.:: Petrichor [Pumi & Fuffy]

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    • .:: Petrichor [Pumi & Fuffy]




      Im Nachhinein hätte Tiana nicht mehr sagen können, was sie um 4 Uhr morgens in der Nacht von Sonntag auf Montag an ihr Notebook getrieben hatte, um solch ein dämliches Profil auszufüllen. War es die Hitze der letzten Augusttage, die sie nicht schlafen ließ? War es ihr nahender 30. Geburtstag? War es der Nachmittag mit Kaffee und Kuchen bei ihren Eltern gewesen, wo ihr Bruder verkündet hatte, bald heiraten zu wollen?
      Ehrlich, sie wusste es nicht. Daher las sie zum wiederholten Male den Text, der sich in seriösen Farben vor ihr auf dem Monitor erstreckte.

      Ich reagiere allergisch auf: Jammerlappen
      Frühaufsteher oder Morgenmuffel: Kommt auf die Nacht davor an.
      Wenn man mich aufheitern will: Lässt man Worten auch Taten folgen.
      Ich sollte öfter: Einen trinken.
      Ich würde nie: Aufgeben.
      Talente: Das Unterscheiden von Billig-Wein und Hochpreis-Bouteillen
      Auf der Suche nach: Dem Allheilmittel

      Sie drückte auf den grünen Button zum Speichern und ein feines Schmunzeln legte sich auf ihr Gesicht. Bei solch einem Profil würde sich nie jemand für sie finden und irgendwie war ihr das auch ganz recht, irgendwie auch nicht. Doch der Mann, der es mit ihr aushielt, musste erst noch geboren werden.
      Sie trank den letzten Schluck ihres Tees mit Schuss aus, ehe sie sich wieder auf den Weg in ihr Bett machte. Hoffentlich schlief sie diesmal auch wirklich.


      Fünf vor 9 Uhr saß sie im großen Konferenzraum jener Zeitung, bei der sie nun knapp einen Monat arbeitete. Neidisch blickte sie auf den glatten Tisch mit dem dunklen Holz und umklammerte das Notebook auf ihren Knien fester. Offiziell wurde natürlich nicht von einer Hierarchie gesprochen. Es gab lediglich die Eigentümer der Zeitung und den Chefredakteur, darunter waren sie natürlich alle gleich. Sie waren Journalisten, die den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgingen und alle etwas zum Erfolg der Daily News beitrugen.
      Doch freilich sah es in der Praxis anders aus. Die Neuen sowie die Praktikanten, die weniger Talentierten oder jene Personen mit einem langweiligen Ressort – ja, sie alle saßen aufgereiht an der Wand des Raumes wie Perlen an einer Schnur. Die wirklich wichtigen Personen, jene, die auch etwas zu sagen hatten und regelmäßig die Doppelseiten und Titelblätter füllten, genau die saßen am Tisch in feinen Ledersesseln und konnten ausschweifend diskutieren.
      Auch heute, pünktlich um 9 Uhr, würde ihr tägliches Redaktionsmeeting von solchen Diskussionen handeln. Ihr Chefredakteur würde einige neue Stories einteilen und alle Anwesenden würden einen Status zum gerade bearbeitenden Thema abgeben. Pah, als hätte Tiana mit ihren Tagesmeldungen irgendetwas zu berichten. Bei ihr zählte tatsächlich Quantität statt Qualität, es musste schnell gehen, reißerisch sein und Aufmerksamkeit generieren. Mehr war nicht nötig.
      Nach und nach füllte sich der Raum mit ihren Kolleginnen und Kollegen und höflich wie sie war, nickte sie ihnen zu oder wünschte ihnen einen guten Morgen. Als Perle an der Schnur hatte man pünktlich zu sein, die Ledersessel-Stars durften auch schon mal zu spät kommen.

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    • Manchmal erforderte es der Job, dass man ein bisschen feiern ging. Dummerweise konnte man dann nicht einfach einen Tag frei nehmen, um den Kater auszukurrieren, der meist folgte. Mit den Jahren hatte sich Santiago Vega zwar einige Taktiken zurechtgelegt, die besagten Kater kleiner machten oder gar völlig verhinderten, aber bestimmte Ziele waren schwieriger zu erreichen und erforderten sehr viel mehr Aufopferung.
      Er hatte an diesem Morgen herzlich wenig Lust, im Büro zu erscheinen, aber er musste. Also zwang er sich unter die Dusche und in ein paar Klamotten. Er hielt sich allerdings nicht mit Details wie einer Rasur oder dem Styling seiner Haare auf, heute ginge es auch ohne. Er schnappte sich seine Umhängetasche und war trotz Kater innerhalb von zwanzig Minuten aus dem Haus.

