God's Tears: Apocrypha (Ray feat. Yasa)

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    • God's Tears: Apocrypha (Ray feat. Yasa)





      Der Wind heulte wie ein losgelassener Chor Sirenen, die ihre Stimmchen verführerisch an die von Gier durchsäuerten Sinne korrupter Imperialisten lehnten, so zuckersüß umschwirrend, als wäre "Unrecht" lediglich der Philosophie eines verrückten Wissenschaftlers entsprungen. Die Luft war so kalt, dass Aion's Atem nicht in die Schwerelosigkeit des Dunstes überging, sondern drohte, in winzige Eissplitter zu verfallen - so wie es gleichermaßen die allmählich schwindende Zuversicht tat, mit der der Mann seine "Operation" initial angetreten hatte. Ein Opfer bringen, damit die guten endlich in Ruhe das Leben führen konnten, das nicht auf den zersplitterten Scherben einer tragischen Biographie aufbaute, konnte nicht gänzlich schleicht sein... Und trotzdem hatte Aion geglaubt, er könne den niederschmetternden Schlag eines Verlusts entgehen; Schläge, die ihr Ziel nie verfehlt hatten, begriffen sie sich ebenso wenig physischer Natur wie ein verfrühter Tropensturm verzweifelter Hoffnungslosigkeit. Sollte er Schmerz und Enttäuschung schlichtweg übergehen, sich selbst die Ketten geächteten Begehrs anlegen und das Kapitel feigem Verrats endlich der Vergangenheit überreichen? Loslassen, um ein doch eigentlich nie existentes Vertrauen, das nur auf der Basis oberflächlichen Gebrauchs hatte Wert gefunden, weil das Bedürfnis nach Ehre und Macht mit der Verblendung illusorischer Richtigkeit gemessen wurde, eine Bedeutung beizuwohnen? Oder sich selbst dem Schutze der Unantastbarkeit verschreiben– dass die kostbare Unendlichkeit eines Augenblicks seine geschundenen Wunden durch das Pflaster der Zeit zu überdecken vermochte; vielleicht nicht gänzlich versiegeln, aber irgendwann der Blässe einer Erinnerung vermachen würde? Nein. Er würde sich nur der Leere einer angeflehten Illusion bedienen, die sich niemals des Kleides Realität profilieren könne. Hätte er sich tatsächlich an das Leid unstillbarer Sehnsucht gewöhnt - in all den Jahren der Einsamkeit - hätte die Angst längst nicht mehr vermocht ihre bleichen Finger um sein flatterndes Herzchen zu
      schließen. Dennoch begleitete ihn das fahle Gespenst eisiger Furcht wie ein Mantel aus frostigem Hauch.
      Der Weißhaarige seufzte leise. Wissend, dass er eigentlich das Richtige tat - in den Augen des Rechtssystems zwar minder denn in der Gesinnung unschuldiger Mitbürger und der unermüdlichen Ausdauer jener Polizisten, die oftmals nur dem "Phantom" eines Verbrechens nachjagten, war seine Gestalt ebenso diffus und verworren wie die Gründe, auf denen die Schlächter ihre Taten fundiert zu stützen versuchten - würde seine unkonventionelle Methode in der Rechtssprache wohl ebenso nichtig wie auch barbarisch deklariert.
      "Hast du das Geld?" schnitt die raue Stimme des Mannes selbstzufrieden durch die zarten Fibrillen angespannter Stille und im nächsten, verhängnisvollen Augenblick einer untrüglichen Gewissheit, von der Falle verdeckt gezogener Fäden umspannt worden zu sein, hoben sich die dressierten Silhouetten aus dem Schatten empor und zückten ihre todbringenden Teufelsgeräte, die Aion's Herzschlag schon alsbald zum Schweigen bringen sollten. Ein kühles Lächeln huschte beinahe genüsslich über die veilchengetünchten Lippen des jungen Mannes. "Natürlich. Eine Million, wie vereinbart. Aber ich befürchte, unser... Deal dürfte sich auf Grund Ihres Verhaltens selbst disqualifiziert haben." Ein düsteres Gelächter ließ die Dämonen innert unmoralischer Gelüste aufgellen; Aion konnte die Raffsucht hinter dem urkranken Geist eines machtdemonstrativen Gewaltauftakts aufblitzen sehen. Erbärmlich. "Hach. Bitte verzichten Sie auf diese... unnötig theatralische Performance. Sie werden zu Boden gehen, ehe Sie begonnen haben." "Das ist also die Versinnbildlichung autoritärer Ideologie. Das Fundament des Wahnsinns. Ich kann Ihnen versichern, dass meine Wenigkeit sich an keinem moralischen Maßstab euresgleichen orientiert." "Oh. Nun, wissen Sie, Mister... Seit Ihrem Auftauchen haben sich die Machtverhältnisse drastisch verschoben und meinem Regime obliegt es mitnichten, mein Terrain an einen närrischen Spaziergänger zu übergeben. Man hat mich bereits vor dem "Zuredner" gewarnt. Das ist doch ein... ganz passabler Codename für jemanden, der sich darauf versteht, sein Gegenüber durch die bloße Grazilität adäquater Wortgliederung zu bekehren, nicht wahr?" "Es ist kein Verbrechen, Betrüger zu betrügen. Im Gegenteil. Das Maß der Straftat verhält sich diametral zum eigentlichen Urteil." glitt der schneeverwehte Hochmut über zwei junge blassgewisperte Linien; selbige, die einst das Feuer der Leidenschaft dem Eis hatten entlocken können, schienen nun von den lautlos hinabgleitenden Kristallblumen gelähmt. Er bezweifelte, dass hinsichtlich des Sachverhalts, jegliche Liebesmüh' von Erfolg gekrönt würde, an die (nicht vorhandenen) Verstände der Beteiligten zu appellieren. "Genug. Sie haben zwei Möglichkeiten, zu mehr Optionen multipliziert es sich leider nicht. Sie schließen sich uns an, oder ich übergebe Sie Gottes Segen." Der Unterton des Rekruten bediente sich mittlerweile der knurrenden Ungeduld eines nach Blut lechzenden Raubtiers. Und womöglich diente ersteres Angebot nur zum Beschwichtigen. Schweigend hob Aion seine Schultern, nur um diese im nächsten Moment fast gleichgültig wieder sinken zu lassen. "Lukratives Angebot, ich lehne dennoch großzügig ab. Wie wäre es damit: Sie sterben nicht an akuter Bleivergiftung und ich darf meiner Wege ziehen? Andernfalls dürfen Sie sich an einer schweren Schussverletzung erfreuen oder Ihr eigenes Ableben und das Ihrer Gefährten bezeugen. Diese Alternative haben Sie wohl geflissentlich übergangen. Hören Sie, es muss nicht in Gewalt enden..."
      Die silberblauen Strahlen des Mondes begannen das tödliche Mordversprechen innerhalb wintergrautosender Augen, das die heißblütige Liebkosung einer Klinge zu erbitten ersuchte, widerzuspiegeln. Tausend kleine tänzelnde Diamanten inmitten zweier schwarzrunder Tropfen. Ein Ausdruck, dessen Schärfe ein einziger Blick genügte, um das rote Lebenselixier langsam auf der Haut hinabgleiten zu fühlen. Der Dunkelhaarige deutete mit einer nahezu achtlosen Geste das Signal zur Ouvertüre des Blutvergießens, ehe er die Arme kopfschüttelnd hinter dem Rücken verschränkte und die Todeszone zu verlassen gedachte. "Invictus maneo..." hauchte der Archai dem Winde zärtlich entgegen; fortgetragen von unsichtbaren Händen, deren Grenzenlosigkeit seine Stimme in luftige Höhen würde aufsteigen, und ungehört verhallen lassen, so wie die Schreie seiner einstigen Brüder und Schwestern. Der herannahende Sturm bedurfte keiner Wolken, keines Windes und auch keinem Firmament - er bediente sich der durchschlagenden Kraft menschenhandgeschaffener Kriegsutensilien. Und der Kugelhagel, der auf Aion hinabzuregnen drohte, gefror in der Kälte blaulodernder Flammen. Dieser flüchtige, von Reue benetzte Schmerz, der so klar und... wahrhaftig das tiefste Abyss der Verletzlichkeit eines Menschen zu erreichen vermochte, kurz, bevor der Glanz auf der Leinwand einer ganzen Geschichte erstarb, offenbarte in den letzten Sekunden wie machtlos man doch dem Gesetz zwischen Freiheit und Leben gegenüberstand. Wie viele von ihnen hätten sich zu dieser Stund ihre Liebsten an die Seite der letzten verstreichenden Atemzüge gewünscht? Wäre das ihr letzter Wunsch gewesen? Die Liebe zu verspüren, die einem die Vergebung liebevoller Freundschaft versprach? Hätten einige von ihnen überlebt, wenn der Reflex sie nicht gezwungen hätte, nochmals nach der Waffe zu greifen und ihn zu zwingen, seinen Überlebenswillen dem systematischen Abwehrmechansimus zu opfern? Vier Augenpaare starrten leblos gen Horizont. Sie wirkten, als könnten sie ihr eigenes Entschlummern aus dieser Welt noch immer nicht ganz begreifen, als ersehnte ihr plötzlicher Abschied eine zweite Chance. "Scheiße v-verdammt...! Du hast... WAS.... zum Teufel bist du?" Zaghaft schloss die Schranke zweier flatternder Augenlieder die Distanz einer verlorenen Vergebung, irgendwo verschluckt am Abgrund verblasster Einfühlsamkeit. "Was ich bin? Hmpf... Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, wer ich mal war...." Aion schüttelte den Kopf. Er ertrug die flüsternden Worte der Toten nicht länger. Und noch weniger ertrug er das Zeugnis seiner "Andersartigkeit", welches mit einer milden Wärme am Brustkorb an sich erinnern wollte und stillschweigend überprüfte, ob ein Durchschimmern oberhalb des Kragens nicht doch seinem Recht entsprach. Verächtlich schnaubend zog der Weißhaarige den Stoff enger um seinen Hals. "In 10 Minuten wird die Polizei hier eintreffen. Über die gestohlenen Juwelen werden sich die Beamten sicherlich freuen. Und... Das mit Ihren Kameraden tut mir leid. Aber sie haben mir keine Wahl gelassen." Es war nicht die Tatsache, dass seine Aktion zwei Menschenleben gekostet hatte, die seine Grundstimmung zum Verdruss verkehrte. Nein, es war der Fakt, dass er auf Grund seines Fluches anders zu sein, überlebt hatte, und deswegen erst befähig war, auf solch eine... perfide Weise sein Ziel verwirklichen zu können und Recht und Ordnung in den Teil dieser Welt zu bringen. Wie paradox... Verhindern, dass nicht die falschen getötet wurden, gründete im Mord der "Richtigen". Der Mafioso zupfte seine Sturmmaske zurecht, schloss die Finger um den Griff des Aktenkoffers und verließ den Schauplatz vereitelter Kriminalität.


      3 days later.

      4 Uhr morgens. Prüfend schweifte der Blick des Mannes an dem Winkel der Fassade entlang, hinter dessen Mauern sein zweites Herz des Schlafes langsam, friedlichen Rhythmus schlug, wie er sich selbst seine Dankbarkeit (jeder andere hätte wohl das Wort Liebe für passender empfunden) für die junge Frau einzugestehen bemühte. Ruhig und geborgen lag das Anwesen, umgeben von den sachten Wogen stummer Wellenklänge, die dem Gefilde seine Idylle versicherten, im Schatten der Gebirgskette. Kein Licht gab Verdacht auf unerwünschte Regung. Weder Seiten Kittys, noch potenzielle Verfolger, die nicht nur ihn, sondern auch seinen zwei anderen Gefährten nach dem Leben trachten würden, sobald seine Person erst einmal identifizierte wäre. Mit einem leisen metallischen Quietschen, für ihn wäre in dem Moment sogar das Fallen einer Feder zu laut gewesen, öffnete Aion die Tür und versuchte genauso leise sich seiner Schuhe zu entledigen, während er das "Tor" möglichst lautlos ins Schloss fallen zu lassen versuchte. Es war das Ende einer weiteren organisierten Kriminalität und die abermalige Rückkehr eines Schlächters, der das Wechselspiel zwischen Superheldenkomplex und kryptischer Lebensform eines Mitbewohners perfekt ausbalancierte. Seine Schnittwunde begann langsam unangenehm zu brennen; also suchte Aion im Bad nach Verbandsmaterial, ehe die Verletzung wieder anfangen würde, seinem Blute unerlaubt Ausgang zu erteilen. Etwas, dass er gerade in diesem Abschnitt seines Aufenthaltsortes verhindern müsse. Mittlerweile schien sein Puls vor Spannung schneller zu rasen als im Gefecht selbst; denn hier könne sich seine Wenigkeit einer Auseinandersetzung kaum entwinden, und eigentlich hatte er wenig Lust auf eine Rechtfertigung, auch wenn Kitty zumindest brüchig eine Halbwahrheit zustand, so würde er diese jedoch nie einlösen können. Oder wollen. Das Wissen über seine wahre Identität war gefährlich. Denn es tötete seine Träger. Vielleicht hätte er seinen Bluthochdruck erst mal regulieren sollen, bevor er mit seinen vor Kälte erstarrten krüppeligen Froschhänden die Schachteln aus der Schublade beförderte, und die Hälfte mit einem lauten Krachen zu Boden ging. Konnte das Verbandszeug nicht einfach lose in der Schublade liegen? Murrend, nicht ohne innerlich eine Salve Flüche auszustoßen, sammelte er das Verbandsbombardement ein. Jetzt musste er nur noch seine Wunde verarzten, und das Bett dürfe bald wieder seiner Funktion als 86kg schwerer Lastenträger nachkommen.

      Spoiler anzeigen
      Falls du dich jetzt fragen solltest, ob er 3 Tage verschwunden war.... Nein xD So ungefähr sieht nur seine Art der Kriminalitätsdezimierung aus, er ist quasi gerade von einer weiteren Mission zurückgekehrt. Höhö. Ich kann das Ende aber noch anpassen, wenn du dir einen anderen Prolog vorgestellt hast : )


      @Ray

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    • "Jesus... The fuck, do I really have to spend half the frigging day waiting for a criminal noob, bro?" Ganz langsam, nahezu bedrohlich ließ sein Sitznachbar die Akte sinken; und offenbarte eine lebendige Gänze schussbereiter Kommentar-Artillerien, die die dahinterliegende Missbilligung Reno's nicht durchgesetzter Anwesenheits -Abstinenz unter einem abschätzigen Lächeln zu unterstreichen gedachte. "Muss ICH unbedingt den halben Tag mit einer geistigen Energiesparlampe verbringen, die ungefähr so helle in der Birne leuchtet wie abgestellter Strom?" konterte der Blauhaarige verächtlich knurrend, zerknüllte den mit Mühe recherchierten Inhalt und warf das Papier achtlos auf den Rücksitz - nicht aus dem Fenster - für Lucian's Verhältnisse ein beinahe erfolgreich gesicherter Ehrenplatz. Der Rothaarige überging dessen pubertäre Gefühlsschwankungen geflissentlich, während er das Fernglas zum Eingang manövrierte und eine Weiterentwicklung ihres Unterfangens auch dieses Mal bedauerlicherweise auszuschließen begann. Vermutlich würden sie hier heute Abend noch stehen. Definition Arbeitszeit im Winter? Genau. Von dunkel bis dunkel. Was für ein... toller Lichtblick.
      "Tyoa bro, die brauchen halt nen Dude der properly anpacken kann, kapitsch?" "Und da haben die ausgerechnet an dich gedacht...?" Die Braue des jungen Mannes huschte so ostentativ ungläubig gen Stirn, als wäre es Reno geradewegs gelungen das Raum-Zeit-Kontinuum zu überwinden. "Yup. Why you ask?" "Hrrr... Weil's bei dir eher so ist, als würden vier Mann gleichzeitig loslassen..." "Ach fuck the shut up." "Du würdest sogar ne eins mit Würfeln schaffen, die nur sechsen haben." Gut möglich, dass Reno im merklichen Augenblick eines einzigen Wimpernschlags einen neuen Weltrekord bezüglich "Abwehrreflex" aufgestellt hatte, der sogar die Geschwindigkeitsmessung des Lichts zu übertreffen vermochte, wie seine Finger blitzartig nach der Handfeuerwaffe griffen und das kühle Metall eines herannahenden Kapitalverbrechen gegen die verletzliche Hülle einer beinahe verwirkten Existenzberechtigung lehnte. "Enough, puppy. Or I'll kill ya so hard, you'll die to death. Think 'bout it." Obwohl seine Drohung nicht unbedingt auf tödlichem Ernst beruhte, der sich zu einer reellen Gefahr (oder Mordversuch) bewahrheitete, so beabsichtigte er dennoch ein Exempel zu statuieren, wenngleich dieses nicht physischer Natur entspringen, aber sicherlich in Erinnerung ein nachhaltiges Erlebnis formen mochte. Verfluchtes Wunschdenken. Alles, was sein gekränkter Stolz durch "intensive Intervention" zu kompensieren versuchte, hatte dem Älteren nur ein müdes Grinsen entlockt. Warum war er gleich nochmal hier? Die Hand des Mafiosos hatte sich locker um den Lauf der Pistole geschlossen und schob diese innert einer geschmeidigen Geste Beiseite, weg von seiner Schläfe und der damit verbundenen Todesgefahr. "Hah. Reno-lein, ich dachte schon, du wärst völlig verweichlicht. Well done, crybaby. You passed." Schnaubend, er hätte dem Blauhaarigen zu gerne eine Abreibung verpasst,- und damit seinem Drang auf Rache nachgegeben- schwirrte durch Lucian's Kopf quasi alles, nur keine Kugel, verstaute der Jüngere das Schussinstrument wieder am Gürtel und drückte seinem Partner apodiktisch das Fernglas in die Hand. "Your turn. You're lucky mate, so you can make yourself useful at least." Zumindest verblieb jetzt etwas Zeit sein verpasstes Frühstück nachzuholen. Auch wenn das Jetzige lediglich aus leeren Kalorien und einer Menge Fett bestünde, so würde er jedenfalls seine bereits begonnene innere Verdauung aufhalten und mit Nährstoffen sättigen können, die nicht seiner eigenen Organe entstammte. Die Fingerspitzen des jungen Mannes wanderten fast feinfühlig über das sorgsam geschliffene Weinglas, das er aus den Regalen irgendeiner Antiquitätenausstellung hatte 'ausgeliehen' und befüllte die wohl mittlerweile vermisste Errungenschaft schwungvoll mit dem blassroten Inhalt. Langsam schmiegten sich die Lippen Reno's auf den leicht verdickten Rand, ehe die rötliche Spirituose gegen seine Zähne stieß, durch die schmalen Lücken hindurchglitt und genüsslich den Gaumen ihrer süßlichen Küsse bekehrte. Sogar des Schluckes sinnlicher Genuss war abenteuerlicher denn diese von Lucian organisierte Observation. Von den Burgern ganz zu Schweigen. Ein Geschmackserlebnis, dass für gewöhnlich der trivialen Lebensweise durchschnittlicher Arbeitsklaven zugedacht war, in diesem Kontext jedoch einer Ekstase gleichkommen konnte. "Scho' irgndoine Gefohr lokalüsirrt?" warf Reno nach etwa Zehn Minuten der absoluten Geräuschlosigkeit in den Raum. Das Flüstern der Stille schien den Mafioso verrückter zu machen als der Gesamtinhalt lucianisch substanzloser Gesellschaft. "Zählt Cholesterin auch dazu?" erkundigte sich der Große unter einem geringschätzigen Seitenblick. Der Rothaarige hielt binnen Sekunden in der Kaubewegung inne und ließ die Pupillen genauso tödlich vom Oberkörper bis hin zur offensichtlich überlasteten Systemsteuerung seines Partners gleiten, um diesen dann mit der Kraft durchbohrender Eiszapfen zu strafen. Leider töteten solche Blicke ihre Ziele nie. Aber verfehlen taten sie sie genauso wenig.... "Alter... Nerv nich'. Tell me, was soll die ganze Aktion hier eigentlich? Misses Boss actually weiß Bescheid, was du hier so treibst?" "Natürlich. Im Gegensatz zu dir unterrichte ich Aurelia über meine selbstständigen Nachforschungen und deren Resultate. Hach.... Vielleicht hat sie dich deshalb mitgeschickt... Weil ich dich dann im Auge habe, du kein Blödsinn anstellen kannst und sich simultan mein "Sozialabstinentes Gebaren", wie sie es einst so schön formuliert hat, an einer dilettanten Naturmilbe üben darf." "I will give you dilettante Naturmilbe, also fucking shut up. C'mon, was hat's mit dieser Operation auf sich?" "In den letzten zweieinhalb Jahren sind eine Reihe krimineller Banden hinter Gitter gewandert. Eine Kurve mit rasant exponentiellem Anstieg in so kurzer Zeit. Die Entwicklung lässt sich vor allem innerhalb skandinavischer Länder gut beobachten und nachverfolgen... Erst vor 3 Tagen hat die norwegische Polizei einen europaweit agierenden albanischen Drogenring auffliegen lassen, der sich gleichermaßen mit Juwelendiebstahl behauptet hat." "Ai... Du vermutest unser Wonderboii steckt dahinter? Hahaha. No way." "Si. Weil der Kerl, der diese Banden überführt, schlichtweg unsichtbar bleibt. Niemand kennt ihn, niemand weiß, wie er aussieht und nur Wenige scheinen überhaupt reelle Bekanntschaft mit ihm genossen zu haben. Des Weiteren wurde "Wonderboy" bereits zu unseren Blütezeiten dem Stellenwert eines "Phantoms" zugeschrieben. Da sich die Leute nur selten an das Geschehene,- gar ihn selbst - erinnern konnten, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir dieses Mal eine recht zuverlässige Spur gewittert haben." "Whuuu, great, birdy brain, we're chasing a ghost. That's all you got?" "Nein. Gleich werden wir mehr erfahren. Unser Specialguest hat soeben seine Einladung erhalten; er weiß es nur noch nicht." Ohne, dass es Lucian generell für nötig gehalten hätte, ihn über sein nächstes Verfahren zu informieren, - was hatte er selbst eigentlich erwartet? - stürmte der Mafioso aus dem Auto und überwältigte einen jungen Mann, dessen klägliche Verteidigung sich ungefähr so effektiv erwies wie die Flucht vor dem eigenen Schatten. Am Ende fand sich der arme Teufel - trotz kläglicher Gegenwehr und einer Reihe verstummter Hilferufe - halb gefesselt auf der Rückbank wieder. "W-was soll das...?! I-ich habe dir doch schon alles gesagt, was ich wusste!" "Tja, das hat wohl nicht gereicht." Die Iriden des nicht minder irritierten Rothaarigen pendelten fragend wischen den Lucian's und denen des Fremden, welcher sich noch immer erfolglos gegen die Fesseln zu erwehren ereiferte. "Nun, veränderte Verhältnisse verändern verändertes Handeln." ????? Wat de hell...
      "Zufällig verfüge ich über fundiertes Wissen deiner hauptverwalterischen Tätigkeit bei Konten für gewaschenes Geld. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit schaltest du für ein paar Minuten die Software ab, damit Millionen Gelder unbemerkt fließen können, so auch das des albanischen Drogenrings, das unglüchlierweise vorgestern festgenommen wurde. Also, was weißt du darüber?" "I-ich hab keine A-Ahnu..." "Hrr.... Ich hasse Lügner. Hör mir mal gut zu: Ich habe in der Schublade unter dem Armaturenbrett eine pritty Bohrmaschine, die sich nicht nur sehr gut darauf versteht, durch Holz zu bohren, sondern bevorzugt Haut und Knochen in ihrer Stabilität testet. Jesu Kreuzigung mal etwas modernisiert, verstehst du?" "Ok ok, du bekommst deine Infos, aber lass mich am Leben, bitte..." "Schön, dass wir uns einig werden konnten." Schön, dass er selbst noch immer kaum zu erfassen befähigt war, was Lucian mit seiner übereifrigen Aktion eigentlich genau bezwecken wollte - jedenfalls wagte Reno zu bezweifeln, dass der Typ ihm die Information vermitteln können würde, die er sich scheinbar erhoffte, zu erfahren. "Vor 3 Tagen, da... da hat mich der Boss angerufen. Er wirkte völlig aufgelöst und meinte, dass ich die Gelder so schnell wie möglich auf Offshore-Konten im Ausland übertragen solle, da er seine Festnahme nicht mehr verhindern könne..." "Und weiter?" "Nun er hat.... Mich drum gebeten der kolumbianischen Mafia, konkretisiert dem Paramilitär, mitzuteilen, sich auf keinen unbekannten Dealer oder Verhandlungspartner einzulassen, da dieser ein Spion internationaler Staats-Interessen sein könnte." "Wie sah die Person aus, männlich, weiblich, jung, alt?" "Männlich, alles andere... weiß ich nicht... Weiß ich wirklich nicht!" "Wann genau hat dein Boss angerufen?" "Das war so um... halb 1, morgens." "Also nachts..." Reno konnte nahezu ermitteln, wie Lucian's Arbeitsprozessor die erhaltenen News zu einem logischen Ergebnis zu berechnen, und dabei der Variable allmählich eine Gestalt zu verleihen versuchte, berief sich der Ältere - seines Erachtens nach - nämlich hauptsächlich auf die Merkmale Aion's, ohne dabei andere Faktoren einzukalkulieren. Er schien, übereinstimmend mit der "Obsession" Aurelias, verbissen nach ihren ehemaligen Partner zu fahnden und ließ dabei keine Gelegenheit aus, jedes noch so kleine Indiz akkurat, beinahe versessen, zu überprüfen. Dabei wäre es doch viel entspannter, die Vergangenheit endlich Ruhen zu lassen....
      "Da wäre... Noch was... Aber ich glaube kaum, dass das von Relevanz für Sie ist..." "Je mehr wir erfahren, desto besser können wir urteilen und entsprechende Maßnahmen einleiten." "Der Boss sagte, dass dieser... Mann sich einer Waffe bediente, die er zuvor noch nie gesehen hat. Da wäre so ein... bläulicher Sprengstoff wie aus dem Nichts aufgetaucht und hätte zwei seiner Leute umgebracht..." "Whut? A Firework?" "Vielleicht sowas ähnliches... Aber mehr kann ich Ihnen wirklich nicht berichten, und jetzt lassen Sie mich bitte gehen!" "Gut. Genehmigt. Ach und.... Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Du wirst niemanden auch nur ein Wörtchen davon erzählen, anderseits denke ich, dass deine kleine Tochter ein neues Zuhause bekommen wird. Habe ich mich klar ausgedrückt?" Ein schweigsames Nicken folgte. 5 Minuten später war der Mann in der frühmorgenlichen Dämmerung verschwunden. Die Augen des Blauhaarigen hatten sich zu derart schmalen Schlitzen verzogen, dass Reno anfing abzuwägen, ob ihm seine Gedankengänge entweder Kopfschmerzen bereiteten oder die Salve an Informationen schlichtweg einen Gesichtskrampf hatte ausgelöst. Er tippte auf die dritte Option. Selbstzweifel.
      DerJüngere verschränkte lässig die Arme hinter dem Kopf, lehnte seinen Rücken gähnend am Sitz und starrte nachdenklich gen Decke. "You see? Now you've got your response. No Aion." "Hmh. Wir werden sehen. Ich werde Aurelia über die neusten Sachverhalte unterrichten." "Meeen.... Aurelia, our deadly star Nemesis. Did you notice that you act like an old, devot dog? No joke, that's getting lame, dude." "Mir kann sie vertrauen. Was dich angeht..." "Stop! I AM loyal! I would never fucking do anything that could harm our organization." "Hah. Da wäre ich mir nicht so sicher. Aber gut, lassen wir es darauf bewenden."


