Department 5 (Glaskatze & Attari)

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    • Department 5 (Glaskatze & Attari)

      @Glaskatze @Attari


      „ Doktor Aden!“, sprach die alte Frau vor ihm gereizt, während sie die Hände in die Seiten stemmte. Ihre kurzen gelockten Haare hatten längst die Farbe dieser Einrichtung angenommen: weiß! Alles hier war weiß. Vermutlich wollten sie das Department 5 der Agentur für übernatürliche Angelegenheiten, die wissenschaftliche Abteilung, einem Krankenhaus der 60er Jahre nachempfinden. Aber keinen von diesen modischen Dingern mit ihrer einen Akzentfarbe, die sie auf alles klatschten - Decken, der untere Streifen an den Wänden und kleine Deko. Die Innenausstatter hatten sich eine von diesen gruseligen Nervenanstalten zum Vorbild genommen! Alles hier war weiß, selbst die metallische Oberfläche des Tisches auf welchem er saß war weiß lackiert worden. Deren kühle Natur hatte sich langsam an der Stelle, wo er seinen Hintern platziert hatte, erwärmt. Er saß im Schneidersitz, im Schoße den einen Laptop und die Hände auf der Tastatur ruhend. Sein Blick glitt über den Rand des Bildschirms zu der Frau.
      Hinter ihr an der Wand hing eine Uhr. Über dem Rand der gefliesten Teile der Wände. Dieser reichte bis knapp unter das obere Ende des Türrahmen. Kein sonderlich durchdachter Aspekt. Die Uhr gab ein leises Ticken von sich. Jede dahin gleitende Sekunde der Stille dokumentierte sie, der Doktor zählte sie in Gedanken. Fünfundfünfzig… Sechsundfünfzig… Sieben…
      „ Doktor!“, der Dame riss der Geduldsfaden schneller als erwartet. Seine Augen glitten, ohne das sein Kopf sich bewegte auf den Bildschirm zurück. Diesen füllte eine Exceltabelle, mit dem Titel ‚Studie zur Geduldsprobe mit Fischer’ , aus. Er tippte leise das heutige Datum ein, die Uhrzeit und die von ihm gezählten Sekunden. Sein Blick glitt wieder hoch. Inzwischen bot ihre sonst bleiche Haut einen angenehmen Kontrast zur weißen See dar. In ihrem Gesicht war sie unter dem straken Make-Up rot angelaufen. Der Doktor blieb ruhig. Frau Fischer gehörte wie die Inspiration der Innenausstattung in das letzte Jahrhundert. Hat sie nicht letztes Jahr ihren 70ten gehabt?… grübelte er unauffällig. Das Inventar des Department 5 war heute mit der üblichen starken Gesichtsbemalung erschienen. Starker hellblauer Lidschaffen und ein sich damit beißender Lippenstift. Dazu trug sie ein passendes hellblau gestreiftes Hemd und einen engen Rock unter dem Laborkittel. Ihre Schuhwahl gehörte zur lautesten der Belegschaft. Wie immer schmückte sie sich auch als sei die Arbeit eine Benefizveranstaltung: schwerer, vermutlich wertvoller, Schmuck an Händen, um den Hals und an den Ohren. Jene hingen wie ihre Brust tief.
      „ Doktor!“
      „ Würden sie es nochmal wiederholen?“, fragte er, während er den Kopf leicht schief legte. Aden setzte ein entschuldigendes Lächeln auf die Lippen, welches auch seine Augen schmaler werden ließ.
      „ Sie…?!“, begann sie zu fluchen. Mit voller Wucht schlug sie einen Stapel von Akten auf die Fläche, auf der auch er saß.
      „ Lesen sie es sich durch! 1400 Uhr!“
      Mit diesen Worten stampfte die alte Frau aus dem Raum, zurück auf den Flur. Sie war leicht zur Weißglut zu treiben. Ganz besonders durch ‚Jugendliche Ignoranz‘.
      Die Türe zu Adens Labor fiel laut ins Schloss. Der Dämpfer für den Fall der Türe war vor langer Zeit kaputt gegangen und Aden hatte sich niemals um einen neuen bei der Gebäudeverwaltung bemüht. Er schlug den Laptop zu und stellte ihn neben sich ab. Fischer war freundlich genug gewesen die alten nah genug auf den Tisch zu klatschen, dass er sich nicht erheben musste. Er griff den grauen Ordner mit der roten ‚streng geheim‘ Aufschrift und legte ihn an die Stelle, die zuvor sein Laptop erwärmt hatte. Ein desinteressierter Blick huschte über die ersten paar Seiten.
      Bei einer Inobhutgabe handelte es sich um eine Art Adoptionsverfahren. Ein Wissenschaftler übernahm die weiterlaufende Aufsicht über ein Versuchsobjekt und hatte die langfristigen Veränderungen zu dokumentieren. Es kam ganz auf das Experiment und das Objekt an, ob es eine lästige Aufgabe oder eine angenehme sein würde. Aden blinzelte und gab ein leichtes Gähnen von sich, bevor er auf die Seiten zurück sah. Ein Versuchsobjekt der Reihe P-5 aus den Tests von Doktor Bates. Sein Blick wurde enger. Die Parasiten-Experimente…
      Doktor Bates. 56 Jahre alt, ein Genie auf der Mikrobiologie und weiteren Gebieten. Ein Visionär wie die Führungsspitze ihn nannte. Als dieser Parasit begann Menschen zu befallen, glaubte er darin die Lösung zu so vielen ihrer menschlichen Probleme zu finden. Und menschlichen Probleme führen zu menschlichen Versuchen.
      Er warf die Akte von seinem Schoß und ließ sich auf den Rücken sinken. Die Gliedmaßen von sich gestreckt wie ein Seestern, lag er eine Weile da. Den Blick auf die schummerigen Lichter in der Decke gerichtet. Auch diese war weiß. Von grauen Linien in regelmäßige Vierecke unterteilt.
      Dieses Muster setzte sich auch auf dem Flur fort, über welchen eine erboste Fischer marschierte. Die Flure des Gabäudes waren lang und weiß. Ein riesiges Ausmaß an Laboren und Kammern, verwinkelt wie ein altes Haus. Von Zeit zu Zeit säumten nummerierte Linien und Schilder den Boden und die Wände, Wegweiser der schlechten Natur. Ohne zu wissen, welchen Ort man suchte und welche Nummer er besaß, war man verloren! So hing auch an jeder Türe ein Schild mit Nummer und manchmal einer Aufschrift.
      Ihr Schritt echote noch lang über die Gänge. Bald gesellte sich ein weiterer zu ihr.
      „ Haben sie Doktor Aden angetroffen?“, fragte eine ruhige Stimme. Ein wenig müde klang sie, so als wäre die letzte Nacht eine schlaflose gewesen. Sie sah nicht zur Seite. „ Leider ja!“, fauchte sie nur in Verständnislosigkeit. „ Ich verstehe nicht, warum man einen solchen Luftkopf beschäftigt!“ Sie schüttelte den Kopf, sodass die weißen Locken flogen.
      Ein mattes Lachen ertönte. „ Ich verstehe…“ mehr sagte er dazu nicht. Wissend, dass man den Doktor aus anderen Gründen beschäftigte und aus diesen auch ihm die weitere Aufsicht übergeben wollte.
      Vor einem bewachten Raum blieben sie stehen. Männer in voller Montur flankierten die Türe rechts und links.
      „ Öffnen!“
      Es piepte. Die Türe ging auf. Ein heller Raum lag dahinter, mitten drin eine Zelle. Schlicht und weiß… Darin eine Person. Nicht weiß, aber darin gekleidet.
      „ Herr Atef, ihre weitere Aufsicht wurde organisiert…“, teilte der Müde mit Freude in der Stille mit. „ Hat sich in Ihrem Befinden etwas verändert?“

    • Die Prozedur war weniger schmerzhaft gewesen als gedacht. Genau genommen hatte Marik nichts von ihr mitbekommen. Hätte man ihn gefragt, hätte er die Narkose abgelehnt.
      Man hatte ihn jedoch nicht gefragt.
      Irgendwas von wegen Testsubjekt XY (nicht wirklich, aber Marik hatte bei der Zahl nicht richtig aufgepasst) und einer blutigen Nachwirkung, kaum das die Injektion vollendet war. Für die Wissenschaftler, wohlgemerkt. Ein Risiko, dass man seitdem nicht mehr eingehen wollte.
      Also wurden ab diesem Zeitpunkt alle Testpersonen narkotisiert, um sie in ihrem komatösen Zustand von A nach B verfrachten zu können, ohne, dass es blutige Zwischenfälle gab.
      In Mariks Fall hatte man ihn von A (der Operationsraum) nach B (eine wirklich grässlich weiße Zelle) verfrachtet. Zwischen dem Moment, in dem die Narkose gegriffen hatte und dem Aufwachen auf dem harten Kautschukboden war sein Kopf leer. Aber wenn er seinen Oberkörper auf eine bestimmte Art neigte oder in genau diesem einen Winkel drehte, konnte er einen scharfen Schmerz an der Einstichstelle spüren. Direkt ins Rückenmark. Vielleicht hätte er die Narkose doch genommen.
      Das Schlimmste an der ganzen Sache war also nicht der Eingriff, die Nadel oder Aufregung davor – nein. Zuerst war da ein untergründiges Prickeln gewesen. Das Gefühl, dass ihm jeden Moment ein dritter Kopf wachsen würde oder er sich in einem Anfall von Manie den einen, den er hatte, an der Scheibe einschlagen würde.
      Nichts passierte jedoch und nach einer Weile ließ das Prickeln nach und machte Platz für etwas viel schrecklicheres.
      Langeweile.
      Nichts zu tun und niemand hier, um ihm Gesellschaft zu leisten. Marik wackelte mit den Zehen, mittlerweile fast schon enttäuscht, dass sie so normal aussahen. Ein Schnauben stahl sich von seinen Lippen.
      Einmal war einer der Wissenschaftler vorbeigekommen, um nach seinem Befinden zu fragen. Marik hatte versucht, den Mann darüber hinaus in eine Konversation zu verwickeln – ohne Erfolg. Seine Bitte nach einem Buch wurde ebenfalls abgelehnt mit der Begründung, dass eine der Testpersonen das Wort ‚Papercut‘ ein bisschen zu genau genommen hatte.
      Marik verstand die ganze Vorsicht nicht. Er fühlte sich normal. Langweilig normal.
      Jetzt war er also hier gestrandet und hatte nur sich selbst zur Gesellschaft. Nicht mal ein Bett hatte diese verdammte Zelle. Frühere Testpersonen hatten wohl so viel Schaden und Chaos verursacht, dass man entschieden hatte, eine leere Zelle sei die beste Lösung für alle zukünftigen Versuche.
      Im Moment saß Marik mit dem Rücken an einer der durchsichtigen Wände der Zelle und seinen Beinen von sich gestreckt. Auch nach mehreren Minuten sahen seine Zehen noch normal aus. Er hob seinen Arm, so dass seine Hand genau in seinem Blickfeld war und drehte sie langsam, ließ die Finger wackeln und ballte sie testweise zur Faust.
      Nichts.
      Das Einzige, was ihm auffiel, war wie unschmeichelhaft das kalte Lichte der Deckenlampen seine Haut aussehen ließ. Irgendwie kränklich. Seine Mundwinkel wanderten ein Stück nach unten. Er hatte das kalte, sterile Licht von Department 5 noch nie leiden können, aber Wissenschaftler schienen es aufzusaugen wie eine Pflanze das Sonnenlicht. Ob sie sonst wohl nicht funktionierten? Den Gedanken fand er so amüsant, dass ein kleines Grinsen auf seinen Lippen lag, als sich die Tür an der langen Wand des Raums öffnete. Hastig lies Marik seinen Arm sinken und sprang, bei dem Gedanken an menschlichen Kontakt, vielleicht ein wenig zu begierig auf.
      Ein männlicher Wissenschaftler, mit Augenringen so tief und dunkel, als wüsste er nicht mehr, was 'Schlaf' sei, betrat den Raum. Denselben müden Zug um seine Lippen, seine Schulter schienen sich unter einem unsichtbaren Gewicht nach unten zu neigen. Er sah schlimmer aus als Marik sich fühlte (was nicht besonders schwer war. Marik fühlte sich langweilig normal). Trotz seines offensichtlichen Schlafmangels waren die Krähenfüße um die Augen des Wissenschaftlers deutlich betont, als er in einem freundlichen Ton fragte: „Hat sich in Ihrem Befinden etwas verändert?“
      Endlich – jemand, mit dem man sich unterhalten konnte! Marik machte einen großen Schritt, der genügte um ihn direkt vor die Scheibe vor dem Wissenschaftler zu befördern und grinste ihn breit an. „Mir geht es blendend.“
      Er drückte seine Hand mit gespreizten Fingern gegen die Scheibe. „Keine Schwimmhäute, keine dritte Hand und kein Bedürfnis, Wissenschaftlern in weißen Kitteln den Kopf abzureißen.“ Auch wenn er vor Langweile Punkt drei durchaus in Betracht zog.
      Der Wissenschaftler vor ihm lächelte müde und schien die Aussage, trotz seines weißen Kittels, nicht beunruhigend zu finden.
      „Also –“, setzte Marik an, um zu fragen, wann man ihn endlich rauslassen würde.
      Klack klack klack
      Eine zweite Person betrat den Raum. Zu viel Makeup, zu viel Schmuck und – Klack klack klack.
      Zu viel Lärm.
      Mariks Augen verengten sich, den Blick augenblicklich auf die Ungetüme an den Füßen der Frau geheftet. Für den Bruchteil einer Sekunde überkam ihn der Drang, ihr die Teile vom Leib zu reißen und sie durch ihre hängende Brust direkt ins Herz zu rammen. Das Klacken würde für immer verstummen.
      Es war ein flüchtiger Moment, ein fliehender Gedanke der genauso schnell gekommen wie verflogen war. Hastig grinste Marik den männlichen Wissenschaftler wieder an und versuchte die Emotion zu überspielen.
      Entweder maskierte er seinen Schock gut genug, oder der alte Herr war einfach zu müde und überarbeitet, um es mitbekommen zu haben.
      „Das ist gut.“, er klang ehrlich erleichtert. Ob über Mariks Wohlbefinden, oder darüber, dass die Tests dieses Mal so weit gekommen waren, konnte Marik nicht sagen. Vielleicht schloss das eine das andere nicht aus. „Notieren sie das bitte, Fischer.“ Auf seine Aufforderung fing die ältere Frau an, etwas auf einem Zettel auf einem Clipboard zu notieren. Marik könnte schwören, dass selbst die Art, wie ihr Stift energisch über das Papier kratzte, falsch und viel zu laut war.
      Der Wissenschaftler öffnete die kleine Tür des Kästchens, dass auf Hüfthöhe in der Wand der Zelle angebracht war. Es handelte sich um eine Art eigene Zelle, die auf beiden Seiten nur von außen geöffnet werden konnte, wenn die Tür auf der anderen Seite geschlossen war. Ein sicherer Ort zur Übergabe von Dingen und Essen, ohne Gefahr zu laufen, mit dem Testobjekt in der eigentlichen Zelle in Kontakt zu kommen.
      Jetzt legte der Wissenschaftler ein Paar Hochsicherheitshandschellen in den kleinen Kasten. Marik hatte sie schon oft gesehen und einige Male sogar selbst benutzt, wenn er eines der Wesen lebendig zum Department zurückbringen sollte. Er wusste aus Erfahrung, dass sie so konstruiert waren, selbst der höchsten Kraftaufbringung standzuhalten.
      „Eine Vorsichtsmaßnahme.“ Der Wissenschaftler lächelte entschuldigend und schloss die Tür auf seiner Seite des Kästchens. „Ich muss Sie bitten, diese anzulegen, bevor wir die Zelle öffnen können. Dann bringen wir sie zu ihrer Aufsichtsperson.“
      Noch bevor der Mann seinen Satz beendet hatte, hatte Marik das Kästchen schon geöffnet und die Handschellen halb angelegt. Einhändig war das nicht ganz so einfach und den Verschluss um die zweite Hand musste er mit seinem Kinn zudrücken.
      Obwohl Marik den Gedanken ein wenig befremdlich fand, dass man ihn auf dieselbe Weise sicherte wie einige der übelsten Wesen, hätte er die Handschellen nicht eifriger anziehen können.
      „Gar kein Problem. Also, worauf warten wir?“
      Ein leises Lachen schüttelte den Wissenschaftler.
      „Jones, Smith!“, bellte die alte Schrulle – Fischer – und zwei Soldaten in voller Montur betraten den Raum.
      Marik hob eine Augenbraue. Das war doch ein wenig übertrieben, wie er fand. Der Wissenschaftler sah seinen Ausdruck. „Sicherheitsmaßnahme.“, sagte er nur und machte sich daran, einen Code in der Schaltfläche neben der Zelle einzutippen.
      Marik musste sich davon abhalten, ungeduldig von einem Fuß auf den anderen zu treten, während kläglich langsam das erste Piepen der Tasten ertönte.
      Die Atmosphäre im Raum veränderte sich. Die Ausdrücke der vier Personen auf der anderen Seite seiner Zelle wurden ernster, ungewollt schienen sie den Atem anzuhalten. Einer der Soldaten spannte seine Hand über der Waffe. Dann, das finale Piepen, die letzte Zahl.
      Lautlos glitt die Tür zu Mariks Zelle auf.
      Niemand rührte sich.
      Dann trat Marik den ersten Schritt aus seiner Zelle und atmete tief ein. „Ah – Freiheit.“ Ein schneller Blick auf seine Hände, ein schiefes Grinsen. „Oder zumindest so halb.“
      Augenblicklich war die Anspannung in der Luft zerbrochen. Eben noch wie in Zeitstarre, begann Fischer wieder irgendwas zu kritzeln, der Soldat entspannte seine Hand und auch der Wissenschaftler und der zweite Soldat regten sich wieder.
      Der müde Wissenschaftler mühte sich ein noch müderes lächeln ab, das wirkte, als hätte sich die Anstrengung der letzten Monate endlich gelohnt. Als könnte er nun endlich wieder schlafen.
      „Wenn sie mir folgen würden, Herr Atef.“, sagte er und verließ den Raum durch die Tür, durch die er gekommen war.
      Marik folgte ihm, flankiert von den beiden Soldaten und mit Fischer im Rücken. Das Klackern ihrer Schuhe in seinen Ohren, war er plötzlich sehr froh um die Handschellen an seinen Handgelenken.
      Vielleicht war doch nicht alles so normal, wie er zunächst angenommen hatte.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Parasiten.
      Aden wippte mit dem Fuß. Er lag auf dem Rücken, eines der Beine angewinkelt und das andere mit der Wade auf dem Knie darauf abgelegt. Über sich hielt er den zuvor achtlos weggeworfenen Bericht und studierte die fein niedergeschriebenen Zeilen. Von der Extrahierung des Stammes bishin zur Einpflanzung in den neuen Wirt, alles war durch Doktor Bates Assistenten dokumentiert worden. Jener Mann war ihm ein Unbekannter Geselle. Als Leiter dieser Versuche und vorhergehenden anderen prestigeträchtigen Experimenten und Studien war er ein viel beschäftigter Mann. Gut in seinem Feld und in Politik, sonst bekam man in dieser Behörde nicht, wo nach man sich sehnte. Er kannte viele Geschichten und wortwörtliche Lobhymnen über diesen Mann. Er hätte das Department 5 in eine neue Ära geleitet und würde auch die Menschheit in eine neue leiten. Ein selten gesehenes Genie wie Albert Einstein oder Marie Curie - und trotzdem ein Vorreiter der Wissenschaft, über den die Welt niemals sprechen würde. Zumindest nicht zu seinen Lebzeiten. Alles was in den Gewölben des Department 5 ausgetüftelt wurde, verließ die endlosen Flure nicht mehr. Immerhin lag genau darin der Auftrag der Agentur für übernatürliche Angelegenheiten, sich um diese zu kümmern und sie vor der Menschheit unter Verschluss zu halten, sodass diese gemütlich ihr Leben leben könnten…
      Bei dem Gedanken gab Aden ein müdes Lachen von sich. Er legte die Akte bei Seite und binzelte in das helle Licht, welches diese nun auf ihn scheinen ließ. Die Menschen hatten diese neuartige Plage selbst zu verantworten gehabt. Sie waren es die sich unaufhaltsam jeden Fleck der Welt einverleibten und zu ihrem Lebensraum ernannten. Die Natur und ihre Bewohner holte es sich nur zurück. Auch jene, die genügend Intelligenz besaßen unter dem Radar dieser egoistischen Affen zu wandeln. Er schloss die Augen und seufzte leise…
      Bei seinem neuen Schützling handelte es sich um einen Menschen, ehemaligen. 24 alt, erprobt in den Aufgaben der Agentur. Aden setzte sich auf, wobei ihm das weißblonde Haar über die Schultern fiel. Er band es meist achtlos irgendwo am Hinterkopf zusammen und hoffte, dass der Zopf möglichst lange hielt. Unbeholfen kratzte er sich unter dem Kinn und gähnte leicht. Noch hielt verzweifelt ein Haarband wenige Strähnen zusammen. Die Frisur passte zu seiner gesamten Erscheinung. Ein viel zu großes Hemd unter dem weißen Kittel, die Ärmel achtlos hochgeschoben, ließ ihn nicht gerade wissenschaftlich aussehen. Die weite Yogahose, deren Saumen zerfranst waren, trug nicht dazu bei. Aden lief meist in diesen grässlichen Sandalen der Deutschen herum, natürlich mit Socken. Irgendwo in diesem Zimmer standen auch ein paar Lederschuhe, die ihm einst als Geschenk gemacht worden waren. Aber er dachte nicht daran seine leichte Kleidung gegen diese einzutauschen…
      Aden verzog das Gesicht leicht und ließ die Hände in den Schoß sinken.
      „ Du kannst so hübsch aussehen, wenn du dich bemühst!“, der junge Mann lachte bei dem Anblick der Kreatur in menschlicher Kleidung. Ein Lachen, welches sich in den Kopf des Doktors gebrannt hatte. Er schüttelte sich, als er es wieder einmal Hallen hörte.
      Aden zuckte, sein Kopf fuhr in die Höhe.
      „ Fischer…“, zischte er leise. Die Schuhe der Frau waren leicht unter den Schritten herauszuhören. Energische Schritte, die den Ton ihrer Absätze zu unterstreichen vermochten. Dabei 4 weitere Paare, die sich in einem gemäßigten Tempo nährten. Er schielte zur Uhr. 13:56.
      „ So spät also schon…?“, fragte er sich selbst. Aden schob sich zur Kante des Tisches und ließ die Beine baumeln. Sein Blick fuhr über sein Labor, dass mehr benutzt aussah, als man es bei seiner berichtlosen Wenigkeit vermuten würde. Jeder mit einem Doktortitel hier durfte forschen, woran er wollte und hatte über Fortschritte und Erkenntnisse nur den Oberigkeiten zu berichten. Eine lästige Arbeit. Doktor Aden war eines dieser notorischen Mitglieder, die es vergaßen. So einfach.
      Mit Schwung sprang er von dem hohen Tisch und ließ seinen Blick über die Reste auf der gegenüberliegenden Theke fahren. Im Waschenbecken standen eine Menge Kolben und Gläser, dazwischen auch einige Teller. Aden beachtete es nicht.
      „ Da ist es ja!“, rief er glücklich aus, als er die Reste seines Frühstücks fand. Die Chicken Nuggets waren längst kalt geworden und die Reste der Mayonnaise vertrocknet. Aden verleibte sie sich dennoch ein, während er auf das klopfen an der Türe wartete.
      Der Müde machte den Anfang, schlug zwei mal dagegen. Nur um auf ein gedämpftes „Herein“, die Türe zu öffnen. Sein freundlicher Blick nahm eine Mischung aus Verwirrung und Überforderung an, als er eintrat und sein Blick über das Labor flog. Aden stand genau in seinem Blickfeld und schluckte gerade das letzte Essen herab. Sie kannten einander nicht. Aber die Geschichten, die ihm zu Ohren gekommen waren, taten diesem Ort keine Gnade. Soetwas wie: „ Er ist verrück! 100% ein Irrer!“ oder „ Doktor Aden? Hmm… Der hat nicht alle Tassen im Schrank, aber seine Ergebnisse sind nicht von dieser Welt… Falls er mal was vorzuweisen hat!“, waren die Norm.
      Der Kahlköpfige Mann schluckte bei dem Wirren Anblick seines Kollegen. Wie alt mochte jener sein? Ende 20 vielleicht? Anfang 30? Bestimmt keine 35? So jung und schon einen Doktor?
      „ einen wunderschönen Mittag!“, grüßte er nun, während er sich die Hände rieb. Er trat zur Seite, sodass auch die anderen Personen herein flossen. Fischer zu letzt. Sie tippte den Stift auf den Rande ihres Brettes und schüttelte nur den Kopf. Adens blasse Augen glitten zu dem Mann zwischen den in schwarzgekleideten Soldaten. Seine Hände waren vor seinem Bauch in sichere Fesseln gefasst.
      „ Keine Flossen?“, fragte Aden den müden und deutete auf Marik Atef. Dieser blinzelte perplex. „ Bitte was?“
      „ Keine Flossen?“, wiederholte Aden. „ Ich dachte, die Leute verändern sich.“
      Der Alte schwitzte ein wenig.
      „ Nein, Doktor…“
      Aden ließ die Mundwinkel und die Schultern sinken. Wie ein Kind, dass von seinem Geburtstagspräsent enttäuscht worden war. Der Alte lachte ein wenig. Definitiv ein seltsamer Vogel!
      „ Soe haben die Akte sicherlich gelesen!“, begann er nach einem räuspern. „ … Alle fortwährenden Ereignisse haben sie im 3 Tages Rhythmus an Doktor Bates Team zu schicken. Diese werden mit etwaigen Terminen und Anforderungen bei Zeiten auf sie zu kommen!“ er zupfte sich am Kragen.
      „ das war’s?“
      Aden klang empört dabei. Er flickte den Kopf energisch nach rechts, sodass die weißen Strähnen über seine Schulter flogen.
      „ Eine Unterschrift noch…“, er hielt sein Tablett vor und zwang sich ein Lächeln auf. Er würde keiner sein, der ein gutes Wort über Aden verlieren würde! Aden umrundete den Tisch und unterzeichnete mit einer unmenschlich schnellen Bewegung. Jetzt wo er näher war, sah er die Soldaten und auch seinen neuen Schützling an.
      Kreaturen erkannten einander durch Instinkt, selbiges galt auch für Parasiten. Doch die Veränderten… Einige von ihnen rochen anders. Einige nicht. Marik Atef gehörte zu letzteren. Hätte man Aden gefragt, hätte er behauptet jener sein ein Mensch.
      „ Nehmen sie die Fesseln ab, die sind nicht nötig!“, sprach er zuversichtlich zu den Soldaten. Fischer schnappte nach Luft, sichtlich erschrocken über seine lockere Art. Aden sah zu ihr, die Wachen ebenfalls für eine Sekunde überfordert. Doch dann folgten sie der Aufforderung und nahmen die Handschellen ab.
      Ein paar lockere Worte wurden noch gewechselt, bevor die 4 Extras gingen und die beiden allein ließen. Aden setzte ein Grinsen auf, als die Türe endlich zu fiel und er fast wieder allein war. Mit Schwung drehte er sich auf dem Absatz um und öffnete seinen Laptop.

    • Marik betrat den Raum als Dritter. Der nette alte Herr war zuerst durch die Tür gegangen und hatte bereits ein paar Worte mit wem auch immer gewechselt.
      Er war drauf und dran, den Raum einfach auch zu betreten. Einer der Soldaten schob sich jedoch schnell vor ihn, der zweite trat dicht hinter ihn. Da der Türrahmen nicht breit genug war, um ihn links und rechts zu flankieren, taten sie es halt vor und hinter ihm. Kaum war das komische Trüppchen durch den Türrahmen, klebten die beiden wieder an seinen Seiten. Marik stieß ein amüsantes Schnauben aus, beachtete sie aber nicht weiter. Stattdessen betrachtete er den Raum, in dem sie sich nun befanden.
      Zu Mariks Unmut konnte man ihn mit einem einzigen Wort beschreiben. Weiß.
      Weißer Boden, weiße Decken, weiße Wände.
      Dazu wirkte alles ein wenig chaotisch. Waren das Teller zwischen den Kolben im Waschbecken? Bei dem Anblick hob Marik eine Augenbraue.
      Er stand selbst nicht darüber, Teller in seinem Waschbecken zu stapeln. Aber ganz sicher hätte er sie von potenziell giftigen Chemikalien oder Instrumenten getrennt. Vielleicht war das Waschbecken selbst ja eine Art Experiment. Ein neuer Mikrokosmos oder sowas. Wer wusste schon, wie sich gelangweilte Wissenschaftler die Zeit vertrieben.
      Der Mann, der sich gerade mit dem müden Wissenschaftler unterhielt, passte genau hier her. Er war so weiß und chaotisch wie der Raum. Ohne Zweifel war das sein Reich.
      Bei dem Anblick der Socken in den Sandalen fiel Marik jedoch ein wenig vom Glauben ab. Das war doch sicher ein Verstoß gegen irgendeine Sicherheitsmaßnahme. Seine Augen funkelten amüsiert.
      Der Kommentar über seine mangelnden Flossen ließ Marik einen Blick auf seine Hände wärfen. Er wackelte kurz mit den Fingern, bevor er dem zerzausten Doktor ein schnelles Grinsen schenkte. „Enttäuschend, was?“
      Dieser sah tatsächlich aus, als sei er ehrlich geknickt über den Mangel an Flossen. Marik schoss der Gedanke durch den Kopf, wie vielen der Testpersonen wohl wirklich Flossen gewachsen waren. Er war eigentlich ziemlich froh, keine zu haben. War das etwas, worüber er sich Sorgen machte musste? Eine kleine Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen.
      Der Müde lachte, es klang ein wenig unsicher. Dann gab er dem anderen Doktor ein paar Anweisungen. Alle drei Tage Berichte bla bla bla.
      Marik fragte sich, ob es überhaupt etwas zu berichten geben würde.
      Er warf einen Blick auf seine neue Aufsichtsperson, die gerade wegen irgendwas den Kopf schüttelte, so dass einige seiner hellen Haarsträhnen flogen. Aus irgendeinem Grund bezweifelte Marik, dass der Doktor die Anweisungen so genau nehmen würde. Ob das gut oder schlecht für Marik war, blieb abzuwarten.
      Mit einer übermenschlichen Schnelligkeit setzte der Doktor seine Unterschrift unter das Dokument, dass der müde Alte ihm jetzt hinhielt.
      Marik verengte leicht seine Augen und betrachtete seinen neuen Babysitter mit neu erwecktem Interesse. Immer noch nur ein Doktor mit einem ungewöhnlichen Kleidungsstil. Aber Marik hatte in seinen Einsätzen schon einige Kreaturen gesehen, die dem Aussehen nach als Mensch durchgingen.
      Die echten Monster sahen selten so grässlich aus, wie sie in Horrorgeschichten beschrieben wurden. Der Gedanke ließ einen Schatten über Mariks Gesicht huschen.
      Musste er sich jetzt nicht auch dazu zählen?
      Er verwarf die Vorstellung, bevor sie wurzeln fassen konnte und richtete seine Aufmerksamkeit wieder nach außen.
      Fischer schnappte wegen irgendetwas empört nach Luft. Marik sah auf in die Gesichter um ihn herum. Der weißhaarige Doktor sah unbekümmert aus, die Soldaten wirkten unsicher. Das Gesicht des Alten sah er nur im Profil, aber das Lächeln um seine Mundwinkel knickte einen Moment irritiert ein.
      Irgendwie wurde Marik das Gefühl nicht los, gerade etwas Wichtiges verpasst zu haben.
      Im nächsten Moment wurde er jedoch schon aus seiner Unsicherheit erlöst. Einer der Soldaten neben ihm trat auf ihn zu und löste die schweren Handschellen um sein Handgelenk.
      Oh. Okay, dass erklärte die allgemeine Stimmung unter den Leuten. Nur sein neuer Aufpasser schien damit kein Problem zu haben. Marik nahm an, dass er seine freien Handgelenke ihm zu verdanken hatte.
      Ein kleines, dankbares Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus. Er rieb sich ein wenig über die Handgelenke. Der Weg von seiner Zelle hierher hatte vielleicht fünf Minuten gedauert. Trotzdem schmerzten seine Gelenke ein wenig. Die armen Kerlchen, die diese Teile länger tragen mussten.
      Vielleicht war er auch einfach nur überempfindlich. Es lebe die Freiheit!
      Es folgte noch ein wenig gezwungener Smalltalk, bevor die beiden Soldaten, Fischer und der nette alte Wissenschaftler den Raum verließen. Die Tür fiel hinter ihnen ungewöhnlich laut ins Schloss. Man sollte mal nach der Dämpfung schauen.
      Der Doktor machte auf dem Absatz kehrt und klappte seinen Laptop auf.
      Perplex stand Marik einen Moment einfach nur dumm rum.
      Gab es jetzt nicht irgendein Protokoll? Namen austauschen, nach dem Wohlbefinden fragen. Oder..wars das einfach?
      Eine der Deckenlampen über ihnen flackerte in der Stille.
      Marik beschlich das Gefühl, dass der Doktor ihn einfach vergessen hatte. Gierig nach irgendeiner Form von Sozialkontakt nach so langer Zeit in seiner einsamen, traurigen Zelle, gab Marik einfach das erstbeste von sich, was ihm einfiel. „Und was jetzt?“
      Trotzdem stand er immer noch an Ort und Stelle. Bei dem Zustand des Labors fürchtete er, dass ein Schritt in die falsche Richtung irgendwas zum explodieren bringen würde.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Die Lampen über den Köpfen der beiden Herrschaften flackerte. Auf des Doktors hellem Haar glänzte für einen Moment ein andersfarbiger Schimmer auf, bevor es sich zurück in die monochrome Einrichtung des Labors fügte. Farblich passte der Doktor gut in den Nervenanstaltcharme der Einrichtung. Hell in Tönen hob er sich von der Einrichtung so wenig ab, wie sie es von der weißen Schneedecke der Tundra getan hatten. Und gemütlich im Schläferlook gekleidet passte er eher zu den Patienten - allerdings einer, der einen Arzt beraubt hatte. Aus den Menschen unerfindlichen Gründen vergötterte Aden seinen Kittel auf eine besondere Art und Weise. Wo seine Kollegen ihn am Abend in den Spind hingen und gegen eine Jacke tauschten, behielt er den weißen Kittel an. Ein Freund vermutete, dass die Kleidung ihn an ein Fell erinnern würde. Aden wusste es selber nicht, wenn es um die Farbe seines Pelzes ging, gab es sicherlich passendere Wahlen, die auch das Gefühl dessen kopieren könnten…
      Adens Finger hielten auf der Tastatur inne, als er die Stimme seines neuen Objektes vernahm. Seine Mundwinkel glitten hinab, sodass Marik Atef die Spiegelung seines missbilligenden Gesichtes sehr wohl in der Spiegelung des Bildschirmes sehen konnte.
      Stimmt ja! Sie reden… Aden hob die Hand und kratzte sich im Nacken. Es waren nicht viele Menschen bisher i.n seine Obhut gekommen, besonders nicht nachdem letzte Vorfall. Eigentlich erstaunlich, dass überhaupt einer wieder auf die Idee kam ihm etwas anzuvertrauen…
      Den Akten nach hatte dies zwei Gründe. Erstens die Charge des Parasitenstammes, der auch diesem menschlichen Exemplar gegeben wurde, war eine als problematisch eingestufte. Was das bedeutete? Im Grunde kannten diese Chargen nur Erfolg oder Versagen, die besten Ergebnisse oder größten Fehlschläge. So einfach. Natürlich wählte man diese unberechenbaren Dinge aus, alles nur um die Menschheit zu retten!
      Er wandte seinen Blick auf den Neuling. Bewegt hatte jener sich noch nicht. „ Putzen!“, sagte er dann und nickte auf die vollgestellten Flächen. „ Wenn du das Bedürfnis hat etwas umzubringen, melde dich rechtzeitig…“, er blickte wieder auf den Bildschirm herab und tippte kurz. „ … Ich garantiere nicht für körperliche Unversehrtheit, falls du gegen die Regeln verstößt!“
      Regeln? Welche Regeln? Die Regeln, die dieser Vogel mit dem Vertrag unterzeichnet hatte. Die Menschen entmenschlichten sich immerhin selbst vor den Versuchen durch eine einfache Unterschrift - wie ein glorifizierter Sklave.
      Aden verstand nicht, warum jemand dies freiwillig tat. Kein Drang der Welt sollte jemanden dazu bewegen sich einer solchen Prozedur zu unterziehen wollen… oder?
      Instinktiv legte er seine Hand auf den rechten Unterarm. Ein unangenehmes pochen jagte durch die Bleiche haut an jener Stelle. Eine feine Narbe zog fast die Länge des Armes hoch. Sie verschwand aktuell irgendwo unter seinem Ärmel. Aden rieb über den schmalen Strich, der sich nach all diesen Jahren kaum mehr von seiner Haut erhob.
      Menschen…

    • Die Stille im Raum wurde nur von den Klack-Tönen der Tastatur unterbrochen, verursacht von dem Tippen des Doktors. Dann hielt er inne – genau in dem Moment, in dem Marik seinen Mund aufgemacht hatte und entweder spielte Mariks Wahrnehmung ihm dann einen Streich, oder die Mundwinkel des Doktors waren gerade echt nach unten gewandert.
      Zufall?
      Ha – ja, genau. Als ob.
      Der Doktor mochte also Fragen nicht.
      Oder vielleicht mochte er auch einfach nur nicht, wenn jemand sprach.
      Oder überhaupt die Gesellschaft anderer.
      Oder er konnte Marik einfach nicht riechen. Aber welcher Mensch konnte schon das billige 1 Dollar Duschgel erschnüffeln, dass er benutzte? Was Marik nur wieder an die unmenschliche Schnelligkeit denken ließ, mit der der Doktor seine Unterschrift gesetzt hatte.
      Die Worte des Doktors unterbrachen seine Gedanken jedoch jäh. Wie bitte?
      „Putzen.“, echote Marik trocken. „Das hat mich auch schon vor dem Parasiten an Mord denken lassen.“
      Sein Blick glitt über die zugestellten Oberflächen und das vollgemüllte Waschbecken, in dem die Schimmelbakterien um die Herrschaft kämpften.
      Das würde er im Leben nicht anfassen. Überhaupt, das war nicht seine Baustelle.
      „Das Labor von irgendwelchen Ärzten aufräumen stand nicht im Vertrag, soweit ich mich erinnern kann.“
      Nicht, dass er sich erinnern konnte. Klein Gedrucktes hatte Marik noch nie gelesen und da seine Seele bis jetzt noch seine war, würde er es auch nicht anfangen. Zeitverschwendung.
      Wobei…hier wäre es vielleicht angebracht gewesen.
      Naja. Was auch immer genau in dem Vertrag gestanden hatte – bestimmt keine Klausel, die ihn zum Putzsklaven seines Babysitters machte.
      „Aber nur zu.“ Marik hob eine Augenbraue und sah sich demonstrativ nach einem Stuhl um, um seine nicht vorhandene Putzwilligkeit zu untermalen, fand aber keinen, der in unmittelbarer Nähe oder nicht zugestellt war.
      Also blieb er weiter dumm in der Nähe der Tür stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, damit sie nicht so nutzlos rumhangen.
      „Gibt es nicht irgendeinen anderen Ablauf als…Putzen? Vielleicht eine Vorstellung, oder wie es jetzt weitergeht?“ Eine kurze Pause. "Oder kann ich einfach nach Hause gehen?" Auf seine Lippen legte sich ein charmantes Grinsen, das ihm schon so einige Türe geöffnet hatte.
      Man, für einen Cheesbruger würde er jetzt töten. Vielleicht konnte er mit dem Doktor ja einen Handel eingehen. Nichts so drastisches wie seine Seele gegen seine Freiheit, aber Putzen...
      Nun, zwei Paar Gummihandschuhe, eine Maske und ein paar Stunden seiner Zeit gegen nen saftigen Cheeseburger?
      Verlockend.
      Erstmal versuchte Marik sein Glück aber mit einem schiefen Grinsen und der Trotteligkeit des Arztes. Vielleicht war der Doktor ja so durcheinander, dass er ihn einfach gehen ließ - was ziemlich sicher gegen irgendein Protokoll verstoßen würde. Aber hey - der Typ kam praktisch in Schlafsachen zur Arbeit.
      Wer wusste schon, was in seinem Kopf vorging. Marik jedenfalls nicht.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Aden würde nicht behaupten er hatte ein großes Herz für diese Kreaturen. So wie die Menschen ihre Hunde liebten und in kleinen dummen Videos in Szene setzten, nicht einmal eine solche Liebe gab es da. Menschen waren keine lustigen oder bewundernswerten Kreaturen in seinen Augen. Sie waren egoistisch und nur auf ihre eigene Art und deren fortbestehend bedacht. Der simple Grund, der vermutlich auch diese Experimente motivierte…
      Ein Gefühl des Ekels kroch seinem Arm bei den Gedanken hoch. Die feine Narbe auf diesem Ging bis kurz unter die Schulter. Sie rührte von einer dummen Tat her; als Aden seine Pfoten in die menschliche Welt setzte, glaubte Jene doch tatsächlich, dass es eine grandiose Idee sei unter die Haut zu gucken. Der Kerl, der das Messer gehalten hatte, lebte heute nicht mehr. Die fast unbekannte Kreatur, die damals auf seinem Tisch gelandet war, hatte ihm eine Hand geraubt. Bis zum bitteren Ende hatte er sein Leben also mit dieser Mahnung gefristet. So auch Aden, dessen Vertrauensvorschuss an die Menschen damit zu Nichte gemacht wurde…
      Narben auf seiner Haut verschwanden mit der Zeit. Sie wurden dünner und heller und letztlich sah man sie nicht mehr. In dieser Zeit kamen und gingen die Menschen. So lange dauerte es!
      Der Doktor legte seinen Kopf leicht schief, als der junge Mann Widerworte gab und sein geekelter Blick das Waschbecken erreichte. Das ganze Labor sah furchtbar aus. Innerhalb der Schränke umso mehr, als oberhalb. Aden hob eine Hand und fuhr sich das Haar nach hinten, während Marik Atef seine Position wie ein bockiges Kind unterstrich.
      Wie alt war er noch? Bestimmt in einem Alter, welches dieses Verhalten rechtfertigte!
      „ Sicher! Du putzt, ich warte auf deinen Behandlungsplan.“ Adens hand senkte sich zurück auf den Laptop. Er saß wie ein Filmkobold da. Jeder würde ihn zu mehr Haltung und besserer Mode raten. Auch für sein Image!
      „ Mein Name ist Aden und du kannst nicht Heim. Nicht ohne meine Zustimmung. Sobald du das Labor ohne Erlaubnis verlässt, wirst du als Gefahr eingestuft und fachgerecht beseitigt!“
      Aden erwiderte das Lächeln. Nur das seines mit der schiefen Natur und dem blitzen in de Augen ein wenig bedrohlicher wirkte. Danach schwieg er…

    • Die Art und Weise wie der Doktor Mariks komplette Person einfach zur Seite zu schieben schien, ließ einen Muskel in Mariks Kiefer zucken. Dennoch hielt er sein charmantes Lächeln bei. „Ich würde gerne erst die Floskel im Vertrag sehen, die mich zu deiner Putzfrau macht.“
      Mariks Ton klang fast ein wenig genervt. Aber auch nur fast.
      Langsam fing er an, daran zu zweifeln, dass man ihn dem richtigen Doktor zugewiesen hatte. Das exzentrische Auftreten des Typens ließ ihn zwar perfekt wie die Karikatur eines genialen (verrückten) Wissenschaftlers wirken, aber sicher hätte man so einen Fall wie Marik doch jemandem mit etwas besseren…sozialen Fähigkeiten zugeteilt.
      Zumindest hätte Marik gedacht, dass eine gute Kommunikation zwischen dem betreuenden Doktor und der Testperson wichtig wäre, aber das schien für Department 5 wohl nicht sehr weit oben auf der Liste zu stehen.
      Dr. Schlafsachen hatte es ja nicht mal für nötig befunden, sich vorzustellen.
      Stattdessen verlangte er von Marik, zu putzen. Wirklich, ernsthaft, zu putzen. Daran, dass er das ernst meinte, hatte Marik nämlich keine Zweifel.
      Als ob Marik dafür zuständig wäre, den Saustall hier aufzuräumen. Ein wenig Bewegung würde dem Doktor bei seiner krummen Haltung eh guttun. Sollte er den Scheiß hier doch selbst aufräumen und sich dabei Pocken zuziehen. Marik hatte sich gerade erst freiwillig einen Parasiten einsetzen lassen und kein Interesse an einem weiteren.
      Vielleicht sollte er einfach eine Stauballergie vortäuschen, um aus der Nummer rauszukommen. Aber nein, das war gar nicht nötig. Putzen war ganz bestimmt nicht Teil des Vertrags.
      Mariks Lächeln schwankte ein wenig, bei Doktor Adens nächsten Worten. Nicht wegen dem, was er sagte, sondern viel mehr wegen seinem Ausdruck. Mit dem schiefen Lächeln und dem bedrohlichen Blitzen in seinen Augen wirkte er so, als ob er nicht eine Sekunde zögern würde, Marik zu beseitigen, sollte es so weit kommen – und als sei er dazu mehr als in der Lage.
      Es hatte wohl doch einen Grund, dass man ihn in die Obhut des exzentrischen Doktors gesteckt hatte – und es schienen nicht seine Sozialkompetenz zu sein. Zum wiederholten Male kam Marik der Gedanke, dass der Doktor selbst nicht ganz menschlich zu sein schien.
      Mariks Lächeln verschwand nun gänzlich, seine Augenbrauen wanderten ein Stück zusammen, während er den Doktor anstarrte. „Herrlich.“, sagte er trocken. „Ich schätze nicht, dass das irgendwann in naher Zukunft passiert.“
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.

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    • Wie sich der Ausdruck des Experimentes veränderte, betrachtete Aden trocken. Er änderte unterdessen nichts an seinem schiefen Grinsen und dem eindringlichen Blick eines Raubtieres. Es schien dem ehemaligen Menschen ganz offensichtlich zu missfallen einen Aufseher zu besitzen und wie ein Gefangener behandelt zu werden. Ganz passend zur Einrichtung des ganzen hier eigentlich. Das müsste man immerhin unterstreichen!
      Der Doktor beachtete das Chaos in seinem Labor schon lange nicht mehr. Es störte ihn kaum. Bei seiner aktuellen Studie zur Geduld von Doktor Fischer tat es nichts zur Sache, ob die Kolben schimmelten und irgendwo Bakterien sich vermehrten. Obwohl… Nachdenklich hob er bei dem Gedanken den Kopf. Trug das Umfeld hier dazu bei, wie lange die Frau sein schweigen erdulden würde. Immerhin war es bewiesene Sache, dass Menschen sich je nach Umfeld anders verhielten… Und…
      Aden zuckte regelrecht zusammen, als ein regelmäßiges piepen in seine Ohren drang. In der oberen rechten Ecke seines Bildschirms erschien eine kleine graue Box. Diese praktische Erinnerungsfunktion benutzte er nicht oft. Und wenn er sie einmal stellte, vergas er es gleich. Ein schneller Blick checkte den cryptischen Inhalt der Box, welcher nur » Treffen G Mittagessen « lautete. Er blinzelte ein wenig verwirrt, sah wieder zu seinem Schützling hoch und weiter auf die Uhre an der Wand. Ganz unbehelligt tickte sie daher, als hätte sie absichtlich vergessen zu Ringen.
      Mit einmal sprang Aden auf, sodass der Laptop von seinem Schoß auf den Tisch purzelte und er davor stand. Aden war groß genug um nun die hohe Decke des Labors mit dem Kopf zu erreichen. Mit dem nächsten Satz sprang er herab und wollte zur Türe schreiten, vor welcher noch immer Marik stand.
      „ Verdammt!“, fluchte er, während sein Blick suchend über die Theken flog. Er drehte sich um hundertachtzig grad, so schnell, dass Kittel und Haare flogen. Letztere legten sich völlig wirr wieder auf seinen Schultern nieder. Aden stapfte zu einer Fläche, riss die schränke darüber auf, welche eine ganz neue Welt beherbergten. Erstaunlicherweise war diese sauber, aber von verschiedensten Dingen geplagt. Eine kümmerliche Pflanze, die sich nach Luft sehnte. Alte unbeschriftete Proben und jede Menge gläserne Gerätschaften… Sein Blick scannte den Inhalt, bevor er die Türen zu pfefferte und wieder zu Marik sah. Nachdenklich fuhr er sich über den Hinterkopf. „ Ich hätte schören können es lag….“ Aden beendete den Satz nicht. Er zuckte mit den Schultern.
      „ Zeit los zu gehen!“, sagte er mit seltsam erheiterter Miene danach. Sein Blick hing noch immer auf Marik, während seine Miene wieder finster wurde. Er seufzte. „ Los geht’s!“

    • Doktor Aden sah ihn weiter mit diesem raubtierhaften Blick an. Marik starrte weiter mit finsterem Blick zurück.
      Tick, tack. Tick, Tack., kommentierte die Uhr.
      Sie starrten weiter.
      Plötzlich änderte sich der Ausdruck des Doktors von ‚ich kann dich ohne Probleme beseitigen‘ zu ‚hmm. Was hatte ich nochmal zum Mittagessen?‘. Oder etwas in die Richtung.
      Auf jeden Fall verschwand das bedrohliche Funkeln aus seinen Augen. Mit einem Mal wirkte er wieder vollkommen wie der verpeilte Doktor von eben.
      Dennoch. Er sollte den Doktor auf jeden Fall nicht unterschätzen. Unter seiner zerknitterten Fassade schien mehr zu lauern, als man auf den ersten Blick sehen konnte.
      Der Doktor zuckte zusammen, was wiederum Marik zusammenzucken ließ.
      Entgeistert blitzte Marik den Doktor an, der wiederum sein Notebook ansah. Das hatte plötzlich angefangen zu piepsen. Die Reaktion des Doktors darauf erinnert Marik daran, wie er zusammenzuckte, wenn das Toast aus dem Toaster sprang. Genau genommen nicht seine, sondern ihre Reaktion.
      Marik rollte unauffällig mit den Schultern und stieß einen kleinen Schwall Luft aus. Wann hatte er sich so angespannt?
      Doktor Aden sah wieder hoch, blinzelte verwirrt, was Mariks Augenbrauen als Antwort skeptisch ein Stück zusammenwandern ließ und warf dann einen Blick auf die tickende Uhr irgendwo hinter seinem Kopf.
      Mit einer Flinkheit, die Marik mehr hätte überraschen müssen, sprang Doktor Aden auf. Sein Laptop fiel klaternd neben ihn auf den harten Tisch. Marik kam der abstruse Gedanke, dass er Department 5 schon so einiges an Materialkosten verursacht hatte. Sein wievielter Laptop das wohl schon war?
      Er gab ein mehr als abstruses Bild ab, wie er da auf dem Tisch stand, mit dem Kopf fast gegen die Decke stieß. Im nächsten Moment sprang der Doktor vom Tisch und machte einen halben Schritt auf Marik zu, ehe ihm etwas einzufallen schien und er einen Fluch ausstieß.
      Auf Mariks Gesicht hatte sich mittlerweile ein Ausdruck milder Skepsis eingebrannt.
      Stumm beobachtete er, wie der Doktor auf dem Absatz herumfuhr. Seine Haare und sein Kittel flogen und wirkten nun noch zerzauster als zuvor schon. Fahrig öffnete er eine Schranktür, schien aber nicht das zu finden, was er gesucht hatte, und knallte sie wieder zu.
      Als er wieder zu Marik herumfuhr, wirkte er schon fast vergnügt.
      Aber nur für eine Sekunde, dann verfinsterte sich sein Ausdruck wieder.
      Mariks Mundwinkel verzog sich und eine seiner Augenbrauen wanderten nach oben. „Klar.“, gab er trocken von sich, wandte sich der Tür zu und drückte die kühle Türklinke nach unten.
      Keinen Plan, wohin der Doktor eigentlich wollte, schritt er aus der Tür und bog im Flur einfach nach links ab. Hätte er halt genauer sein müssen.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Der Doktor began ein leises Lied zu Summen, während er über die Flure hüpfte. Sein zerzaustes Haar wippte dabei im Takt, in welchem er die Füße auf dem Boden aufkommen ließ. Ein unwissender mochte es für gute Laune halten. Vielleicht ein gelungenes Experiment? Ein bewilligtes Forschungsgeld? - keines von beiden. Weder experimentierte Aden gerade, noch brauchte er für Gelder zu betteln.
      Jeder, der den Schrecken des Department 5 kannte, würde seine Hand zur Tasche bewegen. Ein Schaudern auf dem Rücken so lange ertragen, bis der Inhalt überprüft war. Es traf stets jemand anderen, Vorlieben hatte der Dieb nicht… Das Department seufzte erleichtert, wenn man den Schlüssel zum Auto in der Tasche ausmachen könnte. Doch einer konnte dies nicht tun… Diesen Schlüssel zog Aden aus seiner Tasche. Man fragte sich, wie der Doktor an die Schlüssel gelang. Ließ außer acht, dass dies seine instinktive Jagd ersetzte und seine Artgenossen als grausame Jäger der weißen Tundra galten. Dies war Adens Tundra!
      Er grinste den schwarzen Schlüssel an. Einen Audi hatte er erbeutet…
      Er blieb stehen und drehte sich zu Marik um. Das er noch in den Kleidern des Labors steckte, bekümmerte ihn nicht. Die schicken Flusen waren immerhin durch mehr zusammengehalten als nur ein paar Bändchen im Nacken… Den Tisch würde Marik noch früh genug zu sehen bekommen.
      „ Hast du Hunger?“, fragte er dann. Aden öffnete mit einer Hand ie schwere Türe ins Parkhaus. Ein muffiger Geruch umgab die helle Garage für die Wagen der Mitarbeiter. Der Doktor hielt seinen Schlüssel in die Luft und lauschte. Irgendwo in naher Ferne piepte es. Hatte er vergessen, wo der Wagen stand?
      Nein, war ja nicht seiner! Aden tänzelte an den Grimassen der Wagen vorbei, bis er vor seinem stand. Hübsch? Ebenfalls nein. Der schwarze Sportwagen lag für seinen Geschmack zu flach auf der Erde. Die Leute der oberen Riegen des Departments verdienten genug, um sich solche Karren zu kaufen.
      Aden zog die Mundwinkel hinab. „ Eh…“, er zuckte mit den Schultern. „ Steig ein!“