging sie zu den Männern herüber und füllte den Korb mit Brot wieder auf. Sie wandte sich an Andvari und stützte sich mit der Hüfte am Tisch ab.
      "Um auf Eure Frage zurückzukommen. Euer Bruder war gestern Nacht unten bei mir in der Taverne. Aber nicht lange.", berichtete Tilda und fuhr sich nachdenklich durch das grau gesträhnte Haar. Die Falten auf ihrer Stirn gruben sich tiefer in die Haut. "Er wirkte bedrückt. Nach einem Umtrunk ist er in die Nacht verschwunden. Ich kann Euch leider nicht sagen, ob er zurückgekommen ist, der Besuch gestern war zahlreich. War er denn nicht in seinem Bett heute Morgen?"
      Meliorn, der bereits gestern misstrauisch gewesen war, verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Ich traue Magiern nicht. Zu kryptisch und vieldeutig in ihren Aussagen.", knurrte er und fügte noch schnell hinzu. "Ohne Euren Bruder beleidigen zu wollen, Herr."
      "Du traust niemandem...", kam es von der Seite des Kronprinzen, der seine Hand eine Spur zu sanft auf die Schulter den braunhaarigen Elfen legte, ehe zu Andvari sah. "Allerdings würde mich auch intressieren, was Euren Bruder den Schlaf raubt."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Während er etwas vom Brot brach, es in eine schwache Lake aus Öl und Salz tunkte und zu Essen begann, blickte er Meliorn interessiert an. Es war erstaunlich wie weit der Wind offenbar Gerüchte trug, musste er lächelnd zugeben und nahm einen kräftigen Schluck aus einem Wasserbecher, der ihm zugeschoben worden war. Von wem wusste er eigentlich gar nicht. Normalerweise hätte er seine Umgebung niemals so argwöhnisch nicht beachtet, aber dieses Mal schien es ihm offenbar noch nachzuhängen.
      "Es gibt nichts zu verzeihen", schüttelte Andvari den Kopf und lächelte. "Eine Schlacht, die verloren ist, sollte nicht der Ort für falsche Loyalität sein. Eines jeden Mannes Leben sei über dem des Ganzen. So einfach ist das. Und unter uns: Ich wäre auch gerannt, wenn mich nicht ohnehin der Tod erwartet hätte."
      Das Lachen, das er tätigte, war frei von Freude, wenn man es genau nahm. Aber zumindest trug er Meliorn nichts nach. Es war nicht unverständlich, was er getan hatte. Und er war nicht der einzige.
      "Ich unterschätze den Wind dieser Tage offenbar", murmelte er und lächelte schwach, während er das Brot verschlang. "Dennoch ist das Geflüster von Rebellion in diesen Zeiten ein gar gefährliches Geflüster, wenn man nicht weiß, wessen Ohren lauschen..."
      er warf einen Blickl durch den Schankraum und seufzte. Wen versuchte er zu warnen? DIe Raben suchten sie. Aber wenn er das posaunte, würde zumindest Meliorn Alarm schlagen. Und vielleicht sollte er das...
      "Nein, er war nicht in seiner Kemenate", saget Andvari und blickte erstaunt zu Tilda. Es war ungewöhnlich für Sylvar, nicht zurückzukehren. Zumeist besorgte er sich nur etwas zu trinken.
      Auch Meliorns Kommentare, obgleich leicht feindselig, kamen nicht unberechtigt. Zumeist drückten sich ZAuberer recht kryptisch aus. Jedoch entsprach dies einfach ihrem Naturell. Nur war Sylvar nie so gewesen. Ein Freund klarer Worte. Wie seine Mutter.
      Dennoch winkte er ab.
      "Mein Bruder hat diesbezüglich ein dickes Fell", murmelte er, mehr um sich selbst zu ermutigen. "Er wird schon wieder auftauchen. UNd sicherlich einen guten Grund vorweisen können, weshalb er fort war. Hat er denn irgendetwas gesagt?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Über den Tisch hinweg blickten sich drei Augenpaare fragend an, obwohl Andvari seine Verwunderung gut verbarg.
      Tilda, die einen Blick über die Schulter in den gefüllten Schankraum warf, wobei sie vor neugierigen Blicken in der Küche gut geschützt waren, setzte sich bedächtig an den Tisch und faltete die Hände auf dem spröden Holz, das vom vielen Gebrauch und munterer Gesellschaft arg beansprucht wirkte. Die bunt durcheinander gewürfelte Truppe aus einem misstrauischen Elf, einem Kronprinzen der inkognito durch das Niemandsland zog und der herzlichen aber willensstarken Schankdame verbrachte oft viele Stunden in den gemütlichen Räumlichkeiten von Tildas Küche.
      Tilda sah den weißhaarigen Elf mit besorgter Miene an. Eine Sorge, die sie versuchte hinter ihren verhärteten Gesichtszügen zu verbergen.
      "Euer Bruder sprach von guten Absichten und deren folgenschweren Konsequenzen.", berichtete sie mit ruhiger Stimme, worauf Meliorn sich etwas vorbeugte und bestätigend nickte.
      Immerhin hatte er das Gespräch, zu seiner eigenen Schande, heimlich belauscht. Die Söhne des Prinzen waren ihm nicht unbekannt, auch wenn er keinem von ihnen jemals persönlich begegnet war. Und Magier neigten zu Weilen zur Wankelmütigkeit. Neben ihm nippte Lucien an seinem Becher und zog die Augenbrauen nachdenklich zusammen. Die Lage war äußerst heikel. Das Gespräch gestern ließ daran keinen Zweifel. Der Bastard des Königs hatte beschlossen seinen Vater vom Thron zu stoßen und befand sich auf einer gefährlichen Flucht. Die Unterstützung eines der Prinzen erschien ihm ungewöhnlich.
      "Seid ihr sicher, dass ihr Eurem Bruder trauen könnt, Andvari?", murmelte Lucien mit gedämpfter Stimme, aber klar und deutlich. "Was Tilda erzählt, könnte Alles oder Nichts bedeuten. Weswegen ich nicht vorschnell mein Urteil sprechen möchte. Ihr habt laut Euren eigenen Worten einen langen und beschwerlichen Weg hinter Euch. Das schlägt zuweilen aufs Gemüt."
      Schließlich lächelte Tilda milde und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
      "Versteht uns nicht falsch.", begann sie beschwichtigend. "Ihr seit uns hier herzlich Willkommen, aber wie ich bereits Eurem Bruder mitteilte, liegen auf unseren Schultern viele unschuldige Leben. Wenn uns Gefahr droht, müssen wir das wissen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wäre es eine andere Situation und eine andere Zeit gewesen, so wäre Andvari für die Worte des Thronprinzen über dessen Tisch geflogen und hätte sein Gesicht an die nächste Wand genagelt.
      Trotz der Tatsache, dass er seinen Bruder kannte und auch bedingt durch die Tatsache, welchen Weg sie hinter sich hatten seufzte Andvari und lehnte sich im Stuhl zurück.
      Er musste Abstand zwischen sich und diese neugierigen Augen bringen.
      "Ihr zweifelt schnell", bemerkte er in Luciens Richtung. "Ich vertraue meinem Bruder. Voll und ganz."