      Mit dem größten Kaffee, den Starbucks zu bireten hatte und einer stylischen Sonnenbrille stürmte Tiago zwischen den einzelnen Schreibtischen hindurch auf den Konferenzraum zu. Da drin war alles schon in vollem Gange, aber wen interessierte das? Sie wollten ein Update? Er würde ihn eins geben!
      Er drückte die Tür auf und verkündete: "Ich hab sie."
      Alle Augen lagen auf ihm, im Raum wurde es still. Der Typ, der über die Baseballregionalliga quatsche, versuchte nicht einmal, das Wort wieder an sich zu reißen. Und allen voran war da der Chefredakteur, dem soeben die Kinnlade heruntergeklappt war.
      "Du verarschst uns doch gerade", rutschte es ihm raus.
      Santiago warf ihm sein typisches, selbstbewusstes Lächeln zu und zog einen Briefumschlag aus seiner Tasche. Er legte ihn vor seinem Chef auf den Tisch, dann kehrte er friedlich an seinem Platz ein und machte es sich bequem.
      "Du bist ein Genie", kommentierte der Chef, als er den Brief überflog, "Du hast uns verfrühten Zugang zur Fashionweek und zwei Exklusivinterviews gesichert."
      Ein anerkennendes Raunen ging durch den Raum und Tiagos Lächeln wurde breiter.
      "Was hast du gemacht?! Nicht mal die Times kriegt sowas hin!", fragte Cynthia, die für gewöhnlich über Mode schrieb, als sie den Brief in die Finger bekam.
      "Meinen Job", entgegnete Tiago lässig, "Ich geb dir eins der Interviews ab, wenn du mich dafür zum Brunch mit dem Bürgermeister begleitest."
      Alles Taktik. Der Bürgermeister war kein Freund von Journalisten aber Tiago hatte einen guten Draht zu ihm, weil er 'so bodenständig und freundlich' war. Ganz anders als 'diese Aasgeier, die immer nur Fragen stellten'. Er wusste eben, wie man den Leuten auf einer persönlichen Ebene begegnete. Deswegen wusste er auch, dass Cynthia nicht Nein sagen würde.
      "Deal! Aber ich krieg alles, was seine Frau sagt."
      "Mach ruhig. Wenn du unbedingt über Wandteppiche schreiben willst."
      Der Raum lachte, dann wurde der Regelbetrieb wieder aufgenommen. Tiago höre nicht zu. Er konzentirerte sich lieber auf seinen Kaffee als auf das, was auch immer die Küken von der hinteren Wand zu sagen hatten. Wenn er für den Brunch nur halbwegs gut aussehen wollte, dann musste der schnell leer werden.
    • War es ein Klischee, dass alle Chefredakteure pausenlos gestresst waren und die rote Gesichtsfarbe des Jähzorns schon zur Gewohnheit wurde? Vermutlich. Doch jenes Klischee traf in diesem Fall zum Glück nicht zu. Daniel Sanders war ein überraschend ruhiger und bedachter Mann, er sprach leise und zwang somit seine Umgebung genau hinzuhören. Alles Taktik, wie Tiana fand. Er hatte entweder eine Vorliebe für Trockenshampoo oder war leidenschaftlicher Bäcker, jedenfalls umgab sein mittlerweile stark schütteres Haar ständig eine weiße Staubschicht. Doch früher oder später hätte sich auch dieses Problem gelöst, denn die Geheimratsecken würden bald auch die letzten Haare von seinem Kopf fressen.
      Nur mit halben Ohr hörte die Braunhaarige den Ausführungen von Patrice zu, die sich über irgendeine Rede eines lokalen Politikers echauffierte. Es war ihr Job über die kleineren und größeren Fische der Regierung zu schreiben und wieder einmal hatte einer dieser Lackaffen ein Versprechen gebrochen. Nun, auch dies war nichts Neues.
      Sanders gab einige Anweisungen von sich wie mit diesem Fauxpas umzugehen war, ehe der nächste Star des Tisches an der Reihe war. Sport, Baseball um genauer zu sein, dabei ging es nicht mal um eine Meisterschaft oder ein freundschaftliches Turnier, sondern lediglich um die Regionalliga. Fleißig tippte Tiana in ihr Notebook um wenigstens den Anschein zu erwecken anwesend, aktiv und aufnahmebereit zu sein. Zum Glück sah niemand genau was sie tippte.
      Schlagartig änderte sich jedoch die Stimmung, als die Tür des großen Konferenzraumes schwungvoll geöffnet wurde. Und genauso schlagartig gefror die Miene auf Tianas Gesicht und sie knirschte mit den Zähnen. Vega… halb Mann, halb Gott, erschien ihm Türrahmen und verkündete wieder einmal einen seiner Triumphe. Dies kostete sogar Sanders für einen Moment seine Ruhe und seine Kinnlade verselbstständigte sich.
      Und während die übrigen Personen gebannt den soeben hervorgezauberten Briefumschlag anstarrten als wäre es der heilige Gral, folgten Tianas Augen diesem unausstehlichen Kerl. Groß, sportlich, dunkle Haare und Augen, hübsche Sonnenbrille – er hätte genauso gut einem Männermodenmagazin entspringen können und sie war sich sicher, dass ihm diese Tatsache sehr wohl bewusst war. Ein wenig aus der Form wirkte er jedoch heute schon, doch der halb-fertige Look war sicher ebenfalls Teil seiner Taktik. Locker lässig pflanzte er seine Kehrseite auf einen der Stühle, während ihr Chef ihm das nächste Kompliment an den Kopf warf. Als würde sein Ego noch mehr davon benötigen!
      Leider, und es schmerzte sie wirklich sehr, hatte Vega mal wieder hervorragende Arbeit geleistet und ihnen die nächsten exklusiven Stories zur kommenden Fashion Week gesichert. Es war absolut das letzte Thema, welches Tiana interessierte, doch leider waren ihre Interessen eher Nischenprodukte im großen Ganzen der Bevölkerung. Auch Cynthia, deren Fachressort die Mode war, schien sichtlich angetan. Sie und ihre zwei hervorspringenden Argumente einigen sich mit dem ‘Genie‘ zum gemeinsamen Brunch.
      Als auch noch ein Witz seitens Vega den Raum zum Lachen brachte, verselbstständigten sich Tianas Finger.
      Man möge mir einen Eimer bringen um mich zu übergeben. STRG+A und Delete folgten, damit ihre professionell neutrale Miene gewahrt bliebe.
      Dann endlich waren die wichtigen Personen mit ihren Berichten und Updates zum Status Quo durch, als sich Sanders Aufmerksamkeit auf Tiana und die anderen Eintagsfliegen legte. Ohne große Widerworte wurden die Jobs angenommen, die er ihnen zuwies. Die Frau selbst rechnete mit einem Bericht über die Neueröffnung des großen Kindergartens. Hier hatte es während der Sanierungsmaßnahmen einige Verzögerungen gegeben, doch nun hatten Kinder sowie Personal wieder schöne Räumlichkeiten zur Verfügung. Doch es kam anders, als gedacht.
      „Davis, du beginnst mit der Recherche zur Fashion Week. Ich will alles, die Designer, die Trends, die Models. Wer kann mit wem, wer nicht? Wer sind die vielversprechenden Newcomer? Selbst wenn die eine oder andere Magersucht oder Drogenprobleme hat, will ich es wissen.“
      Tiana blinzelte, erst einmal, dann zweimal, ehe sie langsam nickte. Sie wollte ihren Job behalten. Es war schwierig genug gewesen sich vom Staub der Auslandseinsätze abzuklopfen und in eine normale Tageszeitung einzusteigen. Doch Recherchen? Dafür waren normalerweise die Praktikanten zuständig! Verdammt, sie hatte schon Anführer kleinerer Terrorzellen vor der Linse gehabt und jetzt das?! Er wollte sie demütigen, bestrafen, oder beides. Aber diesen Genuss gönnte sie ihm nicht. Sie nickte noch einmal und blickte dann zu Cynthia und Vega. Sie würde mit ihnen zusammenarbeiten müssen – oder vielmehr ihnen dienlich sein. Doch beide schienen in ihren Gedanken bereits ganz woanders zu sein. Es war schließlich egal wer ihnen das Hintergrundmaterial lieferte, solange sie sich nicht selbst mit dreierlei Aufgaben belasten mussten.
      Tianas leidenschaftliche Verachtung für diese Farce brannte hell und würde sich nur mit einem Schluck aus ihrer mitgebrachten Wasserflasche löschen lassen, die zwar alles andere, nur kein Wasser enthielt. Zum Glück war die Konferenz hiermit beendet.

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    • Nachdem das ganze Gelaber endlich beendet und Tiago seinen Kaffee geleert hatte, schnappte er sich Cynthia, bevor diese davonrennen konnte.
      "Sei nett, der Bürgermeister ist ein harter Brocken. Am besten überlässt du mir einfach das Reden."
      Ein freundliches Lächeln, ein Zwinkern über den Rand der Sonnenbrille hinweg und schon war die Frau Butter in seinen Händen. Sie nickte eifrig und machte sich davon, um ihr Make Up zu prüfen oder sowas.
      Tiago wandte sich um und hielt Ausschau nach der ihm zugeteilten Tippse. Sie war leicht auszumachen. Entspannt schlenderte er zu ihr rüber und beobachtete sie dabei, wie sie ihr Zeug zusammenapckte.
      "Tiana Davis, richtig?", fragte er, "Tiago Vega. Ich wollte eigentlich nur Bescheid geben, dass die ganze Recherche bei Cynthia landet. Die Newcomer übernehm' ich selbst, damit müssen Sie sich also nicht aufhalten."
      Irgendwas an dieser Frau war anders. So ignorant Tiago auch rüberkam, er wusste immer, wer so um ihn rumschwirrte. Tiana Davis war ihm bisher noch nie untergekommen. Er wusste, dass sie aus den Krisengebieten kam, aber da stoppte der Informationsfluss auch schon und das konnte er nicht leiden. Jetzt, wo er vor ihr stand, erschloss sich ihm aber nichts über ihre Art, ihren Charakter. Normalerweise konnte er Menschen wie Bücher lesen, aber sie... war anders. Allerdings konnte er ihr an der Nasenspitze ansehen, dass sie nicht besonders begeistert war, den Job eines Praktikanten übernehmen zu müssen.
      "Heute Abend schon was vor? Ich kenne ein paar Models, die für die kleineren Shows engagiert werden, die aus Langeweile alles aufschnappen, was man so über die großen murmelt. Könnte hilfreich sein. Und die Drinks sind gratis, falls das zählt."
      Cynthia würde ihm den Kopf abreißen, wenn sie davon erfuhr. Einerseits dafür, dass er so einfach Zugang zu Fashion Week Insider Informationen hatte, andererseits, dass er ein staubiges Küken mitnahm anstatt ihrer selbst. Es war mehr oder weniger ein offenes Geheimnis, dass die gute Cynthia scharf auf ihn war. Genauso wie Alice von der Lokalen und Freddy von den Finanzen. Bisher hatte aber noch keiner den ominösen Santiago Vega geknackt. Hielt sie nicht davon ab, sich aufzudrängen.
    • Das überflüssige Word-Dokument verwarf sie, die getätigten Notizen waren sinnbefreit denn die georderte Recherchearbeit war schließlich Basic-Zeug und somit unnötig von Sanders überhaupt Details erwähnt zu haben. Doch er wollte scheinbar auf Nummer Sicher gehen und würde ihr wohl auch noch die Suchmaschine seiner Wahl empfehlen. Wenn er es so haben wollte, dann würde er die beste, verdammte Recherche bekommen, zu der sie fähig war.
      Sie steckte ihr Notebook in die dafür vorgesehene Tasche zu ihren Füßen, in welcher sich auch Block und Stift befanden. Wenn sie eines gelernt hatte, dann dass auf Technik kein Verlass war. In irgendwelchen Wüstengegenden hatte man ohnehin besseres zu tun, als sich über schlechtes WLAN oder die verbliebene Akkulaufzeit zu beschweren.
      Langsam leerte sich der Konferenzraum und die Personen gingen ihren üblichen Routinetätigkeiten nach. Jedenfalls dachte Tiana dies, bis sie eine männliche Stimme vernahm, die sie ansprach. Sie blickte auf und erhob sich von ihrem Stuhl der Verbannung mit einem Nicken bezüglich der Frage nach ihrem Namen.
      Überflüssigerweise stellte sich der Star der Stars vor, als würde nicht schon jeder Brancheninsider sowie -outsider seinen Namen kennen. Doch er hatte auch etwas Hilfreiches zu sagen und gab ihr die Anweisungen, ihre Ergebnisse direkt an Cynthia zu liefern.
      „In Ordnung.“ Abermals ein Nicken ihrerseits. Wenn er ihr Arbeit abnehmen wollte, umso besser! Sie würde sich nicht darum reißen ihm vom Gegenteil zu überzeugen. Sie hatte es nicht nötig, sich bei ihm einzuschleimen. Nun, genaugenommen hätte sie es nötig, besaß er doch über ein weitreichendes Netzwerk, wenn man dem Gemurmel vertrauen durfte. Doch dies untergrub ihren Stolz bei Weiten und somit ließ sie es bleiben.
      Sie hätte sich gerne wieder von dem großen Mann abgewendet, befürchtete sie doch, dass sein Charisma sie sonst erblinden lassen könnte. Doch er erhob erneut das Wort und sprach von einer Show heute Abend, wo möglicherweise Insiderinformationen auf dem Silbertablett serviert werden würden. Doch vor allem sein letzter Satz erregte ihre Aufmerksamkeit. Wenn sich Arbeit und Vergnügen auf solch angenehme Weise verbinden ließen, wäre sie blöd dieses Angebot abzulehnen. Er erwähnte Cynthia mit keinem Wort und demnach wollte er die Mode-Schönheit offenbar nicht dabeihaben. Ungewöhnlich, wenn man bedachte wie sehr diese für ihn schwärmte und sie zumindest auch in nächster Zeit eng zusammenarbeiten würden.
      Wäre sie von unsicherem Charakter, würde sie wohl den Zorn der Frau befürchten oder gar einen Racheakt ihrerseits. Doch für dreierlei Kindereien war sie deutlich zu abgebrüht.
      „Gratis Drinks? Nun, wer könnte bei solch einem Angebot schon nein sagen.“, antwortete sie leichthin und der Hauch eines Lächelns zierte ihre Züge. „Wann? Wo? Und ich denke die klischeebehaftete Abholung von mir Zuhause können wir getrost überspringen.“ Schließlich war es Arbeit und sollte kein Date sein, sie würde selbst hinfinden, war sie doch schon groß genug. Ihr Humor war gelinde gesagt eigen und auch bissig. Mal sehen, aus welchem Holz Santiago Vega geschnitzt war.