    • Die galanten Schöpfungen der Natur wölbten sich widerstandslos im Angesicht durchsichtiger Materie, verzerrt durch die Bewegung gleichmäßig gleitender Wellen, während die Fassade ihre Schönheit in das Rot schweigsamer Schlachtfelder hüllte. Wie ein in Stein gemeißeltes Monument thronte sein Körper auf dem Untergrund (eigentlich) unerschwinglicher Preisklasse, unbewegt, als wäre Leben innerhalb dieser kafkaesken Zone eine undefinierbare Anomalie. Das femininem Willen dominierte Umfeld gehaucht im Farbton unseres Lebenselixiers, spiegelte nicht nur die visionäre Erscheinung rachedürstenden Wunsches wider; sondern drohte sich dem Mantel der Wirtlichkeit anzupassen, um Träumen ein baldiges, wahres Dasein zu erbieten. Die rote Flüssigkeit schien unter der Dynamik nachdenklich kreisender Bewegung aufzubegehren, leckte unentwegt am gläsernen Rand der Freiheit- die Freiheit, die den Fesseln prädestinierter Bestimmung längstens überdrüssig war, und tatsächlich gelang ihr die Spaltung, als ein Tropfen des Genussmittels über den Rand glitt und lautlos hinabkullerte. Auf den Lippen des Mannes begann sich unweigerlich das hämische Lächeln eines im Voraus kalkulierten Triumphs zu stehlen. Wortlos löste er seine Iriden von der grotesken Tönung verzerrter Bilder und ließ die Fingerspitze hervorschnellen, auf deren Fläche alsbald ein kleiner, einsamer Tropfen die gescheiterte Flucht zu beklagen schien. "Aion... Wenn deine Tränen sich des Schmerzes rotgehauchter Farbe bedienen, so ist mein Ziel erreicht." wisperte Lucian schnurrend, den fleischigen Vorhang über die Augen niedergelegt - das Licht in reine Dunkelheit gehüllt- ehe seine Zunge vorsichtig über die Fingerspitze huschte, um sich des lieblichen Geschmacks edlen Weines hinzugeben, für einen kurzen, unscheinbaren Augenblick der Unfehlbarkeit.
      Dann entwand sich sein Gedankengang der Ideologie rechtschaffenden Urteil's und wurde vom Stoß der Wahrheit zurück in die Realität katapultiert. Der Weg in ihr Staatsregime ward gesäumt vom karmesinroten Abendschein einer aufgehenden Sonne, die die Schmach verlorenen Widerstands im Blute ihrer Gegner widerzuspiegeln schien, und es erweckte zeitgleich den Eindruck, als befände man sich im Pharynx unbändiger Regierungsgewalt, hinter dessen Erfolg sich nur eine einzige Person den Triumph hatte rechtmäßig erstehen können.
      "Aurelia?" Die Fingerknöchel des Mannes hinterließen ein dumpfes Klopfen auf dem edel verzierten Holz, das seine Flügel alsbald in das Hauptgebiet weiblicher Autorität zu öffnen vermochte; hatte Lucian sich zwar angewöhnt seine Wenigkeit vorher anzukündigen, jedoch nie hatte er der Verhaltensetikette, Einlass geboten zu bekommen, besondere Rücksicht erteilt. So überwand der junge Mann, ohne überhaupt ansatzweise eine Antwort abzuwarten, die Schwelle vom Flure in das Büro des Oberhaupts und begann initial erst mal ihren strafenden Blick zu ignorieren. Sollte sie gefälligst froh sein, dass er ihr die neuen Sachverhalte so zuverlässig und vor allem unverfälscht zutrug.
      Geschmeidig eleganten Schrittes, die Kontur dynamisch spielender Muskeln sich dezent an feudal ummantelte Kleidung schmiegend, verfingen sich die Iriden des jungen Mannes selbstsicher, fast zärtlich triumphal, in den Pforten ätherischer Sphären; ihre Augen strahlten eine vernichtende, aber auch Respekt zollende Aura ungezähmter Verwegenheit aus. Er hätte am liebsten Stundenlang diesem ambivalenten Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Kontrolle gelauscht; so bedingungslos sich seine Treue zu Aurelia auch auf den Grundfesten absoluter Zuverlässigkeit verfestigt hatte, so konträr stand diese Eigenschaft doch zu seiner Ausstrahlung. Glich das Büro zuvor noch einer Ein-Frau-Armee, erweckte seine Präsenz plötzlich die Alarmbereitschaft, einem Rudel blutlechzender Wölfe gegenüberzustehen. "Ich stieß zu jener frühen Stund mit froher Kunde zu Euch. Und jetzt lass' deine Lippen mal ein freundliches Lächeln umspielen, Rapunzelstilzchen, bevor ich es mir anders überlege." Herrlich, dieses Toxin sprühende Knistern auf den glatten Wogen schwarzer Leinwand. Beinahe bedauerlich, dass Aurelia ihre Feinde (oder das, was sie in jenem Moment von ihm hielt) nicht auch genau mit eben jenem Blick zu töten vermochte. Nicht, dass er generell unfreundlich wäre. Dennoch, Zuverlässigkeit vermag kaum am Inbegriff der Höflichkeit orientiert. Die Arme hinter dem Rücken verschränkend, schritt der Mafioso auffällig langsam, schier lauernd, an den Rand des Schreibtisches, um die Distanz zu der jungen Dame aufzuschließen und begann seine Handflächen am Rand der Tischplatte abzustützen. "Unser Bänker, dem ich heute morgen einen... netten kleinen Besuch abgestattet habe, hat mir überraschenderweise mehr Hinweise zu unserem verschollenen Verräter liefern können, als zunächst erwartet. Es scheint, wir lägen mit unserer Vermutung richtig, dass die Polizei die Erfolge kaum ihrem Ermittlungstalent zu verdanken hat, sondern ungewollt Hilfe von außen erfährt. Ein Mann, der sich in die kriminellen Geschäfte einschleust um dann - überwiegend - nachts das organisierte Verbrechen spalten zu können und die Polizei quasi nur noch zum Einsammeln der Täter alarmiert. Und an wen erinnert uns das?" Seine Pupillen lösten sich bedächtig von den ihren; glitten durch die Scheibe hinaus zur Ferne farbverspielter Firmament- Kulisse, als wolle er Aurelia unverblümt darauf hinweisen, dass ihr "Feind" irgendwo da draußen zum Fassen auf sie wartete, ehe er sich wieder ihrem grazilen Antlitz zuwandte. "Allerdings... gibt es zugegeben eine kleine Ungereimtheit... Dieser Mann hat sich einer.... fremden, oder derzeit unbekannten Waffe bedient, die laut dem Kopfe des albanischen Drogenrings blauen Sprengsatz enthält, beziehungsweise blaue... Flammen oder sowas freisetzt. Das wiederum entspricht kaum der Person, die wir suchen. Aion hat nie mit explosiven Stoffen experimentiert. Trotzdem.... Wieso ist es überhaupt so wichtig, diesen Kerl lebendig zu lokalisieren? Vätermörder sollten ihres Blutes beraubt werden, nicht auch zuletzt seines Verrates wegen. Er verdient den Tod. Einen qualvollen, wenn du mich fragst." Verachtung und Hass, zwei Gefühlskomponente, die eine giftige Kombination aus Frust und Wut darstellten, rahmten den Unterton des Blauhaarigen wie eine abstoßende Blessur auf der Haut eines ursprünglich unverwundbaren Wesens. Vielleicht war es aber auch das Unverständnis, einen Verräter (vorerst) am Leben erhalten zu wollen, der (jedenfalls Lucian's Begehren nach) längst hätte sein Ableben beglaubigen müssen, das den jungen Mann aus seiner arroganten Ruhe heraus zu provozieren lockte. Besser, er verdränge diese Art destruktiver Rachsucht, bevor er noch auf dumme Ideen käme, welche ihn hinterher bereuen ließen. Kurz überlegte Lucian, ob er die Sache einfach selbst in die Hand nähme - er war kein großer Befürworter des Mitleids und Verhandelns, wenn die Schuld keine Vergebung mehr zu erreichen erzielte, verwarf den Gedanken aber schnell. Schweigend erhob der junge Mann den Oberkörper und wandte sich gen Ausgang, ehe er unvermittelt in der Bewegung inne hielt und Aurelia nochmal einen misstrauischen Blick zuwarf. Natürlich hatte nicht ihr dieses Misstrauen gegolten, und tatsächlich war er geneigt gewesen, die Sache mit Reno schlichtweg zu übergehen, doch die Tatsache, dass dieser glaubte, er könne über die Privilegen als Ziehsohn Agostinos verfügen und sich über das Regelwerk hinwegsetzen, verkehrte seinen Entschluss schlussendlich ins Gegenteil. Zumal sie nach Abschluss der Mission ohnehin hier zu zweit hätten auftauchen sollen. "Was Reno angeht..." merkte er ohne jeglichen Übergang an, "Nun, der ist noch unterwegs. Ich soll ausrichten, dass er bald zurück ist." Sollte er es darauf bewenden lassen? Nein. Reno's seltsame Unternehmungen stünden wohl kaum in ihrem Sinne. Oder dem seinen. "Hmh. Während der Befragung unserer Zielperson, habe ich den Eindruck gehabt... Reno sei nicht besonders begeistert über die erhaltenen Information. Vielmehr hinterließ es den Eindruck, ihn bedrücke irgendwas. Und dann, als die Uhrzeit zur Sprache kam, habe ich diese... seltsame Besorgnis in seinen Augen gesehen. Aber das ist es nicht, was mich stutzig gemacht hat. Gegen Ende wirkte er... unheimlich erleichtert. Vielleicht hat man dich schon darüber verständigt, dass unser Problemkind seit 2 Wochen hin und wieder zu unangemeldeten Alleingängen neigt. Ich möchte Reno keine bösen Absichten unterstellen, doch mit seinem Verhalten setzt er sich bewusst über die Regeln hinweg und stellt somit auch deine Autorität als Anführerin in Frage. Und zu was führen solche Unarten? Richtig. Zu Kontrollverlust. Wir wollen doch vermeiden, dass jeder seinem eigenem Grundsatz zu folgen beginnt, nicht wahr?" Ein infernalisches Lächeln liebkoste die fein geschwungenen Lippen des Blauhaarigen für einen unscheinbaren Moment, der die Zeit eines flüchtigen Zwinkerns beanspruchte. Er selbst war gespannt, welche Ausreden Reno selbst erfinden würde, um seine illegale Abenteuerlust rechtfertigen zu können. Das dürfte wahrlich... interessant werden.

      @Ray




    • Ein Seufzen entglitt den vollen, wohlgeformten Lippen Ekaterinas, den Blick in den Himmel gerichtet, bevor sie den letzten Zug ihrer Zigarette, die sie als Heilmittel ihrer Nerven noch dringend hatte rauchen müssen, gen Firmament blies und den Stummel achtlos auf den Boden warf.
      Es war kalt, kälter als die letzten Tage und es brauchte keine Krähe, die mit ihrem Gesang den Winter ankündigte. Ihr Atem zeichnete sich deutlich von der Nacht ab, als sie mit wachsamen Blicken um sich, den Kragen des schwarzen Mantels nach oben schlug, die hohen Schuhe seichte von ihren Füßen streifte und in die Hand nahm.
      Kälte empfing sie, als ihre bloßen Füße den eiskalten Stein der gepflasterten Allee vor dem Anwesen berührten, bevor sie sich weiter ihres Weges begab. Wie eine Katze schlüpfte sie geräuschlos durch das eiserne Tor, das zarte Aufprallen der Wellen gegen die Klippen am Rande des Anwesens, im Rücken. Es war eine ruhige, klare Nacht, die die nächtliche Spaziergängerin unter ihre Fittiche nahm und ihr das Gefühl von Geborgenheit und häusliche Wärme vermittelte. Die tausend Himmelskörper, die über ihrem Kopf funkelten, strahlten ihr freundlich entgegen und schienen sie zu begrüßen und zuhause willkommen zu heißen.
      Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich einen Ruck gab, ihren Weg fortzusetzen, denn erneut war sie trotz aller Qualen stehen geblieben, um das Lichtspiel der Sterne am Himmel zu betrachten, statt so schnell wie möglich die Allee zu durchmaßen und rechtzeitig in ihren Gemächern anzukommen.
      Bis auf das Aufprallen der Wellen, war weit und breit nichts zu hören. Kirchenstille umgab die schleichende Gestalt und es erschien ihr, als würde die gesamte Welt sich sicher in ihrem Schlaf wiegen.
      Doch dem war nicht so. Kitty konnte ihr eigenes Herz noch immer bis zum Halse schlagen hören, das Klirren der Messer, die aufeinandergetroffen waren und ihr eigenes Aufstöhnen, als sie erschrocken zurückgewichen war. Seit mehreren Wochen schon, war sie den anzugtragenden Aktionären gefolgt und hatte sich langsam in ihre Gedanken und in ihr Netzwerk eingebracht. Schwerwiegende Worte hatte sie gehört und Informationen höchster Bedeutung gesammelt. Nacht für Nacht hatte sie sich aus dem Haus geschlichen, nachdem sie Aiden sicher ins Bett gebracht hatte und die Gefahr nicht weiter bestand, dass Tobi, wie sie ihren Schützling mittlerweile nannte, sie erwischen könnte.
      Heute war das anders. Heute hatte sie den Mann nirgendswo erblicken, geschweige einen Plan B verfassen können. Sie hatte auch den ganzen Weg hierher überhaupt nicht daran gedacht, was sie im Falle einer Begegnung mit ihrem älteren Mitbewohner sagen oder tun würde.

      So klar der Himmel über ihrem Kopf war, desto mehr waren Kittys Sinne geschwächt und getrübt. Es bedurfte großer Anstrengung lautlos durch die Nacht zu schleichen, mit ihr zu verschmelzen und die schwere Tür des Anwesens zu schließen, ohne, dass davon jemand Wind bekam. Die Unmengen an Alkohol, die Zigaretten und das Adrenalin schlugen immer noch Wellen in Kittys Kopf und wenn sie an sich heruntersah, könnte sie bei dem erbärmlichen Anblick schreien.
      Mit höchster Präzision drückte sie die Klinke nach unten, schloss die Tür ohne dabei ein Geräusch zu machen und dankte den Himmeln zum tausendsten Mal. Für einen kurzen Augenblick hielt Kitty den Atem an, wartete bis ihre Augen sich an die vollkommene Finsternis gewöhnt hatten und trat den Weg zu ihrem Zimmer an.
      Auf Zehenspitzen begab sie sich in den ersten Stock, als eine Welle von Übelkeit sie ergriff. Sie hielt sich den Kopf, lehnte sich für einen Augenblick schwer atmend an die gegenüberliegende Wand und versuchte ihre Fassung wieder zu erlangen. Langsam fühlte sie, wie die ersten, hauchzarten Schweißperlen ihre Stirn hinabtröpfelten. Die Wärme im inneren des Hauses schlug ihr ins Gesicht, verdichtete den Nebel in ihrem Kopf und ließ sie gleichzeitig wieder ihre Gliedmaßen fühlen. Mit den hochhackigen Schuhen in der Hand, quälte sie sich wieder auf die Beine und zum ersten Mal seit sie das Casino verlassen hatte, fühlte sie den brennenden Schmerz ihrer Schnittwunde.
      Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie schleichend, aber sicher, ihren Weg fortsetzte und an Aidens Zimmer vorbeikam. Voller Entsetzen stellte sie fest, dass die Tür des Kinderzimmers einen Spalt weit offen war.
      Kitty blieb stehen.
      Ein einsamer, fahler Lichtstrahl drang durch einen Spalt im Vorhang in das Zimmer, warf ungeheure Schatten ausgestopfter Tiere, - die Aiden sammelte und Kitty schon seit eher Angst einjagten -, an die Wände, bevor er einen Teil des friedlich schlafenden Kindergesichts erleuchtete.
      Der Anblick erfüllte ihr Herz mit Wärme. Lautlos formten ihre Lippen eine Entschuldigung an das Kind und an die Himmel, für die Gefahr, in der Kitty alle begab, doch ihr blieb keine andere Wahl. Sie musste sich fügen. Nur noch ein wenig.
      Und sie musste gehen, bevor auch nur der Hauch eines Bluttropfens den weiß-karierten Teppich im Flur berührte und Kittys Bemühungen umsonst waren. Niemals würde jemand glauben, sie habe Nasenbluten gehabt, ohne den Boden zu wischen.
      Endlich am Ende des Flurs in ihrem Zimmer angekommen, schloss sie hinter sich die Tür, warf ihre Schuhe, deren Anblick sie es leid war, in die von Klamottenbergen gezierte Ecke, und streifte den schwarzen Mantel von ihren Schultern. Sie schloss die dichten, bordeauxfarbenen Vorhänge, bevor sie die einzige, fahle Lichtquelle in ihrem Zimmer entfachte und die Kerze auf dem Nachtkästchen anzündete.
      Die rosafarbene Perücke riss sie sich anschließend nahezu gewaltvoll vom Kopf und gewährte den pechschwarzen Wellen ihrer gebürtigen Haarpracht, endlich ihre Freiheit. Die zerzausten Haare, die zuvor noch penibel zu einem strengen Knoten zusammengebunden waren, fielen ihr nun sanft über den Rücken, als Kitty vor dem Spiegel stehen blieb und das erbärmliche Bild einer verlorenen Seele erblickte. Das weiße Spitzenkleid, das mit kleinen, funkelnden Diamanten benetzt war und an die Sterne selbst erinnerte, schmiegte sich eng an ihrem wohlgeformten Körper, bevor es an den Knien in voluminösen Wellen aufging und an blühende Pfingstrosen erinnerte.
      Doch genau dieses Kleid, die Unschuld des Frühlings repräsentierend, war in Schweiß, Angst, Brandy und Blut getränkt. Oberhalb ihrer Taille war es aufgerissen, dort wo einige Fetzen Kleid und Haut, ihre Schnittwunden umrahmten und das Blut sich langsam seinen Weg nach unten bahnte.
      Sie würde nachher auf jeden Fall das Haus überprüfen müssen.
      Ihr fehlte ein Ohrring und entlang ihres dünnen Halses könnte sie die bläulichen Spuren der Perlenkette erkennen, die sie fast in den Tod geschickt hätte.
      Ihre Knöchel waren verschont geblieben dank der Handschuhe aus schwarzem Samt, die sie getragen hatte und Kitty dankte den Göttern immer noch dafür.
      Keuchend streifte sie auch das Kleid ab, holte den Verbandskasten aus ihrem Schrank und begann mit Vorsicht die Wunden zu verarzten, in der Angst, dass en Geräusch zu viel, das schlafende Kind einige Zimmer weiter aufwachen könnte. Tränen stiegen ihr in die Augen, während sie auf die Inneneinlage ihres Schmuckkästchens biss, um nicht ihren Schmerzensschreien den freien Lauf zu gewähren, als sie die Wunde reinigte und begann den Verband um ihren Oberkörper zu ziehen. Und da war es. Erneut. Dieses Geräusch.
      Kitty fuhr zusammen und verzerrte vor Schmerzen das Gesicht.

