[2er RPG] The Curse of Time {TobiMcCloud & Codren}

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    • Aradan's Nerven waren angespannt. Schon der Weg zum Unterricht war eine Qual. Er hat die gesamte Nacht kein einziges Auge zu bekommen. Seine Mutter hatte ihm mehr Strafen aufgebrummt als er sich je hätte ausmalen können... fast schon wünschte er sich seinen groben Vater zurück. Wobei.. Wer weiß was er von ihm als Strafe bekommen hätte, wäre er dabei gewesen.. Aradan seufzte und ging deutlich geknickt weiter bis er nicht mal den ersten Fuß im Raum des Klassenzimmers hatte und schon von Ellaya heran gewunken wurde. Das konnte er nun gewiss nicht brauchen. Er mochte es zwar ziemlich überhaupt Freunde gefunden zu haben aber warum musste Ella ständig so aufdrehen? Irgendwann würde er sie das fragen, doch nun wollte er einfach seine Ruhe haben. Glücklicherweise stand nur dieses langweilige Thema an, welches er dank seines Vaters schon im Schlaf kannte. Für Aradan waren Waffen wie Rasseln und Stofftiere für Baby's. Er konnte es teilweise nicht verstehen wie man manchen hier im Klassenraum die simpelsten Schärfmethoden schon 5 Mal erklärt hatte und sie es noch immer nicht verstanden. Aber was solls. Die Monster würden sich schon um diese Idioten kümmern.
      Als dann aber Ella anfing ihn zu löchern und nicht mal auf eine Antwort wartete, stattdessen Renera mit Tokiv erwähnte, wurde er tatsächlich wütend. Nicht etwa darüber dass Renera etwas mit Tokiv haben könnte, sondern dass Ellaya als Waffe nutzte um ihn zu verletzen. Selbst wenn Renera ihn überhaupt nicht mochte und nur mit ihm abhing um Lästerstoff zu sammeln... Hätte man es anders sagen können. Aber Aradan war es einfach nur noch leid ständig aufgezogen zu werden, also schluckte er es hinunter und entschloss sich dieses Gerücht später selber in Erfahrung zu bringen. Vorerst galt für Ellaya nur eines, was er ihr leise aber überdeutlich entgegnete
      "HALT......deinen Mund"
      Es kostete ihn einiges an Beherrschung ruhig zu bleiben. Aber er schaffte es den Unterricht hinter sich zu bringen und weigerte sich den ganzen Tag über groß mit Ella zu sprechen. Er antwortete nur auf das aller nötigste und ging ihr so gut es ging aus dem Weg, auch wenn es manchmal ziemlich schwer war.
      Als der Unterricht dann aber endlich vorbei war, war Aradan der aller erste der auf sprang und den Raum verlassen hatte als sich grade alle anderen hinterher drangen und Ellaya wenigstens etwas den direkten Weg zu Aradan versperrten.
      Sein Ziel war ganz klar das Krankenhaus. Anfangs um seine Fragen bezüglich Tokiv zu stellen, doch mit jedem weiteren Schritt kam ihm der letzte Tag mehr und mehr in den Kopf zurück. Die Schreie.. die Schmerzen.. aber auch das Training. Selbst wenn sie nur nach Gründen gesucht hat um lästern zu können... es hat ihm gefallen.
      Und kaum dass er am Krankenhaus ankam, vergaß er jeden Groll den er während dem Unterricht aufbaute und trat ein. Vorsichtig näherte er sich Renera. Erst als er gänzlich um die Ecke kam, bemerkte er wie Fijena noch dort saß, also senkte er seinen Blick und hielt sofort an
      "Entschuldigung aber... geht es ihr besser?"
    • Ellaya erschrak. Sie hatte mit vielen Reaktionen gerechnet, die Wut und Skepsis beinhaltet hatten, doch sie hatte sich nie vorgestellt, dass sie gegen sie gerichtet sein könnten. So richtete sie den ganzen verbleibenden Tag kein Wort mehr an Aradan, doch als sie ihn am Ende des Unterrichts nochmal ansprechen wollte, war er bereits schneller verschwunden, als sie überhaupt schauen konnte.
      Das war ärgerlich. Wirklich ärgerlich. Renera musste ihm schon etwas erzählt haben, sonst hätte er keine solch harsche Reaktion gehabt. Aber was hatte sie ihm erzählt? Worüber hatten die beiden den ganzen gestrigen Tag geredet?
      Sie machte sich auf einen schnellen Heimweg um Renera zu stellen, aber da musste sie zermürbt feststellen, dass sie noch immer nicht da war. Sie simulierte wahrscheinlich im Krankenhaus um ihren Arbeiten zu entgehen, schließlich hatte sie sich nur die Nase verletzt, deswegen musste man nicht gleich über Nacht dort bleiben. Aber das machte nichts. Ellaya würde das Essen zubereiten, die Wäsche waschen, die Nachttöpfe ausleeren, die Küche aufräumen, Cilla waschen und mehr Holz holen gehen und währenddessen konnte sie sich überlegen, wie sie Aradan von Renera losbekommen konnte.

      Fijena hob den Kopf, als Aradan eintrat. Sie sah müde aus, aber eigentlich sah sie immer so aus. In der Hand hielt sie einen Teller Suppe und der Löffel verharrte in der Luft, bevor sie ihn zurücklegte. Sie musterte ihn für einen Moment, als wolle sie die Gefahr abschätzen, die von ihm ausging und schien dann zu seufzten.
      "Schau mal wer da ist, Rey."
      Da hob Renera den Kopf und lächelte. Sein Anblick war ihr deutlich lieber als die geschäftige Momo oder ihre eigene Mutter, die halb auf dem Stuhl einschlief.
      "Hey, Ara."
      Er kam näher, aber Renera blieb liegen. Man, war das peinlich. Sie kam sich vor wie ein krankes Tier das man begutachtete, um herauszufinden, ob es noch zu retten war. Allerdings hatte Momo sie zurechtgewiesen sich nicht zu schnell zu bewegen, also blieb sie einfach liegen. Eigentlich war es auch ziemlich gemütlich hier, die Bettlaken waren frisch und das Bett größer als ihr eigenes. Da war es nicht schlecht den ganzen Tag zu schlafen.
      "Mir geht's eigentlich ganz gut. Mir ist schlecht, weil ich zu wenig esse, aber mir ist auch schlecht, wenn ich etwas esse. Das ist irgendwie widersprüchlich."
      Fijena stellte die Schüssel wie zur Antwort auf den kleinen Tisch neben dem Bett und lehnte sich zurück. Sie hatte den Blick auf Aradan gerichtet und sah nur manchmal weg.
      "Wenigstens geht's dir gut, sonst lägen wir beide hier. Warst du heute im Unterricht? Hab' ich was verpasst?"
    • Aradan konnte es gar nicht glauben aber er wurde tatsächlich angelächelt. Er hatte mit vielem gerechnet aber damit nun ganz sicher nicht.
      "Vielleicht kann dir Momo etwas gegen die Übelkeit geben. Soll ich sie fragen?"
      "Nein Aradan. Ihr Körper muss sich von ganz alleine erholen. Das sind ganz normale Folgen nach dem was sie gestern durch gemacht hat"
      Kam recht flott von Momo zu hören, welche geschäftig umher wuselte.
      Aradan nickte nur und wusste erst nicht was er sagen sollte als Renera nach dem Unterricht fragte. Vor allem nicht da Fijena zuhörte.
      "Ach naja. Waffenkunde. Alles trockener Unterricht im Schulgebäude."
      Ihr dann aber auch etwas entspannter entgegen lächelnd, wagte er sich seine Hand auf ihre Schulter zu legen
      "Hör auf Momo und komm schnell wieder auf die Beine okay. Bald sind die Prüfungen."
      Kaum ausgesprochen ertönte laut ein Horn am Westtor.
      Direkt war das Dorf sehr aufmerksam und alle die etwas Zeit entbehren konnten, gingen schon rüber.
      "Der Spähtrupp!"
      Meinte Aradan spontan als ihm erst jetzt wieder in den Kopf kam dass sein Vater mit ein paar Leuten den Wald auskundschaftete.
      "Ich.. Ich komme gleich wieder.. ich meine.. wenn du möchtest"
      Kam am Ende dann doch etwas schüchtern aus ihm heraus ehe er schon hastig aus dem Fenster sprang und ebenso geschwind zum Westtor ging. Dort war der Spähtrupp auch schon durchs Tor gekommen. Doch es fehlte eine Person. Direkt war Aradan besorgt. War der Wald nun doch bald schon die nächste Front?

      Es vergingen ein paar Stunden. Der Spähtrupp begrüßte alle, rief aber direkt eine Sitzung ein, welche auch unmittelbar abgehalten wurde. Dort haben sie alles bis ins kleinste Detail berichtet, ließen dabei aber die Demonstration von Marudan's Erfindung aus, wie sie es alle einwilligend versprochen hatten.
      Bürgermeister Rodon handelte sofort. Wissend dass im Wald kein Hinterhalt zu erwarten war, stellte er eine 15 Mann starke Truppe auf mit den fähigsten Fallenstellern darunter. Diese drei Läufer sollten schon bald kein Problem mehr machen. Wenngleich es noch immer mysteriös war, woher diese überhaupt kamen. So war dann auch der Vorschlag der verschiedenen Wachposten schnell besiegelt. Grundlegende Materialien würde der Trupp direkt mit dem größten Karren mit nehmen und der Schreiner Logar war ebenso mit von dieser Unternehmung um die Posten mit seinen beiden Söhnen, welche ebenfalls schon erwachsen waren, direkt beginnen konnte zu errichten.

      Aradan war überglücklich dass doch alles gut gelaufen war und die fehlende Person nur am Rand des Waldes postiert wurde um Wache zu halten. Wirklich viel erklärte ihm sein Vater aber nicht als dieser nach Hause gekommen war. Er entnahm das meiste beim Lauschen als noch alle in der Sitzung waren.
      Als dann alle kleinen Erklärungen vom Tisch waren und sich langsam etwas Ruhe breit machte, sprach Reona das nächste Thema an.
      "Marudan. Ich muss dir etwas zeigen."
      Dieser sah auf und wusste direkt dass es nichts gutes sein konnte wenn seine Frau in diesem Ton sprach. Er folgte ihr ins Hinterzimmer und wusste sofort was los war. Das verschobene Regal und die Truhe. Sein Blick verharrte auf der Truhe
      "Aradan. Du gehst jetzt mal nach draußen."
      Diese Worte waren ein ganz klarer Befehl. Zwar war Aradan sehr neugierig und wollte unbedingt wissen was es mit dem Inhalt der Truhe auf sich hatte, doch würde er diesem ernsten Ton niemals wagen zu widersprechen. Abgesehen davon hätte er draußen am Fenster noch lauschen können.
      "Und komm nicht auf die Idee zu lauschen"
      Ein Volltreffer. Aradan fühlte sich ertappt und besiegt. So ein verdammter Mist. Die Neugierde brachte ihn schon jetzt um den Verstand. Er musste sich ablenken gehen also griff er ein paar Pfeile und machte sich zum Markt auf.
      Hier gab es immer mal etwas was seine Aufmerksamkeit erregen würde. Es war ohnehin langsam Zeit mal wieder eine neue Bogensehne zu besorgen. Vielleicht gab es ja eine besonders schöne aus dem Königreich? Dort lebte ein Weber der Bogensehnen aus den Fäden der Spinnenmütter webte. Diese Sehnen waren einfach unverwüstlich.
      Was ihm dann aber ins Auge fiel war etwas anderes. Es war eine kleine Gürteltasche welche hübsche Verzierungen im Leder vernäht hatte. Die Tasche bot platz für ganze 4 Phiolen und war ziemlich klever verarbeitet.
      Es war entschlossen. Er tauschte das Bündel an Pfeilen gegen die Gürteltasche ein. Dieses Geschenk würde Renera sicher gefallen.
    • Kaum war Aradan aus dem Fenster verschwunden, griff Fijena erneut zur Schüssel und begann Renera wieder zu füttern. Ihre Stirn war in Falten gelegt, so wie sie es auch bei Renera manchmal war, und ihre Stimmung schien sich verschlechtert zu haben.
      "Halt dich von Männern fern, die taugen nichts."
      "Was? Wieso sagst du das denn jetzt?"
      "Der Aradan ist vielleicht ganz nett, aber wenn sie älter sind, sind sie alle gleich." Sie schüttelte den Kopf, um ihre Worte zu unterstreichen.
      "Deswegen kann ich nicht mit ihm rumhängen, oder was meinst du?"
      "Ich sage nur dass du dich von ihm fernhalten solltest. Rumhängen kannst du mit wem du willst."
      "Aber nicht mit Aradan?"
      "Nicht mit Männern."
      Renera zog die Stirn nun auch in Falten und hinterfragte, was an Aradan so schlimm sein sollte. Das schien Fijena zu reizen, denn sie wurde aufgebracht. Sie vermied es stets über Männer zu reden und jetzt war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, um ein Mutter-Tochter-Gespräch zu führen.

      Ellaya war mit der Wäsche beschäftigt, als der Spähtrupp zurückkam. Sie sprang sogleich auf und lief zum Tor, um die Truppe zu begrüßen. Ihre Adleraugen machten Aradan sogleich in der Menge ausfindig und sie begrüßte ihn mit einem "Hey, Ari!", aber er beachtete sie nicht großartig. Sie zog die Stirn in Falten, dann bemerkte sie Tokiv in der Menge. Grübelnd ging sie wieder zurück zu ihrer Wäsche. Sie beeilte sich mit dem Rest ihrer Aufgaben und machte sich ein paar Stunden später auf den Weg zu den Feldern.
      Tokiv saß mit seiner Mutter im Schatten eines Kornspeichers und trank Beerensaft. In ihrer Nähe saß ein anderes Bauerspärchen, das Ellaya nicht beim Namen kannte, da sie keine Kinder hatten. Sie näherte sich Tokiv vorsichtig.
      "Hallo, Tokiv."
      Er blickte zu ihr auf und runzelte die Stirn. Er hatte sein Oberteil ausgezogen und Ellaya konnte fast verstehen, weshalb Renera so auf ihn abfuhr. Aber nein, Aradan war viel süßer.
      "Hallo."
      Seine Mutter sah kurz zwischen den beiden hin und her und lächelte dann freundlich. Wahrscheinlich dachte sie, dass Ellaya eine Freundin war.
      "Hast du heute noch was zu tun?"
      "Ja. Eigentlich schon."
      "Kann ich dich trotzdem um einen Gefallen bitten? Es dauert auch nicht lange, ganz sicher."
      Er runzelte die Stirn und schien drauf und dran zu sein seine Augen zu verdrehen, aber seine Mutter nickte kräftig.
      "Klar kannst du das. Du kannst die Pause auch ein bisschen überziehen, Toki, ich sag deinem Vater bescheid."
      Er sah sie an und sie lächelte aufmunternd. Dann seufzte er und kämpfte sich auf die Beine.
      "Was gibt's? Und wieso eigentlich ich? Wir kennen uns doch kaum."
      "Das kann sich ändern. Komm' mit."
      Er folgte ihr bereitwillig zur Brücke zurück, wo sie ein wenig Abstand zu den anderen Bauern hatten.
      "Du kennst doch meine Schwester, nicht wahr? Renera? Die braunhaarige?"
      Er kniff nachdenklich die Augen zusammen.
      "Wir haben viele braunhaarige in der Klasse."
      "Die mit den Sommersprossen. Die mit... ach ich weiß nicht... Die, die sich gestern die Nase gebrochen hat!"
      "Ach, die schlechte."
      "Ja, die! Also, sie ist noch immer im Krankenhaus, weil das echt ein übler Sturz war und so, und ich dachte mir, vielleicht möchtest du sie kurz besuchen, um sie aufzumuntern."
      "Sie aufmuntern? Ich kenn' sie doch nicht."
      "Schon, aber... Sie mag dich ein bisschen und... ich schätze das würde ihr echt viel bedeuten. Nur kurz Hallo sagen."
      Er kniff erneut die Augen zusammen, dann sah er zu dem Kornspeicher zurück an dem er gesessen hatte und schien seine Optionen abzuwägen. Schließlich zuckte er mit den Schultern.
      "Okay, wieso nicht."
      "Cool! Du kannst gleich hingehen, ich komme gleich nach!"
      Er nickte knapp und machte sich auf dem Weg ins Krankenhaus. Ellaya schoss dabei los zur Schmiede. Jetzt musste sie nur noch Aradan finden, ihn auch ins Krankenhaus schicken und dafür sorgen, dass er glaubte, dass Tokiv und Renera tatsächlich zusammen waren. Allerdings war er nicht in der Schmiede und sie konnte ihn auch sonst nirgends finden. Wie fanatisch rannte sie umher, um ihn zu finden. Der Plan musste aufgehen.

