Law & Order [Lumen feat. Pumi]

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    • Law & Order [Lumen feat. Pumi]

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      Ächzend lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Das verdammt teure, angeblich ergonomische Ding gab nach und wie immer hatte er das Gefühl, gleich hinten über zu fallen. Doch stattdessen hing er nur da, wie in einem Liegestuhl am Strand. Nur dass er im Büro war, einen Anzug trug und es draußen regnete. Mit ein bisschen Fantasie könnte das zwar als Meeresrauschen am Strand durchgehen, doch davon war er mental weit entfernt. Er war sowie so nicht der Typ für Strände. Geschweige denn Urlaub.
      Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass er es mal wieder übertrieben hatte. Es war schon ein Uhr morgens. Vor zwei wäre er sicher nicht zu Hause, vor halb drei nicht im Bett. Und um acht hatte er schon den nächsten Termin bei Gericht.
      Seufzend schaltete er seinen Computer aus, schnappte sich Mantel und Tasche und machte sich auf den Weg nach Hause. Er war nicht so dumm, mit dem Auto zur Arbeit zu kommen. Das hier war immerhin New York. Wie es sich gehörte, winkte er sich ein Taxi ran. Die Fahrer kannten die Stadt und ihre Abkürzungen am besten. Heute hatte er Glück: Sein Fahrer war nicht an Smalltalk interessiert. Er hasste es, sich mit Taxifahrern zu unterhalten. So sehr, dass er oft vortäuschte, einen Anruf zu kriegen.

      "Guten Abend, Mr. Beaumont!", grüßte der Nachtportier, als er durch die Glastüren seines Wohnhauses trat.
      Draußen war es schweinekalt, sodass die kühle Lobby angenehm warm erschien.
      "Guten Morgen ist wohl angebrachter, Frank", grüßte der Anwalt zurück, ohne stehen zu bleiben.
      Er zog sich den Schal vom Hals und die ledernen Handschuhe von Fingern, während er auf den Aufzug wartete. Oben angekommen, tippte er gewohnheitsmäßig den achtstelligen Code in sein Schloss und mit einem leisen Klick öffnete sich die Tür.
      Sein Apartment mochte auf den ersten Blick wie das perfekte Zuhause wirken: großes Ledersofa vor ebenso großem Flatscreen, ordentliche Küche mit Insel, Panoramafenster überall. Alles war stylisch und modern designed, ein Anblick wie man ihn nur im Fernsehen oder im Katalog fand. Und genau das war das Problem. Dieses Apartment hatte keinen Charakter. Sicher, da waren ein paar Bücher im Wohnzimmer, die sich das Regal mit Souvenirs seiner früheren Reisen teilten. Da waren eine Hand voll Fotos seiner Familie. Aber das war's auch schon. Er machte sich nicht viel draus, er war meistens sowie so nur zum Schlafen hier. Und da brauchte er keine Bücher, Bilder oder sonst irgendwas.
      Noch während er sich bettfertig machte, klebte sein Blick an seinem Smartphone, auf dem er die Nachrichten durchging. Man konnte so viele Nachrichtensperren für Juries verhängen, wie man wollte, sie würden immer was mitkriegen. Der Trick war, dass man die gleichen Nachrichten guckte. Man konnte sie zum eigenen Vorteil nutzen, gerade in den Plädoyers am Ende eines Prozesses. Da war es gut, wenn man sich informierte. Zwar hatte er eine fähige Assistentin, aber er informierte sich auch gern selbst. Man wurde nicht einfach so einer der besten Staatsanwälte des Landes. Er war sich sicher, morgen früh einen weiteren Sieg für sich verbuchen zu können. Er hoffte nur, dass die Geschworenen nicht ewig für die Urteilsfindung brauchen würden. Je eher er aus dem Gericht rauskam, desto eher konnte er sich wieder seinem anderen Fall widmen. Der war noch weit von einem Gericht entfernt und das wollte er so schnell wie möglich ändern.
      Das Smartphone landete im Wohnzimmer auf der Ladestation, die teure Uhr in der Schublade und der Anwalt unter der Bettdecke. Es war ein langer Tag gewesen. Es war eine lange Woche gewesen. Und irgendetwas sagte ihm, dass sich daran auch in Zukunft erstmal nichts ändern würde.

      Christopher Beaumont wachte mit einem steifen Knie auf, als ihn sein Wecker noch vor Sonnenaufgang anschrie. Fluchend schlug er auf das Plastikgehäuse. Er war kein Morgenmuffel, aber er hasste es, wenn sein Tag damit begann, dass er zu Kaffeemaschine humpeln musste. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihm, warum seine alte Verletzung wieder einmal so rumzickte: Der Himmel war verhangen mit unheilversprechenden, dunklen Wolken. Ein Wunder, dass es noch nicht regnete.
      Eine warme Dusche half mit dem Knie, aber er zog trotzdem die Bandage an, bevor er in seinen dunkelblauen Anzug schlüpfte. Seine morgendliche Routine wurde wie immer von rhythmischen Bässen begleitet. Er war kein Clubgänger, nie gewesen, aber die Musik hatte es ihm während des Colleges angetan. Sie half ihm dabei, sich zu konzentrieren. Viele sahen ihn deswegen schief an, sobald sie die Musik hörten, die auch in seinem Büro aus seinen Kopfhörer blökte, sobald jemand etwas von ihm wollte. Glücklicherweise sorgte sein Ruf dafür, dass niemand einen dämlichen Kommentar dazu abließ.
      Auf dem Weg nach draußen rief Chris seinen alten Freund und mehr oder weniger Partner Ethan an. Er erwartete nicht, dass der Mann schon wach war. Wahlweise hatte er alle Hände damit voll, seine Tochter in die Schule zu kriegen. Unfassbar, dass Chris sich das Gesetzbuch zweier Spezialisierungen in jeweils zwei Sprachen merken konnte, aber ständig den Überblick darüber verlor, wann sein engster Vertrauter auf seine Tochter aufpasste.
      "Morgen Ethan. Ich hoffe, ich komme heute früh aus dem Gericht raus. Treffen wir uns zum Mittagessen? Ich hab endlich die Akte aus dem Archiv bekommen und ein paar Tage Zeit, bevor ich mich mit meinem nächsten Fall beschäftigen muss."
      Wenn man ein bekannter Staatsanwalt war - oder generell Staatsanwalt in einer Stadt wie New York - hatte man immer was zu tun. Chris für seinen Teil arbeitete nicht selten an zehn Fällen gleichzeitig. Aber all das war nichts im Vergleich zu der Arbeit, die er mit Ethan verrichtete. Sowohl im Dezernat, als auch im Büro wurden die beiden nicht selten als Dreamteam bezeichnet und Chris wusste, dass Ethan die komplizierten Fälle von seinen Vorgesetzten zugeteilt bekam, in der Hoffnung, dass er mit Chris zusammenarbeiten würde. Wahlweise landeten die komplizierten Fälle auf Christophers Schreibtisch und er forderte Ethan an, weil er wusste, wie der Mann arbeitete: gewissenhaft und verbissen, wie ein Bluthund.
      "Ich hab schon wieder vergessen, ob sie da ist oder nicht. Grüß Michelle von wir, wenn ja und bring sie heute Mittag einfach mit. Ich geb auch ein Eis aus."
      Chris legte auf, nickte Frank freundlich zu, der sich gerade für den Schichtwechsel fertig machte, und trat hinaus in die Kälte. Auf dem Weg zum Straßenrand, wo bereits ein Taxi auf ihn wartete, bekam er die ersten Tropfen dessen ab, was den gesamten Tag vorhalten würde.

      Die Verhandlung lief gut. Chris lief weniger vor der Jury auf und ab als er es sonst tat, aber er schaffte es trotzdem, sie für sich zu gewinnen. Sie brauchten nur etwa eine Stunde, um sich zu beraten, bevor sie ihr Urteil gefällt hatten und den Angeklagten für schuldig befanden. Der Mann wurde wegen schwerer Körperverletzung in mehreren Fällen verurteilt und abgeführt.
      Nach der Verhandlung kamen die Ex-Frau und ihre Familie auf ihn zu und bedankten sich überschwänglich bei ihm. Häusliche Gewalt war etwas Schreckliches, Chris hatte diese Verhandlung mit Herzblut geführt. Die Frau würde jetzt hoffentlich ein besseres Leben haben.
      Der Regen hatte nur zugenommen, während er seinen Job gemacht hatte. Also wartete Chris vor dem Gericht unter dem Dach auf seinen Wagen. Es war noch immer schweinekalt - Januar in New York eben - aber drin war ihm zu viel los. Er hatte den ganzen Tag mit Leuten zu tun, da konnte er es mal fünf Minuten im Kalten aushalten, um etwas Ruhe zu bekommen.
      Während er wartete, schrieb er Ethan eine Nachricht:

      Bin jetzt fertig im Gericht, hab die Akte dabei.
      Treffen bei Mikey's?


      Das Mikey's war ihr Laden, wenn man es so wollte. Sie trafen sich hier regelmäßig zum Essen. Es war ein kleines Family Diner. Sie hatten sich kennengelernt, als sie beide den Überfall auf das Restaurant bearbeitet hatten. Sie hatten die Sache in unter einer Woche geklärt und dabei eine Kostprobe von Mikeys Kochkünsten erhalten. Jahre später war eine enge Freundschaft und - zumindest auf Seiten von Chris - eine tiefe Liebe für das Restaurant entstanden. Außerdem gab es hier verdammt gute Milkshakes, wie ihm nun schon mehrfach von einer Siebenjährigen versichert wurde.
      Als Christophers Wagen vorfuhr, eilte er die breite Treppe hinunter durch den Regen. Er nannte die Adresse des Restaurants und starrte aus dem Fenster. Der Tag war dunkel, nass und kalt. Solche Tage wirkten auf ihn immer irgendwie langsamer, ruhiger. Die Straßen waren leerer, niemand unterhielt sich und lachte auf offener Straße. Alle wollten nur so schnell wie möglich aus dem Regen raus und ins Warme. Chris hatte man vor langer Zeit beigebracht, solche Tage zu mögen. Eine Angewohnheit, die er nicht wieder verlernt hatte. Eine Angewohnheit, an der er eisern festhielt. Denn er wollte nicht vergessen, warum er regnerische Tage so mochte.

      Der Wagen setzte ihn vor Mikey's ab und Chris beeilte sich, wie alle anderen an diesem Tag auch, nach drinnen zu kommen.
      "Ah! Hallo Chris!", grüßte Mikey, aus der Küche.
      "Hey. Kann ich einen Kaffee kriegen? Draußen ist es eisig."
      "Na klar."
      "Danke."
      Chris ließ sich ganz hinten am Fenster auf einer derr gepolsterten Bänke nieder. Ein paar Minuten beobachtete er die Nebenstraße, an der das Restaurant lag. Dann stellte Mikey eine dampfende Tasse Kaffee vor ihm auf den Tisch und holte ihn zurück in die Gegenwart.
      "Danke", meinte Chris.
      "Kommt Ethan auch?", fragte der moppelige Mann.
      "Gute Frage. Ich hab ihm gesagt, dass ich hier bin und was mit ihm besprechen möchte. Kann also gut sein, dass er noch kommt."
      "Dann setz ich wohl mal noch drei Kannen auf."
      Die beiden Männer lachten, dann wandte sich Mikey wieder seiner Arbeit in der Küche zu. Chris holte die Akte aus seiner Tasche, die er schon vor einer Wooche angefordert hatte. Das Archiv würde ihm noch den Verstand rauben. Sie brauchten ewig , einen einzelnen Antrag zu bearbeiten. Und wenn Chris eins nicht ausstehen konnte, dann waren es ineffiziente Arbeitsweisen.

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    • Angespannt ließ er die Luft aus seinen Lungenflügeln weichen. Nur mit Mühe konnte er ein genervtes Aufstöhnen oder gar einen unschönen Kommentar, welcher definitiv an seiner guten Erziehung zweifeln lassen würde, unterdrücken. Seine Augen waren deutlich unterkühlt auf die Frau vor sich gerichtet und er fragte sich ernsthaft, ob sie nicht einmal zwei Minuten den Mund halten konnte. Wirklich, diese Stimme tat bereits jetzt seinen Ohren weh, dabei war sie gerade Mal zwei Minuten hier. Und auch nur um seine Tochter bei ihm abzugeben. Die gehässigen Kommentare konnte sie sich sparen, dafür hatte er bei Weitem keinen Nerv. Die ganze vorherige Woche hatte er Nachtschichten und Doppelschichten geschoben um wenigstens ein wenig mehr Freizeit diese Woche zu haben. Da war ein Kommentar, er sähe ja müde aus, absolut überflüssig... Doch seiner Tochter zuliebe hielt er sich zurück und biss lediglich die Zähne zusammen, die Sekunden zählend bis sie endlich die Tasche der Kleinen in seine Hände schob.
      "Sie hat Ende der Woche wieder Musikschule, vergiss das nicht bei deiner ach so heiligen Arbeit, Ethan.", schnappte er gerade noch auf und verdrehte die Augen. Gott, wie konnte eine Stimme nur so schrecklich nasal klingen?
      "Das ist mir bewusst, Laureen." Als ob er die Termine seines Kindes vergessen würde! Im Gegensatz zu ihr war er nicht den ganzen Tag damit beschäftigt, nach den neusten Trendkollektionen zu schauen und den Lidstrich nachzuziehen. Ein Schnauben war die Antwort und mit einer sehr flüchtigen Umarmung stieg das Frauenzimmer dann endlich wieder in den dunklen Wagen ihres neuen Mannes. Natürlich jemand mit einem sehr hohen Monatsgehalt, sie musste ja für ihre gehobenen Standards sorgen. Am Liebsten hätte er gelacht und dem unglücklichen Typen viel Glück gewünscht bei dieser Furie.

      Nahezu erleichtert atmete er endlich auf, als der Wagen davonfuhr und Ethan mit dem kleinen, braunhaarigen Mädchen zurückblieb. Die Tasche, ebenso wie ihren Rucksack warf er sich über die Schulter und breitete gleichzeitig seine freie Hand gleich einer Einladung aus. Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und keine zwei Sekunden später schlangen sich zwei kleine Ärmchen um ihn. Die zuvor verbissenen Züge lösten sich im nichts auf und wechselten zu einem sanftmütigen Lächeln, mit dem er das Kind begrüßte.
      "Na Kleines, froh endlich bei Daddy zu sein?", neckte er sachte und ein heftiges Nicken war seine Antwort, die Ethan ein amüsiertes Lachen entlockte. Die behandschuhte Hand Michelles in seine nehmend führte er sie durch den Treppenflur die eine Etage nach oben zu seinem Apartment. Seine Tür hatte er für den kurzen Moment offen gelassen. Die Nachbarn scherten sich ohnehin wenig um ihn, wussten zudem dass er beim NYPD arbeitete und mieden daher weitere Kontakte als dem höflichen Gruß im Treppenhaus. Ethan sollte es recht sein, solange sie ihm seine Ruhe ließen und keinen Unsinn anstellten.
      "Gucken wir den neuen Eiskönigin, Daddy?", fragte Michelle mit großen, bettelnden Augen. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
      "Es gibt noch einen davon?", stellte er sich unwissend und erntete damit eine empörte Triade seiner Kleinen, welche ihn sehr belehrend aufklärte, dass es manchmal eben auch zwei Filme gab, die mit denselben Helden spielten. Sanft durch die kleine Mähne, ihre Haare waren ebenso stur und unbändig wie seine eigenen, streichend nickte er nur, als würde er ihre Unterweisung verstehen und ernst nehmen. Unterdessen half er ihr aus dem pinken Anorak und in üblicher Manier ging er in die Knie, um ihr bei den kleinen Stiefeln zu helfen. Januar war eine schreckliche Jahreszeit. Nass, kalt und in allen Maßen unangenehm... Kaum befreit von ihrer warmen Kleidung sprang sie schon aufgeregt in die Wohnung und öffnete ihr Zimmer, welches er für sie eingerichtet hatte. Der einzige Grund, warum er auf eine Vierraumwohnung bestanden hatte. Normalerweise für ihn alleine viel zu groß, er verbrachte die meiste Zeit im Department oder auf den Straßen New Yorks, doch hatte er ihr es so angenehm wie Möglich einrichten wollen. Ein Arbeitszimmer für ihn war dabei sogar auch noch drinnen gewesen.
      "Der Film sieht nicht zufällig so aus?", fragte er unschuldig, das eben besprochene Thema wieder aufgreifend, und verwies auf den Wohnzimmertisch aus hellem Buchenholz, auf dem besagter Film bereits lag. Er hatte ihn natürlich für seine Tochter letzte Woche schon gekauft. Sie hatte nicht ins Kino gekonnt- wobei er sich hierbei fragte, warum das blonde Gift dies nicht hat möglich machen können- und war demnach am Boden zerstört gewesen, als all ihre Freunde den Film bereits kannten und sie nicht. Kinder waren ziemlich eisern wenn es um solche Dinge ging...
      Die Tasche im Kinderzimmer abstellend hörte er bereits ihren freudigen Ausruf und allein ihr Lachen ließ die Wohnung wieder weniger dunkel und leer wirken. So sehr er Laureen auch verabscheute, seine Kleine war das Einzig gute was aus der gezwungenen Beziehung mit einer Frau herausgekommen war. Das Zimmer von Michelle war weitestgehend fertig, sie verstauten lediglich gemeinsam die wenigen Habseligkeiten, die sie mitbekommen hatte. Der Großteil war noch da gewesen, den sie zuletzt mitgebracht hatte. Für Schulsachen hatte er ausreichend gesorgt, sollte sie etwas brauchen. Im allgemeinen war er zu jeder Zeit bereit, den Wirbelwind bei sich aufzunehmen. Nur zu gern würde er sie von dieser schrecklichen Frau wegnehmen, doch waren ihm dabei die Hände gebunden. Er konnte froh sein, dass er dank Chris ein geteiltes Sorgerecht durchbekommen hatte und dieses Glück wollte er nicht überstrapazieren- zumal ihm schlicht und einfach sein Job im Weg stand. Morde geschahen zu jeder Tages- und Nachtzeit und manche galt es, schnellstmöglich zu lösen, ehe weitere Schandtaten ausgeführt wurden.
      Die Gedanken vorerst beiseite schieben konzentrierte Ethan sich den Abend ganz auf Michelle und sah mit ihr den heiß begehrten Film, ehe er sie ins Bett trug, da sie dank der ganzen Aufregung wieder zu ihm zu kommen sogar noch vor Ende eingeschlafen war.


      Ein Gähnen unterdrückend setzte er ihr am nächsten Morgen bereits die Mütze auf. Es war eindeutig nicht seine Tageszeit. ganz gewiss nicht, normalerweise ging er jetzt erst ins Bett. Er hörte sein Handy irgendwo in der Wohnung vibrieren. Wahrscheinlich auf dem Tresen, welcher die offene Küche vom Wohnzimmer trennte. Er hatte es in seiner Müdigkeit neben dem Kaffee liegen lassen, als es schon Zeit für Michelle's Schule war. Er spähte und sah zu dem Namen auf dem Display, ehe es erlosch. Chris. Gut, es war nicht so schlimm, dass Ethan nicht sofort ranging. Meistens konnte sein Freund und sogenannter Kollege sich denken, weshalb er zu solch unchristlichen Zeiten nicht ans Handy ging. Entweder er schlief oder Michelle war da. Zwischen diesen beiden Gründen gab es nichts weiter. Er würde den Anrufbeantworter abhören sobald er sein Kind zur Schule gefahren hatte.
      "Ich hol dich nachher ab, warte am Eingang auf mich." Der Braunhaarige gab Michelle noch einen Kuss auf die Stirn, ehe sie auch schon voller Tatendrang aus seinem Wagen sprang und zu ihren Freunden lief. Ethan wartete und folgte ihr mit seinen braunen Augen, bis sie im Gebäudekomplex verschwunden war. Erst jetzt kramte er sein Telefon hervor und hörte sich Chris Nachricht an. Er grinste leicht. So gewissenhaft wie der Staatsanwalt auch war, er vergaß jedes Mal ob seine Tochter da war oder nicht. Und dabei kündigte er es meistens vorab sogar an, da er dann nicht unbedingt bis in die Morgenstunden über diverse Fallakten brüten konnte.
      Sich wieder in den Verkehr einpendelnd machte er einen kurzen Halt auf dem Revier und suchte alles notwendige für den aktuellen Fall zusammen, welchen er mit Hilfe von Chris bearbeitete. Wann genau es anfing, dass sie mehr und mehr dieser ungelösten Akten gemeinsam aufklärten oder auch wenige, aktuelle Fälle bearbeiteten wusste Ethan nicht mehr. Es war mittlerweile absolute Gewohnheit und der Anwalt war ein besserer Partner als manche Idioten in seiner Abteilung. Zudem konnte er wenigstens in seiner Nähe entspannen, er verdankte seinem Freund so einiges.

      Im Revier blieb er recht wortkarg seinen Kollegen gegenüber- was jedoch der Müdigkeit zuschulden war. Er hatte zu wenig Koffein im Blut um eine normale Konversation zu führen und seine letzte Zigarette war auch schon eine Weile her... Jede Tag trudelten neue Fälle ein. New York schlief nicht, ebenso wenig die verbrechen in dieser Stadt. Eindeutige Taten, dessen Lösung auf der Hand lag, wurde schon gar nicht mehr an seinen Schreibtisch getragen. Mittlerweile hatte er sich weitestgehend hochgearbeitet, dass der Captain ihn die besonders tückischen Fälle zusprach, welche einiges an Geduld und Arbeit abverlangten. Leider sich ebenso in den unmoralischsten Ebenen befanden, welche es gab. Ethan hatte heute keine Intention, hier zu bleiben. Er schnappte sich einige Aufzeichnungen, etwas zum schreiben und verschwand mit einem respektvollem Nicken dem hochgewachsenen, dunklen Mann wieder, der sein Captain war. Er hatte Kenntnis von Michelle's Aufenthalt und somit war Ethan mehr auf Bereitschaft als an die Zeiten des Departments gebunden. Zumal er ohnehin mit Chris die Akten auswerten müsste, welche über ihren neuen Fall berichteten. Für Nichtigkeiten hatte er keine Zeit, die Schule endete heute bereits um Zwölf für ihre Klasse, dann wäre er noch pünktlich zum Mittag im Mikey's. Natürlich würden sie sich im Mikey's Treffen, Ethan bezweifelte stark, dass sie je eine andere Lokalität aufsuchen würden. Zumal Mikey für ihn den Kaffee stärker machte und ganz gerne Michelle mit einem Gratis Dessert verwöhnte, wenn sie mit ihm dort aufkreuzte. Missmutig blickte er nach oben zum dunklen Himmel, als bereits die ersten Tropfen herunterprasselten und seufzend stellte er den Kragen seiner Jacke etwas auf, um sich vor der Kälte zu schützen und huschte schnellen Schrittes wieder zu seinem Gefährt. Da verging ihm selbst die Lust nach einer Zigarette.

      Kurz bevor er seine Tochter abholen musste kam bereits die Nachricht von Chris und wie geahnt stand der Ort des Treffens in dem gemütlichen Familien Diner. Mit schnellen Fingern tippte er eine Antwort zurück.

      Roger, sind in einer Viertelstunde da.
      Sei gewarnt, Michelle nimmt deine Einladung mit Sicherheit sehr ernst.


      Kaum war seine Tochter in den Wagen gesprungen schmunzelte Ethan auch schon und verstaute das Gerät wieder tief in seiner Jackentasche.
      "Hast du Hunger? Chris lädt auf ein Eis im Mikey's ein!", eröffnete er dem Braunschopf und sofort begannen ihre Augen kindlich zu funkeln.
      "Ich will einen Milchshake!", rief sie sofort aus und lachend startete er den Motor um zu dem ausgemachten Treffen zu fahren. Das Wetter war nicht wirklich die Wucht, jedoch kam er dadurch relativ schnell ans Ziel. Es war schon amüsant, die Stadt war sonst so brechend voll aber jetzt wirkte sie ausnahmsweise mal etwas leerer und besonnener, als sonst. Den Wagen direkt vor dem Diner einfädelnd sprang Michelle bereits aus dem Wagen und stemmte sich gegen die Tür ins Innere. Lachend half er ihr dabei diese aufzudrücken und sogleich kam ihnen die warme Luft entgegen, welche von der bereits arbeitenden Küche sprach.
      "Hallo Chris!", rief Michelle auch schon aus als sie ihn in am Fenster ausmachen konnten. Die Kleine schob sich auf die Bank.
      "Daddy sagt du bezahlst den Milchshake! Ich will Erdbeere bitte!", rief sie sogleich aus und grinsend schüttelte Ethan seinen Kopf. Da kam jemand gleich zur Sache, was? Er grüßte Mikey in gewohnter Manier.
      "Ich hoffe du hast Kaffee? Ich brauche einen, dringend."
      "Wann brauchst du den mal nicht, Ethan?", konterte der Besitzer lachend und händigte ihm gleich einen Pott aus.
      "Gute Frage, wenn ich's weiß sag ich dir Bescheid.", grinste er zurück und nahm neben seiner Kleinen platz, welche gerade versuchte die Karte zu lesen.
      "Hey! Sorry, ich war heute Morgen noch nicht ansprechbar.", begrüßte er den Staatsanwalt im dunklen, blauen Anzug mit einem frechen Zwinkern und vielsagenden Nicken zu seinem Kind. Den heißen Kaffee gleich in Beschlag nehmend lehnte er sich etwas bequemer in den Polster zurück.
      "Wie lief dein Termin? Ich hoffe siegreich wie immer?" Die Frage war eigentlich unnötig. Wenn jemand vor Gericht gewann, dann Christopher. Er war sehr gefragt und zugleich gefürchtet in seinem Berufsfeld, Ethan konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Mann jemals verlieren würde.

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar
    • Chris hatte die Ruhe in dem Restaurant ein wenig genossen. Deswegen bevorzugte er dieses kleine Family Diner gegenüber den großen Restaurants. Sie waren ihm zu voll und man musste zu sehr auf die Etikette achten. Hier aber konnte man sich einfach mal treffen und mit Freunden reden. Und deren Kindern.
      "Hey Kleines", grüßte Chrs zurück, als er das Mädchen auf sich zustürmen sah.
      Ethan nickte er freundlich zu.
      "Du willst also einen Erdbeershake? Hast du dir den denn auch verdient?"
      Chris musste lächeln, als sich dass Gesicht des Mädchens verdunkelte.
      "Mittagessen", setzte der Anwalt die Verhandlungsfront, "Mit Gemüse."
      "Ohne Gemüse!", schoss das Mädchen zurück.
      "Die Hälfte deines Gemüses und ein Glas Wasser, keinen Softdrink."
      Michelle brummte missmutig, wusste aber, dass sie keine Chance hatte.
      "Na gut. Aber ich will einen großen Milkshake!"
      "Sollst du kriegen."
      Mikey würde die gleiche Menge in ein größeres Glas füllen, so wie immer. Sie konnten Ethan ja keine überdrehte Siebenjährige mit Zuckerschock mitgeben. Dafür wollte niemand verantwortlich sein.
      Michelle wandte ihre Aufmerksamkeit der Karte zu, auch wenn sie aller Wahrscheinlichkeit nach das Gleiche wie immer nehmen würde. Chris wandte sich wiederum seinem Freund zu.
      ""Die gute Miss McDonald hat jetzt ein paar Jahre, um ihr Leben wieder zu richten und die Straßen haben einen Schläger weniger", kommentierte der Anwalt seinen Vormittag.
      Natürllich hatte er gewonnen. Häusliche Gewalt war leicht zu verhandeln, ging man von der reinen Sachlage aus. Die meisten Opfer hatten zwar Probleme, sich für rechtliche Schritte zu entscheiden, aber sobald das passierte hatte man dicke Krankenakten mit problematischen Mustern und - so unschön es auch war - frische Verletzungen als Grundlage für eine Anzeige und schlussendlich auch ein Verfahren. Viele einigten sich auf eine außergerichtliche Lösung, aber in diesem Fall hatte der sich der Mann gute Chancen ausgerechnet, weil er einen guten Anwalt hatte. Nur dass Christopher besser war. Sie Beweislage war erdrückend gewesen, die hätte kein Verteidiger gewinnen können. Den Todesstoß hatte es dann gegeben, als Chris ein vorheriges Opfer ausfindig und zur Aussage hatte bewegen können. Damit war der letzte Nagel im Sarg und die Sache war gegessen.
      "Bei den anderen warte ich hauptsächlich auf Ermittlungsergebnisse. So sehr man es auch will, die Maschinen für DNA-Tests brauchen so ihre Zeit. Daher hab ich ein paar Minuten, mich um unser kleines Projekt zu kümmern."
      Chris schob die nichtssagende Akte über den Tisch.
      "Die ist gestern Abend endlich auf meinem Schreibtisch gelandet. Ich hatte noch keine Zeit, reinzugucken. Behalt sie ruhig, ich hab eine Kopie."
      Der Anwalt rutschte auf der gepolsterten Bank ein wenig zur Seite und legte sein schlechtes Bein hoch. Jetzt, wo er Zeit hatte, es zu bemerken, meldeten sich die vielen Stunden der belastung aus dem Gericht. Und das Wetter sollte die ganze Woche so bleiben. Da konnte er sich ja auf was freuen.
      "Was darf ich den Herrschaften heute bringen?", unterbrach Mikey ihre traute Dreisamkeit.
      Sie ließen Michelle zuerst bestellen, die freudig "Das Übliche!" bestellte. Chris tat es ihr nach und ließ sich noch einen Kaffee mitbringen.
      "Sollte ich diese Woche noch was Neues rausfinden, melde ich mich bei dir", knüpfte er an ihr vorangegangenes Gespräch an, "Wenn du mehr Akten willst, sag Bescheid. Das Archiv braucht wahrscheinlich wieder ewig. Mittlerweile frage ich mich ernsthaft, ob es nicht schneller wäre, einfach selbst nach den Dingern zu suchen."
      Er schüttelte den Kopf. Es gab nicht vieles, worüber sich Chris offen aufregte. Das sprach für seine Abneigung.
      "Aber genug davon. Was habt ihr für diese Woche so geplant?"
      Er zog Michelle wieder mit in die Unterhaltung. Ein gelangweiltes Kind war ein nerviges Kind, außerdem waren die Details von Daddies Arbeit nichts für eine Siebenjährige.
    • Schmunzelnd betrachtete er die kleine Verhandlung zwischen seiner Tochter und Chris. Natürlich hatte selbst die lebhafte Siebenjährige keine Chance und stimmte brummelnd dem Deal zu. Ethan verkniff sich ein Lachen. Er sollte Chris öfter einbeziehen wenn es um die Ernährung des kleinen Wuschelkopfes ging, das würde ihm viel Zeit ersparen. Der Braunhaarige selbst brauchte keinen Blick auf die karte werfen, er hatte sein Lieblingsgericht, welches Mikey für ihn mit einer etwas schärferen, würzigen Note versah, als es eigentlich auf der Karte stand. Sagen brauchte der Polizist nichts mehr zu seiner Wahl, der Besitzer des Diners würde vermutlich auch keine andere Bestellung erwarten. Von keinem des kleinen Trios.
      Erleichtert über den Sieg nickte Ethan wohlwollend. Häusliche Gewalt war ein rotes Tuch für ihn, leider jedoch an der Tagesordnung und nicht wenig musste man die betroffenen Frauen oder sogar Kinder dazu drängen, sich zu öffnen. Die Ausreden für blaue Flecke, Schnittwunden und Quetschungen waren jedes Mal entsetzlich eindeutig. Früher, zu Beginn seiner Zeit beim NYPD hatte Ethan auch an solchen Fällen gearbeitet und jedes Mal sehr an sich halten müssen, diesen Mistkerlen nicht einen richtigen Gegner zu geben. Jeder gelöste Fall in dieser Hinsicht war eine Erleichterung und zufrieden mit der guten Nachricht leerte er auch sogleich sein Heißgetränk, nur um dann die Tasse gen Mikey zu heben. Dieser verstand sofort, grinste in sich hinein und bereitete einen weiteren Pott vor.
      Als Chris sich über die Dauer der DNA-Analysen beschwerte, seufzte Ethan nur zustimmend.
      "Wem sagst du das... Das Labor macht mich wahnsinnig, wenn sie mal wieder nicht aus dem Knick kommen. Aber ich bin froh, dass Miss McDonald jetzt aufatmen kann." Damit beendete Ethan für sich auch das Thema. Er wollte ungern vor Michelle über weitere Details sprechen, das war absolut kein Thema für die unschuldigen Ohren eines Kindes. Er nahm die ihm zugeschobene Akte an sich, warf sogleich einen prüfenden Blick hinein. Jedoch darauf bedacht, dass seine Tochter keinen neugierigen Blick riskieren konnte. Nach kurzem Blick auf die Fakten schlug er sie wieder zu und legte sie vorerst zur Seite, er würde sich nachher damit auseinandersetzen, sobald Michelle mit ihren Schulaufgaben beschäftigt wäre. Er nickte seinem Freund zu, welcher grade sein Bein hochlegte und kurz warf er den Blick durch die großen Fenster nach draußen. Stimmt, da war ja was.

      Mikey gesellte sich zu ihnen, stellte bereits für Ethan den neuen Pott auf den Tisch und mit gehobenen Brauen sah der Braunhaarige zu ihm auf.
      "Wie? Ich bekomme nicht gleich die Kanne hergestellt?", empörte er sich gespielt verletzt. Der etwas korpulentere Mann lachte kurz kopfschüttelnd über seine ausgeprägte Sucht nach Koffein. Aber im Dienste als Cop in New York überlebte man nur mit diesem Wundergetränk. Was sollte er also machen?
      Sie bestellten, für Ethan ebenso das übliche, deftige Gericht auf der Karte. Er wechselte kurz einen Blick mit Mike, welcher nur kurz die Brauen hochzog. Ethan antwortete mit einem Nicken. Natürlich wollte er es gut gewürzt. Allein die stumme Frage war doch überflüssig.
      "Das Archiv ist genauso schnell wie der Feierabendverkehr in der Nähe des Broadways...Oder die forensischen Untersuchungen bei uns.", kommentierte er und schnaubte. Er konnte nur zu sehr den Unmut des Anwalts verstehen. Ethan selbst war nicht gewillt, ewig auf eine notwendige Antwort zu warten. Er hasste es, wenn er damit Zeit verschwendete. Es war Zeit, welche die Spur meist erkalten ließ, noch ehe man sie ernsthaft ergreifen konnte. Auch wenn der Polizist eigentlich kein Vertreter von klischeehaftem Denken war, in dem Archiv arbeiteten wohl wirklich halbtote Greise, die bereits die Aktennummern auf der Stirn eingebrannt trugen. Er kramte seinerseits noch die Details heraus, welche er vorhin aus dem Revier geholt hatte und überreichte sie seinem Freund im wortlosen Tausch, ehe sie das Gespräch erstmals Ad Acta legten.
      "Wir haben Eiskönigin Teil zwei geschaut!", brach es sofort begeistert aus Michelle heraus, als sich Chris nun auch ihr zuwandte. Ethan vergrub eine Hand in seinem längeren Haar, noch immer nicht verstehend, warum man so viel in einem Film singen musste.
      "Die Schule steht natürlich an, Freitag dann wieder Musikunterricht.", warf er ein und streckte unter dem Tisch beide Beine etwas aus.
      "Vielleicht gehen wir am Wochenende in den Central Park Zoo, wenn das Wetter halbwegs mitspielt."
      "Ich will die Löwen sehen!"
      Grinsend strubbelte er leicht durch die dunklen Haare der Kleinen, deren Augen sofort zu strahlen begannen bei den Gedanken an die großen Raubkatzen.
      "Sofern es nicht in Strömen regnet fahren wir hin.", versprach er. Zumindest bestand die Hoffnung, dass dieses dunkle Nass nicht bis zum Wochenende anhalten würde...

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar
    • "Soweit ich gehört habe, soll es die ganze Woche so bleiben", antwortete Chris, "Vielleicht müsst ihr eher auf König der Löwen zurückgreifen."
      Sofort breitete sich Enttäuschung auf Michelles Gesicht aus. Ablenkung war angesagt.
      "Die Eiskönigin 2 habt ihr also geguckt, hm? Ich wusste gar nicht, dass es da einen zweiten Teil gibt. Ich hab immer noch das Lied aus dem ersten Teil im Kopf, wie hieß das noch gleich?"
      Er summte die alt-bekannte Melodie von Let it go und landete einen Volltreffer. Michelle grinste und schmetterte das Lied, traf dabei sogar die meisten Töne. Die Musikstunden zahlten sich also aus. Und gleich darauf stimmte sie den Titelsong des zweiten Teils. Tatsächlich war Chris nicht um diesen Film herumgekommen. In den letzten Wochen hatte er viel mit den Familiengerichten zu tun gehabt - eine wahre Welle an Untersuchungen wegen häuslicher Gewalt war über seinen Schreibtisch geschwappt. Also war er vielen Kindern begegnet und die wussten alle natürlich von dem neusten Meisterwerk des Hauses Disney. Er konnte den Song nicht mehr hören, wenn er ehrlich war. Aber seine Taktik funktionierte und der ins Wasser fallende Besuch im Zoo war vergessen. Stattdessen bekam er jetzt die Handlung des Film im Detail erklärt.
      Kurz darauf wünschte Mikey den dreien einen guten Apetit, als er ihr Mittagessen servierte. Michelle war also beschäftigt.
      "Ich hab immer noch nichts von New Jersey gehört", meinte Chris, nachdem er sich sicher war, dass das Mädchen nicht zuhörte, "Wenn wir bei denen nur einen Verdachtsfall finden, können wir das FBI hinzuziehen. Wir würden den Fall zwar verlieren, aber wenn dieser Typ grenzüberschreitend handelt... vielleicht finden sie ihn dann? Ein Teil von mir wünscht sich das. Der Druck wäre weg und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn finden, ist größer. Das FBI hat mehr Ressourcen."
      Er schüttelte den Kopf. Dieser Fall nagte an ihm. Er hatte schon schwierige Fälle gehabt, hatte schon Wochen den gleichen Täter gesucht, aber das hier... sie fanden nur Leichen, immer mehr Leichen für die sich nie jemand interessiert hat. So viele Tote, die vergessen wurden. So viele Familien, die auf Antworten warteten. Wenn er nur daran dachte, wollte er irgendetwas schlagen.
      "Ich ruf da drüben bestimmt einmal täglich an. Aber ich krieg immer nur die gleichen Floskeln. Zusammenarbeit zwischen behörden verschiedener Staaten ist sogar noch schlimmer, als Archivarbeit, ich sag's dir. Ich hab den ganzen Papierkram sogar nochmal überprüft. Vielleicht hab ich ja einen Fehler gemacht. Nichts. Alles genauso, wie es sein muss. Bin schon am Überlegen, ob ich jemanden wegen sowas verklagen kann - und wenn ja, wen."
      Er stach die Gabel vielleicht ein bisschen zu enthusiastisch in sein Fleischbällchen. Die ganze Sache war einfach frustrierend.
    • Er hatte es befürchtet. Ethan stieß lautlos die Luft aus und erwartete bereits die Traurigkeit des Kindes, welches natürlich nicht verstehen würde, warum sie nun keine echten Löwen sehen konnten. Sollte es wirklich die gesamte Woche schütten? Ernsthaft? So viel dazu... Dieses Wetter drückte eher auf das Gemüt und stimmte den Braunschopf müde, da die Tage einfach nicht mehr hell werden wollten.
      Noch ehe Michelle in Traurigkeit verfiel war Chris jedoch schneller und nun konnte Ethan wirklich nicht mehr ein Lachen zurückhalten, als der sonst so ernste Anwalt den rauf und runtergespielten Song von Let it go vorsummte und natürlich bekamen sie die lautstarke Gesangseinlage der Kleinen. Aber wenigstens konnte sie mittlerweile ganz gut singen, besser als vor sechs Monaten allemal. Dennoch... Um Himmels Willen, er konnte dieses Lied kaum noch hören. Anfangs war es ja noch erträglich aber mittlerweile konnte er schon nicht mehr mitzählen, wie oft er es gehört hat. Nach sechs oder sieben Mal, den er den Film mit Michelle sehen musste, schauderte er einfach ganz leicht. Aber solange seine Tochter spaß hatte ertrug er es tapfer und wechselte nur einen gequälten Blick mit Chris, der sein inneres Leid übertrieben deutlich machte.
      Nur zu gern ließ er sich von dem Essen ablenken, welches Mikey schließlich brachte und die angenehme Schärfe der Fleischpfanne umschmeichelte seine Geschmacksnerven. Sein Frühstück war schlicht gehalten; Kaffee und Zigarette. Demnach hatte er jetzt wirklich deutlich Hunger und grinsend musterte er seine Portion, welche etwas üppiger ausfiel als sonst. Man konnte über dem Besitzer sagen was man wollte, er schien ein nahezu magisches Gespür dafür zu haben, wie groß der Hunger seiner Gäste war. Die Zeit nutzend, in der Michelle höchst konzentriert mit ihrem Besteck hantierte und sich ihrem Kinderteller widmete, nutzten die beiden Männer um endlich über das eigentliche Thema zu sprechen.

