The golden days are over [Taithleach + Sachiko]

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    • The golden days are over [Taithleach + Sachiko]

      Vorstellungsthread
      @Taithleach
      @Sachiko

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      SIMEON


      „Simeon... es ist an der Zeit.“ Die sanfte Stimme, die keinem Körper gehörte und die niemals verändert klang, meldete sich auch an diesem Tag wieder. Ob es Morgen war oder Abend, mitten in der Nacht, es spielte keine Rolle. Simeon schlug die Augen auf und erblickte vor sich das große Fenster aus Buntglas, das die Lichtstrahlen in allen Farben des Regenbogens brach. Es musste einen Auftrag geben, sonst hätte man ihn nicht geweckt.
      Ob er schlief? Er wusste, dass Menschen jede Nacht schliefen, oder sogar manchmal tagsüber, aber er war kein Mensch und er träumte auch nicht wie sie. Er erinnerte sich nur daran, wie Träume sich für Menschen anfühlten. Seufzend richtete er sich auf, die Haare wüst vom Kopf abstehend und am Körper nur ein schlichtes weißes Gewand. Obwohl er es sonst sorgfältig verbarg, leuchtete sein goldenes Auge in diesem Moment hell geradeaus. Man konnte nicht sagen, dass es ihm beim Sehen half, aber blind war es auch nicht. Viel mehr war es so, dass er damit mehr sah, mehr als die physische Hülle der Dinge. Seine Finger griffen scheinbar ins Leere, doch als er sie zu einer Faust ballte, hielt er unzählige Stränge von haarfeinen, seidigen Fäden in der Hand. Als würde er Klavier spielen ließ er seine Finger tanzen. Um ihn herum verschwand das leere Zimmer, es verschwand das Buntglasfenster und auch das Bett, auf dem er noch gesessen hatte. Stattdessen zeigte sich ein Strudel, für den es keine menschlichen Worte gab. Es waren nicht nur Geräusche, Farben, Formen und Strukturen – es war alles. Es war der Strom der Schöpfung und alles, was sich Simeon vorstellen konnte, konnte er auch erschaffen. So wob er die Fäden beständig vor sich hin, wob sich seine Kleidung, wob die heilige Halle vor sich. Als er die Hände sinken ließ, kleidete ihn seine übliche Uniform. Er hatte sie selbst gewählt, weil er sie als passend fand. Jedes Mal, wenn er einen Menschen abholte, trug er die Kleidung eines Butlers. Die schlichte schwarze Hose, des weiße Hemd, Fliege, Weste. Nichts anderes war er – ein Diener der Menschen. Die anderen Wächter schritten ihrer Wege, sie kamen, gingen, sie verschwanden oder tauchten auf genau wie er. In der heiligen Halle nahmen sie ihre Aufträge entgegen. Alles, was sie brauchten, waren ihre Augen. Irgendwo im Raum, nur für jeden Wächter persönlich sichtbar, fand sich eine kleine Kugel aus Licht, das ihnen den Weg zeigte. Sie nahmen es an sich und folgten ihm hinüber in die Welt der Menschen, bis zu dem, den sie holen sollten. Wenn sie zurückkehrten, erlosch das Licht und ihre eigentliche Arbeit begann.
      Simeon hatte erst vor Kurzem eine junge Frau geholt, die überglücklich in ihrem Dasein lebte, das er ihr geschenkt hatte. Sie würde noch viele Jahre hier in der „anderen Welt“ verbringen, bevor sie friedlich einschlief. Ohne Leid, ohne Sorge bis zum Tod, bis ihr Potential erschöpft war. Es wunderte ihn, dass er erneut ausrücken sollte, aber er hatte auch gehört, dass die Situation sich verschärfte. An ihm vorbei zogen dutzende, wenn nicht hunderte Wächter, nahmen ihr Licht entgegen und verschwanden. Er sah sich sorgfältig um und kämmte derweil mit den Fingern sein Haar ins Gesicht, damit sein goldenes Auge verschwand. Nicht weit vor ihm funkelte es in einem satten Königsblau – das musste es sein. Er ging auf das hübsche, tanzende Leuchten zu und beinahe sprang es ihm entgegen. Was war das wohl für ein Mensch, der auf ihn wartete? Wollte er so dringend seinem Leben entfliehen, dass selbst dieser kleine helle Schein sich schon auf den Halbling stürzte? Simeon erreichte das Licht und schloss behutsam seine Hände darum. Nun musste er nur noch die Augen schließen und es würde ihn da hin tragen, wo sein Schützling auf ihn wartete. Man nannte seinesgleichen zwar Wächter oder in seinem konkreten Fall Praesidia, aber es fühlte sich nicht so an, als schützten sie die Menschen. Viel eher waren sie ihre Jäger, ihre Sirenen und sie nutzten diese armen Wesen aus.
      Der junge Halbling zog scharf die Luft ein, als er sich auf den Weg begab. Nur einen Wimpernschlag später fand er sich in der Welt der Menschen wieder, er roch die Nacht. Sein freies Auge wanderte über die Szenerie, die vor ihm lag. Er war in irgendeinem Raum, es war dunkel und kühl. Es sah nicht aus, wie eine reguläre, gutbürgerliche Wohnung oder ein Atelier. Die meisten Menschen, die er holte, waren Künstler, Musiker oder Schriftsteller und lebten entsprechend. Hier sah es eher schlicht aus. Vor ihm in der Finsternis konnte er die Umrisse eines großen Sofas ausmachen, auf dem zwei junge Männer lagen.
      Das blaue Licht löste sich aus den Fingern des Wächters und schwebte auf einen der Beiden zu. Simeon runzelte die Stirn. In seinem Inneren regte sich beim Anblick der Gesichtszüge seines Schützlings eine Erinnerung. Sie regte sich nicht nur, sie schrie! Es zerriss dem Halbling fast die Brust, so sehr schmerzte es ihn, als er begriff, wen er vor sich hatte. Es handelte sich um den Sohn einer Frau, die er vor einigen Jahren in die „andere Welt“ gebracht hatte. „Mike Bonheur...“, flüsterte er erstickt und hielt sich eine Hand an sein verkrampfte Herz. Noch konnte der Mensch ihn weder sehen noch hören, aber das würde sich gleich ändern. Simeon trat näher an die Couch und beugte sich über die Schlafenden. Vorsichtig strich er sein leuchtend weißes Haar zurück und blickte in Mikes Gesicht. Sein goldenes Auge begann zu strahlen, als wäre es zur Lumineszenz in der Lage und schon war der Halbling in Mikes Träumen. Jetzt musste er ihn nur noch finden, damit er ihn mit sich nehmen konnte.

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    • M I K E. B O N H E U R.

      "Ich habe dich so - sooo - so gerne, dass weißt du doch." Eine raue Stimme, so sanft wie eine Klaviermelodie, strich durch Mikes Sinne. Gefühlt stellte sich jedes einzelene Haar an seinem Körper auf. Der Auslöser dieses Gefühls roch intensiv nach Moschus, einer anderen, unbekannten Note, die er nicht zu beschreiben vermochte und - nach Schweiß. "Warum machst du das nur immer?", seufzte der Ältere von beiden - Mike - genüsslich in den Nacken des anderen. Dieser drückte seinen Rücken noch mehr durch, so dass nur noch eine winzige Feder zwischen ihnen Platz gehabt hätte. Diese Zweisamkeit war einer der Gründer, warum er immer hier her zurück kehren würde - in seine Träume, die echter nicht sein konnten. "Was mache ich denn?" Ein tiefer Blickwechsel. Dann Schweigen. "Du bringst mich durcheinander." Eine Zuneigung, die er nicht beschreiben konnte, flutete durch seinen Körper und ließ ihn erstaunt zurück. Dieser Junge dort, der so... so liebevoll zwischen seinen eigene zwei Beinen saß und sich an ihn lehnte, war einfach zu viel. Er wusste, dass solch tiefe Gefühle existierten, aber er hätte sich nicht vorgstellt, dass sie ihn so plötzlich, so unerwartet packen würden. Ein gehauchter Kuss bahnte sich seinen Weg von Mike zu dem Objekt seiner Begierde. Es waren keine Worte nötig, um die Gefühle zu beschrieben, von denen beide wussten, dass sie eindeutig vorhanden waren. "Ich mag es, mit dir hier zu sein. Hier am Lagerfeuer, gemeinsam mit den anderen Marshmellows zu rösten und über ein Leben zu sinnieren, das vielleicht nicht perfekt wird - aber mit dir gemeinsam ist das ja auch egal, denn du wirst es für mich perfekt machen. Genauso wie ich dein Leben zu einem kleinen Wunder erheben werde." Der Jüngere blickte sich um, sein Blick schweifte ziellos durch die Gegend, als würde er damit seine Aussage abrunden wollen. Die Dämmerung war schon fast vorrüber und hüllte die zwei Körper der Liebenden in Dunkelheit. Einzig das wärmende Feuer zeichnete starke Kontraste auf die Gesichter der beiden. Mikes tiefe, dunkelbraune Augen verharrten beharrlich auf seinem Freund. "Aber du bist nur eine Illusion.", hauchte er. "Die Person, die ich wirklich liebe, ist tot."
      In einem Anflug von Trauer drückte er die Person vor sich sanft weg, als würde er es nicht mehr aushalten, dessen Gestalt weiter zu betrachten. "Selbst jetzt tut es noch weh." Er stand auf, klopfte sich seine Jeans von all dem trockenen Staub frei und wandte sich mit dem Rücken zum Lagerfeuer und seinem Freund. "Wie kann man jemanden nur so sehr lieben, dass es wundervoll und qualvoll zugleich ist - warum musstest du nur gehen?" Die Schatten der Kiefern um sie herum schienen ihn beinahe aufzufressen, so bedrohlich und einschüchternd wirkten sie aufeinmal. Er wich nicht zurück. "Ich komme bald wieder.", murmelte Mike mehr zu sich selbst, als an seine Außenwelt. Dann schloss er die Augen.
      Der Nadelwald veränderte seine Form und zurück blieb einzig eine große, weite Wiese mit unzähligen Gänseblümchen. Er ließ sich in das dichte Gras fallen und starrte die weise Wolke an dem - sonst strahlend blauen - Himmel an. Hier war er vollkommen alleine. Glaubte er. War das tatsächlich der Fall? War er hier ungestört? Sein Kopf drehte sich nach links. Nichts. Sein Kopf drehte sich nach rechts. Was? Seine Augen weiteten sich. Er war nicht alleine. Aber - warum? Er hatte die Kontrolle über diesen Traum, wie also war es möglich, dass einfach jemand, mir nichts, dir nichts, auftauchte und glaubte, ihn in seiner Ruhe stören zu können? Er erstarrte. Das war nicht irgendjemand! Das war.... ja, wer war ER?
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    • SIMEON


      Der Traum veränderte sich noch einmal, nachdem Simeon ihn betreten hatte. Zuerst hatte er ein Lagerfeuer gesehen, aber er stand zu weit weg, um mehr als das feststellen zu können. Auch das Gespräch seines Schützlings hörte er nicht. Noch bevor er sich den tanzenden, knisternden Flammen nähern konnte, änderte sich die Szenerie um ihn herum. Für einen Wächter war dies nicht weiter außergewöhnlich, immerhin webten sie ein ums andere Mal die Welt neu, so wie sie sie brauchten. Der Wechsel war jedoch unerwartet: Hinaus aus der dunklen, drückenden Nacht im Wald – und nun erstreckte sich vor ihm eine Wiese, wie der Frühsommer sie nicht schöner zeichnen konnte. Simeon hatte einen Faible für Blumen und ihre Symmetrie, die ihren ganz eigenen Gesetzen folgte. In der „anderen Welt“ gab es kaum Regeln, denn alles, was erdacht werden konnte, konnte auch geschaffen werden. In der Welt der Menschen aber gab es natürliche Gegebenheiten und Muster, die einfach immer wieder auftauchten, ohne dass es ihnen jemand gesagt hätte. Die kleinen, weißen Gänseblümchen mit ihren Rädchen aus Blütenblättern wippten in einer sachten Brise, die über die weite Fläche zog. Nur eine einzelne Wolke zierte den Himmel, der sonst hell von der Sonne erleuchtet wurde.
      Der Halbling ging auf Mike zu, der sich ausgestreckt auf den Rücken gelegt hatte und in das endlose Blau schaute. Er musste ihn bemerkt haben, denn der junge Mann drehte seinen Kopf und richtete die Augen auf ihn. Manche der Menschen hatten ein besseres Gespür dafür, ob sich jemand aus der „anderen Welt“ näherte und er schien einer von ihnen zu sein. Auch seine Mutter hatte diese Gabe, als Simeon zu ihr kam. Sie hatte sogar bereits auf ihn gewartet, sie war auf seinen Besuch vorbereitet gewesen. Das goldene Auge haftete sich nun auf Mikes Gesicht, als wäre es eine Zielvorrichtung. Simeon hasste diesen Moment mehr als alles Andere. In ihm surrte es, vibrierte es und eine Maschinerie der Übernatürlichkeit setzte sich in Gang. Es war jedes Mal so, als ob sich ihm der Magen umdrehte und er gleichzeitig einen Rückwärtssalto machte.
      „Es tut mir leid, was jetzt passiert, das tut es wirklich.“, flüsterte er und beugte sich über den Dunkelhaarigen, neben dem er zum Stehen gekommen war. Ganz kurz war die Welt totenstill, der Wind wehte nicht mehr und auch die Gänseblümchen erstarrten. Das goldene Auge strahlte so hell, dass es unmöglich war, es direkt anzusehen. Kaum erreichte das Licht den menschlichen Körper unter ihm, spürte Simeon die ersten Gefühle in seiner Seele ankommen. Zumindest nannte er es Seele, obwohl er sich nicht sicher war, ob Wächter so etwas besaßen. Er wurde von Kummer überflutet, von Verlust und Schmerz, von Wut, aber auch von Freiheit und Toleranz, von Liebe und einem Hauch von Hoffnung. Er spürte Stärke. Je mehr sie in ihn hineinflossen, all die Erinnerungen und Emotionen, umso mehr trieb es dem Halbling die Tränen in die Augen. „Ich wünschte, du hättest all dies nicht erleben müssen... und ich wünschte auch, du müsstest es nicht vergessen. Wir brauchen dich, Mike Bonheur. Vergib mir.“ Simeon schloss die Augen und das gleißende Licht erstarb. Er musste den jungen Mann nicht ansehen, um zu wissen, dass es gelungen war. Dafür reichte ihm das Völlegefühl in seinem Inneren, das durch Mikes Persönlichkeit entstanden war. Die hübschen, dunklen Augen waren nun leer und er würde sich nicht erinnern können, was soeben geschehen war und wohin sie nun gingen.
      Vorsichtig griff Simeon um den erschöpften Körper und drückte ihn an sich. Das königsblaue Leuchten erschien wieder und schwirrte um die Beiden herum, weil es nur darauf wartete, dass sie hinüber gingen. Aus einem Traum heraus war die Reise ein Leichtes für einen Wächter und so blickte Simeon in den Himmel und sah, wie das helle blau sich zu schwarz verfärbte. Ein großer Tunnel klaffte dort und er sprang nach oben, das Lichtlein mit ihm, Mike in seinen Armen.
      Schon in der nächsten Sekunde trafen die Füße des Halblings wieder auf Boden, allerdings nicht den der Wiese, sondern den kargen Marmorboden eines leeren Raumes. So begann jedes zweite Leben, das ein Mensch in der „anderen Welt“ führte. Es würde nicht lange dauern, bis Mikes Unterbewusstsein damit begann, diesen Raum zu füllen und zu gestalten, so dass er völlig seinen Vorstellungen entsprach, wenn er wieder zu Bewusstsein kam.
    • M I K E. B O N H E U R.


      Eine unendliche Mündigkeit drang durch den Körper des Jungen, der blinzelnd seine Augen öffnete und schwer seufzte, als das grelle Licht seine Augen blendete. Kurz darauf schloss er sie wieder, nur um es einige Sekunden später wieder zu versuchen - diesmal erfolgreich. Zögerlich tasteten sich seine Finger zu seinem Nachtschrank neben dem kleinen - aber gemütlichen - Bett mit der roten Flaumdecke. Er bekam einen Hustenbonbon zu greifen. Grüne Verpackung mit einer schwarzen Blume in der Mitte. Kein Markenname. Schlichtes Design. Genüsslich schnippte er sich den ausgepackten Bonbon in den Mund. Er hatte zwar keinen Husten, aber das war einfach "seins". Eine Weile lang genoss er einfach die Stille, träumte vor sich hin und summte eine Melodie von einem Lied, das ihm irgendwie bekannt vorkam. Sobald er die Decke zur Seite legen würde, so wusste er, würde der Stress des Alltags auf ihn einprasseln. Manchmal war das gar nicht so schlecht, gestand er sich ein, denn nur so konnte es Glück, Freude und Respekt geben - eine Welt ohne Schmerz und ohne jegliche Form von schlechten Gefühlen würde bedeuten, dass die Menschen selbstsüchtiger und untoleranter wären, als sie es in Wirklichkeit waren. Die Natur der Menschen würde verblassen. Aber was war Stress? War es schon das Gefühl von Genervtheit oder ging es nocht tiefer, noch intensiver? Mike selbst empfand Genervtheit und viel Trubel als die höchste aller Stressstufen. Und was war Schmerz? Das Gefühl, in seinem Stolz gekränkt zu werden?

      Seufzend richtete er sich auf, die rote Flaumdecke schob er auf Seite und den dicken, schwarzen Kater schubste er mit dem Fuß von der Bettkante. "Guten Morgen, lieber Morgen. Hast du mich schon vermisst?" Ein genüssliches Räkeln dann tapste er auch schon mit den nackten Füßen über den hellen Holzboden Richtung Badezimmer. Das war immer der erste Weg - duschen, Haare kämmen, Klamotten anziehen. Ein normales Leben, so wie er es gewohnt war. Gewohnheit war nicht immer etwas schlechtes - manchmal etwas langweilig aber eben auch irgendwie gut. Danach ein Toast mit Nutella aber ohne Butter zum Frühstück. Hatte ihm das Toast gemundet, dann begann der Tag gut. War es schlecht gewesen - aus welchem Grund auch immer (das wusste Mike vermutlich selbst nicht so genau) - dann würde er sich am liebsten wieder ins Bett werfen und weiterschlafen. Warum machte er sich auch nur jeden Morgen die Mühe frühs um 06:30 Uhr aufzustehen und zur Arbeit zu gehen? Er wusste es selbst nicht. So war es eben, so würde es bleiben, so war es schon okay. Es ist immer okay so, so, wie es eben ist. Warum sollte es auch nicht okay sein? Ihm ging es ja im Prinzip nicht schlecht. Aber ging es ihm denn gut? Bedeutete "gut", dass es eben okay so ist, wie es eben ist? Und wenn nicht, was war es dann, wenn es nicht "gut" war? Schlecht war es jedenfalls auch nicht.

      Schnell waren Mittagstoast, eine Flasche Wasser mit Zitronengeschmack und ein Skript im schlichten, schwarzen Rucksack versenkt und es konnte losgehen. 06:59 Uhr. 29 Minuten später. Noch 31 Minuten bis Arbeitsbeginn. Zu Fuß würde er 9 Minuten brauchen, das Geschäft war ja fast nebenan. Mike arbeitete als Lektor in einem mittelständischen Verlag. "Schwarzer". Ein sehr schlichter Name, fand der junge Mann, aber das war nicht umbedingt schlecht. Schlicht war weder gut noch schlecht. Es war eben einfach.... nichtssagend. Also weder der Rede wert, aber auch kein Grund zum Beschweren. Im Moment war er mit einem Fantasy-Roman beschäftigt, der weder gut noch schlecht war. Er war durchschnittlich gut, hatte noch einige Rechtschreibfehler, aber die Story schien - mit abnehmender Kapitelzahl - immer fesselnder zu werden. Die Geschichte hatte Potenzial, das aber nicht richtig offenbart werden konnte. Der Autor war neu und wusste es einfach noch nicht besser. Mit seiner Hilfe wäre es möglich, dass die Geschichte veröffentlicht wird. Das Skript könnte er zwar auch von Zuhause aus lesen und bearbeiten, aber manchmal ging er einfach in's Büro weil ihm die Atmosphäre dort gefiel - so auch heute. Wie lange wusste er noch nicht. Wenn es seines Befindens nach genug war, würde er wieder gehen.

      Im Büro angekommen grüßte er seine Kollegen mit einem freundlichen Lächeln, manche von Ihnen auch mit einem Handschlag. Er hatte ein gemütliches Einzelbüro, besuchte seine Kollegen aber gerne in Ihren eigenen Einzel- beziehungsweise Großraumbüros. Im Schwarzer-Verlag war dies erlaubt, so lange man am Ende des Tages mit seiner Arbeit zufrieden war. Wie schnell und viel jemand schaffte war nicht von Bedeutung - hauptsache es war gut. Da war es wieder - das "gut". Mike wusste einfach, dass es gut sein würde. Wenn er zufrieden war, war es gut. War er nicht zufrieden, war es nicht gut - aber wie konnte er unzufrieden sein, wenn es doch gut war? Er wusste am Tagesende, dass es gut war, also war er auch zufrieden damit. Das eine konnte nicht ohne das andere - und Unzufriedenheit war keine Option. Er fühlte sich ja nicht unzufrieden. Es gab kein "schlecht", weil es dann Unzufriedenheit geben müsste, was es aber nicht gab. Also war es gut und das war schon okay so.

      Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedankengängen. "Ich glaube, da ist jemand für dich." Sein Freund deutete auf eine Gestalt am Ende des Ganges. Unnachgiebig starrte dieser direkt in seine eigenen, braunen Augen. "Oh ja, ich glaube meine Wenigkeit wird benötig." Lachend verabschiedete er sich und steuerte auf den Mann - in etwa sein Alter, sehr edel gekleidet, intensive, blaue Augen - zu. Irgendwie kam ihm der Mann bekannt vor. Wer war er?
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    • SIMEON

      Für einen Wächter gab es stets zwei Möglichkeiten: entweder sie nahmen aktiv am Leben ihrer Schützlinge teil und spielten eine gefällige Rolle für sie, oder sie beobachteten sie aus der Ferne. Simeon sah sich nicht als guten Schauspieler an, so dass er selten die Position des Beobachters verließ. Er wob einen Schleier um sich, der ihn, ähnlich wie einen Geist, vor den Augen der Menschen verbergen konnte. Als er Mike bei seinem morgendlichen Kampf gegen die Müdigkeit beobachtete, schämte er sich beinahe dafür, so voyeuristisch vorzugehen. Aber es nützte nichts, er musste schließlich sicherstellen, dass alles nach Plan verlief. Der schwarze Kater kam, nachdem er vom Bett gescheucht worden war, auf ihn zu. Was für ein hübsches pummeliges Kerlchen! Selbst in der „anderen Welt“ besaßen Tiere noch die Fähigkeit, in andere Realitäten zu schauen. Die großen, grünen Augen hafteten sich auf ihn und das feline Wesen rieb sich an seinen Beinen. Für einen Außenstehenden musste es aussehen, als würde er sich einfach mitten im Raum in die Luft kuscheln. Zur Erleichterung des Halblings war der junge Mann allerdings schon im Badezimmer verschwunden und ging den Ritualen eines typischen Tages nach. Die Dusche prasselte monoton vor sich hin und so blieb Simeon unentdeckt, während er sich zu dem kater beugte und das kleine Köpfchen kraulte. Er war sich sicher, dass Mike ihn sehen könnte, wenn er wollte. Als er seine Erinnerungen in sich aufgenommen hatte, war dem Wächter aufgefallen, wie scharfsinnig dieser junge Mann war und welch außergewöhnliche Gabe er zu besitzen schien. Es war schon beinahe schade, dass sie ihn wie Melkvieh benutzen mussten, anstatt ihn ein reguläres Leben leben zu lassen.

      Auch beim Frühstück wachte der Halbling über Mike. Waren das etwa Zweifel, die er da hatte? Es schien so, als wäre er nicht völlig zufrieden, als fehlte dem jungen Mann mit dem dichten, dunklen Haar etwas. Simeon runzelte die Stirn. Warum war er denn nicht glücklich? Hatte er als Wächter versagt, etwas übersehen? Es würde wohl noch ein wenig Mehraufwand bedeuten, dieses Rätsel schnellstmöglich zu lösen und dafür zu sorgen, dass sein Schützling weiter brav existierte ohne lästige Fragen, die in seinem Hinterkopf zu kratzen beginnen könnten. Der Fluch der Mittelmäßigkeit war das, dem so viele Menschen unterlagen. Sie waren nie ganz unglücklich mit ihrer Situation, aber irgendetwas spukte ihnen immer durch die Gedanken, es fehlte immer etwas, damit es perfekt wäre.

      Für Simeon war es immer wieder interessant, durch die Realität zu wandern, die seine Schützlinge unbewusst entwarfen. Nur manchmal bedurfte es seiner Korrektur, aber meist gelang es ihnen spielerisch, einfach vor ihren Augen entstehen zu lassen, was sie sehen wollten. Das Unterhaltsame daran war nur, dass der Wächter auch sah, wie direkt hinter ihnen diese Welt wieder zusammenbrach. Sie existierte nur so lange, wie der Mensch sie sah und sie belebte, danach verschwand sie wieder. Es wirkte skurril, wie ein Puzzle, das auseinander fiel oder der Putz, der in einem alten Haus von der Wand blätterte – alles verschwand im Nichts.
      Gemeinsam kamen sie in dem Verlag an, in dem Mike in seiner eigenen Welt arbeitete. Simeon fand das Gebäude ganz entzückend, so schlicht und doch so voll mit Ideen, reizvoller hätte es nicht sein können. Manche der Personen, die sein Schützling geschaffen hatte – egal ob Kollegen oder Klienten, waren ihm sogar ans Herz gewachsen. So lange er wusste, dass Mike friedlich seiner Arbeit nachging, beobachtete der Halbling auch manchmal diese Randfiguren und nahm an ihrem Schicksal teil, sofern ihnen eines zugestanden wurde.

      Gerade wanderte er den langen Gang im oberen Stockwerk entlang, da deutete man auf ihn. Simeon ließ langsam sacken, dass gerade ausgerechnet einer dieser Nebendarsteller ihn nicht nur wahrgenommen, sondern bewusst erkannt und Mike auf seine Anwesenheit hingewiesen hatte. Zum Glück blieb ihm noch ein Atemzug Zeit, seine Gestalt anzupassen, bevor sich ein paar tiefbrauner Augen auf ihn richtete. Nun hatte er kürzeres Haar, auch wenn es immernoch weiß war, und zeigte seine Augen in strahlendem Blau. Von dem Geheimnis, das er als Praesidia trug, sollte Mike nichts erfahren, nicht jetzt und auch nicht in Zukunft. Die Kleidung eines Butlers hatte sich nur geringfügig verändert, hin zu einem schlichten, schwarzen Anzug mit einer silber gemusterten Krawatte.
      Offenbar waren Mikes Fähigkeiten noch weit größer, als er angenommen hatte, wenn sogar sein Unterbewusstsein dazu in der Lage war, einen Wächter zu enttarnen. Der junge Mann schritt auf ihn zu, also setze Simeon ein sanftes Lächeln auf und streckte seine Hand nach vorn. „Herr Bonheur, es freut mich, dass ich sie heute hier antreffe.“
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      "Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Dürfte ich, aus reiner Neugier, nach Ihrem, bestimmt sehr gut passenden, Namen fragen? Ich selbst heiße Mike Bonheur, wie Sie schon so schön festgestellt haben. Meine Person scheint außerhalb ja ziemlich bekannt zu sein, wenn selbst jemand wie Sie schon über mich gehört hat. Ich fühle mich geschmeichelt." Lachend nahm er die ausgestreckte Hand des Kunden in seine eigene. "Gerne dürfen Sie Mike sagen. Ich mag es nicht so förmlich." Die händische Begrüßung dauerte nur wenige Sekunden, dann trat Mike einen Schritt zurück und deutete eine Verneigung an. Auf dem Gang herrschte ein reger Verkehr, daher empfand der Lektor es als einen eher ungünstigen Ort, um über Jobangelegenheiten zu plaudern. "Folgen Sie mir doch bitte in mein Büro, dort können wir in Ruhe reden." Er deutete mit einer Handbewegung an, dass der Kunde ihm doch bitte folgen sollte. Seine Schritte passte er an die seiner Begleitung an. Sie liefen ein Stockwerk weiter nach oben - der 4. Stock - und Mike erklärte währenddessen sporadisch, welche Abteilung für welche Tätigkeiten zuständig war. Vor einer Tür hielten Sie inne. Auf dem schwarzen Türschild stand in filigraner, goldener Schrift "Mike Bonheur". Das war sein ganz persönliches Büro. Hier hatte er sich ein zweites, kleines, Heim eingerrichtet - voller Farben, voller Leben, voller Liebe. Er öffnete die hübsche - ebenfalls schwarze Tür - mit einer Handbewegung zu dem silbernen Türschloss und schloss mit seinem Schlüssel, der an einem leuchtend blauen Schlüsselband hing, auf. Die Klimaanlage hatte er aufgrund der heißen Temperaturen schon sehr früh am Morgen angestalten. Im Inneren herrschte dementsprechend eine sehr angenehme, kühle Temperatur. Hier ließ es sich besser aushalten als draußen auf den Straßen oder bei Mike Zuhause - dort gab es nämlich keine Klimaanlage, nein, nicht einmal einen Ventilator hatte er sich bisher gekauft. "Treten Sie doch bitte ein." Er hielt seinem Gast die Tür auf und trat erst ein, nachdem dieser sich im Inneren befand. "Wenn Ihnen zu kühl sein sollte, einfach sagen, dann drehe ich die Klimaanlage etwas runter. Dürfte ich Ihnen jetzt aber erst einmal etwas zu trinken anbieten? Wir hätten-" Er stoppte und ging zu dem kleinen Mini-Kühlschrank in der hinteren linken Ecke, direkt neben seinem Schreibtisch aus hellem Holz mit schwarzen Schubladen-Knäufen und ebenfalls schwarzen Rändern. "-Eistee, Wasser mit- und ohne Blubber, Apfelsaft, Orangensaft, KiBa-Saft und Cola." Freudig strahlte er den edel aussehenden, jungen Mann an. "Was darf es sein?" Während dieser noch zu überlegen schien, lief er bereits zu dem großen, runden Glastisch in der Mitte des geräumigen Raums und rückte einen schwarzen Stuhl - der weder bequem noch unbequem war - zurrecht und bot dem hellhaarigen Fremden somit an, zuerst Platz zu nehmen. Für einen Moment überkam ihn ein seltsames Gefühl, das er nicht zu beschreiben vermochte, was aber schon wenige Herzschläge später wieder verblasste. Als würde eine Innere Macht verhindern wollen, dass Mike in seinen morgendlichen Trott zurückfiel. Seine Laune hatte sich seit dem Frühstück ein wenig gehoben, woran seine Kollegen nicht ganz unschuld waren, aber seine beste Seite würde sich heute wohl nicht offenbaren, dafür fühlte er sich einfach zu... ja, warum würde er es heute nicht schaffen, alles zu geben? Hatte er keine Lust? War das Frühstück schlecht gewesen? War es wegen dem Wetter? Während er darüber nachdachte, wanderten seine Augen zu dem Hellhaarigen. Was er wohl wollte?
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    • SIMEON

      "Selbstverständlich. Ardian Terbeck - der Jüngere. Freut mich, Mike, und vielen Dank." Simeon schüttelte dem jungen Mann die Hand und verbeugte sich dabei leicht. Es war nicht leicht für ihn, aus der zurückhaltenden Rolle herauszukommen, die er im Normalfall einnahm. Der Name, den er sich gab, war der Name seines Vaters gewesen. Die Freude, diesen Mann kennenzulernen war dem Wächter zwar verwehrt geblieben, aber er konnte sich an die liebevollen Erzählungen seiner Mutter erinnern, die ihm so viele schöne Details über diesen Mann erzählt hatte, dass Simeon ihn allein deswegen mochte. Dass auch Mike eine Verneigung andeutete, gefiel dem Halbling - nichts Anderes hätte er von jemandem mit so einer angenehmen Seele erwartet. "Gerne Mike, ich folge Ihnen.", antwortete er und versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Normalerweise war er nicht an die Gegebenheiten der physischen Welt gebunden, doch die Tarnung aufrecht zu erhalten sollte höchste Priorität haben, so dass er einfach hinter dem jungen Mann hertrottete so schnell er konnte.
      Zu seinem Glück wusste Simeon, wie das Gebäude aussah und wen er vor sich hatte, sonst wäre er von der schieren Flut an Informationen vermutlich völlig überrollt worden. Ab und zu nickte er, lächelte oder gab ein höfliches "Aha." oder "Wie spannend!" von sich, gänzlich ohne einen sarkastischen Unterton dabei an den tag zu legen. Die Welt weben zu können hatte durchaus einen Vorteil, wenn man sonst kein Meister der sozialen Interaktion war. Schließlich erreichten die beiden Männer das Büro des jungen Herrn Bonheur und betraten die kleine Oase, die er sich dort geschaffen hatte. Eine angenehme Kühle legte sich auf die Haut des Halblings, die er zwar rein physisch nicht benötigte, aber dennoch genoss.
      "Nein vielen Dank, es ist sehr angenehm. Ein stilles Wasser wäre sehr nett, danke." Simeon verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging ein paar bedächtige Schritte durch das Büro. Er kannte es zwar besser als er jemals zugeben würde, aber es aus der Nähe zu sehen und nicht wie durch eine Scheibe hindurch, war eine feine Sache. Wie lange es her war, dass er aktiv im Leben eines Schützlings agiert hatte, konnte der Wächter schon gar nicht mehr genau sagen - Zeit war für ihn ohne hin ein dehnbarer Begriff. Während Mike gefühlt einen ganzen Wasserfall an Worten über ihn ergoss, schmunzelte Simeon seinen Schützling an und nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz. Wie merkwürdig sich doch so ein Sitzpolster anfühlen konnte, wenn man selten auf einem saß. Beinahe hätte der Halbling deswegen sein Gesicht verzogen, aber er wahrte den Anschein eines interessierten Kunden und schlug die Beine übereinander. Auch Mike nahm Platz, mit dem Blick auf seinen Besucher gerichtet und Simeon nahm dankend das Glas der klaren Flüssigkeit entgegen, das ihm gereicht worden war. "Nun, Mike, Sie fragen sich sicher, warum ich heute hier bin. Tatsächlich habe ich hoch gepokert und Ihnen vor Kurzem einen Brief zukommen lassen. Ich bin sicher, er liegt schon in Ihrem Posteingang. Mein Vater war Schriftsteller und ich gedenke, in seine Fußstapfen zu treten." Es brauchte nur eine kleine, unauffällige Bewegung seiner Fingerspitzen, um das Manuskript, an das er gedacht hatte, auch tatsächlich in dem Stapel der eingegangen Dokumente auf dem Schreibtisch erscheinen zu lassen. Von dieser Sekunde an würde Mike wissen, dass es existierte und er würde es ebenso gelesen haben. Simeon haftete seine blauen Augen direkt auf ihn, um zu sehen, wie er reagierte. Sicher würde es ihm irgendwie auffallen, dass etwas anders war zuvor, aber es war fraglich, ob er genau fassen konnte, was mit ihm geschah.
    • M I K E. B O N H E U R.


      Es war nur ein Moment, in dem Mike einen Hauch von Unsicherheit nicht verbergen konnte. Keine Sekunde später kam ihm tatsächlich die Erinnerung an ein Skript in den Sinn, dass er vor gut eineinhalb Wochen erhalten hatte. Er hatte es sich durchgelesen, hatte es für gut empfunden. Der frisch gebackene Schreiber hatte ein Gefühl dafür, wie er die Leser mitreißen, bewegen konnte. Die Charaktere waren erstaunlich gut durchdacht, dafür, dass sie von einem völligen Neuling erschaffen wurden. Mike hatte sofort eine Schwäche für die Geschichte entwickelt. Es sollte wohl ein Fanatsy-Roman werden, angehaucht von einer Briese Realität. Bisher war es nur eine Idee, viel hatte der Hellhaarige - Ardian Terbeck, wie er nun wusste - noch nicht geschrieben. Vielmehr war es eine ziemlich präzise Zusammenfassung davon, was er sich vorgenommen hatte - für die Zukunft. Doch... warum konnte er sich nicht daran erinnern, einen Termin mit diesem jungen Mann vereinbart zu haben? Alles ergab Sinn, nur dieses winzige Detail machte ihn stutzig. Er hätte ihn sowieso in den Verlag eingeladen, um ihm die glückliche Nachricht zu überbringen, dass er sich der Geschichte annehmen würde - darum ging es ja gar nicht. Es ging darum, dass die Einsteigerautoren normalerweiße nicht ohne Termin vorbei kamen. Oder... hatte er es schlicht und einfach vergessen, mit Ardian Terbeck telefoniert zu haben?
      "Ich freue mich sehr, dass Sie das Risiko eingegangen sind und mir Ihr Manuskript zugesendet haben. Nun lerne ich also auch das Gesicht hinter dieser wunderbaren Geschichte kennen." Es folgte eine kurze Atempause, dann sprach er weiter. "Ich muss gestehen, dass mich Ihre Schreibweise ehrlich beeindruckt hat. In der kurzen Leseprobe haben Sie die Orte und Gefühle der verschiedenen Personen unglaublich präzise beschrieben, ich war einfach hin und weg. Meiner Meinung nach schlummert in Ihnen großes Potenzial, Herr Terbeck!" Euphorie breitete sich in seinem gesamten Körper aus. "Ich würde mich gerne Ihnen und dieser Geschichte annehmen." Dieser letzte Satz war zwar eine Feststellung und doch schlummerte darin auch eine Frage. Hatte ein anderer Verlag diesem vielversprechenden Autor schon zugesagt?
      Mike nahm einen Schluck von seinem eigenen Getränk - er zog die Cola dem Wasser vor. Die kühle Flüssigkeit rann seine trockene Kehle hinunter. Währenddessen besah er sich Ardian Terbeck etwas genauer. Er schien ein Mann zu sein, der viel Wert auf Formalitäten legte. Schlanke, gutaussehende Figur. Stechend blaue Augen. Wäre er ein anderer Typ von Mann gewesen, hätte Mike ihn vielleicht gefragt, ob er ihm auf die Sprünge helfen könnte, was seine - nicht vorhandene - Erinnerung bezüglich einer Terminvereinbarung anging, doch so ließ er es. Er würde später einfach in seinem Terminplaner nachschauen. Dort schrieb er sämtliche Wichtigkeiten nieder, die mit seiner Arbeit zu tun hatten.

      Auf einmal griff sich Mike an die Stirn, sein Kopf fing an zu schmerzen. Es war ein kurzer, stechender Schmerz. Er kniff die Augen zu, öffnete sie aber gleich wieder und blickte seinen Gegenüber an. Für eine Sekunde zog etwas an ihm, als würde es aus seinem Inneren kommen. Er konnte es nicht beschreiben, aber es war seltsam. Ardian kam ihm bekannt vor. Doch... woher? Er versuchte, die Erinnerung zu fassen zu bekommen, doch sie entglitt ihm jedes Mal, wenn er ihr schon ganz nah war. Dann hörte der Schmerz so aprupt auf wie er begonnen hatte.
      "Verzeihung, mir ging es gerade nicht gut.", entschuldigte er sich sogleich bei Ardian Terbeck. "Wenn Sie möchten, können wir gleich das Formelle erledigen, dann hätten wir das schon hinter uns."
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.


    • SIMEON


      Wie ironisch es doch anmutete, dass Mike ihn für einen guten Schriftsteller hielt - oder zumindest einen talentierten Newcomer. Theoretisch machte genau das einen Wächter aus, sie spannen ihre Geschichten und schufen ihre Figuren, nur um es den Menschen recht zu machen, ihnen ein schönes Leben in Aussicht zu stellen. Aber das, was Simeon ihm geliefert hatte, diese paar Seiten eines Mannes der nicht einmal existierte, waren eben nur eine Illusion, eine nichtssagende Hülle. Zu mehr war er nicht fähig, er fühlte ja nichts. Zumindest in den Augen des Halblings konnte wahre Kunst nur dann entstehen, wenn man eigene Gefühle, ja eine Seele wenn man so wollte, besaß. Wächter waren dazu nicht in der Lage. Wenn sie es wären, bräuchten sie keine Menschen mehr, dann gäbe es auch keine „andere Welt“, sie würden einfach irgendwo existieren in ihrer eigenen Dimension. Unwillkürlich fragte sich Simeon, ob Wächter eine Art Parasit für den Geist der Menschen waren und wenn ja, wer sie wohl geschaffen hatte. War das die Evolution? Wer wusste das schon.
      Der junge Mann hatte ihm soeben gesagt, dass er ihn gerne unter seine Fittiche nehmen würde. „Sehr gerne, Mike. Ihr Verlag ist auch der einzige, bei dem ich es versucht habe.“ Er richtete seine blauen Augen auf den Tisch und versank einen Moment in Gedanken. Bedeutete das, dass er nun öfter hier sein würde? Nicht hinter seinem Vorhang, sondern direkt mittendrin? Ein beunruhigender Gedanke für den Halbling, aber er entschied sich, sein Schauspiel erst einmal fortzusetzen. Etwas im Blick des Dunkelhaarigen ließ Simeon stutzen. Möglicherweise hatte er ein Detail vergessen, wie ungünstig. Nach kurzem Grübeln fiel ihm ein, dass er auch einen Termin hätte machen sollen, wenn er schon ein Manuskript erscheinen ließ. Gerade wollte er diesen winzigen, störenden Fakt ändern, erhob seine Fingerspitze schon, da sah er die Schmerzen. Mike hielt sich die Stirn und schaute ihn durchdringend an. Dieser Blick, voller Verwirrung, ging Simeon direkt in sein Innerstes. Er spürte, wie die Erinnerungen des jungen Mannes die Hände nach ihm ausstreckten und förmlich in seinem Fleisch wühlten, um ausbrechen zu können. Wie war das denn möglich? Der Halbling hielt kurz die Luft an, um sich und die wild gewordene Seele, die er für Mike bewahrte, wieder zu beruhigen, bevor er sich wieder ans Sprechen wagte. „Sind Sie sicher Mike? Ich kann gerne ein anderes Mal wiederkommen, wenn Sie sich nicht wohlfühlen. Sie sehen ein wenig blass um die Nase aus.“, meinte er besorgt. Nun, die Sorge um seinen Schützling war echt und aufrichtig, aber zusätzlich sorgte er sich, dass sein kleines, schmutziges Geheimnis vielleicht golden unter seiner Tarnung hervorschimmern könnte. Mike schien Fähigkeiten zu besitzen, von denen Andere nur träumten, wahrscheinlich brauchte es nur einen kleinen Funken von Etwas, um das Feuer in ihm so weit anzufachen, dass er die hübsche Illusion um sich herum in Brand steckte.
    • M I K E. B O N H E U R.


      Das Gefühl von gerade eben erlosch so schnell, dass es Mike seltsam vorkommen sollte. Dies war nicht der Fall. Im Gegenteil: Es fühlte sich viel zu gewöhnlich und normal an, als dass man sich wirklich darüber Gedanken machen würde. Beispielsweise überlegte man ja auch nicht, wie oft man pro Tag, pro Stunde oder pro Minute atmete. Oder warum Igel existierten. Warum es überhaupt Tiere gab. Es war eben einfach so. Vielleicht wäre die Welt besser, wenn solche Tatsachen nicht einfach als gegeben hingenommen werden würden, aber es war nun einmal so. Konnte man dagegen wirklich etwas machen? Konnte man das Selbstverständliche wirklich hinterfragen?

      Die Sorge in der Stimme seines Gegenüber war sofort wahrnehmbar und berührte den jungen Lektor. Er fühlte sich geschmeichelt. "Ja, natürlich, das ist kein Problem.", antwortete er freundlich. Mit einem weiteren, kurzen Blick in die blauen Augen stand er auf und lief zu seinem Schreibtisch. Dort suchte er alles nötige zusammen und legte kurz darauf verschiedenste Dokumente vor Ardian Terbeck ab. Er zeigte ihm, wo dieser unterschreiben sollte und welche Angaben benötigt wurden, ehe er sich wieder ihm gegenüber hinsetzte und selbst in ein Dokument vertieft war, das um die Vertragsschliesung zwischen Lektor und Autor handelte.
      Sein Gegenüber war schneller fertig als er, weshalb er seine Arbeit unterbrach. Für dieses Dokument würde er Herr Terbeck nicht mehr benötigen, daher konnte dieser nun endlich gehen. "Möchten wir gleich einen neuen Termin vereinbaren - beispielsweise in 4 Wochen - um Ihre Fortschritte zu besprechen oder ist es Ihnen lieber, wenn sie sich telefonisch melden, sobald Sie Ihre Zeit ersehen haben?" Er reichte Ihm eine Visitenkarte mit seinem Namen, seiner Handynummer und seiner E-Mail-Adresse darauf. Früher oder später würde er eine dieser beiden Angaben so oder so benötigen und sei es nur, um einen Termin abzusagen. Mike freute sich schon auf das nächste Treffen. Viele seiner Kunden lagen ihm sehr an Herzen - nicht nur wegen seines Berufes. Er sah auch, wie sie sich menschlich veränderten. Das Schreiben von Geschichten veränderte die Menschen mit der Zeit, es war fast schon magisch. "Gerne dürfen Sie aber auch wieder ohne Termin vorbeischauen. Ich würde mich freuen."
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    • SIMEON


      Eigentlich hätte alles gut sein sollen, nicht wahr? Er hatte es geschafft, er hatte Mike erfolgreich täuschen können für den Moment und wenn alles glatt lief, wäre er gleich wieder an seinem angestammten Platz. Nur noch ein paar Dokumente, die unterzeichnet werden mussten, keine große Sache. Simeon schwang den hölzernen, polierten Kugelschreiber den er aus seiner Innentasche gezogen hatte mit einer eleganten Bewegung, als er unterschrieb. "Ich habe nicht viel zu tun, wir können gerne einen Termin vereinbaren.", antwortete er fröhlich gestimmt. Ohnehin würde es nicht dazu kommen, dass dieser Termin wirklich stattfand, er würde dem jungen Lektor einfach das Gefühl geben, dass sie sich wiedergesehen hatten und dass er Fortschritte machte - mehr brauchte es nicht. "Geben Sie mir irgendeinen, der Ihnen passt. Ich richte es mir ein." Ein sanftes Lächeln zierte sein Gesicht. Es fühlte sich gar nicht schlecht an, wenn man nach langer Zeit den Anflug eines Gefühls zuließ. Manchmal vergaß der Halbling sogar, dass er diese Fähigkeit den vollwertigen Wächtern voraus hatte, weil er so selten davon Gebrauch machte. Zufrieden glucksend steckte er die Visitenkarte ein, die Mike ihm gereicht hatte.
      "Nun, das war ein sehr ertragreiches Gespräch, wie ich finde. Es freut mich, dass Sie so angetan von meinem Werk sind." Simeon wollte sich eben erheben, als es an der Tür klopfte. Gespannt starte er auf den Eingang des gemütlichen Büros und wartete darauf, dass Mike den Gast hereinbat, aber nichts geschah. Absolut nichts, nicht einmal ein Staubkorn fiel zu Boden. Seine Augen weiteten sich vor Schreck, als der Halbling begriff, wer sich dort angekündigt hatte.




      Langsam schwang die Tür auf, ohne auch nur den Hauch eines Geräusches von sich zu geben, als ein kleiner, drahtiger Junge eintrat. Sein Haar war ebenso violett wie eine unreife Aubergine und darunter hervor, aus dem kindlichen Gesicht, blitzten zwei goldene Augen. "Simeon, mein Lieber, was machst du nur?", trällerte er viel zu fröhlich. Der Bursche kam auf ihn zu, während alles andere, inklusive Mike, um sie herum still stand. "Ist es dir nicht aufgefallen, du Dummerchen? Dir ist eine Erinnerung entfleucht. Mike hat sie zurückgewonnen. Willst du mir nicht verraten, wie du das geschafft hast?" Kurz vor dem Stuhl, auf dem der Halbling saß, hielt der Neuankömmling an. Selbst im Stehen war er kaum größer als Simeon im Sitzen, doch seine Präsenz ging weit über seine knabenhafte Erscheinung hinaus. "Ich weiß es nicht... ich habe es gar nicht bemerkt...", flüsterte Simeon, der sich eine Hand auf die Brust gelegt hatte. Sicher, er hatte gespürt, wie sich sein Schützling beinahe erinnert hätte, aber war ihm tatsächlich etwas entkommen? Wie konnte das sein? "Du wirst es noch einmal tun müssen, wenn er weiterhin hier bleiben soll. Und das muss er, das weißt du." Der Junge tippte dem Älteren an die Stirn. "Ich halte die Zeit noch einen ganz kleinen Moment an, ja? Aber bummle nicht." Und so schnell, wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden. Die Tür war geschlossen, als wäre nichts geschehen und Simeon war wieder mit Mike alleine. Noch einmal das Canorum einsetzen - alles in ihm strebte sich dagegen, aber es wäre zu riskant, wenn der junge Lektor sich erinnerte. Simeon erhob sich und ließ seine Tarnung fallen, das goldene Auge auf Mikes ebenmäßiges Gesicht gerichtet. "Es tut mir so leid...." Nicht mehr als ein Hauchen kam über die Lippen des Halblings während er dazu ansetzte, auch das letzte bisschen von Mikes altem Leben wieder verschwinden zu lassen.
    • M I K E. B O N H E U R.

      Das, was in diesem Moment geschah, konnte nicht mit den Begrifflichkeiten, die Menschen sonst so verwendeten, beschrieben werden. >Magisch< traf es aber wohl am ehesten. Mike war anwesend und abwesend zugleich. Ein wahrlich berauschendes aber auch angsteinflösendes Gefühl. Sein Herz schlug wie eine Atombome, so sehr versetzte ihn dieser Moment in entsetztes Staunen. Er realisierte alles, fühlte alles, konnte alles sehen. Nur bewegen konnte er sich nicht. Und das machte ihm eine heiden Angst. Es fühlte sich wie eine Schlafparalyse, nur hundertmal schlimmer, an. Es war, als würde ihn jemand mit aller Kraft zwingen, alles abzuschalten - Verstand und Muskeln. Ersteres gelang dem Verursacher - in diesem Fall ein kleiner Junge mit violetten Haaren - nicht. Doch trotz dieser Tatsache fiel es Mike unbeschreiblich schwer, nicht der Versuchung nachzugeben, in eine Art >tiefen Schlaf< zu fallen. Es schien so verlockend, so einfach, so unkompliziert. Er wusste, dass danach alles wieder >gut< sein würde. Und war es nicht auch genau das, was jeder Mensch, tief in seinem Inneren, wollte? Glücklich sein? Ein einfaches, sorgenfreies Leben leben?
      Eine Erinnerung - zumindest glaubte Mike, dass es dieses mal eine wahre Erinnerung war - hatte sich urplötzlich in ihn eingenistet. Er hatte durch diese Erinnerung so viele Erkenntnisse gewonnen und er wusste, dass er diese auch in wenigen Sekunden wieder verlieren würde. Eine Träne bahnte sich quälend langsam ihren Weg über Mikes Wange. Er starrte in ein goldenes Auge, dass einfach nur wunderschön anzusehen war. Mike wusste, dass der junge Mann vor ihm niemals Ardian Terbeck gewesen war. >Ardian< war eine fiktive Figur in einer fiktiven Welt. Schon immer gewesen - nur Mike hatte es nie realisiert. Immer mehr Gefühle und Erinnerungen kamen blitzschnell zu Mike zurückgeschossen. Mit jeder Sekunde, die er den Mann vor sich ansah, erinnerte er sich mehr und mehr. Ganz so, als wäre er der Schlüssel zu allem. Sein Innerstes wollte etwas sagen, aber seine Seele hatte keine Verbindung mehr zu seinem Körper. Er fühlte sich wie tot. Alles, was er tun konnte, war, sich der traurigen Wahrheit zu stellen. Es würde alles wieder >gut< werden. Sein Leben würde wieder >gut< werden. Früher hatte er oft Hunger gelitten, hatte kein festes Zuhause, lebte auf der Straße. Aber dieses Leben hatte seine Persönlichkeit geformt. Was war er noch, wenn seine Vergangenheit ausradiert wurde und eine leere, ausdruckslose Hülle zurückließ? Was unterschied ihn noch von anderen Menschen, wenn er sich nicht aufgrund seiner Erfahrungen verändert hatte? Alle Menschen in dieser Traumwelt waren gleich - sorglos. Und genau das war das Problem! Es war ein ewiges Leiden, da es kein Leid gab. Die Menschen hier wussten nicht, wie sich wahre Trauer, wahrer Schmerz anfühlte. Und ohne Schmerz konnte es auch kein wahrhaftiges Glück geben, keine Liebe. Sie waren >ein Mittel zum Zweck<, wie man so schön sagte. Seine Seele schrie, wehrte sich und floh, aber er konnte nicht das geringste tun, um seine Erinnerungen zu schützen. Er war machtlos.
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    • SIMEON


      Diese einsame Träne, die sich aus den Augen des jungen Lektors geschlichen hatte, erschütterte Simeon zutiefst. Einerseits begriff er nicht, was überhaupt geschehen war, warum es so weit kommen musste und andererseits erdrückte ihn das Pflichtgefühl. Was auch immer er empfand, es durfte keinen Einfluss auf sein Handeln haben, es war seine Aufgabe, das zu tun, was getan werden musste. Mit der Spitze seines Daumens fing er die Träne auf und schaute Mike an, direkt, unausweichlich. Dieses schöne, dunkle Haar, diese wunderbare, starke Seele, die warmen braunen Augen, mit einem Feuer wie Whiskey – der Halbling wollte ihm nicht weh tun. Natürlich schmerzte es nicht im herkömmlichen Sinne, wenn er die Erinnerungen des jungen Mannes erneut löschte, aber er entriss ihm gewaltsam einen Teil seiner selbst und er wusste, dass Mike bei Bewusstsein sein musste, sonst würde sein Blick nicht diese immense Furcht ausstrahlen. Simeons Hände legten sich behutsam auf das verstörte Gesicht und er lehnte seine Stirn sachte an die von Mike, ohne den Blickkontakt zu brechen. „Ich wünschte wirklich, ich müsste das nicht tun. Ich werde weiterhin auf dich Acht geben, das verspreche ich dir. Genau wie auf deine Erinnerungen, Mike Bonheur.“ Das Canorum begann zu wirken – die Gefühle, die in dem armen Kerl aufgekeimt waren, kehrten gemeinsam mit der verirrten Erinnerung allmählich zu dem Wächter zurück. Simeon gab sich die größte Mühe, es langsam und vorsichtig anzugehen. „Du wirst es wieder vergessen, aber ich möchte dir meinen Namen verraten. Ich bin Simeon und ich bin dein Wächter.“, flüsterte er und nahm das letzte bisschen in sich auf, das noch von Mikes Erinnerungen übrig war. Die Welt um sie herum zerfiel, denn sein Schützling würde für den Moment auch vergessen müssen, was er gerade erlebt und gesehen hatte. Für den Halbling war es nicht schlimm, ins Nichts zu sinken, denn das war seine wahre Heimat, oder nicht? Seine Hände glitten vom Gesicht des jungen Mannes und zogen ihn in eine Umarmung, damit er nicht fiel. Wenn er dorthin stürzte, wo niemand die „andere Welt“ am Leben hielt, könnte man nicht vorhersagen, was geschehen würde. Simeon ließ sich mit seinem Schützling im Arm von den Fäden zurück in den Raum tragen, in dem alles begonnen hatte. Dort fand sich nichts, genau wie zuvor, außer einer Art Wiege, die der Wächter gewebt hatte. So erschöpft wie Mike sein musste nach dem, was er gerade durchgemacht hatte, war es das Beste, ihn dort ruhen zu lassen. Die Fäden des Schicksals waren ein geduldiges Material und wenn ein Mensch sie berührte, konnten sie ihm beruhigende und heilsame Träume schenken. Simeon bettete seinen Schützling sachte, ehe er einen Schritt zurück trat. Neben ihm stand wieder der Bursche, der in Mikes Büro die Zeit angehalten hatte. „Du musst aufpassen, Simeon. Das war eine sehr knappe Angelegenheit. Dein Schützling ist wichtig für uns, wir können es nicht riskieren, dass er uns verlässt – egal auf welche Weise.“ Der Halbling nickte betrübt und fuhr sich durch durch das schneeweiße Haar. „Was ist da passiert? Ich habe doch noch nie versagt...“, murmelte er. Der Junge zuckte nur mit den Schultern. „Das wissen wir noch nicht, aber wir werden es beobachten.“ Es beobachten. Das stimmte nur zum Teil, man würde ihn beobachten, ihn und seine Fähigkeiten als Wächter, das wusste Simeon. Es blieb abzuwarten, was passierte, wenn der Mensch, für den er zuständig war, wieder erwachte.
    • M I K E. B O N H E U R.


      Es war eine tiefe Ruhe, die Mike empfand, als seine nackten Füße die Wasseroberläche leicht berührten. Das kalte Nass schmiegte sich beruhigend um ihn. Es war eine wunderschöne Sommernacht. Die Uhrzeit wusste der Junge nicht, nur, dass es wirklich, wirklich dunkel war. Dunkel, schön und einsam. Hier war niemand. Da war ein endloses Meer mit unzähligen, bunt leuchtenden Seerosen. Ein Traum, den sich sein Unterbewusstsein nicht schöner hätte ausdenken können.