      Anschließend sah er zu Tilda, deren Blick ebenso verhangen schien. Menschen gestalteten sich hinsichtlich ihrer Treue manchmal als schwierig, hatte er das Gefühl. Vor allem, wenn Angst mitspielte. Und in den umliegenden Blicken sah er viel Angst und Zweifel, obgleich diese GEsellschaft stabil erschien.
      "Das, was Ihr sagtet, bedeutet - wie Prinz Lucien schon sagte - alles und nichts. Wir alle tragen folgenschwere Entscheidungen mit uns. Und wenn Meliorn die Gerüchte der Rebellion bereits gehört hat und ihr alle uns erblickt habt, als wir hier ankamen, sollte die Wahrscheinlichkeit zumindest angesprochen werden, dass meine Brüder mich jagen. Zumal ich unseren geliebten Vater von seinem Thron werfen möchte."
      Seine Stimme war unheilsschwanger und doch nicht aggressiv, während er sprach. Es waren nur sachliche Feststellungen.
      "Davon abgesehen: Hat er sonst noch etwas gesagt, das mir helfen könnte?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ein Augenbraue des Kronprinzen zuckte verdächtig, denn scheinbar hatte er einen Nerv getroffen.
      Die eisblauen Augen schmälerten sich und suchten in dem Gesicht seines Gegenübers nach einem Funken Zweifel an der Treue seines Bruders. Lucien trieb nicht die Feindseligkeit oder der Wunsch den Elf in die Enge zu treiben, aber Vorsicht war besser als Nachsicht. Und Treue hatte dieser Tage einen hohen Preis. Den Mund zu einer weiteren Frage geöffnet, hielt er ohne ersichtlichen Grund inne. Unter dem Tisch, verborgen vor neugierigen Augen gruben sich Meliorns Finger beinahe schmerzhaft in sein Knie. Lucien wirkte ein wenig zerknirscht, als er sich schweigend zurücklehnte und von einem Streitgespräch am frühen Morgen absah.
      "Wenn dem so ist, vertrauen wir auf Euer Wort.", sagte Meliorn und neigte kurz respektvoll das Haupt.
      Eine verlorene Schlacht und die Bedeutungslosigkeit der militärischen Ränge an diesem Ort zum Trotz, empfand er dennoch einen tiefen Respekt für seinen einstigen Befehlshaber. Der Elf mit den kastanienbraunen Haaren vermochte die Beunruhigung, die er empfand, nicht gut zu verbergen, aber immerhin sah er von weiteren misstrauischen Einwürfen ab. Meliorn war nicht erpicht darauf seine Loyalität an diesem Tisch unter Beweis zu stellen, deren Grenze und Linien mittlerweile arg verschwommen waren.
      Tilda sah Andvari mit nachdenklicher Miene an und es war an ihrem Blick abzulesen, dass sie versuchte zu erfassen, welche Konsequenzen die Entscheidung den Lichtrufer in die Stadt und unter ihr Dach gelassen zu haben. Quälende Sekunden verstrichen, ehe sich ein sorgenvollen aber freundliches Lächeln auf ihrem Gesicht zeigte.
      "Dann sollten wir auf alles vorbereitet sein, nicht wahr?", brach sie letztendlich die Stille und schob knarzend ihren Stuhl zurück. "Meliorn? Teil weitere Männer für die Patrouille ein. Sie sollen auf alle achten, was ihnen Ungewöhnlich vorkommt."
      Der Elf nickte zustimmend und erhob sich mit einem flüchtigen Blick von der Bank. Beim Hinausgehen legte sich seine Hand, übersät von blassen Narben - eindeutig die Hand eines Bogenschützen - auf die Schulter Luciens. Wie der Wind der plötzlich aufbrauste und dann verschwand, verließ auch der Elf die Behaglichkeit der Küche. Ein kurzer Blick zum Kronprinzen und auch dieser hatte die stille Aufforderung verstanden, sich endlich aus ihrer Küche zu trollen. Außergewöhnlich gehorsam für einen Mann seines Titels, stand Lucien auf und verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Wange für Tilda und einem Nicken in Richtung Andvari.
      Um Entschuldigung bat er allerdings nicht. In seinen Augen war die Frage mehr als berechtigt gewesen.
      Die Wirtin wandte sich wieder Andvari zu und wirkte ein wenig entspannter ohne die zusätzlichen paar Augen.
      "Entschuldigt das Benehmen der Beiden. Es liegt sicherlich keine Böswilligkeit darin, aber ich hoffe ihr versteht, dass dieser Ort gerade auch Meliorn eine Heimat geworden ist, die er beschützen will.", seufzte sie und begann die dreckigen Teller und Schüsseln einzusammeln. "Euer Bruder hat sich sehr bedeckt gehalten. Er sprach von unliebsamen Dingen, die wir Zeit unseres Lebens manchmal auf uns nehmen müssen. Das gute Absichten zuweilen nicht besser sind als die Schlechten. Ich bin nicht wirklich schlau daraus geworden. Zumindest verstehe ich jetzt, was Meliorn mit der kryptischen Art der Zauberer meinte. Könnt ihr Euch einen Reim darauf machen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war Andvari beinahe schon unangenehm, wie formell sich Meliorn gab. An diesem Ort, fernab jedes Ranges und jedweder Laune, saßen sie einander als gleichwertig gegenüber. Auch wenn sie vielleicht einst unter demselben Banner kämpften, war dieses bereits verbrannt und verscharrt unter grausig Geröll und Asche.
      Eine ganze Weile lang war es still am Tisch und Andvari und der Prinz schienen sich mehr zu belauern, denn miteinander zu kommunizieren. Vielleicht war es aber auch einmal angebracht, dass man sich hin und wieder einmal die Grenzen aufzeigte. Er würde nicht an seinem Bruder zweifeln, nur weil dieser einmal verschwand. Sicher, Sylvar hatte Fehler gemacht, aber er war kein schlechter Elf. Nur ein fehlgeleiteter in manchen Wegen.
      Als Tilda weitere Wachen einteilte, grauste es Andvari. Sie würden den Raben nicht standhalten, so viel stand fest. Er musste Sylvar finden und herausfinden was los war, ehe sich diese guten Menschen in Gefahr begaben. Und zumindest müsste er an der Front sein, wenn es soweit war.
      Er nickte beiden Tischpartnern zu und beendete sein karges Mal mit einem guten Schluck des Wassers auf dem Tisch, ehe er sich auch erhob und zu Tilda hinab blickte.
      "Ich spüre keine Böswilligkeit", murmelte er. "Ich sehe Besorgnis und Angst. Und beides ist in derlei Situationen mehr als verständlich."
      Auf ihre Ausführungen hinsichtlich Sylvar schüttelte er den Kopf.
      "Nein"; sagte er. "Ich verstehe selbst nicht immer, was dieser Geist von Erzmagier mit seinen Worten erreichen will. Ich weiß nur, dass ihn etwas umtreibt. Ich werde ihn befragen, sobald ich ihn sehe. Aber sagt mir doch: Wo kann ich mich melden, damit ich meine Arbeiten beginnen kann? Ich bräuchte Zimmermannswerkzeug und dergleichen, ehe ich ausziehen kann."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Verständnisvoll nickte Tilda.