      Ethans Blick verdüsterte sich merklich als die Sprache auf der gefundenen Leiche in New Jersey kam. Anfangs mochte es wie ein willkürlicher Raubmord ausgesehen haben, vielleicht auch eine einfache Auseinandersetzung auf der Straße. Es gab auf den ersten Blick nicht einmal eine klare Opferauswahl, Männer wie Frauen waren gestorben. Alle aus unterschiedlichen Gehaltsklassen, von einem einfachen Arbeiter in einem Supermarkt bis hin zu einer Sekretärin einer Marketingfirma. Es wurden kaum Anlaufstellen gefunden, zeugen gab es keine und selbst die Befragungen der hiesigen Angehörigen verlief sich im Nichts. Es war frustrierend. Noch schlimmer, dass New Jersey offenbar immer noch nicht kooperieren wollte.
      "Ich habe bislang auch noch nichts gefunden. Der forensische Bericht des offiziellen Falles ist ein Witz. Keine Anhaltspunkte, keine DNA... Die Befragung der Angehörigen war ebenso eine Sackgasse, es gibt auch keine offiziell bekannten Verbindungen. Nicht einmal die gleichen Telefonnummern wurden angerufen..." Beinahe schon knurrend kamen ihm die Worte über die Lippen. Christopher hatte recht, sollten sie nachweisen können, dass der Täter Grenzen überschreitend handelte wäre das FBI dem schneller auf der Spur als sie schauen könnten. Und diese würden sich einfach alles an Informationen nehmen, was sie brauchten und besaßen durchaus mehr Möglichkeiten als das NYPD. Dafür waren sie aber darauf angewiesen, wenigstens den Obduktionsbericht oder die allgemeine Fallakte einsehen zu dürfen, die New Jersey ja so freundlich für sich behielt. Bislang gab es genügend Leichen in New York. Und erst vor kurzem waren sie darauf gestoßen, dass es eine einzige Verbindung zwischen den Opfern gab. Ein leicht zu übersehendes Detail, welches die Gerichtsmedizinischen Berichte nach genauerem Überprüfen deutlich zeigte. Die Art des Mordes war eindeutig und etwas Eigen noch dazu.
      "Du kannst mich wahrscheinlich eher verteidigen, wenn ich bald selber da rüberfahre und den werten Kollegen Vernunft beibringe." Ethan war nicht nur frustriert, dass sie noch nichts handfestes hatten, er war auch sauer über den falschen Stolz zwischen den Behörden. Anstatt man sich auf die Lösung konzentriere gab es nur "unser" und "euer" Fall. Aber wehe man wollte sich mal einmischen, da führte ohne FBI Marke kein Weg vorbei. Die Angehörigen warteten vergebens auf Antworten, mit jeder Woche die verging hatte der Täter neue Möglichkeiten, zuzuschlagen und weitere Leichen seinen Weg säumen lassen. Es war nahezu lachhaft, dass man bislang nichts getan hatte... Kurz umgriff er sein eigenes Besteck etwas zu fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten und er atmete kurz durch, dass das Kind neben ihnen von seinem Unmut nichts mitbekam.

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar
    • "Solange du es bei einfacher Körperverletzung belässt, haken wir das als Versehen im Eifer des Gefechts ab. Du bist Cop, Vater und Ersttäter, das würde das Ganze auf eine Verwarnung und ein bis vier Wochen Schreibtischarbeit drücken."
      Chris war sehr beliebt auf Parties wegen diesem Trick. Man nannte ihn ein theoretisches Problem und er spuckte einfach das wahrscheinlichste Ergebnis aus. Nicht selten hatte er damit auch schon einen Volltreffer gelandet, wenn er solche Probleme dann wirklich hatte verhandeln müssen oder wenn sich herausstellte, dass das Problem einmal verhandelt worden war. Auch das zählte zu seinem Ruf hinzu: Er wusste nun einmal, was er vor Gericht tat.
      "Laureen wäre wahrscheinlich das größere Problem. So wie ich sie und ihre Anwälte einschätze, würde sie - sobald sie Wind davon bekommt - dich als gefährlichen Schläger darstellen und es nochmal mit dem Sorgerecht probieren. Wenn du also vor hast, nach New Jersey zu fahren, mach es leise. Und sag mir vorher Bescheid, dann kann ich schonmal Carry anrufen und alles vorbereiten."
      Er konnte die Ex-Frau seines Freundes wahrscheinlich genauso wenig leiden, wie Ethan selbst. Es gab einfach Menschen, die es drauf anlegten, Ekelpakete zu sein, und Laureen zählte eindeutig dazu. Ihr neuer Lover war eigentlich ganz nett, aber er stand völlig unter ihrer Fuchtel und hatte nichts zu melden. Ein bisschen tat er Chris leid, aber nur ein bisschen. Denn er hatte - im Gegensatz zu Ethan - den Ring selbst vorgeschlagen.
      "Aber genug mit den Gedankenspielen. Ich ruf nachher nochmal drüben an, wenn ich wieder im Büro bin. Sollte sich was ergeben, lass ich es dich wissen, aber ich würde meine Hoffnungen nicht allzu hoch ansetzen."
      "Fertig! Krieg ich jetzt mein Eis?"
      Chris schielte rüber zu Michelles Teller, auf dem tatsächlich nur noch eine Hälfte ihrer kleinen Portion Gemüse lag. Ihr Wasserglas war auch schon halb leer. Der Anwalt sah kurz zu Ethan rüber, dann zuckte er mit den Schultern und winkte Mikey herbei.
      "Die Dame hätte gern einen großen Erdbeershake. Können wir das einrichten?", fragte er den Koch.
      "Aber selbstverständlich", erwiderte dieser, verbeugte sich leicht und ging davon, um die Bestellung fertigzustellen.
      Michelle grinste über beide Ohren. Für sie war das ein Sieg gewesen. Es war herrlich, sie so zu sehen. So unschuldig, so ahnungslos. Glücklicherweise hatten Ethan und er noch ein paar Jahre, bevor das Mädchen anfangen würde, ihre Tricks zu durchschauen. Chris würde diese Zeit genießen. Und dabei war sie nicht einmal sein Kind.
    • Die Wut, welche zuvor im Inneren des Mannes noch gebrodelt hatte, wurde dank dem nüchternen Einwurf seines Freundes etwas besänftigt und entlockte ihm sogar ein leichtes Grinsen. Wenigstens hätte er einen guten verbündeten, wenn es darum ging, seinen Kopf aus der Schlinge einer Anklage zu ziehen. Natürlich waren dies nur Spinnereien, das wussten beide Männer. Und doch besänftigten sie zumindest für einen Moment die innere Aufruhr.
      "Wenn, dann sorge ich dafür das...diese Frau nichts davon mitbekommt. Ich komme auf dich zurück, wenn die sich nicht langsam beeilen." Nur schwerlich konnte er sich eine weitaus unschönere Bezeichnung verkneifen, mit der er das blonde Gift beschreiben wollte. Gegenüber Chris verbarg er seine regelrechte Abscheu gegenüber Laureen nicht. Im Beisein der gemeinsamen Tochter war es dennoch keine gute Idee, beschäftigt oder nicht. Immerhin hatte sich Ethan nach einigem Durchdringen dazu gezwungen, ein recht neutrales Gesicht zu wahren- dem Kind zuliebe. Er wollte nicht, dass sie in den Zwiespalt getrieben wurde, in dem sich viele Scheidungskinder befanden und zügelte sein direktes Wesen ein wenig. Aber dennoch, der Anwalt hatte - wie eigentlich immer- Recht. Sollte er je etwas tun, was ihn nur ansatzweise als gewalttätig darstellen könnte, würde sie sich wie ein Aasgeier darauf stürzen. Laureen hasste das gute Verhältnis zwischen Michelle und ihrem Exmann, das Kind nannte einzig Ethan ihren Daddy und nicht den armen Tropf, der sich als ihr neuer Lebensgefährte etablieren wollte. Und bei Gott, er würde dieser Frau keinerlei Chance geben, ihm den kleinen Wirbelwind wegzunehmen. Sie hatte ohnehin ein riesiges Fass aufgemacht, nachdem der für sie eindeutige Skandal herauskam, dass er sich lieber einem gleichgeschlechtlichen Partner zugewandt hatte als ihr. Aber mal ehrlich, an dieser Frau war nichts schön. Die Hässlichkeit ihres Charakters ließ alles, was man vielleicht als annehmbar betrachten mochte, sofort verblassen. Schnell schüttelte Ethan diese Gedanken wieder ab und schob sie weit von sich. Er hatte wenig Lust, sich jetzt auch noch mit der Vergangenheit zu plagen.

      Auch die Worte des Anwalts nickte er nur schweigend. Hoffnung hatte er tatsächlich keine, dass sie großartig weiterkämen aber vielleicht erreichte er ja etwas, wenn er seinen Captain mit ins Boot holte. Dieser hatte durchaus einige Bekannte außerhalb New Yorks. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich nochmals die Schauorte anzusehen und diese auf der Karte abzugleichen. Auch wenn er dies schon gefühlte hundert Mal überprüft hatte. Ein weiteres Mal konnte ja nicht schaden... Nur zur Sicherheit, sollte er etwas übersehen haben.
      Noch ehe er wieder in seiner Gedankenwelt der Arbeit betreffend versank, verkündete Michelle stolz, dass sie fertig wäre. Sie hatte sich sogar an den Deal gehalten und lediglich einen kleinen Teil des Buttergemüse auf dem Teller zurückgelassen. Mit einem sogenannten großen Milchshake, welcher eigentlich nur eine kindergerechte Größe in einem schön verziertem Glas war, schien seine Kleine absolut glücklich. Selbst der Zoo war wieder vergessen und sie konzentrierte sich wieder hingebungsvoll auf die besten Milchshakes der Welt. Selbst Mikey grinste leicht bei der Freude des Kindes und unbemerkt von ihr klatschte Ethan mit ihm ab. Der altbekannte Trick hat mal wieder funktioniert. Fragte sich nur, wie lange sie noch damit durchkämen.
      "Das Essen geht heute auf mich. Du warst beim letzten Mal schon dran und musst ja den großen Shake bezahlen.", grinste der Polizist und stellte den süßen Drink als äußerst kostspielige Ware da. Albern, das wusste er. Ernst würde er zu späterer Stunde noch genug sein, wenn er sich über die Akte beugte, wenn Michelle mit ihrem neuen Puzzle beschäftigt war. Spätestens in der Nacht, wenn sie schlief. Immerhin hatten sie lange genug darauf warten müssen und trotz seiner Tochter wollte er keine Zeit verlieren.
      "Und wegen dem Archiv reden wir noch mal. Vielleicht bekomme ich ja dank einem gewissen Freund von mir einen Zugang? Dann müssten wir nicht mehr auf die halbtoten Bücherzombies warten, bis sie das Gesuchte gefunden haben." Würde er wissen, wie die modernen Geräte im Labor funktionierten, würde Ethan selbst das liebend gern selbst erledigen. Aber dabei hatte er nun wirklich zwei linke Hände, davon sollte er die Finger lassen.

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar

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    • Als Ethan davon sprach, vielleicht doch manuellen Zugang zu den Archiven zu erhalten, erhellte sich Christophers Miene. Ihm war klar, dass er dann wahrscheinlich jede freie Minute in den kalten Kellern unter der Stadt verbringen würde, aber das war ihm egal. Solange er nur endlich alle Infos bekam, die er brauchte, um dieses Schwein zu fassen, würde er auch da unten einziehen.
      "Das klingt nach einem sehr guten Plan. Mein Plan B wäre Hausfriedensbruch gewesen. Kommt nicht gut bei Richtern an, wenn man in offizielle Behördengebäude einbricht, selbst wenn man nichts mitnimmt."
      In Christophers Kopf setzte sich ein Bild zusammen, das ihm vertraut vorkam: Er sah sich selbst an einem einsamen Tisch sitzen, die einzige Beleuchtung eine furchtbare Schreibtischlampe. Neben ihm stapelten sich die Akten, während er tief über einem Dokument brütete. Vor fünfzehn Jahren waren es keine Akten, sondern Gesetzestexte gewesen, aber die beiden Szenarien waren sich doch recht ähnlich. Sollte er tatsächlich Zugang zu den Archiven erhalten, würde er sich aller Wahrscheinlichkeit nach von Pizza und Kaffee ernähren, das Konzept von Zeit völlig vergessen und die Lichtempfindlichkeit eines Teenagers in seiner Emo-Phase entwickeln. Profitieren würde davon sein Augenarzt, sobald er den neu erworbenen Zustand der Zerstörung von Christophers Augen zu Gesicht bekommen würde. Aber selbst wenn ihm die Augen ganz aus dem Kopf fallen sollte, würde das Chris keinesfalls von seiner Arbeit abhalten. Er hatte noch einiges zu tun, bevor er sich in den Ruhestand verabschieden würde. Und so wie er sich selbst kannte, würde ihn nicht einmal das stoppen. Er würde hoch erhobenen Hauptes im gericht sterben, gleich nachdem er seinen letzten Fall gewonnen hatte. So zumindest der Plan.
      "Tu mir nur einen Gefallen, Ethan: Entspann dich diese Woche."
      Chris nickte in Richtung des kleinen Mädchens, das gerade in seinen Milkshake pustete, weil es so lustig schaumte. So sehr sich die beiden Männer auch in ihre Arbeit verbissen hatten, sie durften nicht vergessen, warum sie all das taten: Um die Unschuldigen zu schützen. Unschuldige wie Michelle, auf dass sie keine Angst vor den Monstern in menschlicher gestalt haben musste. Aber Michelle brauchte auch ihren Vater, nicht nur den Polizisten. Ethan war wundervoll in beiden Jobs, aber Chris hatte gesehen, was passieren konnte, wenn man sich nur auf seine Arbeit konzentrierte. Wegen sowas bekam er seine Nichte öfter zu Gesicht als ihr Vater, sein Bruder. Eric war zwar auch ein wundervoller und liebender Vater, aber seine Arbeit erforderte viele Reisen, folgte keinem festen Zeitplan und sobald Erics Diensthandy klingelte, war der Mann weg, weil er einfach nicht Nein sagen konnte. Hatte ihn die Ehe gekostet. Und weil er immer so viel arbeitete, war es für Evie einfacher, den Mann mit dem Gesicht ihres Vaters zu erreichen, als den Mann selbst.
      Mikey kam erneut zu den dreien rüber und zeigte ihnen die Rechnung. Wie immer ließ Chris ein ordentliches Trinkgeld springen, als er den Milkshake bezahlte. Im gleichen Moment klingelte sein Smartphone. Mit einer einfachen Geste entschuldigte er sich bei Mikey und Ethan und stand auf, um das Gespräch entgegen zu nehmen.
      "Christophe Beaumont, comment puis-je aider?", meldete er sich.
      Er hatte keine Ahnung, warum ihn jemand aus Montreal anrief, aber er ging instinktiv auf französisch ran. Eine alte Angewohnheit aus Kindertagen, die - anders als seine Vorliebe für die Stille an regnerischen Tagen - von ganz allein bei ihm blieb. Das würde er wohl nie wieder loswerden, selbst wenn er versuchte, sich das abzutrainieren.
    • Ethan lachte leicht als er sich die Schlagzeile in der New York Times vorstellte; Staatsanwalt und Polizist brechen ins Archiv ein. Das wäre doch definitiv ein Versuch wert, auch wenn sie dann beide ihren Job verlieren könnten. Das Grinsen auf den Lippen versuchte er diese alberne Schlagzeile aus seinem Kopf zu verbannen. Aber wirklich, vielleicht könnten sie die Erlaubnis bekommen, sich dort selbst umzusehen. Ethan war es gewohnt über irgendwelchen Berichten zu brüten, das Archiv dürfte gar kein unbekanntes Terrain darstellen. Und wenn sie dadurch schneller an gebrauchte Fälle gelangen könnten schlugen sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Es musste einen Weg geben, wie sie diesen Fall schnellstmöglich vorantreiben konnten. Ethan wollte nicht riskieren, zu einem weiteren Leichenfund gerufen zu werden. Das Unangenehmste in seinem Beruf, die Anblicke vergaß man selbst als gestandener Mann nicht so leicht. Noch weniger, wenn sich der Täter einer gewissen Brutalität bediente. Der Braunhaarige warf einen Seitenblick auf sein Kind. Er ertrug diese Gräueltaten, wenn Kinder wie sie etwas sicherer durch die Straßen laufen konnten. Es war seine Motivation, welche ihn antrieb. Er war nie gut gewesen, große Worte und Reden zu schwingen. Aber seine Taten sprachen für sich, er handelte lieber und lebte von den sichtbaren Ergebnis seiner Bemühung.
      "Tu mir nur einen Gefallen, Ethan: Entspann dich diese Woche." Der Cop blickte zu seinem Freund auf und nickte. Entspannen war leichter gesagt als getan, doch verdrängte er seine Arbeit weitestgehend, damit Michelle so wenig wie möglich davon mitbekam und nicht das Gefühl bekäme, er würde seinen Beruf ihr vorziehen. Manchmal nicht unbedingt leicht, wenn mitten in der Nacht ein Anruf kam, welcher von einem neuen Fall sprach. Aber irgendwie hatte er langsam eine Routine gefunden, mit der er beides unter einen Hut bringen konnte.
      "Ich entspanne mich, wenn du mal einen Tag vor drei Uhr im Bett liegst.", konterte Ethan frech zurück. Chris hatte gut reden, er war selber ein absolutes Arbeitstier und eine Nachteule noch dazu. Wie er es schaffte, trotzdem jeden Tag pünktlich in seinem Büro zu erscheinen oder seine Termine am frühen Morgen wahrnahm, war für den Morgenmuffel ein absolutes Rätsel. Es war ja schon eine Herausforderung, seine Tochter Frühs für die Schule vorzubereiten, wenn er die Nacht wieder vor Zeugenaussagen gebrütet hatte... Er bewunderte Chris für sein Durchhaltevermögen. Er selbst hielt gerade mal eine Woche mit Doppelschichten aus, ehe er völlig am Ende auf seinem Bett zusammenbrach und den ganzen Tag zu nichts zu gebrauchen war. Die haselnussbraunen Augen fuhren von dem Gesicht seines Freundes schließlich zu seinem hochgelegten Bein.
      "Und versuch dich halbwegs zu schonen bei dem Wetter.", merkte er noch sachte an. Auch wenn sie alle Hände voll zu tun hatten, so sollte auch ein gewisser Staatsanwalt sich nicht zu sehr belasten. Wenigstens in der Zeit, wie Ethan durch Michelle weniger Möglichkeiten zum Arbeiten besaß. Die kommende Woche würden sie womöglich im gewohnten, verbissenen Eifer weitersuchen und neue Schlüsse ziehen. Solange würde er die Schulzeit seiner Kleinen nutzen um mit dem Captain zu verhandeln bezüglich Jersey, er sollte auch nochmal die Willsons aufsuchen. Die Familie des letzten Opfers, vielleicht nutzte es etwas, wenn er andere Verbindungen suchte und näher auf den normalen Tagesablauf der verstorbenen Tochter einging. Kurz wurde sein Blick deutlich kühler. Er wollte sich nicht ausmalen, welchen Schmerz die Angehörigen durchmachten. Das eigene Kind zu verlieren war in allen Maßen der absolute Albtraum für jeden... Ethan war davon nicht ausgenommen. Er würde wahrscheinlich zum Berserker mutieren, sollte jemand es wagen seine Tochter auch nur anzurühren. Ein Grund mehr diesen Mistkerl endlich hinter Gitter zu bringen!

      Wie versprochen zahlte Ethan die Zeche für ihr Mittagessen und ließ Mikey ebenso einige Dollar Trinkgeld da. Beide nickten Chris zu, als dieser ein Telefonat führen musste. Der braune Wuschelkopf verstand nicht einmal ein Wort von dem, was Chris sagte. Kopfschüttelnd über sein mangelndes Wissen in Sprachen sah er zu, wie Mikey seiner Tochter ein Bonbon überreichte als kleines Abschiedsgeschenk. Strahlend nahm sie es an, sah jedoch brav zu ihrem Dad auf und fragte mit einem wahren Hundeblick um Erlaubnis.
      "Nachher, wenn wir zu Hause sind. Du hattest eben schon etwas Süßes.", meinte Ethan sanft und ein wenig schmollend nickte sie und steckte es brav in ihre Jackentasche.
      "Willst du noch einen Kaffee mitnehmen? Geht auf mich, ich hab ja nicht umsonst 'ne Kanne gekocht.", grinste Mikey und dankend nahm Ethan dieses großzügige Angebot an.
      "Da brauchst du gar nicht fragen, die Antwort ist immer Ja.", grinste er zurück und ließ sich die restliche Koffeindosis in einen Pappbecher füllen. Da hatte er zumindest einen kleinen Vorrat für den Nachmittag mit seiner Tochter. Er plauderte noch eine Weile mit dem Diner-Besitzer und wartete, dass Chris zurückkehrte. Er wusste nicht, ob dieser wieder mit dem Taxi gekommen war. Das Geld könnte er sich sparen, Ethan hatte seinen eigenen Wagen dabei und würde ihn definitiv nicht im Regen auf einen Uber warten lassen.
      Mit halben Ohr hörte er zu, wie Michelle die Milchshakes mal wieder als die Besten der Welt bezeichnete und grinste über die Verbeugung Mikey's dabei, welcher sich verhielt als hätte er einen Ehrenpreis gewonnen.
      "Irgendwann bringen wir dir eine Urkunde mit.", warf er ein und der etwas korpulentere Mann zwinkerte vergnügt.
      "Aber nur wenn Michelle sie selber malt."
      "Mit viel Glitzer!", warf die Siebenjährige sofort ein und die Männer lachten über den frisch geweckten Enthusiasmus des Kindes, welches bereits anfing Pläne zu schmieden, wie sie die Urkunde gestalten wollten.

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar
    • Der Anruf aus Montreal war gelinde gesagt aufschlussreich. Chris war schon vor Jahren ausgewandert, aber er pflegte noch immer engen Kontakt zu seiner Familie, sofern er die Zeit fand. Trotzdem war es lange her, dass er zuletzt in der Heimat gewesen war.
      Er beendete den Anruf und suchte gleich nach der Nummer seines Bruders, in der Hoffnung, dass der tatsächlich mal an sein Telefon ging, wenn die Familie anrief und nicht die Arbeit, während er zu seinen Freunden zurückging.
      "Ihr habt nicht zufällig Zeit, mich zum Flughafen zu fahren?", fragte er in Ethans Richtung.
      Er hielt sich das Smartphone bereits wieder ans Ohr und wartete darauf, dass jemand abnahm.
      "Meine Nichte hat sich spontan dazu entschlossen, aus dem Internat zu verschwinden. So wie es aussieht hat sie sich auf den Weg nach New York gemacht. Wo sie niemanden kennt, außer einen gewissen Anwalt."
      Dieses Mädchen trieb ihn noch in den Wahnsinn. Chris hoffte inständig, dass Michelle nicht zu so einem Teenager wurde.
      "Eric! Hi. Wusstest du, dass deine Tochter abgehauen ist? Nein? Wundervoll. Bevor du jetzt Panik schiebst: Sie ist bei mir. Und nein, ich werde sie nicht zurück ins Internat schicken, du darfst sie aber gern selbst abholen. Bis dann."
      Entnervt steckte Chris sein Smartphone wieder weg. Wie immer hatte er nur die Mailbox seines Bruders erreicht.
      "Wie kommt es bitte, dass ich ein besserer Vater bin als Eric? Ich kann nicht einmal eine Topfpflanze am Leben halten!", beschwerte er sich.
      Mikey drückte ihm einen Pappbecher mit Kaffee zur Entschädigung in die Hand.
      "Das mit dem früh ins Bett kommen muss wohl noch ein wenig warten, mein Freund. Mein Tag - und wahrscheinlich auch meine Woche - wurden gerade um einiges stressiger. Weißt du, wie lange es dauert, jemanden in der französischen Botschaft zu erreichen? Natalie wird durchdrehen, wenn sie Wind davon bekommt. Und Eric darf sich warm anziehen!"
      Chris nahm einen Schluck von seinem Kaffee und atmete tief durch. Dann ging er in die Hocke, um mit Michelle auf einer Augenhöhe zu sein.
      "Tu mir einen Gefallen, Michelle. Wenn du größer bist und ein eigenes Smartphone hast, dann ruf immer deinen Dad oder deine Mom an, wenn du irgendwo hingehst, ja? Werde nicht so wie Evie, die jedem den Tag vermiest. So Leute mag niemand."
    • "Zum Flughafen?" Ethan zog ungläubig die Brauen hoch. Also wirklich, Christophers Nichte war eine ganz eigene Hausnummer. Welcher Teenager setzte sich alleine in einen Flieger? Noch dazu in eine für sie unbekannte Stadt?! Der Braunschopf wusste nicht ob er lachen oder mitfühlend die Schulter des Älteren klopfen sollte. Ethan selbst hatte ja schon viel mit seinem Job zu tun und es war nicht immer leicht, Vater und Cop unter einen Hut zu stecken. Aber Eric übertraf ihn da noch bei Weitem wenn es um seine Arbeit ging. Der Unmut seines Freundes war in allen Belangen nachzuvollziehen. Evie versprach eine turbulente Woche mit einem trotzigen Teenager war an Ruhe wohl nicht mehr zu denken.
      "Wir fahren dich hin und euch beide dann auch nach Hause, das ist kein Problem.", versicherte er sogleich. Es stand gar nicht zur Debatte, es nicht zu tun. Außerdem hatte Ethan heute sowieso nichts weiter geplant und Michelle würden sie schon zur Genüge ablenken.
      "Topfpflanzen sagen dir nicht lautstark, wenn sie etwas brauchen?", versuchte er die Stimmung etwas aufzulockern. Natürlich hatte der Schwarzhaarige ein tolles Gespür für Kinder, selbst seine eigentlich sehr schüchterne Tochter hatte einen Narren an ihm gefressen und hörte sogar teilweise besser auf Chris als auf ihren Dad. Ethan hatte sich bereits mit Michelle erhoben, bereit zum Aufbruch. Mikey sah nur mitleidig zwischen den beiden hin und her. Sie blieben nur selten von Ärger gleich welcher Form verschont. Und wenn es nur ein einfaches Familiendrama war, warum auch sollten sie mal einige Tage der Ruhe bekommen? Das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Sich die dunkle Jacke überwerfend entwich ihm ein leises Schnauben als die Sprache auf Michelles noch kommende Problem Zeit kam. Auf die freute er sich überhaupt nicht. Manchmal wünschte er einfach, sie bliebe so jung und unschuldig...
      "Natürlich ruf ich Daddy an!", protestierte die Kleine sofort und sah unverständlich zu Chris auf. Als gäbe es dabei keine Diskussion. Ethan grinste flüchtig. Nun, es schmeichelte ihm, dass sie sofort darauf ansprang, ihren Vater anzurufen. Es würde die Zeit zeigen, wie sich seine Tochter entwickeln würde. Doch hoffte er, dass seine Erziehung Früchte tragen würde und der kleine Wirbelwind auch als heranwachsende noch immer die Basis des Vertrauens zu ihm besaß, wie es jetzt der Fall war.
      "Das will ich auch hoffen...", murmelte Ethan mehr zu sich selbst als zu den beiden anderen. Er setzte dem Wuschelkopf die Mütze auf und nickte Mikey freundlich zu, nebenbei die Akte von dem Tisch klaubend. Diese müsste nun wirklich bis heute Abend warten. Hoffentlich kämen sie nicht in die Rushhour nachher...
      "Bis die Tage, Mikey!", verabschiedete er sich mit lässig gehobener Hand ehe er sich mit Chris und Michelle wieder in das nasskalte Wetter hinauswagte. Glücklicherweise hatte er wirklich direkt vor dem Diner gehalten und bis auf einige Tropfen konnte der Wolkenbruch sie nicht erreichen. Michelle nahm auf dem Rücksitz platz und schnallte sich brav an, während Ethan ihr eines der Bücher reichte, welches sie in letzter Zeit so liebte. Damit sollte die Fahrt für sie weniger langweilig sein.
      "Wie zur Hölle kam Evie auf die Idee, einfach mal nach New York zu fliegen?" Er selbst schüttelte den Kopf und strich sich die längeren Strähnen aus der Stirn, ehe er den dunklen Chevrolet in den Verkehr einfädelte.
      "Ich hoffe doch du gibst ihr eine Standpauke, wenn wir sie vom Flughafen eingesammelt haben. Und Eric hätte auch eine verdient... Eine gewaltige.", grummelte er vor sich hin. Es war absolut unverantwortlich von ihm. Das wäre genauso als würde er Michelle alleine durch New York laufen lassen, damit sie zur Schule käme. Nein, ausgeschlossen- der Gedanke allein ließ ihn schaudern. Auch wenn die vergangene Ehe ein Albtraum gewesen ist, so konnte sein Kleines nichts dafür und er würde sich bestmöglich um sie kümmern, solange er konnte. Arbeit hin oder her.

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    • Chris folgte seinem Freund nach draußen zu dessen Wagen, in dem er schon so oft gesessen hatte. In gewisser Hinsicht war es faszinierend, wie leicht man ohne eigenes Auto existieren konnte.
      "Das kommt davon, wenn man einer Fünfzehnjährigen eine Kreditkarte 'für Notfälle' gibt. Zugegeben, wenn man die Tochter eines gefragten, internationalen Verhandlungsführers und einer Versicherungsangestellten der Superlative ist, dann kann das durchaus Sinn machen - genauso wie das Training in Selbstverteidigung und wie man am besten damit umgeht, entführt worden zu sein - aber dabei gibt es auch ein Problem: Die Kreditkarte ist leichter anzuwenden als die anderen beiden Punkte und auch um einiges praktischer. Es würde mich nicht wundern, wenn sie einen Freund in Erics Firma hat, der berechtigte Unterschriften geben kann. Überraschend ist nur, dass Evie diesmal wirklich in einen Flieger gestiegen ist. Normalerweise geht sie nur in die nächste Stadt, geht mit ihren Freundinnen shoppen und kriegt dann eine Standpauke der Betreuer im Internat."
      Chris schnallte sich an und tippte bereits eine Nachricht an Natalie, die Mutter von Evie und Ex-Frau seines Bruders. Sie war wesentlich freundlicher auf ihn zu sprechen, als auf Eric, auch wenn ihr Umgangston bei weitem nicht so eine Kriegszone war wie die von Ethan und Laureen.
      Er informierte Natalie darüber, dass Evie sicher und bei ihm war, dass Eric Bescheid wusste und dass er sich bereits darum kümmerte, den Papierkram zu erledigen, damit Evie schnellstmöglich nach Paris zu ihrer Mutter konnte. Wohin es dann für das Mädchen ging, war Chris ehrlich gesagt egal, das war nicht seine Aufgabe. Er hatte weiß Gott genug um die Ohren, um sich nicht auch noch darüber Gedanken machen zu können.
      "Ich könnte ihn umbringen, weißt du? Niemand würde es merken. Ich kenne die Tricks. Er wäre einfach weg. Aber dann würde ich von meiner Mutter eins übergezogen bekommen und davor habe ich richtig Angst. Das ist das Einzige, was mich davon abhält. Eric hat gewaltiges Glück, ich sag's dir."
    • Ethan ließ nur ein unterdrücktes Schnauben ertönen. Sicher, er wollte nicht offen schlecht über den Bruder seines besten Freundes sprechen. Doch fiel es ihm gerade sichtlich schwer, seine offene Meinung zurückzuhalten. Dunkel erinnerte es ihn zum Teil an seinen Vater, welcher mit seinen finanziellen Mitteln hausieren gegangen war. Eric war zwar keiner dieser schmierigen Politiker, doch seine Arbeit war und blieb wohl noch immer seine einzige wahre Liebe. Dass seine Tochter dann die goldene Karte von ihrem Vater plünderte... Ethan biss sich auf die Zunge um nichts zu sagen. Er war der Meinung, dass Kinder behutsam an die Thematik Geld herangeführt werden sollten. Gab man ihm alle Mittel, welche sie begehrten, verloren sie die Achtung vor den finanziellen Mitteln. Das hatte Ethan live bei seinen sogenannten Geschwistern erlebt. Die Zwillinge waren durch und durch von dem Status und dem Reichtum verzogen, schmissen die Dollarnoten geradezu aus dem Fenster, da sie genügend davon besaßen. Nein, Ethan würde bei seiner Tochter nicht denselben Fehler machen. Sie sollte lernen, dass man sich etwas erarbeiten musste, wenn man es unbedingt haben wollte. Bei jenen Sachverhalten, welche wirklich notwendig waren, sagte Ethan nichts. Und auch jetzt verwöhnte er seine Kleine ab und an mit einer neuen Überraschung. Jedoch im Rahmen, sie musste auch lernen auf etwas zu verzichten. Und für ihren späteren Verlauf der Jugend betete Ethan nahezu schon, dass Laureen sie nicht in ihr verschwenderisches Verhalten mit einbezog. Diese Frau bekam den gierigen Hals ohnehin nie voll...
      "Ich gebe dir ein Alibi, die Schaufel und den schwarzen Müllsack, für den Fall, dass du es dir noch anders überlegst.", scherzte Ethan trocken, konnte jedoch den Unmut nur zu gut verstehen.
      "Ich verstehe ihn ohnehin nicht. Ich meine, ja er kann es sich leisten aber... Muss man seinem Kind die Kreditkarte in die Hand drücken? Wie will sie denn lernen, dass man in der heutigen zeit meistens für sein Einkommen hart arbeiten muss?" Ethan selbst konnte sich über sein Gehalt nicht beschweren. Im Gegenteil, er verdiente mittlerweile gut, da er in seinem Rang aufgestiegen war. Die schweren Fälle, die dauernden Doppelschichten- das alles sorgte für eine recht ansehnliche Summe am Ende des Monats. Und trotzdem ging er sparsam damit um. Michelle würde irgendwann ein College besuchen oder sogar zur Uni gehen wollen. Er wollte vorgesorgt haben um sie dahingehend zu unterstützen.
      "Ich weiß er ist dein Bruder, aber irgendwann werde ich ihm mal erklären wie man Job mit Familie verbinden kann." Und das meinte Ethan keineswegs aus Spaß. Dieses trotzige Verhalten von Evie kam einfach aus der mangelnden Zuneigung seitens der Eltern. Man konnte es dem Kind nicht verübeln, dass sie rebellierte und abhaute.

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar
    • "Oh, ich will sehen, wie du es versuchst", scherzte Chris, "Du vergisst, aus welchem Holz Eric geschnitzt ist: Aus meinem. Und dem unserer Eltern."
      Zwar waren die älteren Beaumonts 'nur' Lehrer, doch auch die beiden waren ihrem Beruf mit Leib und Seele nachgegangen. So sehr, dass Chris und Eric mehr als einmal das Gefühl hatten, etwa fünfzig weitere Geschwister zu haben. Aber so inbrünstig ihre Eltern sich für ihre Schüler eingesetzt hatte, so sehr hatten sie auch die Zwillinge geliebt. Als Chris sich damals das Knie während eines Spiels gebrochen hatte und seine Zukunftspläne geplatzt waren, hatten sie alles getan, um ihn vor einer Abwärtsspirale zu bewahren. Und es hatte funktioniert. Selbst als er schon ausgewandert war, fanden sie Zeit und Raum, um ihn für zwei Monate zu umsorgen, während er sich in einen lebenden Burrito verwandelte und die Orientierung verlor. Seine Eltern waren immer für ihn da gewesen, ob nun mit Ratschlägen, einer Schulter zum Ausheulen oder einfach nur einem Ohr zum Zuhören. Sie waren immer da gewesen und er liebte sie dafür. Eric ging es da nicht anders, das wusste Chris einfach. Und diese Inbrunst, sich für die Arbeit und die eigene Familie einzusetzen hatten die alten Beaumonts an ihre Kinder weitergereicht, sodass Eric jetzt alles für seine Tochter tat. Außer für sie da zu sein, wie sie es brauchte. Chris wusste um die Fehler seines Bruders, er hatte sie doch auch. Aber er wusste auch, dass sich Eric bemühte. Nur war Evie anders gestrickt als er, daher knirschte es hier und da ein wenig. Hauptsächlich wegen der Arbeit.
      "Wir Beaumonts können einfach nicht anders, als zu arbeiten."
      Schon wieder klingelte Christophers Smartphone.
      "Oh oh... jetzt darf ich das ausbaden", grummelte Chris und nahm ab.
      "Maman! Ravi de vous entendre... Oui, Maman, ich habe davon gehö-.... Bitte, Maman, hör mir dochmal zu! Das Internat hat bei mir angerufen, ich bin gerade auf dem Weg zum Flughafen... Natürlich habe ich Eric angerufen.... Oui, Natalie aussi.... Alles im Griff, versprochen. Du musst dir keine Sorgen machen.... Oui.... oui, Maman, das würde bestimmt helfen... Je t'aime aussi, Maman. Au revoir."
      Mit einem Seufzen legte er wieder auf und lehnte den Kopf nach hinten gegen die Stütze des Sitzes. Wie zum Geier hatte seine Mutter das jetzt schon wieder rausgefunden?
      "Ich schätze, Eric wird eine böse Überraschung erleben, wenn er das nächste Mal seine Mailbox abhört", lachte er dann.
      Wenigstens bezahlte sein Bruder ordentlich für dieses kleine Abenteuer.
      "Und genau deswegen, Michelle, sagt man Bescheid, wenn man weggeht", erklärte Chris über den Rückspiegel nach hinten.
      "Ist genauso wie im ersten 'Schneekönigin', als Anna einfach weggerannt ist. Erinnerst du dich? Das fand auch niemand lustig und am Ende hat ein böser Prinz das Königreich klauen wollen."
    • Ethan grinste nur breit. Ja, die Beaumonts waren durch und durch arbeitsliebende Menschen, welche stehts hinter ihren Werken standen. Kein Zweifel. Und wenn Eric nur halb so wortgewandt wie sein Zwilling wäre, hätte Ethan womöglich selbst kaum eine Chance zu Wort zu kommen.
      "Du vergisst, was ich beruflich mache. Jemanden dezent in die Ecke zu drängen ist Teil meines Jobs, mein Lieber.", scherzte er trocken, schüttelte jedoch gleich den Kopf. Nein, Chris hatte recht. Es stand ihm nicht unbedingt zu sich in die Angelegenheiten einer fremden Familie einzumischen. Auch wenn ihn der Umstand noch immer ärgerte, dass Evie sich mittlerweile in diese Richtung entwickelt hatte und sogar soweit ging, ein solches Risiko auf sich zu nehmen. Die Welt war gefährlich genug für jeden Erwachsenen. Aber für ein Kind, oder einer jungen Frau, welche noch dahin kommen wollte, überwog seine Sorge deutlich mehr. Er warf an der Kreuzung einen kurzen Seitenblick, als er die englischen gesprächsfetzen mitbekam. Wenn man von der teuflischen Familie der Beaumonts sprach, offenbar war Chris seine Mutter schon wohl informiert über den Schlamassel. Erstaunlich, diese Frau sollte eventuell nachdenken, in ihre Branche zu wechseln. Sie gelangte schneller an Informationen als Ethan, wenn er auf die Zeugenaussagen angewiesen war. Nun, Eric könnte sich definitiv auf ein Donnerwetter von allen Seiten gefasst machen. Nicht nur von seiner Exfrau, jetzt auch von der eigenen Mutter und wohl auch seinem eigenen Kind. Kurz überlegte der Braunhaarige ob er Mitleid empfinden sollte, entschied sich jedoch dagegen. Der Geschäftsmann war selbst schuld an der Situation und hoffentlich wäre es zumindest eine kleine Lehre für ihn.
      Michelle sah von ihrem Bilderbuch auf und sah Chris mit großen Augen an.
      "Ich gehe nicht weg, wenn Daddy nicht mitkommt. Ich bin nicht so dumm wie Anna! Elsa ist auch weggerannt und dann war alles voll mit Eis!" Ethan gluckste vergnügt.
      "Bitte sag mir, dass du das aufgenommen hast. Ich spiele es ihr in fünf Jahren ab." Amüsiert huschte dein Blick selbst kurz zu dem Kind, welches sich wieder ihrem Buch gewidmet hatte. Er wünschte wirklich, sie würde in einigen Jahren zumindest ähnlich denken. Aber trotzdem konnte sie nicht immer seine Hand halten, wenn sie selbst Fuß in der Welt fassen wollte.

      Nach unzähligen Minuten durch den grauen Verkehr erreichten sie irgendwann den besagten Flughafen. Trotz des Wetters herrschte hier wie immer ein reges Treiben. Den Motor abstellend blickte der Polizist kurz durch das Fenster des Beifahrers und sah den hastig laufenden Menschen dabei zu, wie sie in das nächstbeste Taxi stiegen, um dem Regenguss zu entkommen.
      "Wir warten hier auf dich und Evie. Ich möchte Michelle ungern mit in diesen Trubel ziehen." Sie im Auto lassen stand jedoch ebenso wenig zur Debatte. Ethan warf Chris einen fragenden Blick zu, ob es für ihn okay wäre, ehe er mit seinem Freund ausstieg um sich wenigstens einen Glimmstängel anzuzünden. Regen hin oder her, das war ihm jetzt egal.
      "Warn Evie vor, dass sie mit einem Bilderbuch überfallen wird, sobald sie einsteigt."

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      -Lucia | The fallen Morningstar
    • Auf dem Weg zum Flughafen schrieb Chris noch einige Nachrichten. Seine Assistentin musste jetzt Termin umwerfen und verschieben, er informierte sich über den nötigen Papierkram und begann schon einmal, dafür alles zusammen zu suchen. Zwischendrin bekam er auch noch eine Nachricht von Natalie, die schlussendlich sogar anrief, kaum dass sie einen Parkplatz am Flughafen gefunden hatte. Er unterhielt sich schnell mit ihr und erklärte ihr die Situation, beruhigte sie und lenkte ihren Ärger Richtung Evie, wo er hingehörte, bevor er auflegte.
      "Von mir aus kann sie das gern gegen den Kopf bekommen. Bis gleich."
      Zügigen Schrittes machte sich Chris auf den Weg in das Gebäude und rüber zur Ankunftshalle. Auf dem Weg hatte er sich ebenfalls darüber informiert, wo der aktuelle Flug aus Montreal denn landen würde und wann.

      Es dauerte ein bisschen, aber schlussendlich fand Chris seine Nichte in der Welle von Menschen, die in die Halle strömte. Sie starrte auf ihr Smartphone und war damit beschäftigt, sich eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren, als er sich ihr frech in den Weg stellte. Sie lief frontal in ihn hinein und fluchte laut, ehe sie sich entschuldigte. Erst dann realisierte sie, wen sie da eigentlich angerempelt hatte.
      "Onkel Chris!", rief sie freudig aus, doch dann wurde ihr klar, dass er nicht hier sein sollte, "Woher-"
      "Woher weiß ich, dass du gerade in New York gelandet bist und nicht in Montreal in der Schule bist? Dir ist das vielleicht neu, aber wenn kinder verschwinden, dann werden die nächsten Verwandten und Freunde angerufen. In deinem Fall konnte man sogar eine gewisse Kreditkarte zurückverfolgen. Die ist für Notfälle, Evie."
      Der Tadel kam an. Das Mädchen, das mit den schokobraunen Haaren und Augen ein Abbild ihrer Mutter war, aber mit ihrem Dickschädel definitiv aus dem Hause Beaumont stammte, sah aus wie ein geschlagener Hund. Chris seufzte und nahm sie in den Arm.
      "Ich bin nur froh, dass es dir gut geht und das alles eine dumme Idee aus dem hübschen Köpfchen ist und nicht mehr."
      Das Risiko, dass sich jemand an Evie vergreifen könnte, war hoch in Anbetracht der Tätigkeit ihres Vaters. Das wussten ihre Eltern, das wusste das Mädchen. Gerade deshalb war diese Idee ja so dumm.
      "Ruf das nächste Mal vorher an. Und sorg dafür, dass es in den Ferien oder am Wochenende ist, okay?"
      "Okay."
      Er führte Evie nach draußen, zurück zu Ethans Wagen.
      "Ethan, das ist meine Nichte Evie. Evie, das ist Ethan. Und das da drin ist seine Tochter Michelle."
      Evie hob zur Begrüßung kurz die Hand und musterte Ethan.
      "Du hast immer noch kein Auto?", fragte sie dann Chris.
      "Ich bin Single in New York, ich brauche keins."
      "Also stellst du deine Freunde dazu ab, Taxi zu spielen?"
      "Evie..."
      "Ich mein ja nur. Könntest dir auch endlich mal einen Freund zulegen. Ich halt die Klappe, wenn der ein Auto hat."
      Chris warf seiner Nichte einen Seitenblick zu, sie schielte übertrieben in Ethans Richtung.
      "Pack deinen Koffer in den Wagen und steig ein, anstatt die Gedanken über mein Liebesleben zu machen, das dich nicht das Geringste angeht. Glaub ja nicht, dass du aus dieser Sache hier schon raus bist."
      Grummelnd verzog sich das Mädchen und verfrachtete ihr Gebäck in den Kofferraum. Sie war leicht gereist, hatte offensichtlich nicht länger als ein paar Tage im Sinn gehabt. Cleveres Mädchen. Sie hatte diese ganze Sache geplant.
      Evie stieg ein und stellte sich Michelle vor. Sie verloren sich sofort in Gesprächen über Elsas Kleid und wie süß das Rentier doch war.
      "Entschuldige bitte", meinte Chris zu Ethan, "Sie wollte mich schon immer verkuppeln. Und jetzt, im Aufschwung ihrer Hormone, ist es geradezu das einzige Thema, mit dem sie mich konfrontiert."
    • Ethan blieb an den Wagen gelehnt stehen, mit erleichtertem Blick gen Himmel als der Regen zumindest für einen Moment abflaute. Er nutzte die Wartezeit um endlich die Zigarette nachzuholen, die er dank seinem Besuch im Revier verschmäht hatte. Sie etwas schützend vor dem kühlen Nass haltend sah er mal hier hin, dort hin. Er sah die hunderten Gesichter der Menschen welche alle in ihrem eigenen Trott gefangen waren und den Zielen nachgingen, welche sie sich gestellt hatten. Die bereits feuchten langen Haare zurückstreichend zog er abermals an dem Glimmstängel. Er konnte nicht verhindern, dass seine Augen in der Menge zu suchen begannen. Hatte Chris die Kleine gefunden? War sie sicher angekommen? Er bewunderte ungewollt den Mut des Mädchens, sich einfach selbst um eine Reise zu kümmern und diese auch durchzuziehen… Sie war definitiv mutig, das wollte er nicht bestreiten. Aber eben genauso töricht. Mit Seitenblick zu seinem eigenen Kind schüttelte er den Kopf. Er würde definitiv lieber in einer Zelle verrotten, als es soweit kommen zu lassen, dass sein eigenes Kind aus Trotz vor ihm davonlief. Michelle schien ganz versunken in ihr Buch zu sein. Wenn sie sich einmal auf etwas konzentrierte war sie wirklich für eine ganze Weile beschäftigt. In der begonnenen Schule kam es ihr auch zu Gute, dass sie durchaus in der Lage war, still zu sitzen und sich auf eine Sache zu fokussieren.

      Die Augen im Ton der Haselnuss entdeckten schließlich Chris mit einem braunhaarigen Mädchen an seiner Seite. Er schnippte den Glimmstängel weg und richtete sich etwas auf, um die beiden in Empfang zu nehmen. Evie ein freundliches Lächeln schenkend verfolgte er die Konversation der beiden stumm, zog lediglich eine Braue hoch und seine Mundwinkel zuckten. Er musste wirklich an sich halten, dass er nicht losprustete. Die Kleine war wirklich nicht auf den Mund gefallen, das musste man ihr lassen. Amüsiert sah er ihr zu, wie Evie sich gleich seiner Tochter annahm und mit ihr über den momentanen Lieblingsfilm sprach.
      Grinsend winkte er die Entschuldigung seines Freundes ab. Das war nun wirklich nichts, wofür er sich zu entschuldigen brauchte.
      „Mach dir keinen Kopf. Du wirst mein Leidensgenosse, wenn meine Tochter in das Alter kommt, in dem sie ihren Dad mit jedem zweiten Mann verkuppeln will.“ Nun doch ein leises Lachen von sich gebend öffnete er seine Fahrertür. Diese Zeit würde definitiv kommen und Ethan wollte sich gar nicht ausmalen, wie seine Tochter damit umgehen würde. Wie er Laureen kannte würde sie das Ganze in ein feindliches, schlechtes Licht rücken wollen, doch war die heutige Gesellschaft in der Hinsicht glücklicherweise einen Schritt weiter. Auch wenn Ethan ohnehin mit seiner Arbeit viel zu eingespannt war, als dass er sich Gedanken um eine Beziehung machen würde.
      „Aber bis dahin spiele ich gerne Taxi.“, zwinkerte er Christopher frech zu ehe er selbst einstieg und einen kurzen Blick zu den beiden Mädchen warf. Natürlich nahm Michelle ihre neugefundene Freundin gleich ganz begeistert an und hatte das Buch zwischen sie beide gelegt, redete angeregt über den erst gestern gesehenen Film. Sie schienen sich zumindest zu verstehen, trotz des Altersunterschiedes. Zufrieden damit wartete er, bis der Anwalt neben ihm Platz genommen hatte.

      „Dann bringen wir die Flüchtige mal nach Hause, was?“, meinte er mit fragenden Blick zu dem Blauäugigen. Er nahm zumindest an, dass Chris die Ausreißerin vorerst zu sich nach Hause bringen würde, um dort sich um alle weiteren Angelegenheiten zu kümmern. Die Adresse bräuchte er dennoch, zumindest kam Ethan bislang noch nicht in das Vergnügen, das Heim seines Freundes aufzusuchen. Meistens waren sie derart mit den Fällen beschäftigt, dass sie das Büro selten verließen. Vielleicht mal bei Mikey’s eine etwas entspanntere Besprechung, aber das war bislang das Einzige. Wenn sie die Arbeit jedoch noch mit in ihr zu Hause nehmen würden, um dort weiter zu diskutieren, wären sie offiziell im Status des Worcaholic angekommen. Wobei Ethan dahingehend die Regelung die er vor Jahren getroffen hatte, tatsächlich gesprengt hatte. Manchmal brauchte er die Ruhe und einen Drink um über einen Fall nachzudenken, das ging nun mal am besten auf seiner einladenden Couch.

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    • Sollte sich Christopher jetzt schlecht fühlen? Sollte er davon betroffen sein, dass er seine Freunde ausnutzte? Wenn ja, dann war dem nicht so. Denn Chris war sich keiner Schuld bewusst. Er nahm oft genug ein Taxi oder rief ich einen Uber. Wenn Ethan ihn fuhr, dann war das zumeist sogar auf dessen Mist gewachsen - so wie jetzt gerade. Klar, er fragte nicht selten, aber Ethan könnte ja auch einfach Nein sagen.
      Mit reinem Gewissen stieg der Anwalt also in das Auto. Er nannte dem Polizisten seine Adresse und schickte dann eine Nachricht an jeden, der beteiligt war, dass Evie sicher bei ihm in New York angekommen war.

      "Wie kommt's, dass du immer noch Single bist, Onkel Chris?"
      Er verdrehte die Augen. Natürlich musste das jetzt sein und konnte nicht warten, bis sie allein waren. Es wäre ja auch zu schön gewesen, ein privates Thema, privat zu besprechen.
      "Wie kommt's, dass du nicht in Montreal bist?"
      "Mir war langweilig und ich wollte Dad eins auswischen, weil er letztes Wochenende nicht aufgekreuzt ist, wie er es versprochen hat. Du bist dran."
      Wenigstens bekam Chris so ein bisschen Kontext zur aktuellen Situation. Er würde wohl mitspielen müssen.
      "Ich würde sagen, ich bin aus dem gleichen Grund Single, aus dem es dein Vater auch ist", antwortete er seufzend.
      "Dad hat aber 'ne Freundin."
      "Was?"
      "Jap. Seit ein paar Wochen. Hat sie wohl bei der Arbeit kennengelernt. Sie ist beim FBI, glaub ich. Irgendwas offizielles. Und sie ist Amerikanerin."
      "Woher weißt du das alles, wenn er doch nie auftaucht."
      "Kevin. Er verrät mir immer, wo Dad gerade ist und kann ziemlich gesprächig sein."
      Wie der Vater, so die Tochter. Es wunderte Chris nicht im Geringsten, dass Evie die Infos erielt, die sie haben wollte. Sie hatte schon früh gezeigt, dass sie das Talent ihres Vaters hatte und dass dieser ihr immer wieder Ratschläge gab, wie man verhandelte, machte die Sache nicht besser.
      "Du weichst der Frage aus. Warum bis du immer noch Single? In New York rennen doch genug Typen rum."
      Vielleicht sollte auch Chris aufhören, diesem Mädchen Tips zu geben, wie man eine Unterhaltung steuerte.
      "Ich arbeite viel. Ich fange sehr früh an und höre sehr spät auf. Die Menschen, die ich treffe, sind entweder meine Kollegen oder Angeklagte. Letzteres nicht unbedingt Datingmaterial und meine Kollegen... ich drücke es mal so aus: Nicht mein Geschmack. Können wir jetzt bitte aufhören, über mein Liebesleben zu sprechen?!"
      "Ich wette, ich könnte dir ein Date besorgen."
      "Evie!"
      "Bin ja schon still."
      Doch Chris wusste es besser. Dieses Mädchen würde ihm ein Blind Date aufzwingen, bevor er die Chance hatte, sie in einen Flieger nach Paris zu setzen.
      Seufzend lehnte er den Kopf gegen die Lehne und schloss die Augen. Hoffentlich waren sie bald da.

      "Nett, Sie kennenzulernen, Ethan. Danke fürs fahren. Sie hätten nicht zufällig Interesse an einem attraktiven-"
      "Hier ist dein Koffer. Und jetzt rein mit dir!"
      Chris scheuchte das Mädchen in Richtung Eingang des Hochhauses, wo sie auf ihn warten sollte. Der Portier kannte sie nicht, also würde er sie nicht einfach zu den Wohnungen lassen, bis Chris eintraf.
      "Es tut mir so leid, dass du das miterleben musstest. Sie wird es sich zur Aufgabe machen, mich zu verkuppel und niemand in meinem Umfeld wird verschont. Tut mir wirklich leid."
      "Ich mag sie!", kam vom Rücksitz und Chris lächelte verzweifelt.
      "Das freut mich, Kleines. Vielleicht können wir die Woche mal gemeinsam bei Mikey's essen? Evie ist ein großer Disney Fan, ihr habt bestimmt viel zum Reden."
      Das Mädchen jubelte.
      "Tut mir leid, Ethan. Sie meint es nur gut, sie hat nur keinen Filter."

      Nach der dritten Entschuldigung schloss Chris schließlich die Tür des Wagens und machte sich auf den Weg nach drinnen. Der Portier trug Evie Gast ein und schon waren sie auf dem Weg nach oben zu seinem Apartment.
      "Ethan scheint nett zu sein", kommentierte Evie, als sie ihren Koffer neben der Tür abstellte.
      "Ist er auch."
      "Verheiratet?"
      "Nicht mehr."
      "Hetero?"
      "Evie..."
      "Ist er's?"
      Chris seufzte.
      "Nicht mehr. Aber das heißt nicht, dass du uns verkuppeln kannst."
      "Hm. Das ist, was du sagst."
      Sie schwang sich über die Rückenlehne des Sofas und schaltete den großen Fernseher ein. Binnen weniger Sekunden hatte sie sich in ihren Disney+ Account eingeloggt.
      "Überleg doch mal", erklärte sie, während sie durch ihre Liste an Filmen scrollte, "Er ist perfekt! Er ist Polizist, richtig? Du bist Staatsanwalt. Ihr arbeitet sowie so schon zusammen. Er ist - wie du sagst - nett, offensichtlich ein guter Vater und er sieht gut aus."
      "Hast du schonmal darüber nachgedacht, dass ich vielleicht gerade keine Beziehung will?"
      "Red dich nicht raus, Onkel Chris. Du bist das, was ich touch starved nenne. Ein Blick reicht, um zu sehen, dass du dich nach menschlichem Kontakt sehnst. Du schreist geradezu danach."
      "Aha. Und deiner Meinung nach kann nur eine Beziehung zu meinem Freund und Kollegen dieses Problem lösen?"
      "Das oder sinnlose One Night Stands. Aber das ist nicht dein Stil. Du bist der Typ für was Längerfristiges."
      Und so begann ein unproduktiver Nachmittag mit den Datingtipps eines Teenagers, während die Disney-Klassiker im Hintergrund liefen. Chris überlegte, ob das unter Folter fiel und er hier irgendwie als Kriegsgefangener Anspruch auf Entschädigung hatte. Aber für den Augenblick musste er es über sich ergehen lassen.
    • Die Autofahrt war gelinde gesagt…seltsam für den Polizisten. Ethan wusste nicht so recht, ob er seinen Freund bemitleiden sollte oder nicht. Die Kleine hatte Feuer, das wurde bereits klar, als sie Chris unverblümt nach seinem Liebesleben befragte. Der Brünette kämpfte wirklich dagegen an, nicht zu grinsen. Ein wenig amüsant war es ja schon, wie der sonst so gefasste Staatsanwalt von einer jungen Dame in die Ecke gedrängt wurde. Eines musste man dieser Familie lassen, Reden konnten sie wie kaum ein anderer. Ethan hielt sich im Hintergrund und wusste auch nichts zu sagen. Er folgte lieber der Anweisung des Navis, warf jedoch ab und an einen Seitenblick zu dem Schwarzhaarigen. Oder einen in den Rückspiegel, wo die beiden Kinder saßen. Wenigstens wusste er jetzt was Chris damit meinte, die Entspannung müsse noch warten. Evie schien diese meisterhaft zu durchbrechen. Sollte er Chris vielleicht in Schutzhaft nehmen? Für den Fall, dass er gegen seinen Willen zu irgendwelchen Blinddates gezwungen werden würde? Das wäre womöglich ein Bild für die Götter, aber nein. Ethan wusste, der Mann neben ihm würde schon klarkommen. Irgendwie.

      Ein wenig peinlich berührt lächelte Ethan und schüttelte den Kopf.
      „Nein, schon gut. Du kannst ja nichts dafür. Sorg‘ nur dafür, dass sie nicht noch einmal abhaut.“, waren seine Worte zum Abschied, als sich der Anwalt verabschiedete. Nicht ohne dass Michelle ihm noch ein freudiges „Auf Wiedersehen, Onkel Chris!“, zurief. Wieder alleine mit seiner Tochter sah Ethan seinem Kollegen und langjährigen Freund nach, ehe er den Kopf schüttelte und endlich den Weg nach Hause einschlug. Das war…seltsam. Sehr seltsam. Hatte Evie wirklich gerade versucht, ihn mit Chris zu verkuppeln- nein falsch, umgekehrt, sie wollte ihren Onkel verkuppeln. Ein kurzes Schnauben entwich ihm, als seine Lippen amüsiert zuckten. Nun, er und der Anwalt waren beide zu sehr mit ihrem Beruf verheiratet. Da würde sich die Kleine ohnehin die Zähne ausbeißen, zumal Ethan wohl kaum gutes Material für eine Partnerschaft abgeben würde. Er hatte bislang nur eine und diese war auch noch erzwungen gewesen. Nicht unbedingt etwas, was ihn glauben ließ, er würde jemals eine gesunde Bindung zustande bringen. Zumal Ethan schlichtweg keine Zeit besaß. Zwischen seinem Job und Michelle gab es kaum eine freie Minute. Und wenn er eine hatte schlief er oder arbeitete an einem weiteren Fall beim Mittag im Mikey’s. Nicht, dass er seinen Freund nicht mögen würde. Im Gegenteil, sie beide hatten genügend durchgemacht, um sich blind verstehen zu können. Nicht umsonst flehte man teils schon, dass sie gemeinsam an einem schweren Fall arbeiten sollten.
      Ein Seufzen ausstoßend und sich wirklich fragen, wieso er sich mit einem harmlosen Spaß einer Teenagerin beschäftigte, konnte er nur den Kopf über sich selbst schütteln. Das war albern…

      Zu Hause angekommen kümmerte er sich um das versprochene Puzzle mit seiner Tochter, welche natürlich nebenbei nicht mehr aufhörte, von Evie zu sprechen. Diese kleine Teufelin hatte es seiner Tochter angetan und die Siebenjährige ging bereits die Disneyfilme durch, welche sie unbedingt mit ihrer neuen Freundin besprechen wollte. Ethan schmunzelte nur, strich sanft über den braunen Schopf des Kindes und lenkte ihre Konzentration wieder auf die großen Teile des Bildes, an dem sie sich versuchte. Ein einfaches Puzzle mit dem Motiv des alten Klassikers, König der Löwen. Als Michelle schließlich beschäftigt und hochkonzentriert war- er liebte diese Eigenschaft an seinem Kind- nahm er sich erstmals wieder die Akte, welche er von Christopher bekommen hatte. Seine Augen fuhren über die Details zum Fundort, dem Autopsiebericht und den vermeidlich wenigen Informationen, welche ihm irgendwie weiterhelfen könnten. Wie zu erwarten hatte das Opfer keine Probleme mit jemanden gehabt, die Arbeit lief gut und versprach keine höhergestellte Position, mit der sie interessant gewesen wäre. Das Alter war etwas jünger, als das letzte Opfer. Der Wohnort ein ganz anderer… Frustriert strich sich Ethan durch seine wirren Haare und lehnte seinen Kopf kurz an die Lehne der bequemen Sitzlandschaft seiner Couch. Die Frage, ob sie es nicht mit einem Psychopathen zu tun hatten, welcher wahllos mordete, stieg ihm zum wiederholten Male auf. Doch Ethan wollte es lieber verdrängen. Wenn dem so wären hätten er und Chris wirklich ein Problem… Dann war der Killer nicht berechenbar, sein nächstes Opfer könnte einfach jeder sein. Einem Wahnsinnigen zuvorzukommen glich einer schieren Unmöglichkeit, eher überlebte man den Sturz aus dem dritten Stock eines Wohnblockes. Entnervt schlug er die Akte wieder zu und verstaute sie in seinem Schlafzimmer im kleinen Aktenschrank, den er sich zugelegt hatte. Er war abschließbar, sodass Michelle nicht durch Zufall…diverse unschönen Bilder zu Gesicht bekommen würde. Nein, darauf achtete Ethan mit Argusaugen. Er kehrte zu ihr ins Wohnzimmer zurück und half ihr hier und dort mit einem schwierigen Teil, vorerst den Fall ruhen lassend. Nebenbei nahm er sein Smartphone zur Hand und zögerte kurz, ehe er den in Mitleidenschaft gezogenen Anwalt eine kurze, hoffentlich aufmunternde Nachricht schrieb.

      Ich hoffe Evie hat dich noch nicht in den Wahnsinn getrieben?
      Solltest du eine Schutzhaft in Erwägung ziehen, sag Bescheid, ich denke das kann ich einrichten.

      Passt auf euch auf.

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar