Sent West [yuyuumyn & Nao]

    • Sent West [yuyuumyn & Nao]

      Vorstellung

      @yuyuumyn


      Orin

      „Elf, zwölf, dreizehn…“ Der junge Mann über dessen Lippen diese Worte rollten, hob seine Hutkrempe sanft aus seinen Augen und blickte etwas irritiert über die dämmrig beleuchtete Wiese, bis seine Miene sich wieder lockerte und er ein beruhigtes „vierzehn, fünfzehn“ murmelte. Kurz vor einem Verkauf ließ Orin sich immer ein wenig schneller aus der Ruhe bringen, obwohl er damit rechnen musste, dass die Rinder sich auf der Wiese mal ein wenig weiter verliefen. In ein paar Tagen würde er, wie seinem Händler versprochen, einen Teil der Herde in die Stadt treiben. Er wartete nur mehr darauf, dass seine neue Aushilfe in Rivers Bend ankam und das Risiko verminderte, dass Orin bei der Reise ein paar Tiere verlor. Es war wirklich längst Zeit geworden, dass er seinen Geiz und sein Misstrauen beiseite schob und sich um einen neuen Arbeiter bemühte. Selbst, wenn er dafür ein wenig von seinem Einkommen loswurde, hätte er zumindest mal wieder ein paar ruhige Stunden Schlaf. Hoffentlich. Es war ein paar Jahre her, seit sein letzter Helfer sich verabschiedet hatte, weil er mit seiner Verlobten ein eigenes Haus gesucht hat. Wahrscheinlich schlug Orin die Stille hier langsam sowieso auf den Verstand. Wenn man Tagein, Tagaus nur Insekten und Hühner hörte, fing man eben früher oder später auch an mit seinem Hund zu reden.
      Der Farmer zog eine kleine Taschenuhr aus seiner Weste, warf einen schnellen Blick darauf und sprang vom Holzzaun wieder herunter. Es wurde langsam heller, also war es an der Zeit, sich um die Felder zu kümmern. Er war nicht ganz bei der Sache. Seit Tagen überlegte er, welchen Teil seiner Arbeit er überhaupt komfortabel an einen Fremden abgeben konnte. Er würde ihn einlernen müssen, nicht? Orin hatte keine Ahnung, wer der Kerl war, der bei ihm einziehen würde, und es würde bestimmt eine Weile dauern, bis er ihm wichtige Arbeit anvertrauen konnte, selbst, wenn das der ganze Sinn der Sache war. Aber er hing an seiner Farm. Es war nie leicht, ein Risiko einzugehen, und neue Leute bedeuteten immer Risiken.
      Orin war jetzt schon damit beschäftigt, zwischen den Feldern her zu hetzen, um sicherzugehen, dass er die Farm für einige Tage sich selbst überlassen konnte. Die Option, den Fremden alleine als Aufsicht hier zu lassen, war nicht der Rede wert. Nein, er würde natürlich mitkommen. Es war immer besser, eine mehrtägige Reise durch die Wüste nicht alleine vorzunehmen, und Orin freute sich ehrlicherweise schon darauf, bei einem seiner Viehtriebe nicht drei Nächte lang Wache zu halten. Der Neue kam mit, keine Frage. Und wenn sie zurück waren… dann sollten sie die Obstbäume in Angriff nehmen und das Scheunendach reparieren. Genau.
      Orin war so in Gedanken, so aufgewühlt, was diese baldige ungewohnte Situation anging, dass er seine Arbeit in einer vollkommenen Abwesenheit verrichtete, und gegen Nachmittag garnicht mehr genau wusste, was er schon alles erledigt hatte. Seit Tagen war er in dem Zustand. Das würde sich hoffentlich legen, bevor er anfing, Sachen doppelt und dreifach zu machen. Außerdem kümmerte er sich vielleicht nicht wirklich darum, welchen Eindruck er bei anderen hinterließ, aber ein wenig Kompetenz wäre von Vorteil, wenn er wollte, dass die Zusammenarbeit demnächst gut verlief. Vielleicht war er nervös, weil er sich Sorgen machte, dass der Fremde seine Farm abfackeln würde, aber vielleicht verspürte er auch eine Art dezenter Vorfreude auf etwas Gesellschaft. Nicht, dass er das zugeben würde. Er hatte hier alles voll und ganz im Griff und wollte sich nicht beschweren. Das Alleinsein war gut für die Zielstrebigkeit. Er hatte nur die Farm im Blick. Dass er sich ab und an Mal nach einem Drink mit jemandem sehnte, war etwas, dem er nicht viel Beachtung schenkte. Aber offensichtlich war das Bedürfnis trotzdem noch da, egal wie gut Orin es ignorierte, egal wie sehr es von anderen Sorgen überschattet wurde. Mit einer Herde Kühe hatte man halt auch nur begrenzt Spaß. Er würde sich trotzdem nicht zu sehr darauf einlassen, bevor er noch enttäuscht wurde.
      Und damit widmete er sich wieder der Kontrolle des Sattelzeugs. Dass seine neue Aushilfe ihn auf Deltas Rücken in die Stadt begleiten würde, war für Orin selbstverständlich.
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    • Aurora

      Der Motor des Motorenwagen brummte leise im Hintergrund, während Aurora die an sich vorbeiziehende Wüste beobachte. Arizona. Warum musste es unbedingt Arizona sein?
      Sein Blick wanderte zu seinem Vater, welcher hinter dem Lenkrad saß und seinen Blick geradeaus gerichtet hatte. Der Blonde konnte immer noch nicht ganz verstehen, warum sein Vater ausgerechnet in Arizona Urlaub machen wollte. Hier gab es doch nichts weiter außer Wüste, zwielichtige Menschen und stinkendes Vieh. Er wäre viel lieber in New York geblieben, aber sein Vater hatte fest darauf bestanden, dass er mitkommen sollte.

      Ab und an kamen sie an Reitern mit ihren Pferden vorbei, welche mit großen Augen den Motorenwagen betrachteten. Wahrscheinlich hatten diese Hinterwäldler noch nie ein Auto gesehen... oder eine anständige Dusche.
      Aurora schauderte bei dem Gedanken und endlich unterbrach er die angespannte Stille: "Wann kommen wir endlich beim Hotel an? Ich habe Hunger."

      Sein Vater, Sir Edmund, blickte weiter geradeaus und ließ sich von Aurora nicht aus der Ruhe bringen. Er kannte seinen Sohn und zu dessen bedauern ist er selbst daran Schuld, dass aus dem früheren süßen Jungen ein verwöhntes Gör geworden ist.
      "Kein Hotel. Eine Farm.", antwortete er ruhig und wie auf Stichwort, konnte man eben diese Farm in der Ferne am Horizont erkennen.
      Aurora runzelte seine Stirn und blickte seinen Vater verständnislos an. Er hatte immer noch nicht verstanden, in was für einer Lage er sich eigentlich gerade befand. "Eine Farm?", fragte er sicherheitshalber nach und hoffte, dass sein Vater sich gerade nur einen schlechten Spaß mit ihm erlaubte.

      Edmund seufzte erschöpft und schüttelte leicht seinen Kopf. "Du bist nicht hier um Urlaub zu machen. Du bist hier, weil du lernen musst, dein Leben und das was du hast zu schätzen."
      Aurora erstarrte und blickte seinen Vater nun noch fassungsloser an. "Wie bitte?", fragte er langsam. Seine Stimme und sein Ton war dabei gefährlich ruhig.
      Edmund - der wusste, dass wohl gleich ein Gewitter über ihn hereinbrechen würde - seufzte erneut, aber hielt seine Blick fest auf die Straße gerichtet. "Du wirst für die nächsten Monate auf Rivers Bend bleiben und für dein Geld arbeiten. Du wirst dem Farmer bei seiner täglichen Arbeit unterstützen und nur das Geld zur Verfügung haben, dass du selbst verdient hast. Das wird dich hoffentlich lehren, dein bisheriges Leben zu schätzen und nicht für selbstverständlich zu nehmen, Aurora."

      Aurora starrte seinen Vater schweigend an und ganz langsam verengte er seine Augen. "Ich werde hier nicht bleiben."
      "Und ob du das wirst , Aurora.", entgegnete Edmund direkt und warf seinen Sohn zum ersten Mal einen scharfen Blick aus dem Augenwinkel zu. "Wenn du nicht hier bleibst, werde ich all deine Studiengebühren stornieren und dir kein Geld mehr zur Verfügung stellen, hast du mich verstanden?"

      Das Ultimatum ließ Aurora verstummen, aber seine Augen verdunkelten sich vor unterdrückter Wut. "Wie lange?", fragte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.
      "So lange, bis du deine Lektion gelernt hast. Denk gar nicht, dass ich mich nicht regelmäßig mit Mr. Rivers austauschen werde."

      Und damit hielt der Motorenwagen auf der Farm Rivers Bend.
    • Orin

      Es vergingen zwei weitere unruhige Nächte bevor sein Helfer ankam, und der Tag des Viehtriebes rückte stetig näher. Aus dem Grund war Orin, als er in der Nachmittagshitze im Schatten der Scheune mit Willow spielte und ihr Stöcke auswarf, erleichtert, als er in der Ferne etwas auf sich zukommen sah. Das konnte schließlich niemand anderer sein, als die Person, die er erwartete. Irritiert war Orin erst, als er eine Art Donner aus derselben Richtung hörte und das Objekt sich doch recht schnell und stetig auf ihn zubewegte.
      Orin stand auf und Willow begleitete ihn mit aufgeregter Haltung Richtung Tor. Als er rauskam, hielt der Metallberg ein Stück weit vor ihm an und Orin betrachtet erst skeptisch das, was vermutlich ein berüchtigtes Automobil war, bevor sein Blick sich den zwei Leuten widmete. Das musste sein Helfer sein, vor dem Lenkrad, und ein..e… Dame? Nein. Orin runzelte kurz die Stirn, unterbrach schließlich sein eigenes Schweigen und rief Willow zurück, als diese sich sofort daran machte, den Blonden anzuschnüffeln.
      „Hi“, sagte er rau und hob seinen Hut etwas an. „Womit kann ich dienen?“ Er war sich auf den zweiten Blick nicht sicher, ob er sich geirrt hatte. Beide dieser Herrschaften sahen nicht unbedingt aus, als würden sie sich demnächst bereitwillig in ein Feld werfen.
      Willow nahm brav neben ihm Platz und Orin strich ihr über die flauschigen Ohren, während er das Fahrzeug musterte. Was konnten diese Leute auf seiner Farm wollen? Er erwartete selten jemanden. Höchstens mal Jesse oder benachbarte Farmer. Keine… Schnösel, die im Auto angerattert kamen und seinen Tieren Angst einjagten. Oder, naja, Willow zumindest nicht. Die wedelte mit dem Schweif und hatte sich auf den blonden jungen Mann fixiert, der selbst so aussah, als hätte er keine Ahnung, was er hier tat. Ein bisschen wütend sah er vielleicht aus. Ugh, Orin wollte heute wirklich keinen Ärger, er hatte noch genug Arbeit vor sich.
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    • Aurora

      Edmund erhob sich elegant aus dem Motorenwagen, während Aurora stur sitzen blieb und so aussah, als hätte er auf eine alte Zitrone gebissen.
      "Seid gegrüßt. Mein Name ist Edmund Whitemore.", stellte sich der ältere Herr höflich vor und warf aus dem Augenwinkel einen kurzen Blick zu Aurora.
      Nur knapp konnte er ein weiteres Seufzen unterdrücken, welches drohte seinen Lippen zu entweichen. Aurora machte keinerlei Anstalten, sich bei dem jungen Mann und seiner Hundedame vorzustellen. Stattdessen saß er weiter stur da, verschränkte seine Arme vor seiner Brust und blickte in die endlose Wüste.

      Edmund konnte nicht anders, als leicht seinen Kopf zu schütteln und seine Aufmerksamkeit wieder auf den jungen Mann vor sich zu richten. "Sie sind Orin Rivers, nehme ich an?", fragte er und hielt ihm zur Begrüßung die Hand entgegen.
      "Ich bin auf Ihre Suchanzeige aufmerksam geworden. Sie suchen doch noch nach einen neuen Arbeiter, der Ihnen auf Ihrer Farm hilft, oder?", fragte er und deutete auf Aurora.
      "Ich bin hier um meinen Sohn als Hilfarbeiter anzubieten. Der Bürgermeister hat Sie vermutlich schon über unsere Ankunft informiert?"

      Währenddessen hatte Aurora weiter seine Arme vor seiner Brust verschränkt und blickte in das endlose Nichts. Seine Laune verschlechterte mit jeden Moment der verstrich.
      Aus dem Augenwinkel, fiel sein Blick schließlich auf die Hündin, die ihn mit seinen Blick fixiert hatte. Die Augen des Blonden verengten sich leicht und er wusste wieder, warum er Katzen lieber mochte. Bei der Hündin konnte er sich nicht einmal sicher sein, ob sie nicht Flöhe oder noch schrecklichere Dinge hatte.

      Den Kerl mit seinem blöden Hut ignorierte er komplett. Der hatte mit Sicherheit Flöhe oder noch schrecklichere Dinge.
    • Orin

      Orin nickte langsam, als sein Gegenüber begann, sich vorzustellen, und schließlich kam ihm ein, immernoch hörbar skeptisches, „Ja..“, über die Lippen, um seine Identität zu bestätigen. Er drückte die Hand des Mannes bevor er wieder seine Faust an seiner Hüfte abstützte. Der junge Mann auf dem Wagen schien sich nichtmal die Mühe machen zu wollen, abzusteigen, also musste Orin sich wohl zumindest keine Sorgen machen, dass die beiden gekommen waren, um zu bleiben. Er hatte kein Bedürfnis, sich mit irgendwelchen… Händlern oder vom Weg abgekommenen Reisenden zu beschäftigen.
      Zumindest war er einigermaßen sorglos, bis der ältere Mann seine Stellenanzeige für einen Hilfsarbeiter ansprach, zu Orins Entsetzen eine ausschweifende Handbwegung zu dem blonden Jungen machte und ihn dann schamlos so ansah, als wäre alles geklärt. Orin versuchte, seinen Mund nicht aufklappen zu lassen. Er ließ seinen Blick ein paar Mal hin und herschweifen, und bevor er sich versah, rutschte ihm heraus: „Was?“
      Er schwieg. Meinte der Kerl das ernst? Das war sein neuer Arbeiter? Über den der Bürgermeister ihn ganz zuversichtlich und fröhlich informiert hatte? Orin kniff die Augen ein wenig zusammen. Er hatte den Blonden gerade noch für eine seltsame Dame in Hosen gehalten, was ohnehin schon unverständlich gewesen wäre, da die beiden Männer nicht aussahen, als könnten sie sich keine vernünftigen Klamotten leisten, aber was wusste Orin schon darüber, wie man sich in anderen Städten heutzutage so kleidete. So oder so… der Junge hatte vermutlich keine Erfahrung mit Farmarbeit. Orin hatte kurz das Gefühl, dass man ihn vollkommen verarschen wollte. Hielt der Bürgermeister ihn für einen Trottel? Oder konnte er ihn nicht leiden und wollte ihm absichtlich das Leben schwer machen? Und warum schickte dieser Mann seinen Sohn zum Arbeiten auf eine Farm?
      Orin hatte sich die letzten Tage den Kopf darüber zerbrochen, welche Teile seiner Arbeit er am besten abgeben konnte. Er war nervös gewesen, aber die Nervosität war nicht grundsätzlich schlecht gewesen. Er hatte sich, seit er sich endlich entschlossen hatte, wieder jemanden einzustellen, lang und breit mit dem Gedanken beschäftigt, sich damit abgefunden, und sich schließlich darüber gefreut. Ein wenig, jedenfalls. Das kam ihm gerade wie ein schrecklicher Fehler vor. Offensichtlich.
      „Ich meine, ja. Ich hab selbst mit dem Bürgermeister gesprochen“, sagte Orin letztlich, um nicht länger misstrauisch zu schweigen, auch wenn es ihm gerade nicht egaler sein konnte, was diese Leute von ihm hielten. Er war hier derjenige, der enttäuscht wurde. Und trotzdem hatte er gerade nicht unbedingt eine andere Wahl, als sein Schicksal zu akzeptieren. Er hatte bereits alles vorbereitet, und er brauchte eine Aushilfe. Er musste eben darauf vertrauen, dass in dem Jungen mehr steckte, als er den Anschein machte. Was… seinen unsympathischen Auftritt gegeben, Orin nicht unbedingt optimistisch anging.
      „Also… Na, schön“, sagte er. Er war kein Mann vieler Worte. Was gab es da jetzt noch zu sagen? Sie würden wohl irgendwie klarkommen müssen. Besser, er gab dem Kerl eine Chance, bevor er sich wieder monatelang um eine neue Hilfe bemühen musste. Orin sah den Blonden eine Weile an, bevor er endlich etwas sagte.
      „Steigst du irgendwann aus? Ich hab noch einiges zu erledigen“, meinte er etwas schroff. Jemand, der ihn ignorierte, verdiente auch keine Höflichkeit. Hey, vielleicht nahm er Orin die Entscheidung ja doch noch ab und fuhr einfach wieder nachhause.
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    • Aurora

      Auroras Augenbraue zuckte leicht, und er warf dem Farmer einen giftigen Blick zu. Wie konnte es dieser... dieser Kuhjunge es nur wagen so mit ihm zu sprechen?!
      Er öffnete seinen Mund, doch bevor er irgendetwas antworten konnte, räusperte sich sein Vater und warf ihm einen warnenden Blick zu. "Aurora.", war das einzige, dass er sagte und Aurora konnte in seinem Ton deutlich das versteckte Ultimatum heraus hören.
      Wenn er jetzt nicht aus dem Wagen stieg, konnte er sein Leben wie er es bis jetzt kannte in New York vergessen. Sein Studium, das unbegrenzte Geld und seine Freiheit wären von dem einen auf den anderen Tag einfach weg.

      Für einen Moment schloss Aurora seine Augen und atmete langsam durch seine Nase aus, um alle bösen Worte herunterzuschlucken, die ihm gerade noch auf der Zunge lagen.
      Es waren nur ein paar Monate. Und wenn er gut genug schauspielerte, konnte er hoffentlich bald wieder nach Hause und diese trostlose Einöde wieder gegen sein geliebtes New York eintauschen.

      "Na schön.", brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen leise hervor und öffnete wieder seine Augen. Mit vielleicht etwas zu viel Schwung, kletterte er aus dem Motorenwagen, nur um dann mit seinen teuren Schuhen direkt in den nächsten Schlamm zu treten.
      Eine Zornesfalte bildete sich auf seiner Stirn und er blickte Orin vorwurfsvoll an, als würde er ihm nur mit seinem Blick sagen wollen: "Das ist deine Schuld!"

      Edmund konnte nun ein weiteres Seufzen nicht zurückhalten und schüttelte über das Verhalten seines Sohnes nur seinen Kopf. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, lud er schnell die beiden Koffers seines Sohnes ab und stellte sie auf dem Boden.
      Nun wendete er sich wieder Orin zu und legte für einen Moment seine Hand auf dessen Schulter. "Viel Glück. Sie können mich jederzeit durch den Bürgermeister erreichen, Mr. Rivers. Ich möchte gerne regelmäßig von Ihnen hören, wie sich mein Junge hier so macht.", sagte er so leise und hoffte, dass Aurora dies nicht hören konnte.

      Doch Aurora hatte es genau gehört und starrte Orin nun mit einer nur noch finsteren Miene an. Edmund warf seinen Sohn einen letzten warnenden Blick zu, bevor er wieder auf den Motorenwagen setzte, den Motor startete und schließlich wieder den Heimweg antrat.

      Aurora blickte seinem Vater einen Moment hinterher, bevor er seine blauen Augen langsam wieder auf den jungen Mann vor sich richtete. "Na los, trag schon meine Koffer in das Haus. Hopp Hopp!"
    • Orin

      Es wurde immer offensichtlicher für Orin, was hier gerade passierte. Die Blicke, die geradezu danach schrien, Aurora nur knapp in Schach zu halten, und die wütende Miene als Antwort. Der Blonde war nicht freiwillig hier. Das würde alles bloß noch mehr erschweren. Orin überlegte noch immer krampfhaft, ob er die beiden wieder wegschicken sollte, aber letztlich überlegte er so lange, dass das Automobil schon wieder aus seinem Sichtfeld zu verschwinden begann.
      „Ah… okay“, hatte er noch unmotiviert geantwortet, auf die Bitte hin, über den Bürgermeister Kontakt aufzunehmen. War das wirklich sein Job? Dem Vater des unsympathischen Jungen hier regelmäßig Bericht zu erstatten? Er war kein Babysitter! Mal sehen, ob er sich dieser Aufgabe wirklich annehmen würde. So, wie es gerade wirkte, könnte Orin demnächst gut die doppelte Arbeit haben, statt der halben, wie eigentlich geplant. Edmunds „Viel Glück“ war auch nicht unbedingt, was man hören wollte, wenn man jemanden einstellte.
      Orin musterte den Blonden wortlos, der sich eben noch schockiert die eigenen Schuhe angesehen hatte, und jetzt verbittert seinem Vater hinterher sah. Er bewegte sich kein Stück. Irgendwie brauchte er wohl noch einen Moment, um zu realisieren, dass Aurora nicht ebenfalls gleich wieder weg war.
      Orin wurde allerdings sehr schnell auf den Boden der Tatsachen geholt, als der junge Mann versuchte, ihm aus dem Nichts etwas anzuschaffen. Seine Koffer tragen? Hatte er noch alle Tassen im Schrank?
      Orin warf einen missfallenden Blick auf die Koffer, dann wieder auf Aurora, bevor er sich kurzerhand umdrehte. Er öffnete das Tür, pfiff Willow, die den Blonden immernoch anhimmelte, an seine Seite und machte sich auf den Weg zurück ins Haus.
      Hatte sein neuer Hilfsarbeiter ihn gerade wirklich aufgefordert, sein Gepäck zu tragen? Das ging ihm noch eine Weile durch den Kopf. Woher kam Aurora? War das Verhalten irgendwie… normal in seiner Heimat? Orin war fast zum schmunzeln zumute, aber auch nur fast. Er hatte noch einen guten Tag Zeit, um Aurora einzulernen, was er ja offensichtlich musste, und Orin war sich nicht sicher, ob er ihn mit seiner Attitüde nicht umbringen würde, bevor er ihm überhaupt eine Hilfe wurde. Sofern Aurora nicht die Flucht ergriff, weil er seine Koffer selbst tragen musste. Dann war er sowieso demnächst tot.
      Orin warf, als er kurz vor seinem Haus war, noch einen schnellen Blick über die Schulter, und ging dann hinein. Die Türe ließ er offen stehen.
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    • Aurora

      Aurora stand beinahe der Mund offen, als dieser Bauerntrampel es tatsächlich wagte, seine Aufforderung zu ignorieren und die Koffer draußen stehen zu lassen.
      Hatte dieser Orin ihn etwa nicht gehört? Nein – so, wie er noch einmal über die Schulter blickte, hatte er seine Worte ganz bewusst ignoriert.
      Der Blonde verengte die Augen und stemmte empört die Hände in die Hüften. Sollte er seine Koffer etwa selbst ins Haus tragen? Wie ein einfacher Arbeiter?!

      Einfacher Arbeiter.... einer Hilfarbeiter...

      Die Worte stießen Aurora bitter auf. Denn das war es, was sein Vater aus ihm gemacht hatte: einen einfachen Hilfsarbeiter, der auf dieser Farm schuften musste, wenn er sein schlichtes Leben in New York zurückhaben wollte.

      Am liebsten hätte er sich die eigene Zunge abgebissen, bevor er sich dazu herabließ, seine Koffer selbst zu tragen. Aber welche andere Wahl hatte er? Wer wusste schon, wozu diese Viecher hier draußen fähig waren? Am Ende würde er noch von einer Spinne oder einer Schlange angesprungen werden.

      Mit zusammengebissenen Zähnen und einem gekränkten Ego war Aurora dazu gezwungen, die Koffer selbst hinter sich herzuziehen, während er langsam auf das Haus zuging. Das alles gefiel ihm nicht – ganz und gar nicht.
      Schließlich betrat er das Haus. Auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, war er leicht außer Atem. Warum waren seine Koffer nur so schwer gewesen? Was um alles in der Welt hatte er da eigentlich eingepackt?!

      Er schloss die Tür hinter sich, als würde er befürchten, die Schlangen – die bislang nur in seinem Kopf existierten – könnten ihm jeden Moment folgen.
      Sein Blick glitt über die Einrichtung, und missbilligend verzog er die Mundwinkel. Es war alles recht heimelig… aber es hatte rein gar nichts mit dem zu tun, was Aurora aus New York kannte. Es war einfach. Schlicht. Gewöhnlich.

      Dann spürte er den Blick der Hündin auf sich und sah zu ihr hinüber. „Warum starrt sie mich so an?“, dachte er und hob leicht die Augenbrauen, als wolle er sie direkt zur Rede stellen. „Warum schaust du mich so an?“
      Schließlich wandte er sich wieder Orin zu. „Wo ist mein Zimmer? Ich bin müde von der langen Fahrt und möchte mich frisch machen.“, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust.
    • Orin

      Orin wartete im Vorzimmer des schlichten Hauses darauf, dass Aurora ihm nach kam. An der Wand lehnend hatte er einen guten Blick auf den langen staubigen Weg zum Tor, den Aurora wohl oder übel doch noch mit seinen Koffern antrat. Orin kraulte Willow abwesend den Kopf während er wartete. Wie hatte er sich das nochmal eingebrockt? Achja, er war überzeugt gewesen, ein Hilfsarbeiter würde ihm tatsächlich helfen. Na schön. Er würde Aurora eine Chance geben, schließlich-
      „Oben“, antwortete Orin unbegeistert. Frisch machen? Was sollte das heißen? Er überging den Kommentar und stützte sich wieder von der Wand ab. Er deutete hinter sich, links von der Eingangstüre. „Hier ist die Küche“, erklärte er. „Rühr die Vorratskammer erstmal nicht ohne mich an, ich muss neu berechnen, wieviel ich ab jetzt einkaufe“ Er deutete zur anderen Seite gegenüber. „Wohnzimmer“ Und dann drehte er sich herum und ging die Treppe rauf, die genau zwischen den beiden recht großen Zimmern lag.
      Das Holz knarzte erbarmungslos unter ihrem Gewicht bei jedem Schritt, und Orin rief sich nochmal ins Gedächtnis, dass er beizeiten ein paar der Stufen reparieren musste.
      Oben angekommen fanden sie beinahe dieselbe Ordnung vor. Zwei Räume, einer rechts, einer links, bloß kleiner als im Erdgeschoss, da beide Zimmer mit kleinen Balkonen in Richtung Tor ausgestattet waren.
      „Rechts ist das Gästezimmer, links mein Schlafzimmer“, sagte er. Das Gästezimmer war ursprünglich das Schlafzimmer seiner Eltern gewesen. Orin hatte nie das Bedürfnis gehabt, sich dort einzuquartieren. Die Zimmer waren ohnehin beinahe gleich ausgestattet, abgesehen davon, dass das nun Gästezimmer bis auf einen kleinen Tisch mit Stuhl, ein einfaches Einzelbett und einen hölzernen Schrank vollkommen leer war. Orin hatte es vermieden, sich darin aufzuhalten, er hatte nur vor einigen Jahren die Betten getauscht, was bereits seltsam genug für ihn gewesen war. Seitdem stand das Zimmer leer, wenn Jesse nicht ausnahmsweise beschloss, bei einem raren, unangekündigten Besuch nicht in der Scheune zu schlafen. Sein eigenes Zimmer war dafür liebevoll eingerichtet, wie der Rest des Hauses. Hier und da ein paar schäbige, gerahmte Fotos, von seiner Mutter genähte Teppiche und bestickte Kissen. Sein Vater hatte ihm als Kind beigebracht, wie man Holzfiguren schnitzte, und ohne diesen würde es ihm ziemlich an Deko mangeln.
      Orin warf erneut einen Blick auf die Koffer, die Aurora dabei hatte. „Wenn du willst, kannst du auspacken. In zehn Minuten gehen wir dann als erstes in den Stall und satteln die Pferde“, sagte er. Der Neue machte sich lieber schnell mit den Pferden bekannt, damit sie bei ihrer Reise keine Startschwierigkeiten hatten. Es war nun ohnehin Nachmittag, im Sommer daher viel zu heiß um viel zu arbeiten, und Orin nutzte die Zeit bis zum Abend meistens für kleinere Reparaturen oder um die Vorratskammer aufzustocken.
      „Ah- und sei vorsichtig mit den Holzläden. Ich habe die Glasscheiben in den Fenstern erst vor zwei Jahren einsetzen lassen“, fügte er noch hinzu, bevor er wieder zur Treppe ging. „Klarerweise wird jeder zu bezahlende Schaden aus deinem Gehalt gestrichen“, murmelte er, was weniger eine Drohung als eine Erinnerung sein sollte. Ob er dem Fremden noch die Holzwanne in der Küche zeigen sollte? Ach, Aurora würde schon schnell genug drauf kommen.
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    • Aurora

      Und bereits zum zweiten Mal, blieb Aurora beinahe der Mund offen stehen. Berechnen? Was wollte er denn bitte bei der Vorratskammer neu berechnen? Noch nie in seinem Leben musste Aurora fragen, wenn er sich etwas zu Essen nehmen wollte. Zu Hause in New York, musste er über das Thema nicht einmal einen einzigen Gedanken verschwenden.

      Doch bevor er protestieren konnte, sprach Orin bereits weiter und zeigte ihm, wo sich die einzelnen Räume im Haus befanden, bevor dieser dann auch bereits schon die alten Holztreppen nach oben ging.

      Natürlich hätte er Orin auch bitten können, ihm dabei zu helfen, seine schweren Koffer die Treppen nach oben zu tragen. Doch sein Stolz war einfach viel zu groß, um dies zu tun. Lieber würde er sich selbst erniedrigen, als auch nur ein kleines Fünkchen Schwäche zu zeigen.
      Also trug er sie selbst - wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen - die Treppen nach oben.
      Oben angekommen, warf er einen flüchtigen Blick in das Gästezimmer, welches wohl für die Zeit zu seinem Schlafzimmer werden würde. Abermals verzog er sein Gesicht.
      "Nett.", kam es ihm knapp über die Lippen, doch nur ein Idiot - von denen es in Arizona mit Sicherheit einige gab - würde nicht den deutlichen Sarkasmus in Auroras Unterton heraus hören. Wieder wanderten seine Gedanken nach New York. Zu seinem zu Hause, sein Zimmer und all seine Besitztümer. Das hier war einfach komplett anders... aber es waren nur ein paar Monate. Dann konnte er hoffentlich wieder nach Hause.

      Gerade wollte er seine Koffer in das Gästezimmer ziehen, als er Orins Aufforderung hörte. Er hielt inne und drehte sich dann ganz langsam zu ihm um."Was hast du gerade gesagt?", fragte er nochmal nach und hoffte, dass er sich gerade verhört hatte. In den Stall gehen und die Pferde statteln? Sah er etwa so aus, als würde er sich freiwillig auf so ein riesiges Tier setzen? Das musste... das konnte nur ein schlechter Witz sein.

      "Ich kann nicht reiten.", sagte er und sah Orin fast so an, als wäre das seine Schuld. Ihm war bewusst, dass er keinen Motorrenwagen besitzen konnte.

      Bei dem Gedanken, dass etwas von seinem Gehalt gestrichen wird, sollte er Schäden anrichten, konnte er nicht anders, als seine Stirn zu runzeln. "Ist dein Haus nicht gegen Schäden versichert?", fragte er und zog missbilligend seine Augenbrauen zusammen. "Und warum bereits in 10 Minuten? Weißt du eigentlich was für eine lange Fahrt ich hinter mir habe?!"
    • Orin

      Orin hielt an der obersten Stufe inne und drehte sich wieder zu dem Blonden herum. Er überging seine sarkastischen Kommentare und den bissigen Unterton in jedem Satz, der seinen Mund verließ, und versuchte, zivilisiert und ruhig mit ihm umzugehen, weil er auch nicht wirklich eine andere Wahl hatte. Aurora würde sich schon eingewöhnen, und dann würde alles funktionieren. Oder war das zu optimistisch gedacht?
      „Ich hab gesagt, wir gehen in den Stall“, widerholte Orin, weil es ja gut sein konnte, dass Aurora ihn wirklich nicht gehört hatte. Orin bekam manchmal gesagt, dass er zum Murmeln tendierte. Doch bei der darauffolgenden Antwort spürte Orin, wie einer seiner Geduldsfäden ein wenig zu reißen drohte. Er konnte nicht reiten? War das alles ein Witz? Orin schmunzelte leicht, so sehr hielt er es für einen unlustigen Scherz des Blonden.
      „Klar. Und ich hab eine heimliche Auto-Kollektion in der Scheune“, versuchte er zurück zu scherzen. Aurora sah nur… erschreckend ernst und immernoch wütend aus. Mann, hatte der Junge eine einzige zufriedene Faser in seinem Körper? „Du… meinst das ernst?“, fragte Orin nach und konnte nicht anders, als sich kurz wegzudrehen, um alle seine Lebensentscheidungen zu überdenken. Wie sollte der Kerl ihm vernünftig helfen, wenn er nicht reiten konnte? Er würde hier feststecken, wenn er nicht mehrere Tage zufuß laufen wollte, oder Orin musste ihn überall hin mitnehmen. Zu zweit auf einem Pferd. Wie lächerlich war das denn?
      „Okay, es ist nicht so schwer, ich bring‘s dir bei“, sagte er kurzerhand, um diesen grauenvollen Gedanken zu verbannen. Damit war das für ihn soweit erledigt. So blöd würde Aurora sich schon nicht anstellen, oder? Außerdem waren Delta und Juno sehr anständige Stuten. Bessere Tiere konnte man sich garnicht wünschen, um Reiten zu lernen. Orin war als Kind von ihrem Pferd damals tausende Male abgeworfen worden.
      Orin schmunzelte erneut etwas, diesmal eher nur für sich selbst, als Aurora Versicherungen ansprach. „Wir können später deine Arbeitsbedingungen durchgehen, wenn du willst. Und wenn das Sitzen so anstrengend war, wird dein Körper sich über Bewegung ja freuen“, antwortete er vage, bevor er wieder nach unten ging. Versicherungen… War in Auroras Welt alles gratis? Solange Orin nichts kaputt machte, sparte er Geld. Ganz einfach. Und er ging vorsichtig mit seinem Besitz um. Das einzige Risiko waren Angestellte.
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    • Aurora

      Aurora konnte sein Glück-... nein, er konnte sein Unglück kaum fassen. Jetzt sollte er auch noch lernen, wie man auf einem Pferd reitet? Allein bei dem Gedanken jagte es ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken. Was ist, wenn er von dem Pferd gebissen oder abgeworfen werden würde? Was ist, wenn seine Klamotten Schaden nehmen würden?!

      Mit verengten Augen blickte er Orin nach, als dieser bereits wieder die Treppen hinunter ging. Wie eine aufgeladene Katze, die gleich ihre Krallen ausfahren würde. Doch diesmal ersparte der Blonde sich einen bissigen Kommentar, weil er wusste, dass er zum ersten Mal in seinem Leben nicht am längeren Hebel saß.
      Und hatte er gerade Arbeitsbedingungen gesagt? "Arbeitsbedingungen? Als wäre ich nichts weiter, als ein einfacher Hilfsarbeiter?!", meckerte Aurora vor sich hin und zog seine zwei Koffer in das Gästezimmer hinein.

      Wenn er sich heute wirklich auf ein Pferd setzen müsste, würde er sich vorher wenigstens noch einmal umziehen.

      Sein Blick wanderte erneut über die einfache Einrichtungen und ein müdes Seufzen entwich seinen Lippen.
      "Was hat Vater sich nur dabei gedacht?", dachte er und band sich dann sein langes, blondes Haar zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen, damit ihm keine Haare beim Auspacken ins Gesicht fallen würden.

      Die Minuten vergingen – zehn davon waren sicher längst vergangen. Aurora beschäftigte sich damit, seine Klamotten in den schlichten Kleiderschrank zu räumen, während er darüber nachdachte, was er nun bloß anziehen sollte. Schließlich entschied er, dass er wohl einfach die Kleidung anbehalten würde, die er bereits trug.

      An der ganzen Situation ist allein sein Vater schuld! Sobald er wieder in New York ist, müsste er ihm zur Wiedergutmachung eine komplett neue Garderobe finanzieren!
    • Orin

      Bis Orin Aurora endlich die Treppe heruntergehen hörte, waren definitiv mehr als zehn Minuten vergangen. Der Farmer hatte sich trotzdem dazu entschieden, zu warten. Irgendwie verstand er ja doch, dass die ganze Situation überfordernd sein musste. Wäre Aurora auch nur ein kleines bisschen sympathischer, würde Orin sich auch mehr bemühen, ihm den Einstieg zu erleichtern. Aber mit seiner giftigen Art machte er es dem Farmer nicht gerade schmackhaft, nett zu sein. Wie du mir, so ich dir, war da alles, das Orin einfiel.
      Er hatte sich in der Zwischenzeit aufs Sofa gesetzt und sich bemüht, Willow davon abzuhalten, alle fünf Minuten in den ersten Stock laufen zu wollen. Oberflächlicher Hund. Orin wusste, dass sie immer den Frauen hinterher lief und für Männer nichts übrig hatte, darum konnte er wohl irgendwie verstehen, was sie an Aurora fand. Trotzdem fühlte er sich von seiner Hündin verarscht. Konnte sie mal ein bisschen loyaler sein? Orin hatte zumindest selten Besuch, schon garkeine Frauen, und in seiner Branche waren die Männer normalerweise auch nicht nach Willows Geschmack, also hielt es sich in Grenzen. Sie war beispielsweise kein Fan von Jesse. Aber sie war brav, sie ignorierte nur diejenigen, die sie nicht sonderlich leiden konnte. Orin war sich nicht sicher, ob er sich geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte, dass Willow auf ihn hörte, oder ob er ganz einfach nur ihre einzige Bezugsperson war. Mit einer Frau war er zumindest nicht so leicht zu verwechseln. So oder so konnte er nur die Augen verdrehen, als Willow erneut aufsprang, sobald die Treppen knarrten.
      „Dämlicher Hund“, murmelte Orin leise bevor er aufstand und aus dem Wohnzimmer kam. „Fertig?“, fragte er etwas lauter in Auroras Richtung, brauchte darauf aber nicht wirklich eine Antwort. Sie mussten so oder so endlich mal einen Zahn zulegen. Daher ging Orin ohne Umwege direkt wieder aus der Tür, seine Stiefel trug er im Haus bei gutem Wetter sowieso immer, und setzte darauf, dass der Blonde ihm automatisch hinterher lief.
      „Dein Lohn sind 25 Dollar im Monat. Du wohnst und isst hier dafür kostenlos“, begann er am Weg zum Stall sofort. Einen Arbeitsvertrag gab es nicht, sowas war sinnlos und unnötig, daher ratterte er schnell mal alles herunter, das ihm einfiel.
      „Du kannst jeden Sonntag frei haben. Am Wochenende reiten wir meistens sowieso in die Stadt“ Orin hielt sich selbst für einen sehr zuvorkommenden Arbeitgeber. Ein freier Tag war auch nicht überall der Standard, aber ab und zu sollte seine Aushilfe auch die Zeit haben, alleine in die Stadt zu reiten, wenn er wollte, und am Sonntag gönnte er ihm damit auch, in die Kirche zu gehen. Wenn Aurora reiten konnte. Selbst, wenn er einige Stunden Wegzeit hin, als auch zurück hatte, war das ein gutes Angebot. Und wenn Aurora Orin wirklich viel Arbeit abnahm, würden sie beide mehr Freizeit haben.
      „Um fünf Uhr fangen wir an, die Rinder zu zählen, Eier einzusammeln, Wasserstellen zu kontrollieren, und so weiter. Danach gibt‘s Frühstück. Dann machen wir alles, was gerade ansteht. Also Vormittags meistens Feldarbeit, je nach Jahreszeit, Heu einlagern, Holz hacken, Aufräumen, Reparaturen… Nach der Mittagspause machen wir damit weiter. Vielleicht die Tiere auf eine andere Weide treiben oder den Stall ausmisten. Werkzeug schärfen, Vorräte sortieren, ab und zu besuchen wir für Täusche die nächste Farm. Wenn Tiere krank sind, müssen die klarerweise auch versorgt werden. Am Abend werden nochmal alle Tiere gezählt, die Hühner reingeholt, und so weiter… Ich sage dir anfangs sowieso bei allem, was du jetzt machen sollst, und wie. Dann gibt es Abendessen, ich führe Buch, einer von uns kümmert sich wenn notwendig darum, das Badewasser zu erhitzen. In der Nähe der Scheune ist ein Brunnen, und unten an der Weide ein Flussbett des Salt River. Klo ist hinter‘m Haus. Wenn du kochen kannst, wär‘s nett, aber ich gehe irgendwie nicht davon aus“
      Orin blieb urplötzlich stehen und drehte sich zu Aurora herum. „Jeden zweiten Samstag gehen wir einkaufen und in zwei Tagen treiben wir ein paar Rinder in die Stadt, was ungefähr einen Tag hin und einen Tag zurück Reisezeit bedeutet. Also lernst du besser schnell, zu reiten“ Orin lächelte leicht. Er war genau vor dem Stall stehen geblieben und hörte die Pferde bereits. Juno musste langsam unruhig werden, weil Orin sie heute noch nicht rausgelassen hatte.
      „Alles klar?“, fragte er den Blonden.
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    • Aurora

      Am liebsten hätte Aurora sein Zimmer – wenn er es überhaupt als das seine bezeichnen wollte – nie wieder verlassen. Doch erneut: welche andere Wahl hatte er?
      Schweigend folgte er dem Farmer nach draußen. Als dieser jedoch von den täglichen Aufgaben, seinem Gehalt und all den weiteren Umständen erzählte, drehte sich Aurora beinahe der Magen um.
      Wenn er es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, man erlaube sich einen schlechten Scherz mit ihm.

      Fünfundzwanzig Dollar im Monat... nur jeden Sonntag frei... und um fünf Uhr morgens Arbeitsbeginn? Von den schweren körperlichen Aufgaben ganz zu schweigen!
      Aurora war fest davon überzeugt, nicht dafür geschaffen zu sein, mit seinen Händen zu arbeiten. Nicht umsonst studierte er Rechtswissenschaften an einer angesehenen Universität. Seine Stärke war sein Verstand – nicht seine Muskeln.

      Als Orin schließlich vor dem Stall stehen blieb, tat Aurora es ihm gleich. Er war inzwischen etwas blass geworden. Seine neue Realität schlang sich langsam, aber sicher wie ein Galgen um seinen Hals. Und auch wenn er es niemals offen zugeben würde...Aurora fühlte sich hilflos.
      „Wir treiben in zwei Tagen ein paar Rinder in die Stadt? Warum? Können die nicht einfach abgeholt werden?“, fragte er sicherheitshalber noch einmal nach – obwohl er die Antwort eigentlich schon kannte – und warf einen flüchtigen Blick in den Stall, als er lautes Wiehern hörte.
      Seine Augen weiteten sich leicht, als er die beiden Pferde entdeckte. Von Weitem waren Pferde ja schön und gut, aber aus der Nähe? Da wirkten sie noch einmal um einiges größer. Vielleicht sollte er sich doch einfach von einer Schlange beißen lassen.

      Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, verwarf er ihn auch schon wieder – denn natürlich lag ihm erneut etwas bitter auf der Zunge.
      „Und wer sagt hier eigentlich, dass ich nicht kochen kann? Ich kann sehr wohl kochen! Und zwar so gut, dass deine einfache Zunge noch nie etwas Vergleichbares geschmeckt hat, hörst du?“, entgegnete er und stemmte selbstbewusst die Hände in die Hüften. „Mal ganz davon abgesehen denke ich, dass es wohl besser wäre, wenn ich künftig die Buchführung auf dieser Farm übernehme. Immerhin studiere ich Jura! Das ist doch wohl eine Kleinigkeit. Kannst du überhaupt Mathe?"

      Sein Blick wanderte wieder zu der Hündin. Für einen winzigen Moment – einen kaum messbaren Sekundenbruchteil – wirkte es fast so, als wollte Aurora die Hand ausstrecken und ihr über den Kopf streicheln.
      Doch er hielt sich zurück und fixierte stattdessen wieder Orin mit seinen blauen Augen. „Alles klar?“, fragte er im exakt selben Tonfall, den dieser zuvor bei ihm angeschlagen hatte.
    • Orin

      Orin lächelte noch immer leicht, auch wenn Auroras Frage wieder derartig unnötig war, dass er sie genauso gut unbeantwortet lassen könnte. „Nein“, sagte er. „Rivers Bend ist zu weit weg. Wir brauchen ungefähr zwei Tage in die Stadt“ Fast war Orin so weit, Aurora tröstend auf die Schulter zu klopfen, so verzweifelt wie er gerade aussah, aber er ließ es dann doch bleiben, weil der Blonde ihn direkt wieder mit seiner unausstehlichen Art überrumpelte.
      „Okay. Sorry. Dann willst du das kochen übernehmen?“, fragte er ganz einfach ausdruckslos. Er hatte kein Bedürfnis, auf diese dämliche Streitsucherei einzugehen. Außerdem hatte er Aurora nur unterstellt, nicht kochen zu können, weil er bei seinem Vater gelebt hatte und Orin einfach davon ausgegangen war, dass seine Mutter, oder eine Hausangestellte für ihn gekocht hatte. Normalerweise war Orim ganz gut darin, Eins und Eins zusammen zu zählen. Aber dann hatte er sich wohl geirrt und Aurora kochte regelmäßig für sich selbst. Auch gut. Änderte das was für Orin? Nur zum positiven, wenn er zukünftig einen Koch hatte. Es war ein wenig lächerlich, dass Aurora sich seit seiner Ankunft nur beschwerte und wegen jeder Kleinigkeit persönlich angegriffen fühlte. Orin hatte ursprünglich gehofft, dass sein neuer Hilfsarbeiter und er ab und zu mal nette Gespräche haben könnten, und die ganze Arbeit etwas heiterer wurde, aber so wie es jetzt aussah, würden Aurora und er sich eher um jeden Preis aus dem Weg gehen. Auch, wenn das so gut wie unmöglich war. Und dann…
      „Ah… hah… AHAHAHAHAAH!“ Das Lachen platzte förmlich aus Orin heraus. Er bekam sich kaum mehr ein und musste sich gegen Ende eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. „Klar. Und wenn wir schon dabei sind, schenke ich dir einfach die Farm“, scherzte Orin amüsiert. Herrlich. Wann hatte er das letzte Mal einen Anlass gehabt um so zu lachen? „Aber vielleicht solltest du erstmal reiten lernen und wieder ein bisschen Farbe ins Gesicht bekommen, bevor du dir selbst noch mehr Aufgaben zuteilst“, meinte Orin. Er seufzte glücklich und drehte sich herum, um in den Stall zu gehen. „Vielleicht kommen wir ja doch miteinander klar, Aurora“, meinte er zuversichtlich. „Ich kann übrigens rechnen, schreiben, lesen, kochen… Ich bin ein Allrounder“, grinste Orin. Er war nicht beleidigt, er fand es einfach nur amüsant, dass Aurora dachte, er könnte nicht rechnen. Dachte er, eine Farm erhielt sich ganz von selbst? Naja, angehende Anwälte mussten wahrscheinlich nicht automatisch viel über die Welt wissen.
      Orin fing damit an, im Stall Juno zu satteln und jetzt ging es daran, zu hoffen, dass Aurora wenigstens ein schneller Lerner war, oder eher… dass er ein verstecktes Talent hatte. Es war nicht die Art des Farmers, sehr optimistisch zu denken, aber er hatte keine andere Wahl.
      „Guck mir zu, und mach es bei Delta dann selbst“, sagte Orin und zeigte auf die weiße Stute neben der dunkelbraunen Juno.
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    • Aurora

      Auroras Augenbraue zuckte leicht, als Orin plötzlich in schallendes Gelächter ausbrach. Nahm er ihn etwa nicht ernst?
      "Danke.", sagte er missbilligend und schüttelte leicht seinen Kopf. "Aber ich lehne dankend ab, solltest du vorhaben, mir irgendwann deine alte Farm schenken zu wollen."
      Er beäugte den jungen Mann vor sich kritisch, als dieser dann behauptete rechnen, schreiben, lesen und kochen zu können. Davon wollte er sich lieber selbst noch einmal überzeugen.
      "Ich werde das kochen zukünftig übernehmen.", sagte er schließlich und ließ in seinem Ton keinen Platz für Widerspruch zu. Wenn er schon für eine ungewisse Zeit auf dieser Farm bleiben wollte... sollte das gekochte Essen ihm wenigstens vertraut bleiben.

      „Vielleicht kommen wir ja doch miteinander klar, Aurora.“ - das bezweifelte der junge Student jedoch stark, doch er entschied sich dazu, dies unkommentiert stehen zu lassen.
      Sein Blick wanderte nun zu der weißen Stute, auf die Orin gedeutet hatte. Er schluckte leicht, hob dann aber etwas seine Nase an. "Nichts leichter als das.", grummelte er und ging auf die Stute zu, welche neugierig ihren Kopf in seine Richtung drehte.
      Aurora hielt inne. Fast so als hätte er erwartet, jeden Moment von dem Pferd gebissen oder getreten zu werden. Doch glücklicherweise passierte nichts dergleichen. Die Stute - Delta - begann lediglich an Auroras Klamotten zu schnüffeln.
      "H-hey! Was machst du da?", fragte er sie und blickte mit geweiteten Augen zu Orin herüber. "Was macht sie da?", fragte er nun den Farmer erneut. Er war unsicher, ob er das Tier einfach so ohne weiteres am großen Kopf berühren konnte oder nicht.
    • Orin

      So zuversichtlich, wie Aurora auf die Stute zugestapft war, so schnell war er auch eingefroren, als das Pferd sich tatsächlich bewegte. Orin versuchte, nicht wieder zu lachen. Doch dann fiel ihm etwas ein. Wenn Aurora… Pferde nicht einmal einschätzen konnte, dann waren sie schlimmer dran, als gedacht. Also hielt Orin inne und sah dem Blonden kurz dabei zu, wie er sich hilflos und schockiert beschnuppern ließ. Hatte er Angst vor Pferden??
      Orin ließ kurzerhand davon ab, Junos Rücken von Staub abzustreifen, und ging zu Aurora herüber. „Sie will dich nur kennenlernen“, sagte er ruhig. Orin legte Delta sanft eine Hand auf die Nase, damit sie aufhörte, Aurora zu überrumpeln. „Hey“, sagte er nachdrücklich und streichelte dann ihren Hals, als sie hörte und zurück wich.
      „Okay, versteh ich das richtig, dass du absolut keine Ahnung von Pferden hast?“, fragte Orin an Aurora gewandt. Er überlegte. Es war eine Sache, jemanden Reiten beizubringen, und eine andere, wenn der Lehrling noch nichtmal mit der Körpersprache des Tiers etwas anfangen konnte.
      „Komm schon, du kannst das sowieso nicht umgehen“, sagte Orin schließlich etwas frustriert und schnappte sich Auroras Hand selbst, um sie der Stute an den Hals zu legen. Die Hand des Blonden war weich und blass, und Orin bezweifelte, dass er sich überhaupt jemals einen Schiefer eingezogen hatte. Im Vergleich lag Orins Hand auf seiner wie ein Stück Schleifpapier.
      „Alles okay. Sie wird nicht beißen oder treten oder sonst was. Du musst nur ruhig und bestimmt sein und sie nicht von hinten überraschen, oder ihr plötzlich auf den Kopf greifen. Jetzt gerade ist sie ganz locker. Keine panisch aufgerissenen Augen, oder so. Ich meine, wenn du nicht blind bist, wirst du schon merken, was du tun kannst und was nicht. Und merk dir, dass sie ungefähr zehn Mal so viel wiegt wie du also… sei vorsichtig“ Orin zuckte mit den Schultern. Es gabe viele Arten, wie Aurora hier draufgehen könnte, und es würde hoffentlich nicht durch einen Pferdetritt passieren. Das wäre armselig.
      Er führte Auroras Hand langsam über den Hals bis zu ihrem Kopf. „So. Satteln, dann gehen wir raus, und bis zum Ende des Tages kannst du reiten“, erklärte er Orin bestimmt, versuchte sich mit diesen Worten aber fast eher selbst zu überzeugen.
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    • Aurora

      Aurora weitete überrascht die Augen und war schon dabei, den Mund aufzureißen, als Orin plötzlich seine Hand schnappte und sie an den Hals der Stute legte.
      Er erstarrte für einen Moment. Aber nicht, weil seine Hand plötzlich das Fell des Pferdes berührte. Nein. Sondern, weil sich seine Hand und die von Orin berührten.

      Sie war so rau... und irgendwie so komplett anders als seine eigene... und das – überraschenderweise – nicht einmal im negativen Sinne.
      Ganz langsam entspannten sich seine Schultern wieder, als Orin begann, seine Hand bis zum Kopf der Stute zu führen. Er sagte nicht sofort etwas. Stattdessen hörte er schweigend zu, während Orin ihm die Körpersprache und den richtigen Umgang mit einem Pferd erklärte.
      Wie zu erwarten, wurde er von der Stute nicht gebissen oder getreten, sondern nur neugierig von diesen großen Augen angeblickt.
      Schließlich atmete er langsam durch die Nase aus und legte seine Hand sanft auf die Nase des Pferdes.
      „Hallo...“, sprach er leise zu Delta und begann, sie dann eigenständig zu streicheln.
      Auch wenn sich der Blonde immer noch nicht sicher war, ob er wirklich am Ende des Tages schon reiten konnte... hatte er wohl wirklich keine andere Wahl, als es zu probieren und sich geschlagen zu geben.

      Es dauerte einen guten Moment, bis Aurora es schließlich unter Orins Anweisung schaffte, die Stute zu satteln. Es wäre wohl gelogen, wenn man behaupten würde, dass sich der Student besonders geschickt angestellt hatte – gerade wenn es um körperliche Arbeit ging. Aber nichtsdestotrotz hatte er es am Ende doch irgendwie hinbekommen. Und das ganz ohne einen bissigen Kommentar gegenüber des Farmers.
      An den Zügeln führte er Delta aus dem Stall ins Freie. Er war selbst überrascht, wie widerstandslos die Stute an seiner Seite lief. Und er konnte nicht leugnen, dass es ihn freute.

      "Und was jetzt?", fragte er schließlich und seine blauen Augen fanden wieder die des anderen.
    • Orin

      „Jetzt…“, fing Orin an, während er Juno auf die Weide führte, stockte aber sogleich. Was jetzt? Natürlich wusste er, wie man ritt, aber er hatte es noch nie jemandem beigebracht. Aurora hatte noch nicht einmal Basiswissen. Orin musste das vermutlich angehen, als würde er einem trotzigen Kind etwas beibringen — auch wenn Aurora die letzten Minuten erstaunlich ruhig gewesen war — und das, obwohl Orin selbst noch nie jemandem irgendetwas beigebracht hatte, das über einen Zeitplan auf der Farm hinaus ging.
      Er überlegte. Wie hatte er reiten gelernt? Er war nervös gewesen und hatte es kaum auf das Pferd geschafft, weil er zu klein gewesen war. Orin warf Aurora einen Seitenblick zu. Er war wahrscheinlich groß genug.
      Außerdem hatte Orins Dad anfangs hinter ihm im Sattel gesessen, damit er keine Angst hatte. Die Angst war hauptsächlich daher gekommen, dass Orin mitansehen musste, wie Jesse von der Stute getreten worden war. Aurora hatte kein Pferdetrauma, aber er hatte eindeutig Schiss vor ruckartigen Bewegungen von einem so großen Tier.
      Orin blieb stehen und räusperte sich. Er würde einfach mal sehen, wie weit Aurora kam. Es war vielleicht garnicht notwendig, ihm so sehr zu helfen. Er hatte sicher… ein verstecktes Talent. Orin konnte darauf verzichten, mit ihm auf dem Pferd zu sitzen.
      „Ich zeig dir, wie man aufsteigt“, fing er einfach an, trat ihn den Steigbügel und warf sich auf den Rücken des Pferdes. Er rückte seinen Hut zurecht, bevor er wieder abstieg. Er hatte das Bedürfnis, Aurora zumindest vor einem Fall zu bewahren. Also ging er zu ihm herüber, leitete ihn an und hielt schließlich sein Bein fest, bis der Blonde es aufs Pferd geschafft hatte. Das Ganze sah ziemlich holprig und ungeübt aus, kein Wunder, und Orin bekam tatsächlich etwas Herzflattern beim Zusehen. Er betete still, dass Aurora sich nicht direkt am ersten Tag verletzte.
      Orin reichte dem Blonden die Zügel. „Wenn du mit dem Oberschenkel andrückst, geht sie“, sagte er, wobei er vergaß, hinzuzufügen, dass ein ganz leichter Druck bereits reichte.
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    • Aurora

      Mit der Hilfe des Farmers schaffte es der junge Student schließlich auf den Rücken der Stute. Am liebsten hätte er direkt wieder protestiert, dass er es natürlich auch allein geschafft hätte. Aber ganz ehrlich? Nein - nein, dass hätte er mit Sicherheit nicht alleine geschafft. Ganz egal wie groß sein Ego auch manchmal - oder fast immer - war.

      Noch etwas versteift, saß er im Sattel und umklammerte die Zügel so fest mit seinen Fingern, dass sich seine Knöchel langsam weiß färbten.
      "Ganz schön hoch...", sagte er und wieder fehlte in seiner Stimme die typisch bissige und auch leicht pampige Art.
      Noch nie hatte Aurora auf dem Rücken eines Pferdes gesessen. Er hätte auch niemals gedacht, das dies einmal der Fall sein würde. Hier - mitten im nirgendwo - und fernab von dem luxuriösen Umfeld, dass er sonst gewohnt war.
      Delta bewegte sich sachte unter ihm, was nur dafür sorgte, dass sich Aurora nur noch ein wenig mehr versteifte.

      "[...] und bis zum Ende des Tages kannst du reiten.“ - die Worte des Farmers schossen dem Blonden wieder durch den Kopf. Er bezweifelte es immer noch, aber... immerhin saß er schon im Sattel, oder?

      "Oberschenkel andrücken...", wiederholte er dann Orins Worte und drückte dann seine Oberschenkel etwas zu fest, gegen die Seiten der Stute.
      Delta protestierte mit einem lauten Wiehern und stampfte mit ihrem Hufen, doch ohne den Blonden von ihrem Rücken zu werden. Vielleicht hatte selbst das Pferd ein wenig Mitleid mit dem unerfahrenen jungen Mann aus der Stadt.
      Aurora hingegen quietschte leicht erschrocken auf und klammerte sich etwas mehr an die Zügel. "H-hey! Warum macht sie das?! Ich hab doch genau das getan, was du gesagt hast!"