Der Morgen konnte ihm gar nicht schnell genug vorbei sein. Vincent hatte sich dagegen entschlossen, sich zum Sonnenaufgang von seiner Natur übermannen zu lassen, und war stattdessen wachgeblieben. Das war schlicht einfacher, nachdem er und Thomas jedes Bisschen Dunkelheit ausgenutzt hatten. Naja, beinahe jedes Bisschen. Thomas hatte ein Nickerchen abbekommen in der Stunde, in der sich die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont gekämpft hatten. Vincent hatte im Bett gesessen, an das Kopfteil gelehnt, und Thomas hatte leise in seinem Schoß geschnarcht. Er hatte dem Mann sanft durch die Haare gestrichen während er ein Gähnen nach dem anderen bekämpfen musste.
Während Thomas, sich im Badezimmer zurecht machte, würgte Vincent sein Frühstück herunter, bevor er sein Jackett überwarf. Er trug einen geradezu legeren Anzug, auch wenn das Kleidungsstück noch immer von bester Qualität war und wahrscheinlich weitaus teurer, als die Alltags- oder Reisekleidung seiner Gäste. Allerdings gab er sich keine Mühe mit seinen Haaren oder mit seiner Mimik. Seine Rolle für diesen Morgen: der übermüdete Lord, der seine Gäste verabschiedete und sich dem nachfolgenden Frieden herbeisehnte. Angesichts der Tatsache, dass er tatsächlich unendlich müde war, keine allzu schwere Aufgabe.
Lord Harker gab sich widerwillig und musste ausgerechnet von seinem Leibarzt dazu gebracht werden, sich brav neben der Tür zu postieren und eine Hand nach der anderen zu schütteln.
"Falls es dich tröstet," meinte er zu Thomas, nachdem Ophelia von dannen gezogen war und sie ein paar Sekunden für sich hatten. "Dann könnten wir auch Dominik fragen. Als Krieger der Kreuzzüge hat er sicherlich auch genug geistlichen Einfluss."
Er stieß Thomas freundschaftlich mit dem Ellenbogen an, dann musste er auch schon die nächste Hand schütteln und sich lächelnd von irgendeinem reichen Fatzken verabschieden.
Als Darcy vorbeikam für ihre kleine Show, da platzte Vincent der Hemdkragen. Er ließ sie plappern, doch als sie seine Hand ergriff, da langte er ein bisschen fester zu. Nicht viel, nur um ihr klar zu machen, dass sie ihn zum letzten Mal beleidigt hatte. Er zog sie auch einen halben Schritt näher zu sich, seine Miene noch immer freundlich.
"Ich kann tun und lassen, was ich will, Darcy. Wenn ich nach Manchester will, dann gehe ich nach Manchester. Es ist Ihr Glück, dass es dort absolut nichts gibt, was mein Interesse in den nächsten einhundert Jahren wecken könnte. Und im Gegensatz zu Ihrem Auftreten fand ich diesen Antrag äußerst geschmackvoll. Wenn Sie jetzt die Güte hätten, mein Anwesen zu verlassen und sich nie wieder in meiner Gegenwart aufzuhalten, wäre uns damit beiden gedient. Grüße auch an Ihren Bruder. Ich hoffe, Sie beide finden jemanden, der bereit ist, um sie zu trauern, wenn sie tot sind."
Vincent ließ Darcys Hand los und lächelte unschuldig. Der Strom an Gästen brach nicht ab, was die Frau dazu zwang, zu gehen. Vincent fühlte sich überraschend erleichtert, das endlich hinter sich zu haben. Er hätte noch sehr viel mehr sagen können, aber das, was er gesagt hatte, reichte ihm.
Eine Stunde später schlossen Esther und Nora die Türen zu Harker Heights und Vincent warf sich nörgelnd in Thomas Arme.
"Ich will ins Bett und den ganzen Winter durchschlafen!" verkündete er.
Am Ende schlief er nur bis zum Sonnenuntergang. Denn Vincent hatte einen sehr aufregenden Winter vor sich.
Er hatte sich nie damit beschäftigt, was alles in eine Hochzeit ging, da er nie erwartet hatte, einmal zu heiraten. Doch genau damit beschäftigte sich Vincent in den nächsten Wochen Nacht für Nacht. Ein Haufen Fragen mussten beantwortet werden und manchmal glaubte er, er ging Thomas damit auf die Nerven. Aber dann gab es auch Momente wie den, als sie einen Haufen an Backwaren von einem Dutzend verschiedener Konditoren probierten und am Ende vollgefressen im Zuckerrausch vor sich hin kicherten.
Thomas sträubte sich jedes Mal, wenn Vincent ihre Anzüge ansprach. Der Mann würde sich wohl nie daran gewöhnen, dass Vincent nicht einfach Kleidung von der Stange kaufte. Schlussendlich schaffte er es, einen Maßanzug rauszuhandeln, musste sich aber mit einem klassischen schwarz-weißen Stück zufriedengeben. Vincent nahm es sich heraus, Thomas ein paar ordentliche Manschettenknöpfe mit seinen Initialen anfertigen zu lassen, die zu dem Anzug passten.
Selbst über die Örtlichkeit mussten sie sich die Köpfe zerbrechen. Harker Heights war natürlich eine Möglichkeit, aber irgendwie war ihnen das nicht zu besonders genug - immerhin lebten sie hier. Das Anwesen in London war zu klein, beschloss Vincent und schlug stattdessen sein Familienanwesen in Frankreich vor. Groß, vielleicht ein bisschen altmodisch, aber privat genug, um die Hochzeit zweier Männer in dieser ach so modernen Welt zu feiern. Vincent argumentierte, dass sie von dort aus Flitterwochen in Frankreich oder dem ganzen Rest von Europa machen könnten. Und dass ihnen niemand dazwischenfunken würde, wenn sie so weit weg waren.
Die einzige Frage, die sich schnell klären ließ, war die nach der Person, die sie beide trauen würde. Nach ein bisschen Hin und Her einigten sie sich einfach darauf, sowohl Ophelia als auch Dominik dafür zu berufen. Sowohl Ophelia als auch Dominik stimmten zu, sobald sie die Nachricht erreichte.
Im Januar reisten Thomas und Vincent dann nach Frankreich, zusammen mit dem Großteil ihres Hausstandes. Die Hochzeit war für Anfang Februar angesetzt, wenn die Nächte noch angenehm lang waren.
Vincent wurde ein bisschen nostalgisch, als er in seine zweite Heimat zurückkehrte. Er nahm Thomas mit auf lange Spaziergänge und erzählte ihm von seiner Kindheit, nachdem sein Vater ihn hier bei seiner Familie abgeladen hatte. Er erzählte davon, wie schwer es anfangs gewesen war, sich zurechtzufinden, weil er die Sprache kaum sprach. Er erzählte davon, wie er hier zum ersten Mal glücklich war, nachdem er seine Mutter verloren hatte. Vincent ließ nichts aus, berichtete von den guten und den schlechten Zeiten. Den Spaß, den er mit seinem Cousin gehabt hatte. Wie sehr ihn die Perücken immer genervt hatten. Wie er Vlad kennengelernt hatte. Wie er seiner Familie beim Sterben hatte zusehen müssen. Thomas hörte zu, hörte immer nur zu. Bei dem letzten Punkt verfielen sie beide in Schweigen, denn sie wussten beide, wie es sich anfühlte.
Zwei Wochen dauerten die Vorbereitungen für ihre Hochzeit, obwohl sie nur in kleinem Rahmen abgehalten wurde. Vincent wollte einfach, dass alles perfekt war - sowohl für sich selbst, als auch für Thomas. Mit entsprechendem Elan stürzte er sich in die Planung.
Und dann war es soweit. Anfang Februar standen er und Thomas in ihren maßgeschneiderten Anzügen vor versammelter Gesellschaft und grinsten sich nervös an, während Ophelia lange Reden schwang, die Dominik auf das Essenzielle runterbrach, um sie auf Kurs zu halten. Sie standen da und schwangen selbst Reden, während Nora, Esther, Eric, Simon und all die anderen sie angrinsten. Selbst der kleine Stuart trug einen kleinen Anzug und gluckste vor sich hin.
"Vincent Gabriel Caley, willst du diesen Mann hier," Dominik deutete auf Thomas, "lieben und achten und ihm die Treue halten alle Tage seines Lebens?"
Vincent grinste breit, als er nickte und sagte: "Ja, das will ich."
Thomas steckte ihm den Ring an.
"Thomas Van Helsing, willst du diesen Mann hier," Dominik deutete nun auf Vincent, "lieben und achten und ihm die Treue halten bis ans Ende deiner Tage?"
Dominik hatte den Text ohne groß darüber nachdenken zu müssen and ihre Situation angepasst, was Vincent für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachdenken ließ, wie viele solcher ungleichen Eheschließungen der Mann wohl schon durchgeführt haben mochte. Doch dann stimmte auch Thomas zu und zerrte seine Aufmerksamkeit wieder auf die aktuelle Situation.
"Ja, ich will," sagte Thomas nervös, aber mit fester Stimme und Vincent steckte ihm seinerseits einen Ring an.
"Dann will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden," Dominik schielte zu Ophelia, "und erkläre euch hiermit zu Ehemann und Ehemann, bis dass der Tod euch scheidet. Ihr dürft euch jetzt küssen."
Vincent grinste breit, wartete aber darauf, dass Thomas den ersten Schritt machte, da er wusste, wie der Mann über eine öffentliche Zurschaustellung ihrer Liebe fühlte. Als sich der Mann also vorlehnte, kam Vincent ihm sofort entgegen und küsste ihn mit jedem bisschen Liebe, das er in seinem Körper finden konnte.
"Wie Platon schon einst sagte: Die Liebe ist ein Fest, es muss nicht nur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden," verkündete Ophelia, und entließ damit das frischgebackene Ehepaar.
Vincent ergriff Thomas' Hand und ging mit ihm zwischen den Stuhlreihen der Gäste entlang, begleitet von lautem Applaus. Er konnte es kaum glauben: er war verheiratet!
Sie feierten ihre Hochzeit bis zum Morgengrauen. Und in der darauffolgenden Nacht gleich noch einmal. Vincent starrte regelmäßig seine Hand an, den glänzenden Ring daran. Und wenn er nicht seinen anstarrte, dann den an Thomas' Finger. Er hatte für sie beide auch dezente Halsketten anfertigen lassen für solche Situationen, in denen sie die Ringe nicht offen tragen konnten. Das war ihnen beiden lieber gewesen, als unterschiedliche Ringe und erfundene Ehefrauen zu haben.
Ein paar Tage nach der Hochzeit verließen sie das Anwesen in Frankreich und begannen mit ihrer Rundreise durch Europa. Sie fingen mit Paris an, arbeiteten sich dann Osten vor mit Stops in den Niederlanden, Belgien, und Deutschland, bevor sie nach Süden gingen um Österreich und Italien zu besuchen. Gerade in Italien verbrachten sie einiges an Zeit, damit sich Thomas neben all der Kunst auch noch so ziemlich jede Kirche ansehen konnte, die ihnen über den Weg lief. Allein in Florenz waren das ungefähr 90. Von Italian aus ging es dann wieder zurück nach Westen durch den Süden Frankreichs, bis sie in Spanien ankamen. Auch da gab es einige Kirchen zu begutachten. Vincent, selbstverständlich, konnte es nicht lassen, sich einige Bücher anzuschaffen. Allerdings blieb er brav und ließ sie alle gleich zurück zum Anwesen schicken, damit sie nicht irgendwann mit einer ganzen Karawane unterwegs waren.
Drei Monate waren sie auf Reisen. Drei Monate ließen sie es sich gut gehen. Manchmal blieben sie auch nur an einem Ort, weil Thomas seinen Jagdtrieb stillen musste, aber das passierte überraschend selten. Das Reisen an sich schien ihn genug zu beschäftigen. Vincent hatte sich selbst geschworen, Thomas nichts mehr über seine vampirische Seite zu verschweigen. Er sagte Bescheid, wenn er Hunger hatte, wenn ihm das Zahnfleisch weh tat, wenn er einmal mehr nach Thomas' Blut sehnte. Er sagte Thomas, an welchen Abenden das Schweineblut unerträglich war und and welchen es ging. Thomas schien dieses Versprechen ebenfalls zu ehren und sagte seinerseits Bescheid, wann ihn der Jagdtrieb packte, wann er sich unwohl in der Nähe von Vincents animalischerer Seite fühlte. Es gab keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen, weswegen er Thomas auch irgendwann davon erzählte, wie sich sein inneres Monster als Vlad manifestiert hatte, nachdem er aus dem Keller gekommen war - aber auch, wie diese Manifestierung verschwunden war, als sich Vincent endlich ein für alle Mal von Vlad und dessen zweihundert Jahre alten Lehren losgesagt hatte.
Nach drei Monaten kehrten sie zurück zum Anwesen in Frankreich, doch dort hielt es sie nur so lange wie sie brauchten, um ihre Sachen wieder zusammenzupacken. Sie wollten nach England zurück, also gingen sie auch zurück nach England. Es war Zeit, dass sie sich ihr Leben dort aufbauten. Und genau das taten sie auch.
So turbulent ihr erstes gemeinsames Jahr auch gewesen war, so friedlich wurde das zweite, dritte, vierte. Alle ihre Jahre wurden friedlich. All Hallow's Eve wurde zu einer neuen Tradition: während all die Gäste durch die Nacht tanzten, bemerkte niemand, wie zwei maskierte Männer ihr eigenes, kleines Jubiläum feierten. Sie fanden ihren Rhythmus, tanzten gemeinsam durch ihr Leben. Die Welt änderte sich, Gesichter kamen und gingen. Simon und Esther zogen irgendwann aus, um sich ihr eigenes Leben aufzubauen - die beiden waren praktisch zu Van Helsings geworden: Esther hatte genug über Hexenkunst von Nora gelernt und Simon genug über die Jagd von Thomas, dass die beiden nun auf eigenen Beinen stehen konnten. Der kleine Stuart wurde größer und größer, bis man ihn Big Stuart nannte. Vincent sorgte dafür, dass er eine ordentliche Ausbildung bekam, was ihn schlussendlich nach Cambridge führte, um Medizin zu studieren - auf dieser Junge wollte in Thomas' Fußstapfen treten. Vincent adoptierte immer noch misshandeltes Hauspersonal, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte. Auf ihre eigene Weise ersetzten all diese jungen, geschundenen Seelen die Kinder, die Thomas und Vincent nie haben konnten. Sie kümmerten sich gemeinsam um jeden einzelnen dieser Streuner voller Hingebung und Liebe, gaben ihnen ein ordentliches Leben, ein Heim und nicht nur ein Dach über den Kopf, Chancen. Ihre Familie wurde mit jedem Jahr größer.
Natürlich war nicht alles wundervoll, sie hatten auch ihre schlechten Tage. Aber sie alle wurden von guten Tagen abgelöst. Gute Tage, schlechte Tage, das spielte keine Rolle. Denn sie hatten einander und sie waren glücklich. Nichts spielte eine Rolle, solange sie am Abend oder am Morgen gemeinsam aufwachten.
Sie hatten ein gutes Leben.
Während Thomas, sich im Badezimmer zurecht machte, würgte Vincent sein Frühstück herunter, bevor er sein Jackett überwarf. Er trug einen geradezu legeren Anzug, auch wenn das Kleidungsstück noch immer von bester Qualität war und wahrscheinlich weitaus teurer, als die Alltags- oder Reisekleidung seiner Gäste. Allerdings gab er sich keine Mühe mit seinen Haaren oder mit seiner Mimik. Seine Rolle für diesen Morgen: der übermüdete Lord, der seine Gäste verabschiedete und sich dem nachfolgenden Frieden herbeisehnte. Angesichts der Tatsache, dass er tatsächlich unendlich müde war, keine allzu schwere Aufgabe.
Lord Harker gab sich widerwillig und musste ausgerechnet von seinem Leibarzt dazu gebracht werden, sich brav neben der Tür zu postieren und eine Hand nach der anderen zu schütteln.
"Falls es dich tröstet," meinte er zu Thomas, nachdem Ophelia von dannen gezogen war und sie ein paar Sekunden für sich hatten. "Dann könnten wir auch Dominik fragen. Als Krieger der Kreuzzüge hat er sicherlich auch genug geistlichen Einfluss."
Er stieß Thomas freundschaftlich mit dem Ellenbogen an, dann musste er auch schon die nächste Hand schütteln und sich lächelnd von irgendeinem reichen Fatzken verabschieden.
Als Darcy vorbeikam für ihre kleine Show, da platzte Vincent der Hemdkragen. Er ließ sie plappern, doch als sie seine Hand ergriff, da langte er ein bisschen fester zu. Nicht viel, nur um ihr klar zu machen, dass sie ihn zum letzten Mal beleidigt hatte. Er zog sie auch einen halben Schritt näher zu sich, seine Miene noch immer freundlich.
"Ich kann tun und lassen, was ich will, Darcy. Wenn ich nach Manchester will, dann gehe ich nach Manchester. Es ist Ihr Glück, dass es dort absolut nichts gibt, was mein Interesse in den nächsten einhundert Jahren wecken könnte. Und im Gegensatz zu Ihrem Auftreten fand ich diesen Antrag äußerst geschmackvoll. Wenn Sie jetzt die Güte hätten, mein Anwesen zu verlassen und sich nie wieder in meiner Gegenwart aufzuhalten, wäre uns damit beiden gedient. Grüße auch an Ihren Bruder. Ich hoffe, Sie beide finden jemanden, der bereit ist, um sie zu trauern, wenn sie tot sind."
Vincent ließ Darcys Hand los und lächelte unschuldig. Der Strom an Gästen brach nicht ab, was die Frau dazu zwang, zu gehen. Vincent fühlte sich überraschend erleichtert, das endlich hinter sich zu haben. Er hätte noch sehr viel mehr sagen können, aber das, was er gesagt hatte, reichte ihm.
Eine Stunde später schlossen Esther und Nora die Türen zu Harker Heights und Vincent warf sich nörgelnd in Thomas Arme.
"Ich will ins Bett und den ganzen Winter durchschlafen!" verkündete er.
Am Ende schlief er nur bis zum Sonnenuntergang. Denn Vincent hatte einen sehr aufregenden Winter vor sich.
Er hatte sich nie damit beschäftigt, was alles in eine Hochzeit ging, da er nie erwartet hatte, einmal zu heiraten. Doch genau damit beschäftigte sich Vincent in den nächsten Wochen Nacht für Nacht. Ein Haufen Fragen mussten beantwortet werden und manchmal glaubte er, er ging Thomas damit auf die Nerven. Aber dann gab es auch Momente wie den, als sie einen Haufen an Backwaren von einem Dutzend verschiedener Konditoren probierten und am Ende vollgefressen im Zuckerrausch vor sich hin kicherten.
Thomas sträubte sich jedes Mal, wenn Vincent ihre Anzüge ansprach. Der Mann würde sich wohl nie daran gewöhnen, dass Vincent nicht einfach Kleidung von der Stange kaufte. Schlussendlich schaffte er es, einen Maßanzug rauszuhandeln, musste sich aber mit einem klassischen schwarz-weißen Stück zufriedengeben. Vincent nahm es sich heraus, Thomas ein paar ordentliche Manschettenknöpfe mit seinen Initialen anfertigen zu lassen, die zu dem Anzug passten.
Selbst über die Örtlichkeit mussten sie sich die Köpfe zerbrechen. Harker Heights war natürlich eine Möglichkeit, aber irgendwie war ihnen das nicht zu besonders genug - immerhin lebten sie hier. Das Anwesen in London war zu klein, beschloss Vincent und schlug stattdessen sein Familienanwesen in Frankreich vor. Groß, vielleicht ein bisschen altmodisch, aber privat genug, um die Hochzeit zweier Männer in dieser ach so modernen Welt zu feiern. Vincent argumentierte, dass sie von dort aus Flitterwochen in Frankreich oder dem ganzen Rest von Europa machen könnten. Und dass ihnen niemand dazwischenfunken würde, wenn sie so weit weg waren.
Die einzige Frage, die sich schnell klären ließ, war die nach der Person, die sie beide trauen würde. Nach ein bisschen Hin und Her einigten sie sich einfach darauf, sowohl Ophelia als auch Dominik dafür zu berufen. Sowohl Ophelia als auch Dominik stimmten zu, sobald sie die Nachricht erreichte.
Im Januar reisten Thomas und Vincent dann nach Frankreich, zusammen mit dem Großteil ihres Hausstandes. Die Hochzeit war für Anfang Februar angesetzt, wenn die Nächte noch angenehm lang waren.
Vincent wurde ein bisschen nostalgisch, als er in seine zweite Heimat zurückkehrte. Er nahm Thomas mit auf lange Spaziergänge und erzählte ihm von seiner Kindheit, nachdem sein Vater ihn hier bei seiner Familie abgeladen hatte. Er erzählte davon, wie schwer es anfangs gewesen war, sich zurechtzufinden, weil er die Sprache kaum sprach. Er erzählte davon, wie er hier zum ersten Mal glücklich war, nachdem er seine Mutter verloren hatte. Vincent ließ nichts aus, berichtete von den guten und den schlechten Zeiten. Den Spaß, den er mit seinem Cousin gehabt hatte. Wie sehr ihn die Perücken immer genervt hatten. Wie er Vlad kennengelernt hatte. Wie er seiner Familie beim Sterben hatte zusehen müssen. Thomas hörte zu, hörte immer nur zu. Bei dem letzten Punkt verfielen sie beide in Schweigen, denn sie wussten beide, wie es sich anfühlte.
Zwei Wochen dauerten die Vorbereitungen für ihre Hochzeit, obwohl sie nur in kleinem Rahmen abgehalten wurde. Vincent wollte einfach, dass alles perfekt war - sowohl für sich selbst, als auch für Thomas. Mit entsprechendem Elan stürzte er sich in die Planung.
Und dann war es soweit. Anfang Februar standen er und Thomas in ihren maßgeschneiderten Anzügen vor versammelter Gesellschaft und grinsten sich nervös an, während Ophelia lange Reden schwang, die Dominik auf das Essenzielle runterbrach, um sie auf Kurs zu halten. Sie standen da und schwangen selbst Reden, während Nora, Esther, Eric, Simon und all die anderen sie angrinsten. Selbst der kleine Stuart trug einen kleinen Anzug und gluckste vor sich hin.
"Vincent Gabriel Caley, willst du diesen Mann hier," Dominik deutete auf Thomas, "lieben und achten und ihm die Treue halten alle Tage seines Lebens?"
Vincent grinste breit, als er nickte und sagte: "Ja, das will ich."
Thomas steckte ihm den Ring an.
"Thomas Van Helsing, willst du diesen Mann hier," Dominik deutete nun auf Vincent, "lieben und achten und ihm die Treue halten bis ans Ende deiner Tage?"
Dominik hatte den Text ohne groß darüber nachdenken zu müssen and ihre Situation angepasst, was Vincent für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachdenken ließ, wie viele solcher ungleichen Eheschließungen der Mann wohl schon durchgeführt haben mochte. Doch dann stimmte auch Thomas zu und zerrte seine Aufmerksamkeit wieder auf die aktuelle Situation.
"Ja, ich will," sagte Thomas nervös, aber mit fester Stimme und Vincent steckte ihm seinerseits einen Ring an.
"Dann will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden," Dominik schielte zu Ophelia, "und erkläre euch hiermit zu Ehemann und Ehemann, bis dass der Tod euch scheidet. Ihr dürft euch jetzt küssen."
Vincent grinste breit, wartete aber darauf, dass Thomas den ersten Schritt machte, da er wusste, wie der Mann über eine öffentliche Zurschaustellung ihrer Liebe fühlte. Als sich der Mann also vorlehnte, kam Vincent ihm sofort entgegen und küsste ihn mit jedem bisschen Liebe, das er in seinem Körper finden konnte.
"Wie Platon schon einst sagte: Die Liebe ist ein Fest, es muss nicht nur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden," verkündete Ophelia, und entließ damit das frischgebackene Ehepaar.
Vincent ergriff Thomas' Hand und ging mit ihm zwischen den Stuhlreihen der Gäste entlang, begleitet von lautem Applaus. Er konnte es kaum glauben: er war verheiratet!
Sie feierten ihre Hochzeit bis zum Morgengrauen. Und in der darauffolgenden Nacht gleich noch einmal. Vincent starrte regelmäßig seine Hand an, den glänzenden Ring daran. Und wenn er nicht seinen anstarrte, dann den an Thomas' Finger. Er hatte für sie beide auch dezente Halsketten anfertigen lassen für solche Situationen, in denen sie die Ringe nicht offen tragen konnten. Das war ihnen beiden lieber gewesen, als unterschiedliche Ringe und erfundene Ehefrauen zu haben.
Ein paar Tage nach der Hochzeit verließen sie das Anwesen in Frankreich und begannen mit ihrer Rundreise durch Europa. Sie fingen mit Paris an, arbeiteten sich dann Osten vor mit Stops in den Niederlanden, Belgien, und Deutschland, bevor sie nach Süden gingen um Österreich und Italien zu besuchen. Gerade in Italien verbrachten sie einiges an Zeit, damit sich Thomas neben all der Kunst auch noch so ziemlich jede Kirche ansehen konnte, die ihnen über den Weg lief. Allein in Florenz waren das ungefähr 90. Von Italian aus ging es dann wieder zurück nach Westen durch den Süden Frankreichs, bis sie in Spanien ankamen. Auch da gab es einige Kirchen zu begutachten. Vincent, selbstverständlich, konnte es nicht lassen, sich einige Bücher anzuschaffen. Allerdings blieb er brav und ließ sie alle gleich zurück zum Anwesen schicken, damit sie nicht irgendwann mit einer ganzen Karawane unterwegs waren.
Drei Monate waren sie auf Reisen. Drei Monate ließen sie es sich gut gehen. Manchmal blieben sie auch nur an einem Ort, weil Thomas seinen Jagdtrieb stillen musste, aber das passierte überraschend selten. Das Reisen an sich schien ihn genug zu beschäftigen. Vincent hatte sich selbst geschworen, Thomas nichts mehr über seine vampirische Seite zu verschweigen. Er sagte Bescheid, wenn er Hunger hatte, wenn ihm das Zahnfleisch weh tat, wenn er einmal mehr nach Thomas' Blut sehnte. Er sagte Thomas, an welchen Abenden das Schweineblut unerträglich war und and welchen es ging. Thomas schien dieses Versprechen ebenfalls zu ehren und sagte seinerseits Bescheid, wann ihn der Jagdtrieb packte, wann er sich unwohl in der Nähe von Vincents animalischerer Seite fühlte. Es gab keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen, weswegen er Thomas auch irgendwann davon erzählte, wie sich sein inneres Monster als Vlad manifestiert hatte, nachdem er aus dem Keller gekommen war - aber auch, wie diese Manifestierung verschwunden war, als sich Vincent endlich ein für alle Mal von Vlad und dessen zweihundert Jahre alten Lehren losgesagt hatte.
Nach drei Monaten kehrten sie zurück zum Anwesen in Frankreich, doch dort hielt es sie nur so lange wie sie brauchten, um ihre Sachen wieder zusammenzupacken. Sie wollten nach England zurück, also gingen sie auch zurück nach England. Es war Zeit, dass sie sich ihr Leben dort aufbauten. Und genau das taten sie auch.
So turbulent ihr erstes gemeinsames Jahr auch gewesen war, so friedlich wurde das zweite, dritte, vierte. Alle ihre Jahre wurden friedlich. All Hallow's Eve wurde zu einer neuen Tradition: während all die Gäste durch die Nacht tanzten, bemerkte niemand, wie zwei maskierte Männer ihr eigenes, kleines Jubiläum feierten. Sie fanden ihren Rhythmus, tanzten gemeinsam durch ihr Leben. Die Welt änderte sich, Gesichter kamen und gingen. Simon und Esther zogen irgendwann aus, um sich ihr eigenes Leben aufzubauen - die beiden waren praktisch zu Van Helsings geworden: Esther hatte genug über Hexenkunst von Nora gelernt und Simon genug über die Jagd von Thomas, dass die beiden nun auf eigenen Beinen stehen konnten. Der kleine Stuart wurde größer und größer, bis man ihn Big Stuart nannte. Vincent sorgte dafür, dass er eine ordentliche Ausbildung bekam, was ihn schlussendlich nach Cambridge führte, um Medizin zu studieren - auf dieser Junge wollte in Thomas' Fußstapfen treten. Vincent adoptierte immer noch misshandeltes Hauspersonal, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte. Auf ihre eigene Weise ersetzten all diese jungen, geschundenen Seelen die Kinder, die Thomas und Vincent nie haben konnten. Sie kümmerten sich gemeinsam um jeden einzelnen dieser Streuner voller Hingebung und Liebe, gaben ihnen ein ordentliches Leben, ein Heim und nicht nur ein Dach über den Kopf, Chancen. Ihre Familie wurde mit jedem Jahr größer.
Natürlich war nicht alles wundervoll, sie hatten auch ihre schlechten Tage. Aber sie alle wurden von guten Tagen abgelöst. Gute Tage, schlechte Tage, das spielte keine Rolle. Denn sie hatten einander und sie waren glücklich. Nichts spielte eine Rolle, solange sie am Abend oder am Morgen gemeinsam aufwachten.
Sie hatten ein gutes Leben.
The End

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