The Dark Side of Desire: Echoes of a Forgotten Legacy [Michiyo & Chocki]

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    • The Dark Side of Desire: Echoes of a Forgotten Legacy [Michiyo & Chocki]


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      Shin stand am Fenster seines bescheidenen Apartments und blickte auf die stillen Straßen hinunter, die im sanften Schein der Straßenlaternen badeten. Heute war sein 25. Geburtstag, ein Tag, der für viele ein Grund zum Feiern wäre, für Shin jedoch war er ein Tag wie jeder andere. Er empfand weder Freude noch besondere Erregung bei dem Gedanken an das Älterwerden. Stattdessen fühlte er eine ruhige, fast melancholische Reflexion über das vergangene Jahr.
      Das Zimmer um ihn herum war schlicht eingerichtet, mit einem kleinen Bücherregal, das bis zum Rand mit alten Werken gefüllt war, einem abgenutzten, aber bequemen Sessel und einem kleinen Schreibtisch, auf dem mehrere aufgeschlagene Bücher und Notizblöcke lagen. Das einzige Zeichen seines besonderen Tages war eine kleine, unverzierte Torte auf dem Küchentisch, ein Geschenk seiner Nachbarin, die sich jedes Jahr daran erinnerte. Shin hatte nie viel Wert auf Geburtstage gelegt. In seiner Kindheit waren sie stille Angelegenheiten gewesen, gekennzeichnet durch ein einfaches Abendessen und vielleicht ein kleines Geschenk. Als er älter wurde, zog er es vor, diesen Tag allein zu verbringen, in stiller Kontemplation oder vertieft in seine Studien. Große Partys, laute Musik und das überschwängliche Beisammensein, das viele mit Geburtstagen assoziierten, waren ihm fremd und unangenehm.
      Während er so da stand und in die Nacht hinausstarrte, klopfte es leise an seiner Tür. Er wusste sofort, dass es seine Freunde sein mussten, die erwartungsvoll kamen, um ihn für eine Feier abzuholen, die sie gegen seinen Willen organisiert hatten. Sie hatten es in den letzten Wochen mehrmals angedeutet, und obwohl er jedes Mal abgewiegelt hatte, wusste er, dass sie nicht so leicht aufgeben würden. Tief in seinem Inneren spürte er eine Mischung aus Dankbarkeit für ihre Hartnäckigkeit und Besorgnis darüber, was der Abend bringen würde. Mit einem leisen Seufzen trat Shin vom Fenster zurück und ging zur Tür. Er war bereit, sich ihren Plänen zu stellen, aber in seinem Herzen wünschte er sich nichts sehnlicher, als den Abend in Ruhe mit einem guten Buch zu verbringen. Als Shin die Tür öffnete, wurde er von den strahlenden Gesichtern seiner Freunde begrüßt. An vorderster Front stand Kenji, sein langjähriger Studienfreund, dessen Optimismus und Lebensfreude oft im krassen Gegensatz zu Shins zurückhaltender Natur standen. Neben ihm waren Hina und Yuto, zwei weitere enge Freunde aus seiner Studienzeit, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Shin aus seiner Komfortzone zu holen.

      "Herzlichen Glückwunsch, Shin!" rief Kenji aus, als er ihm einen festen, freundschaftlichen Schlag auf den Rücken gab. "Heute lassen wir es krachen! Du hast keine Chance, dich zu entziehen." Shin lächelte schwach. "Ihr wisst, dass Clubs nicht wirklich mein Ding sind," erwiderte er, seine Stimme von einem leisen Zögern durchdrungen. Hina trat vor, ihre Augen funkelten vor Überzeugung. "Wir wissen, dass du lieber einen ruhigen Abend hättest, Shin. Aber es ist dein Geburtstag, und wir wollen, dass du dich amüsierst. Manchmal ist eine kleine Veränderung gut, weißt du?" Yuto fügte hinzu, "Außerdem haben wir dafür gesorgt, dass es nicht zu wild wird. Es ist ein eher ruhiger Club, wir dachten, das könnte dir gefallen." Shin schaute in die erwartungsvollen Gesichter seiner Freunde und spürte, wie der Widerstand in ihm langsam nachließ. Er wusste, dass sie nur das Beste für ihn wollten und dass ihre Beharrlichkeit aus einer tiefen Zuneigung heraus geboren war. Trotz seiner Bedenken über das Unbekannte und seine natürliche Neigung, solche Situationen zu meiden, begann er, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Abend vielleicht doch nicht so schrecklich werden würde, wie er befürchtete.
      "Okay," sagte er schließlich, eine leichte Resignation in seiner Stimme. "Ich komme mit. Aber ich behalte mir das Recht vor, zu gehen, wenn es mir zu viel wird." Kenji lächelte triumphierend. "Das ist alles, was wir verlangen. Bereite dich vor, mein Freund. Heute Abend wird ein Abend, den du nicht so schnell vergessen wirst!" Während seine Freunde in die Wohnung traten, um ihm beim Fertigmachen zu helfen, konnte Shin nicht anders, als sich ein wenig von ihrer Aufregung anstecken zu lassen. Vielleicht, dachte er, könnte dieser Abend eine Gelegenheit sein, etwas Neues zu erleben, etwas außerhalb der Seiten seiner Bücher. Vielleicht konnte er sogar ein bisschen Spaß daran finden. Nachdem sich seine Freunde in Shins Apartment verteilt hatten, begann die Vorbereitung für den Abend. Kenji durchstöberte Shins Kleiderschrank, auf der Suche nach etwas, das er für "clubtauglich" hielt, während Hina sich daran machte, ein wenig Ordnung in Shins ungezähmte Haarpracht zu bringen. Yuto, der ruhigste des Trios, saß auf dem Sessel und unterhielt sich mit Shin über die neuesten Entwicklungen in ihren jeweiligen Studienfächern, eine angenehme Ablenkung von der nervösen Anspannung, die Shin zu spüren begann.
      "Du könntest wirklich mal ein paar neue Klamotten gebrauchen, Shin," scherzte Kenji, als er ein dunkelblaues Hemd und eine saubere Jeans herauszog. "Aber das hier wird reichen. Du wirst fantastisch aussehen." Hina lächelte zustimmend und gab Shin einen beruhigenden Klaps auf die Schulter. "Vertrau uns einfach, Shin. Du bist ein gutaussehender Kerl, du brauchst dich nicht zu verstecken." Mit sanften, aber bestimmten Bewegungen kämmte sie sein Haar, gab ihm eine Form, die irgendwo zwischen gepflegt und lässig lag. Shin, normalerweise nicht jemand, der viel Wert auf sein Äußeres legte, konnte nicht leugnen, dass es eine seltsame Befriedigung mit sich brachte, sich um sein Aussehen zu kümmern, wenn auch nur für eine Nacht. Als er sich schließlich im Spiegel betrachtete, musste er zugeben, dass die Veränderung angenehm war. Das blaue Hemd betonte die Tiefe seiner Augen, und die Jeans war bequem genug, um sich nicht eingeengt zu fühlen. Er fühlte sich immer noch wie er selbst, nur ein wenig... aufpoliert. "Siehst du, gar nicht so schlimm," sagte Yuto, als er aufstand und sich zu ihnen gesellte. "Jetzt lass uns losgehen, bevor der Abend vorbei ist!"

