Colorful Soulmate [Michiyo & Lysios]

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    • Colorful Soulmate [Michiyo & Lysios]

      Colorful soulmate
      Drama, Slice of Life, GL, Romance


      AU - Es ist ein überaus bekannter, umstrittener und dennoch unumstößlicher Fakt, dass jeder Mensch einen Seelenverwandten, einen Soulmate hat. Niemand kann genau sagen wie das Phänomen entstanden ist, jeder Versuch der Erklärung hängt lediglich an Spekulationen, doch seit vielen Generationen kommen Menschen ausschließlich farbenblind zur Welt. Und sie bleiben farbenblind. Zumindest bis zu dem Moment, an dem sie ihren Soulmate entdecken. In der Sekunde, in der ihre Blicke aufeinander treffen, scheint die Welt vor ihren Augen in Farben zu explodieren und ab diesem Moment verschwindet die Farbenblindheit.
      Dieses Konstrukt hat viele gesellschaftlichen Konflikte ins Leben gerufen. Abgesehen davon, dass viele Menschen regelrecht verzweifelt nach ihren Seelenverwandten suchen, ist es auch entsetzlich schwierig geworden mit dem Wissen umzugehen, dass der eigene Partner nicht derjenige ist, der einem die Farben schenkt. Das Phänomen wird in großem Maße romantisiert und zur Schau gestellt. Berühmtheiten täuschen sogar des häufigeren vor ihre Farbenblindheit überwunden zu haben, um Beziehungen untereinander zu promoten oder einem gewissen Image gerecht zu werden. Es gibt ganze Partnervermittlungsbörsen, die sich vermeidlich darum bemühen den eigenen Seelenpartner aufzuspüren. Ein außergewöhnliches Problem in Großstädten ist es geworden unbeabsichtigt dem eigenen Seelenverwandten in die Augen zu sehen und sich sofort in der Menge zu verlieren. Unglücklich und gefährlich. Nicht selten sind bereits Unfälle passiert, da Autofahrer plötzlich am Steuer die Farbexplosion erhielten und so erschrocken und abgelenkt gewesen sind.
      X ist eine junge Frau in dieser sonderbaren Welt und sie ist nicht interessiert daran ihren Soulmate zu treffen, nachdem sie bereits 3 Mal von ihren Partnern verlassen wurde, nachdem diese ihren Soulmate getroffen haben. Sie kann sich mit dem Konzept nicht anfreunden, ist voll und ganz auf der Seite der Widerstrebenden und Skeptischen und verlässt niemals das Haus ohne die vorgeschriebene Sonnenbrille. Ein wenig verbittert versucht sie sich komplett vor jedem Einfluss in dieser Richtung fernzuhalten. Bis Y in ihr Leben stößt. Sie ist eine ihrer Kommilitonen und kann es kaum erwarten endlich ihren Soulmate zu treffen. Sie ist ein exzentrischer und extrovertierter Charakter und liebt es Freundschaften zu schließen. So - so beteuert sie - kommt sie am besten ihrem Partner fürs Leben näher.
      X ist eines ihrer Opfer. Auf den ersten Blick auf diese grimmig wirkende Gestalt mit der Sonnenbrille wusste sie, sie mussten sich anfreunden. Da hatte X auch nicht mitzureden. Und obwohl sie sich wirklich darum bemühte sich in nichts hinein ziehen zu lassen, schaffte Y es doch sich mit ihrer Art ein bisschen in das Herz der Frau zu schleichen. So geschah es, dass nach einer Weile der Freundschaft X sich endlich dazu breitschlagen ließ ihre Sonnenbrille abzunehmen. Und es genügte ein einziger Blick in die Augen der anderen und X und Y erfuhren am eigenen Leibe die Farbexplosion...

      Before the meeting

      @Michiyo
    • Page Sharman
      Es war absurd. Absolut ungerechtfertigt. Sie verstand es einfach nicht. Genervt stand Page mit einem Cofe to go in der Hand an eine Säule gelehnt, eine Zigarette zwischen den Fingern ihrer freien Hand haltend, sah sie durch die Linsen ihrer runden schwarzen Sonnenbrille auf ein gigantisches Poster, dass sie letzte Nacht auf dem Campus aufgehangen haben. Sie sog den Rauch in ihre Lungen, bevor sie ihn der verhassten Werbung entgegen blies. Es war eine Reklame für einen neuen Vermittlungsservice. Ein sogenanntes "Projekt" von Studierende an Studierende. Eine überarbeitete Speed Dating Aktion, auf der stetigen, nicht aufhörenden Suche nach dem einzig wahren Soulmate.
      "Sollten sie sich nicht wenigstens hier um andere Dinge Gedanken machen", nuschelte sie in sich hinein und stieß sich mit einem Schnauben von der Säule ab. Beiläufig nahm sie den letzten Zug und drückte ihre Zigarette in dem Aschenbecher drei Schritte von ihr entfernt aus. Page ging zügigen und festen Schrittes durch die Menge an neuen und alten Studenten. Semester für Semester wurden es weniger und weniger Leute, die die Sonnenbrillen trugen. Sie merkte, wie immer wieder neugierige Blicke den Weg in ihr Gesicht fanden, doch schnell wieder abgewandt wurden, als sie Pages Attitüde wahrnahmen. Gut für sie. Was war das nur mit dieser schrecklichen Faszination? Filme, Musik, Theaterstücke, ganz gleich wo man hinsah, überall drehte es sich nur um das eine Thema. In Zeitschriften spekulierte man über Prominente, die möglicherweise ihr "Erwachen" endlich gehabt haben. Es war so ein eintöniges und schnödes Thema.
      Jura war ihre Rettung. Page blickte auf und erkannte das emporragende Gebäude ihrer Fakultät. Da war kein Platz für diesen Kram. Sie hörte so viel lieber fremden Gesprächen über Burnout, durchzechte Nächte über neuen und alten Gesetzestexten als dieses immergleiche Dilemma wer wen am liebsten und besten für den Rest des Lebens bumsen kann. Page war es absolut leid.
      Seufzend schritt sie an dem Außenbereich der Cafeteria vorbei und musste abrupt stoppen, als vor ihr zwei Jungen an ihr vorbei hechteten. Dabei stolperte der eine über das Stuhlbein eines jungen Mädchens, fiel beinahe hin und wollte bereits lachend einfach weiter stürmen. Schneller, als Page selbst realisieren konnte was sie da tat, hatte sie den stürmischen Typen am Kragen gepackt wie einen Hund und zog ihn heftig zurück. Er schrie auf, stolperte und sah vom Boden zu ihr rauf. "Hast du sie noch alle?! Was willst du d-..."
      "Hältst du den Rand?! Was zur Hölle ist in dich gefahren. Hier durch die Gegend zu stürmen als würdet ihr gejagt werden. Entschuldige die wenigstens!" Sie schlug ihm gegen den Hinterkopf und der junge Mann sah verwirrt zu dem Mädchen mit langen Haaren, die er ausversehen einen guten Schritt vom Tisch gezogen hat, als er an ihrem Stuhl hängen geblieben ist. "Sorry man, ehrlich. Aber wir kommen zu spät zu unserer ersten Vorlesung." Page schnaubte, trank ihren Kaffee leer und warf dem auf dem Boden sitzenden ihren leeren Becher in den Schoß. "Idioten halten hier nicht lange. Also seht zu, dass das nicht eure letzte wird." Mit verschränkten Armen vor der Brust sah sie mit an, wie der eine seinem Freund aufhalf. Mit ihrem Becher in der Hand wollte er protestieren, doch sein Freund hielt ihn ab.
      "Komm wir haben echt keine Zeit dafür." Damit zogen die beiden schnell ab, achteten aber zumindest ein wenig auf ihre Umgebung. Page seufzte. "Die Ersties werden dreister und jünger mit jedem Semester.", nuschelte sie zu sich selbst und wollte bereits an der Szene vorbei gehen ohne sich noch einmal zu dem Mädchen umzudrehen, die das Opfer dieser Burschen wurde.
    • Saoirse Brennan

      Wie an jedem Morgen saß Saoirse nichts ahnend auf der kleinen Terrasse der Cafeteria und startete in aller Ruhe in den Tag. Obwohl man es ihrem sonnigen Gemüt gar nicht zutraute, benötigte sie erst eine Portion Koffein, um hochzufahren. Vorher konnte man mit ihr nur wenig anfangen und wirklich Welten standen zwischen den wenigen Minuten, in denen die Studentin die notwendige Dosis an Energie getankt hatte. Zum Glück war sie an diesem Morgen früh genug gekommen, hatte ihren warmen Grüntee bereits inhaliert, bevor der Tisch begann zu wackeln und sie gemeinsam mit dem Stuhl, auf dem sie ruhte, nach hinten rutschte. Zwei Männer, offensichtlich Erstsemester, hatten es ziemlich eilig gehabt und dabei die Langhaarige übersehen. Die aufgerissenen Lider blickten verwirrt auf den Boden, wo die Jungen eine unsanfte Landung fanden und gleich darauf in den Fängen einer zarten Frauenhand landeten. Wie ein ungezähmter Löwe machte sie sich über die beiden her, wies sie zurecht für ihr unbedachtes toben und zwang mehr noch eine Entschuldigung aus ihren grünen Ohren heraus. Saoirse konnte nicht anders als perplex die Szenerie, die sich vor ihr abspielte, zu verfolgen und beim Fall des Vorhang letztlich laut das Lachen zu beginnen. Die große Frau vor ihr erinnerte sie zu sehr an sich selbst, wenn man den Fehler begangen hatte, das Mädchen vor dem lebensnotwendigen Koffein zu belästigen.

      Neugierig, ob die Unbekannte bloß Streit suchte oder sich tatsächlich für das Unrecht, dem ihr getan wurde, einsetzte, richtete sie alle Aufmerksamkeit auf die Passantin. Noch immer war sie heiter am Lachen. "Du lässt dir nichts gefallen, oder?" Das Kichern verstummte langsam und mit diesem erhob sich die Kleinere, um ihrem Gegenüber die Hand zu reichen. "Ich schulde Ihnen meinen besten Dank." Machte sie einen Knicks und hielt mit den Fingerspitzen den imaginären Rock in der Luft. Erneut erklang ein sanftes Kichern, ehe sie die Aufmerksamkeit aufs Antlitz ihrer Helden richtete. "Saoirse. Ich hab das Gefühl, wir werden gute Freunde!" Stellte sie sich vor und platzte wie immer ohne einen Filter mit ihrem Vorhaben heraus.

      Viele Reaktionen waren der Frau nicht abzulesen, die Brille verdeckte schließlich die Hälfte ihrer Züge. Eine Schande, wie Saoirse sich dachte, denn das wenige, was man sah, ließ erahnen, dass sie eine wahre Schönheit war. Hielt sie sich nur an die Regeln oder war sie eine der wenigen, die die wahre Schönheit der Welt nicht erblicken wollte? Je nachdem, welcher Fakt es war, würde es für ihre Taktik eine Rolle spielen. Nach all den Jahren der kontaktfreudigen Suche nach neuen Bekanntschaften hatte Brennan gelernt, dass die unterschiedlichen Charaktere auch unterschiedlich begegnet werden mussten. Letzteres würde es ihr definitiv schwerer machen, denn Saoirse selbst trug keine Brille, hatte sie nicht mal griffbereit, sondern irgendwo in ihrem Rucksack vergraben, ohne darauf zu achten, ob sie denn keinen Schaden nahm. Wieso denn auch? Das Ding vereitelte ihren Plan ohnehin nur, hässlich war es noch dazu, aber Geschmäcker waren ja bekanntlich verschieden. "Ich studiere Kommunikation und Übersetzung und du?" Fragte Saoirse ganz neugierig. Leute redeten gern über sich selbst und zudem würden ihr mehr Informationen fehlen, die Fremde einzuschätzen, denn irgendwie schien die ganz und gar nicht interessiert zu sein…"Wie wär's, ich gebe dir zum Dank einen Kaffee aus. Wobei den hattest du ja gerade...Ähm vielleicht ein Muffin?" Breit grinsend, ließ sie nicht von der Studentin ab und folgte ihr, zwang sie dazu, ihr zuzuhören.
      A heart's a heavy burden.

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    • Page Sharman
      Sie hatte keinerlei Begründung weiter an Ort und Stelle zu verweilen. Und genauso sah sie keine Begründung für dieses Mädchen ihr auf einmal hinterher zu kommen. Irritiert neigte sie den Blick zu ihr. Zwar war sie in der Theorie nicht viel kleiner als Page, doch ihre hohen Schuhe gaben ihr eine gewisse Höhenlage. Sie trug keine Sonnenbrille und auch, wenn Page keine Farben sehen konnte, würde sie dieses Mädchen als flashy bezeichnen. Page machte eine abwinkende Handbewegung und blieb nicht stehen. Ebenso wenig diese Fremde. Als sie sich noch einmal bedankte zog Page ein wenig verstimmt die Augenbrauen zusammen und sah wieder zu ihr herunter. "Duzen oder Siezen, hast du dich entschieden?", fragte sie forsch. Sie stellte sich mit ihrem Namen vor - einem exotischen Namen in Pages Ohren - und entschied sich wohl wirklich endgültig dafür sie zu duzen. Ihr war nicht aufgefallen, dass sie stehen geblieben und skeptisch eine Hand in die Seite gestemmt hat.
      "Ganz ruhig mit den wilden Pferden, sonst stolperst du noch den Idioten hinterher. Du bist mir nicht zu Dank verschuldet oder sonst irgendetwas. Ich hab nicht deine Ehre verteidigt oder sonst irgendwas. Ich habe nur die Ersties zurechtgewiesen. Nicht mehr und nicht weniger und ich bin auch nicht daran interessiert neue Freunde zu machen. Ich habe genug." Letzteres war zugegebenermaßen eine Lüge. Eine dreiste sogar noch dazu. Page kennt nicht einmal den Vornamen ihrer Mitbewohnerin. Sie ist eine absolute Katastrophe wenn es darum geht Freundschaften zu schließen. Umso mehr fühlt sie sich verstimmt von dieser überdeutlichen Offenheit von dieser Saoirse. "Ich habe schon gefrühstückt. Und du findest mit Sicherheit eine bessere Begleitung." Sie sah sich um und erkannte eine Gruppe von Mädchen die gerade auf sie zukamen. "Hey!", sprach sie sie einfach an. "Seid ihr auf dem Weg ins Café. Hier, nimmt sie mit.", sagte sie ohne Komplexe, nahm Saoirse an den Schultern und schob sie ihnen entgegen, bevor sie die Hand hob zur Verabschiedung und schnell wieder ging.
      Hinter sich bekam sie noch mit, wie die Mädchen sie verwirrt fragten was das sollte und ob sie wirklich mit ihnen kommen wollte. Da hatte sie eine deutlich bessere Gesellschaft. Page seufzte leise, strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und rückte ihre Brille zurecht. Keine von ihnen hatte eine getragen. Dieses Mal fiel es ihr wirklich sehr deutlich auf. Nicht dass es wieder zu Komplikationen und Schwierigkeiten kommen würde deswegen... Sie schob alle Gedanken in dieser Richtung in die hinterste Ecke ihres Hinterkopfes und konzentrierte sich für die nächsten Stunden auf ihre Vorlesung. Erst im Anschluss trat se wieder nach draußen. Erleichtert streckte sie sich und fischte eine Zigarette aus der Schachtel in ihrer Manteltasche. Sie gönnte sich die Pause, lehnte sich erneut gegen eine der Steinsäulen und zündete sich ihr geliebtes Suchtmittel an. "Jetzt brauch ich noch einen Kaffee", nuschelte sie nachdenklich zu sich selbst und strukturierte mit dem Blick an die Decke bereits den Rest ihres Tages.
    • Saoirse Brennan

      "Dann lass mich dir doch gerne einen Ausgeben!" Erschien wie aus heiterem Himmel die Kleinere hinter einer der Säulen und blickte mit froh blinzelnden Augen auf Page. Ihre Lippen waren zu einem netten und ganz unschuldigen Lächeln geformt und zeigten keinerlei Frust oder Nachfragen, dass man sie vor wenigen Stunden einfach so stehen lassen - noch dazu in die Arme fremder geschoben hatte. Zugegeben, viel ausgemacht hatte es Saoirse tatsächlich nicht. Sie liebte es, neue Bekanntschaften zu schließen und Freunde zu finden, aber unhöflich war das schon ein wenig. Da sie die Mädchengruppe ohnehin schon kannte, bzw. es sich um Freunde von einer Freundin hielt, lernte sie bei ihnen nur eine neue Person kennen. Page stand also weiterhin auf ihrer To-Do Liste. "Ich würde mich sehr freuen." Grinste sie nickend und hakte sich am Ellenbogen ein, schnurstracks auf das Café steuernd. Hält nicht viel von Sarkasmus,war der erste Tagespunkt, den sich die 24-Jährige nach ihrer Begegnung hinter die Ohren geschrieben hatte. Wobei auch das gelogen war, denn das Temperament der Schönheit war kaum zu übersehen und passte viel eher an erster Stelle. Dass ihr die Körpernahe nicht passen würde, vermutete Saoirse bereits im Vorhinein, aber entschied sich trotzdem dazu, einfach zu machen. Abschütteln lassen würde sie sich dieses Mal nämlich nicht!

      "Wie war die Vorlesung?" Fragte sie engelsgleich nach, als sei sie der unschuldigste Mensch auf Erden, der nur um das Wohl dieser Person gesonnen war. "Ah und schau Mal!" Ließ sie plötzlich von ihr ab und kramte stattdessen in der kleinen Seitentasche ihres Rucksacks. "Tadaa!" Stieß es jubelnd hervor, als sie die Brille hervorzog und auf den Ansatz ihres Haares setzte nur, um im nächsten Augenblick verwirrt umher zu blicken. "Moment Mal...WO BIST DU HIN! Das ist aber nicht sehr nett." Hakte die Frau sich erneut ein, nachdem sie Page wieder erspäht hatte und zog diese mit sich. "Ich dachte mir, dass du es vielleicht abschreckend fandest, weil ich ohne Brille rumlaufe aber siehe da - ich hab sie dabei und kann sie gerne aufsetzen, wenn dir das lieber ist." Sprach sie, als hätte die Fremde vor wenigen Sekunden nicht noch versucht, aus ihrem Griff zu fliehen. "Am liebsten trinke ich klassisch Cappuccino oder für den schnellen Kick einen Espresso Macchiato, hauptsache pflanzliche Milch von Kuhmilch bekomme ich immer nur einen ganz aufgepusteten Bauch. Und wie trinkst du deinen Kaffee?" Wie händeringend Saoirse nach Gemeinsamkeiten und einem Weg suchte, sich mit dieser Studentin anzufreunden, fiel von außen gar nicht so auf. Es machte eher den Eindruck, dass sie gerne plapperte wie ein Wasserfall, aber das war ihr das ganze Wert.

      Auf ihrem Weg zum Campus-Lokal liefen ihnen mehrere Gesichter über den Weg. Allesamt hob sie grüßend die Hand. Kaum einer auf dem Campus hatte noch keine Bekanntschaft mit der Frohnatur gemacht. Allen zunickend, wies sie keinen ab, sorgte aber auch dafür, dass ihre ungeteilte Aufmerksamkeit Page gehörte.
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    • Page Sharman
      Page zuckte entsetzlich zusammen, als diese Saoirse schon wieder wie aus dem Nichts auftauchte. "W-was?!", kam es schockiert von ihr. Wo zur Hölle war sie hergekommen? Hat sie hier auf der Lauer gelegen? Was stimmte denn nicht mit diesem quirligen Wesen! Warum hatte sie sich denn so einen Narren an ihr gefressen? Page wollte bereits inbrünstig ablehnen, als Saoirse sich einfach bei ihr einharkte und mitzog. Page konnte nicht anders, als ihr hinterher zu stolpern. Was war das für eine Situation. "So warte doch!", meckerte sie und versuchte zumindest ihren Arm zu befreien, um nicht mehr in der unbequemen Position zu sein runtergezogen bzw. generell gezogen zu werden. Endlich ließ sie sie los und Page nutzte diesen Moment auch sogleich, um einfach weiter zu laufen und hoffentlich in der Menge zu flüchten. Doch keine Chance. Saoirse fing sie sogleich wieder ein, dieses Mal mit ihrer Sonnenbrille auf dem Kopf. Verständnislos konnte Page die Fremde nur anstarren. Sie merkte auch, dass sie zwei einige Aufmerksamkeit auf sich zogen mit diesem sonderbaren Katz und Maus Spiel. Denn auch nichts anderes ist das hier gewesen. Das war doch absurd!
      Saoirse erklärte ihr, dass sie Sorge hatte, dass das Fehlen der Sonnenbrille ihr etwas ausgemacht haben könnte. Solche Gedanken hatte sie sich gemacht? Warum?! Page verstand die Welt nicht mehr und irgendwann konnte sie einfach nicht mehr. "Fein, fein, meine Güte! Ist ja gut!", brach es aus ihr heraus. Sie blieb abrupt stehen, nahm ihren Arm und löste sich aus der Umklammerung. "Ich gehe ja mit dir einen Kaffee trinken, du musst mich nicht gleich entführen!" Page fühlte sich ausgelaugt und raufte sich mit einem schweren Seufzen die Haare. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie in dem Gerangel ihre Zigarette verloren hatte und trauerte dieser für einen Moment hinterher. Sie hatte erst zwei Züge davon genommen. Brummend schnappte sie sich eine neue. Sie brauchte das. Jetzt noch viel mehr als vorher.
      "Wenn es mich stören würde dass jemand seine Brille nicht trägt, dürfte ich das Haus überhaupt nicht verlassen", nuschelte sie fast und nahm erleichtert einen Zug ihrer neuen Zigarette. "Geschweige denn die Uni betreten.", knurrte sie ein wenig in sich hinein und schüttelte dann den Kopf. Sie sah auf ihre Armbanduhr und rechnete sich die Zeit aus, die sie noch hatte bevor ihr nächster Kurs beginnen würde. "Alles klar, komm hier lang. Ich möchte in das Café bei Block E. Da ist es am ruhigsten und man hat die beste Aussicht." Sie fragte Saoirse nicht, ob sie etwas dagegen hatte oder wo sie lieber hin wollte. Wenn sie Page schon so leidenschaftlich entführen wollte, dann sollte sie halt einfach mitkommen, oder es lassen. Und auf ihrem Weg war es wirklich überdeutlich was für eine Art Mensch dieses Mädchen gewesen ist. Jedem dritten, der an ihnen vorbei kam winkte sie oder wurde in irgendeiner Form begrüßt, aus einem Fenster gerufen. Page fühlte sich unwohl mit ihr gesehen zu werden. Das war fernab ihrer Wohlfühlzone und sie versteckte sich regelrecht hinter ihrer Zigarette und der Brille, die sie dauernd richtete, wenn sie sich unwohl zu fühlen schien.
      "Du bist ja bekannt wie eine bunter Hund.", stellte sie trocken fest. "Ich verstehe nicht warum dann unbedingt mit mir was trinken gehen willst. Ist das eine Masche für dieses neue Speed Dating Ding, versuchst du Leute anzuwerben oder so?", stellte sie sehr berechtigter Weise ihre Beweggründe in Frage. "Da kann ich dich direkt enttäuschen, nicht einmal für Geld würde ich bei dem Zirkus mitmachen. Und wenn du über mich an Leute aus dem Jura Studium kommen möchtest, kann ich dir auch nicht helfen." Sie kamen bei dem kleinsten der Cafés auf dem Campus an. Es waren wirklich nur wenig Leute hier was Page zumindest ein bisschen aufatmen lies. Die Frau am Schalter lächelte sie sogleich freundlich an. "Hallo Page!", grüßte sie sie und innerlich fluchte sie auf. Jetzt wusste das aufdringliche Ding ihren Namen. Naja, was solls. "Hi." - "Oh, du bist heute ja in Begleitung!", strahlte sie sogleich.
      Page seufzte. "Ich nehme das Übliche.", unterbrach sie jede Möglichkeit des Gespräches. "Ach ja und einen Cappuccino." Sie sah zu Saoirse. "So aufgedreht wie du bist brauchst du sicherlich keinen schnellen Koffeinkick."
    • Saoirse Brennan

      Die Freude war groß, als ihr Opfer endlich die Wehr legte und sich ihrem Schicksal stellte. Page stimmte tatsächlich zu, einen Kaffee mit der quirligen Person zu trinken. Einen kleinen Freudensprung konnte sich Saoirse nicht verkneifen und tippte bei vor ihrem Körper zusammengefalteten Händen mit ihren Fingerspitzen aneinander, wie ein kleiner Bösewicht. Kurz hatte das Mädchen vergessen wo sie war und vor Allem mit wem! Verlegen lachend rieb sie sogleich ihren Hinterkopf, während die Wangen ihre Graustufe änderten, weil ihr die Röte ins Gesicht lief. Gemeinsam schlenderten sie zum Block E, einem abgelegenen Bereich des Campus, fernab der Wohnhäuser und meist besuchten Fakultäten. Nur wenige Studenten verschlug es an die Außenstelle, da es im Hauptblock mehr als genug zu erleben gab. Pages Wunsch, genau dieses Café aufzusuchen, machte der 24-Jährigen nichts aus, ganz im Gegenteil, sie freute sich, einen Ort zu entdecken, der ihr noch unbekannt war. Die Unsicherheit, die der vorbeiziehenden Gesichter geschuldet war, ignorierte Saoirse vorerst. Was sollte sie denn auch dazu schon sagen? Der Kanarienvogel schloss eben gern Bekanntschaften, soviel durfte auch die Größere bemerkt haben, aber als diese das Speed Dating ansprach, staunte sie nicht schlecht. "Na sag mal! Für so eine hältst du mich?" Brach es lachend heraus, der Ton war abfälliger als man von ihr vermutlich erwartet hatte, so aufgeschlossen wie sie war.

      Wenige Schritte vor dem Lokal erspähte die Kleine es bereits. Mit funkelnden Augen stratzte sie zwei, drei Schritte vor Page, um sich anschließend zu dieser umzudrehen. "Das ist das Café an Block E?" Liefen die Worte begeistert über ihre Lippen. Von außen betrachtet machte es eigentlich nicht viel her. Das Alter des Gebäudes war ihm anzusehen, die Holzrahmenstruktur schon etwas verblichen und konnte einen neuen Anstrich gebrauchen, doch genau das machte es charmant. Efeu wuchs an der Fassade entlang - eine wahre Schande, wenn man um die Bausubstanz besorgt war - schlängelte sich an den Holz-Pfeilern der Markise entlang und gab dem Ganzen einen noch besonderen Flair. Genau nach Saoirse Geschmack! Es war bezaubernd, von innen wie von außen. Mit neugierigen Augen sah sich die neue Kundin um, war dabei in ihrer eigenen Welt und horchte erst beim Fall des Namens auf. Paaaage! Notierte sie sich geistlich als Überschrift ihrer bisherigen Punkte-Liste zu dieser Person. Endlich hatte sie einen Namen!

      Nickend fand der Vorschlag eines Cappuccinos seine Bestätigung. "Mit Hafermilch bitte." Ergänzte Brennan lediglich und legte anschließend einen Schein auf den Tresen. "Ich hab ja gesagt, ich lade dich ein." Lächelte sie ihrer Begleitung engelsgleich entgegen, ehe sie abkassiert wurde und die Barista an die Tat schritt. Die Heißgetränke waren schnell serviert, der Service war wirklich ausgezeichnet und das Personal so freundlich. An einen der kleinen runden Tische gesetzt, nahm Saoirse direkt einen ungeduldigen Schluck, schließlich fehlte nur noch die Geschmacksprobe, um von ihr zum besten Café auf dem Campus gekrönt zu werden. "Heiß!" Stieß sie leiderfüllt auf, als sie sich dabei glatt die Zunge verbrannte, sofort gefolgt von einem "Leeeeeeecker.". Die Augen dem Genuss verfallen, sackte die Studentin in ihren Stuhl, allem Anschein nach, dass ihr Körper sich verflüssigt hatte bei der Köstlichkeit.

      Kurz darauf gewann die Leiche wieder an Spannung und richtete sich mit geraden Rücken auf. "Alsooo." Die Ellenbogen auf die Tischplatte gestemmt, ruhte ihr Kinn auf den beiden Handflächen. Vorher hatte sie noch mit einem sanften Tippen auf die, in ihren Haaren verfangene, Brille dafür gesorgt, dass diese nun ins Gesicht fiel und krumm sowie schief auf der Nasenspitze saß. Zwei kleine Schlitze waren unter der Oberkante der Brille noch immer zu erkennen, wie ein Detektiv, der seinen Verdächtigen befragte. "Du gehörst also nicht zu den Sympathisanten der Farbwelt? Ich meine dieses Speeddating ist aber auch Murks!" Fragte sie neugierig nach, in der Hoffnung, dass Page sich ihr Gegenüber etwas öffnen würde. "Versteh mich nicht falsch, ich lerne gerne neue Menschen kennen und im Endeffekt werde ich mir das ganze bestimmt eh einmal anschauen. If u don't try u'll never know aber...es nimmt einen doch komplett die Vorfreude und die Spannung raus, wenn man sich einfach nur in die Augen starrt und dann weiter zieht. Ich will doch den Menschen kennenlernen und dann wissen, ob er der richtige ist und nicht meine Bekanntschaft an den Fakt knüpfen, ob die Person diejenige eine ist, ansonsten kann mir jeder egal sein. Das...das ist doch einfach nur gemein." Murmelte ihre Stimme zum Ende hin nur noch, ein leiser Hauch, der dem Ganzen scheinbar nicht viel abgewinnen konnte. "Ich laufe ja auch nicht Rum wie eine gestochene Tarantel, stecke mein Gesicht in das der anderen, um ihren Blickkontakt zu haben und verschwinde dann wieder. Nur weil du nicht die Person bist, die mir die Farbe schenkt, heißt es doch noch lange nicht, dass du nicht wichtig und ein tolles Wesen sein kannst...Manchmal glaube ich, dass sie das ganze ein bisschen zu ernst nehmen..." War Saoirse es, die sich öffnete. Vielleicht half es ja, etwas aus Page herauszukriegen.
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    • Page Sharman
      Immerhin hielt sich der Wirbelwind an ihr Versprechen Pages Kaffee zu bezahlen, dachte sie sich leise seufzend, als sie die Finger um ihren Becher legte. Doch bevor sie sich abwenden konnte, wurde sie aufgehalten, von der Barista, die ihre Hand an den Arm ihrer Stammkundin und Kommilitonen legte. "Ich mag deine Freundin", flüsterte sie ihr mit einem breiten, wissenden Grinsen zu. Page jedoch schnalzte nur leise mit der Zunge und schüttelte unmerklich den Kopf, dass sie nicht auf dumme Ideen kam. Sie beide waren nicht befreundet. Absolut nicht. Sie blickte Saoirse nach, wie sie sich direkt an einen der Tische stürzte. Es musste doch nur allzu offensichtlich sein, dass sie beide nicht zueinander gehören konnten. In keiner zwischenmenschlichen Beziehung. Auch wenn diese sonderbare Frau wohl noch ein wenig länger brauchte, um das einzusehen. Hoffentlich würde sie es bald verstehen. Mechanisch bewegten sich Pages Beine auf ihre Begleitung zu. Und erst, als sie sich bereits auf ihren Stuhl niederließ und die Eingangstür im Augenwinkel erkannte, wurde ihr bewusst, dass sie hätte einfach gehen können. Der Deal war abgeschlossen: Saoirse hatte Page ihren Kaffee bezahlt. Damit war sie aus ihren eigenen Verpflichtungen entlastet. Warum verdammt hat sie nicht daran gedacht? Sie musste wohl noch ein paar mal ihre eigenen Notizen über das Kleingedruckte in Verträgen nachlesen zum Auffrischen.
      Sie beobachtete ungerührt die vielen Emotionsregungen von Saoirse, die sich zunächst über die Hitze ihres Getränks beschwerte und dann ins Schwärmen verfiel. Page fühlte sich komplett fehl am Platz. "Alsooo", setzte das Mädchen an und gewann somit die Aufmerksamkeit ihrer Begleitung. Es ging um die Farbblindheit. Natürlich tat es das. Sie erwartete den gleichen langweiligen Vortrag wie immer und stützte deswegen bereits ihr Gesicht in die Hand, an ihrem Kaffee nippend. Durch die Gläser ihrer Sonnenbrille besah sie die Mimik und Gestik von Saoirse. Das Gespräch ging nicht in die übliche Richtung. Im Gegenteil. Ihre Worte sprachen sehr von einer Erfahrung, die auch Page selbst schon gemacht hat. Ganz gleich wie gut sie sich mit einem Expartner verstanden hatte, es war beinahe so, als hätte sie nicht gereicht, als wäre sie minderwertiger als der ach so wundervolle Seelenverwandte. Sie war nur schlecht mit diesem Gefühl umgegangen. Und irgendwas in Saoirse ging auch nicht gut damit um.
      Page war geübt darin Trigger in den Menschen zu entdecken. Sie hatten einen ganzen Kurs im Studiengang nur über Körpersprache und Signale, die man damit aussendete. War Saoirse bewusst, dass sie gerade ein ganzer Radioturm gewesen ist? Plötzlich machte für Page ihr Verhalten ein bisschen mehr Sinn. Vielleicht sah sie es als ihre Aufgabe so viele Menschen wie möglich zu befreunden. Sich in Herzen zu schleichen und sich wichtig und wertvoll zu fühlen, auch wenn der eine besondere Partner, der einem die Farben bringt noch nicht in ihrem Leben aufgetaucht ist. Versucht sie anderen das Gefühl, das sie sich selbst gegenüber empfindet zu ersparen oder möchte sie sich selbst das Gefühl ersparen, das sie in anderen entdeckt hat? So oder so konnte sie sich nicht gegen eine winzige Portion, ein Fünkchen der Sympathie erwehren, das sie ihr gegenüber empfand. Und so seufzte sie schwer.
      "Die körperliche Abhängigkeit gegenüber eines anderen Menschen nervt mich.", erklärte sie so knapp und wissenschaftlich wie möglich. "Dass die Menschen sich dahingehend entwickelt haben, dass sie zwingend einen anderen Menschen brauchen, um überhaupt alle ihre Körperfunktionen aktivieren zu können ist wie ein grauenvoller Konstruktionsfehler. Und der Umgang damit beweist das nur umso deutlicher. Die Romantisierung und das Erstreben, das ständiger und immerwährende erinnert werden über die Medien und die Menschen um einen herum wie wichtig es doch ist, lässt das ganze mehr wirken wie eine fantastische, magische Verbindung, ein Erlebnis, das ein Mensch braucht um Erfüllung zu finden. Und das alles nur, um die Menschen von diesem Konstruktionsfehler abzulenken. Eine Behinderung als etwas fantastisches zu verkaufen. Das ist widerlich. Die Menschen legen viel zu viel wert auf dieses lächerliche Phänomen. Und ob das wirklich mit Seelenverwandtschaft zusammenhängt steht ohnehin in den Sternen. Aber es ist ein hübsches Wort, das sich gut vermarkten lässt."
      Page zuckte die Schultern. "Wer weiß ob die sogenannten Seelenverwandten nicht einfach ein Pheromon produzieren, das wiederum das eine Enzym in ihrem Körper reaktiviert, dass für die Farberkennung sorgt? Ich bin Realist und glaube nicht an aufregende Märchengeschichten." Als Page sanft in ihre Tasse pustete und dann beim ersten Schluck bemerkte, dass der Kaffee bereits ordentlich abgekühlt gewesen ist, ärgerte sie sich über sich selbst. Da hatte sie wohl ihren Mund einfach nicht halten können und hat sich wirklich zu einer Debatte hinreißen lassen, verflucht! "Außerdem neigen die Menschen eher dazu einen in Ruhe zu lassen, wenn man die Brille trägt", nuschelte sie in sich hinein, während sie ihren Ärger mit dem Kaffee zusammen herunter schluckte.
    • Saoirse Brennan

      Die pragmatischen Ansichten ihres Gegenübers überraschten Saoirse ganz und gar nicht. Höchstens der plötzliche Redebedarf war unerwartet, aber schön zu sehen, dass es ihr tatsächlich gelungen war, mehr aus Page herauszukitzeln. Leicht musste sie sich dabei das Lächel verkneifen und nippte stattdessen erfreut an ihrem Getränk. Unter die Nase reiben, brauchte man den Erfolg ja nicht, würde es die Arme ohnehin nur wieder verschrecken. Neugierig klebte Saoirse an den Lippen ihrer Begleiterin. Kaum zu glauben, dass sie scheinbar Gemeinsamkeiten hatten. "Aus diesem Licht hatte ich es noch nicht betrachtet. Natürlich hast du rein genetisch betrachtet Recht aber…Ich hoffe insgeheim, dass es nicht nur eine zufällige Mutation war, ein Defekt, der sich immer weiter vererbt hat. Die Menschen sind Egoisten, schon immer gewesen und werden es immer bleiben, aber eine Laune der Natur, die dafür gesorgt hat, dass wir aus unseren Kokons schlüpfen und unseren Blick für unsere Mitmenschen erweitern, ist von der Grundidee her nicht verkehrt - meiner Meinung nach. Wir hätten uns vielleicht niemals kennengelernt, mit gesenktem Blick aneinander vorbei gelaufen, unabhängig davon, dass wir uns Tag ein, Tag aus am Campus begegnen." Bevor der bunte Vogel zu sprechen begann, hatte sie natürlich die leisen Worte von Page vernommen. Sie war nunmal zurückgezogen, trug die Brille aus gutem Grund und das würde Saoirse nicht an ihr ändern können, wollte sie auch nicht, sofern es nicht Pages Wunsch gewesen wäre.

      "Also, wenn du lieber zurückgezogen bleibst und deinen Blick senken möchtest, habe ich dafür vollstes Verständnis. Die Welt ist voll mit schönen Menschen und Momenten, die man mit ihnen sammeln kann, aber man muss es wollen." Dabei wandte die Kleine ihren Blick in die Ferne, ließ ihn über den abgelegenen Bereich des Universitätsgelände streifen. Überall waren kleine Gruppen, die sich unterhielten, das Wetter genossen, mit einem kleinen Ball hin und her kickten, einige auf Picknickdecken, aber viele waren es nicht. Menschliche Interaktion war das A und O eines sozialen Lebewesens, ausschlaggebend für das Wohlbefinden - alleine war keiner auf Dauer glücklich. "Ich danke dir für das nette Gespräch und für die Gelegenheit, mit dir einen Kaffee trinken zu können. Ein einzigartiges Gesicht mehr in meinem Gedächtnis." Freundlich schaute sie zu Page und schenkte ihr ein sanftes Lächeln. "Aber ich werde dich nicht bedrängen und dir hinterher laufen wie ein Stalker. Ich würde mich freuen, wenn wir Freunde wären." Strahlte Saoirse über beide Ohren und zwirbelte einen Zettel aus ihrem Rucksack.

      Einen Stift in der Hand kritzelte sie auf dem Stück Papier herum, bis sie es zu ihrem Gegenüber schob. In einer fein säuberlichen Schreibschrift hatte sie ihren Namen und die Handynummer hinterlassen. Ihre Schrift war schön, wies kleine Schnörkel auf und passte überhaupt nicht zu der Geschwindigkeit, mit der sie es geschrieben hatte. "Es hat mich sehr gefreut Page." Erhob sich das Mädchen schließlich mit einer melodischen Betonung des Namens ihrer neuen Bekanntschaft. Ein kurzer, poetischer Vorname, dem ihr gerecht wurde, wie sie dachte. Wie die Seiten eines Buches, auf denen es mehr und mehr zu erfahren gab, würde sie es nicht für andere verschließen. Vielleicht hatte Saoirse ja Glück und ihre Worte würden Früchte tragen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr damit nur zu nahe trat, war auch nicht gering. Das geleerte Glas stand auf der kleinen Untertasse, lediglich der Schaum setzte sich noch in dem Porzellan ab. Mit erhobener Hand setzte der Vogel zum Abschied an, warf ein ihr ein kleines Winken zu, ehe sie ihr den Rücken kehrte und in die Richtung verschwand, aus der sie gemeinsam gekommen waren.
      A heart's a heavy burden.

    • Page Sharman
      Sie war eine Romantikerin. Keine Überraschung für die Jura Studentin. Sie wünschte sich einen höheren Sinn in dem ganzen Farbenspiel und schließlich fing sie auch noch an zu philosophieren? Page zog unwillkürlich ein wenig die Brauen zusammen. Was studierte sie noch gleich? Irgendwas mit Sprachen... Linguistik? Kommunikation? Irgendwas in der Richtung ist es gewesen. Page war fast schon ein bisschen enttäuscht, dass sie sich nicht an einem Philosophie Studium versuchte. Sie hatte das Gefühl da würde das quirlige Wesen gut herein passen. Aber am Ende des Tages interessierte es sie auch nicht genug um sich solche Gedanken darüber zu machen. Seufzend nahm sie den Zettel des Mädchens entgegen. "Mhm", machte sie leise in sich hinein, als Saoirse sich verabschiedete und hob ebenfalls leicht die Hand zum Abschied. Page stemmte ihr Gesicht in die Hand und starrte auf den Zettel in ihrer Hand. Was für eine schöne Schrift... Hätte sie nicht erwartet. Sie schien zu hibbelig, um sich Gedanken um ihre Handschrift zu machen. Page schnaubte ein wenig verlegen. Irgendwie hatte diese ganze Situation sie ein wenig aufgewühlt. Aber auch mal ehrlich, das war doch sonderbar! Selbst wenn Page - wenn! - sie auf den Gedanken kommen würde sich bei ihr zu melden; wie sollte sie das machen? Unter welchem Vorwand? Wie unglaublich peinlich und unangenehm würde so ein erzwungenes Gespräch denn nur aussehen? Sie war beim besten Willen nicht die sozialste und-...
      Page riss sich selbst abrupt aus ihren Gedanken heraus, als sie auf Saoirses Platz linste und ihre Sonnenbrille auf dem Tisch entdeckte. "Warte du hast...", sprang sie auch sogleich auf und schaute in Richtung der Glasfront. Doch das Mädchen war bereits über alle Berge, einfach verschwunden. Knurrend ließ Page sich wieder auf ihren Stuhl fallen und versteckte das Gesicht in ihren Händen, ehe sie aufgebracht und leidig stöhnte. Das gibt es doch nicht! Dieses listige Ding aber auch! Genervt schnappte sie sich die Brille und steckte sie in ihr Brillenetui, das sie selbst gerade ja nicht benutzte. Der Zettel mit ihrer Nummer verschwand einfach in ihrer Tasche. In einem Zug trank sie ihren Kaffee aus und ging Richtung Ausgang. "Ciao Ruby!", rief sie noch ins Café rein und aus der Küche hinten kam ein "Ciao! Bis zum nächsten Mal!", ehe Page aus dem Lokal trat.
      Eigentlich sollte sie sich nicht bei Saoirse melden. Einfach aus Trotz nicht! So aufgeweckt und quirlig wie die gewesen ist, war sie doch ohnehin beliebt ohne Ende. Allein schon wie viele Leute sie begrüßt haben auf dem Weg ins Café. Bestimmt würde Page jemanden finden, der sie kannte, wenn sie sie ein bisschen umschrieb. Und dann konnte sie einfach einem Bekannten von ihr die Brille in die Hand drücken. Eine wunderbare Idee, die für die junge Frau spielend einfach klang. Doch ganz so leicht war die ganze Sache dann doch nicht... Es war schwierig einen Menschen zu beschreiben ohne viel auf die körperlichen Merkmale eingehen zu können. Welche Haarfarbe hatte sie denn? Ja, fantastische Frage, woher sollte Page das wissen! Und sogleich kam wieder dieser ekelhafte mitleidige Blick eines sehenden, der ja ganz vergessen hatte, dass das nicht normal für die anderen gewesen ist. Ja nein, danke, ohne sich zu verabschieden machte Page einfach genervt kehrt.
      Bei den nächsten Personen versuchte sie sich an die Leute zu erinnern, die Saoirse gewunken haben, doch auch das erwies sich als schwierig. Page hatte nicht zu sehr auf diese kurzen Begegnungen geachtet. Der Name allein schien auch nicht sehr aufschlussreich zu sein und die Aussage die, mit der Page letztens unterwegs gewesen ist war auch niederschmetternd ineffektiv weil niemand auf die Idee kam überwiegend auf Page zu achten. Das konnte doch nicht angehen! Als sie schon in ihrer Verzweiflung selbst einfach anfing auf dem Campus nach ihr zu suchen, war sie auch wie vom Erdboden verschluckt! Versteckte sie sich nun vor ihr?! Anfänglich war sie sie nicht losgeworden und jetzt war sie auf Teufel komm raus nicht auffindbar, das musste doch Absicht sein! Mehr als einmal dachte sich Page in dieser vergangenen Woche, dass sie die Brille einfach wegschmeißen sollte. Saoirse trug sie so oder so nicht. Doch jedes Mal kroch ihr das schlechte Gewissen in die Brust. Das konnte sie wirklich nicht machen. Was, wenn sie sie dringend brauchte für eine Menschenmenge und sich dann eine neue kaufen müsste. Die Dinger sind auch noch wirklich nicht günstig und für Studenten kann das schon wirklich ins Bein schneiden. Verfluchter Mist, was wenn sie sie schon die ganze Zeit brauchte und eine Woche nun schon nicht hatte nur weil Page so stur gewesen ist. Niedergeschlagen lag sie im Park der Universität lang auf einer Bank, hatte leidig einen Arm auf ihrer Stirn und sinnierte über ihre beschissene Situation. Das Brillenetui lag auf ihrer Brust, ihr Handy in ihrer Hand und und der Zettel mit ihrer Nummer in der freien Hand, die knapp über dem Boden hing.
      Dieses dumme Ding raubte ihr noch komplett den Schlaf! Sie musste sich geschlagen geben. Schwer seufzend hob sie den Zettel an, tippte die Nummer ein und drückte auf anrufen. Es dauerte einen Moment, bis ihre aufgeregte Stimme ranging. Page wollte zusammenzucken. Es fühlte sich für einen Moment an wie ein Schlag ins Gesicht. "Hi.", murrte sie. "Page hier. Kommst du in den Park? Südeingang, die..." Page setzte sich ein bisschen auf und schaute nach hinten und zählte leise, ehe sie sich wieder fallen ließ. "Dritte Bank. Du hast deine Brille vergessen." Das wusste sie. Page war überzeugt davon, dass das alles ihr Plan gewesen ist und sie musste sich einfach geschlagen geben.
    • Saoirse Brennan

      Die Tage vergingen und ließen die Begegnung mit der reservierten Frau immer mehr in Vergessenheit geraten. Wirklich aus dem Sinn wollte sie ihr nicht gehen, denn Saoirse stieß nur selten auf Personen, die nicht ihre Bekanntschaft machen wollten aber das Telefon blieb stumm. Weder ein kurzes Summen einer Nachricht, noch das Klingeln ihrer Lieblingsmelodie kündigte einen Anruf an. Vielleicht hatte sich die kleine tatsächlich geirrt und all ihre Bemühen waren umsonst. Es konnte ja nicht jeder die junge Studentin mögen, damit würde sie sich abfinden müssen. Page war interessanter als die meisten, irgendwas hatte sie an sich, dass es spannend machte mehr über sie erfahren zu wollen. Ihre Ansichten entsprachen nicht den 0-8-15 Meinungen, die hier überall vertreten war und die Abneigung gegen das neuste Projekt der Community kam auch nicht von ungefähr. Zu gern hätte der Kanarienvogel weitere Einblicke in die Gedankenwelt der großen Frau bekommen.

      Neben den üblichen Erledigungen und dem typischen Uniwahnsinn war eigentlich alles wie immer. Die vielen Gesichter schenkten ihr weiterhin ein Lächeln, hier und da würde gewunken und auch neue Freunde ins Herz geschlossen doch mit keinem hatte sie sich tief verbunden gefühlt. Jemandem mit dem man tiefgründiges austauschen konnte, ohne dafür verurteilt zu werden. Die meisten mochten Saoirse für ihre gesellige und gesellschaftstaugliche Art, kaum vorzustellen wie die meisten reagieren würden, finge sie an von ihrer Vergangenheit zu erzählen, geschweige denn von der Kritik ihres Systems. Page hatte ihr dieses Gefühl nicht vermittelt, im Gegenteil - wenn war sie es, die eindeutig gegen den Strom schwamm. Wollte sie deswegen keine Freundschaft zu ihr? Weil sie fürchtete von Saoirse so verurteilt zu werden, wie sie selbst es von ihren Freunden befürchtete?

      All das Grübeln brachte nichts. Der Campus war zu groß, um sich ständig über den Weg zu laufen, wenn man dies nicht gezielt plante. Mehrere Male erwischte die junge Frau sich bei dem Gedanken, nochmal zum Café zu gehen, gar einer Freundin den schönen Ort zu zeigen aber irgendwie fühlte es sich falsch an. Als würde sie diesen dann nur ins Rampenlicht rücken und dem abgelegenen Lokal den heimischen Zauber rauben. An ein, zwei Tagen traute sich Saoirse sogar, suchte es nochmal auf aber zu den Zeiten fehlte jegliche Spur von Page. Ruby grüßte freundlich, hatte sich scheinbar das Gesicht gemerkt und fragte das erste Mal sogar, wo sie Page gelassen hatte. Mit einer flüchtigen Ausrede wank sie ab und trank allein ihren Kaffee. Umso überraschten war Saoirse als ihr Handy klingelte und eine fremde Nummer auf dem Display erschien.

      "Hi!" Fuhren ihre Mundwinkel nach oben, als sie die vertraute Stimme am Ende der Leitung vernahm. Ein Glück, dass sie sich nicht zufällig über den Weg liefen. Bei dem Strahlen auf ihrem Gesicht hätte Page sofort kehrt gemacht und die kleinere doch für verrückt erklärt. "Park, Südeingang, dritte Bank. Ich komme geschwind." Nickte sie und bracht sofort auf.

      "Paaaage." Sang sie melodisch beim Anblick des ausgestreckten Körpers auf der Bank. Hopsend näherte die Langhaarige sich, sprang mit einem leichten Satz den letzten Meter und kam an dem Kopf zum stehen. Ihren eigenen streckte sie ihr entgegen, sah von oben auf die andere herunter, um sie zu begrüßen. "Na hallöchen auch! Freut mich sehr, dass du angerufen hast. Magst du was trinken gehen?" Plapperte der Wasserfall ohne Filter los. Die Sonnenbrille auf der Brust der älteren, nahm sich Saoirse einfach aus dem Etui heraus und setzte sie sogleich auf die Nase. "Danke, dass du so gut auf sie aufgepasst hast." Nun etwas ruhiger trafen sich die Blicke der beiden. "Komm mit, ich möchte dir was zeigen." Ließ man ihr gar keine andere Wahl als aufzustehen. Die Hand ergreifend, half Saoirse ihr auf, hängte sich gleich darauf wieder in ihren Arm ein und wanderte den Park entlang.

      Erstaunlich wie wenig Personen die beiden grüßten, wenn sie gemeinsam waren und die Brille den kleinen Kanarienvogel verdeckte. Das Accessoire an sich war schon Signal genug, nicht sonderlich kontaktfreudig zu sein aber es auf der Nase der Extrovertierten zu sehen, ließ keinen vermuten, dass sie dahinter steckte. "Ich hoffe du kennst den Ort noch nicht und wenn doch, gefällt er dir ja vielleicht genau so sehr wie mir." Wenn man Saoirse nicht gut kannte, ließ sich nun das schlimmste vermuten. Ein Club oder vielleicht doch noch die Speeddating Runde wäre ein angemessener Platz gewesen - würde man vermuten aber einige Straßen weiter, einige Abzweigungen genommen standen die beiden schließlich vor einer kleinen Stadtvilla. Von außen betrachtet viel zu fein und edel für das studentische Leben, geringfügig gealtert und nur die wild wachsenden Pflanzen ließen etwas urbanes darin erahnen. "Never judge a book by its cover." Murmelte es in ihrer hohen Stimmlage, jedoch etwas zu einem halben Flüstern gedämpft.

      Durch die schwere Tür hindurch traten sie in eine andere Welt ein. Leise Musik spielte, ein bekanntes Rock Lied trällerte aus den Anlagen in den Ecken des Raumes. Ein Mann mit Bandana um die Stirn gewickelt grüßte die beiden sofort mit einem lässigen "Yo." ehe er wieder in seinem Papier kramte. Der Vorraum war mit Kisten ausgestattet, an den Wänden hingen verschiedene Vinyle und alles schrie nach diesem Plattenladen. "Die haben wirklich die beste Auswahl." Saoirse war altmodisch. Irgendwas gefiel ihr daran, eine Platte in den Händen zu halten, im Ständer die verschiedenen Verpackungen zu durchstöbern und die Scheibe auf den Plattenspieler zu legen. Es war ein ganz anderes Erlebnis als nur einen Knopf am Radio oder auf dem Handy zu drücken. Musik spielte eine große Rolle in ihrem Leben, da war es kaum verwunderlich, dass sie es zelebrierte. Mit Page im Schlepptau steuerte sie auf eine Reihe zu, tippte mit den Zeigefingern auf die verschiedenen Verpackungen, um diese durchzublättern. "Wenn du noch keinen Player hast, kann ich dir gerne einen empfehlen. Es ist soviel schöner als diese neu modernen Boxen. Der Sound ist vielleicht nicht so rein aber irgendwie hat es was, als würde es die Emotionen ganz anders rüber bringen." Schenkte sie Page ein freudiges Lächeln und fuhr gleich darauf fort.

      "Und das beste kommt noch! Hier lang." Winkend leitete sie der größeren den Weg. Quer durch den Raum hindurch, bis ans andere Ende, wo einige Stufen nach unten führten. Dort war es viel dunkler als im Zimmer zuvor, die Musik war nur noch ein leiser Hauch und die Atmosphäre eine ganz andere, selbst der Duft war ein anderer.
      "Wenn du oben nicht glücklich wirst - wobei du dann wirklich ein Unmensch bist, weil wer bitte mag keine Musik?! - dann wird man spätestens hier fündig." Einmal tief ein und aus atemnd zog sie den Duft der Bücher auf. Die arme weit ausgestreckt als würde sie die Schätze, die vor ihnen lagen präsentieren wollen. Eine kleine aber dennoch feine Büchersammlung lag vor ihnen. Saoirse hatte den Store zufällig entdeckt als sie auf der Suche nach einer Lektüre für den Sprachkurs war. Seitdem gehörte er zu einem ihrer liebsten Orte in der Nähe des Campus.
      A heart's a heavy burden.

    • Page Sharman
      Sie hatte es gewusst! Das konnte einfach kein Zufall gewesen sein. Und so unglaublich entspannt und ungerührt Saoirse sich ihre Brille zurück nahm bestätigte nur umso deutlicher wie sehr Page ihr hier in die Karten gespielt hatte. Zwar fragte das quirlige Ding sie, ob sie etwas mit ihr unternehmen wollte, doch eine Antwort wartete sie nicht ab. Gequält stöhnend ließ sie sich von ihr einfach auf die Beine ziehen und folgte ihr hinterher. "Ich verstehe dich nicht", knurrte sie in sich hinein und raufte sich die Haare. Was um alles in der Welt war denn nur bitte so interessant an einer ständig streng drein blickenden, grummelnden Page? Was sah Saoirse in ihr, dass sie sie nicht gehen lassen wollte? "Wo gehen wir-...", setzte Page an doch da begann die kleinere der beiden bereits mit einem geheimnisvollen Lächeln die Location zu umschreiben, sie hoffte dass sie es noch nicht kannte oder es ihr genauso gefiel wie ihr und implizierte damit, dass es ein wundervoller Ort sein musste. Page schnalzte mit der Zunge und befreite ihre Hand, die Saoirse immer noch hielt. "Ist ja gut, ist ja gut, ich renne schon nicht weg", nuschelte sie. Obwohl sie das gerne gewollt hätte. Schnell vergrub sie die Hände in ihren Jackentaschen und beobachtete die Umgebung. Sie kannte ihre seltsame Location wahrscheinlich wirklich nicht. Zumindest sagte ihr der gesamte Weg dorthin nichts und auch als sie vor der alten Stadtvilla standen war deutlich in ihrem Gesicht abzusehen, dass sie sich fragte woher um alles in der Welt so ein Gebäude auf einmal herkam und ob sie immer noch auf dem Unigelände gewesen sind.
      Never judge a book by it's cover... huh? Page war tatsächlich verblüfft, als sie beide eintraten und sie sich einfach in einem Plattenladen wiederfand. "Was zum...?" Saoirse war sehr stolz auf ihren Einfall hier her zu kommen und ihrer neuen Freundin (die bei dieser Bezeichnung eindeutig protestieren würde) diesen Ort zeigen könnte. Sie plapperte sofort drauf los, war bereit ihr einen Plattenspieler zu überlassen und schnappte sie sich schon wieder nur um ihr das Untergeschoss zu zeigen. Page fühlte sich als hätte sie sich den Kopf gestoßen. Wo kam denn jetzt ein Buchladen her?! Sie blinzelte irritiert und sah zu der Kleineren. "Wie findest du solche Orte?", nuschelte Page und schnaubte. "Hätte nicht gedacht, dass das hier dein Vibe ist. Schaffst du es überhaupt lange genug für die Dauer deines Besuches still zu sein?", fragte sie mit hochgezogener Augenbraue und als die Frau bereits eilig nach Luft schnappte, legte Page ihr einfach einen Finger an die Lippen. "Ich gucke mich jetzt hier um. Und wenn du es schaffst in der Zeit hier die gewünschte Lautstärke einzuhalten, gehen wir nachher wieder nach oben und du darfst uns beiden eine Platte aussuchen, die gehen dann auf mich." Page seufzte und stemmte die Hände in die Hüften.
      "Schaffst du das?" Sie wartete ebenfalls keine Antwort ab, sondern begann einfach durch die Reihen zu stöbern. Es waren alles Second Hand Bücher, was Page sehr sympathisch fand tatsächlich. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wirklich zurecht fand. Die Sortierung hier war nicht so deutlich gemacht wie in normalen Buchhandlungen. Doch auch das fand Page sympathisch. Sie musste sich Mühe geben etwas zu finden, das sie ansprach. Dadurch wurde es auch wirklich eine Belohnung, einen Buchrücken zu entdecken, der ihr gefiel. Doch das Licht hier war wirklich nicht allzu gut. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und setzte sie sich auf den Kopf, während sie sich umguckte. Wenn sie schon hier gewesen ist, hatte sie Lust etwas mitzunehmen. "Was hast du zuletzt gelesen?", fragte Page nach hinten zu Saoirse in gesenkter Stimme. "Hast du Empfehlungen?" Page strahlte die Ruhe aus. Das musste sie für ihren Job aber es passte auch einfach wunderbar zu ihrer Persönlichkeit. Daher passte sie erstaunlich gut zwischen die stillen Reihen einer solchen Buchhandlung.
    • Saoirse Brennan

      Tief einatmend, wollte Saoirse nur Luft holen, um sich von der Anspannung und den Hummeln in ihrem Hintern zu lösen. Es kribbelte dem Mädchen in den Fingerspitzen, da sie noch nie zuvor jemanden diesen Ort gezeigt hatte, der diesen noch nicht kannte, aber Page schien Sorge vor dem Wasserfall zu haben, der häufig einem Fass ohne Boden glich. Verständlich, wie die Kleine empfand und stattdessen einfach stumm nickte, ehe sie sich den Büchern annahm. Ähnlich wie ihre Begleiterin stöberte die junge Frau durch die vielen Seiten und Geschichten, die dieser Raum beherbergte. Ein Buchrücken nach dem anderen - ehrlich gesagt musste erst das Cover überzeugen, damit sie einen Blick auf den Klappentext warf - forstete es nach der nächsten Nachtlektüre. Wie die rosahaarige den Laden damals gefunden hatte war kein Geheimnis, im Gegenteil als die Frage geflogen kam schmunzelte sie nur mit den Worten. "Wenn man viele Leute kennenlernt, lernt man auch viele Orte kennen." Viel Wahres steckte nicht hinter den Worten, denn eigentlich war sie selbst auf den Laden gestoßen, abwegig wäre es trotzdem nicht gewesen. Neben den verschiedenen Persönlichkeiten und Interessen, die diese verfolgten, lag es auf der Hand, dass jeder von ihnen seine eigene Story schrieb und somit dem Mädchen auch verschiedene Einblicke und Orte ermöglichte. Welche würde sie wohl durch Page gewinnen können, wenn es ihr wirklich gelang, eine Bindung mit ihr aufzubauen?

      Gerade hatten die zarten Finger ein altes Buch gefunden, das sowohl von Außen als auch von Innen zu überzeugen schien, als Page sich nach kurzer Zeit der Stille an sie wandte. "Untenrum frei." grinste die Extrovertierte auf die Nachfrage. Ein Buch, das vom Titel genauso aufgeschlossen klang wie die Leserin, die es nun empfahl. "Provokant, aber auch humorvoll. Wenn man sich gern mit Feminismus befasst, ist es auf jeden Fall eine Leseprobe wert." Mit dem auserwählten Buch trat sie näher an die Frau heran, hielt ihr dieses hin, um ihre Meinung zum Fundstück zu hören. "Das Blau deiner Augen gleicht dem eines nebeligen Morgenhimmels." Kam ihr leise über die Lippen, während ihr Blick auf der Büchersammlung vor ihr lag, dass man glauben konnte, dass das Mädchen Selbstgespräche führte. "Ein Jammer, dass du sie so selten zeigst." Leicht biss sie sich auf die Wange, um sich ein Grinsen zu verkneifen. Page war eine hübsche junge Frau mit noch schöneren Zügen, als Saoirse es erwartet hätte. Wirklich schade, dass die schwarzen, dicken Brillen so viel Schönheit verbargen.
      A heart's a heavy burden.

    • Page Sharman
      Die junge Frau behielt ihren Blick auf die vielen Buchrücken und strich liebevoll über einige von ihnen, fühlte die Prägungen der Buchstaben im Leder und schnaubte leise lachend auf, als Saoirse neben ihr die Buchempfehlung aussprach. „Ich habe nicht wirklich Zeit mich mit dem Feminismus zu befassen“, sagte sie ebenfalls fast mehr zu sich selbst. Allerdings klang ihre Stimme sanft dabei. Sie empfand es als ausgesprochen passend, dass der kleine Wirbelwind sich solche Lektüren aussuchen würde. Sie schaute stur gerade aus, während sie ihre Sonnenbrille nicht aufhatte. Doch eine Aussage der Frau neben ihr ließ sie leicht zusammen zucken. „Was?“, hakte sie nach und riss achtlos ihren Kopf in Saoirses Richtung. Die zwei Augenpaare trafen direkt aufeinander und… das erste was sie sah war ein helles blau. Nichts hatte mehr einen Umriss in ihrem Kopf, sie erkannte nichts mehr außer ihren Augen, die ihr in die Seele zu schauen schienen. Und dann kam der Schlag. Page zuckte heftig zusammen, sie fühlte sich benommen und alles veränderte sich in ihrer Sicht. Sie war komplett reizüberflutet und kippte nach hinten und plumpste auf den Hintern. Vor Schmerzen stöhnend hielt sie sich den Kopf und legte das Gesicht in ihre Hände. Ihr war schwindelig. Was um alles in der Welt war das? Langsam, vorsichtig blinzelnd öffnete sie wieder die Augen.
      Als erstes sah sie zu den bunten Buchrücken, die alle durcheinander gewesen ist. Sie saß auf dem dunkelblauen Teppichboden mit den seltsamen kleinen gelben Mustern… Page wurde mit einem Schlag blass. Sie sah an sich herunter. Auf ihre Hände und schließlich auf die Frau ihr gegenüber, die ebenfalls auf dem Boden gelandet war. Sie hatte rosanes Haar, große helle blaue Augen und pfirsichfarbene Lippen. Page blieb der Mund offen stehen. Nach einer Weile schloss sie ihn wieder ohne etwas zu sagen. Nein, das-… Nein!
      „Nein“, kam es ihr schließlich laut über die Lippen in einem Hauchen. Langsam begann sie den Kopf zu schütteln. „Nein, das, nein. Was ist das? Ein Scherz? Ich-… Was?“ Die Blondine war komplett durcheinander. Sie schnappte sich ihre Sonnenbrille von ihrem Kopf und setzte sie sich beinahe ein wenig verzweifelt, fast hilfesuchend auf. In der Hoffnung alles würde sich wieder ändern, wieder so sein wie immer. Doch ihr Wunsch wurde ihr nicht gewehrt. Ihre Finger begannen zu zittern und mit Mühe schluckte sie den dicken Kloß in ihrem Hals herunter.
      Ihr Kopf raste und das einzige, was sie zusammen bekam waren vereinzelte Wortfetzen. Nicht ein gescheiter Satz wollte ihr irgendwie einfallen. Kopfschüttelnd, fassungslos, im Allgemeinen einfach durcheinander erhob Page sich vom Boden, ging um Saoirse herum, die noch saß und bahnte sich schnell ihren Weg nach draußen. Sie brauchte frische Luft. Doch kaum trat sie hinaus wünschte sie sich wieder hinein mit einem qualvollen Stöhnen.
      Alles war so grell, so… bunt. Was sollte das alles? Schnell schloss sie die Augen und spürte, dass Saoirse ihr hinterher gekommen ist. Sie hielt Page am Arm und erschrocken riss die Blondine sich los. Es stand ein flehender Blick in ihren Augen und Page öffnete den Mund aber es kam wieder nichts heraus. Sie schüttelte lediglich den Kopf. Das konnte nicht sein, das konnte nicht stimmen. Nach einer Weile saßen die beiden wieder auf einer Bank. Page war vorgebeugt, ihre Ellbogen lagen auf ihren Knien und die Hände waren vor ihrem Oberkörper zusammen gefalten. Nervös wippte sie mit dem Bein, während Saoirse neben ihr saß. „Das kann nicht sein. Es tut mir leid, aber das-… ich… Ich bin hetero! Ich-… glaube ich? Ich meine…“ Ächzend fuhr Page sich mit beiden Händen durch die Haare und schüttelte wieder den Kopf. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihre Brust, dabei verstand sie jedoch selbst nicht warum. Es könnte eine Panikattacke sein. Hatte sie eine Panikattacke? Page könnte es sich selbst zumindest nicht verübeln. „Wir wissen nicht was der Auslöser für das alles ist. Seelenverwandschaft und… der ganze Kram was soll das überhaupt sein? Ich-… wir kennen uns ja gar nicht! Es kann nicht so ein perfekter Partner Gerede sein!“
    • Saoirse Brennan

      Panik lag in der Luft, während sich der Raum mit Hektik füllte. Es herrschte mit rauschender Geschwindigkeit ein klägliches Durcheinander, von dem die Kleine nicht wusste, wie es zu beseitigen war. Es spielte keine Rolle, wie belesen oder informiert man über die Farbwelt war, nichts - wirklich gar nichts konnte einen auf die Explosion vorbereiten. Page schien sichtlich überforderter zu sein, was angesichts der Situation mehr als verständlich war.
      In all dem Trubel riss sie Saoirse mit sich hinunter, sodass beide mit offenen Mündern am Boden saßen. Sprachlos und auf ihren vier Buchstaben genossen sie die Aufmerksamkeit aller, wenn auch wenigen Anwesenden, doch die ozeanblauen Augen der kleineren ruhten ungetrübt auf denen der Blondine und schaute dieser hinterher, als sie die Flucht ergriff. Wie Luft, ein transparentes Stück Glas, als wäre sie nicht existent, raste die Juristin an dem Geist vorbei. Erst als ihr jemand eine helfende Hand anbot, schloss Saoirse den Mund und raffte sich auf. War es besser, ihr Raum zu geben oder sollte sie ihr folgen? Den Anschein, ihre Nähe oder gar ihre Unterstützung in dem Moment haben zu wollen, machte es ganz und gar nicht. Zu verübeln war es Page nicht. Die Panik stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben und sollte sie sich in diese hineinsteigern… Kopfschüttelnd verabschiedete die Rosahaarige den Gedanken an das nächste worst case Szenario und beschloss, sich auf die Suche zu begeben.

      Weit war die Studentin nicht gekommen, hockte kauernd auf einer Bank, während der Schock noch immer tief in ihren Knochen saß. Unsicher ob es eine gute Idee war, gesellte sich Saoirse sich dazu und zog die Knie an ihren Brustkorb, um die Arme sanft um die Beine zu schlagen und den Kopf auf den Kniescheiben abzulegen. Unerwarteterweise hatte sie kein einziges Wort verloren, lauschte lediglich zu den undeutlichen Wortfetzen der anderen und nickte hier und da mal. "Mhm.", grummelte es aus ihr heraus, als Page das alles umschreibende Wort in den Mund nahm. Seelenverwandtschaft.

      Eine andere Reaktion hätte man wohl kaum von der Blondine erwarten können. Von Beginn an konnte sie dem Thema, diesem ganzen Gedankenkonstrukt nichts abgewinnen, und nun traf es sie knüppelhart. Trotzdem zerbrach ein Teil der Kleineren bei all den Aussagen, die getroffen wurden. “Nein.”, “Ein Scherz.”, “Ich bin hetero!” In der Sekunde, in der diese Sätze die Lippen verlassen hatten, wusste Saoirse, dass sie sie verfolgen würden und schlaflose Nächte einbringen würden. Tief einatmend fasste das Mädchen den Mut - oder war es Kraft, die ihr zuvor fehlte? - und meldete sich ebenfalls zu Wort. “Mach dir darüber keine Gedanken…Vielleicht haben wir ja nicht einander angesehen.” - die erste Lüge - “Und wenn Seelenverwandtschaft muss nichts romantisches sein, schau dir beste Freundinnen oder Geschwister an zum Beispiel.” Die Definition von Liebe und Zuneigung hatte schließlich ebenfalls mehrere Bedeutungen. Page und Saoirse waren das perfekte Beispiel dafür - während die Blondine aus dem Staunen nicht mehr herauskam und ihre Heterosexualität beteuerte, legte die Quirlige eine andere Meinung an den Tag. Liebe war für sie Liebe - keine Frage des Geschlechtes, sondern der von Persönlichkeiten. Saoirse liebte Menschen, ihre Geschichten, keine Äußerlichkeiten oder Geschlechtsmerkmale…

      Ihr leerer Blick war stets gen Boden gerichtet, zählte beinahe die Ameisen eines Hügels, um bloß auf andere Gedanken zu kommen. Sich aufrichtend griff Saoirse zu ihrem Smartphone und tippte wild umher, bis sie online alles erledigt hatte. “Dein Uber-Fahrer wird in 3 Minuten hier sein.” Laß sie laut vor. “Fahr nach Hause und gewöhn dich zumindest an deine Farbwelt. Die Welt draußen ist nochmal eine ganz andere Nummer.” Kaum tauschten sie einen flüchtigen Blick, erklang ein Hupen der Mitfahrgelegenheit. Immer wenn man dringend ein Taxi brauchte, war nie eins frei und ausgerechnet dann, wenn man noch einen Moment brauchte… Aufdringlich schob die Rosahaarige ihre Begleitung auf die Rückbank, ließ die Tür ins Schloss fallen und nickte dem jungen Mann hinterm Steuer zu, ehe die beiden davon fuhren.

      Saoirse fuhr nicht mit dem Uber und ging stattdessen zu Fuß zurück. Ihr Kopf war wie leergefegt und keine Sekunde lang hob sie den Kopf, um all den passierenden Gesichtern ein Lächeln zu schenken oder Bekannte zu grüßen. Diesmal blieb sie lieber unentdeckt. Erst als die Studentin in ihrem Zimmer angekommen war, fernab der Zivilisation fiel ihr Körper wie Blei zu Boden. Ihre Beine zitterten und die Tränen begannen, ihre Wange herunter zu kullern. Sie dachte nicht daran, ihrer Freundin zu schreiben oder daran, sie jemals wieder zu sehen. //Das wars.// dachte sie sich und verzog sich stattdessen für einige Tage in ihrer Höhle. Hätte Page anders reagiert, wenn sie gewusst hätte, dass die Neugier und das Bedürfnis sich mit ihr Anfreunden zu wollen, daher ruhte das Saoirse bereits die Farbwelt betreten hatte, als sie Page mit der Hand am Kragen eines Typen zum ersten Mal gesehen hatte?
      A heart's a heavy burden.

    • Page Sharman
      Das Mädchen an ihrer Seite war ruhig. Sie behielt einen sehr viel klareren Kopf als Page und beinahe schon verstört starrte sie sie deswegen an. Wie konnte sie nicht aus der Haut fahren? Wie konnte sie das so gelassen hinnehmen? Saoirse redet irgendwas von Freundschaften, Geschwistern aber das war nicht die Erfahrung, die sie bisher mit diesem schrecklichen Phänomen verbunden hat. Aber vielleicht hatte sie recht? Fühlte sich das richtig an? Alles fühlte sich falsch an für Page in diesem Moment. Verfluchte Scheiße ein einziges Mal nimmt sie diese dumme Brille ab und Zack! Das musste doch einfach ein Scherz sein. Trocken, beinahe kalt meinte Saoirse sie solle nach Hause gehen, bestelle ihr ein Uber ohne sie vorher aufzuklären. "Was?! Nein, ich-..." Sie spürte dass etwas nicht stimmte. Überhaupt nicht stimmte. Sie wollte bleiben... oder? Wollte sie gehen? Page war komplett verwirrt, als der Wagen plötzlich vor ihr hielt und die kleinere sie einfach hinein drückte. Was passierte hier? Kraftlos ließ sich Page einfach in die Sitze fallen. Sie konnte da jetzt nicht drüber nachdenken. Das war eindeutig zu viel für sie.

      Die nächsten Tage verbrachte Page in einem Strudel aus Emotionen und komplett neuen Eindrücken. Sie las viel über Farben, lernte erstmal welches Wort zu welchem Bild gehörte und recherchierte in jeder freien Minute das Phänomen. Erkundigte sich im Internet auf diversen Seiten und Foren ob das schon mal vorgekommen ist, dass die Person, die die Farbenblindheit geheilt hat nur eine platonische Freundin oder ein Geschwisterpaar gewesen ist. Und die Antwort war trocken: es kam sehr selten vor. Gerade bei Menschen, die im Allgemeinen asexuell gewesen sind fanden ihre Verbindung auf Ebene der platonischen Liebe. Doch Page konnte mit ziemlicher Sicherheit garantieren, dass sie das nicht gewesen ist, wenn sie da an ihre Ex-Freunde zurück dachte... Oder? Also natürlich, ihr Sexualtrieb war jetzt bei weitem nicht der stärkste, sie war keine Nymphomanin oder so. Aber gelegentlich hatte sie doch wirklich sehr viel Spaß an dem Sex gehabt. Sie war absolut verzweifelt. Wie ein Eindringling lief sie über den Campus und konnte einfach noch nicht begreifen, dass das die Welt gewesen sein sollte auf der sie schon immer gewandert ist. Sie sah die Menschen an und... sie sahen alle auf einmal so anders aus. Manche ihrer Professoren und Kommilitonen erkannte sie nicht einmal aufgrund der neuen Reize. Doch das aller schlimmste war, dass egal wie viele Leute sie ansah, wie viele Farben sie erblickte, nichts sah auch nur im Entferntesten so schön aus, wie Saoirses strahlendes Haar und ihre riesigen Augen. Das machte sie alles verrückt.

      Am dritten Tag rief sie ihre Mutter an, die direkt anfing ihr irgendwas zu erzählen, doch Page unterbrach sie einfach. "Mom. Ich hab ein Problem und ich weiß nicht, was ich machen soll." Die Frau am anderen Ende der Leitung verstummte direkt. Es war entsetzlich unüblich für die sehr eigenständige und stolze junge Frau jemanden um Hilfe zu bitten. Insbesondere wenn es um ihre Eltern ging. "O-Ok? was ist denn los, Schatz? Was ist passiert?" Die Blondine lehnte sich zurück. Sie saß auf dem Boden ihres Zimmers gegen ihr Bett gelehnt und legte den Kopf nach hinten auf die Matratze. "Ich..." Page schluckte. "Ich sehe jetzt Farben." Ihre Stimme klang heiser. Weit entfernt von fröhlich.
      "Was?! Oh mein Liebling, das ist ja wundervoll! Wer ist es? Erzähl mir von ihm? Wo habt ihr euch kennengelernt? Ich muss alles wissen." - "Mom es ist eine Frau." Schweigen. Das war wie das schlimmste Coming out überhaupt. Pages Finger zitterten und sie raufte sich die Haare. "O-oh... Ich... ich verstehe tut... mir leid ich wusste nicht dass du..." Die junge Frau schüttelte frustriert den Kopf. "Mom ich auch nicht! Ich kann es mir nicht erklären. Ich verstehe es einfach nicht. Was zur Hölle soll ich denn jetzt machen?" Und da sprudelte es einfach aus ihr heraus und Page erzählt lang und breit ihre komplette Geschichte mit Saoirse. Wie sie sich das erste Mal getroffen haben, wie sie sie unbedingt auf einen Kaffee einladen wollte und wie hinterhältig sie ihre Brille vergessen hat, nur um sie dann mitzuschleppen in diesen süßen Laden. Dass sie einfach aus dem Nichts aufgetaucht war und dann ständig vor ihrer Nase herumgeschaukelt ist als gäbe es keinen Morgen mehr. Page war frustriert, doch am anderen Ende hörte sie ihre Mutter kichern.
      "Sie klingt ganz herzallerliebst!" Page verstummte und starrte wütend an die Decke als könnte sie dadurch ihre Mutter ansehen. "Hast du einen Schlaganfall?" Wieder hörte sie ein helles fröhliches Lachen. Was bitte war an dieser Situation komisch?! "Vielleicht hat sie es ja gespürt? Ganz gleich in welcher Form, vielleicht ist es euer Schicksal, dass ihr zusammen seid und sie hat es einfach in ihrer Intuition gehabt und wollte dich deswegen unbedingt kennen lernen. Jetzt sieh das ganze doch nicht so unglaublich verbissen. Lerne sie doch erst einmal wirklich kennen. Erwarte nicht die große Liebe oder fühle dich gezwungen mit ihr befreundet zu sein. Betastet euch doch einfach mal mit den Fühlern. So wie sie das von Anfang an anscheinend wollte."
      Page mochte nicht wie unglaublich simpel dieser Vorschlag klang. Sie holte bereits Luft um zu widersprechen, als sie dann jedoch inne halten musste. Das war... eigentlich das einzige, was sie in diesem Moment tun konnte, oder? Saoirse hatte ihr die Freundschaft angeboten - eigentlich eher aufgezwungen - und jetzt war sie wieder wie vom Erdboden verschluckt. Sie musste ebenfalls Schwierigkeiten haben das ganze zu verdauen und damit umzugehen. Und irgendwie waren sie ja im selben Boot, sie sollten einander nicht so fallen lassen und zumindest... sie wusste auch nicht, fragen wann sie Geburtstag hatte? Ob sie Geschwister hatte und aus welchem Staat sie kommt? Was ihre Ziele im Leben sind und warum sie sich für ihren Studiengang und die Uni entschieden hat. Page seufzte schwer. "Ja ist gut", sagte sie ruhiger, sanfter, überzeugt. "Werde ich machen... Danke Mom." - "Nicht dafür Liebes! Bringe sie gerne mal mit! Ich bin neugierig auf meine neue Tochter." - "Bye Mom!", legte Page genervt auf und legte ächzend das Gesicht in ihre Hände. "Scheiße ey...", nuschelte sie der Decke entgegen.
      Irgendwie... wenn es auch nur ein ganz kleines bisschen gewesen ist... hat sie trotzdem von einem romantischen Treffen mit ihrem Zukünftigen geträumt. Ihr Leben lang hat sie sich dagegen gewehrt aber... eine Person nur für sie allein das klang... schön. Saoirse kam ihr wieder in den Sinn und sie zog die Brauen zusammen. Wie konnte dieses kleine quirlige Ding nur...
      Das Blau deiner Augen gleicht dem eines nebeligen Morgenhimmels.
      Hallte plötzlich ihre verträumte Stimme wieder in Pages Ohren nach. Sie hatte es sanft ausgesprochen. Fast liebevoll. Page zuckte bei der Erinnerung daran heftig zusammen und spürte wie ihre Wangen sich erhitzten. Das... Sie schaffte es nicht einen Gedanken daraufhin zu bilden, sondern erhob sich stattdessen einfach kopfschüttelnd.

      Ein zweites Mal ging sie auf die Suche nach ihr. Dieses Mal deutlich aktiver und erpichter. Sie fand einige von Saoirses Freundinnen. Die eine leitete sie zu der anderen weiter. Keine konnte ihr sagen, wo sie wohnte. Zwar schien Saoirse viele Bekannte zu haben und viele zu kennen. Aber Page wurde ein bisschen sauer, als die fünfte Person sie wieder weiter leitete. Warum hatte denn niemand von denen versucht sie mal einzuladen oder sich von ihr einladen zu lassen? Nach Stunden kam sie endlich vor einem Studentenzimmer an. Wie ihr Zimmer wohl aussah? Page musste sich vorstellen wie alles zugestellt gewesen ist. Mit allen möglichen Mementos und Souvenirs. Einem Schallplattenspieler auf einem Haufen Bücher über Feminismus und allen möglichen anderen sozialen Quatsch. Das würde in ihren Augen zu ihr passen. Sie muss dämlich ausgesehen haben, wie sie Minuten lang da herum stand, ehe sie all ihren Mut zusammen nahm und endlich die Hand hob, um energisch zu klopfen. Es kam keine Antwort. Page klopfte noch mal. Wieder nichts.
      Schließlich seufzte sie genervt. "Saoirse, ich weiß dass du da drin bist. Du warst seit Tagen in keiner Vorlesung mehr und ich habe mit wahrscheinlich 20 deiner Freunde gesprochen, dass du irgendwo mehr mitkommen wolltest. Mach die Tür auf sonst trete ich sie ein!"
    • Die Tage rauschten wie ein verschwommenes Bild an der Studentin vorbei. Alles was sie sich je erträumt hatte, der Moment, den sie nicht abwarten konnte, traf endlich ein und dann war plötzlich alles ganz anders, als es sich die 24-Jährige vorgestellt hatte. Von dem Phänomen der Sepia-Sicht hatte Saoirse noch nie zuvor gehört. Keiner den sie kannte, nein nicht mal die vielen Nachrichten berichteten darüber, was es der Rosahaarigen mehr als schwer machte sich an ihr neu gewonnenes Farbspektrum zu gewöhnen. Erst in den Tiefen einiger Fachbücher gelang es ihr endlich, Aufschluss über die Geschehnisse zu finden, sodass die ewige Frage, ob mit ihr etwas nicht stimmte, endlich beantwortet wurde.

      Sie wusste noch genau wie es war, vor einigen Jahren sich genau diese Frage bereits gestellt zu haben. Ob es "abnormal" war, Menschen oder eher ihre Persönlichkeiten zu lieben, statt Geschlechter. Für die junge Studentin war es das normalste der Welt, in ihrer Familie zum Glück genau so und wenig überraschend, als sie vor ihrem Vater beiläufig von dem Charakter einer Frau schwärmte. Auch wenn ihre jüngeren Geschwister häufig die Nase rümpften, bei dem Gedanken die andere Art von Nähe mit anderen auszutauschen, geschweige denn zum selben Geschlecht, doch diesmal war ihre Sexualität nicht der Grund gewesen für die vielen Stimmen in ihrem Kopf…

      "Trotz der Schutzbrillen bleibt ein Restrisiko erhalten [...]" war einer der Sätze, die ihr im Gedächtnis blieben, während die darauffolgenden Absätze die Zusammensetzung und den Herstellungsprozess der Gläser erläuterten. Long Story Short - wie jedes Gadget und alles andere auf der Welt war nichts perfekt, somit war auch der Sichtschutz nicht fehlerlos. Von fehlerhaften Waren, die den Schutz vor der Farb-Explosion gänzlich verfehlten, war zwar so gut wie nie die Rede, aber einige berichteten von ihrer Sepia-Erfahrung, die die Vorstufe der Farbwelt darstellte - einzig und allein ausgelöst, durch den Blickkontakt durch die Brille. In den meisten gemeldeten Fällen handelte es sich um Konstellationen, in denen eine der beiden Personen auf die Verwendung der Brille verzichtete und der Schutz der B-Ware nicht ausreichte, um die Seelenverwandtschaft zu verbergen - zumindest für die Person, die den Blickkontakt ohne Schutz wahrnahm. Wie es Page in den Tagen seither erging, wusste Saoirse nicht, sie nahm jedoch an, dass die Blondine von der Sepia-Sicht verschont blieb, da sie keinerlei Anzeichen für eine Änderung äußerte. Wobei… Saoirse ließ sich schließlich auch nichts anmerken außer ihrer penetranten Art, um die Freundschaft zu kämpfen.

      Im Plattenladen änderte sich alles. Eine gewaltige Änderung zu ihrer neugewonnenen Sicht erwartete sie nicht mehr. Die Umstellung auf den Sepia Filter war schon schräg genug, bereitete höllische Kopfschmerzen und sorgte sogar für einige Gleichgewichtsstörungen der jungen Frau, was ihr das Tanzen ziemlich erschwerte. Es war nur verständlich, dass Saoirse kürzer trat, um sich an alles zu gewöhnen, auch wenn sie niemand wissen ließ, was ihre Beweggründe waren. Schließlich stand ihre kleine Welt plötzlich Kopf, da hatte sie besseres zu tun als den anderen Rechenschaft zu Schulden. Was die vollendete Explosion für sie bereit hielt, unterschätzte die Extrovertierte gewaltig! Es unter einem koketten Spruch zu überspielen ging genau für fünf Sekunden gut, ehe beide wie blöde auf ihren Hintern saßen. Peinlich berührt, versank sie ihren Kopf im Kissen bei dem Gedanken daran.
      "Das Blau deiner Augen gleicht dem eines nebeligen Morgenhimmels. GOTT, wie dämlich kann man sein?" murmelte sie in die Daunen, ehe sie sich um 180 Grad drehte und an die Decke ihres Zimmers starrte. "Sie sieht doch nicht mal Farben. Der Satz ergibt gar keinen Sinn für sie. Wie kann man nur so doof sein!?" Die zarten Hände klatschte sie ins Gesicht, in der Hoffnung, nicht länger in Scham zu versinken. Es war gefühlte Ewigkeiten her und nahm weiterhin ihre Gedankenwelt ein. Sie tat tagelang nichts anderes als im Bett zu liegen und zu grübeln, sich zu drehen und zu wenden. Am liebsten hätte sie eine Zeitmaschine erfunden. Mit einer galanten Drehung auf ihre Seite wandte sich ihr Blick zum Kleiderschrank, in heller Wildeiche. Im Spiegel der rechten Tür konnte sie sich selbst sehen. Wie sie, ähnlich einem Wollknäuel, eingerollt und die Knie zur Brust gezogen da lag. Die grün karierte Decke hatte sie sich zu einer Schlange zwischen die Knie geklemmt, das marineblaue T-Shirt war so lang, dass es ihr knapp über den Po reichte und die hellgrauen Shorts darunter kaum erahnen ließ.

      Gerade wollte Saoirse wieder ihre Augen schließen, als nerviger Lärm an der Tür sie beinahe aus den Federn riss. Erschrocken jagte sie hoch, während ihr Herz bei der Stimme, die sie erhorchte, wild zu Rasen begann. Keine andere als Page stand vor ihrer Tür - Moment mal, woher zur Hölle?
      "Du bluffst doch nur!" platzte es aus der rosahaarigen, die ihre Worte sogleich mit den Finger über den Lippen bereute. Nun konnte sie ihr Versteckspiel vergessen. Schwer ausatmend erhob sie sich schließlich aus ihrem Bett. Die dicken roten Wollsocken voraus, setzte sie einen Fuß vor den anderen, ohne diese wirklich vom hellen Parkett zu heben. Statt die Tür zu öffnen, blieb Saoirse davor stehen. Ihre lackierten Fingerspitzen glitten zum kleinen Bücherregal neben dem Türrahmen. Galant schob sie das Objekt unter dem Schlitz durch und ließ sich daraufhin mit dem Rücken zum Eingang nieder. Den schweren Kopf lehnte sie an das Holz zwischen den Beiden. "Hier, nimm sie. Ich bin sie dir noch schuldig." gab sie den Hinweis zur Schallplatte, die nun auf der anderen Seite der Tür vor den Füßen von Page lag.
      A heart's a heavy burden.