The Jester's Mask [Rambow&Tristale]

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    • The Jester's Mask [Rambow&Tristale]

      The Jester’s Mask
      Romance | Forbidden Love | Drama | Mystery | Intrigue



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      Im Königreich Velmont wirkt alles auf den ersten Blick wie aus einem Märchen geschnitzt: glänzende Feste, höfische Etikette, ein Palast, der im Sonnenlicht strahlt. Die Menschen verneigen sich tief, die Musik klingt leicht, und die Höflinge lächeln so perfekt, als wären sie dafür ausgebildet worden. Doch Velmont ist ein Ort, an dem Schönheit nur die Oberfläche bildet. Hinter den schweren Türen und goldenen Vorhängen brodelt eine Welt, in der jeder Schritt beobachtet wird und jedes falsche Wort Folgen haben kann. Gerüchte sind hier eine eigene Währung, und wer sie nicht beherrscht, verliert schneller seinen Platz, als ein Diener eine Kerze löschen kann. Die Regeln des Hofes sind zahlreich, streng und unausgesprochen. Man lebt nicht nur nach ihnen, man lebt unter ihnen. Jeder weiß, dass ein Lächeln täuschen kann, ein Kompliment ist eine Falle und ein höfischer Gruß manchmal mehr Drohung als Höflichkeit enthält.
      Mitten in diesem goldenen Käfig lebt die Prinzessin. Sie erfüllt ihre Pflichten, lächelt zur rechten Zeit, hört zu, wenn man es von ihr erwartet, und trägt die Krone der Erwartungen, die schwerer ist als jedes Diadem. Doch sie ist es leid.
      Sie möchte nicht nur gehorchen, sondern leben.
      Sie möchte nicht nur repräsentieren, sondern fühlen.
      Sie möchte nicht den Mann heiraten, der ihr bestimmt wird, sondern den, den sie liebt.
      Sie möchte nicht nur funktionieren, sondern frei sein - so frei, wie junge Frauen ihres Alters es außerhalb des Palastes sein dürfen.
      Die Prinzessin stellt Fragen, die sonst keiner stellt. Sie hinterfragt Regeln, die niemand zu hinterfragen wagt. Und sie sehnt sich nach einer Welt, die größer ist als die höfischen Hallen, die sie täglich durchschreitet. Deshalb schleicht sie sich nachts hinaus, immer wieder, um endlich wieder atmen zu können und dem Alltag zu entfliehen. Ihre nächtlichen Abenteuer begannen in jener Nacht, in der ihre Mutter starb. Die Krankheit war plötzlich gekommen. Niemand wusste, woher sie stammte, woran sie erkrankte und niemand konnte sie aufhalten. Nach nur wenigen Monaten war die Königin tot und mit ihr der letzte Mensch, der die Prinzessin wirklich verstanden hatte. Von diesem Moment an fühlte sich der Palast anders an. Kälter. Enger. Voller Stimmen, die ihr sagten, was sie zu tun hatte, wie sie zu stehen hatte, wie sie zu lächeln hatte. Und je mehr man sie in höfische Pflichten drängte, desto stärker wurde der Wunsch, ihnen zu entkommen.

      Und genau in dieser Welt, die für andere so perfekt wirkt und doch so brüchig ist, steht der Hofnarr im Zentrum des Geschehens.
      Zumindest glaubt jeder, er sei nur das: ein Spaßmacher, der mit Witzen und Grimassen die Stimmung hebt, der stolpert, singt, tanzt und sich zum Narren macht, damit andere sich amüsieren. Für die Höflinge ist er ein bunter Farbtupfer in einem sonst steifen Alltag, ein harmloser Teil des höfischen Theaters. Doch hinter dieser Rolle steckt weit mehr. Sein Lachen ist sorgfältig geübt, seine Tollpatschigkeit bewusst gesetzt, und jede Pointe ist ein Schutzschild. Seine Maske sitzt so fest, dass niemand auf die Idee käme, darunter nach etwas Echtem zu suchen. Keiner im Palast weiß, wer wirklich hinter dieser Maske steckt. Niemand vermutet, dass seine Augen mehr sehen, als sie sollten, oder dass seine Worte oft doppeldeutig sind.
      Denn der Hofnarr bewegt sich zwischen den Adligen wie ein Schatten im bunten Licht. Er hört zu, wenn andere glauben, er höre nicht hin. Er beobachtet, wenn man denkt, er sei zu beschäftigt damit, sich zum Affen zu machen. Und er sammelt Geheimnisse, ohne dass jemand merkt, dass er überhaupt welche kennt. Er ist einer der wenigen im Palast, der weiß, dass die Wahrheit über den Tod der Königin nicht in den offiziellen Berichten steht.
      Der Einzige, der die Muster erkennt, die andere übersehen.
      Der Einzige, der sich hinter einer Maske verstecken muss, um nicht denselben Weg zu gehen wie seine Familie. Denn er ist nicht der, für den man ihn hält. Seine Familie wurde getötet, weil sie zu viel wissen wollte und seitdem weiß er, dass die Adligen von Velmont ihre Geheimnisse besser hüten als ihre Kronjuwelen.
      Ehebruch. Verbotene Liebe. Blut an den Händen. Schulden, die Leben kosten könnten. Jeder trägt etwas mit sich herum, das im falschen Moment alles zerstören könnte.
      Nur wenige Bedienstete sind noch vertrauenswürdig und die Prinzessin gehört überraschend dazu. Neugierig, klug, ein bisschen zu mutig für ihren Stand. Sie stellt Fragen, die man nicht stellen sollte. Und genau das macht sie für ihn interessant. Denn der Tod ihrer Mutter war alles andere als natürlich, genauso wenig wie der seiner Eltern. Fast niemand weiß das. Aber er schon.
      Als die Prinzessin beginnt, selbst nach Antworten zu suchen, gerät etwas in Bewegung. Der Hofnarr spürt, dass sich für ihn eine seltene Gelegenheit auftut: Gemeinsam könnten sie Geheimnisse ans Licht holen, die viel zu lange im Schatten lagen. Doch jeder Schritt in diese Richtung könnte sie beide in Gefahr bringen.
      Für ihn ist es mehr als nur Neugier. Hinter seinem Lächeln und seinen Späßen brennt ein alter Schmerz, ein Ziel, das ihn nie losgelassen hat: herauszufinden, wer seine Familie getötet hat. Und die Schuldigen dafür zur Rechenschaft zu ziehen - egal, wohin ihn dieser Weg führt.
      Durch sie kommt er an Menschen und Informationen heran, die ihm sonst verschlossen bleiben würden. Erst nutzt er diese Nähe, doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen Zweck und Gefühl.
      Ein Königreich voller Lügen. Ein Hofnarr, der kein Narr ist. Eine Prinzessin, die sich nicht beugen lässt. Und Geheimnisse, die nicht länger schweigen wollen.


      @Rambow
    • An diesem Abend trug sie ein Kleid, dessen oberer Teil in einem sanften Rosé schimmerte, verziert mit feiner goldener Stickerei, die sich wie filigrane Ranken über den Stoff zog. Die Ärmel waren leicht puffig, kunstvoll gerafft, und wirkten fast wie aus einer anderen Zeit. Der Rock dagegen fiel in tiefem, nachtblauem Stoff herab, schwer und majestätisch, jede Lage weich wie fließender Schatten. Das Gold ihres Schmucks, die zarten Ohrringe, die feine Kette, fing das Kerzenlicht ein und ließ sie wirken, als würde sie selbst ein wenig leuchten. Das Bankett zu Ehren der neuen Handelsvereinbarung war prunkvoll, laut und... für Irelia vor allem eines: anstrengend. Goldene Teller, schwere Musik, Gäste, die sich gegenseitig mit ihren Erfolgen überboten, all das war Teil des höfischen Spiels, das sie seit Jahren beherrschte, aber nie geliebt hatte. Sie saß an ihrem Platz, das perfekte Lächeln aufgesetzt, während ihr Blick über die Menge glitt. Händler aus dem Süden, Adlige aus den Grenzlanden, ein paar übermotivierte Diplomaten, die sich viel zu wichtig nahmen. Nur ein Abend, der gefeiert wurde, weil der Hof es so erwartete.
      Hinter ihrem höfischen Ausdruck arbeitete ihr Geist wie immer freier. Sie beobachtete jede Geste, jedes übertriebene Lachen, jede kleine Unstimmigkeit. Und trotzdem, trotz all der Etikette, blitzte immer wieder dieser Funken in ihr auf: Humor, der sich in einem schiefen Lächeln zeigte, wenn jemand besonders peinlich prahlte. Wärme, wenn sie sah, wie ein junger Diener nervös eine Karaffe balancierte. Und diese stille Rebellion, die in ihr lebte, wenn sie die Regeln betrachtete, die alle anderen blind befolgten. Egoismus war ihr fremd. Sie verstand nicht, wie man sich selbst so wichtig nehmen konnte, während andere offensichtlich Hilfe brauchten. Deshalb war sie die Einzige, die dem Diener unauffällig half, bevor er die Karaffe fallen ließ. Ein kleiner Handgriff, den niemand bemerkte, außer ihm. Sein dankbarer Blick war ehrlicher als alles, was an diesem Abend gesprochen wurde.
      Irelia atmete leise durch. Ein weiteres Bankett, ein weiterer Abend, an dem sie die Prinzessin sein musste, die alle sehen wollten.
      Als die Musik langsam leiser wurde und die Gespräche in ein müdes Murmeln übergingen, spürte Irelia, wie die Anspannung des Abends von ihr abfiel. Das Bankett war offiziell beendet, die Gäste verabschiedeten sich mit tiefen Verbeugungen und übertriebenen Höflichkeitsfloskeln. Sie erwiderte jede davon mit einem sanften Lächeln, das ein wenig echter wirkte als noch zu Beginn des Abends, vielleicht, weil sie wusste, dass sie gleich endlich gehen durfte. Sie erhob sich, glitt mit ruhigen Schritten durch den Saal und war froh, endlich allein gehen zu können. Doch kaum hatte sie die Tür erreicht, hörte sie jemanden rufen.
      "Prinzessin! Einen Moment, bitte!". Sie drehte sich um und da war er. Lord Varyn. Ein Mann, der sich selbst für weit charmanter hielt, als er war. Sein Lächeln war zu breit, sein Gang zu selbstbewusst und sein Blick zu lange auf ihr haftend. Natürlich. Er musste sich unbedingt noch einmal persönlich verabschieden. "Es war mir eine außerordentliche Ehre, Euch heute Abend zu sehen", sagte er, während er sich tief verneigte. Zu tief. Zu langsam. Zu inszeniert. Irelia hielt ihr höfisches Lächeln aufrecht, auch wenn es ihr schwerfiel. "Ich danke Euch, Lord Varyn. Der Abend war... erfolgreich.".
      "Und Ihr wart der strahlende Mittelpunkt." Er trat näher, viel näher, als nötig gewesen wäre. "Wie immer.". Sie spürte, wie sich etwas in ihr verkrampfte. Ein leises Unbehagen, das sie gut kannte, aber nie zeigte.Dann nahm er ihre Hand und küsste sie. Seine Lippen berührten ihre Haut, und ein Schauer aus purem Widerwillen lief ihr den Arm hinauf. Sie fühlte sich, als hätte jemand einen kalten, klebrigen Fleck auf ihr hinterlassen. Doch ihr Gesicht blieb makellos höfisch, ein sanftes, kontrolliertes Lächeln, das nichts verriet. "Ich wünsche Euch eine ruhige Nacht, Prinzessin", sagte er, viel zu selbstzufrieden.
      "Die wünsche ich Euch ebenfalls," antwortete sie ruhig, zog ihre Hand zurück und wandte sich ab, bevor er noch etwas hinzufügen konnte. Er blieb stehen und sah ihr nach, doch Irelia ging weiter, ohne sich umzudrehen. Erst als sie den nächsten Gang erreichte, ließ sie die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte. Endlich. Allein. Und der Abend konnte endlich enden - auf ihre Weise.

      In ihren Gemächern angekommen, dauerte es nicht lange, bis ihre Bediensteten folgten. Zwei junge Frauen. Eliza und Lynara, die sie seit Jahren kannten, traten ein und verneigten sich leicht. Irelia erwiderte die Geste mit einem freundlichen Nicken, das sofort die formelle Spannung löste. "Ihr müsst euch nicht beeilen", sagte sie leise, während sie sich auf den Hocker vor dem großen Spiegel setzte. "Auch für euch war es ein langer Abend.". Die beiden lächelten, dieses echte, dankbare Lächeln, das sie nur ihr schenkten. Sie begannen, ihr den Schmuck abzunehmen: die schweren Ohrringe, das filigrane Diadem, die Armbänder, die sich in der Hitze des Saals warm angefühlt hatten. "Ihr habt das Bankett wieder einmal mit mehr Anmut überstanden als jeder andere im Saal", meinte Lynara, während sie das Diadem vorsichtig abnahm. Irelia verzog spielerisch den Mund. "Anmut, ja. Geduld... na ja.". Eliza, die jüngere der beiden, kicherte leise, während sie begann, die Knöpfe am Rücken des Kleides zu öffnen. Eliza war zierlicher gebaut, mit einem herzförmigen Gesicht und lebhaften, dunkelgrünen Augen, die immer ein bisschen zu neugierig wirkten. Ihr kastanienbraunes Haar trug sie zu einem lockeren Zopf gebunden, aus dem ständig Strähnen herausfielen, etwas, das sie nie wirklich störte. Sie hatte eine warme, offene Ausstrahlung, die jeden Raum ein wenig heller machte. "Ich habe gesehen, wie Ihr bei dem Händler aus dem Süden fast die Augen verdreht habt", flüsterte sie verschwörerisch. Irelia hob eine Augenbraue. "Fast? Ich war mir sicher, ich hätte es getan.".
      "Ihr habt es getan", bestätigte Lynara trocken, aber mit einem kleinen Schmunzeln. Lynara war das Gegenteil von Eliza: etwas älter, ruhiger, mit einem sanften, besonnenen Auftreten. Ihr Gesicht war weich, mit feinen, klaren Zügen und warmen braunen Augen, die immer erst beobachteten, bevor sie sprachen. Ihr dunkelblondes Haar war zu einem ordentlichen Knoten gebunden, aus dem sich manchmal eine einzelne Strähne löste, die sie geduldig wieder hinter das Ohr strich. Sie wirkte wie ein stiller Anker, verlässlich, bedacht und beruhigend. "Nur sehr elegant.". Das Kleid gab endlich nach, und Irelia atmete hörbar aus "Dieses Ding ist eine Prüfung. Wenn ich es tragen kann, sollte ich eigentlich Anspruch auf irgendeinen Orden haben."
      "Den Orden der Geduld", schlug Eliza vor und legte die Stecknadeln in die Schale. "Oder den Orden der ‚Ich lächle, obwohl ich innerlich schreie.". Irelia lachte leise, ein warmes, echtes Lachen, das den Raum sofort leichter machte. "Den würde ich tatsächlich verdienen.". Lynara begann, ihr Haar zu lösen. Die ersten Strähnen fielen über ihre Schultern, und Irelia schloss kurz die Augen. "Oh, das fühlt sich jedes Mal an wie Freiheit.".
      "Ihr habt wirklich das schönste Haar im ganzen Palast", sagte Eliza wieder, diesmal mit einem fast beleidigt ehrlichen Tonfall, als wäre es ein Fakt, über den man nicht diskutieren durfte. Irelia öffnete ein Auge und sah sie im Spiegel an. "Das sagst du nur, weil du es jeden Abend retten musst."
      "Nein", widersprach Eliza sofort. "Ich sage das, weil es stimmt. Und weil ich es jeden Abend retten muss.". Lynara schüttelte den Kopf, während sie die Bürste ansetzte. "Eliza meint: Es ist schön, aber anstrengend.".
      "Sehr anstrengend", bestätigte Eliza und grinste breit. Irelia lachte wieder, diesmal etwas länger. "Dann danke ich euch beiden, dass ihr euch jeden Abend mit meinem ‚'anstrengenden' Haar herumschlagt."
      "Es ist uns eine Ehre" sagte Lynara förmlich, doch ihr Lächeln verriet, dass sie es nicht nur aus Pflicht sagte. "Und ein bisschen Spaß macht es auch", fügte Eliza hinzu. "Vor allem, wenn Ihr dabei so müde seid, dass Ihr alles lustig findet." Irelia legte eine Hand auf Elizas Arm. "Ich finde euch immer lustig.". Eliza strahlte und Lynara schmunzelte. Die Bürste glitt langsam und gleichmäßig weiter durch ihr Haar. Der Abend fiel von ihr ab, Stück für Stück, während die drei Frauen miteinander sprachen wie Menschen, nicht wie Rollen im höfischen Spiel.
      Eliza war die Erste, die sich löste. "Ich bringe das Kleid weg und räume den Schmuck ein, Prinzessin", sagte sie förmlich, aber ihr Tonfall war weich, fast schon vertraut. Sie hob das schwere Kleid mit beiden Armen an, verzog spielerisch das Gesicht, als wäre es ein widerspenstiges Tier, und Irelia musste wieder schmunzeln. "Pass auf, dass es dich nicht beißt", neckte sie leise. Eliza grinste. "Wenn es das tut, verbrenne ich es eigenhändig.".
      "Das wäre ein Verlust für die Schneiderinnen", mischte sich Lynara ein, während sie weiter Irelias Haar bürstete. "Aber ich würde es verstehen.". Eliza verschwand mit dem Kleid und dem Schmuck in den Nebenraum, und man hörte sie dort leise vor sich hin murmeln, irgendetwas über 'viel zu viele Knöpfe' und 'wer denkt sich sowas aus'.
      Lynara schüttelte den Kopf, ein kleines, liebevolles Lächeln auf den Lippen. "Sie ist manchmal ein Wirbelwind."
      "Ich mag ihren Wirbelwind", antwortete Irelia und sah Lynara im Spiegel an. "Er macht den Palast lebendiger."
      "Das stimmt", sagte Lynara, während sie die Bürste erneut ansetzte. "Aber manchmal frage ich mich, wie sie es schafft, gleichzeitig so chaotisch und so zuverlässig zu sein."
      "Talent", meinte Irelia trocken.
      Lynara lachte leise. "Oder jugendlicher Übermut."
      "Ich bin kaum älter als sie", gab Irelia zurück.
      "Ihr wirkt älter", sagte Lynara sanft. "Nicht wegen der Jahre. Wegen... allem anderen."
      Irelia senkte kurz den Blick. Sie sprach es nicht aus, aber sie wäre gern mehr wie Eliza. Frei von diesen ganzen Lasten und frei so sein zu können, wie man eben war. Aber bevor Irelia ihre Gedanken weiter ausbreiten konnte, kam Eliza wieder herein, diesmal mit einem Eimer heißem Wasser, den sie vorsichtig neben der großen Badewanne abstellte. "Ich lasse Euch ein Bad ein, Prinzessin. Es wird nicht lange dauern."
      "Danke, Eliza“, sagte Irelia, und die junge Frau strahlte sofort. "Ich habe auch Lavendelöl geholt", fügte Eliza hinzu. "Ihr schlaft damit immer besser."
      "Du kennst mich zu gut."
      "Natürlich", sagte Eliza stolz. "Ich bin schließlich seit fünf Jahren hier.". Lynara schmunzelte. "Und seit fünf Jahren redest du zu viel."
      "Ich rede genau richtig viel", konterte Eliza und füllte die Wanne weiter. "Sonst wäre es hier viel zu still." Irelia lachte leise, während Lynara weiter ihr Haar bürstete, mit dieser ruhigen Art, die Irelia immer entspannte. Eliza arbeitete im Hintergrund, das Wasser rauschte leise, und der Duft von Lavendel begann sich im Raum zu verteilen. Es war einer dieser Momente, die Irelia liebte: kein Hof, keine Etikette, keine Erwartungen. Nur sie, ihre zwei Mädchen, und ein bisschen Frieden nach einem langen Abend.

      Lynara und Eliza beendeten ihre Arbeit fast gleichzeitig. Eliza richtete noch die letzten Dinge im Bad her, prüfte die Temperatur des Wassers und stellte das Lavendelöl griffbereit. Lynara legte die Bürste beiseite und strich Irelia eine lose Strähne aus dem Gesicht, eine kleine, respektvolle Geste, die sie nur wagte, weil sie wusste, dass Irelia sie nicht zurückweisen würde.
      "Euer Bad ist bereit, Prinzessin", sagte Eliza, mit einem warmen Unterton. "Wir wünschen Euch eine ruhige Nacht", fügte Lynara hinzu. Irelia schenkte beiden ein sanftes Lächeln. "Danke. Für alles."
      Die beiden verneigten sich leicht, dann verließen sie die Gemächer. Die Tür schloss sich leise hinter ihnen, und mit einem Mal war der Raum still. Nur das leise Knistern der Kerzen und das ferne Rauschen des heißen Wassers in der Wanne erfüllten die Luft. Irelia blieb sitzen. Sie hätte aufstehen können. Sie hätte direkt ins Bad gehen können. Aber sie tat es nicht. Stattdessen sah sie in den Spiegel, in ihr eigenes, müdes Spiegelbild. Ihre Augen wirkten schwerer als sonst, ihr Lächeln war verschwunden, und die feinen Schatten unter ihren Wimpern erzählten von einem langen Abend, von Erwartungen, von Rollen, die sie spielte, weil man es von ihr verlangte. Sie atmete langsam aus. Und da war es wieder. Dieses Gefühl. Dieses leise Ziehen in der Brust, das sie manchmal überfiel, ohne Vorwarnung. Ein Gefühl, das sie nicht unterdrücken konnte - egal, wie sehr sie es versuchte. Es war kein Schmerz. Kein Misstrauen. Nur... etwas Unvollständiges. Sie senkte den Blick, stand langsam auf, aber nicht, um zum Bad zu gehen. Ihre Schritte führten sie stattdessen zum großen Kleiderschrank. Die Türen öffneten sich leise, und der Duft von Seide, Stoff und Parfüm strömte ihr entgegen. Reihe um Reihe von prachtvollen Kleidern hingen dort: Brokat, Samt, feine Stickereien, Farben, die im Kerzenlicht schimmerten. Doch sie suchte keines davon. Sie schob die schweren Stoffe beiseite, glitt mit den Fingern über die glatten Oberflächen, bis sie ganz hinten ankam, dorthin, wo niemand außer ihr hinsah. Zwischen all dem Prunk, versteckt hinter Gold und Seide, lagen die Kleidungsstücke, die sie trug, wenn sie ihre Gemächer verließ. Schlichte Stoffe. Dunkle Farben. Bewegliche Schnitte. Nichts, was einer Prinzessin würdig wäre. Aber alles, was Irelia brauchte, wenn sie Nachts durch den Palast schlich. Sie griff danach, ohne zu zögern. Der Duft von Freiheit hing daran. Und ein Hauch von Mut, den sie nur in diesen Momenten spürte.
      Sie streifte sich den restlichen Stoff vom Körper, das weiche Unterkleid glitt lautlos über ihre zarte Haut und fiel zu Boden wie eine letzte Erinnerung an den Abend. Für einen Moment stand sie still da, nur im warmen Kerzenlicht, das ihre Silhouette weich zeichnete. Dann griff sie nach dem schlichten Kleid, das niemand im Palast je an ihr sehen würde. Ein Kleid, das eher zu einer Bediensteten passte als zu einer Prinzessin. Das Unterkleid war hell und dünn, naturfarben, weich wie ungebleichter Leinen. Es reichte ihr bis zu den Knöcheln und schmiegte sich leicht an ihren Körper, ohne einzuengen. Die Ärmel waren schmal, der Schnitt schlicht, funktional, unauffällig. Darüber zog sie das dunkle Überkleid: ein tiefgrüner, fast schwarzer Stoff, robust genug für Bewegung, weich genug, um lautlos zu bleiben. Das Oberteil lag eng an, wurde an den Seiten mit schlichten Bändern geschnürt, und der Rock fiel in einer einfachen, praktischen Form herab. Ein breiter, brauner Gürtel fasste das Kleid an der Taille zusammen und verlieh ihm eine ruhige, bodenständige Silhouette. Keine Stickereien. Keine Verzierungen. Keine Farben, die auffielen. Nur Zweckmäßigkeit. In diesem Kleid sah Irelia nicht aus wie eine Prinzessin. Sie sah aus wie eine junge Frau, die Holz trug, Wasser holte oder Feuer machte. Wie jemand, der niemandes Aufmerksamkeit erregte. Wie jemand, der ungesehen bleiben konnte. Das Haar band sie locker zurück, zog die dunkle Überwurfjacke darüber und hob die Kapuze an, bereit, sie später über ihr Gesicht zu ziehen, wenn es sein musste. Dann öffnete sie die Tür ihrer Gemächer einen Spalt und glitt hinaus.
      Der Palast lag in nächtlicher Stille, Nachts war er einfach ein anderer Ort. Tagsüber voller Stimmen, Schritte und Blickte und nun nur ein Labyrinth aus gedämpftem Licht und langen Schatten. Ihre Schritte waren leise, fast lautlos auf dem kalten Steinboden. Sie kannte den Weg auswendig: die Stellen, an denen die Fackeln besonders hell brannten, die Nischen, in denen man sich kurz verbergen konnte, sowie die Türen, die nie ganz geschlossen waren.
      Der erste Gang führte sie an den Gemächern der Hofdamen vorbei. Dort war es still, nur ein leises Rascheln von Stoff hinter einer Tür verriet, dass jemand noch wach war. Irelia blieb nicht stehen. Sie glitt weiter, bog in einen schmaleren Korridor ab, dessen Fenster zum Innenhof zeigten. Der Mond war bereits aufgegangen. Sein Licht fiel durch die hohen Bögen und legte silberne Streifen auf den Boden. Sie liebte dieses Licht.
      Weiter führte ihr Weg an der Galerie entlang, vorbei an alten Gemälden, deren Farben im Dunkeln kaum zu erkennen waren. Sie schritt an einer Wache vorbei, die halb schlief, den Speer nur locker in der Hand. Irelia blieb im Schatten, wartete einen Atemzug, bis der Mann sich wieder regte, dann glitt sie weiter.
      Schließlich erreichte sie die große Tür zum Palastgarten. Sie war schwer, aber nicht verschlossen. Irelia drückte sie langsam auf, gerade so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Die Nachtluft empfing sie wie ein vertrauter Freund. Kühl, klar, mit dem Duft von feuchtem Gras und Blüten, die nur Nachts öffneten. Der Garten lag still vor ihr, nur das Rascheln der Blätter und das Zirpen der Nachtinsekten füllte die Luft. Irelia zog die Kapuze zurück, ließ den Wind durch ihr Haar streichen und ging barfuß über den weichen Weg aus Moos und Erde.
      Sie bewegte sich ungesehen zum Rondell, einem kleinen, runden Platz aus hellem Stein, umgeben von niedrigen Hecken und weißen Blumen, die im Mondlicht fast glühten. Es war ihr Lieblingsort. Ein Ort, den niemand mit ihr verband, weil niemand wusste, dass sie ihn aufsuchte. Sie trat in die Mitte des Rondells, hob den Kopf und sah hinauf. Der Himmel war klar und die Sterne funkelten wie kleine, ferne Feuer. Der Mond stand hell und rund über ihr, silbern und ruhig. Irelia atmete tief ein. Zum ersten Mal an diesem Abend fühlte sie sich wirklich frei.

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    • Der Wind trug das süßliche Aroma von nächtlichem Jasmin und feuchter Erde herüber, doch für den Mann in den Schatten roch diese Nacht nach etwas völlig anderem: nach Gefahr, nach wohlgehüteten Geheimnissen und nach einer düsteren Wahrheit, die viel zu lange im Dunkeln gelegen hatte.
      Leonardo stand völlig reglos im tiefen, schwarzen Schatten der überwachsenen Marmorarkaden, kaum fünf Schritte von dem von niedrigen Hecken gesäumten Rondell entfernt. Seine massive, zwei Meter und drei Zentimeter große Gestalt war völlig eins geworden mit dem alten Gemäuer. Wer an diesem späten Abend durch die schattigen Bogengänge geblickt hätte, hätte in der Finsternis nichts weiter als einen weiteren massiven Steinpfeiler vermutet. Die weit geschnittenen, kaskadierenden Samt- und Seidengewänder in tiefem Smaragdgrün, Violett und Rubinrot, die ihn tagsüber wie einen bunten, grotesken Schalk wirken ließen, hingen schwer und reglos um seine mächtigen Schultern.
      Jede einzelne der feinen Bronze- und Silberschellen, die sonst bei jedem seiner übertriebenen Schritte ein helles, nervtötendes Klingeln erzeugten, war auf taktische Weise stumm geschaltet. Mit unscheinbaren, innenliegenden Lederriemen hatte er die feinen Metallelemente fest an das Futter seines Mantels gebunden. Die Höflinge von Velmont waren darauf konditioniert worden, das Geräusch des Narren zu erwarten, lange bevor er einen Raum betrat. Sie glaubten, er kündige sich immer selbst an. Doch heute Nacht gab es kein Klingeln. Heute Nacht war der Schalk tot – zurück blieben nur der Schatten und der Mann, der hinter der brennbaren Fassade lauerte.
      Auf seinem Gesicht ruhte die Volto di Notte – eine jener sieben venezianischen Masken, die er mit meisterhafter Präzision für sein gefährliches Versteckspiel gefertigt hatte. Ein tiefes, feinst geschliffenes Holz, matt und lichtschluckend wie die Mitternacht selbst, ohne jede Bemalung oder schimmernde Vergoldung. Sie schmiegte sich makellos an seine Gesichtskonturen an, bedeckte seine Nase, die hohen Wangeknochen und die markante Kieferpartie. Niemand am Hof ahnte, wer sich hinter diesem Holz befand. Niemand wusste von seinem dichten, blonden Haar, den fein geschnittenen Zügen oder den tiefen, silbernen Schnittnarben, die sich von seinem Nacken abwärts über seinen gesamten, durchtrainierten Oberkörper zogen. Unter den weiten Stoffmassen verbarg sich kein tölpelhafter Narr, sondern ein sehniger, muskelbepackter Körper, der in Jahren des bitteren Überlebenskampfes, der Akrobatik und des blutigen Nahkampfs gestählt worden war.
      Das Einzige, was die Maske der Finsternis preisgab, waren die zwei schmalen, mandelförmigen Sehschlitze. Und dahinter brannten zwei Augen, die kälter und klarer waren als der Frost im tiefsten Winter: eisblau, durchdringend und vollkommen frei von jenem närrischen Wahnsinn, den er am Tage vor dem König und seinen Günstlingen vorspielte.
      Sein Blick glitt unbarmherzig über die Szenerie vor ihm. Er hatte Irelia von dem Moment an verfolgt, als sie ihr Gemach im Ostflügel verlassen hatte. Er kannte die Routen der Palastwachen besser als der Kommandant der Garde selbst. Er wusste genau, welche Dielen im Korridor knarrten, welche Dienstboten um Mitternacht vom gestohlenen Met betrunken in den Ecken lagen und an welchen schweren Eichentüren das Öl an den Scharnieren fehlte. Er hatte aus den Schatten heraus beobachtet, wie sie sich durch die Pforte gedrückt hatte, und war ihr wie ein unhörbarer Windstoß durch die Dunkelheit gefolgt.
      Nun stand sie dort. Mitten auf dem hellen Stein des Rondells, umspült vom kalten, silbernen Licht des Vollmonds, der die weißen Blüten um sie herum fast zum Glühen brachte.
      Leonardos Atem ging ruhig, tief und vollkommen gleichmäßig durch die feinen Atemlöcher seiner Holzmaske. Unter den dicken Lagen schwerer Seide spannte sich seine Brust an. Das Gewebe seiner Narben an der linken Flanke – die Erinnerung an jenes brennende Lager, in dem seine Familie ausgelöscht worden war – zog leicht bei der tiefen Einatmung.
      Die Prinzessin sah in diesem Moment so faszinierend anders aus als jene stumme Puppe, die man auf den Thronsaal-Empfängen zur Schau stellte. Sie hatte die dichte Kapuze zurückgeschlagen. Sie ging barfuß über das feuchte Moos. Für die adligen Scheusalen von Velmont wäre ein solcher Anblick ein unverzeihlicher Fauxpas gewesen – eine königliche Hoheit, die den Dreck des Gartens an ihren nackten Sohlen zuließ. Doch für Leonardo war dieser Anblick eine stille Offenbarung. Es war der einzige Moment, in dem die makellose Fassade der Prinzessin bröckelte. Sie wollte nicht nur funktionieren. Sie wollte leben. Sie wollte atmen.
      Ein dunkler, fast bittersüßer Schmerz regte sich tief in seiner Brust.
      Wir suchen beide dasselbe, dachte er, während seine großen, narbigen Hände sich stumm in den schweren Falten seines Mantels zu Fäusten ballten. Freiheit von einem Ort, der auf Lügen und Leichen gebaut ist.
      Leonardo wusste genau, warum die kühle Nachtluft sie so erleichterte. Seit dem Tod der Königin war der Palast von Velmont zu einem goldenen Käfig geworden, dessen Gitterstäbe sich von Tag zu Tag enger um sie schlossen. Aber was Irelia nur neugierig hinterfragte, wusste er mit absoluter, grausamer Gewissheit: Die Königin war nicht an einem spontanen, mysteriösen Leiden gestorben. Das schleichende Fieber, die dunklen Verfärbungen unter den Fingernägeln, der plötzliche Herzstillstand nach Monaten des Siechtums – es war das Werk eines seltenen, alchemistischen Giftes. Dasselbe Gift, das Jahre zuvor den Informanten gekostet hatte, der seiner Familie vertraut hatte. Dasselbe Gift, das das Todesurteil für Leonardos gesamte Blutlinie besiegelt hatte, weil sie den Machenschaften der Adligen zu nahe gekommen waren.
      Als er vor drei Jahren als riesenhafter, verquerer Narr an den Hof gekommen war, hatte er einen klaren, kalten Plan gehabt. Er wollte die Mörder seiner Eltern finden. Er wollte Namen, Gesichter und Blut. Er hatte gelernt, seine echte, rauchige Stimme in ein lächerliches, hohes, fast singendes Trällern zu verzerren, das den Höflingen ein spöttisches Lächeln entlockte. Er hatte gelernt, wie ein Betrunkener zu stolpern, während seine eisblauen Augen jedes Dokument auf den Schreibtischen der Minister scannten. Er hatte die Prinzessin ursprünglich nur als ein Werkzeug betrachtet – eine verletzliche, neugierige Schlüsselfigur, deren Position ihm Zugänge verschaffen würde, die einem Narren sonst verschlossen blieben.
      Doch die Grenze zwischen kalter Berechnung und echten Gefühlen war in den letzten Wochen gefährlich verschwommen.
      Je öfter er sie in den Schatten beobachtete – wie sie heimlich alte Aufzeichnungen studierte, wie sie den Wachen auswich, wie sie der erdrückenden Etikette trotzte –, desto weniger sah er in ihr eine Spielfigur auf seinem Schachbrett. Er sah eine Seele, die ebenso von den Schlangen dieses Hofes umringt war wie er selbst.
      Leonardo traf im Stillen eine Entscheidung. Die Zeit des puren Beobachtens war für diese Nacht vorbei.
      Mit einer Bewegung, die für einen Mann seiner gewaltigen Statur unnatürlich flüssig, katzenhaft und vollkommen lautlos war, löste er sich aus der Umklammerung der Arkadenschatten. Seine weichen Lederstiefel hinterließen nicht das geringste Geräusch auf dem feuchten Pfad. Er trat genau an den Rand des Rondells, wo das helle Mondlicht auf den dunklen Stein traf und die Grenze zwischen Nacht und Schein zog.
      Er stand da wie eine kolossale Gestalt aus einer alten Legende. Mehr als zwei Meter hoch, breite Schultern, die weit geschnittene Gewandung leise umweht vom kühlen Nachtwind, das Gesicht verborgen hinter dem mattschwarzen Holz der Volto di Notte. Seine eisblauen Augen fixierten die Gestalt der Prinzessin im Mondlicht. Seine Haltung war aufrecht, bedrohlich und voller ruhender Kampfkraft. Seine rechte Hand ruhte nur wenige Zentimeter entfernt vom Griff jenes schmalen Stiletto-Dolches, der verborgen unter seinem Gürtel saß.
      Dann brach er die Stille der Nacht.
      Als er den Mund öffnete, erklang nicht die hochtönende, schrille, überspannte Narrenstimme, die man aus den goldverzierten Sälen des Palastes kannte. Es gab kein künstliches Lachen, kein überspitztes Trällern, keine gespielte Albernheit.
      Stattdessen durchdrang ein völlig anderer Klang die Ruhe des Gartens. Eine Stimme, tief wie ein Abgrund, rauchig, samtig und von einer rauen, gefährlichen Dunkelheit durchzogen. Ein schwerer, violetter Bariton, der wie das leise Grollen eines entfernten Unwetters über den Stein des Rondells strich und die kühle Nachtluft zum Vibrationsprinzip machte.
      „Die Freiheit im Palastgarten ist eine Illusion, Prinzessin...“, sagte er langsam.
      Jedes einzelne Wort war glasklar, getragen von einer ruhigen, fast drohenden Autorität, die noch nie ein Höfling im gesamten Königreich von den Lippen des Narren gehört hatte.
      Er machte einen einzigen, bedächtigen Schritt nach vorne. Das kalte Mondlicht traf die glatte, schwarze Oberfläche seiner Holzmaske und ließ die zwei eisblauen Punkte dahinter wie unerbittliches Gletschereis aufleuchten. Seine Stimme blieb rauchig, rau und gefährlich leise, kaum lauter als das Rascheln der Blätter im Wind, aber geladen mit der Schärfe eines unbarmherzig gezogenen Stahls.
      „Sie lässt Sie nur so lange atmen, wie die Schlingen an Ihrem Hals von den Wachen locker genug gehalten werden.“
      Er blieb stehen. Die gewaltige Gestalt erhob sich wie ein finsterer Wächter im Spiel aus Licht und Finsternis, während die lautlose Nacht zwischen ihnen wie eine aufs Äußerste gespannte Sehne vibrierte.
    • Der kühle Wind strich sanft über ihre Wangen, spielte mit den losen Strähnen ihres zurückgebundenen Haares und ließ die dunklen Stoffe ihres Überkleides leicht flattern. Sie schloss für einen Moment die Augen. Kein höfisches Lächeln. Keine Blicke, die sie musterten. Keine Stimmen, die etwas von ihr wollten. Nur die Stille der Nacht und das ferne Zirpen der Insekten. Als sie die Augen wieder öffnete, wirkte der Himmel noch größer. Der Mond schien so hell, dass die weißen Blumen um sie herum fast wie kleine Laternen glühten. Der Stein unter ihren Füßen war kühl, und sie spürte die leichte Feuchtigkeit der Nachtluft auf ihrer Haut. Irelia setzte sich langsam auf den Rand des Rondells, zog die Knie leicht an und legte die Hände darauf. Für einen Moment wirkte sie nicht wie eine Prinzessin, nicht wie jemand, der einen ganzen Hof hinter sich hatte, sondern wie eine junge Frau, die einfach nur die Sterne beobachten wollte. Der Mond spiegelte sich in ihren hellen Augen, und die Sterne funkelten wie winzige Splitter aus Glas, die jemand über den Himmel gestreut hatte. Sie blieb eine Weile einfach sitzen und den Kopf leicht in den Nacken gelegt. Der Duft von feuchtem Gras, Erde und den zarten Blüten mischte sich mit dem leichten Hauch von Kälte. Es war ein Duft, der sie an etwas erinnerte, das sie nie ganz greifen konnte, an eine Zeit, in der alles einfacher gewesen war. Oder vielleicht nur an eine Sehnsucht, die sie nie aussprach. Dann dachte sie an den Abend. An die Gesichter, die sie angelächelt hatte. An die Worte, die sie höflich erwidert hatte. An die Hand des Mannes, die sie hatte küssen lassen müssen, obwohl ihr innerlich alles dagegen rebelliert hatte. Ein kleines, kaum sichtbares Zittern ging durch ihre Finger. Nicht aus Angst, aber aus Überdruss. 'Ich bin müde von ihnen', dachte sie sich. Sie legte eine Hand auf den Stein neben sich, fühlte die Kühle, die Rauheit, die Wirklichkeit. Hier musste sie nichts spielen. Hier musste sie nichts sein. Hier war sie einfach nur Irelia. Und die Nacht nahm sie so an, wie sie war.
      Irelia zuckte heftig zusammen, sodass ihr Herz einen Schlag aussetzte, bevor es doppelt so schnell weiterschlug, als plötzlich die dunkle Stimme die Nacht durchschnitt. Ihre Brust hob und senkte sich in kurzen, flachen Bewegungen, und ihr Herz schlug so hart gegen ihre Brust, dass sie es in den Fingerspitzen spürte. Instinktiv richtete sie sich auf, der Körper angespannt, die Schultern leicht erhoben, als würde sie jeden Moment davonrennen. Ihre Augen suchten hastig die Dunkelheit ab, weit geöffnet und glänzend vor Schreck. Und dann sah sie ihn. Zuerst nur eine gewaltige, dunkle Gestalt, die sich kaum vom Schatten der Hecken unterschied. Ein Umriss, der viel zu groß, viel zu still war, um harmlos zu wirken. Wäre der Mond nicht so hell gewesen, hätte sie ihn für einen Albtraum gehalten, für etwas, das ihr Verstand erschaffen hatte, weil sie nicht die Regeln befolgte. Doch das silberne Licht glitt über ihn und enthüllte, wer dort stand. Der Hofnarr. Oder zumindest der Mann, der seine Kleidung trug. Ihre Lippen öffneten sich leicht, ein stummes Einatmen, während ihre Stirn sich ungläubig zusammenzog. Sie hatte seine Schritte nicht gehört, nicht einmal ein Rascheln, kein Knacken oder das typische klingeln. Er war einfach da, wie aus dem Nichts. Ihre Finger krampften sich unbewusst in den Stoff ihres Überkleides. Ihr Kopf neigte sich minimal zur Seite, ein Reflex, der zeigte, dass sie versuchte zu verstehen und diese Situation zu begreifen versuchte. Die Maske war ihr fremd und die Stimme... Die Stimme, die sie gehört hatte, passte nicht zu ihm. Die Maske passte nicht zu ihm. Die Haltung passte nicht zu ihm. Nur die Kleidung erkannte sie und genau das machte es noch verstörender.
      Langsam, fast mechanisch, schloss sie den Mund wieder, ihre Kehle bewegte sich in einem nervösen Schlucken. Ihre Schultern sanken ein wenig, ein Versuch, die Panik zu zähmen, die ihr Brustkorb wie eine Faust zusammendrückte. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er wirklich vor ihr stand. Und dass nichts an ihm war, wie es sein sollte.
      Irelia schluckte, ihre Brust hob und senkte sich noch immer schneller als sie wollte. Doch ihre zarte Stimme, als sie sprach, war erstaunlich ruhig, fast schon warm, klar, ein bisschen heiser vom Schreck, aber fest genug, um nicht unterzugehen. "Es ist die einzige Freiheit, die mir bleibt." Sie hielt seinem Blick stand, auch wenn sie seine Augen nicht wirklich sehen konnte. Ihre Finger lösten sich langsam vom Stoff ihres Kleides, und sie richtete sich ein Stück auf, als würde sie sich selbst daran erinnern, wer sie war. "Und ehrlich gesagt..." Sie holte einmal tief Luft, ihre Stimme blieb weich, aber bekam einen ernsten Unterton. "...es überrascht Euch nicht im Geringsten, mich hier zu sehen, oder?" Ihre Stirn zog sich leicht zusammen, ein Ausdruck aus Verwirrung und wachsamen Misstrauen. "Ihr taucht hier auf, lautlos, mit einer Stimme, die ich nicht kenne, mit einer Maske, die ich nie gesehen habe." Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, eine kleine, verwirrte Bewegung. "Was wollt Ihr?".
    • Unter der mattschwarzen, lichtschluckenden Holzoberfläche der Volto di Notte stieg ein seltenes, fast vergessenes Gefühl in Leonardo auf. Ein leises, unsichtbares Lächeln stahl sich auf seine Lippen – eine feine, amüsierte Krümmung seines Mundes, die seit Jahren kein einziger Mensch im gesamten Königreich Velmont mehr erblickt hatte. Es war ein Ausdruck echter, faszinierter Anerkennung. Die meisten Adligen an diesem hofierten, verweichlichten Ort wären bei dem plötzlichen Auftauchen einer zwei Meter großen Finsternis in Ohnmacht gefallen oder hätten mit kreischender Stimme nach den Palastwachen gerufen. Doch die junge Frau vor ihm hielt seinem Blick stand. Trotz des Schreckens, der ihr Herz noch immer wie ein wildes Tier gegen die Rippen schlagen ließ, brannte in ihrer Haltung eine stolze, unauslöschliche Glut.

      Leonardo verharrte einen langen Moment in absoluter Reglosigkeit, während der kühle Nachtwind die weiten Stoffmassen seines smaragdgrünen und tiefvioletten Gewandes leise bauschte. Dann vollführte er eine langsame, beinahe demonstrativ träge Bewegung. Seine massive rechte Hand – übersät mit blassen, alten Schnittnarben, die von unzähligen Überlebenskämpfen zeugten – glitt in das Innere seines weiten Ärmels. Mit der Präzision eines Mannes, der sein Handwerk im Dunkeln gelernt hatte, lösten seine dicken, kräftigen Finger einen der feinen Lederriemen, mit denen er seine Narrenschellen für die Nachtstunden verstummt hatte.

      Er streifte eine einzelne, feine Messingschelle ab und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger ins silberne Mondlicht.

      Ein winziger, gezielter Ruck seiner Hand genügte.

      Kling.

      Das Geräusch war nicht das gewohnte, laute und nervtötende Geplänkel, mit dem er tagsüber die Bälle des Königs störte. Es war ein gedämpfter, fast melodischer Ton, heiser und kurz, der wie das Verhallen eines fernen Glockenschlags in der kühlen Nachtluft erstarb.

      Plötzlich neigte er den Kopf zur Seite – eine ruckartige, seltsam vogelfreie Bewegung, die vollkommen der Figur gehörte, die er vor dem Hofstaat spielte. Als er die Lippen öffnete, entsprang seiner Kehle jene unnatürlich hohe, trällernde Stimme, die man im Thronsaal so sehr verachtete und doch duldete. Doch er verlieh ihr keine Lautstärke. Er presste den Klang zusammen, drosselte ihn bis auf das absolute Minimum ab, sodass er zu einem hauchdünnen, flüsternden Hauch wurde. Es klang wie das Scharren von Mäusepfoten auf trockenem Pergament, spottend und unheimlich zugleich:
      „Ein süßes kleines Vögelchen... verlässt den goldenen Käfig... um im Mondlicht nach Krümeln von Freiheit zu piken...“

      Das hochtönende Whispern verflüchtigte sich augenblicklich in der Dunkelheit, als hätte es nie existiert. Im selben Moment straffte Leonardo seine gewaltige Gestalt. Seine Schultern breiteten sich in ihrer vollen, bedrohlichen Breite aus, und die spöttische Pose des Narren löste sich auf wie Nebel in der Morgensonne.
      Als er erneut sprach, kehrte seine wahre Stimme zurück – jener tief tönende, rauchige Bariton, der wie dunkler Samt über die Steine des Rondells strich und eine Vibration in der Luft hinterließ, die man bis in die Knochen spüren konnte.
      „Nein, Prinzessin“, sagte er langsam, und die eisblauen Augen hinter den dunklen Holzschlitzen fixierten sie mit unbarmherziger Schärfe. „Es überrascht mich nicht im Geringsten, Euch hier zu finden. Genauso wenig, wie es mich überrascht, dass Ihr auf dem Moos barfuß geht, während die Höflinge in ihren gemalten Seidenschuhen im Palast Ersticken spielen.“
      Er machte einen einzigen, schweren Schritt nach vorne, blieb jedoch am äußersten Rand des Mondlichts stehen, sodass die Schatten der Arkaden ihn wie ein dunkler Mantel einhüllten.
      „Ihr fragt, was ich hier tue. Ich tue das, was ich jede Nacht tue, wenn die Kerzen in den Festssälen heruntergebrannt sind und die Trunkenbolde in ihren eigenen Lügen schlafen“, fuhr er fort. Seine dunkle Stimme klang ruhig, fast beiläufig, doch jedes Wort war von einer eisigen Beobachtungsgabe getränkt. „Ich gehe spazieren. Und ich sehe mir das Königreich an, wenn es aufhört zu lügen.“

      Leonardo griff mit der linken Hand an die Kante seiner mattschwarzen Holzmaske, rückte sie keinen Millimeter ab, sondern strich nur mit den Narben seiner Fingerkuppen über das kühle Holz, als wollte er sich selbst an die Grenze erinnern, die er gezogen hatte. Er hatte nicht vor, ihr in dieser Nacht seine Karten offen auf den Tisch zu legen. Er würde ihr nicht von den Giftmischern erzählen, die in den Apotheken des Südflügels schlichen, oder von der grausamen Nacht, in der seine eigene Familie im Feuer erstickt war. Vertrauen war in Velmont eine Währung, die man erst mit Blut bezahlen musste, bevor man sie ausgeben durfte.

      „Ihr wundert Euch über dieses Gesicht aus Holz“, raunte er, und ein raues, leises Auflachen entwich seiner Brust – trocken und ohne jede Freude. „Und über die Stimme, die Euch nicht vertraut ist. Aber sagt mir... ist eine Maske aus Holz wirklich fremder als die Masken aus Puder, Gold und falschen Lächeln, die Euch jeden Tag im Spiegelsaal entgegenblicken? Der Hofnarr trägt sein Holz im Gesicht, damit jeder weiß, dass er eine Rolle spielt. Die Adligen dieses Hofes tragen ihre Masken unter der Haut. Das ist der einzige Unterschied.“

      Er verschränkte die mächtigen Arme vor der breiten Brust. Die weiten Seidenstoffe fielen schwer über seinen durchtrainierten, narbigen Körper und verbargen erneut die gefährliche Athletik, die ihn zu einem lautlosen Jäger machte.

      „Ich beobachte, Prinzessin. Das ist alles, was ich tue. Und man sieht erstaunlich viel, wenn die Menschen glauben, man sei zu verblödet, um das Alphabet zu beherrschen“, sagte er, und ein feines, spöttisches Nuancieren schlich sich in seinen tiefen Tonfall. „Ich weiß, welche Grafen ihre Ländereien an den Spieltischen im Hafenviertel längst verspielt haben und trotzdem in Purpur gekleidet durch die Hallen stolzieren. Ich weiß, welche Herzogin ihren Gemahl mit dem Hauptmann der Palastwache hinter den schweren Vorhängen der Bibliothek betrügt. Und ich höre das Rascheln der Schuldscheine, die in den späten Abendstunden unter den Türen der Minister durchgeschoben werden.“
      Er hielt kurz inne. Der Wind trug das kühle Zirpen der Nachtinsekten herüber, doch zwischen den beiden Gestalten im Garten stand die Stille wie eine gespannte Sehne.

      „Der Hof denkt, der Narr sei taub für die Welt, solange man ihm einen Teller Fleisch und einen Becher sauren Wein vorsetzt“, raunte Leonardo weiter, und seine eisblauen Augen glühten in der Dunkelheit der Maskenspalten. „Sie sprechen vor mir über Machtverhältnisse, über Erbe und über Bündnisse, als wäre ich ein Stück Mobiliar. Sie vergessen, dass ein Mann, der den ganzen Tag damit verbringt, die Fehler anderer zu studieren, schließlich gelernt hat, wie das gesamte Gebälk dieses Palastes zusammengehalten wird. Oder wo man die Axt ansetzen muss, damit es einstürzt.“

      Er machte einen weiteren kleinen Schritt zur Seite, gänzlich lautlos, als würde sein massiver Körper keine Masse besitzen. Das silberne Licht des Mondes streifte die Konturen der Volto di Notte und ließ sie für einen Augenblick wie ein leeres, schreckliches Antlitz aus dem Reich der Schatten wirken.

      „Ihr wollt wissen, was ich von Euch will? In dieser Nacht? Gar nichts“, sagte er schlicht. Seine rauchige Stimme wurde noch ein Stück leiser, erreichte eine Frequenz, die fast beruhigend wirken konnte, wenn sie nicht von so viel dunkler Macht getragen worden wäre. „Ich habe keinen Auftrag. Ich trage keinen Dolch in der Hand, um Euch zu schaden. Ich bin lediglich der einzige Bewohner dieses Ortes, der weiß, wie schwer die Luft im Inneren dieser Mauern zu atmen ist. Und der versteht, warum eine Prinzessin um Mitternacht barfuß über feuchtes Moos laufen muss, um nicht zu ersticken.“

      Leonardo neigte den Kopf ein wenig, diesmal ohne jede narrische Attitüde, sondern mit einer dunklen, beinahe majestätischen Höflichkeit.
      „Die Nacht gehört Euch, Irelia. Aber passt auf, wo Ihr Eure Schritte hinsetzt. Das Gras hier draußen mag kühl und friedlich wirken... aber die Schlangen, die tagsüber auf den Marmorböden kriechen, kommen nachts manchmal hierher, um ihr Häutungsgift im Tau zu waschen.“
    • Sie blieb einfach stehen. Ihre Schultern waren leicht angehoben, als hielte sie unbewusst den Atem an und die schlanken Finger krampften sich in den Stoff ihres Überkleids, während ihre Augen groß und suchend an der dunklen Gestalt vor ihr hängen blieben. Der Mann wirkte wie ein einziger Schatten, vollständig in Stoff gehüllt, ohne eine einzige vertraute Regung, die sie mit dem Hofnarren verband. Kein schiefer Hüftstand, kein übertriebenes Wippen, keine alberne Geste. Nur diese stille, massive Präsenz. Und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bewegte er sich so präzise und so kontrolliert, dass es wirkte, als täte er den ganzen Tag nichts anderes. Nun, so war es auch. Das gedämpfte Kling hallte in ihr nach wie ein kleiner Stich, und als er den Kopf so ruckartig neigte, fuhr ihr ein Schauer über den Rücken. Diese Bewegung, diese Stimme, dieser spöttische, hauchdünne Klang, der wie ein Kratzen an ihren Nerven entlangglitt. Das war der Narr, den der Hof kannte. Aber hier, im Mondlicht, wirkte es wie eine verzerrte Version davon. Wie eine Maske über einer Maske. Irelia spannte die Schultern leicht an, ihr Atem wurde wieder schneller, doch sie wich nicht zurück. Ihre Augen verengten sich, suchten sein Gesicht hinter der schwarzen Holzmaske, suchten nach irgendwas, das ihr erklärte warum das hier passierte.
      Schon bevor sie seine nächsten Worte verstand, traf sie der Klang. Diese tiefe Stimme, die sie nicht kannte, schwer, rauchig und hatte fast schon etwas... warmes, fuhr ihr wie ein unerwarteter Schauer über die Haut. Ein feines Zittern lief ihr den Rücken hinauf, so schnell, dass sie kaum wusste, ob es Angst war oder etwas anderes. Ihre Lippen öffneten sich einen Hauch, ihre Augen wurden größer, als ihr Körper auf den Ton reagierte, bevor ihr Verstand es tat. Das hochtönende wispern verflüchtigte sich augenblicklich in der Dunkelheit, als hätte es nie existiert. Diese tiefe Stimme nun erneut zu hören und das im Zusammenhang mit seiner Gestalt... Diesmal hatte ihr Körper Zeit zu reagieren. Sie sagte nichts, beobachtete ihn lediglich, bis sie spürte, wie ihre Gänsehaut langsam wieder abklang, dafür spürte sie, wie ihre Wangen heiß wurden. Im Mondlicht war es nicht zu sehen, doch ihr Blick verriet etwas wie Überraschung und Scham. Instinktiv senkte sie den Kopf ein Stück, ihr Atem stockte, als ihr Blick auf ihre nackten Füße fiel, die den kalten, schmutzigen Stein berührte. Für eine Prinzessin war das unschicklich, ein Regelbruch, den niemand sehen sollte. Und doch stand sie hier, barfuß, und er hatte es sofort erkannt. Ihre Finger krampften sich leicht ineinander, eine kleine, unbewusste Geste, die verriet, wie sehr sie sich ertappt fühlte. Die Schultern zogen sich minimal zusammen, als wolle sie sich gegen den Moment schützen. Dann hob sie den Kopf langsam wieder, ihr Blick war nicht trotzig, eher ehrlich und ein wenig verletzlich. "Es überrascht Euch wirklich nicht, mich so zu sehen... oder hier draußen.", stellte sie mit flüsternder Stimme fest. Sie wusste das es nicht angemessen war, aber hier draußen und in der Nacht, fühlte es sich nicht falsch an.

      Für einen Moment sagte sie nichts. Ihre Augen blieben an ihm hängen, als müsste sie sich erst vergewissern, dass er das wirklich gesagt hatte. Dass dieser Mann, der sich sonst hinter Albernheit und überdrehten Grimassen versteckte, nun mit einer Wahrheit vor ihr stand, die schärfer war als jede höfische Intrige. Sie atmete einmal tief ein, als müsse sie erst überdenken, was sie sagte. Ihre Wangen waren noch immer warm, doch diesmal nicht aus Scham, sondern aus dem Gefühl, ertappt worden zu sein in etwas, das sie selbst kaum aussprach. "Ich wundere mich darüber, dass ihr.. sie so erklärt." Sie hob ihr Kinn ein Stück, ihre Schultern richteten sich, als würde sie sich innerlich sammeln. Ihr Blick war nicht mehr beschämt, sondern ernst, aufmerksam, fast verletzlich offen. "Aber vielleicht habt Ihr recht.". Ihre Stimme wurde weicher. "Vielleicht sind die Masken im Palast... gefährlicher als Eure aus Holz." Sie sah ihn an, direkt, ohne zurückzuschrecken "Und Ihr seid wohl der Erste, der mir gegenüber das so offen ausspricht.". Irelia überraschte sich selbst, dass sie nicht einfach davonrannte. Er konnte einfach gehen und dem König berichten, das er die Prinzessin im Palastgarten entdeckt hatte. Mitten in der Nacht, gekleidet wie eine einfache Magd und ohne Schuhe im Dreck. Aber irgendetwas sagte ihr, das er dies nicht tun würde. Sie hatte wollte wissen was er hier trieb, mitten in der Nacht und so unüblich lautlos und einer anderen Maske, die sie sonst kannte und er antwortete ihr. Sie war überrascht von seinen Worten. Das er so offen sprach und das gerade nicht wohlwollend für die Adligen, den Menschen, die im Rang deutlich weiter oben standen als er. Die ihm gefährlich werden könnten, vertraute er diese Worte der falschen Person an.

      Irelia blieb still. Nicht, weil sie eingeschüchtert war.Sondern weil seine Worte eine Schwere hatten, die sie nicht sofort einordnen konnte.Sie hörte ihm zu, und je länger er sprach, desto mehr verschob sich etwas in ihr. Ein vertrautes Bild bekam Risse: der Narr, der Tollpatsch, der Clown... war nicht das, was sie geglaubt hatte. Oder nicht nur das. Sie sah, wie er sich bewegte, lautlos, kontrolliert, mit einer Präzision, die nichts von Albernheit hatte. Wie die Maske im Mondlicht zu einem leeren, unheimlichen Gesicht wurde. Wie seine Stimme schwerer wurde. Und sie spürte, dass hinter seinen Worten etwas lag, das er nicht aussprach, aber auch nicht verbarg. Er hatte nicht viel gesagt, aber in dem Wenigen lag mehr Bedeutung, als sie erwartet hatte. "Ihr beobachtet sie." Ihre Stimme war leise "Alle. Den Hof. Die Adligen. Ihre Handlungen." Ihre Finger lösten sich langsam vom Stoff ihres Kleides "Warum?" ihre Stirn legte sich leicht in Falten, nicht aus Misstrauen, sondern aus Neugierde "Ihr habt nicht viel gesagt... aber in Euren Worten lag eine Schwere." Sie senkte den Blick kurz, als würde sie die Bedeutung abwägen, dann sah sie wieder zu ihm "Warum offenbart Ihr sie ausgerechnet mir?".

      Für einen Augenblick vergaß Irelia zu atmen. Nicht wegen seiner Warnung oder seinen restlichen Worten. Sondern wegen eines einzigen Wortes. Irelia. Ihr Name.Nicht ihr Titel.Nicht 'Prinzessin'.Nicht die höfische Maske, die man ihr jeden Tag überstreifte. Ihr richtiger Name. Sie spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog, ein schneller, warmer Stich, der ihr die Kehle eng machte. Ihre Wangen wurden heiß, so abrupt, dass sie froh war, dass das Mondlicht die Farbe verschluckte. Doch ihre Augen verrieten alles: Überraschung, ein Hauch Verletzlichkeit... und etwas, das sie nicht sofort benennen konnte. Sie hob den Kopf ein Stück, als müsste sie sich vergewissern, dass sie sich nicht verhört hatte. Andere Adlige hätten ihn dafür bestraft.Hätten ihn erniedrigt, geschlagen, verstoßen, was auch immer nötig gewesen wäre, um ihn daran zu erinnern, dass ein Mann seines Standes ihren Namen nicht aussprechen durfte. Nicht mit seiner 'niederen Zunge', wie sie es nannten. Aber sie mochte es. Sie mochte, wie er es sagte.Ohne Furcht.Ohne Unterwürfigkeit.Ohne die schleimige Süße, mit der Höflinge ihren Titel schmeichelten. Nur ihren Namen. Sie schluckte, und ihre leise Stimme trug eine Wärme, die sie nicht hätte haben dürfen. "Ihr sagt, Ihr wollt nichts von mir." ihre Füße trugen sie einen halben Schritt nach vorn "Aber Ihr sprecht Dinge aus, die niemand sonst sagen würde. Dinge, die niemand sonst... sehen würde.".
    • Ein fast unhörbares, tiefes Ausatmen entwich der Brust des Narren hinter der mattschwarzen Holzmaske. Es war ein leiser, samtener Klang, der im sanften Rauschen des Nachtwindes beinahe untergegangen wäre. Leonardo registrierte jede noch so kleine Veränderung in ihrer Haltung – das leichte Heben ihres Kinns, die Wärme in ihren hellen Augen und diesen einen winzigen, mutigen Schritt, den sie auf ihn zugemacht hatte. Sie war nicht zurückgewichen. Sie hatte nicht nach den Wachen gerufen. Und sie hatte seinen Namen verabscheut weder als Anmaßung noch als Beleidigung, sondern ihn in ihrer leisen Stimme wie etwas Kostbares getragen.

      Leonardo spürte, wie sich die jahrelange, eisige Anspannung in seinen Muskeln für einen seltenen, flüchtigen Augenblick lockerte. Er bewegte sich. Nicht mit der staksigen, übertriebenen Tölpelhaftigkeit, mit der er tagsüber über die polierten Marmorböden des Palastes stolperte, und auch nicht mit der starren, bedrohlichen Härte des Schattenläufers, der in der Finsternis lauert. Seine Bewegung war fließend, mühelos und von einer bemerkenswerten, geschmeidigen Eleganz, die man einem Mann von seiner immensen, zwei Meter großen Statur niemals zugetraut hätte.
      Er drehte sich leicht zur Seite, machte zwei langsame Schritte auf die schattige Arkadenwand zu und lehnte sich mit der breiten Schulter entspannt an eine der schweren, kühlen Marmorsäulen, die das Rondell einrahmten. Er überkreuzte die langen Beine an den Knöcheln und ließ die Arme locker vor der mächtigen Brust verschränkt sinken. Die dicken, schweren Stoffe seines violetten und smaragdgrünen Gewandes fielen um ihn herum wie die schützenden Schwingen eines großen, dunklen Vogels. In dieser Haltung wirkte er nicht mehr wie eine Bedrohung, sondern wie ein stiller Beschützer, der sich für ein langes, ruhiges Gespräch eingerichtet hatte.

      Als er wieder sprach, veränderte sich seine Stimme erneut. Das Rauen, das Kalte, das Unbarmherzige, das vorhin wie gezogener Stahl in der Luft gelegen hatte, schmolz dahin. Seine rauchige, tiefe Stimme wurde spürbar weicher, runder und bekam einen samtigen, fast intimen Unterton, der wie ein warmer Hauch über die kühle Nachtluft strich. Es war ein Klang, der vollkommen ehrlich war – ohne die schrillen Facetten der Narrenrolle, aber auch frei von der Härte des Rächers.

      „Ihr wollt wissen, warum ich lausche, Irelia?“, raunte er, und das Wort Irelia glitt diesmal so sanft von seinen Lippen, als wäre es eine Melodie, die er schon seit Ewigkeiten im Geheimen geübt hatte. „Die Antwort ist denkbar einfach und doch so alt wie dieser Palast selbst: Weil Wissen die einzige Rüstung ist, die unter Seide und Samt nicht auffällt. Und weil es die einzige Waffe ist, die niemals rostet.“
      Er neigte den Kopf leicht nach hinten, sodass der Hinterkopf an den kühlen Stein der Säule tippte. Die eisblauen Augen hinter den schmalen Sehschlitzen der Holzmaske sahen hinauf in den fernen, sternenübersäten Himmel, bevor sein Blick wieder langsam zu ihr zurückglitt.
      „Ein Königreich wie Velmont ernährt sich von der Naivität seiner Bewohner“, fuhr er leise fort, und seine Stimme trug eine ruhige, nachdenkliche Schwere. „Die Menschen hier glauben, dass Schwerter und Gold Macht bedeuten. Aber Schwerter kann man brechen, und Gold kann man stehlen. Ein Geheimnis dagegen... ein Geheimnis ist unzerstörbar. Wenn du weißt, wovor ein Mann Nachts Angst hat, wenn du weißt, welche Sünde er vor seiner Frau verbirgt oder welche Schuld ihn um den Schlaf bringt – dann gehört dieser Mann dir. Er wird vor dir niederknien, ohne dass du jemals eine Klinge aus der Scheide ziehen musst.“

      Ein feines, trockenes Schmunzeln schwang in den tiefen Frequenzen seiner Stimme mit, als er die Arme noch etwas lockerer verschränkte.
      „Das Schöne an meiner Rolle am Hof ist die absolute Blindheit der Höflinge“, sagte er ruhig. „Wenn ein Mann in Rüstung an der Tür steht, verstummen die Gespräche. Wenn ein Minister den Raum betritt, wechseln die Damen das Thema. Aber wenn der bunte, riesenhafte Idiot in der Ecke steht, der mit bunten Bällen jongliert, sich selbst über die eigenen Füße stolpert und scheinbar nicht einmal bis drei zählen kann... dann vergessen sie, dass er überhaupt da ist. Sie behandeln mich wie ein Tischchen oder einen Vorhang. Sie sprechen vor mir über Verrat, über gekaufte Richter und über verbotene Treffen, als wäre ich vollkommen taub. Aber ich bin nicht taub. Ich bin ein Schwamm, Irelia. Ich sauge jedes Wort auf, jede kleine Unachtsamkeit, jeden falschen Ton in ihrer Stimme. Und ich speichere es ab.“

      Er schwieg für einen kurzen Moment, ließ die Stille des Gartens wirken, in der nur das ferne Zirpen der Grillen und das leise Rauschen der Blätter zu hören waren. Er sah, wie aufmerksam sie ihm lauschte, und der Gedanke, dass ausgerechnet die Prinzessin von Velmont hier im Dreck stand und den Worten eines Narren wie einer heiligen Schrift lauschte, weckte eine tiefgründige Faszination in ihm.
      „Ihr habt mich gefragt, warum ich diese Dinge ausgerechnet Euch offenbare“, raunte er weiter, und seine Stimme wurde noch einen Ton weicher, fast wie ein Flüstern, das nur für sie bestimmt war. „Weil Ihr die Einzige in diesem gesamten verfluchten Gemäuer seid, die nicht versucht, mich zu täuschen. Wenn die anderen mich anlächeln, sehe ich die Gier hinter ihren Zähnen. Wenn sie mir Münzen zuwerfen, tun sie es, um sich über mich zu erheben. Aber Ihr... Ihr habt mich angesehen und keine Waffe gesehen, keine Spielfigur, keinen Diener. Ihr habt Fragen gestellt. Ihr habt den Mut gehabt, nachts hier herauszukommen, ohne Schuhe an den Füßen, nur um für einen einzigen Moment nicht mehr lügen zu müssen. An einem Ort voller Wölfe ist eine Person, die nach der Wahrheit sucht, das Seltenste, was man finden kann. Und vielleicht... vielleicht wollte ich einfach, dass wenigstens ein einziger Mensch an diesem Hof weiß, dass nicht alles an mir eine Lüge ist.“

      Leonardo drückte sich ein Stück weit von der Säule ab, blieb aber in seiner entspannten, leicht geneigten Haltung stehen. Die kühle Nachtluft strich durch die weiten Ärmel seines Gewandes, doch die Wärme, die sich in seiner Brust breitgemacht hatte, war völlig neu für ihn.
      „Wenn Ihr wissen wollt, wie sehr dieser Hof im Sumpf kleiner Geheimnisse versinkt, muss man nicht einmal in die Gemächer der Minister blicken“, sagte er, und ein echtes, amüsiertes Lächeln war im Tonfall seiner rauchigen Stimme zu hören. „Es reicht schon, in Eurer unmittelbaren Nähe zu lauschen. Soll ich Euch beweisen, was das Ohr des Narren alles auffängt?“
      Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern sprach ruhig weiter, gelassen und mit der mathematischen Präzision eines Mannes, der jedes Detail im Gedächtnis eingebrannt hatte.
      „Nehmen wir Eure Kammerzofen. Die gute Lina und die kleine, rothaarige Maeva“, begann er und zählte die Namen an seinen dicken, narbigen Fingern ab. „Glaubt nicht, dass sie in Eurem Ankleidezimmer nur über die Qualität Eurer Seidenbänder sprechen, wenn Ihr den Raum verlasst. Vor knapp vier Tagen hat der junge Graf von Ostringen der kleinen Maeva ein ganzer Beutel voll Silbermünzen in die Hand gedrückt. Er wollte von ihr wissen, welche Blüten Ihr bevorzugt und welches Parfüm Ihr auf Eurem Kissen tragt, um Euch beim nächsten Ball mit dem passenden Geschenk zu überrumpeln. Und wisst Ihr, was Eure treue Zofe getan hat?“
      Er hielt inne, und ein raues, leises Glucksen entwich seiner Kehle.

      „Sie hat das Silber erfreut eingesteckt – und ihm brühwarm erzählt, dass Ihr den geruch von faulem Kohl und billigem Moschus liebt und Eure Kleider am liebsten mit getrockneten Lavendelstängeln aus dem Schweinepferch parfümieren lasst. Der arme Graf war so verstört von dieser Information, dass er den halben Abend damit verbracht hat, verzweifelt nach einem Parfümeur zu suchen, der 'eleganten Kohlduft' herstellen kann. Maeva hat das Silber übrigens benutzt, um ihrem Bruder im Unterdorf ein neues Dach für sein Haus zu kaufen.“
      Leonardo legte den Kopf leicht schief, und das Silberlicht des Mondes spiegelte sich in den Sehschlitzen seiner dunklen Holzmaske. Er hielt inne, um ihr Zeit zu geben, die Harmlosigkeit und die versteckte Komik dieses kleinen Palastgeheimnisses zu verarbeiten. Es war eine leichte Wahrheit, eine humorvolle Anekdote, die zeigte, wie das Leben hinter den schwerfälligen Kulissen des Hofes wirklich funktionierte.
      „Aber die Dienstboten sind nicht die Einzigen, die reden“, fuhr er fort, und seine Stimme senkte sich wieder zu diesem tiefen, samtigen Bariton. „Wenn man wissen will, was die Menschen wirklich denken, muss man zu den Ställen hinabsteigen. Dort, wo der Geruch von frischem Stroh und Pferdeschweiß die Adligen davon abhält, ihre edlen Nasen hineinzustecken. Ich saß gestern Abend auf dem Heuboden über dem Osttrakt, während die Stallburschen – der junge Thomas und der alte Barnaby – Eure Stute 'Schattenfeuer' versorgten.“

      Er neigte sich ein ganz kleines Stück vor, als würde er ihr ein Staatsgeheimnis anvertrauen.
      „Sie haben über Euch gesprochen, Irelia. Oder besser gesagt: über Euren Reitstil.“ Ein feines, anerkennendes Schmunzeln schlich sich in seine Worte. „Der alte Barnaby hat wetten wollen, dass Ihr die einzige Person im gesamten Königreich seid, die diese wildköpfige Stute ohne Sporen und ohne scharfe Kandare reiten kann. Er hat dem jungen Thomas erzählt, wie er Euch neulich beobachten konnte, als Ihr am Rande des Schlossguts unterwegs wart. Thomas meinte spöttisch, eine Prinzessin gehöre auf einen sanften Damensattel und solle wie eine Puppe auf dem Pferd sitzen. Aber der alte Barnaby hat ihm den Striegel über den Kopf gezogen und gesagt, dass die junge Prinzessin mehr Schneid und ein besseres Gefühl für Zügel und Schenkel im kleinen Finger hat als der gesamte königliche Gardehauptmann in seinem ganzen aufgeblasenen Leib. Sie haben eine ganze Flasche Met darauf verwettet, ob Ihr beim nächsten Ausritt den Grafen von Westfall im Galopp wieder so lächerlich aussehen lasst wie im letzten Monat.“

      Leonardo richtete sich langsam wieder auf. Seine breite Brust hob und senkte sich gleichmäßig, und er schien die kühle Nachtluft mit sichtbarem Wohlgefallen einzusaugen. Er hatte ihr keine düsteren Verschwörungen offenbart, keine Namen von Giftmischern genannt und nichts von dem tiefen, brennenden Schmerz erwähnt, der seit Jahren in seinen eigenen Eingeweiden wutete. Er hatte ihr nur einen kleinen Einblick in seine Welt gegeben – eine Welt, in der der Narr alles hörte, während die Welt um ihn herum taub blieb.

      „Seht Ihr?“, raunte er leise und sah sie mit seinen eisblauen Augen durch das dunkle Holz hindurch intensiv an. „Das sind die Dinge, die man erfährt, wenn man kein Gesicht hat, vor dem die Menschen Angst haben müssen. Die Höflinge glauben, sie seien die Einzigen, die das Schicksal dieses Reiches lenken. Aber in Wahrheit sind es die kleinen Leute – die Zofen, die Stallburschen, die Wachen an den Toren und der bunte Schalk in der Ecke –, die das wahre Gesicht von Velmont kennen. Sie sehen die Menschlichkeit hinter den Kronen und die Lächerlichkeit hinter dem Prunk.“

      Er ließ die Arme langsam an den Seiten seines Gewandes herabsinken. Seine großen, narbigen Hände lagen völlig entspannt an den Oberschenkeln, bereit für jede Bewegung, aber ohne jede Spur von Aggression.

      „Ihr habt gesagt, dass Euch meine Worte nicht überraschen... und dass Eure Freiheit hier draußen die einzige ist, die Euch bleibt“, sagte er, und seine Stimme sank noch einmal um eine Nuance, wurde zu einem tiefen, sanften Klang, der sich wie eine schützende Decke um sie legte. „Ich kann Euch diese Freiheit nicht schenken, Prinzessin. Ich kann die Mauern dieses Palastes nicht einreißen und ich kann die Erwartungen, die man wie eine eiserne Krone auf Euer Haupt gelegt hat, nicht einfach auflösen. Aber was ich tun kann... ist, Euch den Rücken freizuhalten. Wenn Ihr nachts hier draußen stehen wollt, um zu atmen, müsst Ihr nicht fürchten, dass ein Schatten im Gebüsch Euer Feind ist. Solange die Volto di Notte im Dunkeln wacht, wird keine Wache und kein Spion Eure Schritte verraten.“
      Er schwieg, und ein langer, friedlicher Moment strich über das Rondell. Der Mond stand nun auf seinem höchsten Punkt, goss sein flüssiges Silber über die weißen Blüten und tauchte den riesigen Mann in seinen weiten, bunten Gewändern und die junge Frau vor ihm in ein fast magisches Licht.

      „Ihr müsst Euch nicht schämen, dass Eure Füße das Moos berühren, Irelia“, raunte er vollkommen ehrlich und ohne jeden Spott. „Es ist das Einzige an diesem ganzen Ort, das echt ist.“
    • Irelia wusste nicht, wann genau sie aufgehört hatte zu blinzeln. Vielleicht irgendwo zwischen seinem ersten Satz und dem Moment, in dem er ihren Namen, und das nicht nur einmal, ausgesprochen hatte. Vielleicht auch erst jetzt, während er von Geheimnissen sprach, von Macht, die nicht in Gold lag, und von Menschen, die glaubten, dass Kronen sie unantastbar machten. Und sie wusste nicht, was sie zuerst fühlen sollte.
      Maeva, die kleine Rothaarige, die ihr jeden Morgen das Bett richtete, hatte den Grafen belogen. Wie sie glaubte, nicht um ihr zu Schaden, sondern um ihrem Bruder helfen zu können. Irelia hatte keine Ahnung gehabt. Sie hatte Maeva nie gefragt, was sie brauchte und jetzt erfuhr sie, dass sie sie mit einer Mischung aus Loyalität und List verteidigte und gleichzeitig ausnutzte, um jemandem zu helfen, der ihr wichtiger war als jeder Graf. Es war seltsam, auch ein wenig verwirrend. Ein bisschen schmerzhaft und gleichzeitig irgendwie schön. Sie hatte auch nie darüber nachgedacht, dass die Stallburschen über sie sprachen. Dass sie sie beobachteten. Dass sie diskutierten, weil einer meinte, eine Prinzessin solle wie eine Puppe auf einem Pferd sitzen, während Barnaby sie verteidigte. Er hatte sie gelobt, als wäre sie eine Reiterin, nicht eine Hoheit. Innerlich musste sie schmunzeln. Eigentlich bezeichnete sie sich selbst nicht unbedingt als gute Reiterin, aber sie wollte den Pferden keinen Schaden zufügen. Sprach leise zu ihnen wenn keiner hinsah und striegelte sie, wenn sie einen Moment allein im Stall hatte.
      Und der Narr hatte all das gehört. Er wusste, dass Maeva Silber genommen hatte. Er wusste, dass der Graf von Ostringen verzweifelt nach 'elegantem Kohlduft' gesucht hatte. Er wusste, dass Barnaby eine Flasche Met darauf verwettete, dass sie den Grafen wieder im Galopp stehen lassen würde. Ihr wurde klar, wie viel er wusste. Wie viel er hörte oder sehen musste, während Adlige ihn für einen Trottel hielten, der nichts anderes konnte als singen, stolpern oder Witze erzählen. "Ihr... habt all das gehört.". Das Wort Ihr glitt fast vorsichtig über ihre Lippen. Das Du fühlte sich in diesem Moment und dem Zeitpunkt einfach unpassend an. Sie hätte ihn duzen müssen. So verlangte es der Hof. So verlangte es die Etikette. Adlige duzten ihre Bediensteten, ihre Diener, den Narren. Es war ein Zeichen von Rang und von Macht. Aber hier, unter dem Mond, im Schatten der Säulen, fühlte sich das Du an wie eine Lüge. Also blieb sie beim Ihr. Und in diesem Ihr lag etwas, das sie selbst überraschte: eine leise Achtung und vielleicht auch eine stille Anerkennung. "Warum tragt Ihr all das mit Euch herum? Warum beobachtet Ihr sie, während sie Euch belächeln?".

      Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, als er plötzlich erklärte, sie schützen zu können. Aber sicher nicht das. Er sprach von Freiheit, von Mauern, von Erwartungen, die auf ihr lasteten. Und er sprach davon, ihr den Rücken freizuhalten. Warum tat er das? Sie verstand die Logik nicht. Sie verstand die Absicht nicht. Sie verstand ihn nicht. Er war ein Narr. Ein Mann, den man über den Hof schob wie ein buntes Spielzeug, den man belächelte, den man ignorierte, den man nicht ernst nahm. Und jetzt stand er hier, im Mondlicht, und sprach wie jemand, der die Welt sah, wie sie wirklich war. Solange die Volto di Notte im Dunkeln wacht... Sie wusste nicht, ob sie frösteln sollte oder ob sie sich sicher fühlen durfte. Als er kurz schwieg, wurde die Stille zwischen ihnen so dicht, dass sie fast greifbar war. Der Mond schimmerte auf den hellen Blüten, das steinerne Rondell, auf dem dunklen Samt seiner Maske... und sie fühlte sich plötzlich so klein, so jung und so unvorbereitet. "Ich verstehe es nicht," flüsterte sie schließlich, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. "Warum helft Ihr mir? Warum wollt Ihr mich schützen? Was erhofft Ihr Euch davon?". Sie wusste nicht, ob sie eine Antwort wollte. Oder ob sie Angst davor hatte, aber sie wusste, dass sie sie brauchte.
    • Das Festhalten an der Höflichkeit, diese kleine, bedächtige Entscheidung für das förmliche „Ihr“, entging Leonardo nicht. Für die Höflinge von Velmont war der Narr ein Gespinst ohne Rang, eine Sache, die man mit dem herablassenden Duzen bedachte, wie man es mit einem Straßenhund oder einem ungezogenen Kind tat. Dass sie ihm hier draußen, mitten in der Finsternis und entblößt von höfischen Zwängen, ein „Ihr“ entgegenbrachte, war keine bloße Etikette. Es war eine leise Ehrerbietung. Ein Anerkennen seiner Existenz als Mann und nicht als bunter Pausenclown.

      Unter der mattschwarzen Holzmaske verengten sich seine eisblauen Augen leicht. Seine rauchige, tiefe Stimme setzte ein, leise und von einer ruhigen, fast wiegenden Sanftheit getragen, die in der kühlen Nachtluft wie flüssiger Samt klang.

      „Warum ich all das mit mir herumtrage?“, wiederholte er ihre Frage bedächtig. Er lehnte noch immer entspannt an der kühlen Marmorsäule, den Kopf leicht geneigt, während die weiten Stoffe seines smaragdgrünen und tiefvioletten Gewandes in der leichten Brise wehten. „Weil das Lachen der Toren die beste Rüstung ist, die ein Mann an diesem Hof tragen kann. Wenn die Adligen dich belächeln, Prinzessin, dann fürchten sie dich nicht. Und wenn sie dich nicht fürchten, hören sie auf, in deiner Gegenwart vorsichtig zu sein. Sie halten mich für harmlos, für geistig träge, für eine bunte Puppe, die nur existiert, um ihren Wein zu versüßen. Dieses Belächeln ist kein Preis, den ich zahle – es ist mein größtes Werkzeug. Es macht mich unsichtbar.“

      Er machte eine kleine, vergnügte Geste mit der narbigen Hand, als würde er eine Fliege fortwinken.

      „Sollen sie mich nur spottend ansehen, während ich vor ihnen stolpere. Jeder Witz, den ich reiße, jede Albernheit, die ich vorspiele, schläfert ihren Verstand ein Stück weiter ein. Ich trage ihre Geheimnisse mit mir herum, weil sie das einzige Fundament sind, auf dem man in Velmont überleben kann. Man sammelt keine Steine, um sie anzustauen, sondern um eine Festung zu bauen, wenn der Sturm losbricht. Und glauben Sie mir... der Sturm wird kommen.“

      Er schwieg für einen kurzen Moment, um ihren verwirrten, suchenden Blick aufzunehmen. Die Fragen, die in der Nachtluft schwebten – Warum helft Ihr mir? Was erhofft Ihr Euch davon? –, waren die Fragen einer jungen Frau, die von Wölfen aufgezogen worden war. An einem Hof, an dem jede Geste ein Tauschgeschäft war und jedes Geschenk einen Haken hatte, musste ein uneigennütziger Schutz wie eine gefährliche Falle wirken.

      Leonardo richtete sich langsam von der Säule auf. Er tat es ohne Hast, doch die geschmeidige Kraft, die in seiner zwei Meter großen Gestalt lag, war unverkennbar. Er machte zwei ruhige Schritte auf das Rondell zu, blieb jedoch in einer Distanz stehen, die ihr Raum zum Atmen ließ.
      „Ihr sucht nach einer Berechnung“, raunte er, und seine rauchige Stimme sank noch um eine Nuance tiefere Frequenz, klang vollkommen ehrlich und frei von jeder Täuschung. „Ihr fragt Euch, welchen Preis ich am Ende von Euch verlangen werde. Welches Gold, welchen Gefallen oder welche Position an Eurer Seite ich mir erhoffe. Aber die Wahrheit ist schlichter, als Ihr glaubt, Irelia. Ich erhoffe mir gar nichts.“
      Er neigte den maskierten Kopf leicht zur Seite, und die eisblauen Augen hinter den schmalen Sehschlitzen fixierten sie mit einer Intensität, die die Kälte der Nacht vergessen ließ.

      „Ich habe Jahre an diesem Ort verbracht und zugesehen, wie die Schlangen dieses Hofes jede Reinheit, jeden Funken von echtem Leben und Verstand im Keim erstickt haben“, fuhr er leise fort. „Sie brechen die Menschen hier. Sie biegen sie so lange, bis sie genauso falsch, kalt und grausam werden wie sie selbst. Und dann habe ich Euch beobachtet. Ich habe gesehen, wie Ihr versucht habt, unter dem Gewicht einer unsichtbaren Krone aufrecht zu gehen. Ich habe gesehen, wie Ihr Fragen stellt, die niemand zu stellen wagt, und wie Ihr nachts barfuß durch den Schmutz lauft, nur um nicht an ihren Lügen zu ersticken.“

      Ein raues, tiefes Ausatmen entwich seiner Brust.
      „Euer Überleben... Euer Mut, Euch nicht brechen zu lassen... das ist das Einzige an diesem verfluchten Palast, das noch von Wert ist“, sagte er vollkommen ernst. „Euch zu beschützen, Euch den Rücken freizuhalten, wenn Ihr nach Luft schnappt, ist kein Handel. Es ist eine Entscheidung. In einer Welt voller Verderben schützt man das letzte Licht nicht, weil man etwas dafür haben will. Man schützt es, damit die Dunkelheit nicht völlig siegt.“
      Doch bevor die Schwere seiner Worte vollends in der Stille des Gartens einsinken konnte, erstarrte Leonardo.

      Es war keine sichtbare Ruckartigkeit, sondern eine augenblickliche, totale Anspannung jeder einzelnen Sehne in seinem muskulösen Körper. Seine eisblauen Augen verengten sich hinter den Holzschlitzen der Volto di Notte. Seine geschulten, scharfen Sinne, die Jahre des Überlebens in den Schatten geschärft hatten, fingen ein Schwingen auf, das kein gewöhnliches Ohr wahrgenommen hätte.
      Das feine, metallische Klirren von Schnallen. Das dumpfe, rhythmische Schleifen von schwerem Leder und Eisen auf feuchtem Stein. Der Gleichschritt der nächtlichen Palastgarde.
      Sie näherten sich vom Westtrakt, kaum dreißig Schritt entfernt, hinter der Biegung der hohen Rosenhecken.

      In diesem Sekundenbruchteil verwandelte sich der nachdenkliche, sanfte Redner wieder vollkommen in den lautlosen Schattenläufer. Er verlor kein einziges Wort. Er gab keine Warnung ab.

      Wie ein Gespenst, das von der Finsternis selbst gewoben worden war, überbrückte seine gigantische Gestalt die Distanz zwischen ihnen. Trotz seiner gewaltigen Größe von über zwei Metern gab seine Bewegung nicht das geringste Geräusch von sich – kein Knacken im Moos, kein Rauschen von Stoff, kein einziges Klingeln der stillgelegten Schellen. Er gleitete über den Stein des Rondells wie ein schwarzer Panther.
      Bevor Panik aufkeimen konnte, griff seine große, narbige Hand nach ihrem Handgelenk. Sein Griff war von einer eisernen Entschlossenheit, uneinnehmbar und fest, aber überraschend sanft. Er drückte nicht zu, verletzte sie nicht, sondern nutzte die Schwungkraft seines eigenen Körpers, um sie mit einer einzigen, fließenden Bewegung mit sich zu ziehen.
      Er wirbelte herum und zog sie tiefer in den dichten Schatten eines tiefen, gotischen Steinbogens, der das Rondell von den hinteren Arkaden trennte. Der Winkel war winzig, kaum breit genug für zwei Personen, vollkommen im dunklen Nichts versunken.

      Leonardo drückte sie nicht grob an die kühle Steinwand, sondern stellte sich direkt vor sie. Er nutzte seine immense Breite, seine hoch aufragenden Schultern und die gewaltigen Stoffmassen seines schweren Samtmantels, um sie vollständig von der Außenwelt abzuschirmen. Er wurde zu einer lebenden Mauer aus dunklem Stoff und Fleisch.

      Sein Körper strahlte durch die dicken Lagen Seide hindurch eine intensive, trockene Hitze aus – die Wärme eines durchtrainierten, sehnigen Körpers, der auf Hochtouren arbeitete. In der engen Finsternis des Bogens stieg ihr sofort sein markanter, vielschichtiger Duft in die Nase: eine schwerfällige, edle Note von herbem Sandelholz, gepaart mit dem tiefen, fruchtigen Aroma von schwerem Rotwein und dem kühlen Hauch der Nachtluft.

      Er verharrte völlig reglos. Sein Atem ging durch die feinen Löcher der Holzmaske so flach und lautlos, dass man meinen konnte, das Herz in seiner Brust stehe still. Seine linke Hand lag dicht neben ihrem Kopf an der rauhen Steinwand, um den Mantel wie ein Dach über sie zu breiten, während seine eisblauen Augen durch den Dunkelheitsschlitz nach draußen starrten.
      Nur wenige Schritte hinter ihm traten die Wachen aus dem Schatten der Hecken.
      Das Fackellicht der zwei Gardisten warf lange, zuckende Narben aus Helligkeit über den hellen Stein des Rondells. Das schwere Klirren ihrer Kettenhemden und das hohle Dröhnen ihrer Stiefel hallten laut gegen die feuchten Schlosswände. Sie blieben mitten auf dem Platz stehen, genau dort, wo die Prinzessin noch vor wenigen Augenblicken gesessen hatte.
      „Nichts zu sehen“, grummelte eine raue, müde Stimme unter einem Eisenhelm hervor. Das Scheinwerferlicht der Fackel glitt flüchtig über den gotischen Steinbogen, verfing sich jedoch nur an der wuchtigen Silhouettierung der Säule und der Finsternis, die Leonardo mit seinem Körper ausfüllte.

      „Nur der Wind in den Blüten“, erwiderte der zweite Gardist phlegmatisch. „Komm weiter. Der Hauptmann erwartet den Bericht um Eins.“
      Die schwerfälligen Schritte setzten sich wieder in Bewegung. Das Klirren von Stahl auf Leder entfernte sich langsam, wanderte den Pfad entlang in Richtung des Südflügels, bis das Fackellicht vollends erlosch und nur noch das kalte Silber des Mondes auf das Rondell zurückkehrte.

      Leonardo wartete noch genau zehn Herzschläge. Er vergewisserte sich, dass der Hall der Stiefel endgültig in der Ferne erstickt war.
      Erst dann bewegte er sich wieder. So lautlos, wie er sie in die Nische gezogen hatte, wich er langsam einen halben Schritt zurück. Seine große Hand löste sich behutsam von ihrem Handgelenk, gänzlich ohne Hast, und gab sie vollkommen frei. Er trat aus dem tiefsten Schatten des Bogens heraus, sodass das Mondlicht erneut über die glatte, mattschwarze Holzoberfläche der Volto di Notte glitt.
      Sachte neigte er das Haupt vor ihr, eine schlichte, ehrliche Geste der Ehrerbietung, völlig frei von der übertriebenen Albernheit seiner Narrenrolle.
      „Die Luft ist wieder rein, Prinzessin“, raunte er mit seiner tiefen, rauchigen Stimme, die in der Enge des Steinbogens noch dunkler und samtiger geklungen hatte. „Eure Freiheit gehört wieder ganz Euch.“
    • Je länger er sprach, desto mehr merkte sie, dass sie ihm nicht folgen konnte.Nicht wirklich. Sie hatte nie darüber nachgedacht, dass jemand sich freiwillig klein machte, um groß zu bleiben.Oder dass jemand sich lächerlich gab, um gefährlich zu sein.Dass jemand sich selbst zum Narren machte, um nicht zum Opfer zu werden. Das war eine Welt, die sie nicht kannte, einfach eine fremde Art so zu denken. Und trotzdem war es irgendwie... faszinierend.
      Aber sie verstand es nicht. Jedes Mal, wenn sie glaubte, den Kern seiner Worte zu greifen, glitt er ihr wieder weg. Er antwortete nie direkt, eigentlich sprach er in Bildern und Andeutungen. Und je länger sie ihm zuhörte, desto mehr spürte sie, wie sich ein leises Unbehagen in ihr ausbreitete. Er wirkte so völlig anders als jeder Mensch, den sie kannte.
      Er redete von Rüstungen aus Lachen, von Unsichtbarkeit, von Geheimnissen als Festung.Von Adligen, die ihn belächelten, und davon, wie er dieses Belächeln zu seinem Vorteil machte. Für sie war Spott etwas, das man ertrug.Für ihn war es ein Werkzeug. Schweigen war keine Last, sondern war es ein Schutzwall und während Geheimnisse gefährlich waren, waren sie für ihn eine Währung. Während sie versuchte, seine Worte zu ordnen, merkte sie, dass sie sich in ihnen verirrte. Als würde sie einen Pfad entlanggehen, der sich ständig teilt, ohne dass sie weiß, wohin er führt.
      Ein Teil von ihr wollte ihn schütteln und sagen: Sprich doch einfach. Ein anderer Teil wollte weiter zuhören, weil seine Rätsel sich wie etwas Wichtiges anfühlten, etwas, das sie verstehen musste, auch wenn sie nicht wusste, warum. Vielleicht war es seine Stimme.Vielleicht die Nacht.Vielleicht die Art, wie er sie ansah, ohne sie wirklich anzusehen. Oder vielleicht war es einfach er. Und das war das Verwirrendste von allem.
      Am aller wenigsten verstand sie jedoch, weshalb er sie schützen wollte. Egal wie gütig ein Mensch war, jeder erwartete eine Gegenleistung, deshalb glaubte sie seinen Worten nicht leichtsinnig. Zwischen den Zeilen hatte er ihr verraten, dass er sie nicht zum ersten Mal allein durch die Nacht hatte streifen sehen.Er hatte sie schon früher beobachtet und dieser Gedanke war alles andere als beruhigend. Ein feiner Stich aus Unbehagen kroch ihr den Nacken hinauf, und sie schüttelte leicht den Kopf. "Ihr beobachtet mich und wollt mir erzählen, dass Ihr mich nur schützen möchtet?"Ihre Stimme blieb ruhig, doch ein leiser Zweifel schwang darin mit."Tut mir leid, aber das kann ich nicht einfach so glauben.". Irelia war gütig, ja, aber Güte bedeutete nicht, blind zu vertrauen.Sie war keine Prinzessin, die jedes Wort annahm.Sie glaubte nicht alles sofort, und schon gar nicht, wenn jemand ihr erklärte, er habe sie im Dunkeln verfolgt, um sie zu 'beschützen'.

      Es passierte so plötzlich, dass ihr Verstand nicht einmal die Gelegenheit bekam, den Moment zu erfassen. Ein Augenblick zuvor hatte sie noch im Mondlicht gestanden, verwirrt von seinen Worten und suchte weiter nach Antworten.Dann, ein kaum hörbares Schwingen in der Luft, eine Veränderung in seiner Haltung, so abrupt, dass sie nur einen erstickten, erschrockenen Laut hervorbrachte. Mehr ließ die Zeit nicht zu. Bevor sie überhaupt begriff, was geschah, war seine große Hand schon an ihrem zierlichen Handgelenk; ein sicherer Griff, nicht schmerzhaft, nur so bestimmt, dass er sie mühelos mit sich führen konnte und zog sie so, mit einer fließenden, lautlosen Bewegung in den Schatten des Steinbogens, so schnell und so kontrolliert, dass sie nicht einmal stolperte. Alles geschah in einem einzigen, unteilbaren Moment, der sich wie ein Riss in der Zeit anfühlte. Darauf folgte tiefe, dichte und enge Dunkelheit, die sie beide verschluckte. Sie stand plötzlich so nah vor ihm, dass sie die Hitze seines Körpers durch die schweren Stofflagen spürte. Sie wagte kaum zu atmen. Er war reglos wie Stein, eine lebende Mauer aus Stoff und Muskeln, die sie vollständig abschirmte. Seine Hand lag neben ihrem Kopf an der Wand, sein Mantel spannte sich wie ein dunkles Dach über sie. Un im nächsten Moment traten plötzlich Wachen aus den Hecken und das Klirren ihrer Rüstungen hallte über den Platz. Nur einen Augenblick später standen die Männer genau dort, wo sie eben noch gewesen war. Ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihre Brust, und sie konnte sich nicht bewegen. Hinter diesem Mann wirkte sie so winzig, so vollkommen abgeschirmt, dass ihr Körper instinktiv erstarrte. Sie konnte nichts anderes tun, als langsam den Blick zu heben. Doch sie sah kaum etwas. Die Maske war zu dunkel, die Schatten zu dicht, und seine große Gestalt warf eine undurchdringliche Schwärze über sie. Nur die Andeutung seiner breiten Schultern und die Wucht seines Mantels zeichnete sich vor ihr ab. Sein Duft umhüllte sie und vermischte sich mit ihrem eigenen, dem sanften Geruch von Rosenwasser und einer feinen, cremigen Note von Pfirsichblüte, die sich in ihrem seidenen Haar festgesetzt hatte. Alles war zu plötzlich gekommen. Und sie begriff nur eines: In diesem Moment war sie ihm vollkommen ausgeliefert.

      Für Irelia fühlte es sich an wie eine halbe Ewigkeit. Die Schritte der Wachen, ihr schweres Klirren, das dumpfe Dröhnen der Stiefel, das langsame Verklingen in der Ferne, all das zog sich in ihrem Inneren endlos, als hätte die Zeit angehalten. Und mitten in dieser gedehnten Stille spürte sie plötzlich, wie sich der Narr von ihr löste. Er wich langsam einen halben Schritt zurück, und in dem Augenblick, in dem sich seine Hand von ihrem Handgelenk löste, kehrte die kühle Nacht an ihre Haut zurück. Sie blieb wie erstarrt stehen. Ihr Körper rührte sich nicht, als hätte die Welt sie für einen Moment festgehalten.Erschrocken hob sie den Blick zu ihm, suchte seine Gestalt im Mondlicht, das nun wieder offen auf sie fiel. Sie konnte nichts tun außer ihn überfordert anzusehen. Und mit dem leisen, schnellen Begreifen, dass er sie wirklich geschützt hatte.
      "Ich..." brachte sie hervor, kaum mehr als ein hauchzartes Stammeln, das so gar nicht zu einer Prinzessin passte."Ich sollte gehen.". Doch sie rührte sich nicht. Ihre Füße blieben wie angewurzelt im Mondlicht stehen, während ihr Herz noch immer viel zu schnell schlug. Ein Teil von ihr wollte sich abwenden, wollte die Fassung wiederfinden, wollte die Kontrolle zurückholen, die ihr in dieser engen Nische entglitten war. Aber ein anderer Teil - ein leiser, unruhiger, neu erwachter Teil, blieb an ihm hängen. An der Ruhe seiner Gestalt. An der Tatsache, dass er sie geschützt hatte, ohne zu zögern. Sie schluckte, kaum sichtbar, und senkte den Blick nur einen Hauch, als würde sie sich selbst Mut zusprechen, endlich einen Schritt zu machen.
      Mit einer kleinen, kaum wahrnehmbaren Regung löste sie sich schließlich aus ihrer Erstarrung. Ihr Kleid raschelte leise, als sie zögerlich, fast widerwillig einen Schritt nach vorn setzte und sich langsam von ihm abwandte. Bevor sie sich wirklich in Bewegung setzte, glitt ihr Blick noch einmal in die Richtung, in die die Wachen verschwunden waren . Nur ein kurzer, prüfender Blick, als müsste sie sich vergewissern, dass die Gefahr tatsächlich vorüber war. Erst dann begann sie zu gehen. Aber ihr Schritt beschleunigte sich rasch, erst unmerklich, dann deutlich. Der feine Stoff ihres Kleides rauschte, als sie immer schneller wurde, bis ihr Tempo beinahe einem leichten Joggen glich, hastig, ungewohnt, völlig untypisch für eine Prinzessin, die sonst jeden Schritt mit Bedacht setzte.

      Falls er sie gehen ließ, blieb ihm nur der Anblick ihrer fliehenden Silhouette im Mondlicht, wie ein heller Schatten, der sich aus seinem Schutz löste und in die offene Nacht davonlief.
    • Er rührte sich nicht. Keinen einzigen Zentimeter.
      Leonardo blieb wie eingemeißelt im tiefen, samtschwarzen Schatten des gotischen Steinbogens stehen, während das Hasten ihrer Schritte langsam in der Weite des Palastgartens verhallte. Er beobachtete, wie ihre helle Silhouette durch das silberne Licht des Mondes glitt – schnell, beinahe fliegend, wie ein aufgescheuchter, weißer Falter, der der Umklammerung der Nacht entfliehen wollte. Das feine Rauschen ihres Kleides und das hektische Auftreffen ihrer nackten Sohlen auf dem feuchten Stein wurden von Sekunde zu Sekunde leiser, bis schließlich nur noch das monotone Zirpen der Zikaden und das sanfte Wiegen der Rosenhecken die Stille ausfüllten.
      Unter der undurchdringlichen, mattschwarzen Holzoberfläche der Volto di Notte breitete sich ein breites, gefährliches Grinsen auf Leonardos Lippen aus.

      Es war ein Lächeln, das von tiefem Amüsement und von vollkommener Zufriedenheit zeugte. Er war ihr nicht nachgefolgt. Er hatte keine Anstalten gemacht, sie aufzuhalten oder ihre Flucht durch ein letztes Rufen zu stören. Sie war gelaufen, weil der Schrecken, die Verwirrung und die plötzliche, ungeschminkte Intensität dieser Begegnung die feinen Ketten ihrer höfischen Selbstbeherrschung gesprengt hatten. Und genau das war perfekt.

      An einem Ort wie Velmont war blindes Vertrauen ein Todesurteil. Dass sie ihm nicht sofort geglaubt hatte, dass sie gezweifelt, hinterfragt und schließlich das Weite gesucht hatte, bewies Leonardo nur eines: Die Prinzessin besaß einen gesunden Überlebensinstinkt. Sie war keine naive Puppe, die sich von süßen Worten einlullen ließ. Sie war wachsam. Und obwohl sie geflohen war, wusste er mit absoluter Gewissheit, dass die Saat aufgegangen war. Der Samen des Zweifels an der makellosen Fassade des Hofes war gesät, und der Stein für eine Partnerschaft, die das Schicksal dieses Königreichs ins Wanken bringen konnte, war gelegt. Sie würde wiederkommen. Sie würde nach Antworten suchen. Und sie würde schrittweise begreifen, dass der Mann hinter der Holzmaske die einzige Wahrheit in einem Meer aus Lügen war.
      Leonardo atmete tief ein. Der Duft nach Pfirsichblüten und zartem Rosenwasser, den sie in der Enge des Steinbogens an seinen schweren Samtmantel abgegeben hatte, hing noch immer wie eine flüchtige Erinnerung in der kühlen Nachtluft.

      Mit einer fließenden, raubtierhaften Bewegung löste er sich aus dem Schatten. Das weiche Leder seiner Stiefel hinterließ keinen Laut, als er die Marmorstufen zu den oberen Arkaden emporgleitete. Die Verwandlung vollzog sich augenblicklich: Der ruhige Beobachter wich dem phantomgleichen Schattenläufer, der seit Jahren die dunkelsten Winkel des Palastes durchstreifte.

      Wie ein Geist schnitt er durch die Finsternis der unbeleuchteten Korridore des Ostflügels. Leonardo nutzte die Architektur der Macht gegen ihre Erbauer. Er ging nicht über die breiten, polierten Marmorböden der Hauptgänge, auf denen das leiseste Geräusch widerhallen konnte. Er bewegte sich auf den schmalen Vorsprüngen der Wandvertäfelungen, nutzte die unbeleuchteten Simse der hohen Fensterbögen und glitt durch die verborgenen Wartungsgänge, die einst für die stummen Bediensteten hinter den Gemächern des Adels errichtet worden waren.

      Er hielt an einer hohen, eisernen Röhre inne, die als Sprachrohr zwischen den Gemächern des Großkanzlers und dem Dienstbotentrakt diente. Leonardo legte sein Ohr an das kalte Metall und lauschte. Er hörte das tiefe, unregelmäßige Schnarchen des Trunkenboldes, gepaart mit dem leisen Rascheln von schwerem Pergament – der Mann zählte selbst im Schlaf noch seine Bestechungsgelder. Er glitt weiter, vorbei an den Gemächern des kaiserlichen Gesandten, wo hinter den schweren Eichentüren das leise, verräterische Tuscheln zweier Stimmen zu hören war, die über die Neuverteilung der Grenzzölle verhandelten. Leonardo speicherte jeden Namen, jede Zahl und jeden Tonfall im eisigen Gedächtnis seines Verstandes ab.
      Sein nächtlicher Weg führte ihn schließlich tief in das Herz der königlichen Garnison – die zentrale Wachstube im Erdgeschoss des Nordturms.
      Hier roch es nach altem Leder, Lampenöl, preiswertem Pfeifentabak und dem muffigen Gestank von ungewaschenen Wolldecken. Leonardo glitt wie Rauch durch die halb geöffneten Lamellen eines hoch gelegenen Belüftungsfensters nahe der Decke. Er landete vollkommen geräuschlos auf den dicken Holzbalken des Dachgebälks, direkt über den Köpfen der verbliebenen Nachtwachen.
      Unten am dicken Eichentisch saßen drei Gardisten. Zerrüttet vom schweren Wein und der Monotonie der späten Stunde, waren zwei von ihnen über ihren Holzkrügen zusammengesunken und schnarchten leise vor sich hin. Der Dritte, ein junger Gefreiter, kämpfte vergeblich gegen die Bleischwere seiner Augenlider und kippte schließlich mit dem Kopf auf die Tischplatte.

      Leonardo wartete nicht. Wie eine riesige, schwarze Fledermaus ließ er sich lautlos von den Balken herab gleiten. Seine Lederstiefel berührten den Boden ohne ein einziges Geräusch.

      Mit langen, geschmeidigen Schritten trat er an das massive Pult des Wachtmeisters. Seine großen, narbigen Finger, die trotz ihrer Kraft von einer erstaunlichen Feinmotorik zeugten, griffen nach den schweren, ledergebundenen Chroniken und Wachbüchern. Er blätterte durch die dicken Pergamentseiten, während seine eisblauen Augen die Tinte im schwachen Schein der einzigen Herdlaterne überflogen.
      Er suchte nicht nach gewöhnlichen Vergehen. Er suchte nach Mustern. Er studierte die Dienstpläne der Nacht, in der die Königin gestorben war. Er verglich die Namen der Wachen, die an den Gemächern der Verstorbenen Dienst gehabt hatten, mit den Dienstplänen jener Nächte, in denen seine eigene Familie Jahre zuvor hingerichtet worden war. Und er fand, wonach sein analytischer Verstand gesucht hatte: Drei Namen tauchten an beiden Daten auf. Drei Offiziere, die kurz nach beiden Tragödien überraschend befördert und mit Ländereien im Süden belohnt worden waren.
      Ein kaltes, zufriedenes Lächeln stahl sich erneut auf seine Züge. Er prägte sich die Unterschriften und die Siegelstempel genau ein, klappte das schwere Buch mit lautloser Vorsicht zusammen und schob es millimetergenau in seine ursprüngliche Lage zurück.

      Mit einem einzigen, katzenhaften Satz schnellte er wieder empor, griff nach dem Deckenbalken und verschwand durch das schmale Belüftungsfenster in die Freiheit der Nacht, noch bevor einer der schnarchenden Gardisten auch nur den Kopf heben konnte.

      Gegen die ersten Stunden der Morgendämmerung zog sich Leonardo in sein verborgenes Refugium zurück – einen vergessenen, fensterlosen Raum tief in den Fundamenten des ältesten Schlossturms, den kein Bauplan des Palastes verzeichnete.
      Hier, geschützt von meterdickem Granit, streifte er endlich die Volto di Notte ab. Er ließ die mattschwarze Holzmaske behutsam auf ein samtüberzogenes Pult gleiten. Das spärliche Licht einer einzelnen Kerze erhellte sein wahres Gesicht: Die dicht geballten, rabenschwarzen Haare fielen ihm stirnwärts ins Gesicht, die schneidenden, eisblauen Augen glänzten vor Müdigkeit, und die fein geschwungenen, fast jungenhaft attraktiven Gesichtszüge zeichneten sich im Schein der Flamme ab. Er entledigte sich der schweren Stoffmassen. Sein muskulöser, von silbernen Schnitt- und Brandnarben übersäter Körper spannte sich, als er sich kühles Wasser aus einer Steinschale ins Gesicht wusch.
      Er gewährte sich genau zwei Stunden eines tiefen, traumlosen Schlafes auf einer einfachen Strohmatratze. Der Körper eines Akrobaten und Kämpfers brauchte Regeneration, doch sein Geist ruhte nie vollkommen.

      Als die ersten goldenen Sonnenstrahlen die Kuppel von Velmont berührten, war der Mann namens Leonardo verschwunden. An seine Stelle trat das Wesen, das der Hof so sehnlich zu sehen verlangte:

      Der Hofnarr.


      Er zog die schnürbaren Riemen an seinen Beinen und Armen fest, stülpte sich die extrem weiten, pompösen Gewänder aus smaragdgrünem und violettem Samt über, die seine massive Muskelmasse unter wogenden Stofffalten begruben. Er löste die Lederbänder, die die feinen Messingschellen an seinen Säumen nachts stumm gehalten hatten. Bei jeder kleinsten Bewegung stieg nun wieder jenes schrille, unruhige und hellsichtige Klingeln auf, das die Nerven der Höflinge seit Jahren strapazierte.

      Zum Schluss griff er nach der Maske des Tages: der Arlecchino der Tausend Lügen. Eine Halbmaske mit spitz hochgezogenen Brauen, einem dramatischen Rautenmuster und einem breiten, erstarrten Hohnlächeln. Er setzte sie auf, fixierte die Seidenbänder hinter seinem Kopf und wandelte seine Stimmbänder. Aus der tiefen, rauchigen Stimme des Schattens wurde ein hohes, überspanntes, trällerndes Quietschen.
      Der Wahnsinn konnte beginnen.

      Als die große Empfangshalle des Palastes sich zur Mittagsstunde mit Adligen, Ministern und Grafen füllte, betrat der Narr die Bühne. Der Saal war ein Meer aus Seide, Juwelen und gedämpftem Murmeln. Die Luft war dick vom Parfüm der Damen und dem schweren Geruch von gebratenem Fleisch.

      Kling-kling-kling!

      Das ohrenbetäubende Schellengeklimper kündigte ihn an, noch bevor man ihn sah. Leonardo stürzte nicht einfach in den Saal – er katapultierte sich hinein.

      Mit einem schrillen, wahnwitzigen Kichern schoss die gigantische Gestalt durch die zweiflügelige Flügeltür. Er mimte den vollkommenen Orientierungsverlust, stolperte scheinbar über die lange Schleppe seines eigenen Gewandes und schlug langhin auf den spiegelglatten Marmorboden. Die Adligen wichen lachend und spöttisch tuschelnd zurück.

      „Oho! Achtung, Ihr edlen Herrschaften! Die Erde bebt, der Narr fällt schräg, weil ihm der Verstand im Wege steht!“, trällerte er mit seiner unnatürlich hohen, schrillen Stimme, die im Saal widerhallte wie das Gekreische eines bunten Paradiesvogels.

      Doch der Sturz war nur der Auftakt. Noch während die Höflinge über seine vermeintliche Tölpelhaftigkeit lachten, wandelte Leonardo den Schwung des Sturzes in ein akrobatisches Meisterwerk um. Ohne die Hände zu benutzen, schnellte sein sehniger Körper aus der Liegeposition empor. Er stemmte sich mit einer brachialen, verdeckten Schnellkraft aus den Fußgelenken ab, überschlug sich rückwärts in der Luft und landete mit punktgenauer Präzision auf den schmalen hölzernen Handläufen der großen Freitreppe.

      Das Schellen seiner Kleidung explodierte in einem wahren Glockenmeer.
      Die Adligen hielten erschrocken den Atem an. Ein Mann von über zwei Metern Höhe sollte sich nicht so bewegen können. Doch Leonardo nutzte die Gesetze der Dynamik mit verblüffender Leichtigkeit. Er balansierte auf der bleistiftdünnen Holzbrüstung der Treppe, tat so, als würde er das Gleichgewicht verlieren, fuchtelte wild mit den Armen und schlug dabei einen doppelten Radschlag rückwärts – auf dem Geländer entlang, entgegen jeder Schwerkraft.
      „Huch! Huch! Der Abgrund winkt, der Schalk doch springt!“, kreischte er lautstark.
      Am Ende des Geländers stieß er sich ab. Sein mächtiger Körper flog mehr als vier Meter weit durch die Luft, hoch über die Köpfe der erstaunten Gardisten hinweg. In der Luft vollführte er einen eleganten Dreifach-Salto, bei dem seine weiten, bunten Samtgewänder sich wie ein rotierender Kreis aus Farben aufblähten. Er landete auf einem schmalen, fahrenden Servierwagen, den zwei Dienstboten gerade durch den Saal schoben.

      Das Erstaunlichste daran war: Obwohl sein gewaltiges Gewicht auf den Wagen traf, kippte dieser nicht um. Leonardo federte den Aufprall mit seinen durchtrainierten Oberschenkeln vollkommen ab. Er fing im selben Augenblick drei feine Kristallgläser ab, die durch die Erschütterung vom Wagen zu rutschen drohten, fing sie mit den Fußspitzen und den Fingerspitzen auf, jonglierte sie hoch über seinem Kopf und setzte sie unversehrt auf die Platte zurück – während er auf einem Bein mitten auf dem fahrenden Wagen stand und die Arme wie ein verrückter Tänzer spreizte.
      Der Saal brach in verhaltenes, amüsiertes Klatschen und spöttisches Gelächter aus.
      „Seht ihn euch an, den Hühnen von einem Tölpel!“, rief der dicke Graf von Ostringen und verharmloste die atemberaubende Akrobatik als bloßen Zufall. „Groß wie ein Scheunentor, aber der Verstand eines Sperlings!“

      Leonardo nutzte den Moment. Er sprang vom Servierwagen herab, vollführte eine grotesque, überspitzte Verbeugung, bei der seine Nase fast den Boden berührte, und schnappte sich im Vorbeigehen eine Traube vom Teller des Grafen.
      „Ach, gnädiger Graf! Der Sperling fliegt hoch, doch der Ochse bleibt stumm, der Narr macht die Witze, die Welt bleibt schön dumm!“, trällerte er schrill und biss mit einem lautstarken Knacken in die Frucht.

      Während er sich mit verrenkten Gliedmaßen und scheinbar ungeschickten Sprüngen weiter durch die Menge arbeitete, gleitete sein Blick hinter den bunten Sehschlitzen der Arlecchino-Maske hinauf zur Empore des ersten Stockwerks.


      Für jeden anderen Höfling wirkte sie wie die gewohnte, unnahbare Königstochter. Doch Leonardo sah mehr. Er sah das feine, fast unmerkliche Anspannen ihrer Schultern. Er sah das kleine, wache Funkeln in ihren hellen Augen, als sie seine akrobatischen Künste verfolgte.

      Er wusste, dass sie in diesem Moment begriff.
      Sie sah nicht mehr nur den bunten Idioten, der vor dem Adel den Affen machte. Sie sah die verdeckte Muskelkraft hinter den weiten Gewändern. Sie sah die tödliche Präzision, die hinter dem scheinbaren Stolpern lag. Und sie verstand, dass der Mann, der gestern Nacht mit einer Stimme wie dunkler Samt ihr Handgelenk gehalten hatte, derselbe war, der heute das ganze Königreich an der Nase herumführte.
      Leonardo vollführte einen weiteren, spektakulären Bogenlauf an der Wand, stieß sich von einer Steinsäule ab und landete mit einem lauten Schellen direkt vor dem Podest des Throns. Er schlug ein Rad, blieb im Handstand auf einer Hand stehen und wackelte mit den Füßen in der Luft, während der Hofstaat brüllte vor Lachen.

      Doch hinter der bunten Fratze des Arlecchino blieben seine eisblauen Augen starr auf die Empore gerichtet. Er schickte einen stummen, unsichtbaren Gruß hinauf zur Prinzessin – ein eisiger, wachsamer Blick, der ihr versprach, dass die Nacht wiederkommen würde. Und mit ihr die Finsternis, die sie beschützte.
    • Das war alles zu viel. Bisher hatten die Nächte ihr gehört, absolut unberührt von fremden Blicken. Und jetzt zu erfahren, dass der Narr sie schon öfter gesehen hatte, ließ ihre Miene kurz erstarren, und ein feines Zittern zog sich über ihre Lippen. Ihre Finger krampften sich leicht um den Stoff ihres, fast schon schäbigen Kleides, als müsste sie sich selbst festhalten, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus. Was, wenn nicht nur er sie gesehen hatte? Was, wenn andere wussten, was sie tat und schwiegen, nur um es irgendwann gegen sie zu verwenden? Ihre Gedanken drehten sich wie ein Rad, das niemand mehr stoppen konnte. Und dann noch seine Nähe... diese plötzliche, ungefragte Nähe, die sie überforderte. Ihr Atem wurde flacher, ihre Schritte schneller. Immer wieder wanderte ihr Blick über die Hecken und Wege. Ihre Augen glänzten leicht vor Anspannung und suchten nach den Wachen, oder irgendetwas, das sie verraten könnte. Sie lief durch den Garten, zurück zum Schloss, schlüpfte durch die langen Gänge, an Wachen vorbei, die sie nicht bemerkten.
      Als sie endlich ihr Gemach erreichte, schloss sie die Tür leise hinter sich.
      Ihr prunkvolles Zimmer empfing sie wie eine andere Welt. Mehrere Kerzen brannten in hohen, goldenen Haltern und warfen warmes Licht über den Raum. Die Flammen flackerten sanft, als hätten sie sie begrüßt. Der schwere Baldachin über dem Bett war aus cremefarbenem Stoff, bestickt mit feinen silbernen Fäden, die im Kerzenschein wie Mondlicht wirkten.
      Und kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, lehnte Irelia sich dagegen, als müsste sie die ganze Welt für einen Moment draußen halten. Ihre Schultern sanken, ihr Atem wurde schwerer, und ihre Finger krallten sich kurz in das Holz, bevor sie sich löste. Ein tiefer, erschöpfter Seufzer hob und senkte ihre Brust, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, dieses Chaos aus Angst, Überraschung und dem seltsamen Nachhall seiner Stimme. Ein großer Spiegel stand an der Wand, der Rahmen kunstvoll verziert, und darin sah man die Prinzessin, mit leicht geröteten Wangen und in Kleidung, die nicht zu ihr passte.
      Sie wandte den Blick ab und ging langsam in das angrenzende Badezimmer.
      Der Raum war hell und weich beleuchtet, die Wände aus hellem Stein, der im Kerzenschein warm wirkte. Eine große Badewanne aus weißem Marmor stand leicht erhöht auf einem Podest, groß genug für zwei, mit geschwungenen Linien, die aussahen, als wären sie aus einem einzigen Felsblock herausgearbeitet worden. Ein paar Kerzen brannten noch, waren aber fast abgebrannt. Das Wasser in der Wanne war längst kalt geworden. Irelia steckte mit einer langen Haarnadel, die am Rand lag, ihre hüftlangen Haare hoch. Sie war müde, gleichzeitig aber auch aufgeregt, ihre zitternden Finger und das kurze Schließen der Augen, während sie die Nadel feststeckte, verrieten sie.
      Dann streifte sie sich die Kleidung vom Körper und stieg ins kalte Wasser. Ein kurzes, scharfes Zusammenzucken ging durch ihren Körper, ihre Schultern hoben sich reflexhaft, doch sie ließ sich trotzdem hinein gleiten.
      Sie wusch sich die Spuren der Nacht von der Haut, den Staub von Händen und Füßen. Ihre Bewegungen waren langsam, fast meditativ, als würde sie versuchen, die Gedanken mit abzuwaschen, doch sie blieben. Immer wieder dachte sie an den Hofnarren. Wie er vor ihr gestanden hatte, sich bewegte, sprach und wie seine Stimme klang.
      Selbst als sie sauber war, und in ihrem Nachtkleid zwischen den weichen Federn lag, wurden ihre Gedanken nicht leiser. Sie lag lange wach, die Stirn leicht gerunzelt, die Lippen ein wenig angespannt, als würde sie noch immer mit sich selbst ringen. Erst spät, sehr spät, fand sie Schlaf.

      Mit den ersten Sonnenstrahlen öffnete sich die Tür leise und wie jeden Morgen traten Eliza und Lynara ein. Eliza lächelte müde, die Hände vor der Brust verschränkt und Lynara neigte leicht den Kopf, absolut aufmerksam wie immer. "Guten Morgen, Hoheit", sagte Lynara leise. "Die Sonne ist schon aufgegangen". Irelia blinzelte und richtete sich nur langsam und widerwillig auf. Eliza und Lynara bewegten sich wie jeden Morgen mit dieser leisen, eingespielten Harmonie um sie herum. Eliza verschwand im Bad, man hörte das leise Klirren, als sie die Haarnadel vom Wannenrand aufhob und das kalte Wasser abließ. Lynara zog die schweren Vorhänge beiseite, und die Morgensonne ergoss sich wie flüssiges Gold in den Raum.
      Sie kleideten sie an, wie immer. Ein Kleid aus weichem, hellen Stoff, der im Licht schimmerte, ein sanftes Blau, das ihre Haut noch feiner wirken ließ. Die Stickereien entlang des Ausschnitts waren silbern, dezent, aber kunstvoll. Ihre silbrigen Haare, frisch gebürstet, fielen in dicken, großen Locken über ihren Rücken und glänzten wie das Mondlicht. Lynara legte eine Strähne nach hinten, Eliza zupfte eine andere zurecht und beide sahen, dass Irelia heute nicht ganz bei ihnen war.

      Beim Frühstück - allein, wie so oft, weil ihr Vater sich um Staatsgeschäfte kümmerte - starrte sie auf den Teller, ohne wirklich zu essen. Selbst später, als sie zwischen Grafen, Ladys und anderen wichtigen Leuten stand, blieb dieses Flimmern in ihrem Blick. Sie lächelte höflich, nickte, sprach, wie man es von ihr erwartete, doch ihre Gedanken waren woanders. Immer wieder tauchte das Bild des Hofnarren auf. Deshalb traf der nächste Moment sie wie ein Schlag.
      Die Tür flog auf, das typische Klingen hallte durch den Saal und der Hofnarr stolperte hinein, als hätte ihn jemand geworfen. Gespräche verstummten, Köpfe drehten sich und obwohl Irelia gerade mit Lord Varyn sprach, glitt ihre Aufmerksamkeit sofort zu ihm. Lord Varyns ebenfalls. Er vollführte seine üblichen Kunststücke: ein zu weiter Schritt, ein halb kontrollierter Stolperer, ein Sprung, der viel zu elegant war, um wirklich zufällig zu sein. Seine Arme ruderten, sein Körper drehte sich, und er fing sich im letzten Moment mit einer Leichtigkeit, die nicht zu seiner Rolle passte. Irelia beobachtete ihn und diesmal sah sie etwas, das sie vorher nie bemerkt hatte. Seine hochgestellte Stimme wirkte plötzlich fremd. Seine Bewegungen nicht mehr tollpatschig, fast kontrollierend und so gesetzt, wie er es wollte.
      "Man sollte ihn wirklich an die Kette legen," murmelte Lord Varyn mit einem spöttischen Lächeln "Dieser Narr ist eine Schande für den Hof. Ein ungezähmtes Tier."
      Irelia spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Ihre Miene blieb höflich und ihre Lippen zu einem sanften, kontrollierten Lächeln geformt und auch ihre Haltung blieb aufrecht und elegant. Doch in ihrem Blick lag ein Funken, den Varyn nicht verstand. "Lord Varyn," sagte sie ruhig, ihre Stimme sanft, aber mit einer feinen Schärfe, "ein Hofnarr mag tollpatschig wirken, doch er erfüllt seine Aufgabe mit Hingabe. Und verdient Respekt." Varyn hob eine Braue, überrascht, vielleicht sogar irritiert. Doch Irelia sah nicht zu ihm zurück, sondern zum Narren.
      Varyn schnaubte leise. "Hingabe? Er ist ein wandelndes Chaos." Irelia hob das Kinn ein wenig, gerade so, dass es elegant wirkte. Sie spürte, wie sich ihre Wirbelsäule straffte, wie ihre Schultern sich ein wenig hoben, als würde sie sich selbst daran erinnern, wer sie war. Lord Varyn wartete auf eine Erwiderung. Er wollte sie in eine Diskussion drängen, die sie nicht führen würde. Sie atmete einmal ruhig ein. "Chaos," wiederholte sie leise, fast nachdenklich. "Ein interessant, gewähltes Wort."
      Varyn lächelte. Dieses Lächeln, das immer ein wenig zu selbstzufrieden war. Er trat einen halben Schritt näher, gerade so, dass es noch höflich war, aber nah genug, dass Irelia die Wärme seines Atems spüren konnte. Seine Augen glitten über ihr Gesicht, über die silbrigen Locken, die in schweren Wellen über ihren Rücken fielen. "Chaos steht Euch nicht," sagte er mit einem Ton, der schmeichelnd wirken sollte. "Ihr seid..." sein Blick wanderte über ihre Haltung, ihre ruhige Eleganz. "...die Verkörperung von Ordnung und Anmut." Irelia blieb still. Ihre Miene blieb höflich, auch wenn sie lieber schreien würde. Varyn fuhr fort, seine Stimme nun tiefer, ein Versuch, sie zu umgarnen. "Ihr bewegt Euch mit einer Grazie, die selbst die Damen des Hofes erblassen lässt." Er neigte den Kopf leicht. "Und Eure Worte, sie sind immer so präzise und klug gewählt. Man könnte meinen, Ihr seid dafür geschaffen, gehört zu werden." Irelia atmete ruhig ein. Ihre Finger glitten über den Kelch in ihrer Hand. "Komplimente verlieren ihren Wert, wenn sie zu oft ausgesprochen werden.", entgegnete ihm Irelia, während sein Lächeln breiter wurde "Dann ist es gut, dass ich sie selten vergebe.". Sie hob unbeeindruckt eine Augenbraue. "Und doch tut Ihr es jetzt."
      "Weil Ihr es verdient," erwiderte er sofort, fast zu schnell. "Ihr seid..." Sein Blick glitt über ihr Gesicht, lungerte einen Moment zu lang. "bemerkenswert."
      Ihr Blick ruhte weiter auf dem Hofnarren, beobachtete jede Bewegung, jede übertriebene Geste, jeden kontrollierten Stolperer und genau das irritierte den Mann neben ihr. Er hatte ihr ein Kompliment gemacht, ein großes sogar, und sie schenkte ihm nicht einmal den Anstand eines Blickes. Er räusperte sich leise, suchte ihre Aufmerksamkeit wie ein Mann, der es nicht gewohnt war, ignoriert zu werden. "Bemerkenswert," wiederholte er, diesmal etwas fester, als wolle er das Wort in den Raum zwingen. "So wie Ihr dort steht... so ruhig, so erhaben. Ihr habt eine Ausstrahlung, Hoheit, die man nicht ignorieren kann.". Irelia hörte ihn. Natürlich hörte sie ihn. Doch ihre Augen folgten dem Narren, wie er einen scheinbar unkontrollierten Satz machte, sich drehte, fast fiel und sich im letzten Moment elegant fing. "Ihr seid wie ein Licht in diesem Saal," fuhr er leise fort. Sie antwortete nicht sofort. Ihre Mimik blieb höflich, doch ihre Augen verrieten, dass ihre Gedanken woanders waren. Erst nach einem Moment hob sie den Blick langsam zu ihm. "Bewunderung ist kein Ziel.".
      Er lächelte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. "Aber sie folgt Euch dennoch. Und Vielleicht," fuhr er fort, "liegt es daran, dass Ihr anders seid als die anderen Damen des Hofes. Sie bemühen sich, gesehen zu werden. Ihr..." Sein Blick glitt für ihren Geschmack einmal zu oft über ihren Körper. "...Ihr werdet gesehen, ohne es zu versuchen." Irelia hielt seinen Blick "Ich versuche gar nichts, Lord Varyn."
      "Genau das macht Euch so faszinierend.". Erneut senke sie den Blick und ihre Aufmerksamkeit glitt zurück zum Narren, der gerade eine übertriebene Verbeugung machte. Varyn folgte ihrem Blick und sein Lächeln wurde dünner. "Ihr schenkt ihm mehr Aufmerksamkeit als mir," sagte er mit einem unerfreuten Ton.
      "Ich schenke dem, was mich beschäftigt, Aufmerksamkeit.", antwortete Irelia.
      "Und er beschäftigt Euch?", ein kaum hörbarer Hauch von Eifersucht lag in seiner Stimme. Sie hob das Kinn ein wenig. "Meine Gedanken gehören mir, Lord Varyn."
      Varyn straffe die Schultern und sein Lächeln verschwand komplett. Er verstand, dass sie ihm im Augenblick nicht das geben würde, was er wollte. Doch statt sich zurückzuziehen, tat er das Gegenteil. Er drehte sich leicht, während sein Blick zu dem Hofnarren glitt. "Wenn Ihr ihn so aufmerksam beobachtet," sagte er mit einem Ton, der irgendwie schmeichelnd wirken sollte, "dann sollte ich vielleicht ebenfalls einen Blick riskieren.". Irelia spürte, wie sich ihre Schultern minimal anspannten. Varyn trat einen Schritt in Richtung des Narren, dass es wirkte, als wolle er sich einmischen, als wolle er ihre Aufmerksamkeit über ihn zurückholen. Varyn schnaubte spöttisch "Ihr dort!" rief er dem Narren zu, laut genug, dass mehrere Köpfe sich drehten. "Zeigt, dass Ihr mehr seid als ein bunter Fleck im Teppich." Ein paar Adlige kicherten, wiederum andere sahen neugierig herüber, während Irelia still blieb, dafür änderte sich ihre Mimik kaum merklich. Die Lippen wurden zu einer feinen Linie, die Brauen senkten sich minimal, ihre Haltung hingegen blieb makellos. "Kommt schon," sagte er mit einem Ton, der vor Hohn triefte. "Springt. Tanzt. Oder..." Er machte eine abfällige Handbewegung. "fallt wenigstens einmal absichtlich hin. Das wäre doch eine Abwechslung." Ein paar lachten, andere wechselten spöttische Blicke.
      Die Prinzessin drehte den Kopf langsam zu Varyn "Lord Varyn," sagte sie leise, "Hohn steht Euch nicht." Er blinzelte unschuldig "Ich mache doch nur Spaß, Hoheit".
      "Dann wählt einen besseren.".

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    • Leonardo stand an eine marmorne Säule gelehnt, nicht weit von den gedeckten Büfett-Tischen entfernt, und beobachtete die Szene mit der kühlen Präzision eines Falken. Er hatte gehört, wie Lord Varyns Stimme die Tischgespräche im Umkreis von zehn Schritten durchschnitten hatte. Varyn war ein Schmarotzer alter Schule – laut, aufgeblasen und von jener Sorte Selbstgefälligkeit getrieben, die nur existieren konnte, weil niemand im Saal den Mut hatte, ihn offen der Lächerlichkeit preiszugeben. Dass der Lord versuchte, den Narren als Sprungbrett zu benutzen, um sich vor Irelia zu profilieren und ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen, war an Schmierigkeit kaum zu übertreffen.

      Leonardo analysierte den Mann in Sekundenschnelle. Der Schnitt von Varyns Wams war zwar kostspielig, doch der schwerfällige Samt stammte aus der Vorjahreskollektion. Die Spitzen an seinen Ärmeln waren mühsam nachgemacht, und die Ringe an seinen Fingern trugen Steine, deren Schliff längst den einstigen Glanz verloren hatte. Varyn war ein Mann auf dem absteigenden Ast, ein Verzweifelter, der sich mit aller Macht an den Glanz des Hofes klammerte. Seine Annäherungsversuche an die Prinzessin waren kein höfischer Zeitvertreib, sondern eine verdeckte Notwendigkeit – eine Jagd nach ihrem Vermögen, um den eigenen Ruin im letzten Moment abzuwenden.

      Als der Lord die Äußerung machte, der Narr solle wie ein bunter Fleck im Teppich tanzen oder hinfallen, verengten sich die eisblauen Augen hinter den Sehschlitzen der Arlecchino-Maske. Leonardo registrierte jedes Detail: die abfällige Handbewegung des Lords, das gequälte Kichern der Umstehenden und die eisige Abneigung, die den Raum zwischen Varyn und der Prinzessin erfüllte.

      Es war an der Zeit, diesen Parasiten zu entfernen. Nicht mit roher Gewalt, nicht mit offenem Zorn, sondern mit den einzigen Waffen, gegen die sich ein Höfling nicht verteidigen konnte: mit der nackten Wahrheit, verpackt in das Narrenkleid, das Varyn selbst herbeigerufen hatte.

      Leonardo gab ein langes, glucksendes Kichern von sich, das so unnatürlich schrill klang, dass es die verhaltene Unterhaltung im Saal augenblicklich lähmte.

      Er löste sich von der Säule. Aber er ging nicht. Er schlingerte.

      Mit ausladenden, ungelenken Bewegungen torkelte die zweifurchtgebietend große Gestalt auf das Paar zu. Die Messingschellen an seinen Gewändern schlugen einen chaotischen, lautstarken Takt. Er mimte den betrunkenen Tölpel in Perfektion. Einmal verfing sich sein Fuß scheinbar an einer Fuge des Marmorbodens, er ruderte wild mit den weiten Ärmeln, machte zwei groteske, stolpernde Schritte nach vorne und fing sich millimetergenau vor Lord Varyn ab. Dabei kam er dem Adeligen so nahe, dass dieser unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich, um nicht vom bunten Stoff berührt zu werden.

      Leonardo richtete sich langsam auf, neigte den Kopf mit einem knackenden Geräusch zur Seite und sah den Lord durch die spitz hochgezogenen Augenbrauen der Arlecchino-Maske an. Das gemalte, erstarrte Lächeln auf der Holzfratze wirkte im Fackellicht plötzlich erschreckend dominant.

      „Oho! Ein edler Lord! Ein Mann von Rang und Schall!“, trällerte Leonardo mit überschlagender, quietschender Stimme, während er sich tief verbeugte – so tief, dass die Schellen seiner Mütze fast die Stiefelspitzen des Lords berührten. „Er ruft den Narren! Er fordert einen Fall! Ein kleiner Sprung? Ein Tanz auf glattem Stein? Welch großer Wunsch von einem Mann so fein!“

      Er richtete sich mit einem Ruck auf, legte den Zeigefinger an die Nase und schaute mit gespielter Schlauheit ins Publikum. Einige Höflinge traten neugierig näher, angelockt von dem ungewöhnlichen Schauspiel.

      „Ihr wollt mich fallen seh’n, mein güt’ger Herr?
      Doch ach, das Fallen fällt mir gar zu schwer!
      Denn wer tief fällt, das weiß am Hof ein jeder,
      braucht feste Münz’ und nicht nur bunte Feder!“

      Leonardo machte einen großen, hinkenden Schritt um Varyn herum, während er mit den Händen so tat, als würde er leere Hosentaschen nach außen stülpen und vergebens nach Gold suchen.

      „Seht an den Lord! So stolz, so kühn, so rein!
      Doch in den Truhen herrscht nur gähnend Stein!
      Die Gläubiger klopfen laut an Tor und Wand,
      drum sucht das Lordlein schnell ein neues Land!
      Ein königlicher Schatz, ein Erbe zart und rein,
      soll Rettung für die teuren Schulden sein!
      Wer nach dem Gold der Kronen greift mit Macht,
      hat seine eignen Münzen längst durchgebracht!“

      Ein leises, geschocktes Keuchen glitt durch die Reihe der Zuschauer. Die Finanznöte des Hauses Varyn waren ein offenes Geheimnis, ein Thema, das man auf Festen höchstens hinter verschlossenen Fächern tuschelte. Es laut im Saal zu verkünden, war ein unerhörter Stilbruch – doch es kam aus dem Mund eines Narren, dem man nach dem alten Hofrecht für seine Narrenfreiheit nicht den Prozess machen konnte.

      Varyns Gesicht verfärbte sich von seinem herablassenden Rot rasch in ein fleckiges, wütendes Weiß. „Schweigt, Ihr elender Tölpel!“, herrschte er den Narren an und hob die Hand, als wolle er ihn grob wegschieben.

      Doch Leonardo wich der Berührung mit einer katzenhaften, kaum wahrnehmbaren Leichtigkeit aus, schlug ein kurzes Rad auf der Stelle und landete genau zwischen Varyn und den übrigen Höflingen.

      „Nicht zürnen, edler Lord! Der Schalk singt bloß!“, trällerte Leonardo ungerührt weiter, während seine Stimme hinter der Maske eine Nuance schärfer wurde. „Wir singen auch vom Erben auf Eurem Schloss!
      Der kleine Stammhalter, so kühn und stolz gewachsen,
      macht Eurem Herzen sicherlich viel Mucken und viel Mucksen!
      Doch schaut man auf sein Haar, so dunkel wie die Nacht,
      hat nicht der Herr den Knaben angebracht!
      Die Nase breit, die Schultern stark und groß –
      da saß wohl einst der Stallknecht auf dem Schloß!
      Ein Kuckucksei im Nest von altem Blut,
      der Lord weiß nichts, doch steht das Kind ihm gut!“

      Totenstille legte sich über diesen Teil des Saales.

      Niemand lachte mehr. Die Enthüllung war zu präzise, zu tödlich. Die Affäre der Lady Varyn mit dem obersten Pferdemeister war vor drei Jahren das tuschelnde Thema der gesamten Garnison gewesen – ein Fleck auf der Ehre des Lords, den dieser durch Schweigen und Drohungen aus der Welt zu wischen versucht hatte. Dass der Narr diese Schande nun mitten im Kerzenlicht vor den Augen des gesamten Hofstaats entrollte, traf den Adeligen wie ein Keulenschlag.

      Varyn stand da, die Lippen bebend vor rasender Wut, die Finger starr an den Samt seines Wamses gepresst. Er wollte sprechen, er wollte brüllen, doch jeder Satz, jede Verteidigung hätte die Anschuldigungen nur bestätigt. Wenn er nach dem Narren schlug, würde er sich vollkommen der Lächerlichkeit preisgeben. Er war bloßgestellt – ruiniert in seiner Rolle als edler Freier, gedemütigt vor dem gesamten Hof.

      Mit einem erstickten Laut, der irgendwo zwischen Fluch und Würgen lag, wandte sich Lord Varyn ab. Er stieß einen erstaunten Diener beiseite und machte kehrt. Sein Rückzug glich einer Flucht, begleitet vom leisen, giftigen Tuscheln der Höflinge, die sich bereits gierig über das neue Futter für die morgigen Skandale austauschten.

      Leonardo sah dem flüchtenden Lord nicht einmal nach. Er schlug stattdessen eine groteske Purzelbaum-Salto-Kombination auf dem Marmor, landete auf den Knien und griff nach einem auf dem Boden liegenden Apfel, in den er geräuschvoll hineinbiss. Das Schellen seiner Mütze bammelte lustig im Takt.

      Er hatte die Bahn freigemacht. Varyn würde sich in die dunkelste Ecke des Schlosses zurückziehen und sich so schnell niemandem mehr aufdrängen.

      Hinter den bunten Augenhöhlen seiner Arlecchino-Maske richteten sich seine eisblauen Augen für einen einzigen, kühlen Herzschlag zur Seite, ehe er mit einem verqueren Gekicher weiter torkelte, um im Gewusel des Saales zu verschwinden.
    • Totenstille.
      Es war, als hätte jemand den gesamten Saal in Eis gegossen.Kein Atemzug, kein Rascheln, kein Flüstern, nur diese schneidende Stille, die sich wie ein Dolch zwischen die Menschen legte. Irelia stand da, den Kelch in der Hand, und spürte die dicke Luft die sich bei jedem weiteren Wort des Narren immer weiter verdichtet hatte. Und so sehr sie ihr eigenes Schauspiel aufrecht erhalten konnte, nun konnte sie es nicht mehr ganz. Ihr Blick haftete erstaunt auf Lord Varyn, der es gewagt hatte, den Narren herauszufordern. Sie hörte den erstickten Laut, der aus seiner Kehle kam und bemerkte wie seine Finger sich in den Samt seines Wamses krallten, wie seine Haltung einknickte, wie seine Schultern sich verengten, als würde er versuchen, sich selbst kleiner zu machen. Auch Irelia hatte dieses Geschwätz schon einmal gehört, aber interessiert hatte sie sich noch nie für so etwas. Sie hatte andere, eigene Sorgen, da wollte sie sich nicht noch mit den anderer beschäftigen. Trotzdem war sie schockiert von dem Schauspiel, das sich ihr gerade direkt vor den Augen geboten hatte.
      Als Varyn sich fast stolpernd abwandte und flüchtend davonschritt, spürte sie, wie die Blicke der Höflinge wie Nadeln durch den Raum stachen.Das leise Tuscheln, das giftige Kichern, das hungrige Raunen, all das war ihr vertraut.Sie wusste, wie schnell der Hof jemanden verschlang, wenn er fiel. Sie hob den Kelch ein wenig, als würde sie sich selbst daran erinnern, ruhig zu bleiben und trank einen Schluck.Ihre silbrigen Locken glitten über ihre Schultern, schwer und weich, und sie atmete einmal tief ein, um die Spannung aus ihrer Brust zu lösen. Dann hörte sie das Schellen. Der Hofnarr schlug eine groteske Purzelbaum-Salto-Kombination, landete auf den Knien und biss in einen Apfel.Die Höflinge lachten nervös, erleichtert, als hätte er die Stille mit einem Messer zerschnitten. Irelia beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Und keinen Augenblick später verschwand er in dem Getümmel der Menschen.
      Der Saal begann sich wieder zu bewegen, doch für Irelia fühlte es sich an, als stünde sie in einem stillen, abgeschlossenen Raum. Die Geräusche waren gedämpft, die Farben blasser, die Menschen wirkten wie Schemen, die sich um sie herum formten und wieder verschwammen. Sie senkte den Kelch langsam, ihre Finger lösten sich von dem kühlen Metall, als hätte sie erst jetzt bemerkt, wie fest sie ihn gehalten hatte.
      Stimmte es also?Dass er so viel mehr von den Menschen mitbekam, als man einem Hofnarren je zutrauen würde?Durch sein Auftreten wirkte er tollpatschig, manchmal trottelig, manchmal geradezu einfältig. Hörten die Leute wirklich auf zu reden, sobald er in ihrer Nähe war? Nein. Sie sprachen weiter, als wäre er unsichtbar. Als wäre er nichts weiter als ein bunter Schatten am Rand des Saales. Dieser Gedanke ließ Irelia nicht los. Jetzt, da alle damit beschäftigt waren, über Lord Varyns Fall zu tuscheln, nutzte sie den Moment. Sie brauchte Abstand. Einen Augenblick, um die Worte der vergangenen Nacht und die Szene, die sich gerade vor ihren Augen abgespielt hatte, zu begreifen. Sie stellte ihren Kelch auf einem der Tische ab, die Bewegung elegant, aber mit einem Hauch von Eile. Zielstrebig steuerte sie die schmale Nebentür an, eine Tür, die kaum jemand beachtete, weil sie so unscheinbar war. Die Höflinge waren zu sehr in ihr Getuschel und Geläster vertieft, um auf sie zu achten. Niemand hielt sie auf, niemand stellte Fragen, niemand bemerkte, wie sie sich aus dem Kreis der gierigen Augen löste. Und so glitt sie durch die Tür, ungesehen und ungehindert und verschwand aus dem Saal, bevor jemand überhaupt bemerkte, dass sie gegangen war.
      Der Gang hinter der Nebentür empfing sie wie ein anderer Kosmos. Gedämpft, kühl und frei von dem stickigen Gemisch aus Parfüm, Kerzenrauch und aufgeregtem Tuscheln, das im Saal wie ein schwerer Schleier gehangen hatte. Die Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss, und mit diesem kaum hörbaren Klang schien etwas von der Last auf ihren Schultern abzufallen. Ihre Schritte hallten sanft über den Steinboden, jeder Schritt ein Stück Abstand zu dem Chaos, das sie zurückgelassen hatte. Die Wände waren schlicht, nur von vereinzelten Fackeln beleuchtet, deren warmes Licht sich in ihren silbrigen Locken fing. Sie atmete tief ein, spürte, wie die kühle Luft ihre Brust beruhigte, wie die Spannung langsam aus ihren Fingern wich. Doch die Ruhe des Ganges war nur ein dünner Schleier über dem Sturm in ihr. Sie brauchte frische Luft.Nicht die abgestandene, schwere Hofluft, die voller Parfüm und Intrigen hing. Also wandte sie sich nach rechts, den kurzen Weg entlang, der zu einem der kleinen Balkone führte. Ein Ort, den kaum jemand nutzte, weil er abseits lag und keinen Blick auf die großen Gärten bot. Für sie war er perfekt.
      Ihre Schritte wurden schneller, nicht hastig, aber zielgerichtet. Der Gedanke an frische Luft und an Stille zog sie wie ein unsichtbarer Faden vorwärts. Und gleichzeitig brannten die Fragen in ihr wie glühende Kohlen. Sie verstand es nicht.Noch immer nicht. Der Hofnarr war ein Rätsel, das sich ihr aufdrängte, ohne dass sie darum gebeten hatte. Ein Rätsel, das sich nicht wie die üblichen höfischen Spielchen anfühlte. Nicht wie die Intrigen, die sie kannte. Nicht wie die Lügen, die sie täglich hörte. Es war etwas anderes.Etwas, das sie nicht greifen konnte.
      Sie erreichte den Balkon, schob die schwere Holztür auf und trat hinaus. Die Luft, die ihr entgegenströmte, war kühl und klar, wie ein Befreiungsschlag. Sie schloss die Augen, ließ den flachen Wind über ihre Haut streichen, über ihre Locken, über die Spannung in ihren Schultern. Sie legte die Hände auf das steinerne Geländer, beugte sich leicht vor und sah in die Ferne hinaus. Alles wirkte so unwirklich, so fern, so lose verbunden mit dem, was im Saal geschehen war. Und trotzdem... trotzdem fühlte sie sich, als stünde sie mitten in einem Strudel, der sie langsam, aber unaufhaltsam in die Tiefe zog. Was wollte er von ihr? Warum sie? Warum jetzt?
      Sie öffnete die Augen wieder, und in der Stille des Balkons, im kühlen Atem der Nacht, spürte sie zum ersten Mal, wie sehr sie Antworten brauchte.
    • Leonardo spürte das Verstreichen ihrer Anwesenheit im Saal mit der Präzision eines Raubvogels, der das leiseste Rascheln im Unterholz registriert. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sich die kleine Nebentür hinter Irelia geschlossen hatte. Er hörte das unmerkliche Klicken des Schlossriegels, das sanfte Verhallen ihrer schnellen Schritte im kühlen Korridor und das plötzliche Verblassen jener feinen, angespannten Aura, die sie umgeben hatte, während Varyn vor ihren Augen zerlegt worden war.
      Er folgte ihr nicht. Es wäre ein anfängerhafter, verhängnisvoller Fehler gewesen, jetzt aus dem Saal zu schlüpfen. Höflinge waren wie Aasgeier: Wenn man ihnen ein Opfer entzog, suchten ihre gierigen Blicke sofort nach dem nächsten Ziel. Hätte der Narr kurz nach der Prinzessin den Raum verlassen, hätten die ersten giftigen Zungen bereits vor dem Abendessen die nächsten Gerüchte gesponnen.
      Stattdessen stürzte sich Leonardo mit doppelter Hingabe in den Wahnwitz seiner Rolle. Er ließ ein schrilles, unnatürliches Lachen ertönen, das den verbliebenen Schock im Saal wie eine Glasurschicht zersplitterte. Er schlug ein doppeltes Rad über die polierten Fliesen, schnappte sich eine hölzerne Rassel von seinem Gürtel und begann, ein albernes, holperiges Lied über einen Esel zu trällern, der geglaubt hatte, eine Nachtigall zu sein. Die Adligen stürzten sich gierig auf die dargebotene Ablenkung. Das nervöse Kichern kehrte zurück, die Fächer bewegten sich wieder im Takt, und das Gift, das er über Lord Varyn gegossen hatte, wurde sogleich in freudiger Runde weitergereicht. Irelia war vergessen. Die Höflinge hatten nur noch Augen für das blutige Schauspiel, das der Narr ihnen serviert hatte.
      Den restlichen Nachmittag über glitt Leonardo wie ein buntes Phantom durch die Adern der Festung Velmont.
      Kling-kling-kling.
      Das unruhige, helle Schellen seiner Mütze und seiner Ärmel kündigte ihn in jedem Gang an, noch bevor er zu sehen war. Er stolperte durch die langen Galerien, tanzte um die mürrischen Wachen herum, die ihn verfluchten, und verneigte sich mit grotesk-überspitzter Ehrerbietung vor den vorbeieilenden Ministern. Er mimte den Idioten, den Tölpel, das bunte Störgeräusch in der geordneten Welt des Hofes. Für die Herrschaften war er nicht mehr als ein Stück lebendiges Inventar – skurril, lauthals, aber im Grunde völlig bedeutungslos. Man sprach vor ihm, als wäre er aus Stein gehauen. Man ließ Papiere offen auf den Tischen liegen, wenn er durch die Räume fegte, um nach Brotkrumen zu betteln. Man verschwieg nichts, weil niemand glaubte, dass ein Verstand hinter den Narrenschellen existieren könnte.
      Und genau darin lag seine größte Macht.
      Leonardo sammelte Wissen nicht wie ein Buchhalter, sondern wie ein Schwamm, der unaufhörlich jede Nuance aufsaugt. Sein Gedächtnis war ein lückenloses, eiskalt strukturiertes Archiv. Jeder Blick, jedes Tuscheln, jede Notiz auf einem zerknitterten Pergament fand seinen festen Platz in den dunklen Kammern seines Verstandes.
      Sein Wissensschatz war von immensem, beängstigendem Ausmaß.
      Auf der untersten Ebene lagen die kleinen, alltäglichen Sünden des Adels – die winzigen Schmutzflecken, die man brauchte, um jemanden im richtigen Moment ins Stolpern zu bringen. Er wusste, welcher Herzog sein Geld beim Würfelspiel in den Unterstadt-Tavernen verlor. Er wusste, welche Hofdame heimlich Liebesbriefe an einen einfachen Wachtmeister schrieb und welcher Kanzler sich die Haare färben ließ, um seine schwindende Jugend zu verbergen. Es waren unbedeutende Splitter, gut geeignet für spontane Spötteleien oder kleine Erpressungen zwischendurch.
      Doch darüber türmten sich die echten, gefährlichen Geheimnisse – Geflechte aus Verrat, Gier und Machtsucht. Leonardo wusste, welche Diplomaten Gold aus den Händen feindlicher Reiche annahmen, um Truppenbewegungen an den Grenzen zu verzögern. Er wusste, welche Handelshäuser gefälschte Schuldscheine nutzten, um die Krone zu erpressen, und er kannte die genauen Rezepturen jener schleichenden Gifte, die in den Gemächern mancher Kranker als „brustbeengendes Fieber“ feilgeboten wurden.
      Ganz tief in seinem Verstand jedoch bewahrte er die Staatsgeheimnisse auf – jene Wahrheiten, die stark genug waren, um das Schicksal des gesamten Königreichs in den Abgrund zu reißen oder es aus den Klauen des Untergangs zu retten.
      Er kannte die wahren, blutigen Details jener Nacht, in der die Königin ihr Leben gelassen hatte. Er wusste von einem geheimen Pakt, den eine einflussreiche Gruppe von Ratsherren geschlossen hatte, um die Krone nach dem nächsten Winter an eine fremde Macht zu verkaufen. Er wusste von gefälschten Stammbäumen, von verborgenen Pulverlagern unter den Fundamenten der Großen Halle und von einem Thronfolger, dessen Adern kein einziges Tröpfchen königlichen Blutes enthielten.
      Diese Geheimnisse waren Waffen von unvorstellbarer Zerstörungskraft. Ein einziges Wort von ihm an der richtigen Stelle könnte eine Revolution entfachen, eine Dynastie auslöschen oder einen Krieg heraufbeschwören, der die Ländereien von Velmont in Schutt und Asche legen würde. Auf der anderen Seite war genau dieses Wissen der einzige Schild, der das Reich noch vor dem schleichenden Verfall bewahren konnte – vorausgesetzt, es wurde im entscheidenden Moment von jemandem geführt, der mutig genug war, die Last der Wahrheit zu tragen.
      Doch während der Nachmittag im matten Licht der Spätsommersonne versank und Irelia irgendwo auf dem abgelegenen Balkon nach Atem und Antworten rang, suchte Leonardo sie nicht.
      Er drängte sich ihr nicht auf. Er glitt nicht in den Schatten der Nebentür, um sich ihr zu offenbaren oder ihre brennenden Fragen zu stillen. Leonardo verstand die Gesetze der menschlichen Seele viel zu gut, um den Fehler zu begehen, sich ihr anzubieten. Geduld war die schärfste Klinge eines Strategen.
      Er wusste, was in diesem Moment in der Prinzessin vorging. Der Verstand einer klugen Frau an einem Ort voller Schlangen arbeitete ohne Pause. Die Vorfälle der vergangenen Nacht und das öffentliche Debakel von Lord Varyn schmolzen in ihren Gedanken zu einem einzigen, drängenden Rätsel zusammen. Sie begriff nun, dass die bunte Maske des Narren nur eine Fassade war, hinter der sich eine Macht verbarg, die der Hof weder verstand noch ahnte. Die Fragen in ihrem Kopf würden nicht leiser werden; sie würden mit jeder Stunde, die verstrich, lauter hämmern. Warum half er ihr? Was wusste er noch? Wie tief reichten seine Schatten?
      Der Druck auf ihren Schultern würde wachsen. Das Netz aus Lügen, das den Adel umgab, würde ihr nach dieser Demonstration noch enger und erstickender erscheinen als je zuvor. Und in einem Palast, in dem jeder Satz eine Falle und jedes Lächeln eine Lüge war, würde die Sehnsucht nach einer einzigen echten Antwort schließlich jeden Zweifel überwiegen.
      Leonardo musste nicht nach ihr suchen. Er wusste mit absoluter, eiskalter Gewissheit: Sobald die Last der Fragen unerträglich wurde, sobald sie spürte, dass sie im Treibsand des Hofes zu versinken drohte, würde sie ihn suchen. Sie würde nicht mehr im Schein der Fackeln nach Antworten verlangen, sondern dorthin kommen, wo er zu Hause war – in die Finsternis der Nacht.
      Bis dahin tanzte er weiter.
      Als die Dämmerung den Palast in tiefes Violett tauchte, vollführte der Narr auf dem Brunnenplatz im Innenhof einen wahnwitzigen Dreifach-Salto, landete mitten in einem Schlammloch zum schallenden Gelächter der umstehenden Gardisten und stimmte ein schrilles Lied über eine Gans an, die den Mond auffressen wollte.
      Unter dem bunten Stoff seiner Gewänder, verborgen vor den Blicken der Welt, spannte sich sein muskulöser Körper in vollkommener Beherrschung. Hinter den Augenhöhlen der Arlecchino-Maske glänzten seine eisblauen Augen kühlscharf im schwindenden Licht. Unter der Perücke lag sein rabenschwarzes Haar dicht an der Stirn. Er war bereit. Das Spiel hatte begonnen, und die Spielfiguren bewegten sich genau so, wie er es vorgesehen hatte.
    • Sie hatte aus dem lauten Saal fliehen müssen. Die lächerlichen Unterhaltungen, das Gekicher, das ewige Geläster, all das war ihr plötzlich unerträglich geworden. Doch sie wusste, dass sie nicht lange fortbleiben konnte. Auch wenn ihre Gäste für einen Moment abgelenkt waren, würde sie nicht ewig ungesehen bleiben. Und ihr Vater würde sich früher oder später fragen, wo seine Tochter geblieben war. Trotzdem gönnte sie sich diese kurze Zeit der Ruhe, um ihre Gedanken zu ordnen. Für sie war es neu, jemanden zu sehen, der sich offen gegen den Adel stellte. Sie wusste nicht, welche Folgen das haben konnte, für ihn, für den Hof, vielleicht sogar für sie selbst. Und obwohl sie mutiger war, als sie sich eingestehen wollte, spürte sie eine leise Angst. Zum ersten Mal war ihre stille Rebellion nicht unbemerkt geblieben. Zum ersten Mal hatte jemand erkannt, dass sie anders war. Und dieser jemand war ein einfacher Mann. Ein Mann, den alle belächelten und der scheinbar mehr wusste als jeder andere im Saal und dann hatte er sie ohne Antworten zurückgelassen.
      Irelia lehnte sich gegen das steinerne Geländer des Balkons, ließ den Wind über ihre Haut streichen und versuchte, die Unruhe in ihrem Inneren zu beruhigen. Doch die Fragen ließen ihr keine Ruhe. Vielleicht... Vielleicht musste sie zurück in den Schlossgarten. Dorthin, wo sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, wo seine Worte sie zum ersten Mal aus dem Gleichgewicht gebracht hatten.
      Irelia nahm sich noch einen Moment, um die Stille zu genießen, diesen kostbaren, flüchtigen Augenblick, in dem niemand etwas von ihr wollte, niemand sie beobachtete, niemand sie mit Worten bedrängte. Doch sie wusste, dass sie zurückmusste. Der Hof verzieh keine Abwesenheit, schon gar nicht die einer Prinzessin. Und ihr Vater würde sich wundern, wenn sie zu lange fernblieb. Also richtete sie sich auf, strich eine lose Locke zurück und verließ den Balkon. Mit jedem Schritt zurück zum Saal fühlte sie, wie die Ruhe von ihr abglitt wie Wasser von den Fingern.
      Kaum öffnete sie die Tür, prallte der Lärm wieder auf sie ein, Stimmen, Gelächter, das nervöse Knistern von Gerüchten, die sich wie Funken im Raum verteilten. Und keine zwei Herzschläge später stand schon der nächste Lord an ihrer Seite. Ein Mann mit einem zu breiten Lächeln und zu viel Parfüm, der sich in endlosen, belanglosen Sätzen verlor. Irelia lächelte wie immer. Sie nickte an den richtigen Stellen, murmelte höfliche Antworten, während ihre Gedanken wo ganz anders waren. Und der Lord redete weiter, ohne zu merken, dass sie ihm kaum zuhörte. Er sprach über Pferde, über Handelswege, über irgendeine Jagd, die sie nicht interessierte. Doch sie hielt das Lächeln, das höfliche, perfekte Lächeln, das sie seit Jahren trug wie ein zweites Gesicht. Wie es von ihr erwartet wurde.
      Erst als eine tiefe, harte Stimme ihren Namen nannte, verstummte der Lord sofort. "Irelia." Ihr Vater, der König. Er stand einige Schritte entfernt, die Haltung aufrecht, der Blick streng wie immer. Er wartete nicht darauf, dass sie zu ihm kam, er erwartete es. Und so löste sie sich aus dem Gespräch, verneigte sich knapp vor dem Lord und ging zu ihrem Vater hinüber. Sein Blick glitt prüfend über ihr Gesicht, als wolle er jede Regung darin lesen. Nicht aus Sorge, sondern aus Kontrolle. "Du warst zu lange fort", sagte er leise, aber mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch duldete. "Das fällt auf.". Irelia senkte den Kopf minimal. "Verzeih, Vater.". Er nickte knapp, als wäre die Entschuldigung nicht mehr als eine Formalität. "Es gibt etwas, das du wissen musst." Seine Stimme blieb ruhig, doch der Ton war hart wie Stein. "Lord Corvin Morcant wird in wenigen Tagen hier eintreffen. Ein Mann von Einfluss, mit Verbindungen, die für uns von Bedeutung sind.". Irelia erhob wieder den Blick und merkte wie sich etwas in ihr anspannte. "Er wird einige Zeit im Schloss verweilen", fuhr der König fort. "Du wirst ihn empfangen. Freundlich, zuverlässig. Und ohne die... Ablenkungen, die du dir heute geleistet hast" Der König äußerte keine Wünsche, es war eine Anweisung die Irelia nicht abzuschlagen hatte. "Natürlich, Vater", antwortete sie deshalb ruhig.
      Der König musterte sie einen Moment länger, als wolle er sicherstellen, dass sie verstand, was auf dem Spiel stand. Dann wandte er sich ab, ohne ein weiteres Wort. Er war sicvh sicher, dass sie ihm folgen würde und dass sie tat, was er verlangte.
      Irelia blieb einen Augenblick stehen, die Hände gefaltet, das Lächeln wieder aufgesetzt. Doch in ihrem Inneren spannte sich etwas an, ein feiner, kaum spürbarer Widerstand. Ein neuer Lord. Neue Erwartungen. Neue Pflichten.

      Der Nachmittag zog sich wie ein zäher Faden dahin. Nachdem der Empfang endlich vorbei war und sie sich aus dem Saal hatte lösen können, durfte sie für einen kurzen Moment in ihr Zimmer zurückkehren. Ein Ort, der ihr sonst wie ein goldener Käfig vorkam, fühlte sich nun fast wie Zuflucht an. Sie schloss die Tür hinter sich, lehnte sich einen Herzschlag dagegen und atmete tief durch. Die Stille war wohltuend, aber sie wusste, dass sie nicht lange bleiben durfte. Denn kaum war die Krone vom Kopf, begann der andere Teil ihres Tages: die Unterrichtsstunden. Absolut langweilig, endlos und unausweichlich. Eine Prinzessin war am Hof nicht viel mehr als eine Frau, die eines Tages die Ehre haben durfte, einen Thronfolger zur Welt zu bringen. Doch dumm durfte sie nicht sein. Dumm war gefährlich. Dumm war manipulierbar. Dumm war schwach. Und Schwäche konnte sich der König nicht leisten, nicht einmal in seiner eigenen Familie. Also ließ Irelia die Stunden über sich ergehen. Sie saß aufrecht, die Hände gefaltet, während der Gelehrte über politische Strukturen sprach, über Handelswege, über die Geschichte der nördlichen Provinzen. Worte, die wie Staub durch den Raum schwebten und sich schwer auf ihre Gedanken legten. Sie nickte, wenn es erwartet wurde, stellte Fragen, wenn es nötig war, und hielt den Blick aufmerksam. Zwischendurch wechselte der Unterricht - Etikette, Diplomatie, Sprachen. Alles Dinge, die sie beherrschte, aber immer wieder wiederholen musste, als wäre sie ein Kind, das man formen wollte, bis nichts Eigenes mehr übrig blieb. Doch innerlich war sie weit entfernt von den Worten, die der Gelehrte immer wieder wiederholte.

      Zum Abendessen war ihr Vater wieder da und wie immer lag eine Schwere in der Luft, sobald er den Raum betrat. Es lag keine Liebe oder Wärme in der Luft, wie vermutlich einfachere Familien ihr Abendessen miteinander verbringen würden. Irelia setzte sich ihm gegenüber an den langen Tisch, der für zwei Personen viel zu groß wirkte. Die Diener stellten die Teller ab, verneigten sich und verschwanden lautlos. Ihr Vater begann zu essen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Erst nach einigen Minuten, als wäre es ihm gerade erst eingefallen, sprach er. "Die Berichte aus dem Westen sind unzureichend." Seine Stimme war ruhig, aber hart wie gehämmerter Stahl. "Die Ernteausfälle werden größer sein als erwartet. Ich habe den Rat angewiesen, die Abgaben zu erhöhen."
      Irelia blickte auf ihren üppig gefüllten Teller "Das wird den Bauern schwerfallen."
      Für einen Moment hob er seinne Blick "Es wird ihnen schwerfallen, ja. Aber sie werden es tun. Weil sie müssen.". Sie nickte, obwohl ihr innerlich ein bitterer Geschmack aufstieg. Ihr Vater sprach weiter, als wäre ihre Zustimmung selbstverständlich. "Außerdem habe ich heute mit deinem Lehrmeister gesprochen." "Irelia spürte, wie sich ihr Rücken unmerklich straffte "Er berichtet, dass du dich in den letzten Wochen weniger bemüht hast." seine Stimme war ruhig, doch jeder Tonfall scharf wie ein Messer. "Du hörst zu, ja. Du wiederholst, was man dir sagt. Aber du zeigst keinen Fortschritt.". Irelia senkte den Blick auf ihren Teller, die Finger um die Gabel geschlossen. "Eine Prinzessin, die sich nicht weiterbildet, ist nutzlos.". Er sprach es aus, als wäre es eine einfache Tatsache, kein Schlag. "Du wirst eines Tages eine Rolle spielen, die mehr verlangt als ein hübsches Kleid und ein höfliches Lächeln.". Er legte die Gabel ab, sah sie nun direkt an "Ich erwarte, dass du dich mehr ins Zeug legst. Ab morgen wirst du früher beginnen. Keine Verzögerungen und keine Ausreden.".
      Irelia schluckte leise. "Natürlich, Vater."
      Diesen Abend ließ sie über sich hinwegrollen wie eine Welle, die sie nicht aufhalten konnte. Nachdem das schreckliche Essen mit ihrem Vater vorbei war, kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Eliza und Lynara warteten bereits, wie jeden Abend. Sie halfen ihr aus dem schweren Kleid, das nach Parfüm und Hofluft roch. Eliza lockerte die Schnüre am Rücken, Lynara hob den Stoff an, damit er nicht über den Boden schleifte. Dann setzten sie sich hinter sie, ordneten ihre langen Haare, strichen einzelne Strähnen glatt und flochten sie zu einem dicken, festen Zopf, der ihr Rücken hinabfiel wie eine schimmernde Linie aus Mondlicht.
      "Gute Nacht, Hoheit", sagte Eliza leise. "Schlaft gut", fügte Lynara hinzu, als sie ihre Arbeiten erledigt hatten. Kaum waren die beiden Frauen gegangen, überrollte sie der Gedanke, der sie den ganzen Tag verfolgt hatte. Sollte sie wieder gehen? Wieder durch die Gänge, wieder in die Nachtluft, die sich wie Freiheit anfühlte? Sollte sie wieder nach den schäbigen Kleidern greifen, die sie versteckt hielt, und sich in die Dunkelheit schleichen wie ein Schatten, der nicht gesehen werden wollte? Der Gedanke war verlockend und mehr als nur verführerisch. Sie saß auf der Bettkante, die Hände im Schoß, und spürte, wie ihre Gedanken hin und her rissen. Schließlich atmete sie tief ein, schloss die Augen und ließ die Gedanken wie Sand durch ihre Finger gleiten. Nicht heute. Nicht in dieser Nacht. Sie würde nicht durch die Gänge schleichen und nicht in die Dunkelheit verschwinden. Nicht heute. Sie erhob sich, löste den Zopf, den die Frauen ihr geflochten hatten, und ging zum Bad. Das heiße Wasser, das Eliza wie jeden Abend eingelassen hatte, dampfte leicht und roch nach Lavendel. Irelia stieg hinein, ließ sich langsam in die Wärme sinken. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sie sich nicht gehetzt.

      Der nächste Tag verlief wie der vorherige, nur dass sie diesmal Tanzstunden hatte. Und wenigstens das war etwas, das sie ein wenig genoss. Die Musik, die Schritte, die Drehungen. Es war einer der wenigen Momente, in denen sie sich nicht wie eine Figur auf einem Schachbrett fühlte. Doch selbst dieser kleine Genuss war nie vollkommen. Denn ein Tanz ohne richtigen Partner war nur halbe Freiheit. Und die Männer, mit denen sie tanzen musste, waren nicht die, mit denen sie tanzen wollte. Also drehte sie sich allein, elegant, kontrolliert, während der Tanzmeister nickend zusah.
      Als der Tag sich dem Ende neigte, kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Eliza und Lynara warteten bereits, wie immer. Sie halfen ihr aus dem Kleid, kämmten ihr die Haare, flochten sie zu einem dicken Zopf. Die Badewanne war gefüllt, dampfend und duftend, bereit für die Routine, die sie jeden Abend durchlief.
      Heute hielt sie es nicht mehr aus. Kaum waren die beiden Frauen gegangen und die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, stand sie auf. Sie ging zu ihrem großen Kleiderschrank und wühlte sich durch die weichen Stoffe hindurch. Sie zog die schäbigen Kleider heraus, die viel zu unüblich für ihre zarte Haut waren, grober Stoff, dunkle Farben, nichts Glänzendes, nichts Edles. Sie schlüpfte hinein und blieb, wie auch beim letzten Mal, barfuß.
      Die Sonne war längst verschwunden und der Mond stand bereits über dem Schloss, doch heute schien er nicht so hell. Ihr Weg führte sie wieder durch die Schlosshallen, bis sie im Schlossgarten ankam. Erst stand sie nur vor der Tür, als müsse sie sich noch einmal vergewissern, ob sie diesen Weg wirklich gehen sollte. Doch sie brauchte nicht lange, um über ihren Schatten zu springen. Sie setzte ihren Weg fort und ging zum Rondell zurück. Zu dem Ort, an dem sie den Mann hinter der Narrenmaske das erste Mal gehört hatte. In der Hoffnung, er wäre diesmal wieder dort. Und würde ihre Fragen beantworten.
    • Während Irelia versuchte, die Minuten auf dem kühlen Balkon zu nutzen, um Atem zu schöpfen, war Leonardo bereits wieder überall und nirgends zugleich. Der Hof hielt ihn für einen Narren, der nach einem gelungenen Streich träge in einer Ecke saß oder sich an den Resten des königlichen Büfett gütlich tat. In Wahrheit war sein Verstand in diesen Stunden auf höchste Wachsamkeit gepolt.

      Vom schmalen, dunklen Hohlraum hinter den riesigen Wandteppichen der großen Empfangshalle aus hatte er alles mit angehört. Er hatte gesehen, wie der König seine Tochter mit diesem eiskalten, sezierenden Blick gemustert hatte – dem Blick eines Arztes, der ein Werkzeug auf seine Funktionalität prüfte. Leonardo hatte die harte, schneidende Stimme des Monarchs gehört und das leise, ergebene „Verzeih, Vater“, das die Prinzessin erwiderte.
      Vor allem aber hatte er den Namen gehört, der wie ein Omen durch den Raum geschwebt war: Lord Corvin Morcant.

      Hinter der Holzmaske hatte sich Leonardos Kiefer unmerklich angespannt. In den unsichtbaren Archiven seines Gedächtnisses existierte eine umfangreiche Akte über Morcant. Er war kein gewöhnlicher Landadeliger, sondern ein skrupelloser Kriegsfürst aus den eisenreichen Grenzprovinzen des Nordens – ein Mann, dessen Reichtum auf der schonungslosen Ausbeutung seiner Leibeigenen beruhte und der seine politische Macht mit blutiger Härte verteidigte. Dass der König diesen Mann an den Hof rief, bedeutete nur eines: Die Krone brauchte dringend Soldaten oder Gold für die drohenden Konflikte an den Außengrenzen, und Irelia sollte der Preis sein, mit dem diese Allianz besiegelt werden sollte. Der König suchte keinen Schwiegersohn; er suchte eine Möglichkeit, sein schwankendes Reich zu konsolidieren.
      In den folgenden Stunden verlor Leonardo die Prinzessin nie völlig aus den Augen. Er nutzte das weitverzweigte System aus verborgenen Spionagegängen, Schachtanlagen und Dachböden, das die Baumeister von Velmont vor Jahrhunderten in die gewaltigen Schlossmauern integriert hatten.

      Als Irelia am Nachmittag in ihren Gemächern saß und den zähen, langweiligen Ausführungen des alten Gelehrten lauschen musste, hockte Leonardo hoch oben im Gebälk des Studierzimmers. Er saß schattengleich auf einem dicken Eichenbalken, wischte sich den Staub von den Ärmeln seines bunten Wamserls und beobachtete sie durch eine winzige Zieröffnung im geschnitzten Holz der Decke.
      Er sah die feine Anspannung in ihren Händen. Er sah, wie sie sich zwang, die Schultern gerade zu halten, wie sie nickte und die geforderten Phrasen wiederholte, während ihr Verstand ganz woanders war. Sie spielte die gebildete, fügsame Prinzessin mit makelloser Perfektion, doch Leonardo erkannte die Erschöpfung hinter ihren Schläfen. Er sah den stummen, brennenden Widerstand, der sich in der leisen Straffung ihres Rückens manifestierte. Sie beugte sich den Anforderungen ihres Vaters, aber sie brach nicht.
      Später, beim Abendessen im großen Speisesaal, stand der Narr als stummes Requisit in der Nähe der Kredenz. Während der König mit eisiger Kälte über die Erhöhung der Abgaben für die verarmten Bauern sprach und seiner Tochter unverblümt mitteilte, dass eine nutzlose Prinzessin keinen Wert besitze, servierte Leonardo den Wein. Er mimte den verträumten Idioten, der mit den Fingerspitzen nach den Fliegen in der Luft haschte, während seine Schalenohren jedes Wort aufsogen. Er hörte die Härte in der Stimme des Königs. Er sah das leise Schlucken der Prinzessin, als man ihr verkündete, dass ihre Tage künftig noch früher beginnen würden.

      Auch am darauffolgenden Tag, als der Abend langsam über den Palast schwebte und die Schatten länger wurden, blieb er in ihrer Nähe. Während sie in den Prunksälen ihre Tanzstunden absolvierte und sich einsam über das Parkett drehte, stand er hinter den schweren Samtvorhängen der Galerie. Seine Schellen hatte er mit dicken Lederriemen stumm gebunden.
      Er sah sie tanzen. Es war ein seltsames, fast trauriges Schauspiel: Eine junge Frau von königlichem Blut, die sich ohne Partner im Kreis drehte, kontrolliert, elegant, aber gefangen in der Unausweichlichkeit ihrer Rolle. Sie tanzte wie ein Vogel, der im Käfig die Flügel spreizte, um nicht zu vergessen, wie man flog. Leonardo spürte in diesen Momenten eine seltene, tiefe Hochachtung vor dieser Frau. Der Hof versuchte mit aller Macht, ihre Seele zu zerquetschen, sie zu einem fügsamen Werkzeug zu formen, doch tief in ihrem Inneren brannte noch immer eine Flamme, die sich nicht austreten ließ.
      Erst als der zweite Abend vollends über das Schloss hereinbrach und die Höflinge sich in ihre Gemächer zurückzogen, beendete Leonardo das Narrenspiel.

      Er zog sich in sein verborgenes Refugium im Fundament des alten Nordturms zurück. Die feuchten Granitwände, die nach alter Erde und kühlem Stein rochen, empfingen ihn mit wohltuender Stille. Hier, weitab von den parfümierten Lügen des Hofes, streifte er die bunte Maske des Arlecchino ab.
      Er löste die Schellenbänder von seinen Säumen. Das schrille, unruhige Klingeln verstummte augenblicklich. Er entledigte sich der extrem weiten, gepolsterten Gewänder aus grünem und violettem Samt, die seine wahre Gestalt vor der Welt verborgen hatten. Die hohe, verstellte Stimme, mit der er den Tag über gesprochen hatte, wich einem tiefen, rauen Durchatmen.
      Er trat an die Steinschale mit dem eiskalten Quellwasser. Leonardo wusch sich den Schweiß, das Puder und den Schmutz der zwei Tage gründlich von der Haut. Das kalte Wasser lief ihm über das Gesicht, tropfte über seinen Nacken und glitt über die breite Brust, auf der sich silberne Schnitt- und Brandnarben wie eine stumme Landkarte alter Kämpfe abzeichneten. Mit beiden Händen fuhr er sich durch das dichte, nass glänzende Haar – sein rabenschwarzes Haar, das ihm schwer und dunkel in die Stirn fiel.
      In der schummerigen Flamme einer einzelnen Talgkerze blickten seine schneidenden, eisblauen Augen aus dem Spiegelbild des Wassers zurück. Da war kein Tölpel mehr. Kein bunter Clown, der zur Belustigung des Adels im Staub kroch. Da war nur ein Mann, dessen Körper durch jahrelanges, hartes Training zu einer Waffe geschmiedet worden war, und dessen Geist von einem unerschütterlichen Ziel getrieben wurde.

      Er kleidete sich für die Nacht. Seine Handgriffe waren routiniert, lautlos und zweckmäßig.
      Er schlüpfte in eine eng anliegende, geschmeidige Lederhose, die ihm volle Bewegungsfreiheit erlaubte, und schnürte die weichen Lederstiefel, deren Sohlen auf Stein kein einziges Geräusch verursachten. Er zog ein dunkles Wams aus schwerem Stoff über seinen muskulösen Oberkörper und hüllte sich in den tiefdunklen Samtmantel, dessen Stoff das Helligkeit des Mondes aufzusaugen schien. Zum Schluss griff er nach der mattschwarzen Holzmaske – der Volto di Notte.
      Als er die Seidenbänder hinter seinem Kopf festzog und die Maske sein Gesicht umschloss, verwandelte sich der Mann endgültig in das Phantom der Nacht.

      Er verließ das Versteck durch eine verborgene Steinluke. Wie ein Schatten glitt er durch die unbeleuchteten Korridore. Er kannte die Dienstpläne der Wachen besser als der Hauptmann selbst. Er wusste genau, an welchen Biegungen die Gardisten vor Müdigkeit sichtbare Lücken ließen und welche Tore nicht richtig schlossen. Er passierte zwei patrouillierende Soldaten in den unteren Arkaden so nah, dass sein Mantel fast ihre Rüstungen streifte, doch sie bemerkten nichts – für sie war es nur ein plötzlicher, kühler Windstoß, der die Fackeln an der Wand kurz aufflackern ließ.
      Leonardo spürte ihre Bewegung, lange bevor sie den Schlossgarten erreichte.
      Seine geschulten Sinne fingen die winzigen Signale auf: Das leise, fast unmerkliche Knarren der hölzernen Geheimtür in ihren Gemächern. Das feine Rauschen des groben, einfachen Stoffes, den sie gewählt hatte, um ihre königliche Herkunft zu verbergen. Und das feuchte, beinahe unhörbare Auftreffen ihrer nackten Sohlen auf den kühlen Steinplatten der Dienstbotengänge.
      Sie hatte die prunkvollen Gewänder abgelegt. Sie hatte die Ketten der höfischen Etikette für diesen einen Moment gesprengt und war wieder in das Kleid des einfachen Mädchens geschlüpft. Sie war barfuß in die Finsternis getreten, getrieben von einem Verlangen, das stärker war als die Furcht vor ihrem Vater oder die Furcht vor dem Entdecktwerden.

      Leonardo fing sie nicht in den Hallen ab. Er drängte sich ihr nicht in den Weg. Er ließ ihr den Raum und die Zeit, diese Entscheidung ganz allein zu treffen.
      Mit langen, lautlosen Schritten durcheilte er die hinteren Bogengänge und trat noch vor ihr in den nächtlichen Garten hinaus. Die Nacht war kühl und still. Der Mond stand hoch am Himmel, halb verborgen hinter dünnen, dahinziehenden Schleierwolken, die ein mattes, silbriges Licht auf die nachtdunklen Rosenhecken und die hellen Steinwege warfen. Der Duft von feuchter Erde, kühlem Gras und blühendem Jasmin hing schwer in der Luft.

      Er steuerte direkt auf das steinerne Rondell zu.
      Es war genau derselbe Ort, an dem sie sich in jener ersten Nacht gegenübergestanden hatten. Das verlassene Rondell lag ruhig da, umgeben von den alten Marmorsäulen und den weiß schimmernden Blüten der Kletterrosen.
      Leonardo trat in den tiefen, undurchdringlichen Schatten des gotischen Steinbogens. Er lehnte sich an die raue Steinwand, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seine hochgewachsene, zwei Meter große Gestalt vollkommen mit der Finsternis verschmelzen. Er verharmerte in absoluter Bewegungslosigkeit. Sein Atem ging so flach und langsam durch die feinen Aussparungen der schwarzen Holzmaske, dass er selbst für ein geschultes Ohr unhörbar war. Seine eisblauen Augen starrten durch die schmalen Sehschlitze hinaus auf den von Mondlicht erhellten Weg.
      Er wartete. Und er wusste, dass das Warten ein Ende hatte.

      Nur wenig später tauchte ihre Silhouette am Eingang des Rondells auf. Sie trat aus dem Schatten der Hecken heraus auf den hellem Stein – eine zarte, fast feenhafte Erscheinung in ihren einfachen, dunklen Kleidern, das silbrige Haar lose über die Schultern fallend, die Füße bloß auf dem feuchten Untergrund. Sie stand da, aufmerksam, suchend, die Brust leise steigend und fallend vor innerer Unruhe. Sie war an den Ort zurückgekehrt, an dem er das Gefüge ihrer Welt ins Wanken gebracht hatte.
      Leonardo verharrte noch für drei lange Herzschläge in der absoluten Stille des Schattens. Er beobachtete die entschlossene, suchende Haltung der Prinzessin, die trotz aller Angst und aller Zweifel den Weg in die Dunkelheit gewagt hatte. Sie hatte alle Prüfungen der letzten Tage überstanden – die Härte ihres Vaters, die Drohung neuer Pflichten, das erstickende Korsett des Hofes – und stand nun hier, um das einzufordern, was man ihr verweigert hatte: die Wahrheit.
      Langsam, ohne ein einziges Geräusch zu verursachen, löste sich Leonardo aus dem tiefsten Winkel des gotischen Bogens.
      Es war, als würde der Schatten selbst zum Leben erwachen. Ein leises, kaum wahrnehmbares Rauschen von schwerem Samt war zu hören, als er einen halben Schritt ins kalte Licht des Mondes trat. Das silbrige Licht glitt über die glatte, mattschwarze Holzoberfläche der Volto di Notte und ließ die eisblauen Augen hinter den schmalen Holzschlitzen wie zwei kühle Sterne in der Finsternis aufleuchten.
      Er stand genau dort, wo sie ihn in jener Nacht zurückgelassen hatte. Aufrecht, gewaltig und unerschütterlich.

      Eine rauchige, tiefe Stimme, ruhig wie die Stille der Nacht und getragen von jener dunklen, samtigen Wucht, die sie in ihren Träumen verfolgt hatte, durchschnitt die Einsamkeit des Gartens:

      „Ihr habt lange gebraucht, Prinzessin... aber Ihr seid gekommen.“
    • Diesmal war sie vorbereitet, als sie die dunkle Stimme des Narren hörte. Im Vergleich zu den letzten Tagen wirkte der Klang noch immer unwirklich, genauso wie sein plötzliches, lautloses Auftreten. Und diesmal trug er nicht einmal die übliche Hofnarrenkleidung. Keine Spur von den farbenfrohen Stoffen, keine Spur der irren Maske, die er sonst im Alltag trug. Stattdessen stand er dort in einer eng anliegenden Lederhose, einem dunklen Wams und einem tiefdunklen Samtmantel, sowieso der schwarzen Maske, die sie beim letzten Mal zum ersten Mal gesehen hatte. Er stand genau dort, wo sie ihn in jener Nacht zurückgelassen hatte.
      Ihr Herz schlug schneller, nicht aus Angst, sondern aus einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und Nervosität. Sie hatte gehofft, ihn hier zu finden und sie hatte gefürchtet, ihn nicht zu finden. Und nun stand er vor ihr, so real und doch so unwirklich wie ein Schatten, der beschlossen hatte, Gestalt anzunehmen. Sie atmete leise ein, spürte die Kälte der Nacht auf ihrer Haut und die Wärme ihres eigenen Mutes in der Brust. "Ich... wollte sicher sein," erklang ihre zarte Stimme.
      Sie spürte wie ihre Nervosität immer größer wurde. Es lag daran, dass sie hier draußen stand, barfuß, in fremden Kleidern und zum zweiten Mal mit einem Mann sprach, der kein Adliger war und der offen ausgesprochen hatte, was er von ihnen hielt. In diesem Augenblick fühlte sie sich plötzlich klein, als hätte sie zum ersten Mal begriffen, wie weit die Welt außerhalb ihrer goldenen Mauern reichte und wie wenig Schutz ihr Titel dort bot. Alles an ihm ließ sie spüren, wie sehr sie aus ihrer gewohnten Welt herausgetreten war. Und trotzdem stand sie hier.

      Und jetzt wollte sie wissen, was er von ihr wollte. Weshalb er ihr einen Teil seines wahren Ichs gezeigt hatte, ohne die geringste Angst davor, dass sie ihn verraten könnte. Weshalb er ihr offenbart hatte, was er wirklich von den Hochgeborenen hielt. Weshalb er ihr gestanden hatte, dass er sie belauschte. All das ergab keinen Sinn. Niemand tat solche Dinge, einfach so. Sie spürte, wie sich ihre Finger unbewusst in den Stoff ihres Rockes vergruben, als müsste sie sich irgendwo festhalten, um nicht von der Wucht ihrer eigenen Fragen fortgerissen zu werden. Oder von den Antworten, die sie hoffte zu erhalten.
      "Warum beobachtet Ihr mich Warum zeigt Ihr mir... das?" Sie deutete auf seine Kleidung, auf die Maske, auf die Gestalt, die so gar nichts mit dem Hofnarren gemein hatte, den sie tagsüber sah. "Warum vertraut Ihr mir genug, um mir zu zeigen, wer Ihr wirklich seid?". Sie wollte unbedingt wissen, was er von ihr wollte. Der Gedanke brannte in ihr und sie spürte, wie er sich in ihrer Brust ausbreitete, bis er keinen Platz mehr ließ für Zweifel oder Zurückhaltung. Die vergangenen Nächte, in denen sie über ihn nachgedacht hatte. Irelia brauchte Antworten. Und das jetzt.
    • Ein leises, dunkles Geräusch durchbrach die kühle Stille der Nacht. Es war kein grelles Kichern, kein überschlagendes Gackern, wie es der Narr tagsüber in den prunkvollen Sälen ausstieß, um den abgestumpften Adel zu belustigen. Es war ein echtes, tiefes Lachen. Ein ehrlicher, beinahe warmer Klang, der aus der Tiefe seiner muskulösen Brust aufstieg und sich sanft in den Wind mischte, als hätte ihre Frage eine unerwartete, zutiefst menschliche Seite in ihm berührt, die schon lange niemand mehr angesprochen hatte.
      Leonardo ließ die Arme sinken, die er bis eben noch verschränkt gehalten hatte. Das fahle Mondlicht glitt über den dunklen, schweren Samt seines Mantels und ließ die mattschwarze Holzmaske für einen Bruchteil einer Sekunde weniger unnahbar wirken. Er hob langsam die rechte Hand, deren Finger in weiches, schwarzes Leder gehüllt waren, und wies in einer fließenden, ruhigen Bewegung auf die steinerne, von dichtem Efeu umrankte Bank, die sich nur wenige Schritte entfernt im kühlen Schatten eines gewaltigen Rosenbusches verbarg.
      „Setzt Euch“, sagte er. Die raue, dunkle Samtigkeit seiner Stimme war eine Einladung, kein Befehl. Es fehlte jede Spur der höfischen Arroganz, die sie sonst von den Männern des Schlosses gewohnt war.
      Noch während er sprach, tat Leonardo etwas, das in der ungeschriebenen Sprache der Macht viel mehr wog als jedes gesprochene Wort: Er trat zurück. Ein langsamer, bewusster Schritt rückwärts, fort von ihr, tiefer in den weichen Schatten des gotischen Steinbogens. Er schuf einen höflichen, respektvollen Abstand zwischen ihnen. Er wusste genau, wie bedrohlich seine gewaltige Statur von fast zwei Metern auf jemanden wirken musste, besonders hier, in der Isolation des nächtlichen Gartens. Er wollte nicht, dass sie sich bedrängt oder in die Enge getrieben fühlte. Er überließ ihr den Raum, den sie brauchte, um zu atmen, um zu denken, um das Chaos in ihrem Inneren zu ordnen.
      Als er sicher war, dass der Abstand groß genug war, stützte er eine Schulter leicht gegen den kühlen, rauen Stein der Marmorsäule neben ihm. Die eisblauen Augen hinter den schmalen Sehschlitzen seiner Maske ruhten unverwandt, aber ruhig auf ihr.
      „Warum ich Euch das zeige? Warum ich Euch vertraue?“, wiederholte er ihre Fragen leise, fast nachdenklich, als würde er das Gewicht der Worte auf seiner Zunge wiegen. Der flache Wind strich durch die Blätter der alten Bäume und trug den schweren, süßen Duft des nachtblühenden Jasmins zwischen sie. „In der Welt, in der Ihr aufgewachsen seid, Prinzessin, hat jede Tat einen Preis. Jeder Blick ist eine kalkulierte Währung, jedes Wort eine Investition, die Zinsen tragen soll. Euer Vater, die Lords, die Minister – sie alle atmen nur, um im nächsten Moment einen Vorteil daraus zu schlagen. Ihr fragt Euch nun, welche Fäden ich in der Hand halte. Ihr fragt Euch, welchen Preis der Narr im Schatten für diese nächtliche Offenbarung verlangen wird.“
      Er schüttelte langsam den Kopf, eine fließende, fast unmerkliche Bewegung in der Dunkelheit, die den Samt seines Mantels leise rauschen ließ.
      „Ich will nichts von Euch“, sagte er, und in seiner Stimme lag eine absolute, eiserne Gewissheit, die keinen Raum für den kleinsten Zweifel ließ. „Gar nichts. Versteht das. Ich begehre weder das Gold, das in den königlichen Schatzkammern unter dem Thronsaal verstaubt, noch suche ich nach weiten Ländereien, nach Titeln oder nach Einfluss in einem sterbenden Rat. Ihr müsst mich nicht bezahlen. Niemals. Ihr werdet mir keine Gefälligkeiten schulden. Wenn wir in dieser Nacht, an diesem Ort, miteinander sprechen, dann gibt es keine verborgenen Verträge zwischen uns. Es gibt kein Netz aus falschen Versprechungen, in das ich Euch einspinnen will.“
      Er löste sich minimal von der Säule, die Hände nun locker und entspannt an den Seiten seines Wamses ruhend. Das Leder seiner eng anliegenden Kleidung knarzte kaum hörbar in der vollkommenen Stille des Gartens.
      „Ihr seid an einen Hof gewöhnt, an dem Loyalität wie billiger Wein gekauft und Vertrauen beim ersten Sonnenstrahl verraten wird. Ein Ort, an dem ein brutaler Schlächter wie Lord Morcant demnächst wie ein hochgeschätzter Freund empfangen wird, obwohl seine Hände von dem Blut der Menschen triefen, die er eigentlich beschützen sollte. Ihr wurdet dazu erzogen, in jedem Lächeln einen verborgenen Dolch zu vermuten, in jedem gereichten Kelch einen Tropfen Gift. Und das ist gut so. Diese eiskalte Vorsicht hält Euch am Leben. Aber bei mir... bei mir dürft Ihr diesen unsichtbaren Panzer ablegen. Meine Offenbarung ist kein Geschäft. Sie ist ein Geschenk.“
      Er machte eine winzige Pause, ließ die Worte in der kühlen Luft hängen, bevor er weitersprach. Seine blauen Augen verengten sich minimal hinter der Maske, als er über ihre Frage nachdachte, warum er gerade sie überhaupt beobachtete.
      „Warum ich Euch beobachte? Ich beobachte jeden, Prinzessin. Jeden Einzelnen von ihnen. Ich kenne den rasenden Herzschlag dieses Schlosses besser als seine eigenen Erbauer. Ich weiß genau, in welchen feuchten Kellern sich die Ratten verstecken, auf welchen samtenen Kissen die Heuchelei schläft und in welchen Gemächern das tatsächliche Gift gemischt wird, bevor es in die Gläser der Ahnungslosen gegossen wird. Aber bei Euch...“ Er ließ den Satz für einen langen Atemzug unvollendet, während sein Blick den ihren hielt. „Bei Euch ist es etwas völlig anderes.“
      Sein Blick glitt in stiller Wertschätzung über den groben Stoff ihres einfachen, unscheinbaren Kleides, über den Kontrast zu der üblichen Seide, die sie tagsüber einschnürte. Er sah das silbrige Haar, das vom Wind ungehindert bewegt wurde.
      „Ich sehe jeden Tag, wie sie versuchen, Euch in ihre Form zu pressen. Wie sie versuchen, Euch in ein grausames Korsett aus Pflichten, toter Etikette und kalter Diplomatie zu zwängen, bis Ihr nicht mehr seid als eine hübsche, hohle Statue, die auf Befehl nickt und schweigt. Ich stand heute im Speisesaal, als Euer Vater Euch den Wert einer Prinzessin diktierte. Ich sah, wie Ihr den ermüdenden Unterricht ertragt, wie Ihr die Kälte schluckt, ohne ein Wort der Klage zu äußern. Und doch... brecht Ihr nicht. Das ist es, was mich fasziniert. Jedes Mal, wenn ein Lord Varyn oder ein anderer dieser parfümierten Schmarotzer Euch mit falschen Komplimenten überschüttet, sehe ich diesen stummen, glühenden Funken des Widerstands in Euren Augen. Ihr spielt ihr widerwärtiges Spiel mit makelloser, vollkommener Perfektion, weil Ihr müsst – aber Ihr glaubt nicht an eine einzige ihrer Regeln.“
      Er klang fast ehrfürchtig, eine seltene, tiefe Emotion, die seine dunkle Stimme um ein Vielfaches wärmer und greifbarer machte.
      „Ihr seid nicht wie sie. Das ist der Grund, warum ich hier stehe. In einem endlosen Meer aus Falschheit, gepuderter Heuchelei und bodenloser, blind machender Gier seid Ihr das Einzige in diesen gottverlassenen Mauern, das noch einen Hauch von Wahrhaftigkeit besitzt. Ihr weigert Euch innerlich, so zu verrotten wie die Seelen derer, die Euch umgeben. Ihr zieht Euch schäbige Kleider an und geht barfuß durch die Dunkelheit, nur um für einen flüchtigen Moment das Gefühl zu haben, atmen zu können. Ich mag Eure Art. Ich respektiere Euren stillen, tapferen Krieg gegen die unsichtbaren Ketten Eurer Geburt. Und genau deshalb habe ich beschlossen, aus den Schatten zu treten.“
      Leonardo trat nicht näher heran, um die Grenze des Respekts nicht zu verletzen, aber er lehnte sich leicht nach vorne, als wolle er der nächsten, ungleich dunkleren Wahrheit mehr Gewicht verleihen. Die Schatten des gotischen Bogens schienen ihn dabei noch enger zu umschließen, als würden sie seine Worte beschützen.
      „Dieses Königreich, Prinzessin, tanzt auf dem schmalen Rand eines tiefen Abgrunds“, fuhr er fort, und nun mischte sich eine dunkle, fast gefährliche Ernsthaftigkeit in seinen Tonfall, die keinen Widerspruch duldete. „Die weißen Mauern von Velmont sehen im Sonnenlicht unbezwingbar aus, aber das Fundament tief in der Erde ist längst von Verrat zerfressen. Ihr spürt es selbst. Ich weiß, dass Ihr es spürt. Euer Verstand ist zu scharf, um die feinen Risse im Marmor zu übersehen. Ihr spürt, dass etwas in diesem Schloss fundamental nicht stimmt. Und das schon sehr lange.“
      Sein Blick senkte sich für den Bruchteil einer Sekunde, als er ein Thema streifte, von dem er wusste, dass es tief in ihrem Herzen verborgen lag, geschützt von Schmerz und jahrelangem Schweigen.
      „Man hat Euch unzählige Dinge erzählt, seit Ihr ein kleines Mädchen wart. Man hat Euch eine Welt aus geordneten, sauberen Wahrheiten präsentiert, damit Ihr niemals anfangt, die falschen Fragen zu stellen. Man hat Euch eingeredet, dass die Götter manchmal grausam sind. Dass Krankheiten wie ein Dieb in der Nacht kommen, dass Unfälle schlicht bedauerliche Schicksalsschläge sind, die jeden treffen können.“ Seine Stimme wurde leiser, sank zu einem rauen, eindringlichen Flüstern herab, das der kühle Wind gerade noch zu ihr trug. „Glaubt nicht an solche tröstenden Märchen. In den Fluren der absoluten Macht gibt es keine natürlichen Tragödien.“
      Er wog jedes seiner folgenden Worte mit unendlicher, chirurgischer Vorsicht ab. Er durfte das blutige Geheimnis nicht aussprechen. Noch nicht. Der Schock wäre zu gewaltig, das Wissen zu diesem Zeitpunkt eine tödliche Bürde für sie. Aber er musste den Samen des Zweifels in ihr pflanzen, tief in der Erde ihres Verstandes. Er musste sie wecken, bevor der Sturm endgültig über ihr losbrach.
      „Denkt an Eure Mutter. Denkt genau an das, was man Euch über ihren frühen Tod in die Ohren geflüstert hat.“ Er hielt inne, ließ den Namen der toten Königin wie ein fallendes, unsichtbares Blatt in der Nachtluft schweben. „Man sagte der Welt, es sei eine unerwartete Schwäche des Herzens gewesen. Ein plötzliches Fieber. Eine Laune der Natur, gegen die selbst die besten Heiler machtlos waren. Ich sage Euch etwas anderes... Zufälle sind ein Luxus, den sich am Hof von Velmont niemand, absolut niemand, leisten kann. Manchmal greift das Schicksal nicht blind ein. Manchmal hat das Schicksal einen Namen, ein Gesicht und ein sehr klares Motiv. Wenn die stärksten, strahlendsten Säulen eines Reiches fallen, dann geschieht das nicht, weil der Wind ein wenig zu stark weht. Es geschieht, weil jemand im Verborgenen jahrelang heimlich an ihren Fundamenten gegraben hat.“
      Er ließ die gewaltige Schwere dieser Worte in die Stille sinken. Er fügte keine weiteren Details hinzu, er nannte keine Namen von Verrätern, er verwies auf keine geheimen Papiere oder giftigen Phiolen. Die Andeutung allein war mächtig genug, um die Grundfesten ihrer bisherigen Überzeugungen erzittern zu lassen. Er wollte, dass sie begann, die Schatten der Vergangenheit mit denselben wachen, scharfen Augen zu betrachten, mit denen sie die Lügen der Gegenwart sezierte.
      „Ich will Euch helfen zu verstehen“, sagte Leonardo schließlich, und die eiserne Strenge in seiner Stimme wich wieder dieser unerwarteten, rauen Sanftmut, die so gar nicht zu seiner furchteinflößenden Gestalt passen wollte. „Ihr seid von Feinden umgeben, die sanft lächeln, wenn sie Euch ansehen, und die Euch wertvolle Geschenke bringen, während sie hinter ihrem Rücken die Klingen schärfen. Von Männern wie Lord Morcant, die in Euch keinen Menschen sehen, sondern nichts weiter als einen goldenen Schlüssel zu mehr Ländereien, zu mehr Soldaten, zu mehr Macht. Euer Vater baut verzweifelt eine Festung aus politischen Allianzen, und Ihr seid in seinen Augen lediglich der Mörtel, der diese bröckelnden Steine zusammenhalten soll. Wenn Ihr blind bleibt für das, was in den Schatten geschieht, wenn Ihr nicht lernt, die wahren Gesichter hinter den Masken zu lesen, werden sie Euch zermahlen. Sie werden Euch nehmen, Euch verheiraten, Euren Willen brechen und Euch in eine endgültige Rolle zwingen, aus der es in diesem Leben kein Entkommen mehr gibt.“
      Er hob leicht die in dunkles Leder gehüllte Hand, als wolle er sachte nach den unsichtbaren Fäden greifen, die sich unaufhaltsam um ihr Leben zu spannen drohten.
      „Ich bin derjenige, der im Schatten steht und all diese Fäden sieht. Ich zeige Euch mein wahres Gesicht, mein wahres Ich, weil Ihr wissen sollt, dass es zumindest einen einzigen Menschen in diesem verfluchten Schloss gibt, der Euch nicht belügt. Jemanden, der keine Gegenleistung für die Wahrheit verlangt. Ich werde Euch die Augen öffnen für das, was wirklich an diesem Hof geschieht. Ich werde Euch zeigen, wie dieses mörderische Spiel gespielt wird, damit Ihr aufhört, nur eine unschuldige Spielfigur auf ihrem Brett zu sein.“
      Das fahle Licht des Mondes brach sich in den weißen Blüten der Kletterrosen und tauchte den Garten in ein fast übernatürliches, silbernes Leuchten. Leonardo stand völlig reglos da, eine imposante, in tiefe Dunkelheit gehüllte Gestalt, die so unbezwingbar wirkte wie die Festungsmauern selbst.
      „Das sind meine Beweggründe“, schloss er leise, die eisblauen Augen unerschütterlich, beschützend und voller Ernsthaftigkeit auf sie gerichtet. „Keine Schulden. Keine Bedingungen. Nur ein Narr, der die Wahrheit dieser Welt kennt, und eine Prinzessin, die mutig genug ist, sie sich anzuhören.“
      Er schwieg. Die Nacht um sie herum schien plötzlich noch vollkommener und stiller geworden zu sein, als würde selbst der Wind den Atem anhalten, um das Gewicht seiner Enthüllungen nicht davonzutragen. Leonardo blieb in seiner respektvollen Entfernung im Schatten des Bogens stehen und ließ ihr alle Zeit der Welt, um das Gehörte in der Tiefe ihres Herzens widerhallen zu lassen.
    • Irelia wusste erst nicht so recht, ob sie seiner Aufforderung Folge leisten sollte. Sie blieb stehen und musterte ihn erneut, diesmal mit dem scharfen Blick einer Prinzessin, die gelernt hatte, Gefahren zu erkennen, bevor sie ihr zu nahe kamen. Sie suchte nach einem Messer. Nach einer Bewegung, die falsch war oder einfach nach einem Anzeichen dafür, dass er sie überfallen könnte. Doch wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann hätte er wohl schon längst die Gelegenheit dazu gehabt. Und das mehr als einmal. Er beobachtete sie und das offenbar nicht nur zufällig, wenn sie sich im gleichen Raum befanden. Und abgesehen davon, ist er ihr mehr als körperlich überlegen. Dieser Gedanke ließ einen feinen Schauer über ihren Rücken laufen.
      Nach einem langen Moment des Überlegens kam sie seiner Aufforderung dann doch nach und nahm zögerlich auf der Bank Platz. Und obwohl ihr Kleid schäbig war, konnte sie die Art, wie sie sich bewegte, nicht ablegen. Ihr Rücken war kerzengerade, die Schultern elegant gesenkt, die Hände lagen leicht ineinandergelegt auf ihrem Schoß. Selbst in diesen fremden Kleidern wirkte sie wie jemand, der gelernt hatte, dass Haltung ein Schild sein konnte und manchmal die einzige Waffe die ihr blieb. Sie saß dort wie eine Prinzessin, die versuchte, nicht wie eine Prinzessin zu wirken. Und doch war jede ihrer Bewegungen von einer stillen, natürlichen Grazie durchzogen. Dann begann sie ihm zu lauschen. Seine Stimme war tief und rauchig, und jedes Wort schien schwerer zu sein als das vorherige. Sie hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, und ihre Mimik verriet mehr, als sie wollte: ein feines Zusammenziehen der Brauen, ein kaum merkliches Heben des Kinns, ein erschrockenes Weiten der Augen oder ein kurzes, ungläubiges Blinzeln. Immer wieder trafen seine Worte sie wie kleine Stiche, und sie wusste nicht, ob es die Wahrheit war, die sie erschreckte oder die Art, wie er sie aussprach. Bis zu einem gewissen Moment konnte sie sich beherrschen und saß einfach still da. Doch als der Hofnarr plötzlich ihre Mutter erwähnte, spürte sie, wie etwas in ihr zerbrach. Das Gefühl der Leere kam sofort zurück. Diese tiefe, kalte Leere, die sie seit Jahren begleitete. Der Verlust, der nie kleiner geworden war und der Schmerz, der nie aufgehört hatte zu brennen. Sie vermisste ihre Mutter schrecklich. So sehr, dass es ihr die Luft zum Atmen nahm, wenn sie daran dachte, dass sie nie wieder ihre Stimme hören würde die ihren Namen sprach, nicht mit der Härte ihres Vaters, sondern voller Liebe und Wärme. Die Finger in ihrem Schoß krampften sich leicht zusammen und ihr Atem stockte. Ihre Augen senkten sich, als müsste sie sich vor dem Schmerz verbergen, der so plötzlich und so erbarmungslos in ihr aufstieg. Und in diesem Moment war sie nicht mehr die Prinzessin, die elegant auf einer Bank saß. Sie war einfach nur Irelia. Eine Tochter, die ihre Mutter vermisste.
      Sie reagierte nicht auf das, was er danach noch sagte. Ihre Gedanken waren wie festgefroren. Erst nach einem langen Moment löste sich ihre Stimme aus der Stille. "Wie bitte?" ihre Stimme klang wie ein brüchiges, ungläubiges Flüstern. Sie blinzelte, als müsste sie sich selbst fragen, ob sie sich verhört hatte. "Ich muss mich wohl verhört haben.". Ihre Stirn legte sich in feine Falten, während sie versuchte, sich zu erinnern, was genau er gesagt hatte. Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger konnte sie sich einreden, dass es nur ein Missverständnis gewesen war. Seine Worte hatten nicht wie ein Irrtum geklungen. Sie hatten geklungen, als wüsste sie nicht alles über ihre Mutter. Als hätte man ihr nicht die ganze Wahrheit erzählt, als gäbe es etwas, das man ihr verschwiegen hatte. "Was meintet Ihr bezüglich meiner Mutter?" Sie hatte so viele Fragen gehabt - über ihn, über seine Beobachtungen, über seine Absichten. Doch all das war mit einem mal bedeutungslos geworden, plötzlich war das die einzige Frage, die blieb.