[2er RPG] Burning Desire

    • Carson drückte Julia auf das Bett und schob sich auf sie drauf.
      "Das Abendessen kann warten", schnurrte er und gab seinem Körper nach, der sich noch immer nach Julia verzehrte.

      Seinen Plan mit dem Lieferdienst setzte Carson dennoch in die Tat um. Er rief Austin an, damit der ihnen etwas zu essen besorgte, während sich der Geschäftsmann mit Julia im Bett einkuschelte. Eine halbe Stunde später betrat der Linebacker mit zwei weißen Plastiktüten und Besteck in den Händen das Schlafzimmer. Professionell und diskret wie er war, übergab Austin alles seinem Chef und verschwand dann kommentarlos wieder. Er hatte Julia nicht einmal beachtet, ob nun aus Respekt oder purer Ignoranz heraus, war nicht zu erkennen gewesen.
      Carson befreite das Styropor aus dem Plastik und reichte Julia ihre Portion, ehe er mit seiner zurück ins Bett sank.
      "Weißt du", sagte er kauend, "Ich dachte, ich hätte schon alles, was man eben so macht, getan. Aber mir wird gerade klar", er schluckte seinen Chickenwing hinunter, "Dass ich noch nie Fast Food in meinem Bett gegessen habe. Weder dem hier noch irgendeins vorher."


    • Während Julia den weißen Styropor-Karton in einer Hand balancierte, versuchte sie mit der anderen vorsichtig ihre Pommes aus ihm heraus zu nehmen, ohne dass ihr dabei die Bettdecke von den Schultern rutschte, die sie gerade als Wärmequelle nutzt, so lange Carson mit seinem Essen beschäftigt war. "Es freut mich, dass du doch noch das eine oder andere erste Mal mit mir haben kannst.", kommentierte sie und kicherte leise, da ihr bewusst war, wie zweideutig diese Aussage klang. Einen Moment lang schwieg sie und kaute gedankenverloren auf ihrem Essen herum. "Ich weiß gar nicht, wie viele Sachen ich dank dir zum ersten Mal erlebt habe... ich kann das gar nicht mehr zählen.", überlegte sie.
    • "Du hast jetzt einen stinkreichen Freund, es wird noch viele erste Male geben", lachte Carson.
      Er machte sich nicht einmal die Mühe, den ganzen Müll wegzuräumen, nachdem sie mit dem Essen fertig waren. Er stapelte einfach alles auf dem Boden neben seinem Nachttisch. Dann kuschelte er sich wieder an Julia, legte seinen Kopf an ihre Schulter, schlang die Arme um sie.
      "Bester Sonntag seit langem", verkündete er.
      Ihn störte es nicht einmal, dass er morgen wieder arbeiten musste, einfach weil er wusste, dass Julia hier auf ihn warten würde. Es war seltsam, das zu wissen, aber zur gleichen Zeit freute er sich darauf. Es musste ein tolles Gefühl sein, jemanden zu haben, der auf einen wartete, wenn man von der Arbeit kam.


    • Julia konnte Carson nur zustimmen - dies war wirklich der beste Sonntag, den sie seit langem gehabt hatte. "Es hat nichts damit zu tun, dass du reich bist.", sagte sie, während sie ihre Arme um Carsons Oberkörper schlang und ihr Gesicht in seiner Brust vergrub. "Dank dir habe ich zum Beispiel das erste Mal Knoblauch in einem Restaurant gegessen.", sie kicherte leise, auch wenn diese Erkenntnis ein wenig traurig war. "Und ich bin noch nie nach dem ersten Date einem Mann auf sein Hotelzimmer gefolgt." Im Nachhinein fand sie die Erinnerung sehr amüsant, auch wenn sie damals nicht darüber lachen konnte. "Mir hat noch nie jemand so viele Blumen geschenkt und mir hat noch nie jemand Schmuck geschenkt, der eine tiefere Bedeutung hatte." Sie kuschelte sich etwas enger an Carson. Wieder einmal wurde ihr bewusst, was sie für ein Glück sie hatte, da dieser Mann mit ihr zusammen sein wollte. "Und ich habe noch nie einen so wundervollen Menschen wie dich getroffen. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, bis ich das bemerkt habe."
    • Carson lachte leise und strich seiner Angebeteten sanft über den Oberarm.
      "Ich dachte, wir haben den Kitsch hinter uns gelassen, als ich dich auf's Bett geworfen habe", meinte er, hob den Kopf, küsste die nächstgelegene Fläche Haut, die er finden konnte und lehnte sich wieder in sein Kopfkissen.
      "Jetzt hast du es ja bemerkt."
      Er schien noch ein bisschen tiefer in die Laken zu ruschten, als er die Augen schloss. Nach der ganzen körperlichen Aktivität und dann auch noch dem fettigen Essen war er völlig erledigt und einem Nickerchen nicht abgeneigt. Das Problem war nur, dass er nicht wollte, dass dieser Tag endete. In seinem ganzen Leben hatte er immer gern gearbeitet, ein Workaholic von Geburt an. Aber wenn er so mit Julia kuschelte, konnte er sich nichts besseres vorstellen und der Gedanke an Arbeit frustrierte ihn weil er wusste, dass ihn das von ihr fernhalten würde.
      "Wann hast du morgen Feierabend?", fragte er, halb in ein Kissen gemurmelt.
      Vielleicht konnte er sich damit zu einem eigenen bewegen.


    • Gerne hätte Julia Carson darauf hingewiesen, dass sie diese kitschigen Dinge nur sagte, weil sie der Wahrheit entsprachen, aber da sie letztendlich zugeben musste, dass der Mann recht hatte, nickte sie nur und kuschelte sich etwas enger an ihn. Es wäre albern über so etwas zu diskutieren. Auch wenn Carson recht damit hatte, dass der Ausgang ihrer letzten Diskussion sehr angenehm gewesen war...
      "Wann hast du morgen Feierabend?", Julia hob leicht den Kopf und sah ihren Partner einen Moment lang verwundert an. Sie hatte nicht mit dieser Frage gerechnet und für einen Augenblick lang hatte sie keine Antwort darauf. "Nun ja...", setzte sie schließlich an und fühlte sich auf einmal etwas schuldig, weil Carson einen anstrengenden Tag vor sich hatte, während sie sich ihre Arbeit einteilen konnte. "...da ich von hier aus arbeite habe ich wohl dann Feierabend, wenn ich aufhöre zu arbeiten. Ich weiß nicht, wie viel Arbeit Andrew mir schickt, aber ich kann sie jederzeit unterbrechen, wenn du mich brauchst."
    • "Perfekt...", murmelte Carson und machte sich gedanklich eine Notiz.
      Und damit war der Tag dann trotzdem gelaufen. Sport, Essen, Sex, das alles hatte ihn ausgelaugt, er konnte die Augen keine Sekunde mehr offenhalten.
      Am Montag schien erst einmal alles wieder beim Alten: Carson stand um fünf auf, machte sich für das Büro fertig und frühstückte schnell. Er wies Ricardo an, Julia ausschlafen zu lassen und ihr dann ein gutes Frühstück zu servieren. Außerdem sollte er ihr sagen, dass er bereits im Büro war, nur falls sie sich wieder Gedanken machte.
      Im Büro selbst beschloss Carson ein paar Sachen. Dana hatte seinen Kalender freigeräumt, also würde er diese Zeit nutzen, um sich auf sein neues Baby zu konzentrieren. Ein kleines Feuerchen würde ihn doch nicht aufhalten! Er trieb den Vertragsabschluss voran, um den Platz im Silicon-Valley zu ergattern. Beinahe im gleichen Atemzug bestellte er sich einen Innenarchitekten für das Gebäude und rief bei einem Freund an, der schon öfter für ihn gebaut hatte. Eigentlich hatte Carson nur nur nach einem Termin fragen wollen, aber sein Freund hatte spontan Zeit, also aßen sie gemeinsam zu Mittag. Bevor er den Tower verließ, schrieb Carson noch schnell eine kurze Nachricht an Juliana, damit sie Bescheid wusste und wies sie darauf hin, an Jake zu denken, wenn sie weg wollte.
      Das Mittagessen selbst war unglaublich entspannend. Die Belagerung durch die Presse war vorüber, scheinbar war nun anderes interessant. Die beiden Männer unterhielten sich, brachten sich gegenseitig auf den neusten Stand und planten ihr nächstes großes Projekt. Sie sahen sich zwar nicht oft, aber sie waren wie zwei kleine Jungs. Geniale Jungs. Steckte man sie zusammen, erwuchs daraus Großes. Sie mussten aufpassen, nicht zu sehr nach den Sternen zu greifen.
      Nach dem Essen setzte Carson seine produktive Energie auch weiterhin um. Hauptsächlich plante er, Dana musste ständig neue Termine eintragen, aber er wusste, dass der Abschluss dieses Jahres hervorragend werden würde!
      Pünktlich um sechs machte er dann Feierabend und kehrte gut gelaunt in sein Penthouse zurück. Er beugte sich zu Julia hinunter und küsste sie auf die Stirn, während er seine Krawatte lockerte.
      "In einer Stunde ist Abfahrt", grinste er und verschwand nach oben ins Schlafzimmer.


    • Als Julia am nächsten Morgen aufwachte, war Carson schon verschwunden. Auch wenn die junge Frau damit gerechnet hatte, war sie doch ein wenig enttäuscht. Allerdings nicht über ihren Freund, sondern von sich selbst, da sie es nicht geschafft hatte sich von ihm zu verabschieden. "Vielleicht sollte ich ihn bitten mich zu wecken, wenn er aufsteht...", murmelte sie gedankenverloren, während sie die Bettdecke zurück schlug und sich auf den Weg ins Bad machte.
      Als sie wenig später ins Wohnzimmer kam, unterhielt sie sich kurz mit Ricardo, der bereits das Frühstück für sie vorbereitet hatte, bevor sie sich mit ihrem Laptop auf die Couch setzte und sich ein Bild davon machte, wie viel Arbeit auf sie zukommen würde. Dann schrieb sie Carson eine kurze SMS, in der sie ihm einen guten Morgen und einen schönen Tag wünschte, bevor sie sich an ihre Aufgaben setzte.
      Den Vormittag verbrachte sie mit dem Bearbeiten von Rechnungen, dem Bestätigen des Eingangs von Spenden und der Kontrolle von Mahnungen. Es war eine sehr müssige und nicht besonders interessante Aufgabe, aber sie gehörte nun einmal zu ihrem Job dazu. Trotzdem war Julia erleichtert, als sie nach mehreren Stunden endlich die letzte Überweisung abschicken konnte. Mit einem erleichterten Seufzer lehnte sie sich zurück und ließ den Kopf gegen die Rückenlehne des Sofas fallen. Sie hatte sich noch nicht an die Arbeit am Laptop gewöhnt und einen Moment lang vermisste sie das Geplapper der anderen Frauen im Frauenhaus.

      Deshalb war sie auch sehr froh, als Carson am Abend endlich wieder ins Appartement zurück kam. Gerade wollte sie aufstehen, um ihn zur Begrüßung zu umarmen, als er sich bereits wieder von ihr abwandte und in den oberen Bereich des Penthouses verschwand. "In einer Stunde ist Abfahrt." Julias Augenbrauen schossen nach oben. "Wohin fahren wir denn?", fragte sie, während sie ihrem Geliebten folgte. Ein Teil von ihr befürchtete, dass Carson wieder ein Geheimnis aus seinem Plan machen würde, aber sie hoffte, dass er ihr zumindest verraten würde, ob sie sich umziehen oder zurecht machen musste. Immerhin trug sie gerade nur Jeans und einen schlichten Pullover.
    • Die Krawatte flog auf das Bett, dicht gefolgt von einem Jackett.
      "Wir gehen in mein Lieblingsrestaurant", antwortete er aus dem Kleiderschrank heraus.
      Kurz darauf tauchte sein Kopf auf, wie in einem Cartoon. Er musterte Julia von Kopf bis Fuß, dann verschwand er wieder in dem kleinen Raum. Das nächste, was man sah, war ein Hose, die durch den Raum in Richtung Bett segelte, das Hemd schaffte nur die halbe Strecke.
      "Du musst dich nicht einmal rausputzen. Erinnerst du dich noch daran, was ich in New York gesagt habe? Dass man die besten Restaurants bei Touristenführungen findet? So eins ist das."
      Er verglich Oberteile miteinander, Schuhe, noch mehr Oberteile. Schlussendlich trug er ein schlichtes, hellgraues T-Shirt mit einem rot karrierten Flanellhemd darüber, dazu simple Jeans und - man mochte es kaum glauben - Turnschuhe. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd, als er aus dem Kleiderschrank trat. Vom Geschäftsmann war keine Spur mehr. Vor Julia stand einfach nur ein Mann in seinen zwanzigern.


    • Auch wenn Julias von Carsons Verhalten ein wenig überrascht war, konnte sie doch ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie den fröhlichen Ausdruck auf seinem Gesicht sah. "Wir gehen also inkognito?", scherzte sie, während sie an ihren Freund heran trat und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Kurz zögerte sie, es kostete sie einiges an Überwindung, um über ihren Schatten zu springen und den nächsten Satz auszusprechen. "Du bist trotzdem noch viel zu attraktiv. Ich werde aufpassen müssen, dass niemand dich mir wegschnappt.", flüsterte sie in sein Ohr, bevor sie sich abwandte und in Richtung Bad verschwand. Dabei hoffte sie, dass Carson nicht bemerkt hatte, wie rot ihre Wangen dabei geworden waren. Es fühlte sich immer noch ein wenig seltsam an, solche Komplimente laut auszusprechen, aber da der Geschäftsmann es zu schätzen wusste, wenn sie sein Ego ein wenig streichelte, hatte sie beschlossen etwas ehrlicher in dieser Hinsicht zu sein. Auch wenn sie das wirklich noch üben musste.

      Im Bad angekommen legte schminkte sie sich dezent und öffnete ihren Zopf, so dass ihre Haare locker über ihre Schultern fielen. Einen Moment lang betrachtete sie sich im Spiegel, um sich zu vergewissern, dass sie einigermaßen ansehnlich aussah und den Geschäftsmann nicht in Verlegenheit brachte. Auch wenn sie diesmal leger unterwegs waren, sollte seine Freundin doch nicht wie eine ungepflegte Vogelscheuche umher laufen. Carson hatte einfach besseres verdient.
      Da Julia sich nicht umzuziehen brauchte, kehrte sie schon nach wenigen Minuten zu ihrem Freund zurück. "Bist du sicher, dass das so in Ordnung ist und ich nicht doch etwas anderes anziehen soll?", fragte sie vorsichtig ein letzes Mal, falls er es sich in der Zwischenzeit anders überlegt hatte.

    • Carson zog Julia in seine Arme und verschränkte die Finger hinter ihrem Rücken.
      "Du bist viel zu attraktiv in diesem Aufzug", gab er grinsend zurück und küsste sie.
      Einen Moment stand er einfach nur so da, Julia in seinen Armen, den Frieden der Welt, der sie umgab. Er war glücklich. Qirklich und vollauf zufrieden.
      Er ließ Julia los und ergriff ihre Hand. Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter und folgten Austin und Jake in die Tiefgarage. Die Fahrt zum Restaurant dauerte nicht lange. Es lag ein wenig versteckt in einem Innenhof des älteren Stadtzentrums. Man erkannte sofort, dass das hier ein Ort war, den nur Kenner und Liebhaber aufsuchten: der Innenhof war ein wahres Kunstwerk aus Streetart, Pflanzen und ein wenig Schrottkunst. Alles wirkte zusammengewürfelt und passend zugleich. Einige Mutige saßen bei den abendlichen Temperaturen noch draußen, doch Carson führte seine Freundin ins Innere. Hier sah es ähnlich aus, das Ambiente wurde aber durch sanften Impro-Jazz aus versteckzen Lautsprechern untermalt. Mangels besserer Worte musste man sagen, dass es sich hier um ein Hipster-Restaurant handelte. So sahen auch die Angestellten und Gäste aus. Aber unter der jugendlichen Fassade versteckten sich Kritiker und Freigeister aller Art. Hier diskutierte man über Kunst, nicht über Trends. Carson hatte dieses Juwel nie auf einer Führung durch die Stadt gefunden. Ein Freund vom College hatte es mit seiner Hilfe gegründet. Heute lebte dieser Freund am anderen Ende des Landes und hatte ein weiteres Restaurant, aber hier war der Geschäftsmann immer noch ein Freund des Hauses. Er kannte jeden, der hier arbeitete, beim Vornamen.
      Carson führte Julia durch den nicht allzu großen Raum zu einem der Tische. Das reserviert Schild schob er beiseite. Auf dem Weg zum Tisch nahm er auch gleich zwei Karten mit und bestellte mittels Geste an der Bar zweimal das Übliche.
      "Stell dir vor: dieses Restaurant steht nicht auf meiner Inventarsliste", scherzte Carson, als er sich setzte.


    • Mit großen Augen betrachtete Julia das Lokal, während Carson sie sicher durch den Innenhof und schließlich an ihren Tisch führte. Das Restaurant war so anders, als die in denen sie bisher gewesen waren und die Blondine musste zugeben, dass es ihr hier fast besser gefiel als in den schicken Restaurants, in denen sie immer Angst hatte etwas falsch zu machen oder ihre teuren Kleider zu beschmutzen. "Es ist wirklich hübsch hier.", sprach sie ihre Gedanken laut aus und drückte Carsons Hand ein wenig. Während sie neben ihrem Begleiter an den anderen Gästen vorbei ging, die sie nicht zu beachten schienen, fiel ihr auf, wie natürlich sich alles anfühlte. Sie war hier nicht auf einem Essen mit einem Geschäftsmann, sondern einfach nur eine normale Frau, die mit ihrem Freund auf ein Date ging. Es war ein schöner Gedanke, der dafür sorgte, dass ein warmes Gefühl in Julia aufstieg.

      Nachdem Carson sie an ihren Platz geführt hatte, ließ Julia ein wenig widerwillig seine Hand los und schlug die Beine übereinander. "Wie bist du auf die Idee gekommen, heute ausgerechnet hieher zu kommen?", fragte sie, während sie sich schon wieder neugierig im Lokal umsah. An jeder Ecke schien sie etwas neues zu entdecken, was sie faszinierte. "Ich bin auf jeden Fall sehr froh darüber. Alleine hätte ich diesen Ort wohl nie gefunden."
    • "Oh, das war keine Idee", antwortete Carson und überflog die Karte.
      Sie auswendig zu lernen war unmöglich. Beinahe jede Woche stand etwas neues drauf und alles schmeckte hervorragend.
      "Es war eher eine... spontane Entscheidung. Gestern Abend habe ich beschlossen, dass sir essen gehen. Dann habe ich den ganzen Tag darüber nachgedacht, wo und dann... Ich bin den ganzen Tag meinem Bauchgefühl hinterher gerannt. Also warum nicht auch beim Abendessen?"
      Er schlug die Karte lächelnd zu und legte sie an die Tischkante.
      Der junge Mann hinter der Bar kam vorbei und stellte zwei Gläser vor das Pärchen. Aus einer Karaffe füllte er die beiden mit einer dunklen, orangen Flüssigkeit. Mit einem freundlichen Nicken verschwand er wieder, die Karaffe ließ er stehen.
      "Schonmal selbstgemachte Blutorangen-Limonade getrunken?", fragte er grinsend und prostete Julia zu, "Auf einen pünktlichen Feierabend!"


    • Julia ließ ihre Karte sinken und sah Carson einen Moment lang still an. Dass er trotz all seiner Arbeit den ganzen Tag lang daran gedacht hatte, dass er heute Abend mit ihr essen gehen würde, machte sie so glücklich, dass sie beinahe zu atmen vergessen hätte. "Danke, das war eine gute Idee.", sagte sie, obwohl sie ihm am liebsten noch einmal ihre Liebe gestanden hätte. Doch vermutlich würde Carson nicht verstehen, wieso Julia sich über solche Kleinigkeiten freute, die für ihn selbstverständlich waren. Deshalb beschloss die junge Frau ihn nicht in Verlegenheit zu bringen und lächelte einfach nur sanft.

      Die Auswahl auf der Karte war für einen entscheidungsschwachen Menschen wie Julia viel zu groß. Unschlüssig ließ sie ihre Augen über die Beschreibung der Gerichte wandern und war kurz davor einfach blind mit dem Finger irgendwo hin zu tippen, was sie dann bestellen würde. Aber da das eindeutig zu kindisch wäre, riss sie sich zusammen und schaffte es schließlich ihre Auswahl auf drei Gerichte einzuschränken - worauf sie insgeheim sehr stolz war. "Wie schaffst du es nur, so schnell etwas auszusuchen?". wandte sie sich an Carson und warf seiner geschlossenen Karte einen neidischen Blick zu.
      Als der Kellner ihre Getränke brachte, legte auch Julia ihre Speisekarte zur Seite. Einen Moment lang betrachtete sie die dunkelorangene Flüssigkeit in ihrem Glas, bevor sie es anhob und Carson zuprostete. "Auf einen pünktlichen Feierabend.", antwortete sie und nahm dann einen Schluck. Sofort durchflutete der fruchtige Geschmack ihren Mund, der süß und sauer zugleich zu sein schien. Es war faszinierend. "Das ist wirklich lecker.", gab die junge Frau zu und leckte sich unbewusst mit der Zunge über die Unterlippe.
    • "Ich gehe nach meinem Gefühl. Ich habe hier noch nie schlecht gegessen und jedesmal, wenn ich herkomme gibt es was Neues auf der Karte. Ich nehm einfach das, was am Interessantesten klingt, ohne mir anzusehen, was eigentlich drin ist."
      Carson zuckte entspannt mit den Schultern und drehte sein Glas zwidchen Zeigefinger und Daumen ein bisschen hin und her.
      Ein kleinen Moment herrschte Schweigen. Carson lauschte dem leisen Jazz, schaltete langsam in den Freizeitmodus um und ließ sich einfach treiben. Er war lange nicht mehr wirklich er außerhalb seiner vier Wände gewesen. Sicher, wenn er im Anzug steckte und Leute über das Telefon zur Sau machte, weil er Geld verdienen wollte, dann war das auch er selbst, aber das war ein anderes Selbst, das niemals in ein solches Restaurant gehen würde. Es war viel zu günstig. Der Carson, der gerade an diesem Tisch saß, war der gleiche Carson, der sich vor zehn Jahren in das blonde Mädchen aus dem Wohnheim gegenüber verknallt hatte. Der Carson, der nur entscheiden musste,ob er zur Vorlesung ging oder doch noch einen Cocktail trank und morgen den Kater auskurierte. Der war er zuletzt gewesen, als er mit Julia New York besichtigt hatte. Das war eine schiere Ewigkeit her.
      Mit einem Mal fiel ihm etwas ein, was sich seltsamerweise wie ein Schlag in die Magengrube anfühlte. In nicht ganz drei Monaten würde er dreißig werden!
      "Oh Gott!", stöhnte er, um gleich darauf, lachend den Kopf zu schütteln.
      Um sowas hatte er sich eigentlich nie Gedanken gemacht. Vielleicht lag es daran, dass er mit dreiundzwanzig schon Firmenmogul gewesen war, aber die Dreißig war nie eine Gefahr für ihn gewesen. Sie war es auch jetzt nicht, aber da er gerade im Collegemodus war, schien sie wie ein Monster vor ihm aufzuragen und ihn fressen zu wollen. Er konnte die Grauen Haare schon kommen sehen...


    • Julia ließ ihr Glas sinken und legte leicht den Kopf zur Seite. "Oh Gott?", wiederholte sie verwirrt. Sie war sich nicht sicher, wieso Carson auf einmal so etwas sagte und unwillkürlich fragte sie sich, ob sie etwas falsch gemacht hatte. Doch da ihr beim besten Willen nichts einfallen wollte, beschloss sie, dass es diesmal nicht an ihr lag. "Hast du etwas vergessen?"
      Ihre Unterhaltung wurde kurz unterbrochen, als der Kellner an den Tisch kam, um ihre Bestellung aufzunehmen. Julias Wahl fiel letztendlich auf ein Gericht mit mediterranem Gemüse und Hühnerbrust.Geduldig wartete sie, bis auch ihr Begleiter bestellt und der Ober sie wieder alleine gelassen hatte. Dann umschloss sie Carsons freie Hand mit ihrer. "Ich bin wirklich froh, dass wir zusammen hier sind.", sagte sie, während sie sich daran erinnerte, dass es keinen Grund gab sich Sorgen zu machen. Wenn irgendetwas nicht in Ordnung wäre, würde Carson ihr das sagen. Und so lange das nicht der Fall war, würde sie einfach diesen schönen Abend zusammen mit dem Mann, den sie liebte, genießen.
    • "Was vergessen? Ach, nur, dass ich demnächst dreißig werde", lachte Carson und leerte seine Limonade.
      Zusammen mit dem Essen bestellte er sich davon auch noch eine weitere. Er war süchtig nach diesem Zeug.
      Er ergriff Julias Hand, als sie nach seiner angelte und strich einen Augenblick lang mit seinem Daumen über ihren Handrücken.
      "Vielleicht nehmen mich die Erwachsenen dann ja endlich ernst?", scherzte er, "Wenn ich dann Mitglied bei den alten Menschen bin."


    • Julia machte einen nachdenklichen Laut. "Ich weiß gar nicht, wann du Geburtstag hast.", gab sie schließlich zu, obwohl ihr das etwas peinlich war. Was war sie nur für eine Freundin, wenn sie nicht einmal den Geburtstag ihres Partners kannte? Kurz überlegte sie, ob sie Carson fragen sollte, ob er sich etwas von ihr wünschte, beschloss dann aber es bleiben zu lassen. Damit würde sie ihn nur in Verlegenheit bringen, oder ihm eine Steilvorlage für einen anzüglichen Scherz geben. Und beides half ihr gerade nicht weiter.
      "Das wird bei euch vermutlich groß gefeiert, oder?" Julia musste an den Geburtstag von Carsons Onkel zurück denken und ihr wurde ein wenig mulmig bei der Vorstellung, dass sie so etwas noch einmal durchstehen musste. An diese Events musste sie sich eindeutig noch gewöhnen. Aber so lange ihr Freund an ihrer Seite war, würde sie es schon überleben.

      Einen Moment lang schwieg sie und nahm dabei noch einen Schluck aus ihrem Glas. "Weißt du... kennst du den Brauch, nach dem ein Mann Treppen fegen muss, wenn er 30 wird und noch nicht verheiratet ist.", sagte sie dann und musste kichern, da das Bild, das sich bei dieser Beschreibung in ihrem Kopf formte, einfach zu komisch war. "Sowas gibt es in deinen Kreisen vermutlich nicht.", fügte sie hinzu, lächelte aber noch immer.
    • "Nicht zu groß, nein. Mein Onkel übertreibt gern, sowas haben wir nur einmal im Jahr. Für gewöhnlich lade ich einfach nur zum Essen ein. Chloe findet es lustig, dass ich nichts weiter will, als einen Abend für die Familie zu kochen."
      Carson zuckte mit den Schultern.
      "Treppen fegen? Ich habe das Treppenhaus des Davis Towers noch nicht einmal betreten!", lachte er.
      Doch dann wurde er von jetzt auf gleich todernst, als sich sein Blick auf Julias Hand legte, die mit seiner verschlungen war und entspannt auf dem Tisch ruhte.
      "Es gibt einen einfachen Weg, mich davor zu bewahren, weißt du? Und ich weiß, dass das eine verrückte Idee ist, aber... ich finde einfach kein Argument, das dagegen spricht, außer dem Zeitfaktor."
      Er hob den Blick und traf den von Julia. Noch nie hatte er etwas so ernst gemeint wie das, was er gleich sagen würde.
      "Juliana Kinnley", begann er ganz formell, "Würdest du mir die Ehre erweisen und meine Frau werden?"


    • Auf einmal schien es in dem kleinen Lokal völlig still geworden zu sein. Beinahe so, als hätten sich alle Gäste und Angestellte in Luft aufgelöst. Nur der Halt von Carsons Fingern um ihre Hand erinnerte Julia noch daran, dass sie eingeschlafen war und gerade träumte. Einige Sekunden lang konnte sie nichts anderes tun, als ihren Freund sprachlos anzusehen und zu verhindern, dass ihr vor Unglauben der Mund aufklappte.
      Sie war sich sehr sicher, dass sie sich verhört hatte. Carson würde nicht einfach so um ihre Hand anhalten, die Vorstellung war absurd. Aber der ernste Blick in seinen Augen verriet ihr, dass er tatsächlich gerade genau das getan hatte.

      Die junge Frau schluckte einmal. Dies war eine der Situationen, in denen sie das Verhalten ihres Freundes einfach nicht verstand. Er musste doch wissen, wie unsinnig diese Idee war. Sie kannten sich nicht einmal ein halbes Jahr und wohnten auch nicht zusammen, es war völlig irrational sich unter diesen Umständen mit jemandem zu verloben, obwohl man nicht einmal wusste, ob sich die Gefühle nicht ändern würden, wenn der Alltag in die Beziehung einkehrte. Es war ein trauriger Gedanke, aber Julia hatte in der Vergangenheit gelernt, wie schnell eine Person sich ändern konnte und wie gefährlich es war, wenn man dann keinen Ausweg mehr hatte. Allein, dass sie zu Carson zog, war ein großer Schritt für sie... aber das...
      Und dann fiel Julia ein, wie das ganze auf Carsons Familie wirken musste. Vermutlich war Carson der einzige, der an dieser Idee etwas Gutes fand.

      "Carson...", setzte sie vorsichtig an, während sie noch immer in ihrem Kopf nach den richtigen Worten suchte, um den Geschäftsmann nicht vor den Kopf zu stoßen. Sie hatte noch nie einen so ernsten Ausdruck in seinem Blick gesehen und je länger Julia in seine Augen sah, desto stärker wurde das Gefühl, als würde er gerade genau in sie hinein sehen. Aber wenn er das könnte, wüsste er zumindest, dass sie 'Nein' sagen würde und sie müsste diese unangenehme Wahrheit nicht laut aussprechen.
      "Carson, du weißt dass ich dich liebe. Und ich möchte mich niemand anderem zusammen sein, als mit dir. Wenn ich ehrlich bin, kann ich es mir nicht einmal vorstellen. Aber das... das ist einfach zu schnell. Es gibt doch keinen Grund das zu überstürzen, ich werde dir schon nicht weglaufen."
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