The Dark Side of Desire: Echoes of a Forgotten Legacy [Michiyo & Chocki]

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    • The Dark Side of Desire: Echoes of a Forgotten Legacy [Michiyo & Chocki]


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      Shin stand am Fenster seines bescheidenen Apartments und blickte auf die stillen Straßen hinunter, die im sanften Schein der Straßenlaternen badeten. Heute war sein 25. Geburtstag, ein Tag, der für viele ein Grund zum Feiern wäre, für Shin jedoch war er ein Tag wie jeder andere. Er empfand weder Freude noch besondere Erregung bei dem Gedanken an das Älterwerden. Stattdessen fühlte er eine ruhige, fast melancholische Reflexion über das vergangene Jahr.
      Das Zimmer um ihn herum war schlicht eingerichtet, mit einem kleinen Bücherregal, das bis zum Rand mit alten Werken gefüllt war, einem abgenutzten, aber bequemen Sessel und einem kleinen Schreibtisch, auf dem mehrere aufgeschlagene Bücher und Notizblöcke lagen. Das einzige Zeichen seines besonderen Tages war eine kleine, unverzierte Torte auf dem Küchentisch, ein Geschenk seiner Nachbarin, die sich jedes Jahr daran erinnerte. Shin hatte nie viel Wert auf Geburtstage gelegt. In seiner Kindheit waren sie stille Angelegenheiten gewesen, gekennzeichnet durch ein einfaches Abendessen und vielleicht ein kleines Geschenk. Als er älter wurde, zog er es vor, diesen Tag allein zu verbringen, in stiller Kontemplation oder vertieft in seine Studien. Große Partys, laute Musik und das überschwängliche Beisammensein, das viele mit Geburtstagen assoziierten, waren ihm fremd und unangenehm.
      Während er so da stand und in die Nacht hinausstarrte, klopfte es leise an seiner Tür. Er wusste sofort, dass es seine Freunde sein mussten, die erwartungsvoll kamen, um ihn für eine Feier abzuholen, die sie gegen seinen Willen organisiert hatten. Sie hatten es in den letzten Wochen mehrmals angedeutet, und obwohl er jedes Mal abgewiegelt hatte, wusste er, dass sie nicht so leicht aufgeben würden. Tief in seinem Inneren spürte er eine Mischung aus Dankbarkeit für ihre Hartnäckigkeit und Besorgnis darüber, was der Abend bringen würde. Mit einem leisen Seufzen trat Shin vom Fenster zurück und ging zur Tür. Er war bereit, sich ihren Plänen zu stellen, aber in seinem Herzen wünschte er sich nichts sehnlicher, als den Abend in Ruhe mit einem guten Buch zu verbringen. Als Shin die Tür öffnete, wurde er von den strahlenden Gesichtern seiner Freunde begrüßt. An vorderster Front stand Kenji, sein langjähriger Studienfreund, dessen Optimismus und Lebensfreude oft im krassen Gegensatz zu Shins zurückhaltender Natur standen. Neben ihm waren Hina und Yuto, zwei weitere enge Freunde aus seiner Studienzeit, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Shin aus seiner Komfortzone zu holen.

      "Herzlichen Glückwunsch, Shin!" rief Kenji aus, als er ihm einen festen, freundschaftlichen Schlag auf den Rücken gab. "Heute lassen wir es krachen! Du hast keine Chance, dich zu entziehen." Shin lächelte schwach. "Ihr wisst, dass Clubs nicht wirklich mein Ding sind," erwiderte er, seine Stimme von einem leisen Zögern durchdrungen. Hina trat vor, ihre Augen funkelten vor Überzeugung. "Wir wissen, dass du lieber einen ruhigen Abend hättest, Shin. Aber es ist dein Geburtstag, und wir wollen, dass du dich amüsierst. Manchmal ist eine kleine Veränderung gut, weißt du?" Yuto fügte hinzu, "Außerdem haben wir dafür gesorgt, dass es nicht zu wild wird. Es ist ein eher ruhiger Club, wir dachten, das könnte dir gefallen." Shin schaute in die erwartungsvollen Gesichter seiner Freunde und spürte, wie der Widerstand in ihm langsam nachließ. Er wusste, dass sie nur das Beste für ihn wollten und dass ihre Beharrlichkeit aus einer tiefen Zuneigung heraus geboren war. Trotz seiner Bedenken über das Unbekannte und seine natürliche Neigung, solche Situationen zu meiden, begann er, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Abend vielleicht doch nicht so schrecklich werden würde, wie er befürchtete.
      "Okay," sagte er schließlich, eine leichte Resignation in seiner Stimme. "Ich komme mit. Aber ich behalte mir das Recht vor, zu gehen, wenn es mir zu viel wird." Kenji lächelte triumphierend. "Das ist alles, was wir verlangen. Bereite dich vor, mein Freund. Heute Abend wird ein Abend, den du nicht so schnell vergessen wirst!" Während seine Freunde in die Wohnung traten, um ihm beim Fertigmachen zu helfen, konnte Shin nicht anders, als sich ein wenig von ihrer Aufregung anstecken zu lassen. Vielleicht, dachte er, könnte dieser Abend eine Gelegenheit sein, etwas Neues zu erleben, etwas außerhalb der Seiten seiner Bücher. Vielleicht konnte er sogar ein bisschen Spaß daran finden. Nachdem sich seine Freunde in Shins Apartment verteilt hatten, begann die Vorbereitung für den Abend. Kenji durchstöberte Shins Kleiderschrank, auf der Suche nach etwas, das er für "clubtauglich" hielt, während Hina sich daran machte, ein wenig Ordnung in Shins ungezähmte Haarpracht zu bringen. Yuto, der ruhigste des Trios, saß auf dem Sessel und unterhielt sich mit Shin über die neuesten Entwicklungen in ihren jeweiligen Studienfächern, eine angenehme Ablenkung von der nervösen Anspannung, die Shin zu spüren begann.
      "Du könntest wirklich mal ein paar neue Klamotten gebrauchen, Shin," scherzte Kenji, als er ein dunkelblaues Hemd und eine saubere Jeans herauszog. "Aber das hier wird reichen. Du wirst fantastisch aussehen." Hina lächelte zustimmend und gab Shin einen beruhigenden Klaps auf die Schulter. "Vertrau uns einfach, Shin. Du bist ein gutaussehender Kerl, du brauchst dich nicht zu verstecken." Mit sanften, aber bestimmten Bewegungen kämmte sie sein Haar, gab ihm eine Form, die irgendwo zwischen gepflegt und lässig lag. Shin, normalerweise nicht jemand, der viel Wert auf sein Äußeres legte, konnte nicht leugnen, dass es eine seltsame Befriedigung mit sich brachte, sich um sein Aussehen zu kümmern, wenn auch nur für eine Nacht. Als er sich schließlich im Spiegel betrachtete, musste er zugeben, dass die Veränderung angenehm war. Das blaue Hemd betonte die Tiefe seiner Augen, und die Jeans war bequem genug, um sich nicht eingeengt zu fühlen. Er fühlte sich immer noch wie er selbst, nur ein wenig... aufpoliert. "Siehst du, gar nicht so schlimm," sagte Yuto, als er aufstand und sich zu ihnen gesellte. "Jetzt lass uns losgehen, bevor der Abend vorbei ist!"

      Mit einem letzten, zögernden Blick aus dem Fenster nickte Shin schließlich. Die Nachtluft war kühl, als sie das Apartment verließen, und die Sterne funkelten klar am Himmel. Irgendwie fühlte sich alles surreal an – die Aufregung seiner Freunde, das leise Flattern in seinem Bauch, die Erwartung des Unbekannten. Er wusste, dass diese Nacht weit außerhalb seiner Komfortzone lag, aber zum ersten Mal seit langem empfand er eine leichte Neugier, vielleicht sogar Vorfreude auf das, was kommen würde. Die Fahrt zum Club verlief in einer Mischung aus gespannter Erwartung und leichter Heiterkeit. Kenji, der am Steuer saß, hatte die Musik aufgedreht, und die Beats erfüllten das Auto. Hina und Yuto sangen mit, während Shin still im Fond saß, die vorbeiziehenden Lichter der Stadt beobachtend. Die Gebäude wurden größer, die Straßen belebter, und die Nacht schien zum Leben zu erwachen, je näher sie ihrem Ziel kamen. Als sie schließlich vor dem Club hielten, spürte Shin, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Vor ihnen erhob sich ein imposantes Gebäude, dessen Fassade in wechselnden Lichtern getaucht war. Die Schlangen der Wartenden waren lang, und die Mischung aus verschiedenen Musikgenres, die aus dem Inneren drangen, schuf eine Atmosphäre, die zugleich einladend und einschüchternd wirkte. "Keine Panik, Shin," sagte Kenji, als er seine Reaktion bemerkte. "Es wird dir gefallen. Der Club hat mehrere Bereiche, es ist nicht überall so laut." Sie stiegen aus und gesellten sich zur Warteschlange. Shin fühlte sich fehl am Platz, umgeben von Menschen in glitzernder Kleidung und mit ausgelassenen Gesichtern. Er versuchte, sich auf die Unterhaltungen seiner Freunde zu konzentrieren, aber die laute Umgebung und das Gefühl der Enge ließen ihn innerlich zurückweichen. Als sie schließlich den Club betraten, wurde Shin von der Intensität der Eindrücke fast überwältigt. Das pulsierende Licht, der dröhnende Bass der Musik, das Stimmengewirr – all das schien ihn aus verschiedenen Richtungen anzuspringen. Er folgte seinen Freunden durch die Menschenmenge, sein Blick wanderte über die tanzenden Körper, die leuchtenden Bars und die gemütlicheren Sitzecken am Rand. In einer ruhigeren Ecke des Clubs fanden sie schließlich Platz. Shin ließ sich erleichtert auf eine Couch fallen und betrachtete die Szene vor ihm. Die Menschen schienen in ihrer eigenen Welt zu sein, verloren in der Musik, in den Gesprächen, in dem Moment. Trotz des anfänglichen Unbehagens begann Shin, die Energie des Ortes aufzunehmen. Es war eine Welt, die so anders war als die, in der er sich normalerweise bewegte, und doch faszinierte sie ihn auf eine Art und Weise, die er nicht ganz verstand.
      Kenji bestellte eine Runde Getränke, und während sie darauf warteten, begann Shin, sich langsam zu entspannen. Vielleicht, dachte er, war es nicht so schlimm, einmal aus seiner Routine auszubrechen. Vielleicht konnte er, nur für heute Nacht, ein Teil dieser glitzernden, lauten Welt sein. Im sanften Schein der Clubbeleuchtung, umgeben von dem lebhaften Treiben, begann Shin, sich langsam der neuen Umgebung anzupassen. Seine Freunde, die seine anfängliche Zurückhaltung bemerkten, bemühten sich, ihn in die Gespräche einzubeziehen, ihm Geschichten zu erzählen und Witze zu machen, um die Spannung zu lockern. Hina, die seine stille Natur verstand, lehnte sich zu ihm und fragte leise, wie es ihm ginge. Shin nickte und lächelte schwach. "Es ist anders, aber nicht unangenehm," gestand er. Sie nickte verständnisvoll und schlug vor, später am Abend vielleicht eine ruhigere Ecke des Clubs zu erkunden, um sich besser unterhalten zu können. Yuto, immer der Beobachter, bemerkte Shins Interesse an der Architektur des Clubs – die Mischung aus modernem Design und alten Elementen, die geschickt integriert waren. Sie diskutierten über die Geschichte des Gebäudes, was Shin sichtlich aufleben ließ. Es war ein Thema, in dem er sich wohlfühlte, und seine Augen leuchteten auf, als er die verschiedenen architektonischen Stile beschrieb, die er erkannte. Kenji hingegen war derjenige, der Shin immer wieder neckte und versuchte, ihn zum Tanzen zu überreden. "Komm schon, Shin, es ist dein Geburtstag! Du kannst nicht die ganze Nacht hier sitzen." Shin zögerte, schüttelte den Kopf und lachte über Kenjis übertriebene Tanzbewegungen. "Vielleicht später," antwortete er, halb im Scherz. Während sie dort saßen, die Musik im Hintergrund und die Kühle der Getränke in ihren Händen, fühlte sich Shin langsam wohler. Die anfängliche Überwältigung wich einem Gefühl der Neugier und einem Hauch von Vergnügen. Er beobachtete, wie Menschen um ihn herum lachten, tanzten und das Leben genossen. Es war ein schöner Anblick, und er begann, sich ein wenig mehr als Teil davon zu fühlen.

      Als die Stimmung im Club ihren Höhepunkt erreichte und die Musik und das Lachen immer lauter wurden, begann Shin, sich in Gedanken zu verlieren. Er dachte an seine Kindheit zurück, an die harten Jahre nach dem Tod seiner Eltern, als er auf den Straßen aufgewachsen war, an den Überlebenskampf und die Einsamkeit, die ihn geprägt hatten. Diese Erinnerungen waren ein scharfer Kontrast zu dem fröhlichen Treiben um ihn herum. Die Zeit mit Elise, die in einer Spirale des Drogenkonsums geendet hatte, war ein weiteres Kapitel seines Lebens, das er hinter sich gelassen hatte, aber nie ganz vergessen konnte. Diese Erfahrungen hatten ihn vorsichtig gemacht, hatten ihm gezeigt, wie schnell das Leben außer Kontrolle geraten konnte. Sie hatten ihn gelehrt, sich von Orten und Situationen fernzuhalten, die ihn an eine dunklere Zeit in seinem Leben erinnerten. Er sah sich im Club um, betrachtete die tanzenden, lachenden Menschen und spürte, wie sich ein Gefühl der Entfremdung in ihm ausbreitete. Trotz der Freude und des Spaßes, den seine Freunde hatten, und der leichten Entspannung, die er selbst empfunden hatte, konnte Shin nicht völlig loslassen. Die laute Musik, die flackernden Lichter, die fremden Gesichter – all das erinnerte ihn zu sehr an die chaotischen Nächte seiner Vergangenheit.
      "Ich brauche etwas Luft," murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinen Freunden, während er sich erhob. Ihre besorgten Blicke folgten ihm, als er sich seinen Weg durch die tanzende Menge bahnte, die sich wie eine lebendige Wand um ihn herum bewegte. Mit jeder Schritt nach draußen fühlte er, wie der Druck nachließ. Die kühle Nachtluft empfing ihn wie eine sanfte Umarmung, als er endlich die Tür des Clubs hinter sich ließ. Shin atmete tief ein, ließ die frische Luft seine Lungen füllen und schloss für einen Moment die Augen, um die Ruhe um sich herum zu genießen. Die Straßen waren ruhig, ein starker Kontrast zum Chaos im Inneren des Clubs. Shin lehnte sich gegen die kühle Mauer des Gebäudes und blickte in den nächtlichen Himmel. Die Sterne funkelten ruhig und erinnerten ihn an die unendlichen Möglichkeiten und Weiten, die das Leben zu bieten hatte. Für einen Moment erlaubte er sich, einfach nur zu sein, ohne den Druck, sich anpassen oder etwas Bestimmtes fühlen zu müssen. Als er dort stand, begann er, die Ereignisse des Abends zu reflektieren. Er dachte über seine Freunde nach, ihre guten Absichten und ihre unerschütterliche Unterstützung. Trotz seiner anfänglichen Widerwilligkeit schätzte er ihre Bemühungen, ihn in neue Erfahrungen einzuführen. Er erkannte, dass es manchmal notwendig war, die eigene Komfortzone zu verlassen, um zu wachsen, auch wenn es unangenehm sein konnte. Nach einigen Minuten der Ruhe fühlte sich Shin bereit, zu seinen Freunden zurückzukehren.

      Mit erneuerter Energie schob er sich von der Mauer ab und ging zurück zum Club. Er war entschlossen, den Abend nicht von seinen Ängsten diktieren zu lassen, sondern ihn so zu erleben, wie er kam – mit all seinen Höhen und Tiefen.
      "Control can sometimes be an illusion, but sometimes, you need an illusion to gain control."

    • Die kühle Abendbrise fegte durch die Stadt, während die Nacht die geschäftigen Straßen in ein sanftes Dämmerlicht hüllte. Der Mond hing hoch über den Wolken, ein weißer Schleier, der die Welt in ein schauriges Schweigen hüllte, und doch klingelte das wilde Leben in Amayas Ohren. Auf dem Balkon eines alten, imposanten Gebäudes, das hoch über dem regen Treiben stand, stützte die Vampirin ihre Arme auf das eisige Metall der Brüstung. Eingebettet zwischen den modernen Glasfassaden erhebte es sich wie ein Relikt aus einer vergessenen Epoche. Majestätisch steckten sich die Säulen in den Himmel, als wollten sie nach Halt greifen. Irgendetwas, was sie aus der Geschichte in die Gegenwart ziehen würde, während die ionischen Kapitelle eine Architektursprache längst vergangener Tage flüsterten. Das Erdgeschoss, Heimat des beliebtesten Clubs ihrer Gleichgesinnten, gefasst von Portalen und bewacht von steinernen Greifen, verlieh den großen, abgedunkelten Fenstern eine unheimliche Aura. Wie eine Festung ragte es in die Höhe, als würde es die Last der vielen Leben schultern, die einst seine Hallen durchquerten. Ein Funken Handwerkskunst, der im Kontrast zum urbanen Raum um ihn herum stand. Von hier oben wirkten die Menschen unten in den Gassen wie kleine, flüchtige Gestalten. Das Gewimmel zog vor ihren Augen vorbei, die vorbeifahrenden Autos, deren Lichter in der Dunkelheit wie Glühwürmchen in einer Sommernacht flackerten, glichen den Scheinwerfern im Club einige Etagen unter ihr. Der Wind trug die Laute der Stadt zu ihr hinauf, ein Gemisch aus Stimmen, Lachen und dem tiefen Bass der Musik, doch all dies schien gedämpft. Sanft in die Kälte gehüllt, strich die Luft zart über ihre Haut, ließ sie nicht frösteln, obwohl der dünne Stofffetzen eines Kleides mit seinen Spaghettiträgern nicht mal ihre Schultern bedeckte. Amaya rührte sich nicht. Es hatte etwas Beruhigendes an sich, die Passanten aus der Distanz zu betrachten und eine stille Beobachterin der Nacht zu sein. In all den Jahren hatte sie sich nie daran sattgesehen. Der Lärm, die Eile - es zog einfach an ihr vorbei, verfallen in eine erschreckend ruhige Trance. Nur sie, der Wind und die unendliche Weite des Sternenhimmels, als könne man die Lasten des Alltags für einen kurzen Augenblick abwerfen. Einfach nur sein, in dem Moment. Doch auch dieser war vergänglich, ein kurzlebiger Atemzug der Freiheit in der Unendlichkeit der Zeit. Ihre braunen Augen, die trotz des missenden Sonnenscheins wie Honigtöpfe glänzten, folgten dem Knall einer schweren stählernen Tür der gegenüberliegenden Straßenseite. Trotzdem war es nicht das Geräusch, dass die Aufmerksamkeit der vermeintlich jungen Dame gewann, es war der Mann, der sie zuvor geöffnet und hinter sich in die Angel hat fallen lassen. Aus der Ferne machte er keinen besonderen Anschein, wirkte schmächtig und der unruhige Takt seines Herzens ließ darauf schließen, dass er sich unter der feierwütigen Meute nicht sonderlich aufgehoben fühlte. Während um ihn herum die Gestalten wie kleine Ameisen durch die Passagen schnellten, taumelten und vor Trunkenheit strotzen, stach er wie eine Libelle, die sich versehentlich in eine Kolonne eingereiht hatte, hervor. Ein Hauch, der sich von den üblichen, fast unsichtbaren Düften abhob. Er war subtil, doch für ihre scharfen Sinne so reich und komplex, dass er fast greifbar schien. Es traf sie wie eine Welle, eine Mischung aus erdigem Moos nach einem Regenschauer und der Süße reifer Kirschen. Eine feine Note, die auf ein Blut hindeutete, das sie noch nie zuvor gekostet hatte. Amaya fühlte, wie die Sehnsucht in ihr aufstieg, eine Gier, die so alt war wie ihr vampirisches Dasein. Etwas an diesem Mann war anders, einzigartig, als trüge er die Essenz seltener Blumen, die nur unter dem Schein des Vollmonds blühten, in sich. Je mehr sie sich darauf fokussierte, erfüllte jeder Atemzug ihre Sinne, als würde der Duft nicht nur ihre Luft einnehmen, sondern auch die jahrhundertealten Säle hinter ihr nähren. Gerade wollte Amaya einen Blick hinter sich werfen, hinter die Wände, die ein Dutzend ihresgleichens verbargen, da spürte sie die feste Hand an ihrer Hüfte. Der schwere Körper, der sich von hinten an ihren schmiegte, nahm ihr jeglichen Raum zur Bewegung. Wie hatte er sich so unbemerkt nähern können? Ihre Aufmerksamkeit wanderte unweigerlich auf die kleine Libelle, die sogleich wieder hinter der stählernen Pforte verschwand, aus der sie so unerwartet erschienen war.

      “Mali.” hauchte er mit so viel Nachdruck, dass der wiederholte Ruf endlich zu ihrem Gehörgang drang. Einst ihr liebster Spitzname, hasste die Schwarzhaarige es, wenn er ihn aussprach, als würde er eine fremde Sprache sprechen. Es trug einen unnatürlichen Klang, als wenn er ihn in den Dreck gezogen und mit seinem schmutzigen Mundwerk verunreinigt hätte. Ihren Kopf leicht zu ihm geneigt, verharrte ihr Augenmerk auf der Tür, in der Hoffnung, das seltsame Wesen würde wieder hervorspringen oder plötzlich die Fähigkeit, durch Wände blicken zu können, ihre Sicht schärfen. Nichts von beidem trat ein und der aufdringliche Kuss auf ihrem Nacken war alles, was ihr als Trost blieb.

      Hinter den verdunkelten Scheiben verschwunden, drangen nur wenige Eindrücke der Außenwelt hindurch. Das Apartment thronte wie eine dunkle Krone über dem pulsierenden Herz des Clubs, ein Heiligtum der Schatten weit entfernt vom Puls des Nachtlebens. Seine Türen öffneten sich zu einem weiten Raum, in dem die Zeit stillzustehen schien. Schwere Samtvorhänge fielen in tiefen, blutroten Falten von den hohen Decken, dämpften die Geräusche des Clubs unten und hielten das lästige Mondlicht fern. Vallis wusste das Zeitgenössische zu schätzen, hielt aber dennoch stets an alten Traditionen fest. Wie bei jede seiner Wohnungen zuvor, waren die Wände mit altertümlichen Stickereien geschmückt, die Szenen der nächtlichen Jagd zeigten, während zwischen ihnen modernste Kunstwerke hingen. Ein bizarrer Kontrast, den Amaya vom ersten Tag als seltsam empfand. Ein großer Kamin, der nie zu rauchen schien, warf ein gespenstisches Leuchten auf die Gesichter der Anwesenden, seine Flammen tanzten im hypnotischen Rhythmus und warfen groteske Schatten an die Decke. Schwarze Ledersofas formten eine halbkreisförmige Sitzgruppe, während im Zentrum ein schwerer Eichentisch stand, poliert bis zum Glanz eines Sarges. Mit silbernen Weinkehlchen bestückt, hinterfragte niemand die Herkunft des rubinroten Getränks, mit dem sie gefüllt waren. Dieser Rückzugsort, hoch über dem Chaos der Stadt, lud nur die engsten Vertrauten des Elders ein und die dunkelhaarige Vampirin zählte - wenn auch ein Stück weit gegen ihren Willen - zu jenen Vertrauten. Mali war vor einiger Zeit zum Spielzeug des tausendjährigen geworden. Ihre Liaison begann wie ein Strohfeuer der Leidenschaft, das wie ein Funke hell aufflammte und ebenso rasch im Wind verwehte. Amaya war sich sicher, dass Vallis sie nur noch aus Gemütlichkeit und Stolz in seiner Nähe behielt und sie immer dann austauschte, wenn etwas Besseres in Sicht war. Gut so, wie sie empfand, da sie sich selbst aus den Fängen eines so mächtigen Artgenossen sich nicht zu befreien wusste. Wer würde schon wagen, dem Primogen den Rücken zu kehren? Sicherlich etwas, das mit dem Pfahl im Herzen bestraft wurde. Erneut zog die Berührung Vallis die Frau aus ihren verträumten Gedanken. Der Duft in ihrer Nase war nichts weiter als ein sanfter Hauch, der halb verflogen, trotzdem so unglaublich greifbar war und ihr die Konzentration raubte. Die Note tänzelte mit ihren Sinnen, dass Amaya kaum beurteilen konnte, ob es sich dabei um eine Fata Morgana handelte, oder der Geruch tatsächlich wie ein Lichtstrahl, der durch den kleinsten Spalt eines Vorhangs schlüpfte, einen Weg durch Wände fand. “Lass uns nach unten gehen.” Knurrte der Herr der Nacht in ihr Ohr, ehe er sie den dunklen Korridor hinab führte. Hinter den breiten Schultern des Rothaarigen zog Vallis die bekannte Mischung von einem Hauch Leder gemischt mit Weihrauch hinter sich her. Nur für kurze Zeit übertünchte er jede andere Note, die in der Luft lag, denn kaum inmitten des Geschehens angekommen, hatte jeder Vampir mit der Reizüberflutung zu kämpfen. Die schmiedeeisernen Tore umfing einen wie die Nacht in ihrer reinsten Form. Das flackernde Licht spielte auf der Haut der Gäste. Die Musik, ein tiefes, vibrierendes Summen, floss durch einen hindurch und mischte sich mit dem Klingen von Gläsern und dem Stöhnen von Gebissenen. Hier war Blut nicht nur Nahrung, es war ein Elixier. Jeder Schluck galt als ein Abenteuer, ein Fenster in eine Seele, die sich im Akt der Hingabe öffnete. Jugendlich süß bis zu reif und vollmundig, tummelten sich die Lämmer, die sich den Wölfen zum Fraß anboten. Die Berührung einer anderen kalten Haut ließ Amaya die Einsamkeit der Ewigkeit vergessen, erinnerte sie daran, dass sie, obwohl in der Unsterblichkeit gefangen, nicht alleine war. Jeder Blick war geladen mit dem Verständnis von Jahrhunderten. Sie waren in dieser Nacht lebendiger als die Welt da draußen es je verstehen könnte. Ein Ort, an dem die Jagd nie endete.

      Die Luft war gesättigt mit dem Duft von Moschus, untermalt mit dem süßen, verlockenden Aroma von frischem Blut, weckte Hunger und Sehnsucht. Trotzdem hing dieser Eindringling an ihr fest. Unberührt und doch so voller Leben, zog es sie unwiderstehlich an. Amaya wusste, dass sie es finden musste, dieses mysteriöse Wesen, das solch ein Blut in seinen Adern führte. Es länger zu ignorieren, hatte keinen Sinn. Widerstand zwecklos. Ein unwohles Gefühl legte sich auf die Zunge der jungen Dame, als wäre ein Tropfen dunkler Tinte in klares Wasser gefallen, sich langsam ausbreitend und die Reinheit ihres Geschmackssinns mit einer unnachgiebigen Bitterkeit trübend.
      Mit einem entschlossenen, fast schon zwanghaften Schritt stürmte Amaya aus dem Club hinaus. Die kühle Abendbrise umfing sie wie ein Mantel, doch das Unwohlsein auf ihrer Zunge, jene Bitterkeit, die sich mit dem Duft des Eindringlings vermischte, ließ sich nicht abschütteln. Sie folgte der Spur, getrieben von einem Verlangen, das sie nicht kannte, über die Straße in den gegenüberliegenden Club. Die Musik schlug ihr entgegen wie eine Welle, und als sie eintrat, verschmolz sie mit der Menge, wie eine Jägerin im Verborgenen. Unter den tanzenden, lachenden Menschen fühlte sich Amaya isoliert, ein Raubtier unter Schafen. Ihre Augen suchten und fanden schließlich das Ziel ihrer Besessenheit. Der junge Mann, braunes Haar schimmernd im wechselnden Licht, umgeben von Freunden, die seine Gehemmtheit nicht zu bemerken schienen. Amaya beobachtete ihn, spürte den Sog seiner Aura, die sie anlockte wie nichts zuvor. Sie konnte nicht widerstehen. Der Drang, die Quelle dieses Duftes zu bestätigen, überwältigte jede Vorsicht. Geschickt näherte sie sich, ihre Bewegungen fließend und unauffällig, bis sie, scheinbar versehentlich, gegen ihn stieß. Ihre Blicke trafen sich, ein flüchtiger Moment, in dem die Welt stillzustehen schien. Seine Augen, überrascht und doch irgendwie warm, berührten etwas in ihr, das sie nicht zu benennen wusste. Doch bevor dieser Moment zu etwas mehr werden konnte, spürte die Vampirin den eisigen Griff um ihren Arm, der sie zurück in die Nacht zerrte. Rei, eine Freundin, hatte sie gesehen. "Du gehörst nicht hierher", zischte sie, ihre Stimme eine heitere Melodie, die in ihren Ohren wirbelte. Widerwillig ließ Amaya sich zurückziehen, doch ihr Blick haftete auf dem jungen Mann, bis die Dunkelheit ihn verschluckte.
      A heart's a heavy burden.

    • Unter dem bleichen Schein des nächtlichen Himmels, dort wo die Sterne flüsterten und die Mondstrahlen wie silberne Schleier die Konturen der Welt umarmten, fand Shin den Weg zurück zum pulsierenden Herz des Clubs. Der Boden unter seinen Füßen bebte sanft vom Echo des Basses, der durch die Gemäuer kroch, wie das ferne Grollen eines Sommergewitters. Inmitten des Zwielichts, dort wo Schatten und Licht in einem ewigen Tanz verflochten waren, öffnete sich die Tür zum Club wie der Vorhang einer Bühne, bereit für das Schauspiel der Nacht. Shin betrat den Raum, und die Wärme und Energie, die in der Luft hingen, hüllten ihn ein wie ein alter Freund, der ihn willkommen hieß. Die Dunkelheit des Clubs war kein Mantel der Verborgenheit, sondern eine Leinwand, auf der das Leben in all seinen Farben und Formen spielte. Lichter flackerten und zuckten im Rhythmus der Musik, malten impressionistische Gemälde auf die Gesichter der Tanzenden. Sie waren Sterne in einem Firmament aus Leidenschaft, jedes Lächeln ein funkelnder Ausdruck von Freude und Verlangen. Der junge Student fühlte den Sog der Musik, die Einladung zum Eintauchen in eine Welt fernab der Schatten seiner Vergangenheit. Er ergriff diese Hand, die das Schicksal ihm reichte, und ließ sich treiben, hin zu Kenji, Yuto und Hina, die wie vertraute Leuchtfeuer in der Nacht glänzten. "Tanzen wir," sagte er, seine Stimme ein leiser, aber fester Faden im Gewebe der lauten Klänge. Es war eine Handlung gegen die Stille, die so oft sein Herz umklammert hatte. Seine Freunde, überrascht aber erfreut, erhoben sich, um mit ihm das Ritual der Freude zu teilen. Sie bewegten sich zur Musik, ihre Körper Sprache und Antwort zugleich. In diesem Moment, zwischen den Schritten und dem Takt, zwischen den Atemzügen der Melodie und dem Flüstern der Harmonien, fand Shin einen Frieden, eine Verschmelzung mit dem Jetzt, das ihn die Geister der Vergangenheit vergessen ließ.
      Doch selbst in dieser Gemeinschaft, eingehüllt in den Rhythmus und das Licht, lag ein Hauch von Einsamkeit in seinem Herzen, ein leises Zittern, das die Melancholie seiner Seele sang. Es war das Lied der Nacht, das ihm von Verlust und Hoffnung erzählte, von Liebe und der steten Suche nach einem Licht, das nur ihm gehörte.

      Nachdem er den mutigen Schritt gewagt hatte, seine Freunde zum Tanzen zu überreden, und sich für einen kurzen Moment in der Euphorie der Musik und der tanzenden Körper verloren hatte, spürte er eine subtile Veränderung in der Atmosphäre des Clubs. Es war, als hätte sich die Luft verdichtet, geladen mit einer unerklärlichen Energie, die seine Haut zum Prickeln brachte und seine Sinne schärfte. Die Lichter des Clubs schienen heller zu leuchten, die Schatten tiefer zu werden, und die Musik, die eben noch jeden Winkel des Raumes erfüllt hatte, wurde zu einem fernen Echo, das seinen Herzschlag zu übertönen schien. In diesem Meer aus Sinnesreizen, verstärkt durch die unmittelbare Intimität der Tanzenden, spürte Shin, wie seine eigene Wahrnehmung geschärft wurde. Es war, als ob sein Körper auf eine bisher unbekannte Frequenz eingestimmt wurde, eine Schwingung, die ihn direkt und unweigerlich zu ihr führte – zu Amaya.
      Ihre Annäherung an ihn war kein Zufall, sondern ein gezielter Akt, ein leiser Pfeil, der durch die Menge direkt in seine Richtung flog. Als sie "versehentlich" gegen ihn stieß, war es, als ob ein elektrischer Schlag durch ihn hindurchfuhr. Ihre Berührung, flüchtig und doch von einer Intensität, die Shin bis ins Mark erschütterte, ließ ihn innehalten. Ihre Blicke trafen sich, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, eingefroren in einem perfekten Augenblick der Verbindung. Die Tagwandlerin stand nicht weit von ihm entfernt, eine Gestalt, die sich sowohl von der umgebenden Feierlichkeit abhob als auch ein Teil davon zu sein schien. Ihre Präsenz war unverkennbar, eine faszinierende Mischung aus Schönheit und Mysterium. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden, fasziniert von der Art und Weise, wie das wechselnde Licht des Clubs ihre Züge in einem Moment enthüllte und im nächsten verbarg. In seinen Augen, die von Überraschung und einem Anflug von Erkenntnis aufleuchteten, fand Amaya vielleicht nicht das, wonach sie gesucht hatte, aber etwas, das ebenso ihre Aufmerksamkeit fesselte. Doch bevor dieser Moment in etwas Tieferes übergehen konnte, wurde die Schwarzhaaarige abrupt aus seiner Welt gerissen, zurück in die Dunkelheit, die sie umgab. Der Braunhaarige stand da, verwirrt und fasziniert zugleich, sein Herz pochend vor einer Mischung aus Nervenkitzel und einer Spur von Angst. Die Begegnung mit der Unbekannten hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck in seinem Geist, ein Rätsel, das er zu lösen begierig war. Doch als er sich umsah, war sie verschwunden, aufgelöst in der dichten Atmosphäre des Clubs.

      Während er dort stand, umgeben von der ausgelassenen Stimmung seiner Freunde, fühlte er sich plötzlich isoliert, als wäre er von einer unsichtbaren Mauer umgeben, die ihn von der restlichen Welt trennte. Die Musik, die soeben noch seine Sinne berauscht hatte, verlor augenblicklich ihre Wirkung, und die tanzenden Körper um ihn herum verschwammen zu einem farblosen Hintergrund.
      In diesem Moment der Stille, mitten im Lärm des Clubs, begann er, die Tiefe seines inneren Konflikts zu erkunden. Die Begegnung mit der Vampirin hatte etwas in ihm berührt, das er für lange Zeit verschlossen gehalten hatte. Erinnerungen an Elise, die Liebe seines Lebens, die er durch die Tragödie der Sucht verloren hatte, fluteten ihn. Er hatte gedacht, dass Teil seines Herzens sei für immer verloren, begraben unter den Schichten der Schuld und des Schmerzes. Doch hier war er nun, spürte nach langer Zeit wieder dieses brennende Gefühl der Verbindung zu einem anderen "Menschen".
      Das Bild von Amaya, das sich in Shins Geist eingebrannt hatte, stand vor ihm wie ein geisterhaftes Gemälde. Ihr Anblick – eine Vampirschönheit, deren dunkles Haar in eleganten Wellen über ihre Schultern fiel, wie Tinte, die sich in die Nacht ergoss – hinterließ eine tiefe und nachhallende Ehrfurcht. Die kühle Eleganz ihrer Erscheinung, betont durch das monochrome Kleid, das sie wie einen Schatten der Dämmerung umhüllte, war atemberaubend und beinahe unirdisch. Ihre Augen, ein tiefes, lebendiges Braun, das trotz des fehlenden Sonnenlichts glänzte, schienen mit einer Intensität, die er noch nie zuvor begegnet war. Es war ein Blick, der Jahrhunderte zu durchqueren schien, der eine Tiefe und ein Verstehen offenbarte, das nur jene besaßen, die durch viele Leben gewandert waren. Ihre Anwesenheit war wie ein leises Versprechen der Ewigkeit, ihre Schönheit so vollkommen und doch so bittersüß, dass sie sein Herz mit einer Mischung aus Bewunderung und einer unbenannten Trauer erfüllte. In diesem Augenblick des inneren Kampfes, als die Erinnerungen an Elise – ihre Wärme, ihre Schwächen und den unvermeidlichen Verlust – in seinem Bewusstsein widerhallten, fühlte er sich zugleich verloren und gefunden. Ihre Schönheit, so anders als die Erinnerung an seine verlorene Liebe, rief in ihm den tiefen Wunsch nach Verbindung wach, nach der Möglichkeit, das Verlorene in einem neuen Licht zu sehen. In einer seltenen Anwandlung von Unbesonnenheit, die seiner sonst so vorsichtigen Natur widersprach, spürte er den Drang, Amaya wiederzufinden. Ihr Bild, das sich in seinem Gedächtnis festgesetzt hatte, war ein Rätsel, das er zu entschlüsseln begierig war. Es war ein Schritt ins Ungewisse, aber einer, der die Chance auf Heilung und vielleicht sogar auf ein neues Glück barg.

      Nachdem der letzte Nachhall von ihrer Gegenwart in Shins Bewusstsein verklungen war, fühlte er eine ungewohnte Entschlossenheit in sich aufsteigen. Er hatte lange genug in den Schatten gelebt, geprägt von Vorsicht und dem Echo vergangener Schmerzen. Doch nun, konfrontiert mit dem Rätsel, das Amaya verkörperte, spürte er, dass ein Teil von ihm sich nach dem Licht sehnte, nach einer Antwort, die vielleicht nur sie ihm geben konnte. Mit einem Gewicht an Entschlossenheit, das seine sonst so vorsichtige Natur aufwiegt, setzte er einen Fuß vor den anderen und löste sich von der Stelle, an der ihre Berührung ihn verändert hatte. Er schob sich durch die tanzende Menge, jede Bewegung ein Schritt weg von der Vergangenheit und hin zu einer ungewissen Zukunft. Er verabschiedete sich nicht von seinen Freunden; ihre Blicke würden nur Fragen stellen, auf die er keine Antworten hatte, nicht jetzt. Die kühle Nachtluft begrüßte ihn wie eine alte Freundin, und die Sterne schienen heller zu leuchten, als wollten sie seinen Weg beleuchten. Die Straßen sind wie ausgestorben, und Shin folgte den flüsternden Echos der Stadt, als wären sie Botschaften, die ihn leiteten. Amayas Bild, dieses enigmatische Porträt von Dunkelheit und Schönheit, war der Leuchtturm in seinem Geist, der ihn durch die Unsicherheit navigierte. Er schlenderte durch die Gassen, vorbei an den verschlossenen Türen und den schlummernden Geschäften, sein Herz ein unruhiger Taktgeber, der die Stille durchbrach. Jeder Schritt war ein Echo der Begegnung mit ihr, ein Echo ihrer geheimnisvollen Anziehungskraft. Er verlass sich auf sein Bauchgefühl, das ihn schon so oft auf den unbarmherzigen Straßen geleitet hatte.
      Schließlich, als wäre es eine Fügung des Schicksals, kam er in einer unscheinbaren Gasse zum Stehen. Ein kaum wahrnehmbares Schild, das im Zwielicht kaum zu erkennen war, verkündete den "Vampire's Den". Seine Hand bereits an der Türklinke, und in seinem Kopf hallten die letzten Momente der Begegnung mit der Vampirschönheit nach. Der Club, von dem er bis vor kurzem nicht einmal wusste, zog ihn nun mit einer unerklärlichen Kraft an. Vielleicht war es die Art und Weise, wie der Name des Clubs die Essenz dessen einzufangen schien, was Amaya zu sein schien – geheimnisvoll, andersartig, von der Nacht umarmt.


      Mit einem tiefen Atemzug drückte Shin gegen die Türklinke. Er war bereit, sich der Dunkelheit zu stellen, bereit für die Antworten, die sie bergen könnte, bereit, seine Vergangenheit und seine Verluste in den Schatten zu stellen, die dieser Ort versprach. Denn tief in seinem Herzen wusste er, dass es kein Zufall war, dass sie in sein Leben getreten war. Sie war der Schlüssel zu einem Schloss, von dem er nicht wusste, dass es in seiner Seele existierte. Und jetzt, vor dieser Tür, fühlte er sich bereit, sie zu öffnen.
      "Control can sometimes be an illusion, but sometimes, you need an illusion to gain control."

    • Die kühle Abendbrise wehte durch Amayas Haar, als sie den Club hinter sich ließ und auf die Straßen hinaustrat. Die Geräusche der Stadt schienen gedämpft, fast unwirklich, während ihre Gedanken um den jungen Mann kreisten, dessen Duft sie so sehr in ihren Bann gezogen hatte. Die Erinnerung der Begegnung hallte noch immer in ihrem Inneren nach. Amaya ließ den Blick über die Straßen gleiten, suchend, hoffend, dass der junge Mann wieder auftauchen würde, doch alles, was ihr blieb, war das schneeweiße Haar ihrer Freundin. Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen, als sie die Augen für einen Moment schloss, um ihre Gedanken zu ordnen. Der Duft, der sie so fasziniert hatte, war anders als alles, was sie je gekannt hatte. Es war nicht nur der Geruch seines Blutes, sondern etwas Tieferes, als würde mehr hinter der Note stecken. Ihre Sinne waren scharf, ihre Instinkte wach, doch sie konnte sich keinen Reim daraus machen, was so besonders daran - an ihm war. Gedanken versunken folgte sie den schnellen Schritten, die ihr den Weg in die Ferne leiteten. In dem Moment, als die Türen des Saals mit einem dröhnenden Echo ins Schloss fielen, starrte Amaya fest auf einen unsichtbaren Punkt am Horizont. Regungslos, als ob sie durch die Mauern des Raumes und durch die Grenzen der Realität hindurchsehen konnte, waren ihre Augen weit aufgerissen. Es war, als könne sie die Gestalt dieses Mannes, dessen Anwesenheit nur noch eine blasse Erinnerung war, noch vor sich sehen. Obwohl sich die Vampirin in einem Raum des regen Treibens und der vibrierenden Bässe befand, schien sich um sie herum die Stille zu verdichten, ganz als wäre sie einer Trance verfallen. Jeder hätte spüren können, wie tief die Dunkelhaarige in ihren Gedanken versunken war, als versuche sie, die Konturen seines Gesichts aus dem Nebel zu formen. “Haaallooo? Ist da oben noch jemand zuhause?” klopfte Rei mit ihren Fingern theatralisch gegen den ihr zugewandten Hinterkopf ihrer Begleitung. Ringsum wirbelten die Lichter im Farbspiel der Nacht, während die Stimmen unter den Klängen der Musik zu einem chaotischen Wirrwarr verschmolzen. Eine Unterhaltung unter diesem Lärm zu führen, überforderte den menschlichen Verstand, nicht jedoch bei diesen Damen. Rei, deren porzellanartige Haut unter den langen Strähnen ihrer weißen Mähne beinahe blass aussah, spiegelte das lebendige Bild der vampirischen Jugend wider. Sie glich einer frischen Blüte in einem Garten voller uralter Eichen. Ihre Haut war blass, fast durchsichtig, als hätte sie das Sonnenlicht nie berührt. Der Kontrast zu älteren Vampiren, deren Haut oft einen elfenbeinfarbenen, manchmal fast marmornen Hauch annahm, war auffällig. Rei wirkte wie ein Ebenbild der Unschuld, eingefangen in der Ewigkeit des Dämmerlichts. Ihre Augen, strahlend rot wie frisch vergossenes Blut, waren das markanteste Merkmal ihres Daseins. Diese Augen waren neugierig, hungrig und voller unbändiger Energie. Durch und durch war sie ein Wesen der Nacht. Amaya hingegen unterschied sich deutlich von ihrer jüngeren Vampirschwester. Aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung wirkte sie fast menschlich, ihre blasse Haut hatte einen subtilen Hauch von Farbe, der ihr ein lebendiges Aussehen verlieh. Ihre braunen Augen, die trotz des fehlenden Sonnenlichts wie Honigtöpfe glänzten, umhüllten sie mit einer Anmut, die kaum von dieser Welt stammte. In der Dunkelheit der Nacht konnte man ihre Präsenz spüren, doch am Tage hätte man sie für eine besonders anziehende Sterbliche halten können. Ein ungleiches Duo, dass nur aus Zufall zueinander gefunden hatte. Die junge Vampirin war erst kürzlich verwandelt worden und hatte sich in der verwirrenden, neuen Welt verloren. Die Schwarzhaarige, die eigentlich eine Einzelgängerin war, hatte Mitleid, als sie das Mädchen fand und nahm sie unter ihre Fittiche. Es war eine seltsame, aber starke Bindung entstanden. Die beiden Frauen wohnten fortan zusammen in einem alten, stilvoll eingerichteten Apartment. Amaya hatte Rei gelehrt, wie sie ihre neuen Fähigkeiten beherrschen und ihre vampirische Natur verbergen konnte, während Rei Amaya an die Unbeschwertheit und das Abenteuer des Lebens erinnerte. “Was ist denn los?” hakte die Jüngere ein, in der Hoffnung, endlich die geschuldete Antwort zu erhalten. “Hast du das auch gerochen?” Noch immer unfähig den Blick auf die Vampirin zu richten, suchten ihre Augen sehnsüchtig nach dem Objekt der begierde. “Wovon sprichst du? Abgesehen vom Schweiß der Massen habe ich nichts bemerkt.” Sorge legte sich auf die jungen Gesichtszüge, die sie unter dem angestrengten Runzeln älter wirken ließen. Gerade als sich Amayas rote Lippen zu Widerworten öffneten, spürte sie eine Präsenz in ihrer Nähe. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass Vallis hinter ihr stand. Seine Aura war unverkennbar, eine Mischung aus Macht und Dunkelheit, die sie immer wieder spüren ließ, wie stark seine Kontrolle über sie war. „Was tust du hier unten ganz allein, Mali?“ Seine Stimme war ruhig, fast sanft, aber die unterschwellige Autorität war unüberhörbar. „Ich brauchte frische Luft,“ antwortete Amaya, wobei sie den Blick weiterhin auf den Eingang des Clubs gerichtet hielt. „Die Atmosphäre drinnen war erdrückend.“ Vallis trat näher, sein kalter Atem streifte ihren Nacken. „Du weißt, dass du nicht einfach so verschwinden kannst,“ murmelte er, während seine Hand sich um ihren Arm legte. „Was hat deine Aufmerksamkeit so sehr gefesselt?“ Amaya wandte sich langsam zu ihm um, ihre Augen trafen seine. „Es war nichts. Nur ein Moment der Neugier.“ „Neugier ist gefährlich, besonders für jemanden wie dich,“ sagte Vallis mit einem schmalen Lächeln. „Wir sollten zurückgehen. Die Nacht ist noch jung, und es gibt viele, die unsere Gesellschaft schätzen.“ Widerwillig ließ Amaya sich von Vallis zurück nach oben führen, doch ihre Gedanken blieben bei dem jungen Mann. Jede Faser ihres Seins wollte ihn wiedersehen, wollte verstehen, was diese seltsame Anziehungskraft bedeutete. Doch für den Moment musste sie sich fügen. Zurück im Penthouse war die Atmosphäre dicht und geladen, die Luft schwer von Musik und dem Duft von Blut. Amaya bewegte sich durch die Menge, ihre Sinne immer auf der Suche nach einem Hauch des einzigartigen Duftes, der sie so in seinen Bann gezogen hatte. Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste, dass jede falsche Bewegung Vallis’ Misstrauen wecken konnte. Während sie sich durch die feiernden Körper bewegte, spürte sie plötzlich eine Veränderung in der Luft. Es war subtil, kaum wahrnehmbar, doch ihre scharfen Sinne erfassten es sofort. Ein Hauch von etwas Vertrautem, etwas, das sie sofort in Alarmbereitschaft versetzte. Ihre Augen suchten die Menge ab, doch der Raum offenbarte nicht, was ihr Blick zu erhaschen versuchte. Amaya fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, ein Gefühl, das sie längst vergessen glaubte. Sie musste ihn finden, musste herausfinden, wer dieser junge Mann war und warum er eine solche Wirkung auf sie hatte. Gerade wollte sie dem Ruf ihres Instinktes folgen, sich auf die Suche begeben, da trat ein Mann an ihre Seite. Der Türsteher, ein alter Freund des Elders, erschien selten in ihren Reihen. Für gewöhnlich sorgte er dafür, dass die Abende reibungslos verliefen und die Geheimnisse in der Nacht verborgen blieben. “Ein Frischling wurde am Eingang gesichtet.” Die Worte des Türstehers ließen Amaya zusammenzucken. In der Welt des Vampires Den war es höchst ungewöhnlich, ungeladene Neulinge zu empfangen. Das Risiko, das Geheimnis ihrer wahren Natur zu entlarven, war zu hoch. Passanten, die nicht eingeweiht waren oder auf der Gästeliste standen, wurden normalerweise nicht hereingelassen. Ihr war bewusst, dass sie schnell handeln musste. Wenn Vallis oder ein anderer Vampir den Neuankömmling zu Gesicht bekäme, könnte das fatale Folgen haben. Sie musste Shin schützen, bevor er etwas sah, das nicht für seine Augen bestimmt war, und bevor jemand ihre Lüge entlarvte. „Er gehört zu mir,“ verkündete Amaya plötzlich, ihre Stimme fest und bestimmt. Die Augen des Türstehers weiteten sich kurz vor Überraschung, doch er nickte knapp. „Ich kümmere mich darum.“ Ohne eine weitere Erklärung abzuwarten, machte sich Amaya auf den Weg zur Tür. Ihr Herz schlug schneller, nicht nur vor Aufregung, sondern auch vor Sorge. Wenn jemand ihre Behauptung in Frage stellte, könnte dies für Shin gefährlich werden. Und für sie selbst.

      Da war er. Er stand hinter der anderen Seite der Tür, seine Augen auf sie gerichtet. Die Vampirin fühlte, wie ihre eigene Faszination zurückkehrte, verstärkt durch die Intensität seines Blicks. Sie konnte sich nicht bewegen, konnte den Blick nicht von ihm lösen. Für einen Moment standen sie einfach da, in der Stille der Nacht, und betrachteten einander. Es war, als ob die Zeit stillstand, als ob der Rest der Welt nicht existierte. Amaya zögerte. Was sollte sie ihm sagen? Die Wahrheit war zu gefährlich, doch eine Lüge könnte alles zerstören, bevor es überhaupt begonnen hatte. Sie trat zu ihm, legte eine Hand auf seinen Arm und zog ihn ein Stück zur Seite, weg von den neugierigen Blicken. „Du bist mir gefolgt,“ flüsterte sie, ihre Augen suchten seinen Blick. „So ungezogen, zu glauben, du könntest einfach in den heißbegehrtesten Club dieser Stadt spazieren, dabei kenne ich nichtmal deinen Namen.” Ihre Stimme war spielerisch und bestimmt. Bemüht einen Hauch der Leichtigkeit über ihre Lippen kommen zu lassen, um die Panik ihres Herzens zu verbergen. Mit dem Einhaken seines Arms, führte sie ihn schnell einige Schritte vom Club, weg von den bedrohlichen Augen der anderen Vampire. Die kühle Nachtluft umfing sie, als sie auf die Straße traten. Amaya sah sich um, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wurden, dann wandte sie sich wieder an Shin. Doch bevor sie sprechen konnte, wurde die Tür hinter ihnen geöffnet, und Vallis trat heraus. Seine Augen verengten sich, als er Shin sah, und seine Aura der Macht und Gefahr füllte die Gasse. „Wer ist das?“ fragte Vallis scharf, und seine Stimme war ein schneidendes Messer, das die Stille zerschnitt. Amaya trat einen Schritt zurück, um Abstand zwischen sich und Vallis zu bringen. „Das ist Shin,“ sagte sie ruhig, obwohl ihr Herz schneller schlug. „Ein alter Freund.“ Vallis‘ Augen funkelten gefährlich, aber er sagte nichts. Stattdessen trat er näher an Amaya heran, seine Hand griff nach ihrem Arm. „Möchtest du deinen Freund nicht herein bitten,“ grinste er vorfreudig, als sähe er die letzten Stunden des schwächlichen Jungen vor seinen Augen verstreichen. “Nächstes Mal vielleicht.” Funkelte Amaya dem Braunhaarigen zu. “Dann komm wieder rein!” Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Amaya warf Shin einen letzten Blick zu, einen Blick voller Verlangen, bevor sie sich von Vallis wegführen ließ. Ihr Herz schmerzte, als sie sich von Shin entfernte, doch sie wusste, dass sie ihn nicht in Gefahr bringen konnte. Vallis war gefährlich, und jeder, der sich ihm in den Weg stellte, würde dafür bezahlen. “Es war schön, dich wieder zu sehen.” waren die letzten Worte, die sie an ihn richten konnte. Zurück in der lauten, chaotischen Atmosphäre des Clubs, fühlte sich Amaya wieder gefangen. Die Nacht zog sich hin, und Amaya bewegte sich wie eine Schattenfigur durch den Club, ihre Gedanken immer wieder zu Shin zurückkehrend. Sie wusste, dass sie ihn wiedersehen musste, dass sie mehr über ihn erfahren musste. Doch dafür musste sie einen Weg finden, Vallis’ Adleraugen zu entkommen, zumindest für eine Weile.

      Als die ersten Strahlen der Morgendämmerung den Himmel erhellten, fand Amaya sich wieder auf dem Balkon, den sie so oft als ihren Zufluchtsort genutzt hatte. Der Wind war kühl auf ihrer Haut, und sie schloss die Augen, um ihre Gedanken zu ordnen. Die geöffnete Tür riss sie aus ihrer Welt, während Rei sich zu ihr gesellte, ein triumphierendes Lächeln auf ihren Lippen. „Ich habe etwas für dich,“ sang sie und hielt Amaya einen Zettel hin. „Ich habe herausgefunden, welche Universität er besucht. Auf der Party gestern waren viele Studenten von dort.“ Amaya nahm den Zettel und las die Adresse. Ein kurzer Moment der Dankbarkeit durchzog ihre Gedanken, gefolgt von Unbehagen. Hatte die Schwarzhaarige sich in die Karten schauen lassen? Rei lächelte lediglich breit. „Keine Ursache. Ich sehe dich dann später zuhause.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich die zierliche Person und ließ die Vampirin zurück. Keine Zeit verlieren. Sie zog sich eine schlichte, aber elegante Kleidung an, die es ihr ermöglichen würde, sich unauffällig unter die Studenten zu mischen. Ein weißes Hemd, ein kurzer Rock sowie ein taillierter Blazer hielten her. Wenige Stunden später stand sie vor den Toren der Universität. Das Campusgelände war weitläufig und voller Leben. Junge Menschen eilten zu ihren Vorlesungen, saßen in Gruppen auf den Rasenflächen oder diskutierten angeregt in den Gängen. Amaya ließ ihren Blick schweifen, doch Shin war nirgends zu sehen. Sie konzentrierte sich, suchte nach dem vertrauten Duft, der sie so in seinen Bann gezogen hatte. Es dauerte nicht lange, bis sie eine Spur aufnahm. Ein Hauch seines Geruchs haftete an einem jungen Mann, der mit einer Gruppe von Freunden sprach. Amaya erkannte sein Gesicht sofort. Er war einer von Shins Begleitern aus der letzten Nacht. Sie näherte sich der Gruppe vorsichtig und wartete auf einen passenden Moment, um den jungen Mann anzusprechen. „Ich habe dich gestern auf der Party gesehen. Bist du Student hier?“ sagte sie schließlich und lächelte freundlich, ihre Augen fest auf ihn gerichtet, während sie versuchte, so viel wie möglich über ihn und seine Freunde herauszufinden. „Ich bin neu hier. Kennst du zufällig einen Studenten namens Shin?“ erneut lächelte sie, bemüht, so entspannt wie möglich zu wirken. „Wir haben uns gestern kurz unterhalten, bevor ich unerwartet gehen musste.“ Der junge Mann schien keine Bedenken zu haben und teilte ihr mit, dass Shin eine Vorlesung im Gebäudetrakt B hatte. Die Vampirin nickte dankbar und verabschiedete sich von ihm. Sie nahm unauffällig im Vorlesungssaal Platz, ihre Sinne wachsam, während jede Faser ihres Körpers vor Anspannung prickelte. Die Minuten vergingen, und schließlich sah sie ihn…
      A heart's a heavy burden.

    • Shin stand vor dem imposanten Eingang des "Vampire's Den", einem Ort, der von einer dunklen, ungreifbaren Aura umgeben war. Die kühle Abendbrise trug die Geräusche der Stadt mit sich, doch sie schienen gedämpft und fern, als ob die Nacht selbst die Welt in ein geheimnisvolles Schweigen gehüllt hätte. Der Mond hing hoch am Himmel, ein einsamer Wächter, der über die schattenhaften Straßen wachte, und sein Licht spiegelte sich in den tiefen Pfützen des Kopfsteinpflasters.
      In Shins Brust kämpften widersprüchliche Gefühle miteinander. Die Begegnung mit Amaya, die flüchtige Berührung ihrer kalten Hand, hatte etwas in ihm ausgelöst, das er seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Sie war nicht nur eine mysteriöse Frau, sie war eine Erscheinung, die seine Seele berührt hatte, wie ein ferner Traum, der plötzlich greifbar wurde. Ihre Augen, sonnengeküsst und tiefgründig wie der Ozean, hatten ihn in ihren Bann gezogen und ihm gezeigt, dass es mehr gab, als das, was die Oberfläche offenbarte.
      Er erinnerte sich an Elise, die einzige Liebe seines Lebens, deren Verlust ihn in die Dunkelheit gestürzt hatte. Die Erinnerungen an ihre gemeinsamen Tage, die Hoffnung und den Schmerz, fluteten seinen Geist, als er dort stand. Seine Jugendliebe war ein Licht in seinem Leben gewesen, ein Licht, das zu früh erloschen war, und seitdem hatte er sich geschworen, nie wieder jemanden so nah an sich heranzulassen. Doch die Tagwandlerin hatte diese Mauer durchbrochen, hatte Gefühle geweckt, die er längst begraben geglaubt hatte.
      Shin schloss die Augen und atmete tief durch. Die kalte Luft füllte seine Lungen und klärte seine Gedanken. Er wusste, dass er vorsichtig sein musste. Sein Leben auf den Straßen hatte ihn gelehrt, misstrauisch zu sein, immer nach den versteckten Gefahren zu suchen. Und doch, die Anziehungskraft, die die Vampirin auf ihn ausübte, war unwiderstehlich. Es war, als ob sie eine Antwort auf eine Frage war, die er nie zu stellen gewagt hatte.

      Mit zögernden Schritten näherte er sich dem Eingang des Clubs. Das Gebäude selbst wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, eingefangen zwischen den modernen Fassaden der Stadt. Die schwere Holztür war mit filigranen Schnitzereien verziert, die bei näherem Hinsehen unheimliche Geschichten zu erzählen schienen. Er hob die Hand, um die Klinke zu berühren, doch bevor er es konnte, trat ein Mann in schwarzer Kleidung vor ihn, der Türsteher.
      „Der Club ist nicht für dich, mein Freund“, sagte der Türsteher mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete. Seine Augen, kalt und durchdringend, musterten Shin von Kopf bis Fuß. „Nur für Mitglieder und eingeladene Gäste.“
      Der Student verspürte einen Moment der Unsicherheit, aber er wusste, dass er nicht aufgeben konnte. „Ich muss mit jemandem sprechen, der hier drin ist“, erklärte er und versuchte, die Dringlichkeit in seiner Stimme zu vermitteln. „Eine Frau. Sie hatte lange, pechschwarze Haare und trägt auffällige Ohrringe, die wie Kreuze geformt sind. Ihre Augen sind bräunlich wie Honeypots und hatten einen durchdringenden Blick". "Der mich völlig in den Bann gezogen hat“, fügte er gedanklich hinzu.
      Der Türsteher hob eine Augenbraue, doch sein Gesicht blieb unbewegt. „Ah.. Du suchst nach Amaya?“, wiederholte er langsam, als würde er den Namen kosten. „Warte hier.“
      Mit diesen Worten verschwand der Türsteher im Inneren des Clubs, und der mutige junge Mann blieb allein draußen stehen. Die Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten, während er auf eine Antwort wartete. Er konnte das dumpfe Pochen seines Herzens in seiner Brust spüren, ein Echo seiner inneren Aufruhr. Die Nacht schien ihn zu umarmen, ihn mit Fragen und Zweifeln zu umhüllen, aber auch mit einer seltsamen, unbestimmten Hoffnung.Als die Tür sich schließlich wieder öffnete und Amaya heraustrat, fühlte Shin, wie die Welt für einen Moment stillstand. Sie bewegte sich mit der Eleganz und Anmut eines Wesens, das die Zeit selbst gemeistert hatte. Ihre Augen trafen seine, und in diesem Augenblick wusste er, dass er hier Antworten finden würde – Antworten auf die Fragen, die ihn seit ihrer ersten Begegnung verfolgten. Doch tief in seinem Inneren spürte er auch die Vorahnung, dass diese Antworten alles verändern könnten. Ihr Anblick war atemberaubend – das schwarze Haar fiel in eleganten Wellen über ihre Schultern, und ihre dunklen Augen schimmerten im schwachen Licht wie zwei tiefe, unergründliche Seen. Ihre Präsenz war überwältigend, und er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. In diesem Augenblick schien die Zeit stillzustehen, und die Geräusche der Stadt verblassten in der Ferne. Ihre Augen trafen seine, und Shin spürte eine intensive Verbindung, die ihn durchbohrte wie ein elektrischer Schlag. Die Erinnerungen an Elise, die einzige Frau, die er je geliebt hatte, drängten sich in seinen Geist. Die Gefühle, die die Schwarzhaarige in ihm weckte, waren ähnlich stark und überwältigend, und doch auf eine ganz andere Weise. Elise hatte ihm Liebe und Licht gebracht, aber Amaya war wie eine dunkle, verlockende Melodie, die tief in seiner Seele widerhallte. Er fühlte sich hin- und hergerissen zwischen der Erinnerung an seine vergangene Liebe und der unerklärlichen Anziehung zu dieser geheimnisvollen Frau vor ihm.

      Die Nacht umarmte sie beide, der kühle Wind trug den Duft der Stadt mit sich, doch er konnte nur den süßen, verlockenden Duft wahrnehmen, der von der Blutsaugerin auszugehen schien. Es war, als ob sie die Essenz der Nacht selbst in sich trug. Die Geräusche der Stadt wurden gedämpft, die Lichter schienen zu flackern und zu verblassen, als ob sie sich vor der Intensität dieses Moments zurückziehen würden. Shin versuchte, seine Gedanken zu ordnen, die Fragen in seinem Kopf zu klären. Wer war sie wirklich? Warum fühlte er sich so stark zu ihr hingezogen? Jede Faser seines Wesens wollte Antworten, doch er wusste, dass diese Antworten gefährlich sein könnten. Die Vorsicht, die er sich in den Jahren auf der Straße angeeignet hatte, flüsterte ihm zu, dass er auf der Hut sein sollte. Doch die Anziehungskraft, die Amaya auf ihn ausübte, war zu stark, um sie zu ignorieren. Es war, als ob sie ein verborgenes Kapitel seines Lebens aufgeschlagen hätte, eines, das er längst vergessen glaubte.
      In der stillen Nacht standen sie sich gegenüber, jeder Atemzug verstärkte die Faszination, die von ihr ausging. Die Vampirin trat näher, ihre Bewegungen waren elegant und geschmeidig, wie die eines Raubtiers, das seine Beute umkreist. Ihr Blick war intensiv und fordernd, und er fühlte sich, als ob sie tief in seine Seele blickte, seine innersten Gedanken und Gefühle erkundete.

      Ohne ein Wort zu sagen, legte sie eine Hand auf seinen Arm, und er spürte die Kälte ihrer Berührung, die jedoch seltsam beruhigend wirkte. Sie zog ihn ein Stück zur Seite, weg von den neugierigen Blicken, die aus dem Club auf sie gerichtet waren. Die Bewegung war sanft, aber bestimmt, und er folgte ihr ohne Widerstand.
      Der Student rang mit den Worten, versuchte, die richtige Antwort zu finden. „Ich… ich musste dich wiedersehen“, stammelte er schließlich, seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren. „Ich heiße Shin.“ Seine Gedanken rasten, er suchte nach den richtigen Worten, um die Fragen zu stellen, die ihn quälten, aber seine Zunge schien gelähmt.
      Ihre Augen suchten seinen Blick, und der Sterbling fühlte, wie seine Unsicherheit wuchs. Er wollte wissen, wer sie wirklich war, was es mit dieser unerklärlichen Anziehungskraft auf sich hatte, die ihn zu ihr zog. Doch bevor er seine Fragen formulieren konnte, bemerkte er eine dunkle Gestalt, die sich ihnen näherte.
      Vallis trat aus den Schatten, seine Augen funkelten gefährlich im schwachen Licht. Die Atmosphäre veränderte sich augenblicklich, wurde schwer und bedrohlich. Er spürte die kühle Macht, die von diesem Mann ausging, und eine unwillkürliche Furcht durchzuckte ihn. Vallis war eine Präsenz, die keinen Widerspruch duldete, eine Verkörperung der Gefahr, die Amayas Welt umgab.
      Ohne ein Wort zu sagen und bevor er in die Dunkelheit verschwand, musterte Vallis ihn mit durchdringendem Blick, und Shin fühlte sich, als ob er nackt vor ihm stand. Er spürte die Last der unausgesprochenen Worte, die zwischen ihm und der zeitlosen Schönheit schwebten. Shin nickte langsam zur Verabschiedung, unfähig, die Bedeutung der Begegnung vollständig zu erfassen, doch er wusste, dass er hier nicht länger verweilen konnte. Die Gefahr war zu groß, die Antworten zu vage. Er drehte sich um und ging langsam zurück in die belebteren Straßen der Stadt, seine Gedanken wirbelten durcheinander.

      Während er ging, spürte er immer noch die Präsenz von ihr in seinem Rücken, als ob ihre Augen ihn begleiteten. Der Verliebte schlenderte langsam durch die belebten Straßen der Stadt, doch seine Gedanken waren weit weg von den flackernden Lichtern und dem Gemurmel der Passanten. Die Begegnung mit der Schwarzhaarigen und Vallis hallte in seinem Geist nach wie ein fernes Echo, das nicht verhallen wollte. Die kühle Nachtluft legte sich wie ein Mantel um seine Schultern, doch die Wärme, die Amayas Berührung hinterlassen hatte, brannte immer noch auf seiner Haut.
      Er fühlte sich, als ob er durch einen dichten Nebel wanderte. Die Bilder der Nacht – ihr durchdringender Blick, Vallis' bedrohliche Präsenz – vermischten sich mit den Erinnerungen an Elise, und eine Flut von Emotionen drohte ihn zu überwältigen. Die Angst und die Unsicherheit seiner Vergangenheit kämpften gegen die neu erwachte Neugier und das Verlangen, das Amaya in ihm geweckt hatte.
      Shin wusste, dass er Antworten brauchte. Die Fragen, die sich in seinem Kopf türmten, ließen ihm keine Ruhe. Wer war sie wirklich? Was war die Natur dieser unerklärlichen Anziehungskraft, die er für sie empfand? Und warum schien sie in eine Welt verwoben zu sein, die so weit entfernt von allem war, was er kannte?

      Mit zögernden Schritten machte er sich auf den Weg nach Hause. Sein bescheidenes Apartment lag in einem der älteren Viertel der Stadt, ein Ort, der von den modernen Entwicklungen weitgehend unberührt geblieben war. Die kleine Wohnung war einfach eingerichtet, ein Refugium, das ihm Sicherheit und Ruhe bot. Doch heute Nacht konnte er diese Ruhe nicht finden. Die Gedanken an Amaya verfolgten ihn, ließen ihm keinen Frieden.
      Er warf seine Jacke über einen Stuhl und ließ sich aufs Bett fallen. Die Dunkelheit des Raumes war erdrückend, und selbst das vertraute Zirpen der Grillen vor dem Fenster konnte seine Unruhe nicht mildern. Er drehte sich von einer Seite auf die andere, seine Gedanken kreisten unaufhörlich um sie. Ihre Augen, ihr Lächeln, die kühle Berührung ihrer Hand – all das hatte sich tief in sein Bewusstsein eingebrannt. Stunden vergingen, und der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Er starrte an die Decke, versuchte, die wirbelnden Gedanken in seinem Kopf zu ordnen. Warum fühlte er sich so stark zu ihr hingezogen? Es war mehr als nur Faszination; es war ein tiefes, beinahe schmerzliches Verlangen, das ihn quälte.
      Der Morgen kam viel zu schnell, und als die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge fielen, fühlte sich der junge Student erschöpft und zerschlagen. Doch er wusste, dass er aufstehen musste. Die Universität rief, und trotz seiner Müdigkeit wollte er nicht fehlen. Er schleppte sich ins Bad, spritzte kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete sein eigenes, müdes Spiegelbild. Dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab, und sein Blick war glasig vor Erschöpfung. Mit einem Seufzer zog er sich an und machte sich auf den Weg zur Universität. Die Straßen waren bereits belebt, das geschäftige Treiben des Morgens nahm seinen Lauf. Er tauchte in die Masse ein, ließ sich von der Bewegung der Menge tragen, während seine Gedanken noch immer bei Amaya verweilten.
      An der Universität angekommen, bemühte er sich, seine Konzentration auf die Vorlesungen zu lenken. Doch es war schwer, sich auf die Worte der Dozenten zu konzentrieren, als seine Gedanken ständig zu der mysteriösen Frau zurückkehrten, die seine Welt auf den Kopf gestellt hatte. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er ihr Gesicht vor sich, hörte ihre sanfte, doch bestimmende Stimme.
      Der Tag zog sich endlos hin, und jede Vorlesung schien länger als die vorherige. Shin versuchte, sich Notizen zu machen, doch seine Hand schien ein Eigenleben zu führen, während seine Gedanken in die Nacht zuvor abschweiften. Er fragte sich, ob er sie jemals wiedersehen würde, ob er die Antworten finden würde, nach denen er suchte.

      Als die letzte Vorlesung des Tages endete, blieb Shin noch einen Moment in dem leeren Hörsaal sitzen, versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er wusste, dass er mehr über geheimnisvolle Frau und ihre Welt in Erfahrung bringen musste. Doch wie sollte er vorgehen? Wo sollte er anfangen? Amaya – ihr Name klang immer wieder in seinem Kopf nach, als wäre er ein geheimer Zauberspruch. Als der Raum sich langsam leerte und die letzten Studenten hinausgingen, bemerkte Shin, dass jemand im Schatten der hinteren Reihen sitzen geblieben war. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er erkannte, dass es die Frau war, nachdem er sich so sehr sehnte. Sie hatte ihn gefunden. Sein Herz schlug schneller, und eine seltsame Mischung aus Freude und Misstrauen durchströmte ihn.
      Langsam stand er auf und ging zu ihr hinüber. Die Stille des leeren Hörsaals war greifbar, nur das leise Rascheln seiner Schritte und das entfernte Murmeln der Universität waren zu hören. Amaya hob den Kopf und ihre Augen trafen seine. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, wie schon in der Nacht zuvor.

      „Du bist hier“, sagte er leise, fast als könne er es immer noch nicht glauben. „Warum?“
      Shin setzte sich auf den Stuhl neben ihr und sah sie an, versuchte, die richtigen Worte zu finden. „Ich... ich habe die ganze Nacht an dich gedacht“, gestand er. „Ich verstehe nicht, warum ich mich so zu dir hingezogen fühle. Es ist, als ob du ein Teil von mir bist, den ich nie gekannt habe. Aber...“
      Er hielt inne und sah sie direkt an. „Aber warum hast du mich gestern Nacht nicht in den Club gelassen? Wer war dieser Vallis? Warum bist du so plötzlich verschwunden? Und wie hast du mich heute hier gefunden?“
      Die Fragen kamen schneller, seine Stimme wurde drängender. „Was sind deine Absichten, Amaya? Warum suchst du mich auf?“


      Die Stille im Hörsaal wurde schwer und greifbar. Der Raum, eben noch erfüllt von den Geräuschen des Unterrichts und dem Rascheln von Papier, war jetzt fast unheimlich still. Das schwache Licht, das durch die großen Fenster fiel, zeichnete lange Schatten auf den Boden und die Wände, als ob es die unsichtbare Spannung zwischen ihnen betonen wollte.
      Shin konnte das leise Summen der Leuchtstofflampen über ihnen hören, das sonst in der Geräuschkulisse der Vorlesungen unterging. Jeder Atemzug von ihm schien laut und übertrieben in dieser intensiven Stille. Seine Augen ließen Amaya nicht los, suchten nach Anzeichen von Reue, Wahrheit oder gar Täuschung in ihrem Blick.
      "Control can sometimes be an illusion, but sometimes, you need an illusion to gain control."