      "Wollen wir hoffen, das er bald wieder auftaucht und unsere Bedenken zerstreut.", seufzte sie. "Euer Bruder scheint mir kein schlechter Elf zu sein, Andvari. Lediglich der Kummer in seinen Augen macht mir sorgen."
      Der Stein in ihrem Magen wuchs zu einer beträchtlichen Größe heran, während sie an die lauernde Gefahr dachte. Beleriand, bewohnt von Kriegsverletzten, Witwen und Waisen, war kaum ein beträchtliches Hindernis für ein feindlichen Heer. Mit einem Winken bedeutete sie Andvari ihr zu folgen. Tilda führte den Elf durch den Schankraum, der sich bereits ein wenig leerte und zu einer kleinen Kammer unter der Treppe. In dem Raum waren allerei Wekrzeuge und Gerätschaften untergebracht.
      "Ich hoffe, es ist etwas Brauchbares vorbei.", lachte Tilda und wischte eine Spinnenwebe im Türrahmen unwirsch mit der Hand fort, ehe sie sich hinein wagte. "Albert ist für die Wekrzeuge verantwortlich. Und auch der Mann, den ihr aufsuchen solltet. Wenn ich mich recht entsinne, wollte er mit ein paar Männern die Löcher im Scheunendach flicken. Die Dachbalken sind unter der Schneelast im Wintergebrochen und unser restliches Getreide droht bei der Nässe zu verfaulen."
      Nachdem Andvari alles beisammen hatte, das er für seine möglichen Arbeiten brauchte, schloss die Wirtin die Tür wieder und klopfte sich den Staub von den Röcken.
      "Ihr findet die Scheune in der Nähe des Tores, durch das ihr gekommen seid. Es ist nicht zu verfehlen. Ich lasse Euch und den anderen Männern zur Mittagszeit eine kleine Mahlzeit bringen.", lächelte Tilda und verabschiedete sich ebenfalls von dem Elf, der nun auf sich allein gestellt war. Albert war die beste Wahl gewesen. Der Mann war um jedes paar Hände dankbar und besaß ein sehr ausgeglichenen Gemüt. Obwohl der Mann mit seinem lahmen Bein eigentlich auf kein Dach mehr gehörte.

      Über dem Schankraum weilte auch Viola endlich unter den wachen Geistern und blickte sich in dem Spiegl des kleinen Waschraumes an. Sie hatte die verbliebene Wärme im Badezuber genutzt und sich von altem Schweiß und Spuren einer leidenschaftlichen Nacht zu säubern. Das nasse Haar hatte sie in einem geflochtenen Zopf gebändigt, der ihr über die Schulter nach vorn fiel. Nachdenklich legte sie den Kopf schief und lauschte der pulsierenden Magie in ihren Adern. Am heutigen Morgen musste sie endlich nicht mehr mühsam nach der vertrauten Kraft suchen. Die leichte Müdigkeit in ihrem Gesicht wirkte nicht länger wie ein kränklicher Erschöpfungszustand.
      Die bläulichen Flecken auf ihrer Haut waren restlos verblasst, schneller als üblich war. Die Quelle hatte doch ein wenig ihrer heilenden Wirkung auch ihr zugute kommen lassen. Nur die Narben in ihrem Gesicht, als Teil ihrer Persönlichkeit, waren ihr geblieben.
      Um nicht länger zu trödeln, riss sich Viola von ihrem Spiegelbild los. Sie hatte nicht ausmachen können, was sie an diesem Morgen gleichsam erfreute als auch irritierte.
      Nebelig erinnerte sie sich daran, dass Andvari bereits gegangen war. Auch wenn sie gerne neben ihm erwacht wäre, hatten sie allte sich freiwillig gemeldet mit anzupacken.
      Schnell schlüpfte sie in ihre abgelegte Kleidung und verieß die Räumlichkeiten. Sorgsam schloss sie die Tür mit den dafür vorgesehenen Schlüsseln und trat die Treppe hinab.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari nickte ihr dankbar zu, als sie Sylvars Charakter vermeintlich zu deuten wusste. Sicherlich war der Elf nicht schlecht oder übel sinnig. Doch hatte er eine wankelmütige Art, die Andvari unterbinden musste. Vor allem trat diese zutage, wenn er Angst hatte, besondere Personen zu verlieren.
      "Er ist kein schlechter Elf", murmelte der Prinz wie ein Mantra nach und folgte Tilda in den Raum. Nun...Seine Mutter hatte bereits gesagt: Ein Abstellraum ist ein Abstellraum und keine Wohnkammer. Doch als der weißhaarige Elf die Spinnweben um die Werkzeuge sah wurde ihm leicht flau im Magen. Sicherlich, es war eine Kriegssiedlung nicht alles war auf dem neuesten Stand, aber als er den ersten Hammer aus einem Eimer nahm, fiel der Metallkopf still protestierend und leise klirrend ab.
      er nickte Tilda zu und sah sich fahrig um. An einer Wand entdeckte er eine Reihe Spatel und Meißel, die noch in brauchbarem Zustand waren. Geheftet an einen Gurt warf er sich diesen um die Hüfte und fühlte eine vertraute Wärme dort. Gleichsam fand er einen kleinen Fäustling, der sich gut als Holzhammer eignete.
      Als er die Kammer wieder verließ, nickte er ergeben und murmelte. "Habt Dank, Tilda. Sollte mein Bruder auftauchen, schickt ihn bitte zu mir. Ich suche derweil Albert."
      Schweigsam verließ er die Schänke und betrat den Morgen.

      Der Weg zum Tor erwies sich als recht kurz. Zumindest kürzer als man dachte. Auf dem Weg dorthin fielen ihm ramponierte Dächer und Kallen samt brüchiger Wegestufen und eine kleine Brücke auf, die man reparieren konnte. Er würde viel Spaß haben, dachte er lächelnd und spürte einen kleinen Freudenschauer wenn er an all das Holz dachte, dass er zu behauen hatte.
      Doch getrübt wurde die Freude erst, als er die Mauer erreichte und diese anblickte. Sah sie von vorne noch recht gut aus, wies sie jedoch von hinten deutliche Strukturmängel auf, die man nicht übersehen konnte und durfte. Diese hier würde keinem Angriff standhalten. Noch nicht einmal dem Angriff eines Magiers. Und auch wenn er es nicht sagen wollte, nagte das Schuldgefühl an ihm, die Raben hierher geführt zu haben...Vielleicht konnte er sich an den Anlagen verdingen, wenn das Dach repariert war.
      DIe Scheune lag unweit davon und fiel durch das Geklapper und Gewusel diverser Helfer auf. Offenbar war Albert ein beliebter Mann, wie es Andvari schien und er stemmte die Hände in die Hüften ehe er hinauf blickte, die Scheune zu begutachten.
      Den erstbesten, den er zu fassen kriegte, hielt er an und grinste.
      "Ich suche Albert. Könnt ihr mir helfen? ICh bin hier um meine Hand anzubieten."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Um die Scheune herrschte augenscheinlich ein regelrechtes Chaos. Bei näherer Betrachtung fiel allerdings auf, dass das Durcheinander durchaus ein gut ausgeklügeltes System besaß. Jeder Arbeitsschritt griff perfekt mit dem nächsten zusammen und die Männer arbeitete gründlich aber zügig. Wie Tilda erwähnt hatte drohte die eingelagerte Ernte des vergangenen Jahres unter andauernden Feuchtigkeit des winterlichen Wetters zu verfaulen. Ein schnelle Handeln war daher angebracht.
      Der Angehaltene mit Staub an der Wange und verstreuten Holzsplittern auf seinem Wams hielt erstaunt an, als ein fremder Elf ihn ansprach. Der Blick, der zunächst skeptisch über den Neuankömmling wanderte, hellte sich augenblicklich auf. Die Erleichterung über ein weiteres paar helfender Hände stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mit dem dreckigen Ärmel wischte er sich den Schweiß von der Stirn und verschmierte den Schmutz in seinem Gesicht nur noch mehr.
      "Oh, da wird Albert sich freuen.", rief er aus und deutete erst mit einem Kopfnicken in Richtung Horizont, wo sich dunkle Wolken über den klaren Winterhimmel schoben. "Er rechnet mit einem baldigen, späten Schneefall. Bis dahin muss das Dach verschlossen sein. Ihr findet ihn in der Scheune. Wenn ich mich recht erinnere wollte er die Dachbalken anpassen."
      Tatsächlich ging Albert auf dem Heuboden unterm Dach der Scheune seiner Arbeit nach. Die feuchten und morschen Balken, die unter der Schneelast gebrochen waren, lagen in einem armseligen Haufen am Boden. Das Getreide hatte man notdürftig abgedeckt. Alberts ergrautes Haar glich mehr einen hellen Silber und zeugte von den gelebten Lebensjahren. Die Hände waren rau und schwielig von der harten Tätigkeit und trotz seines Alters wirkte die hochgewachsene, durch kräftezehrende Arbeit geformte Körper immer noch recht beeindruckend. Fluchend versuchte er den störrischen neuen Stützbalken in Position zu drücken. Zwei Versuche der Anpassung hatten noch immer nicht das gewünschte Ergebnis erreicht. Das Holz verkeilte sich immer wieder aufs Neue. Helfer auf der anderen Seite versuchten das schwere, hölzerne Bauteil mit einem straffen Seil in Position zu ziehen.
      "Zieht ihr überhaupt!?", ertönte die angestrengte Stimme Albert auf dem Heuboden.

      Viola blickte durch den Schankraum und lächelte, während sie die Kinder beobachtete, die mittlerweile ihre helle Freude daran hatten die ansässige Hauskatze durch den Raum zu scheuchen. Streicheleinheiten waren wohl nicht das Begehr des fauchendes Tieres, das sich arg aufgeplustert hatte und letztendlich die Flucht in die Küche antrat, um dort irgendwo zwischen Töpfen, Krügen und Fässern zu verschwinden.
      Die Heilerin kicherte amüsiert und folgte der Flüchtigen in die behagliche Wärme. Kaum setzte sie einen Fuß über die Türschwelle, kam ihr bereits die Wirtin entgegen, die offenbar in Eile war. Erschrocken blieb sie vor der unerwarteten Besucherin stehen und griff sich an die Brust.
      "Herrje, Viola!", rief sie aus, als sie die Heilerin erkannte. "Mein armes Herz!"
      Entschuldigend hob die junge Frau mit den herbstroten Haaren geschwind ihre Hände, um den Korb, der aus Tildas Armen gerutscht war, aufzufangen. Viola konnte nicht anders als leise zu lachen.
      "Bitte verzeiht, ich wollte Euch nicht erschrecken.", sagte sie und nahm der Wirtin ganz selbstverständlich den schweren Korb aus den Armen, der mit einem Tuch abgedeckt war. Es klimperte darin und roch verlockend nach Brot und Schinken.
      "Macht Euch keine Gedanken, Kind. Aber wo ihr schonmal wach und hier seid. Könntet ihr den Männern das Frühstück zur Scheune bringen. Euer Gefährte ist schon vor einer Weile nachdem Frühstück dorthin aufgebrochen, aber der Großteil der Helfer hatte noch keine Gelegenheit für eine ordentliche Mahlzeit.", erklärte Tilda.
      Viola wirkte um die Tatsache verlegen, dass sie offenbar die morgentlichen Vorbereitungen verschlafen hatte und nickte daher nur allzu bereitwillig.
      "Natürlich. Ich...", begann Viola und stockte mitten im Satz als etwas oder besser jemand an ihrem Rocksaum zupfte. Ein kleines Mädchen mit den wunderschönsten, blonden Haaren und großen, blauen Augen schaute zu ihr herauf.
      "Ach herrje! Das habe ich vergessen. Viola, eine kleine Bitte hätte ich noch. Wenn ihr den Männern das Frühstück gebracht habt, könnt ihr die kleine Elise zu meiner Schwester bringen? Sie hat ein Auge auf die Kleinsten hier, während die Mütter und Väter ihrem Tagwerk nachgehen."
      "Wie könnte ich da Nein sagen...", lächelte Viola und klemmte sich den Korb in die linke Armbeuge, ehe sie leicht in die Hocke ging und das kleine Mädchen mit einem sanften Kraftaufwand und einen Arm um dessen Rücken auf ihre Hüfte hob.
      "Jetzt komme ich mir vor, wie ein Packesel.", schmunzelte Viola und ließ sich von der Schankwirtin noch die Wegbeschreibung zu beiden Orten geben, ehe sie sich mit Korb und Kind auf den Weg machte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari hatte sich kurzerhand aufgeschwungen und Albert nach der Anweisung gesucht. Als er die Scheune jedoch betrat, sah er zunächst eine Art Trümmerfeld, das sich im Nachhinein als etwas humaner gestaltete als er dachte. Die schwere Stimme, die er von oben hörte, störte ihn nicht weiter, aber leider die Tatsache, dass er das verkeilte Holz sehen konnte, dass immer wieder gegen den Dachrahmen stieß und gefährliche Kerben hinterließ. Beinahe katzengleich schlang er ein kurzes Stück Seil um einen der großen Stützbalken am Boden und schwang sich in Windeseile auf den Heubogen, obgleich es genügend Möglichkeiten gab, diesen normal zu erklimmen.
      „Albert, nehme ich an?“, fragte er grinsend und stemmte sich ebenfalls gegen den Balken.
      Er war schwerer als angenommen, wenn er ehrlich war, aber gleichzeitig bemerkte der Elf, wie sein Körper sich langsam von den Strapazen der letzten Wochen erholte.
      Den Holzgeruch einsaugend schloss er kurz die Augen und drückte ein letztes Mal mit aller Kraft gegen den Balken, ehe dieser mit nicht unerheblichem Getöse unter den Dachrahmen fuhr.
      „Mein Name ist Andvari“, murmelte er schwer atmend und klopfte an den Balken. „Und wenn Ihr eine Aufgabe für mich habt, bin ich gern zu Diensten. In meinem früheren Leben war ich Zimmermann.“
      Das Grinsen auf seinem Gesicht war vermutlich das befreiteste, was er jemals aufgetragen hatte, während er seinen kleinen Fäustling zückte und Albert ansah.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Albert stemmte sich knurrend und fluchend gegen den verkanteten Balken.
      Bis plötzlich die Last auf seiner Schulter gemildert wurde und ein weißer Haarschopf in seinem Blickwinkel auftauchte. Verdutzt richtete sich sein Blick unter buschigen Augenbrauen auf den Neuankömmling. Es war die Erfahrung, die Albert wissen ließ, dass unter der drahtigen Gestalt mehr körperliche Kraft steckte, als es vielleicht erwartet wurde. Der Balken rutschte endlich in die vorhergesehene Kerbe und die Männer nahmen den Zug vom gespannten Seil.
      Albert stützte sich mit den Händen auf den Knien ab und atmete erst einmal tief durch. Der Jüngste war er nicht mehr, auch wenn er sich diese Tatsache niemals eingestehen würde.
      "Ja, ich bin Albert.", schnaufte der Ältere, zumindest war er das äußerlich, und richete sich langsam auf, wobei er den Rücke mit einem Knacken durchdrückte. "Zusätzliche Hilfe ist mir immer bekommen, vor allem da die Meisten scheinbar keine Kraft in den Knochen haben." Dabei sah er zu den Helfen auf der anderen Seite des Balkens die schwitzend auf einem Heuballen Platz genommen hatten.
      "Andvari, soso. Tilda hat mir bereits eine Nachricht zukommen lassen, dass Neuankömmlinge in der Stadt sind. Ein Zimmermann zu dieser Zeit ist ein wahrer Segen. Euch dürfte aufgefallen sein, dass die meisten Gebäude gelinde gesagt etwas Zuwendung nötig haben."
      Albert hatte noch nie einem Elf mit weißen Haaren und derlei ungewöhnlichen Augen gesehen, war aber zu alt um sich über, für ihn, unwichtige Kleinigkeiten zu scheren.
      "Kommt. Wir müssen die nächsten Stützbalken anpassen.", Albert deutete auf ein paar noch unbearbeitete, frische Holzbalken die bereits bereitlagen und begann Andvari zu erklären, wo das Material seinen späteren Platz im Gebälk bekommen sollte.

      Frische Morgenluft empfing Viola und die kleine Elise, die vergnügt die Gegend auskundschaftete.
      Kaum hatte die Heilerin einen Fuß vor die Tür gesetzte, begann das kleine Mädchen aufgeregt von ihrer Mutter und ihren Brüdern zu erzählen. Und von dem einäugigen Hund, der ebenfalls mit ihnen unter einem Dach lebte. Die fröhliche Kinderstimme hellte das Gemüt augenblicklich auf und Viola schenkte dem Mädchen sämtliche Aufmerksamkeit ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.
      Ein sanfter Zug an einer verirrten Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöste hatte, ließ sie leise kichern.
      Elise betrachtete mit kindlicher Fanszination die rötlichen Haar strähnen und zupfte mit den Fingern daran. Vorsichtiger, als die Hielerin es einem Kleinkind zugetraut hätte.
      "Wenn ich groß bin, will ich auch so schöne, rote Haare haben...", gluckste Elise und schlang die Arme in einem leichten Klammergriff um den Hals der jungen Frau. Etwas mühselig richtete Viola den Korb auf ihrem Arm und korrigierte auch den Griff um Elise, damit die Kleine nicht von ihrer Hüfte rutschte.
      "Soll ich dir was veraten, Elise?", wisperte Viola und lächelte, denn das Mädchen sah sie mit großen, runden Augen an. "Deine Haare finde ich viel schöner."
      Vergnügt gluckste Elise und schien gar nicht mehr mit dem Sprechen aufhören zu können. Zu jeder Ecke, zu jeden Haus und jedem Bewohner, den sie passierten, hatte die Kleine etwas zu berichten. Und Viola hoffte, für Elise und ihre Geschwister, für alle Kinder in Beleriand, dass sie noch Jahre so glücklich und sorglos sein konnten. Die Kindheit war so kostbar.
      Es vergingen nur wenige Wegminuten, da erhob sie vor der Rothaarigen die gesuchte Scheune aus dem Boden. Überall liefen Helfer an ihr vorbei und als der Erste den Korb in ihren Armen entdeckte, klatschte er in die Hände und es erklang ein bellendes Lachen.
      "Euch schickt der Himmel, junge Frau! Wir dachten schon die gute Tilda hätte uns vergessen.", sprach er und winkte die restlichen Helfer heran, damit jeder seine Ration abbekam. Der kleine Wirbelwind auf ihrem Arm wurde selbstverständlich ebenfalls begrüßt.
      "Albert und ein paar Männer sind in der Scheune.", berichtete ein weiterer Handwerker während zwischen zwei Bissen.
      Viola nickte zu dem Hinweis und setzte ihren Weg über den unebenen und feuchten Boden fort.
      Im Inneren erblickte sie das Ausmaß des Dacheinsturzes und Andvari, der tatkräftig bei der Arbeit war.
      "Ah, Frühstück!", ein Jungspung rutschte die Leiter förmlich herunter und eilte zu Viola herüber. Er lächelte Viola breit an und schien ungefähr im selben Alter zu sein. "Oh, Euer Gesicht kenne ich noch gar nicht. Warte ich nehme Euch den Korb ab. Der muss doch fürchterlich schwer sein."
      Da hatte er ihr den Korb bereist vom Arm genommen und lächelte die beiden Besucher auf der Bausstelle an. Mit der freien Hand verwuschelte er den blonden Haarschopf von Elise, die glockenhell zu lachen begann.
      "Wenn meine Schwester Euch bereits ins Herz geschlossen hat, wird es mir ein Leichtes sein. Mein Name ist Mael."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Schweigsam lauschte der weißhaarige Elf lächelnd den Instruktionen des alten Meisters und verkniff sich die Tatsache, dass er selbst ein Meister seiner Zunft war. Zumindest dem Titel nach. Langsam betrachtete er das Ausmaß des Einsturzes und musste dem silberhaarigen Mann Recht geben. Die Dachgiebel sahen schrecklich aus, der Heuboden hing beinahe lose in der Luft und die Stützen zu beiden Seiten waren morsch. Es war ein Neubau von Nöten, aber die Geldmittel reichten nicht, wie es schien.
      Nickend machte er sich ans Werk und zog eine schmale Säge hervor und begann, den Dachbalken ein wenig anzuschrägen an einer Seite. Zielsicher sägte er eine kleine Schräge aus, die später kaum auffiel, aber ein kleiner Trick des Elfenvolkes war. Mit dieser kleinen Lücke, ließ sich der Balken leichter unter die anderen schieben und ein seitlich eingehämmerter Splint sorgte für Stabilität. SO manches Gebäude auf diese Weise gebaut worden und hielt Jahrhunderte.
      "Geht nur"; murmelte er. "Ich komme zurecht."
      Es war nicht gelogen. Beinahe mühelos stemmte er den Balken in die Luft und drückte ihn unter das Dachgebälk, ehe er mit dem Fäustling drei schnelle Hiebe auf die Mitte gab.
