Past Life Flashback [ Uki & Asu ]

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    • Past Life Flashback [ Uki & Asu ]

      Vorstellung
      @Ukizilla

      Eigentlich hatte Azusa Ito sein letztes Schuljahr ziemlich fest vor Augen. Von nichts ablenken lassen, einen guten Abschluss erreichen und dann schauen, welche Türen sich ihm öffnen würden. Denn im Gegensatz zu früher war er nicht mehr der niedergeschlagene Junge von nebenan. Nun hatte er Ambitionen, die er verfolgte. Folglich saß er am ersten Tag seines letzten Schuljahres mit seinem Kumpel Shun im Klassenzimmer zusammen und witzelten, was sie auf ihre Wunschlaufbahnzettel schreiben sollten. Sein bester Kumpel war ihm allerdings deutlich voraus : Shun hatte bereits ein Praktikum in einer Softwareentwicklungseinrichtung absolviert und einen Ausbildungsplatz angeboten bekommen. Azusa war sich noch unschlüssig, doch Sportwissenschaften schienen ihm gar nicht so verkehrt.
      So ignorierten die Beiden, als die Tür aufging und die Lehrerin mit einem jungen Mann die Klasse betrat. Jeder wusste, dass es sich um einen Referendar handelte, der ganz offensichtlich direkt einigen der Mädchen ins Auge fiel. Shu rollte nur mit den Augen, als das eine Mädchen sogar Schnappatmung bekam, und Azusa ignorierte ihn einfach komplett. Referendare waren schon öfter hier gewesen und dementsprechend nichts ungewöhnliches.
      Nur war es seine Stimme, die Azusa aufblicken ließ. Er hatte das Gefühl, sie käme ihm bekannt vor und als er sich den Mann genauer anschaute, erstarrte er. An die Statur erinnerte sich Azusa nicht mehr, auch die Haare waren anders, aber das Gesicht und diese Augen kannte er verdammt gut. Seit Jahren hatte er sie nicht mehr gesehen und das war das Beste, was ihm je widerfahren war. Jetzt stand er wieder vor ihm und als er sich vorstellte, hatte Azusa die absolute Gewissheit; Sein Peiniger von vor etlichen Jahren war wieder da.
      Shu bemerkte das seltsame Verhalten seines Freundes und hakte nach: "Alles gut? Du bist ein bisschen... blass?"
      Azusa reagierte erst gar nicht. Dann antwortete er: "Das ist mein Mobber von damals."
      "Das ist ein Witz."
      "Nope. Das ist er. Definitif." Sichtlich überrascht wechselte Shus Blick zwischen dem Referendar und seinem Kumpel. Azusa hatte ihm schon öfters von früher erzählt, wodurch Shu erahnen konnte, welche Gewichtung dieses Ereignisse für seinen Kumpel hatte.
      Inständig hoffte Azusa, dass Kazuki, wie sein Peiniger hieß, ihn nicht wiedererkennen würde. Natürlich wusste er, dass diese Jahre viel Veränderung mit sich gebracht hatten und sie beide verändert hatte. Als angehender Lehrer würde er sicher keinen seinen Schüler mehr piesacken, vielleicht entschuldigte er sich sogar für sein Verhalten? Aber die schlechten Erfahrungen von damals ließen den Jungen einfach nicht los. Mürrisch zog er seinen weiten Hoodie enger um sich und starrte Kazuki nicht mehr so offensichtlich an. Aller Wahrscheinlichkeit nach erinnerte er sich ja nicht mal mehr an den Fetty von damals. Zumindest hoffte er das.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Er konnte nicht mal genau sagen wieso es ihn wieder in die alte Stadt verschlagen hatte und doch stand er nun hier vor seiner alten Schule…
      Wo er studiert hatte, hatte er sich ein gutes Leben aufgebaut gehabt mit Freunden und einem sozialen Umfeld und doch hatte er die Stadt nie als eine Art wirkliche Heimat betrachtet. Immer wenn dieses Wort fiel war diese alte Stadt vor seinem inneren Auge aufgetaucht, denn hier hatte er sich früher wirklich Zuhause gefühlt. Kazuki konnte nicht mal sagen woran es wirklich lag, denn auch mit hier verband er einige schlimme Erinnerungen. Und doch hatte es ihn sehr gefreut als er von der freien Referendariatsstelle gehört hatte und auch noch das Glück auf seiner Seite gewesen war und er sie erhalten hatte.
      Leider war alles doch recht kurzfristig zu Stande gekommen und so hatte Kazuki sich erstmal ein kleines Condo geholt und gestern erst seine Kisten rüber geschafft. Dementsprechend chaotisch war der Morgen bis hierher schon gewesen und doch hatte er es geschafft geschniegelt und gestriegelt vor die Klasse zu treten nachdem er wohl eben schon das Lehrerzimmer beeindruckt hatte.
      So etwas wie Nervosität in solchen Situationen kannte er nicht und ein freundliches und gewinnendes Lächeln setzte sich auf seine Lippen, denn scheinbar hatte er schon mal die Hälfte der Klasse für sich gewonnen. „Guten Morgen, ich bin Takahashi Kazuki und ab sofort euer neuer Mathelehrer. Auch wenn ich, wie ihr sicher schon erraten habt, noch Referendar bin. Ich freue mich sehr darauf euch zu unterrichten und euch näher kennenzulernen.“
      Hier und da trat nun etwas Unruhe in die Klasse ein nachdem er sich vorgestellt hatte und doch war es einer der Jungs oder besser gesagt zwei, die ihm ins Auge fielen. Sie schauten ihn eher mürrisch an, fast so als hätte er ihnen etwas getan und Kazuki schmunzelte leicht. Vielleicht war eines der Mädchen, die ihn anhimmelten, ja die Freundin von einem. Die Lehrerin sorgte indes für Ruhe und ging dann das Klassenbuch einmal durch, ehe sie sich verabschiedete und Kazuki die Klasse überließ. Wirklich ruhig schien der Haufen immer noch nicht ganz zu sein.
      „Ich möchte doch um Ruhe bitten.“, meinte er und durchschritt sogleich den Raum um vor Azusas Tisch zum Stehen zu kommen. „So schlecht in Mathe oder etwa unglücklich verliebt? Anders kann ich mir die Miene nicht erklären. Also den Namen bitte und dann würde ich dich an die Tafel bitten. Ich habe vorhin schon eine Aufgabe angeschrieben, die du lösen kannst. Dann können wir immerhin das Erste prüfen.“ Er hatte ein freundliches und doch ziemlich kühles Lächeln aufgesetzt, dass einem fast Angst machen konnte.
    • "Auf den ersten Blick wirkt er gar nicht so scheiße", flüsterte Shu zu Azusa während sie beide ihren Tascheninhalt regelrecht auf die Tische kippten.
      Azusa erwiderte darauf nichts. Er war viel mehr damit beschäftigt, Kazukis Schuhe zu beobachten um dann mit Erschrecken festzustellen, dass sich das Schuhpaar auf ihn zubewegte. Prompt froren seine Bewegungen ein und fast hätte er aus Reflex den Kopf eingezogen.
      „So schlecht in Mathe oder etwa unglücklich verliebt? Anders kann ich mir die Miene nicht erklären. Also den Namen bitte und dann würde ich dich an die Tafel bitten. Ich habe vorhin schon eine Aufgabe angeschrieben, die du lösen kannst. Dann können wir immerhin das Erste prüfen.“
      Es dauerte ein paar Sekunden bis sich der Junge endlich rührte. In seinem Inneren focht er gerade einen Kampf aus, ob sein altes oder neues Ich gewinnen würde. So halbwegs tat's das Neue. "Seit wann darf ein nicht mal fertiger Lehrer unterschwellig anmaßende Vorfürfe unterstellen?", entgegneter er schließlich und war wohl am meisten selbst überrascht, wie fest und trotzig seine Stimme im klang. Gedanklich wäre er am liebensten direkt aus der Klasse gerannt. Aber diese Blöße konnte und durfte er sich nicht geben. "Ito Azusa heiß ich übrigens", setzte er hinterher, stand auf und maschierte zur Tafel, begleitet von den Blicken seiner Klassenkameraden.
      Es war nicht so, dass Mathe nicht sein Fach war. Auch ohne zu Lernen fiel ihm relativ viel von alleine zu und diese Aufgabe zählte dazu. Hier vorne, während er mit dem Rücken zu allen anderen stand, konnte er kurz durchatmen und sich sammeln. Das Problem war nicht hier vorne zu stehen und die Aufgabe vor anderen zu lösen. Es war dieser Referendar, den er omnipräsent hinter sich spürte.
      Shu, der gesehen hatte, wie sein Kumpel jeglichen Augenkontakt zu wem auch immer mied, hatte prompt Mitleid. Er versuchte direkt, den ersten Schockmoment etwas abzufedern. "Ich kann auch das Nächste machen. Ich hab irgendwie immer Fehler in den Rechenwegen, vielleicht sollten Sie da mal drüber gucken..."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wenn er sich nun auf der Nase rumtanzen lassen würde, dann wäre Kazuki immer der Lehrer, der sich nicht durchsetzen konnte und doch wollte er auch nicht zu hart zu seinen neuen Schülern sein. Es war immer schwer diesen Mittelweg zu finden und so focht Kazuki nun auch in seinem Inneren aus, ob er sich wirklich überhaupt auf eine weitere Diskussion mit dem Schüler einlassen wollte. „Mhm… wenn du dich so aufregst, Ito. Dann scheine ich vielleicht falsch zu liegen, aber doch irgendwie einen Nerv getroffen zu haben.“, meinte er nun mit einem leichten Schmunzeln und verkniff es sich gereizt darauf zu reagieren nicht als ganzer Lehrer angesehen zu werden. Immerhin war er auf dem besten Weg dahin und er hatte schon sehr viel erreicht gehabt. Stattdessen schwieg er nun und lehnte sich an den Türrahmen um den anderen Schülern nicht im Weg zu stehen.
      Als sich nun jedoch der Kumpel von Azusa meldete schwieg Kazuki einen Augenblick, ehe er sich umdrehte und diesen anlächelte. „Keine Ahnung wieso so viele immer Probleme mit Mathe haben, aber ich helfe dir gerne. Dafür bin ich da, jedoch… würde ich es sehr begrüßen, wenn wir Ito nun rechnen lassen und du dich das nächste Mal einfach meldest, wenn du was sagen willst.“
      Kazuki sah sogleich wieder zur Tafel zurück und seine Augen zuckten einen Moment, ehe er sich dicht hinter Azusa stellte und mit der Kreide recht weit oben etwas unterstrich. „Etwas unkonzentriert? Der Rechenweg ist gut, aber hier hast du dich beim Übertrag vertan und dadurch wäre alles falsch. Du musst besser aufpassen.“, meinte er noch immer dicht hinter Azusa, den er quasi zwischen sich und der Tafel gefangen hatte. Sicher hielt er genug Abstand, dass man ihm Nichts vorwerfen konnte und ihm war es auch nicht unangenehm, da er seinem Schüler nur einen Fehler zeigte.
    • Spätestens bei Kazukis Lächeln ging auch Shu ein Lichtlein auf, wodurch er etwas in seinem Stuhl versunk. Seine Augen folgten dem Referendar wie er zielstrebig zur Tafel schritt und für sich vermutlich völlig normal verhielt. Es beschlich den Jungen das Gefühl, dass gleich etwas passieren würde, und damit lag er gar nicht mal so falsch.
      Azusa hatte sich in der Zwischenzeit tatsächlich etwas sammeln können und schrieb fokussiert eine Zahl nach der nächsten an. Das war leicht, das bekam er hin. Trotzdem zuckte er unfassbar zusammen, als er Kazuki direkt hinter sich reden hörte und seinen Arm aus dem Augenwinkel über sich sehen konnte. Sofort brach er in Schweiß aus - es dauerte ein paar Sekunden, bis sein restlicher Körper das Signal verstand. Es war eine pure Kurzschlussreaktion, in der der Junge zur Seite ausbrach und seinem Lehrer den Arm wegschlug. Ohne aus nur einen Blick zurückzuwerfen, ergriff Azusa halsüberkopf die Flucht aus dem Klassenzimmer, den Flur hinunter bis zum Schwesternzimmer. Ihm war dermaßen schlecht, dass er sich den ersten Mülleimer schnappen musste, den er entdecken konnte, und sich mit einer nicht so schönen Geräuschkulisse übergab. Prompt alarmiert rauschte die Schwester um die Ecke. "Ganz schön knapp gewesen", bemerkte sie schlicht und holte direkt einen Waschlappen, ein Glas Wasser und einen Stuhl heran. Sie war noch nie die süße Schwester gewesen, die sich viele Kerle hier erhofft hatten. Dafür war sie viel zu direkt und pragmatisch veranlagt.
      Unsicher, ob er den Eimer abgeben wollte, lehte Azusa den Stuhl ab um sich einfach nur an die kühle Wand mit dem Rücken zu lehnen. Den Eimer hatte er sicherheitshalber zwischen seinen Beinen postiert. "Danke", meinte er und nahm ihr das Glas ab, "das kam auch ziemlich plötzlich." Er musste husten weil seine Kehle verdammt empfindlich geworden war. Zumindest konnte er hier sich was überlegen, wie er diesen pussymäßigen Abgang seinen Mitschülern erklären sollte. Durch diese Aktion hatte sein Image einen empfindlichen Knacks bekommen, doch das würde er schon wieder hingebügelt bekommen. Nur die Sache mit Kazuki war ihm völlig schleierhaft. Zu diesem Problem gab es noch keine Lösung.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mit einer Reaktion hatte Kazuki schon gerechnet, doch mit dieser sicherlich nicht. Dass Azusa seinen Arm einfach so wegschlug ließ auch ihn, ebenso wie die übrigen Schüler, für einen Moment verdutzt zurück und so konnte er nur noch hinterher schauen als sein Schüler vor ihm wegrannte. Auch wenn er nicht mal ein richtiger Lehrer war und auch wenn er nicht viel Berufserfahrung hatte, so kannte er doch einige Geschichten, aber selbst von so etwas hatte er noch nicht gehört. Wenig später hörte man die unschönen Geräusche bis ins Klassenzimmer und Kazuki wunderte sich, dass der Schüler so reagierte. Ihm konnte einfach Nichts einfallen was diesen Jungen so hatte in Panik verfallen lassen können. Nachdem er einige Augenblicke wie angewurzelt stehen geblieben war kam er wieder zu sich. Kurz überlegte er, ob er Shu nicht hinterher schicken sollte, doch immerhin war er der Lehrer und somit war das Wohl seiner Schüler seine Angelegenheit. "Ihr schreibt bitte die Aufgaben von der Tafel auf ein Extrablatt und löst sie. Jeder für sich und ich sammle es am Ende der Stunde ein.", meinte er und huschte nun raus. Er würde schauen müssen wo dieser Azusa nun hingelaufen war.
      Die Suche dauerte nicht wirklich lange und er fand seinen Schüler mit der Schwester und einem Mülleimer im Arm. "Na, wenn du die Nähe von Mülleimern so sehr schätzt...", meinte er schmunzelnd und dann wurde sein Ausdruck ernster und er ging in die Hocke neben Azusa. Nun war wohl für einen Lehrer die Zeit für Scherze vorbei und er würde ernst sein müssen. "Es tut mir leid, dass es dir nicht gut geht und ich hoffe, dass es nur eine Magenverstimmung oder etwas in der Art ist... Aber wenn dich die Nähe von anderen Menschen so nervös macht, dann solltest du dir bei dem Problem Hilfe suchen. Ich als dein Lehrer bin natürlich auch immer für dich da und hab ein offenes Ohr falls du über etwas reden willst."
    • Gerade hatte Azusa das Glas neben sich abgestellt und festgestellt, dass das flaue Gefühl in seinem Magen wieder abflaute, sprang die Tür zum Krankenzimmer auf. Drei Sekunden lang starrte er Kazuki an eher er sich den EImer zwischen seinen Beinen schnappte und sein Gesicht darin versenkte. Das war die naheliegenste Möglichkeit, zumindest niemanden ansehen zu müssen und so zu tun, als müsse er gleich wieder würgen. In Wahrheit nahm er lieber den widerlichen säuerlichen Geruch im Eimer wahr als Kazuki auch nur eine Sekunde ansehen zu müssen. Er konnte hören, wie sich der Referendar neben ihn hockte und das aller erste Mal seinen Sadismus abzulegen schien. Sogar durch sein eigenes panisches Denken erkannte Azusa, dass Kazuki wirklich keine Ahnung hatte, was hier gerade ablief. Die Situation aufzulösen erschien ihm jedoch als unmöglich.
      "Wir haben auch eine ganze Zeit lang gedacht, er sei magersüchtig", gab dann die Schwester zu bedenken und Azusa zuckte direkt zusammen. Sie würde doch nicht... "Wir haben uns ein Attest ausstellen lassen, dass er wirklich nur mit Ernährungsumstellung und Sport so viel abnehmen konnte. Wissen Sie, Ito-kun war früher extrem übergewichtig. Man hat ihn ständig gemobbt. Aber jetzt hat er sich doch richtig gut gemacht, finden Sie nicht? Ein richtiges Schnucklchen ist er geworden."
      Bevor die nervige Schwester weiterschwafeln konnte, fuchtelte Azusa mit einer Hand in ihrer Richtung, um sie zum Schweigen zu bringen. Es erfüllte glücklicherweise noch einen weiteren Zweck.
      "Ich kriege das mit dem Jungen schon hin. Nun gehen Sie wieder zu ihrer Klasse zurück, am ersten Tag sollten Sie nicht unbedingt wegen eines Zwischenfalls die Klasse allein lernen lassen", sgate sie und schob Kazuki regelrecht aus dem Zimmer auf den Flur.

      Nach Schulschluss konnte Azusa einfach nicht nach Hause gehen. Er musste den Tag erst einmal verdauen und zog mit Shu für einen kurzen Abstecher in eine Karaokebar. Das war der beste Ort, um einfach mal abzuschalten und wirklich in Ruhe gelassen zu werden. Hier fand Azusa auch das Umfeld wider, um seinem Kumpel zu erzählen was passiert war, nachdem er aus der Klasse geflüchtet war.
      Gegen frühen Abend trennten sich ihre Wege und Azusa machte sich auf den Heimweg. Er wohnte noch immer mit seinen Eltern in der gleichen Appartmentsiedlung, die für Mittelstand ausgelegt waren. Hier lagen etwas größere Wohnungen direkt neben 1-Raum-Appartments für beispielsweise Studenten. An diesem Abend musste er feststellen, dass die Wohnung nebenan nicht mehr leer stand. Jemand war dort eingezogen und würde sich vermutlich die nächsten Tage bei ihnen als Nachbar vorstellen.
      Seufzend schob er den Haustürschlüssel ins Schloss und trat ein. Er war nicht der Typ, der direkt im Flur schrie, dass er wieder daheim war. Stattdessen streifte er sich die Schuhe von den Füßen und stellte sie neben drei weiteren Paaren. Moment. Drei Paare? War der Nachbar schon da? Jetzt rief er doch hörbar: "Tadaima!" und schlurfte bis zum Wohnzimmer, wo seine Augen erst auf seine Eltern, die am Tischen saßen und dann auf besagten Nachbarn fielen. Er erstarrte an Ort und Stelle.
      "Okairi, mein Junge. Ist das zu fassen? Erinnerst du dich noch an Takahashi-san?", fragte seine Mutter und strahlte über beide Ohren. Wie es leider so häufig vorkam, erfassten Eltern manchmal nicht, wie sich Kinder untereinander verhielten. Kazuki hatte auf alle Eltern immer den Anschein gemacht, er sei der Vorzeigesohn, so höflich und umgänglich. Hinter die Fassade kam kaum ein Erwachsener, weshalb seine Eltern ihrem Sohn damals nicht mal geglaubt hatten, als er weinend vor ihnen stand. "Er will Lehrer werden und ist an deiner Schule auch Referendar. Vielleicht wird er ja dein Lehrer für das letzte Jahr!"
      "Ist er schon", entgegnete ihr Sohn trocken.
      "Das ist ja schön. So sieht man sich mal wieder. Du könntest ihn sogar direkt fragen, wenn du Hilfe brauchst. Immerhin wohnt er ja nebenan. Nicht wahr, Takahashi-san?" Noch immer strahlten sie Kazuki an, als sei der Heilige direkt vor ihr erschienen.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wenn Azusa nicht grade seinen Kopf in einem Eimer vergraben hätte, dann hätte er ganz sicher das leichte Flackern in Kazukis Augen gesehen als die Schwester ins Schwafeln kam. Auch wenn er sich immer noch nicht hundert Prozent sicher sein konnte war zumindest der Groschen gefallen, dass dieser Junge Fatty sein konnte. Da Kazuki jedoch Profi darin war sich nichts anmerken zu lassen lächelte er nur die Schwester an und nickte als sie ihn wieder in die Klasse schickte. "Sie haben sicher Recht und mein Schüler ist bei ihnen ja in den besten Händen." Er versuchte so freundlich wie möglich zu sein und mit allen Leuten auszukommen, denn immerhin würde er ja mindestens ein Jahr mit ihnen auskommen müssen. Ein "Gute Besserung" warf er noch über seine Schulter, ehe er sich in zurück in sein Klassenzimmer begab.
      Auch wenn der Rest des Tages danach weitaus ruhiger verlief, so war es doch wirklich anstrengend. Besonders die Schülerinnen gingen ihm dezent gesagt auf die Nerven, da sie versuchten private Dinge über den Referendar zu erfahren. So ein Haufen Teeniemädchen war schon eine Tortur für sich. Und um so glücklicher war Kazuki als der Feierabend anstand. Auch wenn noch erst ein Gespräch mit dem Rektor als Reflektion zu seinem ersten Tag anstand und Zuhause auch noch etliche Kisten warteten, die ausgepackt werden sollten. So kam er erst etliche Stunden nach den Schülern aus der Schule und nachdem er durch die Tür seiner kleinen 1-Zimmer- Wohnung stolperte und sogleich über einen Karton fiel beschloss er doch zu erst die Nachbarn zu begrüßen. Auch wenn er vorher hier schon gewohnt hatte, damals nicht in einer 1-Zimmer-Wohnung und noch mit seiner Familie, so würden ihn hier sicher auch etliche neue Gesichter begegnen und lieber wollte er es schnell hinter sich bringen.
      Doch nun kam eine wirkliche Überraschung auf ihn zu: Er las das Klingelschild und sogleich erkannte er den Namen. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund, ehe er die Klingel drückte und sogleich sein falsches Lehrer-Lächeln auflegte. Auch wenn sie etwas älter geworden waren, so hatten sich Fattys Eltern nicht verändert und nun wusste er, dass der Azusa wirklich Fatty war. Er unterhielt sich nun mit diesen, jedoch erklärte er nicht, dass er der neue Lehrer von Azusa war.
      Noch war er sich nicht ganz sicher wie er sich verhalten sollte und ihm ging auch viel durch den Kopf was er früher mit den Jungen angestellt hatte. Sicher war er nicht nett gewesen und heute war er anders, doch hatte er seine Gründe gehabt und es hatte damals auch Spaß gemacht, so gemein es nun vielleicht klang. Als die Tür nun aufging und Azusa hineinkam grinste Kazuki ihn wissentlich an. Sein Blick zeigte deutlich, dass er genau wusste wen er vor sich hatte. "Aber natürlich kann er gerne zu mir kommen falls er Probleme in Mathe hat. Ich helfe ihm dabei gerne damit sich heute nicht wiederholt. Auch kann ich ihm sicher bei den Vorbereitungen für die Uni helfen. Falls er auf eine Gute will, dann würde eine Empfehlung sicher helfen und ich glaube doch sehr, dass Azusa ein guter Schüler ist." Kazuki genoss es ziemlich, dass sein Schüler ihm nun so ausgeliefert war, denn dieser hatte ihm immerhin seinen ersten Tag auch nicht leicht gemacht.
    • Azusa brauchte etwas drei Sekunden bis er realisiert hatte, dass spästens jetzt bei Kazuki der Groschen gefallen war. Es sprudelten so viele Gedanken in seinem Schädel hervor, einer besser als der andere. Ihm fielen zigtausend mögliche Reaktionen ein, doch nicht eine schaffte es bis zu seinen Lippen. Alles, was er zustande brachte, war den Mund zu öffnen und sofort wieder zu schließen. Ohne auch nur ein weiteres Wort verschwand er aus dem Sichtfeld der Anwesenden im Wohnzimmer und hastete in sein eigenes Zimmer.
      Es klickte leise, als er die Tür ins Schloss fallen ließ und den Schlüssel sogar zweimal herum drehte. Seine Hand verweilte an dem Schlüssel, als sei er sich unsicher, ob die Tür auch wirklich zubliebe. Nachdem er sich ins Gedächtnis rief, dass ihm zumindest hier nichts geschehen würde, ließ er von dem mittlerweile warm gewordenen Metall ab und warf seine Tasche neben den Schreibtisch auf den Boden. Entkräftet und müde sank Azusa auf seinem Bett zusammen. Langsam spürte er die Erschöpfung in seine Knochen kriechen aber es war der Frust über sich selbst, der ihn wachhielt. Mit geballten Fäusten trommelte er auf seinen Oberschenkeln herum. Es konnte doch nicht sein, dass ihn sein altes Leben nun doch wieder einholte. Die Jahre hatten ihn verändert, und das galt sicherlich auch für Kazuki. Wäre da nicht dieses Funkeln gewesen, als würde er seine Taten von damals nicht einmal bereuen. Ihm war nicht bewusst, wie naiv und engstirnig seine Auffassung zu diesem Zeitpunkt war. Dabei hatte er sich so sehr vergenommen, das Vergangene ruhen zu lassen und neu durchzustarten. Vielleicht konnte er das ja auch, wenn er nicht ständig wie ein Strauß den Kopf in den Sand steckte.
      Das klang nach einem Plan. Er würde seinem alten Feind zeigen, dass man mit ihm keine Spielchen mehr treiben konnte. Entschlossen richtete sich Azusa wieder auf, schloss die Tür wieder auf und kam zurück ins Wohnzimmer, wo noch immer alle Beteiligten saßen. Sein Vater warf ihm direkt einen vorwurfsvollen Blick zu, seine Mutter war eher verwirrt. Kazuki ließ er vorerst außer Acht, als sich Azusa möglichst weit weg von ihm an den bodennahen Tisch setzte.
      "Ich wollte erst meine Sachen wegbringen. Sonst steht meine Tasche hier wieder im Weg rum und irgendwer stolpert drüber."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Nach dem Übergeben war Kazuki ja gewohnt, dass es recht heftige Reaktionen von Azusa auf ihn gab, aber dennoch hätte er mit einer Flucht in Azusas eigenem Haus nicht gerechnet gehabt. Sowohl Azusas Eltern als auch Kazuki waren nun vollkommen sprachlos. Sicher seine Eltern auch, weil sie noch nie verstanden hatten was eigentlich abging, doch Kazuki hingegen war ganz klar, dass er wohl doch viel mehr dem Jungen angetan hatte als er sich es eingestanden hatte.
      Der Raum hüllte sich kurz in Schweigen und es waren die beiden Älteren, die sich nun zu Wort meldeten und erstmal mit einer Entschuldigung anfingen und dann wohl möglichst schnell das Thema wechselten und ihn stattdessen fragten wie es ihm ergangen war. Kazuki antwortete höflich, doch im Gedanken war er immer noch bei Azusa und dem Verhalten von eben. So schlimm fand er seine alten Taten nicht mehr, was vielleicht auch daran lag, dass er nicht das Opfer gewesen war und auch, dass er sich nicht mehr an alles erinnerte durch seine dann selbst auftauchenden Probleme.
      Umso erstaunter war er jedoch als Azusa doch noch mal zurückkam und sich zu ihnen gesellte. „Sehr aufmerksam von dir. Du scheinst dich wirklich prächtig entwickelt zu haben.“, kam es von dem angehenden Lehrer, der ihm ein wissendes Lächeln schenkte. Er wusste ganz genau, dass dies nicht der Grund gewesen war und auch wenn er nun nicht mehr Fatty war, so konnte er sich selbst kaum zurückhalten den Jungen nicht zu necken für alle möglichen Dinge. „Wir konnten uns ja leider noch nicht viel unterhalten in der Klasse, aber du hast dich wirklich gut entwickelt. Ich hoffe, dass du nicht nur äußerlich reifer geworden bist.“ Auch wenn er es so ausdrückte als würde er vom Älterwerden sprechen, so war klar, dass er auf das Abnehmen ansprach und dabei herausfordernd grinste.
    • Azusas Lid zuckte. Er mochte nun zu viel in jedes Wort interpretieren, das Kazukis Lippen verließ, aber alles wirkte auf den Jungen wie ein Angriff. Noch gab er sich die größte Mühe, diese Gedanken nicht nach außen zu tragen. "Immerhin wird man auch älter mit der Zeit. Vielleicht sieht man dann auch ein, was für einen Mist man früher gebaut hat." Das Spiel konnte er auch mitspielen.
      Innerlich stellte er sich schon darauf ein, mit ähnlichen Wortgefechten weiterzumachen. Es waren jedoch seine Eltern, die dazwischen grätschten. Beide Elternteile hatten kurz zuvor etwas verunsichert zwischen ihrem Sohn und Kazuki hin und her geblickt bis sie sich entschieden hatten, die Situation hoffentlich auflösen zu können.
      "Takahashi-san, Sie sind doch gerade erst nebenan eingezogen. Unser Sohn könnte Sie doch begleiten und Ihnen etwas beim Auspacken helfen, wenn das nicht zu aufdringlich ist. Auf gute Nachbarschaft und schon mal als Dank, wenn Sie Azusa helfen können."
      Danach herrschte etliche Sekunden lang Stille. Azusa starrte Kazuki mit geweiteten Augen an, die regelrecht Nein schrien. Just in diesem Moment sah er eine Erkenntnis in den Augen seines Gegenübers aufblitzen und das Grinsen bekam leicht diabolische Züge. Eigentlich wollte Azusa gerade zu einer Verneinung ansetzen, doch dann sah er seine Eltern an, die ihren Entschluss gefasst hatten und ihren Sohn in seine Rolle zwängten. Resginiert gab er auf weil er um die Aussichtslosigkeit seiner Gegenwehr wusste.

      Ein paar Minuten später stand Azusa mit dem Rücken an der Tür im Flur von Kazukis Wohnung. Er würde sich keinen einzigen Schritt hier wegbewegen und wenn er Stunden hier stehen müsste. Er war froh, dass er noch immer seinen weiten Kapuzenpulli und seine Straight Jeans trug. Seine Eltern hatten ihm geraten, doch bequemere Kleidung anzuziehen, unterließen den Versuch jedoch als sich ihr Junge vehement sträubte.
      "Ich rühre hier kein Stück an, sorry", gab er Kazuki zu wissen ohne ein Fünkchen Reue.
      Er wusste genau, wie erbärmlich er gerade aussehen musste. Die Schultern hochgezogen, den Blick starr nach vorn gerichtet und die Arme defensiv vor seinem Torso verschränkt. Azusa war alles andere als nicht hilfsbereit, aber er fühlte sich gerade wie ein Schaf, dass man in ein Löwengehege gesperrt hatte. Dass der Tag noch schlimmer werden konnte hatte er sich beim Aufstehen nicht ausmalen können.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Er konnte es nicht ganz klar in Worte fassen, aber definitiv war es interessanter mit dem "neuen" Azusa. Die Widerworte stachelten Kazuki förmlich an und er war Feuer und Flamme für das Wortgefecht. Auch war es nicht nur Freunde, sondern sein Ego ging auch etwas in den Selbstverteidigungsmodus. Es würde sicher spannend werden, doch als sich nun die Älteren einmischten wurde ihm erst bewusst, dass er dabei seine coole Fassade vergessen hatte und kurz fast sein altes und wirkliches Ich gezeigt hätte. Er räusperte sich und nachdem er sich kurz gefasst hatte beschloss er, dass eine Entschuldigung nur wie ein Schuldeingeständnis wäre. So schwieg er nur und bedankte sich kurz für die ihm angebotene Hilfe. Seine Augen funkelten, denn sie verrieten zu gut, dass sie dann beide alleine sein würde. Azusa wäre ihm nun wieder einfach ausgeliefert und quasi egal was er machen würde, so würde ihm sicher keine glauben wie gemein Kazuki sein würde. In ihm stieg die Freude förmlich hoch, auch wenn er eben noch gezweifelt hatte daran wie es wohl werden würde. Sein neues Ich wollte sich ja benehmen und ein netter Lehrer sein, aber die Gegenwehr machten es doch irgendwie spannend.

      Wenig später stand nun wirklich sein Schüler in seinem Hausflur und sträubte sich etwas anzufassen. Da die Tür nun ins Schloss gefallen war waren sie nun alleine und niemand würde wissen was hier los war. Noch stand er mit dem Rücken zu ihm, doch als Kazuki die Worte hinter seinem Rücken hörte drehte er sich langsam um mit einem eiskaltem Grinsen. "Ach ja? Dann werde ich wohl leider mit deinen Eltern reden müssen, wobei..." Langsam ging er zu Azusa und kam ihm immer näher ehe sie nur wenige Zentimeter trennten. "Es gefällt mir, dass du dir scheinbar endlich ein paar Eier hast wachsen lassen. Ich kann aber auch mal nachsehen, ob dem echt so ist oder du nur so tust. Bist du etwa ein starker Kerl geworden oder tust du nur so hart?" Endlich würden sie ohne Einmischung nun ausdiskutieren können und Kazuki freute sich schon drauf.
    • Sofort versteiften sich Azusa Schultern, als Kazuki sich ihm näherte. Mit der Tür im Rücken fiel es ihm deutlich leichter, nicht einfach einzuknicken und zumindest noch den Anschein zu erwecken, dass ihn die Situation nicht kümmerte. "Eine Anzeige wegen Belästigung eines Schülers wird niemand einfach infrage stellen", bemerkte der Junge nüchtern. Er hatte sich ja informiert.
      Nichtsdestotrotz kostete es ihn seinen eisernen Willen nicht die Gelegenheit zu nutzen und einfach nach seinem Gegenüber zu schlagen. Würde man seine Oberarme nun sehen, könnte man die vor Anstrengung zuckenden Muskeln erkennen. Schlussendlich konnte er den Refelx jedoch nicht mehr unterdrücken und musste seine verkrampften Muskeln lösen. So löste der Junge das Problem, indem er an Kazuki seitlich vorbeischlüpfte und ihn dabei mit einem Arm zur Seite schob. "Ich würde ja meinen, dass ein Erwachsener sich nicht mehr auf das Level eines pubertären Rowdies begeben sollte", setzte er stattdessen hinterher und hatte sichlich Mühe, sich nicht umzudrehen und zu schauen, ob Kazuki ihm direkt auf den Fersen war.
      Darüber im Klaren, dass er seine Mimik nun nicht mehr kontrollieren musste, huschten seine Augen hektisch von links nach rechts. Inständig betete er, dass er die Formulierung seines Lehrers nur falsch aufgefasst hatte und er nicht wirklich auf dumme Ideen kommen würde. Ihn war vorhin bereits ein elektrischer Schlag durchzuckt, als er ihn einfach weggeschoben hatte. Wie fast nichts anderes mied Azusa den körperlichen Kontakt zu anderen. Zum einen, weil ihm immer noch eine Hemmschwelle umgab und zum anderen, da er sich unnützerweise als ekelig empfand. Und daran war der Mann hinter ihm nicht unschuldig gewesen.
      Um seine gedankliche Unruhe zu kaschieren, redete Azusa einfach drauf los: "Wieso bist du eigentlich wieder hierher gekommen? Und dann auch noch in so eine kleine Absteige. Verdienen Lehrer nicht gut? Und solltest du nicht längst irgendeine Frau haben, die dich umsorgt oder so? Oder will dich keine wegen deines schlechten Charakters?" Die Zeit der Höflichkeiten und Verstellung war mit einem Paukenschlag vorbei.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ihm gefiel der Anblick eines vor Angst erstarrten Azusas. Es hatte etwas gemein mit einem Kaninchen im Angesicht einer Schlange und das Lächeln auf seinen Lippen wurde immer diabolischer. Auch zuckte er kein bisschen als dieser ihm drohte damit ihn wegen Belästigung anzuzeigen. So leicht wäre es sicher nicht und auch war es immer noch Fatty. Zwar schien sich der Junge weiterentwickelt zu haben, und dies nicht nur äußerlich, doch noch immer ging in Kazukis Augen keine Gefahr von ihm aus. So ließ er ihn nun entwischen oder zumindest hinderte er ihn nicht daran, denn immerhin floh er auch noch nur weiter in die Wohnung hinein. Leise lachte er und seine Schultern bebten etwas, da er versuchte nicht laut zu lachen. „Manchmal ist es doch lustig.“, meinte er auf die Aussage des Anderen zu seinem Niveau. Solche Worte konnten ihn aus dem Mund des Jüngeren nicht verletzten.
      Kazuki lehnte sich nun ruhig an die Tür während Azusa immer weiter in die Wohnung huschte wie ein Kaninchen mit der letzten Kraft und dem letzten verzweifelten Fluchtversuch. Er hatte keine Ahnung wieso, aber irgendwie machte es ihn schon an jemanden ihm so ausgeliefert und zugleich so in Panik wegen ihm zu sehen. Leise verriegelte er die Tür und folgte nun Azusa weiter in die Wohnung. Die nächsten Worte jedoch ließen ihn stocken und einen Augenblick verdutzt schauen. „Da stehst du und tust so als würdest du mich hassen und auf der anderen Seite bist du so neugierig wegen meinem Leben? Sag mir doch lieber: Hast du überhaupt schon mal ein Mädchen geküsst? Jemand sanft die Konturen deines Körpers nachgefahren? Dir zärtlich die Worte „Ich liebe dich.“ zugeflüstert? ... Oder bist du immer noch der kleine verstörte Fatty, den man nicht mag und der sich selbst sogar noch mehr hasst als die Welt um sich rum?“ Nun konnte er sich nicht mehr zurückhalten und fing laut an zu lachen. „So ein Loser und dies sogar nach all den Jahren und um deine Angst zu beruhigen: Ich bin verlobt und diese Wohnung nur vorübergehend. Außer du willst mich unbedingt weiterhin in deiner Nähe haben?!“
    • Kazukis Lachen traf Azusa mitten ins Mark. So sehr es in dieser Situation nötig gewesen wäre, seinen Peiniger mit festem Blick entgegenzutreten - er war noch nicht so weit. Folglich gab er sich Mühe, die Worte an seiner gedanklichen Mauer abprallen zu lassen. Es gab jedoch einen gravierenden Unterschied zu seinem damaligen und jetzigen Ich. Einen, den Kazuki vermutlich nicht direkt abschätzen konnte. Früher hatte Azusa einfach den Kopf eingezogen und war in sich gekehrt. Dies konnte man nun auch noch erkennen, so wie er inmitten des Raumes stand, die Schultern hochgezogen und den Blick gesenkt. Er hatte sich weiterentwickelt und das zeigte sich nun in der Flucht nach vorne.
      "Hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, wie beschissen Kinder sein können?" Dieser Satz kam leise und kühl über seine Lippen ehe er sich umdrehte und mit geballten Fäusten die Haustür in Kazukis Rücken anzustarren, da er seinen Blick nicht kreuzen konnte.
      "Deinetwegen bin ich jetzt dieses nervliche Wrack und ich versuch' mit aller Kraft, das alles zum Besseren zu ändern. Ich hab versucht mir einzureden, dass du nicht mehr dieses Arschloch von damals bist, weil Kinder eben scheiße sind. Aber jetzt tauchst du hier einfach wieder auf und willst da weitermachen? Ganz bestimmt nicht!" Seine Stimme wackelte in Angesicht der zahllosen Emotionen, die scheinbar gleichzeitig in ihm hoch kochten. "Mein Äußeres krieg' ich auf die Kette, wie du sehen kannst. Aber der psychischen Knacks... Egal. Was ich auf alle Fälle nicht mehr bin, ist ein gottverdammter Loser, du arrogantes Stück Abfall."
      Azusa selbst war erstaunt, wie erleichtert er urplötzlich war. Dieser Ausbruch seiner angesammelten Spannung über Jahre schien sich kurzzeitig entladen zu haben. Da sollte noch einmal jemand behaupten, es brächte nichts, seinen Peiniger zu beleidigen und sich den Frust von der Seele zu schreien. Denn das war genau das, was gerade passiert war. Von kühl, zu schreiend bis hin zu Genugtuung war gerade alles dabei gewesen.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Im ersten Moment zuckte Kazuki nicht mal mit der Wimper. Sein Lächeln blieb standhaft auf seinen Lippen und er versuchte eher noch Blickkontakt mit Azusa herzustellen. Jetzt fühlte er sich noch überlegen und dachte, dass sein ehemaliges Oper weiter vor ihm fliehen würde. Was dann jedoch folgte hätte er sich nie vorgestellt. Wenn auch noch fast zaghaft und definitiv noch mit etwas Angst drehte sich der Jüngere zu ihm um und bat ihm die Stirn. Scheinbar war Azusa doch gewachsen und stärker geworden, doch dies ließ Kazuki immer noch recht kalt. Langsam jedoch fing die Fassade an zu bröckeln und seine Mundwinkel zuckten immer wieder auf Grund der Emotionen, die nun in ihm arbeiteten. Hier stand er nun und musste sich in seiner Wohnung von seinem ehemaligen Mobbingopfer sonst was anhören. Eigentlich hatte er schon damit gerechnet seinen Opfern und besonders Azusa wieder zu begegnen und auch mit einem Kontra hatte er auch gerechnet, doch die Worte „arrogantes Stück Abfall“ waren es, die ihn nun ausrasten ließen.
      Es war als hatte sich ein Schalter in seinem Kopf umgelegt und er handelte nun definitiv bevor er dachte. Recht unsanft, doch zum Glück nicht mit voller Wucht, schubste er Azusa gegen die nächstbeste Wand und hielt ihn dort an seinem Hemdkragen fest. Kazukis Augen funkelten finster und mordlustig und doch auch ein wenig verletzt. „Ich kann nicht ändern was ich getan habe, aber du hast nicht das Recht mich arrogant und Abfall zu nennen. Was weißt du denn überhaupt? Ist es nicht viel eher arrogant und selbstgefällig, dass du denkst, du hättest eine Ahnung wer ich bin? DU WEIßT GARNICHTS!!!“ Es war nicht nur seine Stimme, sondern sein ganzer Körper, der förmlich bebte als er Azusa nun fast von sich stieß. „Raus hier… und du musst nicht wieder kommen…“, flüsterte er nun und wand sich ab von seinem Schüler.
    • Es war das erste Mal, dass Azusa Opfer von körperlicher Gewalt wurde. Seine Schulzeit hatte er bislang ohne Raufereien überstanden, schlau wie er war hielt er sich aus den meisten potenziellen Gewaltherden einfach heraus. Aber nun fand er sich grob gegen die Wand geschubst wieder und schluckte, als Kazuki ihn am Kragen packte. Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben und er bereute urplötzlich seinen Ausbruch furchtbar. Besonders, da er sich eingebildet hatte, einen schmerzlichen Funken in den Augen seines Gegenübers entdeckt zu haben. In seinem Augenwinkel konnte er wahrnehmen, dass er nicht mehr der einzige war, dessen Körper bebte.
      Dann stieß Kazuki Azusa von sich, was ihnen beide Luft zum atmen gewährte. Verloren stand der Junge im Raum, unschlüssig zu verarbeiten, was hier gerade geschehen war. Er erinnerte sich vage, dass Worte früher bei seinem Peiniger keinerlei Reaktion ausgelöst hatten. In seinem Gedächtnis war Kazuki der Junge gewesen, dessen Haut so hart wie Eisen war und der nur das tat, was ihm Spaß bereitete. Bis jetzt hatte Kazuki auch genau in dieses Bild gepasst, doch seine Reaktion jetzt sagte etwas völlig anderes aus. Es dauerte ein paar Sekunden ehe Azusa begriff, dass es vom Prinzip her genau das gleiche war, wie er vorhin die Flucht nach vorn angetreten hatte. Sein jugendlicher Leichtsinn, seine Verletzlichkeit, hatten ihm die Möglichkeit geraubt zu erkennen, dass auch andere Menschen um ihn herum sich in Nuancen wandeln konnten.
      Er biss sich auf die Unterlippe, nachdem er all dies realisiert hatte. Nun hatte er die Wahl. Entweder, er ließ es so stehen und tat wie ihm geheißen war, oder er machte endlich einen weiteren Schritt nach vorne auf die Gefahr hin, doch ins Messer zu laufen. Innerhalb der nächsten Sekunde hatte er seinen Entschluss gefasst.
      Mit einem dumpfen Laut begab sich Azusa auf die Knie, platzierte seine Handflächen auf den Boden und senkte den Kopf.
      "Entschuldige. Ich hätte nicht solche Worte benutzen sollen. Das war unangebracht..."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Sein Körper bebte förmlich und seine Gedanken kreisten nur darum, dass er wirklich einen Schüler tätig angegriffen hatte. Egal was gewesen war und auch nun war, so etwas hätte nicht passieren dürfen und es könnte ihn alles kosten. Der angehende Lehrer war fassungslos, dass ausgerechnet Fatty ihn so hatte reagieren lassen. Noch immer stand der Junge wie angewurzelt da statt der Aufforderung nachzukommen ihn in Ruhe zu lassen. Kazuki schwankte. Zu gerne wäre er nun alleine und doch wollte er grade nicht weiter mit Azusa reden oder ihn gar ansehen, denn sonst würde er sich sicher wieder vergessen. Vielleicht sollte er sich entschuldigen und dadurch versuchen das Blatt noch zu wenden. Jedoch standen seine Chancen dafür sehr schlecht, denn immerhin schien der Jüngere so sauer auf ihn zu sein, dass so etwas wie "verzeihen" scheinbar nicht in seinem Wortschatz neben "Kazuki" stand.
      Der Referendar seufzte und wollte sich nun Azusa stellen als er hinter sich eine Bewegung wahrnahm und kurz danach die Entschuldigung hörte. Seine Augen weiteten sich und er starrte auf den Jungen hinab, der nun vor ihm kniete. "Wie..." Nun war er sichtlich verwirrt und sprachlos. Sein altes Ich wollte schon einen dummen Spruch bringen, doch sollte er wohl jetzt lieber froh sein so glimpflich davon gekommen zu sein. Außerdem war er müde. Er hatte Kopfschmerzen, denn auch an ihm war diese Situation wirklich nicht spurlos vorbei gegangen. Er holte tief Luft und strich sich durch die Haare. "Lassen wir es gut sein. Du solltest vielleicht wirklich zu deinen Eltern zurück. Ich schaffe die Kisten schon auszuräumen...und vergiss die Hausaufgaben nicht." Kazuki selbst würde sich nachher früh hinlegen, denn Azusas Worte hatten in ihm die Vergangenheit auch wieder aufgewühlt.
    • Das einzige, was Azusa in diesem Moment zustande brachte, war ein wortloses Nicken. Innerhalb weniger Sekunden danach war er schon aus der Wohnung geflüchtet, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Zu mehr war er nicht mehr in der Lage. Diese Aktion hatte ihn sämtliche Willenskraft gekostet.
      Es dauerte Ewigkeiten bis sich der Junge halbwegs beruhigt hatte. Mit seinen Eltern hatte er kein Wort gewechselt, das Essen ausgeschlagen und war direkt in sein Zimmer verschwunden, das er hinter sich abgeschlossen hatte. Sein Handy hatte er auf Flugmodus gestellt, sämtliche Medien waren ausgeschaltet. Wie eine Flunder lag er halb unter seiner Bettdecke auf dem Bauch, den Kopf auf dem Kissen zur Seite gedreht und starrte aus dem Fenster hinaus. Egal wie er es drehte und wendete, er hätte den angehenden Dozenten jetzt eigentlich voll im Griff. Er war ihm gegenüber handgreiflich geworden und vermutlich war das Realisieren dieses Umstandes der Grund, warum Kazuki ihn einfach rausgeschickt hatte. Trotzdem fand Azusa keinen Stolz in seinen Taten, auch wenn er ein Stückchen über seinen Schatten gesprungen war.

      Am nächsten Morgen hatte Azusa Shu von dem Vorfall auf dem Weg zur Schule erzählen müssen. Ausgewachsene Augenringe fröhnten ihr Leben in seinem Gesicht, sodass seinem Kumpel gar nichts anderes übrig geblieben war als nachzufragen. Seine Reaktion war dementsprechend.
      "Das ist hart."
      Azusa hatte nur kurz gelacht bevor er wieder in seine nachdenkliche Miene verfiel. Er wusste nicht, ob sich dieses Ereignis nun positiv oder negativ auf die Beziehung zwischen ihn und Kazuki wirken würde. Vorerst blieb ihm nichts anderes übrig als abzuwarten. Darin war er wenigstens gut.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Nachdem die Tür hinter Azusa ins Schloss gefallen war sank Kazuki zu Boden und holte erstmal tief Luft. Er konnte sich nicht erklären was grade in ihn gefahren war und wieso er sich hatte dazu hinreißen lassen den Jüngeren so anzugehen. „Es ist aus… es ist aus…“, fing er nun an einige Male in die noch fast leere Wohnung zu murmeln, doch ein Zurück gab es nun mal nicht mehr und diese Worte und seine Reue würden das Ganze auch nicht ungeschehen machen können. Ihm blieb also nichts weiter übrig als seine Tat zu akzeptieren und abzuwarten, ob Azusa ihn nun verpetzten würde. Bei dem Gedanken schauderte ihm es schon etwas, jetzt wo er alleine war konnte er ja auch ruhig offen sein mit seinen Gefühlen, denn immerhin stand wirklich alles für ihn auf dem Spiel. Damals war es ihm egal. Wenn man ihn verpetzt hätte, dann wäre Nachsitzen die Folge gewesen, doch nun als Erwachsener standen ganz andere Sachen auf dem Spiel und man erwartete von „Erwachsenen“ auch immer, dass sie nicht impulsiv handelten, wenn man sie reizte.
      Noch immer saß er auf dem Boden und hielt sich die Hand vor den Mund, während er nur ins Leere starrte. So leicht würde es nicht werden und er beschloss sich morgen eine Strategie überlegt zu haben. Für heute würde es nichts mehr werden, so sein Gedanke und er schlurfte nur mühsam ins Bett. Leider brachte dies ihm auch nichts und der Plan war hinfällig, denn die Geschehnisse ließen ihn nicht schlafen und immer wieder kreisten in seinem Kopf die Möglichkeiten was ihn morgen erwarten würde und dabei sah es selten gut aus.

      So war es auch kein Wunder, dass er mit ebenso auffälligen Augenringen in der Schule umherschlich wie Azusa, den er schon gleich an Eingang abfing. Er hatte sich von gestern erholt und sein Kraft wiedergefunden. Nun hieß es ganz klar: Angriff nach vorn! „Guten Morgen ihr zwei. Azusa, wir müssen reden.“, kam es von ihm mit einem gefährlichen Lächeln. „Ich wollte dich ungerne ausrufen lassen und dachte, dass ich dich lieber so einsammle und mit in einen der Besprechungsräume nehme. Natürlich nur, wenn es dir recht ist.“ Ohne auf eine wirkliche Antwort zu warten drehte er sich um und ging schon mal voraus. Wenn der Schüler ihm folgen würde, dann würden sie reden können und dann würde es sich entscheiden wie es weiterging. Wenn er nicht folgen würde, dann würde es sich hoffentlich auch ergeben.