      Das Krachen und Klirren durchbrachen die nächtliche Stille. Erst zuvor hatte sie geglaubt, das Tor ins Schloss fallen zu hören, doch die Dunkelheit, die immer noch durch das Anwesen herrschte, hatte sie daran erinnert, dass sie vielleicht paranoid war.
      Kitty hatte selbst gelernt, das Licht lieber zu löschen oder erst recht nicht anzumachen, in der Angst sie könnte ihren Gefährten in einem der unzähligen Flure begegnen, doch zuletzt hatte sie festgestellt, dass der geheimnisvollere der Beiden, manchmal selbst, sich nachts Eskapaden hingab und womöglich mehr als nur eine Nacht, bei seiner Liebschaft verbrachte. (Zumindest war dies eine der wilden Vermutungen Kittys.) Es war nicht nur einmal vorgekommen, dass Kitty selbst durch ihre Tür gehuscht war, bevor in der Eingangshalle das Licht anging, doch nie würde sie es wagen, ihn darauf anzusprechen, um den Verdacht auf sich zu lenken.
      Kitty hatte nämlich schon immer den Eindruck verliehen, dass sie mit den Hühnern schlafen ging und mit den Hähnen aufstand.

      Dennoch. Als sie das zweite Mal tiefer in ihre Gedanken ging, spürte sie, wie die knochigen Hände der Angst, nach ihr griffen. Panik überkam sie.
      Hatte sie die Männer nicht abgehängt? Sie war sich nicht mehr sicher. Hatte sie die Tür hinter sich geschlossen? Sie war sich nicht sicher. In Schmerzen und betrunken, war sie auf den hohen Schuhen um ihr Leben gerannt, nahezu vor Adrenalin geflogen. Sie war sich sicher gewesen, alle abgehängt zu haben, denn niemand kannte die nächtliche Stadt besser als Kitty. Immerhin hatte sie ein fotografisches Gedächtnis.
      Und doch...Mit voller Kraft riss sie sich zusammen, band die Bandagen um ihren Oberkörper und zog den Knoten zu, dass es ihr den Atem raubte. Für feine Näharbeiten war nicht die Zeit. Innerhalb weniger Sekunden warf sie sich eins der Hemden über, die sie noch nicht zusammengefaltet und in Tobis Schrank gelegt hatte, band es in sommerlichen Look fest und trat in den Gang.
      Ein letztes Mal atmete sie kräftig ein wenig lebensnotwendige Luft in ihre Lungen, bevor sie den Atem anhielt, das dreikantige Katar, das zuvor noch durch das Fleisch ihres Angreifers geschnitten hatte, fest umklammert.
      Einem Panther ähnlich, hungrig und wild, dennoch seelenruhig, durchmaß sie den Weg bis zur Quelle der Geräusche, und versuchte sich der Finsternis hinzugeben und mit ihr zu verschmelzen.
      Kitty kannte das Anwesen in und auswendig. Alle Ein- und Ausgänge, die Umrisse, selbst die Stellen, an denen Putz von der Wand täfelte, konnte sie sich vor Augen führen, weswegen es ihr überhaupt erst möglich war, ihrem vermeintlichen Verfolger, ihre Ankunft nicht zu offenbaren.
      Mit einer großen Drehung entlang des Marmors im Flur und einem weiten Schritt, trat sie hinter dem Eindringling, atmete zum ersten Mal wieder aus, als sie den Widerstand der Haut spürte, dort, wo sie die Spitze ihres Dolches angesetzt hatte.
      Sie konnte in der Finsternis schwach die Umrisse eines Mannes erkennen und der metallische Geruch von Blut, stieg ihr unumgänglich in die Nase, als sie an ihn herangetreten war, doch sie konnte nicht erkennen, ob ihr Gegenüber bewaffnet war oder ob es womöglich ihr eigener Lebenssaft war, der womöglich bald unumgänglich den Verband tränken würde. Kitty war sich eines ihrer Verfolger sicher gewesen und doch...
      Nicht nur Kitty selbst, sondern auch ihr Gegenüber, hatte einen fatalen Fehler begangen
      Wir sind alle Staub und Schatten

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    • "Aion, mein Sohn." Die dunkle Stimme schnitt das Schweigen nächtlichem Wispern gleich eines eisigen Windhauchs, der langsam unter Aion's zerfetzte Ärmel zu kriechen begann, schnurrend und lauernd zugleich, als strich ein unheilvoller Geist mit seinen luftigen Fingern über die fröstelnden Glieder des Sonderling; zärtlich liebkosend das Blut ur-ahnischer Vermächtnisse, die das Omen eines verfrühten Wintereinbruchs heraufbeschwörten. Der Halbwüchsige zuckte erschrocken zusammen, doch es war nicht die Tatsache, dass er das unerwartete Auftauchen des Oberhauptes wohl hatte völlig übergangen denn die Erkenntnis, welch Kälte sich plötzlich auf das sonst so stolze Lächeln des Mannes wie eine Decke aus reinem Schnee legte, obgleich die haselnussbraunen Augen seines Vaters so warm und mild strahlten, dass der Weißhaarige zu spintisieren anfing, einen Krieg von Flammen und Eisregen innerhalb vor Sorge beschatteter Iriden zu erblicken. "Vater..." flüsterte der vereinsamte Kämpfer heiser, die Worte kaum mehr als ein schneeverwehter Hauch stummer Vergebung, wagte der Grenzgänger nicht, seinen Blick zu heben. "Wovor fürchtest du dich, mein Sohn?" Vielleicht ereilte den Halbling die überraschend sanfte Resonanz des Brünetten aus demselben Grund so verzögert, wie es gleichermaßen die Verblüffung ihrerseits tat. Vieles hätte Aion an dieser Stelle vorherzusehen vermocht. Unverständnis, hatte sich sein verwirrtes Ego erkühnt, dem Schwur geleisteten Kodex absichtliche Ignoranz zu unterstellen, Wut, über jene wohlwissende Missachtung des Regelwerks, das eigentliche Fundament für eine reelle Vertrauensbasis, die die Auferstehung ihrer Machtverhältnisse erst ermöglicht hatte, und dennoch begegnete ihm dieser Mann mit einer nahezu unerschütterlichen Ruhe. Kein Hass. Kein Groll. Keine Verständnislosigkeit. Nur diese sorgsam gedämpfte Woge verbliebener Enttäuschung. Und das.... machte ihm Angst. "Ja, ich fürchte mich..."
      Er hatte die Wahrheit verdrängen wollen. Den Fluch immer verleugnet. Dem Schicksal beweisen, dass er sich niemals seiner Weisung würde beugen. Er war einer von ihnen; er war nie jemand anderes gewesen... Aber diese kafkaesk verschobenen Mundwinkel des Mannes, von dem er auf einmal nicht mehr sicher war, dass er ihn wirklich jemals als "Vater" hatte anerkannt, es hinterließ einen stechenden Schmerz irgendwo auf einer Ebene, die Aion niemals zu erfassen begreifen möge; denn sie besaß keinen Ort, an dem man den Schmerz, wie er ihn fühlte, mit bloßer Hand zu lindern vermochte. "Vor dir selbst." beendete das Oberhaupt den Satz so überraschend kühl, dass Aion den Blick noch tiefer in die Erde bohrte; vor Scham, Reue, die durch sein erschöpftes Gewissen toste und jede winzige Fibrille in seinem Körper allmählich zu lähmen drohte. "Etwas, dass man fürchtet und nicht überwinden kann, steinert unser Selbstbewusstsein. Du verstehst nicht, was du tust, und wir verstehen nicht, was du bist. Und etwas, was man nicht versteht, macht es unmöglich, zu kontrollieren." "Bitte, ich verspreche...-" "Und dieser Kontrollverlust führt zu Angst, und schließlich zu Chaos. Ein reiner Machtverlust über die eigene Person. Ich bedaure, dass ich mir deiner wahren göttlichen Erbschaft, und die damit verbundene Gefahr damals nicht bewusst gewesen bin... und bitte dich zutiefst um Verzeihung, deine Seele auf so... undankbare Art ihrer Hülle zu entledigen und in Gottes Hände übergeben zu müssen. Aion, mein geliebter, missverstandener Sohn.... du gehörst nicht in unsere Welt." Tausend kleine Pfeile, deren Ziel nichts weiter als sein Herzchen war, durchdrangen das Zentrum einst mit Hoffnung bestückter Liebe, rissen die Grundfeste einer ganzen Überzeugung in eine himmelsstürzende Schlucht aus Buße und Sünde. Alles blieb anders. Nichts beständig. Keine Narbe unentdeckt. "Herr Vater, bitte! Ich bin nicht Euer Feind!", rief der Weißhaarige verzweifelt, stemmte seine bleischweren Glieder mühsam gen Höhe - vielleicht etwas zu eilig um nicht aus dem Gleichgewicht geraten zu sein - und blickte seinem Vater zum ersten Mal seit der pechschwarzgetönt hereingebrochenen Nacht in die Augen. Aber die flehenden Worte waren am lidernden Vorhang überlapptem Lichte kläglich versiegt. Er war taub und blind für das, was er am meisten zu lieben predigte, ohne es jemals öffentlich - oder ihm gegenüber - bekundigt zu haben, während Gnade der Leidenschaftlichkeit zur Unbeugsamkeit wich und der Mensch, den Aion innerlich stets verehrt und respektiert hatte, zu seinem Verhängnis aufthronte. Das bedrohliche Klicken säumte die Stille wie ein letzter, flüchtiger Abschiedskuss. Dunkles Wolkengeröll jenseits irdischer Sphären schob seine finstren' Türme langsam am silbrig schimmernden Himmelskörper vorüber, als wollte es die versteckte Wahrheit unterhalb der Oberfläche hervorlocken; und offenbarte eine heiße, glitzernde Spur des Mitgefühls; ein kleiner, salziger Tropfen der Vergebung, entsprungen aus der Liebe eines maskulin geführten Regimes, dessen Gefühle nie der Ekstase flügelschwingender Freiheit liebkosen durften.
      Aion fühlte diesen merkwürdigen Druck, den er nicht einordnen konnte, der irgendwo oberhalb seines Schulterblatts zu gedeihen schien und doch überhaupt nie jener Erinnerung entsprach, jener Szenerie, die er gerade..... "Vater, ich bin nicht...-"

      "Deines Urteil's Richter!" Mit einer flinken Umdrehung, den gebeugten Arm in horizontaler Ausrichtung haltend, (obzwar er gegenwärtig erschreckend ungeschickt wirkte) schnellte der Weißhaarige herum, benutzte das Echo seines mitgleitenden Schwungs um das Handgelenk der Zielperson zur Seite zu drücken und ließ seine Linke mehr oder minder gezielt gegen den Solar Plexus fliegen, während er die vorbeiziehenden Bilder des "Gesterns" bestmöglich zu ignorieren versuchte. Ehe Aion den Fokus ausnahmslos auf die existenzielle Gefahr hätte richten können, gegen die er sich derzeit zu erwehren ereiferte, spürte das verwaiste Alphynum plötzlich ennet der Barriere zwischen Fassung und lähmender Ohnmacht jenes unzähmbare, sinistre Begehren einer ihm furchteinflößenden Macht auflechzen; heiß und lüsternd schlugen unsichtbare Krallen voll Gier und Blutrausch ihre animalischen Triebe in seinen Verstand, durstig nach dem Flehen blütenzarter Nahrungsquelle. Das sanfte Leuchten, welches seine Arabeske unmittelbar zu umscheicheln begann, ließ den jungen Mann hilflos zurücktaumeln - ob er damit vor der Bedrohung oder seiner Wenigkeit selbst zu flüchten beabsichtigte, hätte er im Nachhinein nicht mal mehr beantworten können - und prallte an etwas, dass der Silhouette eines Geländers nahekam. Es roch nach Blut, Angst und Überlebenswillen, und auch diesmal vermochte Aion kaum zu deuten, wem dieses Blut schlussendlich zugehörig war. Aber er wusste, dass er sich verteidigen müsse - mehr gegen etwas, dass unaufhörlich in seinem Inneren gedieh und wovon er überhaupt keine Ahnung besaß, wie er es jemals unter Kontrolle bringen könnte - als gegen eine sterbliche Marionette. Vermutlich erwies sich dieser Entschluss einhergehend mit einem der letzten Auswege nahender Todesforderung als halbwegs lukrativ, also holte Aion blindlings aus, vernahm ein dumpfes Keuchen und setzte zu einem ebenso auf Glück beruhenden Tritt an, dessen Trefferquote sich nur vom Takt kämpfender Gliedmaßen und der Distanz keuchenden Atems ableiten ließe. Noch bevor er den angesetzten Konter zuende hätte führen können, wurde der Flur von einem gleißenden Licht geflutet, dass eine Welle von durch flimmernde Funken begleitende Dunkelheit hervorrief, so fest, wie Aion die Lider über seine Augen pressen musste und für eine halbe Endlosigkeit, die ein unscheinbarer Wimpernschlag andauerte, glaubte, zu erblinden. Ganz Langsam - das Vorbeistreichen nie enden wollender Sekunden schien einer ganzen Ewigkeit zu entsprechen - ließ das schmerzhafte Ziehen auf seinen Lidern nach, sodass er die Augen mit einem unsicheren Flackern zu erheben begann und in ein Gesicht blickte, dessen Kontur er zunächst für eine - Adrenalin hergerufene - Halluzination hielt. Erstarrt, die Oberlippe wimpernzarte Zentimeter vom leicht bebenden Unterkiefer entfernt, als wolle er etwas sagen, irgendwas, blickte der Grenzgänger in das blassgehauchte Antlitz der jungen Frau, doch die Worte stürzten hinab, noch ehe sie mit einer Stimme hätten gesegnet werden können. "Kitty...." ungläubig brachte Aion die allenfalls dünn gehauchten Worte hervor, immer noch skeptisch, ob das, was er vor sich zu erblicken getraute, auch der Wahrheit entsprach oder das Trugbild weltentfremdeter Intrige war. Dann schüttelte der Weißhaarige den Kopf, - trotz des Schwindels- und ließ den Blick langsam gen Boden schweifen. "Verzeihung... Ich konnte nicht ahnen, dass...-" schloss er unvollendet hinzu. Was hätte er sagen sollen? Sich entschuldigen, dass er bereit gewesen war, sie zu töten? Dass er nur kurz spazieren gehen wolle? Die unangenehme Atmosphäre nahezu versalzt durch Schuldbewusstsein, Irritation und noch mehr tausenden von Fragen wurde schließlich von einer kindlichen Stimme unterbrochen. Zögernd, die Undurchsichtigkeit vieler wirrer Nebelschwaden machte es Aion um einiges schwerer, den Schemen einer schüchtern, aber vor allem sichtlich verängstigten Gestalt am anderen Ende der Treppe gewahr zu werden, glitten die Iriden des Grenzgängers Richtung der ausgehenden Stimme. "Aiden...." Das Kind verharrte wie erstarrt vor dem leicht zugezogenen Türschlitz und lugte ratlos auf die zwei schweißgebadete Gesichter herab - fragend, was er von der Konstellation, dem Auftritt, der gesamten Situation eigentlich halten sollte. "Es ist alles gut, Aiden." versuchte Aion der Angst des Kindes - und der seinen - beschwichtigend entgegen zu wirken, wenn man mal von der Verletzung, den Schmerzen UND dem etwas seltsam bizarren Gesamtkontext ihrer Lage absah, schien es sich mit viel (kindlicher) Phantasie auch mehr oder weniger wie ein Unfall deklarieren zu lassen. (Was es ja grundsätzlich auch war, genau genommen, aber für ein Kind schwer zu verstehen). Ein wenig kläglich bemühte sich das Alphynum um eine gescheiterte Abfolge geschmeidig aufrichtender Glieder. "Geh wieder ins Bettchen, Aiden." war in dem Moment wohl das falscheste, was er zu dem Jungen, der gerade voller Entsetzen und fahler Angst auf das Ende eines fast vollzogenen Delikts hinabblickte, sagen konnte. Aber der Umgang mit Kindern.... Das hatte Reno schon immer besser gekonnt als er. Die Hand des ehemaligenMafiosos schnellte plötzlich gen Stirn, während der Blitz, der durch seineSinne rauschte, eine Sammlung unartikulierter Laute hinterließ. Blind vor Schmerzvernahm Aion kaum, dass sich sein Kiefer so hart auf das verwaisteLächeln presste, dass kleine konfuse Funken abermals über seine dünne Netzhaut knisterten und er schwankend gegen die Wand stolperte; Halt suchend, nachirgendetwas- irgendwem - doch alles, was er zu greifen erreichte, war nur dieLuft, durch deren Stille seine Hand wie eine kalte Sichel glitt. Vielleicht hatte sie recht, - er Rechtbehalten - und die Unfähigkeit normal zusein manövrierte den ehemaligen Mafioso tatsächlich an den näheren Abgrund desMartyriums. Aber aufgeben? Nein. Dafür war ihm sein Leben dann doch zuwertvoll. Der junge Mann würde nicht zurückkehren. Nicht heute. Nicht morgen.Nicht gestern. Die rasselnde Atmung Aion's zwang sich mittlerweile stoßweise zwischen die wenigen Zahnlücken hindurch, und er konnte fühlen, wie das tiefe Grollen dieses blutverkleideten Ungeheuers in seinem Inneren aufzubegehren verlangte - nach mehr dürstete, als nur dem Ansatz eines kleinen Gefechts. "Ver... schwinde..." knurrte er düster, das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Miene verzogen. Wenn sie wüssten, was er..... Aber natürlich rührte sich nichts. "Aiden, ich habe gesagt, dass du wieder ins Bett gehen sollst, jetzt SOFORT!" Seine Hand hatte sich krampfend um das Geländer geschlungen, der einzige Halt, der ihn vor einem völlig Zusammenbruch bewahrte, und die Kälte des Metalls erinnerte ihn daran, dass das scheinbar Unausweichliche nur der Schwäche seines Geistes entsprang; dass er jetzt stark sein musste, um die göttliche Erbschaft, die mehr Probleme als himmlische Gaben forderte, zurückzudrängen.

      Kitty be like:

      [Falls der Part mit Aiden nicht in Ordnung geht, weil es ja quasi ein Eingriff in deinen Handlungsbedarf ist, kann ich das gerne auch wieder ändern : ) ]

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Yasacura ()


    • "Unglücklicher, wie du deinen
      frühen Glanz verlorst,
      du, einst des Lichtes schönster Engel",
      Giambattista Marino.

      Ihre Finger strichen zaghaft über das vergilbte Papier des ledernen Buches, das vor ihr lag und im trüben Schein der nikotingelben Kerze noch zerbrechlicher aussah, als es ohnehin schon war. Es war ein seltsames Lächeln, das die vollen, dunkelroten Lippen der jungen Frau zierte. Im einsamen Schein der flackernden Kerze, die majestätisch die einzige Lichtquelle im gesamten Büro des Oberhaupts bot, wirkte ihr Lächeln fahl. Die stechend Grünen Augen erinnerten an einen Sumpf, während sie matt und leblos wie Sargnagel ihren Blick auf die Bleiche des aufkommenden Morgengrauens richteten.
      Ein Sargnagel, nicht mehr und nicht weniger, denn nichts erschien lebloser und fahler, als die Gestalt Aurelias. In dem fahlen Frühlicht, dort, wo außerhalb ihres Fenster die Schwärze des Himmels sich verfärbte und die Farbe von mattem, klaren Grau annahm und wo langsam Tau auf den verwelkten Blumen in den Töpfen vor dem Fenster, zu schimmern begann, erhob sich das Oberhaupt der kalabrischen Mafia von ihrem Ohrensessel und durchmaß mit wenigen Schritten den Abstand zum Fenster. Die zierliche Gestalt, gekleidet in tiefem Rot, das sie an das Blut ihrer Feinde, aber auch an das Blut ihrer Familie, das geflossen war, erinnerte, verlieh dem Raum eine unermessliche Kälte. Porzellanpuppenähnlich stand sie in ihren roten Gewändern am Fenster und beobachtete das Spiel des anbrechenden Tages, wie nach und nach die Dunkelheit von den Feldern verdrängt wurde und der schleierhafte Nebel die Welt bedeckte. Ihre goldbraunen Haare hingen in tristen, dunklen Wellen über ihre Schultern und schienen selbst sich der Blässe des Morgens hinzugeben.
      Schleichendem Gift ähnlich, kroch die Kälte der Einsamkeit, die Aurelia umgab, in ihre Glieder und trübte erneut die verwirrten Gedanken der jungen Seele. Ein Seufzen entglitt ihren Lippen, während sie sehnsuchtsvoll auf die Ankunft der Missionsgänger wartete, in der Hoffnung, endlich einen Schritt weitergekommen zu sein.
      Und doch erschien es ihr, heute wie an anderen Tagen, als wäre dies alles nichts mehr wert. Da draußen, irgendwo hinter den Feldern lauerte immer ein Feind mehr, als sie besiegte und immer mehr ein Stückchen ihrer Seele brach, wenn die Informationen, die sie erreichten, in nicht mehr als Nichts führten.
      Hoffnung war ewiges Leid, das hatte sie schon immer gesagt, doch wollte sie sich das früher nicht eingestehen. Jetzt aber, hatte sie aufgehört sich selbst zu belügen und war sich dessen bewusst, das selbstauferlegtes Leid und die Pflicht, der sie sich mit ihrer Rückkehr verdonnert hatte, sie des Rechts befreiten, sich über ihre Lage zu beschweren. Draußen auf dem Feld hörte sie das erste Lied des Morgens. Ihre Augen wanderten hinüber zu den kahlen Ästen der Bäume im Hof, dort, wo die erste Krähe mit ihren Flügeln schlug und den nahenden Winter ankündigte. Es war kalt, ein kalter Morgen, den sie bis in die letzte Faser ihres Körpers spürte. Schon lange hatte sich keine Kälte mehr über ihr Zuhause gelegt, die sie daran erinnerte, wie erbarmungslos ein Winter sein konnte.
      "Ist das der Tod, den du ankündigst?", hauchte sie leise dem Raben zu.
      Lebloses, endloses Schweigen, das er ihr als Antwort gab, setzte sich auf sie herab, so schwer, wie der morgendliche Nebel vor dem Alle flohen.
      Ein Nebel, triefend vor Hilfeschreien und Sorgen, von verlorenen Seelen genährt, Träume zerreißend, die vergangen sind, in Angst und Trauer getränkt. Nicht anders erschien ihr der Nebel des nahenden Winters im Hauptquartier der Mafia.
      Sie selbst hatte das wahre Grauen selbst in sich gesehen.
      Ein Schleier, der sich langsam über einen niederlässt, ein grausames Bild widerspiegelnd. So der Nebel, dicht und kalt, der die Züge und Ängste von einem, aus dem tiefsten der Seele weckte und hervorlockte, sobald man sich darin verlor. Und langsam, langsam aber sicher, kriechen all diese Emotionen an einem empor und zerren an Das, was nicht mehr war und an Das, was hätte sein können, aber nie mehr sein wird. Und in den leeren Nischen, wo einst eine Seele hauste, legt sich das Grau des Morgens nieder und erinnert an die Einsamkeit der Asche eines verlorenen Feuers.