      Holz war fantastisch. Durch die Vibration im Inneren und die leichte Schwankung ließ es sich unter Murren und Ächzen aber dennoch leichter darunter einpassen und kam mit leichtem Brummen zum Stehen. Nun musste nur noch einer dort hinauf.
      Er wollte sich gerade dem nächsten Balken annehmen, da er einen leichten Tumult im unteren Bereich bemerkte.
      Spielerisch wanderte er lautlos an den Rand des Gebälks und erblickte mit gut gelaunten Augen Viola, die ein kleines Kind auf dem Arm trug, das fröhlich glucksend in der Gegend her umsah.
      Grinsend stieg er auf den Querbalken, der die ganze Scheune durchmaß und federleicht tänzelte er darauf herum, bis er beinahe seitlich über Viola stand und hinunter sah.
      "Du siehst gut aus! Mit nicht gehörigem Nachwuchs!", rief er und grinste breit, während er beinahe spielerisch das Gleichgewicht über dem gähnenden Abgrund hielt. Ein Wunder, dass dieser Balken sein Gewicht trug.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Mit gesunder Skepsis blickte Meister Albert dem Elf über die Schulter, der sich davon nicht eine Sekunde aus der Ruhe bringen ließ.
      Letzendlich blieb ihm nichts anderes übrig, als Andvari anerkennend zu zunicken. Der Fremde verstand etwas von seinem Handwerk und Albert gehörte nicht zu den Menschen, die leichtfertig die Arbeit aus der Hand gaben.
      Der verhärtete Ausdruck auf seinem Gesicht, der die Fingerfertigkeit und Kraft des Elfs in Augenschein nahm, hellte sich langsam aber stetig ein wenig mehr auf. Offensichtlich waren die Erläuterungen vergebene Mühe gewesen, als der Balken mit tosendem Ächzen in seine vorherbestimmte Position gedrückt wurde. Alber verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Sieh einer an.", brummte er und ließ den Blick über das bearbeitete Holz wandern. "Endlich jemand der sein Handwerk auch versteht."
      Hinter Albert zuckten die Jünglinge, bei denen es sich offenbar um seine Lehrlinge handelte, etwas zusammen. Der Meister war streng aber kein Unmensch, was ihm den Respekt der Leute einbrachte.
      "Da habe ich mir den Mund ganz umsonst fusselig geredet.Gut, dann sehe sich nach den anderen Taugenichtsen." sagte Albert und wirkte dabei nicht verärgert, eher angenehm überrascht. Damit winkte er seine Lehrlinge zu sich und machte sich an den Abstieg über die wackelige Leiter. Etwas versetzte Mael in Aufruhr und da entdeckte der alte Meister die junge Frau mit Elise auf dem Arm.
      Ein weiteres unbekanntes Gesicht, das Albert mit Neugierde musterte und da war nicht der Einzige. Trotz markanter Narben im Gesicht war die junge Dame hübsch anzusehen und strahlte trotz der zierlichen Statur eine innere Stärke aus, die von einem schweren Weg zeugte. Wenn er sich für etwas rühmte, dann für seine Arbeit und seine Menschenkenntnis.
      "Mael! Jetzt lass das arme Mädchen in Ruhe! Nimm dein Frühstück und sieh zu, dass du wieder an die Arbeit kommst!", bellte Albert.
      Angesprochener verschluckte sich beinahe an einem Stück Schinken und lächelte Viola und seiner Schwester entschuldigend zu.
      "Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, müsst ihr mir Euren Namen verraten!", rief er beim hinaus eilen über die Schulter. Viola schüttelte nur schmunzelnd den Kopf und grinste Elise zu, die mit einer etwas unsanften Hand auf ihrer Wange die gesamte Aufmerksamkeit forderte.
      Dabei bemerkte die Heilerin auch nicht, wie Andvari tänzelnd über den Querbalken balancierte, der unter dem Gewicht des Elfs ächzte und knarzte. Die Stimme ließ sich leicht zusammen zuckten. Die Hand auf ihrer Wange verschwand und ein kleiner Kinderfinger zeigte nach oben.
      "Viola, schau!", erklang Elise begeistert und auch die Rothaarige sah nun nach oben und lachte leise.
      "Was soll ich sagen?", rief Viola hinauf. "Ich konnt einfach nicht Nein sagen, bei diesem Engelgesicht!"
      "Wer ist das, Viola?", das kleine Mädchen zupfte an einer Strähne hinter dem Ohr der Heilerin.
      "Das ist Andvari...", sprach sie gedämpfter zu Elise.
      "Hallo Andvari!", rief Elise aus voller Kehle hinauf und winkte wild mit beiden Armen, worauf Viola Mühe hatte das zappelnde Bündel von Kind auf dem Arm zu behalten.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari begann zu lachen, bis ihm eine kurze Zirkusnummer wieder einfiel.
      Seiner Mutter hatte er immer einen Streich gespielt als er jünger war. Also tat er so als würde er sich vor Lachen den Bauch halten und glitt vermeintlich auf dem Balken aus, nur um sich im letzten Moment wieder zu fangen und unter Geächze des Holzes auf ein Knie zu sinken.
      "Das ist wahr"; bestätigte er und grinste die kleine an. "Hallo, kleines Mädchen!"
      Er winkte fröhlich und glitt elfengleich von dem Querbalken um kurz neben ihr beinahe lautlos, aber nicht ohne Belastung aufzukommen. die festeren Knochen des Elfenvolkes machten sich bezahlt, wenn man es so sah. Schweigsam trat er an die beiden heran.
      "Was tust du hier?", fragte er und nahm grinsend eine der Hände des KIndes um sie zu schütteln.
      "Und wer bist du, kleine Lady?"
      Es erleichterte ihn immer wieder mit Kindern zu interagieren. Ihre AUgen waren frei von Hass und Vorurteil und auch der Stolz trübte noch nicht ihre Seele. Er sah in wache, kleine Knopfaugen, die ihn beinahe an eine junge Dame erinnerten, die er einst kannte. Schweigsam hielt er seine Hand dort und blickte zu Viola, ein wenig ernster werdend.
      "Du hast nicht zufällig Sylvar gesehen, oder?", fragte er wispernd an ihrem Ohr um ihr anschließend einen kurzen Kuss auf die Wange zu geben.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Voller Begeisterung klatschte Elise in die Hände, als Andvari auf dem ächzenden Balken sein kleines Kunststück vollführte.
      Viola konnte sich das Grinsen nicht verkneifen und verstärkte ihren Griff um den Wildfang in ihrem Arm, bis sicher war, dass das Mädchen nicht einfach aus ihrem Arm hüpfte. Große, blaue Augen blickten Andvari voller Begeisterung an, als dieser aus luftiger Höhe zu Boden glitt. Die Heilerin selbst verzog bei dem Aufprall leicht das Gesicht.
      "Tilda hat mich darum gebeten, den Männern das Frühstück zu bringen. Und danach bringe ich diesen kleinen Wirbelwind zu ihrer Schwester", antwortete Viola und beobachtete mit warmen Blick, wie der Elf mit dem Mädchen in ihrem Arm sprach.
