The Manor's Secret (Countess & Stitch)

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    • The Manor's Secret (Countess & Stitch)



      >> so dark, so deep, the secrets that you keep...
      @Stitch


      Evelyns Finger glitten langsam und behutsam über das Pergamentpapier, während sie sich tiefer in den viel zu riesigen Sessel sinken ließ. Warum ich? Fuhr es ihr ein weiteres Mal durch den Kopf, den Blick nicht vom Pergament abweichen lassend. Seufzend legte sie das Pergament nun doch neben sich auf dem kleinen Holztisch ab und griff stattdessen nach ihrer Kaffeetasse. Es war noch recht früh am Morgen; die Uhr gegenüber zeigte gerade einmal kurz nach acht an. Also genehmigte Evelyn sich mit geschlossenen Augen einen Schluck des frisch aufgebrühten Kaffees, die Tasse dabei mit beiden Händen fest ummantelt. Um solch eine Uhrzeit wollten Evelyns Gedanken ihr noch nicht vollständig gehorchen, was kein Wunder war wenn man bedachte, mit wie vielen unterschiedlichen Themen und Informationen sie sich aufgrund ihres Jobs tagtäglich herumschlagen musste.
      Ein paar Schlucke später hatte sie langsam das Gefühl, Herr ihrer Sinne zu werden, weswegen sie sich abermals dem Pergament zuwendete. Es handelte sich dabei um einen Auszug des Testaments ihres vor kurzem verstorbenen Onkel; Grischa Kovač. Die beiden hatten nie besonders viel miteinander zutun. Im Allgemeinen hatte Grischa mit der gesamten Kovač-Familie kaum etwas zu schaffen - viel lieber lebte er sein eigenes Leben ganz für sich, zurückgezogen in seinem heißgeliebten Schloss, in welchem ihn nie jemand besuchen wollte. Evelyn selbst war in ihrem ganzen Leben lediglich ein einziges Mal im Inneren des Anwesens gewesen; gemeinsam mit ihren Eltern zum Anlass eines Festes. Seither galt das Schloss als verflucht - angeblich hörte und sah man Dinge, die nicht im Bereich des Möglichen lagen. Aus diesem Grunde war es Evelyn zum damaligen Zeitpunkt nicht gestattet, jemals wieder einen Fuß ins Innere zu setzen. Für die mittlerweile 27-Jährige klangen die Behauptungen stets surreal und ließen sie an der Meinung festhalten, dass ihre Eltern und Verwandten ausschließlich nach einem Grund gesucht haben, den Kontakt zu Grischa schwinden zu lassen. Sie selbst konnte sich bis heute nicht daran erinnern, mit irgendwelchen auffälligen Erlebnissen konfrontiert worden zu sein.
      Dieser Vergangenheit wegen machte es Evelyn stutzig, dass nun sie diejenige sein sollte, die das Anwesen erbte. Sie wusste zwar, dass Grischa keinen wirklichen Kontakt zum Rest der Familie hatte, kinderlos war und seine Frau die Scheidung einreichte - trotzdem musste es doch jemanden geben, der ihm näher stand, als Evelyn.
      Seufzend überlegte die Frau, was sie überhaupt mit dem Schloss anstellen sollte. Sie lebte bereits jetzt in einem ansehnlichen, kleinen Häuschen; wobei Grischas Schloss ein nettes Upgrade gewesen wäre. Dabei stellte sich nur die Frage, ob sie allein auf solch einer riesigen Wohnfläche jemals glücklich werden konnte. Zudem war es notwendig Personal einzustellen, damit die umliegende Grünfläche nicht verkam und sie nicht drei Wochen damit beschäftigt sein musste zu putzen. Die anderen Möglichkeiten wären gewesen, das Schloss zum Verkauf anzubieten oder monatlich ein bisschen Extrageld damit zu verdienen, wenn jemand dort zur Miete einzog. Die letzteren Optionen könnten sich jedoch als schwierig gestalten je nachdem, in welchem Zustand das Anwesen sich befand. Letzendes blieb ihr also nichts anderes übrig, als sich zunächst ein persönliches Bild vom Schloss zu machen was bedeutete, eine mehrstündige Fahrt hinter sich zu bringen und für mindestens ein paar Tage dort zu nächtigen. Glücklicherweise war ihr Terminkalender für den Rest der Woche recht frei, da sie die meisten Arbeiten und Projekte für Redaktionen bereits eingereicht hatte und dementsprechend konnte sie bereits am heutigen Tage dorthin aufbrechen. Je früher sie die Besichtigung hinter sich gebracht hatte, desto beruhigter konnte sie schlussendlich sein.

      Mittlerweile war es spät am Nachmittag, als sie mit dem Auto unmittelbar vor einem riesigen Tor zum Stillstand kam. Sie konnte es sich nicht recht erklären, doch es hatte sich angefühlt, als blieb ihr mit jedem Kilometer den sie näher in Richtung des Anwesens fuhr, mehr Luft zum Atmen weg. Selbst die Temperatur sank schlagartig in den unteren Bereich, obwohl der Herbst erst in ein paar Tagen anbrach. Zu Evelyns Glück hatte sie mitgedacht und sich dennoch wärmere Kleidung eingepackt, für den Fall der Fälle.
      Ungeduldig kramte sie in der Handtasche auf dem Beifahrersitz umher. Dem Erbschein lag ein Schlüsselbund bei, den sie in lauter Hektik zu dem ganzen Kleinkram in die Tasche warf, in der dieser nun untergegangen war. Nach ein paar wenigen Minuten des wahllosen Umherkramens hatte sie den Schlüsselbund in den Tiefen ihrer Tasche gefunden und zog ihn hervor, während die andere Hand im selben Atemzug die Klinke der Fahrertür umgriff und diese öffnete. Selbst vom Eingang aus konnte sie nur die Silhouette des Anwesens erkennen, das zu ihrer Überraschung von Nebel bedeckt war. Ist das üblich? - fragte sie sich und merkte, dass das Schloss bisher mehr Fragen als Antworten lieferte. Nichtsdestotrotz folgte sie weiter ihrem Plan, indem sie sich nach dem Öffnen wieder ins Auto begab und tiefer ins Grundstück eindrang, nachdem sie das Tor auf der anderen Seite wieder abgeschlossen hatte.
      Die Größe des Grundstücks und die Möglichkeiten, die sich ihr zur Nutzung boten, überwältigten Evelyn anfangs - doch schnell wurde ihr klar, dass das gar nicht so einfach werden würde. Als sie nämlich vor dem Eingang ihr Auto parkte, verschlug der Zustand des Schlosses ihr beinahe den ohnehin bereits geminderten Atem. Es sah aus, als hätte Grischa hier seit Jahren nichts mehr getan. Die Fassade hatte bereits zu bröckeln begonnen, vereinzelte Fenster zogen Risse mit sich, die Dachplatten waren längst nicht mehr vollzählig, der einst so wunderschöne Burggraben war vollkommen verdreckt und das Unkraut spross nur so vor sich her. Unglaubwürdig hielt die Frau sich eine Hand vor den Mund, während sie die Bilder zu verarbeiten versuchte. Wie viel Personal und Zeit musste sie mitbringen, um dieses Desaster zu beheben? Ist Grischa womöglich sogar hier in seinem Anwesen gestorben? Sie schüttelte sich bei diesem Gedanken und bemerkte, wie ihr die Zähne beim Temperaturabfall zu klappern begannen. Also verschwendete sie nicht noch mehr Zeit, sondern steckte den Schlüssel ins Schloss und betete innerlich, dass das Innere des Anwesens in einem besseren Zustand war.

      Tatsächlich sah es im Inneren weitaus akzeptabler aus, als sie gedacht hatte. Über die Auswahl der Möbel und dem allgemeinen Stil des Schlosses ließ sich zwar streiten - doch im Grunde schien abgesehen von mehreren Spinnenweben und einigen Schränken, die beinahe auseinanderzufallen zu drohten soweit alles in Ordnung zu sein. Immerhin ließ es sich hier auf diese Weise deutlich besser aushalten. Das größte Manko stellte auch hier die Temperatur dar. In ihrem eigenen Zuhause gab es Heizungen; aber hier erblickte sie keine davon. Lediglich Öfen und einen riesigen Kamin konnte sie zum Aufwärmen nutzen - was sie auch sogleich in die Tat umsetzte. Zu ihrem Glück stapelten sich in dem riesigen Raum, der wohl ein Wohnzimmer darstellen sollte, neben dem Kamin die zurechtgeteilten Holzstücke, die sie freudig hineinwarf und entflammte. Mit ihrem vor Kälte ganz zittrig gewordenen Körper blieb sie vor diesem stehen und streckte die leicht blau verfärbten Hände entgegen.
      Bisher hatte sie nur die riesige Eingangshalle mit den überwältigenden Treppen erblickt, das Wohnzimmer und die riesige, beinahe viel zu große, offene Küche. Alleine nur diese drei Räume kosteten sie stundenlange Putzarbeit, wenn sie sich von Spinnenweben und Staub befreien wollte. Was erwartete sie dann erst in den weiteren Räumen? Oder im oberen Stockwerk? Wenn sie sich richtig erinnerte, gab es im Untergeschoss sogar mehrere Keller, unter anderem für Wein und zwei, wenn nicht sogar drei riesige Dachböden. Überfordert mit der Gesamtsituation beschloss sie sich erst einmal einen größeren Überblick zu verschaffen und einen Raum zu finden, den sie vorübergehend für ihre Arbeit sowie ihr Schlafgemach nutzen konnte. Es kostete sie womöglich ein Vermögen - aber sie setzte sich als Ziel, noch morgen in der Früh jemanden anzustellen, der ihr das fürchterliche Putzen abnahm.

      Fast vollständig aufgewärmt hatte sie die weiteren Räume des Schlosses erkundet und war mittlerweile in den Kellern angekommen. Nach und nach spürte sie, wie die Hitze des Kamins auch in die letzten Ecken wie die Keller drang. Hier unten war es bei Weitem nicht so angenehm warm - aber dafür zitterte sie nicht mehr wie Espenlaub. In den Kellerräumen ließ sich nicht wirklich viel ausfindig machen - bis auf in sämtlichen Regalen gestapelte Weinflaschen, alte verschlissene Bücher und verschiedener Werkzeuge lag hier nichts Brauchbares herum. Dachte sie. Die wirkliche Überraschung sollte der letzte Raum bereithalten. Zunächst war es eine Kunst, überhaupt in diesen hineinzukommen. Er war abgeschlossen, mit gleich drei verschiedenen Schlössern und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Evelyn die passenden Schlüssel parat hatte. Als sie in den Raum hineinlinste und den Lichtschalter betätigte, wurde ihre ganze Sichtweise auf Grischa mit einem Mal über den Haufen geworfen. Der Boden des Raumes war geziert durch verschiedenste Symbole, die sie alle nicht zuordnen konnte. Lediglich das riesige, mit roter Farbe nachgemalte Pentagramm inmitten des Raumes sagte ihr etwas. Wenn auch nur durch Filme oder Serien. Sie presste sich das Gesicht zwischen die Hände, während ihre Blicke weiter durch den Raum streiften. An den Seiten stapelten sich verschiedene Bücher und sie alle hatten etwas gemeinsam: Die Überschriften deuteten auf Mythologie, schwarze Magie, Rituale, Satanismus und Dämonen. Was zur Hölle Grischa...? Noch nie hatte sie auch nur den Anschein gehabt, dass Grischa sich für irgendwelche dieser Themen interessierte - geschweige denn seine eigenen absurden Rituale im Keller durchführt. Sie hoffte nur inständig, nicht noch mit verwesten Tierkadavern überrascht zu werden, die er mit Sicherheit zur Erfüllung seiner Hirngespinste geopfert hat. Zumindest roch es nicht danach - aber sie hätte schwören können, den Geruch von Schwefel in der Nase zu haben. "Grischa du verrückter alter Kerl. Ich hoffe es waren nicht deine Hobbies, die dich ins Grab gebracht haben..." sprach sie laut zu sich selbst und kicherte über diesen Gedanken. Sie konnte nie verstehen, warum es Menschen gab, die an solche Dinge glaubten. Die Hölle, Dämonen... Magie. Für all die übernatürlichen Dinge, die Menschen zu sehen glaubten, gibt es logische Erklärungen und innerhalb ihres Berufs hatte Evelyn oft genug gelernt, wissenschaftlich geprüfte Erklärungen zu liefern. Tatsachen die sich auf diese Weise nicht erklären lassen, entsprechen auch nicht der Realität. Aber was sollte man von einem alten Mann erwarten, der über die Hälfte seines Lebens isoliert von der Außenwelt und völlig allein in diesem Anwesen gelebt hatte. Unter solchen Umständen war es nur eine Frage der Zeit, wann seine Vernunft das Zeitliche segnete.

      Ein paar wenige Minuten später fand Evelyn sich ein weiteres Mal in diesem Ritualraum wieder - mitsamt einem Eimer, verschiedenster Reiniger und mehreren Schwämmen. Fakt war, dass sie diese Malereien vernichten musste, bevor noch irgendwer auf die Idee kam, dass sie von ihr persönlich waren. Außerdem wusste sie nicht, wie sie das hätte erklären sollen, falls die neue Putzfrau durch welchen dummen Zufall auch immer plötzlich in diesem Raum landete und dachte, Evelyn war irgendeine Sektenangehörige. Bei diesem Gedanken froren ihre Bewegungen kurzzeitig ein und sie überlegte, ob Grischa eventuell Teil einer Sekte gewesen sein konnte. Kopfschüttelnd warf sie den Gedanken wieder beiseite und tauchte den Schwamm ins Wasser, um sogleich mit dem Schrubben zu beginnen. Die Farbe oder was auch immer zum Malen benutzt wurde, war hartnäckiger als sie glaubte. Ein bisschen etwas ließ sich entfernen, zumindest einige der Symbole - der Rest verschwand selbst unter starkem Schrubben nicht und verblasste nicht einmal. Es schien, als wären einige Symbole genau so wie das Pentagramm mit dem Boden verschmolzen. "Verdammt..." wisperte sie. Dann blieb ihr wohl nichts Anderes übrig, als Teppichboden im gesamten Raum auszulegen. Doch auch das wird ein weiterer Kostenfaktor, den sie sich eigentlich schenken wollte. Sie hasste es, unnötig Geld ausgeben zu müssen. Selbst wenn sie sich nicht allzu große Sorgen um Finanzielles machen musste mochte sie den Gedanken, Geld zu besitzen.
      Die Putzutensilien ließ sie vorübergehend im Raum stehen - vielleicht musste die Farbe auch bloß mit den Reinigern zusammen einwirken und ließ sich morgen doch noch entfernen. Für den heutigen Tag wollte Evelyn nur noch zur Ruhe kommen. Aus diesem Anlass griff sie sich eine Weinflasche aus dem Regal nebenan und ließ sich auf dem Fellteppich vor dem Kamin nieder. Da sowieso niemand da war, würde es mit Sicherheit keinen stören, wenn sie den Wein direkt aus der Flasche trank. Dabei zögerte sie auch nicht, während sie ihr Handy aus der Hosentasche kramte und gerade ihre offenen Nachrichten durchgehen wollte. Mit weit aufgerissenen Augen beförderte sie den riesigen Schluck wein ihre Kehle hinunter und ließ einen schreckhaften Laut hinaus. Kein Empfang. Abrupt sprang sie vom Teppich auf und fuchtelte mit dem Handy durch die Luft, stellte sich an verschiedene Fenster, schaltete den Flugmodus an und wieder aus - nichts. "Nein, nein... nein, nein!" schrie sie durch das gesamte Anwesen. Sie hatte keine Sekunde an den Gedanken verschwendet, dass sie innerhalb des Anwesens keinen Empfang haben könnte. Es war ja nicht so, dass das Schloss inmitten eines Waldes stand. Genau diese Fahrlässigkeit wurde ihr nun zum Verhängnis. Wie sollte sie eine Putzfrau organisieren? Wie sollte sie für die Arbeit recherchieren? Wie sollte sie mitbekommen, was in der Welt vor sich ging? Mit tiefen Atemzügen versuchte sie sich zu beruhigen. Keinen Empfang zu haben war schrecklich, aber es war nicht der Untergang der Welt. Sie fand eine Lösung dafür - wenn auch erst morgen. Vielleicht konnte sie sich Internet verlegen lassen oder Ähnliches. Auf diese Weise ließe sich auch der Verkaufswert steigern, wenn sie nicht selbst einziehen sollte. Sichtlich entnervt trat sie wieder zurück an den Kamin und kippte noch mehr des süßen Rotweins in sich hinein, dessen Wirkung sie langsam aber sicher merkte. Zumindest half ihr das dabei müder zu werden und hoffentlich besser zu schlafen. Wenigstens hatte sie die Lieder ihrer Playlist runtergeladen, sodass sie keinen Empfang brauchte, um mit Wein bei guter Musik die Augen zu schließen und die Ruhe zu genießen.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆
    • "Lad einen Dämon in dein Haus und er wird zahm.
      Bring ihm Speis und Trank und er wird dein Freund.
      Lädst du ihn jedoch wieder aus, geht er mit deiner Seele nach Haus."
      - alte, okkultistische Weisheit
      Asyrion

      Er war den dunklen Schlaf gewohnt ... viele Aönen lang hatte er im Reich der Verdammnis gelebt und nicht viel der Welt erblickt. Als Dämon wartete man nur auf seine Bestimmung, die Anhörung durch einen Menschen. Dieser glorreiche Tag war für Asyrion vor wenigen Jahren soweit gewesen, als ein Mensch namens Grischa Kovac ihn beschwörte. Seit dem lebte er in dieser kleinen Behausung, die Grischa "Schloss" nannte. Da hatten die Dämonen der Unterwelt weitaus beeindruckender Paläste. (Was sicherlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass für die Dämonen die verdammten Seelen der Menschen, die in der Hölle landen, schuften müssen bis an ihr Lebensende.) Nichtsdestotrotz war Asyrion mit dem Gebäude einigermaßen zufrieden, es war verhältnismäßig gut abgelegen und zog aus dem umliegenden Land Energie auf, denn seit Grischa Kovac tot ist, musste der Dämon andere Quellen der Energie finden, die sein Überleben sicherten. 'Grischa, dieser Amateur von einem Schwarzmagier', dachte sich Asyrion kopfschüttelnd, 'hätte er das Ritual nur einmal richtig vollzogen könnten der Dämon unter den Menschen wandeln wie einer von ihnen. Doch stattdessen ist er - wie alle Menschen - zu gierig geworden.' Der Dämon atmete tief ein, es war dunkel seit dem Grischa tot war. Kein Lebensfunke im Schloss, das Asyrion als sein persönliches Refugium betrachtete, erhellte seine Aura und gab ihm Energie bis zu jenem verheißungsvollem Tage.

      Bereits einige Minuten bevor sich die schweren Eingangstüren des Hauses öffneten spürte Asyrion eine Präsenz. Und es war keineswegs die eines vorbeihirschenden Tieres. Es war die eines Menschen. Asyrion zündete innerlich auf wie eine Flamme, die einen neuen Zug Luft abbekam. Vorfreudig grinste er in sich hinein und hoffte sich ein Wanderer oder Ähnliches habe sich hierher verirrt. Dem würde es der Dämon zeigen. Das Schloss gehörte schließlich ihm. Mit jeder Minute spürte er die Präsenz stärker, Schritt für Schritt bis die Person vor der Tür stand und diese ... aufschloß? Wer hatte denn einen Schlüssel für das Schloss? Grischa hatte keine Nachfahren, wieso konnte hier jemand reinkommen? Asyrion war zu unbelesen, was die Neuerungen dieser Zivilisation anging und hoffte, dass es sich maximal um einen Nachlassverwalter handelte, der schaute wie er das Schloss am besten verkaufen kann. Doch weit gefehlt, als die Person die Türschwelle betrat kochte Asyrions innere Energie gerade zu auf. Das konnte eigentlich nur eins bedeuten, Grischa war wieder da. Doch dieser war seit Wochen tot und er hatte - nach den Kenntnissen des Dämons - keine Nachfahren. Oder etwa doch?

      Asyrion begab sich unsichtbar in den Flur, von wo aus er die Energiequelle spürte und sah zu seinem Erstaunen eine junge Frau. 'Lucifer, danke. Meine Gebete wurde erhört. Endlich mal eine Frau und kein alter Sack, das ich das noch erleben darf', freute sich der Dämon innerlich und blieb gleichzeitig starr wie Eis vor lauter Verwunderung stehen. Gut, dass er unsichtbar war. Nach einigen Augenblicken hatte er den positiven Schock verarbeitet und war sich sicher, dass diese Frau irgendwie mit Grischa Kovac verwandt war. Was für ein Jackpot. Das könnte sein Ticket hier raus aus diesem Fluch sein! Endlich könnte er das schaffen wozu Grischa nie im Stande gewesen war.

      Er verfolgte die Frau neugierig über ihre nächsten Schritte durch das ganze Anwesen. Dabei war er amüsiert, da diese scheinbar nicht wusste, in was für einem desolaten Zustand sie das Haus geerbt hatte. 'Das wird ein Spaß sein, sie zu gruseln', dachte sich der Feuerdämon und kicherte leise. Sein Kichern verging ihm als sich die junge Frau an der Tür zu seiner Kammer zu schaffen machte. 'Was macht sie da? Ist sie noch ganz bei Trost?', fragte sich der Dämon und alsbald stand die Dame geschockt in dem Raum. Was hatte sie erwartet? Ein alter Greis in einem Schloss? Natürlich wird dieser irgendwann wahnsinnig und erlangt dann zur Einsicht, dass seine einzige Rettung die Kräfte der Unterwelt sind. Vielleicht würde diese Schocktherapie reichen, damit die Frau seine Kammer nicht mehr störte. Doch weit gefehlt, in Bälde rückte sie mit Putzsachen an und versuchte die Symbole an den Decken und Wänden sowie auf dem Boden zu entfernen. Versuch zwecklos.

      Das Einzige, was Asyrion spürte waren tiefe Schmerzen in seinem Körper. Er verzog das Gesicht und musste sich zusammenreißen seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Als die Frau endlich von ihrem sinnlosen Vorhaben abließ, atmete der Dämon durch. Die Frau ging wieder hoch und Asyrion kehrte in sich. Als es später am Abend war, beschloß er es der Frau heim zu zahlen. Diesen Affront auf seine Kammer und seinen Körper konnte er nicht akzeptieren. Er nahm die Putzsachen, wieder unsichtbar und stellte sie still im Flur ab. Mal schauen, wie sie darauf reagiert.

      Da sich die Frau gerade am Wein ergötzt, konnte er unbemerkt ihr die Schlüssel für die Kammer vom Nebentisch am Kamin klauen und diese behalten. Vorsichtshalber schloss er seine Kammer ab. Es waren die einzigen Schlösser, die zu seiner Kammer im Anwesen, die er komischerweise nicht verzaubern konnte. Die Türen, mit denen man das Gebäude verlassen konnte, verschloss der Dämon leise kichernd und blieb unsichtbar im Flur stehen und wartete bis die Frau sich aufrichtete um ihr erschrockenes Gesicht zu sehen.
    • Evelyns Zehenspitzen wippten zum Takt der Musik und sie erwischte sich sogar dabei, wie sie hin und wieder vereinzelte Worte mitsang. Früher hatte sie das Singen geliebt. Oft hatte sie bei Festlichkeiten für die Familie gesungen, war jahrelang Mitglied in einem Chor und besaß im Allgemeinen eine recht passable Stimme, der zumindest schiefe Töne erspart blieben. Doch heutzutage empfand sie sich als „zu alt“ um weiter an solch Hirngespinsten festzuhalten die ihr weismachen wollten, sie hätte mit ihrer Stimme etwas erreichen können. Hätte sie eine musikalische Karriere eingeschlagen, hätte sie niemals die Anerkennung seitens der Familie bekommen, die sie mittlerweile erhielt. Zwar bestand kaum bis gar kein Kontakt - doch hin und wieder sprachen sie miteinander und Evelyn erhielt Respekt für ihre manchmal gewagten Tätigkeiten.
      Möglich, dass ihr teilweise krampfhafter Wunsch nach Anerkennung durch tiefliegende Traumata aus der Kindheit ausgelöst wurde. Aber dadurch, dass dieser erfüllt wurde, scherte sie sich nicht weiter darum. Eine lange Zeit über war sie mehr oder weniger dazu verdammt, im Schatten ihrer Familie zu leben. Jegliche Handlungen ihrerseits wurden kontrolliert, bewertet und vorgegeben. Wie ein Skript, an das sie sich zu halten hatte. Innerhalb der Familie herrschte eine klare Hierarchie und eine klare Vorgabe, was den Nachkommen erlaubt wurde aus ihrer Zukunft zu machen - und was nicht. Für die Kovác-Familie war das einzig Wichtige, dass der Name von jedem Familienmitglied in den Mündern der Menschen war. Abgesehen von den schwarzen Schafen natürlich (wie auch Onkel Grischa), die auf ganz unauffällige Art und Weise abgekapselt wjeden, sodass es so aussah, als hätten die schwarzen Schafe nichts mit dem Rest der Familie am Hut. Kein Wunder also, dass Grischa sich in seinem trauten Heim isoliert hatte und wer weiß was angestellt hatte. Aber er hatte doch nicht etwa versucht, seine Seele an den Teufel zu verkaufen? Nicht, dass Evelyn daran glaubte, dass sowas überhaupt möglich war. Doch im Zuge ihres Berufes hat sie bereits die ein oder andere Schlagzeile mitbekommen in der behauptet wurde, dass Menschen ihre Seele an den Teufel verkauften, um Träume wahr werden zu lassen. Manche von ihnen sollen sich sogar angeblich das Leben aus diesem Grund genommen haben. Lächelnd verwarf die Frau diesen Gedanken. „Gut, dass meine Familie eine wissenschaftliche Weltanschauung vertritt. Wir erklären die Dinge logisch und liefern Beweise, anstatt Geschehnisse mit übernatürlichen Geschichten in Verbindung zu bringen… so ein Schwachsinn.“ wisperte sie zu sich selbst und kippte den letzten Tropfen des Weins ihre Kehle hinunter.

      Angeheitert schlenderte sie zum Garderobenständer im Flur und stieß dabei mit dem Fuß gegen den Putzeimer, der sich eigentlich noch immer im Keller befinden sollte. Verwirrt kratze sie sich am Hinterkopf und starrte den Eimer für ein paar Sekunden unglaubwürdig an, bevor sie weiter zur Garderobe lief. Hatte sie vielleicht doch zu tief ins Glas geschaut? Egal, die Putzsachen würde sie am morgigen Tage einfach wegräumen. Die Frau zog sich ihren Mantel vom Garderobenständer über und steuerte die viel zu große Eingangsfront der Behausung an. Bevor sie das Ende des heutigen Tages einläuten ließ, wollte sie sich an der eisigen Nachtluft ihrer Nikotinsucht hingeben - hätte dort nicht die nächste Überraschung auf sich warten lassen. Als Evelyn den Türknauf ergriff, öffnete die Tür sich keinen Zentimeter. Verwirrt brachte sie all ihre vom Alkohol betrübte Kraft auf und rüttelte einige Sekunden lang mehrmals am Knauf, bevor sie den Versuch aufgab. Alles was sie hörte, war der festsitzende Riegel des Schlosses, der sich trotz allem nicht verschieben ließ. „Bin ich wirklich so betrunken?“ fragte sie sich selbst. Sie hätte schwören können, nicht abgeschlossen zu haben. Besonders, weil sie in dem Fall mit hoher Wahrscheinlichkeit den Schlüssel von innen hätte stecken lassen. Seufzend drehte sie dem Eingang den Rücken zu und entledigte sich an der Garderobe ihres Mantels. Zu solch später Stunde konnte sie die nötigen Nerven nicht mehr aufbringen, sich mit diesen merkwürdigen Geschehnissen auseinanderzusetzen. Morgen warteten genug Probleme darauf gelöst zu werden.

      Nachdem sie sich in einem der vielen Badezimmer bettfertig machte, suchte sie sich das in ihren Augen schönste Schlafgemach aus. Wenn sie schon die Möglichkeit dazu hatte, konnte sie ruhig wählerisch sein. Das Zimmer besaß einen riesigen Kleiderschrank, der sich über eine gesamte Wandlänge erstreckte und aus massivem Holz gefertigt war. Im Gegensatz zu den heute üblichen Kleiderschränken war dieser noch von Qualität und bot mehr als genug Platz für all ihre Kleidung. Auch beim Bett hatte Onkel Grischa nicht gespart - auf diesem hätten vier Menschen gleichzeitig ohne Probleme liegen können. Im Allgemeinen war das Schlafzimmer prunkvoll gestaltet. Die Wände waren geziert von eingerahmten Kunstgemälden, der riesige Kronleuchter ließ den Raum in warmem Licht erstrahlen, die Dekoration war vergoldet und allein der tiefrote Teppich sah aus, als hätte er ein Vermögen gekostet. Wenn die einzelnen Möbelstücke im Schloss insgesamt so viel kosteten wie sie den Anschein erweckten, konnte sie sich mit diesem Schloss eine goldene Nase verdienen. Zwar hatte sie bezüglich des eventuellen Verkaufes noch keine endgültige Entscheidung getroffen - aber dafür blieben ihr ja auch noch ein paar Tage Bedenkzeit. Bis dahin wollte sie die einzelnen Baustellen angehen und hoffte insgeheim, dass Onkel Grischa abgesehen von seinem scheinbaren Beschwörungskeller noch weitere Geheimnisse versteckt hatte. Im Nachhinein ärgerte sie sich sogar darüber, nicht mehr mit ihm zutun gehabt zu haben. Mittlerweile schien er ein ziemlich interessanter und geheimnisvoller Mann gewesen zu sein. Evelyn musste nur aufpassen, dass sie bei alldem ihre wesentlichen Aufgaben nicht aus den Augen verlor.
      Gähnend kroch sie unter die dicke Wolldecke und ließ sich in die Matratze sinken. Bevor sie ins Land der Träume verschwand, prüfte sie ob ihr Smartphone mittlerweile Empfang bekam - nichts. Eigentlich hatte sie nichts Anderes erwartet, aber die Hoffnung starb zuletzt.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