      Aurelia wandte sich vom Fenster ab.
      Mit federleichten Schritten begab sie sich wieder in ihren Sessel, lehnte sich auf die Armlehne und stützte ihr Kinn auf ihre Hand. Sekunde für Sekunde und Minute für Minute, so lange zählte sie die verstreichenden Atemzüge bis die Beiden endlich ankommen würden. Aurelia war des Wartens leid, obzwar sie sich immer wieder in ihren Sessel fand, auf ihre zwei Boten wartend.
      Eine Nacht, wie viele zuvor in den letzten Wochen. Sie hatte kein Auge zugedrückt, war durch ihre Gemächer gewandert, hatte den alten Schallplatten ihrer Mutter gelauscht und sich dem süßen Geschmack des Whiskys hingegeben, das sie gegen Ende der Nacht nicht mehr zufriedengestellt hatte.
      In ihren Gedanken vertieft, hatte sie dieses Mal die nahenden Schritte im Flur nicht gehört. Aurelia fuhr zusammen, als das Klopfen an ihrer Tür ertönte, doch so sehr sie es auch vermied ihre Gefühle zu offenbaren, so hellte sich ihre Stimmung auf, als die Klinke respektlos, ohne auf ihre Eintrittserlaubnis zu warten, heruntergedrückt wurde und zu ihrer Überraschung mal wieder nur Lucian eintrat.
      Dort stand er.
      Wie ein mächtiges, böses Tier, das auf seine Beute lauerte und fixierte ihren aufgeweckten Blick. Die Spannung in der Luft elektrisierte die Luft und durchfuhr ihre Nervenbahnen, schürten ihre Lebenslust und letztendlich fühlte sich Aurelia wieder lebendig. Wärme kroch nach und nach in ihre Glieder, während sie dem Blick standhielt und seinen katzenhaften, nahezu hinterlistigen Bewegungen und der respektlosen Bemerkung, bis an ihre Seite folgten.
      Ein dünnes, provozierendes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, als sie sich mit dem Sessel herumdrehte und zu ihrer rechten Hand hervorsah, wie sie sich auf den Tisch stütze und über sie thronte.
      "Guten Morgen, mein Pavian." Dieses Mal schenkte sie ihm ein ehrliches Lächeln, strich sich eine wilde Locken aus dem Gesicht und deutete ihm zu sprechen.
      Gespannt lauschten sie seinen Worten. Jedes einzelne Wort das er sprach, schürte ihre Lust sofort aufzustehen, die Röcke zu raffen und mit erhobenem Schwert die Welt nach Aion selbst abzusuchen.
      Und doch. Da war es wieder. Der vernichtende Hinweis, der Hinweis, der ihre Hoffnung wieder erdrosselte. Sie hatte mit ihrer Vermutung wieder ins Schwarze getroffen. Sie standen wieder am Anfang.
      Aurelia folgte geschmeidig seinem Blick nach Draußen, hinter die Scheibe auf die verlassenen Felder Neapels, die von ihrem Büro aus im letzten Stock der Bibliothek zu sehen waren. Dort, wo einst Weinberge die Felder in malerischen Tönen getaucht hatten und lieblich in der Sonne geschienen hatten.
      Sie seufzte erneut, bevor sie sich geschmeidig erhob.
      Die Angespanntheit, die ihn übermannte und die Wut, ergriffen nahezu auch ihr erkaltetes Herz, doch statt sich dem hinzugeben, ergriff sie sein markantes Kinn zwischen ihre dünnen Finger und drehte es wieder zu sich.
      "Ich weiß, Lucian." Jegliche innere Unsicherheit, die in Stunden der Einsamkeit Aurelias, sich immer wieder ihren Weg an die Oberfläche ihrer Gedanken bahnte, war von ihr gewichen. Ihre grünen Augen sprachen Bände, als sie ihn fest ansah. Die Warnung darin war nicht zu verkennen, ebenso, wie die verständnisvolle Zuneigung, die in ihrem Blick mitschwang. Die Wut, der Frust und der Hass, die ihn immer wieder übermannten, zehrten gleichwertig an ihren Gedanken und ihrer Rationalität.
      "Ich weiß, es dürstet dich nach Rachemord. Nichts will ich mehr, als sein Blut entlang der Pflastersteine in den Kanal fließen zu sehen, ehe sein Kadaver den Aasfressern gehört. Und doch", der Griff um sein Kinn wurde stärker, auch wenn es sich wie ein Streicheln für ihn anfühlen musste, "wage es nicht, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen."
      Abrupt ließ sie von ihm ab, kehrte ihm den Rücken zu.
      Für einen kurzen Moment schweifte ihr Blick durch den Raum zu dem sogenannten Familienportrait an der gegenüberliegenden Wand. Ihre Eltern lächelten ihr entgegen, ebenso wie ihre vermeintlichen Brüder, zu Zeiten, in denen sie wenig Wert auf Reno und Lucian gegeben hatte, Zeiten in denen Neid und Gier ihre Gefühle getränkt und ihre Sicht gegenüber den Beiden getrübt hatte. Heutzutage war das anders. Sie waren nie ihre Brüder und das werden sie auch nie sein, doch sie waren ihre Familie.
      Sie ballte die Hand zur Faust, als ihr Blick an Aions Gesicht haften blieb, der wie ein Dolch in ihrem Rücken sich auf das Familienportrait gedrängt und in ihr Herz geschlichen hatte, als Freund. Der Verräter.
      Die tierische Präsenz Lucians in ihrem Rücken, zerrte sie wieder in die Realität zurück, fern von vergangenen Zeiten und von all dem, was einst gewesen war.
      Aurelia war zu naiv, um es sich einzugestehen, doch er war der einzige, dem sie noch wahrhaftig vertraute und auch wenn ihr der Ruf, den er in der Organisation hatte, schon immer gestört hatte, so war dies zurecht dem seiner. Nie war sie mehr Loyalität begegnet, auch wenn diese von Feindseligkeit und bösen Kommentaren geziert war. Und doch war er der einzige, dem sie den Rücken zukehrte, ohne dass die schwingenden der Angst vor einem erneut Verrat, sie umschließen können.
      "Aion", sie spie den Namen als wäre es Galle in ihrem Mund, "wird seine gerechte Folter kriegen. Doch eher sterbe ich selbst, als nicht die Wahrheit über Vaters Tod zu erfahren. In Ungewissheit zu leben mag das Heilmittel der Dummen sein, doch wir sind besser." Ihr Blick reichte über die Schulter und sah ihn fordernd an.
      Da war. Ganz der alte Lucian, der ihr wie oft den Rücken kehrte und seines Weges ging, gepflastert mit den Gedanken, die er ihr gegenüber nicht aussprach.
      Aurelia wollte dem gleich tun, warf die Haare nach hinten und steuerte wieder auf den Schreibtisch zu, als er brüsk wieder stehen blieb und sie ebenfalls zum Halt brachte.
      Da war es wieder. Bevor seine Lippen Worte formen konnten, verfinsterte sich ihr Gesichtsausdruck.
      Reno.
      Natürlich.
      Seit mehreren Tagen bereitete ihr diese Angelegenheit Kopfzerbrechen. Nicht nur hatte er es gewagt, die Regeln zu brechen und sich ihr zu widersetzen - was oftmals der Fall war, doch sofern dies hinter der Bühne geschah, sollte es ihr bei Nichtigkeiten egal sein - doch dieses Mal muss es derart wichtig gewesen sein, dass er sich hatte erwischen lassen.
      "Ich weiß", erwiderte sie matt, ein wenig ratlos, was sie hierzu noch sagen sollte. War es eine alberne Liebschaft? Noch erbärmlicher das Glückspiel oder geschah etwas direkt vor ihren Augen?
      Sie holte tief Luft, bevor sie die oberste Schublade öffnete und einen zusammengebundenen Stapel Fotografien hervorholte, den sie gleich daraufhin Lucian entgegenwarf.
      "Die Wachen haben ihn in den letzten Tagen oft ein- und ausgehen sehen. Anfangs waren sie unbesorgt, doch der Spitzel, die Bibliotheksmaus, die für uns arbeitet, kam zu mir. Er solle nach Reiseführern und Weltkarten oder Ähnlichem gefragt haben. Hätte er sich endlich mal die gottverdammte Hierarchie gemerkt, wüsste er es besser. Entweder nimmt er das Ganze selbst in die Hand...Oder es hat einen anderen Grund." Die Melodie des Misstrauens und der Missbilligung, konnte Aurelia nicht verstecken.
      "Ihr widersetzt euch beide, meiner Regeln. Meine ausdrückliche Warnung, Spirituosen nicht in euren Missionen zu involvieren", sie lächelte dünn," ist die eine Sache...Der Duft nach Alkohol haftet an dir, wie ein ganzer Trog voll Wein." Ein spöttisches Lächeln wurde ihm zuteil.
      "Du wirst heute Abend als Strafe mit mir auf eine Auktion kommen. Mitglieder der Triaden werden anwesend sein. Die Drei waren gute Freunde meines Vaters, jedoch wollen die Japaner, dass wir den Russen das Gemälde unter der Nase wegschnappen und ihnen aushändigen. Im Ausgleich dafür, werden sie die Handelswege in Tokyo wieder freigeben, die nach der gescheiterten Verhandlungen vor zwei Monaten aus Trotz gesperrt wurden. Finde Etwas, das für die Russen wertvoller ist, als das Bild. Wir werden heute ein doppeltes Spiel führen."
      Aus derselben Schublade kramte Aurelia die Mappe mit den Vertragsdetails hervor, die nach japanischer Mafia-Tradition auf den letzten Drücker eingetroffen war. Es war weniger eine Strafe für Lucian, dass Aurelia ihm die Mappe gegen die Brust presste und ohne ausreichend Ruhe, in die nächste Mission stürzte, als dass es ein Fakt war, dass sie niemandem sonst derart kurzfristig diesen Auftrag hatte erteilen können. Er würde den Auftrag ausführen und etwas finden. Sie war sich sicher.
      Abwartend sah sie zu ihm hoch, bevor sie ihm den Befehl erteilte, der sich später als der erste Schritt zur Aufdeckung eines weiteren Verrats entpuppen würde.
      "Allein. Du wirst alleine arbeiten, so leise, wie eine Kirchenmaus. Und heute Abend wirst du alleine kommen."
      Sie räusperte sich. Worte, die sie nie hatte aussprechen wollen, fanden ihren Weg über Aurelias Lippen. Worte, deren Bitterkeit ihr den Magen umdrehten und auf der Zunge brannten.
      Aurelia senkte den Blick.
      "Du wirst Reno anlügen. Wir werden die Informationen des Bankers verarbeiten und wenn vonnöten ein neues Treffen verlangen. Du wirst Reno erzählen, dass wir die Sache haben fallen lassen und etwas neues untersuchen. Sollte dir sein Unwesen über den Weg laufen, so erzähle ihm auch von heute Abend nicht die Wahrheit. Er soll heute die Stellung halten und die erste Patrouille zum Treffpunkt der Buchhalter anführen."




      Eine Ewigkeit schien mit jedem Atemzug zu verstreichen, den Kitty zurückhielt, während sie den Dolch im Nacken des Eindringlings drückte. Statuenhaft verharrten sie an Ort und Stelle, beide in dem Wissen, erwischt worden zu sein. So standen sie da, wie ein Gemälde auf Leichentücher - eitel und gefangen. Jeder in seiner eigenen Not und in seinen eigenen Gedanken. Sie fühlte das Zittern ihres Gegenübers, das schwere Atmen. Der metallische Duft von Blut, der die Luft in Ungewissheit tränkte, schien nicht nur von ihr, sondern auch von ihrem Gegenüber auszugehen, der vermeintlich ebenso verletzt war und Kitty mehr Freiheit zu einem gezielten Angriff bot.
      Dennoch. Kaum, dass sie endlich die Luft aus ihren Lungen gelassen hatte, bevor sie drohte vor der existenziellen, leibhaftigen Gefahr in ihrem Badezimmer, in Ohnmacht zu fallen, spürte sie die plötzliche Anspannung in den Muskeln des Mannes vor ihr.
      Dieser unermesslichen Schnelligkeit hatte sie nicht ausweichen können.
      Ein Wimpernschlag und sein Schlag traf sie mit voller Wucht. Sie würgte, rang nach Luft und taumelte einige Schritte zurück. Der Schlag hatte ihr gesamtes System gedämpft, dass sie nicht einmal die Stimme erkannt hatte, die ihr Herz nicht nur einmal mit Lachen und Freude gefüllt hatte. Selbst in der Finsternis, die beide Gestalten verschlang, unsicher und haltlos wie sie voneinander wegtaumelten, konnte sie noch mehr Dunkelheit fühlen, die sich über ihre Lider legte. Ihre Beine wurden schwach, als unkontrollierbares Zittern einsetzte. Sie würden bald nachgeben und das wusste sie.
      Aber Kittys Angreifer hingegen würde das nicht. Keuchend löste sie den Knoten des Hemdes, lockerte den Kragen, in der Hoffnung, das Gefühl heute zum zweiten Mal erwürgt zu werden und nach Luft um ihr Leben ringen zu müssen, loszuwerden - vergeblich. Ihr Kopf dröhnte wie eine Parade am Thanksgiving Day. Am liebsten hätte sie sich die Haare gerauft oder an die Stirn gefasst, doch stattdessen sprang sie mit letzter Kraft auf die gegenüberliegende Seite des Badezimmers, die sie als sichere Zone vor ihrem Angreifer erahnte, wenn die Einschätzung des Abstands, in entfernten Atemzügen ihres Gegners, der Tatsächlichkeit entsprach.
      Das Atmen fiel ihr genauso schwer und noch viel schwerer, als sie den pochenden Schmerz ihrer Wunde wahrnahm. Langsam brannte er sich durch ihr Fleisch, wie tausend kleine, glühende Klingen, die über ihre Haut fuhren und an verschiedenen Stellen einstachen. Tränen stiegen der Schwarzhaarigen in die Augen, die sie krampfhaft wieder zurückdrängte Sie rang mit sich, ihren Fokus zu gewinnen, doch vor ihr breitete sich nur eine gewaltige Schlucht Nichts auf.
      Träge schaffte sie es, ihre schmerzerfüllten Glieder, die immer noch vor Anstrengung zitterten zu beruhigen und mit großer Mühe sogar zu bewegen. Sie fühlte, wie der Schweiß an ihrem Körper, wie Regentropfen an ihr hinunterrann, sich mit dem Blut ihrer Wunde vermischte und gleichzeitig ihre Angst widerspiegelte.
      Wirst du mich beschützen können? Auf dem Schrottplatz habe ich Freunde, die das können. Sie werden mich für immer beschützen, aber was unterscheidet dich von Ihnen? Die liebliche Stimme eines kleinen Jungen drängte sich unaufhaltsam in Kittys Gedanken. Sie durchzwang den nebligen Vorhang zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein und riss die fast ohnmächtige Frau wieder in die Realität.
      Aiden! Kitty sprang auf, umklammerte den Griff des Katars so fest, dass ihre Knöchel hervortraten, als sie sich mit einem lautlosen Sprung nach vorne, auf den Mann warf, der - auch wenn das nur der Schleier eines unscheinbaren und normalen Lebens war - alles, was sie noch in ihrem Leben hatte, zu zerstören drohte.
      Sie hatte wortwörtlich ins Schwarze getroffen, denn statt ihren Angreifer mit dem Dolch zu verletzen, ergriff dieser ihr Handgelenk. Schmerz durchfuhr sie erneut, als er ihre Hand unnatürlich verdrehte, während sie sich zwang, ihre ganze Kraft gegen ihn anzuwenden und sich aus seinem Griff zu lösen. Kitty ermahnte sich.
      Einatmen.
      Ausatmen.
      Einatmen.
      Losreiß-
      Gar nichts.
      Gerade als Kitty sich losreißen und dem erneuten Angriff ihres Gegenübers ausweichen wollte, bevor das gleißende Licht ihr die Sicht raubte, hörte sie das Klacken des Lichtschalters und erstarrte.
      Der Urknall selbst mag so ausgesehen haben, wie das gleißende Licht, das die Dunkelheit durchschnitt und urplötzlich den Blick auf das Kind bot, das zitternd im Türspalt kauerte und hindurchsah - auf die beiden vertrauten Gestalten. Das Bild der Misere, das sich ihm bot, musste Aiden so erschreckt haben, dass er mit einem Mal kleiner, schwächer und ängstlicher wirkte, als Kitty ihn in Erinnerung hatte. Der Junge, der auf dem Schrottplatz unter den Obdachlosen geklaut und als Taschendieb gelebt hatte. Dieser Junge war immer noch ein Kind.
      So plötzlich, wie der Laum erleuchtet wurde, so prallte das gesamte Adrenalin und die gesamte Kraft von ihr ab. Es war zu spät, als dass sie es hätte aufhalten können und der Dolch glitt aus ihrer Hand zu Boden, den er mit einem lauten Klirren erreichte.
      Mit aufgerissenen Augen sah sie ihren vermeintlichen Angreifer an, aber fand stattdessen ihr Spiegelbild an Elend und Abtrünnigkeit in ihrem Mitbewohner wieder, bevor er vor ihr wegtaumelte in seinem Unglauben. Ja, Tobishira sah aus als hätte er ein Gespenst gesehen, aber ihr erging es nicht anders. Sie hatte wahrhaftig ihren persönlichen Gevatter Tod vor sich stehen. Er, der unscheinbar neben ihnen lebte, er, der sich nachts aus dem Hause schlich, um zu einer anderen Frau zu gehen - zumindest was Kitty zu pflegen geglaubt hatte - er, der ihr beim Kochen half. Ihr Freund, der Richter, der sie nahezu umgebracht hätte.
      Zuerst ein Surren, dann ein Klingeln und dann waren es seine Worte, die Verzweiflung in seiner Stimme, - die Kitty immer innerlich beruhigt hatte - , die zu ihr durchdrang.
      Schwankend tapste sie einige Schritte auf Aiden zu, während Tobi einige belanglose Entschuldigungen und Ausreden murmelte, bevor sie inmitten des Raumes auf die Knie fiel. Ihr Beine, so elastisch und weich, hatten letztendlich nachgegeben.
      "Aiden", hauchte Kitty, streckte eine Hand nach ihm aus, die sie schnell wieder sinken ließ, als das Kind vor ihr wich. Sie hörte aus dem Hintergrund die Aufforderung an Aiden ins Bett zu gehen. Tobi, der seiner Verzweiflung noch mehr zu verfallen schien. Er atmete schwer, ein haltloses, kehliges Atmen.
      Kitty hätte schwören können, dass die Aura, die ihn umgab, noch viel gefährlicher auf sie wirkte als zuvor. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie das wahre Wesen ihres angeblichen Freundes offenbart hatte, sich aber gleichzeitig bedauerlicherweise dabei selbst verraten hatte.
      Ein trauriges, zweischneidiges Schwert.
      "Ich...Ich werde nicht ins Bett gehen", stammelte der Junge kleinlaut, bevor er die Tür noch weiter aufriss und den Schauplatz des Grauens betrat.
      Nicht nur einmal wurde sie von ihren Schuldgefühlen gegenüber den Beiden eingenommen, sie trieben sie schier in den Wahnsinn. Die Angst, die beiden in Gefahr zu bringen, die längst zu Kittys Schatten geworden war, hatte ihr immer den Schlaf geraubt, sie Nerven gekostet. Da siehe einer an. Aiden, der Angst vor Monstern unter seinem Bett hatte, lebte mit ihnen zusammen. Sie waren es. Sie waren es schon immer gewesen, die Menschen. Sie beide waren Monster, die das unschuldige Kind an ihrer Seite nicht verdient hatten.
      "Geh ins Bett, ich bitte dich", flehte Kitty. Ihre Stimme war brüchig, Tränen stiegen ihr in die Augen und der Knoten in ihrem Hals wurde nur noch größer.
      Ekaterina zuckte zusammen, als Tobis Stimme die schwere Stille mit einem wütenden Schrei durchbrach. Aiden selbst erstarrte inmitten des Badezimmers.
      Langsam, wie ein verängstigtes Reh, wich er zurück, den Blick auf Tobi gerichtet, rückwärts vorbei an Kitty. In seinen kleinen, runden Augen, konnte sie noch die Tränen erkennen, die sich angesammelt hatten, bevor er stumm aus dem Raum trat und in den Flur preschte.
      Zuerst hatte sie die kleinen Schritte hören können, die immer schneller wurden, bevor die Tür des Kinderzimmers mit einem lauten Knall ins Schloss fiel und der Schlüssel dreimal umgedreht wurde. Mit jedem Geräusch wurde das Pochen in Kittys Kopf lauter, bis ihr der Boden nahezu unter den Knien weggefallen wäre.
      Alles und Nichts umgab sie. Das Gefühl einer schleierhaften Halluzination, das Gefühl in Trance oder gar wie früher, nachdem sie mit Michael das ein oder andere Narkotikum ausprobiert hatte, drohten ihr Bewusstsein zu übernehmen, sie zu verschlingen.
      Langsam, in verzerrten Bewegungen, zog sie sich am Waschbecken hoch und wandte sich Tobishira zu, der in seinem eigenem Leid gefangen zu sein schien.
      "Das Herz eines jeden Menschen", ihre Lippen formten Worte, die kaum zu ihr durchdrangen, "frisst alle Lügen, wenn es hungrig ist." Vielleicht war es sogar nicht mehr als ein Wimmern. Mühsam zog sie das dreikantige Katar wieder mit dem Fuß zu sich, bevor Kitty den Dolch aufhob und auf ihn richtete. Hilflos taumelte sie auf ihn zu und streckte den Arm aus, um den haltlosen Mann aufzufangen und gegen den Fenstersims zu drücken, an dem er sich schon seit einiger Zeit zu klammern versuchte. Dabei blieb sie kaum selbst auf den Beinen. Sie keuchte auf, als sie mit Kraft sein Gewicht wieder aufhob und ihren Arm zwang nicht leblos an ihre Seite zu sinken, sondern trotz der Schmerzen aufrechtzuerhalten.
      "Wer bist du, der sich in mein Leben geschlichen hat?", knurrte sie aus letzter Kraft, die ihr blieb, außer der beißenden Angst vor ihm sowie dem Knoten in ihrem Hals, die sie bei Bewusstsein hielten, während das Blut aus ihrer Wunde gnadenlos entlang ihrer müden Glieder auf den Boden rann. Kitty sah ihn hilflos und wütend zugleich an, während das womöglich letzte Wasser, in Tränen über ihre Wange kullerten.