      Mit einem letzten, zögernden Blick aus dem Fenster nickte Shin schließlich. Die Nachtluft war kühl, als sie das Apartment verließen, und die Sterne funkelten klar am Himmel. Irgendwie fühlte sich alles surreal an – die Aufregung seiner Freunde, das leise Flattern in seinem Bauch, die Erwartung des Unbekannten. Er wusste, dass diese Nacht weit außerhalb seiner Komfortzone lag, aber zum ersten Mal seit langem empfand er eine leichte Neugier, vielleicht sogar Vorfreude auf das, was kommen würde. Die Fahrt zum Club verlief in einer Mischung aus gespannter Erwartung und leichter Heiterkeit. Kenji, der am Steuer saß, hatte die Musik aufgedreht, und die Beats erfüllten das Auto. Hina und Yuto sangen mit, während Shin still im Fond saß, die vorbeiziehenden Lichter der Stadt beobachtend. Die Gebäude wurden größer, die Straßen belebter, und die Nacht schien zum Leben zu erwachen, je näher sie ihrem Ziel kamen. Als sie schließlich vor dem Club hielten, spürte Shin, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Vor ihnen erhob sich ein imposantes Gebäude, dessen Fassade in wechselnden Lichtern getaucht war. Die Schlangen der Wartenden waren lang, und die Mischung aus verschiedenen Musikgenres, die aus dem Inneren drangen, schuf eine Atmosphäre, die zugleich einladend und einschüchternd wirkte. "Keine Panik, Shin," sagte Kenji, als er seine Reaktion bemerkte. "Es wird dir gefallen. Der Club hat mehrere Bereiche, es ist nicht überall so laut." Sie stiegen aus und gesellten sich zur Warteschlange. Shin fühlte sich fehl am Platz, umgeben von Menschen in glitzernder Kleidung und mit ausgelassenen Gesichtern. Er versuchte, sich auf die Unterhaltungen seiner Freunde zu konzentrieren, aber die laute Umgebung und das Gefühl der Enge ließen ihn innerlich zurückweichen. Als sie schließlich den Club betraten, wurde Shin von der Intensität der Eindrücke fast überwältigt. Das pulsierende Licht, der dröhnende Bass der Musik, das Stimmengewirr – all das schien ihn aus verschiedenen Richtungen anzuspringen. Er folgte seinen Freunden durch die Menschenmenge, sein Blick wanderte über die tanzenden Körper, die leuchtenden Bars und die gemütlicheren Sitzecken am Rand. In einer ruhigeren Ecke des Clubs fanden sie schließlich Platz. Shin ließ sich erleichtert auf eine Couch fallen und betrachtete die Szene vor ihm. Die Menschen schienen in ihrer eigenen Welt zu sein, verloren in der Musik, in den Gesprächen, in dem Moment. Trotz des anfänglichen Unbehagens begann Shin, die Energie des Ortes aufzunehmen. Es war eine Welt, die so anders war als die, in der er sich normalerweise bewegte, und doch faszinierte sie ihn auf eine Art und Weise, die er nicht ganz verstand.
      Kenji bestellte eine Runde Getränke, und während sie darauf warteten, begann Shin, sich langsam zu entspannen. Vielleicht, dachte er, war es nicht so schlimm, einmal aus seiner Routine auszubrechen. Vielleicht konnte er, nur für heute Nacht, ein Teil dieser glitzernden, lauten Welt sein. Im sanften Schein der Clubbeleuchtung, umgeben von dem lebhaften Treiben, begann Shin, sich langsam der neuen Umgebung anzupassen. Seine Freunde, die seine anfängliche Zurückhaltung bemerkten, bemühten sich, ihn in die Gespräche einzubeziehen, ihm Geschichten zu erzählen und Witze zu machen, um die Spannung zu lockern. Hina, die seine stille Natur verstand, lehnte sich zu ihm und fragte leise, wie es ihm ginge. Shin nickte und lächelte schwach. "Es ist anders, aber nicht unangenehm," gestand er. Sie nickte verständnisvoll und schlug vor, später am Abend vielleicht eine ruhigere Ecke des Clubs zu erkunden, um sich besser unterhalten zu können. Yuto, immer der Beobachter, bemerkte Shins Interesse an der Architektur des Clubs – die Mischung aus modernem Design und alten Elementen, die geschickt integriert waren. Sie diskutierten über die Geschichte des Gebäudes, was Shin sichtlich aufleben ließ. Es war ein Thema, in dem er sich wohlfühlte, und seine Augen leuchteten auf, als er die verschiedenen architektonischen Stile beschrieb, die er erkannte. Kenji hingegen war derjenige, der Shin immer wieder neckte und versuchte, ihn zum Tanzen zu überreden. "Komm schon, Shin, es ist dein Geburtstag! Du kannst nicht die ganze Nacht hier sitzen." Shin zögerte, schüttelte den Kopf und lachte über Kenjis übertriebene Tanzbewegungen. "Vielleicht später," antwortete er, halb im Scherz. Während sie dort saßen, die Musik im Hintergrund und die Kühle der Getränke in ihren Händen, fühlte sich Shin langsam wohler. Die anfängliche Überwältigung wich einem Gefühl der Neugier und einem Hauch von Vergnügen. Er beobachtete, wie Menschen um ihn herum lachten, tanzten und das Leben genossen. Es war ein schöner Anblick, und er begann, sich ein wenig mehr als Teil davon zu fühlen.

      Als die Stimmung im Club ihren Höhepunkt erreichte und die Musik und das Lachen immer lauter wurden, begann Shin, sich in Gedanken zu verlieren. Er dachte an seine Kindheit zurück, an die harten Jahre nach dem Tod seiner Eltern, als er auf den Straßen aufgewachsen war, an den Überlebenskampf und die Einsamkeit, die ihn geprägt hatten. Diese Erinnerungen waren ein scharfer Kontrast zu dem fröhlichen Treiben um ihn herum. Die Zeit mit Elise, die in einer Spirale des Drogenkonsums geendet hatte, war ein weiteres Kapitel seines Lebens, das er hinter sich gelassen hatte, aber nie ganz vergessen konnte. Diese Erfahrungen hatten ihn vorsichtig gemacht, hatten ihm gezeigt, wie schnell das Leben außer Kontrolle geraten konnte. Sie hatten ihn gelehrt, sich von Orten und Situationen fernzuhalten, die ihn an eine dunklere Zeit in seinem Leben erinnerten. Er sah sich im Club um, betrachtete die tanzenden, lachenden Menschen und spürte, wie sich ein Gefühl der Entfremdung in ihm ausbreitete. Trotz der Freude und des Spaßes, den seine Freunde hatten, und der leichten Entspannung, die er selbst empfunden hatte, konnte Shin nicht völlig loslassen. Die laute Musik, die flackernden Lichter, die fremden Gesichter – all das erinnerte ihn zu sehr an die chaotischen Nächte seiner Vergangenheit.
      "Ich brauche etwas Luft," murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinen Freunden, während er sich erhob. Ihre besorgten Blicke folgten ihm, als er sich seinen Weg durch die tanzende Menge bahnte, die sich wie eine lebendige Wand um ihn herum bewegte. Mit jeder Schritt nach draußen fühlte er, wie der Druck nachließ. Die kühle Nachtluft empfing ihn wie eine sanfte Umarmung, als er endlich die Tür des Clubs hinter sich ließ. Shin atmete tief ein, ließ die frische Luft seine Lungen füllen und schloss für einen Moment die Augen, um die Ruhe um sich herum zu genießen. Die Straßen waren ruhig, ein starker Kontrast zum Chaos im Inneren des Clubs. Shin lehnte sich gegen die kühle Mauer des Gebäudes und blickte in den nächtlichen Himmel. Die Sterne funkelten ruhig und erinnerten ihn an die unendlichen Möglichkeiten und Weiten, die das Leben zu bieten hatte. Für einen Moment erlaubte er sich, einfach nur zu sein, ohne den Druck, sich anpassen oder etwas Bestimmtes fühlen zu müssen. Als er dort stand, begann er, die Ereignisse des Abends zu reflektieren. Er dachte über seine Freunde nach, ihre guten Absichten und ihre unerschütterliche Unterstützung. Trotz seiner anfänglichen Widerwilligkeit schätzte er ihre Bemühungen, ihn in neue Erfahrungen einzuführen. Er erkannte, dass es manchmal notwendig war, die eigene Komfortzone zu verlassen, um zu wachsen, auch wenn es unangenehm sein konnte. Nach einigen Minuten der Ruhe fühlte sich Shin bereit, zu seinen Freunden zurückzukehren.

      Mit erneuerter Energie schob er sich von der Mauer ab und ging zurück zum Club. Er war entschlossen, den Abend nicht von seinen Ängsten diktieren zu lassen, sondern ihn so zu erleben, wie er kam – mit all seinen Höhen und Tiefen.
      "Control can sometimes be an illusion, but sometimes, you need an illusion to gain control."

    • Die kühle Abendbrise fegte durch die Stadt, während die Nacht die geschäftigen Straßen in ein sanftes Dämmerlicht hüllte. Der Mond hing hoch über den Wolken, ein weißer Schleier, der die Welt in ein schauriges Schweigen hüllte, und doch klingelte das wilde Leben in Amayas Ohren. Auf dem Balkon eines alten, imposanten Gebäudes, das hoch über dem regen Treiben stand, stützte die Vampirin ihre Arme auf das eisige Metall der Brüstung. Eingebettet zwischen den modernen Glasfassaden erhebte es sich wie ein Relikt aus einer vergessenen Epoche. Majestätisch steckten sich die Säulen in den Himmel, als wollten sie nach Halt greifen. Irgendetwas, was sie aus der Geschichte in die Gegenwart ziehen würde, während die ionischen Kapitelle eine Architektursprache längst vergangener Tage flüsterten. Das Erdgeschoss, Heimat des beliebtesten Clubs ihrer Gleichgesinnten, gefasst von Portalen und bewacht von steinernen Greifen, verlieh den großen, abgedunkelten Fenstern eine unheimliche Aura. Wie eine Festung ragte es in die Höhe, als würde es die Last der vielen Leben schultern, die einst seine Hallen durchquerten. Ein Funken Handwerkskunst, der im Kontrast zum urbanen Raum um ihn herum stand. Von hier oben wirkten die Menschen unten in den Gassen wie kleine, flüchtige Gestalten. Das Gewimmel zog vor ihren Augen vorbei, die vorbeifahrenden Autos, deren Lichter in der Dunkelheit wie Glühwürmchen in einer Sommernacht flackerten, glichen den Scheinwerfern im Club einige Etagen unter ihr. Der Wind trug die Laute der Stadt zu ihr hinauf, ein Gemisch aus Stimmen, Lachen und dem tiefen Bass der Musik, doch all dies schien gedämpft. Sanft in die Kälte gehüllt, strich die Luft zart über ihre Haut, ließ sie nicht frösteln, obwohl der dünne Stofffetzen eines Kleides mit seinen Spaghettiträgern nicht mal ihre Schultern bedeckte. Amaya rührte sich nicht. Es hatte etwas Beruhigendes an sich, die Passanten aus der Distanz zu betrachten und eine stille Beobachterin der Nacht zu sein. In all den Jahren hatte sie sich nie daran sattgesehen. Der Lärm, die Eile - es zog einfach an ihr vorbei, verfallen in eine erschreckend ruhige Trance. Nur sie, der Wind und die unendliche Weite des Sternenhimmels, als könne man die Lasten des Alltags für einen kurzen Augenblick abwerfen. Einfach nur sein, in dem Moment. Doch auch dieser war vergänglich, ein kurzlebiger Atemzug der Freiheit in der Unendlichkeit der Zeit. Ihre braunen Augen, die trotz des missenden Sonnenscheins wie Honigtöpfe glänzten, folgten dem Knall einer schweren stählernen Tür der gegenüberliegenden Straßenseite. Trotzdem war es nicht das Geräusch, dass die Aufmerksamkeit der vermeintlich jungen Dame gewann, es war der Mann, der sie zuvor geöffnet und hinter sich in die Angel hat fallen lassen. Aus der Ferne machte er keinen besonderen Anschein, wirkte schmächtig und der unruhige Takt seines Herzens ließ darauf schließen, dass er sich unter der feierwütigen Meute nicht sonderlich aufgehoben fühlte. Während um ihn herum die Gestalten wie kleine Ameisen durch die Passagen schnellten, taumelten und vor Trunkenheit strotzen, stach er wie eine Libelle, die sich versehentlich in eine Kolonne eingereiht hatte, hervor. Ein Hauch, der sich von den üblichen, fast unsichtbaren Düften abhob. Er war subtil, doch für ihre scharfen Sinne so reich und komplex, dass er fast greifbar schien. Es traf sie wie eine Welle, eine Mischung aus erdigem Moos nach einem Regenschauer und der Süße reifer Kirschen. Eine feine Note, die auf ein Blut hindeutete, das sie noch nie zuvor gekostet hatte. Amaya fühlte, wie die Sehnsucht in ihr aufstieg, eine Gier, die so alt war wie ihr vampirisches Dasein. Etwas an diesem Mann war anders, einzigartig, als trüge er die Essenz seltener Blumen, die nur unter dem Schein des Vollmonds blühten, in sich. Je mehr sie sich darauf fokussierte, erfüllte jeder Atemzug ihre Sinne, als würde der Duft nicht nur ihre Luft einnehmen, sondern auch die jahrhundertealten Säle hinter ihr nähren. Gerade wollte Amaya einen Blick hinter sich werfen, hinter die Wände, die ein Dutzend ihresgleichens verbargen, da spürte sie die feste Hand an ihrer Hüfte. Der schwere Körper, der sich von hinten an ihren schmiegte, nahm ihr jeglichen Raum zur Bewegung. Wie hatte er sich so unbemerkt nähern können? Ihre Aufmerksamkeit wanderte unweigerlich auf die kleine Libelle, die sogleich wieder hinter der stählernen Pforte verschwand, aus der sie so unerwartet erschienen war.

      “Mali.” hauchte er mit so viel Nachdruck, dass der wiederholte Ruf endlich zu ihrem Gehörgang drang. Einst ihr liebster Spitzname, hasste die Schwarzhaarige es, wenn er ihn aussprach, als würde er eine fremde Sprache sprechen. Es trug einen unnatürlichen Klang, als wenn er ihn in den Dreck gezogen und mit seinem schmutzigen Mundwerk verunreinigt hätte. Ihren Kopf leicht zu ihm geneigt, verharrte ihr Augenmerk auf der Tür, in der Hoffnung, das seltsame Wesen würde wieder hervorspringen oder plötzlich die Fähigkeit, durch Wände blicken zu können, ihre Sicht schärfen. Nichts von beidem trat ein und der aufdringliche Kuss auf ihrem Nacken war alles, was ihr als Trost blieb.

      Hinter den verdunkelten Scheiben verschwunden, drangen nur wenige Eindrücke der Außenwelt hindurch. Das Apartment thronte wie eine dunkle Krone über dem pulsierenden Herz des Clubs, ein Heiligtum der Schatten weit entfernt vom Puls des Nachtlebens. Seine Türen öffneten sich zu einem weiten Raum, in dem die Zeit stillzustehen schien. Schwere Samtvorhänge fielen in tiefen, blutroten Falten von den hohen Decken, dämpften die Geräusche des Clubs unten und hielten das lästige Mondlicht fern. Vallis wusste das Zeitgenössische zu schätzen, hielt aber dennoch stets an alten Traditionen fest. Wie bei jede seiner Wohnungen zuvor, waren die Wände mit altertümlichen Stickereien geschmückt, die Szenen der nächtlichen Jagd zeigten, während zwischen ihnen modernste Kunstwerke hingen. Ein bizarrer Kontrast, den Amaya vom ersten Tag als seltsam empfand. Ein großer Kamin, der nie zu rauchen schien, warf ein gespenstisches Leuchten auf die Gesichter der Anwesenden, seine Flammen tanzten im hypnotischen Rhythmus und warfen groteske Schatten an die Decke. Schwarze Ledersofas formten eine halbkreisförmige Sitzgruppe, während im Zentrum ein schwerer Eichentisch stand, poliert bis zum Glanz eines Sarges. Mit silbernen Weinkehlchen bestückt, hinterfragte niemand die Herkunft des rubinroten Getränks, mit dem sie gefüllt waren. Dieser Rückzugsort, hoch über dem Chaos der Stadt, lud nur die engsten Vertrauten des Elders ein und die dunkelhaarige Vampirin zählte - wenn auch ein Stück weit gegen ihren Willen - zu jenen Vertrauten. Mali war vor einiger Zeit zum Spielzeug des tausendjährigen geworden. Ihre Liaison begann wie ein Strohfeuer der Leidenschaft, das wie ein Funke hell aufflammte und ebenso rasch im Wind verwehte. Amaya war sich sicher, dass Vallis sie nur noch aus Gemütlichkeit und Stolz in seiner Nähe behielt und sie immer dann austauschte, wenn etwas Besseres in Sicht war. Gut so, wie sie empfand, da sie sich selbst aus den Fängen eines so mächtigen Artgenossen sich nicht zu befreien wusste. Wer würde schon wagen, dem Primogen den Rücken zu kehren? Sicherlich etwas, das mit dem Pfahl im Herzen bestraft wurde. Erneut zog die Berührung Vallis die Frau aus ihren verträumten Gedanken. Der Duft in ihrer Nase war nichts weiter als ein sanfter Hauch, der halb verflogen, trotzdem so unglaublich greifbar war und ihr die Konzentration raubte. Die Note tänzelte mit ihren Sinnen, dass Amaya kaum beurteilen konnte, ob es sich dabei um eine Fata Morgana handelte, oder der Geruch tatsächlich wie ein Lichtstrahl, der durch den kleinsten Spalt eines Vorhangs schlüpfte, einen Weg durch Wände fand. “Lass uns nach unten gehen.” Knurrte der Herr der Nacht in ihr Ohr, ehe er sie den dunklen Korridor hinab führte. Hinter den breiten Schultern des Rothaarigen zog Vallis die bekannte Mischung von einem Hauch Leder gemischt mit Weihrauch hinter sich her. Nur für kurze Zeit übertünchte er jede andere Note, die in der Luft lag, denn kaum inmitten des Geschehens angekommen, hatte jeder Vampir mit der Reizüberflutung zu kämpfen. Die schmiedeeisernen Tore umfing einen wie die Nacht in ihrer reinsten Form. Das flackernde Licht spielte auf der Haut der Gäste. Die Musik, ein tiefes, vibrierendes Summen, floss durch einen hindurch und mischte sich mit dem Klingen von Gläsern und dem Stöhnen von Gebissenen. Hier war Blut nicht nur Nahrung, es war ein Elixier. Jeder Schluck galt als ein Abenteuer, ein Fenster in eine Seele, die sich im Akt der Hingabe öffnete. Jugendlich süß bis zu reif und vollmundig, tummelten sich die Lämmer, die sich den Wölfen zum Fraß anboten. Die Berührung einer anderen kalten Haut ließ Amaya die Einsamkeit der Ewigkeit vergessen, erinnerte sie daran, dass sie, obwohl in der Unsterblichkeit gefangen, nicht alleine war. Jeder Blick war geladen mit dem Verständnis von Jahrhunderten. Sie waren in dieser Nacht lebendiger als die Welt da draußen es je verstehen könnte. Ein Ort, an dem die Jagd nie endete.

      Die Luft war gesättigt mit dem Duft von Moschus, untermalt mit dem süßen, verlockenden Aroma von frischem Blut, weckte Hunger und Sehnsucht. Trotzdem hing dieser Eindringling an ihr fest. Unberührt und doch so voller Leben, zog es sie unwiderstehlich an. Amaya wusste, dass sie es finden musste, dieses mysteriöse Wesen, das solch ein Blut in seinen Adern führte. Es länger zu ignorieren, hatte keinen Sinn. Widerstand zwecklos. Ein unwohles Gefühl legte sich auf die Zunge der jungen Dame, als wäre ein Tropfen dunkler Tinte in klares Wasser gefallen, sich langsam ausbreitend und die Reinheit ihres Geschmackssinns mit einer unnachgiebigen Bitterkeit trübend.
      Mit einem entschlossenen, fast schon zwanghaften Schritt stürmte Amaya aus dem Club hinaus. Die kühle Abendbrise umfing sie wie ein Mantel, doch das Unwohlsein auf ihrer Zunge, jene Bitterkeit, die sich mit dem Duft des Eindringlings vermischte, ließ sich nicht abschütteln. Sie folgte der Spur, getrieben von einem Verlangen, das sie nicht kannte, über die Straße in den gegenüberliegenden Club. Die Musik schlug ihr entgegen wie eine Welle, und als sie eintrat, verschmolz sie mit der Menge, wie eine Jägerin im Verborgenen. Unter den tanzenden, lachenden Menschen fühlte sich Amaya isoliert, ein Raubtier unter Schafen. Ihre Augen suchten und fanden schließlich das Ziel ihrer Besessenheit. Der junge Mann, braunes Haar schimmernd im wechselnden Licht, umgeben von Freunden, die seine Gehemmtheit nicht zu bemerken schienen. Amaya beobachtete ihn, spürte den Sog seiner Aura, die sie anlockte wie nichts zuvor. Sie konnte nicht widerstehen. Der Drang, die Quelle dieses Duftes zu bestätigen, überwältigte jede Vorsicht. Geschickt näherte sie sich, ihre Bewegungen fließend und unauffällig, bis sie, scheinbar versehentlich, gegen ihn stieß. Ihre Blicke trafen sich, ein flüchtiger Moment, in dem die Welt stillzustehen schien. Seine Augen, überrascht und doch irgendwie warm, berührten etwas in ihr, das sie nicht zu benennen wusste. Doch bevor dieser Moment zu etwas mehr werden konnte, spürte die Vampirin den eisigen Griff um ihren Arm, der sie zurück in die Nacht zerrte. Rei, eine Freundin, hatte sie gesehen. "Du gehörst nicht hierher", zischte sie, ihre Stimme eine heitere Melodie, die in ihren Ohren wirbelte. Widerwillig ließ Amaya sich zurückziehen, doch ihr Blick haftete auf dem jungen Mann, bis die Dunkelheit ihn verschluckte.
      A heart's a heavy burden.