The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

    • Isaac machte ein interessiertes hmm. So abwegig klang das ganze gar nicht. Einen Rucksack packen, einen Flug buchen und sich nicht weiter um irgendwas kümmern. Sicher, er würde sich das Geld irgendwie zusammensparen müssen, aber wenn es nicht in der Saison war, könnte es bezahlbar sein. Und außerdem bräuchte er kein Hotel - nur den Flug. Das klang schon irgendwie spannend. Dabei war es völlig nebensächlich, dass Isaac darüber nachdachte, mit Kai zu seiner Familie zu fliegen. Zu seiner Familie, wie zwei… nein, wie Freunde. Ja, wie zwei Freunde. Man brauchte keine besondere Gelegenheit, um die Familie des Freundes zu besuchen. Und Kais Familie hörte sich richtig lustig an.
      "Sag mir doch Bescheid, wenn du das nächste mal fliegst. Dann können wir mal schauen. Würde mich freuen."
      Isaac lächelte. Es würde ihn wirklich freuen.
      "Was ist eigentlich mit dir?" fragte Kai. "Ich weiß, dass deinem Onkel das Gebäude gehört, da hört's aber auch schon auf."
      "Meine Familie ist längst nicht so groß wie deine. Oder so vielfältig", sagte Isaac mit einem leisen Kichern. "Ich habe eine kleine Schwester, wobei sie mittlerweile auch schon 26 ist. Meine Eltern wohnen in Detroit. Es gibt ein riesiges Familiendrama, weil mein Onkel zu Beginn seiner Karriere wohl überall schmarotzt hat und dann den Kontakt abgebrochen hat, sobald es aufwärts gegangen ist. Aber auch nur, weil meine Großeltern ihn nicht unterstützt haben - irgendwie sowas. Ganz habe ich es selbst nie verstanden und mein Vater vermeidet das Thema. Deswegen... Ich meine nur, deswegen wirst du meinen Eltern hier wohl nicht über den Weg laufen. - Oh, uhm, ich habe auch ein Bild, denke ich. Irgendwo."
      Er fischte sein Handy hervor, wischte schnell ein paar Dutzend Nachrichten weg und suchte nach einem passenden Bild. Er fand eins, das ihn selbst zum Lächeln brachte und gerade mal sechs Jahre alt war. Er zeigte es Kai.
      "Das war an meinem Abschluss, bevor ich in die Army gegangen bin. Meine Schwester heißt Rachel und ist ein Teufel."
      Das Bild war eine Momentaufnahme auf einer Abschlussparty. Zwischen all den Leuten war Isaac mit seiner Größe leicht zu erkennen, trotz der Wurfpose, die er gerade eingenommen hatte. Das Wurfgeschoss in seiner Hand sah aus wie klebriger Kuchen und ähnelte verdächtig dem Batzen, der auf seiner Brust klebte. Er grinste; alle seine Zähne waren zu sehen und seine Augen warfen Lachtfalten. Sein Ziel war ein Mädchen, das den Mund in einem Schrei oder einem Lachen aufgerissen hatte, der Körper zur Seite gedreht, mitten in der Flucht. Die Menge teilte sich vor ihr. Sie hatte dieselben blonden Haare wie auch Isaac, nur flogen sie ihr gerade ums Gesicht. Isaacs Haare waren dafür kurz gehalten, noch nicht abrasiert.
      "Ihr würdet euch bestimmt gut verstehen. Sie kann ziemlich... abgedreht sein."
    • Kai nahm das Smartphone entgegen, nachdem er sich die Hände abgewischt hatte. Er zoomte sich durch die kleine Menge an Leuten. So unsympathisch sah der Haufen gar nicht aus. Insbesondere das Mädchen, das Kai als Rachel identifizierte.
      "Ihr würdet euch bestimmt gut verstehen. Sie kann ziemlich... abgedreht sein."
      "Kann ich mir vorstellen," meinte Kai. "Es braucht eine bestimmte Sorte Mensch, um so einen Krieg anzufangen. Das ist guter Kuchen!"
      Mit einem Grinsen reichte er das Smartphone zurück.
      "Detroit ist jetzt nicht so weit weg," meinte er dann. "Deine Eltern sind auf jeden Fall leichter zu besuchen als meine Familie. Ich find's übrigens richtig gut von deinem Onkel, dass er dir hilft, obwohl er Stress mit deinen Eltern hat. Gibt genug Familien bei denen du mitgefangen hättest, nur weil du das Kind deiner Eltern bist. Ich, als Sessel-Psychologe, würde wagen zu behaupten, dass deine Eltern und dein Onkel die Sache eigentlich ziemlich leicht klären könnten, wenn sie das Maul aufmachen würden."
      Kai angelte sich seinen Softdrink. Hin und wieder musste man sich ja mal ein bisschen was gönnen und wenn der Liter schon kostenlos zur Bestellung kam...
      "Was macht deine Schwester so?"
    • "Detroit ist jetzt nicht so weit weg", sagte Kai ganz lässig. "Deine Eltern sind auf jeden Fall leichter zu besuchen als meine Familie."
      Isaac traute sich nicht, näher über diese Aussage nachzudenken. Seine Eltern besuchen? Kam nicht in Frage. Klar müsste er dafür nicht einen Tag lang im Flieger hocken, aber das war schließlich auch nicht, was ihn von einem Besuch abhielt. So gesehen waren sogar Kais Eltern leichter zu besuchen.
      Er gab nur ein vages "Hm" zurück.
      "Ich find's übrigens richtig gut von deinem Onkel, dass er dir hilft, obwohl er Stress mit deinen Eltern hat", sagte Kai weiter, als er wohl merkte, dass aus dem Thema nicht mehr herauszuholen war. "Gibt genug Familien bei denen du mitgefangen hättest, nur weil du das Kind deiner Eltern bist. Ich, als Sessel-Psychologe, würde wagen zu behaupten, dass deine Eltern und dein Onkel die Sache eigentlich ziemlich leicht klären könnten, wenn sie das Maul aufmachen würden."
      "Du als Sessel-Psychologe", echote Isaac und lächelte wieder. "Ja, denke ich aber auch. Ich war überrascht, als er mich kontaktiert hat. Mein Vater hat ihn immer als das größte Ungeheuer dargestellt, aber so schlimm ist er gar nicht. Er ist ein bisschen ein Politiker, aber das ist ja normal, wenn man für..."
      Isaac kratzte sich am Kinn.
      "Ich weiß nichtmal, für was er kandidieren wollte. Bürgermeister? Ich sollte mal Nachrichten gucken. Da ist es jedenfalls normal, sich wie ein Politiker zu benehmen."
      Irgendwann mal, eines Tages würde er die Nachrichten schauen. So eilig hatte er es nicht, seinen Onkel im Fernsehen zu sehen.
      "Was macht deine Schwester so?", fragte Kai.
      "Sie hat damals Architektur studiert. Ich weiß nicht, ob sie es auch ausübt, sie hatte damals einige Probleme, einen Job zu finden. Vielleicht hat sich das mittlerweile auch erledigt. Ich weiß auch nicht, ob sie noch mit diesem... Francis zusammen ist."
      Er warf Kai einen Blick zu.
      "Geht das nur mir so, oder hast du das auch, mit deinen Schwestern? Du hast doch Schwestern, nicht? Dass du dir Sorgen machst, sie könnten an die falschen Leute geraten?"
    • "Sie hat damals Architektur studiert. Ich weiß nicht, ob sie es auch ausübt, sie hatte damals einige Probleme, einen Job zu finden."
      "Architektur? Das wär mir viel zu strikt. Zu viel Mathe."
      Kai schob sich ein weiteres Stück Pizza in den Mund. Der Käse wollte nicht locker lassen, auch als er das Stück einen ganzen Arm weit von sich entfernt hielt.
      "Vielleicht hat sich das mittlerweile auch erledigt. Ich weiß auch nicht, ob sie noch mit diesem... Francis zusammen ist."
      "Francis, huh? Klingst ja nicht sehr begeistert von Francis."
      Er wickelte sich den Käsefaden um den Finger bis er endlich abriss und schob sich dass dann auch noch in den Mund.
      "Geht das nur mir so, oder hast du das auch, mit deinen Schwestern? Du hast doch Schwestern, nicht? Dass du dir Sorgen machst, sie könnten an die falschen Leute geraten?"
      Kai schüttelte den Kopf.
      "Keine Schwestern. Aber ich hab einen ganzen Haufen Cousinen, die jünger sind als ich. Ich würd jetzt nicht sagen, dass ich mir Sorgen mache, wenn die irgendwas anstellen. Aber sollte mal was sein, wär ich der Erste, der ihnen eins mit dem Pinsel überzieht und ihnen unter die Nase reibt, dass ich es ja gleich gewusst hab."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Ich bin der Meinung, Leute sollten ihre eigenen Erfahrungen machen. Solange man für sie da ist, egal wie es ausgeht. Wenn deine Schwester auf Francis steht, dann ist das allein ihre Entscheidung. Wenn er sich als Scheißkerl entpuppt, dann kannst du ihm immer noch böse sein. Und wenn er ein cooler Dude ist, dann ist doch auch alles in Ordnung. Deine Schwester wird schon wissen, was sie tut. Leben und leben lassen, sag ich immer. Ohne Konsequenzen kann man ja auch gar nicht lernen."
      Es war angenehm, so über ihre Familien zu sprechen. Wie immer bekam Kai dabei zwar ordentlich Heimweh, aber das würde er einfach mit einem Videoanruf behandeln - so wie immer. Und die Pizza war auch verdammt gut.

      Die nächste Woche sah eigentlich ziemlich genauso aus: Isaac und Kai verbrachten ein wenig Zeit miteinander, mal im Gym, mal in der Bücherei, einmal sogar in einem Eiskaffee. Das Wetter hielt sich nämlich ziemlich gut. Mehr als gut sogar. Es war durchgängig sonnig und warm. Kai fühlte sich also pudelwohl. So ein trockener Sommer war ihm viel lieber als die Eiszeit, die sich Winter in Chicago nannte.

      Obwohl der Garten im Innenhof ihres Wohngebäudes richtig gepflegt und hübsch war, ging nur selten jemand tatsächlich dorthin, um einen Tag im Freien zu genießen. Kai fand, das war verschwendetes irgendwas. Das war ja nicht nur zum Anschauen da! Zumindest ging er davon aus, da nirgendwo ein Schild stand oder die Hausordnung irgendwas darüber sagte (letzteres war mehr eine Vermutung, gelesen hatte er die nämlich nicht). Also packte sich Kai ein paar Sachen zusammen und machte es sich in besagtem hübschen Innenhof-Garten bequem. Die Bäume warfen genug Schatten, um die Hitze ein wenig abzuhalten und durch die Form des Gebäudes wehte hin und wieder auch mal ein Lüftchen herein (ja, okay, vielleicht hatte er sich doch ein bisschen mit Architektur beschäftigt).
      Kai breitete eine uralte Picknick Decke aus, die ihm schon viele Jahre gute Dienste leistete. Darauf breitete er dann seine Utensilien aus: großer Skizzenblock und ein paar Kohlestifte hier, eine Hand voll kleiner Leinwände mit Acrylfarben da. Seine Notizbücher flogen natürlich auch herum, kaum dass er aus versehen gegen seine Umhängetasche getreten war. Er machte sich nicht viel draus - das passierte ihm ständig.
      Bevor er sich jedoch seinen Skizzen oder Leinwänden widmete, musste er noch ganz dringend etwas anderes tun. Also packte er seine Kreiden aus - billige, die man dein eigenen Kindern besorgte, nicht die teuren Künstlerkreiden, die er oben in seinem Apartment hatte - und machte sich an die Arbeit, die Betonfläche bei der Tür nach draußen ein bisschen aufzuhübschen. Mit den Kopfhörern auf verlor er beinahe augenblicklich sämtliches Gefühl für Zeit und Raum. Es gab einfach nur noch ihn, seine Musik, die Linien, die er mit der Kreide über den Asphalt zog, und die Bilder, die er daraus zauberte. Sollte ihm doch das ganze Haus zugucken, ihm doch egal. Solange er malen konnte, war ihm ziemlich vieles egal. Vielleicht kam ja auch endlich jemand runter? Und wenn es nur war, um ein bisschen Hüpfkästchen zu spielen, weil er das direkt neben der Tür gemalt hatte.

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    • Isaac zuckte nur mit den Schultern. Dass er mit Francis nicht gut auskam, war kein sehr gut gehütetes Ereignis. Er hatte seine Schwester schon machen lassen, als sie ihn vorgestellt hatte, aber ganz zufrieden war er deswegen trotzdem nicht. Rachel konnte zwar machen, was auch immer sie wollte und auch mit wem, aber Rachel war nunmal seine Schwester und Francis war... naja, Francis. Kai würde es bestimmt verstehen, wenn er ihn einmal kennenlernen sollte. Wenn.

      Die kommende Woche stellte sich sowas wie ein Rhythmus ein. Isaac trieb Sport, mit Kai zusammen im Gym und auch Zuhause, wenn er besonders mutig war. Es fühlte sich gut an. Er fühlte sich ein bisschen mehr wie er selbst, wenn er auf dem Boden in seinem aufgeräumten Schlafzimmer Liegestütze machte. Das Waschen war immernoch ein Problem, aber eins, wofür Isaac plötzlich die Kraft hatte. Seine Kleider wurden durchgeschwitzt, na und? Seine Waschmaschine war wieder frei und er konnte sie waschen. Und wenn er Probleme hatte, sich selbst mit Kopfhörern und Wassereimer zu waschen, dann hörte er eine fröhliche Stimme in seinem Kopf, die ihm diese und jene Strategie vorschlug und sich verdächtig nach Kai anhörte. In dieser Zeit beherrschte Kai sogar einen Großteil seiner Gedanken. Isaac wurde sich dessen bewusst, als er eines morgens in seinem Bett lag und daran dachte, dass er mit Kai später in der Stadt verabredet war. Es fühlte sich toll an. Wie normal er werden konnte! Vielleicht würde er irgendwann auch einmal damit aufhören zu denken, dass ihn jeder ständig riechen konnte. Seine Therapeutin hatte ihn für diesen Fortschritt auch schon gelobt.
      Das Sonnenschirmchen war in dieser Zeit durchgehend geöffnet.

      An diesem Nachmittag vibrierte sein Handy mit einer Nachricht. Isaac ignorierte noch immer alle Nachrichten - er hatte sich nach dem Gespräch mit Kai auch nicht dazu überwinden können, seine Schwester zu kontaktieren - aber als er auf die Uhrzeit sah, sah er auch die vertraute Nachricht.
      - 8 Uhr RB
      Isaac verspürte einen kurzen Stich von Nervosität; das letzte Mal, als Jack ihm das geschrieben hatte, hatte er ihm von Aaron erzählt. Isaac wusste nicht, ob er so eine Nachricht wieder verkraften würde. Wen hat's diesmal erwischt?
      Aber er ging, schon allein aus Loyalität zu Jack, und traf ihn an diesem Abend im RB. Kai arbeitete nicht, wie Isaac enttäuscht feststellte, der ihn eigentlich hatte überraschen wollen. Dafür war seine Kollegin da, bei der Isaac ein Bier bestellte, bevor er sich zu Jack an die Bar setzte.
      "Isaac, mein Mann", sagte Jack und grinste sein dickes grinsen. Isaac lächelte sogar zurück. "Gut siehst du aus. Das ist mir schon gestern aufgefallen, beim Treffen. Wie neu geboren."
      "Danke. Mir geht's auch... gut. Ja, doch, mir geht's gut. Wirklich."
      "Fantastisch. Weißt du, ich wusste schon immer, dass du es schon packen würdest. Du hast da was in dir, da." Er klopfte ihm gegen die Brust. "Du bist nicht so verweichlicht wie die anderen. Du hast noch ein Feuer in dir. Stoßen wir an; auf dich und auf die scheiß Hasenfresser wie Aaron."
      Isaac stieß mit ihm an und überging den Kommentar über Aaron. So war Jack nunmal.
      "Hör mal", sagte Jack weiter, "ich und ein paar Jungs, wir wollen da was auf die Beine stellen. So eine Art zweites Treffen. Wir wollen nicht auf Gary scheißen, der Kerl macht sich nämlich echt Mühe im DAV, aber wir wollen auch mehr haben. Nicht immer nur quatschen. Verstehst du?"
      "Nein." Isaac wusste wirklich nicht, was er meinte. Gary und seine Therapeutin waren der Überzeugung, dass reden die beste Therapie für die meisten Probleme war. Reden und der soziale Kontakt, der dabei entstand.
      Er musste wieder an Kai denken.
      "Wir haben noch nichts festes ausgemacht, aber wir denken alle, dass wir im Herzen doch immer noch Army Soldaten sind. Du, ich, Gary vielleicht auch, Kiera, alle anderen. Wieso machen wir dann also nichts daraus? Holen die Army ein bisschen her, in unsere bescheidene Stadt."
      Isaac wusste nicht genau, was Jack damit meinte, aber er war neugierig. Denn im Herzen, ja, hatte er die Army noch nicht aufgegeben, hatte sie nicht losgelassen. Er hatte sein Leben dem Dienst verschrieben und dass es so schnell vorbei war, das hatte er noch immer nicht verkraftet. Was auch immer Jack also vorschlagen wollte, es hörte sich bereits gut an.
      "Und was wollt ihr machen? Ein Lager aufbauen, Morgendienst schieben?"
      Jack grinste, als hätte Isaac gerade etwas sehr schlaues gesagt.
      "Nein, aber das merke ich mir. Wir dachten, wir fangen mit etwas ganz einfachem an, mit Training. Wir treffen uns einmal die Woche, oder zweimal, oder dreimal, wie es die Arbeit zulässt, und machen unseren Morgenlauf. Um 05:30 treffen, runter zum Park, zwanzig Liegestütze, durch die Fußgängerzone, nochmal zwanzig und wieder zurück. Eine Stunde, nicht mehr. Wir sind ja alle etwas außer Form, da können wir mit etwas leichtem starten. Was ist, bist du dabei?"
      Isaac fühlte sich für einen Moment unglaublich leicht bei der Erkenntnis, dass er entscheiden konnte. Dass er ernsthaft zwischen Ja und Nein entscheiden konnte und die Idee nicht gleich abschlagen musste, weil er stinken würde und sich nicht waschen konnte und er niemandem begegnen wollte. Er konnte wirklich in Erwägung ziehen, mit Jack und anderen einen Morgenlauf zu machen. Einen richtigen, wozu Kai vermutlich schon gar keine Lust mehr haben würde.
      Und er wollte es. Er wollte es sehr. Er wollte das Gefühl der Army wiederhaben, das Gefühl unter seinen Kameraden zu sein und die Abläufe durchzumachen und sich gebraucht zu fühlen. Laufen konnte er auch trotz seiner Hand und auch dann, wenn er sich gerade nicht gewaschen hatte. Die letzten Tage mit Kai hatten es ihm gezeigt. Er konnte es.
      Und wie er es wollte.
      "Ja. Klar bin ich dabei. Das klingt gut."
      Jack strahlte regelrecht.
      "Ich wusste es doch! Isaac ist mein Mann, hab ich allen gesagt, der lässt mich nicht im Stich. Und das tust du auch nicht. Klasse! Ich geb dir die Daten durch, wann wir uns treffen. Vielleicht machen wir gleich beim RB aus, das ist zentral, das kennt jeder. Wird für gute Stimmung sorgen."
      Das würde es. Ob Kai so früh am Morgen noch in der Bar beschäftigt sein würde? Isaac bezweifelte es, aber ein bisschen hoffte er darauf. Er sollte einmal aufhören, so oft an den Mann zu denken.
      "Wird es. Hört sich gut an."
      "Darauf trinken wir. Auf die neue Truppe!"
      Isaac stieß mit ihm an.
      "Auf die neue Truppe."

      Am nächsten Tag ging Isaac noch vor der Mittagssonne einkaufen - so musste er durch die Hitze nicht so sehr schwitzen. Er kaufte genug Konserven, um eine weitere Woche auszuhalten, und fragte sich kurz, ob er sich demnächst mal einem Rezept zum Kochen widmen sollte, seine Küche war mittlerweile immerhin aufgeräumt genug. Aber eins nach dem anderen. Erst genug Energie für das eine, dann für das andere.
      Die Einkaufstüte unter den rechten Arm geklemmt ging er nachhause und blieb stehen, kaum hatte er die Ecke zur Eingangstür umrundet. Den Schlüssel hatte er bereits in eine gefühllose linke Hand gefriemelt, aber benutzen tat er ihn trotzdem nicht, denn der Bereich vor der Tür war noch belegt. Von Kai, der dort auf dem Boden saß und mit Kreide auf den Asphalt zeichnete.
      Isaac stand hinter ihm und sah ihm dabei zu. Ein Kind mit Kreide auf dem Boden wäre ein gängiger Anblick gewesen, nicht aber ein erwachsener Mann, der sich nicht einmal darum scherte, dass seine Hose Kreidespuren abbekamen. Stattdessen wippte er mit dem Kopf zu einer Musik aus seinen Kopfhörern und zeichnete munter auf alle grauen Flächen, die er erwischen konnte. Direkt neben der Tür hatte er ein sehr sauberes Hüpfkästchen gemalt.
      Isaac lächelte über den Anblick. Es hätte ihn gar nicht überraschen dürfen, Kai bei so einer Aktivität vorzufinden, und doch fand er es erfrischend. Der Mann kümmerte sich einfach um nichts. Kreide war nur für Kinder? Nicht mit Kai. Erwachsene sollten nicht auf der Straße spielen? Das war doch Kai egal. Isaac fand den Anblick unglaublich erfrischend.
      Für einen Moment wartete er und schaute Kai zu, dann sagte er seinen Namen. Kai reagierte nicht. Isaac dachte kurz an seine Einkäufe, schaute sich dann aber etwas von der Sorglosigkeit des Mannes ab und trat stattdessen näher. Es dauerte ein paar volle Minuten, bis Kai sich in seine Richtung drehte und fast mit seinen Beinen zusammenstieß. Isaac lächelte zu ihm hinab.
      "Was machst du denn da? Soll das ein Kunstprojekt werden?"
      Er sah sich auf dem mittlerweile ganz bunten Fleck um.
      "Darfst du das überhaupt? Nicht, dass das gegen die Hausordnung verstößt. Mein Onkel wirft dich sonst raus."
    • Kai löste sich auf zwischen all den bunten Linien, die er auf dem Asphalt hinterließ. Er war sich nicht einmal sicher, was genau er da eigentlich malte. Er dachte nicht nach, er machte einfach. Seine Hände griffen von ganz allein nach anderen Farben, wann immer es notwendig war. Hier und da erkannte Kai recht schnell, was sein Kopf da ausspuckte, aber das Gesamtwerkt war ihm einmal mehr vollkommen unbekannt.
      Und dann war da auf einmal ein Bein in seinem Weg. Mit einem kleinen Aufschrei machte Kai einen Satz auf allen Vieren zur Seite. Er schob sich die Kopfhörer von den Ohren und entschuldigte sich sofort.
      "Was machst du denn da? Soll das ein Kunstprojekt werden?"
      Isaac ragte über ihm auf. Kai grinste und sank in einen Schneidersitz.
      "Darfst du das überhaupt?" fragte der Riese, der von hier unten nur noch größer aussah. "Nicht, dass das gegen die Hausordnung verstößt. Mein Onkel wirft dich sonst raus."
      "Ach was," winkte Kai ab. "Ich kenn da wen, der dem Hausbesitzer gut zureden kann. Und wenn nicht, dann ich hab ich da diesen Kumpel, bei dem ich bestimmt auf der Couch crashen kann."
      Kai rappelte sich auf und klopfte sich den Kreidedreck von den Shorts, bevor er zum ersten Mal einen Blick auf sein Kunstwerk warf. Der Bereich vor der Tür hatte sich in einen bunten Märchenwald verwandelt. Es gab ein kleines Pilzdorf, durch das Feen huschten. Eine Schnecke mit einem Cowboyhut ritt auf einer Schildkröte. Ein paar Käfer spielten Hüpfkästchen auf dem Blatt einer Pflanze. Ein Hase hatte Tee mit einem Igel.
      "Oh wow... Ich hab länger hier dran gearbeitet, als ich wollte," stellte Kai fest und schob sich eine Strähne aus der Stirn. "Ich wollte eigentlich nur ein paar Minuten hier bleiben. Ich hab meinen Kram überall im Innenhof verteilt. Picknick-Style und so. Eigentlich wollte ich da malen."
      Stattdessen hatte er hier ein öffentliches Kunstwerk gezaubert. Es störte ihn überhaupt nicht. Kunst war dafür da, gesehen zu werden. Und wenn er mit so einem Bild jemandem den Tag ein bisschen versüßen konnte, umso besser. Der ganze graue Beton hier konnte ziemlich deprimierend sein.
      "Wollte meinen letzten freien Tag genießen und so."
    • Kai gab einen kleinen Schrei von sich und hüpfte zur Seite. Isaac konnte einfach nicht anders, er lächelte. Bei dem Blick, den Kai im Anschluss zu ihm hochwarf, hätte er fast lachen können. In den hellen Augen lag eine Spur Vorwurf, gepaart mit Kais üblichem Frohsinn.
      "Ach was. Ich kenn da wen, der dem Hausbesitzer gut zureden kann. Und wenn nicht, dann ich hab ich da diesen Kumpel, bei dem ich bestimmt auf der Couch crashen kann."
      "Tust du das, ja? Das müssen ja zwei sehr gute Freunde sein. Du solltest mich bei Gelegenheit vorstellen."
      Er trat beiseite, damit Kai aufstehen konnte. Das tat er mit einer leichten Eleganz, klopfte sich den Kreidestaub von der Hose und drehte sich um. Sie beide betrachteten für einen Moment, was er auf die Straße gemalt hatte; ein Ausschnitt von einem Märchenwunderland, mit Pflanzen und Pilzen und Tieren. Isaac hob die Augenbrauen; das Bild war wirklich fantastisch. Kai hatte die Kreide so gut genutzt, dass die einzelnen Striche gar nicht mehr zu erkennen waren. Es war immer wieder erstaunlich, was für ein Talent der Mann hatte und umso befriedigender, dass er es voll auslebte. Kai lebte seinen eigenen Traum.
      "Oh wow... Ich hab länger hier dran gearbeitet, als ich wollte", sagte Kai lässig und schob sich eine Strähne aus der Stirn. Er hinterließ von seinen Fingern den grünen Farbstrich der Schildkröte im Bild. Isaac schmunzelte. "Ich wollte eigentlich nur ein paar Minuten hier bleiben. Ich hab meinen Kram überall im Innenhof verteilt. Picknick-Style und so. Eigentlich wollte ich da malen. Wollte meinen letzten freien Tag genießen und so."
      "Das sieht mir nach großem Genuss aus, doch. Der Hase gefällt mir besonders, mit der kleinen Teetasse."
      Er zeigte mit der Schuhspitze, ohne das Bild zu berühren. Er wollte es immerhin nicht kaputt machen.
      Da kam ihm eine Idee.
      "Hey, kann ich ein Bild davon machen? Bevor es weggewaschen wird. Das wär schade. Ich mag's nämlich."
      Er holte sich Kais Zustimmung bevor er die Einkaufstüte in den anderen Arm manövrierte und sein Handy zückte. Er schoss das Bild aus einem guten oberen Winkel und schickte es auch an Kai. Es war immerhin sein Kunstwerk.
      "Du hast da übrigens noch was. Ein Teil des Bildes."
      Er tippte sich an die Stirn. Kai wischte sich drüber und machte aus einem leichten Abdruck eine ganze Spur.
      Isaac schnaubte.
      "Nicht wirklich. Warte."
      Er steckte das Handy weg und rieb ihm mit dem Daumen die Kreide von der Stirn. Kais Haut war heiß, aufgeheizt von der Sonne und dem Asphalt. Seine Haare waren dafür samtig weich.
      Isaacs Blick fiel auf Kais Augen und er stockte kurz. In dem Licht, beschienen von der Sonne, waren sie fast golden. Isaac war schon früher aufgefallen, was für ein schönes Braun Kais Augen hatten, aber in diesem Augenblick waren sie unbeschreiblich. Isaac starrte, gefangen von dem hübschen Blick. Was für ein schöner Mann.
      Er blinzelte, dann nahm er die Hand schnell weg.
      "Uhm..."
      Ihm wurde unnötig heiß. Plötzlich war ihm viel zu warm in der Sonne.
      "Ich muss die Sachen hochbringen. Soll ich dann - kann ich mich dir anschließen? Ich habe Orangensaft gekauft. Das ist ein gutes Picknick-Getränk."
    • Neu

      "Der Hase gefällt mir besonders, mit der kleinen Teetasse."
      Kai betrachtete den kleinen Hasen, den er da gemalt hatte. Er trug eine winzige Krawatte und hielt seine kleine Teetasse mit beiden Pfötchen fest, um nicht zu kleckern. Kai überkam der Drang, mal wieder mit Ton zu arbeiten und eine kleine Figur zu machen.
      "Hey, kann ich ein Bild davon machen? Bevor es weggewaschen wird. Das wär schade. Ich mag's nämlich."
      "Hm? Klar. Wenn ich das für mich behalten wollte, hätte ich's nicht mitten auf den Bürgersteig gemalt."
      Er packte seine Kreiden wieder ein und machte Platz, damit er nicht aus Versehen mitten in Isaacs Bild stand. Dank Isaacs enormer Größe konnte er das Gesamtwerk mit Leichtigkeit in ein einzelnes Foto bekommen, so wie's aussah.
      Kai war schon drauf und dran, sich zu seinem Picknick zu verziehen, als Isaac ihn kurz aufhielt: "Du hast da übrigens noch was. Ein Teil des Bildes."
      "Mal wieder nichts Neues," kicherte Kai und wischte sich mit der Hand über die Stelle an der Stirn, die Isaac ihm gezeigt hatte. Offenkundig war sein Versuch nicht mit besonders viel Erfolg gekrönt, da Isaac ihm gleich selbst über die Stirn strich, um den Fehler zu beheben. Ehrlich gesagt machte sich Kai nicht viel aus ein bisschen Kreide im Gesicht, aber wenn es Isaac störte...
      Isaac starrte ihn an mit einem Blick, den Kai nicht ganz deuten konnte, der ihm aber doch irgendwie bekannt vorkam. Was war das? Faszination? Nein, nicht ganz.
      "Uhm..."
      Isaac nahm die Hand von seiner Stirn und wandte sich ab. War der Riese etwa verlegen? Warum war er denn..? Oh. Oh.
      "Ich muss die Sachen hochbringen. Soll ich dann - kann ich mich dir anschließen? Ich habe Orangensaft gekauft. Das ist ein gutes Picknick-Getränk."
      Kai grinste.
      "Ist ein freies Land, du und dein Orangensaft können gern dazukommen."
      Er ging mit Isaac gemeinsam hinein und sah ihm dann für einen viel zu langen Moment nach, als dieser in Richtung seiner Wohnung verschwand. Sollte er es ansprechen? Kai war ja normalerweise schon ein Freund von direkter und offener Kommunikation. Aber er wollte Isaac auch nicht zu nahe treten.
      "Oh Mann..."
      Kai schüttelte den Kopf und ging in den Innenhof zu seiner Picknick-Decke und seinen ganzen Utensilien. Er bekam Isaacs Blick einfach nicht aus seinem Kopf. Und was, wenn Isaac einen Schritt dahingehend machte? Er sah ja schon gut aus. Und er war ein ziemlich cooler Kerl. Klar, er hatte so seine Macken, aber hatte die nicht jeder? Kai war da ja auch kein Unschuldslamm. Würde er Nein sagen? Wenn ja, warum denn?
      Kai versuchte, sich daran zu erinnern, wie sowas funktionierte. Seine Art wurde oft als Flirten missverstanden, daher musste er sich eigentlich eher gegen irgendwelche Avancen wehren. Wirklich an einer Beziehung interessiert war er schon lange nicht mehr gewesen; er hatte einfach zu viel zu tun. Aber mit Isaac... konnte er sich das vorstellen? Ach was dachte er denn da bloß?! Isaac hatte ihn nur einen Moment länger angeguckt, als es vielleicht normal war! Warum interpretierte er da denn jetzt direkt irgendwelche Zukunftspläne hinein?!
      "Idiot," lachte Kai leise und schnappte sich sein Skizzenbuch.
      Das richtige Skizzenbuch, nicht sein halb zerfleddertes Notizbuch. Er fand eine freie Seite und begann, drauflos zu zeichnen. Langsam füllte sich die Seite mit kleinen Häschen, die sich für eine Teeparty schick machten.
    • Neu

      Isaac ging mit einer Hitze in seine Wohnung, die nicht nur von der Sonne kam. Er wischte sich über die Stirn und stellte seine Tüte auf - der geputzten - Küchenzeile ab. Dann starrte er einen Moment darauf.
      Dass Kai ein schöner Mann war, war ihm schon früher aufgefallen. Direkt nach seinem Einzug, als er das erste Mal auf Kais Wohnung gegenüber aufmerksam geworden war, hatte er seine braune Lockenpracht entdeckt und sich gedacht: Wow. Was für Haare. Er hatte ihn auch leise bewundert, dafür, dass er täglich sein Fenster aufmachte, während Isaac nicht einmal das hinbekam. Es war schon erstaunlich, dass das knapp über einen Monat her war. Wie viel sich in der Zeit verändert hatte.
      Und mittlerweile hatte Kai nicht nur eine tolle Haarpracht, er hatte auch eine weiche Stimme, ein strahlendes Lächeln und unfassbar schöne Augen. Das war alles nichts neues, nachdem Isaac ihn im letzten Monat so gut hatte kennenlernen dürfen, und doch hatte gerade jetzt etwas in ihm geklickt. Als hätte er erst jetzt wirklich begriffen, wie hübsch Kai war.
      Du spinnst.
      Er fing an, die Konserven wegzuräumen. Mit der rechten Hand, damit er dabei nicht auch noch zusehen musste. Ein Haufen Ravioli, die er ganz gern hatte, und ein paar von den Eintöpfen in der Dose. Ausgewogene Ernährung und so.
      Kai ist jetzt nicht hübscher als vor einem Monat. Und damals hat dich das auch nicht mehr interessiert als sonst. Warum dann also jetzt?
      Er dachte einen Augenblick darüber nach, dann runzelte er die Stirn.
      Weil ich jetzt normal bin. Fast.
      Nun, normal und fast normal war noch ein bisschen übertrieben. Isaac ging noch immer zur Therapie, sein Wasserproblem hatte er noch immer nicht gelöst und er hatte auch noch keinen Job. Mit seiner Familie hatte er noch keinen Kontakt aufgenommen und so richtig auf sich achtgeben - wie etwa sich ein anständiges Essen kochen - tat er auch noch nicht. Das war alles nichts, wofür er sich als normal bezeichnen würde. Aber er ging regelmäßig mit Kai nach draußen, er machte Sport, er wusch sich regelmäßig und er hatte seine Wohnung im Griff. Das war ein gewaltiger Sprung zu dem, was er noch vor einem Monat gewesen war.
      Und mit diesem gewaltigen Sprung boten sich ihm neue Möglichkeiten. Etwa die Möglichkeit, dass Kai ein schöner Mann war und Isaac durchaus einmal mit ihm ausgehen könnte - zu einem Date. Nicht als Freunde, sondern als mehr als das.
      Isaac blinzelte. Er wusste noch nicht recht, was er von dem Gedanken halten sollte. Kai war ein Freund, ein guter Freund, womöglich sogar sein bester Freund, und das war ihm wichtiger als ein Lover. Kai war ihm wichtiger als das. Er sollte nicht an sowas denken, als wäre es das einzige, was ihm im Kopf herumging.
      Auf der anderen Seite, wenn er an den Clubabend dachte und an Kai in seinem Outfit...
      Nein.
      Isaac schüttelte innerlich den Kopf und zerknüllte die leere Tüte. Er warf sie in den Mülleimer, verfehlte, bückte sich nach ihr und warf sie wieder rein. Er würde nicht anfangen, so über Kai nachzudenken. Er war sein Freund und er war ihm wichtig und damit Schluss. Wobei er auch mehr als ein Freund sein könnte.
      Schluss.
      Er ging nach draußen, kam wieder herein, holte den Orangensaft und zwei Gläser und ging damit nach unten.

      Kai saß draußen auf der Picknickdecke, in eine neue Zeichnung versunken. Die Picknickdecke lag gütigerweise im Schatten eines Baumes und Isaac lächelte leicht, als er auf die gekrümmte Gestalt zuging. Dann hinterfragte er sein Lächeln sofort und hörte wieder auf, nur um sich dumm vorzukommen. Es war ja nicht so, als stünde ihre Freundschaft durch ein Lächeln auf der Kippe. Oder durch irgendwas.
      "Ich muss dir was erzählen."
      Er schenkte Kai ein, reichte ihm das Glas und setzte sich dann neben ihn auf die Decke. Das zweite Glas ging an sich selbst.
      "Ich habe gestern Jack im RB getroffen. Jack kennst du, oder? So ein breiter Typ, relativ groß, war Kampfpilot beim Militär." Kai kannte ihn. "Er hat eine Gruppe zusammengestellt, die morgens laufen geht. Zum Park, zur Stadt und dann wieder zurück, eine Stunde, maximal. Er hat gefragt, ob ich mitmachen will. Ich habe zugesagt."
      Jetzt lächelte er doch wieder und das voller Stolz, den ihn auch gestern schon erfüllt hatte. Es sollte erbärmlich sein, sich über solche Dinge zu freuen, aber Isaac konnte jetzt Sport machen und er konnte nach draußen gehen und er konnte regelmäßig zu solchen Treffen auftauchen und das waren für ihn große Meilensteine in seiner Genesung. Und Kai, der ihn währenddessen begleitet hatte, der immer gut aufgelegt war und wirklich sein bester Freund war, den wollte er daran teilhaben lassen. Er war wahrscheinlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, bei dem Isaac keine Angst haben musste, für seine Kleinigkeiten verurteilt zu werden.
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      "Ich muss dir was erzählen."
      "Hm?"
      Kai sah auf und nahm das Glas Orangensaft entgegen. Dafür musste er sich den Bleistift hinter's Ohr schieben. Der blieb ein bisschen in seinen Haaren hängen. Autsch.
      War das der Moment? Würde Isaac ihn jetzt fragen, ob sie mal auf ein Date gehen könnten? Ach, halt die Klappe, Hirn-Kai! Er nippte mit hochgezogenen Augenbrauen an seinem Saft.
      "Ich habe gestern Jack im RB getroffen. Jack kennst du, oder? So ein breiter Typ, relativ groß, war Kampfpilot beim Militär."
      "Coor's 11° Light Lager," schoss es mit einem Nicken aus Kai heraus. Manchmal merkte er sich die Leute nur mit ihrer Bestellung, nicht mit Namen. Das schien Isaac nicht aufzufallen.
      "Er hat eine Gruppe zusammengestellt, die morgens laufen geht. Zum Park, zur Stadt und dann wieder zurück, eine Stunde, maximal. Er hat gefragt, ob ich mitmachen will. Ich habe zugesagt."
      "Ich muss also nicht zum Marine-Training?" scherzte Kai. "Die können eher bei so einem Tempo mithalten."
      Es freute ihn ungemein, dass Isaac ein bisschen Anschluss fand. Community war wichtig, gerade wenn einen Knick von solcher Größe im Getriebe hatte. Schraube? Irgendwas eben. Zumal Isaac mit seinen Militär-Buddies wahrscheinlich über ganz andere Dinge reden konnte als mit Kai. Jetzt stellte sich nur noch die Frage, warum Kai enttäuscht war, dass Isaac nicht nach einem Date gefragt hatte...
      Er stieß Isaac leicht mit der Schulter an.
      "Das ist echt gut, weißt du? Solltest auf jeden Fall vor seiner Therapeutin damit angeben."
      Kai stellte seinen Saft beiseite und reichte Isaac im Gegenzug ein paar Erdbeeren. Dann wandte er sich wieder seiner Zeichnung zu.
      "Was passt besser zu einem Igel? Krawatte oder Top Hat?"
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      "Ich muss also nicht zum Marine-Training? Die können eher bei so einem Tempo mithalten."
      "Nein, musst du nicht", sagte Isaac und schnaubte. "Außer du möchtest."
      Daraufhin stieß Kai ihn leicht mit der Schulter an.
      "Das ist echt gut, weißt du? Solltest auf jeden Fall vor deiner Therapeutin damit angeben."
      "Oh ja, das werde ich. Und jedem, der zuhören will."
      Isaac grinste schon fast. Es war wirklich ein tolles Gefühl, so durch und durch normal zu sein. Wie würde sein Alltag nur aussehen, wenn er all seine Probleme beseitigt hätte? Morgens Sport machen, dann zu einer Arbeit gehen, mit den Kollegen Mittagessen, am Abend Kai im RB besuchen? Das hätte schon was. Und zwischendurch irgendein Hobby betreiben. Zeichnen vielleicht? Aber ein Blick auf Kais Skizzenbuch, in dem jetzt lauter Häschen in unterschiedlichen Positionen diverse Kleidungsstücke anzogen, brachte ihn von der Idee wieder ab. Ein einfacheres Hobby vielleicht. Baseball?
      Kai reichte ihm als Austausch Erdbeeren und Isaac nahm dankend eine entgegen. Er biss die Frucht ab, warf die Blätter in die Wiese und leckte sich die Fingerspitzen ab.
      "Was passt besser zu einem Igel? Krawatte oder Top Hat?"
      Kai war wohl schon ein Bild weiter, noch während er die andere Zeichnung beendete. Isaac fragte sich manchmal, wie es in so einem künstlerischen Kopf wohl aussehen mochte.
      "Ich hätte gesagt Socken. Da sind die Stacheln wenigstens nicht im Weg."
      Vorne an der Straße gingen gerade eine Frau mit ihrer Tochter auf den Eingang zu. Isaac kannte sie nicht, glaubte aber, dass sie hier wohnten; die Frau hatte einen pinken Einhorn-Schulrucksack über einer Schulter, eine Einkaufstüte in der anderen Armbeuge und hielt ihre etwa sechsjährige Tochter an der Hand. Sie sah übermüdet aus.
      Das Mädchen entdeckte dafür die Zeichnung auf dem Boden, stieß einen kleinen Schrei aus und lief darauf zu. Voller Begeisterung hüpfte sie um die Ecken herum.
      "Schau mal, Mami! Schau mal! Das ist Alice im Wunderland! Da ist der Hase und - nein, das ist der Froschkönig! Oh, da ist Prinzessin Lillyfee! Schau mal!!"
      Mutter und Tochter blieben stehen, um das Kunstwerk zu betrachten. Das Mädchen war dabei laut genug, dass sie sie gut hören konnten."Ich glaube, du hast einen neuen Fan", sagte Isaac schmunzelnd mit einem Blick zu Kai.
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      "Socken? Hm..."
      Kai beendete den letzten Hasen und blätterte in seinem Skizzenbuch um, um einen Igel zu malen. Die Form war einfach, so viele Details hatten Cartoon-Igel ja nicht. Und dann verpasste er dem kleinen ein paar viel zu große Socken. Fantastisch!
      "Schau mal, Mami! Schau mal!"
      Kai spitzte die Ohren, als er das kleine Mädchen rufen hörte. Er war sich ziemlich sicher, den Grund dafür zu kennen. Den Blick hob er aber nicht, denn er mussten Sockenfalten malen.
      "Das ist Alice im Wunderland! Da ist der Hase und - nein, das ist der Froschkönig! Oh, da ist Prinzessin Lillyfee! Schau mal!!"
      Als er jedoch hörte, wie kleine Schuhe über den Boden hüpf hüpf hüpften, da musste Kai doch aufschauen. Er grinste als er sah, wie fröhlich das Mädchen war. Und sogar die Mutter konnte nicht anders, als zu lächeln.
      "Ich glaube, du hast einen neuen Fan", kommentierte Isaac.
      Kai schüttelte den Kopf. "Nicht ich. Dass ich das gemalt hab, ist egal. Wichtig ist, dass es da ist. Guck." Er deutete auf die Mutter. "Das ist Steph. Sie wohnt oben im vierten Stock. Sie ist alleinerziehend und arbeitet zwei Jobs. Alles für die kleine Charlie. Und das Einzige, was sie wirklich glücklich macht, ist wenn Charlie fröhlich ist."
      Das Mädchen hüpfte noch ein paarmal vor und zurück auf dem Gehweg. Ihre Mutter nutzte den Moment der Ablenkung, um ihren Briefkasten zu lehren. Und dann sah sie einfach nur ihrer Tochter dabei zu, wie sie Spaß hatte. Und Kai beobachtete, wie seine kleine Zeichnung auf dem Gehweg, zwei Menschen den Tag versüßte. Das war es, wofür er malte. Nicht der Ruhm oder so ein Quatsch. Das Lächeln eines Kindes. Die Freude einer übermüdeten Mutter. Er brauchte keine Anerkennung für seine Arbeit, solange er hin und wieder so etwas sehen durfte.
      Steph sammelte ihre Tochter schließlich wieder ein, die den ganzen Weg zum Aufzug fröhlich ein Lied aus irgendeinem Disney Film trällerte. Beide lächelten, also lächelte auch Kai. Sobald die beiden außer Sicht waren, wandte er sich wieder seiner Seite voller Igel zu.
      "Schonmal Hüpfkästchen gespielt?" fragte er Isaac. Vielleicht konnte er dem steifen Soldaten ja ein bisschen Kindheitsfreude zurückgeben?
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      "Das ist Steph. Sie wohnt oben im vierten Stock. Sie ist alleinerziehend und arbeitet zwei Jobs. Alles für die kleine Charlie. Und das Einzige, was sie wirklich glücklich macht, ist wenn Charlie fröhlich ist."
      Steph also. Es überraschte Isaac gar nicht, dass er Steph nicht kannte - er kannte hier niemanden, aber Kai, der war wohl schon gut herum gekommen. Das war auch gar nicht verwunderlich mit seiner offenen Art. Isaac konnte sich sehr lebhaft vorstellen, wie Steph und Charlie Kai über den Weg liefen und Kai eine fröhliche Bemerkung von sich gab. Kai musste man einfach sofort lieben, wenn man mit ihm sprach. ... Natürlich nicht lieben lieben, aber eben mögen. Kai war einfach in jeglicher Hinsicht ein toller Mensch, das war alles. Nicht, dass man ihn nicht auch lieben könnte, nur eben -
      Egal.
      Sie beide sahen zu, wie Mutter und Tochter ins Haus gingen.
      "Das ist sehr vorbildlich, dass du es deswegen machst. Passt zu dir", sagte Isaac. Und das meinte er so.
      Kurz sah er auf den Igel hinab, den Kai gemalt hatte. Er trug ulkige, große Socken und ein breites Grinsen. Es war ein süßes Bild.
      "Schonmal Hüpfkästchen gespielt?", fragte Kai unschuldig.
      "Ja, als ich sechs war, bestimmt."
      Isaac sah Kai stirnrunzelnd an.
      "Du willst doch nicht selber Hüpfkästchen spielen, oder? Solltest du dich nicht... wie ein erwachsener Mann benehmen oder sowas?"
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      "Du willst doch nicht selber Hüpfkästchen spielen, oder? Solltest du dich nicht... wie ein erwachsener Mann benehmen oder sowas?"
      "SoLlTeSt Du DiCh NiChT wIe EiN eRwAcHsEnEr MaNn BeNeHmEn?" äffte Kai eine sehr viel langweiligere und dümmere Variante von Isaac nach. Er hasste dieses Argument.
      "Was ist denn 'erwachsen', hm? Es gibt kein Gesetz, dass es dir verbietet, Hüpfkästchen zu spielen. Dir ein Happy Meal wegen dem kleinen Spielzeug zu bestellen. Nur weil du plötzlich volljährig bist, musst du doch nicht deine Freude an der Tür abgeben und langweilig werden."
      Kai warf sein Skizzenbuch zur Seite und sprang auf. Er reichte Isaac nicht die Hand, er zerrte ihn einfach auf die Füße und zurück zum Eingang des Hauses. Er schnappte sich unterwegs einen kleinen Stein und warf ihn auf das Hüpfkästchenfeld, das er gemalt hatte.
      "Sei kindisch," meinte er. "Macht dein inneres Kind glücklich. Und wenn Baby-Isaac glücklich ist, dann ist der langweilige Erwachsenen-Isaac auch glücklich."
      Mit diesen Worten hüpfte Kai über das Feld und vollführte eine perfekte Runde Hüpfkästchen. War es schwer? Nein. Aber es machte Spaß.