The Enchanter [Asu&Pumi]

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    • The Enchanter [Asu&Pumi]

      "Hey Matt!"
      Matthew Willingham sah von seiner Arbeit auf. Sein engster Freund Liam bedeutete ihm, rüber zu kommen, also legte er den Pinsel beiseite und stand auf. Liam deutete auf ddn Bildschirm seines Laptops. Anstatt des Charakterbogens, denn Matt zu sehen erwartet hatte, zeigte der Bildschirm die binte Seite eines Online-Shops für Tabletop Spiele.
      "Die sehen doch super aus, oder?", fragte Liam und zeigte seinem Freund die verfügbaren Bilder zu rinem Würfelset.
      Matt schüttelte nur den Kopf und hob die Hände. Er formte einige Zeichen und Liam seufzte.
      "Du hast ja Recht. Ich habe genug Würfel und genug anderes zu tun."
      Matt packte Liams Hand, als dieser den Mauszeiger auf den KAUFEN Button lenkte. Liam grinste.
      "Macht der Gewohnheit."

      Nachdem die beiden den ganzen Nachmittag und auch Großteile des Abends damit verbracht hatten, ihre neusten Miniaturen zu bemalen und neue anzufertigen, machte sich Matt irgendwann auf den Weg nach Hause. Eigentlich hatten sie heute eine Runde spielen wollen, aber wenn die Hälfte der Gruppe unterwegs oder krank war, dann lohnte sich sowas nicht.
      Auf seinem Weg durch die dunklen Straßen kam er wie immer durch das Ladenviertel. Aber heute war etwas anders. Er konnte den Finger nicht genau darauf legen, aber es war... anders. Matt folgte einem bekannten Gefühl, dass ihm bisher stets unglaubliches enthüllt hatte. Er wollte auch heute wissen, wohin es ihn führen würde.
      Er ging durch Straßen, die er bisher nie wirklich beachtet hatte. Das Gefühl wurde stärker und schließlich stand er in einer schmalen Gasse, die älter war als der Rest des Viertels, gut zu erkennen an der Architektur der eng beieinander stehenden Gebäude und dem robusten Kopfsteinpflaster auf dem Boden. Die Gasse war nicht besonders gut ausgeleuchtet, dennoch konnte er erkennen, was die Läden hier feil boten. Nichts wirklich interessantes. Ein Laden allerdings zog ihn mehr an als die anderen. Er war gefüllt mit altem Krimskrams, soweit er das durch das Schaufenster erkennen konnte. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass dieser Laden etwas besonderes war. Für heite Nacht beließ er es aber bei einem neugierigen Blick durch das Glas ins Innere des Ladens.

      Einer der Vorteile der freischaffenden Arbeit von Zuhause war, dass man sich seine Zeit so einteilen konnte, wie man wollte. Dazu kam, dass Matt das Talent besaß, sich auf Dinge konzentrieren zu können, wie kaum ein anderer. Wenn er wollte, konnte er einen ganzen Comic einfärben, an nur einem Wochenende! Auch jetzt lag er weit vor seinem Zeitolan, weswegen er diesen Freitagmorgen dazu nutzte, sein gestriges Abenteuer weiter zu verfolgen.
      Er suchte sich seinen Weg durch das Geschäftsviertel, fand die alte Gasse und folgte dem Weg. Bei Tageslicht gefiel es ihm hier viel besser. Die sanften Brauntöne passten viel besser zu diesem Ort als die Grautöne der Nacht. Sie ließen es freundlicher und offener wirken.
      Er fand den Laddn von gestern und betrachtete noch einmal die Ausslage durch das Schaufenster. Schließlich gab er seinem Gefühl nach und betrat den Laden.
    • Es begann immer mit dem hellen Klingeln der kleinen Glocke, die sich oberhalb des geschnitzen hölzernen Türrahmens befand. Durch diese Tür traten Menschen in den Laden, denen meistens ein Wunsch oder ein Leiden auf der Seele brannte. Denn in der heutigen Zeit, die geprägt ist von Effizienz und Zeitdruck, verloren viele das Auge für die wiirklich kleinen Dinge. Immer mehr Handwerke verschwanden Tag für Tag aus den Gassen dieser Welt, da immer weniger ihren Wert schätzten. Und genau hier hatte sich das Engravers eingenistet, ein kleiner Laden, der Gravuren und Schmuckstücke jeglicher Art anbot. Sein Besitzer, Finlay Morrison, führte das Geschäft seit je her in völliger Einsamkeit und es wirkte manchmal so, als lebe er nur für seine Arbeit.
      Was genau genommen auch stimmte.
      Finlays dunkle Augen hoben sich von seiner Kaffeetasse, während er in einem der zwei Sessel saß und auf Kundschaft wartete. Zur Tür herein kam ein jüngerer Mann mit Brille, auch er zeigte deutliche Spuren von zahllosen durchgemachten Nächten. Sein helles Haar stand wirr von seinem Kopf ab, eine schwarze Ledertasche klemmte unter seiner Achsel. Er sah aus, wie diese Art von Kunden, die spontan in einen Laden gingen und sich dort umschauten, selbst wenn sie eigentlich etwas gänzlich anderes vor hatten.
      "Möchten Sie sich setzen?", fragte Finlay und deutete mit einem Finger auf den zweiten Sessel.
      Der Mann schien verwirrt. "Ich dachte, sie haben hier Auslagen..."
      Finlay lächelte. Auslagen hatte er noch nie gehabt, dafür waren in fast allen Büchern, die in den Regalen an den Wänden standen, gefüllt mit Werken, die er einst angefertigt hatte. Er war anders, wie die meisten Verkäufer und erzeugte dadurch auf den ersten Blick einen etwas merkwürdigen Eindruck. "Ich kann Ihnen auch gleich etwas zeigen, kein Problem. Aber erzählen sie mir doch erst einmal, um was es geht."
      Der Kunde zögerte einen Augenblick, ehe er sich auf dem Sessel gegenüber niederließ und die Tasche auf seinen Schoß zog. Seine Fingerspitzen waren leicht geschwärzt und er hatte hier und da kleine Schnitte an den Händen. Er war außerordentlich blass - vermutlich ging er eher selten nach draußen oder sein Beruf behielt ihn den Großteil der Zeit in geschlossenen Wänden.
      Er kratzte sich am Hinterkopf, als er gedehnt sagte: "Eigentlich schaue ich ja nur... Inspiration fällt einem bekanntermaßen auch zufällig zu. Ich bin gerade in einer Schaffenspause, ich schreibe Romane. Aber in letzter Zeit geht mir die Kreativität aus und naja... Das Geld wird langsam knapp."
      Finlay nahm einen Schluck von seinem Kaffee, während er den Kunden musterte. Sobald er mit ihnen ein Gespräch anfing, erzählten sie ihm fast alles. Und nach diesem Eindruck und was er erfuhr, fertigte er das, was seine Kunden insgeheim sich wünschten.
      Nun stellte er die Tasse neben sich auf den kleinen Beistelltisch, um zu der Theke zu gehen und einen Block mit Bleistift zu holen. Nachdem er zurückgekehrt war und sich wieder gesetzt hatte, fing er an, beiläufig etwas zu skizzieren. "Haben Sie schon mal davon gehört, dass Steine eine besondere Wirkung haben? Ich weiß, Esotherik und dergleichen wirkt nicht sonderlich überzeugend, aber man braucht ja nicht alles direkt abzulehnen, wenn es keine wissenschaftliche Beweise gibt."
      Durhcaus interessiert beobachtete der Kunde, wie Finlay mit schnellen präzisen Zügen etwas aus dem Nichts erschuf und unverwand den Block zu ihm drehte. Darauf zu sehen war ein ovales Gebilde, das Linien ähnlich keltischen Knoten besaß. Diese Linien schienen so zufällig, dass man fast ein gewolltes Konstrukt dahinter sehen könnte. "Das wäre ein Chalcedon, den Sie mit einer einfachen Schlangenkette dezent um den Hals tragen könnten. Er ist der Rhetoriker unter den Steinen." Ein Lächeln umspielte Finlays Lippen als er sah, dass sich der Kunde regelrecht in die Zeichnung verliebt hatte. "Ich nehme also den Auftrag an?"

      Finlay kehrte zu seinem Sessel zurück, nachdem der junge Autor den Laden verlassen hatte. Sie hatten noch grobe Formalitäten geklärt, wie Größe des Steines und Länge der besagten Kette. Fein säuberlich hatte er sich alles notiert, ebenso wie die Handynummer des Autors, damit er ihm bei Fertigstellung Bescheid geben konnte.
      Gerade hatte sich Finlay gesetzt, da klingelte es schon wieder. Nun doch etwas überrascht fixierte er die Tür, durch die wieder ein junger Mann das Geschäft betrat. Sofort fielen ihm die Narben im Gesicht des Mannes auf, was ihn zum ersten Mal seit langem etwas stutzig machte. Irgendwie passten diese Zeichen der Vergangenheit nicht zu der Ausstrahlung des Mannes. Automatisch rückte er einen Ring an seinem linken kleinen Finger zurecht, als würde der Eindruck etwas mit dem Ring zu tun haben. Doch professionell wie er war, kehrte er direkt wieder zu seinem normalen Ablauf zurück. "Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen? Setzen Sie sich doch."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Laden war alles andere, als er erwartet hatte. Ja, hier war allerhand Krimskrams und auf den ersten Blick wirkte es schon beinahe wie der schlechte Versuch eines Antiquitätenladens, aber Matt hatte ein Auge für Details: dieses Chaos folgte einem System. Zugegeben ein seltsames, aber die Ordnung der Dinge war zu erkennen. Musste ein sehr persönliches System sein, dass waren meistens die verwirrendsten. Matt war begeistert von der Atmosphäre, die der kleine Laden ausstrahlte.
      "Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen? Setzen Sie sich doch."
      Er sah auf und sah sich einem Mann gegenüber, der ihn verwirrte. Er wirkte wie jeder andere Mann Mitte dreißig, aber seine Augen... sie waren so alt.
      Für einen Augenblick verlor sich Matt in seinen eigenen Gedanken. Dann drang die Bedeutung seiner Worte zu ihm hindurch und er brach aus dem Gedankenkäfig aus. Er öffnete seine Tasche etwas hektisch und holte ein Tablett heraus. Das war sein Hauptkommukikationsweg, wenn seine Freunde nicht mit ihm unterwegs waren. Was aus exakt diesem Grund meistens der Fall war.
      Seine Finger flogen über die digitale Tastatur, dann drehte er den Bildschirm um:

      "Gern. Aber sagen Sie: Was verkaufen Sie hier eigentlich?"

      Er lächelte entschuldigend, wegen dem Tablet. Viele verstanden es nicht, alle wafen zu Beginn verwirrt. Die meisten gewöhnten sich nach einiger Zeit daran, aber Matt hatte die Erfahrung gemacht, dass alte Menschen nicht so begeistert von dem kleinen Stück Technik waren und dieser Mann... Matthew hatte das Gefühl, einen alten, erfahrenen Mann vor sich zu haben und nicht etwa den dreißig, dreiunddreißig jährigen Ladenbesitzer.
    • Finlays Augen verengten sich unmerklich etwas. Er konnte eine Art Verwirrung sehen, die nicht vom Laden oder seinem eigenen seltsamen Auftreten rührte. Es wirkte fast so, als wüsste dieser kleine Kerl Dinge, die sonst niemand glauben mochte.
      Wiederum irriterte es ihn etwas, dass der junge Mann auf einmal ohne ein einziges Wort ein Tablet aus seiner Tasche hervor zog. Finlay runzelte die Stirn, während er zusah, wie sein Gegenüber etwas auf dem Bildschirm tippte. Als er dann den Bildschirm zugedreht bekam, verstand er. Seine gerunzelten Augenbrauen hoben sich prompt.
      "Wenn man es metaphorisch und etwas übertrieben ausdrücken möchte, dann alles, was Ihr Herz begehrt. Aber normalerweise beschränkt sich das auf Schmuckstücke und Gravuren. Nur zu, nehmen Sie sich einfach eines der Bücher aus den Regalen, dann sehen Sie, was ich meine."
      Irgendwie war er erpicht darauf, dem jungen Mann zuzusehen. Stumme Menschen durfte er bisher noch nicht zu seiner Kundschaft zählen, und das, obwohl er auch schon Taube wieder hörend gemacht hatte. Blinden das Sehen in irgendeiner erdenklichen Form zu gestatten war deutlich aufwendiger, wenn auch nicht völlig unmöglich. Bei Stummen hingegen bot sich ihm jegliche erdenkliche Bandbreite, um seinen Kunden von seinem Laster zu erlösen.
      Obwohl... Bedacht stellte Finlay die Tasse, die er noch immer in der Hand gehalten hatte, zur Seite. Er begutachtete seinen potenziellen Kunden und rückte dabei immer wieder den einen Ring mit dem Smaragd zurecht. Bei genauerem Betrachten war das grün viel zu intensiv und lebendig für einen normalen Edelstein. Wer hatte denn behauptet, dass tatsächlich das Fehlen der Stimme diesen Mann betrübte?
      Amüsiert musste Finlay schmunzeln. Er legte seine Arbeit derart auf das einfache Volk mit seinen Stimmen aus, dass er im ersten Moment mit einem Stummen etwas überfordert wirkte. Dabei musste er einfach nur seine Vorgehensweise etwas ändern. Dieser Kunde würde es ihm sicherlich nicht ganz so einfach machen, wie die restlichen.
      Finlay faltete die Hände in seinem Schoß. "In der Regel verirren sich die meisten leider nur in meinen Laden, anstatt ihn gezielt aufzusuchen", erklärte er, "aber bis jetzt hat noch immer Jeder das gefunden, was ihm gefiel. Ich skizziere Schmuckstücke meist nach den individuellen Wünschen und rate zu Kombinationen. Immer ganz persönlich zugeschnitten auf die Bedürfnisse meiner Kunden. Und ja, ich bin tatsächlich nur Goldschmied."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Matt wandte sein Augenmerk wieder dem großen Bücherregal zu, vor dem er gerade stand. Die Bücher waren alt und es waren nur wenige gedruckte darunter. Das waren alles handschriftliche Notizen! Und Matt hatte gedacht, er mache sich viele Notizen...
      Während seine Finger über die Buchrücken völlig verschiedenen Alters strichen, hörte er dem Mann aufmerksam zu. Als dieser endete, flogen Matts Finger erneut über sein Tablet:

      "Kombinationen? So wie in Edelstein, Fassung, Kette und Wünsche des Trägers aufeinander abgestimmt? Das ist cool! So ein präzises Handwerk stirbt leider schnell aus in einer digitalisierten Welt wie unserer. Zumal das ja auch nur abergläubischer Esoterik-Quatsch ist."

      In klammern stand dahinter das Wort Sarkasmus und wieder grinste er auf entschuldigende Weise.
      Er überlegte einen Augenblick, vertraute dem Kribbeln in seiner Hand und zog ein recht altes Buch aus dem Regal. Der Einband war nicht aus Leder aber aus irgendeinem dunkelgrünen Stoff, der über einen harten Einband gezogen worden war. Die Seiten waren unterschiedlich groß, nicht normatisiert und völlig vergilbt. Es war richtig hübsch. Matt mochte es. Vorsichtig legte er es auf das Tablet und öffnete es. Darin waren unglaublich detallierte, wunderschöne Zeichnungen, die alle Schmuckstücke darstellten, die wohl irgendwann geschaffen worden waren. Matt strich andächtig über eine Zeichnung eines Armbändchens, dass sich wie ein Drache um ein angedeutetes Handgelenk schlängelte.
      Matt tauschte schnell und tippte wieder auf den Tablet herum:

      "Was wünschen sich Ihre Kunden denn normalerweise so? Ich nehme an, viele wollen bloß Erfolg haben?"
    • Wieder tauchte ein wissendes Lächeln auf den Lippen des Ladenbesitzers auf.
      "Nein", erwiderte er sehr gedehnt, "Erfolg zeugt von Gier, und gierig sein ist eine ziemlich unangenehme Eigenschaft."
      Genau deswegen war in dem Türrahmen eine Rune eingeschnitzt, die eben solche Menschen mit diesen Gelüsten blendete und das Geschäft vor ihren Augen praktisch verschwinden ließ. Zwar hatte Finlay einige Versuche dafür benötigt, auch die richtigen Menschen auszuschließen, aber den Aufand war es wert gewesen.
      Interessanterweise nahm sich der Jüngling einen der wirklich alten Wälzer, die er selbst nur noch selten aufschlug. Die meisten Kunden nahmen sich Bücher in greifbarer Nähe und die nicht so alt und ranzig wirkten. Von seinem Sitz aus konnte er sehen, dass das Drachenarmand aufgeschlagen war. Er erinnerte sich gut an die Geschichte dieses Reifes. Er hatte einem kleinen Mädchen ein Schutzpatron geschenkt, den sie selbst niemals sehen würde. Und doch würde er immer über sie wachen.
      Das Dumme an diesen alten Wälzern war, dass Bücher eine gewisse Tendenz hatten, Magie aufzusaugen. Deswegen fiel Finlays Blick auf die Seiten des Buches. Wahrscheinlich hätte man sich nun die Augen gerieben, denn es schien fast so, als würde eine sehr knöchrige Hand sich unter den nächsten Blättern herausschieben und etwas versuchen, ganz aus dem Buch heraus zu steigen. Eigentlich hatte er keine Wesen eingeschlossen, aber -
      Im nächsten Moment war Finlay aufgesprungen, mit drei großen Schritten bei dem jungen Mann angelangt und hatte blitzschnell das Buch zugeklappt. Dies tat er bestimmt, aber seine Bewegung hatte zeitgleich etwas sanftes an sich. Als er das Buch nahm und wieder an seinen angestammten Platz zurück brachte, erzählte er weiter: "Rein theoretisch kann man mir auch ein Holzbrett bringen und ich schnitze Ihnen eine Widmung oder was auch immer Sie wünschen. Meine Bandbreite ist relativ groß, möchte ich meinen. Allerdings wissen die meisten gar nicht, dass sie sich etwas wünschen. Und dann stehen sie auf einmal in meinem Geschäft und ich zeige ihnen genau das, was sie sich noch nicht mal im Traum ausgemalt hatten."
      Doch, auch solche Kunden hatte er. Obwohl diese Art der "Nachbarn" eher selten seinen Laden betraten. Immerhin galt sein Handwerk unter ihnen als etwas dreckiges, weil normale Menschen davon profitieren konnten. Und er es meistens für lau machte.
      Er musterte das Buch, wie es ruhig wieder an seinen angestammten Platz stand. Es war ihm durchaus bewusst, dass niemand das sehen konnte, was er sah. Nur bedeutete das nicht, dass etwas unsichtbares nicht da war. Was die Augen nicht wahrnehmen konnten, konnte sehr wohl Geist und Körper schädigen, und darauf war Finlay nicht sonderlich erpicht.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Matt betrachtete den Buchrücken und ballte die Hand ein paar Mal zur Faust. Sie war wohl eingeschlafen. Instinktiv griff er nach einem anderen Band. Dieser war auch alt, aber nicht so sehr wie der Grüne. der Einband war aus rot gegärbten Leder, verziert mit goldenem Metall an den Ecken. Er lag schwer in der Hand und gerade für seine geringe Größe, würde man das nicht erwarten. Er blätterte ein bisschen hindurch, ließ sich inspirieren. Die Zeichnungen waren unglaublich realistisch. Wer auch immer sie gefertigt hatte, hatte ordentlich was an Talent gehabt.
      Nach einer kleinen Weile klappte er das Buch wieder zu und stellte es zurück.

      "Und wovon träume ich? Oder kann ich mir das auch nicht vovorstellen?", fragte Matt durch das Tablet.

      Er ließ von dem Regal ab und sah sich den Rest des Ladens an. Nie im Leben hätte er hier einen Goldschmied erwartet, der Schmuck nach den alten Bedeutungen fertigte. Er wusste das Ganze Zeug ja auch nur, weil er der Nerd war und sich für sowas speziell interessierte.
      Immer wieder griff er mal nach einem der Bücher, aber bevor er sie aus dem Regal ziehen konnte, sagte ihm sein Gefühl etwas anderes und er wurde abgelenkt. Und dann fand er es. Die Quelle dieses warmen Gefühls in seinem Bauch. Es war ein schmales, relativ neues, schwarzes Notizbuch. Er zog es aus der eng arrangierten Reihe an Bpchern und bletterte es durch. Einige der Designs sahen wirklich interessant aus, aber das, was wirklich seinen Blick einfing, war ein Ring. Simpel gearbeitet mit einem... Saphir darin, oder irgendein anderer blauer Edelstein. Er war nicht wie gewöhnlich einfach draufgesetzt, er war mehr in das Metall eingearbeitet, als sei er eins mit dem Metall, wie eine exotische Variante von Marmor. Matt vergaß alles um sich herum, als er diesen Ring sah. Er konnte sich schon vorstellen, qie er an seinem Finger aussehen würde...
    • Mittlerweile wanr Finlay ins Zentrum des Raumes gewandert und drehte sich immer passend mit seinem jungen Kunden. Dieser wählte nicht willkürlich Bücher aus. Er war auf der Suche nach etwas Bestimmtem, was sein Geist noch nicht erfasst hatte.
      Viel interessanter war es jedoch, als er scheinbar gefunden hatte, wonach er suchte. Obzwar sich Finlay nicht erschloss, warum ausgerechnet dieses Stück.
      "Der Stein der Könige, der Lapislazuli", erklärte er, wobei er unverändert an seiner Position stehen blieb, "oder auch der Lichtbringer. Manch einer verwechselt ihn mit dem Saphir, diese sind allerdings nicht so dunkel. Das war kein Kundenauftrag." Sein rechter Daumen zuckte kurz, an dem ebenjener Ring funkelte.
      Er hatte ihn vor wenigen Jahren für sich selbst angefertigt, um besser das Wesen eines Menschen zu erkennen. Nur war seine Variante noch nicht so perfekt, wie er es sich ursprünglich vorgestellt hatte. Immer wieder wollte er einen zweiten anfertigen, hatte es jedoch abermals vor sich hin geschoben.
      "Ein Unwissender würde vermuten, dass Sie Ihre Stimme wiedererlangen möchten. Ich sehe das mittlerweile allerdings anders."
      Wenn er so darüber nachdachte, war es ziemlich einfach abzusehen, dass es nicht um das Offensichtliche ging, wonach der junge Mann suchte. Langsam lichtete sich der Nebel um den Wunsch, den er hegte.
      Nur konnte und wollte Finlay ihm nicht das zeigen, wonach er sich sehnte. Einst hatte er einen Sehenden aufgenommen, ihn gelehrt. Und das alles nur, um seinen Schützling irgendwann zu verlieren, weil er der Verlockung nicht standhalten konnte. Man musste für das hier geboren sein - was ein einfacher Mensch von der Straße ganz bestimmt nicht war.
      Dann war da aber noch die Sache mit der selektiven Auswahl der Bücher. Ihn beschlich das Gefühl, dass der Kerl hier einfach träumte. Von etwas träumte, dass es tatsächlich gab.
      "Ich würde schon fast vermuten, dass Sie ein Träumer sind. Jemand, der sich wünscht, dass die Welt nicht so ist, wie sie scheint. Nicht so... langweilig?"



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Matt lachte leise. Es war ein kratziges Geräusch, als würde ein alter Mann mit Lingenkrebs im Endstadium Luft holen. Es klang immer ein bisschen seltsam, wenn er lachte, daher machte er das meistens stumm wie alles andere auch. Aber das hatte ihn gerade zu unverhofft getroffen. Schnell hielt er sich die Hand vor den Mund und zwang sich zur Disziplin. Dann begann er zu tippen:

      "Die Welt ist doch nicht langweilig! Sie ist ein Wunder an sich! Es gibt Menschen, die das nicht begreifen, aber wenn man sich diese Fesseln nicht auferlegt, dann..."

      Er suchte nach den richtigen Worten und brauchte einen Augenblick, ehe er weiterschrieb:

      "... dann ist man frei. Es klingt dumm, aber so ist es. Die Menschen schränken sich ein, wenn sie sagen, dass sie 'normal' sind und in der 'Realität' leben. Sowas gibt's nicht. Sie sagten ich sei ein Träumer. Ich sehe mich eher als jemanden, der glaubt. Nicht an Gott oder sowas, aber...", wieder kicherte er in sich hinein, "es gibt mehr, als wir sehen. Wie in König der Löwen. Ich glaube an das, was aich immer sich dort versteckt. Mir egal, ob es Geister sind, UFOs und Aliens, Magie, Drachen, Einhörner. Ich glaube, dass all diese Legenden und Geschichten von irgendwoher kommen müssen und ich weigere mich, das alles auf mangelndes wissenschaftliches Verständnis zurückzuführen. Die Menschen sind nicht dumm, waren es noch nie. Zumindest ein Funken Wahrheit steckt in allem, was so lange Zeit überliefert wurde. Kennen Sie die Märchen der Gebrüder Grimm? Eine Geschichte über ein Mädchen, das allein durch den Wald wandert. Wäre sie der Anweisung ihrer Mutter gefolgt, wäre alles gut gegangen, aber sie ließ sich ablenken und wurde später von einem Wolf angegriffen. Es scheint eine dumme Geschichte für Kinder zu sein, aber dahinter steckt der Zweck, eine Warnung. Die Kinder sollten sich vom Wald fernhalten und wenn sie doch hinein mussten, sollten sie immer auf dem Weg bleiben und sich beeilen. Alle Geschichten sind so. Und dort liegt die Wahrheit. Sie ist vielleicht anders als man denkt, aber sie ist da. Manche sehen sie, manche nicht. Sagen wir's so: Meine Stimme wieder zu haben, wäre ganz nett, aber ich komme auch ohne gut klar, ich brauche sie nicht. Ich würdeviel lieber mehr von diesen Wahrheiten sehen, aber ich habe leider nicht die Möglichkeiten."

      Normalerweise schrieb er keine solchen Aufsätze, aber irgendwie... hier fühlte er sich seltsam zu Hause und er musste sich zurückhalten, um nicht einfach mit seinen Händen loszubrabbeln. Er mochte es hier. Und wenn es nur war, um sich von den Zeichnungen inspirieren zu lassen, er würde wiederkommen, das wusste er.
    • Unbewusst zuckte Finlay kurz zusammen, als er das Lachen vernahm. Der Ton hatte ihn mehr überrascht, als er es zugegeben hätte, und folglich lag er auch in seiner Annahme zuvor mehr oder weniger falsch. Dem Mann fehlte nicht vollständig die Stimme, sie war extrem lädiert. So sehr, dass er einfach keine Worte formulieren wollte?
      Nachdem Finlay den schier nie enden wollenden Roman gelesen hatte, nahm er den Kopf etwas zurück. "Ich würde nie wagen zu behaupten, dass alle Menschen dumm seien. Aber in einem würde ich mir doch die Freiheit nehmen. Fast alle Menschen sind blind."
      Erst jetzt löste er sich von seiner angestammten Position, um zu einem großen, hölzernen Bauernschrank zu gehen. In der linken Tür hatte er seinen Handfilter und Teekannen verstaut, die er manchmal auch während eines Kundenbesuches benutzte. Seelenruhig begann er, ein Teeei mit einer Teesorte zu füllen, die man auf dem normalen Markt nie kaufen können würde. Das einzig elektronische hierbei war der recht billig aussehende Wasserkocher, den er in einer versteckten Steckdose einstöpselte und kurz in ein Nebenzimmer verschwand, aus dem er Wasser holte. Als er zurück war, schaltete er den Kocher ein und holte in der Zwischenzeit zwei Tassen heraus. Er hatte einen Plan.
      "Meinen Sie nicht, dass viele der Geschichten Hirngespinste sind? Etwa wie Nessi?" Es gab tatsächlich ein Wesen im Loch Ness, dass manche Menschen als Nessi abtaten. In Wahrheit war es ein Each Uisge, eine Art Wassergeist. "Ich denke, dass viele Geschichten aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit oder einfach Fantasie entsprungen sind."
      Nun goss er das sprudelnde Wasser in die Kanne, deren Wasser sich beinahe augenblicklich smaragdgrün färbte. Die Kanne samt Tassen beförderte Finlay auf den Beistelltisch zwischen sich und seinem Gast. Er wollte seiner Vermutung nachgehen, und da bot sich dieser Tee an. Er setzte sich auf seinen Sessel und deutete auf den zweiten ihm gegenüber. "Wissen Sie, ich möchte Sie nicht von Ihrer Natur abbringen, keinesfalls. Nur können manche Ansichten, Wünsche, eine selbstzerstörerische Kraft entwickeln. Apropos sind Glücksbringer und Talismane auch zur Zeit wieder im Kommen..."
      Finlay goss sich und seinem Gast eine Tasse Tee ein. Erst jetzt entfaltete sich der Geruch, der eine ungewöhnliche Mischung aus Tanne, Zimt und Honig verströmte. Finlay bewegte die Tassen nicht, stattdessen lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und sah zu, wie der Tee seine Wirkung entfaltete. Für Normalsterbliche roch er einfach nur interessant, er hingegen sah, was der Geruch anlockte. Es war erst eine, dann eine zweite etwa handgroße glitzernde Kugel, die sich langsam materialisierte. Im nächsten Moment flogen zwei Sylphen über den Tassen und versuchten, mit winzig kleinen Kristallflaschen etwas vom Tee abzuschöpfen, ohne dass jemand es mitbekam. Für Finlay war das Alltag und er wurde auch nicht als Bedrohung oder gleiches angesehen. Nun war die Frage, ob sein Gast auch blind war oder nicht.
      Finlays Blick wanderte gemächlich zu seinem Kunden und bedeutete ihm abermals, sich doch zu setzen. Ohne ein Artefakt, was ihm die Sicht klären würde, konnte er die kleinen Geschöpfe nicht sehen. Aber Begabte konnten ihre Anwesenheit spüren.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Matt nahm das Buch mit zu der kleinen Sitzecke. Es war nicht direkt ein Reflex, vielmehr vergaß er, dass er hier nur Gast war. Er setzte sich, überrascht darüber, wie bequem das alte Möbelstück eigentlich war. Der Tee roch unglaublich gut. Er wollte gerade nach der Tasse greifen, als er innehielt. Das Gefühl, das in diesem Laden in den Hintergrund gerückt war, traf ihn nun mitten ins Gesicht. Es war ein warmes Kribbeln, das von seinen Fingerspitzen, die nur Zentimeter von der Tasse entfernt schwebten, seinen Arm hinauf in seinen Körper strebte. Es war seltsam vertrauz und doch neu, nicht wie sonst. Es ging definitiv von der Tasse aus, aber Matt konnte nichts sehen, nur klrine Wellen in der grünen Oberfläche. Sekunde....
      Er lehnte sich weiter vor, neigte den Kiof etwas, damit er die Tasse mit seinem guten Auge besser sehen konnte. Niemand berührte den Tisch, hier war keine Klimaanlage oder sowas. Warum bewegte sich das Teewasser?
      Überrascht lehnte er sich wieder zurück, dann grinste er und griff nach seinem Tablet, während er mit einer Hand die Geste für das Wort Cool formte.

      "Wie gesagt: irgendwo ist immer einen Funken Wahrheit. Und wie auch immer Sie das mit dem Tee anstellen, das ist cool. Wahlweise haben Sie hier einen Geist."

      Er kicherte leise, stumm in sich hinein, nicht in der Lage das Grinsen abzustellen, obwohl es sicher eine einfache Erklärung für das Teewasser gab, auf das er gerade deutete.
    • In den Mundwinkeln Finlays konnte man ein Lächeln erahnen. Er begutachtete seinen Gast dabei, wie dieser äußerst interessiert das Teewasser musterte. Dass er dies tat, bedeutete, dass er wirklich etwas wahrgenommen hatte.
      "Vielleicht sind diese Tassen aufgrund ihrer Form auch dazu geneigt, eine Turbulenz zu erzeugen? Ich habe das Wasser schließlich gerade erst eingegossen."
      Die gerade aufblühende Freude drängte Finlay sorgsam wieder in die kleine Schublade in seinem Geist zurück. Ja, dieser Mann war nicht abgeneigt an das zu glauben, was er selbst jahrelang versucht hat, zu verbreiten und weiterzugeben. Aber wie so vieles war auch dieses Wissen nicht ungefährlich. Nur, weil dieser eine Mensch eine Begabung hatte, hieß das noch lange nicht, dass er auch mit den Konsequenzen umgehen konnte. Allerdings wollte Finlay diesem Kunden nicht noch einen weiteren Schicksalsschlag aufbürden.
      Finlay lehnte sich nach vorne und wedelte mit seiner Hand über die Tassen. Es sah so aus, als würde er das Wasser nur abkühlen wollen, dabei verscheuchte er lediglich die beiden Sylphen, die ihm fiese Grimassen schnitten.
      "Da fällt mir ein, Sie haben mir noch gar nicht Ihren Namen verraten. Wie soll ich Sie ansprechen?"
      Normalerweise interessierte es Finlay nicht sonderlich, wenn Kunden ihm ihre Namen verrieten. Wie sollten sie auch wissen, dass Namen und insbesondere Geburtsnamen ein mächtiges Utensil sein konnten. Magier und Hexen konnten mit Namen sehr viel anstellen, es reichte von Flüchen bis zur Kontrolle. Deswegen war auch sein Name, mit dem er sich selbst vorstellte, nicht sein Geburtsname. Zu groß war die Gefahr, dass Jemand Nutzen daraus zog, seinen wahren Namen zu kennen. In diesem Fall jedoch konnte es nicht schaden, wenn er den Namen seines Gastes erfuhr. Zumal dies in der Neuzeit Gang und Gebe war.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Aus Gewohnheit zuckten Matts Hände nach oben, doch noch bevor er die Geste vollendet hatte, griff er schon nach seinem Tablet. Selbst wenn der Mann vor ihm in der Lage war, Gebärden zu verstehen, würde er mit Matts Namensgeste nicht viel anfangen können. Gebärdensprache war seltsam...

      "Matt. Sie können mich Matt nennen. Und Ihrer?"

      Jetzt griff er nach der Teetasse. Das Gefühl war weg. Seltsam...
      Er nippte an der Tasse und verliebte sich sofort in den Tee. Er schmeckte exotisch und doch vertraut und so gut... Matt war mehr der Energydrink- und Kaffeetrinker, aber diesen Tee würde er sich auch besorgen. Nur hatte er gesehen, dass es sich hierbei wohl kaum um eine frei erhältliche Version handelte. Vielleicht konnte er den mysteriösen Ladenbesitzer ja dazu überreden, ihm was zusammenzumixen oder sowas. Und wenn nicht, dann würde Matt wohl einfach sehr viel öfter hier vorbei kommen müssen. Was auch keine schlechte Idee war. Der Laden fühlte sich einfach so... vertraut und heimelig an. Er mochte es hier, seit er einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte. Und in Anbetracht der ganzen Bücher hier drin, hätte er sicherlich auch genug Beschäftigung, ob es nun etwas zu lesen war oder einfach nur Zeichnungen, Matt war für beides zu haben.
      Er betrachtete die Tasse in seinen Händen und ihren Inhalt. Die Farbe war hübsch. Ob er das irgendwie nachmischen konnte, wenn er wieder am Zeichnen war? Vielleicht. Er würde es einfach ausprobieren.

      @Asuna

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    • "Steht das nicht auf dem Türschild? Finlay Morrison. Aber Ihr Name wurde scheinbar sorgsam ausgewählt. Geschenk Gottes... Möglichweise bürgt der Name für Ihren Schutz?"
      Finlay sah zu, wie Matt den Tee probierte. Die jungen Menschen zur Zeit bevorzugten eher Kaffee oder Energy, weshalb viele den Genuss von besonderem Tee gar nicht mehr zu schätzen wussten. Doch das Zucken von Matts Augenbrauen verrieten ihn. Dezent schob er seinem Gast ein kleines Prozellangefäß mit Zucker herüber, das er scheinbar aus dem Nichts hergezaubert hatte.
      "Machen Sie sich erst gar nicht die Mühe, diesen Tee außerhalb meines Geschäftes zu suchen. Wie Sie sicherlich schon angenommen haben, handelt es sich um eine Spezialmischung."
      Mit besonderem Pepp. Für gewöhnlich wirkten nur eine handvoll Kräutermischungen bei einfachen Menschen, da sie nicht die notwendigen Rezeptoren besaßen, um die vollstände Wirkung zu entfalten. In diesem Fall jedoch konnte besagter Fall eintreten und vorsorglich hatte Finlay die Dosierung etwas heruntergeschraubt.
      "Die meisten Kunden betreten meinen Laden eher gegen Nachmittag. Es ist auch für mich etwas ungewöhnlich, so früh schon jemanden in meinem Laden begrüßen zu dürfen. Ich nehme an, Ihr Beruf lässt Sie Ihre Zeit frei einteilen? Oder gehen sie abends einem Geschäft nach?"
      Letzteres schloss Finlay direkt aus. Matt hatte nicht die Statur, das Auftreten für jemanden, der beispielsweise in den Nachtclubs hier arbeitete. Er hatte beinahe etwas nerdiges an sich, seine Fingerglieder waren relativ dünn und auch sein Hautton war von blasserer Natur. Ein Job im Büro, nahm er an. Eigentlich konnte er wegen seiner Ringe fast auf alles die richtige Antwort erwarten, aber ein bisschen Raten hielt den Geist frisch.
      Würde er es nicht besser wissen, hätte Finlay Matt direkt einen Füller vorgeschlagen und kein Schmuckstück. Nur war ihm noch immer nicht richtig klar, weshalb der Zufall ihn hierher geführt hatte. Die wahre Absicht oder der Zweck waberte in einem undefinierten Nebel um Matt herum, weshalb Finlay keine konkreten Schlüsse ziehen konnte. Es kam sehr selten vor, dass Menschen mehr als einmal herkommen mussten, damit er sich ein klares Bild verschaffen konnte.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Matt kicherte tonlos in sich hinein, dann begann er zu tippen.

      "Ich muss gestehen, dass ich das Schild nicht beachtet habe. Ich war vom Schaufenster abgelenkt, als ich gestern Abend nach Hause gegangen bin. Und heute bin ich einfach reingekommen."

      Er wandte dem Ladenbesitzer das Tablet zu und kratzte sich verlegen an der vernarbten Schläfe. Er gab Schwäche nicht gern zu. Als Kind hatte er gelernt, dass es Folgen hatte, wenn er seine Schwächen zeigte. Er war oft genug gehänselt worden, um sich den ein oder anderen Verteidigungsmechanismus anzugewöhnen.

      "Meine Eltern haben mich nach meinem Onkel benannt. Er ist an Krebst oder sowas gestorben, das war vor mir."

      Er zuckte mit den Schultern, nahm noch einen Schluck von dem Tee, der von Mal zu Mal besser zu schmecken schien. Wirklich seltsam...

      "Ich arbeite von Zuhause aus. Die meisten Jobs sind dann doch etwas schwer, wenn man... naja, keinen Ton rausbekommt. Ich hatte das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können."

      Nachdem der Ladenbesitzer den Satz gelesen hatte, öffnete Matt die Galerie auf seinem Tablet und zeigte ihm ein paar seiner Zeichnungen und Skizzen. Manche waren abfotografiert, die meisten waren digital angefertigt worden. Es waren Bilder aus seinem eigenen Comic, nicht aus seinen Arbeiten, das durfte er nicht. Ein oder zwei Bilder waren wahrscheinlich in Ordnung, aber Matt ahtte sich angewöhnt, einfach nichts zu zeigen, um auf Nummer sicher zu gehen.
    • Kein Bürojob im eigentlichen Sinne. Matt war Zeichner, und das überrschte Finlay positiv. Das erklärte auch die Schwielen, die sein Gast an seiner Haupthand zwischen Zeigefinger und Daumen aufwies. Aufmerksam betrachtete er die Zeichnungen so gut es über den Bildschirm ging. Er war nicht sonderlich der Freund von technischen Spielereien, weshalb alle seiner Zeichnungen von Hand gefertigt worden waren. Doch ihm entging auch so nicht das Auge für's Detail, was ihn selbst auch auszeichnete.
      In diesem Moment fiel ihm etwas im Augenwinkel auf. Die beiden Sylphen, die er verscheucht hatte, flogen die ganze Zeit noch in geringer Entfernung um die herum in der Hoffnung, ein bisschen vom Tee zu ergattern. Doch im nächsten Moment flatterten sie nicht mehr wild umher, sondern schienen sich zu fangen und sahen zu neugierig zu Matt. Die Wesen im allgemeinen konnten selbstverständlich beurteilen, wann man sie wahrnahm und wann nicht. Und die beiden Sylphen zeigten eindeutig, dass der Tee langsam anschlug.
      Finlay bezweifelte, dass Matt eine ungetrübte Sicht erhalten würde. Dieser Tee lichtete den Schleier, der magische Wesen umgab und sie manchmal selbst für Magier unsichtbar machte. Menschen hingegen, die die Gabe besaßen, konnten erst durch diesen Zauber das Magische sehen. Er selbst umging das ständige Auffrischen durch Tee mit einem seiner zahlreichen Ringe, der mit einem verzauberten Stein besetzt war.
      Nun ernsthaft gespannt sah Finlay zu, wie beide Sylphen über dem Tisch und den Tassen schwebten und Figuren flogen. Sie schnitten jetzt Matt Grimassen. Leider lag das freche Benehmen in der Natur dieser kleinen Plagegeister, aber wenigsten konnten sie keinen großen Schaden anstellen. Finlays Blick löste sich von den nervigen Flatterlingen und galt wieder seinem Gast. Mal sehen, ob er mehr als nur einen Schatten sah.
      "Jeder kann das finden und zu seiner Berufung machen, worin er gut ist. Zumindest ist das meine Meinung. Es gibt so viel, was man heutzutage ausüben kann. Da sollte doch für jeden etwas dabei sein, nicht?"



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wieder zuckte Matt mit den Schultern. Nur, weil die Möglichkeit bestand, das zu tun, was man gern tat, hieß das noch lange nicht, dass Menschen es auch wirklich taten. Viele ließen sich von Nichtigkeiten zurückhalten. Er selbst hatte wirklich Glück gehabt, dass er als Zeichner arbeiten konnte. Ohne Liams Hilfe wäre er auch einer der Menschen gewesen, die sich nicht trauten. Manchmal musste man eben wirklich zu seinem Glück gezwungen werden.
      Matt beendete das Programm und wollte gerade seine Teetasse leeren, als ihm etwas auffiel. Waren das Glühwürmchen? Nein, Schmetterlinge... Was war das?
      Verwirrt deutete er auf die beiden fliegenden Wesen. Er konnte sie nicht einordnen. Es waren keine Insekten, das sagte ihm sein Bauchgefühl, aber... was sollte es dann sein? Ihm fiel einfach keine logische Erklärung dazu ein.
    • Die nächste Minute lang schwieg Finlay lediglich. Er überlegte, wie er als nächstes vorgehen sollte. Dass Matt die beiden Sylphen nun sah, war schon ausschlaggebend genug. Nur kannte er diesen Mann wie lange? Wie konnte er sich das Recht nehmen, das Leben dieses Menschen einfach umzukrempeln? Nach ein paar Sekunden besonders intensiver Abwägung entschied er sich.
      Ohne Vorwarnung griff Finlay eine der Sylphen mit seiner Hand und zerquetschte sie zwischen seinen Fingern. Sie zerplatzte in einer bunt glitzernden Wolke, dasselbe geschah mit der zweiten. Er hatte sie nicht getötet, sondern aus seinem Laden verbannt. Wenn sie wollten, waren sie allerdings in den nächsten sechs Stunden schon wieder hier drin.
      Als sei nichts gewesen ließ er sich wieder nach hinten in den Sessel sinken. Er wischte sich kurz über die Handinnenfläche, um auch den letzten Staub wegzuwischen. Sylphenstaub benutzte er gerne, mit ihm konnte er Dinge besonders eigenartig glänzen lassen und ihnen ein Gefühl von Unbeschwertheit verleihen. Kurz schaute er sich um, um sicherzugehen, dass nichts anderes Magisches plötzlich um die Ecke kam und seine Arbeit zu Nichte machte. Zum Glück war es hell am Tag und kein Nachtwandler war hier. Dessen Stimme hörte man sonst nur als Windheulen in der Nacht, aber mit dem Lichtungszauber hörte man ihn. Und was er so von sich gab, war für Nichteingeweihte etwas... verstörend.
      "Sind Sie eigentlich zufrieden mit dem, was Sie machen? Ich habe meine Berufung gefunden und würde auch nichts anderes tun wollen. Aber Sie stehen nocht nicht so lange im Leben. Erzählen Sie mir doch einfach mal ein bisschen, wenn Sie schon einem seltsamen Ladenbesitzer Gesellschaft leisten."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Matt hörte die Worte des Mannes, war aber nicht in der Lage, sie zu verarbeiten. Viel zu sehr war er noch damit beschäftigt zu begreifen, was da eben passiert war. Diese fliegenden Nicht-Insekten hatte er sich auf jeden Fall schon einmal nicht eingebildet. Aber das war doch kein Grund, sie gleich zu zerquetschen, oder? Gab es dafür nicht Fliegenklatschen? Oder war das irgendwas... böses gewesen? Matt wusste nicht, wo ihm der Kopf stand.
      Er öffnete den Mund, aber selbst wenn er etwas hätte sagen können, es wäre kein Ton aus seinem Mund gekommen. Ohne hinzusehen griff er nach dem Tablet und tippte darauf herum.

      "Ich... was war das eben?!"
    • Finlay seufzte.
      "Ich hätte vorher nachfragen sollen, ob Sie sensibel auf Halluzinogene reagieren", antwortete er schlicht, "Die Pflanzen, die als Grundlage für den Tee dienen, erzeugen einen Stoff, auf den manche Menschen sensibler reagieren als andere. Mein Fehler. Die wirkung lässt in ein paar Minuten nach."
      Gedanklich befand sich Finlay in einem Streitgespräch mit sich selbst. Lange war es her, dass er so dämlich und naiv gewesen war, seinen eigenen Wünschen zu folgen. Er hätte gerne jemanden gehabt, der diese Welt mit ihm teilte. Aber genau das war damals sein Verhängnis gewesen und replizieren wollte er dieses Ereignis sicherlich nicht.
      Allerdings durfte er jetzt zusehen, wie er die Situation klärte und Matt eintrichterte, dass das alles nur eine Einbildung gewesen war.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"