      Hinter ihm war nichts. Da war eine einsige Leere, ein Teil, den sein Unterbewusstsein nicht gefüllt hatte - es war einfach nur stockfinster. Da war nichts und niemand. Kein Leben. Dachte Mike. Doch bei genauerer Beobachtung sah er plötzlich jemanden aus den Schatten heraustreten. Eine Person, die er nicht kannte, bei der sich in seinem Inneren jedoch alles zusammenzog. Warum? - Er verstand die Reaktion seines Körpers nicht, wo er diese Person doch nicht einmal kannte. Eine warme Stimme drang an sein Ohr. "Hey Mike.", flüsterte sie. Der Angesprochene blickte nur stumm in das wunderschöne Gesicht mit den dunklen Augen, die einen einzigartigen Glanz besaßen. Sein Herz klopfte bei der zarten Stimme noch stärker, noch nervöser. Warum? - Das war nur ein fremder Mensch. Aber wenn dies ein Traum war, dürfte er doch seinen Gelüsten nachkommen ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Oder? Warum stand er dann nicht auf und umarmte diesen fremden Menschen? Was hielt ihn zurück? Da war es doch egal, ob er diesen Menschen kannte oder nicht - es war nur ein Traum. Und jetzt gerade fühlte sich sein gesamtes Sein zu dieser einen Person hingezogen. Er wollte diesem jungen Mann nahe sein.
      "Erinnert sich dein Inneres an mich, Mike?" Eine Frage kam aus dem Mund des Fremden gehaucht und ließ Mike für einen Moment innehalten. "Ich... kann mich nicht erinnern, dich jemals kennengelernt zu haben, aber ich spüre eine starke Anziehung, wenn ich dich ansehe." Der Fremde schien zu lächeln. "Ich weiß. Hör her, ich habe eine Nachricht für dich. Leider bleibt uns nicht mehr viel Zeit, ehe ich bemerkt werde." Der Fremde blickte sich suchend um, als würde er sich beobachtet fühlen. Er hatte vor irgendetwas Angst. "Du darfst niemandem trauen. Nimm nichts mehr einfach so hin, wie es eben ist, sondern hinterfrage ALLES - und damit meine ich wirklich ALLES! Du musst dich erinnern, Mike, sonst bist du in großer Gefahr!"
      Auf einmal weiteten sich die Augen des anderen, er schien panisch zu werden. "Ich werde über dich wachen, Liebster."
      Alles was zurückblieb war Leere. Das Meer mit den bunten Seerosen war verschwunden, er stand mitten im Nichts. Da war Ratlosigkeit, Schmerz, Freude und Entsetzen. Er hatte einen wundervollen Menschen getroffen, der so viel Licht, so viel Schönheit ausstrahlte - doch die Worte hatten eine tiefe Wunde in seinem Inneren hinterlassen. Doch.... Warum?
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    • SIMEON
      Warum wachte er nicht auf? Simeon wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, er besaß schließlich keine Uhr, geschweigedenn ein anderes Gerät, das die Zeit messen konnte. Alles, was es bei sich trug, war eine Art kleines Barometer, das jedoch nicht den Luftdruck maß, sondern die Menge an kreativer Energie, die Mike abstrahlte. Momentan kam seine Aktivität der eines Atomreaktors gleich, so dass der winzige Zeiger nervös gegen die Seite des Gehäuses schlug. Der Wächter seufzte, er hätte in seinen Traum eindringen können, um ihn zu beobachten, aber nach allem, was der Junge durchgemacht hatte, konnte er ihn nicht schon wieder heimsuchen, das wäre nicht richtig. Stattdessen wachte er über Mike, saß an der Kante des Bettes, das wieder erschienen war. Die Wohnung, die Mike zuvor mit seinen Gedanken geschaffen hatte, kehrte allmählich wieder zurück, auch wenn sie bisher mehr einem Flickenteppich glich, als allem anderen. Hier und da erschien ein weiterer Gegenstand, ein Stück Wand, ein wenig Boden. Wenigstens das Bett war da, auch wenn Simeon die Wiege aus Fäden noch als Sicherheitsnetz darunter belassen hatte, nur für den Fall dass es zu einer unvorhergesehenen Reaktion kam.
      Der Bursche mit dem violetten Haar war verschwunden, zurück zu seinen Aufgaben, die ihm zugeteilt wurden. Auch er war nur ein Wächter, wenn auch ein vollwertiger, und führte Befehle aus, von denen niemand so genau wusste, woher sie stammten. Der Halbling kannte ihn, er war einer seiner Mentoren gewesen, als er damals seine ersten Schützlinge aufgenommen hatte. Man nannte ihn Anvil und er war mächtiger als es sein Aussehen vermuten ließ. Simeon seufzte und strich Mike eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn. Die Gefühle des jungen Mannes schlugen in seiner Brust heftige Wellen, stets bereit bei der nächsten Gelegenheit ihr Gefängnis zu zerbrechen und mit voller Wucht aus dem Körper des Wächters hinauszustürzen. Ein knirschendes Geräusch riss den Halbling aus seinen Gedanken. Verwirrt wandte er sich um, um den Grund dafür ausfindig zu machen. Wohin er auch blickte, die Wohnung schien leer zu sein, nur sie beide waren dort. Nicht einmal der dicke Kater war bisher erschienen, obwohl Simeon sich seine Gesellschaft beinahe schon herbeisehnte. Es knirschte weiter und langsam dämmerte ihm, dass es von dem Messgerät in seiner Hosentasche stammen musste. „Was machst du nur in deinem Kopf, Mike?“, murmelte er und beäugte skeptisch das Glas des Deckels, das vermutlich demnächst zerbersten würde. Plötzlich raschelte es hinter dem Wächter und mit freudiger Erwartung drehte er sich um, bereit das Katzentier in Empfang zu nehmen, das er vermisste, aber stattdessen erspähte er nur den Rücken einer Person. Wer war das? Warum kehrte ein menschlicher Darsteller noch vor dem Badezimmer zurück in Mikes Welt? Irgendetwas an ihm war merkwürdig, er wirkte gar nicht wie ein Statist in dieser Kulisse. Simeon stand auf und wollte sich dem jungen Mann nähern, aber in der Sekunde, als er entdeckt wurde, war er verschwunden, ohne dass auch nur der Hauch einer Chance bestanden hätte, ihn zu identifizieren. Ob es ein anderer Wächter gewesen war, der Simeons Arbeit überwachen wollte? Vermutlich, aber hätte es sich dann nicht anders anfühlen müssen? Wächter hatten eine ganz andere Präsenz als andere Lebewesen und diese Gestalt hatte nicht den Eindruck vermittelt, als sei er einer von ihnen. Nur wer war er dann? Das Messgerät hatte aufgehört, durchzudrehen und wie es aussah, war die Wohnung wieder komplett vorhanden. Der Halbling warf einen Blick zu Mike und sah ein sachtes Flattern seiner Augenlider – er würde gleich erwachen. Vermutlich war es besser, wenn er ihn etwas engmaschiger beobachtete als bisher, also brauchte Simeon eine neue Tarnung. Leise schlich er zur Eingangstür und schritt mühelos durch sie hindurch, ohne sie überhaupt geöffnet zu haben. Ein Nachbar, das wäre sicherlich keine schlechte Idee. Nun musste er nur noch sein Äußeres anpassen, damit ihn Mike nicht noch mit Ardian Terbeck verwechselte und dann wäre alles im Lot, so wie es sein sollte. Oder nicht?
    • M I K E. B O N H E U R.


      Der dicke, schwarze Katzer >Wurlitzer< lag in der Mitte des Bettes, als Mike erwachte. Er schubste ihn unsanft mit dem Fuß auf den kalten Boden. Empört schaute ihn der Kater an, doch Mike schenkte diesem keine Aufmerksamkeit. Es war Dienstag, 06:30 Uhr. In spätestens 30 Minuten wäre er bereit für einen neuen Arbeitstag - bis dahin stand allerdings noch der morgendliche Aufwach-Kampf an. Die rote Flaumdecke schmiegte sich so wunderschön warm um seinen erschöpften Körper, dass es Mike - wie immer - dazu verleitete, einfach liegen zu bleiben. Aber das wollte er nicht. Auf seiner Arbeit im >Schwarzer<-Verlag warteten heute viele nette Kollegen auf ihn. Die Sonne würde heute wieder scheinen und ihn mit ihren Strahlen wärmen. Es war ein schöner Tag. Nach der Arbeit würde er vielleicht noch in den Park oder in die Stadt gehen. Ansonsten hatte er keine besonderen Pläne. Vielleicht würde ihn ein Kollege begleiten, dann könnten sie etwas trinken und bis in die Nacht quatschen. Der Tag würde so angenehm enden wie er begonnen hatte - und das war gut so.

      29 Minuten später war Mike bereit, den Tag anzutreten. In der Zwischenzeit hatte er sich geduscht, Haare gekämmt und angezogen. Heute trug er ein schlichtes, rotes T-Shirt mit V-Ausschnitt, dazu knielange, schwarze Shorts. Zum Frühstück hatte es Toast mit Nutella aber ohne Butter gegeben. Es hatte ihm gemundet. Der Tag begann gut. Wurlitzer hatte sich zwischenzeitlich wieder auf Mikes Bett begeben und schnurrte vor sich hin. Er nahm den dicken Kater und setzte ihn auf den Boden. Keine zwei Sekunden später sprang er wieder auf das gemütliche Bett. Anscheinend mochte Wurlitzer sein Bett genauso gerne wie er selbst. Der Kater hatte einen verdammt guten Geschmack. Ich geb's auf, dachte sich Mike. Der Kater macht eh was er will. Schulterzuckend lief Mike zu seinem Rucksack in dem ein Mittagstoast und eine Flasche Wasser mit Zitronengeschmack verstaut waren. Sein Skript lag bereits auf Arbeit. Dieses hatte er Montagmorgen mitgenommen. Den Rest der Woche würde es dort verweilen - bis Freitag, denn da würde es seinen Weg wieder in Mikes Wohnung finden. Über das Wochenende las er gerne das ein oder andere Kapitel.

      Arbeitsbeginn wäre in 29 Minuten. Der Kater hatte ihm 2 Minuten seiner Zeit gekostet. In 9 Minuten wäre er im Büro, wenn er zu Fuß ging. Dann hätte er noch 20 Minuten bis Arbeitsbeginn. 20 Minuten, die er bei seinen Kollegen verbringen konnte. Er könnte diese 20 Minuten aber auch noch Zuhause verbringen - vielleicht noch ein Toast mit Nutella aber ohne Butter essen. Oder TV sehen. Oder Wurlitzer von seinem Bett schmeißen - er haarte zu viel. Unentschlossen schaute er abwechselnd zu seinem Bett und zur Haustür. Das Bett mit Blick zum TV gewann. 5 Minuten würde er sich noch gönnen, bevor ihn die Realität wieder besitzen durfte. Den dicken Kater schmiss er von seinem Bett, dann legte er sich selbst darauf und zappte ziellos durch die Programme. Eine Doku über Löwen war das interessanteste, was im Moment kam. Wer schaute sich Tierdokus um 06:32 Uhr in der füh an? Gab es echt solche Freaks?
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      I know you're watching, I can feel you out there.


    • SIMEON

      Wie ein zu groß geratener Wachhund hatte er gewartet, brav, aufmerksam und mit dem Blick zur Wand. Wenn er Mike aus der Nähe beobachten wollte, dann brauchte er eine Bleibe, und so hatte Simeon spontan entschieden, sich eine Wohnung direkt nebenan einzurichten. Eigentlich wollte er keine, aber die aktuelle Situation würde es nicht zulassen, dass er seinen Schützling nur aus der Ferne beobachtete. Gegen sein neues Domizil war nichts einzuwenden - drei Zimmer, gemütliche Küche, großes Bad, breite Fenster, was wollte man mehr? Der Halbling sah auf die altmodische Standuhr, die in seinem Wohnzimmer thronte. Mike würde vermutlich gleich das Haus verlassen. Ob er ihn abfangen sollte? Ihm folgen? Nein, es wäre etwas mehr Raffinesse nötig, mehr Menschlichkeit um wie ein normaler Nachbar zu wirken. Simeon stand seufzend auf und trat vor den Garderobenspiegel im Flur. Er trug jetzt haselnussbraunes Haar und grüne Augen, er war etwas kleiner und kräftiger, seine Gesichtszüge kantiger. So sollte ihn niemand erkennen, noch nicht einmal Mike, da war er sich sicher. Das menschlichste, was man zwischen sechs und sieben Uhr morgens wohl tun konnte, war frühstücken, allerdings war der Kühlschrank leer, genau wie der Rest seiner Küche. Zeit also, um einen Bäcker aufzusuchen und sich zumindest eine Kleinigkeit zu beschaffen, wenn man schon in diesem Theaterstück mitspielte.
      Wenig später kehrte der Wächter, der nun einen schnöden Studenten abgab, mit einer Tüte voll Croissants in das Haus zurück, in dem er zukünftig wohnen sollte. Er tappte gemütlich die Treppe nach oben und kramte dann nach seinem Schlüssel (er war sich sicher, dass er sich einen gemacht hatte, er wusste nur nicht mehr wo), als die Tür zu Mikes Wohnung aufschwang. Wie es aussah machte sich der junge Lektor also auf den Weg zur Arbeit, heute etwas später als sonst und würde ihn gleich über den Weg laufen. Simeon war gespannt, ob ihm seine Tarnung wirklich so gut gelungen war, wie er glaubte. Gerade als er die Hand zum Gruß heben wollte, flitzte der Kater, der sonst gar nicht so agil schien, aus der Tür hinaus auf den Gang und auf den Halbling zu. Verdattert schaute er zu dem Fellknäuel herunter, dass sich schnurrend um seine Beine schlängelte. Verflixt, dieses Tier hatte ihn sicher wiedererkannt, so sehr wie es ihn belagerte. Nervös beugte sich Simeon zu ihm herab und kraulte das kleine Köpfchen, das ein paar Haare an seiner Hose hinterließ. Zum Glück war es nicht sein gewöhnlicher Anzug, der Flusen magisch anzog, sondern eine Jeans aber selbst auf dieser sah man das Fell noch allzu gut. "Na du kleiner Ausreißer? Was hast du denn vor?"
    • M I K E. B O N H E U R.


      "Wurlitzer! Hier her!" Böse beäugte Mike den dicken Kater, der fast aus seiner Haut zu platzen schien, so vollgefressen war er. Diese Katze hatte das beste Leben, das eine Katze haben konnte - schlafen, fressen, schlafen, manchmal schnurren und spielen. So agil hatte Mike den Kater noch nie erlebt, aber irgendwas an dem braunhaarigen Studenten (zumindest sah er so aus) schien ihn wie magisch anzuziehen. "Hallo", grüßte er den jungen Mann freundlich. "Du scheinst bei Katzen ja richtig beliebt zu sein." Wurlitzer hörte gar nicht mehr auf, wie ein verrückter um den Fremden - Mike glaubte, dass es ein Mieter dieses Hauses sein musste (unter anderem wegen der Bäckertüte in seiner Hand) - herum zu schlängeln, daher beschloss er ihn hochzuheben, in seiner Wohnung abzusetzten und die Tür zu schließen. Jetzt waren Mike und der Fremde alleine.
      "Entschuldige dass Wurlitzer deine Hose vollgehaart hat... Er ist ein lebendiges Fusselmonster." Verlegen kratze er sich am Hinterkopf und begutachtete den - augenscheinlich - Jüngeren. "Ich bin Mike. Wie darf man dich nennen?", fragte er ihn direkt. Mike kam sein Gesicht bekannt vor. Lebte er schon länger hier? Hatte er ihn schon einmal im Treppenhaus gesehen? Oder vielleicht holten sie ihre Semmeln beim gleichen Bäcker? Stille. Nein, nichts. Er schüttelte nachdenklich den Kopf. "Haben wir uns schon einmal getroffen?" Noch im selben Moment bereute er seine Frage. Er hatte laut gedacht. Trotzdem missfiel es ihm irgendwie, dass er sich scheinbar nicht an den Jungen erinnerte.

      Den kenn' ich doch!

      Für einen winzigen Augenblick - es waren nur wenige Millisekunden - schimmerte etwas durch den braunhaarigen Studenten hindurch. Mike konnte nicht beschreiben, was er sah, aber er kannte diesen Menschen ganz eindeutig! Er wusste, wen er da vor sich hatte, aber irgendetwas fehlte. Was fehlte? Was war diese wichtige Information, die fehlte? Was war ihm entfallen, was hatte er übersehen? Auf was hatte er zu wenig geachtet? Was blieb ihm verbogen?
      "Du darfst niemandem trauen." Eine Stimme hallte in seinem Kopf, er wusste nicht weshalb oder von wem sie überhaupt kam. "Du musst dich erinnern." Misstrauen schwappte wie eine Welle durch seinen Körper. Es war nur ein Whispern, kaum hörbar und doch vorhanden. Worte waren Maske als auch Enthüllung zugleich. Was wollte diese Stimme ihm sagen?

      Sein Blick bohrte sich in den Studenten. Mike versuchte sein freundlichstes Lächeln aufzusetzen, wurde innerlich jedoch von Zweifeln geplagt. "Ich sollte zur Arbeit gehen. Eigentlich bin ich schon viel zu spät losgegangen. Wenn du möchtest können wir an einem anderen Tag weiterplaudern." Er zwinkerte dem Jüngeren zu. "War nett dich zu treffen."
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.


    • SIMEON


      "Wurlitzer? Was für ein drolliger Name für ein so properes Kerlchen." Simeon gluckste und klopfte sich das Fell des Katers von der Hose. Vielleicht würde er ihm einen Besuch abstatten, sobald sein Herrchen zu arbeiten begann. "Ich weiß auch nicht, manchmal fühle ich mich wie eine Disney-Prinzessin, Tiere lieben mich irgendwie." Tatsächlich hatte er besagte Prinzessinnen schon getroffen, immerhin waren sie schrecklich beliebt unter den Menschenkindern und genossen daher ein entsprechendes Ansehen in der "anderen Welt". Am Liebsten mochte er Arielle, auch wenn sie wenig mit ihrem literarischen Vorbild gemein hatte. Der Halbling warf einen Blick auf Mike, der sich verlegen am Hinterkopf gekratzt hatte. "Felix, freut mich. Ich bin vor zwei Wochen eingezogen, aber meine Möbel sind schon länger hier als ich. Das hat man davon, wenn man die Uni wechselt.". Es fühlte sich seltsam an, diese Rolle zu spielen, aber gleichzeitig hatte es einen gewissen Reiz für Simeon. Wann war er denn jemals ein junger Student gewesen? Gewiss noch nie, eigentlich war er stets er selbst,.mehr erforderte es nicht. Er haftete seine grünen Augen wieder auf den jungen Mann. Erstaunlich, wie sehr er ihn an seine Mutter erinnerte. Es waren nur kleine Gesten, die auch sie zu ihrem Repertoire gezählt hatte, kaum merklich für Außenstehende. Für Simeon, der Mikes Mutter so lange begleitet hatte, war es jedoch eine wehmütige Erinnerung.
      "Ich glaube wir sind uns noch nicht begegnet, Mike." Er lächelte entwaffnend , obwohl er den durchdringenden Blick auf sich spüren konnte. Anscheinend kratzten Mikes Erinnerungen schon wieder an ihrer Käfigtür, rüttelten und fauchten wie ein eingesperrtes Tier. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass sich alles an ihm so stark gegen die "andere Welt" wehrte?
      "Äh ja klar, ich wohn' ja jetzt nebenan. Du kannst gerne vorbeischauen. Dein Kater auch.", sagte Simeon und zuckte mit den Schultern. Innerlich wog er noch ab, ob er Mike zur Arbeit folgen würde oder ob er warten sollte, aber nach außen sollte er sich einfach bemühen, normal auszusehen. "Dann wünsche ich dir einen schönen Arbeitstag!" Mit der freien Hand kramte er tief in seiner Hosentasche, bis das Klimpern eines Schlüsselbundes zu hören war. Aha! Na endlich hatte er das vermaledeite Ding ausfindig gemacht. Ein kurzes Winken markierte den Abschied zwischen Simeon und seinem Schützling, bevor er die Tür vor seiner Nase aufschloss und mit seinen Croissants in den Flur schlüpfte.
    • M I K E. B O N H E U R.

      Mike's Arbeitstag verlief ohne größere Probleme. Er hatte viel gelacht, viel gearbeitet und einen Kollegen überzeugen können, mit ihm heute Abend auf das >Lichterfest< in der Stadt zu gehen. Sogenanntes >Lichterfest< konnte man sich als eine Art Markt vorstellen, bei der Nachts alles erleuchtet wurde - und die Menschen Masken trugen. Gern gesehen waren Tiermasken. Die Stimmung war stets ausgelassen, Mike ging jedes Jahr gerne hin. Über die Jahre hatte sich der Brauch eingeschlichen, dass Pärchen über einen roten Faden am Handgelenk einen Abend lang verbunden waren. Ob das allerdings wirklich Schicksal war? Ihm waren über die Jahre schon so einige, seltsame Leute untergekommen, da wollte man gar nicht glauben, dass sie zusammengehörten. Von solchen Bräuchen hielt sich der Braunschopf lieber fern - obwohl sie ihn ja schon interessierten. Es war möglich, dass das Schicksal wirklich existierte, aber wenn es existierte, dann auf eine andere Art und Weise als es sich die Menschen vorstellten. Die Vorstellung, einfach abwarten zu müssen, bis der >Traummensch< kam, war verlockend, aber es war zu einfach, um wahr zu sein. Wer wusste schon, wie das Schicksal seine Fäden sponn?

      Im Moment war das aber auch gar nicht wichtig. Im Moment war nur wichtig, nach Hause zu kommen, zu duschen und passende Klamotten auszuwählen. Er hatte schon in etwa vor Augen, was er anziehen wollte; eine blaue Jeans, dazu ein schlichtes, schwarzes T-Shirt, obendrauf eine dunkle Jeansjacke und eine weiße Fuchsmaske mit leuchtend, blauen Mustern. Schlicht aber schick. Er hatte 1 Stunde Zeit, bevor er sich mit seinem Kollegen am Eingang zum Lichterfest treffen würde. Das war mehr als Mike eigentlich benötigte - aber ein Puffer war auch gut.

      Was Felix wohl heute macht?, schoss es Mike durch den Kopf, als er seine Hand in den tiefen seines Rucksacks verschwinden lies, um den Haustürschlüssel ausfindig zu machen. (Unpraktischerweise rutschte er immer ganz nach unten, Schwerkraft sei dank!) Vor seiner Tür blieb er stehen, der Schlüssel war immer noch nicht in greifbare Nähe gerutscht. Sein Blick schweifte zu der Tür nebenan. Sie war verschlossen, innen war es ruhig. Vielleicht lernte der neue Nachbar. Als Student war Lernen so etwas wie eine zweite Leidenschaft - oder sollte es zumindest sein. Lernte man wenig, war die Uni vielleicht der falsche Weg. Seine Finger ergriffen etwas metallisches, kaltes. Der Schlüssel! Seufzend schloss Mike auf. Noch ehe er einen Fuß in seine Wohnung setzen konnte, schoss Wurlitzer heraus. Vor Felix Tür blieb er stehen. "Du bist wie ein Hund...." Entgeistert starrte er den Kater an. Welchen Affen hatte der denn gefressen? Mit schnellen Schritten lief er zu der benachbarten Wohnungstür und klopfte.
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.