      Elise winzige Hände verschwanden in der großen Hand des Elfen und ihr Blick hing fasziniert an den schneeweißen Haaren. Es war ihr regelrecht anzusehen, wie sie versuchte das weiße Haar, dass sie mit Älteren wie Albert verband, mit den jungen Gesichtszügen in Einklang zu bringen. Die Frage lenkte sie aber offensichtlich genug ab.
      "Ich bin Elise! Und ich bin überhaupt nicht klein. Ich bin schon sooooo groß!", quietschte das Mädchen vergnügt und reckte beide Arme hoch über den Kopf, wobei Viola leicht den Kopf zur Seite wegduckte, um eine der kleinen Hände nicht mitten ins Gesicht zu bekommen.
      Die junge Heilerin blickte ihre Gefährten fragend an und schüttelte sachte den Kopf.
      "Nein, heute Morgen noch nicht. Aber es war seltsam ruhig. Ist er gestern Nacht denn nicht zurück gekommen?", fragte sie ebenso leise flüsternd. Violas Schlaf war schwer und tief gewesen. Die feindlichen Armeen hätten in Beleriand einfallen können und sie hätte sich nicht eine Sekunde aus den Armen ihren Geliebten gelöst.
      Neugierige Blicke lagen auf dem ungleichen Paar, als der Elf sich hinabbeugte und ihre Wange sanft küsste.
      "Igitt!" Elise schüttelte sich leicht und sah die beiden mit schmalen Augen an, ehe sie sich die Hände vors Gesicht hielt. "Tante Tilda sagt immer, das ist nichts für kleine Kinder!"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari grinste breit als Elisa ihren Namen nannte und ihre Größe beschrieb. Er fühlte sich frei mit diesen kleinen Kindern, auch wenn sie so hilfebedürftig wie sonst etwas waren. Aber die Fröhlichkeit, die ihm entgegenschlug, wirkte wie ein Hammer auf kaltem Eisen. HErrlich erfrischend und gleichsam erweckend.
      "Freut mich, Elise", grinste er und ließ sie eine Weile mit seinen Fingern spielen udn neigte sogar das Haupt ein wenig zu ihr, da er das Glitzern in ihren Augen bemerkte. Sollte sie Spaß mit den Haaren haben. Er hatte genug davon.
      "Und groß bist du wahrlich. Beinahe so groß wie wir Elfen, nicht wahr? Und du wirst bestimmt noch größer!"
      Das Lachen, das ihn verließ, war ehrlich und beinahe jungenhaft. Und doch...Unter dem Gehämmer der Männer und dem Klirren von Nägeln und dem KNirschen von Holzbalken seufzte er kurz und schüttelte den Kopf.
      "Nein, er war nicht in seinem Bett. Tilda berichtete, dass ihn gestern Abend etwas umtrieb und er in kryptischen Worten verlauten ließ, dass manche guten Absichten zu schlechten Taten führten. Nur bin ich mir wirklich nicht sicher, ob es wieder eine seiner Launen war, oder ob er es ernst meinte..."
      Beinahe mechanisch wich Andvari einem Balken aus, der gedreht wurde und senkte dazu nur einmal kurz das Haupt, während er sie nachdenklich ansah.
      "Kannst du deine Ohren aufhalten?", fragte er,e he er sich nochmal Elise zuwandte.
      "Das ist richtig, Lady Elise", bestätigte Andvari nickend und grinste. "Aber irgendwann...Irgendwann wird es etwas für dich sein."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Heilerin versuchte vor der entzückten Elise nichts anmerken zu lassen, während das Mädchen mit der reinsten und kindlichen Neugierde das schneeweiße Haar zwischen die Finger nahm. Und das tat sich um einiges vorsichtiger, als Viola es von stürmischen Kindern gewohnt war. Die Worte des Elfen allerdings gaben ihr Rätsel auf. Zwar kannte sie die Gewohnheiten des Zauberers nicht auswendig, aber Andvari wirkte besorgt und unter der keimenden Sorge beunruhigt. Viola hatte nicht vergessen, dass Sylvar mit seiner wankelmütigen Art seinem Bruder bereits einmal in den Rücken gefallen war. Allerdings hatten sie auch die vergangenen Tage ununterbrochen miteinander verbracht. Für sie war der Gedanke nicht verwunderlich, dass Sylvar ein wenig Raum für sich selbst suchte. Dennoch legte sich ihre Stirn in sorgenvolle Falten.
      "Niemals!", verkündete Elise und unterbrach damit die düsteren Gedanken. "Jungs sind blöd! Wie Mael. Aber ich glaube, dich mag ich."
      "Soll ich dir noch ein Geheimnis verraten, Elise?", schmunzelte Viola und sah aus dem Augenwinkel zu Andvari. "Ich glaube, ich mag ihn auch."
      Kichernd hielt sich das blonde Mädchen wieder die Hände vor die Augen.
      "Bitte nicht wieder küssen...", quietschte sie und lachte freudig. Für Elise war ein Spaß, aber die junge Frau wusste, dass nicht jeder das Paar mit freundlichen Blicken bedachte. Auch wenn die Bevölkerung von Beleriand sich einen bunte Mischung verschiedenster Völker verwandelte, hinterließen Krieg und Verfolgung doch ein nagendes Misstrauen.
      Viola setzte ein Lächeln auf, doch Elise blickte sich bereits weiter nach dem geräuschvollen Treiben in der Scheune. In einer mehr unbewussten Geste, legte sie eine Hand an den Hinterkopf des Mädchens, dass den Hals wissbegierig über ihre Schulter reckte.
      Andvari sprach das Worte nicht aus, aber dennoch hing es schwer über ihnen wie das Beil eines Henkers. Verrat.
      "Wir können das erste Mal seit langer Zeit wieder durchatmen. Vielleicht sucht Sylvar nur ein wenig Ruhe. Sorgen mache ich mir dennoch.", murmelte Viola und blickte sich in dem baufälligen Gebäude um. Sollten sie wirklich das Unheil über diese Stadt gebracht haben, wusste die junge Frau nicht, ob sie damit leben konnte. "Und du ebenso. Ich versuche mich umzuhören. Vielleicht hat ihn doch jemand gesehen."
      Mit der freien Hand drückte sie kurz Andvaris Finger und nickte entschlossen.
      "Ich bin mir sicher, dass sich alles aufklären wird. Wir sehen uns später bei Tilda", murmelte sie und küsste Andvari flüchtig aber sanft auf den Mund. Natürlich unter dem belustigten Kichern von Elise. "Und wir Zwei haben noch eine Verabredung.", fürgte sie an das Mädchen gewandt hinzu.
      Viola verschwand samt lachender Elise und sie lächelte strahlend zu dem Mädchen hinab. Wer konnte in der Gegenwar dieser Frohnatur schon trübsinnig sein?
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach einer kurzen Weile hob er den Kopf aus ihren kleinen Fingern und grinste verstohlen, während seine Blicke das erste Mal durch die Menge ging. Auch ihm fielen einige Gesichter auf, die mit Missbilligung auf das ungleiche Paar sahen. Menschlicher Neid und elfischer Stolz. Eine waghalsige Kombination wenn man ihn fragte.
      Kopfschüttelnd musste er lachen, als Elise zu quietschen begann. Auch für das kleine Mädchen würde der Tag kommen, an dem das Leben sie einholte. Und Andvari hoffte, dass es ein friedlicher Tag war. Die Welt, wie sie jetzt erschien, war kein Ort für ein Kind. Der Krieg legte sich mehr und mehr wie eine Decke über die Nacht und machte alles schwärzer als es erschien.
      Andvari nickte Viola zu.
      "Vermutlich hast du Recht", bestätigte er und empfing ihren Kuss nur zu gern. Andvari neigte kurz das Haupt und winkte Elise und Viola hinterher, während seine Gedanken noch immer rasten. Konnte es wirklich sein? War Verrat erneut ein Thema?
      Während er den beiden noch nach sah, schulterte er wieder den Hammer und seufzte. Die Balken warteten auf ihn und kopfschüttelnd drehte er sich um, um sich ans Werk zu machen.


      In einer kleinen Lichtung am Waldesrand um Berleriand gingen zwei Gestalten die Straße entlang.
      Die Eine groß, die Andere klein. Gemeinsam traten sie im Gleichschritt in den Kies des Weges und schienen sich der Straße nach Beleriand nur allzu bewusst, denn auf ihren Gesichtern malte sich die Hast des Todes aus. Beide trugen Masken. Schwarze, nichtssagende, ovale Masken mit zwei Augenschlitzen.
      Von der großen Gestalt gingen rote Haare aus, die Kleinere trug ihre Haare blond und wallend wie eine Mähne. Der Größere der beiden, der auf den Namen Gorm hörte, trug eine schwere Keule bei sich. Man mochte es als simple Hiebwaffe betrachten, doch letztlich erschien sie mehr als das. Als habe man einen Dachbalken entwendet und diesen in Metall gehüllt.
      Erst als sie aus dem Schatten der Bäume heraustraten, zeichneten sich auf den schwarzen Masken die Malereien eines Vogelschnabels ab: Der Schnabel eines Raben.
      Beleriand war noch eine gute Tagesreise entfernt und so ließen sie sich Zeit auf ihrem Weg, betrachteten die Bäume um sie doch nicht zu sehen. Doch die Gestalt auf dem Weg, die sich auf einen Stab stützte und schrecklich fahl aussah, bemerkten sie recht wohl.
      "Eisenblatt", murmelte die Kleinere der Gestalten.
      "Gorm und Dorynn, nehme ich an?"
      Beide nickten stumm.
      "Ich dachte mir, dass ihr die Nordroute nehmen würdet...", sagte Sylvar und grinste, während er sich zur Gänze erhob. "Ihr seid vorbereitet?"
      Ein erneutes Nicken.
      "Wo ist der Prinz?", fragte Gorm und trat einen Schritt vor.
      "Der Prinz ist dort, wo ich Faolan hinbestellte. Wo ist mein Bruder?"
      Dorynn begann nun meckernd zu lachen und knetete die knochigen Handgelenke.
      "Euer Bruder lässt Euch herzlich grüßen und bietet den Handel zu den genannten Konditionen. Ein Leben für ein Leben."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ein herrlicher und friedlicher Wintertag neigte sich langsam den Ende zu.
      Viola verbrachte die die Stunden mit wenig Ruhe, nachdem sie Elise an ihrem Bestimmungsort abgesetzt hatte. Eine kleine Kinderschar hatte sie beim Haus von Tildas Schwester begrüßt und das fröhliche, sorglose Lachen begleitete sie in den Gedanken. Wie am Vorabend mit der Wirtin besprochen, war die junge Heilerin unter Tildas Führung durch die Straßen der Siedlung gewandert. Wenige Besuche bei erkrankten Bewohnern hatten ausgereicht, um die Worte der Schankdame unterstreichen. Eine Heilkundige war bitter nötig.
      Über den harten, kalten Winter waren viele Menschen erkrankt. Nicht allein durch die feuchte Kälte, die Knochen und Muskeln zu schaffen machte, auch Mangelerscheinungen und Kriegstrauma waren verbreitet wie ein bösartiges Geschwür. Jedes Problem ließ sich allerdings durch heilende Magie lösen und Viola war noch immer vorsichtig mit den Kräftereserven. Bereits nach wenigen Stunden fühlte sie die Erschöpfung in den Knochen und einen dumpfen Kopfschmerz, der sich mit jeder verstreichenden Stunde vervielfachte.
      Was der Frau jedoch mehr sorgenvolle Kopfschmerzen bereitete, war das unveränderte Verschwinden von Sylvar.
      Niemand, den sie befragt hatte, konnte ihr eine eindeutige Antwort geben. Niemand hatte den Zauberer seit seinem Besuch bei Tilda in der Taverne gesehen. Sylvar blieb vom Erdboden verschluckt. Violas Hoffnung, dass sich alles zum Guten aufklären wurde, schwand.
      Am Abend ging die Heilerin Tilda in der Küche fleißig zur Hand. Zwar war sie keine begnadete Köchin, aber für das Vorbereiten und Schneiden der kargen Zutaten bedurfte es kein besonderes Talent. Die Frauen scherzten und lachten um die drückende Stimmung vertreiben, die wie eine düstere Wolke über ihnen hing.
      Viola warf die geschälten und geteilten Kartoffeln in einen Kessel aus kochendem Wasser. Seufzend wischte sie sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und schob einen weiteren, bereitgelegten Holzscheit in das flackernde Feuer in der Kochstelle.
      Durch die Hintertür drang die frische Abendluft in die Räumlichkeiten, als Meliorn eintrat. Bei den fragenden Blicken der Frauen, schüttelte der Elf den Kopf.
      "Bis zum nahen Waldrand an der Straße habe ich alle Wege und Pfade abgesucht. Nichts.", murmelte er und zuckte mit den Achseln.
      "Das ist nicht gut.", gab Tilda zu bedenken und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab.
      Viola warf einen Blick aus dem kleinen Sprossenfenster über dem aus Stein gehauenen Spülbecken, in dem sie Messer und Schüssel reinigte. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und warf an diesem Abend ein rosafarbenes bis rötliches Licht über den Schnee auf Dächern und Wegen. Auf abstrakte Weise erweckte das Lichterspiel den Anschein, als wäre der reine, weiße Schnee mit Blut getränkt worden. Ein schlechtes Omen für jene, die an dergleichen glaubten.
      "Er wird wieder auftauchen und dann wissen wir mehr.", mischte sich nun Viola ein. "Sylvar hat unsere Leben viele Male gerettet und uns beschützt. Es ergibt einfach keinen Sinn."
      "Was ergibt keinen Sinn?", hakte Meliorn nach und zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen.
      "Nicht so wichtig.", winkte Viola ab und wandte sich wieder dem schmutzigen Geschirr zu.
      Die Heilerin weigerte sich zu glauben, dass der Elfenzauberer tatsächlich den gefürchteten Verrat beging. Sylvar war ihr Freund. Sie vertraute ihm und doch ließ sich die Stimme der Vernunft in ihrem Kopf nicht zum Schweigen bringen. Welchen Grund gäbe es außer der Angst vor den Konsequenzen, sollte das Unterfangen scheitern? Sollte es wirklich Furcht sein die Sylvar umtrieb?
      Hinter ihrem Rücken tauschten Tilda und der Elf bedeutungsschwere Blicke aus.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”