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    • "Frau mit Rückgrat, so lob ich mir das."
      Wie aus dem Nichts zauberte er einen kleinen Notizblock hervor und begann, alle relevanten Daten aufzuschreiben.
      "Ist einer dieser semi-teuren Clubs, also keine Arbeitsoutfits. Cocktailkleid muss es aber auch nicht sein", meinte er, riss den Zettel mit Ort und Uhrzeit aus dem Block und drückte ihn Tiana in die Hand, "Ich bring uns rein, ich stell Sie vor und dann können Sie tun und lassen, was Sie wollen. Nur nicht völlig daneben benehmen, immerhin lege ich dafür meinen Namen auf den Tisch."
      Er versuchte sein Glück mit dem Zwinkern über den Rand der Sonnenbrille auch bei ihr, wandte sich dann aber schnell zum Gehen. Man wollte ja nicht zu verfügbar wirken.
      "Bis um acht dann", verabschiedete er sich über die Schulter.

      Tiago hatte einiges zu tun. Nicht nur hatte er gestern die Exklusivrechte eingeholt, er hatte auch Stoff für seine eigenen Artikel gesammelt. Artikel, die er jetzt schnell schrieb. Für gewöhnlich brauchte er nur zwei Durchgänge: der ersten Entwurf, der vom Editor überprüft wurde, dann eine überarbeitete Version seinerseits. Letzteres ging dann meistens unangetastet in den Druck, wahlweise auf die Website, wahlweise beides.
      Tiago klemmte sich um zehn an den Bildschirm und schaffte es, in einer halben Stunde einen seiner geplanten Online-Artikel zu schreiben. Er schickte ihn an den Editor, dann machte er sich auf den Weg, Cynthia für den Brunch abzuholen.
      Der unendlich langweilig war - wie immer - aber er bekam, was er wollte und der Bürgermeister war auch weiterhin sein Freund. Allerdings beschwerte er sich über Cynthia, woraufhin Santiago sich dafür entschuldigte, sie sei ihm aufgehalst worden und er könne sie auch nicht leiden. Cynthia bekam davon nichts mit und war vollkommen begeistert, in der High Society unterwegs zu sein und dann auch noch mit Santiago! Bla bla bla, er achtete auf dem Rückweg nicht auf sie. Stattdessen überflog er die Notizen des Editors auf seinem Smartphone. Er wollte seine Artikel alle heute noch fertig kriegen, dann konnte er morgen ausschlafen und musste nur ein bisschen Recherche betreiben. Würde seinem Kater entgegenkommen, der morgen garantiert Nachwuchs hatte. Und wenn er das Pensum hielt könnte er vielleicht...
      Das Taxi hielt vor dem Verlag. Tiago konnte es kaum erwarten, von Cynthia wegzukommen. Die quaselte einem das Ohr ab, selbst wenn man nicht hinhörte.
      "Wir sehen uns", verabschiedete er sich unelegant, stopfte sich seine Kopfhörer in die Ohren und drehte Ain't no Rest for the Wicked von Cage the Elephant laut auf. Er schaffte es, sich in einen vollen Aufzug zu quetschen und damit Cynthia davonzulaufen. Als sie endlich oben ankam, war er schon am Tippen und damit zu beschäftigt für ein Gespräch über die faszinierende Kunst des Wandteppichwebens.

      Wenn sich Tiago ein Ziel steckte, dann erreichte er das meistens auch. Er schickte den letzten Artikel um halb fünf zum Editor und machte Feierabend. Auf die Art konnte er noch ein Nickerchen reinschieben, bevor er wieder los musste.
      Gesagt, getan. Und danach machte er sich die Mühe mit dem Styling. Als er am Club ankam, lagen die Haare perfekt, Hemd, Hosen, Boots, alles saß wie angegossen. Die Sonnenbrille hatte er Zuhause gelassen, so ätzend war er dann doch nicht. Er lehnte in der Nähe des Eingangs an der Wand und warrete geduldig auf Tiana Davis, die Unbekannte. Er war sich sicher, dass sie in Übersee so einiges gesehen hatte. Vielleicht konnte er sie deshalb nicht lesen? Weil sie einen Panzer der Gleichgültigkeit trug. Er würde sie knacken. Er knackte sie alle. Und er mochte es nicht, wenn er jemanden nicht lesen konnte. Das führte zu Überraschungen und nichts war schlimmer als eine Überraschung.
    • Seine Feststellung gepaart mit dem Hauch eines Komplimentes prallte an Tiana ab wie ein Kiesel an der Windschutzscheibe eines Panzers. Bekam er so seinen Willen? Indem er etwas Positives sagte, als sei es das Normalste der Welt, um danach mit der eigentlichen Arbeit fortzufahren? Tiana meinte sich erinnern zu können, dass dies die sogenannte Sandwich-Taktik war. Wenn man jemanden kritisieren wollte, zeigte man zunächst etwas Positives auf, sprach dann vom Negativen und um das Bild abzurunden wurde wieder etwas Nettes hin gebrettert. So oder so ähnlich schien auch dies hier abzulaufen, nur blieb die Kritik aus.
      Stattdessen begrüßte sie den Notizblock und die Details, die er ihr nannte. Er war Vollprofi, daran führte kein Weg vorbei. Vielleicht musste sie auch Gedankenlesen auf ihre geistige Liste der Notizen über Santiago Vega hinzufügen, hätte doch ihre nächste Frage nach der Art des ominösen Clubs gelautet. Kein Blazer und Kostüm also, sie nickte abermals.
      Er warnte sie abschließend noch davor sich nicht daneben zu benehmen. Armer Mann, war er bisher nur in peinlicher Begleitung unterwegs gewesen? Oder hatte er ausschließlich mit Nicht-Profis zusammengearbeitet? Beides viel ihr schwer zu glauben, doch mit Sicherheit wusste sie es nicht. Fast tat er ihr leid, aber nur fast. Seine Aussage ließ sie unkommentiert, er würde sich also einfach überraschen lassen müssen, ob sie seinem Namen einen Kratzer zufügen würde oder nicht.
      Einen Moment später hielt sie den Zettel mit den Angaben darauf in der Hand und musterte die überraschend leserliche Schrift. Entweder hatte er sich bemüht oder er schrieb tatsächlich so, erneut beneidenswert, hatte sie selbst doch eine Sauklaue.
      Das Zwinkern hatte seine Verabschiedung sein sollen, oder er litt an einem unkontrollierten Muskelzucken, wer wusste dies schon. Sie ignorierte auch dieses gekonnt und verabschiedete sich. „Bis dann.“

      Endlich war sie auf sich alleine gestellt. So wollte sie dies und so war sie es auch gewohnt. Sie belohnte sich dafür höflich geblieben zu sein indem sie von ihrer Wasserflasche nippte. Wodka war schon etwas Schönes, sah dieser doch aus wie Wasser. Dabei war sich Tiana durchaus bewusst, was sie tat. Seit ihrer Rückkehr aus dem Auslandsdienst, was ungefähr ein halbes Jahr zurücklag, hatte sie abends zur Beruhigung ein Gläschen Wein getrunken. Sie hatte sich diese kurze Auszeit gegönnt, ehe sie diesen neuen Job begonnen hatte. Doch niemand hatte ihr gesagt, dass eine Auszeit, ohne Partner oder Freunden und nur mit den eigenen Erinnerungen, grausam war. Gedankenverloren drehte sie den Verlobungsring auf ihrem Finger. Verdammt.
      Mit Gewalt schob sie diese Gedanken beiseite. Sie wagte nicht noch einen Schluck, immerhin hatte sie Arbeit zu tun und würde Cynthia und somit auch ihrem Boss beweisen, was eine gute Recherche war. Vielleicht wollte sie auch Vega von ihrem Wert überzeugen, das wusste sie noch nicht genau.
      Sie vertiefte sich in den Bildschirm ihres Computers. Die Gespräche, das Kommen und Gehen, die Telefonate, all dies konnte sie hervorragend ausblenden. Sie hatte in Zelten geschlafen und in der Ferne Schüssen gelauscht, wenn sie ein normales Büroleben nicht ignorieren konnte, wäre dies schon sehr traurig.

      Früher als erwartet, stand sie frisch geduscht und dezent geschminkt vor ihrem Kleiderschrank. Viele Menschen hatten das unsinnige Problem der Kleiderwahl, welches sich durch simple Logik hätte beheben lassen. Ein Gesetz, dessen Name ihr im Moment entfallen war, besagte doch: Je mehr Auswahl, desto länger dauerte die Entscheidungsfindung. Aus diesem Grund lebte Tiana sehr minimalistisch, besaß zwei, drei schönere Outfits und der Rest war klassisch elegant und im Businessstil gehalten.
      Sie entschied sich für eine Leggins aus Kunstleder, dazu ein rückenfreies Top mit hochgeschlossenem Wasserfallkragen in Silber, klassische Creolen vervollständigten das Outfit. Es war eine hübsche Komposition, die sie dank ihrer Figur tragen konnte, ohne jedoch zu aufreizend zu wirken, immerhin wollte sie ein Versinken in ihren Ausschnitt nach Möglichkeit vermeiden. Die Haare ließ sie offen, verbargen diese somit auch gut die Aussicht auf ihren Rücken.

      Mit einer kleinen, schwarzen Clutch in der Hand, in welcher sich ihre wichtigste Waffe, nämlich Block und Stift, befanden, stieg sie aus dem Taxi. Es wäre verantwortungslos nach solch einem Abend noch selbst nach Hause zu fahren, also tat sie dies auch nicht.
      Schon von außen sah sie die lange Warteschlange, der Club musste also wirklich vielversprechend sein und sie war neugierig, ob Vega sie wirklich so leicht hineinbringen konnte, wie versprochen.
      Sie hielt nach ihm Ausschau und keine zwei Sekunden später sah sie ihn lässig an der Wand in der Nähe des Eingangs lehnen. Einige Frauen wie auch Männer, die an ihm vorüberliefen, riskierten gerne Mal einen zweiten Blick und in seiner dunklen Eleganz wirkte er fast schon grotesk schön. Tiana fröstelte leicht und beeilte sich auf ihren hohen Schuhen auf ihn zuzulaufen.
      „Mal sehen, ob Sie Ihr Wort halten.“, begrüßte sie ihn und hielt sich nicht mit freundschaftlichem Geplänkel auf. Sie waren keine Freunde, sie waren Kollegen. Dann deutete mit einem Kopfnicken auf die Schlange. Wenn sie sich wirklich anstellen mussten, hätte sie eine Jacke mitnehmen sollen.

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    • "Ich hab doch gar nichts verprochen", gab Tiago lässig zurück und stieß sich von der Mauer ab.
      Er führte Tiana zu einem der drei Türsteher, wobei er die lange Schlange an verzweifelten Möchtegern-Sternchen gekonnt ignorierte.
      "Hey Tony", grüßte er den bulligen Schwarzen.
      Er gab ihm den Namen seiner Begleitung, der große Mann betrachtete sie kurz, um sich ihr Gesicht zu merken, dann wurde den beiden ein diskreter Stempel mit dem Logo des Clubs auf das Handgelenk gedrückt und sie wurden eingelassen.
      "Ich erfülle bloß Erwarungen, die ich selbst gesetzt habe", knüpfte Tiago an ihr vorheriges Gespräch an.
      Zwei weitere Türsteher öffneten die Doppeltür am Ende des ersten kurzen Korridors. Eine Welle aus künstlich gekühlter Luft, hämmerndem Bass und blinkender blauer Lichter schwappte ihnen entgegen. Der Club war voll, aber man konnte ganz genau sagen, wer öfter hier war und einen Haufen Geld hatte und wer nur zum Tanzen und Trinken hier war.
      Tiago deutete auf eine von insgesamt fünf kreisrunden Bühnen, die als VIP-Bereiche fungierten. Auf dieser Bühne saßen einige verboten gutaussehende Menschen auf einem dunklen Ledersofa, das der Rundung dieser Ebene folgte. Der Tisch in ihrer Mitte war gefüllt mit Cocktails. Sie wirkten wie Könige, die ihr Fußvolk beobachteten und gedanklich verurteilten.
      "Da wollen wir hin", brüllte Tiago über den Lärm hinweg, auch wenn er sich direkt zu Tianas Ohr lehnte.
      Er schnappte sich Tianas Hand und machte sich auf den Weg. Am Rand der Tanzfläche entlang war es am einfachsten, aber sie mussten sich immer noch ordentlich durchquetschen. Hier unten, zwischen den Lautsprechern, spürte man den Bass in den Rippen und der Schädelbasis. Tiago fühlte sich mehr als wohl zwischen all den schwitzigen Körpern.
      Sie erreichten die Plattform, vor der ein weiterer Türsteher wartete. Auch ihn grüßte Tiago freundlich, bevor er dem Adel weiter oben zuwinkte. Die magische Kordel, die die beiden Welten voneinander trennte, wurde beiseite geschoben und Tiago führte seine Begleitung eine Hand voll Stufen hinauf. Man hatte sie offensichtlich schon erwartet.
      Es wurden Umarmungen, Küsschen und Handschläge ausgetauscht. Tiana wurde allen vorstellt und zwei Mädels adoptierten sie sofort. Sie zogen sie zwischen sich auf das Sofa, Tiago nahm neben einem brünetten Adonis ihr gegenüber Platz. Es wurde ihnen beiden ein Glas Champagner gereicht und man fragte sie nach Cocktailwünschen. Die Gespräche starteten sofort und Tiago ließ seine Fragen ganz natürlich einfließen. Die anderen schienen gar nicht zu merken, dass er sie ausquetschte. Er war völlig in seinem Element.
    • Vega war durch und durch Journalist, legte Worte auf die Goldwaage und drehte sie sich so, wie er sie brauchte. Es war ihrer beiden täglich Handwerk und so verwunderte es Tiana nicht, dass er meinte er habe nichts versprochen.
      Sie ließ sich dennoch von ihm zu einem der Türsteher führen, der sich ihr Gesicht und Namen einprägte und sie abstempelte, wortwörtlich. Währenddessen konnte sie regelrecht die giftigen Blicke der Wartenden fühlen. Einige davon waren sicher bewundernd, vielleicht sogar ehrfürchtig, dass sie beide in diesen Club so ohne weiters eingelassen wurden. Doch ein überwiegender Teil verwünschte sie sicher ins Fegefeuer.
      Sie traten anschließend durch die Tür und setzten ihren Weg durch einen kurzen Flur fort. Bei Massenpanik würde dieser sicherlich zur Todesfalle werden, wie gut dass man davon nur in Zeitungen las und einem selbst so etwas doch niemals passierte.
      Tiago sprach von der Erfüllung von Erwartungen, die er in sich selbst setzte. Wie nobel und eloquent er doch war. Wie schmerzhaft es für ihn wohl wäre, würde ihn jemand an deren Erfüllung hindern? Wenn er an einen Punkt ankam, wo er all seine selbst definierten Pläne zerschmettert auf dem Boden widerfand? Fast wäre dies eine Story wert.
      Einen Moment später fanden sie sich im Inneren des Clubs wieder. Sofort nahm sie den Geruch von viel zu vielen Menschen auf engem Raum, billigem Parfum und Schweiß war. Die Lebendigkeit der Musik kroch in ihren Körper und ließ ihr Herz im Rhythmus des Basses schlagen und sie musste einige Male blinzeln um sich an das künstliche Stroboskoplicht zu gewöhnen.
      Seiner Geste und Worte folgend, blickte Tiana auf die erhöhten Bühnen, welche ganz klar für die breite Masse unzugänglich waren. Fast fühlte sie sich wie in einem Kaufhaus: Hier unten befand sich der Secondhand Shop – benutzt, verbraucht, billig. Und dort oben wäre dann die Haute Couture, schön, faszinierend und doch unerreichbar für so viele.
      Sie wollte beginnen sich einen Weg durch die tanzende Masse zu bahnen, als Vega sich ihre Hand schnappte und mit sich zog. Im ersten Augenblick wollte sie reflexhaft wegzucken, doch wäre dies eine Dummheit gewesen. Es war für den Moment besser wie eine Klette an ihm zu kleben, er hatte den Einfluss und die Beziehungen, vor allem jedoch den breiteren Körper um sich seinen Weg durch die eng tanzenden Menschen zu pflügen.
      Die persönliche Grenze war in solchen Locations ohnehin obsolet, der eigene Körper Freiwild und nicht selten entstand zufällig und mit voller Absicht geplante Körperkontakt. Tiana machten solche Dinge nichts aus, Spaß hatte sie ohnehin nachzuholen und wenn man erst einmal die eigene Befindlichkeit hintenanstellte, wurde es einem gleichgültig.
      Irgendwie hatten sie es schließlich geschafft und sogleich fanden sie sich in einer gänzlich anderen Sphäre wieder. Tiana setzte nun ihr schönstes Lächeln auf, ihr war sehr wohl bewusst was man mit Aussehen und dem Mitspielen in dieser Liga alles erreichen konnte. Es folgten die gekünstelten Begrüßungen wie man es aus den Filmen kannte – ein Küsschen hier, ein Kompliment dort – alles nichts ernstgemeint. Im Anschluss fand sie sich auf dem sicherlich teuren Ledersofa zwischen zwei langbeinigen Grazien wieder, dessen Polsterung sich an ihren Körper schmiegte wie die Arme eines Liebhabers.
      Den Champagner nahm sie dankend an und belohnte ihre Geduld mit einem kleinen Schluck. Selbst dieser war nicht mit der Katzenpisse aus dem Supermarkt vergleichbar. Sie orderte einen Whiskey on the Rocks, denn irgendetwas sagte ihr, das Eis würde sie heute noch brauchen, ehe sie sich mit galantem Lächeln ihren neuen, besten Freundinnen widmete.
      Ein zufällig gestreutes Kompliment hier, ein kokettes Zwinkern dort und gespielte Bewunderung, kaum ein Star und Sternchen konnte genug davon bekommen sich im eigenen Sonnenlicht zu baden. Dazwischen wurde über unmögliche Tanzstile genauso gelästert wie über die vermeintliche Begleitung, die soeben auf die Toilette verschwunden war. Niemand war sicher und alles war erlaubt. Herrlich, die Gerüchte und geheimen Informationen purzelten nur so in Tianas Schoß und wenn Vega darauf beharrte, ja, dann schuldete sie ihm wohl etwas.
      Gekonnt blickte sie weg, als die ersten eindeutigen Pillen in den verschiedenen Flüssigkeiten versenkt wurden. Drogen waren nichts für sie, da blieb sie lieber bei der Flüssigvariante und leerte ihr eigenes Glas, bevor noch jemand auf dumme Gedanken kam. Doch wenn es den schönen Menschen half die Zungen noch etwas mehr zu lockern, sollten sie ruhig, es war immerhin ihr eigener Körper.
      Sie selbst spürte allmählich die vertraute Wärme, als der Alkohol seine ersehnte Wirkung tat. Sie würde nun rasch handeln müssen, ehe sie die bis dato gesammelten Informationen für heute vergessen würde.
      Sie wandte sich an die Schönheit zu ihrer linken, die schon mehr auf als neben ihr saß, um sich loszulösen. Sie musste ihr versprechen schnell zurückzukommen und im Anschluss mit ihr zu tanzen, ehe sie sich endlich aus der Umklammerung befreit hatte. Ihr war es gleich, sie spielte das Spiel wie gefordert, es berührte rein gar nichts in ihrem Inneren. Dies war die Leidenschaft von Journalisten, sie waren zu allem bereit für eine gute Story – egal ob nun im Boulevardbereich oder bei einer Tageszeitung. Doch nie im Leben hätte sich Tiana vorgestellt, dass es sie in einen Club wie diesen, zwischen all die heißen Gefährte, verschlagen würde. Niemals.
      Mit ihrer Handtasche bewaffnet würde sie sich auf Richtung Toilette machen, warf vorher jedoch noch einen Blick auf ihren Kollegen. Er schien wahrlich auch noch zwischen all dem Geldadel herauszustechen und so wie es aussah war er bei beiden Geschlechtern gleichsam beliebt. Schön für ihn, wenn er heute nicht leer ausgehen würde.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • Tiago ließ es sich gut gehen. Die Leute hier sahen ihn als Freund, vertrauten ihm Gossip aus der Szene an, weil sie wussten, dass er es nicht der Konkurrenz erzählte. Sie hatten diesen ungeschrieben Vertrag: er bekam die interessanten Infos von tief drinnen, dafür schrieb er über jeden Skandal, den man ihm auftischte. Warum? Weil diese Skandale nur dann zur Sprache kamen, wenn sie jemand anderem schaden würden. Tiago war sozusagen der Auftragskiller der Reichen und Mächtigen und seine bevorzugte Waffe waren Worte. Er musste eigentlich nur aufhübschen, was man ihm auf dem Silbertablett servierte. Dafür durfte er das Leben der High Society genießen. Er wusste, dass das Luxus war. Er wusste, dass das zu dem ganzen Neid, den andere für ihn empfanden, beitrug. Und er genoss es in vollen Zügen.
      Er war in ein angeregtes Gespräch vertieft, das zwei der Models führten, als seine Begleitung sich entfernte. Er beobachtete sie, während er den anderen beiden weiterhin zuhörte. Sie schien ebenso wie er alles aufzusaugen, was hier so rausgehauen wurde.
      "Tiago! Hörst du überhaupt zu?"
      Er setzte ein charmantes Lächeln auf und wandte sich wieder seinen Gesprächspartnern zu.
      "Ich höre immer zu, Brad. Glaub mir."
      Die Gruppe lachte. Brad war neu und wusste noch nicht, wie dieses Spiel gespielt wurde. Die anderen erklärten es ihm, beschrieben Tiagos Heldentaten. Er sonnte sich darin. Wenn er selbst übertrieb, galt er als arrogant. Machten andere das, musste man nur höflich abwinken und schon war man zurückhaltend, auf dem Boden geblieben.
      Ein Kellner brachte die nächste Runde Cocktails und Tiago machte es Tiana gleich. Auch er musste sich mal erleichtern. Wobei es sich bei ihm wirklich um eine gefüllte Blase handelte. Dennoch mied er die Stehmöglichkeiten und suchte sich die Kabine ganz hinten. Kaum hatte er die Tür abgeschlossen, fischte er schon sein Smartphone aus der Hosentasche und tippte Namen und Stichpunkte in eine Notizapp. Die Notizen schickte er sicherheitshalber auch noch einmal an seine Mailadresse. Man konnte nie wissen, was so passierte und Tiago war kein unbeschriebenes Blatt. Er hatte schon Kontakt mit dem einen oder anderen Fixer gehabt, die das Gesetz bogen und hin und wieder auch brachen, um die Sicherheit ihrer Klienten und deren Image zu gewährleisten. Da war ein Smartphone schnell mal futsch, ein Notizblock schnell mal unbrauchbar gemacht.
      Sobald er fertig mit seinen Notizen war, erleichterte sich Tiago noch. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er sich ein bisschen beeilen musste, um noch das gute Zeug aus den Models zu kriegen. Ab jetzt war Mitreden angesagt, anstelle des höflichen Zuhörens.

      Zurück im Land der Gutaussehenden steuerte Tiago die Unterhaltungen gezielt in die Richtung, die er brauchte. Eine kleine Nachfrage hier, eine geheuchelt Meinung da, Lob überall und anzügliche Blick, wo es nötig war. Es lief hervorragend.
      "Leute, ich fürchte, ich kann heute nicht so lang bleiben. Der Chef hat mir ganz schön Arbeit aufgebrummt", jammerte er gekonnt und machte Anstalten, zu gehen.
      "Aber du bist doch gerade erst gekommen!", jammerte Tara.
      "Ich weiß, aber wir können nicht alle Unsummen mit gutem Aussehen verdienen."
      "Was hast du denn so zu tun?", fragte Brad.
      "Ach, ich soll so viel wie möglich - also alles - über die Fashion Week rausfinden. Ihr wisst schon: wer für wen läuft, wer neu ist, wer rausgeflogen ist, wer wann wo welchen Entzug gemacht hat, das Übliche eben. Tiana hängt auch mit drin. Und Cynthia."
      Die ganze Gruppe schüttelte sich theatralisch.
      "Ich hasse Cynthia", meinte Tara, "Die ist immer so gekünstelt und meint, sie wüsste, wie man sich anzieht."
      "Ja! Ich wette, die hat keine Spiegel zu Hause", steuerte Mikaela bei, die neben Tara saß.
      "Und dann macht die auch noch auf beste Freundin, obwohl wir alle wissen, dass sie nur hinter der Story her ist", kam es von Kevin, gleich zu Tiagos Linken.
      "Also", begann Tara und lehnte sich etwas vor, als wolle sie ein Geheimnis mit Tiago teilen, "dann wollen wir euch mal helfen. Wir können ja schlecht zulassen, dass ihr mit der mehr Zeit verbringt, als nötig. Am Ende färbt die noch ab wie so ein billiges Oberteil."
      "Oder sie kommt, um uns zu nerven und das geht noch viel weniger", pflichtete Mikaela bei.
      "Euch mögen wir nämlich. Ihr seid nicht so fake. Und wir brauchen euch hier zum feiern!", kam es von Kevin.
      Mittlerweile hatte sich auch Tiago vorgebeugt und nun bildeten sie beinahe schon einen Teamkreis. Dann gab es kein Halten mehr. Die Models plapperten drauf los und überschütteten die beiden Reporter nur so mit Insiderwissen. Sie waren wirklich so leicht zu manipulieren, manchmal fühlte sich Tiago beinahe schuldig. Aber nur beinahe. War ja nicht sein Fehler, dass sie auf alles reinfielen, was er so sagte. Diese Artikel über die Fashion Week schrieben sich fast von allein.
    • Stufen + Alkohol + hohe Schuhe waren zwar keine ideale Kombination, doch mit Hilfe von einem der breiten Panzerschränke ließ sich auch jenes Problem elegant lösen. Der Mann schien ebenso erfreut darüber nicht nur die Samtkordel zum VIP-Bereich bewachen zu müssen, sondern endlich auch Abwechslung zu haben und sei es nur, um die Hand einer Dame zu halten während diese die Treppen hinab oder hinauf schritt.
      Mit einem höflichen Lächeln bedankte sich Tiana, während die sich auf den Weg zu den Toiletten machte. Auch hier gab es, wie könnte es auch anders sein, einen eigenen Bereich für die Elite. Und zumindest bei der Damentoilette war dies auch dringend notwendig, wenn man die lange Schlage vor den gefliesten Räumlichkeiten für die Normalsterblichen bedachte.
      Endlich in der Kabine, zückte sie ihren Block und ließ ihre Hand walten. Schnell notierte sie sich Stichpunkte und Namen, und Sauklaue-sei-Dank würde jeder Zetteldieb Schwierigkeiten haben, das Geschriebene auch zu entziffern. Ein Foto war ebenfalls rasch gemacht und die Synchronisation von Smartphone und Cloud würde den Rest erledigen. Den Zettel selbst steckte sie in ihre Schuhe, wahlweise auch in ihren BH, doch für heute war das Tretwerk die bessere Option. Überraschenderweise waren Schuhe ein besonders gutes Versteck für Dinge, die eher nicht verloren gehen durften, auch wenn die Sync in die Wolke doch recht gut funktionierte, traute sie dem Frieden nicht ganz.
      Ein paar Minuten später stand sie vorm Waschbecken und betrachtete ihre zitternden Hände unter dem kalten Wasserstrahl. War es ein Vorurteil, dass Frauen immer gemeinsam auf die Toilette gingen? Ja. Traf es zu? Hundert Prozent. Das gackernde Lachen in einer der Kabinen ließ nämlich genau jenen Rückschluss zu. Sie seufzte tief und musste ihren Brechreiz unterdrücken. Dieser ganze Abend war eine Farce. Was machte sie hier? Warum befand sie sich inmitten des Nebels der Reichen und Schönen?
      Sie hatte sich geschworen der Wahrheitsfindung zu dienen und den Menschen die echte, ungeschönte Welt zu präsentieren. Auch wenn es nicht eine allumfassende Wahrheit gab, sondern sich jede Person selbst ein Wahrheitskonstrukt bildete, zum Teufel mit dem Konstruktivismus, sie hielt trotzdem daran fest. Doch stattdessen musste sie sich langweilige Gerüchte, seidene Halbwahrheiten und Stutenbissigkeit anhören. Und alles nur, damit Sanders sie respektierte und ihr die Chance gab, eine eigene Kolumne zu starten. Es kotzte sie an.
      Sie drehte das Wasser ab und trocknete ihre Hände. Es waren die gleichen Bewegungen wie damals, als sie sich das Blut des Kindes abgewaschen hatte, welches im Zeltlager an einer offenen Schusswunde gestorben war. Sie presste die Augen fest zusammen. Ja, Alkohol war nun dringend notwendig.

