Unter einem schlechten Stern [Nordlicht & Michiyo]

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    • Unter einem schlechten Stern [Nordlicht & Michiyo]

      Slice of Life | Romance | Drama

      "Kein Hindernis aus Stein hält Liebe auf, was Liebe kann, das wagt sie auch.“ - William Shakespeare

      Vorstellung


      Schweigend betraten die beiden jungen Männer den Saal und ließen sich von den Bediensteten ein Gläschen reichen. Ihre Haare standen zu Berge, der Wind hatte ihnen eindeutig zugesetzt. Es stand den Zweien auf der Stirn geschrieben, dass sie vor lauter Eile gelaufen waren und dennoch gelang es ihnen nicht, pünktlich zum Benefizkonzert zu erscheinen. Mit dem hellen Quietschen des Mikrofons galt alle Aufmerksamkeit der Bühne, so konnten sie von Glück sprechen, dass ihr Fauxpas niemand sonst bemerkte. Niemand sonst außer Liz. Wie immer entging ihren neugierigen Augen nichts. Nicht dass sie ihren Bruder ständig beobachtete, obwohl dies gar nicht so verkehrt gewesen wäre, nein vielmehr lag ihr Augenmerk erneut auf dem Antlitz seiner Begleitung. Cameron war so lange mit Effys Bruder befreundet, dass er selbst schon Teil der Familie war. Ständig aß er bei ihnen zu Abend, hielt sich bei ihnen auf und als beide Männer das arbeitsfähige Alter erreichten, war es keine große Überraschung, dass sie gemeinsam in der Dynastie Fuß fassten.

      "Eines Tages wirst du das Familienerbe auf den Schultern tragen und das Unternehmen leiten." Hallten die Worte des Vaters in den Ohren der jüngeren Schwester. Natürlich galt der Satz nicht ihr. Sie durfte lediglich von außen betrachteten, zu sehen, wie ihr Bruder der Stolz der Familie war, während sie selbst nur hübsch aussah und zu lächeln hatte. Ähnlich wie auch an diesem Abend. Die Männer kamen zu spät, unbemerkt und ungestraft, trieben, wer weiß schon was und kamen dabei wie immer davon. Effy hingegen hatte ihren Teil des Abends noch vor sich, die laute Stimme im Mikrofon erinnerte sie daran.

      Erst als der Blick Camerons auf den ihren traf, vernahm sie, dass alle Augenpaare erwartungsvoll zu ihr gerichtet waren. Verdammt, hatte sie Mal wieder zu lang gestarrt? Langsam entwich sie ihrer Trance und löste sich von den strahlenden Seelenspiegeln. Wie angewidert ihr Bruder über den schmachtenden Ausdruck war, vernahm sie aus den Augenwinkeln, während sie sich zur Bühne wandte und versuchte, einfach gegen die leichte Schamesröte mit einem Lächeln anzukämpfen. Applaus erklang bei ihren langsamen Schritten, die sich den Weg zur Bühne bahnten, ehe sie dort angekommen das Konzert eröffnete…

      Cameron Reeves: @Nordlicht
      Elizabeth Taylor Hill: @Michiyo

      Christian John Hill: @Michiyo ?
      A heart's a heavy burden.

    • Das Ende des Quartals bahnte sich an. Einige gute Monate hatte die Firma zu vernehmen und schrieb weiterhin schwarze Zahlen. Wie jedes erfolgreiche Quartalsende war es ein Anlass zu feiern. Nicht etwa in Form der gewöhnlichen Benefizkonzerten oder den Dinnerpartys, die sonst regelmäßig im Anwesen der Hills stattfanden, sondern ein Trip ins Ausland für die Geschäftsführer. Chris war für gewöhnlich immer mit am Start, selbst Cameron wurde mitgenommen - alle gingen auf Reisen, während nur Effy zurückblieb. Wieso verstand sie nie. Ihre Mutter hatte noch viel weniger mit den geschäftlichen Vorgängen der Familie zu tun, die jüngste Hill war zumindest dabei, das ganze zu studieren und sich für den Einstieg ins Unternehmen zu engagieren, aber bisher blieb dieser Wunsch unerfüllt. In den Urlaub zu fahren, sah in den Augen der Erwachsenen eben anders aus, als ihre Vorstellungen für die eigene Tochter. Mit ihren Freundinnen durfte sie verreisen oder mit der Oma kleine Städtetrips, Unternehmen, Shoppingmeilen oder Metropolen besuchen. Am Strand einen Drink nach dem anderen zu kippen entsprach definitiv nicht den Anforderungen der Eltern.

      So schrecklich fand die Zwanzigjährige den Gedanken gar nicht mehr, schließlich waren es vier Zeiträume im Jahr, an denen Liz die Bude für sich allein hatte. Keiner, der ihr sagte sie lief herum wie eine "Kampflesbe", niemand der sie daran erinnerte ihre täglichen drei Stunden am Klavier noch nicht erfüllt zu haben oder dumme Kommentare darüber anhören zu müssen, welch Zeitverschwendung ihr Studium war. Allein zu sein hatte durchaus seine Vorteile, doch dieses Mal würde die Studentin nicht einsam bleiben.

      Es war das Jubiläum ihres Hochzeitstages, sogar auf den Monat genau. 30 Jahre - Perlenhochzeit, Grund genug, dieses Mal alles anders zu machen. Statt des üblichen Ausflugs mit den Nachwuchstalenten zog das Ehepaar zu zweit los. Die wohlverdiente Auszeit von Christian war dem Mädchen nicht vergönnt. Räumlich hatten die Geschwister wenig miteinander zu tun. Das Anwesen erstreckte sich über einen Hektar, bot mit seinem weiten Grün und den verschiedenen Flügeln genug Platz für zwanzig weitere Gäste. Als ältester und Erbe des Imperiums lebte der Sohn schon lange nicht mehr im Haupthaus, im Gegenteil, nicht etwa das kleine Poolhaus, um dessen Gunst Effy schon seit ihrem 18. Geburtstag kämpfte, nannte er sein Reich, sondern ein eigenes kleines Haus am anderen Ende des Grundstücks hatte er ganz für sich allein. Obwohl sie unter demselben Dach aufgewachsen waren, hätten ihre Leben nicht unterschiedlicher verlaufen können.

      Gerade als Sebastian und Valentina hinter der Tür verschwanden und ihre Worte des Abschieds nur noch ein leiser Hauch waren, raste Liz die Treppen hinauf, düste durch den langen Flur, bog einmal um die Ecke, ehe sie in ihrem Zimmer stand und hinter ihr das weiße Holz ins Schloss fiel. "Endlich frei." Grinste sie über beide Ohren. Auch wenn es nur für eine Woche war und Chris noch auf dem Anwesen sein Unheil trieb, so war es trotzdem eine Erleichterung für die junge Frau, nicht all ihren Pflichten nachkommen zu müssen. Einmal Teenager sein, ohne nett lächeln und winken zu müssen. Kaum einen Atemzug später zückte die Brünette ihr Smartphone, Clara wartete bereits ungeduldig auf das Go und bekam dies sogleich übermittelt.

      Der Walk-in Kleiderschrank hatte viel zu bieten. Die verschiedenen Stoffe, Farben und Schnitte verbargen sich hier Türme weise. Alles fein säuberlich aufgegangen, gefaltet und gebügelt - einer der vielen Vorteile der Angestellten. Während die farbenfrohe und pompöse Auswahl den halben Raum einnahm, verschlug es Effy wie immer zu diesem Anlass in die kleine triste Ecke, in der ihre selbstgekauften Stücke hingen. Grau, Schwarz, Weiß hier und da ein Klecks Braun oder Beige versteckten sich hier, warteten geduldig auf den Tag, an dem die Hill Tochter sie ohne schlechtes Gewissen tragen konnte. Zuerst ging die Hand zum dunklen Metallica-Shirt, dass sie zu gern mit einem Lederrock trug. Ihr Wohlfühl-Outfit schlechthin, aber die Freundinnen hatten andere Pläne. Eine 90er Party sollte am Abend stattfinden, in einem Schuppen fernab des Innenstadt Chaos. Der kleine Club war eher für unter den alternativen Kreisen bekannt und zog nicht das gängigste Klientel an. Eigentlich entsprach dieser so gar nicht den beiden Frauen, aber wenn man als Hill irgendwo ungestört seinen Spaß haben wollte, ohne anschließend von der Presse zerrissen zu werden, musste man andere Geschütze auffahren. Was ihre Eltern davon halten würden, wenn sie erfuhren, wo sich ihre einzige Tochter rumtrieb, um nicht mit der Familie in Verbindung gebracht zu werden…

      Widerwillig fand sich ein Kostüm, extra dafür einkaufen wollte Liz nicht. Ein gelb karierter Faltenrock mit passendem Blazer war das einzige in ihrem Berg an Klamotten, was dem Motto entsprach, ohne sich wie ein komplett fremder Mensch vorzukommen. Und so machten sie sich auf den Weg.

      Bereits die Straße herunter tummelten sich die leeren Gesichter, allesamt in ihrem eigenen Film. Einige am Lallen, willkürliche Worte am Brabbeln, hier und da hockten Personen, die die Feuerzeuge unter Esslöffeln hielten, andere wiederum waren bereits dabei, sich die Spritze zu legen. Angewidert und mit Leid verzogenem Gesicht wandte sich Effy von dem Anblick ab. Sie durfte sich nicht vor Augen führen, an was für einem Ort sie sich befanden, sonst wäre die Lust des Feierns der Sorge gewichen. "Komm, lass uns schnell rein gehen." Murmelte sie ihrer Freundin zu, während ihre Arme vor dem Körper verschränkt waren. In diesem Augenblick bereute sie ihre freizügige Kleiderwahl gewaltig, aber hinter den verschlossenen Toren der Diskothek würde es wieder anders aussehen. Noch bevor sie Fuß über die Schwelle setzen konnten, erklang eine kratzige Stimme eines Mannes. Dass er Raucher war und seine Lunge ziemlich gelitten hatte, ließ sich nicht überhören und obwohl Effy einfach weitergehen wollte, hielt sie bei seinen Worten doch inne. "Du bist doch die kleine von CJ." Brummte der Fremde aus heißerer Stimme. Ein kühles Glas Wasser hätte ihm sicherlich nicht geschadet. Mitleid durchzog die Gefühlswelt der Brünetten, wich aber schnell der Skepsis, nachdem sie den Spitznamen hörte. Keiner nannte Chris CJ, zumindest nicht in guten Kreisen. Sie hatte die Abkürzung ein einziges Mal gehört. Lange war es her, sie beide waren noch eine Handvoll Jahre jünger als jetzt. Es war das erste Mal, dass Effy ihren Bruder dabei erwischte, wie er Drogen verkaufte, sein Dealer-Name CJ. Betrieb er den Scheiß etwa noch immer? Damals hatte er ihr geschworen, es sein zu lassen, würde sie nur versprechen, ihn nicht zu verpfeifen. Die jüngere hielt ihren Teil der Abmachung und das obwohl ihre Beziehung nach dem Vorfall nur noch schlechter wurde, hielt er sein Versprechen nicht?

      "Hier meine Hübsche, nimm! Ich schulde ihm noch was." Taumelnd hielt er den beiden ein kleines Tütchen hin, darin waren kleine bunte Tabletten zu sehen, von denen die Brünette sofort ahnte, nichts Gutes zu verheißen. "Nein danke, wir brauchen nichts. Aber trotzdem danke." Immer schön freundlich bleiben…Lächeln. Erschreckend, wie selbst in so einer Situation die antrainierten Verhaltensweisen die Reaktion der Hill bestimmten. Unsicher und mit Sorge auf den jungen Zügen blickte sie um sich. Hoffentlich hatte sie keiner gesehen. "Oh na, wenn Sie darauf bestehen. Dankeschön, wir richten Chri- ich meine CJ beste Grüße aus. Schönen Abend noch." Die Vorfreude in Clara's Melodien überraschte Effy sehr. Umso verblüffter sah sie zur Blondine, die mit einer ausgestreckten Hand die Tüte entgegennahm, ehe sie mit der anderen ihre Freundin in den Club zog.

      "Sag Mal spinnst du?! Du weißt doch nicht Mal was das ist, geschweige denn wer der Typ ist! Gib das her!"
      "Ach jetzt reg dich doch nicht gleich auf. Er hätte sowieso nicht locker gelassen und nur weil wir es bei uns haben, müssen wir es ja nicht gleich schmeißen. Wir können es ja auch weiter verkaufen."
      "Als ob das so viel besser wäre."
      Ihre Diskussion führte zu nichts, aber immerhin waren sie in der Diskothek angekommen und etwas sicherer als auf der offenen Straße. Die Musik grölte laut, der Bass ließ den Boden vibrieren und die vielen bunten Lichter heizten die Menge ein. Sofort fanden ihre Körper den Drang zur Bewegung, schwingten sich auf die Tanzfläche und ließ alle anderen Vorkommnisse in dieser Gegend vergessen. Mit dem Ausweis von Claras älterer Schwester war das Hindernis ihres Alters an der Bar überwunden. Am Eingang wurden die gutaussehenden Frauen nie danach gefragt, da sie geschminkt ohnehin älter aussahen. Der erste Drink war stark und bitter. Obwohl Effy Gin sehr gern trank, schmeckte diese Mische kaum nach Tonic Water und von einer Zitrus- oder Gurken-Note war überhaupt nichts wahrzunehmen. Warum mussten die Getränke in den Clubs denn immer so miserabel gemischt sein? Schulterzuckend kippten beide das Glas in einem Zug weg. Genüsslich daran, über mehrere Minuten zu nippen, kam bei dem Mundgefühl nicht in Frage.
      "Na was sagst du? Wollen wir?" Quietschte es aus der Blondine heraus, die so laut sprechen musste, um Gehör zu erlangen, dass sie schon beinahe schrie. In der Hand hielt sie wieder die kleine Tüte.

      Kopfschüttelnd hielt Effy es noch immer für eine schlechte Idee. "Vergiss es." Gab sie kleinlaut von sich, nicht Mal im Versuch laut genug zu sprechen, da ihre Geste allein schon als Antwort reichen sollte. Noch nie zuvor hatte die brave Tochter Drogen genommen - abgesehen von Alkohol und das war auch schon ein vergehen genug. Sie konnte es sich nicht erlauben, nicht mit den vielen Augen, die ständig auf sie gerichtet waren. Allein, dass sie in solch ein Lokal außerhalb flüchten mussten, sprach Bände. Clara schien sichtlich unbeeindruckt davon. Nicht nur in dem Moment, sie war generell wenig eingeschüchtert von dem Namen Hill und der Bürde, die ihre Freundin trug. Von klein auf war es ihr egal, welch Reichtum sie besaßen, alle immer Effy begafften und kein wahres Interesse an der Freundschaft, sondern am Ruhm hatten. Clara war so ziemlich die einzige wahre Freundin, die einzige, von der sich die Studentin sicher war, dass sie aufrichtig zu ihr war. In den meisten Fällen war das eine gute Eigenschaft, doch in dem Moment, in dem die kleine Pille auf der Zunge des Mädels landete, war es das genaue Gegenteil. "Bist du wahnsinnig?!?" Schrie Effy nun doch auf. "Mach dich loooocker." Summte es ihr entgegen, bevor sie wieder an der Bar verschwand, ehe sie mit einer weiteren Runde zurückkehrte.

      "Vielleicht solltest du lieber nicht noch trinken. Wer weiß was das für ein Zeug ist." besorgt wollte die Brünette ihrem Gegenüber schon das Glas abnehmen, da fuhren die Finger der Angeheiterten unter das Glas, um es Effy an den Lippen zu neigen. Scheinbar eine einfache Lösung um den Kopfmenschen zum Schweigen zu bringen. Dem ganzen nicht trauend schielte sie immer wieder zu ihrer Begleitung, aber Clara hatte einfach nur Spaß. Ihr eigenes Glas durfte sie nicht mehr leeren und obwohl sie protestierte, konnte sie nicht verhindern, dass es die in Gelb gekleidete selbst exte. Die Wärme, die sich in der Kehle ausbreitete war mit jedem weiteren Schluck angenehmer, die Longdrinks leckerer aber schnell merkte Effy, dass etwas nicht stimmte.

      Der Kopf war schwer, die Hitze stand ihr im Gesicht und um die Zwanzigjährige herum begannen die Lichter zu verwischen, die scharfen Kanten einem Schimmer zu weichen. So viel hatte sie noch nicht getrunken! Mit jeder verstreichenden Minute begann ihr Herz mehr und mehr zu rasen, bis alles nur noch ein Meer aus Lichtern und Klängen war. Angestrengt blickte sie auf ihr Handy, in dem Versuch, im grellen Schein irgendetwas zu erkennen. Überfordert wusste Effy nicht, was zu tun war. Ihre Eltern waren verreist und selbst wenn sie in der Nähe gewesen wären, sollte das die allerletzte Option sein. Chris würde sie auslachen und direkt wieder auflegen, der Rest ihrer Freunde waren selbst auf Partys unterwegs und so in ihren Gedanken verloren, wählten ihre Finger die einzige Nummer, die ihr ständig im Gedächtnis schwirrte.

      Die tiefe, vertraute Stimme bescherte ihrem Körper eine Gänsehaut, wie ein angenehmer Schauer, der sich die Wirbelsäule hinunter arbeitete. Angerufen hatte Effy ihn selten, da sie sich nicht so nahe standen, wie sie es sich heimlich gewünscht hätte aber trotzdem waren sie sich alles andere als fremd. Am liebsten hätte die Brünette es gelassen, eine andere Nummer gewählt, aber ihr fiel nichts besseres ein als das. "Cam…" hauchte sie mit geschlossenen Augen heraus. Dass sich alles drehte half ihr nicht, sich zu konzentrieren. Es war viel zu laut, um irgendwas zu hören, weswegen sie taumelnd den Weg nach draußen auf sich nahm. Noch immer klingelten ihr die Ohren, ein dumpfes Gefühl bereitete sich in ihren Gehörgängen aus, aber zumindest war es auf der Straße ruhig genug, um ein Gespräch zu führen. "Ich.mir." schwer atmend, wusste Effy nicht mal, wo sie anfangen sollte. "Ich glaub, mir hat..je-jemand was inss Glas ge-tan." So schwer gingen ihr Worte noch nie über die Lippen, man könnte meinen, es war der Schwarm am anderen Ende der Leitung, der dafür verantwortlich war. Für gewöhnlich würde es auch zutreffen, aber diesmal lag es schlichtweg daran, dass ihr Körper nicht mehr tat, was sie wollte. Viel zu laut hatte sie auf der offenen Straße den Fakt heraus posaunt. Nicht mal eine Jacke bedeckte sie, der Rock war viel zu kurz und ihr Bauch war ebenfalls halb entblößt.

      Zitternd an eine Wand gelehnt, wartete sie auf ihren Ritter in goldener Rüstung. Wie viele Hunde oder Obdachlose dort wohl schon ihre Geschäfte verrichtet hatten… Effy tat alles in ihrer Macht stehende, sich auf den Beinen zu halten. Nicht der Kälte und dem Drehen vor ihren Augen nachzugeben, indem sie sich zu Boden warf und wer weiß was Platz zu nehmen. Als seine Umrisse am Horizont erschienen, wusste die jüngste Hill sofort, dass er es war. Er musste es einfach sein. Egal wie verzerrt ihre Wahrnehmung war und wie sehr die Straßenlaternen blendeten. Diesen Mann hätte Effy noch mit drei weiteren Gläsern intus erkannt. Halb im Stolpern kam sie ihm entgegen, fiel ihm erleichtert in die Arme und lehnte an seiner Brust, ohne sich regen zu können. Dieser Duft, war ihre Droge. Nicht das Parfum das er trug, sondern die Mischung aus diesem, vereint mit seiner eigenen Körpernote war es, dass sie in den Wahnsinn trieb. Cameron hatte schon immer gut gerochen und einen hervorragenden Geschmack in Sachen Pflegeprodukten bewiesen, aber vielleicht war es auch einfach nur der Fakt, dass er in ihren Augen nie etwas hätte falsch machen können, selbst wenn es bedeutete, in Düngemittel zu duschen.

      Unendlich dankbar für sein Erscheinen, fand sie Ruhe. Die Augen wurden schwerer und bevor sie letztlich los ließ, nahm sie alle Kraft zusammen, um sich an ihn zu klammern. Wie ein unschuldiges Äffchen hüpfte sie auf den Mann, die Arme um den Hals gelegt, die Beine um die Hüfte geschlungen, sodass der 29-Jährige gar keine andere Wahl hatte als das Mädchen stützend an den nackten Oberschenkeln oder ihr Gesäß zu stützen. In dem Rausch hätte es nichts gebracht, sie wieder auf die Beine zu stellen, weit wären sie nicht gekommen und mit einem Mal wurde alles dunkel.

      Die Sonnenstrahlen blendeten unheimlich, als die Lider langsam klimperten. Schwindelig war ihr noch immer. Der Raum stand still und überschlug sich nicht mehr, ein Fortschritt - wie sie dachte. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, wo sie war. In einem weichen Bett, die andere Seite leer und kühl entweder, weil Effy die Nacht alleine darin verbracht hatte oder der Platz schon vor einigen Stunden verlassen wurde. "FUCK!" Schreckte sie hoch, als ihr Hirn langsam verarbeitete, was geschehen war. Sie lag in Camerons Schlafzimmer oder doch Gästezimmer? Nein… Dafür roch es zu sehr nach ihm. Panisch sahen sich die hellen Augen um, suchten aber von ihm fehlte jede Spur. Hatte sie was schrecklich Dummes getan? Sie erinnere sich nicht. Eine Lücke, schwarzes Loch an nichts in ihrem Gedächtnis. Die Bettdecke hoch reißend, hob sie ihren süßen Arsch aus dem Kingsize-Bett und erhielt sofort den nächsten Schock. Ihr Spiegelbild stand ihr gegenüber. Nackt! Gut, zumindest ihren String und das Bustier aus Spitze trug sie noch, aber ihre Klamotten waren überall auf dem Boden verteilt. "Oh mein Gott…" fluchte sie leise in sich hinein, während ihre Gedanken sich mehrmals überschlugen. Was zur Hölle hatte sie getan, nachdem die Lichter aus waren? Kein erdenkliches Szenario wäre ansatzweise zu dulden. Hatte sie sich ihm an den Hals geschmissen und blank gezogen oder war tatsächlich was passiert und Effy besaß keinerlei Erinnerung? "Du hasst es, in Klamotten zu schlafen. Vor allem Ekel Club Klamotten, die nach Rauch stinken." Diktierte sie ein kleines Mantra, um sich selbst zu beruhigen und die Situation nicht zu sehr zu interpretieren. Vielleicht war es ja halb so schlimm. Cameron hatte Effy geholt, ins Zimmer gebracht und dann als Gentleman, der er war, auf der Couch geschlafen? Alles ganz harmlos und nicht peinlich, ja das musste es gewesen sein, doch das Spiegelbild ließ sie nicht mehr los… Es war ihr unheimlich unangenehm. In der Not stülpte sie den Rock über ihre Hüfte. Ein Blick zur Uhr verriet, dass sie viel zu spät zur Klavierstunde kommen würde und sich wirklich beeilen musste. Auf keinen Fall konnte sie in dem Outfit dahin, der Weg nach Hause war auch zu weit. "Fuuuck." Brummte es erneut über ihre Lippen. Sie hatte ohnehin schon alles versaut, da kam es ihr nicht als großes Verbrechen vor, sich ohne zu fragen ein weißes Hemd aus seinem Schrank zu stehlen und überzuziehen. Bis zum Busen zugeknöpft und eine Seite des Hemdes in den Rock gestopft, sah es gar nicht so verkehrt aus. Wirklich ablesen, dass der Look nicht geplant war, konnte man nicht. Schaute gar nicht so schlecht aus. Leise und beschämt traute Effy sich hinter die Tür zum offenen Wohnbereich und fürchtet vor dem, was dort auf sie wartete.
      A heart's a heavy burden.

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    • „Und ich soll wirklich nicht mehr mitkommen?“, hörte man die leicht rauchige Stimme von Cameron sagen. Die Sorge, aber auch die Müdigkeit war von seinen Augen abzulesen. Eine ungesunde Blässe und die tiefen Schatten unter jenen azurblauen Augen verrieten, dass er seit Tagen nicht durchgeschlafen hatte. Wie sollte er auch? Der Stress auf der Arbeit, aber noch viel mehr die Sorge um seine schwerkranke Mutter ließen ihn keine Ruhe finden. Das einzige, was ihn von dem stressigen Alltag ablenkte, waren die Joggingtouren im Wald oder der Alkohol, der seine Emotionen zumindest für einen kurzen Moment betäubte, was ihm aber am nächsten Morgen tausendfach zurückgezahlt wurde.
      „Ja, alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen“, antwortete dem überarbeiteten Blondhaarigen eine engelsgleiche, samtweiche Stimme. Seine Mutter saß auf dem Beifahrersitz. Ihren kahlen Kopf bedeckte sie durch ein dunkelblaues Tuch, welches sie am Hinterkopf zu einer Schleife gebunden hatte. Ihr schmales Gesicht wirkte müde, erschöpft und gezeichnet. Gezeichnet von den vielen Chemotherapien, Bestrahlungen und unendlich langen Krankenhausaufenthalten. Morgen sollte erneut solch ein Tag sein. Einer dieser ätzenden Behandlungen stand an. Aber neben der Sorge und dieser unendlichhen Müdigkeit, konnte man noch etwas anderes aus ihren tiefbraunen Augen lesen: Besorgnis.
      „Ist alles ok, Mam?“, fragte Cameron und sein Lächeln wandelte sich in den Ausdruck von Ernsthaftigkeit.
      „Ja, ja... alles in Ordnung, nur...“
      „Was ist los?“
      „Ach, Cam...“, seufzte sie, senkte den Blick und ihr spitzes Kinn verschwand in dem dicken Woll-Schal, den sie um den zarten Hals trug. „Ich mache mir Gedanken, weißt du... dass es auch für dich zu viel werden könnte. Diese ständigen Krankenhaus-Besuche, deine Arbeit... Ich sehe dir an, dass du erschöpft bist. Und es tut mir so leid, ich möchte wirklich nicht...“
      „Mam... alles in Ordnung, okay? Du brauchst dir wirklich keine Sorgen um mich zu machen. Ich mache das gerne. Die letzten Tage waren etwas stressig, ja. Aber es wird auch wieder besser.“
      „Ja... ja, du hast Recht“, sagte sie und ein schwaches Lächeln zeigte sich auf ihrem blassen Gesicht. Unsicher fragte sie: „Dann morgen um 9:00 Uhr?“
      „Ich bin hier“, antwortete Cameron lächelnd, ohne sich anmerken zu lassen, wie erschöpft und am Ende er eigentlich war. Er wollte seiner Mutter Sicherheit geben. Halt. Genauso so wie sie ihm all die Jahre.
      „Danke, mein Liebling.“
      Sie umarmten einander, verharrten einen Augenblick, ehe Cameron fragte, ob er seine Mutter zur Tür des kleinen Einfamilienhauses begleiten sollte. Doch stolz wie sie war, lehnte sie mit den Worten „Das schaffe ich noch alleine“ ab, stieg aus und ging die paar Schritte zur Haustüre – alleine. Erst als Livia die Tür hinter sich geschlossen hatte und aus dem kleinen Fenster das Licht hell erstrahlte, warf Cameron einen Blick auf sein Smartphone. Eine neue Nachricht. Es war Jane. Na klar, wer sonst. Die süße Blondine mit der er schon seit Wochen nicht nur den Arbeitsplatz teilte. Er laß die beiden Zeilen. Sie wollte sich mit ihm treffen – heute noch. Die Andeutungen waren kaum falsch zu interpretieren. Doch heute wollte Cameron seine Ruhe. Der Tag war anstrengend und all die Sorge, um seine geliebte Mutter, ließen ihn sich zu keinerlei sexueller Beschätigung mehr hinreißen. Und somit antwortete Cameron nur kurz und knapp, dass er heute ziemlich fertig sei und sie sich morgen auf der Arbeit sehen würden. Sicher würde Jane tagelang kein Wort mehr mit ihm sprechen. Doch das war ihm auch recht. Manchmal redete sie ohnehin zu viel. Sein Pivatleben hielt er vor ihr und sämtlichen anderen Menschen geheim. Nur sehr wenige Ausnahmen wussten von seinem gewalttätigen Alkoholiker-Vater, der von seinm Schwager ermordet wurde und von seiner ehemals depressiven Mutter, die nun mit einem Bein im Grab stand.
      Einen kurzen Blick warf er noch zu dem leuchtenden Fenster, dann startete er den leisen Motor und fuhr los. Er wohnte nicht sehr weit weg von seiner Mutter. Es war ein Hochhaus mit mehreren Wohnungen. Dort lebte er nun seit gut zwei Jahren. Wirklich wohl fühlte er sich nicht. Er sehnte sich nach mehr Ruhe, hatte schon oft überlegt ein kleines Häuschen, außerhalb der Stadt, zu kaufen, vielleicht an einem Waldstück gelegen, fern vom Trubel der Stadt. Doch bisher hatte er sich diesen Wunsch unerfüllt gelassen. Sämtliches Geld, das er verdiente, wanderte in die teuren Behandlungen seiner Mutter, die selbst als Floristin arbeitete und einen kleinen Laden unweit von ihrem Zuhause betrieb. Dort hatte sie sich in den letzten Wochen allerdings kaum blicken lassen. Ihr Wille war stark, doch ihr Körper zu schwach, um noch stundenlang die Wünsche der Kunden zu erfüllen. Aber sie hatte nette Menschen, die sie wunderbar vertraten.
      Zuhause angekommen war es nicht die dicke Katze oder der euphorische Hund, der ihn begrüßte. Kein Kinderlachen, oder die Frau, die in der Küche schon das Essen fertig zubereitet hatte – nein. Es war das Chaos, das ihm einen Guten Abend wünschte. Müde warf Cameron einen flüchtigen Blick über den vollen Schreibtisch, der an einem der großen Fenster stand, auf die leeren Bierdosen, auf dem kleinen Wohnzimmertisch und die Klamotten, die überall herumlagen. Er wusste, dass das Chaos sich nicht selbst beseitigen würde und so begann er, zumindest grob, Ordnung zu schaffen. Er räumte die leeren Dosen vom Tisch und sämtliche Kleidung landete nicht nur im Wäschekorb, sondern sogar in der Waschmaschine. Während im Hintergrund das gute Gefühl von getaner Arbeit zu hören war und der Wachgang noch genau 26 Minuten bis zur Fertigstellung benötigte, schlenderte Cameron in die offene Küche. In der Mikrowelle standen noch die Reste vom Vortag. Lasagne – so wie gefühlt jeden Tag. Seufzend schaltete er die Mikrowelle ein und knöpfte die ersten Knöpfe seines Hemdes auf. Gerade als die Waschmaschine ihren Dienst erledigt hatte, die Lasagne – oder zumindest die Reste von jener – verdaut waren und im Fernsehen irgendein lächerlicher Horrorfilm aus den 80er Jahren lief, erleuchtete das Smartphone die Dunkelheit. Halb dösend griff er nach dem Krach machenden Etwas, bevor er sich die Müdigkeit aus seinen Augen rieb. Effy? Warum ruft mich Effy an? Das fragte er sich wohl im Stillen, ehe er den Anruf entgegennahm und sich mit etwas verschlafener Stimme meldete. Er hörte zu, doch ihre Worte waren nur schwer zu verstehen. Was? Ihr hatte jemand etwas ins Getränk getan? Cameron richtete sich auf.
      „Wo bist du?“, fragte er. Dieses Rätsel schaffte Effy noch zu lösen, ehe es still wurde.
      „Scheiße!“, fluchte er, noch bevor er vom Sofa aufsprang, zur Wohnungstür eilte, Schuhe und Steppjacke anzog und zum Auto rannte. Es dauerte nicht lange, bis er sie schon taumelnd auf ihn zukommen sah. Er fing sie auf, trug sie zum Auto. Behutsam legte er sie auf den Rücksitz seines Kombis. Zum Glück war sie ansprechbar und bei Bewusstsein, auch wenn sie irgendwelche merkwürdigen Laute von sich gab und Worte sagte, die nicht wirklich einen klaren Zusammenhang bildeten. Bevor er sich auf den Heimweg machte, erkundigte er sich bei einem guten Freund, der sein Medizinstudum fast vollendet hatte, ob ein Besuch in der Notaufnahme notwenidg wäre, doch dieser gab Entwarnung. Somit fuhr Cameron nach Hause, redete immer wieder beruhigend auf Effy ein. In so einem Zustand hatte er die 20-Jährige zuvor noch nie gesehen. Mit einer gewissen Besorgnis schaffte er es, sie in seine Wohnung im achten Stock zu befördern. Da ihre Kleidung vom herab fallenden Regen nass geworden war, entkleidete er sie bis auf die Unterwäsche und legte die Kleidung über einen Stuhl, der in der Ecke des geräumigen Schlafzimmers stand. Sicherlich war sie eine schöne und attraktive Frau, auch wenn Christian seine Schwester des öfteren als äußerst maskulin beschrieb. Doch bis auf einen flüchtigen Blick, blieb die junge Frau selstverständlich unberührt, auch wenn diese des öfteren versucht hatte, ihn an sich zu reißen. Sie wirkte einfach nur sehr stark betrunken. Ob sie vielleicht einfach zu tief ins Glas geschaut hatte? Eine kleine Fahne hatte sie schon. Doch solange sie ansprechbar war und alle Vitalfunktionen funktionierten, brauchte sich Cameron keine Sorgen zu machen.
      „Schlaf jetzt erstmal!“, sagte er, als die junge Frau dann auch endlich von ihm abgelassen hatte. Wie als wäre sie eine Maschine, die man ausgeschalte hatte, schloss sie ihre Augen und schlief ein. Kurz saß er noch an der Bettkante und vergewisserte sich, dass sie noch atmete, dann verließ er das Zimmer, um auf dem Sofa zu nächtigen. Natürlich.
      Am nächsten Morgen stand Cameron früh auf, auch wenn er in dieser Nacht, schon wie in den Nächten davor, kaum geschlafen hatte. In der einen Hand seinen dampfenden Kaffee, warf er einen Blick auf die silberne Armbanduhr an seinem anderen Handgelenk. Es war 8:30 Uhr. Bald musste er los. Sicher wartete seine Mutter schon jetzt auf ihn. Danach musste er auf die Arbeit, darum trug er schon ein weißes Hemd und seine feine Anzug-Hose. Wie immer sah er gepflegt aus. Neben dem Geruch von frisch gebrühtem Kaffee, konnte man auch den angenehm herben Duft seines Lieblingsparfums genießen. Nachdem er an seiner Tasse genippt hatte, erspähte er aus dem Augenwinkel Effy, die aus dem Schlafzimmer kam. Sie trug den Rock vom gestrigen Abend und ein Hemd... moment. War das sein Hemd? Cameron warf ihr ein kurzes Lächeln zu.
      „Auch einen Kaffee?“
    • Die raue Stimme am Morgen, der herbe Duft nach Kaffee, daran konnte sich Effy gewöhnen. Sie konnte nicht anders als über beide Ohren zu strahlen, als ihr der hübsche Mann das Heißgetränk anbot, doch die Freude verschwand sogleich, nachdem ihr bewusst wurde, was vor sich ging. Die ach so feine Hill Tochter musste ausgerechnet von ihrem Kindheits-Schwarm gerettet werden. Erinnerungen an die weiteren Geschehnisse wollten ihr nicht ins Gedächtnis kommen und entkleidet, wie sie aufwachte, hatte sie definitiv was verpasst. Bestimmt hatte sie sich bis auf die Knochen blamiert. Cameron sah sie ohnehin nie als potentielle Liebhaberin an, brauchbares Material, jetzt garantiert noch weniger. Verübeln konnte die Brünette es ihm nicht.

      "Hi…ja gern." Kam ihr kleinlaut über die Lippen, ihre Finger fummelten nervös an den vielen Ringen an ihren Händen herum. Mit behutsamen Schritten näherte sich das Mädchen der Küche, huschte hinter die Insel an die Seite des Mannes, der ihr den Energiekick in eine Tasse schenkte, ehe er ihr diesen in die Hände gab. Ein flüchtiges "Danke", bevor ihre Lippen gierig nach Flüssigkeit sofort daran nippten - großer Fehler, da der Kaffee kochend heiß war und sie sich den halben Gaumen verbrannte, sich davon aber wenig anmerken ließ. Mit der Zunge fuhr sie über die angeraute Haut, kein angenehmes Gefühl, aber nichts im Vergleich zu den dröhnenden Kopfschmerzen und den schweren Gliedern, die sich wie Blei anfühlten. Ein Kater war das definitiv nicht. Am liebsten hätte Effy sich wieder hingelegt, die Decke über den Kopf gezogen, um nichts und niemanden zu sehen.

      Vom Anblick Camerons schien auch ihm dieser Gedanke nicht zu schaden. Natürlich sah er gut aus wie immer, aber seinen Augen fehlte ein gewisser Glanz. Die hellen Seelenspiegel waren trüb, die Ringe unter ihnen abzulesen und im Allgemeinen sah der Blonde schonmal besser aus. "Tut mir leid, dass ich dir Umstände bereitet habe…" Hoffentlich war er nicht nachtragend und die Entschuldigung akzeptabel. "Hab ich...irgendeinen Unfug getrieben..meine Klamotten meine ich..." Schüchtern und den Blick gen Boden gewandt, stellte sie die Frage, die ihr auf der Zunge brannte. Ohne zu erröten und die Hitze auf den Wangen zu spüren gelang es ihr jedoch nicht sie zu stellen.

      "Und wie geht es dir?" Sorge machte sich in ihrer Brust breit, ein Engegefühl auf ihrer Mitte, weil die Zwanzigjährige vermutete, was dem älteren den Schlaf raubte. Hoffentlich hatte sie ihm nicht noch mehr Ruhe genommen. Von Livia's Krankheit hatte Cameron ihr nicht erzählt, erfahren hatte Effy es trotzdem. Dadurch, dass sie in der Nähe des Blumenladens arbeitete, lief sie der lieben Dame häufiger über den Weg und auch die Gespräche zwischen ihren Eltern kreisten sich zunehmend über den Gesundheitszustand der Krebskranken. Eine schreckliche Krankheit, die man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünschte. Ausgerechnet dieses zarte Wesen, mit der ohnehin schon schweren Vergangenheit, musste darunter leiden. Die Welt war so furchtbar ungerecht. Immer wieder verschlug es Liz zu der Floristin, als diese noch fähig war, ihre Arbeit regelmäßig zu verrichten. Mit Kaffee und kleinen Gebäcken beladen, versüßte sie ihr gerne die Mittagspause - das mindeste was die Studentin tun konnte. Ob ihr Sohn überhaupt davon wusste?

      "Ich hab Liv schon länger nicht mehr im Laden gesehen…Wenn ich euch irgendwie unterstützen kann, sagt mir bitte Bescheid. Ich würde sagen, du hast jetzt sowieso etwas gut bei mir." Ein vorsichtiges Lächeln warf sie ihrem Gegenüber zu. Ihm so früh am Morgen die Laune zu verderben, weil man ihn über seine Mutter fragte, war nicht ihr Plan. Lediglich das Mitgefühl wollte die Kleinen zum Ausdruck bringen, ihr war die süße Mutti echt ans Herz gewachsen. Livia hatte besseres verdient.

      Die Vibration eines Handys war zu vernehmen und ein Blick zur Insel verriet, dass es dem Mädchen gehörte. "Ich war so frei und habe mir eines deiner Hemden geliehen. Hoffe das ist ok? Du bekommst es auch gewaschen und gebügelt zurück, versprochen. Ich muss nur direkt zur Musikschule, sonst kriege ich wieder Ärger mit Tobi." Der kleine Mann, der seit kurzem ihr neuer Schüler war, wusste wahrlich was er wollte. Streng war er auch! Nicht eine einzige Minute Verspätung verzeihte er seiner Lehrerin und das obwohl Effy das alles ohne Bezahlung und ganz freiwillig tat. Der Junge war neun Jahre alt. Faust dick hinter den Ohren hatte er es schon irgendwie, aber sobald die dünnen Finger der älteren auf den Tasten landeten, war er wie ausgewechselt. Was die Liebe zur Musik mit einem Menschen machen konnte. Der Grund, warum die Hill Tochter zu musizieren begann. Egal welches Gefühl ihren Körper beschäftigte, ob sie traurig, wütend oder fröhlich war, sie konnte es stets zum Ausdruck bringen, ohne es aussprechen zu müssen, und einige wenige, die sie verstehen sollten, taten es.

      Bereits in der Erwartung, eine böse Nachricht von Tobi zu haben, stand ihr die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Sie war viel zu spät dran, hatte einen Fußweg von mindestens Fünfundzwanzig Minuten vor sich, obwohl die Stunde in sieben beginnen würde, doch stattdessen war es Clara, die eine Sprachmemo nach der anderen schickte. "Fuck! Ich hab Clara allein im Club gelassen!" Unweigerlich wurde ihr übel, das schlechte Gewissen schlug der Angeschlagenen auf den Magen. Es hätte sonst etwas passieren können. Überfordert und schuldig, traf ihr Blick auf den von Cameron. Er hatte die Blondine vermutlich nicht zufällig irgendwo in seiner Wohnung versteckt. Die Hand wanderte samt Smartphone ans Ohr, um zu hören, ob ihre Freundin noch lebte, doch mit den Worten entgleisten die besorgten Züge.

      Wütend landete das Display auf der Küchenplatte. Mit der Energie, die Effy plötzlich an den Tag legte, hätte man meinen können, es wäre zersprungen, aber das Gadget blieb zum Glück heil. "Diese blöde Bitch! Sie war es!" Entsetzt warf sie Cameron die Worte an den Kopf, der so gar nichts damit zu tun hatte. "Sie hat mich unter Drogen gesetzt! Diese scheiß Pillen, sie hat sie einfach in unsere Getränke getan und ich Idiot hab auch noch beide Gläser allein getrunken. Ich könnte - das ist ARGH!" Erst als die junge Frau die Augen schloss, um sich zu fangen, die Arme dabei an die Stirn geworfen hatte, gelang es ihr, die Enttäuschung runter zu schlucken. Unglaublich. "Es ist alles Chris schuld. Ich dachte, er macht den Scheiß nicht mehr. Er hat es mir versprochen…" Mit jedem Wort, das ihr über die Lippen kam, transportierte sie mehr Schmerz. Wieso konnten sie keine normale Beziehung zueinander haben? Vielleicht hätte es ihm dann genug bedeutet, die Finger von den Drogen zu lassen und stattdessen sein Reichtum auf legalem Wege ausgebaut. "Steckst du da auch mit drin?" Nun war jede Zurückhaltung wie weggeblasen, von der schüchternen Art des Mädchens nichts mehr zu erahnen, während ihr ernster Blick auf dem Blonden lag.

      Bitte, bitte hatte er sich nicht von Chris mit in den ganzen Schlamassel ziehen lassen. Effy wusste, wie ihr Bruder sein konnte, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. "Weißt du was, ich will es gar nicht wissen. Ihr seid alt genug. Aber nur damit ihr es wisst, die Pillen fanden ihren Weg zu uns, als Begleichung von Schulden an CJ." Den Namen betonte sie extra genervt, ehe sie den mittlerweile abgekühlten Kaffee ihre Kehle runterspülte. "Danke, für alles. Aber ich muss jetzt wirklich los." Mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange bedankte die Brünette sich ein letztes Mal für die Heldentaten des älteren, stiefelte zur Tür und legte ihre Schuhe an, um aus der Wohnung zu eilen. Kurz über der Schwelle hielt die Frau inne, sah über ihre Schulter und schenkte ein letztes Lächeln. "Ich bin da, wenn ihr mich braucht. Richte es ihr bitte aus, OK?" Dann fiel die Tür ins Schloss.

      Erst mit der fallenden Tür hinter sich, wanderten die Mundwinkel nach unten. Das Lächeln verschwand und die Müdigkeit zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Jetzt wo sie Cameron nicht mehr Gegenüber stand, musste sie keine Nummer mehr hinlegen und etwas vorspielen, die heile Welt vorgaukeln. Wie es ihr ging, wollte sie den Mann nicht spüren lassen. Er hatte genug Probleme. Effy sollte nicht auch noch zu einem werden.
      A heart's a heavy burden.

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    • Cameron schmunzelte durchgehend. Ihre Röte, der offensichtliche Scharm und die Neugierde darüber, was an jenem Abend vorgefallen war. Vielleicht sogar zwischen den beiden – eine durchaus amüsante Vorstellung, die den tristen Tag des Bürokaufmanns zumindest für einen kleinen Moment erhellten.
      „Keine Sorge, es ist nichts passiert. Deine Kleidung war nur nass vom Regen geworden, deswegen habe ich sie dir ausgezogen“, klärte er ganz sachlich ihre Unsicherheit. Dass sie mehrfach über ihn herfallen wollte, das behielt der smarte 29-Jährige lieber für sich. Er mochte sie nicht in Verlegenheit bringen, auch wenn es ihn wohl interessiert hätte, ob ihr Gesicht in ein noch tieferes Rot verwandeln konnte.
      Erst als Effy auf Camerons Mutter zu sprechen kam, schien er etwas ernster. Er wusste, dass sie einander mochten. Auch Livia erzählte oft von der freundlichen Hill, die ja so zuvorkommend und liebenswürdig war. Ihr Hilfsangebot fand er nett, wäre aber niemals eine Option. Er war für seine Mutter da, das genügte der 52-Jährigen völlig. Darum wusste Cameron. Seine Mutter war niemand, die gerne Hilfe annahm. Sie trug ihre Probleme am liebsten alleine aus, auch wenn dieses „Problem“, dass sie nun bewältigen musste, das Größte ihres Lebens war.
      „Danke. Das ist echt... sehr nett von dir, aber... ich denke, wir kommen klar“, antwortete er höflich und mit einem zaghaften Lächeln. Ob man sehen konnte, dass er mittlerweile nicht mehr sicher war, ob sie den Krebs wirklich besiegen würden? Ob er genug Kraft hatte, bis zu einem potentiellen Ende, die Hand seiner todkranken Mutter zu halten? Er versuchte, es sich niemals anmerken zu lassen... seine Unsicherheit und seine Angst.
      Dann erzählte die 20-Jährige, dass es wohl ihre gute Freundin Clara war, die ihr die besagten Pillen ins Getränk getan hatte. Verwirrung zeigte sich in Camerons Gesicht, und schnell verfinsterte sich jenes, als sein bester Freund Christian ins Gespräch kam.
      Es war Jahre her, vielleicht sogar fast ein Jahrzehnt, dass Christian diesen Scheiß mit den Drogen abgezogen hatte. Zwar hatte er nur selten selbst davon konsumiert, es ging ihm eher darum sie zu verticken und sich damit noch reicher zu machen, als er ohnehin schon war. Irgendwann wurde er erwischt, und hatte es aufgegeben, seiner kleinen Schwester geschworen, nie wieder was mit diesem Teufelskram zutun zu haben. Und jetzt? Sollte er sein Wort wirklich gebrochen haben? Cameron wurde blass, starrte vor sich, da spürte er nur kurz Effys Lippen auf seiner Wange, da war sie schon verschwunden. Unverständnis machte sich breit. Sollte Christian tatsächlich wieder mit dem Dealen angefangen haben und seinem besten Freund nicht einen Ton davon erzählt haben?
      Die Unverständnis wandelte sich in Wut, die er seiner Mutter etwa zwanzig Minuten später nicht anmerken ließ. Er war angespannt, das merkte man. Aber dass es heute nicht nur die Anspannung der bevorstehenden Untersuchung seiner Mutter war, das konnte die Krebskranke nicht merken. Vor dem Krankenhaus angekommen, strich Livia zum Abschied liebevoll über den Arm ihres Sohnes, der besorgt fragte: „Soll ich wirklich nicht mitkommen?“
      „Nein, Unsinn! Du hast noch genug Arbeit. Und ich kenne die Prozedur ja inzwischen schon“, antwortete sie lächelnd. Direkt im nächsten Atemzug fragte sie: „Kommst du mich dann gegen 13 Uhr wieder abholen?“
      „Klar, Mam. Wie immer“, antwortete er lächelnd und die beiden verabschiedeten sich mit einem Wangenkuss, so wie jedes Mal. Und wie jedes vorherige Mal wartete Cameron so lange, bis seine Mutter in dem riesigen, weißen Gebäude mit den unzähligen Fenstern verschwunden war. Erst dann fuhr er los. Zum Glück war seine Arbeit nur wenige Minuten von der Klinik entfernt. So konnte er, sollte es einmal von Nöten sein, schnell bei seiner Mutter sein. Er parkte seinen Wagen – einen Chevrolet Malibu – auf dem extra angelegten Parkplatz seiner Firma, ehe er in das eindrucksvolle Gebäude ging. Es war alles sehr steril gehalten, Stilvoll, schlicht und doch mit dieser gewissen Eleganz. Bereits kurz nach dem Betreten des Gebäudes erblickte er einige bekannte Gesichter, die er mit einem Kopfnicken begrüßte. Die hübsche Sekretärin saß am Empfang, würdigte dem 29-Jährigen keinen Blick – das hatte sich Cameron auch nicht anders gedacht nach seiner gestrigen Abfuhr. Ohne sich einen Kaffee zu zapfen oder ein Schwätzchen zu halten, machte er sich auf den Weg in das Büro seines besten Freundes. Er war hier ein hohes Tier. Hatte sogar Molly, die korpulente, ältere Dame, die der Firma schon Jahrzehnte lang treue Dienste leistete, als Respektperson gewonnen.
      „Guten Morgen, Molly“, begrüßte Cameron mit einem freundlichen Lächeln die blondhaarige Dame mit dem kurzen Bob und der Lesebrille, die sie immer wieder zurecht rückte.
      „Guten Morgen, mein Lieber. Na, alles gut? Willst du zu Christian? Der hat gerade eine Besprechung, müsste aber gleich vorbei sein.“
      „Danke, Molly, alles in Ordnung. Ich warte solange.“
      Es dauerte nur wenige Minuten bis einige der hochtrabenden Krawattenträger aus dem geräumigen, lichtdurchfluteten Büro des Junior-Chefs kamen. Jeder wurde mit einem kurzen, höflichen Kopfnicken begrüßt. Bis zum letzten Mann, erst dann betrat Cameron das Büro. Durch die riesige Fensterfront hatte man eine tadellose Aussicht über die Stadt und das Treiben. Heute war ein bewölkter Tag. Kein Lichtstrahl schaffte es durch die dicke Wolkendecke, die wie eine Glocke übeer der Stadt hing. Vor der Fensterfront stand ein großer hölzener Schreibtisch, an dem Christian angelehnt stand, das gewohnte lockere und etwas selbstgefällig wirkende Grinsen aufgesetzt und mit dieser Überzeugung in den Augen... Cameron schloss die Tür und wartete zunächst. Würde Christian selbst preisgeben, was seine Schwester bereits ahnte?
    • Mit der vollen Stunde kündigten sich die eintrudelnden Mitarbeiter an. Immer wieder wanderte der neugierige, dennoch angefressene Blick zur Eingangstür. Wie Cameron das Gebäude betrat, merkte Jane sofort, seine Präsenz war einfach nicht zu übersehen und trotzdem wandte sie ihre Aufmerksamkeit ab. Er dachte doch nicht ernsthaft, dass er nach der gestrigen Abfuhr noch ein liebes und nettes "Guten Morgen" bekam. Der Herr durfte gerne wissen, dass die Blondine es nicht gut fand, den Abend alleine verbringen zu müssen. Wirkliche Anstalten, ihr Gemüt zu zähmen, machte er nicht, ging einfach seines Weges, wie an einem ganz gewöhnlichen Arbeitstag - Wie unverschämt! Deutlich enttäuscht schob sich die Schmolllippe nach vorn, während sie dem Blonden hinterher sah, ehe sie wenig später wieder ihrer Arbeit nachging.

      Der Arbeitstag, der für den fürsorglichen Sohn gerade erst begann, hatte für den CFO bereits vor einigen Stunden angefangen. Dringende Termine konnten manchmal nicht warten und so war Chris, wie heute auch, häufig als erster im Büro. Gerade die Männer verabschieden, erspähte der Braunhaarige auch schon seinen nächsten Gast. Laufkundschaft kam nur selten über seine Schwelle, aber Cameron war immer ein gern gesehenes Gesicht. Mit einem flüchtigen Nicken zur Schreibtischdame ließ er den unangekündigten Besuch gewähren und ging diesem voran. An seinem Schreibtisch gelehnt, genoss er die Aussicht aus seinem Reich. Der angehende Erbe besaß selbstverständlich das zweitbeste Büro, ein Eckbüro mit viel Heiligkeit und einem Ausblick, der zum Träumen einlud. Dass es im Sommer eher einer Sauna glich, behielt der ach so bescheidene Bube für sich. Musste ja keiner wissen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, schließlich gab es ja auch Kühlungssysteme, die man nutzen konnte.

      Grinsend begrüßte Chris seinen besten Freund. "Morgen Dornröschen, womit verdiene ich die Ehre?" Es lag auf der Hand, dass Cameron alles andere als ein fauler Langschläfer war, trotzdem ärgerte er ihn gerne. Wieso Cam den frühen Weg auf sich nahm, ahnte er nicht.

      Effy hatte derweil die Hochschule erreicht. Nicht etwa weil sie selbst Schülerin war, nein, ihr Studium absolvierte sie an einer Fernuni - online, anders wäre es mit ihrem Alltag und der Familie nicht vereinbar gewesen, aber ihren Klavierunterricht gab sie hier. Mit der Kooperation des Instituts, durfte sie für ihre Stunden den Musiksaal nutzen, in dem ein wunderschöner Flügel stand. Er war alt aber dennoch in einem guten Zustand, musste lediglich häufiger gestimmt werden als die anderen Tasteninstrumente, dafür war aber auch der Klang ein ganz eigener. Alte Klaviere hatten einfach einen besonderen Charme an sich, nicht wie das neue Ding in ihrem Haus. Unendlich dankbar dafür, dieses Stück Geschichte spielen zu dürfen und vor allem, nicht darauf angewiesen zu sein die Schüler im Hill Anwesen empfangen zu müssen, nutzte die Brünette jede Chance, die sie an der Hochschule bekam.
      Bereits beim Betreten des Saals vernahm man das leise Spiel des Jungen. Natürlich war Tobi im Vergleich zu Effy pünktlich. Statt sich lautstark zu entschuldigen und den kleinen Mann beim Musizieren zu unterbrechen, näherte sie sich so ruhig wie möglich. Er machte Fortschritte, doch die schwere Passage, mit der er zu kämpfen hatte, würde erst noch kommen. Zu ihrer aller Überraschung meisterte er diese mit Bravour! Die hellen Augen strahlten vor Glück, genau dafür arbeitete Effy mit den Kindern - für solche kleinen Momente. "Geschafft!" Rief er euphorisch, ließ den Blick vom Notenblatt auf seine Lehrerin fallen, während die Finger zur Ruhe kamen. "Jaa!" Jubelte sie mit ihm. "Aber wieso hörst du auf!?!" Mit großen Kulleraugen sah sie Tobi an. Er hätte das erste Mal das Stück beenden können, jetzt wo er die Passage überwunden hatte, er müsste es erneut schaffen, um es komplett zu spielen. Beide realisierten den Fehler, den er gemacht hatte, aber statt darüber zu trauern, begannen beide laut zu lachen, bevor sie sich gemeinsam an den Flügel setzten.

      Fleißig am Üben, gelang es ihnen tatsächlich, das Stück durchzuspielen. Hier und da schlich sich ein Fehler ein, aber das ließ Effy durchgehen und schob es einfach auf die müden Finger. Vom Erfolg gekrönt vergaß die junge Dame all ihre Sorgen. Die schweren Glieder waren beflügelt, der Kopf zwar noch immer am Dröhnen, aber vom Klang der Musik in ihren Ohren übertönt. In dem Frohmut machte sie sich auf den Heimweg, merkte jedoch schnell, dass etwas fehlte. Ihre Schlüssel waren nicht aufzufinden. An sich hatte sie sie nicht, in der Hochschule hatte Effy den Bund auch nicht herausgeholt… Scheinbar hatte Madame ihre Schlüssel bei ihrem Ritter liegen lassen, vermutlich in dem gelben Blazer, den sie bei ihm gelassen hatte. Augenrollend schimpfte die Hill mit sich selbst. // Der hält dich am Ende für einen Stalker, der mit Absicht die Schlüssel hat liegen lassen. Ein Grund, um erneut in seine Wohnung zu kommen.// meckert die Stimme in ihrem Kopf.

      Sich dem Fakt fügend, änderte die Frau ihre Richtung. Ein kleiner Besuch auf der Arbeit musste her. Schnell rein - Schlüssel holen und wieder raus. So war der Plan. Aber vielleicht war das nur noch seltsamer, wenn sie ohne Cameron in die Wohnung wollte, aber ihn von der Arbeit abzuhalten wollte Effy nicht verschulden.
      Am Empfang angekommen, begrüßte die Hill die meisten Mitarbeiter. Viele kannte sie von den Veranstaltungen oder von der jahrelangen Treue zur Familie. Die Blondine hinterm Tresen erkannte die jüngste Hill nicht. Es war schon länger her, dass sie sich in der Firma blicken ließ und auf den Veranstaltungen waren immer allerlei Gesichter zu entdecken. Wenn man sie ihr nicht vorgestellt hatte, merkte sich Effy die Personen auch nicht.

      "Hi, können Sie bitte einmal schauen, ob Cameron frei ist oder ob er Termine hat?" Fragte sie höflich nach, lächelte die Kollegin neben ihr an, da sie dieses Gesicht erkannte. Janes Blick sprach Bände. Begeistert war sie nicht von der zierlichen und hübschen Dame, die den CMO einfach beim Vornamen nannte. Ihre Klamotten waren alles andere als professionell, der Rock viel zu kurz und die Haare vom Wind zerzaust. Das konnte kein Geschäftstermin sein. "Mhm, mit welchen Belangen darf ich Sie ankündigen?" Die Anfälligkeit in ihrer Stimmlage war nicht zu überhören, sodass Effy und die Kollegin einen flüchtigen Blick austauschten. "Ich muss nur kurz mit ihm sprechen. Eine Sache von 5 Minuten, eine kleine Lücke im Kalender ist vollkommen ausreichend. Ich habe nicht vor, Cam zu stören." Erklärte Effy sich, obwohl sie genau wusste, keine Antwort schuldig zu sein.

      Cam - Caaaam. Der Spitzname rollte der Fremden über die Lippen, als sei es ihr täglich Brot. Es brachte das Herz der Blondine nur noch mehr zum Rasen. "Ich fragte nach ihrem Anliegen, nicht nach der Dauer." Jane sprach extra langsam, als sprach sie mit jemandem, der schwer von Begriff war - lustig, wenn man betrachtete, dass sie selbst diejenige war, die nicht begriff, wer vor ihr stand. "Entschuldigung, natürlich. Ich habe meine Schlüssel heute morgen bei Cameron liegen lassen und würde sie nun gerne holen." In aller Ruhe erklärte die Hill ihre Lage, schielte erneut zur Kollegin und trug beiden Frauen am Counter ein Lächeln zu. "Natürlich Miss Hill, gehen sie ruhig hoch. Ich bin mir sicher, Mister Reeves hat eine Minute für Sie." Griff die bisher ruhig gebliebene Frau neben Jane ein, legte dabei besondere Betonung auf den Familiennamen der Brünetten und ließ sie passieren.
      "Jane, bist du von allen guten Geistern verlassen?!" Schimpfte ihre Kollegin mit ihr.
      A heart's a heavy burden.

    • Cameron näherte sich dem Schreibtisch und somit auch Christian, seinem besten Freund, der lässig wie immer an dem besagten Schreibtisch lehnte. Er schien gut gelaunt. Sicher war das Gespräch gut gelaufen. Camerons Gesichtsausdruck hingegen schien ungewohnt ernst. Oft schien er einfach müde, überarbeitet, mitgenommen von all dem Stress und den Problemen. Doch heute wirkte er wacher als sonst. Seine Miene verfinsterte sich noch ein wenig mehr, als er so locker leicht von Christian begrüßt wurde.
      „Guten Morgen“, antwortete er kurz angebunden auf seine Frage. „Wann hattest du vor mir - deinem angeblichen besten Freund - von deiner kleinen erneuten Nebenbeschäftigung zu erzählen?“
      Sein Stimmfall klang monoton und distanziert, seine Miene wirkte unverändert. Ähnlich wie Effy hatte auch Cameron fest daran geglaubt, dass Christian mit seiner kleinen Nebenverdienst abgeschlossen hatte. Dass er noch immer Drogen zu verticken schien, das verletzte den 29-Jährigen sehr.
      „Kein Sterbenswort hast du mir gesagt!“, fügte er hinzu und unterstrich die Enttäuschung, die aus seinen Worten mehr als deutlich herauszuhören war. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete auf eine Erklärung, die er - so fand zumindest Cameron - Christian ihm mehr als schuldig war.
    • "Nun…" Zuckte der Braunhaarige mit den Schultern und nahm mit unbeeindruckter Miene Platz auf seinem Chefsessel. "Es gab nicht wirklich etwas zu berichten, weil ich es nicht verkaufe. Ich lasse verkaufen, aber das läuft schon eine Weile. Wie kommst du da überhaupt drauf?" Fragte er grübelnd nach. Ein Geheimnis daraus zu machen, lag nicht in seinem Interesse, aber woher Cameron nach all der Zeit den Fakt aufgeschnappt hatte, interessierte ihn brennend. Die einzige Person, die davon wusste, war seine kleine Schwester gewesen und die hatte er damals mit Leichtigkeit abwimmeln können. Ein bloßes Versprechen genügte der naiven kleinen Frau, um Chris in Frieden ziehen zu lassen. Welch törichte Annahme, er würde sich so viel Geld nur wegen der kleinen Göre durch die Finger gehen lassen.

      "Brauchst du was oder willst du einsteigen? Ich würde behaupten, du kannst das Geld gut gebrauchen." Von den hohen und endlosen Rechnungen wusste die gesamte Hill Familie, trotzdem ließ Cameron sich nicht unter die Arme greifen, zumindest nicht ohne dafür zu arbeiten. Almosen oder Spenden wurden bisher immer abgelehnt, wenn die Hills ihm diese boten. Das diabolische Lächeln auf den Lippen des CFOs richtete sich genau auf den Blonden. Würde er in seiner misslichen Lage darauf zuschlagen oder den Deal abblasen? Der Hill Erbe wusste nicht, woher die Wut des Blonden ruhte. War er enttäuscht von den zwielichtigen Machenschaften oder nur darüber entsetzt, dass sein bester Freund ihn nicht mit ins Boot holte?

      "Du lässt andere ihre Hände schmutzig machen und kannst in Ruhe im Geld baden. Und…naja irgendwoher kriegen die Junkies eh ihren Stoff, dafür haben wir guten. Nichts gestrecktes oder eine dreckige Mische. Alles 1A Spitzenqualität. Also tun wir was Gutes." Scherzte er in seinem Stuhl, drehte sich einmal in diesem herum, ehe er Cameron wieder in die Augen blickte. Wieso sollte er ein Problem damit haben? Schließlich war Chris alt genug, um selbst zu entscheiden, welche Wege er einschlagen wollte. Von seinem besten Freund ließ er sich da auch eher selten abhalten.

      Schon damals, als sie noch Kinder waren, ritt Christian die beiden immer in irgendeinen Unsinn. Cameron war damals jung, teils naiv und folgte der Anleitung seines mutigen Freundes aber mit den Jahren wurde er klüger, hinterfragte und traf schließlich seine eigenen Entscheidungen. Ein wenig bedauerte Chris diese Entwicklung, zu gern hätte er weiterhin jeden noch so dummen Einfall mit seinem besten Freund gemeinsam erlebt, aber genau so breitete sich Stolz in seiner Brust aus. Wie ein älterer Bruder, der seinem jüngeren dabei zusah, wie er heran wuchs zu einem eigenständigen Mann. Für Effy hatte er nie so empfunden.
      A heart's a heavy burden.

    • Diese Selbstgefälligkeit in seinem Blick, diese Überzeugung und dieser Funken Arroganz - alles Dinge, die Cameron früher imponiert hatten. Ja, Christian war immer eine Art Anführer und großer Bruder zugleich für ihn. Er wusste immer was wie wann zu tun gewesen ist, hatte nie Angst gezeigt. Doch es gab auch diese andere Seite an ihm. Er war ein sehr loyaler Freund, konnte zuhören und vermutlich würde er auch sein letztes Hemd geben, in einer kalten Dezembernacht. Man konnte Pferde mit ihm stehlen, wäre da nicht diese Sucht nach Macht, diese Gier und dieser scheinbar nie zu stillende Hunger nach Reichtum. Reich war er schon, doch es schien ihm nie genug zu sein. Almosen hatte Cameron, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war, trotz etlicher Angebote, nie angenommen. Seine Mutter hatte ihn schon seit frühster Kindheit gelehrt, dass man seines Glückes eigener Schmied war. Für das, was Cameron bisher erreicht hatte, hatte der heute 29-Jährige hart gearbeitet. Und auch seine Stellung als bald CMO verdankte er nicht seinem besten Freund, sondern der harten Arbeit und dem Fleiß, den er jeden Tag aufs Neue präsentierte.

      „Hör zu, Chris - du musst wissen, was für einen Scheiß du machst. Nur zieh mich nicht in deine krummen Geschäfte mit rein! Ich verdiene mein Geld durch ehrliche Arbeit und nicht damit, Menschen ins Grab zu bringen!“

      Dann kam dieser sehr unangenehme Stich in die Magengrube. Jenes Gefühl, das wir alle kennen, wenn uns etwas unangenehmes bewusst geworden ist. Die Kombination der Worte Geld und Grab. Eigentlich hatte er nicht genug Geld. Genug um gut zu leben, genug, um nicht zu hungern und um sich auch mal das ein oder andere zu gönnen - doch nicht genug, um die teuren Behandlungen seiner Mutter noch lange stemmen zu können. Insgeheim hatte er seine Wohnung bereits gekündigt, da er sich die teure Miete auf Dauer nicht leisten konnte. Und so war er auch näher bei seiner Mutter, denn er hatte wieder vor, Zuhause einzuziehen. In das kleine Einfamilienhaus, das so viele schlechte Erinnerungen an alte Tage weckte. Schon vor vielen Jahren hatte Cameron den Wunsch gehegt umzuziehen. In eine andere Stadt, weit weg von den Wänden, an denen sinnbildlich das Blut seines Vaters haftete. Doch seine Mutter hing an jenem Haus, in welchem sie ihre eigene Kindheit verbracht hatte. Darum lebte sie auch heute noch - 21 Jahre nach dem Mord ihres Ehemannes - in diesem Haus. Und Gönnen - das war inzwischen ein Fremdwort für ihn. Jeden Cent, den er übrig hatte, wanderte in die unzähligen Behandlungen seiner geliebten Mutter. Und das zweite Wort… Grab. Ja, das war auch ein ständiger Begleiter. Trotzdem wollte er nicht in diese düsteren Geschäfte mit hineingezogen werden.

      „Und hast du nur eine Sekunde über die Gefühle von Effy nachgedacht? Du hast es ihr versprochen!“

      Enttäuschung, Wut. Es waren so viele Emotionen, die von Camerons Frage ausgingen, auf die der Blondhaarige aber die Antwort schon wusste, noch bevor Chris ein Wort sagen konnte. Er hatte noch nie viel Wert auf die Gefühle seiner Schwester gelegt - also warum jetzt?

      Dann vibrierte Camerons Handy. Er zog es aus der Hosentasche, warf einen Blick darauf. Eine Nachricht von seiner Mutter. Kurz überflog er die Zeilen. Die Behandlung war wohl heute früher beendet. Sie fragte, ob er sie in einer Stunde abholen könne.

      „Aber egal - ich habe keine Zeit für deinen Mist! Ich bin um 11:30 Uhr kurz weg“, informierte er seinen eigentlich Vorgesetzten - dem er nur wenig Respekt zollte. Doch einen Chef hatte er in dem Casanova noch nie gesehen. Einen besten Freund, ja. Einen Bruder, ja - aber keinen Chef.

      Cameron drehte Christian den Rücken zu und verließ voller Frustration das geräumige Büro.
    • "Effy?!" Patzte er dem Blonden verwirrt vor die Füße, als würde er von der Pest sprechen. Was hatte die Göre denn damit zu tun? Dieses dämliche Versprechen war doch schon Ewigkeiten her und die Worte kümmerten ihn auch nicht. Wieso zur Hölle machte Cameron sie zum Thema? Verwirrt darüber, dass er mit der Sprache nicht herausrücken wollte, wo er die Geschäfte aufgeschnappt hatte, sah er dem Kollegen hinterher, der scheinbar nichts mit all dem zu tun haben wollte. "Jedem das seine. Wenn du es dir anders überlegst, weißt du ja, wo du mich findest." Zuckte er mit den Schultern und ließ den Mann von dannen ziehen, obwohl die Sache noch nicht abgeschlossen war. Christian würde in Erfahrung bringen, wer sein Informant war. Hatte er etwa eine Lücke im System?

      Aus den Augenwinkeln erkannte er das braune Haar, das bei jeder Stufe, die sie nahm, hin und her baumelte. Der Vorteil eines fast komplett gläsernen Kasten, den er sein Büro schimpfte. Lichtdurchflutet an zwei Seiten zur Aussicht über die Stadt, war auch eine zum Atrium des Gebäudes gerichtet. Natürlich lag der Flur noch vor dem Ausblick in die Tiefe und das Geländer verdeckte hier und da etwas, aber ansonsten hatte Christian überall seine Augen. Lediglich eine einzige Wand war komplett verklinkert und trug den riesigen Monitor, den er für Besprechungen nutzte. "Molly, stell mich bitte an den Empfang durch." Sprach er mit einem Finger auf der Sprechanlage zu seiner Sekretärin, die sogleich tat, was man ihr befahl. "Hi, können Sie mir sagen, was meine Schwester hier zu suchen hat?"
      "Mister Hill - Sir, Miss Hill ist nur kurz hier, um Mister Reeves aufzusuchen. Sie erwähnte etwas von einem Schlüssel, den sie vergessen hatte."
      "Vielen Dank." Grübelnd legte er den Hörer auf und beobachtete das Mädchen dabei, wie sie auf dem Stockwerk von Cameron in den Fluren verschwand.

      Mit den Fingerknöcheln auf der hölzernen Tür klopfte die Brünette sanft an. Sollte Cameron in einer Besprechung sein, wollte sie ihn nicht zu sehr stören, aber dem war nicht so. Ein kurzer akustischer Laut bat das Mädchen hinein. Sein Büro war geräumig, auch wenn es nicht vergleichbar war mit dem von Christian. An den Wänden hingen einige Bildelemente, die eine schöne Landschaft zeigten. Nicht etwa weil der Firma so viel an Design gelegen war, nein, hinter diesen Motiven versteckten sich immer Akustik-Dämpfer, die verhindern sollten, dass Besprechungsinhalte nach außen getragen wurden. Ob Cameron diese selbst gewählt hatte oder sie schon vor seiner Zeit dort hingen wusste Effy nicht, aber in den wäldlichen Abbildungen erkannte sie den Blonden wieder, wie er beim Joggen seine Runden zog. Ansonsten war der Raum eher kahl. Eine Pflanze stand in der Ecke und blühte in kräftigen Farben, auf dem Tisch stand allerlei Zeug und an einer anderen Wand hing eine große Uhr. Schön, immer wieder daran erinnert zu werden, wie lange man noch zu arbeiten hatte. Es war kurz nach Elf.

      Etwas in Gedanken verloren schaute sie zu Cameron, der bereits auf eine Erklärung für ihren unangekündigten Besuch wartete. "Sorry, ich wollte dich nicht stören aber…" Ein flüchtiger Seufzer entwich ihren Lippen. "Ich hab scheinbar meinen Schlüsselbund bei dir liegen lassen." Erklärte sie schuldbewusst und drehte aufgeregt mit ihren Zehenspitzen auf der Stelle herum, als würde sie eine Zigarette am Boden ausdrücken. "Wenn es dir gerade nicht passt, frage ich Chris nach seinem Schlüssel aber…naja du weißt vermutlich, wie seine Antwort lauten würde."
      A heart's a heavy burden.

    • Cameron verließ das Büro und vernahm nur noch am Rande die Worte seines besten Freundes. Als die Tür dann geschlossen war, verstummte seine Stimme komplett. Die Türen waren absolut schalldicht. Kein Ton hörte man mehr, sobald die Türe ins Schloss gefallen war. Sein Weg führte in sein Büro, welches unweit entfernt von Christians lag. Es war eines der unzählig aneinandergereihten Büros und Cameron hatte das Gefühl, dass ein Büro genauso aussah wie das nächste. Natürlich unterschied sich die Einrichtung hier und da ein wenig, aber im Groben hatten die Büros oft Ähnlichkeit miteinander. In seinem Büro angekommen ließ sich Cameron in seinen bequemen ledernen Bürostuhl fallen und ein tiefes Seufzen entwich seiner Kehle. In diesem Moment fragte er sich wohl, wie Chris nur so sturköpfig sein konnte und nicht sah, was für ein Verderben er eigentlich unterstützte. Er besaß so viel Reichtum, so viel Macht. Und nichts war ihm genug. Warum?
      Unwissend über die Antwort auf diese Frage, richtete sich Cameron auf und rückte näher an den Schreibtisch heran, bevor er sich an die Arbeit machte. Auf dem Schreibtisch stand nur ein Foto. Es war das Foto seines Border Collies Sam, der im letzten Jahr leider eingeschläfert werden musste. Ein treuer Begleiter, 14 Jahre lang. Den Tag des Abschieds wird Cameron wohl ewig in Erinnerung bleiben. Seine Augen wanderten von einer Bildschirmseite zur nächsten, seine Finger fegten über die schwarze Tastatur. Völlig in Gedanken versunken, nahm er das Klopfen erst beim zweiten Versuch wahr und ließ die wartete Person gewähren durch ein abwesendes „Ja?“.
      Es war Effy. Sichtlich überrascht darüber, sie ein erneutes Mal zu sehen, lehnte er sich etwas im Stuhl zurück. Sie hatte die Schlüssel bei ihm vergessen. Normalerweise wäre er jetzt eines lockeren Spruchs nicht abgeneigt gewesen, aber danach standen ihm die Gedanken nun einfach nicht. Zu viel Arbeit, viel zu viel Probleme und ganz klar: zu wenig Alkohol.
      „Kein Problem“, antwortete er auf ihre zaghaften Worte und warf einen kurzen Blick auf die Wanduhr. Dieses nervtötende Ticken!
      „Ich hole meine Mutter in ca. 20 Minuten vom Krankenhaus ab, dann können wir die Schlüssel im Anschluss holen gehen.“
      Noch bevor die etwas mitgenommene Effy etwas entgegenbringen konnte, klopfte es an der Tür. Erst nach dem etwas genervten: „Ja?“, trat ein sehr bekanntes Gesicht in das Büro. Jane.
      „Jane?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue, als diese nur wortlos und abwechselnd zu Effy und Cameron sah.
      „Oh, ja… Ich hätte da noch etwas, dass ich mit dir besprechen müsste.“
      „Hat das nicht Zeit bis später? Ich muss gleich kurz weg.“
      „Es ist wirklich sehr dringend.“
      „Ja, dann…“, sagte er und blickte entschuldigend zu Effy. „Könntest du uns kurz alleine lassen?“
    • Dankbar für sein Verständnis nickte die Brünette nur, ehe beide von einem Klopfen abgelenkt wurden. Die Blondine vom Empfang trat herein und erntete sogleich einen ernsten Blick. War das ihr ernst? Was wollte die denn schon wieder!? Effy war sichtlich genervt von ihrer Anwesenheit nach der Aktion am Empfang und da sie wusste, dass die Hill Tochter hier war, um ihn zu konsultieren, störte sie absichtlich. Komische Frau! Mit rollenden Augen sah sie zu Cameron herüber. "Natürlich. Ich Lauf nochmal schnell zum Café und hole ein paar Kleinigkeiten, da freut sich Liv vielleicht. Treffen wir uns dann in der Tiefgarage?" Fragte sie freudig wie eh und je nach, bevor sie die beiden allein ließ.

      "Hattest du einen schönen Abend gestern?" Fragte Jane im Einklang mit der ins Schloss fallenden Tür hinter sich. Ihre Frage spielte eindeutig auf die erteilte Abfuhr an, die sich die Blondine gestern gefallen lassen musste. Nun da sie wusste, wie er stattdessen die Nacht verbracht hatte oder besser gesagt mit wem, würde sie sein Schweigen nicht länger dulden, geschweige denn die beiden einfach unbeaufsichtigt in seinem Büro lassen. Unvorstellbar, was sie dort treiben würden, wo Jane bereits die verschiedensten Positionen eingenommen hatte. "Stehst du jetzt also auf jüngere? Vorzugsweise Brünette oder bist du plötzlich hinter dem Geld her?" Angepisst warf sie ihm die Worte an den Kopf, ging um den Tisch herum und beugte sich über den ledernen Stuhl, ihr Knie legte sie dabei auf der leeren Stelle zwischen seinen Beinen ab. "Sie kann dir nicht ansatzweise bieten, was du brauchst." Mit einem Finger fuhr Jane unter das Kinn des Mannes, um dieses näher an sich zu ziehen, die andere Hand wanderte an den Saum seiner Hose und fummelte am Gürtel. Niemals würde sich die blonde Schönheit von der reichen Hill ersetzen lassen, nur über ihre Leiche! Ungeduldig, als müsste sie etwas beweisen, löste sie den Gürtel aus der Öse. Den Weg zu Camerons Herzen hatte Jane vielleicht noch nicht geschafft, aber seinen Körper kannte sie dafür gut genug. Die Bewegungen und Positionen, die er gern hatte, würde die gerissene Frau für sich spielen lassen. Wenn dieser Dummkopf eine Erinnerung daran brauchte, worauf er die vergangene Nacht verzichtet hatte, würde sie ihm diese gerne erteilen. Von dem kleinen Mädchen ließ sie sich nicht vom Thron stürzen. Cameron gehörte ihr!
      A heart's a heavy burden.

    • Hatte Cameron wirklich geglaubt, dass sie in sein Büro gekommen war, um etwas dringliches Berufliches mit ihm zu besprechen? Nein, nicht wirklich. Er hatte schon geahnt, dass sie ihm nur eine kindische Szene machen wollte. Noch etwas, dass sein Nervenkostüm aufs Übelste strapazierte. Und dabei dachte er, der Tag kann gar nicht schlimmer werden. Er ließ sie aussprechen, weil es sich so gehörte. Als sie sich ihm näherte und sofort kokett zur Sache ging - Jane war nicht gerade eine zimperliche Frau - packte er sofort ihr Handgelenk und mit leichtem Druck drückte er sie von sich, während er von dem Lederstuhl aufstand. Er war fast einen Kopf größer als die Blondhaarige mit den Traummaßen. Er schaute zu ihr herab, in ihre tiefblauen Augen. Dass er nichts für sie empfand, außer körperliche Anziehung, das hatte er der 31-Jährigen schon öfter gesagt. Doch sie ließ einfach nicht ab von ihm. Die Zeit mit ihr war schön. Eigentlich die perfekte Ablenkung. Im Bett war sie mehr als befriedigend, machte ziemlich alles mit und hasste Blümchensex. Aber tiefgreifendere Gespräche wie z. B. die schwere Krankheit seiner Mutter - solche Themen hatte er mit ihr noch nicht geführt, und auch nicht das Bedürfnis dazu. Sie war eine Affäre für ihn, nicht mehr und nicht weniger.
      „Jane…“, begann er völlig ruhig. „Ich hab keine Lust auf diesen Kindergarten. Ich habe wichtigeres zu tun, als mich zu rechtfertigen, obwohl ich das überhaupt nicht muss. Du bist weder meine Freundin noch meine Ehefrau. Und mit wem und wann ich meine Freizeit verbringe, das geht dich überhaupt nichts an. Aber, wenn du es unbedingt wissen möchtest - mit Effy lief nichts. Ich habe sie nur bei mir übernachten lassen, das ist alles.“
      Es war schon fast beängstigend wie ruhig er sprach. Seine Stimme klang angespannt, aber keineswegs zornig, auch wenn er allen Grund dazu gehabt hätte, denn diese Szene war nur eine von vielen, die Jane regelmäßig abzog. Wäre sie nicht so fantastisch für gewisse Stunden, dann hätte er schon längst diese Affäre beendet.
      Cameron ließ ihr Handgelenk los und ging an ihr vorbei. Er musste sich beeilen.
      „Wir sind dann fertig?“, sagte er, ohne sich zu ihr umzudrehen.

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    • Empört sah die Blondine dem Herren hinterher, der sie erneut abblitzen ließ. Unerhört! Wie konnte er es bloß wagen? Zwei Mal in Folge und dann sollte ihm jemand die beruhigenden Worte noch glauben? Der Hübschling brauchte gar nicht so scheinheilig tun. Mit der hübschen Brünetten einfach eine Übernachtungsparty zu schmeißen, dafür eine wilde Nacht abzusagen und anschließend ihr hinterher zu gehen, statt sich im Büro mit Jane zu vergnügen - da war definitiv was faul! Da war sich die Empfangsdame sicher. Mit verschränkten Armen erklang lediglich ein Zisch-Laut als Antwort auf die ohnehin rhetorische Frage des zukünftigen CMOs. "Dann lass dir deine Orgsamen eben von der Prinzessin beschaffen. Du kommst sowieso zu mir zurück, sobald du ihr die Jungfräulichkeit geraubt hast. Das ist schließlich das einzige, was sie interessant macht." Hisste die ihm angepisst hinterher, überholte ihn in einem Affenzahn, um an ihm vorbei zu rauschen.

      Gerüstet mit drei Coffee-to-go Bechern und einem braunen Paperbag voller Leckereien, machte Effy sich auf den Rückweg. Gerade als sie den Laden, in dem sie arbeitete, verlassen hatte, klingelte ihr Telefon. Überrumpelt vom Klingelton wirbelte das Mädchen hektischer umher. Ihr Haar flog ihr bei der Brise ins Gesicht, beide Hände waren voll und irgendwie gelang es ihr doch, die Tüte zwischen die Finger, die die Bechern hielten, zu klemmen. Nach dem Handy greifend, verschwand dieses sogleich an das Ohr und wurde mit der Schulter fixiert, damit die freie Hand nach den Gebäcken sehen konnte. Zwischen den Heißgetränken zu balancieren war ihr einfach zu riskant. "Hi?" Effy hatte in der Eile gar nicht überprüft, wer am Hörer war, doch die Stimme der Blondine erkannte sie sofort. "Dir auch Hi. Du hast gar nicht auf meine Nachrichten geantwortet. Ist dir bewusst, dass sich Leute um dich sorgen?"
      "Ich bin von Cam direkt zur Musikschule, ich hatte nicht wirklich eine freie Minute, um dir zu schreiben."
      "Caaaaam. Dein Ritter in goldener Rüstung. Lief endlich mal was?"
      Augenrollend ging die Hill Tochter den Bürgersteig entlang, in Richtung der Tiefgarage des Bürokomplexes. "Träum weiter, ich hab keine Chance bei ihm, das weißt du selbst! Er meinte, ich hätte mich benommen, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, mich blamiert zu haben." Sie bog gerade in die Garage ein, ihre Stimme begann zu hallen und ertönte die halbe Parkzone. "Na vielleicht lief ja doch was und nun hält er es geheim, weil du die kleine Schwester bist."
      "Clara!" Hisste sie den Namen ihrer besten Freundin, bevor Effy das Flüstern begann. "Sowas würde Cameron nie tun! Vor allem nicht mit mir." Ein letztes Mal um die Ecke gebogen, stand sie ihrem Traummann plötzlich gegenüber. Cameron stand vor dem Chevrolet, die Autoschlüssel in der Hand und schön wie immer - selbst bei dem miserablen Lichtverhältnissen der Tiefgarage. "Ich melde mich später. Bye bis dann." Wimmelte Effy ihren Gesprächspartner ab, um den älteren zu begrüßen. Verlegen warf sie ihm ein Lächeln zu. Ob er gehört hatte, dass die beiden Mädels über ihn sprachen?

      Im Auto angelangt, bot die jüngere dem Fahrer einen Kaffee an. Sie hatte ihm extra einen mitgebracht, selbst für die Frau, von der Effy wusste, dass sie vermutlich auf das Koffein verzichtete, brachte sie einen Tee mit. "Ich war mir nicht sicher, worauf ihr Lust haben könntet, also hab ich ein bisschen von allem mitgenommen. Was Süßes, was Herzhaftes, in der Hoffnung, dass etwas davon zusagt." Lächelte sie leicht, auch wenn der Blonde es von seinem Sitz aus nur sehen konnte, wenn er in den Rückspiegel schaute. Es war für die junge Frau selbstverständlich, dass sie hinten Platz nahm. Seine Mutter sollte sich nicht auf die Rückbank quetschen und vor allem an Camerons Seite sitzen. Die Brünette gab sich Mühe, der kranken Liv keine Umstände zu bereiten und wenn es ging, ihr eine Freude zu machen.
      A heart's a heavy burden.

    • Sichtlich genervt von dem kindlichen Verhalten seiner Kollegin und Bettgesellin Jane, verließ auch Cameron kurz nach ihrer Szene sein Büro. Sein Kopf war voller Gedanken. Über die Arbeit, über Christians Nebenverdienst und die damit verbundene Skrupellosigkeit, die ihm noch schwerer im Magen lag als Blei. Und dann seine Mutter… natürlich - die Sorge um sie war allgegenwärtig. Der smarte Blondhaarige war so sehr gefangen in seinen Gedanken, dass er auch nach außen hin geistesabwesend wirkte, und seine Kollegen, die ihn freundlich begrüßten, nur mit einem flüchtigen Kopfnicken begrüßte oder sie gänzlich ignorierte.
      Irgendwann war er in der Tiefgarage angekommen, wo er fast in Effy hineinlief. Zum Glück konnte er noch rechtzeitig stoppen, sonst wäre das Hemd, welches sie sich am Morgen von ihm geliehen hatte, nicht mehr so blütenweiß gewesen. Er ließ einen Blick über all das schweifen, was sie in ihren zarten Händen trug. Jede Menge Leckereien. Einiges davon aß seine Mutter ausgesprochen gerne. Ihre Liebe zu den süßen Sünden hatte man der krebskranken Frau aber schon in den jüngeren, gesunden Tagen nicht angesehen. Ein Lächeln schlich sich auf das nachdenkliche Gesicht Camerons. Es war nur kurz zu sehen, aber die Freude, die daraus sprach, war deutlich zu spüren.
      „Hast du den ganzen Laden leer gekauft?“, fragte er amüsiert und nahm ihr die Kaffeebecher ab, damit sie nicht so viel tragen musste. Gemeinsam gingen sie zu seinem Chevrolet. „Das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, sagte er noch auf dem Weg dorthin, bevor er die Becher sicher in seinem Auto unterbrachte und sich ans Steuer setzte. Er startete den Motor und fuhr auf direktem Wege aus der Tiefgarage heraus, um den Weg zum etwa zehn Kilometer entfernten Krankenhaus zurückzulegen, in dem seine Mutter ihre Behandlung inzwischen beendet hatte. Sie würde müde sein, wie so oft. Vermutlich auch hungrig. Bei einem erneuten Blick auf die Leckereien, die Effy auf ihrem Schoß trug, musste er erneut lächeln. Im Hintergrund spielte leise Rockmusik, gefolgt vom Wetter, das außer Regen nichts gutes ankündigte. Und da fielen auch schon die ersten Tropfen, woraufhin der Scheibenwischer seine Arbeit tat und die Wolken wie eine Unheil verkündende Glocke über den Häusern hing.
      "Gehts dir besser?", fragte er, als er an der ersten roten Ampel zum Stehen kam und durch den Rückspiegel direkt in ihre Augen blickte.
    • Die kleinen Scherze über den Einkauf nahm Effy lächelnd hin, wank mit der freien Hand ab, nachdem Cameron ihr die Heißgetränke abgenommen hatte, ehe sie im Fahrzeug Platz nahmen. So wie die Räder das Rollen begannen und sie die Ausfahrt verließen, verlor sich die Studentin in ihrer eigenen Gedankenwelt. Auto für Auto zogen an ihnen vorbei, kleine Wassertropfen, die sich an der Scheibe sammelten und der Blick nach draußen verschwamm, bis die tiefe und altbekannte Stimmlage des älteren ihre Aufmerksamkeit gewann. Sofort schreckte ihr wacher Blick in den Spiegel, in dem die Ozean Augen genau auf ihre gerichtet waren. Einen schöneren Ausblick als diesen gab es nicht, sanfter aus einem Tagtraum gerissen zu werden war unmöglich - zumindest für die Hill Tochter. "Ja - Nein. Mir geht's gut. Ich habe mich irgendwie fremd in meinem Körper gefühlt, falls das Sinn ergibt. Ansonsten alles fein. Mach dir um mich keine Sorgen." Nervös begann die Brünette mit der Hand vorm errötenden Gesicht zu fuchteln, um das Thema möglichst kurz zu halten. Cameron hatte genug andere Probleme, als sich um einen dummen Drogen-Streich unter Freundinnen zu kümmern. "Danke." Wandte sie lächelnd ihr Augenmerk gen Straßenverkehr und wusste, dass der Mann verstand, wofür der Dank galt. Nicht etwa, weil er fragte, wie es ihr ging, seine Sorge schmeichelte ihr und war mehr als ihr eigener Brüder je für sie übrig hielt, aber anders als Chris, war auf den Blonden verlass. Er ließ Effy nicht im Regen stehen. Dafür stand sie ewig in seiner Schuld, dafür, dass er mehr Familie für sie war, als Chris es je sein würde.

      "Zwischen dir und der Empfangsdame alles gut? Ich wollte dir keine Probleme bereiten. Wenn du möchtest, rede ich mit ihr und erkläre ihr die Situation." Bei der Erinnerung an die beinahe hysterische Blondine, musste die junge Frau sich ihr Grinsen verkneifen, denn auch wenn ihr die Dame missfiel und sie Effys Meinung nach überhaupt nicht an Camerons Seite passte, so meinte sie ihre Worte so, wie sie sie sprach. Schon von klein auf hatte die Hill kein Interesse daran, für Drama zu sorgen oder Ärger zu erregen. So schnell würde sich das nicht ändern.

      So kurz wie ihre Strecke war, so überraschend lang war ihre Fahrzeit dorthin. Mittagszeit, in der City. Man hätte meinen können, sie wären zu Fuß schneller gewesen als mit den vier Rädern, aber langsam kamen sie ihrem Ziel näher. Mit jedem Meter, dem die beiden dem Krankenhaus näher kamen, umso nervöser wurde Effy. Der Schweiß sammelte sich in ihren Handflächen, ohne sich erklären zu können wieso. Liv war quasi ebenso Teil der Familie, wie Cameron auch. Eine Millionen Mal habe sie sich gesehen, verstanden sich blendend, aber ausgerechnet beim Abholen wurde die Brünette unruhig. Es war nun schon ein wenig her, dass sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, und den Zustand der Mutter konnte Effy unmöglich einschätzen. Ging es ihr gut? Würde Liv die Anwesenheit der Hill stören? War das alles eine dumme Idee gewesen? Hatte sie sich Cameron aufgedrängt?

      Die kreisenden Gedanken wurden immer lauter oder die Geräusche der Umgebung mit den stehenden Rädern ruhiger. Doch in dem Moment, als Liv zu ihnen stieß, war Effys Kopf wie leer gefegt. Keine Stimme der Unruhe mehr anwesend. "Hi!" Strahlte sie der gezeichneten Frau entgehen, die deutlich erschöpft war. "Ich hab dir ein paar Eclairs mitgebracht, die mit der Spezialfüllung und ganz unten ist auch noch ein neues Gebäck, das erst diese Woche in den Verkauf ging." Deutete sie auf die bräunliche Tüte voller Leckereien und schwärmte seelenruhig von den Neuheiten. "Ich hoffe, du hast Hunger. Und es tut mir leid, dass ich hier so unangekündigt reinplatze." Leicht kichernd, fuhr die Hand an den Hinterkopf, um sich verlegen zu kratzen. Hoffentlich war es der armen Patientin nicht zu viel, unangekündigt auf Effy zu stoßen.
      A heart's a heavy burden.

    • „Ja, alles gut. Mach dir keine Gedanken“, antwortete Cameron schmunzelnd auf die Frage nach der Empfangsdame. Jane… Ja, sie war schon ein Fall für sich. Menschlich war sie schwierig, anspruchsvoll, aber für gewisse Stunden ideal. Ideal - das war nicht das passende Wort. Es machte aus dem Mensch Jane einen Gebrauchsgegenstand, und das war sie für Cameron ganz und gar nicht. Keine Frau, die jemals mit ihm das Bett oder andere Orte geteilt hatte, war für Cameron jemals nur ein Gegenstand. Er behandelte all seine Affären mit dem nötigen Respekt, hatte ein Ohr für ihre Probleme und war ein wahrlich grandioser Zuhörer. Dass einige der Damen sich trotzdem ungerecht behandelt fühlten, etwa weil sie Gefühle entwickelt hatte, die Cameron nicht erwiderte und das obwohl von Anfang an deutlich ausgesprochen wurde, dass er keine tiefgreifendere Beziehung führen möchte, dafür konnte der smarte fast 30-Jährige nun wirklich nichts. Und obwohl Jane jedes Mal aufs Neue beteuerte, dass es für sie auch nur eine Bettgeschichte war, glaubte Cameron es nicht. Vermutlich glaubte Jane selbst nicht mehr daran.
      Es dauerte trotz des regen Verkehrs nur etwa 25 Minuten bis sie an ihrem Ziel ankamen. Kurz darauf stieg Livia ein. Schwer gezeichnet von der kräftezehrenden Behandlung hatte sie aber noch immer ein warmherziges Lächeln auf den Lippen. Sie wirkte überrascht, ihren Sohn nicht allein anzutreffen, auch wenn Effy kein unbekanntes Gesicht für sie war.
      „Oh Hallo, meine Liebe. Schön dich zu sehen“, sagte sie und ihre Augen weiteten sich, als sie die ganzen Leckereien sah, die die Hill-Tochter für sie besorgt hatte. „Ach, du meine Güte!“, sagte sie und ein schwaches Lachen entfuhr ihrer heiseren Kehle. „Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen!“
      Sie ließ ihren Blick auf ihren Sohn schweifen und begrüßte ihn mit einem zarten Wangenkuss. „Hallo, mein Schatz. Seid ihr gut durchgekommen?“, fragte sie, ohne den Grund erfahren zu wollen, warum Effy nun mit an Bord war. Sie mischte sich nie in die Privatangelegenheiten ihres Sohnes ein - das war schon immer so. Und das hatte ihre Beziehung auch so gefestigt. Immer dann, wenn Cameron das Bedürfnis gehabt hatte, den Rat seiner Mutter zu benötigen, war sie da. Und wenn er lieber etwas für sich behielt - nun ja, dann war es so. So wurde aus Cameron der selbstständige und stolze Mann, der er heute war.
      „Möchtet ihr noch mit reinkommen, wenn wir Zuhause sind, dann mache ich uns einen Kaffee oder Tee, was meint ihr?“, fragte sie und versuchte dabei ihre Erschöpfung zu verschleiern. Doch die Schatten unter ihren Augen und ihre fahle, kalte Haut sprach eine andere Sprache.
      „Das ist lieb, Mam, aber leider muss ich zurück zur Arbeit. Effy hat nur etwas bei mir liegen lassen. Ich fahre kurz Zuhause vorbei und muss dann gleich wieder weiter.“
      „Achso, schade. Aber wir holen das nach, okay?“, fragte sie lächelnd in die Runde, woraufhin dieses Angebot gerne bejaht wurde.
      Vor dem Elternhaus angekommen, nahm Livia, die insgeheim sicher froh darüber war, sich nun ausruhen zu können, einige der Leckereien sowie den Rest des lauwamen Kaffees mit, ließ den beiden aber auch noch etwas übrig.
      „Ich danke dir ganz herzlich. Vielen Dank. Und einen schönen Tag. Wir sehen uns dann bald auf einen Kaffee bei mir!“, sagte sie, schlug die Autotür sachte zu und winkte den beiden nochmal zum Abschied, bevor sie zur Haustür ging.
      „Du kannst dich gerne nach vorne setzen“, bot Cameron an, nachdem er seiner Mutter gewinkt hatte. Ihre Blicke trafen sich durch den Rückspiegel.
    • Erleichterung machte sich in der Brünetten breit, als sie die Patientin betrachtete, die die Klinik verließ. Die tiefen Augenringe waren kaum zu übersehen und trotz des Lächelns auf ihren Lippen sahen ihre Seelenspiegel trüb aus. Effy konnte sich kaum vorstellen, wie es sein musste, solche Torturen über sich ergehen lassen zu müssen. Ihrem schlimmsten Feind wünschte sie so eine Krankheit nicht und ausgerechnet so ein lieber und zerbrechlicher Mensch, wie Liv musste es erwischen. Innerlich seufzte sie ein wenig bei dem Gedanken an die Ungerechtigkeit des Lebens, ließ sich davon aber nichts anmerken, denn schnell fanden alle ihre Plätze im Wagen und auch die Kleinigkeiten aus dem Café. Die Freude darüber schien nicht gespielt und zauberte ein sanftes Schmunzeln auf die rosigen Lippen der Hill. Schön, wenn sie ihr zumindest eine kleine Freude bereiten konnte.

      Glücklicherweise wurde nicht hinterfragt, wieso die jüngere Anwesend war, eine grobe Aufklärung gab es für die unwissende Frau trotz dessen. Erneut erleichtert, diesmal darüber, dass es dem Mädchen erspart blieb, die Lage zu erläutern, nickte sie leicht zu den Worten des Blonden, während der leise Motor sie Meter für Meter an ihr Ziel trug. Bevor sie sich versagen, kam das Auto zu stehen. Nicht an einer Ampel, wie die etlichen Male zuvor, sondern diesmal an dem Familienhaus der Reeves. Es war klein aber charmant. Der Vorgarten blühte in bunten Farben auch wenn das Unkraut sich neben der Pracht ausbreitete. Liv war kaum zu verübeln, dass sie die Gartenarbeit vernachlässigt hatte. Irgendwie passte es so auch besser zum Rest des Hauses. Nicht, dass es ungepflegt aussah, ganz im Gegenteil, aber ein wenig Wildwuchs ließ das Haus wie aus einem Märchen entsprungen aussehen. Effy mochte die Seele solcher Häuser, als würden sie bereits beim Anblick eine Geschichte erzählen, statt nur vor neuer Farbe und Akzente zu schimmern.

      Nachdem die beiden erfolgreich den ersten Teil ihrer Reise abgehakt hatten,
      nahm Effy den Vorschlag des Blauäugigen an und nahm neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz. Den Anschnallgurt festgeschnallt ging es auch schon los, wenige Minuten entfernt vom Elternhaus. Die Stille brach über sie ein, was Effy nicht als unangenehm empfand. Manchmal war es auch einfach schön, Schweigen zu können und einen ruhigen Moment genießen zu können, bevor es dann auch schon die Treppen hinauf in die Wohnung ging. "Geht ganz schnell. Ich glaube, meine Schlüssel sind im Blazer." Lächelte sie dem Herren zu, der ihr die Tür öffnete, ehe sie an diesem vorbei huschte und direkt ins Schlafzimmer marschierte. Gesucht - gefunden konnte die Brünette durchatmen. Kaum auszumalen, was für ein Drama es gewesen wäre, hätte sie die Schlüssel im Club oder auf dem Weg dorthin verloren. Wie hätte sie das ihren Eltern erklären sollen? "Hab sie!" Kam sie jubelnd aus dem Zimmer hervor und scannte kurz den Raum nach Cameron. Er stand in der Küche, machte sich vermutlich einen Kaffee, wenn er schon mal hier war und die Wartezeit überbrücken musste. Die Hill-Tochter machte es ihm gleich und fand sich kurz in einem Déjà-vu wieder. So hatten sie zu Beginn des Tages bereits dort gestanden. "Nochmal vielen Dank und wenn dir danach ist, würde ich wirklich gern die Einladung deiner Mam annehmen." Gab sie vorsichtig von sich und nahm den Mann unerwartet in den Arm. Sie wusste selbst nicht, wieso sie es tat. Er schien einfach in ihren Augen gut eine gebrauchen zu können. "Du bist nicht allein. Auch wenn es anstrengend ist, würde ihr ein wenig Normalität und unter Leute zukommen vielleicht gut tun." Mit den Worten löste sich ihr Griff unter seinen Armen wieder, auch wenn sie gern länger in der Position gewesen wäre und seinen Duft genossen hätte. "Ich bin da, wenn ihr mich braucht und auch wenn Chris ein Arsch ist, würde er alles für dich tun." Leicht schmunzelnd über ihren dummen Bruder sah sie direkt in die Ozean blauen Augen. Sie waren so unglaublich schön - wenn sie doch bloß irgendetwas sagen konnte, das ihnen Sorgen und Erschöpfung nehmen würde.
      A heart's a heavy burden.

    • Lange dauerte es nicht bis die beiden in Camerons Wohnung angekommen waren, genau da, wo ihr beider Tag heute Morgen begonnen hatte. Schnell huschte Effy durchs Wohnzimmer, direkt ins Schlafzimmer, genau in den Klamotten von heute Morgen, die teilweise nicht mal ihre eigenen waren. Cameron störte das nicht weiter. Er zapfte sich derweil einen Kaffee. Nun musste Chris eben etwas auf ihn warten. Das hatte er sich selbst zuzuschreiben. Der smarte 29-Jährige bot der süßen Effy einen Kaffee an, und so standen die beiden genauso da wie bereits vor einigen Stunden.
      Mit der plötzlichen Umarmung und den herzlichen Worten hatte der Angestellte nun wirklich nicht gerechnet. Zaghaft und auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, tätschelte er Effys Schulterblatt, dann löste sie auch die Umarmung schon wieder.
      „Ich danke dir. Es ist wirklich lieb, aber… wir kommen schon klar. Weißt du…“, begann er, senkte den Blick und schlagartig wirkte er ernst. Runzeln zeigten sich auf seiner sonst so glatten Stirn und die Schatten, die man durch den Lichteinfall nun deutlich sehen konnte, erzählten von seiner Erschöpfung und dem Empfinden seiner unendlichen Müdigkeit. „Es wird nicht mehr besser mit Mam. Sie wird sterben. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Sie weiß es nicht, hat immer noch Hoffnung, jeden beschissen weiteren Tag. Der Arzt hat es mir vorgestern gesagt...“, fuhr er fort, drehte sich von Effy weg, stellte den noch dampfenden Kaffee auf der Küchenzeile ab und stützte sich mit seinen Händen ab. Gedankenverloren starrte der junge Mann auf die Zeile, oder viel mehr durch sie hindurch.
      „Das Wissen, das Kämpfen, die Lüge… irgendwann ist man einfach nur kaputt.“
      So offen hatte er kaum mit jemand anders gesprochen. Über seine Gefühle, die Erschöpfung und über die Angst, die so allgegenwärtig wie der Tod selbst neben seiner Mutter stand.
      Dann aber richtete er sich auf, griff wieder nach seiner Kaffeetasse, nahm einen großen Schluck daraus und wandte sich wieder an die wesentlich kleinere Dunkelhaarige. „Aber wir machen das Beste daraus. So war es schon immer.“
      Er lächelte, und auch wenn es gezwungen wirkte, so wollte er Effy doch nicht mit seiner Situation belasten. Er kannte sie schon so lange, und er wusste genau, dass sie das Leid anderer sehr mitnahm.
      „Sorry für mein Gejammere. Trink ruhig in Ruhe aus. Ich geh‘ kurz ins Bad.“
      Er trank den letzten Schluck seines Kaffees, stellte die leere Tasse wieder ab und ging an Effy vorbei, um das Badezimmer aufzusuchen.
    • Der plötzliche Einblick in die Gefühlswelt des größeren überraschte Effy sehr. In ihren tiefsten Erinnerungen konnte sie keinen Moment hervorrufen, indem das Mädchen so in Cameron hineinhorchen durfte. Jedes einzelne Wort schmerzte auch in ihrer Brust. Fair war es nicht, verdient hatte Liv den Tod schon gar nicht und das Wissen, das Warten- unvorstellbar welche Qualen die Reeves durchleben mussten, welche Last Cameron auf seinen Schultern trug. Sanft legte die Brünette eine Hand auf dessen Rücken, um ihm irgendwie Trost und Wärme zu schenken. Der Mund öffnete sich bereits, suchte die richtigen Worte, doch bevor ihre Stimmer erklang, wandte der Blonde umher und widmete sich dem Getränk, gefolgt vom Badezimmer. Seufzend sah Effy ihm hinterher, räumte in Gedanken versunken die Tassen in die Spülmaschine und wartete auf seine Rückkehr. Ob sie dann nochmal Worte finden sollte oder war es besser, seine Flucht unkommentiert zu lassen?

      Nach gefühlten Stunden, da jede Sekunde schwer auf ihrem Herzen lag, trat er wieder hervor. Überfordert traf ihr Blick auf den seinen, scannend nach Sorge und Trauer, Tränen, die er vielleicht vergossen hatte. "Cam." Sofort kam es aus ihr heraus. Selbst wenn er es nicht mehr zum Thema machen wollte, wie hätte sie darüber schweigen können? Sie trat einige Schritte an ihn heran. Mit den Fingern fuhr sie über sein Jacket, wischte einige Fussel oder imaginären Staub von seinen Schultern, ehe sie ihm in die Augen sah. "So…" schloss sie die Lider und atmete mit den Händen noch immer auf seinen Schultern tief durch. "Und jetzt Kopf hoch." Ein Lächeln auf den Lippen tragend, als hätte die Hiobsbotschaft nicht existiert. "Das Trübsal blasen ist vorerst vorüber. Du hast Liv bei dir und wirst sie für immer bei dir tragen, aber solange sie noch Zeit hat, werden wir jeden Augenblick genießen, so klein und unbedeutend er auch sein mag. Traurig sein können wir immer noch, wenn es so weit ist!" Das Wasser sammelte sich in den Seelenspiegeln der Jüngeren, trug aber weiterhin ein Lächeln auf ihren Zügen. "Halt dir das Wochenende frei, ja?" Sie legte den Kopf zur Seite und brachte wieder einige Zentimeter zwischen sich. "Wofür siehst du dann!" Bereits zur Tür laufend, wandte sie ein letztes Mal zum Blonden über ihre Schulter hinweg, um ihn mit ausgestreckter Zunge zu ärgern.
      "Danke für die Schlüssel. Ich schreibe dir, bezüglich des Treffpunkts und der Uhrzeit." Und mit den Worten verschwand die kleine Frau.
      A heart's a heavy burden.