      Was sie natürlich nicht wusste war, dass Aradan schon längst ins Krankenhaus gekommen war. Fijena musterte ihn skeptisch, sagte allerdings nichts. Er schien sich unter ihrem Blick unwohl zu fühlen und als er näher kam, erfuhr Renera auch wieso.
      "Eine Gürteltasche? Für mich?"
      Sie machte große Augen und setzte sich schließlich doch auf, um das Geschenk entgegen zu nehmen. Mit den Fingern fuhr sie die Verzierung entlang.
      "Die ist ja richtig hübsch! Schau mal!"
      Sie hielt sie auch Fijena hin, aber die Mutter fixierte Aradan stattdessen mit ihrem Blick. Die Anspannung des Streitgesprächs lag noch immer in der Luft und Renera erkannte, dass sie wahrscheinlich kein Lob dafür aussprechen würde. Sie nahm die Tasche wieder zurück und begutachtete sie eingehend.
      "Die sieht richtig praktisch aus. Die hat sogar hier innen kleine Taschen! Danke!"
      Sie strahlte Aradan aufrichtig an. Das hatte ihren ganzen Tag verbessert. Ein Geschenk - nur für sie! Sie würde es ganz sicher mit niemandem teilen. Eifrig schnallte sie sich die Tasche um, damit ihre Mutter nicht auf die Idee kam, dass sie in den Familienbesitz übergehen würde. Da öffnete sich die Tür und die massige Gestalt von Tokiv trat herein.
      Renera erstarrte vor Schreck. Sie hatte nicht damit gerechnet Besuch zu bekommen und wenn, dann eher von Ella und nicht von Tokiv. Woher wusste er, dass sie hier war? War er etwa selbst gekommen? Sie lief rot an und zog das Bettlaken hoch, bevor sie sich eifrig daran machte ihre Haare in Ordnung zu bringen. Tokiv kam näher, seine Schritte waren groß, aber nicht gerade schnell. Er hatte sich wieder ein Hemd angezogen, allerdings waren die Ärmel hochgekrempelt und zeigten einen Großteil seiner gebräunten Haut. Fijena kniff die Augen zusammen und sah zwischen Aradan und Tokiv hin und her.
      Jetzt bemerkte Tokiv auch Aradan und grinste.
      "He, Hellauge. Was machst du denn hier? Ham sie etwa vergessen die Schmiedetür abzusperren?"
      Er kam sichtlich gut gelaunt heran und nahm Aradan in den Schwitzkasten. Er war ein Stück größer und definitiv stärker, sodass Aradan nicht viel dagegen ausrichten konnte. Allerdings räusperte sich Fijena da stark.
      "Wir sind in einem Krankenhaus, Junge. Benimm' dich gefälligst!"
      Tokiv ließ Aradan los und straffte sich ein wenig. Er musterte Fijena, so als könne er nicht glauben, dass so jemand wie sie gerade so mit ihm gesprochen hatte.
      "Was ist das hier überhaupt für ein Auflauf? Ein Junge nach dem anderen kommt hier herein. Ich dachte, ich hätte dir gesagt, was ich davon halte, Miss Elquin."
      Renera, die noch immer über Tokiv's Ankunft verwirrt war, hörte auf ihre Haare zu glätten und sah zu ihrer Mutter.
      "Ich hab' sie doch gar nicht gebeten herzukommen!"
      "Dann ist es umso besser, wenn sie gleich wieder verschwinden. Raus hier, alle beide! Und denkt bloß nicht, dass meine Tochter sich euch versprochen hätte!"
      Tokiv erstarrte für einen Moment, dann lachte er.
      "Kommen Sie mal ein bisschen runter, Lady. Das ist nicht mehr Erathis, oder wie euer Nest gehießen hat. Ich hab gar nicht um Ihre Tochter gefragt. Sie sollten ein bisschen mehr Respekt vor den Einwohnern haben."
      "Ich bring dir gleich Respekt bei, du unverschämter Bengel! RAUS!"
      "Sie verrückte Kuh. Komm, Hellauge, wir lassen die beiden in ihrem Leid ersaufen."
      Er packte Aradan wieder in seinen Schwitzkasten und schleifte ihn nach draußen, während Fijena ihm wüste Drohungen hinterher kreischte. Renera mischte sich inzwischen auch ein, eiferte allerdings gegen ihre Mutter, was zu einem richtigen Lärm wurde. Momo kam herangeeilt und mischte sich ein, in der aussichtslosen Hoffnung die beiden beruhigen zu können.
    • So schnell wie für Aradan der Tag gerettet war, sehend wie sehr sich Renera über das Geschenk freute, so schnell war der Tag auch schon wieder im Eimer als Tokiv den Raum betrat. Direkt verdrehte Aradan die Augen und verschränkte die Arme. Was machte der Fleischklopps denn jetzt hier? Der kümmert sich sonst doch immer nur um sich selbst. Das war das erste mal dass er Tokiv sah wie er jemanden besucht.
      Direkt kam ihm der Spruch in den Kopf den er von Ella hören durfte.
      Aradan konnte sich nicht helfen aber irgendetwas stimmte hier einfach nicht. Alle waren klar überrascht und auch Renera verhielt sich wieder so seltsam ihm gegenüber. Nicht als wären sie ein Paar, wie es Ella erzählte. Viel mehr wirkte es wie dieser ekelhafte Effekt den Tokiv bei den meisten Mädchen im gleichen Alter hatte.
      Lange konnte er aber nicht drüber nachdenken, da er direkt wieder in den äußerst verschwitzten Schwitzkasten genommen wurde. Aradan tat sofort sein Kopf weh da dieser Mistkerl immer ziemlich feste zu drückte und auch überhaupt nicht auf seine Wunde am Hinterkopf acht gab. Wie auch. Dieser Trottel war zu blöd um mehr als zwei Dinge zeitgleich zu tun. Atmen und nerven waren da schon das maximum.
      Und dann bekam Aradan auch noch ärger von Momo und wurde samt Tokiv raus geworfen?! Aber er wollte noch bei Renera bleiben wie er es ihr versprochen hatte. Das war einfach nur unfair.
      Und dann wieder dieser dämliche Schwitzkasten aus welchen er sich einfach nich befreien konnte. Auf dem Weg nach draußen, wo sie nicht mehr unter Beobachtung von Fijena oder Momo waren, drückte dieser Mistkerl sogar extra stark zu um Aradan die Luft zu nehmen.
      Jedoch war das in diesem Fall ein mächtig großer Fehler gewesen.
      Offenbar war das Gespräch Aradans Eltern vorbei und Marudan stand vor dem Krankenhaus. Scheinbar um Aradan zu holen. Zu sehen was Tokiv mit seinem Sohn machte, lies ihn nicht gerade Kalt.
      "Sofort los lassen.."
      Kam in einer stillen Wut an Tokiv gerichtet. Dieser grinste nur Müde, von seiner Selbstsicherheit überzeugt, lies Aradan aber dennoch los. Schwer nach Luft schnappend und sich am Hinterkopf haltend, stand Aradan da und wollte seinem Vater entgegen gehen, da schuppste Tokiv Aradan kräftig.
      "Na los. Geh zu Pappi Hellauge"
      Aradan landete dabei auf dem Boden, was den letzten Funken des bereits aufgebrachten Marudan entflammen lies. Dieser ging die letzten drei Schritte auf Tokiv zu und das nicht um mit ihm zu reden.
      Tokiv bemerkte die aggressive Haltung und hob zugleich die Fäuste wie es im Unterricht zur Verteidigung gelehrt wurde.
      "Oh oh. Pappi ist sauer. Pass lieber auf alter Mann. Nicht dass du einen Herzinfarkt bekommst"
      Und genau das waren vorerst die letzten Worte von Tokiv. Marudan kannte diese verteidigende Haltung nur zu gut und kannte dessen Lücken noch besser. Und dennoch ignorierte er die Lücken. Der Bursche hatte zwar einen starken Körper aber es brauchte noch einige Jahre um diese Masse auch nur im Ansatz zu härten. Das stellte Marudan mit einem einzigen Hieb genau auf die hoch gezogenen Arme von Tokiv unter beweis. Der Schlag hatte eine solche Wucht, dass die Schützenden Arme so stark nach hinten schnellten, dass sich Tokiv damit selbst ins Gesicht schlug und nach hinten stolperte bis er mit dem Rücken gegen die Tür des Krankenhauses traf und so wieder Halt fand. Total über diese Aktion überrascht, folgte die nächste. Ein weiter frontaler Stoßkick beförderte Tokiv durch die Tür hindurch auf den kalten Boden des Krankenhaus Flur's. Gefolgt von einem Marudan der durch die zerborstene Tür stieg um sich zu Tokiv runter zu beugen und seine Schmiedehände um den Hals des aufgeblasenen Jungen zu legen und scheinbar mühelos so kräftig zuzudrücken dass Tokiv nun selber keine Luft mehr bekam. Aradan sah dem ganzen nur Ehrfürchtig zu. Er wusste sein Vater war stark aber dass er Tokiv so spielend auseinander nehmen konnte? Im ersten Moment wollte er seinen Vater davon abhalten, doch bewegte sich sein Körper nicht.. denn es gefiel ihm sehr Tokiv so zu sehen.
      "Was ist los? Hast du etwa Schwierigkeiten zu atmen? Wolln wir mal sehen wie lange du zappelst."
      Natürlich bekam es jeder im Krankenhaus mit, was dafür sorgte dass Momo direkt angerannt kam und entsetzt über den Vorfall war.
      "MARUDAN!! Was machst du da!?"
      knurrend vor Wut und eiskaltem Blick auf Tokiv gerichtet antwortete er nur
      "Ich bringe dem Sohn von Herth Respekt bei."
      Tokiv liefen unkontrolliert Tränen die Wangen runter und tatsächlich konnte er sich schnell kaum noch bewegen da der Körper kurz davor war in Ohnmacht zu fallen. Erst dann lies Marudan wieder los und stand auf. Auf Tokiv mit Verachtung nieder blickend.
      "Rühr meinen Sohn noch ein mal an..."
    • Die Tür ging ein weiteres Mal auf, doch dieses Mal war es Marudan der hereinstürzte, ganz knapp hinter Tokiv, der auf den Boden knallte. Renera sah bestürzt zu, wie Marudan den Jungen würgte, während Fijena aufsprang und anfing Marudan anzuschreien. Das ganze rief auch Momo auf den Plan, die allerdings genauso wenig etwas gegen Marudan tun konnte, der es sich wohl in den Kopf gesetzt hatte den Jungen ins Reich der Unsterblichen zu befördern. Renera war zum Weinen zumute. Vor fünf Minuten war der Tag noch schön gewesen.
      Schließlich wurde Tokiv aus Marudan's Händen entlassen und in Momo's übergeben, die sich gleich zu dem nach Luft schnappendem Jungen herunterkniete.
      "Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen, Marudan!", rief sie noch einmal, ging allerdings auch nicht weiter darauf ein. Tokiv warf den beiden Schmieden böse Blicke zu, konnte aber durch seine Behandlung wohl eh noch nicht reden. Auf seinem Hals leuchteten die roten Handabdrücke von Marudan.
      Renera wandte sich ihrer Mutter zu, als sich die Tür hinter dem Schmied schloss und nur noch Tokiv und Momo übrig waren, die ihn sanft zu einer Sitzgelegenheit lotste.
      "Ich glaub' ich möchte jetzt heimgehen."
      Fijena, die das Geschehen mit vor Wut verzerrtem Gesicht beobachtet hatte, schien in Gedanken zu überlegen, ob dieses Dorf wohl doch nicht die richtige Entscheidung gewesen war, denn sie wandte sich erst nach ein paar Sekunden zu Renera um und schien sie erst jetzt zu sehen.
      "Was hast du gesagt?"
      "Ich will nachhause."
      Also gingen sie nachhause, nicht aber ohne sich vorher von Momo genau erläutern zu lassen, worauf sie alles achten sollten und dass Renera unbedingt Ruhe brauchte. Die beiden nickten stumm und machten sich auf den Weg.

      Zuhause sprang ihnen freudig Varus entgegen, dem Dreck in den Haaren klebte. Allerdings blieb er auf Abstand stehen, als er die verdrossenen Gesichter bemerkte und machte selbst ein bekümmertes Gesicht. Im Hintergrund stritten sich Anetha und Edek darum wer den Kochlöffel ablecken durfte, Tysin versuchte auf den Tisch zu klettern - er fiel ziemlich leicht vom Stuhl - und Cilla spielte mit einem Küchentuch, das sich um ihren Hals gewickelt hatte. Fijena polterte:
      "Wo ist denn Ellaya?!", woraufhin Varus antwortete:
      "Weg."
      "Wie, weg?!"
      "Ist so vor einer Stunde gegangen. Darf ich den Kochtopf vom Feuer nehmen?"
      Da fiel ihnen beiden erst die brennende Feuerstelle auf und Fijena löschte sie schnell, während Renera das Gesicht verzog. Sowas wäre ihr nicht passiert.
      "Ohh, die kann was erleben!!!"
      Varus bekam Angst vor dem Zorn seiner Mutter und verschwand hinter Anetha, die Edek den Kochlöffel nun auf den Kopf schlug. Er fing an zu schreien.
      Renera entfernte sich aus dem Radau ins Schlafzimmer und hielt sich die Ohren mit ihrer Decke zu. Jetzt wollte sie doch wieder zurück ins Krankenhaus, da war es zumindest leise. Als dann eine Weile später Ellaya zurück kam und das Geschrei erst richtig los ging, als Fijena sie als unzuverlässig und faul beschimpfte, stand Renera doch wieder auf und kletterte nach Aradan's Vorbild aus dem Fenster. Sie machte sich auf zum Fluss, von wo sie noch das Westtor sehen konnte und setzte sich ans Ufer. Dann dachte sie lange darüber nach, ob sie nicht einfach durch das Tor in den Wald gehen und niemals wiederkommen sollte und fing an sich schließlich Gräser in die kleinen Laschen ihrer neuen Gürteltasche zu stecken.
    • Marudan überlies Tokiv der fähigen Momo. Er verließ den Flur jedoch nicht. Er wartete bis Momo Tokiv weg gebracht hatte und wieder kam. Vermutlich um ihn raus zu werfen.
      "Marudan jetzt geh und überlass die Leute hier mir. Du hast genug angerichtet. Bring es also lieber mal Herth bei."
      Er trug noch etwas Wut in sich aber er schüttelte den Kopf während er in Tokiv's Richtung sah
      "Du weißt was der Bengel tut oder? Er und seine kleinen Freunde. Sie schickanieren Aradan wegen seinen Augen und er nutzt seine überlegene Stärke um Aradan zu schaden. Ich erwischte sie vor der Tür wie er meinem Sohn die Luft nahm. Dann wurde er mir gegenüber respektlos und warf Aradan zu boden. Dieser Junge brauchte diese Lektion. Und ich werde dafür sorge tragen dass Herth davon erfährt. Wie ich den alten Knaben kenne, wird er den Rest der Erziehung übernehmen."
      Marudan sprach bewusst laut genug damit es Tokiv hören konnte. Doch folgende Worte kamen im Flüsterton.
      "Wenn du hier fertig bist komm zur Scheune vom alten Svenkov. Es ist wichtig"
      Mehr Informationen bekam Momo nicht ehe Marudan nun das Krankenhaus verließ.

      Aradan war in der Zeit wieder aufgestanden und nahm sich seinen Verband vom Kopf. Der war immerhin nun von Tokiv's Schwitzkasten vollkommen mit seinem Schweiß bedeckt und komplett verrückt und locker.
      Daraufhin folgte eine ziemlich lange Unterredung in der Schmiede. Tatsächlich war weder Reona noch Marudan sauer auf ihn. Aber nach dem was er in dieser ganzen Stunde zu hören bekam, lies ihn etwas bereuen dass er nicht einfach nur angemeckert worden ist und eine Strafe hätte abarbeiten sollen. Seine Eltern erzählten ihm was es mit dem Inhalt der Kiste auf sich hatte. Ebenso was das Gebäck betraf. Letzteres war das aller schlimmste für ihn, denn wäre Reona nicht gewesen, wäre Renera nun ganz sicher nicht mehr am Atmen.
      Aradan musste nach dem Gerspräch schwören es für sich zu behalten. Aber das hätte gar keine Bedingung sein müssen. Diese ganzen Dinge hätte ihm ohnehin niemals wer geglaubt, auch wenn es rückblickend einiges erklärte.

      Er entschied sich danach über alles nach zu denken, was er am besten konnte wenn er durch das Dorf schlenderte oder sich in irgendeine Wiese legte. So lief er eine Weile umher bis er doch tatsächlich Renera über den Weg lief während er am Fluss entlang spazierte.
      "Renera? Was machst du denn hier? Solltest du nicht im Bett bleiben?
    • Renera blickte auf. Jetzt kam sie sich blöd vor.
      "Oh, hi."
      Sie zog die Blume wieder heraus, die sie versucht hatte in eine der Laschen einzufädeln und sah zu Aradan hoch. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihn, wie er in Tokiv's Schwitzkasten zappelte. Sie erinnerte sich, dass er ihn Hellauge genannt hatte.
      "Ich wollte nicht mehr im Krankenhaus bleiben, aber Ella war nicht Zuhause, also ist das Chaos ausgebrochen. Meine Mutter schreit die ganze Zeit rum, ich glaub' sie ist ganz schön gereizt. Da möchte ich jetzt nicht drin sein."
      Sie stützte den Kopf auf die Hand und wartete, bis Aradan sich gesetzt hatte.
      "Eigentlich schlaf' ich auch viel lieber draußen, das hat mir gefallen, als wir aus Erathis weggezogen sind. Aber hier darf ich es nicht."
      Sie machte ein bekümmertes Gesicht, dann sah sie zu Aradan.
      "Behandelt dich Tokiv immer so? Das war ganz schön gemein. Ich hab schon gedacht, er würde dich damit auch in ein Bett befördern."
    • Etwas beschämt sah er in Richtung des Flusses, blieb aber stehe und steckte dabei seine Hände in die Hosentaschen.
      "Nunja.. Eigentlich schon. Wenn er seine Freunde dabei hart gehen die gerne mal einen Schritt weiter.. Vorhin wollte er mir vor dem Krankenhaus auch schon wieder die Lichter ausknippsen indem er den Schwitzkasten viel zu stark einsetzte. Das war der Moment an welchem Vater kam."
      kurzerhand überwand sich Aradan ihr alles zu erzählen was mit Tokiv vorgefallen war. Oder auch dass dieser es liebte falsche Gerüchte zu verbreiten. Etwa dass Aradan auf Jungs stehen würde oder dass er regelmäßig ins Bett macht. All solche Dinge eben.
      Es tat sogar richtig gut sich all das von der Seele reden zu können und lenkte ihn davon ab was er eben alles noch in Erfahrung gebracht hatte.
      Erst jetzt setzte er sich an den Fluss und sah eine Weile wortlos in das kühle Nass bis er genug Mut aufgebaut hatte
      "Sei ehrlich.. Hängst du nur mit mir rum um dich hinter meinem Rücken mit Tokiv lustig zu machen? Ella meinte ihr seid seit kurzem ein Pärchen und macht euch über mich lustig wenn ich nicht hinsehe."
      In seinen Worten lagen zweifel und sogar ein kleines bisschen Hoffnung dass all das nicht stimmen würde. Nach dem heutigen Tag würde es ihn aber zumindest nicht mehr groß stören wenn auch hier eine erschütternde Antwort folgen würde.
    • Renera hörte schweigend zu. Ihr Bild von Tokiv änderte sich von dem selbstbewussten, unerschütterlichen Bauern zu einem gelangweilten Jungen, der Abwechslung suchte zwischen den Feldern und der Schule. In Erathis hatte es auch einige gegeben, die sich gegenseitig angestachelt hatten, wenngleich sie viel älter als Renera gewesen waren und es dann immer um persönliches ging. Nur weil Aradan Aradan war, schien es kein guter Grund zu sein, sich gegen ihn zu verbünden. Sie hatte Mitleid mit ihm. Wie hatte wohl sein Leben ausgesehen, bevor sie und Ella gekommen waren? Wahrscheinlich würde er dann statt ihr im Krankenhaus liegen.
      "Das hört sich nach einem scheiß Leben an."
      Sie schwiegen eine Weile, bis Aradan erneut das Wort erhob. Diesmal machte seine Frage sie stutzig.
      "Mit Tokiv? Ich kenn' ihn doch kaum. Wir haben bisher vielleicht einen Satz miteinander gewechselt, wenn überhaupt. Aber wieso sollte Ella denn erzählen, dass wir zusammen sind? Ich denke sie weiß, dass wir das nicht sind."
      Sie schwieg für einen Moment, dann lehnte sie sich zurück.
      "Ich würde mich jedenfalls nicht über dich lustig machen. Wieso auch? Ich find's richtig cool, wie du den Bogen beherrschst und im Unterricht bist du immer einer der ersten, die alles verstehen. Und in der Schmiede deines Vaters kannst du auch helfen. Ich glaube, wenn ich hier aufgewachsen wäre, wäre ich richtig neidisch auf dich - und auf die Schneiderstochter, sie hat immer so schöne Kleider an."
      Sie dachte für einen Moment nach, dann zuckte sie mit den Schultern.
      "Nachdem du mir jetzt erzählt hast, wie die anderen dich immer behandeln, denke ich, dass sie auch neidisch sind. Dein Vater ist schließlich ein hoch angesehener Mann, sogar mehr als der Bürgermeister find ich, und als Sohn kriegst du davon auch was ab. Vielleicht solltest du lernen dich besser zu verteidigen? Ich wette Marudan hätte sich in deinem Alter nie ärgern lassen. Der hat aber auch viel mehr Muskeln als du - und Tokiv übrigens auch."
      Sie grinste frech.
    • "Ihr seid nicht zusammen?!"
      brach aus ihm heraus, samt eine Welle der Erleichterung. Dabei blickte er zu ihr rüber und war mindestens genau so verwirrt darüber wieso Ella das so überzeugt während dem Unterricht erzählte. Grade als er das Thema weiter aufgreifen wollte, führte Renara ihre Worte weiter, welche ihm vor kamen als wäre sie ein personifizierter Engel. Er glaubte sich noch nie zuvor so beflügelt zu fühlen als sie all diese Dinge sagte. Nie zuvor hätte er auch nur im Ansatz daran gedacht dass Leute auf ihn neidisch sein könnten.
      Als es dann aber um seinen Vater ging und wie dieser wohl gewesen wäre, dachte Aradan wieder nach.
      "Wer weiß. Vater erzählt nie von seiner Vergangenheit. Ich weiß nur dass er in der großen Schlacht teilnahm und mit dem Hauptmann Salkiv sowie dem Bürgermeister Rodon in der Armee eine führende Position hatte."
      er sah sich in seine Handflächen und danach seine Arme an.
      "Tokiv wurde von seinem Vater ständig mit Fleisch und Fisch gestärkt. Kein Wunder dass er so kräftig ist.. Mutter meinte zu mir dass es im Kampf mehr Vorteile hat schnell zu sein statt stark, daher musste ich immer schon sehr viel ausgewogener essen und dennoch hart in der Schmiede schuften. Ich kann nichts dafür dass ich nicht so viel kraft habe wie er.."
      es war fast als würde er sich dafür entschuldigen nicht solch eine Wirkung auf sie zu haben wie Tokiv. Anschließend blieb ihm nichts anderes übrig als laut zu seufzen und sich nach hinten fallen zu lassen. Langsam wurde es dunkel und zunehmend ruhiger im Dorf. Eine ungemein herrliche Stimmung.
      "Ich...Ich fühle mich wirklich wohl in deiner Nähe"
      wo kam das her? Hatte er das grade wirklich gesagt ohne darüber nachzudenken? Es trieb ihm sofort die Röte ins Gesicht und dennoch lächelte er ein wenig.
    • Renera erwiderte das Lächeln, dann sah sie wieder zum Wald.
      "Ich glaube ich fühle mich auch wohl bei dir."
      Sie schwiegen beide, Aradan in den Himmel blickend, Renera auf den Wald. Vor ihnen plätscherte der Fluss leise, wenn ein Fisch darin an die Oberfläche kam. Renera legte sich schließlich auch hin.
      "Würdest du weglaufen wollen? Ich meine, zu dem Tor da raus", sie zeigte zum Westtor, "in den Wald rein und dann weiter. Vielleicht ins nächste Dorf oder... keine Ahnung... in die Stadt vielleicht. Oder nur in die Wildnis."
      Sie sah ihn an.
      "Würdest du? Natürlich nur mit Proviant und... ich schätze, man bräuchte eine Karte. Man müsste auch Sümpfe meiden, damit man nicht irgendwo stecken bleibt und von Kreaturen erwischt wird. Aber wenn man schnell genug ist... Wie du zum Beispiel. Würdest du das dann machen?"
    • Ein tatkräftiges, beinahe herausgefordertes grinsen legte sich auf Aradans Gesicht als Renera über ein Leben außerhalb der Mauern sprach. Er hob dabei seinen Arm nach oben und reckte seine Hand zum Himmel als würde er etwas greifen wollen.
      "Natürlich."
      Nun seine Hand zur Faust formend, spannte er seinen Arm an und machte es noch deutlicher
      "Ich träume täglich davon die Mauern eines Tages zu verlassen und mein Leben selbst führen zu dürfen. Ich will tun was ich will, nicht jeden Tag verbringen wie es uns die Erwachsenen vorsagen."
      Aradan geriet etwas ins Schwärmen über die Geschichten die er immerzu von seiner Mutter erzählt bekam
      "Dort draußen soll es uralte Ruinen geben. Ruinen aus einer Zeit vor den Monstern. Menschen die ein Feld über Nacht wachsen lassen konnten indem sie Magische kräfte nutzten. Ganze Flüsse konnten in Tagen aus dem Nichts erschaffen werden. Gebrochene Knochen waren nach Stunden verheilt. Oder die Häuser... Treppen führten in normalen Wohnhäusern hoch bis in das dritte Stockwerk. Eine Schmiede konnte im Handumdrehen angefacht werden ohne auch nur ein Stück Kohle zu nutzen."
      Er wollte gar nicht aufhören bis er selbst merkte wie verrückt sich manches anhörte.
      "Ich will diese Ruinen erkunden und alles über die alte Zeit lernen. Ich will wissen ob es tatsächlich möglich ist Feuer in der Hand zu halten oder das Wasser, groß wie ein Karren vor sich in einer Kugel zu halten, genug um ein kleines Feld zu wässern."
      Daraufhin lies er seinen Arm wieder ins Gras fallen und lachte zynisch. Daraufhin etwas ernster fragend.
      "Duhu? Meinst du wir können uns alles sagen? Ich meine.. Dinge die wir niemals anderen sagen. Nicht unseren Eltern oder sonst wem."
    • Renera sah interessiert zu Aradan. Er wusste ganz anscheinend mehr als sie.
      "Das hört sich cool an. Und nützlich. Wieso machen wir nicht sowas? Nein warte, sag es mir nicht, es ist bestimmt wegen den Kreaturen. Meine Mutter hat mir immer erzählt, dass sie alles zerstört haben, was sich die Menschen erbaut haben. Sie sind an allem Schuld. Wahrscheinlich auch daran, dass wir hier festsitzen."
      Bei der Frage stutzte sie und dachte kurz nach. Dann hob sie den kleinen Finger hoch.
      "Wenn du mir dein Ehrenwort gibst, dass du niemandem etwas verraten wirst, dann gebe ich dir mein Ehrenwort, dass ich das gleiche mache. Niemand erfährt, was wir bereden."
      Sie streckte ihm den Finger hin.
    • Erst schüttelte er leicht mit dem Kopf
      "Nein nein. Ich meine ja. Du hast Recht. Diese Wesen waren Schuld am Untergang aber.. In den Geschichten wurde nie erwähnt wo sie her kamen oder warum sie eine solche Kultur einfach so besiegen konnten. Ich meine denk nach. Wir schaffen es sie abzuhalten aber eine riesige Stadt voller Magie und Wissen soll es nicht geschafft haben? Also wenn du mich fragst gibt es da Dinge die nicht weiter erzählt oder vielleicht sogar vertuscht wurden. Ich will das unbedingt herausfinden. Mutter meint immer dass uns die Vergangenheit in die Zukunft bringt. Ich will definitiv daran teil haben."
      Dann folgte was sich Aradan so sehr erhoffte. Eine echte Freundschaft und das sogar unter dem heiligen Angebot des Fingerschwurs. Sein Finger wanderte schon los ehe er aber nochmal kurz anhielt um sich davon zu überzeugen dass Renera es auch wirklich ernst meinte. Ihr Blick wies zumindest klar darauf hin, also hakte er mit seinem Finger ein und sah ihr in die Augen. Ein beinahe magischer Moment wie er fand. Die erste echte Freundin in seinem Leben. Eine der man nun alles erzählen konnte ohne befürchten zu müssen direkte Konsequenzen zu erleiden. So sprach er direkt heraus was er nach dem heutigen Tag erfahren durfte.
      "Ich bin ein Monster."
      Er meinte es so ernst wie man es nur deutlich machen konnte und wies mit seiner anderen Hand auf seine Augen hin.
      "Ich habe heute erfahren dass meine Augen tatsächlich wider jeder Natur sind... Und das Gebäck..."
      er schämte sich enorm dafür
      "Es war tatsächlich nicht normal. Du... Du hättest sterben können... Bitte verzeih mir.. Ich wusste das wirklich nicht"
    • Renera ließ den Finger wieder los. Die gute Stimmung schien wieder zu verschwinden, sicherlich schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Renera fühlte sich davon langsam erschöpft.
      Aber Aradan's Aussage weckte trotzdem ihre Neugier.
      "Ich glaube nicht, dass blaue Augen so untypisch sind. Und wieso hätte ich sterben können? Es war doch nur scharf."
      Doch als er ihr genauer erklärte, was es mit seinen Augen und dem Gebäck auf sich hatte, blieb sie still und ließ die Worte erst einmal in ihren Kopf eindringen. Sie hatte also eine Nahtod-Erfahrung gemacht, weil Aradan's Eltern ihn mit Kryss fütterten und sie deshalb genau das gegessen hatte. So fühlte es sich also an, wenn man dem Tod nahe war? Und hatte Aradan ihr etwa absichtlich etwas davon abgegeben?
      "Hast du etwa davon gewusst, als du mir ein Stück gegeben hast?", fragte sie leise. Seine abweisende Reaktion unterstrich, dass er es erst vor kurzem erfahren hatte, doch sie konnte trotzdem nicht umhin, dass sie ein mulmiges Gefühl beschlich. Aradan's Peiniger hatten also gewissermaßen recht, wenn sie ihn wegen seiner Augen aufzogen und sie selbst wäre deswegen fast gestorben. Sie wäre fast gestorben. Der Gedanke schlich sich in die Tiefen ihres Gehirns, wo er eine tiefe Furcht auslöste. Sie sah Aradan wieder an, doch jetzt merkte sie, dass sie ihn mit anderen Augen betrachtete. War er eine Gefahr für sie? Er war ein Sonderling, das war unabstreitbar. Aber sie würde ihn nicht dafür hänseln - oder etwa doch? Waren die anderen vielleicht nur ihrem Instinkt gefolgt? Würde es ihr genauso ergehen? Die Gedanken verwirrten sie.
      "Ich... Ich glaub' ich muss heimgehen, sonst bemerkt irgendjemand, dass ich fehle."
      Sie stand auf, bevor sie seine bestürzte Miene bemerkte. Sie zögerte.
      "Ich glaube ich bin noch nicht fit genug für den Unterricht, ich bleibe morgen Zuhause. Aber wenn ich wieder kann, dann... gehen wir wieder trainieren. Okay?"
      Sie würde ihn nicht wie die anderen behandeln, das nahm sie sich nun vor. Sie wollte allerdings erst den Knoten ihrer Gedanken entwirren, bevor sie sich noch einmal mit ihm treffen würde.
    • Für eine ganze Weile hatte Renera die Oberhand gewonnen was Aradan's Gefühle betraf. Sie lenkte ihn so gut von alle dem ab was er grade durch machen musste. Als sie dann aber nach seinen offenen Worten plötzlich nach Hause musste, wo sie noch vor einem Moment erst alles andere wollte als zurück zu gehen, verstand er direkt wie sehr er sie mit seinen Worten verschreckt hatte. Und wer würde es ihr verübeln. Er selbst wäre der letzte gewesen, also nickte er ihr entgegen.
      "Du hast Recht. Geh lieber bevor du dir Ärger einhandelst. Ich werd morgen Bescheid geben dass du noch nicht fit für den Unterricht bist."
      Innerlich war Aradan traurig dass sie ihm indirekt zeigte Abstand von alle dem zu brauchen, suchte er doch so verzweifelt nach einer Stütze. Dennoch endete dieser Abend alleine. Nach einer Weile die Sterne betrachtend und immer mal wieder seufzend.
      Er machte sich über alles Gedanken was er zuvor lachhaft verdrängte. Allem voran dachte er ernsthaft darüber nach was Renera sagte. Einfach aus dem Dorf fliehen. Er hatte es doch heute schon einmal geschafft eine Wache zu überwältigen. Könnte er es erneut im Schutz der Dunkelheit schaffen? Und wie viel Mühe würde sich bei seiner Suche tatsächlich gegeben werden? Vermutlich nur sehr wenig. Wenn überhaupt seine Eltern.
      Ein erneutes seufzen überkam ihn. Flehend wartete er auf den letzten Funken der ihn antreiben würde seinen spontanen "Plan" auszuführen, doch kam er einfach nicht.
      Langsam wurde es auch kalt genug dass er sich auch auf machte um in sein Bett zu kommen.
      Im Laden der Schmiede angekommen, sah er seinen Vater, wie er noch ein Schwert polierte, welches sonst an der Wand hing.
      "Ich geh schlafen"
      Meinte Aradan ohne einen weiteren Befehl oder sonstige Worte entgegnet zu bekommen. Marudan konnte nur vermuten was der Junge grade durch machte. Er war schon immer der Meinung gewesen dass es falsch war Aradan so spät aufzuklären, oder gar das ganze Dorf, was nach wie vor aus stand.


      Als sich Aradan hingelegt hatte, schlichen sich Marudan und Reona nun langsam hinaus. Sie wollten ihrem Sohn definitiv Ruhe geben während sie dem nächtlichen Treffen nach gingen. Auf dem Weg zur Scheune sahen die Beiden schon Licht brennen. Reona überkam ein Gefühl der Schwere und sogar ein wenig Zweifel, welches Marudan schnell bemerkte und seine Hand schützend auf ihre Schulter legte. Es beruhigte Reona tatsächlich als sie in das felsenfeste Gesicht ihres Massen blickte und so traten sie in die Scheune ein.
      Eredik, Valia, Cetra, Momo und Jokar, der Priester des Dorfes, waren schon anwesend und empfingen die beiden letzten Beteiligten des Treffens.
      Unter einem Schwur verlief auch dieses Treffen, wie auch das zwischen Aradan und Renera, darunter dass keine menschen Seele davon erzählen würde was heute in der Runde besprochen würde. Alle waren einverstanden nachdem ihnen die enorme Tragweite darüber deutlich gemacht wurde.
      So verlief die halbe Nacht lang die Aufklärung über Marudan's und Reona's Schmiedekunst sowie in der schon Biologischen Versuche. Dabei ging es nicht mal viel über Aradan sondern viel mehr über unzählige Versuchsreihen an Tieren und gar an dem ersten menschlichen Fehlschlag. Aradan's verstorbener Bruder.
      Natürlich kamen auch bei Momo und Jokar die Erfolge sehr gut an, welche in der Waffen und Rüstungskunde stattfanden, doch hielten sie sich arg zurück was Aradan's verstorbenen Bruder oder auch Aradan selbst anging. Es sorgte für den meisten Gesprächsstoff überhaupt, doch sahen sie am Ende allesamt ein wie ernst die Situation war und dass es tatsächlich an der Zeit war große Risiken einzugehen statt langsam aber sicher den Monstern zu verfallen, wie es auch schon das Dorf Erathis erfahren musste. Der Fortschritt war das Einzige was über lange Zeit erfolg versprach, entgegen der vielen Behauptungen des Bürgermeisters Rodon, welcher immer darauf baute lediglich die unmittelbare Nähe sicher zu halten. Zwar waren seine Gründe stets löblich, doch war er nie bereit einen Schritt weiter zu gehen. Etwas das sich viele im Dorf schon lange wünschten und erhofften.

      Eines war nach dem Treffen jedoch ganz sicher. Sie würden Marudan und Reona vertrauen und alles daran setzen ihre Forschung zu fördern. Mehr noch. Es war deren Sohn welcher nach diesen Gesprächen so etwas wie ein wandelnder Silberstreif am Horizont war. Ein Kind welches unter einer so hohen Dosis an Kryss heran wuchs, hätte der Vermutung des Gesprächs nach ein so unvorstellbar mächtiger Nutzer der antiken Kräfte werden können wie es in den bekannten Geschichten niemals wer zu glauben geträumt hätte.
      Zumindest wusste Momo nun warum Marudan gegenüber Tokiv so reagierte wie er es tat.
    • Die nächsten Wochen fanden in einen friedlichen Alltag zurück, der nur selten von Ereignissen überschattet wurde. Der Händler hatte sich wieder erholt und zog in Begleitung ein paar der Wachen weiter, die ihm ein paar Tage Schutz bieten und dann zurückkommen würden. Die Läufer im Wald waren schnell erledigt und noch schneller waren Wachtürme aufgestellt worden, kleine, unauffällige Baumhäuser, die an den Waldesrändern errichtet wurden und Platz für einen Späher boten. Sie wechselten sich dabei ab: Die Späher zogen aus Melora los, durchsuchten den Wald auf ihrem Weg nach Spuren, lösten die Wächter in den Baumhäusern ab und bezogen dort selbst Quartier, welches sie etwa drei Tage bewohnten, ehe sie ins Dorf zurückkehrten und für mindestens drei Tage dort eingesetzt wurden. Der Ablauf war ganz reibungslos und verlief vielversprechend, da man fast jeden Tag Rückmeldung über den Wald und die Umgebung erhielt. Es steigerte wieder das Vertrauen der Dorfbewohner und wiegte sie in der ersehnten Sicherheit.

      Renera und Aradan versuchten regelmäßig zu trainieren, doch das war schwieriger als gedacht. Ellaya war durch ihre Fahrlässigkeit in Ungnade bei ihrer Mutter gefallen und das bedeutete, dass Renera sich noch öfter um alles kümmern musste, während ihre Mutter tagsüber beim Markt aushalf und abends an unbekannten Orten verschwand. Sie war im dritten Monat schwanger und Renera fürchtete dass schon bald ein neuer Nachwuchs kam, der die Beziehung zu einer anderen Familie zerstören würde, deren Vater sich mit Fijena eingelassen hatte. Sie war es schon von Erathis gewöhnt, doch es bereitete ihr trotzdem Sorgen. Manche Männer kamen durch diese Ankündigung so von der Spur, dass sie gefährlich wurden.
      So blieb ihr und Aradan nichts weiter übrig, als sich hin und wieder vom Unterricht fortzuschleichen, wenn es etwa um Überlebenskünste ging, die auch Renera einwandfrei beherrschte. Durch seine Hilfe fühlte sie sich sicherer in ihren Bewegungen, wenngleich noch das nötige Selbstvertrauen fehlte, um sie genauso beherrschen zu können wie er. Aber das Training zu zweit gefiel ihr. Manchmal zog sie ihn damit auf, dass er doch gar keine Kampfhaltungen nötig hatte, wenn er doch Kryss in sich hatte.

      Die Prüfungen fielen auf einen wolkenverhangenen Tag, an dem es am Morgen noch geregnet hatte. Die Klasse stellte sich auf dem Übungsplatz in einer Reihe auf, vor ihnen die drei Prüfer: Wilk, Salkiv und Valia. Die junge Frau war in Vertretung eines anderen Schützen da, der sich einen schlimmen Husten eingefangen hatte. Wilk war der einzige, der sprach.
      "Am heutigen Tag werden wir eure Grundlagen im Bereich Kampf prüfen! Jedes Gefecht basiert auf einem soliden Grundwissen, das im Kampf zur richtigen Zeit und zum richtigen Maße eingesetzt wird! Ihr müsst diese Taktiken beherrschen ohne nachzudenken, denn wer im Gefecht nachdenkt, hat schon verloren!"
      Salkiv nickte knapp, als müsse er die Worte unterstreichen. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und stand in Formationshaltung. Er hatte nie verlernt Soldat zu sein.
      "Als erstes kommt Kampfhaltung, danach Waffentechnik und zum Schluss ein Übungskampf mit einem von uns! Wir werden uns als Kreaturen ausgeben, die ausnahmsweise Waffen tragen und schnell und stark sind! Dieser Kampf soll beweisen, dass ihr selbst dann klar kommt, wenn euer Gegner ein unvorhersehbares Verhaltensmuster zeigt!"
      Er sah jedem einmal ins Gesicht.
      "Wer diese Prüfung nicht besteht, kann sie nächste Woche ein weiteres Mal wiederholen, ansonsten müsst ihr die Klasse wiederholen! Der Ausgang eurer Bewertung zeigt, ob ihr die Fähigkeiten beherrscht, später gegen Kreaturen anzutreten! Deswegen werden auch keine Ausnahmen gemacht und es wird auch kein Auge zugedrückt!"
      Renera schluckte stark. Ihre Handflächen waren feucht von ihrem Angstschweiß und sie sah sich einmal nach Aradan um, bevor sie sich seine Trainingseinheiten in den Kopf rief. Hätte nicht die Prüfung für Überlebenskunst zuerst kommen können? Das konnte sie gut.
      "Allesamt - Kampfhaltung einnehmen!"
      Wie ein Mann bewegte sich die Reihe der Schüler und drehte sich zur Seite, der rechte Fuß vorne. An manchen Stellen spritzte vom Auftreten der Schlamm durch die Gegend.
      "Felshaltung!"
      Sie reagierten erneut synchron: Die Füße leicht schräg, die Knie angewinkelt, der Oberkörper nach vorne. Wilk ging an der Reihe entlang und drückte dem einen oder anderem prüfend gegen die Schulter.
      "Sturmhaltung!"
      Bein nach vorne, Gewicht nach vorne. Renera's Nachbar rutschte im Schlamm für einen Moment, fing sich aber sofort wieder. Renera war neidisch auf ihn, sie hätte sich bestimmt nicht fangen können.
      "Wasserhaltung!"
      Füße parallel, Gewicht in der Mitte, Oberkörper nur leicht nach vorne. Wilk kam bei Renera an, drückte ihr gegen die Schulter, Renera machte ihren Ausfallschritt nach hinten, wäre dann allerdings doch fast gestürzt. Er ging weiter, ohne sie zu beachten.
      "Angriff - links!"
      Sie blieben wo sie waren, drehten allerdings den Oberkörper nach links. Die Wasserhaltung wurde nun automatisch zur Felshaltung.
      "Angriff - hinten!"
      Ein Schritt nach vorne, auf dem Fuß nach hinten drehen, den anderen Fuß nach hinten nehmen.
      "Angriff - hinten!"
      Ausfallschritt nach vorne, ein kurzer Schulterblick, den Körper in Richtung der anderen Schulter drehen und in Wasserhaltung ankommen. Wilk war mittlerweile am Ende der Reihe angekommen und stellte sich wieder zu den beiden anderen.
      "Ein Läufer kommt fünf Meter weiter um die Ecke und sieht euch - Haltung einnehmen!"
      Die meisten nahmen Wasserhaltung ein, vereinzelte nahmen Felshaltung ein. Renera nahm Sturmhaltung ein.
      "Eine Spinnenmutter kommt von hinten - sie ist sechs Meter entfernt! Haltung einnehmen!"
      Alle drehten sich um, doch einige wenige machten dabei den schnellen Ausweichschritt, mit dem man den Fäden ausweichen sollte. Die Spinnenmutter konnte keine sechs Meter weit schießen. Renera ging in Wasserhaltung.
      "Ein feindlicher Soldat kommt mit erhobenem Schwert auf euch zugerannt - Haltung einnehmen!"
      Das schien für Verwirrung zu sorgen. Jeder Schüler tat etwas anderes, manche korrigierten dabei ihre Bewegungen und vollzogen eine andere, einer gab seine Kampfhaltung sogar ganz auf. Renera blieb unbeweglich in ihrer Wasserhaltung. Das Manöver schien den Hauptmann zu belustigen, wenngleich er nicht direkt lächelte, sondern nur die Falten auf seiner Stirn entspannte.
      "Der Kampf ist vorbei, euer Gegner - eine Kreatur - fällt tot auf den Boden! Haltung einnehmen!"
      Jeder verharrte unbeweglich in seiner momentanen Haltung.
      "Die Kreatur ist ganz sicher tot, ihr hackt ihr den Kopf ab - Haltung einnehmen!"
      Niemand bewegte sich.
      "Ihr hackt ihr auch noch alle Gliedmaßen ab - Haltung einnehmen!"
      Als sich immer noch niemand bewegte, klatschte er schließlich in die Hände und schien zufrieden.
      "Kampfhaltung vorbei! Nehmt euch eine Waffe vom Stapel und stellt euch wieder auf!"
    • Diese verdammten Prüfungen. Ein Satz den Aradan fast jeden Morgen in seinem Kopf hatte. Sie wurden immer wieder in jedem Unterricht aufgedröselt. Und ja. Aradan beherrschte nicht jede Haltung so gut wie manch andere und ja er konnte sich diese verdammten Pilze und all die Kräuter einfach schwer merken aber lag es tatsächlich an seinem Kopf der nicht mit machen wollte? Die folgenden Tage zeigten das Gegenteil. Die knappe Zeit die er mit Renera verbringen konnte war wie ein dringend nötiger Lebenswandel. Er lernte mit ihr in einem Tag alles so viel besser als er es in einem ganzen Monat im Unterricht selbst getan hätte. Jede Nacht wurde ihm klar dass es daran lag, dass es ganz einfach Spaß machte. Sie lachten immer so viel und nutzten jede Minute aus wenn sie denn mal Zeit fanden.
      Jede einzelne Nacht schlief er mit Renera in seinen Gedanken ein und wachte morgens damit auf, schon darauf hoffend wieder ein paar Minuten zu finden in denen beide Zeit hatten, auch wenn sie sich manchmal Nachts raus schlichen.
      Fakt war, dass er den Prüfungen langsam sogar entgegen sehnte, so sicher fühlte er sich. Auch wenn sein Ehrgeiz immer mal wieder geknickt war wenn Renera in Sachen Überlebenskünste ihm ständig voraus war. Zugegeben wich das aber schnell, wissen wie schön es war dass sie sich so ergänzten. Er war dafür schneller im Kampf, wobei Renera sich auch dort sehr gut machte, wie er selbst immer wieder ermutigend versuchte ihr klar zu machen. Wenn sie ganz in ihrem Waffentraining vertieft waren, kam es sogar öfter vor dass er sich kein bisschen zurück hielt und Renera dennoch jeden Hieb korrekt zu parieren wusste. Diese Momente waren einfach die aller Besten zusammen. Sich einfach ganz dem eingeübten Techniken hingeben und wissen dass das Gegenüber das selbe tat. Es war manchmal beinahe wie ein Tanz.

      Als dann endlich die Prüfungen anstanden, wurde entgegen der Erwartung von vielen, doch die Praktik vorgezogen. Nicht nur wurde ihnen erst gesagt dass die Theorie als erstes käme, sondern wurde ebenso gesagt dass bei schlechtem Wetter ganz sicher die Theorie anstand.
      Den knöchel tiefen Matsch sehend, wusste Aradan warum das eine geschickte Lüge war. Vermutlich hätten die Ausbilder den Platz sogar absichtlich gewässert um möglichst viel Matsch zu haben, falls es nicht geregnet hätte. Die Haltungen auszuüben war gefühlt zu 40% schwerer im Matsch. Nur zu schade für die Ausbilder dass Aradan und Renera oft am Wasser trainierten, wo es gerne mal ziemlich uneben und weicher Boden fast schon normal war.
      Die Übungen die dann angesagt wurden, galten dann aber schon eher einem Quiz. Es wurde ganz klar die Reaktion und die korrekte Ausübung abgefragt. Bei manchen wurde dann auch stichprobenartig die Balance geprüft. Als der Ausbilder bei Renera ankam, sah Aradan sofort zu ihr und drückte ihr die Daumen. Zeigs denen. Flüsterte er leise vor sich hin und nickte kurz darauf stolz, sehend wie Renera ihre Haltung wahren konnte.
      Er selbst wurde bei der Wasserhaltung ebenso kurz geprüft aber... Das war lächerlich. Ein umfallender Strohsack hätte mehr Druck ausgeübt. War das wirklich alles? Direkt dachte Aradan darüber nach ob diese hitzige Anstachelung all die Wochen lang vielleicht sogar eine Taktik war. Alle so sehr ängstigen dass sie selbstständig trainieren damit sie spielend durch die Praktische Prüfung kämen? Möglich wäre es.

      Zu Aradan's Freude kam es tatsächlich so. Die Haltungen waren durch und seiner Ansicht nach waren die Ausbilder tatsächlich erfreut über die Resultate. Aradan sah sofort zu Renera und hielt seinen Daumen heimlich hoch und zwinkerte ihr dabei kurz grinsend mit einem Auge zu.
      Als nächstes standen dann die Nahkämpfe an. Etwas das Aradan nach wie vor etwas merkwürdig fand. Es machte ihm wahnsinnig Spaß das mit Renera zu üben aber war ihm der Bogen einfach so viel lieber..
      Es brachte aber nichts nun die Konzentration zu verlieren also schnappten sich alle ein Schwert aus Holz und stellten sich wieder in einer Reihe auf. Doch was folgte kam erneut ziemlich unerwartet.
      Jeder Ausbilder pickte sich wahllos einen Schüler aus und ging mit diesen gute 30 Meter vom Rest weg. Man konnte sie so nicht mehr hören und es war schwerer zu erkennen wie die Ausbilder kämpfen würden.
      Als erstes wurden 3 Schüler ausgewählt, die eigentlich nicht besonder überragend waren. Zumindest fielen sie im Unterricht nie auf und galten auch im Dorf eher als solider Durchschnitt.
      Als diese dann auf die Entfernung gebracht wurden, sah es so aus als würden die Ausbilder eine Weile mit ihnen sprechen statt zu kämpfen, doch leider konnte man einfach nicht verstehen was besprochen wurde. Vielleicht war das ja gewollt. Aradan blickte spontan wieder nur zu Renera, in der Hoffnung sie würde ihn erleuchten, doch zuckte auch sie mit den Schultern.
      Dann ging aber der Kampf los. Sofort war Aradan verblüfft darüber wie gut die Ausbilder den Erzählungen seiner Mutter nach einen Läufer imitieren konnten. Es sah wild aus und... diese Schläge. Man hörte einen parierten Schlag bis hier hin. Die Ausbilder schienen sich zumindest in Sachen Kraft nicht zurück zu halten. Etwas dass sich Aradan sofort merken würde.
      Eine der 3 Personen stolperte bei fast jedem einkommenden Schlag und ging mehrfach zu Boden. Diese wurde dabei immer wütender und wirbelte am Ende einfach nur noch das Schwert herum bis der zuständige Ausbilder den Kampf unterbrach und den Schüler direkt ausscheiden lies.
      Aradan schluckte. Erst wirkte die Prüfung so leicht, doch nun war es bittere Realität dass man ganz leicht ausscheiden konnte und... im größten Pech den ganzen Kurs erneut absolvieren musste. NIEMALS, dachte er sich.
      Dann kamen die nächsten 3 dran. Wieder war weder Er noch Renera dran. Langsam brannte das Feuer in ihm. Er wollte loslegen.
      Kaum 10 Minuten danach war es soweit. Sein Name fiel. Ebenso wie der von Renera und Ellaya.

      Aradan ging los. Sein Gegenüber war Cetra, die Frau mit der sein Vater gelegentlich in der Scheune mit anderen Sprach und auch mit ihm die Späh Mission absolviert hatte. Aber wo dachte er gerade hin? All das spielte doch keine Rolle. Er musste sich auf das hier und jetzt konzentrieren. So packte er sein Holzschwert fest in beiden Händen, wissend wie wuchtig die Ausbilder zu schlugen. Doch dann kam Cetra näher ohne jede Absicht anzugreifen. Einen knappen Meter vor ihm blieb sie stehen. Da fiel es ihm wieder ein. Diese "Unterhaltungen" die man beobachten aber nicht verstehen konnte. Das musste es sein. Und so kam es dass Cetra anfing
      "Ich hoffe du hast dich gut vorbereitet. Also sag mir.. Aus welchem Holz ist dein Schwert?"
      Bitte was? Aradan sah sein Holzschwert an und war verblüfft. War das grade tatsächlich eine Frage die erst in der Theorieprüfung vor kommen sollte?
      "5...4...3...2..."
      "POCKHOL.... NEIN!! Das ist Palisander!"
      korrigierte er im letzten Moment als er den leichten Farbunterschied bemerkte.
      "Korrekt. Und warum nutzen wir diese statt ein Schwert aus einer Fichte zu schnitzen?"
      Die Frage kam ihm fast schon zu leicht vor. Seine Mutter brachte ihm das alles so gut bei, dass es beinahe peinlich gewesen wäre das nicht zu wissen.
      "Naja.. Eine Fichte ist ein Weichholz das zweit weichste neben der Pappel. Pockholz ist hingegen das härteste Hartholz und somit bestens zum Training mit Schwertern geeignet. Aber dann bemerkte ich dass dieses Schwert einen leichten Oliventon hat. Das passte nicht zu Pockholz. Es musste also einfach Palisander sein."
      Cetra nickte und konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
      "Ebenfalls korrekt. Reona hat dich ganz schön auf trapp gehalten nicht wahr?"
      Aradan grinste ebenso und ging in die Sturmhaltung über.
      "Sie haben ja keine Ahnung."
      Cetra gefiel dieser Kampfgeist und setzte diesen direkt auf den Prüfstand.
      Sie verfiel in eine breite, sehr offene Haltung die einem in der Schule nicht beigebracht wurde. Es hatte beinahe etwas verrücktes an sich und auch dieser direkt folgende Angriff war neu. Aradan wechselte also sofort in die einzig logische Felshaltung und schaffte es damit ganz knapp den ersten Schlag zu parieren.
      Der gesamte Kampf verlief ganze 4einhalb Minuten in welchen Cetra sich nicht zurück hielt. Erstaunlich wenn man die vorherigen Schüler bedacht hatte. Da wurde der Längste in bereits 2 Minuten und 11 Sekunden erwischt. Doch gaben nun Aradan's Arme nach. Er konnte einfach nicht mehr genug Kraft aufwenden um diese Schläge abzuhalten. Mit jedem weiteren Hieb spürte er wie ihm das gegnerische Schwert näher und näher kam, bis es dann tatsächlich dazu kam dass ihm die Beine weg gezogen wurden und kurz darauf die Spitze des gegnerischen Schwertes über seine Stirn stoppte.
      Vollkommen außer Atem lag Aradan da ehe ihm die Hand gereicht wurde.
      "Das reicht. Geh dort drüben hin."
      Cetra zeigte auf die Seite wo die bereits getesteten Schüler standen. Weit genug weg um nicht mit den noch anstehenden plauschen zu können. Es fiel Aradan sehr schwer aus Cetra raus zu hören ob sie nun enttäuscht über seine Leistung war oder vielleicht doch ganz gut im Rennen lag. So ging er zum angewiesenen Ort der anderen erschöpften Teilnehmer sah sich zu aller erst um ob er Renera ausfindig machen konnte.
    • Im nächsten Teil der Prüfungen wurden sie von den Prüfern abgeholt und Renera bekam Valia, während Ella sich Wilk stellen musste. Ella war ihr die letzten Wochen aus dem Weg gegangen und so sah sie jetzt auch nicht herüber. Also sah Renera zu Aradan und wünschte ihm, nur die Lippen bewegend, Glück.
      Valia lächelte freundlich, als sich die beiden gegenüber aufstellten. Nicht in Kampfhaltung, Renera hatte schon beobachtet, dass erst irgendwas anderes kam.
      "Also meine Liebe... woher kam der Wind heute morgen?"
      "Heute morgen?"
      Sie nickte.
      "Vor etwa fünf Stunden."
      Renera blickte in den Himmel und wurde panisch. Sie konnte nicht erkennen wo Norden oder Osten war und natürlich fiel ihr auch gerade jetzt nicht ein, wo sie den Sonnenuntergang beobachten konnte. Außerdem hatte sie heute morgen ganz sicher nicht darauf geachtet, woher der Wind bließ. Was war das auch für eine dumme Frage!
      Valia beobachtete sie geduldig. Renera sah sich um, suchte nach Aufschlüsse über diese Frage und blieb schließlich am Schulgebäude hängen. Wenn sie am Fenster saß, hatte sie vormittags ganz sicher Sonne, also musste das Osten sein, damit lag das Gebäude im Süden.
      "Der Wind kommt jetzt aus Osten, das heißt vor fünf Stunden..."
      Ja, was war vor fünf Stunden? Sie versuchte sich etwas zusammenzureimen.
      "Wir haben Sommer, also wechselt der Wind nicht oft die Richtung... Manchmal aber schon..."
      Sie sah wieder zum Schulgebäude, da hatte sie endlich die Erleuchtung.
      "Er kam von Westen, weil die Scheiben auf der rechten Seite nass sind, auf der linken aber nicht."
      Valia nickte zufrieden.
      "Und was bedeutet der Richtungswechsel für uns?"
      "Dass der Regen zurückgebracht wird und dass unser Geruch in die andere Richtung getragen wird."
      Sie nickte erneut und nahm Kampfhaltung an.
      "Dann wollen wir mal."
      Renera ahmte die Haltung nach.
      "Du wirst mir verzeihen müssen, ich bin eigentlich den Fernkampf und nicht den Nahkampf gewohnt."
      "Ach, das ist nicht so -"
      Ihre Worte wurden abrupt unterbrochen, als Valia mit einem Seitenhieb losschoss, der schneller kam, als es Renera möglich war die Haltung zu wechseln. Sie riss ihr Schwert hoch, mehr schlecht als recht, und fing ihn ab, was einen dumpfen Knall verursachte und in ihrem Arm vibrierte. Doch damit war es noch längst nicht vorbei. Valia überbrückte die Distanz zwischen ihnen, sodass sie nur noch eine Handbreite entfernt war und beförderte ihr Schwert mit einem Drehen ihres Handgelenks zur Seite, sodass Renera's eigenes Schwert von ihr wegrutschte. Da drehte Valia ihr Handgelenk noch weiter und die Spitze ihrer Waffe schoss auf Renera's Hals zu. Aus irgendeinem Grund dachte sie in genau diesem Moment an Aradan's Worte, als er ihr davon erzählt hatte, dass seine Mutter Schnelligkeit im Kampf über Stärke stellte. Das Bild, als die zwei dabei am Fluss gesessen hatten, schoss ihr dabei durch den Kopf und sie machte einen Ausfallschritt nach hinten, um dem Schwert auszuweichen und ihr eigenes vor sich zu bringen.
      Leider schien Valia genau darauf gewartet zu haben, denn im nächsten Moment stieß Renera's Ferse gegen ihren Fuß und Renera fiel rücklings in den Schlamm. Die Schwertspitze folgte ihr unbarmherzig. Sie riss ihre Waffe hoch, lenkte den Angriff ab und rollte sich in derselben Bewegung zur Seite. Den Schwung nutzend kam sie sofort wieder auf die Beine, zeitig genug, um den nächsten Schlag zu parieren, der diesmal von unten kam. Mit Aradan war sie oft genug umgefallen, sodass ihr dieses Manöver keine Schwierigkeiten bereitete. Etwas selbstbewusster hielt sie auch den nächsten Schlag ab, bevor sie in einer mutigen Sekunde das Schwert in die andere Hand wechselte und zustach. Das schien diesmal Valia zu verwirren, denn sie wich in letzter Sekunde aus und zog ihr Schwert hoch. Renera nutzte die Gelegenheit und verpasste Valia mit ihrem Schwert eine Schlammspur auf ihrem Oberschenkel.
      "Ha!"
      Triumphierend hob sie das Schwert in die Luft und Valia machte eine finstere Miene, wenngleich sie nicht sauer war.
      "Noch bin ich am Leben, aber der Kampf ist dennoch vorbei. Wo hast du das gelernt?"
      "Was gelernt?"
      "Die Hand zu wechseln. Das bedarf großes Geschick."
      Renera zuckte mit den Schultern.
      "Das hab ich immer schon gemacht, wenn mir der Arm zu müde wird."
      Die Schützin nickte.
      "Nun, das war eine gute Leistung, wenngleich das Hinfallen definitiv ein Fehler war. Hätte ich zwei Klauen und ein riesiges Maul, wärst du schon tot."
      Renera's Glücksgefühl dämpfte sich ein wenig, da lächelte Valia wieder.
      "Aber ich habe dich auch anfangs ausgetrickst, als ich gesagt habe ich wäre nicht gut im Nahkampf, und dem hast du trotzdem gut standgehalten. Aber dein Gleichgewicht wirst du noch trainieren müssen, das will ich nicht nochmal erleben."
      "Ja!"
      "Gut, dann stell dich zu den anderen."
      Renera zog ab und gesellte sich zu dem Rest, wobei einige kicherten, während sie auf Renera's schlammüberzogene Kleidung zeigten. Sie beachtete sie nicht, sondern hielt stattdessen Ausschau nach Aradan.
      Er war noch mitten im Kampf und Cetra schien genauso wenig Rücksicht auf ihn zu nehmen wie Valia es getan hatte. Sie konnte nicht umhin fasziniert davon zu sein, mit welcher Eleganz Aradan sich bewegte. Er schien völlig darin versunken zu sein Schläge zu parrieren und die richtigen Haltungen einzunehmen, sodass die beiden mehr wie Tänzer und weniger wie Kämpfende wirkten. Außerdem sah es nicht so aus, als würde er schnell aufgeben. Seine Energie schien grenzenlos, doch dann unterlief ihm doch ein Fehler und er landete, genau wie Renera vorhin, im Schlamm. Allerdings musste er sich nicht noch darin herumwälzen, Cetra besiegte ihn und half ihm dann auf die Beine. Jetzt konnte man auch erkennen, wie erschöpft er tatsächlich war. Er kam herangeschlichen und Renera begrüßte ihn mit einem breiten Grinsen.
      "Das sah richtig cool aus! Ich wette wenn der Boden nicht so schlammig wäre, hättest du sie fertig gemacht. Hier."
      Sie schmierte ihm etwas Schlamm von sich selbst über die Brust.
      "Jetzt gehören wir quasi zusammen."
      Sie grinste erneut und hinter ihnen tuschelten ein paar der Schüler.

      Die Prüfung endete mit einem Großteil an bestandenen Schülern, doch ein paar von ihnen waren auch durchgefallen. Zu Renera's Überraschung befand sich Ella auch bei den durchgefallenen, ihr Haar war von einigen Schlammspritzern bedeckt und ihre Miene war zerknirscht. Sie sah nicht zu Renera herüber, doch die hatte das Gefühl, dass diese Miene ihr galt.
      Wilk trat erneut auf um eine abschließende Lektion zu erteilen und der einen Gruppe zu beglückwünschen, während er die andere darüber informierte, dass der zweite Versuch nächste Woche um diese Uhrzeit stattfinden würde. Zur Feier des Tages wären sie für den restlichen Tag vom Unterricht entlassen. Die meisten der Schüler machten sich auf den Weg, sich am Fluss zu säubern. Renera drehte sich zu Aradan um.
      "Komm, wir gehen mit."
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