      Leider war der Rückweg gefühlt nur halb so lange wie zuvor und alsbald befand sie sich wieder zwischen den viel zu schönen Menschen. Irgendwer reichte ihr einen Drink und dankend griff sie danach. Den Drogen und Alkohol sei Dank, war ihr Versprechen zum Tanzen vergessen und Tiana würde den Teufel tun, Tara daran zu erinnern.
      Vega schien sich nur allzu wohl hier zu fühlen und assimilierte sich perfekt in dieser trügerischen Scheinwelt. Er sprühte vor Charme und die armen Schäfchen merkten gar nicht, mit welch sicherer Hand er sie dorthin führte, wo er sie haben wollte. Selbst seine Scharade mit der vielen Arbeit kauften ihm die Anwesenden ab und beinahe hätte Tiana gelacht, nahm stattdessen lieber noch einen Schluck.
      Als er jedoch Cynthia erwähnte und die ganze Gruppe abwertend reagierte, schlich sich doch ein ehrliches Lächeln auf ihre Züge. Niemand, wirklich niemand mochte die selbsternannte Modekönigin und fast gewannen die Anwesenden dadurch Tianas Sympathie.
      Es wurde einstimmig beschlossen, dass Tiago, und wohl damit auch sie, bleiben sollten und ihnen dafür ein paar delikate Geheimnisse mitgeteilt würden. Tiana reagierte mit angemessener Neugierde und einem interessierten Blick – genau dies, was sich die anderen erwarteten. Sie beugte sich ebenfalls in den entstandenen Kreis, fast wie bei einem dieser Teambuilding-Seminare. Wenn sie nun mit dämlichen Vertrauensübungen anfangen würden, wo einer den anderen auffangen sollte, dann würde sie Reißaus nehmen.
      Doch stattdessen regnete es Gerüchte vom Feinsten und Tiana spielte Schwamm – sie saugte alles Nützliche und Wissenswerte auf. Und im Gegensatz zu vorher, fielen nun die wirklich großen Namen, die sie sich auch ohne Notizen locker merken würde – selbst, wenn ein Kater dazwischen lag.
      „Aber das aller, aller größte Highlight ist…“, begann nun Mikaela und ihre Hände hatten sich verselbstständigt und flatterten aufgeregt auf und ab.
      „Mika, nein! Wir sollen doch nicht!“, rief Kevin einhaltgebietend und die Angesprochene verstummte. Hilfesuchend blickte sie mit gerunzelten Augenbrauen in die Runde. „Aber…“
      „Pscht!“, erneut Kevin.
      „Aber es ist doch das Spannendste…“, maulte nun auch Brad. Er wirkte neu und schien vor allem Tiago gefallen zu wollen. Das war gut, sehr gut sogar.
      „Wir wollen euch nicht in Schwierigkeiten bringen.“, schaltete sich nun Tiana ein und spielte die Verständnisvolle. „Wenn es Bereiche gibt, die ihr uns nicht sagen dürft, dann respektiere ich eure Diskretheit voll und ganz.“ Sie legte Mikaela eine Hand auf den nackten Oberschenkel. Ihr Rock hätte bestenfalls als breiter Gürtel durchgehen können.
      „Ach ich kann euch doch nicht im Unwissen lassen!“, sagte Mikaela und blickte hilfesuchend zu Tara, diese zuckte die Schultern, nickte aber dann. Kevin warf die Hände in die Luft und schien aufzugeben.
      „Celine ist der Star in Claudios Show.“, fing nun Tara an. Natürlich war sie das, Celine war im Moment eines der bestbezahlten Models der Welt. Eine langbeinige, dunkelhaarige Schönheit mit unverwechselbarem Grübchen an der Wange. Claudio Silver war hingegen ein Newcomer, der es mit Hilfe der alteingesessenen Modezarin Eunike de Wilde geschafft hatte, eine Show auf der Fashion Week ausrichten zu dürfen. Gerüchten nach war er Eunikes Toy Boy.
      „Und sie ist schwanger!“, ließ nun Mika die Bombe platzen. „Und zwar von Claudio selbst!“ Tiana reagierte wieder angemessen und ließ in gespielter Manier ihre Augen groß werden.
      „Nein!“, entfleuchte es ihren Lippen.
      „Doch! Wenn ich es euch sage!“ Mikaela und Tara nickten beide heftig und Tiana hatte schon Angst, die Fakewimpern würden dieser massiven Belastung nicht standhalten.
      „Es stimmt!“, schaltete sich nun auch Brad ein. „Und Celine erpresst Claudio damit, dass er sie doch laufen lässt, sonst sagt sie es Eunike.“ Und jeder wusste, wie gefährlich ein Modelleben für ein Ungeborenes war. Die wochenlange Vorbereitung, der Stress und vor allem die Fastenkuren vor der Show um nur ja kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen zu haben. Von den Drogen und sonstigen Aufputschmitteln gar nicht zu reden.
      „Aber ihr habt es nicht von uns!“, warnte Tara noch und Tiana schüttelte den Kopf. Natürlich blieben Quellen geheim.
      Dann blickte sie zu Tiago und lächelte leicht. Sein Blick war ohnehin nicht zu deuten für sie, das pulsierende Licht des Clubs machte es nicht besser. Was würde er wohl aus dieser Geschichte machen? Er könnte Eunike als Gehörnte darstellen, die wiederum Claudio die Unterstützung entziehen könnte und somit hätte Vega eine Karriere auf dem Gewissen, wahrscheinlich nicht die erste. Wenn er es geschickt anstellte, könnte er womöglich sogar für Demonstrationen und Protestbewegungen sorgen, indem er auf die Gesundheit des Ungeborenen hinweisen würde. Die Modeszene hatte ohnehin nie genug von Skandalen.
      Jetzt würde sich herausstellen ob Santiago Vega ein Gewissen hatte, oder für die nächste Schlagzeile über Leichen ginge. Tiana war gespannt.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
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      Und den Herzensbrecherwein
    • Tiago hatte mit vielem gerechnet - auch mit Skandalen - aber eine Schwangerschaft? Das war, gelinde gesagt, der Jackpot. Nur musste er vorsichtig sein. Eine solche Information allein machte noch keinen Artikel. Er würde mit allen Beteiligten reden müssen, den Wahrheitsgehalt prüfen - und anpassen, sollte es nötig sein - und dann erst veröffentlichen. Und er musste sicherstellen, dass Cynthia nicht irgendwie an diese Info kam. Die war nämlich sehr eng mit de Wilde, ganz nach dem Motto Gleich und Gleich gesellt sich gern.
      "Leute, entspannt euch. Hab ich euch je als Tratschtanten geoutet?"
      Brad wirkte verwirrt.
      "Hab ich nicht. Sowas nennt sich Arbeitsmoral. Ich seh, was ich drehen kann. Aber ich muss jetzt echt los."
      Tiago erhob sich und es gab eine ganze Welle an enttäuschten Verabschiedungen. Alles Teil des Plans. Mach dich rar und die Leute wollen mehr von dir. Dafür müssen sie aber klarstellen, dass sie deine Zeit auch wert sind.
      Er beugte sich vor, um sich mit einem scheinbaren Wangenküsschen von Tiana zu verabschieden.
      "Bleib so lange du willst, knüpf Kontakte, mir egal. Aber die Schwangerschaft hat nichts in der Recherche zu suchen. Nichtmal dem Chef gegenüber."
      Als er sich wieder aufrichtete, lag das entschuldigende Lächeln von vorher auf seinen Lippen. Er verbeugte sich noch einmal gespielt vor der Gruppe, dann suchte er sich seinen Weg aus dem Club.
      Die Nacht war kalt im Vergleich zu der stickigen Luft im Club. Obwohl er jetzt allein war, hielt Tiago seine Maske weiterhin aufrecht. Es waren zu viele Menschen auf der Straße, Menschen, die ihn vielleicht erkannten. Er winkte sich ein Taxi heran, dann begann er mit seiner Arbeit. Er hatte ein paar Telefonate zu führen und obwohl es schon so spät war - beinahe Mitternacht - vereinbarte er noch ein paar Termine für die kommenden Tage. So viel zu dem Thema einer verfrühten Abreise. Egal, die Arbeit ging vor. Er musste das jetzt machen, sonst nahm es ihm jemand weg. Das würde er nicht zulassen. Hoffentlich benahm sich diese Tiana und hielt ihren Mund. Sie hatte überraschend ehrlich geklungen, als sie es den Mädels versprochen hatte. Konnte man ihr trauen? Natürlich nicht, sie war nur ein weiterer Haifisch in diesem endlosen Ozean. Sie wartete sicher nur auf eine Möglichkeit, die Konkurrenz auszuschalten. Er musste schnellstmöglich einen Weg finden, sie im Griff zu halten.
      Er ließ sich nicht nach Hause fahren, auch wenn sein Körper nach einer Dusche und seinem Bett verlangte. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, diese Rufe zu ignorieren.
      Stattdessen stieg er beim Büro aus. Er war allein, niemand sonst war so wahnsinnig, um diese Uhrzeit noch zu arbeiten. Er genoss die Stille, die Einsamkeit. So entstanden seine besten Arbeiten.
      Er fand die Mail, die er sich selbst geschrieben hatte zwischen denen vom Editor für seine anderen Artikel. Er ging alles Schritt für Schritt durch, dann beschäftigte er sich mit dem guten Claudio. Interessanter kleiner Bengel, der sich da in die exklusive Liste der Top Designer quetschte. Tiago stellte sich die Frage, ob er seine Karriere oder die des Models ruinieren wollte. Vielleicht musste er gar nichts ruinieren, aber polarisieren würde er auf jeden Fall. Claudio und seine kleine Freundin sollten sich besser überlegen, was sie ihm erzählen wollten. Denn Tiago würde sich nehmen, was besser für ihn war, nicht für seine Ziele.
      Sein Blick wanderte zu dem nichtssagenden Schreibtisch der Neuen. Tiana... wenn er Zeit dafür fand. Jetzt hatte er andere Ziele, längerfristige Ziele. Die hatten Vorrang.

