Crazy Genius [Eari feat. Pumi]

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    • Crazy Genius [Eari feat. Pumi]

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      Er atmete einmal tief ein, kaum dass er das Flughafengebäude verlassen hatte. Sicher, hier war immer noch viel Smog von den Flugzeugen und den ganzen Autos zu riechen, aber Nico konnte dennoch den Charakter der Stadt schmecken. Wieder einmal wurde ihm klar, dass er eine gute Entscheidung getroffen hatte, als er Schottland verlassen hatte. Das kleine Land auf der kleinen Insel in Europa roch fast überall gleich.
      "Hier entlang, Sir", riss ihn die Stimme des Polizisten aus seinen Gedanken.
      Man hatte ihm einen Junior Detective geschickt und so wie sich der Mann verhielt, war er gerade erst befördert worden. Er war enthusiastisch, gut gelaunt und hatte diese allzeit bereit Haltung eines Pfadfinders. Nico schätzte ihn auf Mitte Zwanzig, was ihn zum Schmunzeln brachte. Dieser Mann befand sich noch am Anfang seiner Karriere, war aber wohl bereits ein, zwei Jahre älter als Nico selbst. Die Leute verwunderte es oft, wenn sie ihn sahen. Er sah eben aus wie seine zarten vierundzwanzig, auch wenn er er das Wissen von drei Lebensspannen in seinem Kopf aufbewahrte.
      Er folgte dem tüchtigen Detective zu einem silbernen Ford Asbo, der kaum lauter "Polizei!" hätte rufen können. So ein Auto erkannte jeder gewöhnliche Straßenkriminelle in Sekunden.
      Der Detective lud Nicos Koffer in den Kofferraum, während der sich auf den Rücksitz sinken ließ und die Beine in den Schneidersitz anzog. Er wühlte kurz in seinem Rucksack herum und zog ein Notizbuch daraus hervor, das sicherlich schon bessere Zeiten gesehen hatte. Allgemein sah man Nico nicht an, dass er zum FBI gehörte. Während dort alles und jeder in Anzug und Krawatte herumrannte, beschränkte sich der junge Verhaltensexperte auf Jeans, die vielleicht einmal zu viel gewaschen wurden und an den Knien von ganz allein ausgefranst waren, ein langweiliges Hemd, dass nur über den Daumen gepeilt passte und Chucks an den Füßen. Manchmal, wenn er mit hohen Tieren reden musste, trug er noch eine ordentliche Veste - von denen er genau eine besaß - und seine Krawatte. Sie war schwarz, also passte sie zu allem. Sein Rucksack, den er beinahe überall mit hin nahm, wirkte eher als gehöre er einem Teenager auf der High School: Der Stoff in ausgewaschenem Camouflage war gespickt mit Buttons und Aufnähern verschiedener Comic-Helden und Charakteren aus Cartoons, sowie Catch Phrases verschiedener bekannter Filme.
      Als Nico sein Notizbuch aufschlug und durch die dicht beschriebenen Seiten blätterte, fragte ihn der junge Polizist, ob er das erste Mal in Philly sei. Nico bejahte die Frage und erhielt prompt einige Empfehlungen für Restaurants. Nico war kein Fan von Restaurants. Dort herrschte immer eine gewisse Erwartungshaltung, die er grundsätzlich nicht erfüllen konnte. Er wurde immer angestarrt. Er kam damit klar, aber die Personen, mit denen er unterwegs war, mochten es nicht besonders, auch wenn sie nichts derartiges sagten. Nico konnte es an ihren Gesichtern ablesen.
      Glücklicherweise hielt der Detective schnell die Klappe und konzentrierte sich auf den Verkehr. Das gab Nico die Zeit, seine Erlebnisse auf dem Flug festzuhalten. Viele gingen davon aus, dass wenn man einen hohen IQ hatte, man automatisch ein hervorragendes Gedächtnis hatte. Das war nicht der Fall. Man lernte genauso wie jeder andere. Es fiel einem nur leichter, den Stoff zu verstehen und effiziente Lerntechniken umzusetzen, weswegen man effektiver und schneller lernte. Der Prozess dahinter war der gleiche. Und Nico, der so viele miteinander vernetzte Eindrücke von der Welt erhielt, war erstaunlich schlecht, wenn es um sein Kurzzeitgedächtnis ging. Schon als Kind hatte er ausführlich Tagebuch geführt. Nicht, um sich Dinge von der Seele zu reden, obwohl auch das Inhalt seiner Bücher war, sondern hauptsächlich, um nichts zu verpassen. Viele Dinge im Leben waren flüchtig, so auch Momente. Er machte nicht viele Fotos. Lieber schrieb er alles auf, was er in einer Situation erlebt, gefühlt, wahrgenommen und gedacht hatte. Er hatte einen ganzen Haufen dieser Notizbücher zu Hause rumliegen, alle eng vollgeschrieben mit einer Handschrift, die man kaum lesen konnte, so klein war sie.

      Sie legten die knapp zwölf Kilometer zum Police Department recht gut zurück. Der Junior Detective führte Nico nach oben in den vierten Stock, wo die Task Force eingerichtet worden war. Es war noch früh, gerade einmal acht Uhr. Die meisten anderen Polizisten, auf die sie im Gebäude trafen, waren müde Nachtschichtler oder die, die gerade erst angekommen waren und noch gar nicht richtig wach waren.
      "Wenn Sie was brauchen, sagen Sie ruhig Bescheid", meinte der Junior Detective, ehe er an seinen Schreibtisch zurückkehrte, nachdem er Nico den großen Konferenzsaal gezeigt hatte, der mit allen möglichen Tatortfotos gespickt war.
      Nico ließ seinen Rucksack auf einen der Stühle sinken und setzte sich im Schneidersitz auf den Tisch. Er ließ seinen Blick über die Fotos und Notizen an den Wänden wandern, saugte die Informationen ein wie ein Schwamm. Er hatte zwar die Fallakte erhalten, bevor er losgeflogen war, hatte aber keinen Blick hineingeworfen. Er ging solche Dinge lieber vor Ort mit ungetrübten Blick an. Noch dazu waren in den Berichten viele Theorien aufgelistet, die er nicht in seinem Kopf haben wollte, um nicht voreingenommen zu sein. Wenn man eine Theorie hatte, dann verfolgte man sie unterbewusst, egal wie sachlich man sein wollte. Nico nahm für's Erste nur die Fakten auf.
    • Thomas war heute ausnahmsweise pünktlich im Department erschienen, bis auf die morgendlichen Besprechungen um neun, war es aber auch egal wann er hier auftauchte und wieder verschwand. Trotzdem, der Profiler vom FBI kam heute und er wollte lieber ein Auge auf ihn werfen. Auf einen guten Eindruck kam es ihm mit der Pünktlichkeit nicht an. Um halb acht saß er deshalb schon an seinem Schreibtisch und schlürfte seinen Kaffee, während er die letzten Tatortfotos erneut betrachtete. Er hatte vielleicht die Hoffnung, dass ihm irgendwann etwas auffallen würde, wenn er nur lange genug auf die Bilder starren würde, bisher war aber nichts dergleichen passiert.
      "Morgen Phil...", murmelte er als einer seiner Kollegen das Büro betrat und sich ebenfalls mit einer großen Tasse Kaffee auf seinem Stuhl niederließ. Er lehnte sich zurück und gähnte laut, bevor er sich ebenfalls zu Wort meldete.
      "Morgen Tom. Ah? Schick gemacht für den FBI Typ?"
      "Schätze ja.", grummelte Thomas und lockerte seine Krawatte ein wenig. Übermäßig schick hatte er sich allerdings nicht gemacht, nur auf die Krawatte verzichtete er im Normalfall schon wenn er zur Arbeit ging. Außer es gab einen besonderen Anlass.
      "Wieso bist du schon da?"
      "Wollte mir den Kerl ansehen, muss nachher außer Haus."
      "Ah. Motiviert."
      Thomas sah wieder auf die Fotos und schlürfte weiter an seinem Kaffee. Das Büro war noch ziemlich leer und das nächste Mal, als die Tür sich öffnete trat Miles ein, ein frischgebackener Junior Detective. Er hatte potential, aber er war naiv und verstand noch nicht viel von diesem Job. Das hier war keine TV Show und das musste er noch lernen.
      "Sir? Agent Dunlop ist im Konferenzraum."
      Thomas sah nicht auf.
      "Sir?"
      "Hab dich gehört Junge."
      "Oh okay." Miles setzte sich steif auf seinen Platz und wusste offensichtlich nicht was er jetzt mit sich anfangen sollte. Thomas war das ziemlich egal und diesen 'Agent' wollte er noch ein wenig warten lassen, zumindest bis er seinen Kaffee ausgetrunken hatte. Im Konferenzraum würde er schon nicht viel anstellen können.
      Nach einigen Minuten erst stand er auf und Phil tat es ihm gleich. "Dann sehen wir uns den Kerl mal an! Vielleicht hat er den Fall ja schon gelöst?", scherzte Thomas Kollege und entlockte ihm nur ein müdes Brummen. Natürlich stand an erster Stelle diesen Täter zu finden und weitere Opfer zu verhindern, aber Hilfe annehmen zu müssen passte Thomas nicht recht in den Kram, den Kollegen mit denen er seit Monaten an diesem Fall arbeitete ebenso wenig. Insgeheim wünschte er sich dieser Agent würde einfach absolut nichts finden und wieder verschwinden, auch wenn er wusste, dass es falsch war so zu denken.
      Zu zweit machten sie sich also auf den Weg zum Konferenzsaal und staunten nicht schlecht als sie einen zerlumpten Jungen auf einem Tisch sitzen sahen.
      "Hey Junge! Hast du dich verlaufen? Komm schon du hast hier nichts zu suchen.", begann Phil und trat schon zielstrebig auf den jungen Mann zu. Thomas streckte seine Hand nach ihm aus und hielt ihn zurück. Nicht deren ernst..., dachte er sich als sein Gefühl ihm sagte, dass Phil falsch lag und dass vor ihnen tatsächlich dieser hoch gepriesene FBI Agent saß. Wie alt war der Typ? Zwölf? Er sah mehr aus wie ein Paketjunge mit äußerst fragwürdigem Modegeschmack und nicht wie jemand vom FBI.
      "Nicolas Dunlop?"
    • Nico bekam gar nicht mit, wie Zeit verstrich. Manchmal hatte er das Gefühl, sich einfach aus diesem gesellschaftlichen Konstrukt auszuklinken und jenseits davon zu existieren. Was natürlich unmöglich war, da sein Körper auch weiterhin arbeitete und die Erde sich weiterhin drehte. Aber sein Zeitgefühl schaltete sich immer mal wieder einfach ab.
      Als die Tür sich öffnete, sah er das mehr als dass er es hörte. Nicht, weil er die Tür im Blick hatte, sondern weil sich die Farben des Raumes änderten. Die erste Stimme, die er hörte, hatte helle Farben, ein Silber, ein blasses Blau. Er mochte die Stimme, auch wenn sie es nicht in seine Top Ten schaffte. Dann hörte er seinen Namen von einer anderen Stimme. Dunkel, ein paar Brauntöne, warm, irgendwie... bequem.
      Nico wandte seinen Blick von den Tatortfotos ab und lächelte die beiden Polizisten an. Sie waren definitiv schon länger im Dienst. Sie hatten die typische, halb-zynische Ausstrahlung eines Detectives, der länger an einem Fall saß, der sich festgefahren hatte und jetzt Hilfe von außen benötigte, die eigentlich keiner haben wollte, auch wenn sie offenkundig notwendig war. Nico sah sich diesen Gesichtsausdrücken nicht das erste Mal gegenüber.
      "Das wäre dann wohl ich", antwortete er und hüpfte vom Tisch herunter, um den beiden Männern die Hand zu schütteln.
      Jetzt, wo er nicht mehr auf seinen eigenen Füßen saß, sah man, dass er seine Schuhe und Socken direkt neben der Tür abgestellt hatte.
      Er musterte die Mimiken der beiden Männer. Es war faszinierend zu sehen, wie die erste Reaktion eines Menschen ausfiel, wenn sie mit Nico konfrontiert wurden. Das war eine von Nicos ganz privaten Studien, die keinerlei Zweck folgten, außer ihn zu amüsieren. Für einen kurzen Augenblick fragte er sich, ob es besser gewesen wäre, die Veste und die Krawatte anzuziehen. Aber dann verneinte er seinen eigenen Gedanken. Das wäre im Flugzeug zu unbequem gewesen.
      "Sie müssen die leitenden Ermittler dieses Falls sein."
      Da er die Akten nicht studiert hatte, hatte Nico keine Ahnung, wer da vor ihm stand. Im Gegensatz zu seinen Kollegen ließ ihn das manchmal weniger mysteriös wirken. Er hatte schon miterlebt, wie die anderen aus seiner Einheit es liebten, sämtliche Namen der Beteiligten auswendig zu lernen, nur um dann damit Eindruck zu schinden. Eine Taktik, die Nico nicht ganz nachvollziehen konnte, da es bloß unnötig Ressourcen fraß, wenn man sich lieber mit dem Lebenslauf der ermittelnden Polizisten beschäftigte, als mit dem Fall selbst.
    • Der Junge - Thomas weigerte sich einen Mann in seinem Gegenüber zu sehen - lächelte und stand auf um sich vorzustellen. Notgedrungen schüttelte Thomas seine Hand. "Thomas Nash und das ist nur halb richtig. Mein Kollege arbeitet nicht an diesem Fall." Phil lächelte etwas unsicher, man konnte ihm ansehen, dass er nicht wusste wie er mit dem Agenten umgehen sollte und Thomas konnte es ihm nicht übel nehmen. Das war ein Kind, wie sollte so ein Jungspund mit nicht einmal halb so viel Erfahrung etwas finden, was sie alle übersehen hatten?
      "Phillip Blight.", stellte Phil sich vor und schüttelte ebenfalls die Hand die ihm entgegen gestreckt wurde, dann wanderte sein Blick hinab zu den nackten Füßen seines Gegenübers. Er sah auf seine Armbanduhr und entschuldigte sich dann. "Oh, ich muss aber auch wieder los. Wollte mich nur kurz vorstellen." Er sah zu Thomas der gerade überlegte wie er seinen neuen Kollegen ansprechen sollte. Er weigerte sich die Höflichkeitsform zu verwenden oder ihm irgendeinen Titel voran zu stellen, vielleicht lag es an seinen Klamotten, aber Thomas hatte das Gefühl er konnte gut und gerne der Vater dieses Jungen sein.
      "Man sieht sich Tom.", verabschiedete Phil sich nach einer kurzen und seltsamen Pause, dann verschwand er wieder aus dem Raum und ließ Thomas allein mit dem Profiler. Vielleicht war es ja wie in einem Film und dieser Typ war ein Supergenie, aber sie waren nicht im Fernsehen... das FBI schickte im Normalfall allerdings auch nicht irgendjemanden.
      Auf diesen Schock hin brauchte Thomas auch erst einmal eine Zigarette, die er auch schnell aus seiner Hosentasche zog, zusammen mit einem Feuerzeug. Er zündete sie an, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch zur Seite hin wieder aus seinen Lungen, während er das Feuerzeug wieder einsteckte. Dabei beobachtete er den Jungen vor sich und hetzte sich nicht damit wieder seinen Mund aufzumachen. Als er sich dann gewappnet fühlte und versuchte sich nicht wie ein Babysitter zu fühlen sah er auf die Uhr und dann wieder zu seinem Gegenüber.
      "In einer halben Stunde beginnt die morgendliche Besprechung, da wirst du den Rest des Teams kennen lernen und kannst dich kurz vorstellen. In den Akten steht alles was wir gefunden haben, aber es wird trotzdem eine kleine Zusammenfassung geben, so wie jeden Montag. Bis dahin kannst du ja dein Köpfchen anstrengen und zeigen was du drauf hast. Immerhin... bist du einer der Besten, richtig?" Das 'Du' war ihm mehr oder weniger heraus gerutscht, aber fühlte sich wesentlich besser an als ein 'Sie' und bei seiner restlichen Ausführung wollte er dann nicht mehr davon abweichen. Es würde also bei 'Du' bleiben, zumindest wenn er Nicolas ansprach, der Junge zeigte ihm aber besser ein wenig Respekt. Vielleicht hätte er kooperativer sein sollen, aber im Moment fühlte er sich dazu wirklich nicht in der Lage. Nicht nur, dass sie das FBI aufgehalst bekamen, dann bekamen sie auch noch einen Frischling der direkt aus der Akademie kommen musste so wie er aussah. Und das aller Schlimmste würde sein, wenn dieser Junge tatsächlich eine Spur fand. Er hätte besser damit leben können, wenn es ein alter, erfahrener Profiler wäre, der ihm hier zeigen sollte wie man diesen Job macht.
    • Phillip Blight, dachte Nico, und legte ihn mit einem vorläufigen Profil in seinem Hirn ab. Er war wohl kein primärer Punkt in seiner Arbeit hier, also war es nicht sonderlich wichtig, sich weiter mit ihm zu befassen. Viel wichtiger war Thomas Nash, dessen Profil in diesen wenigen Augenblicken bereits mehr Informationen enthielt. Es wunderte Nico ein bisschen, dass er beim Du blieb, selbst nachdem sich herausgestellt hatte, dass er der Agent vom FBI war. Ein faszinierender Punkt. Thomas Nash nahm ihn also nicht als ebenbürtig oder gar überlegen wahr. Das mit der Zigarette konnte Nico nicht ganz einordnen. Heutzutage war es Gang und Gebe, dass man nicht in geschlossenen Räumen rauchte, dennoch zündete sich der Detective direkt vor ihm eine an und inhalierte die schädlichen Substanzen. Noch zu konnte Nico keinerlei Feindseeligkeit in der dieser Handlung erkennen. Es war eine Stressreaktion.
      "Ich habe die Akten nicht gelesen", gestand Nico und kletterte zurück auf den Tisch, um den Rauchmelder abzunehmen und die Batterien herauszudrücken.
      Nicht, dass Detective Nash noch aus Versehen einen Feuerwehr-Einsatz auslöste. Er legte das kleine Ding aus Plastik auf den Tisch, dann hopste er auf der anderen Seite herunter und öffnete ein Fenster. Er selbst hatte kein Problem mit Zigarettenrauch, aber er konnte sich vorstellen - und statistisch belegen - dass mindestens einer derjenigen, die in einer halben Stunde hier auftauchen würden, sich davon gestört fühlen würde. Außerdem war es ein schöner Tag und Nico konnte nicht genug vom Geruch dieser Stadt bekommen.
      "Ich nehme an", begann er, als er sich wieder auf den Tisch setzte und die Beine in den Lotussitz zog, "Dass wir beide in der nächsten Zeit wohl am engsten zusammenarbeiten werden. Daher will ich die folgenden dreißig Minuten lieber dazu nutzen, Ihren Groll gegen mich zu verarbeiten. Eine Theorie über den Täter habe ich bereits. Ich werde allerdings die Details der Zusammenfassung brauchen, um ein paar Lücken zu füllen. Also: Sie mögen mich nicht. Das liegt wohl zu gleichen Teilen daran, dass ich a) der Außenstehende bin, der jetzt plötzlich alles regeln soll und b) dass ich erst vierundzwanzig bin und auch nicht wirklich älter aussehe. Ich könnte Ihnen eine Liste meiner Errungenschaften runterrattern oder meinen Lebenslauf aushändingen, aber das würde nichts bringen. Daher versuche ich es so: Ich habe genauso wenig Ahnung, wie sich dieser Fall entwickeln wird, wie Sie. Alles, was ich tun kann, ist in die Köpfe meiner Mitmenschen zu schauen, nicht aber in die Zukunft. Ich bin nicht hier, um Ihnen den Fall wegzunehmen oder ihn im Alleingang zu lösen. Das liegt außerhalb meiner Fähigkeiten. Meine Arbeit ist beratender Natur. Ich kann Ihnen sagen, wann jemand lügt, wann jemand etwas verheimlicht, wie jemandes Denkmuster aussehen und jemandes Beweggründe feststellen. Ich kann Ihnen zeigen, wo sie suchen müssen, das ist alles."
      Nico stoppte seinen eigenen Redeschwall, als ihm klar wurde, dass er sich schon wieder viel zu fachlich ausdrückte. Das machte er gern, wenn die Leute ihn für zu jung hielten.
      "Ich weiß nicht, ob ich der Beste bin. Ich weiß nur, dass ich ziemlich gut bin und meine Kollegen meine Hilfe sehr schätzen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie müssen mich nicht mögen. Bei meiner Arbeit geht es hauptsächlich darum, anderen dabei zu helfen, die Gesellschaft vor gefährlichen Individuen zu schützen. Wenn Sie etwas an meiner Arbeit stört, lassen Sie es mich wissen. Effizienz ist hier von äußerter Wichtigkeit und die kann nur erreicht werden, wenn wir gut zusammenarbeiten. Ich werde mein bestes tun, mich Ihren Parametern anzupassen. Und nicht mehr so geschwollen zu reden, das ist ja furchtbar..."
      Den letzten Satz sagte er mehr zu sich selbst, aber in der gleichen Lautstärke wie seinen gesamten vorangegangenen Vortrag.
      Auch für Nico war diese Situation nicht ideal. War sie nie, wenn er mitten in einem Fall hinzugezogen wurde. Aber im Gegensatz zu Detective Nash war Nico daran gewöhnt und wusste, wie man diese ganzen Zweifel möglichst schnell in den Hintergrund schob oder gänzlich ausmerzte.
    • Thomas sah zu wie der Agent auf den Tisch kletterte und den Rauchmelder abnahm, dabei vergaß er sogar für kurze Zeit die Zigarette in seiner Hand. Der Junge machte ein Fenster auf und setzte sich wieder, bevor er einen ellenlangen Monolog von sich gab. Der Detective lehnte sich inzwischen an die Wand hinter sich, zog weiterhin an seiner Zigarette und nahm auf, was der Agent da von sich gab ohne ihn zu unterbrechen. Als ihnen gesagt wurde der FBI Profiler der ihnen helfen solle wäre 'eigen', hatte Thomas nicht mit solchen Ausmaßen gerechnet und er wusste nicht recht was er von seinem Gegenüber halten sollte. Bevor er ihm aber nichts lieferte mit dem er etwas anfangen konnte zog er es vor gar nichts von ihm zu halten. Thomas ließ kurz Stille einkehren als sein Gegenüber aufhörte zu sprechen bevor er antwortete.
      "Damit ich das richtig verstehe... du hast die Akten nicht gelesen, aber bereits eine Theorie. Und anstatt mehr Informationen einzuholen willst du lieber Zeit damit verschwenden mich dazu zu bringen dich zu mögen?", fragte er langsam und warf dem Jungen einen mehr als skeptischen Blick zu. "Hör zu, ich will den Täter um jeden Preis finden, es sind schon genug Menschen gestorben. Es tut nichts zur Sache ob ich dich ernst nehme, dich leiden kann, oder was ich sonst über dich denke, ich bin alt genug um meine persönliche Meinung außen vor zu lassen. Ich werde dich bestimmt nicht bei deiner Arbeit behindern also kannst du dir das hier sparen und stattdessen deinen Job machen." Thomas nahm noch einen Zug von seiner Zigarette und sah noch einmal auf seine Uhr, dann schritt er zum Fenster hinüber das der Agent geöffnet hatte und schnippte seine Zigarette nach draußen. Der Rauch würde sich in den nächsten Minuten schon noch verziehen, aber es war ohnehin nicht das Erste Mal, dass Thomas hier drin geraucht hatte.
      "Aber du könntest tatsächlich damit anfangen nicht zu sprechen als wärst du ein verdammter Roboter."

      Wie auf Stichwort öffnete sich die Tür zum Konferenzsaal und die ersten Kollegen trudelten ein.
      "Huch? Wer ist das denn?"
      "Ist heute 'Bring-dein-Kind-zur-Arbeit-Tag' Tom? Ich hätte Susan mitnehmen sollen!"
      "Das ist Nicolas Dunlop, der FBI Profiler.", erklärte Thomas seinen Kollegen die daraufhin die Augen aufrissen.
      "Was? Du verarschst mich doch!", flüsterte Liam ihm zu.
      "Leider nicht.", brummte Thomas zurück.
      Die zwei Kollegen setzten sich und warfen dem Agenten argwöhnische Blicke zu, auch die anderen Kollegen ließen nicht lange auf sich warten. Es schauten sogar einige andere Ermittler vorbei um einen Blick auf den Agenten zu werfen, als wäre es noch nicht genug Grund zur Neugierde, dass er vom FBI war, hatte sich sein geschätztes Alter wohl schnell herum gesprochen.
      Während Thomas Kollegen leise ihre Scherze über den Agenten machen, allerdings laut genug damit auch Thomas es ein paar Meter entfernt mitbekam, konnte er sich schon ausmalen was sie alle von den anderen Ermittlern zu hören bekommen würden. Erwachsen war hier wirklich keiner so richtig und Thomas wusste, dass das auch auf ihn selbst zu traf. Er hätte jetzt gerne noch eine Zigarette geraucht, aber sein Chef würde heute bestimmt auch noch hier aufkreuzen...
      Das Team das an diesem Fall arbeitete bestand aus Thomas selbst, vier weiteren Ermittlern und dem sechs köpfigen Forensik Team das natürlich auch andere Fälle bearbeitete. Diese Serienmorde hatten aber auf jeden Fall gerade Priorität.

      Nachdem sich alle versammelt hatten und Thomas genug Autorität ausgestrahlt hatte um alle zum Schweigen zu bringen ergriff er das Wort. "Wie ihr wisst bekommen wir ab heute Unterstützung von einem FBI Profiler um die Morde aufzuklären und weitere zu verhindern.", begann Thomas wenig enthusiastisch, das war er allerdings immer. "Bevor wir also die heutige Besprechung beginnen, wird sich Agent Nicolas Dunlop kurz bei euch allen vorstellen, danach gehen wir wie immer den Stand der Dinge durch. Auch wenn ihr heute keine neuen Erkenntnisse zu berichten habt, ist ein guter Zeitpunkt noch einmal durchzugehen was ihr für wichtig erachtet um auch Agent Dunlop ein besseres Bild der Situation verschaffen zu können."
      Damit machte er die Bühne für ihren neuen Kollegen frei, für den sich die Meisten schon extra heraus geputzt hatte. Das konnte man von dem Agenten nicht behaupten, der immer noch keine Schuhe anhatte. "Versuch dich wie ein Mensch zu verhalten, ja?", flüsterte Thomas noch und stellte sich dann mit verschränkten Armen an die Seite. Seine Aufgabe war damit erst einmal erledigt.
    • Nico sparte sich eine Erwiderung, der Detective würde schon bald genug sehen, wie er arbeitete und warum er sich nur von ein paar Bildern schon einiges herleiten konnte. Kurz fragte er sich, ob der Mann schon einmal mit einem Profiler des FBI zusammengearbeitet hatte. Es war nicht ungewöhnlich, dass man so viel aus etwas einfachem wie einem Tatort ablesen konnte, wenn man wusste, worauf man zu achten und wie man es zu interpretieren hatte.
      Der junge Experte in Sachen menschlicher Geisteszustand verließ seinen Platz auf dem Tisch, als sich der Raum langsam füllte. Stattdessen ließ er sich auf einem Stuhl ganz vorn am langen Tisch nieder und kritzelte in seinem Notizbuch herum. Ihm war es wichtig, seine Eindrücke über Detective Nash festzuhalten. Er wollte nicht, dass der Mann nur zu einem weiteren Profil in den Untiefen seines eigenen Verstandes wurde. Noch nicht, zumindest. Er fügte eine kleine Zeichnung des Mannes hinzu, die er bei Gelegenheit mit dessen Foto von der Website des PPD ersetzen würde. Als er das erledigt hatte, ließ Nico den Blick durch den Raum schweifen und musterte jeden einzelnen der Anwesenden, um sich ein Bild von der Lage innerhalb der Task Force zu machen. Allgemein schien es hier ein bisschen an Elan zu mangeln. Nicht unüblich, wenn sich wichtige Ermittlungen wie diese in die Länge zogen und man jederzeit mit dem Auftauchen neuer Opfer rechnen musste. Sowas war einfach nicht gut für die Moral. Nico machte sich gedanklich eine Notiz, schnell etwas daran zu ändern, indem er die Perspektive der Ermittlungen änderte oder gar neue Beweise in den Raum warf, die dem ganzen wieder etwas Schwung verpassten.
      Nachdem Detective Nash ihn so motiviert angekündigt hatte, stand Nico auf und trat vor die kleine Gruppe von Männern und Frauen, die ihr Leben der Bekämpfung dessen widmeten, was allgemein als Schlecht und Böse galt. Den Kommentar, er solle sich wie ein Mensch verhalten, hatte er schon eine Weile nicht mehr gehört und vor allem noch nie in diesem Kontext. Wie konnte man sich als Mensch denn nicht wie einer verhalten?
      "Hi. Mein Name ist Nicolas Dunlop und wie bereits erwähnt wurde bin ich der Special Agent des FBI, der Ihnen allen bei den Ermittlungen beistehen soll. Mein Spezialgebiet ist dabei die Verhaltensanalyse mit Doktortiteln in forensischer Psychologie, Verhaltenstheorie und psychologischer Diagnostik und Neurochemie."
      Nico wusste dank seiner Studien, dass er sich am besten Respekt verschaffte, indem er tatsächlich ein bisschen angab. Er hatte praktisch keine andere Wahl und nachdem er die Gespräche im Raum mitgehört und die Reaktionen gesehen hatte, dann musste er sich hier ordentlich seine Sporen verdienen.
      "Detective Nash hat ja bereits erwähnt, dass es hilfreich wäre, von Ihnen auf den aktuellen Stand der Ermittlungen gebracht zu werden. Daher würde ich es vorerst bei dieser kleinen Vorstellung belassen, bevor ich meine Theorie in den Raum hinein werfe."
      Damit beendete Nico auch seinen kleinen Auftritt und setzte sich wieder im Schneidersitz auf den Stuhl, den er sich reserviert hatte.

      In der kommenden Stunden lauschte er aufmerksam allen anderen Rednern, machte sich Notizen und stellte hier und da eine Detailfrage, die niemand nachvollziehen konnte. Er konnte anhand der Gesicht der Anwesenden erkennen, dass diese Besprechung heute sehr viel mehr Zeit in Anspruch nahm und zog den Rückschluss, dass das wohl seine Schuld war. Nicht, dass es etwas schlechtes war, den gesamten Fall noch einmal von vorn durchzugehen. Manchmal musste man zurück zum Start um das Ende zu finden.
      Nachdem dann auch der letzte Forensiker fertig war und sich wieder gesetzt hatte, sprang Nico wieder auf und übernahm das Reden.
      "In Ordnung. Vielen Dank für die Erklärungen", begann er, "Das war durchaus sehr hilfreich. Ich kann ihnen natürlich noch kein vollständiges Profil vorlegen, dafür bin ich nicht gut genug mit dem Fall vertraut, aber ich habe einige Anmerkungen zu machen, die mir hier in ihren Arbeitsnotizen zu fehlen scheinen."
      Er deutete auf die riesige Beweiswand, die aussah wie eine hübsche Collage, ließ man all die verkohlten Leichen weg.
      "Wir müssen uns hauptsächlich drei Fragen stellen, wenn wir rauskriegen wollen, wie der Täter tickt. Erstens: Warum beißt er sie? Ist es eine Fixierung? Ein Kindheitstrauma? Ein Fetisch? Verfolgt der Täter damit vielleicht einen Zweck - so absurd es auch klingen mag - ? Zweitens: Warum Feuer? Das ist eine recht ungewöhnliche Mordwaffe. Es ist auffällig und unpraktisch. Es muss also eine Bedeutung für den Täter haben. Drittens: Was bezweckt der Täter mit diesen Morden? Ich weiß, es klingt seltsam, wenn ich es so formuliere, aber wenn wir uns in den Täter versetzen, dann hat alles, was diese Person tut, einen bestimmten Zweck. Gerade in diesem Fall ist das persönliche Motiv von Bedeutung. Niemand würde in ein solches Extrem verfallen, wenn es nicht etwas Persönliches wäre. Der Rest, den ich zu bieten habe, sind langweilige Statistiken. Aufgrund der Brutalität der Morde können wir davon ausgehen, dass wir einen Mann suchen, höchst wahrscheinlich weiß, Mitte zwanzig bis bis Mitte vierzig. Mir ist bewusst, dass das nicht viel ist und so ziemlich auf jeden in diesem Raum zutrifft; Vier Personen ausgenommen aufgrund des Geschlechts und der Hautfarbe, und in meinem Fall der Herkunft."
      Er sah, wie fragende Blicke durch den Raum wanderten. Insgesamt waren zwei Frauen und zwei Schwarze anwesend, aber eine der Frauen war schwarz. Es dauerte einen Augenblick, bis es Klick machte und die Anwesenden begriffen, dass Nummer Vier der ausgenommenen Personen Nico selbst war.
      "Ausländer begehen nur selten so auffällige Morde", erklärte Nico.
      "Sie ziehen sich selbst also in den Kreis der Verdächtigen ein?", fragte jemand im Raum.
      "Natürlich tue ich das. Die menschliche Natur ist auf Zerstörung ausgelegt. Jeder in diesem Raum ist zu einem kaltblütigen Mord dieses Kalibers fähig, sobald die richtigen Voraussetzungen gegeben sind. Die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering und ich habe meinen Vergleich eigentlich auch nur gezogen, um mein Argument zu unterstreichen, aber ja. Ich bezeichne grundsätzlich jeden der 7,63 Milliarden Menschen auf diesem Planeten als verdächtig. Es ist alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit, um den Kreis zu verringern, bis man mit guter Ermittlungsarbeit schließlich herausfindet, wer wirklich verantwortlich ist."
      Mehr ratlose Gesichter. Jetzt hatten es die Anwesenden nicht nur mit einem kindlich wirkenden Mann im Alter eines Collegeabsolventen zu tun, sondern auch noch mit einem 'Verrückten'. Nico lächelte dennoch weiterhin freundlich. Er war diese Reaktionen so sehr gewöhnt wie atmen. Diese Menschen würden sich schon noch daran gewöhnen, dass er anders dachte, dass sein Verstand wortwörtlich anders verdrahtet war als ihr eigener. Sie brauchten nur ein wenig Zeit und Nico war schon immer ein sehr geduldiger Mensch gewesen.
    • Thomas überließ den anderen die Bühne, er war nie sonderlich aufgelegt viel zu reden und auch wenn er einen verdammt guten Überblick über den Fall hatte, so war es doch besser jeder aus seinem eigenen Spezialgebiet trug vor was er zu sagen hatte. Inzwischen musste er dennoch über die drei verdammten Abschlüsse nachdenken mit dem der junge Nicolas gerade um sich geworfen hatte, wie intelligent war dieser Junge? Und die wichtigere Frage war ob er nur Bücherschlau war, oder tatsächlich auch etwas vom Leben verstand.
      Thomas jedenfalls stand beim immer noch offenen Fenster und zündete sich noch eine Zigarette an. Während er zuhörte blies er den Rauch nach draußen, es half ihm sich zu konzentrieren. Vielleicht wäre es besser gewesen einen Kaugummi zu kauen.

      Als der Agent wieder nach vorne trat und man in den Gesichtern der Anwesenden schon ablesen konnte, dass die Konzentration praktisch nicht mehr vorhanden war, drückte Thomas gerade seine zehnte Zigarette am Fensterbrett aus.
      Die Fragen die der Profiler stellte machten durchaus Sinn, aber Thomas wusste auch, dass das nicht bei allen Kollegen so ankam.
      "Was sollen diese Fragen nach dem Warum? Er ist verrückt, deshalb macht er das. So einen Menschen kann man nicht verstehen, er ist ein Monster.", begann einer der Ermittler, ein anderer schaltete sich ebenfalls ein.
      "Wollen Sie damit sagen, dass jeder Mensch das Potential hat solche kaltblütigen Morde zu begehen? Und das nicht nur einmal, sondern über Monate hinweg? Tut mir Leid, aber die meisten Kriminellen die wegen solcher Verbrechen festgenommen werden haben schon vorher ein psychologisch auffälliges Profil gehabt und waren meist sogar in Behandlung."
      Thomas blickte zu dem neuen Agenten, er wollte sehen wie er darauf antwortete. Wenn er sowas in einem kleinen Städtchen gesagt hätte, dann wäre er jetzt schon unten durch gewesen, Philadelphia war zu seinem Glück eine größere Stadt. Trotzdem wollte niemand gehört bekommen, dass sie selbst, ihre Freunde oder Familie durchaus zu soetwas fähig wären. Kriminelle waren Monster für die meisten Ermittler, kaum Wert als Mensch bezeichnet zu werden. Es war eine engstirnige Betrachtungsweise, andererseits half es nicht an jeder Ecke einen potentiellen Fall zu sehen. Dass der Agent gesagt hatte die Wahrscheinlichkeit wäre klein, war schon bei kaum mehr einem angekommen. Und das war nicht das Einzige womit Nicolas angeeckt hatte, weswegen alles was er sagte vermutlich gleich als Angriff gewertet wurde. So wenig er von dem Jungen hielt, er würde einschreiten wenn es nötig war.
    • Nico seufzte. Natürlich verstanden sie seinen Standpunkt nicht. Er musste seine Taktik ändern und sie dem Umfeld anpassen.
      "Verrückt ist ein alter Begriff aus den Kinderzeiten der Psychoanalyse. Heute ist es hauptsächlich im alltäglichen Sprachgebrauch zu finden, nicht aber in der Diagnostik. Jemanden als verrückt zu bezeichnen macht keinen Sinn. Wen auch immer wir hier suchen, er wird psychische Probleme in großen Ausmaßen haben ja. Aber er wird sich dieser höchst wahrscheinlich nicht bewusst sein. Er ist nicht verrückt, er ist krank. Und um meine Theorie weiter zu erläutern: Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Potenzial und der tatsächlichen Tat. Wenn Sie Ihren moralischen Kompass mal außer Acht lassen, was hindert Sie daran, einen Menschen zu beißen und ihn dann bei lebendigem Leibe zu verbrennen? Nichts. Rein theoretisch stellt das kein Problem für sie dar. Das Potenzial haben sie also. Natürlich würden Sie so etwas niemals tun. Das ist der Punkt, an dem die Wahrscheinlichkeit greift. Ein Feuerwehrmann hätte schon eine höhere Wahrscheinlichkeit, weil in diesem Berufsfeld statistisch gesehen die meisten Brandstifter unterwegs sind. Dennoch wird kaum ein Feuerwehrmann eine solche Tat begehen", er deutete auf die Fotos der verkohlten Leichen, "Sie fragen sich, warum ich überall Verbrecher sehe, aber das tue ich nicht. Ich sehe das menschliche Potenzial wie es ist. Jeder hat das Potenzial alles zu tun. Mord schließt das leider mit ein. Aber wir alle wissen genug über Wahrscheinlichkeit, um sagen zu können, wer sein Potenzial in dieser Hinsicht nicht ausschöpft. Viele von Ihnen haben bestimmt schon in anderen Abteilungen gearbeitet. Jemand aus den Sexualdelikten hier?"
      Zwei Hände erhoben sich.
      "Gut. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie jemanden wegen Prostitution verhaften, der aus gutem Hause kommt?"
      Die beiden Ermittler sahen sich kurz verwirrt an, dann antwortete einer der beiden, es sei noch nie vorgekommen.
      "Sehen Sie? Wenn Sie jemanden wegen Prostitution verhaften, dann gehen sie gleich von einem gewissen Lebensumfeld aus. Meistens trifft das zu und erleichtert Ihnen die Arbeit, weil sie aus Erfahrung wissen, wo sie weiter nach Beweisen suchen müssen. Drogendelikte, jemand hier?"
      Wieder ging eine Hand hoch.
      "Wenn Sie jemanden auf der Straße aufgabeln, der unter dem Einfluss von Drogen steht, was hat er meistens genommen?"
      "Einfach so aufgabeln?"
      Nico nickte.
      "Meistens haben sie was geraucht oder sich was gespritzt."
      "Ganz genau. Gras und H sind leicht zu kriegen und verhältnismäßig günstig, wenn man bereit ist, Unreinheiten hinzunehmen. Wenn sie jetzt aber die Party eines reichen Clubbesitzers sprengen, was werden Sie dann finden?"
      "Wahrscheinlich Kokain und Pillen."
      "Sie haben es gerade selbst gesagt. Wahrscheinlich. Mit dem gleichen Wissen gehen wir an Mordermittlungen ran. Wahrscheinlich suchen wir einen weißen Mann mittleren Alters. Es gibt aber oft die Ausnahme von der Regel. Öfter, als wir sie uns eingestehen wollen. Mit meiner Denkweise schließe ich diese Ausnahme nicht aus. Wir werden immer noch nach einem Weißen suchen, keine Frage, aber sollte sich herausstellen, dass wir eine alte schwarze Dame suchen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf diesen Gedanken kommen, größer, wenn wir es nicht von vorn herein völlig ausgeschlossen haben. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich halte mir stets in Hintertürchen offen und neige dazu, aus äußerst seltsamen Perspektiven einen Blick auf die Dinge zu werfen. Sollte unser Täter aber bereits auffällig geworden sein und sich in Behandlung befinden, so werden wir mehr Erfolg mit unseren Untersuchungen haben, wenn wir wissen, warum er tut, was er tut. Das Warum ist der erste Schritt auf unserer Suche. Von dem Warum aus können wir schließen, wie dieser Mann tickt, was uns dann hilft, seinen nächsten Schritt vorauszusehen. Sie suchen ebenfalls nach dem Warum. Ihr Warum ist lediglich auf vergangene Ereignisse bezogen, während ich versuche, zukünftige zu betrachten."
      Er sah, wie sich die Zahnrädchen in allen Köpfen drehten. Er hätte schwören können, dass sie teilweise qualmten. Nico lächelte freundlich.
      "Ich glaube, diese Besprechung war ein bisschen viel für alle Beteiligten. Und da ich nicht hie bin, um Ihnen Ihre Arbeit zu erklären oder abzunehmen, möchte ich nur noch einmal meine aktuelle Arbeitstheorie erwähnen: Warum beißt er die Opfer? Warum nutzt er Feuer? Was bezweckt der Täter mit diesen Morden? Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass die letzte Frage Mittelpunkt meiner Arbeit werden wird. Sobald wir seine Beweggründe verstehen verwandeln wir diese Ermittlung aus einer Spurensuche im Wald in eine Hatz im Labyrinth."
      Damit beendete Nico seinen kleinen Vortrag. Er wusste nicht, wie weit ihm die Ermittler vertrauten oder gar glaubten. Aber er hatte seine Informationen und Gedanken geteilt, so gut es ging. Im Prinzip sollten sie ja auch nichts anders machen. Sie sollten weiterhin versuchen, einen gefährlichen und brutalen Serienkiller zu verhaften. Er war nur hier, um ihnen neue Perspektiven auf den Fall bieten zu können.
    • Thomas seufzte, der Junge hätte seine Worte durchaus besser wählen können, aber bevor noch irgendjemand etwas sagte trat er wieder hervor um die Besprechung auch offiziell zu beenden. "Na schön Leute, ihr wisst was ihr zu tun habt. Es versteht sich von selbst, dass ihr Agent Dunlop in seiner Arbeit unterstützt wenn er etwas braucht und vielleicht versuchen wir alle einen Schritt zurück zu machen und den Fall aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Auf eine gute Zusammenarbeit."
      Eher wenig enthusiastisch nickten die meisten Beteiligten und machten sich dann auf den Weg zurück zu ihrem Arbeitsplatz. Auch wenn ihre Arbeit eher darin bestand die Akten wieder und wieder durchzugehen, in der Hoffnung etwas übersehen zu haben.
      Thomas blieb mit dem Profiler alleine im Raum zurück. Er überlegte ob er seinen Auftritt gerade kommentieren sollte. Er war sicher, er wollte nicht überheblich wirken, aber auf die meisten hatte er genau so gewirkt. Und bis jetzt hatte er nur ein paar Fragen gestellt, auf die er selbst keine Antwort hatte und zu versuchen sie mit ihren Informationen zu beantworten war ebenfalls unmöglich. Es gab tausende Möglichkeiten warum die Opfer verbrannt wurden.
      "Also was nun? Wir haben kaum Informationen, keine Spuren und keine Verdächtigen bei denen wir davon ausgehen können, dass sie es wirklich gewesen sind. Und das nächste Opfer taucht bestimmt bald auf, wenn wir nichts unternehmen." Er hatte keine Ahnung wie dieser Junge aus all dem schlauer werden sollte als sie es selbst waren, aber ihm standen jedenfalls alle Türen offen.
    • Nico stand vor der Wand voller Fotos und betrachtete sie eingehend.
      "Wir haben jede Menge Informationen", antwortete er, "Wir wissen nur nicht, unter welchem Blickwinkel wir sie verarbeiten müssen."
      Er nahm alle Bilder der Leichen von der Wand und legte sie in ordentlichen Stapeln auf den Konferenztisch. Dann betrachtete er die Orte, an denen man die Leichen gefunden hatte. Es war eindeutig, dass sie dort nur abgelegt worden waren, was an sich schon ein Haufen Arbeit war, wenn man den Körper nicht noch weiter beschädigen wollte. Das war einer der Punkte, die Nico störten. Der Täter verbrannte seine Opfer, war danach aber umsichtig genug, um ihre Leichen nicht noch weiter zu zerstören, wenn er sie ablegte. Es war beinahe schon liebevoll.
      "Die Ablageorte verraten uns einiges", sagte er, "Allein die Tatsache, dass es Ablageorte sind. Ich glaube, der Täter hat einen festen Ort, an dem er seine Taten begeht. Gerade mit einer so sperrigen Mordmethode ein cleverer Schritt."
      Er wandte sich von der Wand ab und ging die einzelnen Stapel mit den Leichen durch.
      "Die Körperhaltung der Leichen verrät uns, dass sie während des Verbrennens irgendwie daran gehindert wurden, sich zu bewegen. Es ist ein Reflex, sich zusammen zu krümmen und die inneren Organe, so wie den Kopf zu schützen, wenn man Schmerzen erleidet. Die Leichen aber sind Kerzen gerade. Fesselmale gibt es keine. Also muss der Täter sie irgendwie anders ruhiggestellt haben, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Es gibt einige Medikamente, die das erreichen können, ohne das Schmerzzentrum zu blockieren."
      Nico schnappte sich einen Notizblock und schrieb alle Medikamente auf, die ihm spontan einfielen, die diese Wirkung erzielen konnten. Dann ergänzte er die Liste um einzelne Wirkstoffe, die man auch in Haushaltsgegenständen finden konnte, die in der richtigen Dosierung ebenfalls einen solchen Effekt hatten.
      "Irgendwas an dieser Tötungsmethode stört mich", sagte er, als er nun auf seinem Kugelschreiber herumkauend wieder die Leichen betrachtete.
      Er bekam Kopfschmerzen von ihrem Geruch.
      "Erzählen Sie mir von den Opfern", verlangte er dann von Detective Nash, während er zum Fenster ging, um den Geruch von verbrannten Leichen mit dem von Philadelphia zu ersetzen.
    • Thomas lehnte sich an den Tisch auf dem der Profiler vorhin gesessen hatte und auf dem immer noch der abmontierte Rauchmelder lag. Er sah auf den Rücken des Jungen während dieser sich die Fotos an den Wänden ansah und war nicht sicher, ob er nicht eher mit sich selbst sprach. Dann musste er wohl oder übel auf dem Tisch Platz machen auf dem nun die Fotos der Opfer ausgebreitet wurden.
      "Wir dachten anfangs an ein Krematorium als Tatort. Wir konnten aber keine Hinweise darauf finden, dass diese Theorie richtig ist, weder in den genutzten, noch in ungenutzten Einrichtungen.", erklärte Thomas, auch dass die Körper zum Zeitpunkt des Verbrennens still liegen mussten war ihnen bekannt.
      "Willst du damit andeuten, die Opfer sind bei Bewusstsein während sie verbrennen? Und dass sie die Schmerzen auch tatsächlich fühlen sollen?", fragte er weiter nach und blieb bei dem 'Du' bis er Anlass bekam das zu ändern.
      Thomas sah zu wie der Junge einiges aufschrieb, wusste aber nicht was.
      "An der Tötungsmethode stört dich was? An der Tötungsmethode stört mich alles, wenn du mich fragst."
      Thomas sah sich die Fotos an und tippte auf das erste Opfer das gefunden wurde. "Pam Bishops, das Erste Opfer. 43 Jahre, zwei Kinder, geschieden, Bankangestellte. Afroamerikanischer Abstammung. Wie alle Opfer haben wir sie an ihren Zahnärztlichen Unterlagen identifizieren können, die Gegend in der sie gefunden wurde war weit weg von ihrem Apartment und ihrer Arbeit. Auf dem Weg nach Hause scheint sie verschwunden zu sein, sie kam die Nacht über nicht nach Hause. Schon am nächsten Tag wurde die Leiche gefunden. Wir sind nicht sicher ob sie tatsächlich das erste Opfer ist, aber sie ist das Erste mit den typischen Bisswunden das wir gefunden haben."
      Thomas zeigte auf das nächste Bild.
      "Mark Thorne, 75 Jahre alt, Pensionist, früher mal Rettungsfahrer gewesen. Seine Frau ist vor 5 Jahren gestorben, natürlicher Tod. Wir sind nicht sicher wann er von dem Täter aufgegriffen wurde, seinem Sohn hatte ihn das letzte Mal eine Woche bevor wir die Leiche gefunden haben besucht. Das Opfer wurde ebenfalls in einer Gegend gefunden in der er im Normalfall nichts zu suchen hatte."
      Das Spielchen spielten sie mit allen 7 Opfern, Thomas kannte alle ihre Geschichten auswendig, er hatte die Akten viel zu oft gelesen. Er hatte ein durchschnittliches Gedächtnis, aber selbst er kannte schon jedes Detail.
      "Wir sehen keinen Zusammenhang zwischen den Opfern, auch nicht zwischen den Ablageorten." Sie tappten im Dunkeln, sie fanden kein Motiv und das machte die ganze Ermittlung sehr schwierig.
    • "Ein Krematorium ist auszuschließen. Diese Einrichtungen sind darauf ausgelegt, menschliche Überreste zu Asche zu verbrennen. Unser Täter nutzt normales Feuer, kein super heißes, sonst würden wir nichts finden. Ein weiterer Grund, warum ich davon ausgehe, dass das Feuer eine Bedeutung hat."
      Nico hörte sich in aller Ruhe an, was der Detective über die Opfer zu sagen hatte. Er machte sich seine Notizen und erstellte gedanklich ein Muster.
      "Es gibt Zusammenhänge. Abgesehen vom Täter hätten wir da noch die Tatsache, dass die Opfer alle an Orten abgelegt wurden, an denen sie lebend nicht unterwegs gewesen wären. Zusammenhang Nummer zwei: Sie sind alle Singles, die vorher schon einmal verheiratet waren. Alle Opfer sind geschieden oder verwittwet. Ich spekuliere mal ein bisschen: Was, wenn der Täter ein Elternteil in einem Feuer verloren hat, und das überlebende Elternteil dafür verantwortlich macht? Oder der erste Mord war der an den Eltern, indem der Täter das Haus absichtlich in Brand gesteckt hat. Hm..."
      Nico sah aus dem Fenster, während seine Gedanken sich entfalteten und immer neue und absurdere Theorien entstanden. Das war der Moment, in dem er begriff, dass er seinem Verstand eine Pause gönnen musste. Er sah zur Uhr an der Wand und erkannte, dass es ein perfekter Moment für ein Mittagessen war.
      "Wo kriegt man hier was Gutes zu essen her?", fragte er völlig zusammenhanglos.
    • "Mehr Bedeutung als nur Beweise zu vernichten?", fragte Thomas der sich immer noch nicht sicher war ob das hier überhaupt ein Dialog sein sollte.
      "Wenn die Opfer seine Eltern repräsentieren sollen, warum dann der Biss? Und warum diese für die Opfer ungewöhnlichen Orte? Versucht er die Geschichte einer Affaire zu erzählen? Das macht man normalerweise nicht in seiner normalen Umgebung und ist ein Scheidungsgrund. Der Biss passt vielleicht auch dazu?" Thomas räusperte sich als er merkte, dass er vielleicht etwas zu angetan von dieser simplen Idee war. "Nur so Ideen."
      Nicolas fragte nach etwas zu Essen und der Detective dachte sich dabei nicht wirklich etwas. Viele Menschen konnten mit vollem Magen besser denken und die Besprechung hatte so lange gedauert, dass es bereits Mittag war.
      "Wir bestellen meistens, Pizza, Asiatisch, was auch immer. Die Straße runter gibt es noch einen guten Burger Laden und einen Subway. Ein Supermarkt ist auch in der Nähe."
    • "Asiatisch klingt gut", beschloss Nico.
      Ihm gefiel, dass der Detective, der sich beinahe schon verschlossen gegenüber seinen Theorien zeigte, endlich anfing, in die richtige Richtung zu denken. Man musste offen für neue Ideen sein, so Nicos Devise. Anders sah man Dinge vielleicht niemals, wie sie wirklich waren. Und Detective Nash hatte einige gute Ideen. Allerdings war Nico nicht davon überzeugt, dass der Täter das Feuer nutzte, um seine Spuren zu verwischen. Nein, es war definitiv eine persönliche Komponente, die durch irgendetwas tieferliegendes motiviert wurde. Nico bezweifelte ebenfalls, dass sie es hier mit einem Feuerteufel zu tun hatten, denn dann hätte man die Leichen in den Trümmern abgefackelter Gebäude gefunden. Zumal die meisten Brandstifter auf den Brand aus waren und nicht darauf, Menschen zu verletzen, auch wenn sie es willentlich in Kauf nahmen. Was Nico jedoch in Betracht zog war der biblische Aspekt, Feuer als Reinigung zu verwenden. Wie das in diesen Fall passte wollte sich ihm aber noch nicht ganz erschließen. Er brauchte mehr Zeit, mehr Informationen, um eine standfeste Theorie aufzubauen und ein Profil rauszugeben. Aber jetzt stand erst einmal das Essen an.
    • Thomas brummte zustimmend auf Nicolas Wahl hin und holte sein Smartphone heraus um eine Liefer App aufzurufen. Er suchte das Restaurant heraus und reichte dem Agenten dann sein Handy damit er sich aussuchen konnte was er wollte. Nachdem das erledigt war ließ er den Jungen kurz alleine um seine Kollegen im Büro zu fragen ob sie auch etwas bestellen wollten, anschließend dauerte es nur wenige Minuten bis alles geliefert wurde.
      Thomas und sein neuer Kollege nahmen unten das Essen entgegen, anschließend führte er ihn in einen kleinen Aufenthaltsraum der auch eine Küche beinhaltete, die allerdings wohl schon hier stand seit das Revier aufgemacht wurde. Nur die Kaffeemaschine schien ein neueres Modell zu sein, was auch stimmte. Hier kochte ohnehin niemand, aber der Kaffee war ihnen heilig.
      "Es wurde ein Schreibtisch freigeräumt, aber der Konferenzsaal ist auch okay, den nutzen seit Wochen sowieso nur wir.", erklärte Thomas während er die Plastiktüten nach seinem Essen durchsuchte und auch versuchte den Rest zuzuordnen und auf dem Tisch stapelte. Er war nicht sicher ob in dem Rucksack, der aussah als gehörte er einem Kind, irgendetwas zum Arbeiten war und ob Nicolas überhaupt so etwas wie Akten anlegte.
    • "Ich denke, ich nehme den Konferenzraum. Sonst bin ich Ihnen allen nur im Weg", sagte Nico und stapelte die Kisten nach Inhalt, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Seine Nase und seine Augen leiteten ihn in dieser kleinen Übung fehlerlos. Sein eigenes Essen schob er beiseite, bis alles verteilt war. Für Asiatisch hatte er sich deshalb entschieden, weil es vorsortiert kam, wenn man die richtigen Dinge bestellte. Das ersparte ihm einiges an Zeit.
      "Ich brauche nur noch Zugang zu ihrem internen Netz auf meinem Laptop und meinem Tablet, dann kann ich mich in die Arbeit stürzen."
      Beide Geräte würde er nach dem Essen an Detective Nash weiterreichen. Er wollte keine fettigen Abdrücke auf seinen Geräten.
      "Ich bin neugierig: Für wie erfahren hielten Sie mich, als Sie mich vor ein paar Stunden das erste Mal gesehen haben?", fragte Nico und sprang auf den Küchentresen, während er sich fritiertes Hähnchen in den Mund schob.
    • Die Kollegen die ebenfalls bestellt hatten waren alle etwas argwöhnisch dem FBI Agenten gegenüber und zogen es vor bei ihrem Schreibtisch oder draußen zu essen. Thomas setzte sich mit seiner knusprigen Ente und seinen Stäbchen zum Tisch und sah zu wie der Profiler es offensichtlich vorzog keine Sitzmöbel zu verwenden. Er wollte nicht widersprechen, dass er die Anderen womöglich bei ihrer Arbeit störte.
      Thomas warf einen Blick zu dem Rucksack, darin befand sich also wohl doch etwas Nützliches. "Den Zugang können wir dann gleich einrichten.", nickte er. Seine folgende Antwort überlegte er sich kurz, aber er hatte keinen Grund nicht ehrlich zu sein.
      "Erster richtiger Einsatz erfahren. Mit so vielen Doktortiteln kann ja auch kaum Zeit für viel Anderes geblieben sein, selbst als Supergenie." Wollte Thomas überhaupt wissen wie schnell der Junge an all das Wissen geraten war? Vermutlich nicht. Seine Intelligenz war ein wenig einschüchternd.
    • Nico lachte.
      "Genauso haben sie auch gewirkt. Tatsächlich ist das mein... vierundzwanzigster Fall für das FBI. Vor ein paar Jahren habe ich bei der schottischen Polizei ausgeholfen."
      Er zuckte mit den Schultern und schaufelte eine Portion Reis hinterher. Er aß das Ganze ohne einen tropfen Sauce und nie zwei Dinge gleichzeitig.
      "Ich studiere hauptsächlich nebenher, seit meinem ersten Doktor. Fernstudium ist eine ziemlich nette Angelegenheit, vor allem, wenn man so viel rumkommt wie ich. Ich gebe zu, Neuro- und Biochemie waren ein bisschen anstrengender, weil der Abschluss erfordert, eine gewisse Zeit im Labor zu verbringen. Aber das FBI hat mir erlaubt, in ihren Forensiklabors zu arbeiten, um die Stundenzahl zu bekommen."
      Als er den verdutzten Gesichtsausdruck von Detective Nash sah, musste Nico wieder lachen.
      "Vielleicht sollte ich Ihnen doch meinen Lebenslauf in die Hand drücken, so wie sie gucken", kicherte er, "Ich habe einen IQ von 178 und zähle damit zu den intelligentesten Menschen der Welt. Insgesamt habe ich zwei Doktoren in forensischer Psychologie, zwei in Verhaltensanalyse, einen in psychologischer Diagnostik und jeweils einen in Neuro- und Biochemie. Ich habe auch aus Langeweile noch einen Abschluss in Religionstheorien und englischer Literatur, aber das hilft in meinem Beruf eher weniger. Falls es sie tröstet: Mein Kurzzeitgedächtnis ist ziemlich im Eimer."
      Für einen Augenblick stocherte Nico in seinem Reis herum.
      "Viele Menschen begegnen mir mit Argwohn. Ich weiß viel mehr als sie, obwohl ich aussehe, als sei ich gerade aus dem Kindergarten raus. Die Leute fühlen sich einerseits eingeschüchtert und andererseits sind sie eifersüchtig, weil mir alles so leicht zu fallen scheint, was in der Gesellschaft prestigeträchtig ist. So toll ist es gar nicht."
      Wieder zuckte er mit den Schultern.
      "Während andere gern fernsehen oder stricken, lerne ich. Das ist alles."
    • Thomas war nicht sicher ob er sich freute, dass der Agent so viel Erfahrung mitbrachte, oder ob ihm das nur noch mehr gegen den Strich ging. Er hatte keinen Grund sein Gegenüber nicht zu mögen und es war bestimmt kontraproduktiv, aber er konnte nichts gegen diese primitiven Gefühle tun. Er war sich auch ziemlich sicher, dass es seinen Kollegen ähnlich ging, vielleicht würde sich das mit der Zeit ändern, aber Nicolas machte es ihnen nicht leicht.
      "Statt in Büchern zu lesen wie kriminelle sich verhalten, solltest du vielleicht einmal ein Buch darüber lesen, wie du dich gegenüber anderen besser präsentieren kannst.", stellte Thomas trocken fest. Der Profiler versuchte nett zu sein, seine guten Absichten zu übermitteln und gleichzeitig zu zeigen, dass er durchaus Erfahrung hatte, aber er stellte das nicht sehr gut an. Thomas konnte darüber hinweg sehen, aber seit sie Hilfe vom FBI zugewiesen bekommen hatten, war die Stimmung im Revier noch gedrückter als ohnehin schon. Und wenn jetzt auch noch ein FBI Agent der als Kind durchging plötzlich zum Durchbruch verhalf, dann war das für viele sehr frustrierend.
      Sie begegneten dem Agenten schon von vornherein mit Argwohn und er verstärkte das Gefühl nur, wenn er so mit den anderen sprach.
      "Die allgemeine Stimmung hier ist eher gegen dich, du solltest also aufpassen was du sagst und wie du es sagst. Auch wenn du nicht hier bist um Freunde zu finden, deine Ideen und Ansätze werden besser ankommen, wenn die Leute dich mögen. Mit deinen Titeln um dich zu werfen ist nicht hilfreich, niemand hier hat studiert und erst recht keiner hat einen Doktortitel, die Mehrheit ist aber bestimmt älter als du. Sie wissen, dass du intelligent bist, sie brauchen es nicht noch einmal von dir zu hören. Sie sind gestresst und frustriert und alles was du sagst wird wenn möglich negativ aufgefasst werden, zumindest bis wir endlich ein paar Fortschritte machen. Also, warum passt du deine Parameter nicht dahingehend an niemandem auf den Schlips zu treten?"