spellbound. (earinor & akira)

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    • Rauch stieg aus der oberen Luke des Zeltes auf, als hätte das immerwarme Feuer sich bereits durch die gesamte Siedlung gezogen, von Westen nach Osten, aus dem hintersten Eck in die vorderste Spitze der Realität. Düfte diverser Art verteilten sich im Umkreis des großen Zeltes, dessen Plane in diverse Farben getränkt war, manche von ihnen auffälliger als andere - nichts davon grell, oder mit den Farben der Schafe zu vergleichen, dennoch war es in der ewigen Idylle aus den gleichen Ledern, Häuten und Fällen, den markanten Grau-, Beige- und Brauntönen doch noch anders genug, um aus der Reihe zu tanzen, beinahe schon wortwörtlich. Das Aroma erblasster Kräuter und alter Tinkturen war es, der wie eine Brise frischer Wind durch die engen Zeltgassen und Zwischenräume zog, die sich nur spärlich in dem thrianischen Gefilde der Verzweiflung auftaten, als würde man glauben, die Wölfe fürchteten sich davor, das passieren würde, wenn eine Schlange in ihre Mitte eindrang - als wären sie die Schafe, die sich von den gierigen Raubtieren, als welche man sie ansah, umzingelt werden und alsbald ihren eigenen, hohen Tönen zum Opfer fallen, würden sie sich nicht dicht genug aneinanderpressen, selbst dann, wenn er Horizont ihnen zu Füßen lag. War es wirklich so? Heutzutage waren die Kinder des Westens es, die nicht mit hocherhobenem Haupt durch die Natur jagten, sondern sich beinahe schon vor ihr versteckten.

      Mei verbrachte selten eine Nacht damit, ihre Füße stillzuhalten - und als der Morgen über sie hereinrollte, war sie schon längst hellwach. Kerben und Narben der Zeit waren dennoch nicht spurlos an ihr vorbeigezogen, als wäre sie nichts weiter als ein ewiger Halm im Wind; Krähenfüße zierten die Winkel ihrer müden Augenpartie wie eine Stuckleiste, seichte Einkerbungen einer immer gerunzelten Stirn waren auch im entspannten Zustand zu erkennen und eine Narbe, wohl nicht tiefer als zwei oder drei Zentimeter, lief über beide Lippenpartien, über ihr Kinn hinunter. Die tiefbraunen Iriden, leicht blutunterlaufen, schienen auf ein Bündel Kräuter fixiert, das sich nicht so recht aneinander binden ließ, während das ein wenig zerzauste, gewellte Haar wirkte, als wäre der Morgenwind, der gerade noch Schnee aufwirbelte, auch in ihr Eigenheim eingedrungen, unangekündigt und ohne von sich spüren zu lassen. Die fremde Stimme ließ sie aufhorchen, die Sprache ihr fremd und doch hinterließ sie einen unangenehmen Beigeschmack. Als der Fremdling seinen Schafskopf in ihr Zelt steckte, und schlussendlich sich selbst hereinließ, schien Mei nur einen kurzen Blick für ihn übrig zu haben. "Guten Morgen, man nennt mich Mei.", erwiderte sie knapp, als sie sich dem Bündel Gras in ihren Händen widmete, sowie der farbigen Kordel, mit welcher sie wohl gerade versuchte, alles aneinander zu reihen. Kaum geschafft stand sie auf, befestigte die andere Ende der Kordel an einer Leine über ihrem Kopf und setzte sich wieder, um genau den gleichen Vorgang zu wiederholen, als wäre Mei nichts weiter als ein stätiger Ablauf, der sich nie änderte. "Kannst du Knoten binden?", hinterfragte sie lediglich, als sie auf ein Kissen an der anderen Tischkante deutete. "Setz' dich."
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Der Geruch im inneren des Zeltes war noch viel stärker und Rain unterdrückte ein leichtes Husten. Sicherlich waren einige der Kräuter gut für seine Atmung, aber andererseits lag hier so viel in der Luft, dass er nicht ganz damit zurechtkam. Der Geruch legte sich vermutlich auch bereits auf seiner Kleidung und seinen Haaren nieder. Die Frau im Inneren stellte sich als Mei vor, wie die meisten anderen auch sah auch sie so aus als hätte sie schon einige Schlachten geschlagen, eine Narbe zierte ihr Gesicht und ihr Haar war wellig und vielleicht ein bisschen zerzaust. Sie sah etwas älter aus, vielleicht Rikiyas Alter. Rain hatte keine großartige Willkommensrede erwartet, aber zumindest kannte er ihren Namen, auch wenn sie kaum aufblickte um den Eindringling zu begutachten. Sie ging einfach weiter ihrer Arbeit nach die im Moment darin zu bestehen schien die Bündel an Kräutern zu sortieren und zum trocknen aufzuhängen. Etwas unschlüssig stand Rain immer noch beim Eingang des Zeltes, das um einiges kleiner war als Rikiyas. Er fragte sich ob Mei auch hier lebte, oder ob das nur ihr Arbeitsplatz war.

      Schließlich wurde Rain eine Frage gestellt und er stolperte vor Aufregung über seine eigenen Worte. "Äh... keine Bestimmten.", erklärte er und als er aufgefordert wurde sich zu setzen, trat er auch endlich gänzlich ein und tat genau das. Er nahm gegenüber von Mei auf dem Boden platz. Mit seinem verletzten Bein war es etwas schwierig sich für die Thrianer korrekt hinzusetzen, aber er ignorierte den Rat des hiesigen Heilers sein Bein hochzulagern und kniete sich stattdessen hin. Er warf einen Blick auf den Tisch und die Körbe die daneben auf dem Boden standen die voller frischer Gräser, Blätter und Wurzeln waren. Rain schaute Mei dabei zu wie sie das nächste Büschel zusammenband. Es war nichts Aufregendes dabei, kein Seemannsknoten oder dergleichen, einfach nur ein paar Mal herumgewickelt und anschließend fest verknotet. Mei schien keine weiteren Angaben machen zu wollen, also nahm Rain sich zögerlich ein Büschel Gras von dem er glaubte es war die selbe Menge wie das was Mei hatte und legte es vor sich. Dann nahm er sich die Kordel die bereits in die richtige Länge geschnitten wurde, wickelte sie ein paar Mal herum und verknotete die Enden so, dass eine Seite kurz und die andere lang genug war, damit man das Bündel noch aufhängen konnte. "Ist das in Ordnung so?"
    • Münder trugen Propaganda oft weiter, als es der Wind tat - und wenn die Worte auf dem Wind es waren, die ihn schließlich erreichten, dann war das vermutlich ein Zeichen davon, dass man sich bereits die Zungen über etwas zerrissen hatte, dass sie eventuell gar nicht hören wollte. Mei war ein ruhiger Charakter, der sich gerne selbst ein Bild von der Welt, die sie umgab, machte, insofern es in ihren strikten Zeitplan passte, den sie schlichtweg nicht an andere Personen anpassen konnte, oder wollte, als wäre er tief in ihre Seele gekerbt, die womöglich auch geschundener war, als ein einfacher Blick auf sie vermuten ließ - so waren sie alle, jeder Einzelne von ihnen, ob Schaf oder Wolf, und das wusste sie nur zu gut. "Reicht.", entgegnete sie dem Schaf schließlich, als es sich endlich setzte, und wohl versuchte, sich an die unausgesprochenen Regeln der Siedlung und ihres Volkes zu halten. Freundlich genug schien er zumindest zu sein, das war schon einmal kein schlechter Eindruck, zumindest glaubte Mei das, als sie sich weiterhin ihren Bündeln widmete und den Kordeln, die ihr wohl nie auszugehen schienen. Wie oft sie ihre Finger wund gewickelt hatte, das konnte sie auch an mehr als einer Hand abzählen, so viel war ihr noch bewusst.

      Während Rain seine Zeit brauchte eines der Bündel anzufertigen war Mei um einiges schneller, etwas, das abzusehen war - sie machte diese Art von Arbeit seit Jahren, seit gefühlten Ewigkeiten, und als die fremde Stimme ertönte, war sie wie ein Gong, der sie dazu zwang, kurz innezuhalten und auf das Werk des Blonden herabzusehen, als würde sie es genau unter die Lupe nehmen wollen. "Mh, der Knoten könnte ein wenig fester sein und das Büschel kleiner, aber das sind nur Feinheiten. Ein paar mehr und das sollte passen.", antwortete Mei ihm, bevor sie ihm eine Handvoll - die richtige Menge - auf den Tisch legte und ihre beiden Bündel aufhängte, damit er sich nicht abmühen musste; das hinkende Bein hatte sie bemerkt, ohne, dass er es überhaupt erwähnt hatte. "Wasser? Tee? Wurzel, Kräuter?", war die erste Frage die aus ihrem Mund schoss als sie noch dort stand und an der Leine zog, die mit denen im Rest des Zeltes verbunden war. Über ihren Köpfen bewegte sich das Stauwerk aus Bündeln, als wäre es ein Windspiel, angetrieben durch das Ziehen seiner Besitzerin, die versuchte, ein wenig freien Platz - und mehr Bindefläche - über ihren Köpfen zu schaffen. Kaum getan war Mei auch schon wieder dabei, ein neues Bündel zu verschnüren, als läge die Arbeit ihren müden Fingern im kochenden Blut. "Bist du hier, weil du hier sein willst, oder weil man dich dazu zwingt, zu helfen?" Ungewollt rutschte ihr die relativ direkte Frage definitiv nicht von den Lippen, wollte sie den Knirps doch ein wenig testen - Mei war nicht sonderlich gemein, das war sie nie, aber umso neugieriger.
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    • Mei war keine sehr gesprächige Frau wie es schien und Rain konnte wohl auch den Mund halten. Er war es ja eigentlich gewohnt nicht viel Gesellschaft zu haben, auch wenn sich das in den letzten Monaten, eigentlich fast schon ein Jahr, drastisch geändert hatte. Nayantai hatte so viel Zeit mit ihm verbracht als sie noch im Anwesen waren und dann unterwegs, da hatten sie sich auch ständig unterhalten, solange sie die Energie dazu noch hatten. Bei den im Süden lebenden Nomaden angekommen hatten sie auch nur einaner, nur seit sie hier waren schien Nayantai sich mehr und mehr zurückzuziehen und alleine sein zu wollen, Hochzeit hin oder her. Fakt jedenfalls war, dass Rain sich gut und gerne mit seinen eigenen Gedanken beschäftigen konnte, während er ein paar Bündel Kräuter zusammenband, denn Mei schien so als wollte sie lieber ihre Ruhe haben. Einfache Knoten reichten, gut, denn mehr als seine Schuhe zuzubinden konnte Rain kaum. Er war wie immer gewissenhaft, was ihn auch langsam machte, aber Mei sah es ihm hoffentlich nach und schlussendlich würde sie sich trotzdem Zeit sparen, egal wie langsam Rain war.

      Als er fertig war sah Mei sich seine Arbeit gründlich an. Rain nickte. "Verstanden.", nickte er. Festerer Knoten, kleinere Bündel, alles klar. Mei schien dennoch nicht unzufrieden und legte ihm ein Bündel hin das die richtige Größe hatte. Dann band sie ihres und Rains zu den anderen und schob alles ein wenig zurecht, während Rain sich auf die Kordel konzentrierte. Irgendwie war er nicht sicher, ob man das hier als Arbeit bezeichnen konnte, wenn Mei alleine auch alles schaffte, vielleicht war es mehr Beschäftigungstherapie für Rain. Er blickte etwas überrumpelt auf, als Mei ihn etwas fragte. "Tee bitte, wenn es dir nicht zu viel Mühe macht. Ich bin bei der Sorte nicht wählerisch.", antwortete Rain. Das Wasser hier war meist auch gewärmt, Schnee konnte man schließlich nicht trinken, aber eine heiße Tasse Tee tat immer noch am Besten, speziell wenn er hier noch Stunden auf dem Boden sitzen sollte. Mei hatte sogar noch eine Frage, Rain hatte nicht damit gerechnet. "Ich wollte helfen. Jeder hier trägt seinen Teil bei, ich finde das sollte ich auch tun. Ich möchte mich nicht auf Rikiyas oder Nayantais Titeln oder Einfluss ausruhen.", erklärte er schnell. "Ich kann nicht sehr viel was Handwerk oder körperliche Arbeit betrifft, aber ich kann hier sitzen und helfen, wann immer du meine Hilfe möchtest. Ich... bin auch gut darin mir Dinge zu merken... falls du mir etwas über die Kräuter beibringen willst." Letzteres sprach er etwas vorsichtig aus, er wollte nicht zu aufdringlich sein. "Ich kann aber auch einfach still sein."
    • Auch, als Rain ihr seinen Wunsch nach einem Getränk entgegnete, ließ sie sich schlichtweg nicht dazu hetzen - sie hatten beide Zeit, das wusste Mei doch. Mit einem Nicken erhob sie sich schließlich doch noch, eine ganze Weile später als die Stille zwischen ihnen beiden schon fast unangenehm geworden war, und setzte einen Kessel inmitten des kleinen Feuers, das mittig im Zelt brannte. Kleiner als das jedes anderen Zeltes, womöglich um die bereits erstarrten, verdorrten Laubstücke und Äste nicht aus dem Konzept zu bringen, allerdings auch, weil Mei keine Person war, die es unbedingt warm mochte - mehr Feuer verschwendete ohnehin Energie. Während das Wasser nun als köchelte, ließ sie sich wieder in ihren Sitz fallen, auf das alte Kissen, das flachgedrückt aber gewaschen schien, das wahrscheinlich nicht mehr sonderlich vor dem unnachgiebigem Boden unter ihnen schützte. "Bist du nicht wählerisch, weil du freundlich sein willst?", bemerkte sie am Rande, ihre Augen wie auf die Arbeitsfläche vor sich geklebt, ihr Rücken durchgestreckt, die alte Stimme müde, fast schon rauchig. Hatten die Kinder deswegen Angst vor ihr? Mei konnte ihnen noch nie viel abgewinnen, aber irgendjemand musste stumpfes Wissen weitergeben, sei es drum, ob die nächste Generation nun aus Wölfen oder Schafen bestand - wen interessierte das hier draußen schon?

      "Pah, dann tust du ja mehr als manche Personen.", erwiderte Mei, ohne ihre Wortwahl oder den Grund dafür zu erläutern. Nicht einmal auf den König und seinen totgeglaubten Sohn bezog sie sich - es gab einfach Personen in dieser Siedlung, die nur Unfug im Kopf hatten und es nicht einmal schaffen wollten, ein einfaches Tier zu erlegen, um hungrige Münder zu stopfen. Der Krieg zehrte an ihren Kräften, das wusste sie, aber wie schwer konnte es sein zu fünft ein einziges Reh zu erlegen? Allem Anschein nach war die Aufgabe für mancherlei Gesindel in ihrer Mitte unmöglich. "Du willst dass ich dir etwas beibringe?", horchte Mei auf, die Klangfarbe ihrer Stimme von einem Schleier Verwunderung umhüllt. "Nein, nein. Was willst du denn wissen?" Sie konnte sich nicht ausmalen, wie sie diesem Zögling alles erklären würde, wenn er die Lawine erst einmal lostrat, aber sie konnte doch versuchen, es ihnen beiden schmackhaft zu machen. Das glaubte sie zumindest. "Willst du tauschen?", warf sie salopp ein. "Du erzählst mir irgendetwas, das du wissenswert findest, dafür erzähle ich dir etwas über Kräuter. Hört sich das gut an?" Nun schien sie aber Feuer und Flamme zu sein, ihr geschultes Auge lag nicht länger auf ihrer Arbeit, sondern Rain, von dem sie sich nur wegreißen ließ, weil der Kessel zu sirren begann und sie dazu zwang, ihnen beiden einzuschenken, ehe er überging.
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    • Mei war flink bei der Arbeit, aber mit allem anderen schien sie sich Zeit zu lassen. Erst nach einer Weile erhob sie sich um einen Tee für, vermutlich, sie beide aufzusetzen und stellte Rain auch erst danach eine weitere Frage. "Einerseits das, ich bin nur zu Gast, und andererseits kenne ich mich mit euren Sorten nicht wirklich aus." Er konnte auch nicht wissen was sie da hatte. Alles vermutlich, nachdem man sich Kräuter und Wurzeln hier bei ihr abholte. Rain war es trotzdem bewusst, dass man hier nicht in Überfluss lebte. Fhaergus selbst war auch nicht sonderlich reich, aber sie hatten eine große Auswahl an Tee und Rain hatte nicht so etwas wie eine Lieblingssorte. Rain legte die fertig gebundenen Bündel einstweilen in die Mitte des Tisches wo noch Platz war, auch wenn er sich schlecht fühlte, dass Mei diejenige war, die ständig wieder aufspringen musste um sie an eine der Schnüre an der Decke zu binden. Rain würde die Bewegung vielleicht ganz gut tun, denn hier drinnen war es kühler als in Rikiyas Zelt, obwohl es kleiner war.

      Mei schien Rains Initiative zu schätzen. Jede Gesellschaft hatte wohl ihre schwarzen Schafe und in der der Wölfe, wo man sich auf einander verließ, war das vielleicht sogar schlimmer. Sie agierten als eine Einheit, nicht jeder für sich alleine in einem System das gut und gerne auf ein oder zwei Rädchen verzichten konnte, wenn sie nicht halfen. sie schaufelten sich nur ihr eigenes Grab, aber hier? Rains Wissensdurst allerdings sorgte für Überraschung. "Ich lerne gerne, ja.", erwiderte er, auch wenn er immer befürchtete, dass er wie ein Spion klang wenn er sowas sagte. "Naja, die Namen der Kräuter und Wurzeln, wie man sie verwendet, zu welcher Pflanze sie gehören, wo man sie findet..." Nicht dass er selbst welche sammeln gehen konnte, aber wissen wollte er es trotzdem. Rain sah Mei an. Tauschen? So war es wie die Thrianer einander bezahlten, oder etwa nicht? "Äh... ja okay, aber... gibt es ein bestimmtes Thema an dem du interessiert bist? Ich schätze Schafspolitik und Geschichte ist dir nicht nützlich?"
    • "Sorten?", röchelte Mei amüsiert, als hätte Rain ihr einen Scherz - den Weltbesten - aufgetischt und behauptet, das wäre sein voller Ernst, mit unbewegter Miene und einem Funkeln in den Augen, das sie gar nicht erst erhaschen konnte. "Die schmecken so ziemlich alle gleich. Kommt drauf an ob du ihn lieber bitter oder süß magst, wirklich.", erklärte sie ihm noch schnell, bevor sie die beiden Becher auf der Arbeitsfläche abstellte und sich selbst wieder auf ihren Allerwertesten fallen ließ, um ihrer Arbeit erneut nachzugehen. Was wollte man mehr? Hier draußen konnte man gekochten Schnee trinken und keinen Unterschied zu schlecht getrockneten Kräutern bemerken, aber Mei war wenigstens so nett zu ihnen beiden und hatte ihnen ein Kräuterbündel von der Decke gepflückt. Dürr genug für Tee war es, und groß genug um es zweitzuteilen auch - Mei tunkte die beiden Bündel kopfüber ein, klatschte einmal und widmete sich danach wieder ihrer Arbeit, als wäre nichts passiert. Zügig war das Tempo, welches sie vorlegte, aber im Gegenzug nicht von Rain verlangte, war es doch einer Verschwendung ihrer Zeit, ihn zu solchen Dingen zu drillen; ein paar Kräuter würden den Krieg nicht von seinem Vormarsch abhalten, selbst, wenn sie dabei halfen den ein oder anderen Krieger schneller aufzupäppeln - das Ass hatten die Thrianer nicht im Ärmel.

      "Wenigstens einer.", erwiderte sie forsch, vertieft in das Bündel vor ihr, als würde sie gerade herauspicken wollen, ob sich nicht doch ein falscher Halm unter die vielen, kleinen Kräuter gemischt hatte. Mit knappem Handgriff war es dann doch etwas Anderes, das sie herausarbeitete - ein winziger, toter oder erstarrter Käfer, den sie auf dem Tisch zurückließ, als ihre Hände erneut in den Korb sanken, der ihr gesamtes Arbeitsmaterial beherbergte. "Das interessiert dich? Wirklich?" Mei schenkte Rain noch einen verwunderten Blick, als hätte er gerade wieder zu viel gesagt, oder sie überrascht; es war eindeutig die zweite Option. "Alles. Egal. Ich will einfach nur irgendetwas im Gegenzug hören, da ist mir egal, was es ist." Sicherlich gab es Begebenheiten und Geschichten die ihr wichtiger und um einiges nützlicher waren, als so manch andere, aber wer echauffierte sich schon über eine Tausch, der von beider Seiten nur über die Lippen und das Wissen im eigenen Hirn stattfand? "Die hier.", Mei zupfte eine kleine, halbtrockene Blüte aus ihrem jetzigen Bündel. "Nennt man Fesselranke. Du kannst sie essen, oder in Paste verarbeiten - sie wirkt beruhigend. Du findest sie meistens in irgendwelchen Siedlungen - sie klettern die Zelte hoch, wenn sie lange genug stehen und wenn sie zu lange stehen, dann findest du sie meistens in deinem Zelt. Wenn du es dann abbaust scheint's ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, als würde sie wollen, dass du dort bleibst, wo du gerade bist - deswegen der Name." Bei weitem war es nicht das einzige Kraut, das sie Rain zeigen wollte.
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    • "Wirklich? In Adrestia haben wir viele verschiedene Sorten, jedes Gebiet hat auch seine eigenen Präferenzen. In Fhaergus, meiner Heimat, sind bittere Tees üblich, aber ich mag eigentlich lieber süße aus Früchten, oder herbe, die sind weder süß noch bitter würde ich sagen.", erklärte er Mei. In Thria gab es auch einiges an Auswahl, das wusste er von ihrer überstürzten Hochzeit, aber es schien nicht so als würden Tees schon zusammengestellt sein, sondern jeder hatte seine eignen Zutaten die er mischte, oder einfach nur einzeln verwendete. Mei hatte bereits ein Kräuterbündel für sie ausgesucht und machte weiter mit ihrer Arbeit, Rain tat dasselbe. Der Tee würde ihn hoffentlich ein wenig aufwärmen, es war kalt hier drin und seine Finger fühlten sich jetzt schon steif an. Mit Handschuhen konnte er nicht arbeiten und er zog auch seinen Schal etwas höher über seinen Mund, damit er weniger kalte Luft einatmete. Rikiyas Zelt war auch nicht viel wärmer als das Anwesen in Fhaergus, aber hier brannte nur ein kleines Feuerchen. Rain war sich nicht einmal sicher ob Rikiya das Feuer in seinem Zelt so lange brennen lassen würde, wäre er alleine dort.

      Rains Verstand war was er hatte und auch anbieten konnte, körperlich konnte er mit niemandem hier mithalten, nicht einmal den Kindern. Wenigstens konnte er Mei in dieser Hinsicht einen Tausch anbieten. "Ja, immerhin beschäftige ich mich gerade mit ihnen, da will ich auch gerne wissen was ich da eigentlich mache.", lächelte Rain. Mei schien ein wenig ungläubig, als würde ihr sonst niemand zuhören. Musste sie ihr wissen nicht an jemanden hier weitergeben? Nayantai kannte auch Kräuter, aber vermutlich nicht alle und nicht so im Detail wie Mei. Prompt wurde ihm auch eine Pflanze vorgestellt, er blickte kurz von seiner Arbeit auf, lauschte dann aber nur. Anschließend war er wohl an der Reihe etwas zu erzählen und er beschloss über Gewürze aus dem Süden zu sprechen, die man in Thria ganz sicherlich nicht kannte und man in Fhaergus vermutlich auch nur im Anwesen der herrschenden Familie fand. Sie waren teuer zu importieren, aber ab und zu hatte Rain sich hinreißen lassen und wollte etwas neues probieren. Ihre Köchin war nicht sehr erfreut, aber sie tat ihr bestes herauszufindend was man damit würzen konnte. Meist hatte Rain sich selbst über die Anwendung und Herkunft informiert und Judith dann berichtet, damit sie sich besser vorstellen konnte ob sie es lieber zum Kochen oder zum Backen verwenden wollte. Zimt hatte es Rain besonders angetan, also erzählte er Mei davon wie er aussah, über die Bäume die im Süden angepflanzt wurden und wie er schmeckte.
    • “Die gab es mal, aber heutzutage interessiert sich keiner dafür.”, erwiderte Mei ihm, als sie ihre Augen nicht von ihrem Handwerk abzuwenden wusste, als wäre sie daran festgeklebt. “Wir hatten genügend Tee, du hättest dich daran satt trinken können. Uralt, in feste Klotze gepresst, größer als dein Kopf. Und ziemlich brennbar.” Sie herumzuschleppen war nicht oft handlich, das tat heutzutage auch keiner mehr, zumindest nicht in genau jener Größenordnung, aber die Wenigen die davon existierten waren wohl auch nicht mehr als reiner Ballast, der noch aus Sentimentalität durch die graue Welt gekarrt wurde, im stillen Irrglauben, der Geschmack erinnere an bessere, an vergessene Tage. Mei konnte sich schwammig an das Leben davor erinnern, verblasst war der Gedanke einer ruhigen Nacht, in der sie schlief wie ein Baby und ihrem Körper die Rast gönnen konnte, die er eigentlich brauchte - Zukunftsängste hin oder her, pochte ihr Herz in ihrer Brust immer öfter, immer lauter. “Früchte? Hm, ich bezweifle, dass du einen Thrianer finden würdest, der mit dir derartiges trinkt. Sicher, es gibt genug, denen das wahrscheinlich schmeckt, aber hier unten wachsen kaum Früchte, vielleicht ein paar bittere Beeren.” Der Korpus eines Gaumenschmauses, dem es an Wärme oder Sonne fehlte, zerpflückt in zehntausend Richtungen, weil es ihnen an etwas mangelte, das keiner zu deuten wusste - in den wärmeren Gebieten gediehen allerhand Samen deren Lebenserwartung gering schien, nur, damit sie sich allesamt fragen mussten, wie diese Dinger überlebten.

      Mei entfernte die Büschel nach einer Zeit und schob Rains Tasse zu ihm herüber, als wolle sie, dass er verstand, dass er sie gleich kosten durfte, wenn er denn so wollte. Sie selbst nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, als mache ihr die Hitze des Wasser doch relativ wenig aus. “Du bist neugieriger als du aussiehst.”, gestand sie Rain, lauschte ihm während der Arbeit jedoch gut und gerne, als wäre doch jedes Wort aus seinem Mund flüssiges Gold. Vieles hatte sie in ihrem Leben gehört, angefangen von Schabernack und ausgeschmückten Mythen, bis hin zur bitteren Realität derjenigen, die es einfach nicht sein lassen konnten, sich kopfüber in eine Schlacht zu stürzen, die eher einem Massaker ähnelte. Als Rain ihr jedoch von Dingen erzählte, die Mei tatsächlich interessierten, schien sie wie aufgeweckt und im einiges freudiger bei ihrer Arbeit zu sein. Im Gegenzug eröffnete sie Rain mehr über die thrianischen Pflanzen, die sie verwendete - über die Kräuter, die lediglich Nachts blühten, oder über einige von ihnen, für welche man sich durch plattgedrückten Schnee buddeln musste, und einen Haufen an verschiedenen Sorten, bis sie sich so fühlte, als hätte sie sich den Mund fusselig geredet. Der Korb und die gebundenen Kräuter waren längst Geschichte als die beiden eine kleine Verschnaufpause einlegten. “Hm, ich denke, wir waren fleißig. Findest du alleine zurück? Es wird langsam spät.”
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    • Manchmal war es schwierig zu begreifen, dass während Rain in Fhaergus in seinem Anwesen saß, Nayantais Volk alles verlor was sie hatten. Mei nahm es Rain wohl nicht übel und die Meisten hier konnten sich an ein anderes Leben vermutlich kaum erinnern. Er tauschte gerne Informationen mit Mei aus, aber ihm war bewusst, dass er nur so viel erzählen konnte, weil er das Privileg hatte in Adrestia als Sohn eines Fürsten geboren zu werden. Selbst der Kronprinz der Wölfe hatte ein schweres Leben, eine schwere Kindheit und kannte das Land das seine Vorfahren ihre Heimat nannten kaum. Das galt auch für Rikiyas Heimat, die Nayantai wohl nie betreten haben durfte. Rain konnte von sich dasselbe sagen, aber es war doch ganz anders. Er musste nicht um sein Leben kämpfen, oder seine Geschwister sterben sehen. Seine Heimat wurde nicht niedergebrannt, zumindest nicht in seiner Jugend. Jetzt war alles anders, daran ändern konnte allerdings niemand etwas. Rain fragte sich ob es nicht eine Möglichkeit gab, damit die Wölfe zurückschlagen konnten. Selbst mit den Informationen die Rain Rikiya geben konnte, würde Adrestia bestenfalls ausgebremst werden, aber für wie lange?

      "Ach ja?", antwortete Rain Mei als sie ihm sagte, dass er neugieriger war als er aussah. Er wusste nicht, ob das an seiner Herkunft, oder an etwas anderem lag. Draußen wurde es bereits dämmrig und Rain, der die Zeit vergessen hatte, merkte dies erst als Mei ihn darauf hinwies. Rain stand langsam auf, dann senkte er seinen Kopf. "Ja, ich denke schon. Wenn du meine Hilfe in Zukunft erneut annimmst, komme ich gerne wieder vorbei.", erklärte er und richtete sich danach wieder auf. "Danke für die Zeit und das Gespräch." Vermutlich war er zu höflich, aber das machte nichts. Nach ihrer Verabschiedung machte er sich auf den Weg zurück zu Rikiyas Zelt. Rain musste zugeben, dass es ihm nicht leicht fiel sich zu orientieren, vielleicht lag es daran, dass er sein Leben lang an demselben Fleck verbracht hatte. Rikiyas Zelt war glücklicherweise ziemlich groß und schwer zu übersehen. Es dauerte nur ein paar Minuten bis Rain es immer noch leicht humpelnd erreichte und das schwere Leder zur Seite schob um einzutreten.
    • Im Inneren des Zeltes köchelte es, nicht wortwörtlich, oder viel eher, nicht in die Richtung, die Rain wohl erwartete - Nayantai schien rastlos auf und ab zu stampfen, von einem Fixpunkt den keiner sehen konnte, zu einem Anderen, der lediglich ihm aufzufallen schien. Schweigen hatte sich über die grollende Miene des finsteren Monsters gelegt, wie der Nebel ein Tal nach einem erbitterndem Herbstregen heimsuchte. Kannte man ihn nicht, so würde man wohl glauben, man wäre geradlinks in seine Falle getappt, hätte sich in die falsche Richtung bewegt und musste nun mit Konsequenzen rechnen - vielleicht hätte Nayantai das getan, wenn es wirklich ein fremdes Gesicht war, das sein Interesse plötzlich weckte, doch stattdessen war es Rains Gesicht. Sanfte, schmale, müde Züge, umrahmt von goldenen Strähnen, nicht nass, nicht dreckig, nicht zerzaust. Als hätte ihn die Wahrnehmung dessen nicht schon erst gestört, war Nayantai schneller von seinem eigentlichen Vorhaben - seiner Wehmut, seiner inneren Unruhe, seiner Angst - abgelenkt, als man glauben würde. Schnellen Schrittes überquerte der düster funkelnde Schatten seiner Selbst den schmalen Weg durch das beheizte Zelt. Vier große Schritte waren es, die er in Windeseile in ein Tun und Schaffen der Vergangenheit verwandelte, bevor er sich vor Rain aufbaute, wie ein Wall, den es zu erklommen galt. Seine Augen waren gerötet, die Lider leicht gequollen, als hätte er unnütz Tränen an die Leere verschenkt, die nicht nur in diesem Zelt herrschte, sondern auch in seinem Inneren.

      Fest, wie eine Falle, schlossen sich die beiden Pranken um Rain, gruben sich in seine Kleidung und Haut - die Umarmung war fester, als sie sein musste, die Gier des Monsters, das sich ihm erbarmte, ihm sein Herz schenkte, wohl auch. "Ich hab dich überall gesucht ...", hauchte die müde Stimme des Wolfes gegen die Ohrmuschel des Lammes, das er umklammerte, wie ein Ertrinkender, der sich gerade am letzten Brett Holz eines gesunkenen Schiffes festnagelte. Hier ging es jedoch nicht um Leben und Tod, sondern eher um Eifersucht und Einsamkeit. "Rikiya wollte mir nicht sagen, wo du bist. Ich dachte, irgendetwas wäre passiert.", murrte Nayantai darauf gleich, als hätte er sich die schlimmsten Szenarien ausgemalt, zu denen sein bereits zerrissener Verstand fähig war, obwohl er doch gleich auch wusste, dass weder er noch Rain etwas zu befürchten hatten. Gerade jetzt waren sie sicherer als die letzten Wochen und Monate, umgeben von anderen Wölfen, die meilenweit und gegen den Wind erschnüffeln konnten, wo und wann Gefahr im Verzug war und wohin sie fliehen mussten. Und doch ließ ihn sein Verstand nicht auch nur einen Moment der Ruhe und trieb ihn stattdessen immer weiter, immer wieder, immer tiefer in die unglimpflichen Gedanken, die er nie von selbst ausmerzen würde. "Wie war dein Tag? Bist du müde? Hast du Hunger?", überrumpelte er Rain einen Augenblick später, hob ihn auf, trug ihn in Richtung ihres Bettes, als wäre er ein Ballen Stroh, der nichts wog, den er einfach so herumschleppen konnte, auch, wenn sein eigener Körper noch ein wenig dagegen protestierte.
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    • Als Rain das Zelt betrat wurde er beinahe sofort überrumpelt. Nayantais lange Arme schlangen sich um ihn und drückten ihn fest. "Ist etwas passiert?", fragte er verwirrt, Nayantai erklärte sich schnell. "Huh?" Nayantai umklammerte ihn als hätte er Rain tagelang nicht gesehen und als hätte er vom Schlimmsten ausgehen müssen. "Wieso das denn?", fragte Rain weiter. Rikiya wollte ihm nichts sagen? Vielleicht wollte er Rain seinen Freiraum lassen, damit er tun konnte was er wollte, ohne dass Nayantai über ihn wachte, obwohl er das die letzten Tage ohnehin nicht getan hatte. "Ich wollte nur etwas aushelfen. Ich war bei Mei und habe ein paar Kräuter zusammen gebunden.", erklärte er und wurde schlussendlich losgelassen. Kurz darauf jedoch schnappte Nayantai ihn, um ihn hinüber zum Bett zu tragen. Als Rain dort abgesetzte wurde, sah er zu Nayantai auf. "Tut mir Leid, dass ich dir Sorgen gemacht habe.", entschuldigte Rain sich der sich schließlich ein wenig nach vorne beugte, damit er seine Stiefel ausziehen und die Schiene die sein Bein stützen sollte abnehmen konnte. Er versuchte seinen Husten zu unterdrücken, um Nayantai nicht noch mehr Sorgen zu machen, aber das funktionierte nur halb. Die luft in Meis Zelt war kalt gewesen und wenn Rain zu reden anfing, vergaß er seinen Tee zu trinken um sich aufzuwärmen.

      Rain zog seine Beine ins Bett und warf einige Decken über sich, ihm war kalt, aber das war nichts Neues. "Mei und ich haben uns gut unterhalten, sie hat mit von euren Pflanzen erzählt, wo man sie findet, wie sie aussehen, was man damit macht.", lächelte er und fing damit also an Nayantais Fragen abzuarbeiten. "Ich bin ein wenig müde, ja. Ich sollte wohl auch etwas essen und zu einer Tasse Tee sage ich auch nicht nein, wenn es dir nichts ausmacht." Rain lächelte Nayantai an. Es schien als konnte er nicht zur Ruhe kommen. In Fhaergus gab es eine Zeit wo er sich zumindest ein bisschen sicher fühlte, aber dennoch reichte ein kleiner Schubs aus, um ihn wieder in einen ängstlichen Jungen zu verwandeln. Hier waren sie auch nicht zu einhunder Prozent sicher, aber auf jedenfall sicherer als da draußen, oder bei seinen fernen Verwandten. Rain knetete ein wenig seine Hände, sie fühlten sich eisig an, mit Handschuhen hatte er nicht wirklich arbeiten können und abgesehen davon schienen die groben Schnüre ein paar Spuren hinterlassen zu haben. Es war wohl offensichtlich, dass er es nicht gewohnt war zu arbeiten, auch wenn sie einfach war. "Wie lange hast du hier auf mich gewartet?", wollte er wissen. Hoffentlich hatte Nayantai sich nicht den ganzen Tag gesorgt.
    • War etwas passiert? Nayantai hielt nicht auch nur ein Wimpernzucken inne, um sich die Frage auf der Zunge zergehen zu lassen. Theoretisch war nichts passiert, nichts das auch nur irgendeine Wolfsseele in Aufruhr versetzt hätte und doch war er es gewesen, der so tat, als kaute der Zahn der Zeit an Rains Rückkehr, als wäre die so geringe Wahrscheinlichkeit, dass er zwischen diesem und jenem Zelt für immer verschwand so hoch gewesen, dass es unausweichlich war, sich Sorgen um ihn zu machen. “Er wollte, dass ich dich in Ruhe lasse, mich weniger an dich klammere …”, murrte Nayantai, seine Stimme betrübt und rau, als stimme er Rikiyas klarem Urteil keineswegs zu. Rain brauchte ihn, oder etwa nicht? So sehr, wie Nayantai ihn jetzt gerade brauchte, nie mehr loslassen wollte - seine Pranken waren schwer, und doch waren die derben Handgriffe reinste Liebkosungen. “Bei Mei?” Seine Stimme klang seicht, heiser, als wäre ein Ertrinkender gerade dabei, noch einen letzten Atemzug zu nehmen, ein einziges Wort herauszupressen, bevor die rauen, ergrauten Wellen ihn für immer verschluckten. Das braune Auge, der geistlose Blick, die Empörung und Aufruhr, all jene Emotionen, die sich in seinem zerstörten Gesicht um einen Platz streiten mussten, verschwanden in einem Augenblick, als hätte es davon nie etwas gegeben. “Passt schon.” Nayantai nahm seine missbilligenden Griffel zurück, als würden sie Rain verbrennen, oder beschmutzen - vielleicht schlimmeres. “Ich hoffe, du hattest Spaß?”, erkundigte er sich doch noch, der Tonfall aufgelockert, der Satzbau steif. Nicht, dass ihm diese Suppe nicht schmeckte - Rain war sein eigener Herr und Meister - aber wieso war er es, der als Letzter davon wissen durfte?

      Sich mit Rain auf dem Bett niederzulassen, daraus wurde nichts. Die warmen Decken und Felle waren des Jüngeren ständiger Begleiter und Nayantai derjenige, der sie für ihn aufheizte, wenn er sich selbst darunter zu bequemen versuchte, auch dann, wenn er immer wieder eine Ausrede fand, sich nicht komplett zuzudecken. "Freut mich. Scheint so, als hättest du etwas mehr gelernt, als wenn du den ganzen Tag mit mir verbracht hättest.", entgegnete er knapp, seine Stimme weder bitter, noch besonders angetan von der Realisation, dass Rain ihn vielleicht gar nicht brauchte. Gerade eben, jetzt, in diesem einen, perfiden Moment in dem er sich so fühlte, als sah er sich selbst dabei zu, wie er zum Wasserkessel torkelte, als würde er eigentlich am anderen Ende des Zeltes stehen und sein Körper nicht ihm gehören, fühlte sich all das so falsch an. Nayantai sollte sich für ihn freuen, lachen, jauchzen, Rain hochleben lassen, und doch fühlte es sich eher so an, als würde er in einen Brunnen fallen, aus dem er sich nicht mehr herausklammern konnte, war er erst auf den leicht benetzten Boden gefallen. "Wieso sollte es das?" Essen? Das konnte Nayantai auch vertragen, aber der Weg war nicht weit. Tiefe, orange-gelbe Töne waren es, welche die Lederwände des erwärmten Zeltes von sich abwarf, die nicht nur den Wölfen ihr Leben spendete, sondern auch dem immerkalten Lamm, das sich nun inmitten eines Raubtierzoos aufhielt, weil es kein Eigenheim mehr hatte. Ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren, legte das große, unbarmherzige Monster noch einen Scheit in das dimmende Inferno, das mit neuem Lebenswillen zu knistern begann und einen Kessel Wasser in Windeseile zum Kochen bringen würde. "Willst du was bestimmtes essen?" Eine Zwischenfrage, durchzogen mit einem feinen Hauch von Realisation, als wäre sie eine pulsierende Ader unter der dünnen, bleichen Haut. "Hm, seitdem die Sonne den Himmel gefärbt hat, als vielleicht ein paar Stunden." In denen er sich zum Idioten gemacht hatte, weil er weder stillzusitzen wusste, noch seine lichterloh brennenden Nerven beruhigen mochte. "Gehst du morgen wieder zu Mei?", hauchte er, als er Rain Tee einschenkte, seine Stimme kaum lauter als das Knistern der Flammen und das Zischen des blubbernden Teekessels.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Nayantai schien aufgwühlt und langsam kannte Rain sich nicht mehr aus. Gestern wollte er noch unbedingt alleine sein und nichts von Rain wissen. "Das hätte ich dir auch selbst sagen können.", erwiderte Rain. Rikiya meinte es bestimmt nur gut, aber Rain konnte durchaus für sich selbst einstehen und er würde sich von Nayantai nicht ersticken lassen. "Gestern wolltest du noch alleine sein. Ich hätte dir gerne Bescheid gesagt, aber gestern Abend habe ich dich nicht mehr gesehen und heute Morgen warst du auch nicht hier." Nicht, dass Rain das Nayantai vorwerfen wollte, obwohl er doc gerne gewusst hätte wo er sich denn herumtrieb. "Mei, ja. Tut mir Leid, vielleicht kennst du sie gar nicht? Ich sollte nicht davon ausgehen." Nayantai war lange nicht hier gewesen und es musste sich ja nicht jeder hier untereinander kennen. Der Wolf wandte sich plötzlich ab, als hatte er sich das alles hier anders überlegt. Das Lächeln war offensichtlich aufgesetzt. "Ja hatte ich.", erwiderte Rain, der Nayantai genau begutachtete. Was war nur los mit ihm seit sie hier angekommen waren?

      "Du hast mir auch vieles beigebracht. Mittlerweile kann ich Rikiyas Kritzelei schon alleine entziffern.", lächelte Rain der versuchte die Situation ein wenig aufzulockern. Nayantai meinte das nicht ernst, er freute sich nicht und er deutete an als wäre er nutzlos, weil Rain sich entschieden hatte genau das nicht mehr zu sein. "Naja, vielleicht bist du auch müde? Was hast du heute Morgen gemacht?", fragte Rain schließlich frei heraus. "Nein, ich bin nicht wählerisch.", lächelte er. Eventuell war noch etwas von dem Fisch übrig. Rain war froh gewesen einmal etwas zu essen das nicht komplett langweilig schmeckte. Rikiya hatte die Adrestianische Küche wohl nicht gänzlich vergessen. Nayantai beschäftigte sich selbst, legte Holz nach, machte Tee, überlegte wohl ob er Ran etwas kochen konnte, aber das täuschte nicht über seinen Zustand hinweg. Die Frage die er stellte kam heiser bei Rain an, als würde er auf eine lange Reise gehen und sie würden einander lange nicht wieder sehen. "Wenn sie meine Hilfe denn brauchen kann?", erwiderte Rain und als Nayantai ihm eine Tasse Tee brachte, stellte Rain sie beiseite und griff stattdessen Nayantais Hand. "Setz dich." Er zog ihn neben sich auf das Bett damit er ihn besser ansehen konnte. Seine Hand hielt Rain weiterhin. "Was bedrückt dich? Hm?"
    • Sein Kopf fühlte sich gleichermaßen leer und überfüllt an - Nayantai wusste selbst weder, was es war, das er wollte, noch konnte er sich entscheiden, ob das, was er für sich selbst beanspruchte nun wirklich das war, wonach sein Verstand und sein Körper verlangte. Schon lange fühlte er sich nicht mehr wie derjenige, der die Zügel seines eigenen Lebens in den müden Händen hielt, sondern als würde er einfach mitgezogen werden, es sich gefallen lassen, einfach niemand zu sein - keine Vergangenheit, keine Gegenwart, keine Zukunft und noch viel wichtiger, keine Person. Was es war, das ihn von heute auf morgen verbittern ließ, ihm gleichzeitig den Atem und Verstand raubte, schien unmöglich zu deuten. Ein Pfahl hatte sich in sein Herz gebohrt, war darin gesplittert, machte jeden Schlag zur Qual und das seit Jahren. Jahre, die Nayantai aushielt, weil er es musste, Jahre, die der Wolfsprinz für immer an die grauen Meereswellen verschenkte, ohne es zu wollen. “Du hast schon Recht, tut mir leid. Ich weiß nicht, was los ist.” Wie viele abertausende Stunden musste er noch damit zubringen, sich selbst zu hassen? Wann wurde es leichter? Wann hörte der Schmerz endlich auf, dieses erschlaffte Gefühl, sich nie wieder rühren zu wollen, seine Augen für eine kleinen, langen Moment geschlossen zu halten? Rain setzte den Kopf nicht in den Sand, hatte es gerade schlimmer als er es tat und doch war Nayantai es, dessen gespaltenes Herz sich weiter splittete. “Das freut mich.”, entgegnete er knapp beherzt. Tat es das denn? Wollte er es denn? Was für ein Miststück er doch war.

      “Kannst du das?” Der Wolf lachte trocken zwischen den Zeilen seines kurzen Satzes. “So meinte ich das nicht, das weißt du. Du weißt so viel, du brauchst mich doch eigentlich gar nicht.”, platzte es aus ihm nebenbei heraus, ohne Hass, ohne Angespanntheit, ohne dabei auch nur irgendwie traurig zu wirken - keine Sekunde lang war er das. Mit einem Mal platzierte er das schmale Tableau mit dem heißen Tee neben dem Bett der beiden, in Rains unmittelbarer Reichweite, als er sich an die Kante der Felle platzierte, sich leicht zurücklegte, gegen Rains in Fellen mumifizierten Körper. “Versucht zu jagen, den Kopf freizubekommen, aber irgendwie war alles auf Durchzug, bis ich mich waschen musste.”, berichtete er vom seinem unlängst verstrichenem Tag. Nayantai war und würde Rain nie belügen, dafür lieber sich selbst - war er denn müde? Nicht wirklich, sein Körper zumindest nicht, auch, wenn er sich bereits geistig ertränkt fühlte. Ungewollt schnalzte er missbilligend mit der Zunge. “Das wird sie. Du bringst doch sowieso Glück und du lernst schnell.” Ehrlich gesagt war die Auffassung gar nicht schlecht - Rain war wie ein Opferlamm, nur, dass man es nicht opfern musste, um gesegnet zu werden; das war man in seiner alleinigen Präsenz, von allen Göttern auf einmal. Alle, an die Nayantai schon so lange nicht mehr glaubte. Murrend gab er nach, sah endlich auf, starrte Rain entgegen, ohne den beiden Essen gesucht zu haben - er wirkte verbittert, vielleicht enttäuscht. “Ich … keine Ahnung, ich will einfach nur schlafen, so lange wie ich kann, aber ich weiß doch genau, dass das nichts ändert.” Ein tiefes, entnervtes Seufzen entwich ihm. “Rikiya meinte, ich sollte mir neue Ziele stecken, das motiviert, aber selbst die Jagd hat mich heute nur gelangweilt. Als ich ihm das gesagt habe, meinte er, dann soll ich eben auf Wanderschaft gehen, ans Meer, aber da ist es so kalt, dass ich dich nicht mitnehmen kann …”
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    • Es war nur allzu offensichtlich, dass Nayantai mit sich zu kämpfen hatte und Rain fühlte sich miserabel. Jetzt da sie sich eigentlich verständigen konnten schienen sie mehr aneinander vorbeizureden als in Fhaergus als Nayantai dort angekommen war. Sie beide teilten ihre Gefühle, auch wenn sie ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten und doch wussten sie beide wie es war eingesperrt zu werden und frei sein zu wollen. Rain fühlte sich immer schlecht ihre beider Leben zu vergleichen, hatte er es doch immer viel einfacher als Nayantai und dennoch waren es diese Erfahrungen die sie verbanden. "Ich denke du hattest bisher keine Zeit dich mit dem auseinanderzusetzen was passiert ist.", spekulierte Rain vorsichtig. Sein Tag heute war unwichtig, Nayantai war es der Hilfe brauchte, auch wenn Rain nicht glaubte, dass er ihm helfen konnte. Selbst sein Vater biss sich an Nayantai die Zähne aus wie es schien.

      "Ich brauche dich doch nicht um mir etwas beizubringen. Ich brauche einfach nur dich. Deine Gegenwart, deine Unterstützung.", erklärte Rain. Nayantai redete Unsinn. "Vielleicht lerne ich schnell, aber meine Hände sind die Arbeit nicht gewohnt." Sie schmerzten ein wenig, vielleicht würde er Blasen bekommen, aber das störte ihn vorerst kein bisschen. Endlich konnte Rain in Nayantais Augen sehen, er konnte ihm ansehen wie müde er war. "Oh...", entgegnete Rain endlich. Für einen kurzen Moment sagte er nichts, dann stieß er etwas Luft aus und lächelte Nayantai an. Sanft streichelte er seine Wange. "Das musst du nicht. Rikiya kann mich beschützen. Wenn es dir hilft, dann möchte ich, dass du auf Reisen gehst, vielleicht möchtest du deine Heimat besuchen. Ich bin hier sicher und ich warte auf dich." Rain machte eine kurze Pause, sein Lächeln wich keine Sekunde. "Der Grund warum wir uns so schnell so nahe gekommen sind war der Wunsch nach Freiheit den wir teilten. Es wäre ungerecht von mir dich an mich zu ketten und ebenso musst du mir erlauben mich im Dorf zu bewegen und meine eigenen Erfahrungen zu machen. Ich möchte, dass du frei bist das zu tun was du möchtest und was dir guttut. Ich verspreche ich komme eine Weile alleine zurecht."
    • Nayantai fühlte sich keineswegs besser, nur weil er glaubte, dass Rain ohnehin Verständnis für ihn aufbrachte - ganz im Gegenteil. Eigentlich fühlte er sich schlechter, wusste, dass er seinem Ehemann mit seiner Art nichts Gutes tat, dass er aus seiner eigenen Misere, die Grube, die er ausgehoben hatte, einfach keinen Ausweg mehr sah. Es war banal, zu glauben, dass ein jedes Fingerzucken, ein jedes Winseln und Murren seinerseits Anklang finden musste, und doch war er genau so abstrus, wenn es darum ging, ob er nun Zeit mit Rain verbrachte, oder nicht - er wollte ihn bei sich haben, zog an dem unsichtbaren, roten Band das sie beide aneinander schnürte, und doch stieß er ihn im immer gleichbleibendem Takt wieder weg, von sich ab, als wolle er sich doch nicht an ihm festfressen, sich in seinen feinen Zügen und dünnen Händen, seinen mickrigen Fingern und müden Augen verlieren. Nayantai war ein Heuchler, weder mehr noch weniger. "Nicht, dass ich es überhaupt wollen würde.", erwiderte er den Worten, die als reine Theorie in den leeren, metaphorischen Raum zwischen ihnen gestellt wurden. Glaubte sein Lamm etwa, dass der große, böse Wolf noch ein Leben voller Freude vor sich hatte, wenn er den Teppich seines Lebens, bestickt und gesäumt mit atemberaubenden Schandtaten seiner selbst und dem seiner erblassenden Opfer und Peiniger zu gleich, erst ausrollte? Vielleicht täte er gut darin, selbst aus dem Brunnen der Naivität zu schöpfen, aus dem Rain abermal hochkant trank.

      Retrospektiv betrachtet, hätte es sein Herz wohl mit Freude erfüllt, hätte Rain ihm an irgendeinem anderen Punkt mitgeteilt, dass er gebraucht wurde, dass er ihn bei sich haben wollte, und jetzt? Im Augenblick schien es, als hätte Nayantais gesamter Geist seinen Körper verlassen, als würde der Kerzenschein in seinem Oberstübchen noch sanft zedern und flackern, weil ihm das Wachs allmählich ausging, keiner mehr anwesend war, sein Fleisch und seine Haut sich anfühlten, als würde er das Eine von dem Anderen lösen müssen - ihm stieg Galle im Rachen auf, als er einen Gedanken daran verschwendete, sich selbst ein Ende zu bereiten. "Ich ... ich weiß nicht was ich darauf antworten soll.", gestand er mit ach so leerem Blick, einen Zacken weniger in der metaphorischen Krone. "Das werden sie schon, mach dir keine Sorgen." Rain brauchte nicht an ihn zu glauben, damit er an ihn glaubte - Nayantai tat es doch ohnehin, immer und immer wieder, im stetigen Kreis, wie der Sand der Zeit der sich durch seine Finger siebte, nicht länger greifbar war, in der Luft zerbarst und sich in die abgelegensten Ecken der Welt davontrage ließ. Was Rain von der neuesten Schnapsidee halten würde, das wusste der Wolf noch gar nicht, aber sein eigener Blick, der griesgrämiger, verbitterter und zerknautschter nicht sein konnte, wich den Worten seines Ehemannes, als wurde er endlich in die schwachen Knie gezwungen, die sein Gewicht nur mehr schlotternd trugen. "... Huh?", entwich es ihm, die Unverständnis und Verwirrung in die Züge seiner erstaunten Haut geritzt. "Darum geht es doch nicht ... ich will nicht von dir weg, weil ich mich eingepfercht oder weniger frei fühle.", erklärte er sich, als müsse er das nun wirklich. "Ich bin so frei wie ein Vogel, der über den blauen Himmel zieht, und dafür bin ich dir dankbar, aber ich ... naja, es ist mein Körper, nicht mein Geist." Seine Seele war es doch, die sich an irgendetwas gefesselt fühlte, die glaubte, den tiefen Gefilden des maroden Kerkers vor seiner Zeit in Fhaergus nie entkommen zu sein. Was für ein Idiot er doch war. "Haltest du es wirklich ohne mich aus?" Nayantai griff nach Rains Hand. "Irgendwie will ich nicht, aber ..." Er träumte doch immer wieder über die rauschenden, rauen, grauen Tiefen eines Meeres, das er hier oben nicht bestaunen konnte. "Dir ist klar, dass die Reise eine ganze Weile dauert?" Eine viel zu lange Weile, um sie überhaupt als solche zu schimpfen.
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    • "Darum geht es glaube ich nicht. Du kannst das alles nicht für immer ignorieren.", erklärte Rain, auch wenn er wusste, dass Nayantai sich ihm nicht anvertrauen wollte. Das war okay, das musste er nicht, wenn er sich dazu nicht bereit fühlte, aber mit irgendjemandem musste er sprechen, auch wenn es nur ein Rabe war den er irgendwo aufgabelte, oder ein Fisch, den er danach verspeisen würde und der niemandem davon erzählen konnte. Rain wusste nicht weiter, Nayantai einen Tritt in den Hintern zu verpassen half nicht, aber ihn zu verhätscheln brachte ebenso nichts. Er würde sich nur weiter und weiter verkriechen, ohne zu wissen was er eigentlich wollte. Rain hingegen hatte zumindest ein paar Ziele, sich hier nützlich zu machen und zu lernen, vielleicht sein eigenes Tagebuch schreiben, so wie das das Nayantai in Fhaergus gelesen hatte. Natürlich wollte er das alles gerne mit Nayantai tun, aber das schien unmöglich.

      "Du musst mir nicht antworten.", erklärte Rain. War ihre Hochzeit überstürzt? Womöglich wollte Nayantai sein Leben gar nicht mit Rain verbringen, zumindest benahm er sich in letzter Zeit häufig so. "Mhm, ja... ich werde schon zurecht kommen." Rain blickte kurz auf seine Hände, die zumindest jetzt noch zart und weich waren. Das einzige was mit ihnen passiert war, war dass sie ab und zu voller Tinte waren, wenn Rain eine Menge geschrieben hatte, aber sonst nichts. "Ich weiß, aber vielleicht brauchst du trotzdem etwas anderes als das hier um dich." Und keine Schwester die ihn verachtete, einen Vater der ihn nicht wiedererkannte, oder einen Ehemann der nichts mit ihm anzufangen wusste. Rain sah Nayantai mit einem Lächeln an. "Als wir noch davon ausgingen, dass ich in Fhaergus bleibe und dich einfach laufen lasse, hast du doch auch gesagt du kommst mich wieder besuchen, ich habe mich schon auf das Warten vorbereitet. In Wahrheit hätten wir uns vielleicht gar nicht mehr wiedergesehen. Und wenn es ein Jahr dauert bis du zurückkehrst, ich kann hier auf dich warten, das ist weniger Zeit als ich erwartet habe. Wenn du zurückkehrst, dann haben wir vielleicht beide unseren Platz hier gefunden. Du wirst hier nicht glücklich, wenn überhaupt, dann geht es dir immer schlechter. Ich würde dich begleiten, wenn ich könnte, aber so kann ich dir nur versprechen, dass ich immer noch da bin, wenn du zurückkommst." Rain richtete sich etwas auf und drückte seine Stirn gegen Nayantais. Er wollte nicht wirken, als wolle er ihn loswerden. "Ich liebe dich und ich wünschte ich könnte dir hier und jetzt helfen, aber das kann ich nicht. Wenn ich dich für eine Weile gehen lassen muss, damit ich dich nicht für immer verlieren, dann nehme ich das in kauf."
    • Konnte er es denn nicht? Für Nayantai schien es glasklar, dass er die metaphorischen Wunden, an denen er noch immer leckte, weil sie sich nicht schlossen, nicht ansprechen wollte, sie in eine Schublade befördern wollte, so wie den Rest seiner Zeit an einem Ort, der sich nur noch durch feine Umrisse in seinem Hinterkopf in der Realität widerspiegeln konnte. “Und ob ich das kann. Aber darum geht es nun wirklich nicht.” Sollte er Rain die Karten, die er noch immer in seinen Ärmeln versteckte, endlich offenlegen oder biss er sich doch lieber die Zähne an seinem eigenen Ego aus? Nayantai hatte die Wahl, traf keine Entscheidung und ließ sich damit auf die Unwahrscheinlichkeiten des Lebens ein - wenn er denn irgendwann in Zukunft wollte, so machte er es sich weiß, dann würde er sich schon darum kümmern. Traf das den krummen Nagel nicht auf den Kopf? Wenn er es denn so wollte, dann würde er sich irgendwann, in zwei Tagen oder dreitausend Jahren, Zeit dazu nehmen - wenn er sich dazu durchringen konnte, sich endlich sein Leid von der angeketteten Seele zu reden. Lieber sperrte er sich selbst weg, den Anschein hatte es doch. Anstatt eines Lächelns war es ein tiefes Seufzen, das ihn überkam - seine Schultern sackten ab, sein Blick verfinsterte sich und seine Emotionen brodelten in einem Kessel, aus dem er sich selbst nicht heraussah.

      “Du hast mehr verdient, als dass ich jeden Gedanken mit in mein Grab nehme … nicht, dass ich vorhabe, bald zu sterben.”, redete er sich sogleich seine Sorgen schön. Rain hatte die Qual der Wahl, wie lange er es denn ausharren wollen würde, erst gar nicht - Nayantai wollte nicht darüber nachdenken, wusste, dass er irgendwann seines Verfalles nicht mehr Herr sein würde, wollte nicht mehr, als endlich aus dieser Konversation zu entkommen, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen und den Komponenten seines Lebens, der tot in seiner Seele vor sich hinsiechte, vernünftig zu beerdigen. “Ich glaube an dich, das weißt du, oder?” Nicht einen Tag hatte er an seinem Lamm gezweifelt, dass - wenn auch etwas scheu - wissbegieriger denn je schien, kaum waren sie beide miteinander allein. Hatte er es denn geschafft, das über den fremden Wolf herauszufinden, das ihn damals so betört hatte, ihn erst wie einen Mensch zu behandeln? “Nicht für die Ewigkeit.” Ein kleiner Tapetenwechsel würde ihm dennoch weniger schaden, als er es sich einzureden versuchte. Woran sollte es auch scheitern? Die Kälte Thrias hatte ihn noch nie heimgesucht und je tiefer er im Landesinneren verschwand, desto kälter wurde es gen der endlosen Küste, an der abertausende Eisblöcke in das pechschwarze Nichts taumelten. Schlussendlich war es Rain, immer Rain, der die richtigen Worte fand - und Nayantai, der sich nicht dazu durchringen konnte. Still nickte er, seine Stirn gegen die seines Gegenübers gedrückt und sich in dem Augenpaar verlor, dessen Blick er nicht deuten konnte. “Danke …”, hauchte er, kaum merkbar. Eine Weile lang dauerte es, bis er endlich wusste, was er mit sich machen wollte, bis er seine Arme um Rain schloss und seine Lippen gegen die des Lammes drückte - weder kurz, noch übermäßig fest, sondern liebend, beinahe schon sehnsüchtig.
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    • Rain glaubte, dass es eben doch genau darum ging, aber er ließ das Thema fallen, das Nayantai mit Niemandem besprechen wollte. Er fragte sich, ob wenn er denn seine alten Freunde wiedertraf, er sich ihnen anvertrauen würde und er fragte sich ebenfalls, ob Nayantai wirklich glücklich mit Rain war. Natürlich drehte sich nicht alles um ihn, aber wenn er ihm nicht im Geringsten helfen konnte, was sollte er dann tun? Rain wollte Nayantai nicht an sich fesseln, weder an diesen Ort, noch auf einer emotionalen Ebene. Wenn er sich jemand anderem besser öffnen konnte, dann sollte er das tun und wenn ihm die Nähe eines anderen besser tat, dann sollte er sich nicht wegen Rain zurückhalten. Wie sollte Rain ihm das klar machen, ohne dass Nayantai es falsch verstand oder genau das Gegenteil von dem tat was Rain ihm erlaubte? Für den Moment sagte er lieber gar nichts. Sollte Nayantai wirklich auf Reisen gehen, dann würden sie sich sicher noch einmal ordentlich verabschieden und vielleicht konnte Rain es dann irgendwie unterbringen.

      "Ich verlange keine Antworten. Ich weiß auch ohne deine Worte, was du für mich empfindest." Wusste er das wirklich? So Vieles hatte sich geändert seit Rikiya sie abgeholt hatte. Nayantai zog sich mehr und mehr zurück und die Verbindung die sie in Fhaergus gehabt hatten schien zu bröckeln." Ja ich weiß, du hast mir immer mehr zugetraut als alle anderen und du hattest Recht damit! Ich habe das Anwesen verlassen, sogar das Land und ich lebe noch." Rain lächelte, Nayantai war der Letzte dem er etwas beweisen musste. "Ich weiß du kommst zurück." In Nayantai schien es zu brodeln und er schien nicht zu wissen was er wollte, oder was er wollte ließ sich nicht recht vereinbaren. Rain wusste nicht wofür er sich bedankte, aber er erwiderte den sanften Kuss den Nayantai sich nahm. Rains Herz hüpfte aufgeregt, aber gleichzeitig schwang ein gewisses Maß an Trauer mit. Er musste Nayantai loslassen, zumindest für den Moment. Als sie sich sanft wieder voneinander lösten, legte Rain eine Hand auf Nayantais Wange. "Ich liebe dich und ich werde dich vermissen. Bring mir etwas mit, ja?" Rains Leben schien immer noch davon geprägt zurückgelassen zu werden und das was er auch gerne sehen wollte nur durch Andenken zu erleben. Eine Träne schlich sich aus seinem Augenwinkel, dabei wollte er es Nayantai nixjt schwerer machen als nötig.