      Mit dem Sonnenaufgang füllten sich die Büroräume mehr und mehr und die Ruhe, die Tiago so genoss, schwand mit jedem Menschen, der sich seiner Arbeit widmete. Er schob sich seine Kopfhörer in die Ohren und drehte die Musik auf, bis er all das nervige Chaos um ihn herum ausblenden konnte. Er ignorierte den Bürolieferanten, der ihm Papierkram vorbeibrachte. Er ignorierte die Begrüßungen derjenigen, die ihre Schreibtische neben ihm bezogen. Er ignorierte sogar Cynthia, als ins Büro kam und sich auf seinen Schreibtisch setzte. Sie hatte jedoch andere Pläne und pflückte den kleinen Knopf aus seinem Ohr. Tiago sah wütend auf.
      "Kannst du nicht zwischen den Zeilen lesen?", fragte er zähneknirschend, "Ich arbeite gerade."
      "Ja, aber falls es dir entgangen ist, mein Hübscher, wir arbeiten zusammen an diesem Artikel."
      "Sagt wer? Ich mach mein Ding, du deins. Und im Gegensatz zu dir bin ich schon mitten drin."
      Cynthia lachte, als sei sie ernsthaft amüsiert. Als sei er ein hoffnungsvoller, naiver Anfänger.
      "Dir ist schon klar, dass man da ein bisschen Nachforschung betreiben muss?"
      Jetzt war Tiago dran, zu lachen. Er lehnte sich entspannt zurück und lächelte selbstsicher.
      "Ich dachte, du wärst hier die Modeexpertin. Fällt dir denn nichts auf?"
      "Was? Die Tatsache, dass du die gleichen Klamotten wie gestern trägst und nach Alkohol riechst? Das ist doch nichts Neues bei dir."
      "Und wieder ließt du nicht zwischen den Zeilen. Während du deinen dringend benötigten Schönheitsschlaf gehalten hast, habe ich gearbeitet. Und nein, du kriegst nichts davon ab. Schreib du einfach deinen üblichen Kram, ich erledige den Rest. Gerngeschehen."
      Er nahm ihr den Kopfhörer ab und schob ihn sich wieder ins Ohr. Dieses Gespräch war beendet. Und Tiago wollte mit seiner Arbeit das Gleiche tun, damit er endlich nach Hause gehen und schlafen konnte.
    • Es schien als habe Vega das was er wollte und machte sich bereit für den Aufbruch. Natürlich auch dieses Mal unter gespielten oder ernsten Rufen des Bedauerns – Tianas war nicht darunter. Doch überraschenderweise beugte sich der Journalist zu ihr, wie um sich zu verabschieden, doch seine Warnung war nur allzu deutlich. Ob der ungewohnten Nähe musste sie den Impuls unterdrücken ihn zur Warnung zu beißen, verdammter Alkohol. Doch nun gut, Tiana war fair. Er hatte sie hierhergebracht und ihr Stunden an mühsamer Recherchearbeit damit erspart. Wenn sie dieses Detail herausließe, wäre ihr dies zum einen egal und zum anderen wären sie somit quitt. Sie schenkte ihm ihr schönstes, gespieltes Lächeln als er sich wiederaufrichtete. Dann machte er sich auf, Tiana blickte ihm nicht nach, sondern widmete sich lieber ihrem Glas.

      Ihr Wecker konnte genauso gnadenlos sein wie sie, als er um 7 Uhr erbarmungslos klingelte. Im Gegensatz zu manch anderen war er jedoch leise eingestellt, litt sie doch unter einem extrem leichten Schlaf. Gewohnheitsmäßig tastete ihre Hand zur Bettseite neben sich, doch zu ihrer Überraschung war diese nicht leer, sondern sie fühlte warme, weiche Haut unter ihren Fingern. Wenn sie noch an einen Gott glauben würde, dann hätte sie nun gebetet.
      Ihre Finger ertasteten ein hervorspringendes Schlüsselbein, eine zierliche Schulter und… eindeutig weibliche Rundungen. Sie seufzte und schloss die Augen, rekapitulierte was nach Vegas Verschwinden noch geschehen war. Ihr Gehirn ließ sie nicht im Stich, dies war schon mal ein positives Zeichen. Einen Filmriss konnte sie wahrlich nicht gebrauchen. Sie wusste, sie hatte ein paar Telefonnummern abgestaubt, Kontakte waren immer gut, und sich dann doch einem, zwei, mehreren Tänzen stellen müssen. Sie hatte getrunken, sich unterhalten und war irgendwann in Begleitung von dort verschwunden.
      Gut, es nützte alles nichts, irgendwann musste sie sich dem Anblick der anderen Person stellen. Sie setzte sich auf und zu ihrer Überraschung erkannte sie das Gesicht nicht. Erneut wäre sie fast gläubig geworden und hätte ein Dankesgebet an den Himmel entsandt. Es war keines der Models, kein VIP, nur eine gewöhnliche Frau, mittelhübsch und unauffällig. Sie wusste nicht mal ihren Namen. Perfekt, kein Name, keine Verpflichtungen!
      Auf leisen Sohlen schlich sie ins Badezimmer und entleerte dort ihren restlichen, alkoholischen Mageninhalt. Eine eiskalte Dusche, Concealer und ein bisschen Rouge erledigten den Rest. In dieser Hinsicht hatten es Frauen viel leichter, einen Kater zu verstecken als Männer. Gegen die hämmernden Kopfschmerzen warf sie zwei Tabletten ein und quetschte sich in ein hübsches Kostüm. Dem verräterischen Stempel auf ihrer Hand rückte sie mit Aceton auf den Leib und eine halbe Stunde später geleitete sie sanft ihre nächtliche Begleitung aus der Wohnung und machte sich selbst daran in die Arbeit zu kommen. Den Zettel mit ihren Stichpunkten hatte sie sicher in ihrer Tasche verstaut.

      Die Büroräume waren bereits gut gefüllt und Tiana bereute es bereits jetzt sich nicht für heute freigenommen zu haben. Doch wer ausgehen kann, der kann auch arbeiten hieß ihr Motto. Außerdem hatte sie Gleitzeit und demnach war es in Ordnung, mal ein wenig später zu kommen oder auch früher zu gehen. Heute würde es nichts mit einem frühen Feierabend werden.
      In den Händen trug sie zwei große Coffee-to-go einer bekannten Marke und stellte im Vorbeigehen kommentarlos einen davon auf Vegas Schreibtisch, von dem gerade Cynthia ihre hübsche Kehrseite erhob, ehe sie sich zu ihrem eigenen aufmachte. Ein kleines Dankeschön für die geknüpften Connections gestern. Er selbst sah müde aus fand sie, schien jedoch das gleiche Motto zu haben, immerhin trug er dasselbe wie gestern. Wenn er nicht ebenfalls bei jemanden übernachtet hatte, so war er scheinbar direkt vom Club hierhergefahren. Ja, die Leidenschaft von Journalisten konnten einem zum Äußersten treiben.
      Sie selbst pflanzte ihren Hintern auf ihren Stuhl und nippte von ihrem Kaffee, ehe sie sich erneut in ihre Recherchen vertiefte, die nun dank ihrer Notizen deutlich leichter von der Hand gingen.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein