Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Maledictio Draconis [CodAsuWin]




      Titel: Maledictio Draconis

      Genres: Fantasy, poss. romance, thriller (?)

      Mitgliederzahl: 3


      Story:

      Vorgeschichte:
      Vor gut 250 Jahren brach eine Pandemie auf Erden aus. Die Menschheit sah sich mit einer Krankheit ungeahnten Ausmaßes konfrontiert und konnte nichts anderes tun als abwarten, in der Hoffnung, die Seuche würde über sie alle hinwegziehen. Die Krankheit, die ähnlich wie die spanische Grippe verlief, forderte Millionen Leben und verschwand genauso spurlos wieder wie sie aufgetaucht war. Innerhalb eines Jahres war die Bevölkerung deutlich dezimiert worden und innerhalb dieser kurzen Zeit war kein Heilmittel gefunden worden. Es dauerte Jahrzehnte bis sich die Welt wieder gefangen hatte und die Menschen ihrem Leben nachgehen konnte, als sei nie etwas geschehen.
      Denn solch eine Katastrophe würde die Erde sicherlich nicht noch einmal ereilen. Dachte man.
      133 Jahre später sah sich die Welt einer neuen Seuche ausgesetzt. Ein furchtbarer Vulkanausbruch auf einer Insel erregt die weltweite Aufmerksamkeit, als sich aus dem Krater nicht nur Lava an die Oberfläche kämpfte, sondern auch etwas Anderes das Licht der Welt erblickte. Schnell war der Terror der Naturkatastrophe in den Hintergrund gerückt, als den Menschen die flammende, fliegende Echse auffiel, die die Insel vollkommen in Schutt und Asche legte, wo selbst der Vulkan sie verschont hatte. Die Menschen gaben dem Biest den Namen Drache, denn es glich den Kreaturen aus den Märchen und Sagen wie aufs Haar. Obwohl solch Übernatürlichkeiten und Magie gar nicht existent waren.
      Dem Feuerdrache folgte ein Tsunami auf der anderen Seite der Erde, begleitet von einer ähnliche Kreatur, die man als Wasserdrache bezeichnete. Die Naturkatastrophen schienen nicht merklich öfter aufzutreten, dafür erschienen diese Drachen mit einem Mal wie aus dem Nichts. Bereits ein Jahr später bevölkerten rund Dreißig dieser Monstren die Erde und pulverisierten alles, was in ihren Wirkungsbereichen waren. Die Menschen sahen sich gezwungen, sich zurückzuziehen, um ihr Überleben zu sichern.
      Und so verschanzten sich die Überlebenden unter der Erde, in Forts und Bastionen sowie Gebirgen. Über Jahre schmiedeten sie Pläne, wie sie den Drachen Herr werden konnten und kamen schließlich zu einem Lösungsweg. Mit neuer Handlungsgewalt sagten sie den Monstren den Kampf an und schlachteten alle 32 Drachen, die sich auf der Erde getummelten hatte.
      Mit diesem Sieg kehrte eine Zeit des Friedens ein. Eine Zeit, die fünf Jahre andauerte und die Menschheit sich etablieren ließ. Doch nach diesen fünf Jahren trat der gefürchtete Fall wieder ein: Der erste neue Drache erschien auf der Bildfläche und der Terror geschah von Neuem. Dieses Mal sahen sich die Menschen keinem Ausbruch gegenüber, denn nun waren sie vorbereitet, ihr Territorium und ihr Leben zu halten.
      Und so entbrannte ein Kampf der Menschen gegen diese Seuche, die sie fortan als Drachen bezeichneten, der bis heute anhält.

      Handlungsgeschichte:
      Das Erscheinen der Drachen war unregelmäßig geworden. Meist wurden sie begleitet von anderen Naturkatastrophen und noch immer wusste niemand, woher diese Monstren überhaupt kamen. Sie wirkten nicht intelligent, verstanden die menschliche Sprache nicht und schienen nicht kommunikativ zu sein. Es waren zerstörerische Bestien, die je nach Umgebung andere Ausprägungen hatten. Feuerdrachen, Erddrachen und Wasserdrachen waren dabei die einfachen Klassifizierungen. Doch es gab auch Varianten, die eher Lungs oder Lindwürmern ähnelten, oder gar völlig anderer Natur waren.
      Viele Menschen sahen sie noch immer als eine Art Seuche an, die die Erde entwickelt hatte. Andere glaubten an die Apokalypse und das Ende der Welt. Wieder andere verehrten die Drachen, die als Bestrafung für die Sünden der Menschen von den Göttern auf die Erde geschickt worden waren. Die Ansätze mochten verschieden sein, aber ihnen allen war gleich, dass das Erscheinen dieser Drachen immer mit immensen Verlusten einherging und man sie schnellstmöglich aus dem Weg räumen musste, um die Verluste gering zu halten.
      Es bildeten sich Spezialeinheiten, die einzig und allein auf die Ausrottung der Drachen trainiert worden waren.
      Es bildenten sich Kults, die entweder das Ende heraufbeschworen oder fanatisch die Drachen verehrten.
      Es bildeten sich Kreise von Forschungsinstituten, die versuchten, dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. Mittels Beobachtung als auch eher kreativeren Ansätze.
      Denn irgendwoher mussten diese Drachen kommen. Sie mussten einen Zweck verfolgen und irgendwie musste man es doch auch schaffen, ihr Auftreten zu verhindern. Denn sonst würden die Völker der Erde, die nicht mehr nur aus Menschen bestanden, ständig um ihr Leben bangen. Und neben all den Sorgen hinsichtlich der Drachen gerieten die verschiedenen Völker auch noch aneinander und Religionen und Kulturen kamen sich gegenseitig in die Quere. Nur würde die Welt ohne Zusammenarbeit dieser Plage niemals Herr werden.
      Die Seuche der Drachen würde kein Ende finden.
      Und wer behauptete, dass diejenigen, die dem Geheimnis auf die Schliche kommen, nicht sogar eine völlig neue Weltordnung damit heraufbeschwören würden?

      Ziel/Zwischenziel: Erklärung hinter dem Phänomen der Entstehung der Drachen, Ausrottung der Drachen/Entstehungsquelle, Survival



      Weitere Informationen:

      Postingvorgabe: 3-Person, min. 1x wöchentlich nach Reihenfolge/Absprache, falls sich jemand zeitlich rausziehen muss und man zu zweit ein Event auch abhandeln kann/könnte. Mind. 400 Wörter/Post.

      Steckbrief: Keine Vorlage gefordert, Randdaten der Figuren sollten aber mindestens enthalten sein (wir kreieren sowieso fettere Steckis als angegeben....)

      Bereits bestehende/gesuchte Mitglieder: @Codren , @Winterhauch , Asuna


      Vorstellung [click me!]

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asuna ()

    • Immer wieder blieben neugierige Menschen stehen und sahen dem großen, vermummten Mann hinterher, der sich ohne eine Regung weiter den Pfad zur Gebirgsfeste Celestia hinauf begab. Der gewundene Pfad, der plattgewalzt worden war von hunderten Karrenrädern, zog sich in zahllosen Windungen den Berg hinauf, an dessen einzelnen Vorsprüngen sich die Bezirke der Stadt gebildet hatten. Es waren größtenteils Nicht-Menschen oder armes Gesindel, die an die Klippen der Stadt verdrängt wurden, wohingegen die Wohlhabenden innerhalb der sicheren Bergmauern sich gegenseitig die weichen Bäuche streichelten und so taten, als herrsche draußen kein tagtäglicher Überlebenskampf.
      Dass der wirkliche große Angriff eines Drachen her war, lag nur wenige Jahrzehnte zurück. Ein gefühlter Wimpernschlag für jemanden wie Devon, der länger als der übliche Mensch lebte. Sein Volk der Lacerta, ein indigenes Volk aus den Tiefen des Tropendschungels Tel'Aquera, verfügten über eine erhöhte Vitalität und modifizierte Körperzeichen, die auf das Blut von Echsen zurückzuführen waren. Früher hatte das Volk unentdeckt vor den Menschen in den Wäldern gelebt, doch nach den ersten Drachenangriffen waren sie gezwungen, sich zur Wehr zu setzen. Doch die Menschen legten ihre Vorurteile nie recht ab und bezichtigten die Lacerta zu den Drachen zu gehören. Was sie, mitnichten, nicht taten.
      Das war der Grund, warum Devon fast seinen gesamten Körper verhüllte, wenn er keine freien Städte betrat. Seine Rüstung bedeckte sowieso schon seinen ganzen Körper, doch seinen Kopf machte er mit einem Schlauchschal beinahe unkenntlich. Er hatte nur den Bereich um seine Augen freigelassen, die von Weitem Braun statt Rot wirkten. Auch seine geschlitzten Pupillen fielen erst demjenigen auf, der sie aus unmittelbarer Nähe betrachtete. Und soweit ließ er der Mann meistens gar nicht erst kommen. Sein Ausdruck wirkte manchmal schläfrig, weil er absichtlich nicht die Augen normal offen hielt sondern seine Lider etwas weiter als üblich absenkte. Quasi als doppelten Schutz. Dass er so allerdings entweder als Aussätziger oder eben einer weniger gern gesehenen Spezies angesehen wurde, nahm er dafür in Kauf.
      Devon war allein in seiner Sache unterwegs. Er war lediglich durch Hörensagen nach Celestia gereist, nachdem die Stadt mehr oder weniger auf dem Weg zu seinem nächsten Ziel lag. Man sagte, dass ein Drache seinen Geburtsort selten nur einmal besuchte, und da Adrastus – besonders langlebige und gefährliche Drachen bekamen gesonderte Namen – seit seinem Erscheinen Celestia kein zweites Mal heimgesucht hatte, war es nur eine Frage der Zeit. Vielleicht lag es auch einfach an dem Vulkan, der damals das Gebirge erschüttert und nebst Lava auch diesen Drachen ausgespuckt hatte. Scheinbar waren alle Vulkanausbrüche mit massiven Drachen zu verbinden, befand Devon und beschloss, sich in der Stadt solange niederzulassen bis entweder in der Umgebung ein neuer Drache erschien oder eben Adrastus wieder zurückkehrte.
      Das Auftauchen der Drachen war bis heute ein Mysterium. Es herrschten verschiedene Theorien, was die Entstehung der Drachen betraf, und reichte von Apokalypsen bis hin zu einer göttlichen Intervention. Manch völlig verrückte Seele betrachtete die Kreaturen, die ganze Landabschnitte verwüsteten und etliche Leben forderten, sogar als ein Wunder. Darüber konnte Devon nur jedes Mal den Kopf schütteln, wenn er das hörte. Sicher, es musste einen Ausgleich für die Menschheit geben, aber dann ausgerechnet Drachen zu schicken, schien ihm übertrieben.
      Er konnte schließlich leicht reden. Die Pandemie von vor 250 Jahren hatte er schließlich nicht lebend mitbekommen.
      Weltweit wurden die Drachen in Kategorien eingeteilt. Je nachdem, wie leicht sie zu töten waren, was für Schäden sie anrichteten und wie groß sie waren, bekamen sie einen Buchstaben zugeordnet. Drachen der D-Kategorie waren kleine Würmer, Lindwürmer, die nur regional auftauchten und meist eher defensiv lebten.
      Die C-Kategorie war potenter und neigte dazu, aggressiv auf Störungen zu reagieren und sich dementsprechend zu wehren. Dazu zählten größere flügellose Drachen und Lungs.
      Die B-Kategorie enthielten Wyvern aller Formen und Farben. Sie waren sehr territorial, veränderten ihre Umgebung maßgeblich und richteten nennenswerten Schaden an. Für einen Tötungsauftrag eines Wyverns wurde in den meisten Fällen bereits ein professioneller Jäger benötigt.
      Die Kategorie A umfasst alle echten Drachen. Da sie so variantenreich wie die Natur sind, lassen sich alle Drachen mit sechs Gliedmaßen und einer bestimmten Größe hier einteilen. Diese Kategorie beansprucht ein großes Areal und vernichtet dabei systematisch alles, was eine potenzielle Gefahr darstellt. So auch damals der erste Feuerdrache, der von einem Vulkan ausgespuckt wurde und eine Insel komplett unkenntlich machte. Drachen dieser Kategorie bedürfen Veteranen oder sehr gut koordinierten Gruppen, um erfolgreich gejagt zu werden.
      S-Drachen gefährden ganze Kontinentabschnitte, da sie bekanntlich wandern. Die Natur scheint sich ihrer Anwesenheit zu unterwerfen und sie weisen eine Größe auf, die kaum noch zu handeln sind. Diese Drachen sind entweder besonders mächtige Vertreter der Grundelemente oder Sonderformen, deren Entstehung ein noch größeres Rätsel aufwirft.
      In der Geschichte gab es bisher einen einzigen Doppel-S-Drachen. Esuriens, der Hungernde. Ein gigantisches Ungetüm vom Ausmaß eines Gebirges, der von einem tosenden Hurricane ständig umgeben war und damit fast unantastbar gewesen war. Es hatte einem glücklichen Zufall und der erstmalig gut funktionierenden Initiative der Völker bedurft, um dieses Monster zu erlegen.
      In seinen Jahren als Jäger hatte Devon Drachen einschließlich der A-Klasse allein zu Fall gebracht. Sein Name – oder viel mehr seine Erscheinung – war mittlerweile nicht mehr unbekannt und dennoch half es ihm nicht bei seinen Reisen weiter. Noch immer mieden die meisten Menschen ihn oder jagten ihn aus den Städten hinaus. Ihm wurde nachgestellt, auch das ein oder andere Attentat kann er nicht von sich weisen. Doch er nahm es niemanden übel, die Menschen folgten eben ihren Einstellungen und Motivationen. So wie er die seinen verfolgte, für die er aus seinem eigenen Stamm verstoßen worden war.
      Das zeigte sich ein weiteres Mal, als er das große eiserne Falltor von Celestia erreichte, dessen Pfeiler von Stadtwachen flankiert waren. Devon überragte mit seinen 2,19 Metern Größe spielend leicht die anderen Menschen, die mehr Platz vor ihm machten als ihm wirklichen den Weg zu blockieren. Ganz brav hielt er vor der ersten Wache ein, die ihm einen düsteren Blick zuwarf. Die Rüstung der Wache war wie gestriegelt und neu – also jemand, der mehr auf seine Erscheinung und den Ruf als alles andere zählte. Es brauchte keinen Grund, um in die Städte einzureisen, aber zwielichtige Gestalten wurden dennoch abgefangen. Und da Devon jedes Klischee davon bediente, machte er sich gar nicht erst die Mühe, der Kontrolle aus dem Weg zu gehen.
      Mit völliger Ruhe reckte er die behandschuhte Hand zu dem Stoff vor seinem Gesicht. Er zog ihn mit einem Finger fast bis auf sein Kinn hinunter wobei er der Wache noch näher trat, sodass er dem kleinen Mann regelrecht auf den Kopf spucken konnte. Ohne ein Wort stierte Devon mit seinen roten Augen von oben herab auf die Wache herunter und entblößte dabei das, was etliche Kämpfe und sonstiges mit seinem Gesicht angestellt hatten.
      Die Wache erbleichte und stolperte einen Schritt zurück.
      Devon richtete seinen Schal wieder und trat durch das Falltor hindurch in Celestia ein. Er machte sich nicht einmal die Mühe, großartig zu seufzen. Die Reaktionen fielen überall gleich aus, wo er auftauchte und er keine Wohltäter hatte, die ihn empfingen. Es gab die Leute, die er gerettet hatte, natürlich nur ganz nebenbei, und die ihm dankbar dafür waren. Nur waren diejenigen, die ihn verspotteten und beleidigten noch zahlreicher als die Dankbaren.
      Kaum war er eingetreten, verschwand auch das Gefühl, sich abzuheben. Hier in Celestia trieb sich beinahe alles herum, was die Erde zu bieten hatte. Höchstwahrscheinlich war er hier noch immer der einzige Lacerta, aber abgesehen davon gab es jegliche Rasse und jeglichen Glauben. Sie alle hatten sich an diesem Berg eingefunden, als damals die Seuche ausbrach und man Schutz suchen musste. Die große Feste, die innerhalb des Berges geschlagen worden war, war der beste Anlaufpunkt damals gewesen. So schob sich Devon durch die Leute hindurch, die endlich weniger Zeit hatten, um ihn misstrauisch zu beäugen sondern ihren eigenen Dingen nachgingen. Hier würde er sich umhören, ob jemand etwas Nützliches wusste oder gar von einem kleinen Drachenproblem wusste. Aber bis dahin würde er erst einmal den Markt aufsuchen, um sich neues Poliermittel für seine Klingen zu besorgen. Dabei hielt er seinen Beutel immer nah bei sich – immerhin wollte er keinen Taschendieb häuten.
    • Malleus blickte zu den überfüllten Straßen zu seinen Füßen herab.
      Die Gebirgsfestung Celestia quoll über mit Flüchtigen und Angehörigen aller Völker, die Schutz hinter den befestigten Mauern suchten. Die allgegenwärtige Furcht vor Seuchen und Naturkatastrophen trieb die Bevölkerung an den äußersten Rand der Vernunft. Überbevölkerung und die Vermischung unterschiedlichster Kulturen und Glaubensrichtungen sorgte nicht selten für blutige Konflikte in den Straßen. Die Stadtwache suhlte sich in den Überbleibseln des Respekts aus alten Tagen und zog es vor sich aus derlei Unruhen herauszuhalten. Damit war sie weniger bedrohlich als ein gezähmter, zahnloser Berglöwe. Eines Tages würde sie an der Eitelkeit und all ihrem Prunk ersticken. Celestia war unter schwächlicher Führung zu einem Sündenpfuhl verkommen. Hehlerei, Hurerei und falsche Götzenbilder zierten die weitverzweigten Straßen mit all ihren sündhaften Verlockungen und falschen Versprechungen. Malleus sehnte den Tag des Feuers herbei, der alle Sünden vom Angesicht der Welt brennen würde bis nicht mehr davon übrig war als ein Häufchen kalte Asche. Aus den Überresten der Zivilisation würden sich die Gezeichneten erheben. Es war ihre Belohnung für die Opfer, die sie im Namen der Götter erbrachten, und eine Ehre, die nicht jedem von ihnen gebührte. Selbst die Gemeinschaft der Gezeichneten – die Signa Ignius – konnte sich nicht von allen Verfehlungen freisprechen. Dekadenz, Machtgier und Trägheit vergifteten selbst die Reinsten unter den Erwählten. Sie suhlten sich in den Annehmlichkeiten, die er ihnen bot, und vergaßen dabei das ehrwürdige Kredo ihrer Gemeinschaft.
      Malleus hatte sie alle persönlich ausgewählt. Die einen für ihren Glauben, die anderen für ihren Reichtum. Es brauchte beides, um seine Führungsposition innerhalb der Signa Ignius zu sichern. Reichtümer interessierten den Mann nicht, aber sie waren hilfreich um wankelmütigen Geistern die Kostprobe eines besseren Lebens auf einem Silbertablett zu servieren. Bedauerlicherweise reichte Glaube allein häufig nicht mehr aus. Es war eine Schande.
      Bei dem Gedanken verfestigte sich sein Griff um die Balustrade seines Balkons, der mit viel handwerklichem Geschick aus dem Felsen geschlagen worden war, bis die Knöchel am Handrücken deutlich unter der Haut hervortraten. Vereinzelte, geschwärzte Stellen im weißen Kalkstein bezeugten als letzte Spuren die verheerende Feuersbrunst, die Celestia einst vor langer Zeit heimgesucht hatte. Malleus ließ den Blick über die glänzenden Zinnen der Türme schweifen, die sich in den Himmel schraubten und das Sonnenlicht reflektierten. Er wusste, wenn der Tag gekommen war, trennte sich die Spreu vom Weizen.
      Mit einem letzten Blick auf die Straßen der Festung wandte er sich ab und betrat die großzügigen Räumlichkeiten, die er als sein Schlafgemach nutzte. Die Einrichtung war schlicht und zweckmäßig ohne eine Spur von unnötigem Prunk. Die geknüpften Teppiche hielten die Kälte des Steinbodens fern und fühlten sich weich unter seinen nackten Fußsohlen an. Malleus stoppte vor einem Spiegel, dessen goldener Rahmen bereits abblätterte. In der unteren, linken Ecke war ein Stück vom Spiegelglas herausgefallen. Er tauchte die Hände in die bereitgestellte Schüssel mit lauwarmem Wasser. Vor einer halben Stunde war es sicherlich noch heiß gewesen, aber er hatte sich in Gedanken verloren. Sorgfältig wusch er seine Hände, säuberte sein Gesicht von den Resten kalten Schweißes und musterte sein Spiegelbild, das ihn mit ebenso durchdringenden Augen musterte. Die dunkelbraune Iris war beinahe so tiefschwarz wie glänzender Obsidian. Er vermied es den Blick zu senken und über seine nackte Brust wandern zu lassen. Malleus trocknete seine Hände und schlüpfte in einfach gehaltene Kleidungsstücke aus Leinen, Wolle und Stiefeln aus gegerbten Leder. Das helle Leinen stand in einem auffälligen Kontrast zu seinem dunklen Teint und den schwarzen Haaren, die ihm in Dutzenden von einzelnen Zöpfen über die breiten Schultern fielen. Prüfend sah er in den Spiegel und zupfte die Kleidung an Kragen und Ärmeln zurecht. Bevor er den Raum verließ, angelte er ein Paar schwarze Handschuhe von einer kleinen Kommode neben der Tür. Das Leder fühlte sich geschmeidig und glatt unter seinen Fingerspitzen an. Routiniert streifte Malleus die Lederhandschuhe über. Er beugte, krümmte und streckte die Finger bis er mit dem Sitz zufrieden war. Erst dann öffnete er die Tür.
      In der untersten Etage herrschte ein angeregtes Flüstern. Der gemütliche Raum am Fuß der Wendeltreppe bot genügend Platz für eine Kochnische und zahlreiche Sitzgelegenheit, von einfachen Sitzkissen am Boden bis zu einladenden Sesseln. An einer großen Tafel speisten Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten gemeinsam und plauderten angeregt. Es war ein friedliches und gleichzeitig trügerisches Bild, dass Malleus erwartete. Die Hochstimmung und der Nervenkitzel der vergangenen Nacht hatten sich noch nicht vollständig verflüchtigt. Niemand würde den lachenden Menschen in diesem Raum ein unverzeihliches Verbrechen unterstellen und in Malleus Augen hatten sie Celestia sogar einen Gefallen getan. Korruption hatte keinen Platz in der neuen Welt.
      Die Gespräche verstummten, als der Erste der gläubigen Kultisten den Mann auf den Treppenstufen entdeckte. Alle Anwesenden legten das Besteck nieder, stellten Tassen und Gläser ab, legten die Bücher beiseite, in denen sie blätterten. Malleus überbrückte die letzten Stufen.
      „Meister Malleus“, flüsterten sie. „Wiedergeborener.
      Sie flüsterten seinen Namen wie ein Gebet.
      Und warteten.
      „Malleus, Malleus, Malleus…“
      Niemand rührte sich bis Malleus den Kopf ein wenig neigte. In die erstarrte Menge kam neue Bewegung, als sie auf den Mann zugingen, der ihren Glauben verkörperte, ihre Wünsche und Sehnsüchte nährte und ihnen Sicherheit versprach. Ehrfurchtsvoll berührten fremde Hände seine Unterarme, seinen Ellbogen und seine Schultern. Sie griffen zurückhaltend nach dem Leinenstoff, der bereits seine Körperwärme angenommen hatte. Malleus seinerseits streifte mit seinen behandschuhten Fingern ebenfalls flüchtig über die ein oder andere Schulter, nickte den Menschen an seiner Seite zu. Das Lächeln auf seinen Lippen war durchaus als charmant und wohlwollend zu betrachten, doch reichte es nicht an seine Augen heran. Ein wirklich, wirklich aufmerksamer Beobachter hätte den gezügelten und maskierten Widerwillen darin bemerkt. Dennoch bewegte sich Malleus geduldig durch die Menge. Stolz präsentierten einige der Beteiligten ihren Nacken in unterwürfiger Pose und gaben dabei den Blick auf das Brandzeichen in ihrem Nacken frei. Die vereinfachte, stilisierte Version eines Drachenkopfes starrte ihm entgegen. Bei dem Anblick verspürte er Abscheu und tiefste Zufriedenheit zugleich.
      Die helfende Hand einer älteren Frau mit graugesträhntem, rotbraunem Haar und Krähenfüßen um die Augenwinkel reichte ihm einen Mantel aus altem Leder, der von Innen gegen die Kälte der Gebirge leicht aber ausreichend gefüttert war.
      Malleus machte das jeden Morgen seit ihrer Niederlassung in Celestia.
      Jeden Tag trat er auf die belebten Straßen hinaus und hielt sich vor Augen, was die Zivilisation in den Untergang stürzte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Varelio gibt es nicht mit zwei Stängeln. Das ist gar kein Varelio, das gibt es nicht mit zwei Stängeln”, nuschelte Tava im nachäffenden Ton vor sich hin, eine gebückte Cervidia in einer Seitenstraße, die den Boden abtastete - oder eher die Rillen der Steinwand vor sich. Hier hinten war es dunkel von den überlappenden Dächern und außerdem stank es nach getrocknetem Kochfett, aber der Stein war trocken. Alles war hier ziemlich trocken. Nicht, dass sie sowas aufgehalten hätte.
      Ich kann dich für nichts bezahlen, das es nicht gibt - und wie du das kannst! Wann hast du denn das letzte Mal Varelio gepflückt?! Sicher vor hundert Jahren!
      Tava riss den Kopf hoch, aber ihre jetzt laute Stimme verscholl ungehört in der Straße. Kurz darauf wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Boden vor ihr zu und nuschelte weiter.
      Dummer, einfältiger, arroganter Mann. Das gibt's nicht mit zwei Stängeln - sowas dummes! Das seh ich doch in jedem Kinderbuch!
      Tava war frustriert. Sie hatte auf ihrer Wanderschaft Spuren gefunden, die sehr stark auf einen Drachen schließen ließen - oder zumindest etwas anderes sehr großes, was ihr sicherlich ein paar Abende das Essen spendiert hätte - aber sie hatte sie verlassen müssen, weil ihre Vorräte zur Neige gingen. Normalerweise sorgte sie bei jedem Zwischenstopp vor, dass sie ein paar Wochen ohne Zivilisation auskam, bevor sie wieder auffüllen musste, aber sie hatte einen schnelleren Verbrauch gehabt als geplant und eigentlich nichts dagegen gehabt, vorzeitig wieder eine Stadt aufzusuchen. Aber dann hatte sie die Spuren gefunden und wer wusste schon, ob sie sie wiederfinden würde? Ob nicht das Vieh schon viel zu weit weg wäre?
      Und jetzt hatte ihr dieser inkompetente Runzelsack von einem Mann ihren Handel verwehrt, weil er Varelio nur mit drei Stängeln kannte. Aber Varelio konnte auch zwei haben, verdammt nocheins!
      Schnaubend suchte sie sich eine Furche, die tief genug schien. Mit einem kurzen Blick die Straße entlang, entrollte sie einen dünnen, schwarzen Faden, den sie hineinpresste. So viel, wie möglich war.
      Keine zwei Stängel. Ich kenn noch was, was keine zwei Stängel hat!
      Sie führte den Faden entlang der Furche und dann hinüber zur nächsten Rille. Mit einer Hand hielt sie ihn fest, mit der anderen griff sie sich an ihren Gürtel, schraubte blind eines der Gefäße auf und tunkte den Finger hinein. Die Flüssigkeit war zäh und dickflüssig, fast wie Kochfett. Damit kleisterte sie den Faden an den Stein und zog ihn weiter.
      Deine blöden 18 Silbermünzen kannst du dir sonst wo hinschieben. Das hier wird dich viel mehr kosten. Idiot.
      Sie wusste sehr genau, dass es in diesem Stadium ihres Gemüts nur eine einzige Sache gab, die sie wieder aufheitern konnte. Selbst jetzt, schon während der Vorbereitung, lichtete sich ihre Stimmung ein wenig.
      Schritte erklangen in der Straße und Tava riss den Kopf herum, aber die kleine Gruppe beachtete sie kaum. Sie sahen ihre Hörner, ganz genau sogar, weil Tava sie ihnen recht offen präsentierte, und entschieden sich wohl, lieber kein Risiko einzugehen. Sie gingen weiter und Tava sah ihnen genau nach, bevor sie sich wieder ihrem Werk zuwandte.
      Idiot.”
      Sie konnte nicht das ganze Gemäuer umschließen - wobei “konnte” ein recht dehnbarer Begriff war; an sich konnte Tava alles - daher begnügte sie sich nur mit der Rückwand. Sie hatte Holz-Giebeln gesehen, als sie drinnen gewesen war; nur richtig lenken und nichtmal der Stein würde das Holz bewahren können.
      Aufgeregt kicherte sie kurz.
      Mit ihrer Arbeit zufrieden und beendet, nahm sie sich ihre Sachen, schulterte alles gut auf ihrem Rücken und ging dann ein paar Schritte weg, den Faden hinter ihr her ziehend. Tava hatte kein Problem, ihre Feuer aus der Nähe zu entzünden, womit sie aber ein Problem hatte, waren zu schnelle Uniformen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten. Sie wollte ihre Freiheit in Celestia schließlich noch ein bisschen genießen.
      Auf der anderen Seite der Straße sah sie sich wieder um, hob dann den Faden an ihren Ring und entzündete ihn - dazu war nicht mehr als ein winziger Schalter auf der Seite des Ringes notwendig, der zwei winzige Feuersteine aneinanderschlug, die wiederum über einem Tropfen Öl angebracht waren. Die Flamme schoss dann aus einer kleinen Öffnung oben heraus.
      Eine Eigenkreation von Tava, die sie sehr stolz machte. Stolzer als der Faden.
      Sie entzündete ihn, legte ihn auf den Boden ab, beobachtete dann kurz, wie die winzige Flamme am Faden entlang kroch und lief dann davon. Sie musste sich einen Aussichtsplatz suchen. Sie musste sich ganz, ganz schnell einen suchen.
      Eine Straße weiter sprang sie ein paar Treppen hoch, die in einen Innenhof führten und drehte sich dann um. Mit riesigen Augen starrte sie auf das halb verdeckte Haus zurück.
      Es krachte nicht. Solche Anfängerfehler hatte sie schon vor Jahren aufgegeben, nachdem es doch immer recht viele gab, die das Krachen mit der grinsenden Cervidia verbinden konnten. Nein, dieses Feuer war ganz still, wie ein Assassine in der Nacht.
      Die Flammen krochen an der Rückwand empor. Sie waren so langsam, fast als wären sie unsicher, ob das der richtige Weg war. Stein um Stein, Zentimeter um Zentimeter wuchsen sie nach oben, wurden größer, wurden breiter und Tava wollte gar nicht blinzeln, wollte sich keine Sekunde dieses Schauspiels entgehen lassen. Wie rote, majestätische Tiere wuchsen sie empor und der Rauch, der sich sammelte, wurde immer dicker und dicker, würde bald im Himmel zu sehen sein, wer länger hinsah. Aber es war so perfekt, oh, es war so perfekt.
      Der Alarm wurde geschlagen, als die ganze Rückwand in ein flackerndes, zuckendes, rotes Tuch gehüllt war, die Spitzen über das Dach hinaus peitschten, der Rauch sich bereits über ihnen sammelte. Ein paar Menschen schrien, aber Tava wusste gar nicht, wieso. Das hier war das wichtigste Element der Erde. Das hier war die Schönheit, die die Erde für sie geschaffen hatte.
      Als die Tür letzten Endes aufsprang und den dummen Händler mit seiner Familie ausspuckte, hatten die Flammen bereits links und rechts um das Haus herum gegriffen und schienen es jetzt von hinten zu umarmen. Tava war viel zu weit weg, konnte sich aber trotzdem spürbar die Hitze vorstellen, die jetzt von dem Feuer ausgehen musste. Diese Kraft, die es innehaben musste, das Knistern, das immer lauter werden würde. Oh, wie gerne sie das ganze Haus brennen gesehen hätte. Wie gerne sie die ganze Stadt brennen gesehen hätte.
      Bevor ihr einer dieser beiden Wünsche hätte erfüllt werden können, kamen die Wachleute bereits angelaufen und ruinierten die Pracht mit einheitlicher Routine. Wassereimer, feuerfeste Decken, was auch immer gerade zur Hand ging. Tavas Stoff war nicht stark genug, um Wasser zu widerstehen, daher ging es recht schnell. Die ganze Rückwand wurde einfach abgespritzt.
      Seufzend ging sie die wenigen Stufen wieder hinab, jetzt deutlich entspannter als zuvor, jetzt deutlich glücklicher. Sie würde einfach woanders versuchen, ihr Varelio loszuwerden, Celestia war schließlich eine große Stadt. Vielleicht würde sie sich auf dem Marktplatz auch ein Stück Zimtkuchen spendieren, wenn das Geld noch ausreichte.
    • Devons rote Augen flogen über die felsigen Steilwände hinweg. Hier und da konnte man mit viel Fantasie noch Spuren von Krallen im Gestein entdecken, die die Bewohner Celestias mühsam zu verwischen suchten. Aber ohne die Hilfe von beispielsweise Cervidia, die unglaublich gut klettern konnten durch ihren fantastischen Gleichgewichtssinn, waren die Spuren für Menschen nahezu außer Reichweite. Also ließ man sie als stumme Zeugen dort und ließen die Erosion für sie arbeiten.
      Das rege Treiben in den Straßen tat dies keinen Abbruch. Die Bewohner hatten längst vergessen, wie die Drachen über die Stadt herfielen und sie bis auf ihre Wälle und inneren Kammern niederbrannte. Wenn jetzt ein Drache einfallen würde, wären die Anwohner in den Randbezirken dem sicheren Untergang geweiht. Nicht schnell genug würden sie fliehen können, ganz zu schweigen davon, dass es vermutlich nicht einmal genug Platz für sie in den Kammern gäbe. Das jedenfalls dachte sich Devon, als er einen ausgebauten Pfad um den Berg herum folgte und eine eigentlich wunderschöne Aussicht auf die Randviertel, die einige Höhenmeter tiefer lagen, bekam. Kurz hielt er inne und ließ den Blick schweifen ehe eine kleine, dunkelgraue und dicke Rauchschwade seine Aufmerksamkeit einforderte. Er öffnete seine Augen ein wenig weiter, um besser sehen zu können und verfolgte die Wolke zu einem Haus in einem Wohnviertel zurück. Dort war wohl ein vergleichsweise harmloses Feuer ausgebrochen. Jedenfalls schien das Feuer nicht so groß, als dass es auf die anderen Häuser umgreifen würde.
      Er senkte seine Lider wieder ab und trottete weiter seines Weges. Ihm kamen allerlei Bewohner und Besucher entgegen; einfache Menschen, mal mit und mal ohne Karren. Irgendwelche Mischwesen, denen er keine weitere Beachtung schenkte. Cervidia, von denen mancher im Thema Größe sogar ihm Konkurrenz machte und auch den ein oder anderen, der genauso vermummt war wie er selbst. Angesichts der Lumpen, die sie trugen, handelte es sich bei ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit um Aussätzige oder Verletzte. Jene, die zwar den Angriff eines Drachen überlebt, dafür aber ihren Preis gezahlt hatten.
      Der Marktplatz war neben den Kammern und der Hohen Brüstung das Kernelement Celestias. Man hatte ihn inmitten des Berges auf mittlerer Höhe errichtet und dazu tonnenweise Felsen aus dem Berg geschlagen. Nun lag der Platz halb unter offenem Himmel und halb geschützt durch den Fels des Berges. Die Bereiche unter dem Stein waren hart umkämpft, das erkannte Devon bereits von Weitem daran, welche Händler dort ihre Posten bezogen hatten. Gewürze und Räucherwerk bezahlten Unsummen, damit im Falle von Regen ihre Ware nicht beschädigt werden würde. Schmuck- und Steinhändler sahen es als eine Frage des Prestiges an. So zogen sich die kostspieligeren Waren entlang der Wand wohingegen die einfachen Lebensmittelhändler, reisendes Volk und Gelehrte ihre Stände nur unter offenem Himmel errichten durften.
      Wäre Devon nicht so groß hätte er sich womöglich in der schieren Menge an Menschen verloren. Er wurde hier und da angerempelt, trotz seiner Größe, doch er reagierte nicht, solange sein Beutel und alles andere noch da waren, wo sie zu sein hatten. Er brauchte einen Moment ehe er über das Meer an Köpfen einen Stand ausmachen konnte, der vermutlich das führte, was er suchte. Dann kämpfte er sich durch die Menschen, den Lärm und die Gerüche hindurch. Dabei achtete er tunlichst darauf, nicht durch den Mund einzuatmen, Schal hin oder her.
      Als er endlich bei dem Gemischtwarenhändler ankam, war er nicht der Einzige, der sich regelrecht durch die Waren wühlte. Neben ihm kramten auch andere Menschen in der Auslage, aber Devon brauchte nicht lange, um das Säckchen aus dem Chaos zu ziehen, wonach er suchte. Er öffnete den kleinen Beutel und holte mit den Fingerspitzen ein Bisschen des Inhaltes hervor. Zwischen den Kuppen seines Handschuhs zerrieb er schwarzes Pulver, das er sehr genau unter die Lupe nahm. Dann erhaschte er die Aufmerksamkeit des Händlers, der prompt zu Devon kam. Fragend hielt er den Beutel hoch.
      „Fünf Silber, der Herr. Schwarzer Quarz aus den Simmerlanden, nur feinstes Mahlgut“, pries der Händler und Devon runzelte die Stirn. Ohne Umschweife zeigte Devon drei Finger und eröffnete ihm somit den Preis, den er gewillt war zu zahlen. „Also die fünf Silber muss ich schon haben. Dieser Quarz wurde aus dem Atem eines Drachenangriffs kultiviert und beschafft einen besonderen Glanz.“
      Devon schnaubte. „Für reinen Quarz ist der Preis angemessen. Hier ist Asche beigemischt worden.“ Devon sprach gerade so laut, dass sichergestellt war, dass der Händler ihn verstand. Durch den Stoff vor seinem Gesicht wurde viel von seiner Aussprache verschluckt und so fiel nicht sonderlich auf, dass sein S deutlich zischelnder gesprochen war und er einen recht starken Akzent hatte. Schwarzer Quarz war gröber und kristalliner als die Asche, die eher wie Staub zwischen dem eigentlichen Gut hindurch rieselte.
      Das schien auch der Händler zu wissen, denn das Funkeln in seinen Augen war nicht mehr von der Aussicht auf Profit geprägt. Er war verärgert, dass ein Söldner das so schnell erkannt hatte. „Vier Silber.“
      Erneut hob Devon nur drei Finger. Er würde nicht noch einmal sprechen. Nicht mit dem Kerl jedenfalls. Mürrisch tat der Händler so, als würde er überlegen, und willigte am Ende widerwillig ein. Das Geld tauschte den Besitzer und Devon hatte das Poliermittel, das er wollte. Beute erfolgreich, Zeit, sich umzuhören.
    • Über Malleus versperrte massiver Felsen die freie Sicht in den Himmel. Sein bescheidenes Heim lag im geschützten Bereich der Kuppel, die zur Hälfte und unter großen Anstrengungen in den Berg getrieben worden war. Die Lage hatte seine Vor- und Nachteile. Die Bewohner in diesem Bezirk von Celestia wiegten sich in Sicherheit vor einem Hinterhalt aus luftigen Höhen. Andererseits standen sie wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand. Allein die Kammern im Herz des Berges boten den notwendigen Schutz. Die hohen Mauern und die schweren Geschütze darauf hielten der Gewalt eines tollwütigen Drachen niemals lange genug stand, damit sich alle Bewohner der inneren Stadt unter die Erde flüchten konnten. Sie waren nichts als Augenwischerei, die eine Illusion von Überlegenheit zauberten. Nur die Mächtigen, die Reichen und jene mit Einfluss, die sich den Luxus eines Heims nahe der zerklüfteten Felswand leisten konnten, würden die Kammern rechtzeitig erreichen.
      Malleus mischte sich unter die Marktbesucher.
      Mit der gewöhnlichen Alltagskleidung verschmolz er regelrecht mit der geschäftigen Ansammlung aus Menschen, Nicht-Menschen und Völkern aller Herren Länder. Er hüllte sich nicht in prunkvolle Roben. Er schmückte sich nicht mit religiösen Insignien aus purem Gold und wertvollen Edelsteinen. Die Überzahl der Menschen, die Malleus im Vorbeigehen anrempelten und sich in Eile an ihm vorbei schoben, wussten nicht einmal seinen Namen. Obwohl er sich der Körper und Stimmen um sich herum bewusst war, spürte Malleus eine allgegenwärtige Distanz, die ihn von seinen Mitmenschen abschnitt. Er war einer von ihnen und gleichzeitig so weit von ihnen entfernt wie nur möglich. Das bunte, geschäftige Markttreiben lockte den Mann nicht. Es ließ seinen Puls nicht in die Höhe schnellen vor Aufregung sondern überzog seinen Körper mit einem tauben, eisigen Gefühl. Die Händler vermochten ihn nicht mit großzügigen Angeboten zu ködern. Kein noch so hübsches Gesicht verführte seinen Geist und Körper. Er streifte durch die Menge als stiller Beobachter des Zerfalls.
      Eine kleine, nicht nennenswerte Unruhe am Rande des Marktplatzes gewann Malleus' Aufmerksamkeit. Zwischen zwei Marktständen und halb versteckt hinter einer Reihe klebriger, mit süßem Wein gefüllter Fässer, hatte ein Soldat der Stadtwache eine Frau in zerlumpter Erscheinung am Kragen ihres zerschlissenen Mantels gepackt.
      "Verschwinde, elendes Bettlerpack", knurrte er und versetzte der Frau einen Stoß, woraufhin sie zu Boden stürzte und ein Bündel dicht an ihre Brust drückte. Malleus' dunkle Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Seine Augenwinkel zuckten. Zielstrebig schob er sich durch die Marktbesucher bis er hinter die Fässer schlüpfen konnte.
      "Ich denke, sie hat verstanden", erhob Malleus das Wort.
      Seine Stimme war ruhig und tief. Die Silben begleitete ein stetiges, unterschwelliges Brummen. Sein Blick durchbohrte die Stadtwache und keine Sekunde löste er den Blickkontakt bis der Jüngling, er musste noch grün hinter den Ohren sein, bebend ein paar Worte herauspresste. Etwas an dem Ausdruck in Malleus Augen machte ihn nervös.
      "B..b...betteln ist verboten, mein Herr! So steht es in der St...Sta...Stadtverordnung!"
      "Wie ist Euer Name?", fragte Malleus ungerührt.
      "S..Soren...", stammelte er perplex.
      "Soren", widerholte Malleus geduldig. Er nahm sich ungewöhnlich viel Zeit für einen zweisilbigen Namen und schien sich das Gesicht des jungen Soldaten ganz genau einzuprägen. "Ich denke Ihr werdet an anderer Stelle dringender benötigt, nicht wahr? Einen gesegneten Tag, Soren."
      Die Stadtwache machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge.
      Sie schien es plötzlich sehr eilig zu haben von dem Mann mit den eindringlichen Augen wegzukommen.
      Malleus ging vor der zitternden Frau in die Hocke und bot ihr seine behandschuhte Hand zur Hilfe an. Das arme Ding wirkte vollkommen eingeschüchtert und es strich dem Säugling in ihrem Arm behutsam über den spärlichen Haarflaum. Sie war von demselben dunklen Teint wie Malleus, ein Kind der weiten Ebenen und Steppen. Zweifellos war sie auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihr Kind nach Celestia gekommen.
      "Ich verspreche Dir, dass er euch keinen Schaden mehr zufügen wird", versprach Malleus.
      Ein Versprechen, dass er zu halten gedachte. Zögerlich griff die Frau nach seiner Hand, ließ sich aufhelfen und musterte dabei eingehend sein Gesicht. Sie legte den Kopf etwas schief ehe ihre Augen groß vor Erstaunen wurden.
      "Ihr seid Mal...", begann sie aufgeregt.
      Mit dem Zeigefinger an den Lippen bedeutete Malleus ihr ruhig zu sein. Aus der eingenähten Innentasche seines Mantels zog er eine Silbermünze hervor, die er der Frau in die geöffnete Handfläche legte. Malleus schenkte der Bettlerin ein warmes Lächeln, das er über eine lange Zeit perfektioniert hatte. Es war die Art von Lächeln, die seine gläubigen Anhänger von ihm erwarteten. Er hatte gelernt, dass die Menschen eher geneigt waren, ihm zu folgen, wenn er eine gewisse Zugänglichkeit an den Tag legte. Malleus hob die Hand und berührte die linke Seite ihres Kopfes. Ein subtiler, stockender Atemzug verkrampfte seine Lungen.
      "In Celestia gibt es für jemandem mit reinem Herzen immer einen Platz", ließ Malleus sie wissen und wandte sich ab.
      Das Lächeln auf seinen Lippen erstab augenblicklich.
      Das Silber reichte vielleicht für den Tag und eine halbwegs anständige Unterkunft bei Nacht, aber es war genug um einen Funken der Hoffnung in ihre Augen zu wecken. Wenn ihn sein Gespür nicht täuschte, würde die Bettlerin bald anfangen nach ihm zu fragen und sofern die Götter es wollten, den Weg an seine Türschwelle finden. Sie würde die Hand nicht beißen, die ihr und ihrem Kind ein Dach über dem Kopf bieten konnte. Ein weiteres verlorenes Schäfchen, das den Weg in seine Obhut fand. Es brauchte die Gläubigen, die Reichen und von Zeit zu Zeit auch die Naiven.
      Über dem anderen Ende des Marktplatzes breitete sich eine dichte, schwarze Rauchwolke aus. Ein Feuer, dass ebenso schnell gelöscht wurde wie es ursprünglich entstanden war. Die Bewohner Celestias mochten träge geworden sein, aber waren immernoch feuererprobt. Der beißende Geruch von Rauch mischte sich mit dem Aroma von verschiedensten Gewürzen, Ölen und Speisen.
      Malleus kehrte auf den überfüllten Marktplatz zurück. Sein Blick glitt über die Verkaufsstände, die versuchten der arglosen Kundschaft die letzten Münzen aus den Taschen zu ziehen. Der Gestank von Lug und Betrug lag in der Luft. Seine Mundwinkel zuckten kaum merklich, als er das besonders armseliges Exemplar eines Händlers entdeckte, der sich die Zähne an einem äußerst beharrlichen Kunden ausbiss. Der Fremde überragte alle Anwesenden mit Leichtigkeit und schien allein durch diese schiere Größe Eindruck auf den Händler hinter seiner Auslage zu machen. Egal welches Geschäft er mit dem Riesen abschloss, viel Gewinn machte er damit sicherlich nicht. Malleus ließ sich mit der dicht gedrängten Menge treiben. Gegen den Storm anzukämpfen, brachte an geschäftigten Marktagen wie heute allerdings auch wenig Sinn. Die dicht gedrängte Menge schob ihn an den üppigen Auslagen vorbei. Er erhaschte einen Brocken der gereizten Verhandlungen zwischen Händler und Riese uns für gewöhnlich hätte er dem Wettstreit um Silber keine Beachtung geschenkt, wären da nicht die subtilen Zischlaute unter dem Tuch gewesen, mit dem der vermeintliche Riese den Großteil seines Gesichtes bedeckte. Der Laut erinnerte Malleus an ein Reptil. Er löste sich aus der Menge und gesellte sich zu den Tuchhändlern, die unweit des Fremden mit dem ungewöhnlichen Akzent um Seide und Brokat feilschten.
      Es gab dieser Tage nicht vieles, dass sein ehrliches Intresse weckte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Tava biss in den Zimtkuchen und leckte sich dann den Zucker von den Lippen. Sie hatte ihr Varelio doch noch verkaufen können, an eine Händlerin, die darüber gestrahlt hatte, dass es ihr Glückstag sein müsste, wenn sie ein zweistängliges Varelio erhielt. Sie hatte auch noch irgendwas anderes geplappert, was Tava nur so halb verstanden hatte.
      ("Am Tag des Unausweichlichen kann ich es dem Wiedergeborenen zur Opfergabe geben."
      "Dem Wen am Wann?"
      "Der Feuergeißel. Malleus."
      Die Frau hatte dabei gelächelt, als würden sie ein Gespräch übers Wetter führen und Tava hatte sich gefühlt, als verstünde sie plötzlich die Sprache nicht mehr. Feuergeißel?
      "... Okay. Na, dann mach das mal."
      "Ihr könnt auch kommen. Wir freuen uns immer über neue Gesichter."
      "Wird es ein Feuer geben?"
      "Aber selbstverständlich."
      "Ein großes?"
      "Das größte, das du dir vorstellen kannst."
      Das wagte Tava zu bezweifeln. Das wagte sie sogar so stark zu bezweifeln, dass sie schnaubend gekichert hatte.
      "Sicher. Vielleicht wannanders. Schönen Tag noch, Lady."
      "Adrastus zeichne Euch."
      "Ja, ja. Was auch immer.")
      Tava hatte zwar nicht den Wert von 18 Silbermünzen herausbekommen, aber dafür hatte sie beim nächsten Händler ein bisschen besser feilschen und die Differenz wieder ausgleichen können. Das schrie doch gerade nach der zimtigen Belohnung, die sie jetzt in einer Hand hielt.
      Der Markt war unglaublich voll und unglaublich überfüllt, Lebewesen sämtlicher Art, die sich aneinander drängten und das meiste aus dem Tageslicht zu holen versuchten. Tava hatte sich schon abseits gestellt, um ein bisschen Ruhe zu haben, wurde aber dennoch ständig angerempelt. Da half auch ihr horniger Kopf nicht, den sie senkte, wann auch immer jemand ihr zu nahe kam.
      Die Süßigkeit hatte ihre Stimmung weiter angehoben, natürlich nachdem sie sich nach ihrer kleinen Brandstiftung schon etwas gelockerter gefühlt hatte. Und jetzt konnte sie sogar ihren Gedanken darüber nachhängen, wie es wäre, diesen ganzen Platz in Flammen zu setzen, während sie den Tag einfach nur genoss. Ihr Blick wanderte dabei über eine Kreatur, die gefühlt doppelt so groß war wie sie und jetzt für ihre Tagträume herhalten musste, indem sie darüber nachdachte, den Kopf dieses Wesens in Brand zu stecken. Eine lebendige Fackel. Lebendiger Zunder? Wie lange würde es wohl dauern, bis er bei dem festen Schal bemerken würde, dass er brannte? 10 Sekunden? 20? Vielleicht sogar 40? Vielleicht würde er lange genug damit warten, dass seine Haare schon ankokeln konnten. Vielleicht würde er auch gar nichts bemerken, bis der ganze Schal abgebrannt und seine Haare auch schon Feuer gefangen hatten.
      Vergnügt grinste sie vor sich hin, als sie in dessen Näher noch etwas viel aufregenderes entdeckte: Ein Tuchhändler! Begeistert stopfte sie den Rest Zimtkuchen in einem Stück in den Mund, wischte sich die Finger an den Klamotten ab und schob sich dann zielgerichtet durch die Menge hindurch, ihre Hörner als strategisches Schutzschild einsetzend, bis sie sich zu besagtem Stand durchgekämpft hatte. Ein paar andere Interessenten sammelten sich hier schon, darunter ein Mann, dessen Haut so schwarz war, als wäre er am ganzen Körper verbrannt worden. Das passte zu ihrem Tagtraum. Sie grinste in sich hinein, sah aber schnell weg, als er den Kopf in ihre Richtung hob.
      "Einen wunderschönen Tag die junge Frau. Darf ich Euch von meinen besonders feinen Halstüchern überzeugen? Sie sind mit ausgesprochen -"
      "Ich schau nur. Danke."
      Der Händler lächelte unverbindlich und ging gleich zum nächsten, um ihm dieselbe Leier vorzutragen.
      Tava griff eines der Tücher, rieb es zwischen ihren Fingerspitzen und suchte dann ein anderes. Es gab sicher hundert verschiedene Muster in zehn verschiedenen Größen, sicher auch irgendwo Stoffballen in denselben Farben und Qualität, die dem Markt entsprechend war. Ehrlicherweise hatte Tava aber keine Ahnung von Tüchern. Sie hatte Ahnung von etwas anderem.
      Sie griff sich ein Stück aus Wolle, rieb über den Stoff und zog die Ecke ein bisschen näher. Sie könnte sehr leicht... wenn sie nur ein bisschen... nur ganz kurz...
      Ihr Daumen bewegte sich schon zu ihrem Ring, ihre Finger zogen den Stoff bereits näher, bis über ihren Finger, bis über das Loch für die Flamme, es wäre so einfach, so lächerlich... nur ein bisschen... nur ganz, ganz kurz...
      Sie biss sich auf die Unterlippe. Ihr Daumen lag schon auf dem Schalter. Nur ganz ganz kurz. Nur mal austesten. Keiner würde es mitbekommen. Aber der Stoff war so dicht und so dick, aber nicht zu dicht und nicht zu dick und Tava wusste einfach, dass er ganz herrlich brennen würde, es würde eine ganz gesunde, kleine Flamme werden, sie war überzeugt davon, nur ganz ganz ganz kurz...
    • Der kleine Beutel mit dem Quarzsand verschwand fast vollkommen in Devons Behandschuhter Hand, als er sein Gut in eine Ecke seines Rucksacks verstaute, den er dafür kurz abgenommen hatte. Noch war er nicht sonderlich viel weiter gekommen als vielleicht einen Stand. Es war besser, seine Sachen wieder sicher zu verstauen und nicht zu riskieren, dass kleine Finger den Inhalt seines Rucksacks erfühlten. Also zog er die Schnüre wieder fest und warf sich seine Tasche wieder über, damit er weiterziehen konnte. Dass ihm dabei schon jemand an den Fersen klebte, fiel ihm in dieser Menge nicht auf. In der Regel bemerkte er die Feindseligkeit, wenn man sie ihm gegenüber erbrachte, und hier waren die meisten Menschen einfach nur auf ihr Treiben oder ihr Ziel fokussiert.
      Er verlangsamte jedoch sein Tempo beim Stoffstand, ein wenig in Gedanken darüber verloren, ob er seinen nun doch schon malträtierten Schal nun langsam ersetzen sollte oder nicht. Er war an etlichen Stellen schon verbrannt und von kleineren Löchern durchzogen, die von Säure stammten. Schließlich hielt er doch an und betrachtete die Auslage ehe ihm zwei halbrunde Hörner auffielen.
      Besser gesagt war es die Tatsache, dass Stoffe immer wieder prüfend gehoben und wieder zurückgelegt wurden. Über die anderen Köpfe hinweg beobachtete Devon aus dem Seitenblick heraus, wie eine kleine Cervidia die Tücher befühlte und ein gewisser Argwohn beschlich den Lacerta. Echtes Interesse in den Stoffen äußerte sich dadurch, dass man sie zwar berührte und befühlte, aber in erster Linie so, dass die Stoffe breiter ausgefächert wurden. Was die kleine Frau da gerade machte hatte nichts damit zu tun. Sie wog nicht ab, sondernuntersuchte. Was auch immer sie da vorhatte – mit Kaufen hatte das garantiert nichts zu tun. Dass die Cervidia eigentlich ein Feuerteufel war, hätte Devon vielleicht in einer anderen Umgebung erschmecken können. Dann wäre ihm wohl der verbannte Geschmack aufgefallen oder das Schwarzpulver, das sie ständig zu umgeben schien. Aber hier in der Menge auf dem Markt, wo die Luft geschwängert war von Millionen Gerüchen, fiel das nicht so sehr auf. Sehr wohl fiel ihm auf, dass sie scheinbar ein sehr interessantes Tuch gefunden hatte und eine Ecke davon immer näher zu sich zog. Devon sah nicht genau, wo sie die Ecke hinführte, aber es war definitiv näher am Körper.
      Er hätte sie einfach bei den Hörnern packen und zwei Meter wegwerfen können. Sie wog sicherlich nicht viel und wer seine Hörner so prominent spazieren führte, musste auch mit so einem Auskommen rechnen.
      Dann taumelte Devon plötzlich einen Schritt und vergaß seine Überlegungen von gerade. Alarmiert versteinerte er und beobachtete die Leute um ihn herum, von denen nur wenige so irritiert reagierten wie er selbst. Die meisten waren dermaßen in ihren Handel vertieft, dass ihnen wohl nichts aufgefallen sein musste. Aber Devon war nicht so ignorant. Er spürte selbst durch seine dicken Stiefel hindurch die Erschütterungen, die immer wieder den Platz leicht erschütterten.
      Misstrauen machte sich in ihm breit als er seinen Blick hob und den Himmel nach etwas absuchte, was völlig im Kontrast zu dem stand, was er unter seinen Füßen gespürt hatte. Dabei überging er geflissentlich den Händler, der versuchte mit ihm Kontakt aufzunehmen. Oder die Unterhaltung seitlich von ihm, weil dann noch jemanden die kleine Frau aufgefallen war, die den Stoff untersuchte statt inspizierte. Stattdessen suchten seine roten Augen, die nun deutlich prominenter durch den Lichteinfall schimmerten, etwas ganz bestimmtes. Ohne es zu wollen spürte er, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, so als wolle sein Körper ihn bereits warnen.
      Und diese Warnzeichen kannte der Jäger wie keine anderen.
      Einen Augenblick später explodierte die Flanke des Berges. Der Knall war so laut und die Druckwelle dermaßen deutlich, dass fast alle Menschen auf dem Marktplatz zeitgleich zu schreien begannen und sich auf den Boden warfen. Gesteinsbrocken, die aus dem Berg geschleudert wurden, regneten auf die Stadt hinab, zerschmetterten Häuser, Menschen, und Straßen. Panisch versuchten sich die Bürger unter den Vorsprung zu retten und warfen sich in Wellen über andere Menschen, um nicht erschlagen zu werden. Dass sie dabei die untersten Menschen zertrampelten, fiel ihnen gar nicht auf.
      Auch Devon war kurz zusammen gezuckt, bevor er sich wieder aufgerichtet hatte und die Stelle anstarrte, aus der es Stein geregnet hatte. An der Flanke des Berges, direkt oberhalb eines Armenviertels Celestias, klaffte ein gähnendes schwarzes Loch. Noch während er den Blick darauf gerichtete hielt, setzte sich der Jäger in Bewegung, genau entgegen der Menge, die in Sicherheit floh. Man konnte es Fügung nennen, aber er wusste ganz genau, was da aus diesem Loch gleich kommen würde und wenn er es tat, dann würde Devon vor Ort sein. Dampf stieg aus dem Loch auf als Devon zu joggen begann und sich mit großen Sprüngen über Hindernisse hinweg setzte, um die direkte Linie zum Unglücksort zu nehmen.
      Der Dampf aus dem Loch versiegte, als etwas sich daraus hinaus kämpfte. Die Schnauze, gefolgt von dem klobigen Kopf, reckte sich aus dem Schwarz und präsentierte hellgraue Platten, die das Licht der Sonne brachen. Ein tiefes Grollen erhob sich, von dem man nicht sicher war, ob es das Ding oder der Berg selbst gewesen war. Das Wesen schob sich weiter bis es mit seinem Torso im Loch stecken blieb und sich zu winden begann. Der Berg hatte einen weiteren Drachen geboren, und dieses Mal ohne einen Vulkanausbruch oder ein Erdbeben.
      Devon rannte mittlerweile und stieß dabei panische Menschen einfach aus dem Weg. Sie behinderten ihn und es nervte ihn, dass die Stadt so bevölkert war. Warum hatte sich der Drache ausgerechnet seinen Ankunftstag aussuchen müssen? Weiter darüber sinnieren konnte er nicht, als er über Mauern und Gräben sprang, um noch schneller zu sein. Noch bevor sich der Drache aus seinem eigenen Gefängnis befreien konnte, war der Jäger direkt unter dem Loch auf einer breiten Straße angekommen, die von schäbigeren Häusern gesäumt wurde. Inmitten der Straße blieb er stehen und warf seinen Rucksack zur Seite, um mobiler zu sein. Dann wartete er darauf, dass sich der Drache aus seinem Schlamassel befreite.
      Und das tat er auch. Mit einem weiteren Brüllen, dass sich anhörte wie das Schaben von spitzen Steinen auf Stahl, sprengte der Drache den Felsen um sich herum und ließ eine Gerölllawine los. Devon wich den Brocken aus, die an ihm vorbei schossen und die Mauern am Rande des Abschnittes zerschlugen. Als er sich wieder umdrehte, sah er gerade noch, wie nun auch der Drache es den Brocken gleich tat und den Berg hinab rollte. Immer wieder versuchte sich das Monster mit seinen Krallen festzuhalten, doch sein massiger, klobiger Körper konnte nicht mehr gehalten werden. Er selbst war so schwer gepanzert und rundlich, dass ihm jegliche Beweglichkeit fehlen musste. Sein Körper war nicht in kleinen Schuppen gekleidet sondern in großen Platten, die eher aussahen wie ein getrocknetes Flussbett. Er hatte kaum einen Hals, einen kurzen Stummelschwanz und keine Flügel – also eine niedrige Kategorie.
      Zum Glück für die Menschen, dachte Devon und hechtete zur Seite, als der Drache auf das erste Haus traf und es einfach nieder walzte. Mit Tosen und Krachen fiel das Haus zusammen und enthüllte einen sich schüttelnden Drachen, der den Trümmern entstieg. Er war selbst so groß wie eben jenes Haus gewesen und womöglich war er als C-Kategorie einzustufen. Wie konnte ihnen allen ein Drache so nah sein und niemand hatte es bemerkt?
      Devon ging in Kampfstellung und zog langsam sein Kurzschwert mit der abnorm blau schimmernden Klinge. Er war ein Jäger und hergekommen, um Drachen zu töten. Dann würde er jetzt auch seiner Arbeit nachkommen.
    • Malleus beobachtete den Fremden unauffällig.
      Versteckt zwischen geschwätziger Kundschaft ließ er seinen Blick neugierig über die hochgewachsene Erscheinung wandern. Im stetig wechselnden Strom intressierter Kunden fiel der Mann kaum auf, der sich fragte, was der Fremde wohl unter dem Tuch verbarg, das sein Gesicht sorgsam umhüllte. Grübelnd bildeten sich kleine Fältchen zwischen seinen Augenbrauen. Malleus hatte in den unzähligen Büchern, die er sein Eigen nannte, über ein zurückgezogenes Völkchen aus den Tropenwäldern gelesen. Humanoide Wesen mit reptilienähnlichen Eigenschaften und die Zerstörung durch die Drachen an der Erdoberfläche überlebt hatten. Laienhafte Skizzen waren die einzigen, brauchbaren Anhaltspunkte in den Büchern gewesen. Der Rest hatte mehr Ähnlichkeit mit abenteuerlichen Mutmaßungen. Er bezweifelte, dass sich dieses Völkchen durch Eiablage fortpflanzte oder sich in regelmäßigen Abständen häutete, in dem es sich an Felsen und Baumrinde rieb. Andererseits, hatte er nie zuvor einen echten Lacerta gesehen. Die verblüffenden Gemeinsamkeiten zu den von der Weltbevölkerung verhassten Plagen weckten in Malleus keine Abneigung. Sie schürten keine unterschwelligen Urängste oder gar Ekel. Malleus war, und er empfand keine Scham dabei es zuzugeben, fasziniert.
      Bisher hatte er bedauerlicherweise keinen vernünftigen Blick unter die Maskerade werfen können, um seinen Verdacht zu bestätigen.
      Etwas kribbelte in seinem Nacken.
      Malleus hatte das kurzzeitige Gefühl selbst beobachtet zu werden und drehte den Kopf in die Richtung, in der er ein neugieriges Augenpaar vermutete. Neben ihm stand ein untersetzter Mann mit schütterem Haar, der die Stickereien auf einem Seidentuch begutachtete und dafür eine kleines Vergräßerungglas benutzte um Fehler im Stickmuster zu finden. Der farbenprächtigen Kleidung nach zu urteilen war er ein hochgestelltes Mitglied der Färbergilden, dass nach hübschen Borten und Verzierungen für seine Stoffe suchte. Hinter ihm ragte unübersehbar das Hornpaar einer Cervidia aus der Menge hervor. Das Bergvolk war vielleicht kein seltener Anblick in Celestia, aber zumeist blieb dieses menschenähnliche Volk von den überfüllten Plätzen fern. Es mochte daran liegen, dass in der Vergangenheit die imposanten Hörner mancher Cervidia für unabsichtliche Missgeschicke gesorgt hatten. Malleus erinnerte sich an den Vorfall, bei dem ein männlicher Cervidia beim gemütlichen Einkauf mit den Spitzen seiner Hörner in dem Baldachin eines Markstandes hängen geblieben war und ohne es zu bemerken auf seinem weiteren Weg sämtliche Dächer aus Stoffbahnen einfach abgeräumt hatte. Der Mann aus der Färbergilde beugte sich noch tiefer über die Auslage und gab damit den Blick auf die Frau mit den in sich gedrehten Hörnern frei.
      Sie war hübsch.
      Malleus mochte kein gesteigertes Bedürfnis nach körperlicher Nähe empfinden, aber er besaß ein Paar gesunde Augen. Diesen verdankte er aus auch, dass er bemerkte, wie die Cervidia besonders intensiv die angebotenen Stoffe befühlte. Er war kein Experte für Textilien, aber was zierliche Frau dort machte, ähnelte nicht dem gewöhnlichen Verhalten einer kundigen Näherin. Etwas blitzte im Sonnenlicht leicht auf, obwohl lediglich wenig Licht, vom Sonnenstand begünstigt, in den hintersten Winkel der Marktes unter dem Felsgewölbe reichte. Malleus umrundete den Färber und nutzte die Gelegenheit sich scheinbar beiläufig neben der Cervidia zu postieren. Dabei behielt er im Augewinkel den verhüllten Riesen im Auge. Mit dem Rücken lehnte er sich gegen den Stand des Stoffhändlers, der sich gerade in eine hitzige Disskussion über die korrekte Ausführung von Stickmustern verstrickte und damit erst einmal abgelenkt war. Ein Hauch von Schwarzpulver lag in der Luft. In ihren Augen spiegelte sich eine aberwitzige Vorfreude und etwas, dass er als milden Wahnsinn beschreiben würde. Die Kombination verhieß nichts Gutes. Er hatte das schleichende Gefühl, dem Feuerteufel gegenüber zu stehen, der für die beeindruckende Rauchwolke im Händlerviertel gesorgt hatte.
      "Ich würde es begrüßen, wenn du deine Zündelei auf die Häuser dickbäuchiger, schmieriger Händler beschränkst", murmelte er gerade laut genug, damit die Cervidia ihn hörte. "...und nicht mitten auf dem Markplatz eine Massenpanik auslöst."
      Zur Verdeutlichung, dass er sehr wohl wusste mit welchen Gedanken die Frau spielte, nahm er den Stoff ihrer Wahl am äußersten Rand zwischen die Fingerspitzen und zog ihn ein kleines Stückchen zurück. Er erhaschte einen kurzen Blick auf den eigenartigen Ring, den sie wohl als Zündvorrichtung benutzte, ehe die Cervidia ihn hastig verstecken konnte.
      Da begann der Boden unter ihren Füßen zu beben.
      Die Erschütterungen waren zunächst kaum spürbar, bis es Malleus einen Augenblick später fast von den Füßen riss. Andere Marktbesucher stießen mit ihm zusammen, als sie panisch die Beine in die Hand nahmen um in Sicherheit zu flüchten. Eine ohrenbetäubende Explosion erschütterte ganz Celestia und vom Himmel regnete es Schutt und Gesteinsbrocken. In all dem Chaos verlor Malleus den vermeintlichen Lacerta aus den Augen. Allgegenwärte Panik griff um sich, doch er blieb stehen und beobachtete von seinem Standpunkt aus, wie sich eine gewaltige aber schwerfällige Bestien aus dem massiven Stein grub. Bei dem keischenden Gebrüll der Kreatur hielten sich die flüchtenden Bewohner Celestias mit schmerzverzerrtern Gesichtern die Ohren zu. Malleus verspürte keine Angst. Die erwartungsvolle Vorfreude, die er zuvor in den Augen der Cervidia gesehen hatte, spiegelte sich nun in seinen eigenen.
      Der Tag war gekommen.
      Überbevölkerung, Korruption und Sünde hatten Celestia vergiftet und den Zorn des Berges, auf dem sie errichtet war, geweckt. Die Götter sanften eine ihrer mächtigen Plagen um die Bevölkerung zu dezimieren. Der Drache würde das Gleichgewicht wieder herstellen und die Stadt, die einst als strahlender Stern unter den Zufluchten gefeiert worden war, zu alter Größe führen. Ein erwartungsfrohes Prickeln überzog seinen Körper beim Anblick der Demonstration göttlicher Macht. Das klobige Monstrum hatte nicht viel Ähnlichkeit mit seinen majestätischen Artgenossen - wie Adrastus - aber er würde seinen Zweck erfüllen.
      "MALLEUS!", drängte ein angsterfüllter Aufschrei an ihn heran. "Der Tag ist gekommen!"
      Ein Mann mit gepflegtem Ziegenbart und einer blutigen Platzwunde am Kopf zwängte sich zu ihm durch.
      Malleus ergriff den Mann bei den Schultern, seine Finger zuckten und er erinnerte sich daran, dass mehrere Lagen aus Stoff und Leder zwischen seinen Fingern und der fremden, nackten Haut lagen.
      "Nein, noch nicht, mein Bruder", antwortete er beschwörerisch. "Das hier ist ein Vorbote. Eine Mahnung an die Sünder. An alle, die sich vor der göttlichen Gnade verschließen. Geh. Hol die anderen und verfahrt, wie wir es besprochen haben. Geht nicht in die Kammern. Wir, die Gezeichneten, verkriechen uns nicht in Erdlöchern vor unserem Schicksal."
      Der Mann nickte und verschwand zwischen den schreienden Menschen.
      Er musste es sehen.
      Ein kurzer Blick über die Schulter traf auf die kleine Cervidia.
      Wenn sie klug war, suchte sie ihr Heil in der Flucht, aber etwas an dem leuchten in ihren Augen veriet ihm, dass sie auf ähnliche und doch andere Weise von dem Ungetüm angezogen wurde.
      Langsam setzte sich Malleus in Bewegung und steuerte dabei die Stelle an, an der die mit Platten gepanzerte Bestie den Abhang herunter gerollt war. Die schweren Geschütze in nächster Nähe waren unter der zerstörten Stadtmauer begraben und alle anderen, büßten mit der Entfernung an Reichweite und Durchschlagskraft ein. Die gewaltigen Bolzen prallten an den Körperplatten des Drachen ab.
      Diese Narren, dachte Malleus.
      Mit jedem Schritt auf den Drachen zu, verwaisten die Straßen mehr. Unter einer herabgestürzten Felsbrocken entdeckte er den zerquetschten Körper der übereifrigen Stadtwache. Malleus zuckte nicht einmal mit der Wimper beim Anblick des zerschmetterten Jungen, den ein viel zu früher Tod ereilte. Die Götter hatten entschieden ihn von der Welt zu tilgen, bevor er Teil eines größeren Unheils wurde, dass die Welt verpestete. Malleus sprang hinter einer bröckelnden Häuserfassade in Deckung, als Geröll und Schutt über die Straße geschleudert wurde. Der Drache war zum stehen gekommen und vor ihm zog der hochgewachsene Fremde eine blauschimmernde Klinge. Es war ohne jeden Zweifel der verhüllte Mann vom Markplatz. Ein Jäger.
      Malleus schmeckte die bittere Note von Enttäschung, die seine anfängliche Faszination trübte, auf der Zungenspitze. Schließlich wagte er sich aus seiner Deckung, Adrenalin strömte durch seine Adern beim Anblick der Kreatur. Er hatte das Feuer überlebt. Er war von seinen Prüfungen gezeichnet. Dieser Drache war nicht sein Schicksal. Darüber fällte Adrastus allein sein Urteil. Der Mann zeigte keinerlei Furcht.
      "Zieh deiner Wege, Jäger! Das Schicksal dieser Stadt liegt in den Händen der Götter! Hier gibt es für dich keine Trophäe!", rief er.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Tavas Finger lag schon auf dem Schalter. Der Daumenmuskel war bereits angespannt und ihre Willenskraft alleine, die an diesem Tag schon stärker als gewöhnlich war, hielt ihn davon ab zu zucken und die kleine Flamme zum Leben rufen zu lassen. Aber sie könnte halt. In ihrem Kopf lieferten sich die Fürs und Widers eine so erbitterte Schlacht, dass sie selbst gar nichts mitkam. Sie könnte und es wäre ganz einfach und es wäre auch ganz kurz, nur ein bisschen zündeln.
      Dann erklang eine Stimme neben ihr, eigentlich leise genug, um in dem allgemeinen Lärm des Platzes verloren zu gehen, aber so tief und so brummend, dass sie doch den Kopf herumriss - und den Mann mit verbrannter Haut neben sich sah. Ein Paar wissende, durchdringende Augen starrten auf sie hinab, eine Art von Blick, bei der Tava sich schlagartig durchleuchtet fühlte.
      Hatte er sie gesehen, beim Händler? Hatte er sie verfolgt? Würde er sie bei der Stadtwache verpetzen?
      Schlagartig riss sie den Kopf herunter, gerade so weit, dass sie ihn noch giftig anstarren konnte, eine Warnung in ihrer ganzen Körperhaltung. Von dem Anblick fühlte er sich sicherlich bedroht, von ihren ganz offensichtlich auf ihn ausgerichteten Hörnern, von ihrem großen, starken Hornwuchs. Sicherlich musste er sich fragen, ob es eine gute Idee wäre, sich mit ihr anzulegen.
      "Was unterstellst du mir?!"
      Zum Glück hatte sie sich doch noch davon abhalten können, tatsächlich zu zündeln. Vernunft siegte über Leidenschaft.
      "Ich weiß gar nicht, was du mei-"
      Ihr Satz wurde unterbrochen von einem plötzlichen Ruck, der ihr durch die Beine ging und sie fast von den Füßen gerissen hätte, wenn sie nicht den Kopf auf die andere Seite geworfen hätte. Begleitet wurde er von einer dröhnenden Explosion, die mit ihrer Wucht den ganzen Marktplatz schlagartig auf den Kopf stellte.
      Eine Druckwelle, die viel zu schnell und viel zu kräftig ankam, riss Dachplanen mit sich, brachte Kisten und Holzgestelle zum Einstürzen und fegte die Besucher wie eine Welle um, alle bis auf wenige glückliche, die sich hinter stabileren Steinbauten in Sicherheit bringen konnten oder wie Tava Hörner besaßen, mit denen sie den plötzlichen Schwung zu einem Stolpern abfedern konnten. Massenpanik, so wie der Mann neben Tava vor einer Sekunde noch selbst angesprochen hatte, entflammte hier wie eine gewaltige Stichflamme und brachte einen dröhnenden, animalischen Fluchttrieb unter sämtlichen Rassen hervor. Schreie brachen aus, wildes Gewusel und Gedränge, Verwirrung und schiere Angst, begleitet von fallenden, einschlagenden Gesteinsbrocken.
      Fallenden Gesteinsbrocken? Es gab hier nur eine Struktur, die hoch genug wäre, um sowas zustande zu bringen.
      Tava wurde sofort zur Seite gestoßen, die schlanke Frau kein Hindernis für eine panische, tobende Masse, aber sie erkämpfte sich schnell wieder ihren Platz, indem sie mit verbissener Willenskraft den Kopf vorhielt. Mehreren Flüchtenden rammte sie ihre Hörner in die Arme, die Seite, die Schulter und bald bildete sich eine kleine, aber recht stabile Traube um sie. Da konnte sie erst den Kopf heben und in Richtung des Berges sehen.
      Ein Drache kam aus dem Loch geklettert, das jetzt inmitten all des Gesteins prangte, ein gewaltiges, klobiges Ding, das sich mit viel Gebrüll und Geknurre herauszukämpfen versuchte. Für viele Sekunden dachte Tava bei dem Anblick, dass er von der anderen Seite hatte kommen müssen und ein Loch durch den Berg hindurch geschlagen hatte, aber es war völlig anders. Der Drache entsprang aus dem Berg.
      In ihrer Nähe war der verbrannte Mann fast so starr wie sie, sein Blick ebenfalls auf den Himmel gerichtet, vollkommen regungslos. Er schloss sich nicht der flüchtenden Menge an, vielmehr war er in eine Starre darüber verfallen, dem Drachen zuzusehen, wie er geboren wurde.
      Tava fühlte sich auf eine merkwürdige Weise verbunden mit ihm, in diesem winzigen Moment inmitten des Trubels, in der die Menge um sie herum tobte und sie beide nur den Drachen anstarren konnten. Hoffentlich wollte er nicht auch seine Forschungen betreiben. Das Vieh schien nicht groß genug für zwei Wissenschaftler.
      Dann brüllte irgendjemand in ihrer Nähe diesen Namen, den Tava schon einmal gehört hatte, Malleus, und der verbrannte Mann antwortete darauf. Diesen Wiederbelebten, wie sie ihn nennen mochten. Diese Feuergeißel.
      Ah. Deswegen die rußige Haut. Darauf hätte Tava wohl auch selbst kommen können, schätzte sie.
      Für Höflichkeiten blieb aber kein Platz und keine Geduld, denn während Malleus sich wohl damit abzufinden schien, den Drachen aus der Distanz anzugaffen, hatte Tava ein anderes Ziel. Sie wartete nur noch darauf. Oh bitte, bitte, komm schon, tu es.
      Der Drache kämpfte sich heraus, was viele, quälend langsame Sekunden in Anspruch nahm, bevor er endlich aus dem Loch rutschte und den Berg herab schlitterte, eine Eskorte von gewaltigen Felsbrocken um sich herum, die sich mit seinem ungelenken Abgang verabschiedeten. Er hatte die Krallen weit gespreizt und vor sich ausgestreckt, der ganze Abstieg in völliger Weise unkontrolliert. Er hatte sein Maul weit aufgerissen und brüllte und grollte und Tava starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
      Tu es! Tu es! Tu es!
      Sie wollte es sehen. Sie wollte den Himmel in roten Flammen sehen, sie wollte, wie es aus seinen Nüstern und seinem Mund und vielleicht seinen Ohren herausbrach, sie wollte sehen, wie das Feuer durch die Luft schoss und über die Stadt hereinbrach und alles war rot, es gab nichts anderes mehr als das Feuer und die Hitze, es war überall, um sie herum, der ganze Himmel war ein Meer aus Flammen und sie musste es sehen. Sie musste. Tu es!
      Aber der Drache brüllte nur donnernd und als er am Fuß des Berges angekommen war und die erste Häuserfront einfach überrollte, war noch immer kein Feuer aus seinem aufgerissenen Maul entsprossen. Er musste wohl kein Feuerdrache sein. Tavas Enttäuschung war unermesslich.
      Das änderte aber nichts an der Sache, dass sich ihr hier eine fantastische Gelegenheit bot und sie würde sie nicht einfach so verstreichen lassen. Selbst von einem nicht-feuerspuckenden Drachen konnte sie einige sehr nützliche Ressourcen erzielen.
      Malleus' Blick traf sie kurz, dann preschte der Mann plötzlich los und zwar in genau die Richtung, die auch Tava eingepeilt hätte. Ein wildes Kichern überkam sie für einen Augenblick, dann warf sie ihr Gepäck achtlos beiseite und rannte selbst dem Strom entgegen, geradewegs auf den Ort zu, an dem der Drache heruntergerutscht war.
      Zu ihrer nicht geringen Verblüffung war der unmittelbare Umkreis des Geschöpfs mittlerweile von Leuten wie leergefegt, aber einer war dennoch anwesend: Die lebendige Fackel von vorhin. Gerade er, der gewaltige, vermummte Mann, den sie sich noch vor fünf Minuten mit brennendem Kopf vorgestellt hatte, stellte sich hier auf, breitbeinig und hoch erhoben, ein Mann mit Zielstrebigkeit und scheinbarer Unverwüstlichkeit, der in der Hand eine Waffe hielt, die ihn unweigerlich als Drachenjäger kennzeichnete. Einer, der nicht nur verrückt genug war, es mit einem solchen Biest aufnehmen zu wollen, sondern dabei ganz eindeutig schon Erfolg gehabt hatte. Oder heute seinen unweigerlichen Untergang finden würde.
      Und bei ihm war niemand anderes als die Feuergeißel.
      "Genau!"
      Sie kam bei den Männern, die noch in einigem Abstand zu dem Biest standen, an und riss sich eine rundliche Glasflasche vom Gürtel. Der Inhalt war ein wenig durchsichtig, hatte aber eine bräunliche Farbe.
      "... Lass mich zumindest erst noch seine Zunge bekommen, dann kann das Schicksal und die Götter machen, was sie wollen!"
      Sie riss den Korken heraus und kippte sich den Inhalt wie eine Dusche über den Kopf, fein säuberlich darauf achtend, dass sowohl ihre Vorder- als auch Rückseite etwas abbekamen. Dann schnippte sie eine Dose am selbigen Gürtel auf, stopfte ihre linke Hand herein und rieb sich beide Hände mit weißem Pulver ein.
      Der Drache brüllte und fing an, sich aus den Trümmern zu schütteln.
      "Hey! Wie wäre es, wenn du ihn ein bisschen ablenkst?"
      Tava wich einem fliegenden Stein aus und dann lief sie los, aber nicht geradewegs auf den Drachen zu, sondern auf das nächstbest gelegene Haus. Tava konnte klettern und sie würde klettern. Wenn sie an das Maul eines Drachen herankommen wollte, würde sie sich in die Höhe begeben.
      Der Boden bebte von dem Geröll, das sich jetzt in alle Richtungen verteilte und übereinander purzelte, mannshohe Brocken, die teilweise nichtmal eine Steinwand aufhalten konnten, aber Tava war davon gänzlich unbeirrt. Sie lief, sprang an die nächste Hauswand und hangelte sich mit geübten, fleißigen Bewegungen nach oben. Das Haus zitterte von den nahen Unruhen des Drachens und Tava schnitt sich die Hand an der Holzverkleidung auf, als die Wand vibrierte. Sie schaffte es aber bis aufs Dach, richtete sich dort auf und wandte sich dem Drachen zu.
      Es war kein sehr schönes Exemplar. Er wirkte viel eher missgeformt und klobig, mit einem fetten Rumpf und zu großen Schuppen, die ihm sicherlich die Beweglichkeit nahmen. Er hatte nicht einmal Hörner, dabei fand Tava Drachen mit Hörnern besonders hübsch. Und Feuer speien konnte er wohl auch nicht.
      Was auch immer er können würde, es war nicht gut genug, um ihr Interesse allzu sehr zu fesseln, daher würde sie sich wohl nicht sehr Mühe damit machen, schöne Proben zu bekommen. Vielleicht würde ihr die lebendige Fackel mit ihrem Schwert da ein bisschen Arbeit abnehmen.
    • Einatmen. Ausatmen. Beobachten. Abschätzen. Bewegen.
      Die Abläufe waren meistens dieselben und nur ein törichter Anfänger würde sich von der Illusion täuschen lassen, dass ein kleiner Drache ungefährlich sei. Er hätte nicht mal so groß wie ein Elefant sein müssen und konnte dennoch eine tödliche Gefahr sein. So wie Devons dritter A-Klasse Drache, der in etwa so groß wie dieser Felsendrache gewesen war, aber danke seiner Moor-Natur kilometerweit das Land verflüssigen und Lebewesen von der Oberfläche tilgen konnte.
      So hätte Devon in seinem Fokus beinahe die Stimme nicht gehört, die sich in einiger Entfernung an ihn richtete. Während sich der Drache umsah, so als müsse er sich erst einmal orientieren, erübrigte der Jäger einen flüchtigen Seitenblick zu dem Mann, der sich aus seiner Deckung begab und regelrecht präsentierte. War er denn von allen guten Geistern verlassen? War er selbstmordgefährdet oder was? Doch es waren nur die drei Sätze, die ausreichten, damit Devon zumindest ein wenig verstand, was mit diesem Mann nicht zu stimmen schien.
      Er war ein passionierter Redner. Jemand, der mittels seiner Stimme und Worte Menschen zu lenken vermochte. Er konnte das, wozu Devon selbst überhaupt kein Talent besaß. Dieser Mann dort trug eine Autorität in seiner Stimme, die von keiner Überheblichkeit geprägt war. Dieser Mann besaß eine Erscheinung, die er unter seiner aktuellen Bekleidung verbarg und vermutlich auch dachte, man würde sie nicht bemerken. Aber Devon war kein einfacher Mensch, den man einfach täuschen konnte.
      Im Gegensatz zu den meisten Menschen reagierte Devon einfach gar nicht auf den Fanatiker da drüben. Wenn er sich unbedingt opfern wollte, sollte er es eben. Schließlich war Devon nicht hier, um Trophäen zu jagen, sondern um den nächsten Schritt zu gehen. Obwohl der aktuelle Standort nicht unbedingt der Beste dafür war. Er war sich sicher, den Drachen töten zu können, aber für das, was danach käme, bräuchte er weniger Augen als es Steine in dieser Stadt gab. Irgendwie müsste er es schaffen, den Drachen hier wegzubekommen, sonst würde es sich schwierig gestalten....
      Plötzlich richtete der Drache seine tiefgrünen Augen genau auf die Stelle, wo der Fanatiker gerade stand. Beziehungsweise wo der Fanatiker soeben noch allein gestanden hatte. Denn jetzt stand da diese kleine Cervidia und schien den Fanatiker sogar noch in den Schatten zu stellen. Das rang selbst Devon einen perplexen Blick ab, als sich das Weib mit irgendetwas überschüttete und irgendetwas von einer Zunge sprach. Waren die denn alle hier von sämtlichen guten Geistern verlassen?
      Da war die Ziegendame bereits losgerannt und hatte natürlich die Aufmerksamkeit des Drachen erlangt. Devon stieß einen leisen Fluch aus als er sich selbst in Bewegung setzte, um den Drachen davon abzuhalten, noch mehr Schaden anzurichten. Das Monster prallte mit seinem Körper und dem Stummelschwanz gegen Reste der Gebäude und brachte sie allesamt zum Wackeln. Noch im Laufen legte der Jäger das Schwert an, um es zwischen die Platten hindurch zu stoßen. Denn das war der Schwachpunkt jener Felsendrachen; Kam man zwischen die Platten, waren sie weich wie Butter. Man musste nur wissen, wo man ansetzen musste. Oben auf einem Dach tauchte die Cervidia wieder auf und auch der Drache entdeckte sie. Er knirschte erneut und nahm Schwung, um seinen massigen Körper auf die kurzen Hinterbeine zu stellen. Das war auch für Devon neu, der gerade noch die Haltung seines Schwertes korrigierte, als der Stummelschwanz ihn als Beiwerk seitlich erfasste und wegschleuderte. Er flog etliche Meter, das Schwert verkrampft in seiner Hand, ehe er durch ein eingestürztes Gemäuer gestoppt wurde. Es krachte und knackte, als der Lacerta mit dem Stein seitlich kollidierte und in direkter Nähe von dem Fanatiker, der noch immer einfach das Spektakel beobachtete, stöhnend zu Boden glitt. Auch er war nicht unfehlbar und so schwirrte ihm der Kopf nach dem Aufprall. Wäre er ein Mensch gewesen, so wären mehr Knochen in seinem Brustkorb nun gebrochen als gut wäre.
      Inzwischen hatte der Drache davon abgelassen, nach der Frau auf dem Dach zu angeln. Mit einem Donnern kam er wieder auf alle Viere, schüttelte sich und drehte sich schwerfällig um. Jetzt nahm er den Fanatiker ins Visier, der zwischen dem Drachen und einem Weg den weiteren Berg hinunter stand. Es vergingen zwei Herzschläge, dann setzte sich der Drache kreischend in Bewegung und stürmte auf den dunkelhäutigen Mann zu.
      Das Beben und das Kreischen brachten Devon zurück in die Wirklichkeit. Sein Schal hing ihm gerade noch so über seiner Mundpartie und ließen Blicke auf sein vernarbtes Gesicht und die roten Augen zu. Er riss den Kopf hoch und blinzelte etliche Male bis er wieder klar sehen konnte und das stürmende Ungetier entdeckte. Geistesgegenwärtig verfolgte er den Pfad des Drachen und blieb bei dem Mann in der Kutte hängen. Das Schwert noch immer in seiner rechten Hand sprang Devon auf die Füße und stürzte auf den Mann zu.
      „ᏕፈᏂᏋᎥßᏋ!“, stieß er in seiner Muttersprache aus, erwischte mit seiner linken Hand die Kutte des Mannes und riss ihn mit solch einer Gewalt aus dem Weg, dass er fliegen ging. Er tauschte buchstäblich mit dem anderen Mann den Platz, just in dem Moment als der Drache an ihm vorbei rannte. Behände holte Devon mit seinem Schwert aus und stieß es wie eine Eispickel nach vorn. Er kreischte, als die Klinge über die Schuppenplatten kratzte und sich dann in einer Lücke verkeilte. Sofort riss es den Jäger von den Füßen, der nun an der Seite eines rasenden Drachen baumelte.
      Aber das war sein gewohntes Metier. Ächzend zückte er mit seiner freien Hand das modifizierte Kukri und schlug es in eine Schuppenplatte ein. So hatte er einen festen Sitz und konnte sich Stück für Stück an dem Drachen hochziehen, während dieser durch die Stadt rannte und Menschen, Häuser und alles Mögliche zu Kleinholz verarbeitete. Doch Devon war sich sicher, die Jagd schon gewonnen zu haben. Er musste sich nur noch auf den Rücken kämpfen.
      Das war alles.
    • Der Drachenjäger ignorierte ihn. Etwas, das Malleus über alle Maßen irritierte. Er war es nicht gewöhnt, dass seiner Stimme keinerlei Beachtung geschenkt wurde. Der Fremde würdigte ihn nicht einmal eines Blickes, soweit Malleus das aus der Entfernung beurteilen konnte. Seine Worte gingen einfach in dem Radau unter, den der Drache kreischend und polternd veranstaltete. Witternd reckte das gepanzerte Ungetüm die kurze Schnauze in die Luft. Malleus Blick bohrte sich weiterhin in den Rücken des Jägers, der konzentriert seine Beute fixierte. Seine gesamte Körperhaltung strahlte eine bemerkenswerte Selbstsicherheit beim Anblick der gewaltigen Bestie aus, die ganze Wohnhäuser niedermähte als wären diese nichts weiter als wackelige Kartenhäuser. Der Stand war sicher, die breiten Schultern gestrafft. Malleus wusste auf den ersten Blick, dass dieser Jäger kein blutiger Anfänger war, der zum ersten Mal der Naturgewalt eines Drachen gegenüber stand und sich zu beweisen versuchte. Dieser Mann wusste ganz genau, was die bedrohliche Situation von ihm forderte. Unter die Abscheu gegenüber dem Frevler göttlichen Willens mischte sich ein verräterischer Funken von Respekt. Gesteinsbrocken und Trümmerteile verteilten sich in alle Himmelsrichtungen, doch der Drachenjäger strahlte nichts als professionale Ruhe aus während Malleus Herz beim Anblick der schwerfälligen, gefährlichen aber göttlichen Bestie einen besorgniserregenden Rhythmus anschlug. Sein gesamter Körper vibrierte erwartungsvoll im Angesicht des Drachen, der als monströses Werkzeug der Götter sein Werk verrichtete.
      Der Drache hob den Kopf und stierte direkt in seine Richtung.
      Mit der unerschütterlichen Zuversicht sich dem Willen der Götter zu beugen, hielt Malleus ehrfurchtsvoll den Atem an. Dass, das Ungeheuer nicht ihn ansah, sondern ein ganz anderes Ziel fixierte, wurde ihm endgültig bewusst als eine bekannte Stimme sein Ohr erreichte. Die kleine, zündelnde Cervidia vom Marktplatz war ihm gefolgt. Nein, sie war nicht ihm gefolgt sondern dem kreischenden Ruf des Drachen. Malleus wagte einen Blick zu Seite um noch rechtzeitig zu sehen, wie die merkwürdige Frau mit den gebogenen Hörnern, sich eine fragwürdige Substanz über den Kopf schüttete. Erst jetzt bemerkte er die verschiedenen Fläschchen und Phiolen an ihrem Gürtel, die die Cervidia mit sich herumschleppte. Fragend schoss seine Augenbraue in die Höhe. Hatte er sie zunächst für eine unverhoffte und willkommene Unterstützung gehalten, faselte das Ziegenmädchen auf einmal von der Zunge des Drachen. Sie wollte...was!?
      Malleus entgleisten die wohl kontrollierten Gesichtszüge. Angesichts der maßlosen Respektlosigkeit fehlten Malleus zum ersten Mal in seinem Leben die Worte. Das konnte sich nicht jeder auf die Fahnen schreiben. Besaß denn niemand an diesem gottverlassenen Ort ein wenig Respekt vor dem Wunder, dass der Berg ihnen geschenkt hatte?
      Für die nächsten Augenblicke konnte Malleus nur tatenlos mit ansehen, wie die Cervidia leichtfüßig über Trümmer hüpfte und die bröckelnden Häuserfassaden erklomm. Befände sich kein tobender Drache direkt vor seiner Nase, hätte er die Zeit gefunden ihr Geschick und die darin liegende Eleganz zu bewundern. Der Drachenjäger stürzte sich in den Kampf, hatte jedoch die Rechnung ohne den eigentlich nutzlos erscheinenden Stummelschwanz gemacht. Mit einer Wucht und Geschwindigkeit, die einen gewöhnlichen Menschen zerschmettern sollte, wurde der Riese durch die Luft geschleudert. Malleus wirbelte halb herum, um die Flugbahn zu verfolgen, die in einer Kollision mit einer massiven Hauswand endete. Der Drachenjäger blieb regungslos in den Trümmern liegen.
      Er richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf das Spektakel um zu bemerken, dass der Drache das Interesse an der flinken Cervidia verloren hatte und stattdessen eine leichtere Beute ins Visier nahm. Kreischend setzte sich das klobige Geschöpf in Bewegung und das trotz seinen kurzen Stummelbeinchen erstaunlich schnell. Einmal in Bewegung war der massige Körper kaum zu bremsen.
      Malleus strahlte im Angesichts des sicheren Todes eine ähnliche Ruhe aus, wie der Drachenjäger zuvor.
      Sollte die Götter beschließen einen ihrer treuen Diener durch einen niederen Drachen vom Angesicht der Welt zu tilgen, nahm er dieses Schicksal mit erhobenem Haupt hin. Es war nicht das glorreiche Ende, dass er sich erhofft hatte, aber er würde die göttliche Entscheidung nicht anzweifeln.
      Der Boden unter seinen Füßen bebte und der Mann schloss ergeben die Augen...und riss sie im selben Augenblick wieder auf.
      Offensichtlich hatte der Drachenjäger den heftigen Aufprall überlebt und stürzte nun auf ihn zu. Er verstand die gezischte Sprache nicht, aber der eindringliche Ton ließ eindeutig auf eine Warnung schließen. Der Fremde packte seine Kutte und riss ihn mit spielender Leichtigkeit von den Füßen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er in ein paar blutrote Augen mit geschlitzten Pupillen und in die Hälfte eines vernarbten Gesichts. Ein Laut des Protestes löste sich aus seiner Kehle, als der Jäger ihn in den Schutthaufen schleuderte, aus dem er zuvor selbst gekrochen war. Malleus wurde wie eine Strohpuppe durch die Luft geworfen und schlug hart auf dem Boden auf. Er schlitterte ein paar Meter durch die herumliegenden Trümmer. Dann gab es für eine Weile nur noch Dunkelheit.
      Als sich der Nebel in seinem Kopf lichtete, bemerkte Malleus als erstes einen dumpfen, pulsierenden Schmerz in seiner linken Schulter. Mühevoll schlug er die Augen auf und tastete nach der Quelle des Schmerzes. Die Kutte war über die scharfkantigen Felsen geschleift und förmlich zerfetzt worden. Steinchen und Splitter steckten in der blutigen Schürfwunde und warmes, rotes Blut tröpfelte seinen Arm herunter. Malleus warf den Kopf zurück und schüttelte Staub und ebenfalls winzige Steinchen aus seinem Haarschopf. Er presste die Hand seines gesunden Arms gegen die Verletzung und stemmte sich ächzend auf die Beine. Sein Blick war längst fort gedriftet in die Richtung, in die der Drache samt Jäger und einer Cervidia dicht auf den Fersen verschwunden war.
      Geschlitzte Pupillen. Blutrot. Die Augen eines Drachen.
      Malleus schleppte sich aus den Trümmern und setzte der Zerstörungswut des Geschöpfes nach, denn dort würde er auch den Mann, mit den Augen des Drachen finden - einen Lacerta, wenn er Recht behielt, und wahrhaftig Gezeichneten. Die Wut über den ungewollten Eingriff in sein Schicksal war längst verraucht. Ein Erbe der geheiligten Plagen hatte seinen Tod vereitelt. Die Götter mussten davon überzeugt sein, dass ihm ein glanzvolleres Ende zustand.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Drache wandte seinen dicken Kopf in Tavas Richtung, die erst noch die umliegenden Dächer nach einem geeigneten Übergang absuchte. Unten sah sie die lebendige Fackel vorbeiflitzen, ein für seine Größe erstaunlich schneller Mann, der sein bläuliches Schwert in einem Winkel hielt, der Tava fremd war. Sie hatte nicht sonderlich viel Erfahrung mit Kampfwaffen, aber seine Haltung sah definitiv eintrainiert aus. Das war also nicht das erste Mal, dass er sich in eine derartige Gefahr stürzte.
      Umso besser. Vielleicht würde er für ausreichend Ablenkung sorgen, dass Tava bis auf den Rücken des Drachen klettern konnte. Und von dort aus könnte sie den Kopf erklimmen und dann würde sie nur noch sehr wenig von einer vollständigen, intakten, lebendigen Zunge trennen. Und womöglich von anderen Eigenarten, die sich in einem solchen Maul finden ließen.
      Ihre Begeisterung wuchs, als der Drache sich aufstellte. Erstaunlich beweglich, was man von diesem Koloss nicht erwartet hätte, schwang er sich mit einem Mal nach hinten und auf die Hinterbeine, wodurch er jetzt nicht nur in alle Richtungen umfallen konnte, sondern auch noch mit seinen Armen zuschlagen konnte. Vermutlich sollte das schlichtweg seine Art sein, ein wuchtiger Kämpfer, der alles niederwälzen konnte. Das war nicht ansatzweise so aufregend wie ein Feuerspeiender Drache.
      Die lebendige Fackel tauchte auf, das bläuliche Schwert zuckte durch die Luft und dann war es um diesen einsamen Helden auch schon geschehen. Die Erfahrung hatte wohl doch nicht für ein solches Biest ausgereicht und jetzt durfte er am ganzen Leib spüren, was er davon hatte, sich mit der Laune der Natur anlegen zu wollen. Sein Körper flog durch die Luft und landete in einem eingestürzten Gemäuer, wo er, wenn er Pech hatte, niemals geborgen werden würde.
      Jetzt war es nur noch Malleus, der hier war, aber der Mann mit der verbrannten Haut betrachtete erst den Drachen und dann den Leichnam mit solch großen Augen, dass sie ihm fast das Gesicht erhellten. Entweder war der Mann schlau genug, um sich ohne richtige Ausrüstung nicht an das Vieh heranzuwagen, oder er war zu dumm, um die Gelegenheit zu erkennen und am Schopf zu ergreifen.
      Tava tippte auf letzteres. Tava, die wie eine einsame Statue auf dem Dach emporragte und sich jetzt dem dunklen, scharfen Blick des Drachens gegenübersah, der seine Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hatte. Sie grinste ihn an. Der Drache brüllte.
      Das Haus krachte irgendwann ein bei der Masse, die sich zu ihr durchzuquetschen versuchte, aber Tava war wesentlich geübter im Dachlaufen als es der Drache offensichtlich im jagen war. Sie war zu leichtfüßig und zu sorglos. Wenn er einen langen Schwanz oder vielleicht Flügel - oder die Fähigkeit, Feuer zu spucken - besessen hätte, hätte er sie womöglich herunterholen können, aber dieses Exemplar musste für einen Nahkampf herankommen und das ließ sie sich einfach nicht gefallen; zumindest nicht so einfach. Sie musste immernoch versuchen auf seinen Rücken zu gelangen, aber gleichzeitig musste sie sich in Sicherheit wissen.
      Dann entfernte das Biest sich mit einem Mal und Tava sah sich verdutzt um, um rechtzeitig zu sehen, wie er jetzt auf Malleus zukrachte. Entsetzt lief sie ihm nach.
      "Hey! Komm zurück!"
      Dieser einsame Malleus würde doch nicht standhalten! Was sollte er schon gegen den Drachen ausrichten? Der Drache würde ihn fressen, dann würde er einfach weiterstampfen und vielleicht würde er dabei zu schnell für Tava sein! Was, wenn er alle Häuser in Celestia einfach umrannte? Wie sollte sie dann jemals nahe genug kommen, um seine Zunge abzuschneiden?
      Tava rannte ihm auf den hoch gelegenen Dächern nach, als sie eine weitere Bewegung ausmachen konnte - und tatsächlich die lebendige Fackel wiederentdeckte, die Malleus von den Füßen holte. Dann war er doch nicht tot? Dabei hatte es verblüffend stark danach ausgesehen.
      Nun, das war ihr auch recht. Sollte er es doch nochmal versuchen, es war ja nicht so, als ob er nicht schon einmal gescheitert wäre.
      Solange Tava nur ihre Zunge bekam.
      Die beiden Männer tauschten quasi Platz, dann rammte die Fackel ihr Schwert in die Seite des Drachen und wurde mit einem Mal mitgerissen, unwillens, die Waffe wieder herauszuziehen. Tava sah nur den langen Körper und wie er von der Geschwindigkeit mitgerissen wurde.
      "Hey!!"
      Ihre Zunge!
      Tava rannte los, so schnell ihre Füße sie tragen mochten. In Rekordgeschwindigkeit sprang sie das Dach hinauf, ließ sich nach hinten fallen und rutschte die andere Seite auf ihrem Rücken hinab - ihre Rückseite und ihre ganzen Klamotten von jeglichem Widerstand befreit. Sie glitschte quasi das Dach hinab, eine feine, bräunliche Spur hinter sich lassen, bevor sie den Schwung nutzte, vom Dachrand absprang und auf dem nächsten Gebäude dasselbe Kunststück vollführte. Es war kein sehr schwieriges Manöver, es benötigte lediglich ein bisschen Gleichgewichtssinn und den Willen, einen potentiellen Nackenbruch in Kauf zu nehmen. Nicht, dass sie dem Drachen eine solche Wichtigkeit zugeschrieben hätte, um sich derart auf das Risiko einzulassen.
      Aber mit dieser Methode holte sie auf. Ihre Hände und Füße waren von der Mixtur unberührt, sie griff nach sämtlichen Vorsprüngen, Kaminen, Fenstern, Balken, an denen sie sich wieder hochziehen konnte, bevor sie weiterrutschte. Der Drache rannte in ein Gemäuer schräg vor ihr, Tava rutschte das Dach herab, sah sich dem Einsturz des nächstgelegenen Hauses gegenüber und sprang mit vollstem Körpereinsatz vom Rand ab in einem Freiflug durch die Luft.
      Für gut zwei Sekunden war sie fast wie schwerelos. Der Drache war jetzt beinahe unter ihr, die lebendige Fackel an seiner Seite, beide unwissend, was dort durch die Luft auf sie zugeflogen kam. Und in diesem flüchtigen Moment konnte sie die Stimme ihres damaligen Lehrers hören.
      ("Tava?"
      "Ja?"
      "Das war eine absolut, grundsätzliche, vollkommene, hirnverbrannte Idee.")
      Wild grinste sie.
      Sie schlug auf dem Rücken des Viehs auf, was sich in etwa so anfühlte, als wäre sie bäuchlings auf die Steinstraße geklatscht. Ihr Atem fuhr ihr in einem Stoß aus der Lunge und sie rutschte gleich, keinerlei Halt findend bei den überschütteten Klamotten, bevor sie wild mit den Armen ruderte und die weiß gepuderten Hände über die Schuppenschicht kratzten. Sie fand auch den Halt, sie konnte sich festhalten an eine der Platten, weil sie von oben her die Finger zwischen die Ritzen schieben konnte, aber nicht, ohne dabei scharf ihre Hände aufflammen zu spüren. Tava keuchte und eine Erschütterung am ganzen Drachen - vermutlich, weil er in das nächste Gebäude gerannt war - warf sie beinahe ab, wenn sie nicht verbissen begonnen hätte, sich nach oben zu ziehen. Trümmerteile flogen um sie herum, aber als ein Brocken sie streifte, glitt er direkt wieder an ihr ab und flog gleich weiter. Er hatte sie bloß ein Stück zur Seite gedrückt.
      Tava ächzte und kämpfte sich nach oben. Nur noch ein bisschen. Nur ein bisschen und dann könnte sie beginnen, den Kopf zu erklimmen.
    • Absolut routiniert nutzte Devon jede Abwärtsbewegung der Schulterplatte des Drachen, um den Schwung für sich einzusetzen und sich noch ein wenig höher ziehen zu können. Wie ein Wahnsinniger raste der Drache durch die Stadt und löste Panikattacken und Gerölllawinen aus. Immer wieder regnete es Bröckchen auf den Jäger hinab, der die meisten Teile einfach abschüttelte oder sich bei Größeren aus der Schussbahn drehte.
      Mit einem letzten beherzten Hacken zog er sich das letzte Stück hinauf und kam auf einer großen Rückenplatte in der Hocke zum Sitzen, sein Kukri wie einen Knauf in die Platte vor ihm geschlagen. In Windeseile orientierte sich der Jäger, wohin der Drache eigentlich lief und stellte fest, dass er nur die fertigen Straßen der Stadt zu nutzen schien und nur seine schiere Masse Häuser als Kollateralschäden mit sich riss.
      Seit wann nutzten Drachen bitte Straßen?
      Die roten Augen folgten der Straße weiter und bildete den Weg in seinen Gedanken aus. Leider galt für diese Stadt das gleiche Motto wie für die meisten anderen auch: alle Wege führten ins Herz. Und das war in Celestia der Marktplatz. Das Vieh würde dort hunderte Menschen aus dem Leben reißen. Devon zischte ungehalten – es hörte ja sowieso niemand. Also musste er sich was einfallen lassen, um den Weg des Drachen zu brechen. Sein Blick schoss umher ehe er hinter der linken Häuserfront eine Mauer ausmachen konnte. Eine halbhohe Mauer, die als Balustrade des mittleren Rings diente, die den steilen Weg den Abhang hinunter blockierte. Den Plan gefasst setzte sich Devon in einer niedrigen Haltung in Bewegung, weiter nach vorn zum Kopf des Drachen.
      Etwas Braunweißes tanzte am Rande seiner Wahrnehmung. Halbherzig warf er einen Blick in die Richtung, sah wieder zum Drachen und schrak dann doch wieder zurück. Da an der Flanke des Drachen kraxelte das Ziegenmädel empor. Für den Moment war Devon sich nicht im Klaren darüber, dass er die Cervidia angaffte. Entweder war sie wirklich genau so durchgebrannt wie der Fanatiker oder doch auch eine Jägerin, die ihr Glück versuchte. Aber das konnte nicht sein. Man mischte sich nicht in die Jagd eines anderen ein, so waren die Regeln. Außer, es wurde explizit nach Unterstützung verlangt, und das hatte Devon mitnichten getan. Was wiederum nur einen Schluss zuließ.
      „ ᎴᎥᏋᏕᏋ ᏉᏋᏒᏒüፈᏦᏖᏋᏁ....“, murrte er, schüttelte den Kopf und übernahm keine Garantie dafür, ob das Mädel da ihre Aktion heil überstehen würde oder nicht.
      Er war an der Stelle angekommen, wo Schulter in Hals überging. Sie waren bereits um die nächste Biegung gerast und der große Bogen, der den Eingang zum Marktplatz anzeigte, ragte in der Ferne auf. Also konnte Devon nicht für den sauberen Schnitt gehen, erst recht nicht mitten auf der Straße. Sein letzter Drache war schon länger her und so leichte Beute konnte er sich nicht entgehen lassen. Also suchte er nach einer Spalte zwischen den Schulterplatten, fand sie und steckte sein Kukri weg. Danach setzte er die Klingenspitze in die Ritze und stieß sie mit seinem Ellenbogen zur Hälfte hinein.
      Der Drache heulte auf und warf sich rein aus Reflex nach links, genau in die Richtung, wo Devon sein Schwert ihm in die Schulter gerammt hatte. Während sich Devon an seinem Schwert festhalten konnte, als der Drache durch Häuser brach und der Balustrade immer näher kam in dem Versuch, den Schmerz auszuschalten, wurde die Cervidia beinahe abgeworfen. Wie durch ein Wunder fand sie eine Spalte zwischen den Schuppen und hielt sich eisern fest, was der Jäger nicht mal mit einem Hauch Anerkennung quittierte. Stattdessen stellte er sich auf den unweigerlichen Abgang ein, den seine Aktion mit sich brachte und riss sein Schwert in dem Moment aus der Schulter des Drachen, als dieser die steinerne Balustrade durchschlug und den Boden unter den Füßen verlor. Die Welt begann zu kippen, unter ihnen tat sich nichts als schroffer Berg und ein weiter Weg nach unten auf. Einen Moment lang herrschte Schwerelosigkeit, als der massive Körper Fahrt aufnahm und der Gravitation zu folgen schien. Sein Körper prallte auf dem Berg auf, schlitterte abwärts. Durch diesen Ruck verlor schließlich auch Devon seinen Halt und stürzte nach hinten weg. Dabei erhaschte er noch einen Blick auf die Cervidia, die es genauso vom Rücken des Drachen fegte.
      Eigentlich wusste Devon es ja besser. Eigentlich sollte die Cervidia einen besseren Gleichgewichtssinn als er besitzen und keinerlei Probleme damit haben, sich auf dem Berg abzufangen. Aber irgendwie konnte er seinen Blick nicht von ihr lösen, als sie zeitgleich vom Drachen abfielen und auf dem schroffen Fels auftrafen. Für beide ging es sofort bergabwärts, der Jäger kugelte eher während die Cervidia ungünstiger herab rutschte. Er wusste, dass er ihr nicht helfen musste. Er wusste, dass es ihr eigenes Problem war.
      Trotzdem reagierte sein Körper wider seines Verstandes. Als er über einen Vorsprung rollte, drückte er sich vom Boden ab und bekam endlich wieder Richtung in seinen Fall. Anstelle bremsen zu wollen, trat er von seiner Stelle weg und streckte sich nach dem Ziegenmädel, die mittlerweile einen wesentlich eleganteren Abgang hinlegte. Er bekam sie an einem Arm zu fassen, rutschte jedoch ab weil sie schmieriger als Öl war. Abermals zischte er und griff dieses Mal beherzter in ihr ganzes Gewand, was er zwischen seinen Fingern zu greifen bekam und an sich riss. Er sah sie weder an noch sprach er mit ihr, sondern hatte seine Aufmerksamkeit nur nach unten gerichtet, wo der Drache polternd auf dem Erdboden angekommen war.
      Gott, wie dieses Mädel stank. Mit was auch immer sie sich übergossen hatte, es stankt schlimmer als die Exkremente der Moorschweine, die es in Tel'Aquera gab. Er rümpfte nur die Nase und hielt sie fest an sich gedrückt, während der Fels ihm sein Leder aufschürfte und die Sohlen seiner Stiefel bald nachgeben würden. Sein Umhang war schon in Fetzen, aber das hielt ihn auch nicht mehr auf.
      Der Boden kam in greifbare Nähe, ebenso wie der Drache, der sich schüttelte und scheinbar erst einmal orientieren musste. Das war die Gelegenheit. Hier in der weiten Ebene am Fuße des Berges gab es keine Zuschauer, keine Passanten, niemanden. Das war der Augenblick, in dem er seinen Griff um die Taille der Cervidia löste und sie von sich stieß. Dann nutzte er erneut den Schwung, stieß sich ab und segelte genau auf den Drachenrücken zu, wobei seine Landung nicht ganz so geschmeidig aussah wie er sie sich vorgestellt hatte. Noch während der Drache sich drehte war Devon schon obenauf und wieder an der Stelle, wo er vorhin sein Schwert in die Schulter des Drachen getrieben hatte. Dieses Mal ging er jedoch weiter, noch immer in der Hocke und auf halt bedacht, bis er den Nacken des Drachen erreichte.
      Felsendrachen wie dieser hatten ihre Schwachstellen. Man musste nur wissen, wo. Als erfahrener Jäger hatte Devon gelernt, dass diese Drachen butterweich unter ihren Schuppen waren und dass ihr Nacken ihre Schwachstelle war. Es gab eine Stelle, eine schmale Spalte, die zwecks Bewegungsfreiheit nicht geschützt war, wo sämtliche Nervenstränge zusammen liefen. Und genau dort setzte Devon die Spitze seiner blau schimmernden Klinge an, stand auf und ließ sein volles Gewicht auf den Griff seines Schwertes nieder. Mit einem satten Schmatzen zerteilte die Klinge das Rückenmark und brachte den Drachen ohne Umschweife und sehr unspektakulär zu Fall. Er fiel einfach in sich zusammen, als hätte man ihm das Licht ausgeknippst.
      Oben auf atmete Devon mehrmals durch. So leicht es ausgesehen haben mochte; das war es nicht. Jeder Kampf, jede Bewegung und jeder Treffer forderten ihren Preis und es war egal, ob man Mensch, Lacerta oder Drache war. Sie alle sahen nach einem Kampf nicht frisch wie gewaschene Wäsche aus. Von oben suchte Devon nach der Cervidia, die in etlichen Metern Entfernung auch den Boden erreicht hatte. Die musste er auch abfrühstücken, damit sie ihm nicht auf den Sack ging. Was wollte sie noch gleich?
      „Zunge. Das war's“, fiel es ihm wieder ein, als er das Schwert aus dem Drachen zog und über die Schuppen nach unten auf den Boden rutschte. Die Klinge triefte von dunkelbraunem Blut – typisch für Felsendrachen dieser Kategorie. Flüchtig warf er einen Blick zu dem Ziegenmädel, dann trat er an das Maul des Drachen. Sein Kopf lag seitlich auf dem Boden, das große Auge, das in der Art seinem eigenen gar nicht so unähnlich war, starrend und leer. So leer, wie es irgendwann auch seine eigenen Augen sein würden. Jedes Mal waren die Augen eines toten Drachens wie ein Spiegel für Devon. Eine Mahnung daran, dass er das nächste Mal dort liegen könnte.
      Das Maul mit den abgerundeten Zähnen stand ein Stück weit offen, sodass Devon hineinlangen und die warme, weiche Zunge packen konnte. So viel er konnte zog er hervor und trennte ein Stück davon mit seinem Schwert ab. Er ließ das dampfende Fleisch einfach liegen, das Mädel würde es sich bestimmt schon holen. Bei dem was folgte würde sie ihm sowieso nur Worte an den Kopf werfen, wenn er ihr nicht einmal das Stück Zunge gelassen hätte.
      Devon machte sich eilig ans Werk. Er folgte der Kieferlinie und dem Hals hinab bis zur Brust des Drachen. Er tauschte das Schwert gegen das Kukri aus und begann sich hinter die Platten in die Brust des Drachen zu graben. Stück für Stück schnitt er immer mehr Fleisch weg bis er endlich fand, wonach er suchte. Mit geübten Schnitten trennte er das Objekt seiner Begierde heraus, das so groß wie seine Faust war, und steckte es in die Innentasche seines Wamses. Kaum hatte er es herausgelöst, begann es schon zu zischen und zu qualmen. Er musste hier raus.
      Sekunden später kam Devon aus der Brusthöhle des Drachen, das Gesicht so braun wie das Leder seiner Rüstung. Er trat um den Drachen herum und fand wie erwartet die Cervidia, die an der Zunge herumdokterte, die der Jäger ihr herausgeschnitten hatte. Sie lag völlig unberührt da, wohingegen der Felsendrache immer schneller an Farbe verlor und begann, zu zerfallen. In riesige, graue Findlinge zu zerfallen, wie sie eins zu eins aus dem Berg geflogen kamen. Wenn er konnte, wartete Devon dieses Schauspiel immer ab. Es hatte etwas mit Ehrerbringung zu tun, wenn er dabei zusah, wie die Beute, die er geschlagen hatte, zu ihrer Natur zurückfand. Das war etwas, das nur bei ihm passierte. Wenn andere Jägertruppen Drachen erlegten, dann blieb der Kadaver zurück für sämtliche Gräueltaten. Daher kamen die Rüstungen mit den Schuppen von Drachen. Die Sagen, dass ihr Blut besondere Kräfte verleihen würde. Dass gemahlenes Horn ein Potenzmittel sei und die Augen begehrte Schmuckstücke wurden.
      Devon hasste diese Behandlung von Wesen. Also schob er seine Hände in die Taschen seiner Hose, nachdem er das Kukri weggesteckt hatte, und sah dem Drachen beim Auflösen zu. Den Grund dafür trug er in seiner Tasche, nur wusste das niemand und das war auch gut so.
    • So begnadet die Cervidia in ihren Kletterkünsten auch sein mochte, einen statischen Berg zu erklimmen war etwas grundsätzlich anderes als einen rennenden, tobenden, vielleicht panischen Drachen, der eine Stadt unter sich nieder walzte. Sein ganzer Körper schaukelte in einem unvorhersehbaren Rhythmus und die gewaltigen Muskeln unter den Schuppen bewegten sich in für Tava unergründlichen Wegen. Die Schuppen verschoben sich ständig und wenn sie glaubte, es würde ausreichen, sich einfach an der Oberkante festzuhalten und weiterzuziehen, hatte sie sich gehörig geirrt. Alles unter ihr bewegte sich in riesigen Sprüngen.
      Die Schuppen wurden gerade ein bisschen horizontaler, der Rücken kam ein bisschen mehr in greifbare Reichweite, als Tava eine Bewegung sah und tatsächlich die Fackel erblickte, die es wohl gleichfalls geschafft hatte, sich noch weiter festzuhalten. Er war ganz oben, hob seine Waffe, setzte sie an und -
      Der Drache vibrierte bei seinem Gebrüll durch seinen ganzen Körper und warf sich mit einem Schwung zur Seite, gegen den nicht einmal Tavas Hörner gegensteuern konnten. Sie schrie auf, als ihre Hände den Halt verloren und sie an der Flanke entlang glitschte, die blutigen Finger bereits in panischer Hast an den riesigen Schuppen entlang schrammend, um die nächste Ritze zu finden. Sie verhakten sich, lösten sich von dem Schwung wieder, aber dann hatte Tava sich in der Luft gedreht und bekam ihr schwungvolles Abgleiten mit ihren Füßen verlangsamt, um wieder richtig zupacken zu können. Damit hing sie wieder an dem Biest, nur ein ganzes Stück weiter am Hinterteil.
      Ihr Siegesgefühl hielt nur herzlich kurz an. Sie hatte noch nicht einmal damit beginnen können, ihren Aufstieg von vorhin nachzuholen, da neigte sich der Drache plötzlich nach unten, ohne langsamer zu werden, und schien den Boden unter den Füßen zu verlieren. Für einen kurzen Moment verschwand der Druck auf Tavas Arme und sie hing fast in der Luft, dann krachte das Vieh mit ohrenbetäubendem Lärm wieder auf den Boden und Tava entriss es den Halt. Sie mochte denselben Schwung wie er gehabt haben, aber ihre Masse war womöglich um ein Tausendfach geringer und so blieb sie in der Luft zurück, während die Bestie bereits weiterschlitterte. Nur ein weiterer Moment des freien Falls.
      Sie war nicht alleine. Die Fackel flog mit ihr, ein unglaublich großer, langer Mann, der in etwa auf ihrer Höhe fiel.
      Drachenartige Schlitzaugen glühten sie an.
      Tava wollte aus Überraschung schreien, oder vielleicht auch wegen ihrer allgemeinen Situation, als beide auf dem Abhang aufschlugen und weiter nach unten rutschten. Tava überschlug sich, schrammte mit den Hörnern über den steinigen Boden, die sie davor bewahrten, mit dem ungeschützten Kopf darauf aufzuschlagen, und rutschte einen Moment auf dem Bauch weiter, bevor sie den Kopf zurückwerfen und ihren Körper entsprechend in die andere Richtung ziehen konnte. Gestein flog um sie herum, die Hälfte nach oben und die andere Hälfte nach unten, losgelöst von ihrem Abgang und heraufgeschleudert von dem unten schlitternden Drachen. Tava schrie jetzt doch. Was sollte man schon anderes dazu sagen?
      Etwas riss an ihrem Ärmel und als sie in die Richtung sah, entdeckte sie, dass Fackel immer noch in ihrer Nähe war. Mehr als das sogar, er schien seinen Arm ungelenk nach ihr ausgestreckt zu haben und grapschte ein weiteres Mal nach ihr. Diesmal fanden seine Finger Halt in ihrem glitschigen Gewand und rissen sie zu sich.
      Tava hörte auf zu schreien, denn schreien und sich festhalten waren zwei sehr wichtige Dinge, die sie nicht auf einmal erledigen konnte. Und letzteres schien gerade ein bisschen wirkungsvoller.
      Sie wusste nicht, wieso Fackel sich dazu entschieden hatte, sich ihrer gerade jetzt zu bemächtigen, wo er sie sicher auch an einem ruhigeren Ort ganz normal hätte fragen können. Aber es gab Momente, in denen Fragen gestellt werden sollten und welche, in denen man lieber still sein sollte. Dieser hier war letzterer.
      Tava krallte sich jetzt an Fackel fest, weil er einen großzügigen Körper hatte, der wesentlich angenehmer zu benutzen war als der steinige Abhang und sie vor einem Teil des Gerölls beschützte. Aber dafür konnte sie ihn jetzt auch schützen. Solange er sie noch festhalten konnte, so lange hatte sie einen bequemeren Abgang.
      Sie ergriff seine Schultern und zog sich an ihm nach oben, als wolle sie an ihm weiterklettern, bis sie halb über ihm ihren Kopf über seinen hornlosen Schädel beugen konnte, um ihn mit ihren eigenen Hörnern zu schützen. Es war eine merkwürdige Position, die ganz darauf beruhte, dass sie sich zuverlässig an seinen Schultern festhielt, denn ihren Körper würde er sicher nicht an sich halten können, so glitschig wie er war. Aber es hielt. Scharfe Drachenaugen starrten an ihr vorbei und nach unten auf den Drachen, aber zumindest schien er sich von ihr nicht beirren zu lassen. Gut so, sie passte auf seinen Kopf auf und er passte auf ihren Körper auf.
      Der Boden kam näher und mit ihm stieß Fackel Tava so plötzlich von sich, dass sie ihren eigenen Halt verlor. Sie fiel wieder eigenständig, halbwegs kontrolliert durch seine vorherige Kontrolle, aber das, was Fackel anstellte, konnte sie nicht nachmachen. Es lag wesentlich mehr Erfahrung, mehr Kalkulation und mehr Geschick in dem Sprung, den er zustande brachte, um sich vom Abhang direkt zurück auf den Drachenrücken zu befördern, ganz ohne irgendwelche Hilfsmittel. Es sah fast göttlich aus, wie er für einen Augenblick durch die Luft segelte und dann direkt auf den Drachenrücken. Er rutschte weg und ging ein bisschen in die Knie, aber er hielt sich und kämpfte sich zurück zum Nacken vor.
      Tava hatte bei weitem kein solches Kunststück geplant. Sie war froh, wenn sie einigermaßen heil auf dem Boden ankam, was sich rasend schnell als akutes Problem herausstellte. Sie war durch ihren glitschiges Trankzusatz zu schnell und der Boden zu horizontal für ihren Geschmack.
      Sie zog die Beine an und winkelte sie nach unten, um ihren Schwung ähnlich wie auf dem Drachen zu verlangsamen. Ihre Stiefel waren präpariert, so wie fast alle ihre Kleidung, aber selbst sie würden nicht ewig halten.
      Für dieses Manöver genügte es allerdings, als sie sich etwa abfangen konnte, sich schließlich abstieß und auf dem Boden aufkam. Dort rollte sie sich gleich über ihre Hörner ab, zog alle Gliedmaßen so fest an ihren Körper und machte sich so rund wie nur möglich und bewahrte sich dadurch zumindest einen Knochenbruch. Trotzdem schlitterte sie ein ganzes Stück weit, schürfte sich die Handflächen auf und blieb benommen für einen Augenblick liegen.
      Aber der Drache. Der Drache!
      Verbissen kämpfte sie sich nach einem Moment schon nach oben und starrte in Richtung der Verwüstung, nur um zu sehen, wie der Drache mit einem Mal in sich zusammenklappte. Da war kein Gebrüll, kein Geschrei und kein weiteres Chaos, nur seine Beine knickten mit einem Mal ein, er krachte zu Boden und blieb dann dort als regloser, gewaltiger Haufen Fleisch und Schuppen einfach liegen.
      Die Fackel hoch aufragend obendrauf.
      Tava gaffte gänzlich überrascht für einige Sekunden, dann lief sie los, um zu ihm aufzuholen. Ihre Beine taten weh von... allem, ihre Hände bluteten und ihre Arme würden für die nächsten hundert Jahre vermutlich einen Muskelkater ertragen müssen. Aber das alles hielt sie nicht davon ab, zu der riesigen Leiche zu laufen, deren Mörder gerade herunterkam und zielgerichtet zum Maul marschierte.
      "Hey!"
      Er ignorierte sie, vielleicht hatte er sie aber auch noch nicht gehört. Als Tava dort ankam, warf er bereits ein Stück dampfende, gewaltige Drachenzunge auf den Boden.
      Sie glotzte viel blöder, erst zu der Zunge, dann zu dem Mann mit den eindeutigen Drachenaugen, der sich jetzt dem Biest noch einmal zuwandte und auf seinen Brustkorb zumarschierte. ... Was? Und wie? Und überhaupt... was? Sie beobachtete ihn dabei, wie er sich ziemlich zielgerichtet in den Drachen hinein bohrte, seine Waffe wie eine Hacke verwendend, um sich an den Schuppen vorbei und dann durch das Innere zu wühlen. Tava verstand das nicht. Nun, sie hätte es durchaus verstanden, wenn er die Augen etwa aus ihren Höhlen geschabt hätte oder vielleicht die Nüstern aufgeschnitten oder sich in die Ohren gebohrt hätte, aber in die Brust? Was wollte er da finden, Muskelmasse? Drachenfleisch? Vielleicht wollte er sich ein großes, gebratenes Stück Drachenherz zum Abendessen genehmigen?
      Dafür war man ja aber doch nicht Jäger. Oder?
      Ein Geräusch ertönte und Tava zuckte, ganz in der Überzeugung, das Vieh würde plötzlich doch wieder leben, da kam die Fackel wieder herausmarschiert, besudelt von Kopf bis Fuß mit Drachenblut. Hinter ihm qualmte es, so wie Feuer vielleicht geraucht hätte, nur dass das hier sicher kein Feuer sein konnte. Es war der Drache, der Stück um Stück, Sekunde um Sekunde in sich zusammenfiel wie eine alte, verwelkende Pflanze.
      Tava starrte und auch die Fackel sah zu, wie dieses Ungetüm, das vor einer Stunde noch aus dem Berg gebrochen war, jetzt zu nichts zurückfiel. Nichts blieb davon übrig, kein Kopf, keine Schuppen, kein Blut - aber die Zunge. Die Zunge löste sich nicht auf und trotzdem packte Tava sie schnell, bevor sie es sich vielleicht anders überlegt hätte. Das Teil war so lang wie ihr Arm und verbreitete einen ganz üblen Geruch, der ihr den Appetit auf Essen nahm, aber sie nahm es trotzdem an sich, weil sie es schließlich noch brauchte.
      Dann war es zum ersten Mal still auf diesem Platz, wo gerade noch die Welt untergegangen gewesen zu sein schien. Die unmittelbare Umgebung war zerstört, Leichen lagen unter Trümmerteilen verborgen von Flüchtenden, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten. Irgendwo anders war aber durchaus noch die Panik und der Schrecken einer überrumpelten Stadt zu hören.
      Tava sah Fackel an, der so fürchterlich aussah, wie sie sich gerade fühlte, aber wohl kein Bedürfnis zu haben schien, sich um irgendjemand anderen als den Drachen zu kümmern. Sie starrte ihn sogar lange an, dann neigte sie den Kopf.
      "Bist du etwa auch ein Drache?"
      Das würde zumindest so einiges erklären, nicht nur diese gruseligen Augen. Vielleicht würde es sogar alles erklären.
    • Malleus durchquerte die zerstörten Straßen und folgte der Schneise der Verwüstung, die der Drache durch den Stadtkern von Celestia gezogen hatte. Zu allen Seiten drangen die verzweifelten Stimmen überlebender Bewohner, die vor den Trümmern ihrer Existenz standen, an ihn heran. Die Schreie übertönte lediglich das schrille Gekreische der plumpen Bestie, die nicht mit seiner eleganten Gestalt sondern mit roher Kraft gehörig Eindruck schindete. Das Gebrüll schmerzte selbst auf Distanz in den Ohren, als schleifte jemand Stein über Stein. Bevor ein dreister Dieb das allgegenwärtige Chaos schamlos ausnutzte, bemächtigte sich Malleus der verwaisten Ausrüstung, die der Jäger zurückgelassen hatte. Der Rucksack des Mannes, der sogar ihn um ein gewaltiges Stück überragte, wog schwer auf seiner unverletzten Schultern. Von dem lebensmüden Ziegenmädchen fehlte jede Spur, aber sie schien auch keine Habseligkeit auf dem Weg verloren zu haben. Für Malleus stand völlig außer Frage, dass weder der schweigsame Jäger noch die gehörnte Cervidia unterwegs von ihrem Vorhaben abgelassen hatten. Vermutlich klammerten sie sich mit purer Willenskraft an die mächtigen Panzerplatten des Drachen.
      Mühevoll kletterte der verletzte Kultist über Geröll und Trümmerhaufen. Der Kraftakt zerrte an seinen Reserven, weil er den Weg schwer bepackt und mit einem verwundeten Arm bewältigte. Beim Markplatz angekommen, erwartete Malleus ein Bild der Leids. Überall kauerten blutige und verletzte Stadtbewohner zwischen umgestürzten Marktständen und Häuserfassaden. Pferde wieherten panisch vor umgekippten Karren und kamen trotz aller Anstrengung nicht vom Fleck. Familien beugten sich über Tote und klagten ihre Trauer in den Himmel hinauf. Ächzend rutschte der Rucksack von seiner Schulter und er bekam den Schulterriemen, gerade rechtzeitig zu fassen, bevor das fremde Eigentum auf dem aufgerissenen Boden aufschlug. Menschen und Nicht-Menschen klagten gleichermaßen und versuchten zu retten, was noch zu retten war. Malleus ignorierte die suchenden Blicke und Fragen nach verschütteten Angehörigen. Ziellos suchten seine Augen den verwüsteten Marktplatz ab bis sie einen buckelndes Zugpferd erfassten. Das muskulöse Tier besaß ein rostrotes Fell, Mähne und Schweif in ähnlicher Farbe und beeindruckenden, weißen Fesselbehang, der jetzt mit Staub und Blut verdreckt war. Panisch ruckte sein Kopf in die Luft und es ließ sich kaum beruhigen. Hektisch zog und zerrten umstehende Händler an den Zügen und dem schweren Geschirr auf seinem Rücken.
      Vielleicht todesmutig näherte sich Malleus der Menschentraube und drängte sich trotz schmerzender Schulter durch die Mauer aus Männern und Frauen, die wild durcheinander riefen.
      "RUHE!", donnerte Malleus, die Stimme kratzig von dem Felsenstaub, den er eingeatmet hatte.
      Mehr überrascht als wirklich eingeschüchtert traten die Menschen zurück und ein Mann mit schütterem Haar, er erkannte das Mitglied der Färbergilde wieder, schnaubte verächtlich.
      "Der Gaul ist wahnsinnig geworden!", keifte er aufgebracht. "Aber, bitte. Wenn Ihr euch unbedingt einen Huf einfangen wollt."
      Unbeeindruckt und mit einem sanften Wispern auf den Lippen näherte sich der Mann dem tobenden Pferd. Tiere waren Malleus schon immer lieber gewesen als Menschen. Kein Lebewesen war zu so viel Grausamkeit fähig wie Menschen oder andere Völker, die sich für die Krone der Schöpfung hielt. Seit Beginn der Plagen, Seuchen und Naturkatastrophen wurden sie einen Besseren belehrt. Das fuchsfarbene Kaltblut sah ihn mit angsterfüllten, panischen Augen an. Malleus flüsterte unbeirrt weiter und hob langsam die Hand, an der das beunruhigte Tier mit aufgeblähten Nüstern schnupperte. Er nutzt die beginnende Ruhe, um die Gurte des schweren Geschirrs zu lösen, welches mit einem dumpfen Geräusch am Boden aufschlug.
      "Wurde aber auch Zeit, dass sich der Gaul beruhigt. Ich danke Euch viel...", bellte der Händler lautstark, doch hielt inne, als Malleus ihm mit erhobener Hand, die Handinnenfläche nach vorn, auf Abstand hielt.
      Er schlang den Rucksack wieder über die Schulter und nutzte die Stiege des Karrens, um sich trotz pochender Schulter auf den Rücken des Pferdes zu schwingen. Der Fuchs tänzelte nervös unter ihm, blieb aber stehen.
      "Was glaubt Ihr eigentlich, wer Ihr seid!?", rief der Färber wutentbrannt und tiefrot bis über die polierte Glatze.
      "Der, der euch alle überlebt", antwortete Malleus und trieb das Zugpferd nach vorn, das mit einem Satz davon preschte.

      Die Stille verhieß nichts Gutes.
      Dort, wo der Jäger offensichtlich den Drachen niedergestreckt hatte, existierte lediglich noch eine Ansammlung grauer Findlinge in allen Größen und Formen. Mit Fantasie ließen sich noch die Konturen des Ungetüms erkennen. Die Felsen lagen so angeordnet, wie der Drache vermutlich nach dem finalen und tödlichen Schlag gefallen war. Von der simplen, klobigen Schönheit war nicht mehr übrig als graues, farbloses Gestein. Die Wut in Malleus Brust explodierte erneut über das unwürdige Ende einer göttlichen Vollstreckung und der maßlosen Respektlosigkeit. Er hatte das verrückte Ziegenmädchen als erstes ins Auge gefasst, die eine schleimige Zunge umklammerte wie einen wertvollen Schatz. Die Zunge des Drachen, die ihm aus dem Maul geschnitten worden war, bevor er sich in die Materie zurück verwandelte, aus der die Götter ihn geformt hatten. Der Drachenjäger selbst betrachtete noch immer die Steine und hatte ihm dabei den Rücken zugewandte. Erst beim Klang der aufschlagenden Hufen drehte er kaum merklich das Kinn in die Richtung von Malleus.
      Erzürnt schwang der Kultist das rechte Bein behände über den gebogenen Hals des Pferdes und glitt von dem nicht gesattelten Rücken. Beim Aufkommen am Boden durchzog eine Erschütterung seinen Körper, der das schmerzhafte Puckern in seiner Schulter kurzzeitig neu aufflammen ließ. Die Blutung war beinahe verebbt, doch sein linker Handschuh klebte und glänzte vor Blut. Ächzend trat er auf die Fremden zu und warf dem Drachenjäger schwungvoll den Rucksack vor die Füße.
      "Verschwindet von hier", zischte er. "In Celestia ist kein Platz für die Gottlosen. Ihr habt genug Schaden angerichtet. Nehmt eure Beute und geht. Und du...!"
      Sein Blick glitt über den drachenförmigen Trümmerhaufen, dann zu dem Jäger mit den roten Augen.
      "Du, mit den Augen des Drachen. Warum tötest du, was dir mehr gleich kommt, als jeder einzelne Mensch in dieser Stadt. Diese Ehre, die du mit Füßen trittst und ein Geschöpf der Gött..."
      Malleus verstummte als der Lacerta - zweifellos - unerwartet und mit Drachenblut besudelt in die Knie ging. Seine Füße hatten sich schneller in Bewegung gesetzt, als sein Verstand mitkam. Enttäuschung und Wut kollidierten mit der aufkeimenden Panik ein weiteres Geschöpf göttlicher Gnade an das Nichts des Todes zu verlieren. Malleus würde sich dieses Versagen nie vergeben. Binnen eines Atemzuges kniete der Kultist neben dem Lacerta und zögerte nicht die Unversehrtheit seiner Rüstung zu begutachten. Mit der flachen Hand fuhr Malleus über das weiche Leder, bis unter behutsamen Druck aus einigen Löchern etwas Blut hervorquoll. Der Jäger war verletzt. Splitter und Steine mussten das Leder wie Geschosse durchschlagen haben und spickten nun den Oberkörper wie ein Nadelkissen. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte Malleus, haderte mit sich. Der Mann stieß eine Reihe von Flüchen aus, um seinem Frust ein wenig Luft zu machen. Malleus wappnete sich für das Unvermeidbare: Einen Körper, der sich fest gegen seine Seite presste und das Gewicht, das auf seine Schultern drückte. Ein beklemmendes Gefühl schnürte ihm die Brust zu und die Atmung flachte ab, dann schlang er sich einen Arm des Lacerta über die gesunde Schulter, aber er konnte das Gewicht unmöglich alleine stemmen.
      "Hey! Ziegenmädchen!", presste er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. "Pack mit an und nimm seinen anderen Arm."
      Das war keine Bitte. Entweder war die Cervidia davon überrumpelt oder ihre Neugierde siegte am Ende. Malleus hatte bemerkt, wie sie die Augen des Lacerta ebenso fasziniert betrachtete hatte wie er selbst. Letztendlich war es dem Kultisten egal, aus welchen Gründen die zierliche Frau half, die fürchterlich nach der bräunlichen, glitschigen Mixtur stank. Gemeinsam stemmten sie den verwundeten, überraschend handzahmen Drachenjäger auf die Beine und bugsierten ihn in Richtung des Pferdes. Die aufkeimende Gegenwehr war kaum der Rede wert. Auf den Rücken des Reittieres bekam er den Lacerta allerdings nur mit reichlich Unterstützung des Fuchses, der nach einigen Bemühungen widerwillig die Vorderbeine einknickte. Zu beiden Seiten flankierten Mensch und Cervidia das schnaubende Pferd, um im Auge zu behalten, wann der verletzte Jäger sich gefährlich in eine Richtung neigte.
      "Malleus...", raunte er der jungen Frau über den Rücken des Tieres zu während er die Finger des Lacerta auffordernd in die störrische Mähne schob. Das musste als Vorstellung, um der Höflichkeit genüge zu tun, erst einmal ausreichen. Entweder verriet sie ihm einen Namen oder sie blieb bis auf weiteres 'Das Ziegenmädchen'.

      Malleus lehnte im Rahmen der geöffneten Tür und betrachtete das merkwürdige Bild, das sich ihm bot. Obwohl sein Gesichtsausdruck vorsichtig neutral erschien und kaum Rückschlüsse auf seine Gedanken zuließ, herrschte hinter den tiefschwarzen Augen ein wirbelndes Chaos. Die allgegenwärtige Mischung aus blanker Wut, Verwirrung und einer ungebändigten Neugierde gaben sich im unregelmäßigen Abständen die Klinke in die Hand. Zwischendurch war er kurz davor gewesen seine Meinung zu ändern und die beiden wieder prompt vor die Tür zusetzen. Sollte er helfen? Die Mitbringsel aus Tüchern, die über seinen Arm drapiert waren, und Phiolen, Tiegel und anderes Kleinod einfach ablegen und gehen? Seine Augen ruhten auf dem Lacerta, den er auf einem hölzernen Schemel platziert hatte, der eindeutig viel zu winzig für den hochgewachsenen Mann war. Die langen Beine waren eng angewinkelt und reichten beinahe bis an die blutige Brust. Malleus hatte keinen Versuch unternommen dem Jäger seine Rüstung abzunehmen.
      Bis auf den Tumult vom Marktplatz, dessen Lärm durch die geöffneten Fenster in den Raum drang, herrschte im Zimmer eine Totenstille. Es waren nur wenige Mitglieder der Signa Ignius anwesend. Der Rest würde bald eintreffen sobald sich die Lage etwas beruhigte.
      Malleus hatte seine verletzte Schulter notdürftig gesäubert und eilig selbst verbunden. Es war nicht seine beste Wundversorgung, schließlich kannte er sich damit aus, aber umgeben von Fremden, die er aus ihm schleierhaften Gründen in sein Heim geholt hatte, musste es fürs Erste reichen. Im Augenblick löste allein der Gedanke auf weitere unwillkommene Berührungen eine magenumdrehende Übelkeit aus. Der dunkle Teint seines Gesichts hatte eine ungesunde, gräuliche Färbung angenommen, sicherlich auch auf aufgrund des Blutverlustes und der anhaltenden Schmerzen.
      Ein Ruck ging durch den Malleus. Er löste sich vom Türrahmen und ging auf den Lacerta zu, der ihn wachsam und misstrauisch ansah. Zumindest deutete er so den stechenden Blick in den faszinierend, roten Augen. Die geschlitzte Pupille war aus der Nähe noch deutlicher zu erkennen. Also hatte er sich nicht geirrt oder angesichts der Bestie fantasiert. Malleus reichte ihm schweigend und am ausgestrecktem Arm eines der Tücher an und wartete. Die Muskeln in seinen Augenwinkeln zuckten verdächtig. Sein Blick huschte nach links ohne dabei den Kopf zu drehen zu der Cervidia und er rümpfte die Nase. Mit einem kaum merklichen Zucken seines Kinns deutete er auf einen schmalen, bogenförmigen Durchbruch in der Wand.
      "Meine Leute haben nebenan ein Bad vorbereitet", raunte er.
      Auch das war keine Bitte oder eine Einladung. Er bestand darauf.
      Tatsächlich beförderte ein ausgeklügelte Anordnung von Mühlrädern, Pumpen und Seilen das Wasser aus dem Brunnen direkt in das obere Stockwerk. Ein wahrhaftiger Luxus und ein Mechanismus, den Malleus mit geschickten Handwerkern in die Realität umgesetzt hatte. Zwei Pumpen wurden mit Muskelkraft bedient und setzten die Förderung aus dem Brunnen in Gang. Oben angekommen, floss das Wasser über eigens angefertigte Rinnen aus Stein in das große Bad. Der Badezuber hatte eine obszöne Größe und bot spielend leicht Platz für mehrere Personen. Darunter war genug Platz um eine Feuerschale darunter zuschieben und bequem das Wasser über längere Zeit zu erhitzen bevor es genutzt wurde.
      Eindringlich sah er die Cervidia an, die seine privaten Räumlichkeiten mit dem Geruch des öligen Films auf ihrer Haut und Kleidung verpestete. Die Drachenzunge, die triefend und schleimig auf seinem Schreibtisch lag, verbesserte seine Laune nicht. Seine Verehrung hatte offenbar eine Grenze erreicht. Zäher Speichel tröpfelte auf den Teppich. Er hätte ein anderes Zimmer wählen sollen.
      Seine Aufmerksamkeit wanderte zurück zu dem Lacerta, der noch immer keine Anstalten machte, nach dem angebotenen Tüchern oder Arzneien zu greifen. Malleus beschlich ein Verdacht.
      "Sie sind nicht vergiftet", versicherte er.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Die mittlerweile aufgetretene, unheimlich laute Stille wurde von ein paar Hufen durchbrochen, die ein Pferd ankündigten. Das Geräusch war zu regelmäßig, als dass es ein panisches Tier sein könnte und außerdem kam es geradewegs näher. Das war wohl der Moment, an dem die Wachen der Stadt wieder Ordnung hereinzubringen versuchten. Ob man Tava und die Fackel dafür einkerkern würde, dass sie den Drachen durch die Stadt gehetzt hatten? Oder ob man sich bei ihnen bedanken würde, weil sie ihn zu Fall gebracht hatten? Im Zweifel hatte immer das schlechte im Menschen Vorrang.
      Entsprechend wappnete Tava sich dem Ansturm aus Soldaten, die gleich den entstandenen Platz stürmen würden, um Kontrolle vorzutäuschen, aber der Reiter, der angaloppiert kam, war niemand anderes als die Feuergeißel, an den sie überraschenderweise gar nicht mehr gedacht hatte. Sie hatte geschätzt, dass er nur eine weitere Leiche unter vielen in dieser Stadt sein würde. Niemand, dem man nachtrauern müsste.
      Aber hier kam er angestürmt, sprang heroisch von seinem lädierten Gaul und schaffte es, selbst mit Blut und offensichtlichen Wunden einen halbwegs grimmigen Eindruck zu hinterlassen. In seinen Augen schien ein eigenes Feuer zu brennen.
      Das war aber nichts im Vergleich zu Tavas prachtvollen Hörnern, die sie ihm als Antwort entgegen hielt, eine wortlose, aber dafür recht effektive Weise ihm zu sagen, dass er sie mal kreuzweise konnte. Wofür hielt er sich, für den einzig wahren Messiah? Einem Schwert hätte Tava vielleicht noch etwas mehr Respekt entgegen gebracht, aber nicht dem hier, der so aussah, als hätte er einen Kampf gegen das Feuer verloren.
      Auch die Fackel wollte er verscheuchen, als wäre es sein gottgegebenes Recht, aber dann sackte der große Mann plötzlich ein. Diese ganze Jagd schien selbst für einen übergroßen Mann mit unnatürlichen Waffen und passenden Augen genug abzuverlangen, um ihn in die Knie zu zwingen. Tava stand selbst nur noch, weil sie nicht versucht hatte, das Biest umzubringen, und sich dann auch noch von Fackel den Hang hinunter geholfen lassen hatte. Allerdings hätte auch sie durchaus nichts dagegen, sich jetzt für einen Moment hinzusetzen. Vielleicht auch für länger.
      Bevor sie sich aber dazu entschieden hätte, rief Malleus von seinem Platz bei der Fackel zu ihr zurück und Tava flammte gleich auf, als würde in ihr ein Scheiterhaufen explodieren.
      Ich bin keine Ziege, du verbrannter Kohlkopf! Nimm das sofort zurück!!
      Es war schon erstaunlich; nicht einmal hier, jetzt, mitten in einer zertrümmerten Stadt, neben einem Drachen, der mittlerweile längst zu Stein verfallen war, schafften es die allgemeinen Vorurteile, sie zu erreichen. Sie war keine Ziege!! Nur, weil Cervidia Hörner hatten?! Wieso kam keiner auf die Idee, sie mit Drachen zu vergleichen?! Hatte sie etwa das Zeug zu einer Ziege, nicht aber zu einem Drachen?!
      Idiot.”
      Sie kam schließlich doch herüber, aber nur, weil sie für einen Moment mit ansehen musste, wie Malleus sich mit dem Gewicht der Fackel abkämpfte und die Fackel dabei wieder einknickte. Wenn es nach ihr ginge, solle Malleus von einem Drachen verschluckt werden, aber Fackel, der ihr die Zunge extra herausgeschnitten hatte, wollte sie nicht darunter leiden lassen. Mürrisch kam sie also.
      Ziege… ich glaube es ja nicht…
      Beherzt griff sie zu, denn sie glitschte noch immer und musste die doppelte Kraft in ihre Hände legen. Jetzt taten ihr erst die Wunden richtig weh und auch ihre Arme protestierten lauthals, während sie Fackel auf der anderen Seite stützte. Gemeinsam hievten sie den Riesen zu Malleus’ Pferd hinüber und beförderten ihn halbwegs auf den Rücken. Malleus stellte sich danach bei ihr als Malleus vor.
      Ich weiß.
      Sie zeigte ihm ihre Hörner. Sie präsentierte sie ihm. Als sie zufrieden damit war, dass er sicherlich höchst eingeschüchtert von ihr war, gestattete sie ihm wieder einen Blick auf ihre Augen.
      Tava.”

      Eigentlich hätte sie sich hier verabschieden und ihres eigenen Weges gehen können, aber Fackel schien noch nicht in Gesprächslaune und sie wollte unbedingt noch von ihm erfahren, ob er von den Drachen abstammte. Denn wirklich, wieso hetzte sie ihnen so sehr nach, wenn sie auch ein intelligentes, kluges Wesen nach ein paar Proben fragen konnte? Außerdem schien Malleus hier zu wohnen und das war sowieso viel besser als Celestia frühzeitig zu verlassen und sich unterwegs zu verarzten. Er scheuchte sie auch nicht weg, also blieb Tava und half dabei, Fackel ins Innere einer merkwürdigen Wohnung zu befördern.
      Er schien mit einer Gemeinschaft zu wohnen - vermutlich diese abergläubischen wie die Händlerin, der Tava ihr Varelio verkauft hatte - aber im Moment war keiner da. Das gab Tava eine gute Gelegenheit, die Inneneinrichtung einer aufmerksamen und eindringlichen Begutachtung zu unterziehen. Der Teppich war zum Beispiel sehr schön - sehr schön brennbar. Der Schreibtisch und der Schemel, auf dem Fackel saß, schienen aus bearbeitetem Holz. Es gab Gardinen, die ziemlich weit herabhingen. Wenn man hier, in der Mitte des Raumes, vielleicht ein kleines Feuerchen entzündete, vielleicht ein rundes, das sich spiralförmig nach außenhin ausdehnen würde, dann könnte man den Teppich sehr schnell damit abdecken und wenn dann auch noch der Schemel mittig genug -
      “Meine Leute haben nebenan ein Bad vorbereitet.”
      Tava sah zu ihm hinüber. Malleus war auf ihrem Weg hierher recht still gewesen, aber nicht die Stille, die Tava kannte, wenn man nicht wusste, was man als nächstes sagen sollte. Er wirkte viel eher versteift, ein Muskel in seinem Kiefer arbeitete fast unablässig und in seinem Blick lag etwas fahriges. Etwas erzwungen aufmerksames. Ihn schien schon die ganze Zeit, seit er Fackel hochgezogen hatte, etwas unglaublich nervös zu machen, aber Tava kam einfach nicht drauf, was. Es konnte schließlich keine größere Gefahr als den Drachen geben, der jetzt tot war.
      Das war auch der einzige Grund, weshalb sie nicht protestierte, als sie verstand, worauf er hinaus wollte. Man musste eben wissen, wann man ein Feuer lieber ausbrennen und wann man es lieber weiter anstacheln sollte.
      Außerdem schien ein Bad gerade gar nicht so schlecht.
      Sie warf noch einen Blick auf die zusammengesunkene Fackel, dann fügte sie sich und ging hinüber.

      Vor lauter Grübelei darüber, wie das Wasser nur bis dort hinauf und aus dem Stein laufen konnte, vergaß Tava fast, wie unangenehm groß die Wanne war, groß genug sogar, dass sie womöglich zum anderen Ende hätte schwimmen können. Wenn sie denn überhaupt schwimmen könnte, was Tava nicht tat. Sie hielt sich ganz dicht am Rand und hielt sich still genug, um dem ganz leisen Knistern der Feuerschale zu lauschen.
      Es war eigentlich recht angenehm. Ihre Muskeln entspannten sich, der Druck fiel von ihr ab. Das Wasser war ein bisschen rötlich von ihrem Blut, aber es waren nur oberflächliche Wunden. Sie würde sie verbinden können, sobald sie ihr Gepäck geholt hatte.
      Sie hatte ihr Gepäck nicht da. Sie würde ihre glitschigen Kleider wieder anziehen müssen.
      Theatralisch seufzte sie und ließ sich ein Stück tiefer sinken. Nur bis zum Hals, mehr traute sie sich nicht.
      Als sie frisch gebadet, sauber, aber in alten Klamotten wieder herauskam, hatte Malleus gleich einen garstigen Blick für sie parat, den sie genauso feurig erwiderte.
      Ich habe meine Kleider nicht hier. So sehr riecht es gar nicht, stell dich nicht an.
      Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Fackel zu.
      Bist du ein Drache?
    • „Bist du etwa auch ein Drache?“
      Devon hörte den Satz sehr deutlich, selbst wenn er so tun wollte, als täte er es nicht. Dennoch wandte er dem Mädel nicht den Blick zu, nicht, wenn sie ihn bereits bezichtigte etwas zu sein, was er noch gar nicht war. Am liebsten hätte er einfach geschnaubt und wäre gegangen, doch seine Beine verhießen ihm nichts Gutes. Sie vibrierten auf eine Art, die er gut kannte und die ihn ein Stückchen unglücklich werden ließ. Wenn das Adrenalin nachließ... Er brauchte seine Tasche, seinen Proviant. Vage sah er sich um ehe ihm auffiel, dass er seinen Rucksack wohl in der Stadt verloren haben musste.
      Unglücklich, um nicht das Mindeste dazu zu sagen.
      Während seines Umsehens fiel ihm ein andersartiges Geräusch auf. Hufe, wenn er sich nicht täuschte. Höchstwahrscheinlich von der Stadt, man schickte wohl Soldaten oder Wachen oder... auf nur einem Pferd? Er neigte den Kopf mehr als seinen ganzen Körper, da er bereits die Auswirkungen des nachlassenden Adrenalins zu spüren bekam. Sein Atem ging minimal gepresster und das Pulsieren, das ihm vorhin gar nicht aufgefallen war, ging nun durch seinen gesamten Körper. Devon erkannte den Fanatiker von vorhin, der sich allen Ernstes den Weg hierher begeben hatte, nur um ihnen eine Predigt zu halten. Sein äußerer Mundwinkel zuckte, als sich beinahe ein spöttisches Lächeln gezeigt hätte. So schnell hatte er dem Fanatiker das Objekt seiner Anbetung genommen.
      Dafür brachte eben dieser ihm allerdings seinen Rucksack und aufrichtige Überraschung funkelte in den roten Iren. Dieser Kerl hatte in dem Chaos allen Ernstes seinen Rucksack aufgehoben und mitgeschleppt. Das Riesending, das nicht für einen Menschen gedacht war. Zumindest keinen normalen. Geflissentlich ignorierte der Jäger die Predigt, immerhin hatte er nun seinen Rucksack vor sich, und drehte sich langsam um. Es reichte für einen einzigen Schritt, dann sackte ihm das Knie weg und er ging zu Boden. Nicht einen Mucks gab er von sich, aber sein Gesicht war alles andere als gleichgültig. Fahrig streckte er eine Hand an seinen Rücken und tastete, um sie feucht wieder nach vorn zu holen. Er konnte seine blutige Hand nicht einmal in Ruhe betrachten, da erschien ein Umriss direkt nebst ihm.
      Der Fanatiker hatte sich neben ihn gekniet. Wäre Devon nicht so abgebrüht, was den Umgang mit Menschen anging, dann wäre er jetzt weg gezuckt und im Notfall über den steinigen Boden davon gekrochen. Stattdessen verfiel er in eine angespannte Wartehaltung, während er nur undeutlich das Schaben von Leder auf Leder auf seinem Rücken spürte. Der Mann tastete ihn ab und würde zweifellos zu dem gleichen Ergebnis kommen. Devon zog eine ungehaltene Grimasse bei dem Gedanken daran, dass man ihm nun wohl genauso schnell den Kopf abschlagen konnte wie einem Drachen. Die Flüche, die der Fanatiker daraufhin ausstieß, entzogen sich jedoch seinem Verständnis. Warum fluchte der Kerl? Weil er nichts zur Hand hatte, um genau diese Befürchtung wahr werden zu lassen?
      Das Erstaunen, das Devon überflutete als der Fanatiker seinen Arm ergriff und ihn über dessen Schulter legte, war fast nicht zu beschreiben. Es entlockte dem Jäger die passende Mimik, wenn auch keine passenden Wörter, denn mehr als leise zischen vermochte er nicht mehr. Er tat dafür sein Bestes, wenigstens etwas Gewicht auf seine Füße zu stellen, damit der deutlich kleinere Mann nicht einfach unterging. Dass Die Bewegungen von diesem Menschen so abgehackt und ruckartig waren, musste einfach an Devons schierer Masse liegen. Jedenfalls brauchte er auch noch die Hilfe der Cervidia, um den Jäger auf das Pferd zu bugsieren und dann den Weg zurück zur Stadt einzuschlagen.
      Malleus und Tava. Das waren ihre Namen. Zwei Verrückte, die ihn nun zu jeder Seite flankierten und dafür sorgten, dass sich Devon ein wenig seinem Schicksal geschlagen gab. Er war müde und gab es auch gerne zu, dass er noch immer Schmerzen litt. Und ihm leicht schwindelig war. Das gleichmäßige Gewackel des Tieres unter ihm trug seinen Teil dazu bei, dass der Jäger sein Zeitgefühl verlor, das Kinn auf die Brust sinken und sich treiben ließ.

      Zwischenzeitlich hatte Devon vollständig die Orientierung verloren. Er musste zwischendurch eingenickt sein, denn das ausladende Gebäude, vor dem sie standen, konnte unmöglich nur einer einzigen Person gehören. Prunk und Pracht der Menschen waren ihm natürlich ein Begriff, aber Malleus wirkte nicht wie ein sogenannter Adliger, wie die Menschen es bezeichneten. Er konnte reden, das war durch die wenigen Sätze, die er gesprochen hatte, bereits aufgefallen. Also war es wahrscheinlicher, dass er eine Gruppe Menschen anführte. Oder zumindest leitete.
      Im Nachhinein konnte Devon nicht einmal mehr sagen, wie er in dieses Zimmer gekommen war. Sein Gedächtnis arbeitete erst so recht wieder, als Malleus ihm einen Schemel zeigte, auf den er sich setzen durfte und das auch erstaunlich steif tat. Devon hatte lediglich einen Atemzug durch seinen leicht geöffneten Mund benötigt, um zu bestimmen, dass dieser Raum hier Malleus Privatzimmer war. Und das bedurfte gewissen Spielregeln, wie zum Beispiel sich nur dann frei zu bewegen, wenn es einem gestattet wurde. Da man dem Lacerta nur den Schemel angeboten hatte, war er dort ganz seiner Sitte nach sitzen geblieben, die Beine nah an den Körper gezogen, dass ihm das atmen wieder schwer fiel.
      Absichtlich sah er nicht weiter auf und hatte auch keinerlei Anstalten gemacht, sich von seinem Wams zu trennen. Das Futter klebte nun regelrecht an seiner Haut und die pikanten Stellen, von denen man nicht unbedingt dachte, dass sie pikant seien, machten sich bemerkbar. Hier drin roch es eigenartig, nicht nur nach der Note einer Person. Er musste hier irgendwelches Räucherwerk verbrennen oder Tinkturen nutzen, anders ließ sich das nicht erklären. Sein Blick schnappte erst zu seinem unfreiwilligem Gastgeber zurück, als dieser sich aus dem Türrahmen löste und auf ihn zukam. Mit jedem Schritt wägte Devon ab, ob er seine eingebläuten Traditionen über Bord werfen konnte, wenn dieser Mensch ihm etwas wollte. So stierte er zu Malleus herüber, nun fast auf Augenhöhe, als dieser ihm wortlos ein Tuch reichte. Der Jäger bewegte sich nicht, hielt aber seine Augen auf den anderen Mann gerichtet. Er hielt Abstand, eine gute Armeslänge, was bedeutete, dass er seine Privatsphäre schätzte. Trotzdem hatte er zwei Fremde in seinen Verschlag geholt. Die sattschwarze Hautfarbe, die draußen in der Sonne einen wohligen Farbton hatte, war hier drin regelrecht krankhaft beleuchtet. Er würde das Handtuch nicht annehmen. Zumindest nicht, bis man es ihm sagte.
      Noch während sie in ihrer seltsamen Starre verharrten, kümmerte sich Malleus um das andere Problem im Raum. Das Ziegenmädel – Tava – war mittlerweile Teil des Inventars und ihr Duft war einnehmend, gelinde ausgedrückt. Innerlich dankte Devon Malleus dafür, dass er sie aus dem Raum komplementierte, damit sie endlich etwas dagegen unternahm. Das war der Augenblick, wo der Mensch seine Augen vom Lacerta nahm und der Cervidia bedeutete, doch endlich was gegen ihre Optik zu unternehmen. Oder eher dem Geruch. Schließlich gab Tava nach und tat das beste, was sie hätte unternehmen können.
      Devons Blick wanderte langsam von den Tüchern zu Malleus' Gesicht. Eine Spur Spott blitzte in seinen Zügen auf, als er schnaubte und wieder zu den Tüchern sah.
      „Weiß ich. Würde ich riechen“, erwiderte Devon schlicht. Eigentlich ziemte es sich nicht danach zu fragen, aber er bekam das Gefühl, dass Malleus es einfach nicht besser wissen konnte. „Darf ich?“ Er nickte zu den Tüchern.
      Was für den Unwissenden wie Diskretion wirkte, war in Wirklichkeit eine Sitte der Lacerta. Befanden sie sich in den Bauten eines anderen, durften sie dort nur das tun und berühren, was man ihnen auftrug. Als Versicherung, dass man keine Gefahr im Heim des Anderen darstellte. Deswegen nahm er sich erst eines der Tücher, als er nach intensiverem Starren eine wörtliche Antwort bekam.
      Der Stoff mochte nicht vergiftet sein, aber er brannte dennoch auf seinen Händen. Die strapazierten Handschuhe waren mit einem dumpfen Ton auf dem Boden aufgeklatscht bevor Devon seine normal wirkenden Pranken abwischte. Er achtete darauf, dem Menschen keinen weiteren Blick zu zuwerfen während er so darüber nachdachte, wie er am Besten seinen Wams loswerden konnte. Er hätte mit dem Ziegenmä-, mit Tava gehen sollen. Die Kleine war dermaßen durch den Wind, dass sie vermutlich keine Fragen...
      Oh, doch. Sie hätte Fragen gestellt. Mehr als nur eine und sich ihm dann vermutlich an den Hals geworfen, um auch ihm etwas abzuschneiden.
      „Du trägst Handschuhe. Wieso?“
      Es klang beiläufig, eigentlich eher steif, wie Devon das fragte. Für die meisten wären die Handschuhe vermutlich nicht die erste Frage nach all dem, was passiert war. Genauso wenige würden darauf verzichten, eine gewisse Formalität einzuhalten, auf die Devon geflissentlich schiss. Er sprach niemanden mit Titeln an, so wie ihn auch niemand benannte. Nur fand er es doch nicht ganz schicklich, wirklich die gesamte Zeit zu schweigen während sie auf die Rückkehr Tavas warteten.
      „Ihr betet Drachen an?“ Die nächste Frage, die in den richtigen Kreisen genug Zündstoff enthielt, um die Abwasserkanäle einer gesamten Stadt in die Luft zu sprengen. Das musste jedoch der Grund sein, wieso Malleus Devon mit solchen Augen betrachtete und so ausgeflippt war, als er den steinigen Resthaufen gefunden hatte. Wenn er auch nur ansatzweise glaubte, dass Devon etwas mit den Drachen zu tun hatte, dann durfte auch dieser Kerl nicht mehr von dem Jäger wissen als unbedingt notwenig.
      Ächzend streckte Devon seine langen Beine aus und war kurz geneigt, seine Stiefel auszuziehen. Er besann sich jedoch eines Besseren und griff zu dem Schlauchschal, der zwar nicht mehr sein Gesicht, dafür aber seinen restlichen Kopf noch bedeckt gehalten hatte. Er zog ihn herunter und entblößte seine gespitzten Ohren und die Kraterlandschaft, die sein Gesicht und Hals darstellten.
      Schneller als erwartet tauchte Tava wieder auf. Ihre Haare glänzten von der Feuchtigkeit, ebenso wie ihre Hörner, doch die widerlichen Klamotten trogen den Schein. Unter die Note von Badewasser und Mittel mischte sich erneut dieser widerwärtige Geruch des Zeugs, das sie über sich gekippt hatte. Er rümpfte die Nase.
      Und da war sie wieder. Die Frage, die ihr scheinbar auf der Seele brannte. Devon quittierte ihre Frage mit einem ausgiebigen, ausdruckslosen Blick mittels seiner roten Augen. Er blinzelte mehrmals, wurde sich bewusst, dass sie noch immer auf eine Antwort wartete, und seufzte.
      „Wie werden Drachen kategorisiert? Was tun Drachen nicht? Sie kommunizieren nicht“, beantwortete er schroff ihre Frage und fühlte das Gewicht des Objekts in seiner Tasche. Gut, es war also noch da. „Ich heiße Devon. Drachen besitzen keine Namen.“
      Innerlich schlug sich Devon für diese Aussage. Er musste so abfällig daher reden, sonst würde es auffallen und man würde ihn jagen anstelle eines Drachen. Im Gegensatz zu den meisten anderen ging Devon davon aus, dass die höherwertigen Drachen durchaus kommunizierten. Sie verstanden sie nur lediglich nicht. Als sprächen sie eine gänzlich andere Sprache. Mit Sicherheit hatten diese Wesen auch Namen, egal welchen Ursprunges sie waren. Das fühlte der Lacerta mit jeder seiner Zellen und nach jedem Mahl deutlicher, dass er zu sich nahm.
      Es half alles nichts. Er musste wenigstens vorne sein Wams öffnen, um den Schaden wenigstens erfühlen zu können. Er konnte sich nicht vor den Beiden entkleiden, denn selbst wenn sie so wenig über Lacerta wussten, würde sein Körper genug Fragen aufwerfen. Mit einer wenig begeisterten Miene öffnete er die Riemen, die den Wams seitlich hielten, damit er seine Hand zwischen Rücken und Leder schieben konnte.
      Er verzog sein Gesicht. Das würde eine Menge Arbeit werden, die ganzen Löcher zu flicken.
    • Der Lacerta rührte sich nicht. Er sprach auch nicht. Völlig regungslos verharrte der Mann dort, wo Malleus ihn mangels einer Alternative platziert hatte. Einen Fremden, denn er aus einem Impuls heraus in sein Heim gebracht hatte einen Platz auf seinem Bett anzubieten, ging dann doch eine Spur zu weit über seine Komfortzone hinaus. Malleus und sein schweigsamer Gast sahen sich für eine Ewigkeit einfach nur an. Abschätzend, ob es ein Fehler gewesen war und gleichzeitig unschlüssig, welches Verhalten angebracht war. Er unterbrach den Blickkontakt keine Sekunde lang. Immerhin gab sie Malleus eine perfekte Gelegenheit die reptilienartigen Augen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die rötliche Verfärbung der Iris mit den vertikal, geschlitzten Pupillen waren zweifellos ein faszinierender Anblick. Er beobachtete die marginalen Kontraktionen der schwarzen Pupillen im Licht- und Schattenspiel seines Zimmers. Malleus beschlich die Ahnung, dass der Lacerta auf etwas wartete. Die Muskeln in seinem Unterarm zuckten während sein Arm bewegungslos in der Luft zwischen ihnen schwebte. Bei den ersten Worten, die der Lacerta in der allgemein gebräuchlichen Sprache direkt an ihn richtete, zuckten unwillkürlich seine Mundwinkel. Der Spott darin berührte Malleus nicht. Es war eine weitere Information, die er wissbegierig aufsaugte. Eine Frage zu dem ausgeprägten Geruchsinn brannte förmlich ein Loch in seine Zunge, aber er beschränkte die Konversation zunächst auf das dringliche Problem: Die blutenden Wunden, die den Torso des Echsenmenschen perforierten.
      "Darf ich?", fragte der Lacerta.
      "Bitte", antwortete er schlicht auf die Frage.
      Malleus ließ sich das Tuch aus den Fingern nehmen, wobei sich die Andeutung von Verwirrung über sein Gesicht huschte. Er hatte es ihm schließlich aus freien Stücken angeboten. Beinahe sofort zog er die Hand zurück. Er krümmte und öffnete die verhüllten Fingern als die Hand zurück an seine Seite fiel. Aufmerksam, mit dem forschenden Blick eines gelehrten Mannes, beobachtete er die entblößten Hände, die zwar riesig aber vollkommen menschlich erschienen. Kurz hatte er darunter geschuppte Handrücken oder gar rasiermesserscharfe Krallen erwartet.
      „Du trägst Handschuhe. Wieso?“
      Ein amüsiertes Funkeln schlich sich Malleus' Augen. Wie Tava verzichtete auch der Lacerta auf überflüssige Floskeln der Höflichkeit. Er konnte nicht behaupten darüber empört zu sein, denn es vereinfachte Konversationen um ein Vielfaches. Ein Privileg, das er seinen Anhängern nicht zugestand. Anscheinend scheute er auch nicht vor Fragen zurück, die eine gewisse persönliche Grenze überschritten. Eine Grenze, von der für gewöhnlich niemand etwas wusste. Er hatte nicht vor die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten.
      "Persönliche Präferenz", erwiderte Malleus daher knapp.
      Während der Lacerta seinen Kopf von dem verdreckten und blutverklebten Schlauchschal befreite, gönnte sich Malleus den Luxus über die dritte Frage nachzudenken. Umsichtig platzierte er die mitgebrachten Fläschchen und Tiegel in Reichweite auf dem Schreibtisch, selbstverständlich in einem Sicherheitsabstand zu der schleimigen Zungen. Er würde Tava dazu anhalten das Ding aus seinem Zimmer zu entfernen und wenn er ihr das Sinnesorgan dafür auf die Hörner spießen musste.
      "Wir betrachten die Drachen nicht als ein Unglück, Fremder", sprach Malleus schließlich. "Für uns sind diese gefährlichen, aber faszinierenden Geschöpfe ein Geschenk der Götter. Die Welt erstickt an ihren Gräueltaten. Korruption, Betrug, Gier, Selbstsucht...Ich könnte dir eine Liste von Verfehlungen anfertigen, die das gesamte Straßennetz von Celestia bedecken könnte. Überbevölkerung stürzt die Städte, die uns einst Zuflucht und Schutz waren ins Chaos. Die Drachen sorgen für die Wiederherstellung des Gleichgewichts."
      Die Worte hätten hart, gar grausam klingen müssen, doch aus Malleus' Mund mit der samtigen, rauchigen Stimme erfüllten sie die Räumlichkeiten wie ein tröstliches Versprechen. Erdulde und dir wird ein neues Leben geschenkt.
      "Wir verehren Adrastus - die große Feuergeißel", fuhr er fort. "Wenn die Welt verbrannt und von Seuchen gesäubert ist, wird aus der Asche etwas Neues, etwas Reines etwas Stärkeres geboren. Nur wer Leid durchlebt, erlangt wahre Stärke und hat sich das Recht verdient diese Welt zu sehen. Eine Auslese allen Übels. Das Feuer öffnete mir die Augen und dieses Wissen will ich an die weitergeben, die gewillt sind, zu glauben und die nötigen Opfer zu bringen."
      Malleus wandte sich dem Lacerta wieder zu, die Schultern und den Rücken gerade nach seiner Erklärung. Das Haupt des Mannes lag nun frei. Die Ohren liefen spitz zu, aber waren zweifellos nicht auf natürliche Weise in diese Form gewachsen. Während andere über das zerfurchte Gesicht die Nase gerümpft hätte, nahm Malleus andere Details als wichtiger war.
      "Du tötest sie, obwohl du vermutlich mehr mit ihnen gemein hast, als den Menschen. Edelmut und Heldentum ist kein lukratives Geschäft und du hast nichts von dem Drachen genommen, dass sich in Münzen umsetzen lässt. Ich frage mich..."
      Er verstummte als Tava den Raum betrat. Die Haut zwar sauber geschrubbt und vom öligen Film befreit, aber in den dreckigen Kleidungsstücken. Daran hatte er nicht gedacht. Malleus verzog missbilligend das Gesicht, als sie ihm in Wort fiel...und auch noch frech wurde.
      "Tava...", raunte Malleus, der Ton ruhig, beherrscht aber mit einem dezenten bisher nicht da gewesenen Knurren unterlegt. "Wenn du nicht willst, dass ich deine Trophäe rechtmäßig den Flammen übergebe, schaffst du sie in den nächsten Minuten hier weg."
      Damit wurde er erneut ignoriert und alle Augen und Ohren richteten sich auf den Lacerta.
      Obwohl er sie jagte und niederstrecke, verwunderte es Malleus, dass sich Davon nicht einmal ein winziges Bisschen mit mächtigen Drachen identifizierte. Bei einer Herkunft hätte er andere erwartet. Er betonte die Tatsachen, die ihn eindeutig von den Bestien unterschieden.
      "Er ist ein Lacerta, Tava", sprach er seine Vermutung aus.
      Dabei sah er die Cervidia nicht an.
      Devon tastete umständlich in gekrümmter Haltung nach den Wunden, ohne dabei seine Kleidung abzulegen. Ein Weigerung, die er nachempfinden konnte. Er bemerkte das Zucken in den langen Beinen und seufzte leise. Wenn seine Theorie stimmte...
      "Du darfst aufstehen und dir nehmen, was du für deine Verletzungen brauchst,...Devon", sagte er und deutete mit einem Winker seiner behandschuhten Hand auf die Mitbringsel hinter sich, desinfizierende Tinkturen und schmerzlindernde Salben. Er war weit davon entfernt ein Experte für derlei Mischungen zu sein, aber er hatte seine Geheimnisse und für die Behandlung seiner eigenen Leiden hatte es bisher immer völlig ausgereicht.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava hätte sich vermutlich viel gefallen lassen von der großzügigen Feuergeißel, die sie hier beide extra in seine Wohnungsgemächer gelassen hatte, Fackel versorgte und Tava ein Bad gewährte - sehr viel mehr, als man auch von den gastliebendsten Dörfern dieses Landes nur wünschen könnte. Aber es gab eine Sache, die Tava niemandem gewährte, und das war, sich mit ihrem eigenen Element erpressen zu lassen.
      "Das einzige, das hier den Flammen übergeben wird, ist dieser hübsche Teppich und der Rest deiner sehr holzigen Innenausstattung, wenn du weiter darüber nachdenken solltest, meine Trophäe zu beseitigen, Malleus", fauchte sie zurück, ihre Hörner bereits im vollsten Rampenlicht. Sie konnte einfach nicht anders, es war ja nicht so, als hätte sie etwas gegen den dunklen, vielleicht etwas wahnsinnigen Mann mit seiner komischen Sekte. Aber mit Feuer war nicht zu spaßen. Tava ließ sich nicht von Feuer erpressen.
      Jetzt wäre vermutlich auch ein günstiger Zeitpunkt gewesen, um diesem schicksalbehafteten Zusammentreffen den Rücken zuzukehren und sich zurück auf den Weg zur Straße zu machen, immerhin musste Tava ihre Ausrüstung bergen und wollte sich dann wieder auf den Weg zurückmachen, um zur ursprünglichen Spur zu kommen, die sie eigentlich verfolgt hatte. Aber ihre Neugier in Anbetracht des anwesenden Drachen siegte über den Drang, den anderen möglichen Artgenossen zu finden und so sah sie mit größerer Aufmerksamkeit zu Fackel.
      Seine Fragen waren höchst interessant und mindestens genauso wichtig. Es lag in Tavas wissenschaftlicher Natur, sie beantwortet zu sehen.
      "Kategorisiert von wem? Denn der Volksmund kategorisiert sie als Seuche, in welchem Fall sie nicht kommunizieren, natürlich nicht. Aber ich kenne auch keine Rasse, die ihre Augen haben. Mit so einer Frage kommst du also nicht weit."
      Er stellte sich ihnen sogar vor: Devon. Ein höchst unspektakulärer Name für einen sehr spektakulären Mann. Zugegeben, "Fackel" war auch nicht unbedingt einfallsreich.
      Dann lieferte aber Malleus einen Einwurf, der sie zum Lachen brachte.
      "Ein Lacerta? Ja, tatsächlich ist er das, klar. Hah!"
      Sie lachte, fröhlich und amüsiert über diesen sehr lustigen Scherz. Ein Lacerta, ja wirklich! Wie komisch. Sie lachte und wurde dann ein bisschen leiser und noch ein bisschen leiser, als keiner der anderen beiden in ihr Gelächter einstimmte. Sie sahen sogar beide recht ernst aus, so wie sie sie anstarrten. Schließlich verstummte Tava ganz und starrte ungläubig drein.
      "... Die Lacerta sind doch nur ein Mythos. Oder? Ich meine - weil, ich dachte, das sind doch Drachen. Nur... anders. Sind sie etwa... nicht?"
      Sie wurde kleinlaut zum Schluss hin und starrte Devon mit aufgerissenen Augen auf, bis die Nachricht erst ganz zu ihr durchgesackt war. Das war ein Lacerta. Devon war ein wirklicher, lebendiger Lacerta.
      Schneller, als sie einem Drachen nachgelaufen wäre, war sie auch bei Devon, der selbst sitzend schon fast auf Augenhöhe mit ihr war, und starrte in diese ungewöhnlichen, schlitzförmigen, stechenden Augen, die ihren Bewegungen nachzuckten. Mindestens genauso sehr interessierte sie sich für die Verletzungen, die ganz eindeutig unter seinem Wams sitzen mussten, verzichtete aber darauf, ihn zu berühren oder sich ihm gar zu sehr aufzudrängen. Sie konnte schließlich die Proben verunreinigen. Stattdessen versuchte sie seinen gesamten Körper zu katalogisieren.
      "Bist du deswegen so groß? Ist das normal für Lacerta? Wie groß bist du, im Vergleich zum durchschnittlichen Lacerta? Gibt es welche, die Hörner haben können? Kannst du Feuer spucken? Soll ich mir deine Wunden mal ansehen? Ich habe Schmerzmittel dabei - also, naja, nicht hier, aber ich kann es holen. Kannst du deinen Mund einmal für mich aufmachen? Sag, brauchst du eigentlich deine Zunge noch?"