Don't fall in love with a human (Kiimesca & Nordlicht)

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    • Don't fall in love with a human (Kiimesca & Nordlicht)


      Hörst du auf an den Mond zu glauben, wenn die Sonne aufgeht?
      - Jack Frost




      Timothy Fraser

      Ein Tag wie jeder andere in der Kleinstadt Rainville. Wieder begann auch dieser Tag mit Regen, der heftig gegen die Fensterscheiben meines Büros plätscherte. Ein kurzer Blick auf die Wanduhr verriet, dass es bereits kurz nach neun Uhr war. Bald würde die "Rainville Times" ein neues Gesicht begrüßen dürfen. Eine junge Fotografin, mehr wusste ich allerdings nicht. Seelenruhig tippte ich weiter auf meiner Tastatur die Zeilen meines neuesten Artikels. Rainville hatte nun nämlich eine Ballettschule für die Kleinen. Die Neueröffnung fand noch diese Woche statt. Unglaublich, dass es in unserer Kleinstadt, in der fast jeder jeden kannte, so etwas überhaupt gab. Eigentlich hatte meine Heimat viel zu bieten. Ich mochte das Leben hier. Es war unbeschwert und leicht wie eine Sommerbrise. Es herrschte eine Harmonie, die es wohl nirgends sonst auf der Welt gab. Auch wenn die Kriminalität in den letzten Wochen zugenommen hatte, es mein Chef, Mr. Johnson, aber noch nicht für notwenig erachtete, darüber in der "Rainville Times" zu berichten, da dies für Unruhen bei den Einwohnern sorgen könnte. So berichteten wir auch in der aktuellen Ausgabe, die wöchentlich erschien, von den neuesten Ereignissen, den frei gewordenen Stellen, Immobilien, ihr kennt das ja. Nichts besonderes. Auch wenn ich meine Arbeit liebte, so war es doch mein größter Traum irgendwann bei der Zeitschrift "Lost Place" zu arbeiten. Eine Zeitschrift, deren Journalisten sich mit übernatürlichen Dingen, paranormalen Aktivitäten und natürlich verlassenen Orten, an die sich nur wenige Seelen wagten, beschäftigte. Doch bisher hatten die vielen Bewerbungen keinen Erfolg. Darum arbeitete ich auch heute noch bei der "Rainville Times", unter meinem herrischen Chef. Wenigstens waren die Kollegen nett. Wir kamen alle gut miteinander zurecht, jeder stand für den anderen ein. Ich schätzte dieses wertvolle Miteinander.
      Ohne den Blick von meinem Monitor abzuwenden, griff ich nach dem Henkel der weißen Kaffeetasse und musste unwillkürlich das Gesicht verziehen. Bah! Der Kaffe war kalt. Gerade als ich die Tasse wieder abstellen wollte, hörte ich den ohrenbetäubenden Ruf meines Chefs, der durch Mark und Bein ging. Ich zuckte zusammen, verschüttete dabei etwas Kaffee und seufzte genervt, als ich die Sauerei mit einem Taschentuch aufwischte und mich auf den Weg zum Büro meines Chefs machte, welches unglücklicherweise genau neben meinem lag.
      "Mr. Johnson? Sie haben gerufen?", fragte ich vorsichtig, blieb im Türrahmen stehen und lugte hinein zum hochroten Kopf meines Vorgesetzten. Er spielte sich am Zwirbelbad. Das tat er immer, wenn er aufgebracht war.
      "Quatsch nicht, Fraser! Setzen!", wies er mürrisch an und knallte die letzte Ausgabe der Zeitschrift auf den Schreibtisch, die bereits die eifrigen Leser unserer Wochenzeitung erreicht hatte. "Können Sie mir das erklären, Fraser!?", fragte er und zeigte mit seinem speckigen Zeigefinger auf den Namen einer Dame. Ich trat näher heran und warf einen Blick auf eben genau diesen Namen. Ich erinnerte mich gut an den Bericht. Ich selbst hatte ihn nicht verfasst. Es war mein Kollege, der vor gut drei Monaten bei uns angefangen hatte. Es war meine Aufgabe, den Beitrag auf seine Genauigkeit zu überprüfen. Darin wurde der Vorstand eines gemeinnützigen Projektes vorgestellt, das sich um Wildvögel kümmerte. Ich runzelte die Stirn. "Gucken Sie nicht als wären sie eine Kuh auf einer leer gefressenen Weide! Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen!?"
      "Ich kann nicht ganz folgen, Sir...", entgegnete ich vorsichtig.
      Er schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch, was mich kurz zusammenzucken ließ.
      "Muss man Ihnen denn wirklich alles erklären, Sie Vollpfosten!?"
      Bildete ich mir ein, dass sich Schaum vor seinem Mund bildete?
      "Die Dame heißt Susan Brown nicht Crown, Sie Idiot! Es ist ihre Aufgabe gewesen, zu prüfen, dass dieser Nichtsnutz von Campbell einen ordentlichen, fehlerfreien Artikel schreibt! Jetzt denken alle unsere Leser, dass die Dame Crown heißt!"
      "Oh... das tut mir leid, Mr. Johnson."
      Ich bedauerte es wirklich. In den vielen Jahren war mir solch ein Fehler noch nie unterlaufen. Selbst dass die letzte Ausgabe unter Zeitdruck herausgebracht werden musste, entschuldigte wohl nicht, dass dieser Fehler passiert war.
      "Toll, Fraser. Das bringt nun auch nichts mehr. Dieser Idiot... und Sie gleich mit! Ich sollte sie beide feuern! Was soll ich mit ach so tollen Journalisten, die es nicht mal fertig bringen eine Frau bei ihrem richtigen Namen zu nennen!?"
      "Es tut mir wirklich leid, Mr. Johnson. Ich versichere Ihnen, solch ein Missgeschick wird nicht wieder passieren. Mr. Campbell ist noch sehr neu. Es war allein meine Schuld. Wenn Sie es also für richtig erachten, mich zu feuern..."
      Doch ich wusste genau, dass Mr. Johnson dies niemals in die Tat umsetzen würde. Er schätzte meine Arbeit, und auch wenn er ein Choleriker war wie er im Buche stand, so wusste er doch, dass ich meine Arbeit für gewöhnlich zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigte.
      "Ach halten Sie die Klappe, Fraser!", entgegnete er dann nach einem kurzen Schweigen und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück.
      "Wenn Sie wünschen, werde ich es in der nächsten Ausgabe richtig stellen und mich für das Missgeschick entschuldigen."
      "Das ist ja wohl selbstverständlich!"
      Mr. Johnson griff nach seinem Glas Brandy und trank es mit einem mal aus. Ja, unser netter Chef hatte ein kleines Alkoholproblem, was er natürlich niemals offen zugeben würde. "Heute kommt die Neue, oder? Wie heißt Sie noch gleich?"
      "Wenn ich mich richtig entsinne Anderson. Samantha Anderson."
      "Ja... wie auch immer. Kümmern Sie sich um sie. Ich muss heute früher weg. Und Fraser?"
      Ich war schon dabei mich zu verabschieden, als ich meinen Namen hörte und mich nochmal zu Mr. Johnson umdrehte, dessen Gesicht wieder eine einigermaßen normale Farbe angenommen hatte. "Ja, Mr. Johnson?"
      "Sollte so etwas noch einmal passieren..."
      "Das wird es nicht. Da können Sie sich sicher sein."
      "Abtreten!"
      Das tat ich und setzte mich gleich wieder an die Arbeit. Wir lagen gut in der Zeit. Morgen stand noch das Interview mit der Balettschule auf dem Plan. Dafür mussten noch einige hübsche Fotos geschossen werden. Gerade als ich an den Kaffeeautomaten wollte, um mir eine frische Tasse zu zapfen und endlich dieses säuerliche Gesöff in die Kanalisation zu verabschieden, bemerkte ich eine junge Frau vor der Anmeldung. Sie wurde von unserer korpulenten Sekretärin freundlich begrüßt, und stellte sich schnell als Samantha Anderson heraus, meine neue Kollegin.
      "Oh, du bist Samantha?", fragte ich freundlich und kam ihr mit gestreckter Hand entgegen. "Timothy Fraser. Zu Ihren Diensten", stellte ich mich lächelnd vor, die Tasse mit dem kalten Kaffee in meiner anderen Hand haltend. "Wir duzen uns für gewöhnlich. Die Redaktion ist nicht besonders groß, ähnlich wie Rainville selbst. Folg mir. Mr. Johnson, dein neuer Chef, ist vorhin gegangen. Er sagte, du gehörst heute ganz mir", grinste ich, doch schon kurz darauf fiel mit die missglückte Wortwahl auf, was meine Gesichtszüge etwas entgleisen ließ. "Ehm... ja, wie auch immer. Kommst du?"
      Etwas peinlich berührt wandte ich mich ab, um zu meinem Büro zu gehen und hinter dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Durch das offene Fenster wehte eine kühle Brise hinein. Zum Glück hatte sich der Regen etwas gelegt und ein paar Sonnenstrahlen schafften es sogar, sich durch die Wolkenschicht zu kämpfen. Ein eher seltenes Ereignis in Rainville. An der Wand hingen ein paar Landschaftsgemälde. Es standen Regale, gefüllt mit vorbildlich aneinandergereihten und perfekt beschrifteten Ordnen in verschiedenen Farben. Auf dem Schreibtisch stand zu mir gerichtet ein Familienfoto. Es zeigte, neben mir, meine Schwester Ellie, unsere Eltern und Spencer, unseren verstorbenen Mischlingsrüden. Auf dem Schreibtisch lag stapelweise Arbeit, die ich gewillt war, heute zu erledigen. "Also, Samantha. Schön dich in der "Rainville Times" Willkommen zu heißen. Was verschlägt eine so junge Frau zu uns?", fragte ich schmunzelnd, lehnte mich im Bürostuhl ein wenig zurück und spielte mit meinem Dauerschreiber herum, während ich mit ihre weichen Gesichtszüge genau einprägte, dabei versuchte, aber nicht zu starren wie ein Psycho.

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.
    • Samantha

      Heute beginnt wieder ein neues Leben. Eine neue Stadt, neue Identität, neuer Job. Rainville erinnert mich an die Kleinstadt, in der ich geboren wurde und bis zu meiner Verwandlung gelebt habe. Christine war dort ebenfalls Krankenschwester und beschloss zusammen mit ihrem Mann David mich in ihrer Familie aufzunehmen, da ich in jungen Jahren an Krebs erkrankt war. Ich hatte keine Familie und sprach über meine Wünsche und Träume, was sie wohl dazu veranlasst hatte, mir dieses ewige Leben zu schenken. Schnell hatte ich mich daran gewöhnt und ich genoss es sogar. Ewige Jugend und Gesundheit. Das wir uns von Menschenblut ernähren, störte mich anfangs zwar, aber um nicht aufzufallen, halten wir uns sehr bedeckt und leben bescheiden von Blutspenden, die sie für uns besorgten. Tierblut geht zwischendurch auch mal, aber das schmeckt nicht besonders gut. Es ist, als würde meine leibliche Mutter mich zwingen Rosenkohl zu essen, als ich noch ein Kind war. Das würde ich schon durchstehen.

      Ich liebe die Menschen und was sie zustande bringen. Ihre Musik, ihre Kunst und ihre Gedichte. So viel Kreativität und Leidenschaft. Am liebsten sah ich mir Liebesfilme an, was meinen Mitbewohner Nick nicht sehr begeistert. Da er jedoch abends in der Bar arbeitet, kann ich das Wohnzimmer besetzen, ohne ihn zu belästigen. Jetzt gerade würde er wohl schlafen.

      Meine Haare trug ich immer mit einer großen Spange hochgesteckt und mochte auch meine Ohrringe sehr. Obwohl ich hübsch war und nichts verstecken musste, mochte ich schöne Strickpullover mit Kragen. Blusen waren auch in Ordnung. Diese neue Mode, wo Frauen so wenig wie möglich trugen, war nicht so mein Geschmack. So etwas hätte zu meiner Zeit für große Empörung gesorgt. Es gab eine Zeit in der ich mit meiner Kleidung etwas altbacken wirkte, weshalb ich froh war, dass diese Mode wieder mehr Ansehen bekam und ich mich nicht wie der totale Außenseiter fühlte.
      Heute trat ich meinen neuen Job bei der Rainville Times an. Die Bezahlung war eher gering, aber um Geld ging es mir nicht. Ich wollte die Menschen in Rainville kennenlernen, über und für sie schreiben. Die Wolken waren für uns ein Segen, auch wenn wir eine Weile in der Sonne aushielten. Der Regen war jedoch alles andere als angenehm. In der Redaktion angekommen, stellte ich meinen Schirm in den Ständer und stellte mich bei der freundlichen Sekretärin vor. Ich mochte sie sofort und lächelte höflich.
      Kurz darauf kam direkt ein Mitarbeiter auf mich zu, der scheinbar auf mich gewartet hatte. Zu Ihren Diensten? Schmunzelnd nahm ich seine Hand und stellte mich höflicherweise noch einmal vor. „Samantha Anderson. Sehr erfreut.“ Er erklärte mir gleich die Lage und gab eine ziemlich schräge Bemerkung ab, weshalb ich schmunzelnd eine Augenbraue hob. Noch amüsanter war jedoch, dass ihm diese Aussage schnell peinlich wurde.
      Ich folgte ihm in sein Büro und sah mich flüchtig um, doch das genügte um zu erkennen, dass er ein engagierter Mitarbeiter sein musste. Er hieß mich noch einmal willkommen und ich nahm vor seinem Schreibtisch Platz. „Vielen Dank. Ich bin in einer Großstadt aufgewachsen, doch da war es mir etwas zu unruhig. Ich liebe die Fotografie, aber die Motive dort waren mir.. zu chaotisch. Deshalb wollte ich näher an die Natur, in eine Kleinstadt. Für eine Zeitung aus der Nachbarschaft arbeiten. Ohne mich auf dieses Konkurrenzdenken zu versteifen.“ Lächelnd sah ich auf die Tasche auf meinem Schoß in der meine Kamera und Objektive waren. „Ich liebe Rainville jetzt schon. Es ist so ruhig und.. familiär.“ Eine romantische Kleinstadt. Ich sah wieder zu ihm und wertete seine Beobachtung nicht als Starren. Er war Journalist. Es war sein Job sich Details einzuprägen. Außerdem fand ich ihn sehr sympathisch. „Wie kann ich I- dir heute helfen?“, fragte ich und sah auf die Papiere an seinem Tisch. Ich wollte mich so schnell wie möglich in die Arbeit stürzen.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • Timothy

      Interessant. Sie wuchs in einer Großstadt auf und hatte sich dann, als junge, schöne Frau, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatte, freiwillig dazu entschieden, in Rainville zu leben? Und dazu noch bei der "Rainville Times" zu arbeiten? Die Überraschung musste in meinem Gesicht abzulesen sein. Auch ein Schmunzeln konnte ich nicht unterdrücken. Doch ich offenbarte ihr nicht meine Gedankengänge, schließlich wollte ich ihr nicht den neuen Arbeitsplatz schlecht reden. Es war auch nicht alles schlecht hier. Die Kollegen, die ich bereits erwähnt hatte, waren unvergleichlich. Mr. Johnson... nun ja, auch an ihn würde sie sich irgendwann gewöhnen. Früher oder später.
      "Du wirst morgen schon die Möglichkeit bekommen erste Fotos zu schießen", klärte ich sie allzu gerne auf und lächelte. "Eine neue Ballettschule hat eröffnet und morgen steht das Interview mit deren Gründerin auf dem Plan. Es ist ein "Tag der offenen Tür". Da bekommst du sicher die Möglichkeit kleine, süße Mädchen in ihren Rosa Tütüs zu fotografieren."
      Ich folgte ihrem Blick zu dem großen Stapel Arbeit, der förmlich rief: "Hallo? Ich bin noch zu erledigen!"
      Ich nahm einen kleinen Teil des Stapels, bevor ich aufstand und um den Schreibtisch ging in Richtung Zimmertür. "Komm. Ich zeige dir dein Büro. Gabriella, unsere Sekretärin, kann dich nachher rumführen und dir alles zeigen. Leider habe ich noch jede Menge zu tun und selbst keine Zeit dafür."
      Wir beiden verließen das Büro, gingen einige Türen weiter, den langen Flur entlang, bis wir vor einer Tür stehen blieben. Mit der freien Hand öffnete ich diese und es offenbarte sich dahinter ein ziemlich leeres Büro. Lediglich ein Schreibtisch und ein PC standen darin sowie ein leeres Regal. Es war recht stickig, da Gabriella anscheinend vergessen hatte zu lüften. Ich legte den Stapel Arbeit auf dem Schreibtisch ab, schaltete den PC ein, woraufhin der Rechner auffällig laut begann hochzufahren. Dann öffnete ich ein Fenster. Sonnenstrahlen legten sich auf meine Züge und allzu gerne atmete ich die frische Luft ein. Dann drehte ich mich zu der schönen Frau um und ging wieder zu dem PC, tippte das Passwort ein, sodass sie Zugang zu den wichtigsten Programmen erhielt. "Das Passwort findest du hier", sagte ich, hob die Matte hoch, auf der die schwarze Tastatur stand und deutete auf den Zettel, auf dem Buchstaben und Zahlenkombinationen zu finden waren. Ich öffnete das Hauptprgramm und zeigte ihr die Handhabung. Es war nicht besonders schwer und so einfach wie nur möglich gehalten. Auf den Stapel deutend sagte ich, während unsere Blicke sich trafen: "Das sind Leserbriefe. Kommentare zu unserer letzten Ausgabe. Fragen, Probleme, Lob. Da ich annehme, dass du die letzte Ausgabe gelesen hast, kannst du auf die Briefe gerne antworten und mir die Entwürfe später rein legen. Ich schaue dann nochmal drüber. Es sind nur E-Mails. Die Post ist schon bearbeitet."
      Ich richtete mich auf und schaute zu der kleineren Frau herab. "Alles klar? Wenn Fragen sind, weißt du ja, wo du mich findest. Und Gabriella sage ich nochmal Bescheid, dass sie dich rumführen soll."
      Ich ging zur Tür, wollte hinausgehen, als ich mich im Absatz doch noch einmal zu ihr umdrehte. "Achja und... Wenn du Kaffee möchtest... Vorne an der Anmeldung steht ein Automat. Gabriella kann dir zeigen, wo die Tassen stehen."
      Dann verließ ich ihr Büro und ging in meines. Bei dem Stapel, der mir noch bevorstand, wurde mir ganz anders. Doch der Tag war noch lang.

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.
    • Samantha

      Er schien überrascht über meine Beweggründe zu sein, aber das konnte ich verstehen. Viele junge Menschen aus Kleinstädten träumten von der Großstadt. Ich fand es dort immer viel zu hektisch und zum Fotografieren gingen mir auch die Motive aus. Die Natur gefiel mir einfach besser.
      Als er mir von meiner morgigen Aufgabe berichtete, strahlte ich förmlich. Eine Ballettschule? Die Mädchen sehen bestimmt sehr süß aus. Darauf freute ich mich schon riesig. Er folgte meinem Blick und stand gleich mit einem Stapel auf, um mich in mein Büro zu geleiten. Unterwegs grüßte ich die Mitarbeiter und setzte mein schönstes Lächeln auf. Es war echt, denn ich freute mich auf dieses Leben hier.
      In meinem eigenen Büro sah ich mich kurz um und war froh, das er das Fenster öffnete. Unser Geruchssinn war um ein vielfaches feiner und die Luft hier drin war kaum zu ertragen. Ich beobachtete ihn schweigend und folgte dann seiner Erklärung.
      Als er sich von dem PC abwandte und mir in die Augen sah, blinzelte ich kurz. Er hatte wirklich wunderschöne Augen und sein Geruch war.. nunja.. schmackhaft? Im Gegensatz zu Gabriella stopfte er wohl nicht zu viel Zucker in sich hinein, was ja jeder handhaben konnte, wie er wollte. Ich mochte Süßes nicht wirklich. Ich aß generell eigentlich nichts, seit ich ein Vampir war. Außer es war nötig, um wie ein Mensch zu wirken.

      Natürlich hatte ich die Ausgabe gelesen und auch ein paar ältere. "Alles klar", sagte ich nickend und setzte mich auch schon direkt an den Tisch, ehe er sich noch einmal umdrehte und ich ihm ein sanftes Lächeln schenkte. "Danke, Timothy." Ich war kein Kaffeetrinker, da ich auch kein Koffein brauchte, um hellwach zu sein. Also stürzte ich mich direkt auf die Arbeit. Im Gegensatz zu Nick war ich wohl eher arbeitswütig. Ich brauchte eine Beschäftigung für mein Köpfchen, auch wenn ich in meiner Freizeit viele Bücher las und nicht nur vor dem Fernseher hockte.
      Als Gabriella zu mir kam und mich freundlich anlächelte, lächelte ich zurück und unterbrach meine Arbeit, um mir das Büro anzusehen. Es war überschaubar, doch die Kollegen machte alle einen sehr netten Eindruck. Das gefiel mir. In der Küche setzte ich mir einen Früchtetee auf und blickte in die neugierigen Augen von Gabriella. Ich war natürlich darauf vorbereitet, wenn jemand nach meiner Vergangenheit fragte. Das Großstadtmädchen, dass sich mehr Ruhe sehnte und die Natur liebte. Was auch meinem wahren Ich entsprach. Ich liebe Wandern und Camping, was ich ihr ebenfalls erzählte. "Also bin ich mit meinen Brüdern und meinem Cousin hergezogen. Gestern war ich wandern und hab tolle Fotos gemacht", beendete ich meine Erzählung und nahm meine Tasse. "Ich sollte jetzt wohl weiter arbeiten", verabschiedete ich mich und ging zurück in mein Büro, um mich weiter den Leserbriefen zu widmen. Vor einigen Zyklen, so nenn ich den Zeitraum unserer Identitätsabschnitte, war ich schon mal bei einer Zeitung beschäftigt. Dort herrschte immer ein enormer Druck und man hatte es schwer, sich gegen die anderen Zeitungen zu behaupten. Das hier war wirklich entspannt.
      Nach wenigen Stunden war ich mit meiner Arbeit fertig und klopfte an Timothy's Büro, um ihn zu fragen, was ich als nächstes tun und wann er sich meine Entwürfe ansehen könnte.

      _________

      Nick

      Ich gähnte und streckte mich ausgiebig, als ich am Mittag aufwachte. Das Nachtleben gefiel mir schon immer. Schon vor meiner Verwandlung war ich Barkeeper, wobei sich dieser Beruf doch sehr gewandelt hatte. Er machte jetzt noch viel mehr Spaß. Da ich die Rezepturen für jeden Drink auswendig kannte, fand ich auch immer direkt einen Job. Etwas anderes interessierte mich nicht.
      Nach einer erfrischenden Dusche, beschloss ich, mir die Stadt anzusehen. Wie immer trug ich dabei etwas lässiges. Eine Jeans, weißes Shirt und Lederjacke. Meiner hervorragenden Nase folgend, landete ich in einem Café und betrachtete kurz die Menschen hier. Einigen von ihnen sah man meine Leidenschaft an - ich liebte Süßes. In meiner Kindheit konnte sich meine Familie kaum so etwas leisten, daher war es immer was besonderes. Das ist es auch jetzt noch, auch wenn ich nichts essen müsste. Wozu? Es war purer Genuss und nicht, weil ich es zum Überleben brauchte. Ich konnte Samantha's Abneigung gegen Süßspeisen nie verstehen. Alles was sie den ganzen Tag über zu sich nahm war Tee. Ohne Zucker! Schrecklich. Als Vampir brauchte ich mir auch keine Sorgen um meine Figur machen, was überaus praktisch war.
      Ich ließ mich an einem Tisch mit guten Ausblick nieder und beobachtete die Menschen. Unsere Nachbarn zu kennen, war nicht unwichtig. Einige von ihnen würde ich sicher abends in der Bar sehen. Heute Abend war meine erste Schicht und ich war gespannt, wie es hier laufen würde. Sicher gäbe es auch in einer Kleinstadt wie dieser ein paar Raufereien. Nachdenklich betrachtete ich nun die Karte und konnte mich bei der Auswahl kaum entscheiden. Bei meinem ersten Besuch würde ich die Empfehlung des Hauses nehmen und mich danach einfach durchprobieren.
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      - Eugene Ionesco

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    • Timothy

      Die Zeit verging in Windeseile. Als ich auf die Uhr schaute, war es bereits kurz nach 14 Uhr. Der Stapel an Arbeit, der links von meiner Tastatur lag, war inzwischen kleiner geworden. Es waren noch einige Stunden bis zum wohlverdienten Feierabend, aber ich war mir sicher, dem Chaos Herr zu werden. Gerade tippte ich den letzten Satz des Artikels über die bald anstehende Bürgermeisterwahl, als jemand an die Tür klopfte. Aus irgendeinem Grund rechnete ich noch nicht mit Samantha, meiner neuen Kollegin, und schaute überrascht zu ihr auf, als sie mir den fertiggestellten Stapel mit den beiliegenden Entwürfen auf den Schreibtisch legte.
      "Danke, Samantha. Ich sehe es mir gerne gleich an", ließ ich sie wissen und legte meine flache Hand auf den kleinen Berg, den sie sicherlich zu meiner Zufriedenheit erledigt hatte. Die Aufgabe, auf die Probleme und Fragen unserer Leser einzugehen, Lob anzunehmen und mit Kritik umzugehen - das war keine sonderlich anspruchsvolle Aufgabe. Und sie sah aus, als sei die ein schlaues Ding. Sicher hatte sie die Aufgabe ohne Probleme gemeistert. Das einzige, was ihr Schwierigkeiten bereiten könnte, wäre die interne Bearbeitung der Anfragen. Darum wusste sie noch nicht Bescheid, genauso wie manche Formulierungen, die unser Tomatenkopf Johnson besonders gerne verwendete, um den Lesern eine möglichst dicke Schicht Honig ums Maul zu schmieren. Aber learning by doing, nicht wahr? Ich würde sie, sollte mir etwas aufgefallen sein, darauf hinweisen. So würde sie sich alles früher oder später einprägen.
      "Du, sag mal... heute Abend findet ein Firmenessen statt. Das heißt, du bist also genau zur richtigen Zeit gekommen. Es wäre eine Möglichkeit, die Kollegen etwas besser kennenzulernen. Mr. Johnson wird auch da sein, sofern sein straffer Zeitplan es zulässt", sagte ich, obwohl jeder von unserer Redaktion wusste, wie Mr. Johnson am liebsten seinen Feierabend verbrachte: mit einer Flasche Brandy und einer Zigarette auf seiner Terasse oder vor dem Fernseher. Er war geschieden, seit etwa zwei Jahren. Er hatte nur eine Tochter, die aber vor vielen Jahren, genau wie meine Eltern, ausgewandert war, um ihr Glück zu finden. Soweit ich wusste, war sie eine Ärztin. Kinderärztin, Chiurgin, irgendetwas in die Richtung. Sie kümmerte sich also um die kleinen afrikanischen Bürger, die zweifellos die gleiche medizinische Behandlung erwarten durften, wie überall sonst auf der Welt. Er hatte mit ihr nur gelegentlich Kontakt. Seiner Frau, eine liebenswürdige und fleißige Dame, wurde es wohl einfach irgendwann zu viel. Den Alkoholkonsum, meine ich. Wer will schon mit einem Säufer, der zusätzlich noch ein Choleriker ist, verheiratet sein und bleiben? "Es ist ein kleines, gemütliches Resteraunt in der Innenstadt. Ich kann dich mitnehmen, wenn du willst."
      Dabei wusste ich nicht einmal, ob sie mit dem Auto gekommen war, einen Führerschein besaß oder sie überhaupt Zeit hatte. Geschweige denn, ob es für sie einen Platz am Tisch gab. Doch für so eine schöne Frau würde sich sicher immer ein Plätzchen finden. "Das heißt... also, ich meine... wenn du dich umziehen möchtest, oder so... ich... ehm... ich kann dich auch von Zuhause abholen. Ich werde direkt von der Arbeit starten. Zu Fuß ist es etwas zu weit."
      Kurz schwieg ich, bevor ich nervös hinzufügte: "Natürlich nur wenn du Zeit hast, also... es hat dir ja niemand davon erzählt. Vielleicht hast du auch schon was anderes vor, aber wir würden uns alle freuen, wenn du... mitkommst."
      Oh man... wie unbeholfen wirkte ich bitte in diesem Moment? Ich kam mir vor wie ein kleiner Schuljunge, der versuchte sein Schwänzen durch drumherumreden zu vertuschen. Ich spannte meine Kiefermuskulatur an, um den Ärger über mich selbst zu verdrängen. Warum fiel es mir nur so schwer mit Frauen zu reden?


      Ellie

      "Noch zwei Stunden bis zum Feierabend. Und dann! Dann habe ich ein Date!", kicherte die dunkelhäutige, schlanke und große Frau mit dem geglätteten Haar, was sonst lockig wie eine Löwenmähne um ihre perfekten und porentief reinen Gesichtszüge hing.
      "Oh, wer ist es denn dieses Mal?", fragte ich lächelnd, während ich gerade wieder ein paar der schmutzigen Teller in die Spülmaschine stellte. Es herrschte reges Treiben. Das Stadtcafé hatte bis 19:30 Uhr geöffnet, bot neben leckerem Kaffee und Kuchen am Mittag auch warme Speisen an. Sicher nichts aufwendiges, aber köstliche Fish & Chips, Wraps, Chicken Wings und ein paar andere Gerichte. Kurz ließ die blondhaarige ihren Blick über das gemütliche Café schweifen. Der dunkle Dielenboden, die tiefen Deckenlampen, die Sitzbänke mit dem roten Seidenbezug, der stetig frische Duft von frisch gebrühten Kaffeebohnen. Ich liebte diesen Ort! Es war sehr gemütlich und lud zweifelsfrei zum Verweilen ein. Es herrschte schönes Wetter, sodass das Café auch draußen gut besucht war. Im Inneren saß nur eine Gruppe Senioren. Diese unterhielt sich belebt, lachte und genoss ihren Rotwein in vollen Zügen. Die Dame mit dem Kurzhaarschnitt und dem auffallend rosafarbenen Lippenstift hatte sich einen Espresso bestellt, welchen Naomi, meine Kollegin, auch sogleich zu ihr brachte und im selben Atemzug um die Rechnung bat. Ein kurzer Blick auf meine Armbanduhr verriet, dass es 18:30 Uhr war. Bis 20:30 Uhr waren wir meist noch damit beschäftigt, das Café zu säubern. Eine Reinigungskraft gab es nicht. Wir allein waren für die Sauberkeit im Café verantwortlich.
      Mit einem schneeweißen Lächeln kam Naomi zu mir zurück, um die Rechnung fertig zu stellen.
      "Kannst du dich an diesen Typen letzte Woche erinnern? Der, der hier mit ein paar Kollegen seine Mittagspause verbracht hat?"
      "Ach... wie hieß er noch gleich...", überlegte ich kurz. "Trevor oder so?"
      "Tristan. Aber egal. Auf jedenfall hat er mich nach Feierabend am selben Tag abgefangen und mich für heute Abend ins Diner eingeladen", erzählte sie überglücklich und klatschte kurz in die Hände, wie ein Kind, das gerade vor einer Kiste Süßigkeiten stand.
      "Moment mal! Ich unterbreche ja ungern deinen Freudensprung, aber ist er nicht verheiratet gewesen? Frisch verheiratet?"
      "Oh... ja... naja, es klappt wohl mit seiner Frau nicht mehr so gut", erzählte Naomi und zuckte mit ihren Schultern, während sie die Rechnung nochmal auf ihre Genauigkeit überprüfte und Zeile für Zeile durchging als sei es ein interessanter Roman. "Außerdem... wen interessierts, hm?", sah sie dann grinsend auf. "Das ist heute kein Hindernis mehr, Schätzchen. Ich will ihn ja nicht heiraten. Nur etwas Spaß", zwinkerte sie mir zu, stupste mich mit ihren Hüften an, sodass ich fast das Gleichgewicht verlor. Ich, die im Gegensatz zu Naomi noch an die wahre Liebe glaubte, konnte das federleichte Verhalten meiner Freundin in keiner Weise verstehen. Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf, als mein Blick auf einen jungen, gutaussehenden Mann fiel, der gerade draußen Platz nahm.
      "Wo wir gerade beim Thema Spaß sind...", schmunzelte sie mir ins Ohr und sah mich fordernd durch ihre großen, braunen Augen an.
      "Ja, klar... ich geh' schon", lächelte ich Augen verdrehend und ging an der Gruppe Senioren vorbei. Mein Weg führte hinaus durch die Glastür, die beschriftet war mit dem Namen des Cafés: "Rosie's Coffee and Cream", benannt nach unserer lieben Chefin Rosemarie, die aber aufgrund ihres Alters kaum noch selbst tätig war. Lediglich am Wochenende sah sie manchmal nach dem Rechten. Ihr Sohn hatte das Café übernommen und es mit nicht weniger Stolz weitegeführt als seine Mutter über viele Jahrzehnte hinweg. "Guten Abend, der Herr", begrüßte ich ihn vielleicht etwas zu höflich, ohne das es aufgesetzt wirkte. "Was darf ich Ihnen bringen?"
      Aus der Nähe wirkte dieser junge Mann noch viel schöner als aus der Ferne. Ich hatte ihn noch nie vorher gesehen. Ob er neu hergezogen war? Sicher war er mit jemandem verabredet... ach, wie auch immer. Erwartungsvoll schaute ich ihm in seine schier perfekten Augen, um seine Bestellung entgegen zu nehmen.

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.

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    • Samantha

      Ich nickte und wartete einen Augenblick - nicht darauf, dass er es sich ansah, sondern ob er mir noch irgendetwas geben wollte. Als er zu sprechen begann, blinzelte ich kurz und schenkte ihm meine volle Aufmerksamkeit, was ich mit ununterbrochenem Blickkontakt pflegte. So hatte ich es gelernt. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass er.. nervös war? Ich verpasste es, schon nach seiner ersten Aussage zu antworten, da ich so fasziniert von diesem Mann war. Er war nicht wie Nick oder Noah. Schon gar nicht wie Noah. Aber auch meine bisherigen Kollegen waren immer etwas forscher. Richtig unangenehm wurde es, als mich einer jeden Tag anbaggerte. Timothy hingegen schien mir etwas unbeholfen, irgendwie schüchtern. Dabei ging es doch gerade nur um eine Firmenfeier.
      Sein Angebot mich mitzunehmen, war wirklich liebenswert. Ich konnte zwar Auto fahren und ich hatte auch einen Führerschein, aber ich besaß hier in Rainville kein Auto. Ein schönes Holländerfahrrad, mehr nicht. Und zur Arbeit konnte ich in 10 Minuten zu Fuß gehen, da ich nicht direkt in der Innenstadt wohnen wollte. Ich blickte ihm noch immer in die Augen und fing an zu lächeln, als er keinen Satz mehr richtig zustande bekam. Das war mir wirklich sympathisch. "Ich denke, ich kann das Date mit dem Fernseher verschieben..", schmunzelte ich und legte meine Hände hinter den Rücken. "Ich nehme auch gern dein Angebot an. Ich wohne nicht weit von hier. Was trägt man denn in einem Ort wie Rainville in einem Restaurant?", fragte ich nach, da ich mich nicht gleich am ersten Abend zum Hingucker - under- oder overdressed - machen wollte. Nicht das ich etwas besäße, mit dem ich overdressed wäre. Keines meiner Kleider oder Röcke war kürzer als bis zum Knie, da ich mir sonst halb nackt vorkäme. Auch fielen meine Brüste nirgends fast heraus, also war meine Sorge eher darauf bezogen, dass ich zu langweilig aussehen könnte.

      ________

      Nick

      Ich konnte mich wirklich nicht entscheiden und blickte auf, als mich die Bedienung ansprach. Eine wirklich sehr höfliche, junge Dame, die objektiv betrachtet auch sehr hübsch war. Das Aussehen anderer, vor allem von Frauen war mir ziemlich egal. Ich war nicht oberflächlich, aber viel mehr war ich einfach nicht an solchen Dingen interessiert und schon gar nicht an Menschen. Ich beobachtete sie nur gern, doch auf Freundschaften konnte ich verzichten. "Das hört sich alles wirklich sehr gut an... Ich bin erst vor ein paar Tagen hergezogen und habe Lust auf was Süßes.. Da muss ich aber wohl öfter vorbeikommen, wenn ich alles probieren will..", meinte ich, ohne meinen Blick von ihr abzuwenden. "Vielleicht können Sie mir ja etwas empfehlen?" Es roch schon so gut und ich war mir sicher, das mir alles hier schmecken würde, aber wo sollte ich anfangen? Es gab viel zu viele Leckereien, um nur einen Liebling zu haben. Egal ob fruchtig, schokoladig, cremig, kalt, warm. Auch etwas sauer oder bitter durfte es sein, solange es nur süß genug war.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • Timothy

      Ich freute mich sehr, als die junge, hübsche Frau die Einladung annahm. Es war ja kein Date, oder so etwas... lediglich ein gemütliches Beisammensein zwischen Kollegen. Mir diese Tatsache immer wieder einredent, in der Hoffnung, dass sich mein Herzschlag daraufhin verlangsamen würde, konnte ich das Lächeln gar nicht abschütteln. "Oh, typisch Frau. Immer Gedanken um die Klamotten, was? Du wirst sicher in allem toll aussehen", sagte ich... was? Hatte ich das wirklich gerade gesagt!? Gedanken sollte man wohl nicht immer laut aussprechen. Schlagartig wich mein Lächeln. Ein Ausdruck des Ertapptseins musste sich auf mein Gesicht gelegt haben. Ich spürte deutlich die Wärme in mir aufsteigen, was eindeutig von dem Gefühl des tiefen Scharms herrührte. "Ehm... ja. Also... zu deiner Frage. Schicke Kleidung, aber kein bodentiefes Kleid oder sowas. Meistens tragen wir Hemd und Jeans. Also wir, die Männer.. die Frauen nicht."
      Ach, du Idiot! Halt endlich die Klappe!, ermahnte ich mich selbst in Gedanken. Am liebsten hätte ich mich geohrfeigt, doch zog es vor, mich wieder in die Arbeit zu stürzen. Wohl der einzige Weg, um nicht wie ein Volltrottel zu erscheinen. "I-Ich hol' dich dann gegen 19 Uhr ab. Vorher schaffe ich es leider nicht... aber einige der Kollegen sind sowieso ständig unpünktlich, auch wenn es um ihre Freizeit geht."
      Ich stand auf und nahm einen meiner vorbildlich sortierten Ordner in der Farbe Rot aus dem Schrank und hielt ihn ihr mit der Erklärung: "Da stehen einige Codes drin. Es ist ganz gut, sie schon mal gehört zu haben, um mit unserem Programm etwas besser klar zu kommen. Du kannst sie dir gerne bis zum Feierabend anschauen. Auf einer der letzten Seiten steht auch unser Bilder-Programm erklärt... wie man sie einfügt, bearbeiten kann und so weiter. Ich denke, das wird dich interessieren", entgegen.
      Nachdem sie den Ordner entgegen genommen hatte, setzte ich mich wieder an den Schreibtisch. "Ich werde mich derweil dem restlichen Berg widmen. Deine Entwürfe sehe ich mir an. Falls mir etwas auffällt, gebe ich dir Bescheid. Ich werde die E-Mails, sofern sie in Ordnung sind, gerne verschicken."
      Doch es war alles in Ordnung. Es gab kaum Berichtigungen und nur kleine inhaltliche Anpassungen, die aber nicht weiter der Rede wert waren. Sie formulierte schön, ging auf die Belange unserer Leser ganz wunderbar ein. Ich war sehr zufrieden für den ersten Tag. Gegen 18 Uhr hatte sie Feierabend. Ich eigentlich auch, doch die Arbeit zwang mich, noch eine Weile zu bleiben. Kurz verabschiedeten wir uns voneinander, und mit ihr auch ein paar andere Kollegen, die ich aber in Kürze wiedersehen würde. Einige meiner geschätzten Kollegen konnten nicht am Firmenessen teilnehmen. Ob Mr. Johnson kommen würde?
      Als die Arbeit dann endlich erledigt und mein Schreibtisch bis auf zwei einzelne Blätter leergefegt war, machte ich mich kurz auf der Toilette frisch, bevor ich die Räumlichkeiten unseres Büros verließ und mich auf den Weg zum Parkplatz machte. Der Himmel färbte sich bereits in den schönsten warmen Farben. Von dem Unwetter von heute Morgen gab es keine Spur mehr. Perfekt. So würden wir den tollen Tisch im Innenhof bekommen! Anhand der Unterlagen hatte ich die Adresse meiner Kollegin Samantha schnell ausfindig gemacht und stand mit meinem rostfarbenen Oldtimer vor ihrer Haustür. Pünktlich wie die Maurer, versteht sich.

      Ellie

      Also doch. Er war neu in der Stadt. Unwillkürlich musste ich lächeln, als ich diese Information bekam. Ich dachte es mir aber schon, denn so ein gutaussehender Mann wäre mir nicht entgangen. Er hatte eine ganz besondere Ausstrahlung. Etwas mystisches, unnahbares. Und offensichtlich war er doch alleine unterwegs. Oder seine Begleitung verspätete sich. Doch ich wollte nicht weiter darüber nachdenken und meine Aufgabe zu seiner Zufriedenheit erledigen. Und die bestand nun mal daraus, ihm die besten Empfehlungen auszusprechen, ihn zu bewirten, freundlich zu lächeln und alles möglichst sauber zu halten.
      "Oh, Sie essen gerne Süß... ehm. Da kann ich Ihnen unsere Tarte au chocolat empfehlen. Kleiner Schokokuchen, warmer Kern und dazu ein Vanilleeis aus eigener Herstellung", schmunzelte ich lächelnd. "Falls es doch etwas herzhafteres sein soll, kann ich Ihnen die Fish & Chips ans Herz legen. Sie finden nirgendwo bessere", werbte ich nach bestem Wissen und Gewissen für unser kleines, aber unvergleichlich gutes Stadtcafé, welches ich als Kind schon gerne besuchte und die ehemalige Inhaberin seit der ersten Stunde kannte.

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.
    • Samantha

      Typisch Frau? Ich versuchte nicht all zu überrascht auszusehen, doch das folgende Kompliment brachte mich zum Schmunzeln. Das Gespräch wurde immer unterhaltsamer, was mich unglaublich glücklich machte. Noch nie mochte ich eines meiner Leben so sehr, wie ich dieses bereits mochte. Ein romantisches, verregnetes Städtchen und nette Kollegen. Ich hoffte nur, dass Noah es mir nicht wieder kaputt machte. Warum glaubten denn alle immer ich würde mich Hals über Kopf verlieben? So ein Unsinn. Nur weil ich die Menschen um mich herum mochte, bedeutete das noch lange nicht, dass ich jeden auch in mein Herz lasse. So besessen von der wahren Liebe war ich nun auch wieder nicht. Doch ich konnte nicht widersprechen, dass Timothy etwas besonderes an sich hatte.
      Ich lachte leise, als er die Kleidung der Männer beschrieb. "Ich werd' schon was finden..." 19 Uhr also. "Okay." Kaum hatte er sich wieder in die Arbeit vertieft, war er fast schon ein anderer Mensch. Als ich den Ordner entgegen nahm, sah ich kurz auf diesen und betrachtete dann wieder sein Gesicht. Ich wollte ihn fragen, ob ich ihm helfen könnte, doch ich war nur die Neue und er hatte mir ja bereits eine Aufgabe gegeben. "Vielen Dank, Timothy." Nach einem höflichen Nicken drückte ich den Ordner an meine Brust und verließ sein Büro, wo ich kurz durchatmete und dann zu Gabriella sah. Sie war eine herzensgute Frau Mitte 50, die mir sehr mütterlich erschien. "Hast du auch genug getrunken, Samantha? Soll ich dir noch einen Tee machen?" Ihre Fürsorge war mir etwas unangenehm. "Oh.. ich hatte keinen Durst.. Danke, Gabriella." Da ich eigentlich nichts trinken müsste, vergaß ich es gerne während der Arbeit. Bisher hatten sich auch nur selten Kollegen dafür interessiert, dass ich nicht dehydriere, doch Gabriella zuliebe müsste ich mir wohl angewöhnen wieder mehr zu trinken. Sie ging schon in die Küche und machte mir einen Früchtetee, weshalb ich etwas ratlos herumstand. Sollte ich jetzt einfach wieder in mein Büro gehen? Ja, vielleicht.
      Also ging ich in mein Büro und setzte mich an meinen Tisch, um gleich in den Ordner zu schauen. Zuerst wollte ich mir die Informationen zur Bildbearbeitung ansehen. Allerdings stand dort kaum was neues für mich drin. So ein langes Leben war schon ganz praktisch, wobei ich immer so tun musste, als würde ich wirklich neu anfangen. Jedoch war ich in meiner Vorgeschichte ja schon eine kurze Zeit bei einer Zeitung und so wäre es nicht ganz so überraschend, wenn ich etwas erfahrener wirkte. Dennoch las ich mir alles noch einmal durch, um meine Tarnung zu wahren.
      Gabriella brachte mir lächelnd den Tee hinein und hatte noch einen Keks auf den Tellerrand gelegt. Das war eine nette Geste, aber Kekse mochte ich überhaupt nicht. Zartbitterschokolade war noch in Ordnung, alles andere war mir einfach zu süß. "Vielen Dank, Gabriella." Lächelnd sah ich zu ihr auf, ehe sie sich in meinem Büro umsah. "Es ist ein bisschen kahl hier. Du solltest deine persönliche Note einbringen, um es dir gemütlicher zu machen", meinte sie und schenkte mir das freundlichste Lächeln, das ich je gesehen hatte. Auch sie war mir unheimlich sympathisch, auch wenn ich mir Gedanken darüber machte, ihr nicht zu viele Sorgen zu machen. "Ja, mach ich.. Ich weiß da schon etwas."
      Nachdem sie gegangen war, widmete ich mich wieder dem Ordner. Neben Fernsehen und Romanen lesen, las ich auch Fachbücher und alles mögliche. Ich dürfte einem Menschen nie aufzählen, was ich alles gelesen hatte, da es unmöglich klang, das in einem einzigen Leben zu schaffen.

      Als ich Feierabend machte, verabschiedete ich mich von den anderen - auch von Timothy, für den Überstunden nichts ungewöhnliches zu sein schienen. Zuhause machte ich mich kurz frisch und betrachtete den Inhalt meines Kleiderschranks. Ich war nicht typisch Frau. Oder? Ich musste mir nur Gedanken darüber machen nicht aufzufallen. Diese bunte Zeit in den 80'ern war für mich einfach schrecklich und früher hatte man mich als graues Mäuschen betitelt. Heute war es zum Glück wieder elegant. Es gab sogar einige schöne Sachen bei der neuen Auswahl. Also entschied ich mich für eine figurbetonende High Waist Stoffhose in Schwarz und eine weiße Bluse mit Rüschen am Kragen.
      Wie verabredet kam ich nach draußen und erblickte Timothy in seinem interessanten Wagen. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet, aber irgendwie passte es auch zu ihm. "Hi", begrüßte ich ihn und setzte mich lächelnd ins Auto, wo ich mich erst anschnallte und noch einmal zu ihm sah. Hemd und Jeans hat er gesagt. Mit einer Bluse kam ich dem doch schon sehr nahe, fand ich.

      ______

      Nick

      War sie überrascht über meine Vorliebe? Allerdings klang ihre Beschreibung wirklich gut, weshalb ich sogar ein wenig lächelte und bei der herzhaften Empfehlung freundlich abwinkte. "Die tarte au chocolate klingt gut. Das nehme ich. Dazu einen Cappucino mit Zucker, bitte." Gespannt lehnte ich mich im Stuhl zurück und wandte meinen Blick ab, als sie ging. Ich war so etwas wie der Detektiv in unserer Familie, was zum Glück ganz nebenbei ging. In einem Café und besonders in der Bar, konnte ich den Gesprächen der Menschen lauschen. Diese verschärften Sinne waren dafür wirklich praktisch. Also hörte ich mir das Geschwätz der anderen Gäste an und blickte dabei in den Himmel, während ich auf mein Dessert wartete.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • Timothy

      Auch ich begrüßte sie mit einem freundlichen "Hi". Sie sah einfach wunderschön aus. Nicht so freizügig wie viele andere Frauen in ihrem Alter. Ihr Stil wirkte ruhig, klassisch, unaufgeregt und überhaupt nicht hektisch. Zu viele bunte Farben machten mich nervös. Noch nervöser, als ich ohnehin im Beisein schöner, junger Frauen war. Ihr fragt euch, ob das überhaupt möglich ist? Noch aufgeregter zu sein? Zweifelsfrei. Ich betrachtete sie genauer. Ihr hochgestecktes, glänzendes Haar, ihre Rüschen-Bluse in Weiß, wie die Unschuld, und dann diese weite Stoffhose. Alles in allem sehr geschmackvoll. Mein Blick blieb kurz auf ihren Lippen haften, die sich zu einem Lächeln geformt hatten. Mir Idiot fiel das aber wieder viel zu spät auf. Rawrr! Doch ich tat einfach so, als sei alles cool... nur ob mir das gelang? Ich sah auf die Straße und fuhr mit der Bemerkung: "Ich mag dein Outfit. Du hättest dir gar keine Sorgen machen müssen... es passt... da rein. In das Diner, meine ich."

      Ich schaffte es die nett gemeinten, ehrlichen Worte, einigermaßen ohne Stottern hervorzubringen. Es dauerte nicht lange, bis wir das Diner erreicht hatten. Insgesamt waren wir neben vier Journalisten und unserer herzensguten Sekretärin Gabriella noch Pierre, unser Techniker. Er war Franzose, Ende 40. Netter Kerl, hatte zwei Kinder und seine Frau war mit dem Dritten in anderen Umständen. Dann war da natürlich noch unser Chef, Mr. Johnson. Den kennt ihr ja bereits. Nicht zu vergessen unsere beiden Reinigungsdamen. Die Praktikannten, zwei an der Zahl, und die Auszubildene zählen wir nicht. Diese waren nicht priviligiert am Essen teilzunehmen. Ja, manchmal mochte ich es, den Vorgesetzten raushängen zu lassen, auch wenn ein Wort von Mr. Johnson genügte, um die Luft aus meinen Segeln zu nehmen. Ich parkte auf dem einzigen freien Platz. Es war nun 19:15 Uhr, was die Zeiger meiner Armbanduhr verrieten. Ich richtete mir etwas den weißen Kragen und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Samantha bereits aussteigen wollte. "Warte!", sagte ich eilig, schwang mich aus dem Oldtimer und lief um das Auto herum, um ihr die Türe zu öffnen. Das tat man doch als Gentleman so? "Sag nichts... das hat meine Mam mir so beigebracht", sagte ich schmunzelnd, so als wollte ich mich für mein argwöhnisches Verhalten entschuldigen. Ich vollzog eine merkwürdige Handbewegung, senkte etwas den Kopf und sagte weiter schmunzelnd: "Die Dame?"

      Wir betraten das Diner, in welchem bereits die Kollegen sich köstlich amüsierten. Bis auf eine der Reinigungskräfte und unsere viel beschäftigte junge Kollegin - sie war etwa in meinem Alter - waren alle erschienen. Nein... Mr. Johnson war auch noch nicht zu sehen. Das hatte aber nichts zu sagen, denn er kam meistens später. Alle saßen an einem zwei quadratischen und zusammengestellten Tischen. Ihr Gelächter hallte durch das gut besuchte Diner. Unser Weg führte direkt zu ihnen, über diese gewöhnungsbedürftigen weiß-schwarzen Fliesen. Aufgemotzt wurde es vor ein paar Jahren, aber seinem Stil war es immer noch treu verbunden. 80er Jahre. Vor der Tür stand sogar ein paar Oldtimer zu bestaunen. Es war zu einer Tradition geworden, hier gelegentlich gemeinsam zu essen. Unser Chef bezahlte. Vielleicht hatten wir es auch deshalb nie in ein höheres Etablissement geschafft. Manche unserer Kollegen, nahmen es aber nicht ganz so genau, schick Essen zu gehen. Während unser Techniker in T-Shirt und labbriger Jeans erschien, tat es ihm unsere Reinigungskraft gleich. Die anderen sahen einigermaßen passabel aus. Ob sich Samantha nun zu overdress fühlte? Doch ich versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken und begrüßte die Gruppe. "Hey! Da seid ihr ja!", sagten alle im Einklang, hoben ihre Hände, nickten uns zu oder strahlten wie Honigkuchenpferde, als hätte man sich seit Monaten nicht gesehen. Dabei war es nicht mal zwei Stunden her. "Hey, Leute", begrüßte ich jeden von ihnen und setzte mich auf einen der roten Stühle, direkt neben Samantha.

      Ellie

      "Kommt sofort"
      , sagte ich gerne auf seine Bestellung hin und ging wieder ins Innere des Cafés, wo ich schon freudestrahlend von Mr. Superwoman empfangen wurde.
      "OH MEIN GOTT! Er ist so heiß!", sagte sie schwärmend, woraufhin ich nur grinsend den Kopf schüttelte.
      "Dein nächstes Opfer? Was ist mit Tristan?", fragte ich, während ich eine Tasse zum Vollautomaten stellte, sodass der fertige Cappucino hineinlief und deren Geruch die Herzen erwärmte. Zum Glück war die Tarte au chocolat fast fertig.
      "Mein Opfer? Oh nein, mein Schatz. DEIN Opfer!", sagte sie und begann mit einem Waschlappen über den Tresen zu wischen.
      "Vergiss es! Hast du ihn dir mal genauer angeschaut? Er ist locker zehn Jahre älter als ich."
      "Na und!? Die Männer in dem Alter wissen wenigstens was sie wollen! Oder willst du unbefleckt ins Gras beißen?"
      Naomis Augenbraue zog sich fragend in die Höhe.
      "Also erstens habe ich nicht vor die nächsten Jahrzehnte den Löffel abzugeben..."
      Kurz pausierte ich, um die Tasse zu nehmen, sie vor mir abzustellen und etwas Zucker in das warme Getränk zu geben. Fließig umrühren, dann sah ich wieder zu Naomi. "Und zweitens ist er nicht mein Typ."
      "Na klar!", lachte sie. "Wenn ER nicht dein Typ wär, Schatz, dann wärst du nicht von dieser Welt. Also... frag ihn nach einem Date."
      "Du spinnst ja", tat ich ihre Idee nur kopfschüttelnd ab und nahm die Tarte au chocolat dankend von unserer Küchenhilfe entgegen.
      "Jetzt mach schon! Du bist jung, du bist hübsch, du bist sexy! Warum also Zeit verschwenden? Wer weiß, vielleicht wirst du morgen von einem Auto überfahren und siehst ihn nie wieder."
      "Dann hätte ich wenigstens Ruhe vor dir", scherzte ich schmunzelnd, in welches auch Naomi mit einstimmte.
      "Hey!", rief sie mir gespielt beleidigt entgegen. Ich brachte die Bestellung nach draußen, schaute ihn an, nachdem ich das Tablett auf den kleinen runden Tisch gestellt hatte und ihm die Tasse sowie die Tarte au chocolat reichte. Für gewöhnlich aßen unsere Gäste um diese Uhrzeit eher warme Speisen. Aber der Kunde war König, nicht wahr?
      "Dann wünsche ich mal einen guten Appetit", sagte ich lächelnd, überlegte tatsächlich für einen kurzen Moment, ihm eine belanglose Frage zu stellen. Doch ich ließ es.

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.
    • Samantha

      Menschen konnten die unterschiedlichsten Gerüche verströmen, je nach Gefühlslage. Manchmal machte es mir diese Fähigkeit einfacher mit meinem Gegenüber umzugehen, doch bei Timothy bewirkte das eher das Gegenteil. Nicht immer wollte ich wissen oder zumindest erahnen können, wie sich ein Mensch in meiner Gegenwart fühlte. Manchen Vampiren gefiel der Geruch von Furcht oder sexueller Erregung viel zu sehr.
      Timothy's Nervosität machte jedoch auch mich ein wenig nervös. Ich war nie nervös! Schließlich war ich fast unsterblich und ewig jung. Worüber sollte ich mir also schon Sorgen machen? Um es in den Worten meiner Spezies zu beschreiben: Er roch einfach verführerisch. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, wurde es nur schlimmer. Das bedeutete nicht, das ich ihn fressen wollte. Nein. Aber er faszinierte mich noch mehr als andere Menschen. Auch sein Kompliment könnte mein Herz höher schlagen lassen, wenn es das könnte. "Danke..", sagte ich nur leise, fast schon etwas verlegen. Er ist nur ein Mensch! Lasse keinen Menschen zu nah an dich ran und verlieb dich schon gar nicht in einen, versuchte ich mir die Worte der anderen Vampire ins Bewusstsein zu rufen. Wieso verbot ich mir in diesem Moment mich zu verlieben? Ich kannte ihn doch gar nicht und an Liebe auf den ersten Blick glaubte ich nicht wirklich. Wahre Liebe entspringt der Zeit, die man gemeinsam verbringt. Auch wenn das in vielen Liebesfilmen - ich kannte jeden auswendig - so dargestellt wurde.
      Gerade als ich mich gefasst hatte und aussteigen wollte, forderte er mich auf zu warten, nur damit er die Tür öffnen konnte. Etwas überrascht sah ich zu ihm auf und stieg langsam auf. Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen, da er wirklich unglaublich war. Es steckte nicht einmal die Absicht dahinter mich zu beeindrucken, wie es manch ein Kerl tat. "Danke sehr."

      Als wir das Diner betraten, hielt ich mich eher bedeckt und ließ kurz meinen Blick schweifen. Das Lokal war in Ordnung, aber wenn ich es mir genau ansah und dazu noch die anderen Mitarbeiter, dachte ich, dass ein Strickpullover wie ich ihn bei der Arbeit getragen hatte, vielleicht besser gewesen wäre. "Hey..", begrüßte ich sie etwas zurückhaltend und nahm Platz. Solche Veranstaltungen waren immer etwas anstrengend. In größeren Runden schenkte man mir kaum Beachtung, aber bei dieser kleinen Runde hatte ich die Befürchtung, dass ich als Neuling im Mittelpunkt stehen würde. Schließlich würden sie bestimmt mehr über mich wissen wollen. Gabriella auf jeden Fall. Dennoch wollte ich kein Außenseiter sein, der lieber zuhause vor dem Fernseher hockte oder in Büchern versank, wenn sich die Kollegen trafen.

      __________

      Nick

      Ich schloss meine Augen, da auch die Wand zwischen uns nicht verhinderte, dass ich die beiden Frauen verstehen konnte. Mein Gehör war bei weitem besser als meine Nase und manchmal ein wenig lästig. Doch ihr Gespräch interessierte mich nicht. Noah würde dieses Wissen sicher ausnutzen, um das Mädel zu verführen, dass mich so heiß fand. Bei locker 10 Jahre älter musste ich allerdings schon schmunzeln. Wenn sie nur wüsste..
      Lebhaft war sie ja, aber ich wollte nur in Ruhe was essen. Als sie mir das Küchlein servierte, betrachtete ich es kurz, ehe ich zu ihr aufsah und mich fragte, ob sie sich wirklich traute mich zu fragen. "Vielen Dank." Nun widmete ich meine Aufmerksamkeit der Leckerei vor mir und fackelte nicht lang, es zu probieren. Das war wirklich gut. Dieses Lokal würde ich öfter besuchen, außerdem war die Bar nicht so weit weg.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • Timothy

      Die Gruppe unterhielt sich angeregt, stellte der Neuen allerlei Fragen. Woher sie kam, wer sie war, warum sie sich entschlossen hatte ausgerechnet in die verregnete Kleinstadt Rainville zu ziehen. Die Neugierde meiner Kollegen hatte aber auch etwas Gutes, denn so erfuhr ich mehr über die schöne Brünette, ohne selbst fragen zu müssen. Ich lauschte ihrer Erzählung aufmerksam und ich gewann dabei den Eindruck, dass sie mit jeder Minute offener wurde und auftaute. Sogar Spaß dabei empfand über ihr Leben zu erzählen, so als sei es ein offenes Buch und für Jedermann zugänglich. Ich mochte die offene Art der jungen Frau, hatte Freude daran, sie zu beobachten, ihre Gesten und Mimiken aufzusaugen, so als sei es der letzte gemeinsame Abend. Oh man... wie sich das wieder anhören musste. Wie ein Psycho, nicht wahr? Aber das war ich nicht. Einfach nur ein schüchterner Typ, der sich begann, im Beisein einer jungen, sehr gutaussehenden Frau wohl zu fühlen.
      Die Unterhaltung nahm zunehmend Form und Farbe an. Pierre erzählte ein paar urkomische Storys aus seiner Vergangenheit, die wir mindestens schon tausendmal gehört hatten, Gabriella quetschte Samantha zunehmend über ihren Beziehungsstatus aus und ich? Ich ertappte mich dabei, wie ich genau in diesem Moment zweimal hinhörte. Es war eine ausgelassene Stimmung zwischen uns allen. Irgendwann gesellte sich auch Mr. Johnson in seinem viel zu engen Hemd, deren Knöpfe drohten, irgendeinen von uns ins Auge zu treffen. Er hob zur Begrüßung die Hand und bemerkte erst, als er sich niedergelassen hatte, dass eine neue Kollegin am Tisch saß.
      "Oh, Hallo. Sie sind Samantha, richtig? Mr. Johnson", stellte er sich vor, und obgleich nun Mr. Johnson, der mit Vornamen übrigens Carl hieß, nun am Tisch saß oder nicht, die Stimmung blieb ausgelassen und sie wurde noch ausgelassener, als sich herausstellte, dass Mr. Johnson lediglich vorbeigekommen war, um Hallo zu sagen. Er hatte noch einen Termin. Vermutlich nur mit seinem Brandy, aber es ging keinen von uns wirklich etwas an, und so hinterfragten wir sein schnelles Verschwinden auch nicht.
      Gerade bestellten wir den letzten Gang, ein kleines Desserts nach deftigen Burgern, als sich jemand zu uns gesellte, dessen Gesicht ich noch nie gesehen hatte. Locker schlenderte er von der Bar an unseren Tisch. Er war groß, sportlich, sehr maskulin. Ich zog die Augenbrauen etwas verwirrt zusammen, als er sich mit den Worten: "Hey... hast du mich vermisst?", zu Samantha herab beugte und seine Lippen in ihr Haar vergrub, und so viel zu lange für meinen Geschmack verweilte. Sein Grinsen passte zu seinem selbstgefälligen Auftreten. Erst danach warf er einen Blick auf jeden einzelnen von uns. Das Blau seiner Augen wirkte irgendwie... bedrohlich. Er schnappte sich einen Stuhl, quetschte diesen zwischen mich und Samantha und ließ sich nieder, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.
      "Ich stör doch nicht, oder?", fragte er grinsend, während auf seinem Kaugummi kaute und sich locker im Stuhl zurück lehnte. "Was ist, Sam? Willst du mich nicht deinen neuen Kollegen vorstellen?"




      ELLIE FOLGT

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.

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    • Samantha

      Wie erwartet, kamen ein paar Fragen auf mich zu. Fragen, dessen Antwort ich - und die anderen - nur zu gut einstudiert hatten. Wenn wir den Beginn eines neuen Leben planten, durfte sich jeder erst einmal selbst Gedanken über seine Rolle machen und welche Pläne er hatte. Dann wurden diese mit der Familie besprochen, eventuell noch verfeinert und von allen gelernt, damit uns keine Fehler passierten.
      Die Geschichte von Samantha Anderson... Ich wuchs in einer recht großen Stadt auf, die sehr belebt war und auch beliebt bei Touristen. Sie hatte für junge Menschen vieles zu bieten, doch mir war es schon immer etwas zu hektisch. Die Leute dort standen immer so unter Zeitdruck und für Freundlichkeit hatten nicht viele etwas übrig. Bei einem Urlaub in einer kleinen, ruhigen Stadt lernte ich die Ruhe lieben. Meine Familie bestand aus meinen zwei Brüdern, Nick und David, sowie David's Frau Christine und Noah, einem entfernten Cousin. Unsere Eltern und Noah's Mutter waren zusammen unterwegs, als sie vor 5 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen. Unsere Familienbande war stark und so zogen wir gemeinsam nach Rainville. Mir machte der Stress zu schaffen und ich wollte in eine Kleinstadt. Warum Rainville? Weil ich noch nie ein Freund von Sommer und Sonne war - Für Vampire auch nicht gerade angenehm. Rainville lag außerdem im gleichen Staat und mir gefielen die Bilder im Internet, sodass wir uns für diesen Ort entschieden hatten und alle gemeinsam hierherzogen. Ich erzählte noch, dass David und Christine im Krankenhaus arbeiteten, wo sie sich auch kennengelernt hatten. Nicht hier in Rainville natürlich. Eben auf der Arbeit. Das ich mit meinem Bruder zusammenlebe, da der allein nichts auf die Reihe bekäme und das er Barkeeper wäre. Es war eine Geschichte, die ich mir ausgedacht hatte, aber auch sehr mochte, da ich mich darin zum großen Teil wiederfand. Kleinstädte kannte ich von meinem Geburtsort, nicht vom Urlaub, aber ich war auch schon in einer Großstadt und fand es furchtbar. Der Teil, dass ich unbedingt in eine ruhige Stadt wollte, war also keine Lüge.

      Ich genoss die Gesellschaft der anderen und lachte viel - vor allem über Pierre's Erzählungen. Diese Menschen waren wirklich wundervoll und ich wünschte, ich könnte für immer hier bleiben und alt werden. Hoffentlich würde ich im nächsten Lebensabschnitt wieder in einer Kleinstadt leben dürfen. Es war traumhaft. Als Gabriella mich fragte, ob ich in einer Beziehung war, war mir das etwas unangenehm. Ich wollte weder sagen, dass ich Single wäre, noch das ich es nicht wäre. Denn ich wollte niemandem Hoffnungen machen, aber auch keine Beziehung vortäuschen, die es nicht gab. Ich zögerte mit der Antwort und war froh, dass Mr. Johnson zur richtigen Zeit dazukam. Außerdem.. hatte ich Noah's Geruch schon bemerkt und wollte nichts unüberlegtes sagen. "Richtig. Samantha Anderson. Freut mich sehr, Mr. Johnson", begrüßte ich ihn herzlich. Die Stimmung blieb fantastisch, auch wenn der Chef nach kurzer Zeit verschwand.

      Bei den Desserts lehnte ich dankend ab und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass mich Noah's Anwesenheit gerade nicht sehr begeisterte. Wollte er mich vor meinen Kollegen blamieren? Störte ihn Timothy's Geruch und er musste sich wieder aufspielen? Ich war ihm in meinem Leben nur ein einziges Mal dankbar, dass er sich eingemischt hatte - als ein Kollege geradezu stank vor Geilheit. Aber Timothy war in Ordnung! Wie sollte ich ihnen jetzt diese merkwürdige Geste von Noah erklären. Ich antwortete nicht sofort, sondern sah nur zu ihm auf und lächelte, ehe er sich zwischen Timothy und mich drängte. Nun war ich mir sicher, dass er Timothy nicht ausstehen konnte. Ich würde schon nichts dummes tun! Ich brauchte keinen Aufpasser.
      "Was machst du hier?", fragte ich ihn überrascht, aber erfreut und lächelte ihm dabei auch noch wärmstens zu. Meine Kollegen mussten nicht mitbekommen, dass ich eigentlich genervt von seinem Auftrittvwar. Ich stellte ihm meine Kollegen vor und dann stellte ich ihn vor. "Das ist Noah, mein Cousin."
      Dabei sah ich auf die Uhr und dann entschuldigend zu meinen Kollegen. "Entschuldigt.. ich bin noch mit meinem Bruder verabredet. Es war wirklich ein schöner Abend und ich freue mich schon auf morgen", erklärte ich und sah zu Noah herab, als ich aufgestanden war. Ich wollte ja auch ohnehin kein Dessert. "Nick würde sich freuen, wenn du ihn auch an seinem ersten Arbeitstag besuchst." Das war gelogen, aber ich konnte ihn ja schlecht hier lassen. Warum musste er sich schon wieder einmischen und dann noch so verhalten? Ich lächelte meinen Kollegen noch einmal zu und ging dann zur Tür. Noch bevor die Tür ins Schloss fiel, murmelte ich etwas, dass nur Noah hören könnte. "Wenn du nicht mitkommst, tu ich etwas dummes.." Und das meinte ich ernst. Wie lange sollte ich das noch ertragen?
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      - Eugene Ionesco

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    • Noah

      "Nach was sieht es denn aus, Cousinchen? Ich besuche dich"
      , antwortete ich flüsternd auf ihre Worte, während ich sie schmunzelnd ansah und dann meinen Blick der überschaubaren Runde widmete. Was sind denn das für Vögel?, fragte ich mich, als ich jeden der neuen Kollegen Samathas musterte. Dass mich Sam als ihr "Cousin" vorstellte, missfiel mir etwas. Zwar war das die offizielle Version, doch eigentlich wusste sie, dass wir viel mehr waren als das. Und außerdem waren diese Menschen so unglaublich verklemmt. Direkt wurde alles als Inzest abgetan, wenn man nur etwas Spaß haben wollte. Darum empfand ich das dringende Verlangen... naja, etwas "Licht ins Dunkel" zu bringen. Ungeachtet dessen, dass sich mein "Cousinchen" schon verabschiedet hatte, blieb ich weiter locker im Stuhl zurück gelehnt und begann grinsend zu sagen: "Hey, Cousinchen, mach dich locker. Ein paar Minütchen haben wir doch noch. Ich konnte deine netten Kollegen ja noch gar nicht richtig kennenlernen."
      Verwirrte Gesichter sahen mich an, Blicke wurden ausgetauscht, die mehr sagten als tausend Worte. Lässig breitete ich meine Beine etwas aus, um dem gewaltigen Teil zwischen meinen Beinen Platz zu verschaffen. Ich legte einen Arm um Samantha. Nicht dass dieser Idiot links von mir noch auf dumme Ideen kam. Nicht, dass er auch nur im Ansatz eine Chance gegen mich gehabt hätte. Wer würde diesen Schuljungen einem Mann wie mir vorziehen? Genau. Niemand. "Ich denke, dass deine Kollegen noch mehr über mich erfahren wollen", sagte ich, und auch wenn ihre Gesichter etwas anderes verrieten, begann ich meine spektakuläre Geschichte zu erzählen: "Ich bin eigentlich gar nicht mit der hübschen Sam blutsverwandt. Eigentlich war ich ein Waisenkind in Nebraska, und Sams Eltern - ganz großartige... Menschen"
      Das Wort "Mensch" lag wie bittere Zitronentropfen auf meiner Zunge. "... haben mir das Leben gerettet. Sams Vater fand mich in einem Weidenkorb - ihr kennt die Geschichte von Moses? So in etwa, nur die Nacht war eisiger und Wasser gab' es keins. Jedenfalls..."
      Kurz machte ich eine Pause, sah zu der freundlichen Bedienung, die eine rote Schürze trug und ein Kleid, dass wohl originell aus den 80ern entsprungen war. "Hey, Püppchen!", rief ich ihr grinsend zu. "Bring mir ein Bier!"
      Dann sah ich wieder in die Runde. Ich wollte ja nicht auf dem Trockenen sitzen. "Er und seine Frau nahmen mich auf, aber Sams Onkel adoptierte mich schließlich, und so kam es dazu, dass dieses hübsche Ding neben mir, meine Cousine wurde. Aber es hat auch sein Gutes nicht blutsverwandt zu sein, nicht wahr, Süße?"
      Ich zwinkerte ihr zu und jeder von dieser Hohlbirnen musste wohl gecheckt haben, auf was ich damit anspielen wollte.
      "Und hast du jemals erfahren, wer deine wirkliche Familie ist?", fragte die ältere Dame Mitte 50, die ganz offensichtlich den Haken geschluckt hatte. Ich war aber auch einfach derart überzeugend, in allem was ich tat.
      "Oh... nein, leider nicht. Es gingen nur Gerüchte umher, dass meine leibliche Mutter eine einäugige Prostituierte gewesen sei. Zu meinem Vater habe ich keine Infos."
      Ich zuckte mit den Schultern. Natürlich konnte ich mich sehr gut an meine adlige Familie, die in der Renaissance-Zeit gelebt hatte, erinnern. Mein Vater war ein stolzer Mann und meine Mutter die schönste Frau des Landes. Sehr ehrenwerte Menschen. Ihr Tod war tragisch.
      "Ach, schrecklich, das tut mir leid. Aber schön, dass du so viel Glück hattest."
      "Oh ja... das Glück war und ist wirklich auf meiner Seite", entgegnete ich grinsend und warf einen flüchtigen, amüsierten Blick zu meiner wunderschönen "Cousine". Dann kam das Bier mit der perfekten Schaumkrone. Mein Blick haftete kurz auf dem knackigen Arsch der Bedienung. Zu viel weiter Stoff, eindeutig. Aber die Fantasie ließ ich gerne spielen.



      Ellie

      Ich betrat das Café und konnte mir natürlich von Naomi anhören, dass ich versagt hatte, dass ich mich mehr trauen sollte, wurde nach Gründen gelöchert, warum ich ihn nicht angesprochen und ein Date für heute, morgen, nächste Woche - irgendwann - klar gemacht hatte. So das übliche. Dinge, die ich mir jedesmal auf neue von meiner selbstbewussten Freundin anhören konnte. Und trotzdem nahm ich es ihr nicht übel. Wir waren einfach von Grund auf verschieden. Sie, eine bildschöne Frau, die wusste, was sie wollte, voll im Leben stand und schier jeden Mann haben konnte, wenn es wollte. Und ich? Was Männer anging, war ich wirklich eine Niete. Und natürlich gefiel mit dieser junge Mann, dessen Name ich nicht einmal kannte, sehr gut. Wie Naomi schon sagte... ich wäre blind, würde ich nicht sehen, wie attraktiv er war. Doch ich leugnete weiter, dass er mein Typ war, ertappte mich aber selbst dabei, wie ich immer wieder zu ihm herüber sah. Es war 19:30 Uhr. Das Café schloss und ich war sicher, dass sich der Fremde bald auch verabschieden würde, was mich etwas traurig stimmte, auch wenn er sagte, er würde öfters herkommen.
      "So, Süße, macht es dir was aus, wenn ich jetzt schon gehe? Sonst komme ich noch zu spät zu meinem Date."
      "Nein, kein Problem. Ich mach die paar Sachen hier noch... amüsier dich gut, ja?"
      Wir verabschiedeten uns mit einer vertrauten Umarmung.
      "Aber vorher...", begann die dunkelhaarige Schönheit dann nochmal grinsend. Das Weiß ihrer Zähne war wie aus einer Zahnpasta-Werbung, so strahlend und rein.
      Sie legte sich ihre Handtasche über die Schulter, verließ das Café und ging auf direktem Wege zu dem jungen Mann, der bereits um die Rechnung gebeten hatte. Genau diese legte sie ihm vor die Nase - doch es war nicht der einzige Zettel, auf dem etwas stand. Der zweite zeigte eine Handynummer.
      "Hör mal, Sweetheart. Du bist süß. Und voll der Typ meiner kleinen blonden Freundin. Sie ist aber zu schüchtern, um dich anzusprechen", sagte sie ganz offen heraus, beugte sich nach vorne und offenbarte durch ihr eng anliegendes, rotes Oberteil tiefe Einblicke. "Ich glaube, du würdest ihr eine Riesenfreude machen, wenn du dich bei ihr meldest. Bist du ein Scheißkerl - was ich so auf den ersten Blick nicht glaube - und ihr das Herz brichst... dann bringe ich dich um."
      Schmunzelnd richtete sie sich wieder auf. "Bis dann. Schönen Abend", wünschte sie und verschwand.
      Ich hatte alles belauscht und konnte mein Schamgefühl nicht in Worte fassen. Ich musste angelaufen sein wie eine frisch geerntete, reife Tomate, als ich mich schnell hinter dem Tresen versteckte. Von mir aus konnte er gehen, ohne zu zahlen. Hauptsache ich musste ihm nicht mehr in die Augen schauen.

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.

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    • Samantha

      Ich konnte es kaum fassen. Noah blieb einfach sitzen und ließ mich wie eine Idiotin dastehen. Das war einfach nur peinlich. Wenn ich gewusst hätte, dass er heute schon in Rainville sein würde, hätte ich nie zugestimmt an diesem Firmenessen teilzunehmen. Das musste ja so kommen.. Sie wollen dich auch gar nicht kennenlernen!, schrie ich innerlich und überspielte meine Wut mit einem peinlichen Lächeln und kam wieder zurück. Das er dann auch noch seinen Arm um mich legte, war nicht mal die Spitze des Eisberges! Wie stand ich denn jetzt da? Wie eine Frau, die sich vorführen ließ. Am liebsten würde ich mich irgendwo verkriechen. Ganz allein. Mitten im Wald. Im Grand Canyon. Irgendwo. Ganz egal. Seine Überheblichkeit war auch meinen Kollegen sehr unangenehm, was mir nur umso peinlicher war. Was für eine überspitzte Geschichte!
      Als er ein Bier bestellte, musste ich mich echt bemühen, nicht meinen Mund offen stehen zu lassen. So vor meinen Kollegen zu sprechen und seine Haltung. Abartig. Und dann wunderte er sich, dass ich kein Interesse an ihm hatte? Er kannte mich eben absolut nicht. Warum war er dann überhaupt so scharf auf mich? Vermutlich, weil er es als Herausforderung sah und es sein Ego noch mehr pushen würde, würde ich weich werden. Oder weil ich in den über hundert Jahren nicht einem Mann genug vertraut hatte, um ihn an mich ranzulassen. War es das, was er wollte? Eine hundertjährige Vampirin entjungfern? Bah.. niemals.. Eher sterbe ich. Als er dann auch noch behauptete, dass unsere Nicht-Verwandtschaft etwas gutes hätte, blieb mir doch glatt der Atem stehen. Dieses widerliche Zwinkern.
      Gabriella's Frage warf mich fast vom Stuhl und Noah legte noch einen drauf. Oh mein Gott! Dieser Blick.. und dann noch vor meinen Kollegen einer anderen so auf den Arsch zu schauen, als wäre ich ein armseliges Hündchen, dass hinnehmen würde, wie er mit mir umging. Vielleicht dachten sie sogar, dass ich mich von ihm schlagen lassen würde, so einen Eindruck vermittelte er gerade. Nein, diese Rolle konnte ich nicht akzeptieren. Ich bin eine Frau, die weiß, was sie will und sich nicht von so einem Idioten herumschubsen lässt!
      "Ich freu mich wirklich, dich wiederzusehen, Noah. Aber das hier ist ein Firmenessen.. Meine Kollegen haben auch keine Freunde oder Angehörige dabei", erklärte ich ihm ruhig und höflich, um meine Fassung zu bewahren. "Kann ich dich kurz unter vier Augen sprechen?", fragte ich ihn und legte beim Aufstehen meine Hand an seine Schulter. "Bitte entschuldigt uns..", sagte ich zu meinen Kollegen und ging mit Noah nach draußen, wobei ich mich vom Eingang und den Fenstern fernhielt, damit uns niemand sah. "Ich finde es gar nicht witzig, dass du mich so vor meinen Kollegen blamierst..." Meine Stimme klang nun alles andere als freundlich, eher bedrohlich. "Kannst du mich nicht mal ein Leben leben lassen, ohne es zu zerstören? Was willst du von mir? Was muss ich tun, damit du endlich damit aufhörst? Hast du nicht genug Bräute zum Aufreißen?" Ich war es einfach nur leid, dass er sich so aufspielte, als wäre ich sein Eigentum. Wenn ich nur stärker wäre, hätte ich ihn womöglich schon umgebracht, doch gegen Noah hätte ich keine Chance.


      ________

      Nick

      Diese jungen Frauen hatten auch heute noch große Probleme mit Beziehungen.. Früher brezelten sie sich auf und warfen sich den Adligen an den Hals, um ein gutes Leben zu führen. Das war fast schon Sklaverei. Und heute? Entweder jagten sie albernen Träumen hinterher oder warfen sich den Männern an den Hals, um sich zu vergnügen. Solange sie dabei glücklich waren, ist das ja ihre Sache. Aber warum drehte dich im Leben alles um diese zwei Dinge? Sex und Liebe. Ich war kein Romantiker, wie Samantha, die eher zu den Träumern gehörte, aber auch kein Arschloch wie Noah, das gern mit Frauen spielte. Natürlich war ich kein unbeschriebenes Blatt, aber ich hatte weder an dem einen, noch an dem anderen Interesse und dafür hatte ich meine Gründe.
      Mein jetziges Aussehen hatte ich auch erst seit kurzem - jedenfalls für einen Vampir gesehen - da ich mich der Zeit anpasste. Lässige Kleidung, lässige Frisur, einen Ohrring. Das war cool und kam als Barkeeper gut an. Mir gefiel es außerdem auch. Ich wollte damit aber niemanden beeindrucken.
      Ich ahnte schon, was Naomi vorhatte, denn durch ihre Gespräche, konnte ich sie recht gut einschätzen. Frauen, die andere Frauen verkuppeln wollten. Sie meinten es meistens gut, aber ob deren Freundinnen darüber wirklich froh waren, war nicht immer selbstverständlich. Leider passierte es mir öfter, dass mich Frauen ansprachen oder mir zumindest Blicke zuwarfen. Ihr Ausschnitt interessierte mich überhaupt nicht und ich wandte meine Augen nicht von ihren ab, als sie mit mir sprach.
      Ja, ich war mal ein wahrer Gentleman, bevor ich zum Vampir wurde. Äußerlich das komplette Gegenteil von heute. Langes, gepflegtes Haar und immer in schicker Kleidung, da ich ein Adliger war. Ich war auch verheiratet, aber das ist eine lange Geschichte..

      Naomi führte ihren Dialog noch weiter und es amüsierte mich, dass sie mich umbringen würde, sollte ich das Herz ihrer Freundin brechen. Das würde ich zu gerne sehen.. Dennoch. Ich hatte weder Interesse daran, ihr das Herz zu brechen, noch ihr eine Riesenfreude zu machen. Warum auch? Sie war nur ein ganz gewöhnliches Mädchen in einer ganz gewöhnlichen Stadt. Außerdem war sie ein Mensch, weshalb es ausgeschlossen war, dass ich mit ihr etwas anfangen würde. Das konnte Naomi natürlich nicht wissen. Mein Schweigen hatte sie nicht einmal abgeschreckt und ich legte meinen Kopf schief, als ich ihr hinter sah. Wie lästig... Ich wollte nur meine Ruhe genießen. Wenn meine Liebe für Zucker nicht so groß wäre, würde ich nie wieder dieses Café betreten, aber die Speisekarte offenbarte noch so viele Köstlichkeiten.
      Kaum hörbar seufzend nahm ich die beiden Zettel in die Hand und betrachtete die Rechnung. Ich legte das Geld darauf, inklusive eines guten Trinkgelds und steckte den Zettel mit der Handynummer ein. Zwar hatte ich nicht vor, sie zu kontaktieren, aber ich empfand es als unhöflich sie einfach liegen zu lassen. Also machte ich mich auf den Weg ins 'Franky's' der Bar, in der ich ab heute arbeiten werde.

      Dort angekommen, machte ich mich schnell mit meinem Umfeld vertraut. Die Privaträume, die Bar, das Inventar. Eine kleine Führung, ehe die ersten Gäste kamen. "Wenn du was brauchst, frag ruhig", meinte mein neuer Kollege, der hier schon seit 4 Jahren arbeitete. "Alles klar", antwortete ich nur und nahm sofort die erste Bestellung einer Dame an. Einen Zombie. Ohne zu schauen, ob ich auch nach der richtigen Flasche griff - als wüsste ich, dass sie immer dort stehen - mixte ich ihr schnell einen zusammen und servierte ihn auch schon. Ich bevorzugte effektive Griffe, die man durchaus mit Eleganz vollführen konnte, anstelle von dem ganzen unsinnigen Rumgewirbel für eine gute Show. Allein schon, dass ich der Dame beinahe durchgängig in die Augen sah, ohne auch nur etwas zu verschütten und dabei die perfekte Menge der einzelnen Zutaten verwendete, war doch ein Hingucker. Tja. So eine Vampirnase war schon praktisch. Sie erlaubte mir genau zu wissen, wo was stand und mein Feingefühl für die Menge hatte ich in Jahrhunderten perfektioniert. "Bitte schön.." Sie schien begeistert zu sein und auch mein Kollege staunte nicht schlecht. "Wie hast du das gemacht?" "Ich hab ein fotografisches Gedächtnis." Das stimmte so zwar nicht, aber es war die logischste Erklärung für Menschen.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • Noah

      Irgendwie wirkte Sam... unentspannt. Ich wusste, dass sie diese langweiligen Gentlemans bevorzugte. Diese "Männer", die auf ihren weißen Pferden daher kamen, eine einzelne Rose in ihren Händen trugen und ewige Liebe schwörten. Pff! Sie wusste einfach nicht, wie viel Spaß ihr bei diesen ganzen Tagträumereien entging. Dann schien sie es doch recht eilig zu haben. Sie erhob sich, entschuldigte sich, wie es ihr die guten Marnieren vorschrieben, bei ihren merkwürdigen neuen Kollegen und bat mich um ein Gespräch unter vier Augen. Warum hauchte mich nur dieser Touch von Mutter und Sohn an? Aber irgendwie wäre es mal etwas neues, seine Mutter zu vögeln. Grinsend um diesen kleinen gedanklichen Scherz, den ich mir selbst gegenüber erlaubte, zog ich meine Augenbrauen erstmal gemächlich in die Höhe, als mein Cousinchen schon fast die Ausgangstür des Diners erreicht hatte.
      "Immer so unentspannt die Leute von heute, nicht wahr?", fragte ich amüsiert in die aufmerksame Runde. Alle erwiderten mein Lächeln, bis auf den Griesgram zu meiner Linken. Sein Gesichtsausdruck glich dem von sieben Tagen Regenwetter. Lustig, wenn man daran dachte, dass wir uns in einer Stadt mit einer sehr hohen Niederschlagsrate befanden. Ich griff immer noch in aller Gemütsruhe nach meinem Bierglas, trank es mit einem Schluck aus und ließ meine geschickte Zunge um meinen Lippenrand streichen, sodass jeglicher Schaum verschwunden war. Dann stützte ich meine Handinnenflächen etwas widerwillig auf dem Tisch ab, stand mühevoll auf und sah nochmal zu jedem dieser Idioten herab. Wenn sie nur wüssten, dass sie für mich nur kleine, nutzlose Ameisen waren, die ich mit einem Tritt zerquetschen könnte, wenn ich es wollte. Aber nicht heute. Samantha schien sich - warum auch immer - in ihrer Gegenwart wohlzufühlen. Sollte sie ihre Freude haben... vorerst. Kurz bevor ich mich abwendete, um Sam für ein Vieraugen-Gespräch zu folgen, wandte ich mich noch einmal an den Nerdie. "Pierre, oder?", fragte ich, denn auch wenn sein Name bisher nicht in meinem Beisein genannt wurde, so hatte ich ihr Gespräch bereits eine Weile vorher belauscht - mit einem netten kleinen Joint vor der Tür. "Du hast da etwas Grünzeug..."
      Sofort sah er mich mit seinen großen, dunklen Augen an. Die großen Brillengläser rutschten seine gewaltige Nase herab, die er sich im nächsten Moment richtete, bevor er sich erst an den einen und dann an den anderen Mundwinkel fuhr. "Ja, genau da."
      Ich grinste, dann kehrte ich ihnen den Rücken zu und verließ kurz nach Sam das Diner. Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und sah ihr in die Augen, während sie mir eine Standpauke hielt, wie einem kleinen Jungen, der sich nicht an die Etikette gehalten hatte. Langsam begann mich ihr mutterhafte Art anzuturnen. Ich grinste frech, legte den Kopf leicht in die Schräge und antwortete zunächst nichts. Sollte sie doch glauben, was sie wollte.
      "So viele Fragen...", begann ich dann etwas ermüdet. Sie kannte vermutlich auf jede der Fragen schon ihre eigene Antwort. "Ich versuche sie jetzt mal in chronologischer Reihenfolge zu beantworten... erstens: ich zerstöre dein Leben sicher nicht, denn es ist längst zerstört. Ich bitte dich - du liest Nicholas Sparks!? Ein Leben, nach dem perfekten Traumprinzen suchend, immer wartend, dass er morgen vor der Tür stehen könnte... immer treu, zusammen alt werdend, friedlich nebeneinander sterbend, Hand in Hand. DAS ist für mich bereits ein Trümmerhaufen an Leben."
      Kurz pausierte ich, bevor ich fortfuhr: "Zweitens: Was ich von dir will? Hm... Das musst du noch rausfinden.. vielleicht ein bisschen Sex hier, schöne Abende da. Vielleicht auch, dass du mit mir die Welt bereist, oder wir uns gemeinsam einen Spaß daraus machen, Nichtsnutze in die ewige Verbannung zu schicken. Vielleicht lasse ich dich auch einfach gerne leiden... nur so zum Spaß, ohne Gründe. Such's dir aus. Drittens: da kannst du leider nichts dagegen tun. Außer mich zu töten vielleicht. Aber Schätzchen... das gelingt dir nicht. Und die vierte und letzte Frage... Ja, hätte ich. Und wer sagt, dass ich dich aufreißen will, hm? Ein ziemliches Ego hast du dir ja in den letzten paar Jahrzehnten angeeignet."
      Ich nahm die Zigarettenschachtel aus meiner Hosentasche, zog mir einen Glimmstängel heraus und zündete diesen an, bevor ich das Feuerzeug und die fast leere Schachtel wieder in meiner Hosentasche verschwinden ließ. Ich zog kräftig an der Zigarette und blies den Rauch hinaus ins Freie. Und wisst ihr was das genialste an den Drogen war? Genau - sie schadeten mir nicht ansatzweise. "Sind wir dann fertig mit der Befragung? Kann ich wieder rein und mich weiter nett mit deinen Kollegen unterhalten? Nick hat Zeit. Ist ja nicht so, dass er jemals den Löffel abgeben würde."

      Ellie

      Ich versuchte unauffällig zu sein, als ich dem jungen Mann, von dem ich immer noch nicht wusste, wie er hieß, beobachtete. Besonders erfreut schien er nicht, aber wirklich verärgert auch nicht. Für mich war es schwer aus seinem Blick zu lesen. Ich vermied jedenfalls hinauszugehen, tat dies erst, als er verschwunden war. Er war nicht mehr hereingekomen, um das Gespräch zu suchen. Er war einfach verschwunden, so als wäre er nie da gewesen. Vorsichtig näherte ich mich dem kleinen runden Tisch, an dem er gesessen hatte. Ich blickte mich ängstlich um. Was glaubte ich denn? Dass er aus irgeneiner Ecke springen und mich vernaschen würde? Etwas Mut gefasst atmete ich tief durch und ging die letzten paar Schritte schneller. Dann blickte ich zu dem großzügigen Trinkgeld, welches er hinterlassen hatte. Auch wenn ich mich über eine kleine Noitz oder etwas dergleichen mehr gefreut hätte, so war es schön, zu wissen, dass es ihm wohl zumindest geschmeckt hatte. Ich nahm das Trinkgeld, das dreckige Geschirr und ging ins Café zurück, um zusammen mit der Küchenhilfe für den nächsten Tag alles auf Vordermann zu bringen. Heute hatten wor gute Vorarbeit geleistet und so konnte ich bereits zehn Minuten früher als sonst das Café verlassen und endlich nach Hause gehen, um mich meinem Scham vollends hinzugeben und Naomi eine Nachricht zu hinterlassen, die sich gewaschen hat!

      Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet.
    • Samantha

      Noah hörte sich offensichtlich gern selbst reden, weshalb seine Antworten beinahe endlos auf mich wirkten. Das er sich über mich lustig machte, war ich gewöhnt und das ging mir auch nicht nahe. Da er noch nicht fertig war, kam ich wieder mal nicht zu Wort und musste mir sein Gelaber bis zum Schluss anhören. Seine Antworten waren alles andere als erfreulich. Sex? Schöne Abende? Die Welt bereisen? Sicher nicht mit ihm! Und schon gar nicht wollte ich irgendjemanden töten. Das er mich gern leiden sah, glaubte ich sofort. Noah war in meinen Augen ziemlich gestört. War er schon immer so, oder erst nachdem er die Unsterblichkeit erlangt hatte?
      "Nein", antwortete ich, als er jetzt auch noch eine rauchen musste und wieder rein gehen wollte. "Ich will nicht, dass du dich mit ihnen unterhältst Noah. Du sollst verschwinden", forderte ich und sah ihm dabei streng in die Augen.


      Nick

      Ich fühlte mich gut in meiner Rolle und sorgte fast schon dafür, dass mein Kollege überflüssig war. Jedenfalls solange, bis ich mal auf die Toilette verschwand, um mein Handy zu checken. Dieses Ding war schon eine praktische Erfindung. Sam hatte mir geschrieben, dass sie zu einem Firmenessen gehen würde und mich danach vielleicht besuchen käme, doch in Bar's hing sie nur selten ab. Bisher hatte ich keine weiteren Nachrichten von ihr erhalten, was gut oder schlecht sein könnte. Ich wusste, dass dieser Noah sie gern belästigte und hoffte, dass es nicht wieder so ausarten würde, wie das eine Mal. Statt ein paar Jahre, hatten wir gerade mal eine Woche in der Stadt ausgehalten und sind umgezogen, weil Samantha es nicht mehr aushielt, wie Noah sie vor den anderen bloß stellte. Der Sack lernte aber auch nie dazu. Wäre es so schwer, sich mal ein wenig zu bemühen und mal ansatzweise ihre Wünsche zu erfüllen? Auch ein Arschloch könnte eine Rose beim Floristen kaufen. Er trug doch immer so dick auf, also musste er doch ein ausgezeichneter Schauspieler sein. Nur deshalb, wohnte ich mit ihr zusammen, um ihr diesen Typen vom Laib zu halten. Und weil ich keine Lust hatte, mich um irgendwelche Rechnungen oder sonst was zu kümmern. Ich gab ihr einfach meinen Anteil der Miete und dafür hatte sich die Sache für mich erledigt. Die meiste Zeit hing ich eh in meinem Zimmer ab, da der Fernseher ihr allein gehörte und ich diesen Kitsch nicht mit ansehen wollte.
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      - Eugene Ionesco
    • Noah

      Gespielt empört sah ich sie an, während die flache Hand auf meiner Brust ruhte. "Hey! Zuckerschnute! Dir ist schon klar, dass du gerade meine Gefühle verletzt, oder? Das Ding in meiner Brust ist nicht nur aus Stein!", sagte ich, ging auf sie zu, während ich einen nächsten Zug von meinem Glimmstängel nahm und diesen nur halb fertig geraucht ins Nirwana warf. Ich stellte mich zwischen sie und die Tür, damit sie nicht einmal daran dachte, mich wie den letzten Idioten dastehen zu lassen. "Hör mal, Sweetie. Ich habe mich entschlossen, zu euch zurückzukommen, weil ihr meine Familie seid... ihr wisst schon, Loyalität und sowas. Also... bin ich auch zu dir zurückgekommen. Ich finde... du könntest dich ein klitzekleinesbisschen erkenntlicher zeigen."
      Mit meinem Daumen und Zeigefinger zeigte ich ihr, was klitzeklein für mich genau bedeutete. Dann zuckte ich aber mit den Schultern, legte abermals mein gewohntes Grinsen auf und senkte den Blick, weg von ihren wunderschönen Augen. Ja, ich musste zugeben... das waren sie. "Aber hey - ich verstehe das. Du bist aufgeregt... verärgert, dass dir dein unglaublich gutaussehender Cousin - schon wieder - die Show gestohlen hat. Nichts für Ungut, Süße. Ich werde mich zurückhalten, auch wenn dieser lächerliche Verein mir wirklich sympathisch erscheint."
      Ich hob den Blick, und obwohl ich mit dem Rücken zum Diner stand, konnte ich die Blicke von Samanthas Kollegen auf uns spüren. "Geh' nur wieder rein. Ich werde auf dich warten und dich mitnehmen. Und so lange..."
      Ich trat zur Seite, um ihr Platz zu machen, bevor ich mir eine neue Zigarette aus der Schachtel meiner Hosentasche zog und sie mit kurz darauf anzündete. "... rauche ich noch eine", vollendete ich den Satz mit dem Glimmstängel zwischen meinen Lippen. "Aber beeil dich. Es wird kalt", scherzte ich, denn weder Kälte noch Wärme machte uns Vampiren etwas aus. Immer wieder unterbrach ich mein Pfeifen, um dem Nikotin Einlass in meine Lungen zu gewähren.

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    • Samantha

      Seine Gefühle verletzen? Jetzt übertrieb er aber. Als ob er für jemanden, außer sich selbst Gefühle hätte.. Mir war noch nie klar, warum er sich der Familie angeschlossen hatte. Er schien mir eher der Einzelgänger zu sein, aber wenn er mich nerven konnte, genoss er das in vollen Zügen. Ich konnte auf seine Gegenwart gut verzichten und hob nur meine Augenbraue, da ich mich dafür auch noch erkenntlich zeigen sollte. "Danke." Das er sich zurückhalten wollte, hoffte ich doch sehr. Es war mir eben wichtig ein gutes Verhältnis auf der Arbeit zu haben. Er sollte wissen, dass mich dabei die Gefühle der Menschen bisher noch nie beeinflusst hatten. Timothy ist nicht der erste, der.. Interesse an mir haben könnte. Aber der erste, der für mich interessanter war, als andere Menschen. Das musste Noah allerdings nicht wissen. Zum Glück beeinflussten unsere Gefühle unseren Geruch nicht so sehr, wie die eines Menschen.
      Seufzend ging ich an ihm vorbei und hatte ohnehin keine Lust mehr, weiter bei den anderen zu sein. Die Gefahr, dass Noah sich doch wieder dazwischen warf, war zu groß. Zu Nick wollte ich auch nicht, das war nur eine Ausrede. In Bar's ging ich nicht gerne, was sollte ich da auch?
      Als ich also am Tisch ankam, lächelte ich den anderen entschuldigend zu. "Es tut mir wirklich leid..", was genau, formulierte ich dabei nicht genauer, denn ich wollte nicht, dass Noah noch mehr Einfluss auf mein Berufsleben hatte. "Es hat mich wirklich sehr gefreut, euch alle etwas näher kennenzulernen und ich freue mich sehr, dass ich Teil dieses Teams sein darf." Mein fröhliches Lächeln war ehrlich und zeigte, wie sehr ich mich auf die weitere Zusammenarbeit freute. "Wir sehen uns morgen, ja? Schönen Abend noch." Erst am Ende sah ich noch einmal kurz zu Timothy, ehe ich wieder nach draußen ging. "Ich will nach Hause..", sagte ich erschöpft von dieser Situation und ging auf den Parkplatz, wo ich in den Himmel sah, bevor ich zu Noah ins Auto steigen würde. Was für ein furchtbarer Abend.
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    • Timothy
      Für mich dauerte es eine gefühlte Ewigkeit bis Samantha wieder zurückkam. Während sich die anderen über diesen Noah unterhielten, spekulierten, ob die beiden, ungeachtet dessen, dass sie Cousin und Cousine waren - wenn auch nicht blutsverwandt - etwas miteiander hatten. Gabriella war begeistert von ihm, Pierre noch immer wegen dem Grünzeug an seinem Mundwinkel peinlich berührt. Die Meinungen über ihn schienen geteilt. Unsere Reinigungsdame Claire kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. "Er sieht so gut aus, nicht war, Gaby?"
      Diese stimmte nur eifrig nickend zu, während ich mit den Augen rollte. Wieso waren manche Frauen nur so oberflächlich? Er schien ganz offensichtlich keine Marnieren zu haben, war vorlaut, ungehobelt... aber er sah gut aus? Bitte!? Das machte doch nicht alles wett.
      Als ich beobachtete, dass sich dieser Typ zwischen Samantha und die Türe stellte, und ich nur einen Blick auf seine breiten, kräftigen Schultern erhaschte, war ich schon kurz davor aufzustehen und nach dem Rechten zu sehen. Ich hatte bei diesem Typ kein gutes Gefühl. Doch kurz darauf trat er zur Seite und die hübsche Braunhaarige betrat unversehrt das Diner. Das beruhigte mich etwas. Als sie sich daraufhin verabschiedete und jeder der anderen - einschließlich mir -, trotz des Geschehens, freundlich reagierten und offen bekundeten, dass sie herzlich willkommen war, zögerte ich kurz. Doch als die Tür in das Schloss fiel, richtete ich das Wort kurz an meine Freunde: "Leute... ich bin gleich wieder da."
      "Oh, ich glaube, da hat es jemanden erwischt...", kicherte Gabriella. Ob sie wusste, dass ich ein durchaus gutes Gehör hatte? Aber wie auch immer. Ich folgte ihr hinaus in die nun sternenklare Nacht. Durch den Regen hatten sich ein paar tiefe Pfützen auf dem Asphalt gebildet und die Lichter des Diner verliehen dem ganzen ein gewisses gruseliges Flair.
      "Hey, Samantha!", rief ich ihr hinterher und blieb nah bei ihr stehen, vergewisserte mich aber, dass dieser Typ außer Sichtweite war. Dass er uns die ganze Zeit belauschte, konnte ich in dem Moment noch nicht wissen. "Hör mal...", begann ich leise und es fiel mir etwas schwer, ihr in die Augen zu schauen und nicht so verklemmt zu wirken wie ein kleiner Junge vor seiner Einschulung. "Wenn du in Schwierigkeiten bist... dieser Typ dir irgendwelche Probleme macht, dann... zwinker zweimal, okay?"
      Es war ein Flüstern. Die Beziehung zu diesem Noah erschien mir mehr als suspekt. Sie fühlte sich nicht wohl in seiner Gegenwart, das konnte man sofort erkennen. Dann verabschiedete sie sich so schnell... ich musste einfach wissen, dass alles seine Richtigkeit hatte, sonst würde ich in dieser Nacht kein Auge zu machen.

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    • Samantha

      Ich genoss die Ruhe und die frische Luft, ehe ich schon bemerkte, dass Timothy sich mir näherte. Er rief nach mir, weshalb ich mich umdrehte und zu ihm sah. Wie er mich ansah - oder auch nicht - war eine willkommene Abwechslung zu Noah, worüber ich mich sehr freute. Was er dann jedoch sagte, überraschte mich. Was hatte Timothy vor? Er hätte wohl kaum eine Chance gegen Noah und Worte brachten nur selten etwas. Noah hatte seinen ganz eigenen Kopf. Dieses Angebot brachte mich jedoch zum Lächeln und ich legte verspielt meine Hände hinter den Rücken und meinen Kopf etwas schräg. "Mach dir keine Sorgen. Er ist zwar etwas eigen, aber er gehört zur Familie. So schlimm ist er gar nicht. Er drängt sich nur gern mal in den Mittelpunkt. Mir geht es gut", versuchte ich ihn zu beruhigen und seufzte dann leise, wobei ich etwas beschämt zu Boden sah und meine Hände an meine Ellenbogen legte. "Ich hoffe nur, dass du und die anderen jetzt nichts falsches von mir denkt. Er ist nur wie ein großer Bruder, der mich beschützen will. Auch wenn seine Methoden manchmal etwas fragwürdig sind." Zumindest kannte ich es aus Filmen, dass große Brüder manchmal etwas zu sehr den Beschützer spielten, wenn es um ihre kleinen Schwestern ging. Ich war Einzelkind und hatte nie Geschwister, umso mehr liebte ich meine neue Familie. Selbst Noah gehörte dazu und er hatte ja auch gelegentlich seine guten Seiten. Seine Gabe war ziemlich wertvoll, was den Schutz unserer Familie anging.
      Nun sah ich wieder lächelnd zu ihm auf und hoffte, dass er sich von Noah nicht zu sehr irritieren ließ. Mir war die Freundschaft zu Menschen sehr wichtig. Ich versuchte immer von ihnen zu lernen und war der Meinung, dass jede Bekanntschaft im Leben zu einem Puzzleteil wird, aus denen man schließlich selbst bestand. Woran sollte ich mich in einem ewigen Leben erfreuen, wenn nicht an schönen Erinnerungen? Erinnerungen an die Orte, die ich besucht habe, aber vor allem an die Menschen, die ich schon kennenlernen durfte.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco