A journey to Marlboro Country [Taithleach x Shio]

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    • A journey to Marlboro Country [Taithleach x Shio]

      Julien

      Die Reise war hart, lang und anstrengend und ich war verdammt froh das ich zwischendurch meine Powerbank aufladen konnte. Somit war mein Handy stehts geladen und ich hörte meine Musik rauf und runter. Die Busfahrt vom Yellowstone Airport steckte ebenfalls noch in meinen Knochen und ich denke den anderen Schülern ging es eben so.
      Ich freute mich auf eine Dusche und auf frische Kleidung und eine Mütze Schlaf. Auch wenn wir den Jetleg erst einmal überwinden sollten. Das heißt wohl oder übel die Nacht durch machen. Die weite Landschaft von Montana war beeindruckend und ich konnte es kaum erwarten alles zu erkunden und mir eine geeignete Route zum Joggen herauszusuchen. Auch wenn das hier wie "Urlaub" sein soll, so möchte ich meine Routine beibehalten. Auf dem Grundstück wo wir einfuhren war ein langer Weg bis zu einem alten Herrenhaus mit Stallungen. Es hatte etwas unheimliches an sich, vielleicht täuschte ich mich auch nur.
      Der Bus hielt davor an und die Lehrerin bat uns auszusteigen. Der Busfahrer holte in der Zeit unser Gepäck heraus. Die große schwere Holztür öffnete sich und nach und nach kam die Familie heraus, wo wir 3 Wochen wohnen sollten. Sie hatten etwas an sich, doch was genau konnte ich nicht sagen. Sie passten zu dem Haus im Hintergrund.
      Sie begrüßten uns, aber wechselten nicht viele Worte mit uns. Der Mann der Familie bat uns ihm zu folgen. Mit dem Gepäck ausgestattet folgten wir ihm über den Schotterweg zu dem eigentlichen Camp. Rundherum um das Gelände war ein Zaun gebaut wurden, um Eindringlinge abzuhalten, so erklärte er. Er holte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und öffnete das Tor. Den Schlüssel übergab er unser Lehrerin. Auf dem Gelände standen einige kleine Holzhütten, in der Mitte war ein großer Grillplatz mit Tischen und Bänken. Der Mann zeigte uns die einzelnen Schlafhütten und die Waschräume, die sich separat in einer Hütte befanden. Weiter hinten befand sich noch ein Badesee, welcher im Sommer gerne genutzt werden darf. Der Mann gab unserer Lehrerin noch die Schlüssel für die Hütten und lies uns fürs erste alleine.
      Wir wurden in Gruppen eingeteilt, denn die Hütten umfassten nur jeweils zwei Doppelstockbetten. Ich hatte das Glück und war mir meinen besten Freunden in einer Hütte. Die Mädchen teilten sich mit der Lehrerin zwei Hütten und die restlichen Jungs aus unserer Klasse wurden ebenfalls aufgeteilt. Die Lehrerin gab immer jemanden aus der Gruppe die Verantwortung für die Schlüssel, der jeweiligen Hütte.
      Sie überreichte mir den Schlüssel für die Hütte mit der Zahl 7. Sofort betraten die Jungs und ich die Hütte. Sie war klein aber gemütlich. Platz für unser Gepäck hatten wir genügend in den beiden Schränken. Ein kleiner Tisch mit Stuhl und einen Spiegel gab es ebenfalls. "Ich schlafe unten!" Da ich sowieso früher aufstehen werde wie die anderen drei, war es besser das untere Bett zu wählen, schließlich wollte ich niemanden aufwecken. Meinen Koffer packte ich aus und räumte die Sachen in eine Hälfte vom Kleiderschrank. Das Bett bezog ich mit meiner Bettwäsche und legte mich kurz zur Probe hin. Bequem war etwas anderes, aber das hier war ja auch kein 5 Sterne Hotel.
      Ich blickte meine Freunde an. "Wollen wir uns ein bisschen umschauen? Ich denke heute wird nicht mehr viel passieren." Die drei nickten mir zu und nachdem alle aus der Hütte waren schloss ich sie wieder zu. Wir wollten ja schließlich nicht das jemand in die Hütte eindringt. Die anderen Mitschüler haben sich auch schon auf dem Gelände verteilt und sahen sich um. Wir erkundeten ebenfalls das Gelände und kamen am Ende wieder an dem See an. "Der hier erinnert mich stark an den See aus Freitag der 13", sprach Max zu uns. Ich stupste ihn in die Seite. "Sehr witzig. Wir sind hier nicht in einem Horrorfilm." Der See war klar und man konnte sehr tief nach unten schauen. Max lachte nur laut auf und ich setzte mich ans Ufer und lies den Blick schweifen. Die anderen drei wollten noch weiter die Umgebung betrachten. Ich brauchte kurz einen Moment für mich um das alles hier sacken zu lassen.
    • Léo

      Seltsam war es schon, dass sie nun wirklich hier waren. Insbesondere das er selbst, Léo, mitgekommen war. Nie hätte ich gedacht das ich tatsächlich irgendwann, in naher Zukunft, hier in Montana sein würde. Mit meiner Schulkasse. Leider mit meiner Schulklasse. Trotz meiner Schulklasse. Das konnte man wohl sehen wie man wollte. Die lange Reise - mit verschiedenen Bussen und einem Flugzeug - war anstrengender als gedacht und ich fühlte mich wie ausgekotzt. Das Adrenalin hielt mich wach, meine - mittlerweile - muffigen Klamotten ließen mich allerdings fühlen als hätte ich in den letzten 24 Stunden nicht geschlafen. Schon seltsam wie sich die Körperhygiene auf mein Wohlbefinden auswirken konnte. Wohl auch dadurch begründet gingen mir meine lauten Mitschüler tierisch auf die Nerven und zerrten zusätzlich an meiner missmutigen Laune.
      Ich setzte drei Kreuze als unser Bus uns etwas abseits eines rießigen Gebäudekomplexes - bestehend aus einem Herrenhaus und vielen, kleineren Hütten - absetzte und unsere Lehrkraft verkündete, dass wir nun da seien. Wir wurden von einer Familie begrüßt, die sehr verschwiegen war. Eine ältere Frau, vielleicht um die 50, ein Mann, ebenfalls in diesem Alter und eine Tochter die ungefährt 16 oder 17 Jahre alt war. Die Tochter hatte eine sehr blasse Haut und das helle, mintgrüne Kleid ließ Ihre Haut wie Porzellan aussehen. Sie stand einfach nur da und beobachtete uns. Mein Blick blieb aus unerfindlichen Gründen an ihr hängen. Ich riss mich von ihr los und folgte gemeinsam mit meiner Klasse dem älteren Herren. Er erzählte uns knapp etwas über unsere Unterkunft und ließ uns dann auch recht schnell alleine. Unsere Lehrkraft gab jedem "Team" einen Schlüssel für eine der Hütten. Es waren immer zwischen drei und vier Schüler in einer Unterkunft. Jungs und Mädchen getrennt natürlich. Mit mir zusammen waren noch drei andere Schüler, die ich nicht besonders gut kannte. Ihre Namen, die wusste ich - Maurice, Vincent und Jules - wobei ich letzteren Namen irgendwie immer für einen Mädchennamen gehalten hatte. Ich sah etwas unschlüssig durch die Gegend bis die drei Jungs mich dann doch anschauten. "Na dann wollen wir mal, hm?", sagte Vincent an mich und die anderen beiden gerichtet. Die drei waren Freunde, nur ich gehörte nicht wirklich dazu. Ich nickte nur. "Klar."

      Im Zimmer angekommen war ich der erste im Badezimmer, die anderen räumten zuerst ihre Klamotten in den Schrank und überließen mir gerne den Vortritt. Das kühle Wasser prasselte auf mich hinab, es brauchte wirklich lange um warm zu werden. Wäre ich nicht so verschwitzt durch die Reise gewesen, würde ich bereits frieren. Endlich, nach etlichen Stunden, konnte ich mich frisch machen.

      15 Minuten später hatte ich eine grüne Cargohose und ein weißes T-Shirt an, darüber zog ich eine dünne, schwarze Jacke die etwas lockerer fiel. Meine Haare waren noch leicht nass vom duschen, ich hatte sie jedoch bereits in eine angenehme Form gebracht. Sie wirkten trotzdem noch leicht zerzaust aber ich mochte das. Meine Zimmerkollegen hatten scheinbar in meiner Abwesenheit beschlossen bereits das Gelände zu erkunden.
      Ich stattdessen ließ mich auf das letzte freie Bett fallen - eines der Oberen - und ließ den antik aussehenden Schlüssel mit der Nummer 6 vor meinen Augen baumeln. Unsere Lehrerin hatte gewusst das ich zuverlässig war.
      "Hach... jetzt bin ich hier und will so viel machen aber mein lieber Kopf lässt mich nicht in Ruhe...."
      Ich seufze und schließe für einen Augenblick die Augen. Ich mochte es, Dinge zu erleben. Aber irgendwie mochte ich es auch zu tagträumen. Oder mögliche Szenarios durchzuspielen. Es war schon spät. Nach 9 Uhr Abends, um 11 Uhr war laut unserer Lehrerin Nachtruhe - außer es gab ein gemeinsames Event, dann wurde diese nach hinten geschoben. Heute sollten wir allerdings erst einmal ankommen und uns alles anschauen.
      "Tja, da kann man nix machen, hm? Dann will ich mal."
      Mit neuer Energie richtete ich mich auf und machte mich daran, nach draußen zu gehen.

      Draußen wehte mir eine frische Brieße entgegen, ich hörte die Grillen zirpen. Für einen Moment blieb ich einfach vor der schweren Holztür stehen und nahm die Szenerie in mich auf. Es war wie eine andere Welt, zu Frankreich kein Vergleich. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Meine Hände hatte ich in den Taschen meines Zippers vergraben und mein Körper entspannte sich allmählich. Mit leichten Schritten lief ich einfach geradeaus - bis ich an einen See kam, der Sternenhimmel spiegelte sich in ihm. Ich erkannte einen meiner Mitschüler am Ufer des Sees sitzen. Julien? Er war ein Sportler, soweit ich wusste. Insgesamt das ziemliche Gegenteil von mir, auch von seiner Ausstrahlung. Da mir gerade nach Gesellschaft war - nur nicht nach Gesellschaft mir mehreren Personen - war Julien gerade willkommen. Langsam näherte ich mich ihn bis ich schließlich neben ihm stehenblieb. "Na?", fing ich an, ohne ihn dabei anzusehen - mein Blick war nach wie vor auf den See gerichtet. "Lust auf ein bisschen Gesellschaft?"
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.


    • Julien

      Ich hatte den flachen Stein gerade noch einmal über die Wasseroberfläche springen lassen, als ich Schritte neben mir vernahm. Das leise Knirschen der kleinen Kieselsteine verriet mir das ich nicht ganz alleine war. Ich lies den Blick kurz über den See gleiten. Beobachtete wie sich die letzten kleinen Wellen wieder glätteten, bevor ich den Kopf leicht zur Seite neigte. Er stand neben mir und hatten den Blick auf den See gerichtet, seine Hände tief in den Taschen seines Zippers vergraben. Für einen Moment sagte ich nichts und musterte ihn nur aus dem Augenwinkel. Léo war sein Name, das wusste ich. Ich hatte nicht viel mit ihm zu tun, er war eher der Einzelgänger, so nahm ich an.
      Seine Frage überraschte mich ein wenig und ein schmales Grinsen zog sich über mein Gesicht. Ich stützte die Unterarme auf meine Knie und lies einen weiteren flachen Stein durch meine Finger gleiten. "Kommt wohl darauf an", sprach ich ruhig. "Bist du denn eine gute Gesellschaft?" Mein Ton war locker und nicht provozierend, eher neugierig. Ich schnippte den Stein schließlich in das Wasser. Er verschwand mit einem leisen Plopp im Wasser zwischen den gespiegelten Sternen. Ich setzte mich ein wenig lockerer hin und tippte neben mich auf den Kies. "Setz dich ruhig." Ich sah nun richtig zu ihm auf. "Der Platz gehört mir schließlich nicht alleine."
      Mein Blick wanderte wieder auf den dunklen See. Die Luft fühlte sich angenehm an und irgendwo in der Ferne raschelte etwas im Gebüsch.
      "Was eine lange Reise oder?" Ich versuchte ein wenig Smalltalk zu betreiben, aber nicht zu viel. Schließlich wollte ich ihn nicht verschrecken. Er suchte anscheinend genau so Ruhe wie ich auch. Dennoch war ich neugierig.
      Das Zirpen der Grillen war das Einzige was im Moment zu hören war. Für einen Moment dachte ich das Léo gar nicht antworten würde. Er wirkte nicht so wie jemand der gerne redet.
      Ich griff nach einem weiteren Stein und drehte in zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Ich fand es anstrengend und ich war froh das ich immer mal ein wenig die Augen zu machen konnte." Mit einer kleinen Bewegung schnippte ich den Stein über das Wasser. Er sprang dreimal über das Wasser, bevor er versank. Ich beobachtete die Stelle noch kurz und blickte dann wieder zu ihm rüber. "Und du? Versteh mich bitte nicht falsch, aber du siehst nicht unbedingt so aus als ob du überhaupt Schlaf abgekommen hast. Vielleicht irre ich mich auch nur." Es war eher eine Feststellung als eine Frage.
      Ich lehnte mich ein Stück nach hinten, stützte mich mit meinen Händen auf dem Kies ab. Mein Blick war nach oben in den Himmel gerichtet. Man konnte die Sterne hier deutlich besser sehen als in der Stadt.
      "Irgendwie schon verrückt hier..", sprach ich nachdenklich. "Ein neues Land, fremde Menschen und wir sitzen hier mitten drinnen an einem See." Ein kleine Grinsen kam auf meine Lippen.
      "Hätte uns schlimmer treffen können."
    • Léo

      Die Ruhe dieses Ortes ging mir unter die Haut, sie nahm mir den Atem. Es war eine laue Frühsommernacht, nicht unbedingt warm aber auch nicht kalt. Ich brauchte einige Momente, bis ich meine grünen Augen auf Julien richtete. Er lud mich ein, mich neben ihn zu sitzen, seine Handfläche strich über den Kies. Er hatte wirklich schöne Hände, fiel mir dabei auf. Ich könnte wetten sie waren größer als meine. Ein leichtes Lächeln erschien auf meinem Gesicht. "Ich bin cool, eine bessere Gesellschaft als mich gibt es kaum."
      Mit den Händen in den Taschen meines Zippers setzte ich mich langsam neben den blondhaarigen Klassenkamerad. Ich blickte ihn nicht mehr an, mein Blick war fest auf den See vor uns gerichtet. Julien schnipste Steine über die dunkle Oberfläche in welchen sich der Nachthimmel spiegelte. Ich mochte den Himmel wirklich. Ich drehte mich kurz um, blickte hinter mich und ließ meinen Oberkörper schließlich ebenfalls auf den Kies sinken, meine Arme hatte ich hinter meinem Kopf überkreuzt. Wie wunderschön es hier war. "Jemand hat mal zu mir gesagt, man soll nicht den Kopf hängen lassen, sonst kann man den schönen Himmel nicht sehen. Ich finde diese Aussage ist ziemlich richtig.", sagte ich ohne auf die Fragen, welche mir gestellt wurden, einzugehen. Mir war nicht nach Smalltalk zumute und wohl erst recht nicht danach, meinen Schlafmangel zu zelebrieren. So recht wusste ich nicht, was ich gerade wollte. "Der Himmel ist endlos und zu jeder Zeit einfach nur wunderschön. Und er gehört niemandem. Niemand kann den Himmel für sich beanspruchen oder ihm irgendwem anders wegnehmen. Aber - puh - bei so viel Philosophie brauch ich ein Pfeifchen.", endete ich meine Ausführung über die Ästhetik des Himmels mit einem Schmunzeln. Immernoch den Blick auf den Himmel gerichtet kramte meine Hand aus meiner Jackentasche eine Schachtel Marlboro und ein Feuerzeug heraus, ehe ich eine Zigarette aus der Schachtel entnahm und sie anzündete. Langsam richtete ich meinen Oberkörper wieder auf, mein Blick streifte dabei über Julien's Körper. Er war recht sportlich. Ich nahm einen tiefen Zug und beobachtete dann die Rauchwolke dabei, wie sie sich in der Nacht verteilte. Ich blickte zu Julien. "Auch einen Zug? Oder dürfen Sportler das nicht?", fragte ich ihn mit meinem trockenem Humor und kniff dabei leicht meine Augen zusammen. Danach wandte ich mich wieder ab und blickte auf den See und die Berge welche in weiter Ferne im Hintergrund hervorstachen. Ich war wirklich hier. So fühlte sich also Freiheit an.
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    • Julien

      Er antworte nicht auf meine Fragen, was auch vollkommen in Ordnung für mich war. Doch es überraschte mich als er plötzlich von dem Himmel sprach. Ich blickt zu ihm und er hatte sich auf den Rücken gelegt und schaute nach oben. Mein Blick ging ebenfalls wieder in den Himmel und ich lauschte seinen Worten. Die Sterne waren heute hier Draußen erstaunlich klar. Weit weg von Straßenlaternen und Häusern wirkte der Himmel größer. Ein leises Schnauben entwich mir. "Das klingt nach jemanden der zu lange wach war." Ich nahm noch einen Stein in die Hand und warf ihn über den See. Dieses Mal waren es nur zwei Sprünge. Neben mir raschelte der Stoff seiner Jackentasche. Als ich wieder zu ihm sah, hatte Léo bereits eine Zigarettenschachtel aus seiner Jacke gezogen. Das kurze Aufleuchten des Feuerzeugs tauchte sein Gesicht für einen Moment in warmes Licht. Dann zog er an der Zigarette und bließ den Rauch langsam nach oben in den Himmel. Der Wind trug ihn sofort mit sich. Mein Blick blieb einen Moment an ihm hängen. Ich betrachtete ihn. Als er mich fragte ob ich auch eine Zigarette möchte, hob ich eine Augenbraue und lehnte mich wieder ein Stück auf meine Hände zurück. Ich sah ihn von der Seite an und musste schmunzeln. "Wir dürfen alles. Aber manche verbieten sich zu viel." Ich streckt die Hand in seine Richtung aus. "Her damit."
      Ich nahm die Zigarette die er mir reichte zwischen meine Finger und nahm einen kurzen Zug. Sofort brannte es leicht in meinem Hals. Ich hatte das ewig nicht mehr gemacht. Ab und zu wenn ich ausgehe gibt es hier und da mal eine Zigarette. Ich gab sie ihm zurück.
      Mein Blick wanderte wieder über den See. Für eine Weile sagte ich nichts. Das Wasser bewegte sich kaum, außer der Wind weht über die Oberfläche. Neben mir hörte ich, wie Léo wieder an der Zigarette zog. Der Geruch von Rauch vermischte sich mit der kühlen Luft und dem feuchten Duft des Wassers.
      "Du redest viel für jemanden, der eigentlich nicht reden will", sagte ich schließlich ruhig. Ich sah kurz zu ihm hinüber. Sein Gesicht war halb im Schatten, nur ab und zu fing das Glimmen der Zigarette ein Stück seiner Züge ein. "Dafür beantwortest du erstaunlich wenige Fragen." Ein kleines Grinsen zuckte über meine Lippen, während ich mich wieder etwas nach hinten lehnte und den Kopf leicht in den Nacken legte. Für einen Moment betrachtete ich einfach nur den Himmel.
      Er hatte recht mit dem, was er gesagt hatte. Hier draußen fühlte sich alles weiter an. Offener. "Der Himmel gehört vielleicht niemandem", fuhr ich nach einer Weile fort und sah wieder zu ihm. "Trotzdem kommen die Leute hierher, wenn sie irgend etwas loswerden wollen." Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Gedanken. Probleme. Oder einfach sich selbst." Ich setzte mich wieder lockerer hin.
      Ein kurzer Windstoß fuhr über den See und ließ die Oberfläche leicht erzittern. Das Sternenbild darin zerbrach für einen Moment und setzte sich dann wieder zusammen. Ich sah wieder zu Léo. "Also…", sagte ich ruhig und deutete mit einem leichten Nicken zu der Zigarette in seiner Hand. "Was ist es bei dir?" Ich griff nach einem weiteren Stein, warf ihn aber diesmal nicht sofort. "Flucht oder Freiheit?"

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    • Léo

      Vielleicht war es tatsächlich Müdigkeit. Vielleicht war es auch nur die Seite von mir, die zu viel nachdachte. Vielleicht auch eine Mischung aus beidem. Ich genoss es. Die Stille, die ich hier jetzt gerade mit diesem Klassenkameraden teilen konnte, der Nachthimmel, welcher sich wie eine Decke über uns ausbreitete und mich fast dazu einlud, die Augen zu schließen - wäre ich nicht so aufgekratzt. Irgendwas zerrte an meinen Nerven. Vielleicht war es der neue Ort, vielleicht ging mir zu viel im Kopf herum, vielleicht war ich aber auch zu froh - oder zu melancholisch - um zu schlafen.
      Mir gefiel es hier, mit Julien, obwohl ich niemand war, der oft Gesellschaft suchte oder brauchte. Ich verstand nicht ganz, was ihm daran gefiel, die Steine über das Wasser springen zu lassen. Leise klatschten sie über die stille Wasserfläche, welche nur durch den Wind etwas aufgewirbelt wurde. Danach war es ruhig. Es war nur der Atem von Julien und mir zu hören. Und das Feuerzeug, welches zischte, als ich meine Zigarette entzündete. Mein Atem, als ich den Rauch aus meinen Lungen bließ. Und die männliche Stimme von Julien, als er eine Tatsache aussprach, welche ich wirklich interessant fand. Mein Blick wanderte interessiert zu ihm, meine Augen musterten ihn eine Weile, ohne das ich etwas sagte. Seine Hand war noch immer in meine Richtung gestreckt, verweilte, wartete. Ohne einen Kommentar gab ich ihm die Zigarette, nachdem ich sie zwischen meinen Fingerspitzen gedreht hatte. Er nahm einen kurzen Zug von ihr und reichte sie mir zurück. Ich hatte fest damit gerechnet, dass er ablehnen würde. Nachdenklich nahm ich erneut einen Zug, blickte auf den stillen See vor uns, meine Beine hatte ich angewinkelt und meine Arme lagen auf den Knien, in der rechten Hand die Zigarette. Unschlüssig legte ich meinen Kopf in den Nacken, blickte nach oben in den Himmel, lauschte den Worten des blonden Jungen. Leise pfiff ich in die Stille hinein. Auf solch eine Konversation war ich nicht unbedingt vorbereitet gewesen, ich hatte meinen Klassenkameraden eigentlich für eher oberflächlich gehalten - schließlich war er ein Sportler. Doch er schien - wie sollte ich es sagen - sehr realistisch zu sein. Und seine Worte ließen darauf schließen, dass er trotz allem wohl schon einmal mit finsteren Gedanken oder finsteren Erfahrungen in Berührung gekommen war. Ich konnte es mir nur schwer vorstellen, dass jemand solche Dinge sagen konnte, der nichts von der Schwere der Welt mitbekommen hatte. Das berührte mich auf eine seltsame Weise. Ich fing an, mich zu entspannen. Mein Blick wanderte erneut zu Julien, ich musterte ihn stillschweigend, dann setzte ich zu einer Antwort an;
      "Ich kann es dir gar nicht genau sagen.", begann ich mit leiser Stimme. Die Stille der Umgebung wirkte fast unheimlich ruhig. Hier war absolut nichts und niemand. "Ich bin glücklich. Ich wollte schon immer in dieses Land, genau so-", ich bewegte meinen Arm ausufernd über die Landschaft, "habe ich es mir vorgestellt. Das ist Freiheit. Und irgendwie..." Ich schluckte kurz, eine leichte Verunsicherung breitete sich in meiner Stimme aus, daher nahm ich noch einen Zug von meiner Zigarette, welche fast komplett ausgebrannt war, und löschte sie danach im Kies. "Irgendwie ist die Einsamkeit hier präsent. Hier gibt es gerade keine Ablenkung, keine Autos, keine anderen Menschen, keine Aktivitäten. Nur uns beide. In der Stille der Nacht fühlt man sich schnell einsam. Man realisiert Dinge, die man nur an solchen Orten bemerken kann. In der Einsamkeit werden wir mit uns selbst konfrontiert." Ich hustete. Dann ein Lächeln. "Ja, oder ich hab Alkohol getrunken ohne es zu merken und rede deshalb Stuss."
      Ich ließ mich wieder zurück in den Kies fallen. Meine Augen wanderten zurück in den nachtschwarzen Sternenhimmel.
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    • Neu

      Julien

      Ich ließ mir einen Moment Zeit ehe ich antwortete. Mein Blick lag immer noch auf Léo. Ruhig und aufmerksam sah ich ihn an, als würde ich nochmal über jedes gesprochene Wort nachdenken. "Nein", murmelte ich schließlich leise vor mich hin und schüttelte den Kopf. "Das ist kein Stuss." Ich zog meine Knie näher an mich heran, stützte meine Arme locker darauf und sah wieder nach oben in den Sternenhimmel, als würde ich dort nach den richtigen Worten suchen. Dann atmete ich tief ein und aus. "Ich glaube genau so fühlt es sich an, wenn nichts mehr da ist was einen ablenkt. Wenn etwas plötzlich still wird.. zu still.. Dann bleibt einen nichts mehr übrig als in sich hineinzuhorchen und sich selbst zuzuhören." Mein Blick huschte kurz zu ihm rüber. "Ich muss sagen du klingst nicht unglücklich. Du klingst ehrlich und mir kommt es so vor als würdest du das erste Mal so richtig merken was in dir drin ist." Ich lächelte ihn sanft an. "Diese Einsamkeit gehört vielleicht zu dieser Freiheit, die du dir gewünscht hast, dazu." Ich wusste nicht warum ich so viel erzählte, aber ich fühlte mich gerade irgendwie wohl bei ihm. Ich nahm mir wieder einen kleinen Stein zwischen die Finger und sah ihm dieses Mal noch intensiver an. Mein Lächeln wurde wärmer. "Im Moment bist du ja nicht ganz alleine." Ich hielt seinen Blick noch einen Moment fest, als hätte ich Angst das dieser Moment gleich zu Ende wäre. Irgendwas an diesem Augenblick fühlte sich zerbrechlich, gleichzeitig ungewohnt echt an. Ein leises Ausatmen entwich mir. "Vielleicht ist das der Grund warum sich die Stille nicht mehr ganz so schwer anfühlt. Weil man sie nicht alleine tragen muss." Ich strich mit den Fingern über die raue Oberfläche des Steines und wandte meinen Blick kurz auf den Stein. Für einen Moment sagte ich nichts mehr. Es herrschte keine unangenehme Stille zwischen uns. Ich wollte diesen Moment der Stille auskosten und sah gedankenverloren auf den See vor uns.
    • Neu

      Léo

      "Ich wünschte ich würde es nicht so deutlich merken. Es ist... quälend."
      Dieser Satz stand nun zwischen uns, es gab keine Möglichkeit mehr die Worte zurückzuziehen. Nicht wie bei Textnachrichten, bei denen man selbst im Nachhinein noch rückgängig machen konnte, was geäußert worden war. Deshalb waren Nachrichten auch immer verfälschter als ein persönliches Gespräch. Hier, von Gesicht zu Gesicht, konnte keiner mehr etwas zurücknehmen. Oder vorspielen. Oder überspielen.
      Ich merkte, wie dieses Gefühl wieder in mir hochkam - das Gefühl, vor welchem ich erfolgreich die letzten Jahre davongerannt war. Mehr oder weniger. Ein Stein steckte mir in der Kehle, es war als könnte ich nicht mehr atmen. Ich wollte diese Seite von mir nicht fühlen oder überhaupt zeigen. Mein Herz raste als würde es meine Knochen zersplittern lassen wollen und heraushüpfen. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Oder was ich fühlen sollte. Mein Körper hatte sich unmerklich verspannt - jedoch kannte ich die Zeichen meines Körpers gut genug um es mir nicht anmerken zu lassen. Nichts, außer meine Äußerung, deutete darauf hin, das in mir gerade ein heilloses Chaos und blanke Panik herrschte. Ohne meinen Oberkörper aufzurichten griff ich erneut in die Tasche meines Zippers und kramte eine weitere Zigarette hervor. Ich zündete sie an ohne meinen Blick vom sternenübersääten Nachthimmel abzuwenden. Ich konnte gerade nichts sagen und niemanden ansehen, meine Kehle schnürte sich bei jedem Versuch zu.
      Auch wenn es ungesund war - aber die Zigarette half. Jeder hatte doch die ein- oder andere toxische Angewohnheit, nicht? Manche fingen an die Wohnung zu putzen bis kein Staubkorn mehr übrig war, andere wiederrum tranken Alkohol bis sie schließlich wie ohnmächtig einschliefen. Und ich rauchte. Ein leises Lachen drang aus meiner Kehle, gefolgt von einem Hustenanfall. Ich richtete mich auf und schaffte es schließlich den Raucherhusten zu stoppen. Kurz blickte ich zu Julien. Seit meiner Äußerung war es still gewesen. Unerträglich still. Also redete ich. Weiter. Mehr. Schneller. Hektischer.
      "Schon seltsam, jeder lebt sein eigenes Leben. Andere können die Art und Weise zwar beobachten oder verurteilen, aber nur wir selber wissen, wie es ist, in der eigenen Haut zu leben. Wie es sich anfühlt. Aber so viele Menschen denken, sie kennen jemanden, weil sie wissen wie die Person >ist<. Wie die Person sein soll. Welchem Bild sie entsprechen soll." Ich holte tief Luft. Zog an meiner Zigarette. Bließ den Rauch in die klare Nacht hinein, ließ ihn wie Nebel um mich herum waben. Das schwere Gewicht meines Chaos' saß tief in mir und kam zum Vorschein. Ich war rastlos, fühlte mich irritiert.... und meine Angst, meine Panik, die verdrängte ich. Sie war zu schwer.

      Da ich gerade selber nicht mit mir klar kam rückte ich ein Stück von meinem Klassenkameraden weg, jede Art von Nähe war gerade unerträglich. Wie auch, wenn jemand mit sich selbst auf Kriegsfuß stand?
      Ich blickte ihn verlegen an, aus meinen intensiv grünen Augen ließ sich nicht herauslesen, was gerade los war. Zumindest fühlte es sich so an. "Tschuldige, ich bin mir sicher, dass das die Mündigkeit ist. Da dreht mein Kopf manchmal etwas zu schnell."
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      Julien


      Ich hatte ihn die ganze Zeit beobachtet, ohne ihn wirklich anzusehen. Dieses leichte Zittern in seinen Bewegungen, das hastige Reden, das Ausweichen. Es war nicht schwer zu erkennen, dass da gerade mehr passierte, als er zeigen wollte. Als er ein Stück von mir wegrutschte, sagte ich erst einmal nichts. Die Stille zwischen uns war nicht mehr dieselbe wie zuvor. Sie wirkte irgendwie schwer, aber auch gleichzeitig ehrlich. Ich lehnte mich wieder ein Stück zurück, stützte mich mit den Händen hinter mir ab und ließ meinen Blick wieder nach oben in Richtung Himmel schweifen. Ich wollte seinem Blick nicht ausweichen, ich wollte es ihm nur einfach machen.
      "Du musst dich nicht entschuldige", sagte ich schließlich ruhig. "Du brauchst dich nicht zu verstecken hinter einen Wort wie ´Müdigkeit." Ein leichtes, schiefes Lächeln huschte über mein Gesicht. "Das bist einfach du." Ich drehte den Kopf ein Stück in seine Richtung, ohne ihn direkt zu fixieren. "Und ehrlich gesagt…" Ich zuckte leicht mit den Schultern. "…find ich das besser, als wenn du so tust, als wär alles immer unter Kontrolle. Jetzt sah ich ihn doch wieder an, aufmerksamer.
      "Du musst mir nicht erklären, was genau in dir abgeht", fügte ich hinzu. "Aber hör auf so zu tun, als wär das irgendwas, wofür du dich rechtfertigen musst." Ich ließ meinen Blick wieder nach oben gleiten, atmete ruhig ein. "Jeder hat seinen eigenen Müll im Kopf, sein Laster zu tragen und das ist vollkommen okay." Ich atmete hörbar aus. "Aber da ist nichts falsches daran. Glaubst du ich bin perfekt?" Ich schüttelte den Kopf. "Ganz sicher nicht." Für einen weiteren Moment ließ ich die Worte einfach zwischen uns stehen um ich genügend Raum zu geben, ohne das er sich alleine fühlt.
      Ich schloss meine Augen und legte mich jetzt richtig nach hinten auf den Rücken, den Kopf legte ich auf meine verschränkten Arme. Der Wind strich kühl über meinen Körper.
      Léo´s Schweigen fühlte sich dieses Mal anders an als vorher, so kam es mir jedenfalls vor. Ich zwang ihn nicht etwas zu tun oder etwas zu sagen. Ich linste kurz zu ihm rüber.
      "Ich genieße die Stille auch weiterhin mit dir, wenn du nichts sagen möchtest. Ich lauf dir schon nicht weg." Ich lächelte ihn leicht zu und wandte meinen Blick wieder von ihm weg.
    • Neu

      Léo

      Es war, als könnte dieser Klassenkamerad mit den blonden Haaren in meine Seele blicken. Seine Worte drangen bis in mein Innerstes vor und berührten einen Wunden Punkt von mir, bewirkten bei mir jedoch den Drang, sofort wieder mehr emotionale Distanz herzustellen. Das, was da in mir tobte war hässlich - und ich wollte nicht, dass jemand das komplette Ausmaß dessen sah. Oder das ich das komplette Ausmaß fühlen und wahrhaben musste. Ich hatte mit vielem aus meiner Vergangenheit Frieden geschlossen - nur nicht mit mir selbst, so schien es. Das zu realisieren ließ die Schwere des Augenblicks noch dunkler wirken. Ich hatte mich auf Amerika gefreut - und tat es immer noch - aber auf sowas war ich nicht vorbereitet gewesen; tiefergehende Gespräche mit Klassenkameraden, generell mit irgendwelchen Menschen. Das war das erste, wirklich.... Ja, echte - Gespräch, welches ich nun seit langer Zeit einmal wieder führte. Ich fühlte mich gesehen. Die Seiten von mir, die ich nicht zeigte, auch diese Seiten... fühlten sich gesehen. Auch wenn ich es nicht wollte. Auch wenn ich sie selber nicht sehen wollte. Und wahrscheinlich fühlte sich genau deshalb die Präsenz von Julien so bedrohlich an. Ich konnte ihn nicht täuschen, so schien es.
      Mein Blick hatte sich fest auf meine eigenen Hände gerichtet, welche sich vor meinem Gesicht zusammgefaltet hatten. Ich konnte den Drang, meine Hände in einem Akt der Unruhe zu bewegen und sie zu kneten, nicht unterdrücken. Mein Blick schweifte von meinen Händen zu der großen Ponderosa-Kiefer links von mir. Zumindest glaubte ich, das es eine war.
      "Bin das wirklich ich?"
      Meine Frage schnitt durch die Stille wie der Schuss einer Kugel.
      "Oder ist das, was ich bin, nur ein erlernter Abwehrmechanismus? Bin ich einfach nur ein Abwehrmechanismus?"
      Es war so schwer - und doch wandte ich mein Gesicht langsam direkt zu ihm, blickte in seine Augen, mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ich bezweifelte, dass meine Augen in diesem Moment meine Gefühle versteckten. Fast hatte ich das Gefühl, ich würde in seinen Augen nach Antworten auf Fragen suchen, auf die ich selber keine Antwort kannte. "Wer bin ich, wenn ich mich nicht verstecke?"
      Fast sofort fühlte ich wieder Scham in mir hochkriechen und wandte den Blick ab, zurück auf meine Hände. Ich wusste, dass diese Wahrheit, die ich fühlte, nur meine eigene Wahrheit war. Würde ich Julien darauf ansprechen, würde er sie wegwischen wie ein Staubkorn. Aber das war das witzige an Wahrheiten; für den, der sie lebte, waren diese Wahrheiten die Realität. Und es brauchte jahrelange Arbeit um tiefsitzende Wahrheiten zu verändern.
      Ich schämte mich. Wieso erzählte ich all das einer Person, mit der ich heute zum ersten Mal mehr als drei Worte wechselte? Ich hatte solche Momente schon mehrmals gehabt, meist unter Einfluss von Alkohol, und bereut hatte ich es jedes Mal. Sowas zog die falschen Menschen an. Es machte verletzlich gegenüber Menschen, bei denen man nicht verletzlich sein sollte. Und es fühlte sich an, als wäre ich eine Bürde.
      Das ruhige dasitzen an diesem kleinen See fühlte sich unerträglich an. Wenn ich wirklich gestresst war, dann wollte ich laufen. Mich bewegen. Einfach irgendwohin. Also schwang ich mich mit einer einzigen schnellen Bewegung auf die Beine. Sofort fühlte ich mich sicherer. Ich blickte auf Julien herab, musterte ihn. "Wir sollten doch die Gegend erkunden, wenn wir heute schon die Nachtruhe ignorieren dürfen."
      Ich streckte ihm meine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen.
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.