      Wir sind alle Staub und Schatten

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    • Freie Giftwahl? Oder Winde der Zwietracht? Womöglich war es mehr eine elektrisierende Begegnung; dieses sanftes Kribbeln, das jedes Mal, wenn der junge Mann dem galanten Unikum eines monar‘schen Alphatiers gegenüberstand, durch seine schmalen Nervenbahnen säuselte und ihn in ein verqueres Spannungsfeld aus Rivalität, Loyalität und der subliminalen Botschaft ihre grazile Erscheinung mit dem sinnlichen lucianischen Charme maskuliner Dominanz zu manipulieren, manövrierte. Das Toxin, nicht mehr als die sinnliche Melodie ihrer Stimme, die sich der Sehnsucht weiblicher Verwegenheit im Fluidum strömenden Anmuts verschrieb, drang tief bis an den Impuls seiner geschickt umspielten Maskerade, hinter deren Mauern Lucian sich stets des Mitgefühls verweigerte und gar der Liebe vorwarf, nur ein schwaches, verzichtbares Produkt des menschliches Geistes zu sein. Doch so sehr er sich auch der Tatsache erwehrte, unter dem Himmelszelt aureliascher Autorisierung zu stehen, hatte ihn jede Impfung, jede Flucht doch jeher zum Throne femininer Faszination zurückgeführt. Der Platz galt ihm – nur ihm; egal ob unter, neben, oder hinter Aurelia – er partizipierte an der Seite seiner kapriziösen Obrigkeit, doch nie würde der Mafioso über dem Status der jungen Frau agieren, geschweige denn stehen können. Ein ungeschriebenes Gesetz, das der Signatur geflehter Worte ihre Gültigkeit versprochen hatte. Und dieser Vertrag würde durch das Schicksal jener hallen die den Ruf des Schwurs hatten in ihrem Blute verewigt.
      Die Mundwinkel des Blauhaarigen verzogen sich fast reflexartig zu einem gespielt beleidigten Lächeln. „Ich bedaure, das Frühstück musste ich heute leider ausfallen lassen, sonst hätte ich meine Banane sicherlich mit dir geteilt.“, konterte der unverhohlene Stolz eines gekränkten Ego’s flüchtig grinsend, und entzog sich damit mal wieder gekonnt der Kontrolle respektzollender Resonanz, ehe Lucian letztendlich die Entscheidung traf, seine Wenigkeit auch weiterhin außerhalb der Norm adäquater Allüren bewegen zu lassen. Alles andere wäre schlichtweg Charakterverleugnung gewesen. „Aber bestünde noch Bedarf, würde ich mich deiner natürlich selbstlos erbarmen.“ Wirkte die Bemerkung zuvor noch wie ein alltägliches Wortspiel, entronnen der Lippen jugendlichen Leichtsinns, so hatte sich innert zweier nachtgetönter Monde ein aufzüngelndes Feuer der Erwartung erhoben; Die Egozentrik des Mannes lechzte nahezu nach der Maßregelung, die ihm die gewünschte Aufmerksamkeit und Resistenz würde erbringen, das sich sein innerer Rebell sehnlichst zu wünschen schien. Ein unverkennbarer Aspekt, den der junge Mann brauchte, um die Grenzen eines unsichtbaren Systems nicht zu überschreiten. Die Iriden des Blauäugigen versprühten brüsk reine Provokation, - er hätte den Reiz obszöner Phantasie nur zu gerne unter Beweis gestellt, einfach des Vergnügens wegen, Aurelias Geduld auf die Probe zu stellen – während das Spielchen geradewegs zu einem Teil zwiespältiger Machtverhältnisse, deren Konfliktpotenzial auszuarten bevorstand, umzustürzen drohte. Selbstsicher wollte Lucian die Glieder wieder Richtung Ausgang lavieren, fern der Zone unbeugsamer Willenskraft (wie er befand), bevor zwei schmale Finger plötzlich sein Kinn umschlossen, kräftig und energisch, entgegen aller Erwartungen, die er der Stärke solch filigraner Hände instinktiv abgesprochen hätte, auch wenn Aurelia ihn gewissermaßen fortwährend eines Besseren belehrte, und das Wölfchen zwangen, den Blick auf die herbststürmische Aura zweier eislodernden Augen zu richten. Ihre Worte begannen langsam seine Gedanken zu fesseln, bevor er der Ambivalenz frivoler Einbildungskraft und reeller Gefahr überhaupt hätte gewahr werden können, und ein kühler Hauch über seine Wange streifte, der irgendwie auch dem schleiernden Nebel des Morgengrauens hätte entspringen können. Obgleich dem Grenzgänger kaum zum Lachen zumute war, erfasste seine Kehle dennoch ein leises Kichern. „Die Stunden allein tun dir nicht gut, Aurelia. Du gibt’s dich zu viel der Vergangenheit hin, die deine Gedanken mit Misstrauen zu zerschlagen scheint. Wozu die Sache selbst in die Hand nehmen, wenn wir doch bereits einen Freiwilligen haben?“ Er fühlte, wie Aurelia den Druck unmittelbar intensivierte, naheliegend, dass die Anspielung und der gescheiterte Versuch Reno’s Verrats spielerisch witzelnd miteinzubringen (bei ihr) keinen Anklang gefunden hatte und fast kam es ihm so vor, die junge Frau würde ihren Verdruss durch den Schmerz, der sich leise in seinen Kiefer schlich, kompensieren wollen. Wäre sie eine Blume, so würden ihre Wurzeln mit dem Land, was sie beherrschte, verschmelzen, wie der Körper die Seele brauchte, um zu leben. Kurz nachdem die kastaniesche Knospe endlich von ihm abließ, ergriff stattdessen der Mafioso das Handgelenk der Brünette und zog die zerbrechlich wirkende Sprosse– er wusste aus Erfahrung, die er wahrlich jeden Tag auf’s neue bekundete, dass seine Staatsherrin mit allem, nur nicht Schmächtigkeit gesegnet war– vielleicht ein wenig unsanft an seine Brust. „Ich mag es nicht, der Treulosigkeit unterstellt zu werden,-„ entfloh Lucian's Lippen die düstere Resonanz einer dezent unterstrichenen Drohung, mit welcher er Aurelia am liebsten eine Kerbe in ihr Gewissen ziseliert hätte, doch war er weder für ihre Erziehung verantwortlich, noch befugt, dem Oberhaupt Instruktionen zu erteilen. Trotzdem. Diese Art des Vorwurfs verletzte sein Ehrgefühl wirklich. „Nicht jeder, der dir suspekt erscheint, muss deshalb automatisch dein Feind sein. Ebenso wenig jeder, der dich womöglich durch Sympathie zu gewinnen vermag, dein Freund.“, gab er schlussendlich zu bedenken und ließ die Brünette ihres Weges ziehen. Die zarten Nischen ihres Antlitzes wurden plötzlich von der rauen Härte des Hass und der tiefen Verachtung gestählt, dass der junge Mann befürchtete, dieser Launenumschwung richtete sich gegen ihn selbst; doch die Annahme erwies sich glücklicherweise als Trugschluss.
      Ihr Hass galt einzig und allein Aion. Und er… er hasste dieses Portrait. Es zeugte von einer Zeit, die mit ihren goldenen Ergüssen längst der Vergangenheit angehörte und an deren Erinnerung man sich nur klammerte, um die Hoffnung an Gerechtigkeit nicht dem eigenen Versagen zuzuschreiben. Traue nie den Worten jener Toten, die du nicht selbst erlegt hast. „Der Tod mag eine schnelle und universelle Lösung sein, doch eher rette ich dich vor dir selbst, als dass ich dein Herz des Todes letzte Ruhestätte übergebe. Sterben können wir, wenn wir tot sind.“ Nicht, dass der Mann unbedingt reell irgendeine Besorgnis offenbaren wollte – er redete sich vor allem ein, sie hauptsächlich des Versprechens, das er Agostino einst hatte geschworen, wegen zu beschützen - aber die Vehemenz, die keinen einzigen Zweifel an der Richtigkeit seiner Aussage ermessen ließ, bedurfte genauso wenig einer überdurchschnittlichen Auffassungsgabe. Gerade, als er das Haupt abermals umwandte, um aus der Umlaufbahn des „deadly star nemesis“ zu entkommen, warf ihm Aurelia ein Stapel zusammenheftete Fotografien in die Arme. Reno, dieser Idiot. Umhin, es beunruhigte ihn mehr, dass sich sein Partner quasi vollkommen selbstverständlich – naja, fast - den Regeln entzog und mehr oder minder offen zur Show trug, innerhalb des Netzwerkes zu rebellieren, wenngleich erfolglos. Ein Komplott? Unzufriedenheit? Wollte er sich emanzipieren? Oder unterlag der Rothaarige mittlerweile suizidalen Tendenzen? Die Stimme Aurelias katapultierte den Mafioso abermals zurück in die Realität – und so sehr er sich auch bemühte, nicht sofort aus der Tür zu verschwinden - desto weniger konnte er ihren Worten den winzigsten Tau an Begeisterung abgewinnen. Kleine Hexe. Perfide, fast satirisch; zynisch angehaucht, ward dieses Schicksalprädestinierte Wesen aufgestiegen zu einem ziemlich blutrünstigen Sadist – die das psychische Läuterfeuer wie eine Konstante durch sein Dasein zu spielen vermochte und jegliche Freudkundgabe genüsslich ins Gegenteil pervertierte.Strafe? Das war keine Strafe, sondern der Verdacht einer vorauseilenden Nahtoderfahrung. „Hrrrr…. Du bist wirklich...-" kurz bevor seine Empörung in ein Bombardement wüster Feindseligkeit hätte umschwingen können, unterwies er sich eines klügeren und schüttelte anstelle impulsiver Hasstiraden nur fassungslos den Kopf. "...Unverbesserlich, deine Entscheidung mit hergesuchten Nichtigkeiten zu untermauern. Aber wie du meinst. Nach der Mission, ist vor der Mission, ganz wie Ihr wünscht, Miss SchneePunzelStilzchen. Wir könnten das russische Konsulat effektiverweise trotzdem mit einer C4 wegsprengen, dann muss ich mich nicht in einen maßgeschneiderten Anzug zwängen und auf eine Auktion gehen, deren größte Aufgabe darin besteht, nicht einzuschlafen. Wortwörtlich.“, führte er vergeblich ein paar Punkte auf, die ihren Entschluss hätten vielleicht nochmals umdenken lassen können – aber natürlich in purem Wunschdenken endeten. Missbilligend schnaubte der junge Mann, verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und zog die Augen zu derartigen schlitzen, als wolle er sich der genetischen Abstammung ihrer japanischen Freunde selbst anpassen. Viel Zeit seinem Schmollen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, - was die junge Frau ohnehin vermieden hätte – wurde ihm nicht zuteil, stattdessen drückte sie ihm eine weitere Mappe mit allerlei relevanter Formalitäten in die Hand. Super. Während er noch überlegte, seine Wenigkeit stillschweigend zu empfehlen und Aurelia mit ihrem Redeschwall sich selbst zu überlassen, was ihn allenfalls ein Messer im Rücken gekostet hätte, wich seinem Verdruss plötzlich ein nicht gänzlich unwillkommener Unglaube, so lenkte sie ihn mit ihrer Bitte – ok – Forderung, zumindest leidlich von seinem derzeitigen Missmut ab. Nachdenklich hob Lucian eine Braue gen Stirn, den Kopf leicht zur Seite geneigt. „Hm. Wie Ihr befiehlt, Eure hoheitsche Nemesis. Nun, wenn wir Glück haben, ist Reno frühstens heute Abend zuhause. Wenn er bis dahin noch lebt….“ Auffällig bedächtig huschte der Blick des jungen Mannes zur Scheide, die die lederne Ummantelung für das edle Kampfinstrument namens Butterflyknife darstellte und nebst der tödlichen Schärfe auch seine getreue Lebensversicherung die AK47 geduldig auf ihren Gebrauch wartete. "Doch vorerst...."
      Lieblos verstaute Lucian das Beweismaterial auf dem dunklen Ebenholz, ehe er den Oberkörper einer schier gleitenden Umdrehung gen Aurelia manövrierte; sein Schatten sich langsam am Körper der jungen Frau zu erheben genoss, als er jedes einzelne Gliedmaß ihrer verlockenden Kurven hinaufschlich; genauso leise und lauernd, wie die Schritte ihrer verdrängten Leidenschaft, welche lautlos kichernd des tänzelnden Muskelspiels maskuliner Ergebenheit wagte verführt zu werden und leise hinter sie trat, um die hinabwellende Kaskade rehbrauner Strähnen zärtlich von ihrer Schulter zu streichen, während der junge Mann das Haupt vorsichtig zu ihrem Hals hinabbeugte, die Lippen nur ein sanfter Windhauch entfernt vom hauchfeinbesaiteten Antlitz, das den hinfortgestohlenen Kuss unverfälschter Finesse zu genießen erdulden musste. "Wir sind es, die den Termin zum Sterben festlegen, der Tod auf Rezept..." schnurrten genüsslich selektierte Worte durch die empfindsamen Hörsinne seiner Beute (lel). Behutsam, die Zeit schien der Veränderung Tod zu sein; endlose Sekunden, eingefroren in einem unscheinbaren Augenblick der Sinnlichkeit, glitt seine Hand hinab, wanderte entlang ihrer Taille; verzehrend nach inbrünstiger Schwäche drohte er sich in Aurelias süßlichen Duft zu verlieren, bevor sich die Finger des Mafiosos mit den ihren verschränkten, "Lehne deine Lippen niemals gegen das Unausweichliche, denn du wirst es nicht zum Schweigen bringen können. Der Erlass ethischer Werte ist unentbehrlich für die Erfüllung deines Willens." Nochmals entglitt seinen rosérotgehauchten Lippen ein Lächeln, und obwohl es den Gesichtszügen des "Dogx's" einen sanften Ausdruck von ehrlicher Entschuldigung verlieh, so einhergehend säuselte doch die Bedrohung unberechenbar Kalkül im Unterton kryptischer Gedankengänge mit. Nicht nur Krieg forderte Opfer. Auch die Durchsetzung unstillbaren Verlangens. Der Fluch des menschlichen Geistes; der nach Macht gierte und niemals der Zufriedenheit des Wenigen würde fündig werden. Leise lachend ließ Lucian von der jungen Dame ab, gewährte der professionalen Distanz abermals die Ermächtigung der Amtserhebung und marschierte zum Ausgang, während er eine Uhr, - ihre Uhr, lässig um seinen Daumen kreisen ließ. Sie wollte, dass er etwas für die Russen fand, das wertvoller war als das Bild? Gut, es würde nicht diese Uhr sein, das kleine Schmuckstück diente nur dem Mittel zum Zweck. Ihm war es egal, ob es ein Erbstück ihres Vaters, ihrer Mutter war oder sonstigem, belastendem Erinnerungszweck angehörte, für ihn waren solche Fragmente, zurückgelassene Artefakte nur ein schlechter Beigeschmack vergangener Zeit, die einen fortwährend an die eigenen Fehler erinnerte und sich zu sehr der Schwäche des menschlichen Geiste bemächtigte. "Ich kann dir nicht versprechen, dieses Ding hier- " er spuckte das Wort quasi genauso abfällig wie die Wertigkeit eines Restmüllbeutels aus, "Unversehrt zurückzubringen, aber immerhin werde ich befähigt sein, deiner Forderung nachzukommen." Und derweil der Blauhaarige ihr den Rücken vollends zudrehte, ahnte er zu wissen, bald ebenso viele Messer und Kugeln im Leib zu haben, wie dieses Ding wert zu sein schien.





    • Abermals hielt die Bewegung des Rothaarigen inne, lauschend in das Schweigen der Stille, das höchstens vom Rascheln der gewaltigen Baumkronen unterbrochen wurde, mit dessen Blätternder Wind sein säuselndes Spiel zu initiieren begann, und stellte unter einemakkuraten Lagecheck vermeintlicher Verfolger zufrieden fest, dass der einzige Begleiter, der ihm folgte, noch immer die Geräuschlosigkeit war, ehe der junge Mann den versteckten Eingang von seiner unzähligen Masse an nervigen Dornenranken und Gestrüpp befreite. Keine ungebetenen Gäste. Wenn man einmal von ihm absah. Geschickt schlüpfte Reno unter dem Stacheldach hinweg, das im Frühjahr immer an den Abendschein rosenroter Blüteschweife erinnerte, und überquerte die Schranke zwischen wilder Natur und trister Fassade. Das ruinöse Bauwerk, welches einst wohl ein kolossales Sanatorium gewesen sein muss, konnte sich nicht mal mehr als Schatten seiner selbst betiteln. Die kahlen Wände verschlangen das Licht auf so bizarre Art, dass Reno selbst glaubte, der Beton spiegelte die Qual all jener missbrauchten Menschen wider, die hier ihr Ableben bezeugen mussten und deren Hoffnung durch die Erkenntnis, ein Proband experimenteller Zwecke geworden zu sein, der Angst gewichen war. Es roch nach Schimmel, modriger Luft und angespannter Nervosität. Eigentlich kein Ort, an dem man gerne verweilte, aber für ein „illegales“ Treffen der perfekte Platz, um sich in Anonymität zu rühmen. Vielleicht verirrte sich das ein oder andere Waldtierchen sporadisch hierher. Ein annehmbares Übel, verglichen mit der Gefahr, in die er sich seit zwei Woche begab, jedes Mal, wenn er die unsichtbaren Buchstaben auf Neuigkeiten an den kalten Mauern überprüfte. Informationen, die nicht mal das (normale) Licht zu entschlüsseln enthüllte. Der einzige Verräter? Seine Schritte. Das Echo schien jeden kleinsten Winkel des Gebäudes großflächig ausfüllen zu wollen, wie um den Besucher herzlich willkommen zu heißen, der die Trostlosigkeit mit Leben füllte. Vergessene Opfer. Nie vergoltene Taten. Kein Urteil. Vor ihm erhob sich ein zementierter Wall, der selbst den lachhaften Rest Zwielichts zu verschlingen schien, aber genug Fläche für den Austausch von lautlosen Nachrichten bot. Gefährlichem Wissen…. Verhängnisvolle Erfahrung.
      „Ganz ruhig, dann passiert dir nichts, Schizzo.“ Die Stimme glich einem metallischen Zischen – möglicherweise war es aber tatsächlich der Laut eines unlängst gezogenen Messers gewesen, so ganz hatte Reno die tödliche Wirkung im Unterton dann doch nicht unterscheiden können – während der Lauf einer Waffe sich schier heißblütig liebkosend an sein Schulterblatt presste, bereit, ihn bei der winzigsten Regung das Leben aus seinen ungleichen Atemzügen zu rauben. „Shaya, put your gun down, please. It’s me…-“ „Reno…?“ Ihre Klangfarbe resonierte für einen Augenblick, der ausgerechnet hatte, um den Mafioso fürchten zu lassen, die letzten Schläge seines flatternden Herzens erlöschen zu hören, in purem Unglauben, bevor das Brünettchen sich dann lebensrettendermaßnahmen doch dazu entschied, ein Richtungswechsel durchzuführen und das Todesinstrument gen Boden zu richten. „Oooof… Thy. I’m luckytoday, eh?“ „In der Tat. Ich hatte zugegeben keinen Besuch erwartet.“ „Me either. Who’s Shizzo?“ Sie lachte leise. „Ein Kosename für alle armen Teufel, die mir in die Quere kommen.“ „Uhhh, I'm even happier you consider me a friend tho.“ „Lifesaver.“, korrigierte das junge Fräulein beiläufig. „Never mind. I was looking for ya anyway, telling about my research. You got something too?“ „Wäre ich sonst hier, Spinnerchen?“ „Nah. Imma…-“ „Schon gut, Feuerassel. Mann, das war eine echte Herausforderung diese scheiß Krankenakte zu hacken, mein Gott. Eine der wenigen, die digitalisiert worden ist und wo genug Fetzen übrig waren, um wenigsten ein paar Informationen herauszukramen. Die Regierung nutzt 7stellige Codes mit sich nicht wiederholenden alphanumerischen Zeichen als Passwörter. Das hat mich jetzt fast zwei Wochengekostet.“ „My bad, sorry.“ Der Rothaarige zuckte seufzend die Schultern, ehe ihm bewusst wurde, dass die junge Mutter seine Geste ja gar nicht wirklich hatte vernehmen können. Vielleicht sogar zum Glück. „Ich habe mich bei der Suche auf die Aussage eines Hightech-Mogul bezogen. ‚Man habe einen genialen Durchbrucherzielt, der die Oberschicht zu einer relativen unsterblichen Götterklasse avancieren lassen könne‘.“ „Well. Ist es possible, in contact mit diesem Guy zu treten?“ Die Brünette lachte wieder, doch diesmal klang es fast ein bisschen spöttisch. „Eher weniger. Es sei denn, du beherrschst die Kunst der Nekromanie. Der Typ ist kurz nach seiner Kundgebung "offiziell" an einem plötzlichen Herztod verstorben. Die Regierung selbst hat diesen Vorfall damals als „reine Verschwörungstheorie“ deklariert.“ „Hach, sad.“ „Bei der Recherche stieß ich immer und immer wieder auf dieses eine Wort: ‚Apocrypha‘. Ich hab ein bisschen gegoogelt, konnte aber außer der normalen Bedeutung nichts finden. Gar nichts. Was mich eher wundert, ist die Tatsache, dass die Anzeichen der Demenz-Erkrankung des Typens nach der Bluttransfusion nahezu verschwunden waren. Wenn du mich fragst, steckt dahinter etwas viel Größeres. Etwas, das niemals an die Allgemeinheit geraten durfte. Reno, jegliche Akten, alles, was auf dieses Wort zurückführte, wurde ausgelöscht. Und zwar so präzise, oder mehr penibel, dass jegliche Spurenverwischt, beziehungsweise verschwunden sind. Für immer. Und das bezieht sich nicht nur auf dokumentarische Verweise. Listen up, ich gebe dir ´nen Rat: Leben und leben lassen. Vergiss diese Sache, wenn du in Ruhe dein Dasein genießen willst.“ Er hatte sich des Gefühls der Angst, die bei jedem Wort, dass sie sprach, in seine Glieder kroch, langsam und toxisch, kaum erwehren können. Und der Ernst ihrer flehentlichen Bitte ließ ihn eine Bedrohung kosten, die bitterer als Dark Mousse, und gefährlicher als die eigene Verteidigung im Krieg gegen Fremde Kämpfer war, denn es brachte den Tod; und das Phantom schien die Verkörperung des mörderisch Unbekannten zu sein. Wie sollte er etwas herausfinden, was sich im Dunkel des Namenlosen versteckte und genauso substanziell wie die Essenz der hereinbrechenden Nacht war? Fürchte nicht die Dunkelheit. Fürchte das, was in ihr lauert. Verdammt. Was zum Teufel lauerte bitte da draußen? Eine verderbliche Macht? Die einzig wahre Nemesis, im Kleide des menschlichen Käfigs? Die sonst so sanften Gesichtszüge des Rothaarigen hatten sich binnen Sekunden so starkverhärtet, dass man hätte annehmen können, er wolle der Robustheit eines Toolox trotzen. Doch die Gedanken des jungen Mannes überzogen sich mit der Schwärze seines gegenwärtigen Aufenthaltsorts, eigentlich viel düsteres als das, was ihn umgab.
      Nein, er dürfe niemals auch nur ein Wort darüber verlieren. Aber wer sollte ihn bitteschön danach fragen? Niemand wusste von seinen Nachforschungen, und falls er doch den einen oder anderen Spitzel übersehen hatte, so würde dieser allenfalls an der Oberfläche seiner Untersuchung kratzen. „Hey, Shaya.“, unterbrach Reno die ihm unheimlich gewordene Stille. Eisige Finger, nicht mehr als eine ominöse Vorahnung, die die Fesseln eines tödlichen Geheimnisses gelöst zu haben schien, fuhr kühl unter seine Garderobe; überwand die Barriere von Haut und Blut und drang wispernd durch seine bleichen Knochen. „Yes, Sir?“, weckte die junge Dame ihn aus der Starre wirrer Gedanken und ein warmes Lächeln schmiegte sich unwillkürlich auf die Lippen des Mafiosos. „Could you do me one more favor?“ „Heh? Noch einen?“ „Last one. Promise.“ „Hm. Na gut. Aber nur, weil ich dich so süß finde und du mich vor diesen brachialen Männern gerettet hast.“ „Hahaha… I appreaciate your words, petite princesse.“ Reno ließ die Rechte langsam in die Untiefen seiner Manteltasche gleiten, ehe er die neuste Innovation der Neuzeit herauszückte und Shaya das Kommunikationsgerät bestimmt in ihre zarten Hände übergab. „Dieses Handy habe ich heute Morgen einem Bänker abgeknüpft. Darauf müsste eine unterdrückte Nummer sein, die vorgestern gegen ein, halb zwei einging. Der Anruf kam aus Norwegen. Wenn du das Telefonat zurückverfolgen, und mir den genauen Standort nennen könntest, I’d be... very grateful for your help.“ Einen kurzen Momentblickte das zu klein geratene Geschöpf nachdenklich zu dem jungen Mann auf, - er spürte, dass sie versuchte, die unausgesprochenen Fragen innert seiner von der Dunkelheit verdeckten Pupille zu finden - gerade irgendwie lange genug, dass er plötzlich davon ausging, sie würde ablehnen. „Ohne Witz, wen versuchst du zu töten? Du suchst offenbar nach etwas – oder jemanden. Aber lass gut sein, heute Abend dürfte ich dir Aufschluss erteilen können. Wo wir bei deinem Part angekommen wären…“ „…What?“ „Lade mich heute Abend in das Café Posillipo Panoramica ein, so als… nette Gegenleistung für meine Hilfe. Ich bringe meine 2 Jährige Tochter mit, das Café besitzt eine Spielecke für Kinder. Abgemacht?“ Auch die Dunkelheit vermochte nicht, die erwartungsvolle Haltung und vor allem Freude, die Shaya’s Stimme einen ganz neuen, fast unschuldigen Glanz verlieh, zu verschlucken. „Well I… I.. Yea… Eh… I g-guess… Ok-kay.“ „Wow, wie niedlich du bist, wenn du vor Verlegenheit nicht weißt, was du sagen sollst. Heute 18 Uhr, und sei pünktlich, capito?“

      20 minütes läter ~


      Angestrengt – fast verzweifelt-versuchte sich der Rothaarige auf das anliegende Date vorzubereiten, mental wie auch körperlich. Wie lange war sein letztes Date eigentlich her? Moment, hatte er je eines gehabt? Eines, dessen Interesse an seiner Person auf Wirklichkeit beruhte und nicht wieder dazu diente, ihn sämtliche Organisation und Netzwerke auszuspionieren zu lassen, konkretisiert: Informationsbeschaffung a la Aurelia diente, um vermeintliche Schwächen und Lücken im System zu eruieren? Lux airline. Wir nutzen die Grenzenlosigkeit der Ausbeutung, um Sie zu beschatten – auch bei Höchsttemperaturen. Kopfschüttelnd marschierte der Mafioso gen Motorrad – ausgeliehen, ohne Pfand. Oder Rückgabegarantie. Gerade wollte er sich auf das Gefährt schwingen, wie drei dunkle Gestalten auf ihn zuschritten; ihre Fratzen trachteten geradezu nach Rache – und eins auf Fresse zu kriegen. „Renozeros, ich denke, den Feierabend wirst du heute wohl im Krankenhaus verbringen müssen.“ „Dann kann ich meine läppischen Überstunden von 16 Jahren ja endlich einmal in Ruhe abfeiern.“, konterte er stattdessen beinahe gelangweilt und kam kaum umhin, die Augen nicht genervt zu verdrehen. Hätten di esich nicht einen anderen Tag, eine andere Zeit, und einen anderen Ort aussuchen können? Zwar, er würde nicht behaupten, im Stress zu sein, aber eilig hatte er es dann doch irgendwie. Konnte auch an seinem überschrittenen Fluchtinstinktliegen. „Das hier ist unser Terrain, Bastard. Wir haben noch ´ne Rechnung zubegleichen. Unser Boss will deine Zunge, also sei so brav und halt schön still, dann geht’s schnell und tut weniger weh.“ "Aii... You're definitly an useless Q." "Wieso ein Q?" "Eine Null mit nem kleinen Schwanz." Der Hieb durchzuckte sein Sichtfeld so unvorhergesehen, dass Reno ein paar lichtblitzende Momente brauchte, um wieder an Stabilität zu gewinnen, ehe seine Wendigkeit es gerade noch schaffte - oder sein Gegner einfach nur schlecht zielen konnte und der erste Treffer pure Glückssache gewesen war - dem zweiten Schlag auszuweichen. Mit einem flinken Salto flog er über den Zweiten Mann hinweg, rollte sich ab und verblieb in der Hocke, stützte sich auf einer Hand ab, sodass er das Bein einmal um die eigene Achse drehen lassen konnte. Dumpf haute es den Dunkelhaarigen von seinen ungeschickten Füßen - und ein weiterer, gezielter Tritt in den Schritt sorgte dafür, dass er auch erst mal am Boden bleiben würde. Na, das würde eine feine, kostenlose Kosmetikstunde geben. Biologisch abbaubar, in verschiedenen Farben erhältlich (abhängig von Kraft und Einschlagsdauer sowie Bereich) und hatte eine Wirkungsdauer - unter Garantie - über vier Wochen. Knappe 10 Minuten später krümmten die Möchtegern Machos am Boden. Ein erbärmliches Häufchen Elend, das keuchend nach Luft ring und versuchte, gurgelnd das Blut aus dem Hals zu speien und irgendwie Luft in ihre ausgedünnten Lungen zu pumpen. "Ey, Mister Macho. Get rekt, you lag. And tell ya boss... Alles lief nach Plan. Nur der Plan war halt irgendwie scheiße." Humpelnd - Reno hatte trotz erfolgreicher Gegenwehr einiges an Tritten und Schlägen einstecken müssen, - war seine Nase eigentlich gebrochen oder verklebte lediglich das Blut seinen Geruchssinn? - stolperte er abermals zum Motorrad. Sein Auge brannte und es fühlte sich an, als würde die Schwellung ein drittel seines Gesichts einnehmen, während er das Plasma, dass lautlos über seine Lippen schlich, abfällig an die Seite spuckte. Die Fahrt zum Hauptquartier verlief unfallfrei, ein Umstand, der jedoch größtenteils daran gelegen haben mag, dass die Straßen kein einziges Auto hatte gesäumt und leer waren, abgesehen von den ganzen Laternen und Bäumen, die ihn des Öfteren einladend dazu angestachelt haben, einfach dagegen zu fahren. Oder seine leichte Gehirnerschütterung hatte ihm schlichtweg Streiche gespielt. Waren seine Haare eigentlich schon immer orange? Mehr stolpernd als sich dem normalen Gang zu bedienen wankte Reno durch die Türe, die den inoffiziellen Eingang des Quartiers bildete und praktisch in den Flur fiel wie ein kaputter Zinnsoldat. Gut, eine Pracht Prügel hatte er sich bereits abgeholt. Fehlte eigentlich nur noch die Belehrung der vorauseilenden verbalen Dresche. Nicht, dass er unbedingt Angst hatte, zumindest würde er sich das niemals anmerken lassen und noch weniger eingestehen, aber die manchmal alles zersetzende Aura Aurelias ließ dann doch partiell... so etwas wie ehrfürchtigen Respekt durch seine Glieder scharren.

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    • „Wenn ich nur den Schmerz durch Leere ersetzen könnte, so wäre ich frei von Schuld, die mein Gewissen allmählich zerfrisst… Und wenn Schuld das Gefühl ist, das uns menschlich macht… Was bin ich dann…?“ wisperte die Verzagtheit einer fahlen Melodie gänzlich verlorener Hoffnung durch die Stille angsterfüllter Blicke. Die nachtquarzen Tropfen des Weißhaarigen schweiften langsam hinauf zum Mond, schienen sich in den silbrigen Strahlen prädestinierten Schicksals zu verfangen, fragend, ob das, was er zu sein hatte, wirklich dem Wunsch dessen entsprach, was dort oben zu thronen regierte und ihn in die Fänge unablässiger Verluste manövrierte. Der Moment, eingefroren in einer einzigen Atempause, zerbrach, als Aion das Haupt schweigend vom Firmament abwandte und seine von Sorge überschatteten Iriden vier erstarrte Augenpaare berührten. Die kalte Mischung aus Wut, Ohnmacht – aber vor allem Angst tobte auf der Oberfläche des Seelenspiegelbilds wie ein verfrühter Herbststurm, der den Auftakt zum nahenden Wintereinbruch einläutete. Er fühlte diese unendlich tiefe Bitternis aus Sehnsucht, Vergebung und innerem Zerwürfnis am dunkelsten Lichtschein seines selbstentfachten Hasses, das ihn so gnadenlos die Zwietracht seiner Existenz kosten ließ und kichernd einen schwarzen Vorhang der Ohnmacht um seine gelähmten Glieder schlang. Es tat so furchtbar weh zu begreifen, dass seine ganze Welt – und bestand sie auch nur aus zwei Personen – ihn zu fürchten begann. „Es tut mir leid.“, flüstere der junge Mann heiser, „Manchmal weiß ich nicht, ob meine Sehnsucht das Heimweh ist, das ich nie gekannt habe.“ Resigniert ließ Aion den Kopf gen Boden sinken. Der junge Mann musste diesen unbegreiflichen Schmerz, der die Wahrheit nur außerhalb des Käfigs ermöglichte zu begreifen, schon viel zu lange ertragen, ohne, dass je eine reelle Chance auf Trost, gar Verständnis bestand. Alles Leere Versprechen, Illusion verfälschter Hoffnung. Es bedurfte keine Worte, keine Schrift, keine Geste des Heiligtums, nur einen achtsamen Augenblick hinter die Kulissen einer perfekt improvisierten Fassade, um zu begreifen, dass die Realität nicht der Wahrheit Erlösung brachte. Nein, sie schickte fort. Jeden, der mit seiner wahren Natur in Berührung kam. Jeder, der seine Aura auch nur hatte gestrichen, verlor sich zwischen Lüge und Selbsttäuschung; doch das wussten sie nicht. Sie fühlten es, diese kafkaeske Bedrohung, die keinen irdischen Ursprung bemaß, jenseits der Grenze des Verstands, aber nie hatten sich seine Opfer den Schlingen göttlicher Verzauberung erwehren können. Und plötzlich stolperte er wieder über die Scherben seines zerrütteten Daseins. Tag 0 – er würde ihn immer und immer wieder einholen und das, was er zu lieben versprach, zerstören, sobald es Substanz hätte angenommen und begann, zu etwas Echtem zu gedeihen. Wie sollte er jemals gegen etwas ankämpfen, das nicht seiner selbst entsprang; er noch weniger zu begreifen erfasste als das komplexe Wesen der menschlichen Psyche, jedoch unverkennbar zu ihm gehörte – und zum Teufel - sogar einen wichtigen Bestandteil seiner Persönlichkeit formte? Dass sich der Weißhaarige unlängst wohl kaum seiner zurechnungsunfähigen Sinne hatte bedienen können und dabei der Illusion optischer Täuschung zum Opfer gefallen war, hatte Kitty ausgerechnet auf die Frage zurückkommen lassen, welcher Aion zeitlebens versuchte auszuweichen und nie hatte eingestehen können. Nein, wollen. Eine Wunde, die dem menschlichen Auge so lange verwehrt blieb, bis das eiserne Neer der Lügen die Fassade einst güldner‘ Träume hatte durchtrennt und dem Bewusstsein schlussendlich das Monster demonstrierte, das er seit je her zu prädestinieren erfuhr.
      Sogleich der ehemalige Mafiosos sich seiner göttlichen Resonanz gewahr wurde, verebbte die Aura eines gefräßigen Abyss im Kleid des Schweigens. Aiden. Kitty. Wie sollte er die beiden Menschen, die seine Säule des Lebens, seinen Quell des Frohsinns darstellten, schützen, wenn er sich als ihre eigentliche Gefahr begriff? Konnte er sich überhaupt vor sich selbst bewahren? Die Tatsache, dass er sich wohl gar nie aus seiner Lage würde befreien können, war doch das Problem im Mantel fahler Knochen und dynamisch spielender Muskeln umschlossen, dessen Käfig noch einmal mit Haut überzogen wurde, drohte ihn innerlich verrückt werden zu lassen - und vermutlich spiegelte sich dieser Umstand auch schon anhand seiner derzeit relativ verlorenen Hilflosigkeit wider. Er hatte die winzigen Tropfen im Kanal verängstigter Unschuld doch gesehen, ehe die kleinen Füßen Aiden’s, die sich im Trauma der Flucht beinahe selbst überschlagen hätten, hinaus in den Flur und panisch über die Schwelle des Kinderzimmers huschten; voller Irritation und Unterdrückung, einer höheren Macht ausgeliefert zu sein. Er hatte ihn nie verletzen wollen. Sie nicht verletzen wollen… Nicht im Rausch ungeahntem Eskalationspotential, doch der Drang, das weiße Feuer an der Reinheit eines wehrlosen Wesens lecken zu lassen, hätte ihn beinahe seines Verstandes beraubt. Lieber wies er den kleinen Jungen – und Kitty - fort, als sie umzubringen. Wenn es sein musste, für immer. Aion trat einen kleinen, zaghaften Schritt auf die anthrazitfarbene Rose zu, sie; die drohte, nochmals dem Kraftverlust ihrer Beine zu unterliegen und der Schwere seines schleichenden Gifts kaum länger standhalten konnte, doch seine Beine rührten sich nicht mehr, wie er die tosende Verzweiflung in Kittys Augen erkannte; der Vorwurf, sie in ein Netz aus Lügen gespannt zu haben, von dem sie niemals hätte ahnen können, dass die Fäden aus dem Garne göttlicher Instinkte entsprungen waren. Das Gift ihrer gehauchten Worte begann sich langsam an seinem bröckelnden Gewissen zu vergehen; und auch, wenn die Menschen sagten, sein Herz schlug am rechten Fleck, so spürte er doch ganz deutlich die Pein, die seine Gedanken kreuzte und einen Schlund von Selbstzweifeln zurückließ. „Kitty…“ verzehrte der Weißhaarige ihren Namen so sanft, als würde die junge Frau schier zerbrechen, würde er sie auch nur mit einem zu groben Gedanken berühren, „Die Wahrheit führt uns nicht immer ins Glück…“ Vorsichtig, halber mutlos, streckte Aion die Hand nach der erschöpften Sprosse aus; er wollte sie um Vergebung bitten, sie auffangen, falls die Energie aus ihren Beinen endgültig würde weichen und ihre Glieder in warme Armen betten. Aber das Eis gefror all seine Hoffnung zu kleinen Splittern, die wie Messerspitzen durch seine Hoffnung schnitten, als Kitty die Waffe gegen ihn richtete. Erschrocken riss der junge Mann die Lider gen Stirn. Agostino. Nein, das konnte nicht… „Bitte, ich bin nicht dein Feind, ich…-“ Aber was gab es da zu erklären? Es würde so enden, wie es damals hatte angefangen, nur dass die Hände, die ihn schlussendlich befreien würden – weil er es zuließ – seiner Sehnsucht entstammten, die sich im federnden Schleier einer Frau manifestierte. Die Augen des Grenzgängers ward überdeckt durch den Rideau der Dunkelheit, derweil sich seine Lippen zu einem traurigen Lächeln formten. Sie sollte ihn wenigstens lächelnd in Erinnerung verwahren… Wartend auf den kommenden Todesstoß, verließ ein belegter Seufzer seine Kehle; doch statt der Klinge, fühlte Aion plötzlich eine Hand, die ihm umschlang und schwach gegen den Sims drückte. "Wer bist du, der sich in mein Leben geschlichen hat?", drang die Stimme der schwarzen Blüte zittrig an sein Ohr, und er konnte fühlen, wie die Tränchen verzweifelter Worte ihr Salz in seine Wunde rinnen ließen. Das Licht drang beißend an die Netzhaut des Mafiosos, doch er schien taub für den Schmerz, dass es mit sich brachte, nichts im Vergleich zu dem, was er in jenem Moment zu fürchten erahnte. „Ich habe einst gewusst, wer ich war. Aber nun bin ich mir nicht mal mehr sicher, was ich bin…“ gestand das Produkt eins gescheiteten Experiments unter einem beschämten Flüstern, und die heißen, feinen Spuren, die hinab Kitty’s Wange glitzerten, nichts wünschte er sich mehr, als sie fortzuwischen; genau wie die Leere in ihren Augen, die den wahren Schmerz unter der Oberfläche gebrochener Liebe reflektierte. Behutsam schloss der junge Mann seine Arme um die Schwarzhaarige. Entsetzt stellte Aion fest, dass die Kälte ihrer Haut beinahe ihren gesamten Körper benetzte.
      „Kitty…! Du…“ stirbst… Er hatte nicht mal gemerkt, dass seine Finger im Blute eines sterbenden Schwans tränkten, das sich unentwegt einen Weg aus ihrem Körper bahnte, der Freiheit entgegenrann und die fleischige Hülle hinter sich ließ, die es so lange hatte genährt. „Ich werde dich nicht sterben lassen; auch wenn du mir den Tod wünschst….“ Kurzerhand hob er die mittlerweile schlaffen Glieder, die kaum mehr an Kraft besaßen, um überhaupt den Katar zu umschließen, auf seine Arme und stürzte in das Gemach, dessen Zutritt sie ihm eigentlich stets verwehrte und bettete das arme Ding sachte auf die weiche Unterlage des Bettes. Ihr Blick wirkte trübe; ein blasser Morgengrauen vom dichten Nebel des ewigen Schlummerns umhüllt, der einem die Sicht stahl und ins Ungewisse taumeln ließ. Ein bitteres Lächeln begann die fein zinnoberroten Linien des Alphnum’s zu umspielen, während er sich zu der grazilen Sprosse hinabbeugte, seine Fingerspitze zärtlich über ihre Stirn fuhren ließ, um eine feine Kaskade kastanienfarbener Strähnen aus ihrem Gesicht zu streichen. „Du wirst mich vergessen… Aber dafür wirst du frei sein.“, begann er wispernd, „Kitty. Du gabst mir ein Zuhause, als mich niemand haben wollte. Du schenktest mir Mut, als ich die Hoffnung verlor. Du verliehst mir eine neue Identität, als ich glaubte, ein Niemand zu sein. Aber vor allem… Hast du mir die Kraft zum Leben zurückgegeben, als kein Gefühl mein Inneres mehr zu nähren vermochte. Ich war taub für die Stimmen dieser Welt, stumm der Wahrheit gegenüber und blind für die Schönheit unseres Herzens, das, wann immer wir uns mit Liebe begegnen sind, mit einer liebevollen Umarmung antwortete. Vielleicht können wir es nicht sehen, aber ich konnte es fühlen… die Wärme, jedes Mal, wenn dein Lachen durch meine Sinne säuselte und ein Lächeln auf meine Lippen zauberte. Ich bin dir… wirklich unglaublich dankbar für die schöne Zeit.“ Abermals schloss der junge Mann die Lider; nahm diesen einen Moment vorbeiflatternder Unendlichkeit in einem tiefen Atemzug auf und fühlte, wie die pastellfarbenen Tropfen zum ersten Mal nach Agostinos Tod sich ihrer mentalen Urne entledigten. „Shhhh…. Es wird nicht weh tun. Vielleicht ein, oder zwei blaue Spuren hinterlassen.“ Lautlos überquerten ein paar Tränchen einzelne die Grenze zwischen Wange und Nagelbett, ehe Aion die salzige Heilkraft auf die Wunde der nachtgehauchten Rose tröpfelte. Der Dampf, so schnell verblasst, als entstammte er der puren Einbildung, hinterließ ein hauchdünnes Merkmal pastellblauer Tönung auf der Wunde, die bereits langsam zu schließen begann und den ausgezehrten Körper Kitty’s mit neuer Energie erfrischte. Es war nicht viel, doch es reichte aus, um den Rhythmus der stummen Melodie ihres Herzen weiterschlagen zu lassen. „Ja. Der Mensch erträgt alle Lügen, wenn er verzweifelt ist. Aber wenn Unwissen der Weg für ein unbeschwerteres Leben ist… Dann möchte ich dir dieses schenken.“ Aion ließ den Oberkörper hinabneigen, umfasste seicht lächelnd die Schultern der Schwarzhaarigen, nur um sie abermals gegen seine Brust zu lehnen. Er wollte sie noch einmal spüren, noch einmal ihren süßlichen Duft genießen, bevor Aion bedächtig seine Hände um ihr Gesicht zu schließen, und ihr Abyss‘ sentimentaler Werte zu ergründen begann. „Ich werde dir jetzt… Die Wurzeln des Misstrauens nehmen. Ich gebe dir die Zeit zurück, die ich dir gestohlen, und mit Angst oder auch… Freude versüßt habe. Du wirst mich vergessen – mich wird es in deinem Leben nie gegeben haben. Aber dafür wirst du frei sein… Leb wohl, Kitty.“


      You put your arms around me ♪
      And I believe that it's easier for you to let me go ♫
      You put your arms around me and I'm home ♪



    • P.S: Das Forum macht wieder was es will. Die Leerzeilen kommen nicht von mir...Ich gebe jetzt offiziell auf. Es bleibt so, lol.


      Jede seiner raubtierhaften Bewegungen erinnerten Aurelia an einen Panther. Bereits in den Blütezeiten ihrer Jugend, als sie noch mit erhobenem Haupt in ihrem Federkleid an Eitelkeit einfach an Lucian vorbeigeschwirrt war, den Blick nach vorne gerichtet – eine Vorsichtsmaßnahme der Täuschung, um die eigens auferlegte Maskerade einer unerträglichen Erbin zu wahren und die Distanz, die ihrer Meinung nach nichts mehr als ihre Professionalität offen zur Schau stellte, einzuhalten ermöglichte – hatte Aurelia dennoch aus dem Augenwinkel nach über die Schulter gespäht, immer darauf bedacht, nicht versehentlich Lucian dennoch in die Arme zu laufen. Schon immer war sie darauf bedacht gewesen, ihm immer einen Schritt voraus zu sein und wenn er sie kalt erwischte, so hatte sie immer einen Plan B parat, sich galant aus der Situation zu entwinden und davon zu laufen, nicht nur einmal den Mittelfinger hoch erhoben.
      Dennoch konnte sie selbst damals ihre Zuneigung gegenüber ihrem Rivalen nicht verleugnen. Aurelia wusste selbst, wie verheerend wahre Gefühle, offensichtliche Schwächen, sich in einem Leben innerhalb einer kriminellen Organisation manifestieren konnte.
      Es war nicht mehr als ein Versprechen an sich selbst, dass sie nie den wahren Emotionen geschweige denn mehr als einer armseligen Liebschaft, nichts als das Stillen animalischer Triebe hinzugeben. Sie würde nie wie ihre Mutter verenden.
      „Sag niemals nie, meine Täubchen.“ Die Worte hallten noch heute bitter und dissonant in ihrem Kopf, die melodiöse Stimme eines japanischen Parasiten, der sie nahezu um den Finger gewickelt hatte. Aurelia war einsam und das wusste sie, er hatte Recht. Ihr stetig schlagendes Herz kam nicht umhin, sich den Filmen der Vergangenheit, die sich tagtäglich vor ihren Augen abspielten, hinzugeben. Wie eh und je. Wenn Aurelia sie selbst war,- nicht Aurelia die Herrscherin des Grauens, die rote Königin, vor welcher Hofstaat an Mafiosi, Kleinkriminellen und sonstigen Kreaturen, die sich seelenlos hinter der grotesken Hülle Fleisch versteckten wie 90% der Menschheit, erzitterte – sondern einfach nur sie selbst war, so ward es inzwischen alltäglich geworden, dass die Dämonen der Vergangenheit und die Finsternis ihrer innerlichen Leere, sie einholten.
      Die Ödnis in ihrer Seele, lieblos und kalt, warf tiefe Schatten auf ihre Gedanken. Die Schatten, die an ihrer übrig gebliebenen Seele, nicht weiter minder als eine kleine, immer weiter erlöschende Glut.
      „Mag sein, dass die Stunden allein mir nicht gut, mein Allerwertester“, ein spöttisches Lächeln, gepudert mit einem Hauch Vorwurf, „aber auch ein Niemand vermag mich von diesen freiwillig erlösen zu wollen.“ Da war es wieder. Für einen Augenblick hatte sie ihre Kontrolle verloren, als ihre Mimik, die giftsprühenden Smaragdaugen auf ihn gerichtet, schon war sie wieder direkt in die Fänge des Panthers geraten.
      Ihr Herz machte innerlich einen kleinen Satz, sie fühlte sich gar ertappt, als er sie unsanft gepackt und an sich gerissen hatte. Für einen Augenblick hielt die Zeit inne. Die Uhren hatten aufgehört sich für sie zu drehen, als würde gerade die Welt ihren Atem anhalten, während Aurelia dem Blick des hinterlistigen Panthers standhielt. Die respektlose Provokation, gar heimliche Zurechtweisung, die Kritik, an ihren vermeintlichen Zweifel an Lucians Loyalität traf ins Schwarze, was Aurelias Stolz, die Eitelkeit der Frau im roten Kleid, betraf. Für einen Augenblick huschten ihre Augen über sein Gesicht, während sie sich vorstellte, dieses mit einem Schnitt zu verzieren oder gar zu kratzen, doch stattdessen drangen langsam wieder seine Worte, sein Flüstern, das sachte ihre Wange streifte, so rau, so eisig, wie der Hauch des Todes. Mit jedem Wort, das er sprach, eine Drohung und immer eine mehr, fuhr Aurelia ein wohliger Schauer über den Rücken.
      Abrupt zog sie ihn noch näher an sich, überwand die wenigen Atemzüge, die zwischen Ihnen noch geherrscht hatten, ehe sie auf Zehenspitzen ihre Lippen an sein Ohr legte.
      „Niemand gewinnt mich durch Sympathie“, ein Lächeln, dunkel und gebieterisch zierte langsam die Konturen ihrer vollen Lippen.
      „Es war nicht die Treulosigkeit, die meinen Lippen entwich, sondern der Wahnsinn, der uns hier alle umgibt. Wag es nicht“, Aurelia hielt inne, ehe sie zu ihm aufsah, „dem Wahnsinn zu verfallen. Du gehörst mir und zu mir.“ So rau wie Schleifpapier und dunkler als der wolkenverhangene Himmel des neugeborenen Morgens, so war auch Aurelias Stimme gewesen, unterstrichen von dem Lächeln, das sie ihm schenkte, bevor sie sich von ihm löste. Auf seine Bemerkung hin, nickte sie nur nachdenklich. Er hatte Recht, durchaus. Wahrlich. Sterben tut man sowieso.
      Hier, im Cabaret des Grauens- natürlich nur eine ihrer persönlichen Favoriten an Interpretationen in Bezug auf das Leben im Käfig des Untergrunds - hielt man sich am besten an die Rolle, die jedem Einzelnen zuteilwurde und ausgetragen werden müsste.
      Sei man König oder nur der Staub unter dessen Schuhen.
      Ob Lucian das auch wusste? Sah er hinter alldem hier wirklich einen Sinn? Würde er sie sogar vor sich selbst beschützen können? Wenn ja, wofür? Aurelia war sich nicht einmal sicher, ob sie beschützt werden wollte. Er hatte ihr Leben schon gerettet, doch was war es schon, all das hier?
      Sie liebte seine Anwesenheit. Innerlich hatte sie nicht nur eine Rechnung aus ihren jugendlichen Zeiten mit dem blauhaarigen Mafioso offen. Jedes Mal auf’s Neue, erfüllte es Aurelias Herz mit Schadenfreude und Vergnügen, ihn um Beherrschung ringen zu sehen. Es ihm heimzahlen zu können, war wahrscheinlich neben der Pflicht ihrem Vermächtnis nachzugehen, eines der Hauptgründe, warum sie niemals ihre Position aufgeben würde.
      Aurelia hob eine Braue, geduldig auf Wutausbruch wartend, während sie sich das breite Grinsen im Gesicht kaum verkneifen konnte. Sein Schmollen rettete ihr immer wieder den Tag.
      „Ich hoffe doch, dass du trotz meiner galanten und unmöglichen Person, wir uns trotzdem morgen eine Banane teilen, mein Blauperückenschaf“, spottete sie fröhlich, bevor seine animalische Persönlichkeit wieder Oberhand gewann und das Kätzchen wieder verschwand.
      In Gedanken an die Neuigkeiten des heutigen Morgens, ihrem vermeintlichen, unfertigen Plan ihren Verdacht gegenüber Reno tiefer zu verfolgen sowie den Informationen aus dem Bericht von Lucian über Aion, die sich mit ihren eigenen deckten, steuerte sie bereits auf den Ausgang zu, nachdem sie vorsichtig die fahle Kerze auf ihrem Tisch ausgepustet hatte.
      Zu spät, als dass sie es noch hätte verhindern können, zuckte sie zusammen, als er erneut mit schleichenden Schritten auf sie zukam. Er baute sich vor ihr auf, ebenso wie die Dunkelheit, sein Schatten, der ihm vorauseilte, sie zu verschlingen drohte.
      Das Spiel des Lebens würde wohl niemals aufhören. Lucian schritt auf sie zu majestätisch, bedrohlich wie das ungehemmte Verlangen, dessen Auslöser immer der lauernde Gang eines Tieres, einer Bedrohung, die schon immer eine unverkennbare Faszination auf Aurelia ausgeübt hatte, gewesen war. Gerade als sie ausweichen wollte, nichts mehr als die lautlose, geschickte Bewegung, die Aurelia präzise auszuführen wusste, war er bereits hinter sie getreten, weswegen sie innerlich zusammenzuckte und mit dem Rücken wieder gegen ihren Rivalen und engsten Vertrauten stieß.
      Eine unsagbare Wärme kroch entlang ihrer Glieder, als er ihre Haare sanft zur Seite strich, seine Lippen nur einen Hauch von ihrer Haut entfernt. Sie verharrte an Ort und Stelle. Obgleich Aurelia wusste, dass er etwas im Schilde führte, dass sie ihn zur Seite treten und für die nächsten Dienstjahre der Folter unterziehen sollte, so tat sie nichts dergleichen. Sie wusste nicht, wann es angefangen hatte, wann die Distanz zwischen ihnen, die Distanz der Wörter zwischen ihnen an Bedeutung verloren hatte, wann er zu dem geworden war, was er nun heute ist. Jede seiner Berührungen hinterließ ein Prickeln auf ihrer Haut, ließ sie den Atem anhalten. Für einen Augenblick lehnte sich Aurelia an Lucian. Nur wenige Augenblicke lang, doch sie fühlte sie. Die Nähe, die unkonventionelle Vertrautheit zwischen Ihnen, nach der sich ein jeder sehnte, sogar sie. Jede Stelle, die seine schönen, mit viel Blut Unschuldiger besudelte Finger, schien von kleinen, funkelnden Flammen benetzt zu werden, bevor er ihre Taille erreichte, sie noch näher an sich zog und eben diese Finger mit den ihren verschränkte. Sie neigte den Kopf zur Seite, als sein Raunen, dunkel und melodisch, sein Weg in ihren Geist fand, lehnte ihr Wange an die Seine an.
      „Der Tod ist uns schon immer ein freundlicher Begleiter gewesen. Wir sind die Schwarzbemantelten Botschafter des Todes – dennoch. Nicht einmal wir sind göttlicher Natur.“
      Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie aus dem Augenwinkel die Reflektion der beiden statuenhaft verharrenden Gestalten inmitten des purpurfarbenen Raums, im Fenster erblickte. Dieses Bild erinnerte sie an ein Gemälde, Hades und Persephone, das sie vor einigen Jahren für mehrere Millionen hatte schweren Herzens weiterverkaufen müssen. Wunderschön und tragisch zugleich. Seichte spürte sie, wie Lucian sich von ihr löste, in dem Glauben, er hätte ihr die Uhr völlig ohne ihr Wissen in einem schwachen Moment koketter Verführung, abziehen können.
      Die Punkte hatte er sich dennoch verdient, denn sie hatte den Diebstahl zu sehr gemerkt.

      Der Blauhaarige Bandit gewann ihr erneut ein Grinsen ab, als er provokativ ihre Uhr um seine Finger tanzen ließ. Mit einem Augenverdrehen und erhobenem Haupt stolzierte das braunhaarige Oberhaupt der kalabrischen Mafia bereits wieder an ihm vorbei, nachdem sie ihn hochkant aus der Tür geschoben hatte.
      „Wage es nicht mit leeren Händen zurückzukommen“, drohte sie. Die Tür hinter ihnen fiel ins Schloss und alsbald war Aurelia wieder gezwungen, die Stimme zu senken.
      „Du hast bis 18 Uhr Zeit. Die Auktion beginnt um Punkt 20 Uhr und wir müssen uns auch zuvor der Party untermischen. Um 18.10 will ich dass du deinen Mandrillenarsch zu mir bewegst. Ich würde übrigens einen Anzug ohne Löcher und Eau de Lucienne aus der alcoolique Serie bevorzugen. Später gibt’s Kaffee. Erspar‘ uns die Nerven.“ Die ausdrückliche Warnung und der Befehl, so scharf und bestimmt, wie Eisen, hinter ihren Scherzen waren nicht zu überhören.
      Bevor sie um die Ecke bog, blieb sie noch einmal stehen.
      „Lucian?“ Das trübe, morgendliche Grün, das jeden Morgen Aurelias Augen den Glanz entzog und sie grauenhaft matt aussehen ließ, war gewichen. Es war giftige, feurige Vorfreude, untermalt durch das Lächeln, das Bände qualvoller Ideen sprach.
      „Du hast mich bestohlen.“
      Die rehbraunen Wellen wehten rhythmisch hinter ihr, als sie wie eine Ballerina auf den Absatz kehrt machte, jedoch an Ort und Stelle stehen blieb.
      Aurelia sah aus einem der riesigen Fenster auf den Nebel, der sich allmählich aufzulösen begann und einem weiteren, verhangenen Tag Einlass gebot.
      Ein leidvolles Seufzen entwich ihren Lippen, auch wenn Aurelia noch innerlich aufgewühlt war, von den Ereignissen des heutigen Morgens.
      Ihre Finger umschlossen unbemerkt ihr Handgelenk, dort, wo zuvor noch die Uhr gewesen war, während ihre Gedanken an den ihr unergründlichen Plan ihrer rechten Hand dachte. Es war ihr zuwider, dennoch wollte sie ihn in Sicherheit wissen.
      "Wage es nicht, unvorsichtig zu sein", seufzte sie, den Blick über die Schulter auf ihn gerichtet.
      Wir sind alle Staub und Schatten

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    • Kitty erzitterte. Sie konnte die Verzweiflung in ihrem Inneren nicht unterdrücken, die Furcht in ihrem Inneren, die sich nur in ihren Augen widerspiegelte, gar vermischte mit dem Gefühl der Verletztheit, dem Gefühl erneut angelogen worden zu sein. Die Wut, die in ihrem Inneren brodelte, die sie nicht zum Ausdruck bringen konnte, weil ihre Glieder dafür zu erschöpft waren und bald unter ihrem eigenen Gewicht nachgeben würden.
      Seine Worte drangen kaum verständlich zu ihr und ihren verwirrten Geist durch, bahnten sich langsam ihren Weg durch die Nebelschwaden in ihren Gedanken, während die lezten Tränen versiegt waren.
      "Wenn deine Sehnsucht größer wäre, als deine Angst", Kittys Stimme brach, schmerzverzeert brachte sie die letzten Worte heraus,"dann wärst du mutig."
      "Ich weiß, was du bist...."
      Ihr Hauchen zerstreute sich in ihrem inneren Schmerz, bevor sie das Gesicht verzog und die schweren Lider schloss. Seine Entschuldigung, nichts mehr als gehauchter Schmerz, drang zu ihrem Herzen durch. Es war ein Stechen, wie das der pochenden Wunde an Kittys Taille, derr Schmerz, der ihr allmählich den Atem raubte.
      Sie fühlte die eisige Kälte des Todes, wie sie langsam an ihr emporkroch, das frostene Hauchen ihrer Seele, die drohte sich von ihr zu lösen und alles, was würde bleiben, wäre nur noch eine groteskte Hülle aus leblosem Fleisch, wie Mihael es einst war.
      Die starken Hände, ddie plötzlich ihre Taille umgriffen und die erschlaffende, blutleere Hülle ihrer Selbst, wieder auf die Beine zog.
      Für einen Moment riss sie erneut die Augen auf, blickte in die Seine, dort, wo das gausame Wissen sich in Entsetzen verwandelte.
      Ja, das tat sie. Sie fühlte, dass sie starb, aber Kitty wusste auch nicht, was ihren Tod hätte aufhalten können. Gab es überhaupt einen Grund, warum eine Kriminelle wie sie, diesen Tod hätte aufhalten wollen?
      Ja. Aiden. Ein Keuchen entwich ihrer Kehle, als Tobishira urplötzlich Kitty auf seine Arme hob. Erschrocken ließ sie den Katar fallen, klammerte sich an ihm fest, die Augen fest geschlossen, so wie er vorhin, als er erwartet hatte, dass Kitty es wagen würde, ihn einfach zu erdolchen und seiner Pein ein Ende zu bereiten.
      Die Wärme seines Körpers umschloss Kitty, riss sie mit in die Dunkelheit, ehe sie es vor ihren Augen sah. Der Tag damals, als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte.
      Es war der Winter, in dem Kitty zum letzten Mal den Schrottplatz besucht hatte. Benebelt von ihren Sünden, war sie in dem kurzen Kleid über den Schrottplatz marschiert, hatte ihre Runden gedreht, gesungen, die Flasche in ihrer Hand ihr einziger Freund. Die Käte, die damals im Schnee ihre Glieder damals gelähmt hatte, war nicht von der Betäubung des Alkohols zu unterscheiden gewesen. Da hate sie das Poltern zum ersten Mal gehlrt, als sein Körper in den Schnee gefallen war. Nahezu wäre sie auf den hohen Schuhen selbst im Schnee zugrunde gegangen und betrunken erfroren, doch etwas, jemand, eine Stimme aus ihrem Inneren hatte sie auf die Beine gerissen und hinter den Tonnen Altmetall nachsehen lassen.
      Nie hatte sie erwartet, den nahezu toten Mann vor sich im Dreck zu finden, als sie sich hingekniet hatte. Da war er gelegen, hiflos wie ein verletztes Tier, der Mann, der sie in ihrem Badezimmer mit bloßen Händen nahezu umgebracht hätte.
      Ein Lächeln stahl sich kaum merklich auf Kittys Lippen, als sie an die unzähligen Morgen dachte, wenn sie von ihren nächtlichen todmüde neben Tobi und Aiden gefrühstückt hatte, die Abende vor dem Kamin oder wenn sie gemeinsam auf dem Rummelplatz waren.
      Ekaterina spürte die feste Unterlage, das Bett auf das sie seichte gebettet wurde. Seine Finger strichen über Kittys Stirn, doch sie fühlte es kaum. Seine Worte drangen verzögrt zu ihr durch.
      Du wirst mich vergessen.

      Nein, das werde ich nicht.
      Kitty vergaß kein Wort, kein Gesicht und kein Name. Sie wusste alles. Jeder Augenblick brannte sich gewaltvoll in ihre Erinnerung ein, jeder Augenblick, schöne, wie auch furchtbare.
      Sie konnte sich kaum bewegen und doch schaffte sie es mit ihrer letzten überbliebenen Kraft, ihre Hand an seine Wange zu legen.
      Antworten konnte sie nicht.
      Plötzlich spürte sie das Ziehen in ihrem Körper, es durchfuhr sie wie ein Blitz. Die Schwarzhaarige krümmte sich vor Schreck, riss die Augen auf und wich unter nachklingenden Wehen zurück. Alsbald sie gewichen war, fühlte sie, wie neue Energie, frisch und lebendig durch ihre Glieder fuhr, die Wärme, die nach und nach in ihren Körper zurückkehrte. Das Herz, das nahezu aufgehört hatte zu schlagen, schlug höher, als Tobi sie plötzlich wieder in den Arm. Dieses Mal drangen seine Worte klar und deutlich zu ihr durch, jedes einzelne Wort, das ihre Wut aufflammen ließ.
      Als er sanft ihr Gesicht in seine Hände nahm, atmete sie auf.
      Die ozeanfarbenen Augen Kittys suchten sein Gesicht ab, ehe sie an seine Seelenfenster hängen blieben und ihm fest entgegenblickten.
      Er war kein Mensch, schrie ihr Kopf, gewillt sich dem Schutz der Vergessenheit hinzugeben.
      Ihr Herz wehrte sich.
      Abrupt riss sie sich los, schaffte es sogar, ihn mit ihrer zurückgewonnen Energie sogar umzustoßen.
      "Dich vergessen?", sie lachte spöttisch auf.
      "Monster."
      In verzerrten Bewegungen setzte sie sich auf, kniete sich zu ihm auf den Boden.
      "Heuchler."
      Ihre Stimme war frostig, wie die Eiskristalle, die sich an den Rändern der Fesner gebildet hatten.
      "Du weißt nicht, was du bist? Ein Monster. Wir sind beide Monster, Tobi", seufzte sie und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Bettkante.
      "Wir sind schlimmer, als die Monster, die Aiden unter seinem Bett glaubt. Wenn es sie gibt, dann schlummern sie im Dunkeln, aber wir -"
      Sie schüttelte den Kopf.
      "Wir sind echt und wir schlafen nicht." Kitty war wütend, dennoch wurdde ihr Blick wieder weicher.
      Mühsam kroch sie direkt auf ihn zu, beugte sich vor und zeigte um sich .
      "Du wirst mir nicht lebwohl sagen", drohte sie, knirschte sogar die Zähne. Lange schon hatte sie nicht mehr eine derartige Wut in ihrem Inneren gespürt, das lodernde Feuer, das er geschürt hatte, war kaum zu bändigen. "Du wirst das alles hier nicht einfach so hinter dir lassen, dich der Wahrheit entziehen. Wie kann jemand, der so wenig Rückgrat hat, überhaupt noch aufstehen und davonlaufen?"
      Wilde, schwarze Strähnen umrahmten Kittys Gesicht, bevor sie nach seiner Hand griff.
      "Genug...Genug. Zu lange schon, haben wir das Glas mit Lügen gefüllt. Wir sind nicht mehr das, was wir einst gewesen waren, aber wir sind nicht am Ende."
      Wir sind alle Staub und Schatten




    • Schon mal eine Sympathieskala unter dem Minusbereich berechnet? Vom tiefsten Kellergeschoss bis hinab zum abtrünnigsten Ort des Planeten – dem Erdkern – hatte er sie kriechen wollen sehen, dieses selbstgefällig und der Unfehlbarkeit zugeschriebene Geschöpf einer systematisch unterdrückten Gesellschaft; während sie – die himmelsflammende Blüte einer Diva - des Monarchen Trumpf kostete und sich an den politischen Machtverhältnissen ihres Vaters völlig blasiert partizipierte, ohne jegliche Müh‘ ihrem exquisiten Leben, die Deluxe Edition eines perfekt bemaßten Daseins, Respekt zu zollen. All jene kümmerliche Präsenz (falls sie diese überhaupt hatte wahrgenommen), die nicht an selbiger Stelle ihres makellosen Standards thronte, hatte das hoheitsche Rapunzel unmittelbar in die Wertlosigkeit gerückt. Gab es etwas Diffamierendes, als die Wertlosigkeit? Das Nichtssein vielleicht? Aurelia hatte dem aus marginalem Verhältnis stammenden Stiefbruder nie eines Blickes gewürdigt - und falls doch - dann allenfalls, um ihre Verachtung ihm gegenüber ausdrücklich zu bekunden oder wenn er aus Versehen in das Blickfeld der Brünette gestolpert war. Die schmeidige Ignoranz, mit welcher das rehbraunhaarige Sprößchen die langen Korridore tränkte, ein gekonnt angemaßtes Lächeln – wobei Lucian sich nie wirklich entsinnen konnte, die Brünette in seiner Gegenwart je lächeln gesehen zu haben – ihre possessive Art, alles, wirklich alles und jeden an sich zu binden, nur um die lebendigen Hüllen später als langweilig und nutzlos deklariertes Spielzeug wegzuwerfen – er wurde es schlichtweg überdrüssig. Der einzig strebsamste Eifer, den Lucian neben seiner Tätigkeit für die Zufriedenheit des Syndikats; vor allem voran aber der Interessen seines Vaters zu sorgen, verspürt hatte, war der Hass gewesen, entfesselt am verdorbensten Pflichtbewusstsein jenseits moralischer Motive. Räder der Vergeltung, Wahn der Schikane. Er verfing sich in den Netzen der Eifersucht, lautlos und immer tiefer fallend, und obgleich er an der Seite Agostino’s profilierte, so stand er prinzipiell im Schatten seiner kapriziösen Prinzessin, kaum fähig, den Status ihrer überprivilegierten Majestät zu erreichen. Neben dem Mann brillieren, zu welchem der Mafioso stets hatte aufgesehen, seine Rigorosität geschätzt – oft genug sogar verehrt –(auch wenn er die Reverenz niemals würde offen zugeben) und in der Woge der Anerkennung residierte, während er seine Tochter zu schikanieren begann. Ein langsamer zu rotierender Gezeitenwechsel intriganten Gemüts begann seine kahlen Äste mit der Pracht erblühter Vergeltung zu nähren. Ein unsanfter Stoß gegen die Schulter, ein spöttischer Kommentar inmitten grober Rügen für fehlerhafte Verhaltensweisen, ein paar gestohlene Dokumente, die an der Unvollständigkeit Aurelia’s Person grenzen sollten und zur Erbitterung ihrer Lehrmeister führten. Der junge Mann erreichte seine Ekstase an Schadenfreude auf japanischem Heiligtum, der Aufmarsch zum Shintō-Schrein. Die kleine Prinzessin trug an jenem Tag eine besondere Urne; der letzte Wille eines ästimierten Yakuza’s Aktionär, seinen Geist unter der Götterschaft transzendenter Atmosphäre zur Ruhe zu betten. Die Stufen des Tempels emporsteigend, indessen ihre erduldeten Geschwister quasi den leibhaftigen Kordon Aurelia’s Lebensversicherung bildeten, hatte Lucian die Spitze seines Schuhs nach vorne schnellen lassen, gerade so flink und geschickt, dass sie ins Stolpern geriet und „leider“ derart unglücklich fiel, dass das Gefäß inmitten grauer Asche seine Fragilität bedauern musste, ohne, dass jemand seine Untat hatte sichten können – und die kokette Göre der eigenen Schmach an Unvermögen ausgeliefert ward. Es war der Tag, an dem er Aurelia das letzte Mal gesehen hatte, jedoch nicht etwa das letzte Mal, dass der Heranwachsende ein Diversionsakt für sich behauptete. „…aber auch ein Niemand vermag mich von diesen freiwillig erlösen zu wollen.“

      Die Worte kriegsseichter Flötenwinde rissen den Blauhaarigen aus seiner unlängst entzogenen Realität, und vermutlich kreuzte die Bedeutung seine abgerückten Konstrukte herannahender Zukunftspläne ebenso verzögert wie jene Verwunderung über eine plötzlich zerbarste Fassade, weil es ein genauso vorbeihuschender Wimpernschlag eines ungetrübten Augenblicks gewesen ist, der ihm die Wahrheit einer müden Seele direkt in sein verwirrtes Köpfchen flüsterte, so still, dass der Unglaube verstrichener Wachsamkeit erneut unter der Oberfläche zu schlummern versank und ihn die Richtigkeit seines Eindrucks durch Irritation vergessen ließ. Alles, was zurückblieb, hatte sich in ein zartes Blütenblatt aus Lügen, Täuschung und Selbstmitleid gemantelt. Perfekte Selbstmanipulation. Die wohl Beispiellosteste Universallösung (neben Suizid), der Illusion eine vermeintlich fundamentale Wirklichkeit zu gewähren und jegliche Rechtfertigung, eine längst auf der falschen Seite angrenzende Verleugnung, zu begründen. Mit leicht schief geneigtem Haupte blickte der junge Mann der Brünette entgegen, vielleicht zwei, drei Sekunden zu lange, um es noch als Zufall wertig deklarieren zu können. Genug Zeit, sich vom Gefühl bestehend aus Zweifel und Ungehorsam verleiten zu lassen, war ihm nicht verblieben, sogleich Aurelias Stimme wie Ranken, deren giftige Dornen ebenso geschmeidig durch seine Haut drangen, am Körper den Fesseln strikter Unterweisung gleichkamen, emporstiegen. Sanftes, gefährliches Toxin, welchem er sich zu gerne hätte hingegeben, strömte durch die filigranen Nervenbahnen des Mafiosos. „Nein, gewiss nicht. Niemand vermag deine Gunst mit zärtlicher Selbstlosigkeit zu erobern. Aber gestattet, werte Königin, warum zwingt Ihr meine Wenigkeit dann, mich der gesellschaftlichen Norm dieser urkranken Etikette zu unterwerfen, wo doch die Sympathie die wahre Barriere Eures kapriziösen Widerwillens darstellt? Versehnt Ihr Euch nach dem Fernweh, das Euch die Lebhaftigkeit mephistophelischer Zuneigung verspricht?“ (LEL) Möglicherweise hatte der Nickname-Stigmatisierte „Dox“ die Frage aus rein persönlicher Motivation, seine Sklaventreiberin im subliminalem Teil der Empfängerbotschaft offen zu provozieren, gestellt – einfach, damit er sich auf seine perfide, aber ausgehend ungefährliche Art der Konsequenz rächen, und mit ihrem Schwachpunkt konfrontieren konnte. Andererseits würde es ihm natürlich auch eine Gewissheit unterrichten, deren Ausgangspunkt er lieber gemieden hätte. Neugier ist der Katze Tod – oder der seine?
      Die leichte Reflektion blauflammender Haare, die die einzelnen Strahlen der Sonne vom Fenster zurückwarf, schimmerte in zwei schwarzrunden Monden wie eine leidenschaftlich angenommene Herausforderung, dessen Verführung er sich kaum zu erwehren vermochte, auf. Lucian’s Erwartung schien Aurelia beinahe zu verschlingen, als wolle er sie mit dem Blick fälschlicher Hoffnungen begehren, wie ihre Haselnussbraunen Iriden sich halber trotzig an die Seinen schmiegten. Er hätte in jenem Moment kein ehrlicheres Lächeln - durchaus eine zarte Note Unverblümtheit zu viel – aufsetzen können, das den Einblick eines zu (offensichtlich) unverhohlenen Verlangens offenbarte. „Wie soll ich denn des Wahnsinns Charme bestehen, wenn ich längst Teil eines Systems geworden bin, an dessen Spitze du mich gebietest? Die Verkörperung, die mich sooft in den Wahnsinn treibt und kurz vor Vollendung der Klarheit raubt. Wo der Wahnsinn zur Methode wird, ist der irre Spezialisiert, Aurelia. Und wir beide wissen…-“, die Stimme des wolfsverwilderten Mannes verdunkelte sich zu einer warmen Sommernacht, deren Dämmerung den Einbruch der Dunkelheit einzuläuten schien, „Dass unbeugsame Verwegenheit niemals der Direktive närrischer Folgsamkeit zu unterliegen vermag, sei sie auch auf den fundamentalsten Treueschwüren beeidigt. Dennoch…“- abermals ersuchte der Blauhaarige die verräterischen Spuren verborgener Schwäche auf den nächternen Anthraziten der jungen Sprosse, „So sei ich dein, bist du auch mein.“ Lucian bemerkte zu spät, dass seine Überzeugung viel mehr nach etwas klang, das er selbst gerne geglaubt hätte und kläglich versuchte, mit einer verfälschten Tatsache zu untermalen, als dass es wirklich der Wahrheit entsprach und versetzte sein Ehrgefühl automatisch an den Rand des innerlichen Widerstands. Natürlich hatte er um die Unmöglichkeit, sich ihrer anzueignen, gewusst, dennoch sträubte er sich vehement gegen die Hierarchie, die ihn vorwies, was er zu sein hatte, wen er begehren durfte und überdies, wem er seinen Willen beugen musste. „Keine Sorge, Rumpelkäppchen, der beißt nicht, der will nur spielen…“ schloss er also mit leicht anzüglich verzogenen Lippen anbei, während sein Blick ganz auffällig unauffällig auf die untere Etage verwies. Und wenn er ehrlich war – selbst, wenn er unehrlich gewesen wäre – hatte er den Kommentar lediglich hinzugefügt, damit er von seinem inneren Konflikt, eindeutig verloren zu haben, ablenken konnte. Fast ein bisschen enttäuscht wirkte der junge Mann, stolzierte die Hoffnung – seine Hoffnung – achtlos an ihm vorbei, sich ihrer alten Attitüden bewahrend, ehe sie sich sogar erdreistete, ihn aus der Türe zu schieben.
      Kaum umhingekommen, kein Knurren durch seine bereits zum Protest angesetzten Mundwinkel fleuchen zu lassen, ergriff das Ego-verheerende Knöspchen abermals das Wort, dabei hatte er seinem Schmollen noch nicht mal richtigen Ausdruck verleihen, gar umsetzen können. Nein, sie sorgte sogar dafür, dass seine Mimik der Brüskierung eine ganz neue Maske verlieh, seit die einmalige Gesichtsentgleisung Lucian’s dem kurzen Resümee des Jahres 2020 gleichkommen wollte. Es glich der Fackel in einem dunklen Kerker, deren Flammen mehr Schatten an die Wände zauberte, als dass sie Erleichterung über das Licht für die verängstigen Sinne brachte. Verdammte Opportunistin. „Sicher, dass 'Thierry Mugler Alien femme eau de Parfum' nicht besser zu deinen feinen Duftsinnen passt? Ich meine, dein Antlitz würde den Namen des Deluxe-Artikels wenigstens in aller Ehre würdigen.“, ereiferte sich der Blauhaarige murrend, während er die Schultern beinahe gleichgültig aufzucken ließ. Nicht, dass der fälschliche Eindruck entstünde, er würde seinen Auftrag tatsächlich zu schätzen wissen. Reflexartig ergriff das Kontrollzentrum emotionsbasierter Reaktion die Domination seiner Gedanken,-und Handlungsweisen, denn der Name – sein verdammter Name – der ihren fein geschwungenen roséroten Lippen entfloh, vermochte wieder kaum weniger zu sein, als eine weitere Anordnung, die er sich zwar zu fügen weigerte, aber schlussendlich doch bewerkstelligen würde. As usual. „Bestohlen?“ wiederholte die „Dogxsche“ Assistenz so dezent überrascht, dass sein Vermerk mal wieder in eine verquere Kondition elegant verspielter Provokation pervertierte, „Falsch. Ich habe mir alleinig den Schlüssel für die Erfüllung deiner Instruktion ausgeliehen. Oder sollte ich lieber sagen… Deiner Wünsche?“ Fragend schnellte die kobaltblaue Braue des jungen Mannes gen Stirn, - extra betont unschuldig- derweil seine aquablauen Iriden sich direkt in die zwei nachtquarzenen Tropfen seines Gegenübers verstrickten. "Wage es nicht, unvorsichtig zu sein.‘
      „Hahahaha.“ Vielleicht hatte sein Lachen an dieser Stelle ein schneeverwehtes Frösteln zu süffisant geklungen, „Nein, Aurelia, gewiss nicht. Ich mache nicht die gleichen Fehler wie Ihr, Eure hoheitliche Unfehlbarkeit.“ , aber den Wert des Respektierens jeglicher Umgangsform – und wenn er den Kaiser hätte irgendwohin komplimentieren müssen – würde er zumindest für den restlichen Tag durch pure Ungerührtheit strafen. "Don't forget, petite Princesse: You're built for brilliance."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Yasacura ()




    • Eine winzige Ewigkeit, gerade ein paar belanglose Sekunden zu lange, um Hoffnungslosigkeit mit Mut verwechseln zu können, verfing sich Aion’s Blick in den Dornenranken verschlungenem Anthrazit, als suche er Halt an etwas, das er nicht zu finden vermochte, - oder sogar jemanden, dessen Präsenz ihn nahezu einlud, sich auf die sanfte Woge sinnlicher Geborgenheit zu begeben, doch er wagte aus irgendeinem ihm unbekannten Grund nicht, ihren Schleier der Obhut zu durchbrechen. Wenn deine Sehnsucht größer wäre als deine Angst, dann wärst du mutig… „Und wenn mein Mut größer als meine Angst wäre, dann wäre ich naiv zu glauben, mich und…“ Seine Stimme stockte, wie Bilder eines fernen Gestern seine nasswunden Gedanken zu kreuzen erfassten und sich eines Schmerzes begriffen, von dem er bis jetzt hatte angenommen, ihn nie wieder in jener lebensechten Intensität verspüren zu müssen, war die Vergangenheit doch dem Jenseits der Gegenwart entsprungen und… Vorbei. Ja, vorbei, aber nicht akzeptiert. Und noch weniger verstanden. „Menschen die ich liebe, geliebt habe, vor mir selbst beschützen zu können. Hmpf…. Vielleicht bin ich gerade schlau genug, um Verzweiflung nicht mit Mut zu verwechseln.“, griff der Weißhaarige auf; seine Worte nur ein Hauch herabgleitender Schneeflocken, die ihr zerbrechliches Blumenmuster inmitten eins Schlachtfeldes aus Verständnislosigkeit und Wut wiederzufinden ängstigten. Aber dumm genug, mich der Illusion hinzugeben, Verständnis zu erwarten… Etwas, das es nie gegeben hatte, weder von Seiten des Vaters, noch von Anbeginn seiner Schöpfung – selbst denen, die den gewünschten Erfolg hatten gepriesen, ward ihr eigenes Produkt fernen Tages schlichtweg zuwider – wie hätte er denn wirklich hoffen können, dass Kitty ihn verstünde, wenn das Mitleid nicht einmal mehr in Gemütern vorzufinden gewesen war, die ihn hatten geboren? Es war mehr ein Verbrechen an der eigenen Existenz, denn die Leugnung, das Vertrauen der Nächstenliebe durch Lügen gespannte Netzwerke zu verurteilen. Es war nur ein anderer Tag im Paradies, das sie – oder er – als Hölle verkannte. Der folgende Stoß erreichte die müden Glieder Tobi’s so überraschend, dass der junge Mann halber vom Bett geschleudert wurde und den lauten Aufprall wohl nur hatte abfangen können, weil sein Zentrum für reflexsystematische Überlebensprognose den Vorgang des unbedachten Abwehrmechanismus übernahm. Ihre Worte, derer Bedeutung er mitunter kaum zu erfassen mochte, drangen verzerrt und genauso unartikuliert an sein derweil verwirrtes Bewusstsein, wie es gleichermaßen die Gewissheit ihrerseits tat, ein Strom der Enttäuschung entfacht zu haben. Dabei schien die Essenz des Sprachverständnis konträr zur eigentlichen Klarheit, die der Quell der Gefühle darstellte, zu stehen, und ihn Kitty’s Wut so unverfälscht intensiv spüren ließ, dass die Worte allenfalls eine Verpackung für die Emotionen gewesen waren, welche die junge Frau ihm in all ihrer ungeschönten Gänze zutragen lassen wollte. Irgendetwas tief an seinem verlorenen Stolz, kränkte – nein – verletzte den Grenzgänger, etwas, das Gefühlen ihren wahren Ausdruck verlieh. Ein Strudel aus Spott, Widerstand und Empörung, überzogen mit der frostigen Glasur bitterer Eiseskälte, unterstrich die leichte Diafonie ihrer Stimme. Er war nie ein Mann sorgsamer Gesten, ja gar jemand für zärtliche Romanzen gewesen und schon gar keiner, der wusste, wie er Menschen überhaupt mit den richtigen Worten zu trösten beschwichtigte. Aber oftmals bedurfte es auch keiner Worte, um zu begreifen, was man vorher nie hatte verstehen können… Nicht durch Religion. Nicht durch Kultur. Nicht durch Wissenschaft. Und trotzdem war er, jetzt, wo er seinem Verstand doch endlich die Richtigkeit seines Daseins hätte beimessen können, die ihm keiner Weniger als Kitty zu verstehen dargereicht hatte, am weitesten davon entfernt, den Reichtum der Liebe zu begreifen. Am liebsten, Aion hätte nicht mal beteuern können, warum, wäre er vor ihr zurückgewichen. Die Schwarzhaarige setzte sich in grotesken Bewegungen auf, rutschte vom Bett und kniete sich neben ihn; er, der noch immer seinen Rücken gen Boden presste und zum Fenster gestarrt hatte, als könne er dem Mond – diesem verdammten Verräter - seine Unschuld absprechen. „Was..… Redest du denn da?“ Zuerst schimmerte pure Fassungslosigkeit auf der dunklen Leinwand zweier Seelenspiegel auf, ehe es sich dem blanken Zorn zu verschreiben schien und der Weißhaarige den Oberkörper kopfschüttelnd aufzurichten begann, nicht ohne die Rechte vorher zu einer Faust, deren Knöchel innert weniger Sekunden weiß hervorragten, geformt zu haben. „Richtig, wir sind echt und wir schlafen nicht – ich schlafe nicht – aber du… Du bist doch kein Monster. Du warst nie…“ Sein Atem hielt inne, wagte nicht, über die Lippen zu schleichen, während ihn die Erkenntnis wie ein blutiger Kuss verführte, „Deine Verletzung… Woher stammt sie? Welches Spiel gedachtest du zu gewinnen? Oder…. wolltest du womöglich verlieren?“ Vorsichtig strich Aion mit seiner Fingerspitze über die Wange der verirrten Seele, ließ eine ihrer schwarz gewellten Strähnen behutsam zwischen Mittel,- und Zeigefinger gleiten. „Deine Haare…. So schwarz wie ein mondloser, von Dunkelheit gesäumter Himmel, versteckt in einer lichtlosen Nacht…“ gewahrte der junge Mann leise, halb ungläubig. Dachte sie, er hätte sie verkannt, wenn sie sich ihre Haare färbte? Oder hatte dieser Aspekt einer Veränderung ihrem Leben - womöglich sogar jemand anderem –– gegolten? „Warum…?“ Plötzlich glaubte der Weißhaarige, einer bröckelnden Fassade gegenüber zu liegen, ein Mensch, dem er zwar nie wirklich hatte unterstellen wollen, wirklich zu kennen, aber zumindest gehofft hatte, ihn halbwegs kennengelernt zu haben. Beruhte all diese Zweisamkeit auf reiner Täuschung? Agostino… Der ehemalige Mafioso ward dem Mann nie feindlich gesinnt, obgleich das, was er liebte, ihn allmählich als Feind zu deklarieren schien. Eine Konstante, die sich indessen so fest in seinem Leben verankert hatte, dass er jeden potenziellen Freund als Verräter würde vermuten müssen? Nein, das wollte er nicht, aber… „Kitty... Ich entziehe mich nicht der Wahrheit, ich beuge mich ihr, damit du – ihr - in Ruhe weiterleben könnt. Du betrachtest es als feige, wenn ich die Menschen die ich liebe, in Sicherheit wissen möchte, weil die Gefahr, die sie umgibt, von der Person ausgeht, der sie am meisten vertrauen?“ Fast flehend blickte Aion der schwarzen Rose entgegen, dass sie doch bitte verstehen solle, weshalb er sie würde verlassen müssen, fühlte, wie ihre Hand sich langsam mit der Seinen vereinigte und schaffte es sogar, den Eifer absoluter Resignation zu überwinden. Wenngleich die Worte Kitty’s der Bemühung ehrlicher Beschwichtigung unterstanden, ihn unterhalb der Strömung wirbelnder Emotionen versuchten segeln zu lassen, so erwiesen sie sich doch diametral zur ursprünglich gewünschten Intention. Die Gesichtszüge des Grenzgängers verhärteten sich unvermittelt und er konnte in ihren anthrazitfarbenen Tropfen erkennen, wie die Wut hinter seinen Seelenpforten unkontrolliert zu entfachen drohte. „Was meinst du damit? Dass du nie diejenige warst, die du vorgegeben hast, zu sein? Dass das alles hier… nur eine Lüge war?“ befand das Alphynum als rechtens voreilig zu resümieren und warf dem jungen Sprösschen gleichzeitig vor, den Wert seiner Freundschaft absichtlich betrogen zu haben, dabei hatte er selbst keinerlei Recht, sie auch nur ansatzweise durch Vorwurf anzuklagen. Wo er doch selbiges in den gleichen Sekunden, in den gleichen Vier Wänden, mit der gleichen Person tat…. Für den Homo Sapiens, der den Segen (respektive Fluch) eines menschlichen Geistes erfahren hatte, gab es wohl kaum Schlimmeres als diese quälende Ungewissheit, welche das wahre Ausmaß destruktiver Phantasie erstmalig zu dokumentieren bekannte, wenn die Vorstellungskraft der Hysterie eine fundamentale Angst unterbreitete und zu allem Überfluss auch noch den phobischen Effekt nach sich zog, die Zukunft gleichermaßen einher ergehend mit der Gegenwart maßlos zu dramatisieren. Es bereitete ihm fast schon Übelkeit einer unbekannten Fügung ausgeliefert zu sein, deren Ausgangsituation er zwar abwägen, aber niemals zu Ende denken mochte. Unsanft, jedoch nicht grob, löste Aion die Finger von den Ihren und schob das Handgelenk der Dunkelhaarigen etwas vehementer als nötig gewesen wäre, beiseite. „Weißt du, was Götter und Monster gemeinsam haben? Das Unverständnis, das man ihnen entgegenbringt, sobald man sich von ihrer Existenz überzeugt hat. Beide Seiten handeln völlig unterschiedlich – doch das Ergebnis ist nahezu dasselbe. Vorwurf, Empörung, Ablehnung.“, kritisierte der junge Mann knurrend; ein Grollen tief aus der Kehle eines herannahenden Unwetters, „Du - Ihr betitelt euch als Monster, weil ihr euch an dem Idealbild der Gesellschaft orientiert, das vorschreib, wie ein Monster zu definieren sei? Fällt euch nichts Besseres ein, womit ihr euch identifizieren könnt? Ihr habt nicht mal die wahre Bedeutung des Wortes begriffen und wagt es, euch mit etwas gleichzusetzen, was ihr nicht seid; sein müsst! Ihr… Nein – du beherrschst deinen Körper, deine Gedanken, du bist zurechnungsfähig und im Begriff zu kalkulieren, was geschieht, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, oder erfüllt werden müssen und welche Konsequenz jener Entscheid birgt. Ich hingegen bin nie mehr gewesen als der Fehlschlag irgendeines gescheiterten Experiments, das der Ideologie eines konfusen Wissenschaftlers entsprungen ward und genauso wenig in der Lage sein wird, sein Inneres zu befehligen. Aber du… du bist doch frei und trotzdem… Verdammt, glaubst du denn, ich ertrage das Wissen über den Entscheid, der dir die Bürde eines Monsters auferlegt hat?“ Während mir genau diese Freiheit geraubt wurde?, gedachte Tobi hinzuzufügen, schob den Gedanken jedoch in die Arme des Schweigens, bevor er auch nur annährend seinen Lippen hätten entfleuchen können. Wenn es so etwas wie die Steigerung unermesslicher Ohnmacht gab, dann erfuhr Aion gerade in diesem verehrenden Moment das ungetrübte Delikt göttlichen Vermächtnis. Es hatte nie ein letztes – gar einziges - Mal gegeben, an das er sich entsinnen hätte können, wo die Stimmen einer uralten Zeit, deren Sprache er nie zu lernen vermocht hatte und dennoch als einen antiken, verloren gedachten Schatz wiederfand, sich nicht nur der Strömung seiner Seele ermächtigten, sondern gleichwohl die Unweiten archaischer Urinstinkte ergriffen und versuchten, seinen menschlichen Verstand zurückzudrängen. Viel zu spät, um gegen das fortschreitende Unausweichliche effektiv ankämpfen zu können, signalisierte der Weißhaarige, dass es schon längst nicht mehr seine Wut war, die aus dem Kanal ungewollter Erbschaft herrührte und die Grundfeste seines Widerstands bereits so schwer erschüttert hatte, dass selbst sein Geist nach der Unersättlichkeit rachsüchtiger Blutgier dürstete. Reflexartig umschlossen die Finger des Alphynums das zierliche Handgelenk der jungen Sprosse, ehe er ihren Körper mit schierem Ungestüm an seine Brust zog und Kitty aus solch zornigen Augen anfunkelte, deren Lodern selbig das dahinterliegende Dunkelfeuer des Erlischen nahebrachte. Tief im Inneren fühlte er, wie abscheulich und verzerrt sein kriegsgestählter Anblick für das arme Geschöpf vor ihm wirken musste – einen Krieg, den er nie geführt, aber dessen Wunden er davongetragen hatte – und plötzlich stieß Aion den grazilen Korpus der jungen Frau von sich, stolperte auf die Beine und überwand für den Bruchteil einer mickrigen Sekunde die Schwelle zwischen Erwachen und Kontrollverlust. Instinktiv versuchte der junge Mann gegen den Drang, umzukehren und dem Rausch nachzugeben, anzukämpfen, erreichte damit jedoch nicht mehr, als endgültig ins Stolpern zu geraten und ein paar wirklich unangenehme Schritte weit verzweifelt um sein Gleichgewicht kämpfen zu müssen, bevor er mit dem Rücken donnernd gegen einen Bücherschrank krachte. Der Aufprall katapultierte ein paar wenige Bücher, die nicht bis an den innersten Rand des Regals gestanden hatten, zu Boden. Vielleicht war es der Schock, vielleicht aber auch die mittelschwere Kollision, die einen schmerzhaften Ruck durch seine tauben Nervenbahnen ziehen ließ und somit die Basis für den Durchbruch seines Verstands und dem halben Niedergang vernichtender Instinkte gebildet hatte, das wohl doch nicht ganz Unausweichliche vorerst unterbinden zu können. Sein Hemd, nur noch eine knopflose Modeentgleisung, das zerflammt an seinen Schultern haftete, als wolle es die Unsinnigkeit unkonventioneller Deko an Karneval repräsentieren, wirkte wie ein heruntergelassenes Tor, das jeden potenziellen Feind Aufschluss auf das wahre Unheil gebieten wollte. Aion hatte nicht mal gemerkt, dass das bläuliche Schimmern auf seiner Brust derweil seinen ganzen Körper hatte eingenommen und seine Gliedmaßen wie eine aus Pyrokinese entstandene Aura umrahmte – selbst jene Schatten, die es an die Wände warf, schienen gefräßigen Händen gleich;
      die ihre todbringenen Fingerspitzen nach der Schwarzhaarigen ausstrecken. Woher entstammte diese Wut? Es war nicht die seine; er ward nur Träger dieses Grolls, dessen Ursprung er nicht kannte – aber er würde sich für all die Toten, sollte er nochmals unter den Grad des rationalen Denkens fallen, verantworten müssen. Weitaus mehr verzweifelt, als Tobi eigentlich hatte wirken wollen, starrte er dem armen Ding entgegen, das völlig erschrocken – oder erstarrt? Möglicherweise sogar fassungslos – so ganz genau konnte es Aion dann doch nicht deuten, neben dem Bett verharrte. Er glaubte jedoch zu erahnen, dass er, egal wie viel Distanz zwischen ihnen läge – immer von der Angst geplagt sei, ihr sogar aus dem Reiche des grenzenlosen Himmelsgewölbe Schaden zufügen zu können. „Kitty…“ flüsterte der ehemalige Mafioso heiser, kaum mehr als ein vorbeistreichender Gedanke, ihren Namen noch einmal lebend zu kosten, „… Töte mich. Bitte…“

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