Fallen Kingdom [Runa & Zdrada]

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    • Fallen Kingdom [Runa & Zdrada]


      Schwer Atmend stütze der König sich mit der Schulter am Gemäuer seines Palastes ab. Ein Blutrinnsal lief seinen schlaff herabhängenden Arm hinab und hinterließ eine Verräterische Blutspur entlang seines Pfades. Trotz seiner Bemühungen und dem Druck, den er mit seiner unverletzten Hand auf die Wunde knapp oberhalb seines Herzens ausübte, blutete diese unaufhörlich und unbarmherzig weiter.
      „Ihr dreckigen Verräter.“ Stieß er zwischen schmerzhaft zusammengepressten Zähnen hervor als er die lauten Schritte seiner Verfolger wieder hinter sich wahrnahm. Sie versuchten ihm zum Platz in der Stadtmitte zu treiben, realisierte er. Wollten sie daraus eine öffentliche Hinrichtung machen?
      Trotz der Schmerzen, bewegte Vanitas sich weiter, versuchte seinen Verfolgern zu entkommen, auch wenn er wusste wie aussichtslos die Lage war. Sein Körper schmerzte mit jeder Bewegung, sein Blut schien in Flammen zu stehen. Dornenblut. Schoss es dem König in den Kopf.
      Die gleichnamige Pflanze, aus welcher dieses Gift gewonnen wurde war klein und unscheinbar. Besaß weder Blutrote Blüten noch Dornen, dennoch war ihr Name mehr als gerechtfertigt. In Kontakt mit Blut, kristallisierte das Gift, zeitgleich besaß es jedoch eine gerinnungshemmende Komponente, welche die Blutgefäße des Opfers weiteten und den Blutfluss beschleunigten. Der winzige, scharfkantige, kristallisierte Teil des Giftes wurde so schnell durch die Blutbahn getragen und riss auf dem Weg die Gefäße von innen auf.
      Eine besonders heimtückische und qualvolle Art zu sterben, welche in vielen Ländern gegen Politische Verbrecher als schlimmeres Schicksal als die Todesstrafe angewandt wurde.
      Und nun war er derjenige der auf diese Art zugrunde gehen sollte.
      Er hatte es bis zur Brücke geschafft, als seine Verfolger ihn eingeholt hatten. Er konnte alles um sich herum nur noch verschwommen erkennen, doch er nahm die Schemen seines ehemaligen Bedienstetenstabes wahr. Sie hatten unter seinem seinem Regime Wohlstand erfahren und in seinem Schloss gelebt. Und das war nun der Dank dafür!? Sie wollten ihn wie ein Vieh zur Schlachtbank führen und vor den Augen seines eigenen Volkes abschlachten. Diese Genugtuung wollte er ihnen nicht gönnen. Ohne Wiederstand würde er nicht so einfach abtreten.
      „Möge ein jeder von euch elendigst in der Hölle verrotten.“ Stieß er mit letzter Kraft hervor, bevor er sprang.
      Das eisige Wasser des Flusses umschloss ihn und binnen weniger Sekunden trug die reißende Strömung ihn fort. Er spürte noch, wie sein Körper gegen einen im Wasser emporragenden Felsen geschmettert wurde, bevor ihm sein Bewusstsein entglitt und die Welt um ihn herum in eisige Dunkelheit gehüllt wurde.


      Fünf Jahre zogen ins Land.

      Hätte man ihm vor fünf Jahren noch erzählt, dass er sich eines Tages bis zu den Knöcheln im Schlamm beim Ernten von Wasserkastanien wiederfinden würde, hätte Vanitas wohl lauthals gelacht und besagte Person ohne mit der Wimper zu zucken an den Pranger stellen lassen.
      Heute sah die Lage jedoch ganz anders aus als damals. Mit dem Ärmel seines durchnässten Leinenhemdes, wischte der ehemalige Herrscher Auldrants sich einige Schweißperlen von der Stirn während er mit dem anderen Arm auf seinem hölzernen Ernteroder lehnte und zufrieden die von seiner Ernte befüllten Schilfkörbe beäugte.
      Eine alte, erblindete Frau stand daneben und tastete einige der dunklen Knollen prüfend mit ihren Händen ab. „Eine gute Ernte haben wir dieses Jahr.“ Nickte sie zufrieden.
      Die alte Heilerin, Anise, hatte Vanitas, welches sich nun Nox nannte, damals vor der Schwelle des Todes bewahrt und ihm einen Neuanfang ermöglicht. Ihr in ihren alten, gebrechlichen Jahren auf dem Feld auszuhelfen, war das Mindeste was der junge Mann für seine Lebensretterin tun konnte.
      „Heute speisen wir wie Könige.“ Stimmte er ihr zu, wobei eine gewisse Ironie in seiner Stimme mitschwang. Die alte Frau lächelte, als würde sie mehr wissen als sie vorgab, erwiderte jedoch nur „Die anderen sollten bald vom Fischfang zurück sein. Lass uns gehen. Sie werden sich sicher über die Ernte freuen.
      Während sie nach ihrem Holzstab griff, mit dem sie sie vorantastete, griff Nox mit einem zustimmendem Summen nach den Körben und machte sich gemeinsam mit Anise auf dem Weg zum überschaubaren Hauptplatz des kleinen Dorfes.
      Bereits vom Weiten konnte er erkennen, wie sich einige der Bewohner um einen ramponierten karren, vor dem zwei Esel gespannt waren, versammelt hatten.
      Ah, es hatte sich also wieder ein Händler hierher verlaufen.
      In den letzten fünf Jahren hatte er Glück gehabt, nicht wiedererkannt worden zu sein, und hoffte, dass es auch weiterhin so blieb. Nachdem er also die Körbe neben dem Vorratshaus abgestellt hatte, zog er sich seinen aus Stroh gewobenen Schirmhut, welcher er beim Ernten zum Schutz gegen die Sonne trog, tiefer ins Gesicht, bevor er sich zu den anderen gesellte.
      „Habt ihr ein gutes Messer für die Lederverarbeitung unter euren Waren?“ fragte der Gerber des Dorfes soeben. Bedauernd schüttelte der Händler den Kopf. „Verzeiht mir. Früher hatte ich einige solcher Messer in bester Qualität, aber leider gibt es keine Waren aus Auldrant mehr.“ In der Regel zog Nox sich stets ganz schnell zurück, wenn seine alte Heimat erwähnt wurde, doch nun überkam ihm eine Gewisse Neugierde. Auldrant war eine Handelsstadt. Sie lebte davon Waren zu verkaufen. Was meint ihr damit, dass es keine Waren aus Auldrant mehr gibt?“ fragte er stirnrunzelnd.
      der Händler machte eine Abfällige Handbewegung. „Ach, das Land geht vor die Hunde. Diejenigen die noch nicht das Weite von dort gesucht haben, haben nicht mehr zu verkaufen, geschweige denn überhaupt noch etwas wovon sie leben könnten.“ Die Worte des Händlers gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf, selbst nachdem der Händler das Thema bereits gewechselt hatte und seine anderen Waren anpries. Selbst nachdem dieser seinen Karren wieder belud und von dannen zog. Selbst als der Abend eingebrochen war und er mit Anise in ihrer kleinen Holzhütte saß.
      Gedankenverloren Rühre er in der vor ihm träge vor sich hin blubbernden Fischsuppe herum, als die alte Frau ihn endlich darauf ansprach.
      „Du machst dir Sorgen um deine alte Heimat.“ Bemerkte sie. Nox öffnete seinen Mund zum Protest, doch als er sich zu ihr umdrehte, waren die blinden Augen der Alten direkt auf ihn gerichtet, als würde sie ihn direkt durchschauen können. Für jemanden der nichts mehr sehen können war sie äußerst scharfsinnig. Der junge Mann seufzte, bevor er ihr Antwortete. „Ja, tatsächlich tue ich das.“ Dadurch, dass er es laut aussprach, gestand er es nicht nur ihr ein, sondern auch sich selbst. Sosehr er sich in den vergangenen Jahren auch einzureden versucht hatte, dass er nichts mehr mit seiner alten Heimat zu tun hatte, und jeder besser dran wäre, wenn er sich dort nicht mehr blicken lassen würde, ließen ihn die Fragen, was dort passiert war, einfach nicht in Ruhe.
      „Ich weiß nicht was damals vorgefallen ist, dass du dich so davor sträubst über deine Herkunft zu reden, mein Junge, und es steht mir nicht zu dich zum Reden zu bringen. Aber wenn es dich so sehr grämt, tu dir selbst den gefallen und kehre zurück, wenn es das ist was dein Herz beruhigt.“
      Sofort schüttelte Nox den Kopf. „Es tut mir leid, aber nein. Ich kann es einfach nicht.“
      „Du kannst es und du wirst es auch.“ Beschloss sie und tastete seinen Arm entlang, bis sie den Suppenlöffel zu fassen bekam, den er in der Hand hielt. „Komm aber bloß wieder! Ich werde deine Kochkunst vermissen.“ Mit diesen Worten kostete sie einen Schluck der dampfenden Suppe und säuselte ein zufriedenes „Herrlich!“ vor sich hin, welches ihm ein herzhaftes Lachen entlockte. Damit schien die Sache besprochen zu sein.
      Am nächsten Morgen erwartete Anise ihn bereits mit gepacktem Proviant vor ihrer Hütte.
      Besorgt musterte er sie „Ich weiß ja nicht. Ich finde ich sollte dich nicht einfach so alleine lassen.“
      Tadelnd schlug sie leicht mit ihrem Holzstab nach ihm. „Du willst dich doch nur drücken. Es gibt noch andere in diesem Dorf, sollen die sich auch mal um ihre Älteren kümmern.“ Schnaubte sie kopfschüttelnd.
      Verlegen rieb er sich die Stelle an seiner Schulter, die sie getroffen hatte, auch wenn diese gar nicht schmerzte. „Ist ja schon gut.“ Grummelte er, und nach den Beutel mit Proviant, welchen ihm entgegengestreckt wurde an. Anise Gesichtszüge wurden weicher und hatten nichts Tadelndes mehr an sich. „Sichere Reise, mein Junge. Und komm das nächste Mal nicht wieder durch den Fluss zu uns.“
      Ein amüsiertes Schnauben entwich ihm „Nicht, wenn ich es diesmal verhindern kann.“ Gab er scherzhaft zurück. Sie verabschiedeten sich, doch bevor er die Hütte verließ hielt er noch einmal inne und Blickte auf den Schädel eines Ebers, den er im letzten Jahr erlegt hatte und nun dekorativ über der Tür hing. Aus einem unergründlichen Reflex heraus hing er diesen ab und steckte diesen mit in den Beutel, bevor er das Dorf, welches in den letzten fünf Jahren zu seiner Zuflucht geworden war, hinter sich ließ…