the art of the con. [countess x nyx.]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • the art of the con. [countess x nyx.]

      The Art Of The Con

      Vorstellung

      @Countess

      _________________________________________________________

      Azriel Whyte

      Museum Of Modern Art | New York | USA

      Er wusste, dass er es besitzen musste, als seine Augen im Alter von acht Jahren während eines Museumbesuches auf das Gemälde fielen. Abgesehen vom Kunstunterricht hatte die Schule ihn damals nie besonders interessiert. Warum auch? Es gab niemanden in seinem Leben, der sich um seine Schulnoten kümmern würde. Seine sogenannten Pflegeeltern, die ihn nur für ihren Schein adoptiert hatten, hätte es nicht weniger interessieren können, was in der Schule, geschweige denn in seinem Leben, vor sich ging. Unterstützung hatte er nicht; demnach hatte er auch kein Bedürfnis verspürt, jemanden zu beeindrucken, denn er hatte recht schnell gelernt, dass man in dieser Welt auf sich alleine gestellt war. Niemand achtete auf niemanden; jeder ging seinen eigenen Weg; Nächstenliebe existierte bereits seit Jahrhunderten nicht mehr. Es war sogar ganz im Gegenteil. Statt nehmen und geben herrschte ausschließlich nehmen. Menschen, die bereits alles besaßen, hungerten nach mehr. Ihre Gier konnte nie gestillt werden, ganz unabhängig davon, wieviel sie bereits in ihrer Macht hatten, denn sobald etwas Neues ihre Aufmerksamkeit ergriff, mussten sie es besitzen. Doch was war dieses Mehr? Denn auch er war auf der Suche nach dem Mehr und er hatte so viel Zeit und Hingabe in dieser Suche investiert, dass er nicht bemerkt hatte, dass er nun selbst zu der Gruppe der Gierigen gehörte. Allerdings unterschied sich seine Gier von deren sehr stark. Er sehnte sich nach dem Thrill, dem Interessanten, nach der Dunkelheit, nach dem Chaos - und jedes Mal, wenn ihm eines davon unterkam und er sich daran gesättigt hatte, flammte seine Gier erneut auf.

      Doch wie immer schweiften seine Gedanken ab. Hier ging es gar nicht um Weltprobleme und gierige Adelige, sondern um seinen Lieblingskünstler - Salvador Dali, der Mann, dessen Meisterwerke sein Interesse für die Kunst erweckt hatten. Seit dem Museumsbesuch waren ihm etliche Gemälde untergekommen, doch dieses hatte nie seine Gedankenwelt verlassen. Die Beständigkeit der Erinnerung lautete der Name des Kunstwerks, das Salvador Dali zum Ruhm verholfen hatte. Nach achtzehn Jahren war Azriel nun zurückgekehrt und er fühlte sich bei dessen Anblick genauso, wie er sich das erste Mal gefühlt hatte. Eine Ruhe im Herzen, Tiefsinnigkeit in Gedanken und Bewunderung für die Farben und Objekte verschleierten seine Sinne und brachten ihn in eine gewisse Trance, von der er sich nur mit Schwierigkeit lösen konnte. Oft hatte er sich gefragt, was Dali mit diesem Gemälde darstellen wollte; immerhin malte ein Künstler nicht nur seine Kunstwerke, um die Augen anderer zu erfreuen, sondern in erster Linie um verstanden zu werden. Sie wollten durch ihre Kunst ihre Sichtweisen schildern. Mit der Zeit hatte Azriel gelernt, was Dali mit seinem Kunstwerk erzählen wollte und es war die Zeit an sich, denn genau diese Zeit schritt voran, sie rann einem durch die Finger und ließ ein gewisses Chaos zurück. Sie hinterließ eines, was eine Trost als auch eine Qual zugleich war - Erinnerungen. Doch für Azriel waren diese Erinnerungen nur eine Qual; er wurde durch sie gezwungen, an Geschehnisse zurückzudenken, die nichts weiter als eine Illusion waren. So bizarr es klingen mochte, dies war sein Grund für seine Liebe für dieses Meisterstück.

      Heute Abend war es nach all den Jahren endlich so weit. Heute Abend würde er dieses Gemälde in seiner Macht haben. Heute Abend würde er seinen Plan, an den er bereits seit sieben Jahren schmiedete, in Gang setzen und absolut niemand könnte ihn davon abhalten. Zugegebenermaßen der Plan war mehr als nur waghalsig - immerhin befand sich das Bild im MOMA, dessen hohe Sicherheitsmechanismen kaum zu knacken waren. Aber hey, was war das Leben schon ohne ein wenig Waghalsigkeit und Thrill? Es zuckte um seine Mundwinkeln, während er mit Bewunderung die einzelnen Objekte betrachtete. Gepackt von der Euphorie ging er sein Vorhaben gedanklich noch einmal durch. Unauffällig blickte Azriel zu den Überwachungskameras, die sich jeweils in den oberen Ecken des Raumes befanden. Von seinem letzten Besuch wusste er, dass zwei weitere auf der anderen Seite des Raumes angebracht wurden. Weiterhin wurden zwei weitere auf der Eingangs- und Ausgangsseite gefestigt. Um achtzehn Uhr würde das Museum schließen und nach genau zwanzig Sekunden würden die Sicherheitsmitarbeiter die roten Alarmstrahlen in den jeweiligen Räumen aktivieren. Zwanzig Sekunden - Azriel hatte genau zwanzig Sekunden. Nicht mehr, nicht weniger. Würde er nicht schnell genug handeln, müsste er sich auf ein Treffen mit den Bullen freuen. Aber nachdem das Wort 'Versagen' in seinem Wortschatz nicht vorhanden war, wusste er, dass der Erfolg bereits auf seiner Seite stand. Azriel verstaute seine Hände in die Taschen seiner schwarzen Slacks und zog den rechten Mundwinkel amüsiert in die Höhe. Die Freude, welches Chaos sein Vorhaben am nächsten Morgen auslösen würde, ließ ihn zufrieden die Augen für einen kurzen Moment schließen.

      "Ist es heute endlich soweit?", hörte Azriel die unverkennbare Stimme von Vlad. Nicht der schon wieder. Als Einzelgänger bevorzugte Azriel seine Ruhe und Freiheit. Er war an nichts und niemanden gebunden und musste sich daher von niemanden etwas vorschreiben lassen, weswegen er vor einigen Jahren die Blades - Eine Truppe von Betrügern, der er sich im Jugendalter angeschlossen hatte, verlassen hatte. Er verdankte ihnen vieles; immerhin waren sie der Grund, wieso er sich die Kunst des Betrugs aneignen konnte. Doch Vertrauen war etwas, das er ihnen aufgrund seiner Vergangenheit einfach nicht geben konnte, weswegen er sich schließlich von ihnen distanziert hatte - ausgenommen von Vlad. Allein funktionierte er ohnehin besser. Ein wenig genervt rollte Azriel mit seinen Augen und starrte weiterhin auf das Gemälde. Überrascht war er nicht, dass der Schwarzhaarige ihn erneut gefunden hatte. Vlad war wie ein Chamäleon. Gesegnet mit der Fähigkeit, sich schnell überall tarnen zu können, brauchte er außerdem nicht lange, um jemanden aufzuspüren, was der einzige Grund war, warum Azriel ihn noch ertrug. Er erwies sich für viele Angelegenheit als nützlich, weswegen Azriel den Kontakt zu ihm noch nicht abgebrochen hatte. "Was willst du, V?", fragte Azriel ohne auf Vlads Frage einzugehen. "Du willst wohl keine Zeit verlieren, was?", entgegnete Vlad und verzog seine Lippen zu einem matten Grinsen. "Meine Zeit ist kostbar. Komm zum Punkt." Azriel zog seine linke Augenbraue in die Höhe und warf ihm einen kurzen Blick aus den Augenwinkeln zu. Vlad stieß einen Seufzer aus und drehte sich zu ihm, während er den Kopf leicht zur rechten Seite neigte und seine Hand auf seinem Herz legte. "Und ich dachte, wir wären beste Freunde, Corvus", spielte er seine Enttäuschung vor und trat anschließend einen Schritt auf ihn zu. Die Erwähnung seines Codenamens, den er seit Längerem nicht mehr verwendete, ließ Azriel stutzig werden. Vlad hatte ihn seit seinem Abgang nicht mehr mit dem Namen angesprochen. Dass er es nun tat, konnte nichts Gutes bedeuten. "Dann komme ich einfach zum Punkt. Meine wertvolle Zeit verbringe ich ehrlich gesagt gerne woanders als in einem stinklangweiligen Museum." Vlad räusperte sich und setzte nun einen seriöseren Gesichtsausdruck auf. "Es gibt einen Auftrag für dich und eine Ablehnung ist keine Option."

      Überrascht von der Nachricht richtete Azriel seine gesamte Aufmerksamkeit auf Vlad. Ein Auftrag. Vlad wusste mehr als nur zu gut, dass er keine Aufträge annahm. Hatte er bisher nicht gemacht, würde er weiterhin auch nicht machen. Seine Opfer und Objekte suchte er sich nach eigenem Belieben aus und dies würde sich nun bestimmt nicht ändern. "Und warum nicht?", konterte er und betrachtete sein Gegenüber durchdringend, wovon Vlad sich nicht einschüchtern ließ. "Ich weiß nichts von den Details. Ich wurde lediglich beauftragt, es dir mitzuteilen." Vlad nahm achselzuckend seine übliche gleichgültige Haltung ein. "Von wem?", hackte Azriel nach. "Von Serpent." Azriel ballte seine Hände zu Fäusten zusammen. Serpent. Wie es schien, leitete er nach wie vor die Blades. Nach seinem Rückzug hatten sie keine Worte mehr miteinander gewechselt. Und nach all den Jahren hatte er plötzlich einen Auftrag für ihn? Und er war nicht persönlich aufgetaucht, um es ihm mitzuteilen? Interessant. "Und wieso ist eine Ablehnung keine Option?", erwiderte Azriel mit einem amüsierten Unterton in der Stimme, woraufhin Vlad sich ihm einige Schritte näherte. Mit dem Oberkörper lehnte er sich vor und versetzte seine Stimme im Flüsterton. "Der Auftragsgeber kennt deinen wahren Namen, Azriel."

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von nyx. ()

    • Livy Dankworth

      Caesars Atlantic City Casino / New Jersey / USA

      Ihrem Vater hatte sie ihr Talent - oder eher ihre Spielsucht zu verdanken, die sie mehrmals in der Woche dazu verleitete, ein Casino nach dem anderen zu besuchen und auf diese Weise ihr Vermögen zu vermehren. Genau genommen verfügte sie über genug Geld, um ein sorgloses Leben zu führen - aber das reichte ihr nicht. Sie brauchte immer mehr; das war ihr Problem. Auf diese Weise hatte sie es sich bereits mit genügend Menschen verscherzt, allerdings interessierte sie diese Tatsache herzlich wenig. Sie suchte keine Casinos heim, um Beziehungen zu knüpfen - sie genoss es lediglich, die Geräusche der Automaten sowie Ausrufe des Sieges zu vernehmen und dadurch ihr eigenes Gefühl von Verlangen und Euphorie zu befriedigen. Was sie jedoch am allerliebsten hatte, waren die hochnäsigen, von sich selbst überzeugten älteren Herren, denen sie am Pokertisch Gesellschaft leistete. Sie liebte es, wenn sie von ihnen unterschätzt wurde und ihr Fokus auf ihrem Dekolleté und ihren bordeauxroten Lippen lag - anstatt auf der Art, wie sie spielte. Der Augenblick, wenn sie ihre Stirn in Falten legten und die zuvor abwertenden Blicke sich zu von Wut erfüllten verformten, während Livy sie alle nacheinander ausnahm. Die meisten von ihnen machten sogar weiter, gaben nicht auf; ihres Stolzes wegen. Der Frau traute man nicht zu, besser zu sein. Stattdessen kommentierten sie ihre Siege mit Anfängerglück, bis die Arrogantesten von ihnen solange spielten, bis auch der letzte Chip Livy gehörte. Sie genoss es dabei zuzusehen, wie die Männer sich allesamt zum Narren machten und dachte stets an sie zurück, wenn sie sich von ihrem betörend gut riechendem Geld neuen, teuren Schmuck anschaffte.
      Bereits in mehr als fünf Casinos hatte die blonde Schönheit Hausverbot auferlegt bekommen, nachdem Livys Siegessträhnen scheinbar zu sehr an ihrem ohnehin gekränkten Ego kratzten. Daher entschloss sie sich dazu, heute abermals ein neues aufzusuchen, indem sie ihr Können unter Beweis stellen würde.


      Als die Nacht in New Jersey hereingebrochen war, parkte sie ihren Wagen vor dem Eingang des riesigen Gebäudes und identifizierte sich beim dort zuständigen Parkwächter mit einer speziellen VIP-Karte, die sie bereits am Nachmittag aus der Manteltasche des eigentlichen Besitzers entwendet hatte. Neben den Tricks, die sie während des Pokerspiels nutzte, verfügte Livy zudem über ausgeprägte Fähigkeiten hinsichtlich des Taschendiebstahls. Noch heute ist sie ein Mitglied der Renegades; eine Gruppierung, bestehend aus Betrügern aus der ganzen Welt, die allesamt auf unterschiedliche Gebiete spezialisiert waren. Tagtäglich gab es Missionen, von einfachen Diebstählen bis hin zu schwerwiegenden Delikten wie die Ermordung eines bestimmten Ziels und wenn die Details des Auftrags erst einmal bekannt waren, legten die hohen Tiere der Renegades ein Team zurecht, das die größtmögliche Erfolgsquote versprach. Hin und wieder kam es vor, dass auch Livy mit ins Boot geholt wurde - doch das glich bei der mittlerweile hohen Anzahl von Mitgliedern heutzutage eher einer Seltenheit. Außerdem hatte sie ohnehin vor, den Renegades den Rücken zuzukehren und sich auf eigene Faust durchs Leben zu schlagen, nachdem sie bereits öfter als ihr lieb war die Drecksarbeit für sie erledigt hatte.
      Sie lebte allein, ihr Vater verweilte nicht länger unter den Lebenden und ihre Mutter saß seit Jahren im Gefängnis. Kontakt zu anderen Familienmitgliedern verfügte sie über keinen und auch, wenn die Einsamkeit des Öfteren an ihr nagte, konnte sie ihrer Pflicht, jeden Monat an einem anderen Ort zu wohnen, gerecht werden. Genau aus diesem Grund wollte sie die Gruppierung verlassen - denn allmählich ermüdete sie das ständige Umherreisen. Anfangs machte es riesigen Spaß unter verschiedenen Identitäten das Land zu bereisen; mittlerweile ermüdete es sie, da sie niemals richtig irgendwo Zuhause war.


      Mit schnellen Schritten übertrat sie die Türschwelle zum Inneren des Casinos, durchquerte die riesige Halle und konnte spüren, wie die Erregung sich bis in die letzte Faser ihres Körpers schlich. Adrenalin pulsierte durch ihre Adern, während der verlockende Ruf der grellen Lichter und die ohrenbetäubenden Geräusche der Spielautomaten ihr Herz schneller pochen ließen. Manchmal hatte sie das Gefühl schwach zu sein, auch wenn sie sich nach Außen hin als die Starke aufspielte. Schließlich besaß sie genügend Geld und dennoch schaffte sie es nie, dem Drang zu widerstehen. Sie machte sich zwar keinerlei Sorgen darüber, eines Tages verlieren zu können, da die Betrügerei im Spiel ihr Spezialgebiet war - aber was wäre, wenn ihr künftig jemand gegenübersaß, der über dieselben Fähigkeiten verfügte? Kopfschüttelnd verwarf sie den Gedanken und stolzierte über den Teppich im Eingangsbereich zur Rolltreppe und fuhr in die obere Etage.
      Oben angekommen ließ sie ihren Blick zwischen den Tischen umherwandern, beäugte die dort anwesenden Spieler kritisch und lächelte bereits aufgrund der Vorstellung, gleich wieder ein völlig anderer Mensch zu werden.
      Das Aufsetzen eines Pokerfaces war zur Gewohnheit geworden und sorgte dafür, dass selbst außerhalb des Spiels niemand wirklich wusste, wer Livy war oder was sie dachte und das Gefühl, ihre Gegenüber im Dunkeln tappen zu lassen, erfüllte die Dame mehr als alles andere. Ihre Finger juckten und sie konnte das Gewicht der Chips bereits fühlen, bevor sie überhaupt am Tisch saß. In Casinos traf man die unterschiedlichsten Menschen an; von arm bis reich, Profis und Anfänger - alles war dabei und ein einziger Geldschein konnte dafür verantwortlich sein, das Leben eines jeden zu verändern.
      Ihr Blick wandte sich einem Tisch zu, der mittig in der Halle stand. Ein Mann mittleren Alters setzte sich an diesen und seinem schlichten, schwarzen Outfit nach zu urteilen versuchte er bewusst nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Vielleicht ein Anfänger? Livy konnte den Sieg schon riechen, als sie sich auf den Tisch zubewegte und gegenüber von dem Mann Platz nahm. Die langen Beine überschlagend blickte sie ihren Gegenüber emotionslos an und sagte nichts, bis er nach einem flüchtigen Blick auf ihre Brüste zu reden begann: „Ich denke, Sie sind am falschen Tisch, Madame.“ Anstelle einer Antwort erwiderte sie ihm mit einem kühlen Lächeln. Die Einsätze der Frau schossen binnen weniger Minuten immer weiter in die Höhe, bis sie das Spiel für sich entschieden hatte und sich vor lauter Euphorie über die Lippen leckte, ehe sie den Tisch wechselte. Ihr Freund Blackjack zwinkerte ihr nach ein paar weiteren Partien Poker gefährlich zu und auch wenn sie es heute ausnahmsweise nicht übertreiben wollte, konnte sie sich nicht mehr bremsen. Die Blackjack-Partien gewann sie ebenfalls und nach ein paar weiteren Stunden begannen die ersten Croupiers damit, sie skeptisch zu begutachten und jede einzelne ihrer Bewegungen im Auge zu behalten. Das bedeutete, dass es Zeit war langsam zu verschwinden, bevor auch dieses Casino ihr Hausverbot erteilte.


      Ihre Ausbeute war wie immer mehr als zufriedenstellend und lässig flanierte sie zwischen den vielen Tischen umher, bis sie an der Rolltreppe die sie nach unten führen sollte angekommen war. Bevor sie jedoch dazu kam, ihren Fuß auf diese zu setzen um nach unten zu fahren, spürte sie den festen Griff einer starken Hand um ihren Arm. Verwundert zog sie eine Augenbraue in die Höhe und drehte sich zu dem Mann um, dessen Hand nicht von ihr abließ. Sie musterte ihn: pechschwarzes Haar, ein markantes Gesicht mit blassen Wangen und einem Tattoo direkt unter dem linken Auge, das dem Logo der Renegades ziemlich stark ähnelte. „Dawn, nehme ich an?“ entgegnete ihr seine dunkle, rauchige Stimme. „Das kommt darauf an, wer fragt.“ Sichtlich genervt zog sie ihren Arm aus seinem Griff heraus und klopfte den Ärmel ihres Jacketts ab, als hätte der Unbekannte diesen beschmutzt. „Ich habe nicht viel Zeit und bin nicht hier, um mit dir zu plaudern.“ - „Ohooo…“ unterbrach sie ihn, bevor er den Rest seines Satzes überhaupt beenden konnte. „Na jetzt bin ich aber mal gespannt.“ Der Gesichtsausdruck des Mannes verfinsterte sich und ließ sie im Glauben, dass er sich jeden Moment auf sie stürzen wollte. „Ich wurde geschickt, um dir deinen nächsten Auftrag mitzuteilen.“ antwortete er stattdessen ruhig und gelassen. Abfällig winkte sie mit einer Hand ab und fuhr ohne weiter auf das Gespräch einzugehen mit der Rolltreppe in den Eingangsbereich des Gebäudes, um zurück in ihr Apartment zu fahren. Der Unbekannte machte keine Anstalten ihr zu folgen - sorgte mit seinen nächsten Worten allerdings dafür, dass sie fassungslos stehenblieb und sich mit weit aufgerissenen Augen zu ihm umdrehte. „Wenn ich du wäre, würde ich nicht ablehnen, Livy. Ansonsten kannst du deine Spielerfolge bald an den Nagel hängen und das wollen wir doch nicht, oder?“ rief er aus der oberen Etage zu ihr herunter und setzte ein Lächeln auf, das die Frau stärker provozierte, als es sollte. Wann hatte sie ihren Namen zuletzt aus dem Mund einer anderen Person, abgesehen von sich selbst gehört? Noch immer schockiert ließ sie ihre Tasche mitsamt ihrer Beute auf den Boden fallen und schenkte dem mysteriösen Mann ihre volle Aufmerksamkeit.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆
    • Azriel Whyte

      Empire Hotel | New York | USA

      Der Auftraggeber kennt deinen wahren Namen. Der Auftraggeber kennt deinen wahren Namen. Der Auftraggeber kennt deinen wahren Namen. Seit Vlads Rückzug waren mittlerweile zwei Stunden vergangen und seine Worte schienen Azriels Kopf nicht verlassen zu wollen. Sie kreierten eine Blockade in seiner Gedankenwelt und ließen keine anderen Vorgänge zu. Überraschung. Schock. Wut. Verwirrung. Es waren zu viele Emotionen, die Vlads Aussage in ihm verursacht hatte. Während seinen zwölf Jahren als Betrüger war ihm kein einziger Fehler passiert, um seine Identität auffliegen zu lassen. Dessen war er sich sicher, denn wer in dieser Branche arbeitete, musste mehr als nur achtsam sein, um nicht mit dem Gesetz und dessen Rechtsanwender in Kontakt zu kommen. Azriel konnte sein ganzes Vermögen darauf wetten, dass er bisher stets erfolgreich gewesen war. Jede seiner Identitäten war mit Präzision und Perfektion erschaffen worden. Jeder einzelner Schritt war bis zum letzten Detail durchdacht. Jede Tat war ihm gelungen, ohne dabei auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen oder einen klitzekleinen Fehler zu begehen. Wie zur Hölle konnte also jemand seine richtige Identität herausfinden? War das eine Falle? Versuchte Serpent ihn dadurch zu den Blades zurückzuholen? Dass er nicht persönlich erschienen war, hinterließ das größte Fragezeichen in seinem Kopf. Der Auftrag roch bereits von Weitem nach Faulheit. Die Blades und er hatten sich einvernehmlich getrennt, denn Azriel wusste mehr als nur zu gut, dass man sich aus Serpent keinen Feind machen sollte, weswegen dieser keinen Grund hatte, ihn in eine Falle zu locken. So loyal, wie er stets gewesen war, konnte er Azriel auch an niemanden ausgeliefert haben. Oder doch?

      Die Frust und der Ärger verstärkten sich mit jeder Minute, während er seine Augen schloss. Er konnte es einfach nicht fassen. So viel Präzision. So viel Perfektion. So viele Pläne. Und jetzt dieser Mist - alles umsonst, fuck. Zähneknirschend ballte er seine rechte Hand, in der sich die Notiz zum Treffpunkt mit dem Auftraggeber befand, zusammen. Er schlug die Augenlider auf und drehte sich zu Dalis Gemälde, die ihn wie immer zur Ruhe brachte, was ihn plötzlich auf eine Idee brachte. Es war doch gar nicht wichtig, woher er dieser vermeintliche Auftraggeber seinen Namen kannte. Wichtiger war es herauszufinden, wer dieser Mysteriöse war und woher er seinen Mut aufgebracht hatte, um ihn zu beauftragen. Die Neugier ersetzte seinen Ärger, weswegen er amüsiert seinen rechten Mundwinkel in die Höhe zog. Tja, das würde tatsächlich noch interessant werden und ehrlich gesagt konnte Azriel es kaum erwarten. Nach einem letzten Blick auf das Gemälde verließ Azriel das Museum und fuhr mit einem Taxi zum Hotel, das er sich in der Nähe des Museums für einige Nächte gemietet hatte. Dalis Gemälde musste auf seinen wahren Besitzer noch etwas warten. Ein kurzes Vibrieren ergriff Azriels Aufmerksamkeit, als er am Abend die Dusche verließ. Vergiss das Treffen nicht - Eine Nachricht von Vlad. Die Augenbrauen zusammengezogen legte er das Handy weg und blickte zur Uhr. Das Treffen sollte um neun Uhr im Empire Hotel, welches in der zentralen Gegend von New York lag, stattfinden. Bis dahin war es noch eine Stunde. Vlads Nachricht ließ seine Neugierde erneut aufflammen. Wie wichtig musste dieser sogenannte Auftrag sein, dass Vlad ihm eine erneute Erinnerung geschickt hatte? Die Lippen gekräuselt blickte er auf die Stadt, die gerade aufgrund des Sonnenuntergangs in dunkeln Orangetönen getränkt war. Nachdem der Stau um die Uhrzeit am schlimmsten war, beschloss er, sich auf den Weg zu machen. Wer weiß? Vielleicht würde er dadurch ein neues Opfer finden.

      Nach knapp einer Stunde stand Azriel vor der Rezeption des Empire Hotels und händigte der Rezeptionistin die Notiz, wie es ihm von Vlad mitgeteilt wurde. Sobald sie einen Blick auf den Zettel geworfen hatte, schien sie sofort zu wissen, wer er war. "Er ist hier", sprach sie in ihr Mikrofon kurz und knapp. Es dauerte nicht mehr als fünf Minuten, bis ein Schwarzhaariger mittleren Alters vor Azriel erschien. "Folgen Sie mir", befahl er mit autoritärer Stimme. Azriel musterte ihn von Kopf bis Fuß mit argwöhnischen Augen, der seinen Blick lediglich erwiderte, bevor sie sich auf den Weg zum Aufzug machten. Nachdem sie in den obersten Stockwerk des Hotels angekommen waren, überquerten sie einige Korridore, ehe der Mann die Tastenkombination der Tür eingab und sie hineintraten. Behutsam beäugte Azriel seine Umgebung, in der er zunächst niemanden erhaschen konnten, bis sie ins Wohnzimmer gelangten. Ein Mann, der in seinen Vierzigern zu sein schien, hatte sich auf der Couch platziert, während er ein Glas mit goldbrauner Flüssigkeit in seiner Hand hielt. An seinen zurückgegelten Haaren stufte Azriel ihn als einen reichen Spießer ein, der wohl seine Drecksarbeiten von anderen erledigen ließ. Mit einem schiefen Grinsen blickt er auf und musterte Azriel. "Ah, das ist ja der Mann der Stunde. Ich heiße Charles Miller und bin der Inhaber von Miller Industries", begrüßte er ihn höflich und zeigte mit der Hand zu der Couch gegenüber ihm. Einen kurzen Moment später setzte sich Azriel auf den besagten Platz hin und schlug seine Beine übereinander. "Scotch?", fragte der Mann mit einem Lächeln, das nicht gefälschter hätte sein können. Als Azriel ihn lediglich nur einem gelangweilten Blick bedachte, quittierte er dies mit einem Nein und stellte die Flasche wieder auf den Tisch ab. "Ich habe bereits gehört, dass du nicht sehr wortgewandt bist. Oh, ich hoffe, du hast kein Problem damit, dass ich dich duze", setzte Charles erneut an. Auch dieses Mal erwiderte Azriel nichts und hob seine linke Augenbraue in die Höhe. Immerhin war er nicht hierher gekommen, um belanglose Gespräche zu führen. "Aber das ist auch egal. Ich mache es kurz und knapp. So vielbeschäftigt wie du bist, möchte ich natürlich deine Zeit nicht verschwenden." Charles drehte sich seitlich zu dem Schwarzhaarigen, der sein Assistent zu sein schien, woraufhin dieser nach einem kurzen Nicken ins andere Zimmer verschwand und mit einem braunen Kuvert und Koffer zurückkam. Das Kuvert wurde vor Azriel platziert. Für einen kurzen Augenblick schweiften seine Augen zu diesem, ehe er sie wieder auf sein Gegenüber richtete. "Der Job ist ziemlich simpel. In dem Kuvert befindet sich ein Foto eines Mannes. Deine Aufgabe ist es, ihn zu entführen. Dein Kollege hat mir bereits gesagt, dass du in dieser Hinsicht sehr begabt bist", erklärte der Mann sachlich.

      Die letzte Aussage des Unbekannten ließ Azriel stutzig werden. Kollege? Die Kunst des Betrugs war wie ein Schachspiel, in dem jeder eine gleichwertige Stellung hatte - Ein Bauer in einem Schlachtfeld mit Türmen, Läufern und einem König. Die restlichen Schachfiguren befanden sich an einem anderen Ort, von dem sie sich nicht wegbewegen konnten. Manche von ihnen realisierten ihren Wert nicht und folgten stumpfsinnig anderen, aber dann gab es einigen, die ihren Wert durchaus kannten; manche wie Azriel. Sie waren recht unauffällig, mischten sich gut in die Menge ein und wenn die Zeit reif war, passten sie sich an die sogenannten Mächtigen an, um ihnen einige Diamanten und Perlen zu stehlen. Diese Figuren waren zu allem in der Lage. Doch für solche Angelegenheiten wie in einem Meer voller Schachfiguren mussten sie sich vertrauen, was Azriel zu seinen Zeit bei den Blades recht schwer gefallen war. Stets musste er auf der Hut sein, um nicht von einem seiner Kollegen hintergangen zu werden. Dass also ein Kollege ihn erwähnt hatte, ließ die Alarmglocken in seinem Kopf schrillen. Um sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen, glättete Azriel schnell seine Gesichtszüge. "Kollege?", hackte er interessiert nach und neigte seinen Kopf schief, was Charles zum Grinsen brachte. "Keine Sorge. Er hat dich nicht verraten", wandte er schnell ein, als hätte er Azriels Reaktion bereits geahnt. "Er hat nur deinen jetzigen Namen gewusst und erwähnt, dass du für einige Wochen in New York bist. Alles andere musste ich selbst herausfinden, Azriel Whyte."

      Der Mann kannte also tatsächlich seinen wahren Namen. Hatte Vlad ihn verraten? Er hatte zwar erwähnt, nichts vom Auftrag zu wissen und lediglich von Serpent beauftragt zu sein, aber wie sehr konnte er ihm glauben? "Wir müssen es nicht so kompliziert machen. Es ist recht simpel, wie ich bereits sagte. Du entführst den Mann, bringst ihn zu mir und dann trennen sich unsere Wege auch schon wieder. Einverstanden?", sprach der Auftraggeber in die Stille hinein. Es war recht witzig zu sehen, wie er tatsächlich dachte, dass Azriel seine Worte einfach so befolgen würde. Azriels Mundwinkel hoben sich zu einem Grinsen in die Höhe. "Und wieso glauben Sie, dass ich Ihren Auftrag annehmen werde?", erwiderte er belustigt. "Ich glaube es nicht. Ich weiß es sogar. Ich denke, über diese Dinge würde sich die Interpol sehr freuen", antwortete Charles mit gefährlich ruhiger Stimme. Nach einigen Sekunden projizierte sein Assistent ein weiteres Kuvert, was er dieses Mal selbst öffnete und einige Fotos und Dokumente auf dem Tisch legte. Schnell überflogen Azriels Augen die Inhalte, während Horror und Schock sich in seinem Inneren ausbreiteten. Fuck! Fuck! Fuck! Der Typ hatte all seine Identitäten samt den Objekten, die er sich von seinen Opfern in den letzten Jahren genommen hatte, herausgefunden. Azriel schnappte tief nach Atem und fühlte, wie sich alles in ihm zuschnürte. Von seinem Hals bis zu seinen Gliedmaßen. Um seine neutrale Haltung gegenüber dem Schnösel beizubehalten, knackste er mit seinen Fingern und blickte langsam zu Charles. "Darf ich fragen, woher Sie das Alles haben?", erkundigte sich Azriel mit ruhiger Stimme, obwohl sein Inneres vor Wut brodelte. "Durch eine sehr teure und gründliche Recherche", antwortete Charles zufrieden und stolz, als hätte er den Nobelpreis gewonnen. "Können wir jetzt zu den wichtigeren Dingen kommen?" Charles lehnte sich gelassen und arrogant in seinem Sitz zurück, während seine Augen an Azriel hafteten. Widerwillig griff Azriel nach dem braunen Kuvert, in dem die Details seines Auftrages befanden. Er zog ein Foto und ein Dokument heraus und begutachtete das Gesicht eines grauhaarigen Mannes. "Das ist Sorin Nabokov. Er ist ein ehemaliger Mitarbeiter von mir. Letztes Jahr hat er an einem Projekt gearbeitet, was Top Secret hätte bleiben sollen. Nach dem Erfolg des Projekts hat er die Daten einem Konkurrenten verkauft und ist untergetaucht. Diesen Freitagabend findet im Richmont Casino eine Eröffnungsfeier statt. Meinen Informanten nach wird er dort auftauchen und alles, was du machen musst, ist es, ihn zu entführen und anschließend zu mir zu bringen." Sachlich und monoton erklärte Charles die Situation und betrachtete Azriel eindringlich. Wut und Schock benebelten nach wie vor seine Sinne. "Natürlich wirst du nicht leerausgehen. Hier ist eine kleine Anzahlung", fuhr Charles fort und gab seinem Assistenten ein Zeichen, um den Koffer zu öffnen, woraufhin Azriel von einer guten Summe an Geldscheinen begrüßt wurde. Würde Charles seine wahre Identität nicht kennen, wäre der Auftrag mehr als nur verlockend. So sehr Azriel das Geld liebte, sträubte sich alles in ihm, den Auftrag anzunehmen. Er hatte das Gefühl, hier etwas zu übersehen. So einfach, wie Charles den Auftrag darstellte, kam es ihm nicht vor. Aber Vlad hatte recht. Eine Ablehnung war tatsächlich keine Option. "Haben wir einen Deal?", fragte Charles, als würde er Azriel überhaupt eine andere Wahl geben. Ohne sich seinen Zorn anmerken zu lassen, blickte Azriel auf und leckte sich über die Lippen, ehe er diese zu einem schiefen Grinsen verformte. "Deal."
    • Livy Dankworth

      Empire Hotel / New York / USA

      Eigentlich war Livys Plan, noch ein Weilchen länger in New Jersey zu verweilen. Diesem Vorhaben hatte der Unbekannte allerdings einen Strich durch die Rechnung versetzt und sie wippte ungeduldig mit der Hacke auf dem Boden, während ihr Flieger soeben landete. New York. Die Frau drückte sich unverständlich die Hand an die Stirn. Wieso um Himmelswillen wollte jemand aus New York ihre Dienste in Anspruch nehmen? Gerade in New York tummelten sich genug andere ihrer Sorte herum - sollten die doch beauftragt werden. Die Zeiten, in denen Livy mehr für die Renegades getan hatte, als ihr lieb gewesen war, hatten schon lange ihr Ende gefunden. Mittlerweile bevorzugte sie es, nichtsahnende, reiche Schnösel über den Tisch zu ziehen. Insgeheim war es sogar ihre eigene Schuld. Sie hätte den Renegades schon längst von ihrem Austritt berichten sollen, anstatt weiterhin sorglos durch die Casinos verschiedenster Städte zu ziehen. Denn solange sie in den Mitgliedsakten auftauchte, konnte sie jederzeit herbeordert werden - ob sie wollte oder nicht. Nach genauerer Betrachtung war sie sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt die Renegades waren, die sie nach New York geschickt hatten. Der Unbekannte Herr hatte nichts dergleichen erwähnt - keine Namen, keine Details; ausschließlich ihren Namen, von dem sie immer dachte, dass ein Niemand ihn je in Erfahrung bringen konnte. Der Ort an dem sie auf Denjenigen treffen sollte, der ihr mehr sagen konnte, klingelte auch keine tief verborgen liegende Erinnerung wach. Normalerweise doppelten die Übergabe- oder Informationsorte der Renegades sich im Laufe der Zeit. Das besagte Empire Hotel stellte keinen dieser Orte dar und genau genommen verwunderte diese Kulisse sie ein wenig. Ein Hotel war verbunden mit größeren Ansammlungen von Menschen und neugierigen Ohren, die von vertraulichen Informationen Wind bekommen konnten. Dieser Fakt schließ die Tatsache, dass es sich um die Renegades handeln konnte schon fast aus. Abgesehen davon wusste sie nur zu genau, niemals in engerem Kontakt mit ihnen gestanden zu haben, sodass das Wissen über ihre wahre Identität nicht unbedingt im Rahmen des Möglichen stand. Wenn sie ehrlich war, wusste sie beinahe selbst nicht mehr, wer sie wirklich war. Zu oft präsentierte sie sich als jemand, der sie nicht war und aufgrund ihrer niemals enden wollenden Spielsucht passierte genau das öfter als es sollte.


      Stunden vergingen, bis die Dame mitsamt ihrem viel zu schweren Koffer den Flughafen verlassen konnte. Hätte sie doch bloß ihr Täschchen allein mitgenommen - sie hatte ohnehin nicht vor, länger als nötig in New York zu verweilen. Den Zettel, den sie von dem Unbekannten im Casino in die Hand gedrückt bekommen hatte, beäugte sie skeptisch mit zusammengekniffenen Augen, ehe der Taxifahrer, den sie vorab zum Flughafen beordert hatte, ungeduldig auf die Hupe drückte. „Wollen Sie eine so zierlich gebaute Dame den Koffer tatsächlich allein in den Kofferraum hieven lassen?“ entgegnete sie mit einem abwertenden Unterton in der Stimme, bevor sie sich auf die Rückbank des Taxis quetschte und keinerlei Antwort erwartete. Genervt stützte sie sich das Kinn mit dem Ellbogen und starrte aus dem Fenster hinaus. Die Laune des Taxifahrers verbesserte sich auch nicht, als dieser nach dem Verstauen auf dem Fahrersitz Platz nahm und sich mit verdrehten Augen zu ihr umsah: „Wo soll‘s hingehen, Miss?“ - „Zum Empire Hotel. So schnell wie möglich, wenn‘s geht. Ich bin seit Stunden unterwegs, meine Füße schmerzen mir wegen diesen beschissenen High Heels und ich habe noch einen ziemlich wichtigen Termin, danke.“ Fassungslos sah er sie mit geöffnetem Mund an: „Ich höre wohl nicht richtig. Wir sind hier nicht bei einem Wunschkonzert - haben Sie den Verkehr mal gesehen?“ - „Wieso verschwenden Sie dann unsere Zeit und fahren nicht endlich los? Ich habe keinen Nerv, mich mit hochnäsigen Männern abzugeben. Von der Sorte habe ich in meinem Job genug. Fahren Sie jetzt.“ Kopfschüttelnd ließ er kommentarlos von ihr ab und wandte sich stattdessen der Straße zu. Von allen Städten die der Auftraggeber hätte auswählen können, musste es ausgerechnet New York sein. Für Livys Empfinden sammelten sich hier viel zu viele Menschen, mal ganz davon abgesehen, dass über die Hälfte einzig und allein herkam, um Bilder mit der Kamera zu schießen und den Tourismus aufblühen zu lassen. Genau deshalb wollte sie hier nicht lang bleiben - sicherlich waren selbst die wirklichen Anwohner genervt von solch einem Massentourismus, gegen den man rein gar nichts ausrichten konnte. Wenn sie aber schon einmal hier war sprach nichts dagegen, dem Casino am Abend einen Besuch abzustatten. Bei so vielen Menschen befanden sich dort mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit genug Möchtegerne die glaubten, mit ganz viel Geld Nachhause zurückzukehren. Mit dem Unterschied, dass es Livy war, die mit ihrem Geld Nachhause kam.


      Der Taxifahrer hatte nicht gelogen. Nach weiteren Stunden von denen sie mindestens drei mit Schlaf verbracht hatte, rüttelte der unhöfliche Mann sie aus den Träumen. Mit dem Handrücken wischte die Frau sich eine winzige Menge Sabber aus dem Mundwinkel und stieg aus dem Auto heraus, vor dem ihr Koffer bereits auf sie wartete. „Wie viel macht das? Wobei, warten Sie.“ Livy beugte sich vor, öffnete den Reißverschluss ihrer Handtasche und drückte ihrem Gegenüber eine beachtliche Summe bestehend aus Scheinen in die Hand. „Das passt so. Beim nächsten Mal gibt es vielleicht mehr, wenn Sie ein klein wenig respektvoller sind.“ Mit einem Zwinkern zog sie den Henkel ihres Koffers hoch und zog diesen an der ausfahrbaren Stange hinter sich ins Innere des Empire Hotels. Ganz schön prunkvoll. Schnurstracks begab sie sich zur Rezeption, begrüßte die dort sitzende Empfangsdame und überreichte ihr den Zettel, wie ihr zuvor angewiesen wurde. Mit einem kurzen Nicken gab sie Livy zu verstehen, dass sie hier richtig gewesen sein musste und binnen weniger Sekunden erklärte sie Livys Anwesenheit einer weiteren Person. Skeptisch musterte sie die Empfangsdame und verlor langsam die Geduld. Wozu die ganze Geheimnistuerei? „Folgen Sie mir bitte. Ich bringe Sie zum Zimmer.“ Ein weiteres Mal ergriff sie den Henkel ihres Koffers und schlurfte ihn gelangweilt hinter sich her. Sie war müde, körperlich angeschlagen und wollte in Wahrheit nur endlich auf einem gemütlichen Bett nächtigen. Draußen war es bereits dunkel geworden, so lange wie sie unterwegs war und innerlich regte sie sich immer noch darüber auf, bis nach New York geschickt worden zu sein. Hätten sie doch irgendeinen billigen Informanten nach New Jersey geschickt - schließlich wollten sie etwas von ihr und nicht andersrum. Wäre da nicht die Tatsache, dass ihre wahre Identität aufzufliegen drohte…


      Vor besagtem Zimmer kamen die beiden zum Halt, bis ein dreimaliges Klopfen seitens der Empfangsdame dafür sorgte, dass ein weiterer unbekannter Mann die Klinke umlegte und sie hereinbat. Die Empfangsdame verabschiedete sich und nun war Livy auf sich allein gestellt. „Ich freue mich, dass Sie es einrichten konnten herzukommen. Mein Name ist Charles Miller, Inhaber von Miller Industries.“ Die Frau verdrehte die Augen und schubste ihren Koffer in die Ecke des Zimmers. „Papperlapapp. Ich bin nicht hier für leeres Gerede. Wie Sie wissen, habe ich Stunden der Reise hinter mir und wenn ich ehrlich zu Ihnen bin, ist mir nicht nach einer netten Unterhaltung.“ Demonstrativ winkte sie mit der rechten Hand ab und sah sich im Inneren des Zimmers um, bevor sie ungefragt auf der Couch Platz nahm. Gelangweilt ließ sie sich nach hinten sinken und verschränkte die Arme vor der Brust, bis ihr Gegenüber abermals das Wort ergriff. „Verzeih, du hast Recht.“ - „Du? Sagen Sie, fragt man da nicht vorher nach?“ Er hob seine Sturmwolkenaugen und schaute die Frau an. Sie musste sich zusammenreißen, nicht unter der Intensität seines Blickes zu erbeben. Livy senkte den Blick nicht, sondern schenkte ihm stattdessen ein verschmitztes Lächeln um ihm zu beweisen, dass er bei Weitem nicht so raffiniert war, wie er glaubte. Nur eine Sekunde später veränderte sich auch Charles‘ Gesichtsausdruck zu einem beinahe komplizenhaften Lächeln. „Ich mache nur Spaß. Dann duzen wir uns eben - auf diese Weise fühle ich mich wenigstens nicht so alt.“ scherzte sie. Charles setzte sich gegenüber von Livy nieder und schenkte sich etwas Scotch ins Glas. „Ich mag dich, Livy. Ich habe schon Einiges von dir hören dürfen und nach intensiver Recherche bist du genau so unberechenbar, wie ich dachte.“ Sichtlich amüsiert hob er sein mit Scotch gefülltes Glas in die Höhe um indirekt nachzuhaken, ob sie auch etwas wollte. Eigentlich hätte sie beim Erwähnen ihres richtigen Namens an die Decke springen müssen. Damit sie jedoch nicht so reagierte, wie er es wollte, setzte sie ihr berüchtigtes emotionsloses Gesicht auf und durchbohrte ihren Gegenüber mit Blicken. „Warum nicht, der Rest des Tages kann ja nur besser werden.“ Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck füllte er das zweite Glas auf und reichte es zu der Frau herüber. „Weißt du, die Renegades - so heißt doch deine Gruppe? Sind relativ gesprächig, wenn man ordentlich zahlt. Von ihnen habe ich deinen Standort in Erfahrung bringen können und als hätte diese Information mich nicht schon genug gekostet, durfte ich noch weitere Summen beim Herausfinden von weiteren Informationen über dich lassen.“ Livy genehmigte sich einen Schluck der im Hals brennenden Flüssigkeit und schwenkte im Anschluss ihr Glas umher. Die Renegades also. Genau die, von denen sie dachte, sie würden am Wenigsten plappern. Seufzend entleerte sie den Rest ihres Getränks in einem Zug und ließ das Glas unsanft auf den Tisch knallen. „Wie gesagt, ich bin nicht hier um nett zu plaudern. Es kotzt mich ohnehin schon an, was du über mich weißt. Sag mir einfach was du willst, damit ich es schnell hinter mich bringen kann und vom Radar verschwinde.“ Grinsend ignorierte er die schleichende Wut, die sich in Livys Köper anbahnte und setzte fort: „Ich weiß, dass du früher mehr oder weniger die Drecksarbeit für die Renegades erledigt hast. Ich weiß, welche und wieviele Menschenleben du auf dem Gewissen hattest und ich weiß auch, dass du dich davon distanziert hast und in die Spielsucht hineingerutscht bist.“ - „Spielsucht? Oh nein, das ist lediglich ein Zeitvertreib.“ - „Zeitvertreib nennst du es, wenn man beinahe jeden Tag ein Casino nach dem anderen aufsucht und immer noch nicht genug von dem Gefühl des Risikos bekommt?“ Die Frau formte die Hände zu Fäusten und wäre ihrem Gegenüber am Liebsten an den Hals gesprungen. Ein Menschenleben mehr auf dem Gewissen machte auch nichts mehr aus. „Naja, ist auch egal. Jedenfalls geht es um diesen werten Kollegen hier.“ dabei schob er ihr das Bild eines Mannes über den Tisch, den sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. „Sorin Nabakov. Ein ehemaliger Mitarbeiter. Er half bei der Mitarbeit eines äußerst geheimen Projekts und verkaufte die Daten an einen Konkurrenten, bevor er untertauchte. Informationen nach zur Folge wird er diesen Freitagabend im Richmont Casino bei der Eröffnungsfeier anwesend sein.“ Beim Wort Casino wurde Livy hellhörig und wandte den Blick nicht von Charles ab. „Alles was du tun musst, ist deiner ehemaligen Berufung nachzukommen und ihn umzulegen, damit er mir keine weiteren Probleme bereiten kann.“


      Alles was sie tun musste? Wieso taten alle reichen Schnösel so, als wäre es nichts Großes, jemandem das Leben zu nehmen? Livy war zwar vertraut mit sowas - doch sie hatte sich nicht grundlos davon distanziert. Das Töten an sich war gar nicht mal so schlimm, wie das Mitansehen, wenn die Opfer elendig vor ihren Augen krepierten und sich trotzdem noch ans Leben klammerten. Sie musste zugeben, dass es verlockend klang, bei der Eröffnungsfeier eines Casinos mit dabei sein zu können und vielleicht war es sogar möglich, im Anschluss des Auftrags ein paar Partien mitspielen zu können. Schweigend beobachtete sie jede von Charles Bewegungen. Er war sich dessen bewusst, schien sich an ihren Blicken aber nicht weiter zu stören. Er hielt sich für etwas Besseres, weil er in diesem Moment die Oberhand besaß und das frustrierte Livy ungemein. Eigentlich konnte sie Menschen lesen und irrte sich nie, weil ihr sechster Sinn normalerweise unfehlbar war. Nicht aber in diesem Augenblick. Er hatte es ihr bewiesen. Vielleicht sollte sie auch damit aufhören, Situationen des echten Lebens mit Spielpartien zu vergleichen - doch es ging nicht. Was konnte sie übersehen haben? Wieso interessierte man sich ausgerechnet für sie? Charles schaute sie aufmerksam an, um ihre Reaktion abzuschätzen. Höchstwahrscheinlich wartete er darauf, dass sie in Wut ausbrach. Diesen Triumph aber wollte sie ihm nicht gönnen. „Warum sollte ich annehmen? Was springt für mich dabei raus?“ So als hätte er sich genau auf diesen Moment vorbereitet, schob er ein paar weitere ausgedruckte Zettel über den Tisch und bereits das Überfliegen dieser reichte aus, damit Livy in Schock versetzt wurde. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und hatte das Gefühl, ihr Herz setzte jeden Moment aus. Bei den Zetteln handelte es sich um alle möglichen Informationen, die man über sie wissen konnte. Verschiedene Identitäten, Opfer, Aufzeichnungen über Besuche im Casino, ihre Familie… einfach alles. „Du musst annehmen. Andernfalls bin ich wohl dazu gezwungen, der Welt zu sagen, wer du wirklich bist und dann kannst du deiner Mutter im Gefängnis einen Besuch abstatten.“ Sie schluckte. Wie um Himmelswillen sollte sie aus dieser Nummer rauskommen? Genau, gar nicht. Sie hatte keine Wahl. Beim Pokern fand sie immer einen Ausweg, selbst wenn es in den seltensten Fällen brenzlig wurde und deshalb verbrachte sie gern so viel Zeit damit. Im echten Leben gab es kaum einen Ausweg, alles hing von einer einzigen Entscheidung ab, die das gesamte spätere Leben beeinflussen konnte. Wenn sie ablehnte, konnte sie sich von ihrer Pokerkarriere und ihrem Reichtum verabschieden - wenn sie annahm, verfiel sie in alte Muster. So oder so waren beide Optionen nicht sonderlich verlockend. Doch sie entschied sich für die Option, die halbwegs erträglicher schien. „Na schön. Ich nehme an.“ Erfreut klatschte Charles in die Hände und stieß ein Geräusch aus, das ihn unseriöser nicht hätte erscheinen lassen können. „Trotzdem bin ich bereit, für deine Dienste zu zahlen. Vermutlich hast du es bei deinen Dauersiegen nicht nötig, aber nimm das als Zeichen meiner Dankbarkeit.“ Mit einer einfachen Handbewegung gab er seinem Assistenten zu erkennen, einen Koffer auf den Tisch zu drapieren - was dieser ohne mit der Wimper zu zucken tat. Nachdem er den Koffer noch öffnete, wurde eine beachtliche Summe Geld offenbart und ließ die Augen der Frau funkeln. Das war immerhin mehr als genug, um die Ausgaben für den Taxifahrer wieder reinzuholen.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆
    • Azriel Whyte

      Richmont Casino | New York | USA

      Mit einem Seufzer klappte er das Magazin zu und begutachtete sein Spiegelbild mit gekräuselten Lippen. "Gefällt Ihnen die Frisur?", fragte die Friseurin mit einem höflichen Lächeln, während sie seine Haare mit Zufriedenheit betrachtete. Von all seinen Identitäten, hinter denen sich Azriel stets versteckte, nutzte er diese hier am wenigstens. Als Cain Parker getarnt musste er jedes Mal seine Haare blondieren und ließ sie sich weitaus kürzer schneiden, als ihm eigentlich lieb war, aber dennoch lang genug, sodass sie ihm ins Stirn fielen. Das Erste, was er bei den Blades gelernt hatte, war es das Erscheinungsbild hin und wieder zu ändern, um nicht aufzufallen, falls eines seiner Opfer misstrauisch wurde und ihm auf die Schliche kam. Zwar hatte er die Idee etwas absurd gefunden, denn solange man sein Gehirn nur etwas anstrengte und kreativ war, würde bestimmt niemand etwas hinterfragen, aber dennoch hatte er den Tipp angenommen und umgesetzt. Nachdem Cain Parker nur selten zum Vorschein kam, beschloss er für diesen Auftrag, diesen Namen zu verwenden, obwohl es eigentlich keinen Unterschied machte, nachdem Charles Miller wusste, wer er in Wahrheit war. Aber Aufsehen im Casino zu erregen gehörte definitiv nicht zu seinem Ziel, denn immerhin bestand die Gefahr, dass er dort eines seiner früheren Opfer treffen würde. "Ja, danke", antwortete Azriel knapp und erhob sich von seinem Sitz, ehe er sich nach dem Verlassen des Salons von einem Taxi zum Hotel fahren ließ.

      Der Freitag kam schneller an, als es Azriel lieb war. Er zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich auf der Couch zurück, während er für einen kurzen Moment die Augenlider schloss. Seit seinem Treffen mit Charles waren drei Tage vergangen und er konnte sich nach wie vor nicht erklären, woher dieser Mann alles über ihn herausgefunden hatte. Der besagte Kollege, der ihn empfohlen hatte, konnte nur Serpent sein, aber auch dieser wusste nicht einmal annähernd die Hälfte über Azriel. Natürlich hatte er inzwischen seine Recherche getätigt. Charles Miller war ein herkömmlicher Mann, der das Großunternehmen Miller Industries leitete. Fokussiert war das Unternehmen auf Waffengeschäfte für das Militär. Sie testeten neue Waffen und Technologien und verkauften sie anschließend der Verteidigungsindustrie. Angefangen hatten sie in den achtziger Jahren und haben sich seitdem sehr stark und rasant weiterentwickelt; mit einem Vermögenswert von 800 Millionen am Markt. Sehr beeindruckend musste Azriel zugeben, aber was ihn noch misstrauischer stimmte, war die Frage, wieso so ein reicher Schnösel mit einer Reihe an Ressourcen ihn mit der Entführung beauftragt hatte. Nachdem Charles so viel Geld und Mühe in seine Recherche investiert hatte, ergab es erst recht keinen Sinn, wieso ausgerechnet er ausgesucht wurde. Seiner Intuition nach musste es eine Fall sein. Allerdings wusste Azriel bereits, dass ein Rückzug keine Wahl war. Charles würde nicht mit der Wimper zucken, um ihn der FBI und der Interpol auszuliefern. Er nahm den letzten Zug seiner Zigarette und setzte sich aufrecht hin, als er Vlad auf dem Sofa gegenüber ihn erblickte. Wie immer war er nicht überrascht, dass der Schwarzhaarige es geschaffte hatte, geräuschlos aufzutauchen. "Dein Blick sagt mir, dass du mich sehr vermisst hast", begann Vlad mit einem breiten Grinsen auf den Lippen und lehnte sich die Beine übereinanderschlagend gemütlich zurück, während er seine Arme hinter dem Kopf verschränkte. Azriel rollte mit den Augen, ehe ein ernster Ausdruck auf seinem Gesicht Platz einnahm, denn er wusste, wieso Vlad eigentlich hier war. "Was hast du herausgefunden?", erkundigte Azriel sich harsch, woraufhin Vlad seinen Kopf schief neigte. "Weißt du, Az, Freunde erkundigen sich zuerst, wie es einem geht", spielte er enttäuschend vor. Erneut verdrehte Azriel seine Augen und fluchte im Flüsterton. "Schau ich so aus, als würde es mich interessieren, wie es dir geht, Vlad?" Genervt betrachtete er sein Gegenüber und spürte, wie die Ader an seiner Schläfe zu pochen begann. Nach dem ganzen Fiasko hatte er keine Nerven für etwas Anderes. "Ich vergesse, dass du manchmal ein richtiges Arschloch bist. Oh nein, warte, das bist du immer", erwiderte Vlad griesgrämig und steckte seine Hand in die Jackentasche, bevor er vor Azriel ein USB-Stick projizierte.

      "Im USB-Stick sind einige Dokumente gespeichert, aber ich weiß nicht, ob sie dir irgendetwas bringen werden. Über diesen Miller Typen und sein Unternehmen kann man nicht viel herausfinden. Die hinterlassen nichts in deren Systemen und sind sehr sauber bei ihrer Arbeit", erklärte Vlad sachlich. Azriel zog seine Augenbrauen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Wenn das alles ist, was du herausgefunden hast, wieso bist du hier, Vlad?" Azriels Frage ließ die Lippen des Schwarzhaarigen zu einem schiefen Grinsen formen. "Weil ich bei meiner Recherche etwas äußerst Interessantes herausgefunden habe. Charles ist nicht der eigentliche Inhaber der Firma, sondern vielmehr eine Marionette. Der eigentliche CEO arbeitet im Schatten, aber niemand weiß, wer er ist und alle, die es bisher herausgefunden haben, liegen unter Erde." Diese Information bestätigte Azriels Intuition zu einem bestimmten Grad; Charles war also nur ein Gesicht für das Unternehmen, während der eigentliche Besitzer im Schatten agierte. Konnte es sein, dass der Auftrag von ihm kam? "Und was hast du über Sorin Nabokov und dieses Geheimprojekt herausgefunden?", hackte Azriel nach. "Sorin Nabokov ist ein ehemaliger Mitarbeiter der Army. Er hat in der IT-Branche gearbeitet und wurde von Miller Industries vor zehn Jahren rekrutiert. Über seine Arbeit gibt es nicht viel zu sagen, aber er soll einer der Besten gewesen sein. Deswegen war er ein Teil des Geheimprojekts. Zum Projekt an sich konnte ich noch nichts herausfinden. Es befindet sich zwar in deren System, ist aber durch einen Sicherheitsalarm geschützt. Er wird ausgelöst, wenn Unbefugte zugreifen wollen. Ich habe noch nichts gefunden, um den Alarm zu umgehen." Azriel zog seine rechte Augenbraue in die Höhe. "Ist das Alles?"

      "Der Konkurrent, dem Sorin diese Daten verkauft hat, heißt RW Defence und der Inhaber wird heute im Casino auch anwesend sein. Aber im Gegensatz zu Miller sind die etwas fahrlässig, muss ich zugeben." Irritiert betrachtet Azriel sein Gegenüber, der nun wieder verschmitzt grinste, bevor er fortfuhr. "Die Daten, die verkauft wurden, gehören zu einer neuen Atomwaffe", ließ er ihn zufrieden wissen. "Atomwaffe?", fragte Azriel stutzig, woraufhin Vlad lediglich nickte. "Das ist alles, was ich momentan weiß. Sobald es mehr dazu gibt, gebe ich dir Bescheid." Azriel stützte seine Hände auf die Knien und verschränkte seine Finger ineinander, während er über Vlads Informationen nachdachte. Zwar hatte das Geheimprojekt sein eigentliches Interesse geweckt, aber die restlichen Auskünfte waren nicht weniger beeindruckend und hilfreich. Zumindest wusste er nun, mit wem er es eigentlich zu tun hatte. Seine Augen wanderten zur Wanduhr, die ihm mitteilte, dass ihm noch zwei Stunden bis zur Feier blieben. Bis dahin hatte er genügend Zeit, um zu überlegen, wie er einen Nutzen daraus ziehen könnte. "Schaffst du es in zwei Stunden mehr über das Projekt herauszufinden?", erkundigte Azriel sich und blickte zu Vlad, der sich inzwischen eine Zigarette angezündet hatte. "Was bin ich? Dein Sklave?", erwiderte Vlad genervt, woraufhin Azriel ihn nur durchdringlich und gefährlich betrachtete. "Ich kann es versuchen. Eventuell werde ich mehr als zwei Stunden brauchen." Azriel erhob sich von seinem Platz und machte sich langsam auf den Weg zum Badezimmer. "Gut, dann verschwinde jetzt. Lass dich davor nicht blicken."

      Eine Stunde später betrachtete Azriel zufrieden sein Spiegelbild. Nach der Dusche hatte er sich in einem klassisch schwarzen Anzug mit einem dunkelblauen Hemd geworfen, während eine schwarze Krawatte seinen Hals schmückte. Die blondierten Haare hatte er zur Seite gekämmt. Den letzten Finish setzte er sich mit einem Parfüm und stolzierte aus dem Hotelzimmer, ehe er sich bei der Rezeption ein Taxi bestellen ließ. In New York gab es unendlich viele nervige Dinge, aber nichts war schlimmer als der Abendstau, sodass er knapp vor der Eröffnung ankam. Mit Eleganz betrat er das Kasino, das bereits mit sehr vielen Gästen befüllt war. Von Männern, die in den teuersten Anzügen gekleidet waren, bis hin zu Frauen, deren Diamanten und Perlen in den unterschiedlichsten Farben glänzten. Mit einem schiefen Grinsen blickte Azriel durch die Menge bis seine Augen auf sein Opfer fielen. Es war Showtime.
    • Livy Dankworth

      Richmont Casino / New York / USA


      Der Tag der Abrechnung war eingebrochen, nachdem die junge Frau in all der Zeit davor abgesehen von ein paar weiteren Casinobesuchen und Shoppingtouren nichts sonderlich Produktives unternommen hatte. Auch an ihrem Aussehen hatte sie nichts verändert - sondern sah so aus, wie immer. Mit New York war sie ohnehin nicht vertraut und es schien ihr gar unmöglich, dass auch nur irgendwer sie erkennen würde. Selbst wenn, niemand abgesehen von Charles und seinen Handlangern kannte ihre wahre Identität und in einem Casino voller Menschen, die von überall her kamen, war es ein Ding der Seltenheit, dass ausgerechnet sie in Augenschein genommen wurde. Einzig und allein die dort anwesenden Croupiers konnten ihr zum Verhängnis werden, wenn sie zu auffällig spielte. Doch auch das war im Zuge einer Eröffnungsfeier eher unwahrscheinlich - schließlich galt die oberste Priorität dem Erfolg der Feier, sodass ein Aufsehen erregender Zwischenfall das Ziel gefährden konnte.

      An der im besagten Casino ansässigen Bar bestellte sie sich ein Glas Wein und ließ ihre Jagd nach besagtem Ziel beginnen. Vier Tische weiter von ihr entfernt spielten drei Männer in angespanntem Schweigen eine Partie Poker. Diese Tatsache allein war nicht sonderlich bemerkenswert; jeder Zweite ging kommentarlos an ihnen vorbei und würdigte die Männerrunde keines Blickes. Selbst die Dealerin selbst schenkte ihnen keine große Beachtung. Livy selbst entfuhr ein leises Kichern, als sie das Ziel des heutigen Abends an genau diesem Tisch erblickte und ihm dabei zusah, wie er eine Karte im Ärmel seiner Anzugsjacke versteckte. Viel zu offensichtlich. Nicht aber für die anderen Männer, die ahnungslos ihre Partie fortsetzten. Außerdem verriet ihr die Art seines Spiels, dass er das Spiel ohne Frage im Blut hatte - so wie sie. Livy lehnte sich ein paar Meter entfernt an einen Stuhl, nippte an ihrem Wein und verfolgte die Partie bis zum bitteren Ende. Im Gegensatz zu ihr wich der Mann den Blicken seiner Kontrahenten nicht aus - stattdessen fixierte er sie nacheinander mit seinen kalten Augen, bis sie spielten. Es kam ihr fast so vor, als wollte er sie dazu herausfordern, ihn des Betruges zu beschuldigen. Ganz plötzlich, so als hätte er ihren forschenden Blick gespürt, schaute er sie an. Verdammt. Sein darauffolgendes Lächeln ließ allerdings darauf schließen, dass er sie nicht kannte und keine Gefahr von ihr ausgehend bemerkte. Wusste er überhaupt, worauf er sich einließ, wenn er an einem Ort wie diesem schummelte? Sie schnalzte mit der Zunge und erwiderte sein Lächeln für einen kurzen Augenblick. Seine gewonnenen Chips sammelte er ohne Eile ein und niemand sprach ihn an oder zog auch nur in Erwägung, dass er sie betrogen hatte. Wobei der Betrug im Casino schon eine Hausnummer war - schließlich gehörte verdammtes Glück dazu, von niemandem erwischt zu werden. Eigentlich war ihre Aufgabe, ihn so schnell wie möglich von seinem Tisch wegzulocken und zur Strecke zu bringen - dafür hasste sie ihre Spielsucht. Denn ein solcher Kontrahent weckte ihr Interesse und bedeutete Gefahr, in die sie sich begeben musste um ihre Neugierde zu befriedigen. Sie biss sich auf die Lippen und betrachtete sein. Antlitz für einen Augenblick, bevor ihr Blick noch einmal lässig durch den Raum wanderte und an einem unscheinbaren weiteren Mann hängen blieb, der sich im Hintergrund des Geschehens aufhielt und dessen Augen auf ihrem Hauptziel liegen blieben. Einen Moment lang begutachtete sie sein an den Seiten gestuftes Haar, das ihm elegant in die Stirn fiel und ihr gesamter Körper befand sich augenblicklich im Alarmzustand. Entweder hatte er ihr Ziel dabei erwischt, wie er betrogen hatte - oder dieser Mann bedeutete ganz klar Gefahr.


      So oder so veranlasste sie dies nur umso mehr, kopfüber in eine Partie mit dem Ziel einzutauchen. Auf diese Weise kam er nicht unbemerkt in die Nähe ihres Ziels und war zunächst dazu gezwungen, an ihr vorbeizukommen. Aus diesem Grunde zögerte sie auch nur ganz kurz, als Sorin sich in seinem Stuhl zurücklehnte, sie verschmitzt anlächelte und sie fragte: „Haben Sie Lust auf eine Partie, Mademoiselle?“ Livy verspürte das intuitive Bedürfnis zu erfahren, wie er spielte - vermutlich ein Makel der Spielsucht und das Verlangen, stets die Beste darin zu sein. Sein Tod konnte schließlich noch ein bisschen auf sich warten lassen; wozu die Eile? Mit erhobenem Kinn setzte sie sich ihm gegenüber, denn so eine Herausforderung konnte sie schlicht und einfach nicht ablehnen. Ein paar Sekunden vor Beginn der Partie betrachtete sie seine angesammelten Chips und strahlte innerlich. Eine beachtliche Summe. Vermutlich zählte er zu der Sorte der guten Spieler. Niemand von ihnen brachte ein Wort heraus, während die Karten ausgeteilt wurden und sie konnte es sich nicht verkneifen, einen prüfenden Blick zu dem Unbekannten im Hintergrund zu werfen. Hatte er sie auch bemerkt, oder dachte er, sie wäre eine einfache Spielerin? Sie presste die Lippen einen Moment lang aufeinander und war sich sicher, dass sie Sorin nach Ende der Partie so schnell wie möglich hier wegbringen musste, um ihren Plan zu vollenden. Wenn sie gut spielte und sein Interesse weckte, schmiss sie sich einfach ein wenig an ihn heran und dann würde der Rest schon von alleine laufen.


      Nachdem die Karten ausgeteilt wurden, prüfte sie ihr eigenes Blatt, bevor sie vor allem ihren Gegenüber fixierte. Schweigend versuchte sie herauszufinden, was er wohl für Handkarten hatte. Trotzdem musste sie davon ausgehen, dass er im Falle der Fälle seine Karten aus der Anzugstasche heranziehen würde, um zu triumphieren. Kategorisch weigerte sie sich, ihm noch weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie konnte deutlich spüren, wie ihre Schweigsamkeit ihn beinahe verrückt werden ließ und ohne groß nachzudenken folgte er ihr ohne zu zögern. Gegenseitig forderten sie sich immer weiter heraus, bis ein feines Lächeln Livys Gesicht zierte. „Sie denken wohl, Sie könnten mich täuschen.“ Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen realisierte er, dass sie seine aufgesetzte Maske durchschaut hatte und genehmigte sich einen Schluck seines Zitronenwodkas. „Genau das denke ich.“ erwiderte er mit einem Seufzen. „An Ihrer Stelle würde ich sogar aussteigen.“ Lachend betrachtete sie sowohl die Karten auf dem Tisch, als auch ihre eigenen Handkarten: „Ich werde dieses Spiel gewinnen, warten Sie nur ab.“ Er forderte sie mit weiteren Blicken heraus, ehe sie ihren Einsatz erhöhte und trotz seiner auffälligen Verwirrung tat er es ihr gleich. Livy deckte ihre Karten zuerst auf und legte den Blick auf ihre erzielte Straße frei. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und sie konnte sehen, wie er vor Wut kochte. Dennoch ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Das köstliche Gefühl von Adrenalin nahm ihn wohl mindestens genau so sehr ein, wie sie. Denn sein Verlust hielt ihn nicht davon ab, sie zu einem weiteren Spiel herauszufordern und auch, wenn sie eigentlich so langsam ihren Auftrag ausführen sollte, konnte sie nicht ablehnen. Trotz ihres hohen Niveaus im Pokern war es noch immer ein Glücksspiel, bei dem der Zufall eine riesige Rolle spielte. Ihr Vorteil war es jedoch, dass sie ihre Kontrahenten äußerst gut zu lesen wusste und das war eine Fähigkeit, die Sorin ihrer Einschätzung nach nicht beherrschte. Daher war es egal, wie gut er spielen konnte - er hatte nicht die geringste Chance. Verwundert war sie eigentlich nur darüber, dass er noch keinen Gebrauch von seinen versteckten Karten machte.


      Ihre Wangen bebten vor Vergnügen, während sie ihre langen Beine überschlug und die anderen anwesenden Spieler bereits ausgestiegen sind, nachdem sowohl Sorin als auch Livy All-in gingen. „Falls es Sie tröstet, diese Partie könnten Sie für sich gewinnen.“ - „Tatsächlich? Aber Sie kennen weder meine Hand, noch meine Gewinnchancen. Vor allem - wieso um Himmelswillen gehen Sie dann All-in?“ - „Wieso nicht? Ich vertraue dem Schicksal oder der Wissenschaft, je nachdem was von beiden mich als erstes erhört. Ihre Chancen liegen derzeit bei… ich würde sagen, dreiundfünfzigprozent.“ Ihr Gegenüber runzelte die Stirn und leckte sich über die Lippen. Die nächste von der Dealerin aufgedeckte Karte erhöhte seine Gewinnchancen ungemein und dennoch war sie sich sicher, auch diese Partie für sich zu gewinnen. Livy entschied sich dazu, vor allen Anwesenden ihre Handkarten ein wenig zu erheben, um Sorin den Blick auf diese kurzzeitig zu gewähren, was ihn erschrocken aufsehen ließ. Vermutlich hielt er sie für verrückt, doch alles was er sah, waren seine Gewinnchancen. Zu schade, dass die letzte Karte die nun aufgedeckt wurde eine Kreuz-Zwei gewesen war und Livy damit den Sieg zusprach. Schon wieder hatte sie mit einer einfachen Straße das gesamte Spiel für sich entschieden und beförderte triumphierend lächelnd die gewonnen Chips in ihre Tasche. „Woher wussten Sie das?“ fragte er sie neugierig. „Ich wusste es nicht. Es war eher… ein Bauchgefühl, würde ich sagen.“ Diese Aussage kaufte er ihr seinem Blick nach zu urteilen nicht ab - trotzdem hinterließ sie einen bleibenden Eindruck bei ihm. Genau das, was sie wollte. „Vielen Dank für den Schmuck übrigens.“ - „Wie bitte?“ - „Na, den Schmuck den ich mir morgen von ihrem Geld kaufen werde.“ Ihr Gegenüber brach in Gelächter aus. Sehr gut. Mit einem verführerischen Lächeln beugte sie sich über den Tisch zu ihm vor und betrachtete ihn eindringlich mit ihren glänzenden Augen. „Sagen Sie, wie wäre es, wenn ich mir noch einen Wein besorge und wir uns in der hinteren Lounge weiter unterhalten? Vielleicht lernen Sie sogar noch etwas von mir.“ Zufrieden nickend nahm er ihr Angebot an. „Lassen Sie mich nur noch eben meinem Kollegen Bescheid sagen. Dann besorge ich mir auch noch ein Getränk und wehe, ich treffe Sie gleich nicht an.“ - „In Ordnung. Dann hoffe ich, Sie gleich wieder begrüßen zu dürfen.“ Sie zwinkerte ihm ein letztes Mal zu, bevor sie sich vom Stuhl erhob, ihren kurzen Rock zurecht zupfte und mit einem weiteren Wein die Lounge im Hinterbereich ansteuerte. Da diese abgesperrt war und der ganze Trubel sich ohnehin nur im Vorderbereich abspielte, gab es hier keine Störenfriede. Außerdem war der Zugang zu diesem Bereich nur mit besonderer Genehmigung möglich, die sie sich glücklicherweise bereits im Vorfeld bei den Inhabern des Casinos eingeholt hatte. Kein billiges Vergnügen.


      Beinahe eine halbe Stunde war vergangen und von Sorin war noch immer keine Spur zu sehen. Instinktiv schob sie es auf die lange Schlange an den Bars - aber jemand wie er, mit solch einem Status sollte doch vorgezogen werden? Kopfschüttelnd nahm sie mit ihrem Weinglas im Sessel neben dem Fenster Platz und starrte ungeduldig aus diesem hinaus. Es war bereits so spät geworden, dass die Lichter die über der Stadt lagen einen wunderschönen Anblick preisgaben. Sie nahm einen größeren Schluck ihres Getränks und seufzte laut auf. Was jetzt? Wenn sie wieder in den Vorderbereich ging, konnte sie Aufmerksamkeit erregen oder ihn sogar verpassen. Bei einer solch riesigen Ansammlung von Menschen war es schwer, eine einzige Person ausfindig zu machen. Vielleicht war der Grund für seine Abwesenheit auch einfach der, dass sein Interesse an ihr doch nicht vorhanden war und er ganz einfach einen Weg gesucht hatte, sie loszuwerden. Oder… ihr ganzer Körper verkrampfte. Was, wenn der Unbekannte von vorhin, den sie im Hintergrund erblickte, etwas damit zutun hatte? Vielleicht hatte er genau auf diese Gelegenheit gewartet, um Sorin allein in die Finger zu bekommen und ihr zuvor zu kommen. Verdammte Scheiße. Sie wusste, dass sie ihn niemals allein hätte lassen dürfen. Jetzt blieb ihr gar nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach ihm zu machen. Wutentbrannt holte sie aus und schmiss ihr Glas, dass sie vorher noch schnell leerte, voller Wucht gegen die gegenüberliegende Wand. Im Anschluss erhob sie sich vom Sessel und ging schnellen Schrittes zurück in Richtung des Vorderbereichs. Doch kurz nachdem sie um die Ecke der Lounge stolzierte, knallte sie gegen eine Person und stieß einen verwunderten Laut aus. Unsicher blickte sie auf, geradewegs in die strahlenden Augen des Unbekannten, der Sorin vorhin ebenfalls im Visier hatte. Sie legte die Stirn in Falten und begutachtete ihren Gegenüber von Kopf bis Fuß: „Entschuldigen Sie, aber ich denke, Sie haben sich verlaufen. Der Zutritt in diesen Bereich ist Ihnen nicht gestattet.“ Einen Augenblick lang biss sie sich auf die Zunge. Tiefschwarzes Haar, markantes Kinn und blasse Wangen - er sah umwerfend aus. Umwerfender, als er ihr eigentlich erscheinen durfte. Also bemühte sie sich darum, von seiner Schönheit abzulenken. „Wo Sie aber schon mal hier sind - ich habe gesehen, wie Sie die Augen auf meinen Spielpartner gerichtet haben. Haben Sie ihn zufällig gesehen?“ Insgeheim war sie sich sicher, dass er für sein Verschwinden verantwortlich sein musste. Da sie allerdings nicht ansatzweise verraten durfte, was sie mit ihm vor hatte, musste sie sich so unscheinbar wie nur möglich verhalten.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆
    • Azriel Whyte

      Richmont Casino | New York | USA

      Die erste Regel eines Betrügers war es, so unauffällig wie möglich zu sein, damit man keine Aufmerksamkeit auf sich zog, und genauso schleichend zu verschwinden, wie man erschienen war. Mit einem Glas Champagner lehnte sich Azriel in einer Ecke, die recht schwach beleuchtet war und ihm eine hervorragende Aussicht auf die Gäste bot, zurück und betrachtete die feiernde Menge, die sich an den verschiedensten Glücksspielen erfreute. Den rechten Mundwinkel in die Höhe gezogen blieben seine Augen an seine Zielperson hängen, die sich mit einem Pokerspiel samt einigen anderen Männern begnügte. Azriel musste zugeben, dass der Mann einiges an Mut und Waghalsigkeit besaß, um auf dieser Feier aufzutauchen, nachdem er ein Geheimprojekt seines Ex-Chefs einem Konkurrenten verkauft hatte. Oder er war einfach nur dumm. Ja, Dummheit traf eher auf ihn zu. Wer beging so einen drastischen Fehler und hielt sich danach an öffentlichen Orten auf? Der Typ konnte nicht bei Sinnen sein - und besonders klug war er auch nicht, wie Azriel einige Momente später bemerkte, als seine Augen die Karte, die Sorin im Ärmel seiner Anzugsjacke versteckte, erblickten. Dass so eine offensichtliche Geste seinen anderen Mitspielern nicht auffiel, war für ihn mehr als nur lachhaft. Solche Menschen sollte man gar nicht in ein Kasino lassen, aber ihnen wiederum hatte man das ganze Geld zu verdanken, denn würden sie nicht so hohl sein und blind vor sich pokern, dann würden Menschen wie Sorin oder Azriel selbst leer ausgehen. Er schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge, ehe er von seinem Glas einen Schluck nahm. Die Kälte des Champagners erzeugte einen Widerstand gegen die äußere Wärme in seinem Inneren und stimmte ihn um einiges ruhiger. Da er sein Alkohol nicht besonders gut halten konnte, beschließ er, es bei einem Glas sein zu lassen und die Flüssigkeit sukzessive zu leeren, denn immerhin würde dieser Abend sich bestimmt in die Länge ziehen, als ihm lieb wäre, und er auf jeden Fall bei Sinnen bleiben musste. Für eine Weile genoss Azriel seine Ruhe in der Ecke und ließ seinen Blick hin und wieder durch die Menge wandern, aber dieser kehrte anschließend zu Sorin zurück, der nach wie vor mit den gleichen Herren pokerte, die dem Anschein nach jede Runde verloren. Was für Amateure. Sorin spielte nicht im Geringsten hervorragend, aber dennoch konnten sie seine Tricks nicht erkennen. Reiche Menschen waren tatsächlich nichts mehr als Idioten mit einer Menge an Geld, die nicht wussten, wie sie ihr Geld anders investieren konnten.

      Azriels Scharfsinnigkeit war einer der Gründe, wieso er bislang als Betrüger erfolgreich war, denn er war seinen Opfern und Rivalen immer einen Schritt voraus und bereitete sich stets auf das Schlimmste vor. Genau dieses Attribut versetzte ihn in einem Alarmzustand, als er sich plötzlich beobachtet fühlte. Es wäre nicht bewundernswert, wenn Charles seine Männer geschickt hatte, um zu überprüfen, ob er auch tatsächlich seinen Auftrag ausführen würde oder ihn gar zur Strecke zu bringen, falls er seinen Job nicht erfüllen würde. Dessen war er sich mehr als nur bewusst, denn hinter Charles stand jemand Furchterregendes und dies würde Azriel nicht bezweifeln, aber auch er war nicht weniger klug und kalkulierend, denn immerhin musste er sein ganzes Leben lang überleben und dabei lernte man einiges dazu. Allerdings fühlte es sich so an, als würde ihn jemand von der Nähe mustern. Instinktiv blickte er zu der Bar, die sich weiter vorne auf seiner Rechten befand, und sofort trafen seine Augen auf eine Blondhaarige, die für eine Millisekunde seinen Blick erwiderte. Viel Zeit, um die Unbekannte unter die Augenlupe zu nehmen, blieb ihm nicht, denn diese richtete ihre Aufmerksamkeit auf niemand Anderem als Sorin Nabokov, was nichts Gutes heißen konnte. Ihre Aura war durch Stärke, Selbstsicherheit und Gefahr geprägt. Diese Frau konnte nichts Gutes bedeuten und ehrlich gesagt konnte er es kaum erwarten, herauszufinden, was sich hinter dieser Maske versteckte. Er würde es noch frühzeitig aufdecken. Das Vibrieren seines Handys ergriff Azriels Aufmerksamkeit, sodass er ein wenig überrascht danach griff.

      "Bin ich der Beste oder bin ich der Beste?", ertönte Vlads heitere Stimme am anderen Ende und ließ Azriel genervt aufseufzen. "Was hast du herausgefunden?", erwiderte er und behielt die Blondhaarige und Sorin im Auge, die in ihrem Pokerspiel vertieft waren. "Sag zuerst, dass ich der Beste bin." Der schmollende Ton in Vlads Stimme ließ Azriel für einen kurzen Moment die Augen zusammenkneifen. "Vlad", setzte Azriel gefährlich und scharf an. "Wenn du jetzt nicht gleich mit den Informationen rausrückst, stecke ich dir den Besten dort, wo die Sonne nicht scheint." Vlad schnalzte unzufrieden mit der Zunge. "So ein Spaßverderber. Du könntest wenigstens zugeben, was für eine Bereicherung ich für dein Leben bin. Naja, egal. Das Geheimprojekt nennt sich das Zeus Projekt. Es sind sehr viele Berühmtheiten wie Politiker, Staatsanwälte, Firmeninhaber und natürlich die Armee involviert. Sie haben alle Millionen in das Projekt investiert. Wie wir bereits wissen, ist es um eine neue Atomwaffe. Die Menge an Energie, die bei dieser Waffe ausgesetzt wird, kann ganze Länder vernichten", erklärte Vlad sachlich. Azriel hörte aufmerksam zu und legte seine Stirn in Falten. "Ist das nicht gesetzlich verboten?" "Dass du von Gesetz sprichst, finde ich mehr als nur lustig, Az. Aber ja, selbstverständlich sind solche Waffen verboten, aber der Miller Typ oder vielmehr der Schatten-CEO scheinen die vollste Unterstützung wichtiger Politiker zu haben." Äußerst interessant. Vlads Worte formten eine neue Idee in Azriels Kopf, sodass er zufrieden die Lippen zu einem schiefen Grinsen verformte. "Schick mir die Namen und die ganzen Informationen per Mail", forderte Azriel seinen Komplizen auf und betrachtete erneut die Blonde neben Sorin. Sie spielte mit höchster Konzentration, wie ihm auffiel. "Ich sende dir gleich ein Foto einer Frau. Versuch alles über sie herauszufinden." "Uh, ein Date?", hackte Vlad amüsiert nach. "Halt's Maul." Bevor Azriel das Gespräch beendete, hörte er noch, Vlad laut auflachen, was ihn die Augen verdrehen ließ.

      Die Unbekannte und Sorin schienen nach wie vor ihre Pokerrunden zu genießen, weswegen Azriel seinen Platz allmählich verließ, um sich das ganze Spektakel von der Nähe anzusehen, denn wenn er schon in einem Kasino war, sollte er sich ebenfalls etwas vergnügen. Er begab sich zum Roulette, welches sich zwei Tische von Sorins entfernt befand. So hatte er die Beiden in seinem Sichtfeld und konnte sein Roulette spielen. "Meine Damen und Herren, darf ich mich Ihnen dieser Runde anschließen?", fragte er mit einem charmanten Lächeln und zog die Blicke der Anwesenden am Tisch auf sich. "Einem Hübschling wie Ihnen kann man nichts verneinen", antwortete eine Brünette und deutete auf den Platz neben ihr. Während er sich hinsetzte, ließ er seine Augen kurzzeitig an ihr hängen. Sie schien nicht älter als er zu sein und war zugegebenermaßen attraktiv. Wäre er nicht wegen eines Auftrages hier, hätte er sich vielleicht mit ihr anders vergnügt und die aus diamantenbesetzte Halskette in seinem Besitz genommen. Azriel besorgte sich seine Chips und setzte sie alle gleichzeitig auf die Sechs. "Wollen Sie tatsächlich alle Chips einsetzen, junger Mann?", fragte ein älterer Herr amüsiert. Azriel ihn grinste schief und herausfordernd an. "Wieso nicht? Solche Einsätze machen das Roulette viel faszinierender." Sobald alle Spieler ihre Wetten gesetzt hatten, warf der Croupier die Kugel. Angespannt betrachteten sie das Rollen der Kugel, die sich immer verlangsamte. Azriel lehnte sich in seinem Sitz zurück und blickte kurz zu Sorin, der immer noch an seinem Tisch saß, ehe er zu der Kugel sah, die tatsächlich auf der Sechs zum Liegen kam, was Azriel zufrieden grinsen ließ. "Wow, so etwas sieht man echt selten. War das Anfängerglück oder verbergen Sie etwas?", erkundigte sich die Brünette interessiert und musterte ihn aufmerksam. "Wie wär's mit einer weiteren Runde?", fragte ein anderer Spieler. Eigentlich lief ihm allmählich die Zeit davon und er sollte sich um Sorin kümmern, aber eine Runde konnte er sich noch gönnen. Doch aus einer Runde wurden mehrere und auch wenn er alle für sich entscheiden konnte, hatte er in seinem Spielwahn seinen Auftrag vergessen. Verärgert blickte er zu Sorins Tisch, wo weder er noch die Blondhaarige zu sehen waren. Fuck.

      Wutentbrannt erhob er sich von seinem Platz und begann nach Sorin zu suchen, von dem im ganzen Kasinobereich nichts zu sehen war. Scheiße, das durfte doch nicht wahr sein. Aber es war wahr. Die Blondhaarige war tatsächlich eine Gefahr gewesen. Wie konnte er so leichtfertig sein? Azriel schöpfte tief nach Atem. Er durfte jetzt die Fassung auf keinen Fall verlieren. Er wandte sich zum Barkeeper, der ihn wissen ließ, dass er die beiden Gäste auf dem Weg zur Lounge im hinteren Bereich gesehen hatte. Dankend steuerte er die besagte Lounge an und ballte seine Hände zu Fäuste. Sobald er wenige Schritte vom Raum entfernt war, stieß er auf die Unbekannte, die anscheinend Anstalten unternommen hatte, die Lounge zu verlassen. Dieses Mal konnte er ihr zartes Geschichte genauer betrachten. Sinnliche Augen, messerscharfe Konturen und rote Lippen, die jeden Ton der Sünde besaßen. Die Alarmglocken in seinem Kopf begannen zu schrillen. Azriel glättete seine Miene augenblicklich und wollte an ihr vorbeigehen, allerdings hielten ihre Worte ihn auf. Im nächsten Augenblick zog er seinen rechten Mundwinkel in die Höhe. "Eine sehr gute Frage, die ich Ihnen stellen sollte. Es interessiert mich ebenfalls brennend, wo Ihr Partner ist, nachdem immerhin Sie den ganzen Abend mit ihm verbracht haben. Vor allem interessiert es mich, warum so eine begabte Spielerin wie Sie ihre Zeit mit einem Hohlkopf wie ihm vergeudet hat. Ich bin mir sicher, es gab viel bessere Spieler, mit denen Sie sich messen könnten." Sorin war kein geschickter Spieler gewesen - In Wahrheit hatte er mit seinem Ärmeltrick erbärmlich gewirkt. Die Frau konnte nur ein anderes Motiv für Sorin haben und er würde es ganz bestimmt herausfinden.
    • Livy Dankworth

      Richmont Casino / New York / USA

      Mal ganz davon abgesehen, dass sein schiefes Grinsen die junge Frau beinahe zum Überkochen brachte, sah es hinreißend aus. Viel zu hinreißend. Wäre sie gerade in diesem Moment nicht aufgrund eines Auftrages anwesend, hätte sie womöglich versucht sich mit ihm zu vergnügen - aber jetzt gerade glich dies einem Ding des Unmöglichen. Es gab etwas viel Wichtigeres, auf das sie sich konzentrieren musste - Sorin. Verdammt nochmal, wo war der Mistkerl? Seufzend erhob sie die rechte Hand und winkte die Worte ihres Gegenübers ab. "Für meinen Geschmack sind Sie viel zu neugierig." Livy neigte ihren Kopf ein wenig zur Seite und musterte den Mann eindringlich. Normalerweise fiel es ihr leicht, besondere Merkmale schnellstens herauszufiltern; Tattoos um eine Gruppierung zu identifizieren, Symbole oder auch unscheinbare Anhängsel, die auf die Herkunft eines Fremden schließen ließen. Zu ihrer Enttäuschung entdeckte sie jedoch nichts Derartiges an ihm und richtete sich anschließend wieder auf, den Nacken dabei knacken lassend.
      "Zuerst einmal - diese Flachzange ist sicherlich nicht mein Partner. Bestimmt ist auch Ihnen nicht entgangen, welch miserabler Schummler mir dort gegenübersaß. Gerade deshalb war mir danach, ihn beim Spielen ein wenig zu provozieren - mit Erfolg. Solch eine Chance, jemanden so leicht um sein Geld zu berauben, lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Außerdem... nun ja." sie hielt inne und trat ein wenig näher an den Unbekannten heran, sodass ihr heißer Atem seine Wange streifte: "Manchmal bin ich ein bisschen zu einsam und versuche die Lücke in meinem Herzen mit ein bisschen Intimität zu füllen. Das wundervolle Gefühl von Adrenalin das einem durch die Adern schießt, wenn man beim Zocken sein Schicksal auf die Probe stellt, reicht auf Dauer leider nicht."
      Lächelnd entfernte sie sich wieder von ihrem Gegenüber und hielt stetig den Blickkontakt aufrecht, um den Fremden aus der Reserve zu locken. "Tja, jetzt habe ich wohl doch Antworten geliefert, obwohl ich zuerst gefragt habe." Während sie die Arme vor der Brust verschränkte, setzte sie für eine kurze Zeit einen falschen Schmollmund auf. So, als hätte diese Tatsache sie tatsächlich traurig gestimmt. "Ich hingegen habe immer noch keine Antworten bekommen und wenn ich länger darüber nachdenke, scheinen Sie mir nicht unbedingt der kommunikativen Art anzugehören. Ehrlich gesagt habe ich auch nicht sonderlich viel Zeit, mich mit solch nichtigen Gesprächen aufzuhalten. Denn ich gedenke nicht, die heutige Nacht allein zu verbringen." Zwinkernd schlenderte sie an dem Fremden vorbei und ließ für den Bruchteil einer Sekunde ihre zierlichen Finger an seinem Gesicht entlangstreifen. Dieser Kerl wäre ohne Frage eine weitaus bessere Wahl gewesen, als Sorin. Doch was sollte man machen - sie hatte eine Mission, die es gewissenhaft zu erledigen galt. Immerhin stand dabei mehr auf dem Spiel, als ihr lieb gewesen war.

      Genervt trat die Dame zurück in den Vorderbereich des Casinos und erschauderte fast beim Anblick all der Menschenmengen, die eine Übersicht des riesigen Raumes als schier unmöglich gestalteten. Wie um Himmelswillen sollte sie auf diese Weise Sorin ausfindig machen? Das war eines der Probleme, wenn man allein interagierte. Wäre eine kleine Gruppe für diesen Auftrag eingesetzt worden, hätten sie gemeinsam überall ihre Augen und Ohren haben können. Nun aber stellte sich ihre anfänglich leicht wirkende Mission als Alptraum heraus. Wutentbrannt biss sie in den Knöchel ihres Daumens und ließ ihren Blick durch die Menge gleiten - erfolglos. Es war keine einzige Spur von Sorin oder sonst jemandem zu sehen, der den Anschein erweckte, hilfreich bei der Suche nach ihm zu sein. Lediglich Spielsüchtige und Trunkenbolde zierten die Tische und Gänge des Raumes. Ihr war nach Schreien zumute oder einer anderen Möglichkeit, ihrem angestauten Frust freien Lauf lassen zu können. Wäre dies hier eine stinknormale Mission wie jede Andere, hätte sie nichts zu befürchten gehabt. Dann war sie eben gescheitert. Sorin jedoch war keine dieser leichtfertigen Missionen - an ihm hing leider Gottes ihre gesamte Zukunft, die sie zugegebenermaßen noch erleben und auskosten wollte.

      Wie ein Geistesblitz schwirrten seine letzten Worte durch ihren Schädel. Die Toilette! Er wollte die Toilette aufsuchen! Ohne mit der Wimper zu zucken setzte Livy sich in Bewegung und rannte den an den Wänden befestigten Neonschildern hinterher, die zu den Toiletten verwiesen. Es bestand noch der Hauch einer Chance, dass er sich dort befand. Möglicherweise war die Schlange so lang, dass er ganz einfach keine Möglichkeit hatte, eher in der hinteren Lounge aufzukreuzen? Was auch immer der Grund für seine Verzögerung war - sie musste es herausfinden und gleichzeitig dafür sorgen, dass von nun an alles reibungslos verlief. Zu gerne hätte sie in Erfahrung gebracht, was der Fremde von Sorin wollte - dafür gab es aber schlichtweg keine Zeit. Jede Sekunde die verging, gefährdete den Abschluss ihres Auftrags.

      An den Männertoiletten angekommen lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Wand im Gang hinter ihr und verschnaufte für einen Moment. Der ganze Alkohol vernebelte ihre Sinne ein wenig und wenn sie Sorin gleich tatsächlich finden sollte, musste sie so klar bei Verstand sein, wie nur möglich. Zu ihrer Überraschung realisierte sie erst jetzt, wie leer es vor den Toiletten war. Es gab überhaupt keine Schlange und auch aus dem Inneren der Toiletten konnte man keinen auffälligen Lärm vernehmen. Das einzig Verdächtige war ein Mann mittleren Alters, der kreidebleich aus der Männertoilette hinausrannte, sich an der Wand neben Livy abstützte und seinen Mageninhalt auf den Teppich neben ihr entleerte. "Hey, passen Sie doch auf!" quiekte die Blonde, als sie vor lauter Schreck zur Seite auswich. "Verzeihen Sie aber..." er brach ab und übergab sich ein weiteres Mal, bevor er seinen Satz beenden konnte "Da drin ist ein Toter! Alles ist voller Blut!" Seine Kotzerei hatte aufgehört und stattdessen packte er seinen Kopf mit beiden Händen, nur um kurz darauf in Geschreie auszubrechen und aus dem Bereich der Toiletten hinauszurennen. Seine Panik verbreitete sich rasant bei dem Rest der Anwesenden, sodass kurzerhand beinahe jeder Zweite zu schreien begann. Na toll. Livy biss sich auf die Unterlippe und überlegte, ob sie einen Blick riskieren sollte. Aber hatte sie überhaupt eine Wahl? Es war immerhin nicht auszuschließen, dass Sorin bereits zum Opfer geworden war und wenn sie dem Hinweis nicht nachging, fand sie es niemals heraus.

      Das Gewusel der Menschen im Vorderbereich sorgte für genügend Ablenkung, dass die junge Frau ohne weitere Probleme im Inneren der Männertoilette verschwinden konnte. Bedauerlicherweise musste sie lediglich die Türschwelle übertreten, damit der beißende Geruch von Metall durch ihre Nase stieg. Ermordungen ihrerseits lagen bereits Jahre zurück, sodass dieser stechende Geruch von frischen Leichen schon in Vergessenheit geraten war. Angewidert verzog die Dame das Gesicht und hielt den Atem an, ehe sie die Kabinentür des Verursachers mit einem Fuß auftrat. Scheiße.. scheiße.. nein, das darf nicht wahr sein. Benommen taumelte Livy ein paar Schritte zurück, wodurch sie ins Schwanken gerat und gleich darauf das Gleichgewicht verlor. Unsanft landete sie auf dem Steißbein und stieß sich den Hinterkopf an der Fliesenwand. Als hätte das Schicksal ihr einen Streich gespielt, konnte sie die Leiche vor sich tatsächlich als Sorin identifizieren. Mehrere Messerstiche, einer davon geradlinig entlang seines Halses. Wer auch immer für seinen Tod verantwortlich war, hatte nicht ausschließlich aus einem Auftrag heraus gehandelt. Auch, wenn Livys Mission nun gelaufen war - es gab noch einen Funken Hoffnung. Keiner wusste, wer für Sorins Tod verantwortlich war und wenn sie es geschickt anstellte, kaufte man ihr vielleicht ab, dass er durch ihre Hände gestorben war. Dennoch war es kein Leichtes, unentdeckt aus diesem Casino herauszukommen, wenn die Neuigkeiten über den Toten bei den Securities landeten.

      Sie zückte ihr Handy aus der Handtasche, aktivierte den Blitz und schoss mehrere Bilder hintereinander, um genügend Beweise zur Darlegung parat zu haben. Ihr blieb keine Zeit mehr, seinem Mörder auf die Schliche zu kommen oder nach Beweisen zu suchen - sie musste schleunigst hier raus und das am Besten, ohne erwischt zu werden.
      Hektisch richtete sie sich auf, indem sie sich am Waschbecken über ihr hochzog und beäugte sich für ein paar Sekunden selbst im Spiegel. Nichts war verschmiert, das Make-Up saß an Ort und Stelle. Die Kleidung war ebenfalls nicht befleckt - vielleicht schaffte sie es wirklich hier raus, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Mit erhobenem Kinn und angespannten Schultern verließ sie die Männertoilette - nur um gleich darauf vom Gefühl, jeden Moment in Ohnmacht zu fallen, überrumpelt zu werden. Es war zu spät. Zwei äußerst gut gebaute Security-Männer waren gerade dabei hineinzustürmen, wäre die junge Frau ihnen nicht geradewegs in die Arme gelaufen. "Hände nach oben; dahin wo wir sie sehen können, Fräulein." Schwer schluckend folgte sie ihren Anweisungen und spürte kurz darauf die kräftigen Hände des zweiten Mannes, die ihre Arme umklammerten. Der andere begutachtete das Innere der Toilette und kam sichtlich empört zurück, um sich vor Livy aufzubäumen. "Was haben Sie da drin verloren gehabt?! Sind Sie dafür verantwortlich?!" brüllte er der Frau entgegen, ehe er seine Hand an ihr Kinn legte und sie dazu zwang, zu ihm aufzusehen. Zu gern hätte sie sich gewehrt und Gewalt angewendet, aber wäre es wirklich klug gewesen, in diesem Moment noch weitere Aufmerksamkeit zu erregen? Natürlich war die oberste Priorität gewesen, Sorins Tod zu verkünden und heil hier herauszukommen. Aber nun kannte man ihr Gesicht - ausgerechnet in Verbindung zu Sorins Tod und dabei war sie nicht einmal dafür verantwortlich! "E-Er ist mein Lebensgefährte! Ich habe beinahe eine ganze Stunde nach ihm gesucht, bevor dieser andere Kerl herausgestürmt kam und herumschrie, dass ein Toter dort liegt! Mein Lebensgefährte meinte vor seinem Verschwinden, dass er die Toilette aufsuchen wollte und nur deshalb bin ich hier!" Um ihre Ausrede glaubwürdiger klingen zu lassen, begann Livy bitterlich zu weinen. Kristallklare Tränen perlten an ihren Wangen hinab, zogen hin und wieder eine schwarze Bahn der Mascara mit sich. "Er hat sowas nicht verdient! Welches Drecksschwein macht so etwas?!" schrie sie aus voller Kehle heraus. Ihr kleines Schauspiel schien zu fruchten, denn der feste Griff um ihre Arme lockerte sich und sie glaubte sowas wie Mitgefühl in den Augen des Security-Mannes vor sich zu sehen. "Wie ist ihr Name, Miss?" - "A-Amanda. Bishop." schluchzte sie ihm entgegen. "Nun, Miss Bishop. Erst einmal möchte ich Ihnen mein Beileid zu solch einer Tragödie aussprechen und natürlich werden wir alles daran setzen, diesen Fall in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei zu lösen. Bedauerlicherweise sind Sie momentan die einzige Verdächtige, die wir haben. Da ich allerdings denke, dass Sie gerade jetzt nicht in der Lage dazu sind, einem ausführlichen Verhör beizuwohnen, wird die Polizei sich in den nächsten Tagen bei Ihnen melden um das weitere Verfahren zu klären. Ich brauche Ihre Adresse sowie eine Telefonnummer und denken Sie gar nicht erst daran, eine Falschaussage zu tätigen." erläuterte der stämmige Kerl und reichte Livy einen Notizblock, in dem sie alles Wichtige notierte. Noch immer wimmernd blickte sie ihren Gegenüber an: "Darf ich nun endlich gehen? Ich möchte Nachhause und ich muss Sorins Familie Bescheid geben..." - "Natürlich, Miss. Sie dürfen nun gehen." Erleichtert atmete die Frau auf und nickte dankend, ehe sie die Augen verrollte und in den Massen der gaffenden Menschen verschwand. "Ich würde nicht zu lange so schauen, sonst bleibt das Gesicht so hässlich stehen." entgegnete sie einer Gruppe von ziemlich jung aussehenden Personen, die den Blick nicht von Livy abwenden wollten. Erst nach ihrem Kommentar schauten sie peinlich berührt zur Seite.

      Nach einigen Minuten hatte sie es wirklich geschafft, diesem Spektakel im Inneren des Gebäudes zu entkommen. Mit einem kurzen Blick über die Schulter versicherte sie sich, dass ihr niemand gefolgt war und verschwand in einer dunklen Gasse nicht allzu weit entfernt. Auf einem Treppenabsatz ließ sie sich nieder, um nach all der Aufregung eine wohlverdiente Zigarette aus der Schachtel in ihrer Tasche zu zücken, von der sie sich nach dem Anzünden mehrere kurze Züge hintereinander genehmigte.
      Gedankenverloren betrachtete sie die kirschrote Spitze des Stängels und drehte diesen ein paar mal zwischen ihren Fingern umher. Schon erstaunlich, wie ein solch kleines Ding eine so große Katastrophe im Körperinneren erzeugen konnte. Das Rauchen war genaugenommen nicht viel anders wie das Glücksspiel - beides konnte den Untergang des Menschen bedeuten und beides sorgte für eine Sucht, die es zu stillen galt. Beides war eine Sucht, mit der Livy seit Jahren zu kämpfen hatte.
      Sie senkte den Kopf Richtung Boden, sodass ihr vereinzelte Haarsträhnen ins Gesicht fielen und betrachtete den Qualm, den sie hervorstieß. Schon möglich, dass ihre Zukunft sich in absehbarer Zeit genau so schnell auflöste. Doch egal, wie sehr dieser Gedanke an ihr nagte - seit der Begegnung mit dem Unbekannten schwirrten nur noch Gedanken zu seiner Person im Vordergrund ihres Hirns. Wer war er? Was wollte er von Sorin? Hatte er ihn womöglich umgebracht? Kannte sie ihn? War er eine Gefahr? Fragen über Fragen, die ihr allmählich Kopfschmerzen bereiteten. Ein sinnloses Kopfzerbrechen - denn mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit befand er sich gar nicht mehr in ihrer Nähe.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆
    • Azriel Whyte

      Richmont Casino | New York | USA

      Er erinnerte sich, einst gelesen zu haben, dass eine japanische Philosophie besagte, dass Menschen in ihrem Leben drei Masken trugen. Die erste Maske galt für die Welt, die zweite für Familie und Freunde und die dritte für sich selbst, wobei die dritte Maske die echte Reflexion dieses Menschen darstellte. Azriel war nicht der Typ, der solchen Philosophien Glauben schenkte, aber diese Aussage hatte sich in seinem Hinterkopf so sehr stark eingeprägt, dass er ein Großteil der Personen, die er in seinem Leben bisher begegnet hatte, mit dieser Ideologie verglichen hatte. Stets fragte er sich, mit welcher Maske er von seinen Mitmenschen und Opfern konfrontiert wurde, denn Menschen waren kompliziert und meistens verbarg sich unter der Oberfläche, wer sie tatsächlich waren. Während sie mit anderen interagierten, zeigten sie gegenüber ihnen verschiedene Schichten ihrer Persönlichkeit. So fragte er sich nun, welche Maske diese Unbekannte trug. Er fuhr mit seinem Blick ihre Gesichtskonturen nach, ehe dieser schlussendlich an ihren Augen hängen blieb. Interessiert musterte er die Ausdruckslosigkeit in ihnen, die sich als eine Barriere darstellte, um ihre wahren Emotionen zu verbergen. Nach wie vor bereitete ihre Präsenz ihm ein ungutes Gefühl, was sich durch ihre Worte immer mehr bestätigte. Sie wollte Sorin für einen One-Night-Stand? Ihre Worte ließen seine Mundwinkeln in die Höhe ziehen, bevor er für einen kurzen Moment erstarrte, als sie ihm nähertrat und ihr warmer Atem seine Haut liebkoste. Wenn dies ihre Art war, um ihn abzulenken, musste er zugeben, dass sie sich einiges zutraute. Unter anderen Umständen würde sie auch erfolgreich sein, wenn der Auftrag nicht seine Sinne benebeln würde. Als die Blondhaarige wieder zurücktrat, blickte er ihr erneut in die Augen und filterte weitere Informationen aus ihren Worten heraus, die ihm eventuell einen Nutzen bringen würde. Aber sie schien ihre Worte durchdacht zu wählen, sodass Azriel nichts daraus schlussfolgern konnte. Sie verbarg etwas und dabei war er sich sicher. Seit dem ersten Moment, als ihre Augen zu Beginn des Abends aufeinandergetroffen waren, wurde er von einem unbehaglichen Gefühl begleitet. Sie stellte sich als eine Goldgräberin dar, die ihren restlichen Abend mit Sorin verbringen wollte, was er ihr nicht abkaufte. Wusste sie zufälligerweise etwas über Sorin? Arbeitete sie für Charles Miller? Wollte sie ihm testen, ob er Charles' Auftrag ausführen würde? Fragen über Fragen, die er vorerst nicht stellen konnte, als sie einige Augenblicke später ihren Rücktritt ankündigte. Ihre Fingerspitzen hinterließen ein prickelndes Gefühl auf seiner Haut und widerwillig zuckte er kurzzeitig zusammen, ehe seine Miene sich wieder glättete. Sie schien nicht wie die Frauen zu sein, mit denen er sich bisher vergnügt hatte, und dies weckte zu einem gewissen Grad sein Interesse. Azriel drehte sich um und blickte ihr für einen Moment nach. Zu schade, dass er wegen eines Auftrages hier war.

      Er wandte seine Aufmerksamkeit von ihr ab und holte sein Handy aus der Hosentasche heraus, ehe er Vlads Nummer wählte, der zum Glück gleich sofort annahm. "Hast du etwas über sie herausgefunden?", erkundigte sich Azriel, nachdem er Vlad bereits vor einigen Stunden ein Foto der Blondhaarigen geschickt hatte. Vlad stieß einen Seufzer aus. "Schaue ich so aus, als würde ich meine gesamte Zeit für dich verschwenden wollen, Az?" "Als hättest du etwas Besseres zu tun. Weißt du etwas über sie oder nicht? Mir bleibt nicht viel Zeit und dieser Sorin ist auch abgehauen", entgegnete Azriel und massierte sich seine rechte Schläfe. "Ich kann mit dem Foto nicht viel anfangen. Ihr Gesicht ist nur von der Seite zu sehen. Ich suche immer noch nach ihren Informationen, aber ohne Erfolg." Azriel lauschte aufmerksam seinen Worten und kräuselte seine Lippen. "Dass du bisher nichts über sie herausgefunden hast, bedeutet nur, dass sie keine herkömmliche Person ist." "Was willst du überhaupt von ihr?", hackte Vlad interessiert nach. "Ich glaube, dass sie etwas mit Charles zu tun, aber sicher bin ich mir nicht. Sie hat den ganzen Abend Sorins Seite nicht verlassen. Aber egal, gib einfach Gas. Ich muss alles über sie wissen." Mit diesem Befehl beendete Azriel das Gespräch nach einem kurzen Moment und wandte sich erneut der Menschenmenge zu. Von Sorin war nach wie vor nichts zu sehen. Er ließ seine Augen von einem älteren Mann zum anderen schweifen, aber keiner von ihnen glich Sorin.

      Scheiße. Zwar hatte er noch einen Trumpf im Ärmel, den er gegen Charles anwenden könnte, falls das Ganze schief verlaufen sollte, aber dies bedeutete nicht, dass er sich nicht weniger davor fürchtete, was ihm bevorstand. Wie gut er Charles übertrumpfen würde, konnte er nicht einschätzen. Wenn er um solche Längen gehen konnte, um alles über Azriel herauszufinden, würde Charles bestimmt nicht mit den Wimpern zucken, um Azriel zu eliminieren. Der Schwindler ließ seine Augen durch den Raum wandern und erhaschte vier Überwachungskameras. Er musste sich Zugang zum Technikerraum verschaffen, wo er sich bestimmt die Überwachungsvideos ansehen konnte. Wo zum Teufel würde er diesen verdammten Raum finden? Für einen Moment schien die Idee hoffnungslos zu sein, bis er sich daran erinnerte, dass er einen Plan des Kasinos auf seinem Mobilgerät vor einigen Tagen gespeichert hatte. Hastig holte er das Handy heraus und durchsuchte seine Galerie, bis er auf den Lageplan stieß. Das Kasino bestand insgesamt aus drei Stockwerken. Im zweiten Stock befand sich eine weitere VIP-Lounge, während der dritte Stockwerk für das Personal bestimmt war. Sicher würde sich der Technikerraum dort befinden. Rasch, ohne dabei die Aufmerksamkeit von anderen auf sich zu ziehen, verließ er den vorderen Bereich des Kasinos und schnappte sich dabei unauffällig die Personalkarte des Barkeepers, da er ohne diese nicht den Stockwerk betreten konnte. Im dritten Stock angekommen hielt Azriel die Personalkarte an der Tür, ehe diese sich automatisch öffnete. Schleichend betrat er den Raum und lauschte nach Geräuschen, ehe er weitere Schritte setzte und in die verschiedenen Personalräume hineinspähte. Nachdem er die letzte Flur überquert hatte, erwischte er den Technikerraum. Ein Blick durch die Glasschicht verriet ihm, dass lediglich ein Mann für die Überwachung zuständig war. Dass so eine große Feier nur von einer Person überwacht wurde, war mehr als nur lachhaft. Sicherheit stand wohl in diesem Kasino nicht an der ersten Stelle der Prioritäten, was ohnehin für ihn besser war. So musste er nur einen überwältigen. Geräuschlos drückte er die Türklinke nieder und betrat den Raum, während er sich dem Mann leise anschlich. Dieser schenkte den Überwachungsvideos keine Aufmerksamkeit und klebte stattdessen an seinem Handy. Sobald Azriel hinter ihm stand, legte er seinen Arm um den Hals des Mannes und drückte so fest wie möglich zu. Nach einigen Minuten an Protesten gab die Person nach und wurde bewusstlos. Nachdem Azriel sich vergewissert hatte, dass der Typ auch wirklich ohnmächtig war, wandte er sich den Videos zu und spulte die Videos der vergangenen Stunden zurück. Er erblickte, wie Sorin die Lounge mit der Blondhaarigen betreten und einige Minuten später alleine verlassen hatte. Aus einem anderen Winkel betrachtete Azriel, wie Sorin sich mit einigen Männern unterhalten und kurz darauf eine Flur angesteuert hatte. Ein Schild zeigte ihm an, dass es der Toilettenbereich war. Doch zu seinem Pech befand sich in diesem Bereich aufgrund der Privatsphäre keine Überwachungskamera, aber wenigstens wusste er jetzt, dass Sorin sich in der Toilette befand.

      Als Azriel sich zum Gehen wandte, erblickte er aus dem Augenwinkel die Blondhaarige auf einem anderen Bildschirm und hielt inne. Seine Lippen formten sich zu einem schiefen Grinsen. Sie hatte Sorin also auch gefunden. Mit ihrer Schönheit hätte sie jeden Mann im Kasino verführen können, aber dass sie ausgerechnet nach Sorin suchte und ihn für die Nacht wollte, heizte nur noch mehr Azriels Theorie an, dass sie etwas zu verbergen hatte. Entweder arbeitete sie für Charles oder für jemand Anderen, der auch Sorins Kopf haben wollte. Zufrieden verließ Azriel schleunigst das dritte Stockwerk und steuerte auf den Toilettenbereich im Kasino zu, wo er sowohl Sorin als auch die Blondhaarige auf frischer Tat ertappen würde. Doch von weitem bemerkte er bereits ein Chaos, als plötzlich Hysterie und Geschrei im Kasino ausbrachen. Anscheinend wurde eine Leiche in der Toilette gefunden. Sofort stellten sich Azriels Nackenhaare auf. Entweder der Blondhaarigen oder Sorin musste etwas passiert sein. Die Security betrat den Spielerbereich und wies den Gästen an, das Kasino nicht zu verlassen. Mit schnellen Schritten betrat er eine andere Flur, die ebenfalls zum Toilettenbereich führte und versteckte sich. Er richtete seine Haltung seitlich und erhaschte die Blondhaarige mit zwei Männern. Sie war am Leben. Das Opfer musste also Sorin sein, denn nach ihm hatte Azriel niemanden außer der unbekannten Frau im Überwachungsvideo den Bereich betreten gesehen. Die Unbekannte begann zu weinen und berichtete den Männern voller Trauer von ihrer Situation. Würde Azriel sich nicht verstecken müssen, dann hätte er jetzt laut geschnaubt, als er ihren Worten zuhörte. Es war doch gar nicht so lange her, als sie behauptet hatte, dass Sorin nicht ihr Partner war. Plötzlich war er nun ihr Lebensgefährte? Was für ein Spiel spielte sie hier? Aber die Männer schienen ihr zu glauben und so wurde sie nach einigen Minuten entlassen. Azriel musste herausfinden, was sie von Sorin wollte und ob sie eventuell für seinen Mord verantwortlich war.

      Azriel lockerte die Krawatte, die ihm zu erwürgen drohte, um seinen Hals, während er der Blondhaarigen mit einer gewissen Distanz folgte, um nicht bemerkt zu werden. Sobald sie das Kasino verlassen hatte, blickte sie zurück, weswegen Azriel einige Minuten abwartete, ehe er erneut einige Schritte setzte. Schließlich zog sie sich in eine dunkle Gasse zurück. Für einen Moment betrachtete er mit hochgezogener Augenbraue, wie sie sich niederließ und an einer Zigarette zog, ehe sie ihren Kopf nach vorne fallen ließ. Die Hände in die Hosentaschen verstaut beschloss er sich nun bemerkbar zu machen. Er steuerte die Gasse an und blieb vor ihr stehen, sodass ein dunkler Schatten über sie fiel. "Ich wusste gar nicht, dass man so trauert, wenn man gerade den Lebensgefährten verloren hat", setzte Azriel an. "Übrigens, nettes Schauspiel. Sie sollten es in Erwägung ziehen, Schauspielerin zu werden." Er zog seinen rechten Mundwinkel in die Höhe, als sie ihre Augen auf seine trafen. "Sie hatten vorhin recht. Ich gehöre wahrlich nicht zu der kommunikativen Art, weil ich es hasse, meine wertvolle Zeit zu verschwenden, deswegen komme ich jetzt einfach zum Punkt." Azriel nahm ihr die Zigarette aus der Hand und nahm einen langen Zug. "Was wollten sie von dem Mann? Intimität hätten Sie mit jedem beliebigen Mann haben können. Also können Sie sich jetzt diese Lüge sparen."
    • Livy Dankworth

      Richtmont Casino / New York / USA


      Je länger sie darüber nachdachte, umso verrückter schien ihr der Fakt, dass ihre zum Greifen nahe, glorreiche Zukunft einzig und allein an einem Unbekannten hing, den sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich gesehen hatte. Genau dieser Unbekannte, der jetzt im Totenreich verweilte. War es überhaupt möglich Charles weiszumachen, dass sie ihn getötet hatte? Ließ er sich täuschen? Einen Versuch war es zwar wert, aber vielleicht hatte er auch sicherheitshalber weitere seiner Leute im Casino deponiert, die ihre Augen stets auf Livy gerichtet hielten und jede einzelne ihrer Taten weitergegeben hatten. Wenn dem so war, mussten sie gesehen haben, dass er nicht durch ihre Hände gestorben war. Vielleicht aber hatte sie auch Glück und keiner von ihnen wusste, was in der Männertoilette vorgefallen war. So hatte sie noch immer die Möglichkeit offen, sich eine glaubhafte Geschichte aus dem Ärmel zu ziehen. Blieb nur abzuwarten, wie raffiniert ihr Auftragsgeber war und ob er ihr so viel Vertrauen entgegenbrachte, sich von ihren Worten täuschen zu lassen.

      Das Knacken eines Astes holte sie zurück auf den Boden der Tatsachen und ehe sie sich versah, lag ein dunkler Schatten über ihrem Haupt. Verdutzt öffnete sie die zuvor geschlossenen Augen und erblickten zwei Beine, die unmittelbar vor ihr standen. Ihr Blick wanderte langsam von unten nach oben, bis er auf die einprägsamen Gesichtskonturen des Gegenübers traf und sie schleunigst realisierte, wer dort vor ihr stand. Von dort unten fiel es schwer, sein Gesicht bei der mangelnden Beleuchtung genau zu erkennen, aber die Person vor ihr war unverkennbar gewesen. Der Grund für sein erneutes Auftreten war ihr in dem Moment klar geworden, als er zu reden begann. Er machte kein Geheimnis daraus, dass es ihm nur um diesen Sorin ging, den sie selbst nicht einmal kannte - doch seine Anspielungen brachten die Frau zum Lachen. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass er nach ihrem ersten Aufeinandertreffen nicht so leicht locker lassen würde. Dass er allerdings die Frechheit besaß, nach so kurzer Zeit nochmal aufzukreuzen, hatte sie nicht gedacht.
      Ihr zuvor belustigter Gesichtsausdruck verformte sich zu einem finsteren, als er ihr ohne Vorwarnung die Zigarette aus der Hand entwendete und selbst einen tiefen Zug davon inhalierte. Er dachte wohl, er konnte sich alles erlauben. Livy verharrte in ihrer Sitzposition und stützte das Kinn ab, ehe sie ihn mit einem spöttischen Lächeln entgegnete. "Sehr interessant. Weshalb fangen Sie dann nicht damit an, meine wertvolle Zeit mit ihrem sinnlosen Gerede zu verschonen?" Sie schnalzte abwertend mit der Zunge und kramte sich eine neue Zigarette aus der Packung, nachdem die vorige vom Fremden in Beschlag genommen wurde. Gleich darauf erfüllte das Klicken des Feuerzeuges die Stille der Gasse und hallte einen Moment lang nach, bevor sie den Qualm tief einzog. "Hören Sie zu, ich habe keine Ahnung wer Sie sind oder was Sie von Sorin, geschweige denn mir, wollen. Schön, dass Sie mir Ihr Interesse an ihm so offenkundig darlegen aber ich sehe nicht recht was ich davon haben sollte, Sie mit Informationen zu versorgen, die ich Ihnen offensichtlich nicht geben möchte." Livys zuvor amüsierter Unterton wurde ersetzt durch einen sichtlich genervten. Sie wollte lediglich hier sitzen und um ihre eventuell gefährdete Zukunft grübeln, statt sich ein weiteres Mal mit einem neugierigen Unbekannten auseinanderzusetzen. Hatte er denn nicht schon beim ersten Mal verstanden, was sie von seiner Fragerei hielt? Sie dachte an den Moment zurück, an dem ihre Augen das erste Mal auf ihn getroffen sind. "Außerdem, denken Sie, ich wäre wirklich so dämlich? Wenn Sie mit ihrem Laufburschen in der Öffentlichkeit telefonieren, sollten Sie das nächste Mal vielleicht etwas vorsichtiger sein. Ich wette..." sie hielt inne, während der ernste Tonfall sich wie in Luft aufgelöst hatte und sie stattdessen nach einem weiteren Zug an ihrer Zigarette vom Treppenabsatz aufstand. Unmittelbar vor ihrem Gegenüber bäumte die Frau sich auf und neigte den Kopf zu ihm hoch. "Na, was hat er schon über mich herausgefunden? Gar nicht so einfach, wie Sie vielleicht gedacht hatten, hm?" Sie beabsichtigte ihn so sehr zu provozieren, dass er sich selbst verplappern würde. Dabei wusste sie insgeheim gar nicht, ob er einen Laufburschen oder sonstigen Informanten in der Leitung hatte. Vielleicht war es auch sein Auftraggeber - aber der Gesichtsausdruck während des Telefonats sprach für sich und ganz egal wer es war, derjenige schien äußerst wichtig für ihren Gegenüber gewesen zu sein. Warum hegte er überhaupt so ein riesiges Interesse an Livy? Stand er vielleicht ebenfalls in Verbindung mit Charles und verfolgte an diesem Abend dasselbe Ziel, wie sie? Aber das konnte nicht sein. Wenn dem so gewesen wäre, hätte Charles mit Sicherheit ein Wörtchen darüber verloren oder sie gar dazu angewiesen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise wäre der Erfolg der heutigen Mission sogar erhöht worden.
      Sie kehrte ihrem Gegenüber den Rücken zu und starrte stattdessen gegen die Wand, die sich weiter vor ihr befand. Vielleicht hatte Charles das Alles auch absichtlich eingefädelt, um sie in eine Falle zu locken. Aber warum? Livy war am Filter der Zigarette angekommen und schnipste diesen ein paar Meter entfernt auf die Straße außerhalb der Gasse. "Denken Sie übrigens gar nicht erst daran, mir zu drohen. Ich gebe nichts auf leere Worte."
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Countess ()

    • Azriel Whyte

      Er betrachtete, wie ihre Augen ihn von Kopf bis Fuß musterten, ehe sich die kurzzeitige Überraschung in ihnen auflöste. Stattdessen wurde er im nächsten Moment durch ihr plötzliches Lachen überrascht. Azriel neigte den Kopf schief und kräuselte die Lippen. Entweder wollte sie ihn damit aus der Fassung bringen oder versuchte ihren Schock, dass er sie so schnell wiedergefunden hatte, zu kaschieren. Was es auch immer war, spielte für den Betrüger keine Rolle. Er war hier für Informationen und würde sich nicht wegbewegen, solange sie nicht mit der Wahrheit herausrückte, auch wenn er die ganze Nacht hier verbringen müsste. Immerhin stand für ihn mehr aufs Spiel als ihm lieb war. Während er einen weiteren Zug an der Zigarette nahm, die sich langsam dem Ende näherte, betrachtete er die finstere Seriosität in ihren Augen und das bissige Lächeln auf ihren Lippen, ehe Azriel selbst im nächsten Moment seinen rechten Mundwinkel in die Höhe zog. "Ehrlich gesagt würde ich jetzt liebend gerne etwas Anderes machen als hier herumzustehen und unsere Zeit zu verschwenden, aber meine Situation zwingt mich dazu. Sie können sich also gerne so sehr wehren wie Sie möchten, aber diese Gasse werden Sie nicht verlassen, bevor ich nicht von Ihnen das bekomme, was ich will." Zwar hatte er es nicht beabsichtigt, eine gewisse Schärfe und Drohung in seinem Ton einzubringen, aber bekanntlich war Drohung eine Methode, um jemandem Angst einzuflößen. Grundsätzlich erwies sich diese Strategie als erfolgreich, aber bei dieser unbekannten Frau konnte er es nicht recht einschätzen. Wenn sie tatsächlich etwas mit Sorins Mord zu tun hatte oder ihn selbst ermordet hatte, würde sie sich von nichts abschrecken lassen. Solche Menschen fürchteten sich vor gar keinen Konsequenzen, wenn sie jemanden ohne Zögern umbringen konnten. Azriel hatte das Gefühl, sich in Acht nehmen zu müssen, aber er war nicht weniger waghalsiger, denn wenn es die Situation erforderte, würde er nicht abwarten, bis sein Gegenüber ihn angriff, denn er würde ihn selbst erledigen, bevor dieser überhaupt eine Chance hatte.

      Seine Augen hielten die Unbekannte nach wie vor gefangen, als sie sich weiterhin mit ihrer belanglosen Haltung präsentierte. Dass sie nach einem Mordfall nicht schockiert reagierte, konnte nur bedeuten, dass solche Fälle nichts Unübliches für sie waren. Aber über diese Tatsache konnte er nicht weiter grübeln, als ihre Worte ihn im nächsten Augenblick überrumpelten. Laufburschen? Scheiße, seine Telefongespräche mit Vlad. Sie konnte unmöglich, diese Konversationen aus der Ferne mitgehört haben. Instinktiv hob er seine linke Augenbraue interessiert in die Höhe und blickte zu ihr hinab, bevor sie sich zur vollen Größe erhob und wenige Zentimeter vor ihm zum Stehen kam, sodass ihr Rauch ihm ins Gesicht blies. Er durfte sich seinen Schock nicht anmerken lassen, weswegen er ihren Blick standhielt und seinen Pokerface beibehielt. Würde er jetzt nachgeben, würde er ihre Worte nur bestätigen und ihr die Oberhand geben, was Azriel auf keinen Fall zulassen konnte. Er schloss für einen kurzen Moment die Augenlider und grinste schief, ehe er sie erneut aufschlug. "Sie müssten für mich von besonderer Bedeutung sein, damit ich einen Laufburschen beauftrage, alles über Sie herauszufinden. Leider muss ich Sie enttäuschen, weil Sie es nicht sind. Mich interessiert nur eines und das kann ich selbst von Ihnen herausfinden." Azriel nahm den letzten Zug, ehe er die Zigarette wegwarf und der Blondhaarigen nachblickte, die ihm mittlerweile den Rücken zugekehrt hatte. Sein Geduldsfaden näherte sich langsam dem Ende, denn er musste schleunigst abhauen und einen Plan ausdenken, wie er Charles seiner Macht, die er über Azriel besaß, entziehen konnte. Dass die Frau sich so schwierig erwies, half ihm nicht weiter. Azriel maschierte auf sie zu und kam dicht vor ihrem Rücken zum Stehen, ehe er sich vorbeugte und sein Gesicht neben ihrem rechten Ohr positionierte. "Wer spricht denn hier von einer Drohung? Ich habe nicht vor, Sie in irgendeiner Art zu verletzen. Ganz im Gegenteil, ich brauche Sie für Ihre Informationen. Ihnen Schaden zuzufügen würde mir also nichts bringen. Und wer weiß? Vielleicht können Sie wir uns gegenseitig helfen. Also noch einmal meine Frage, was wollten Sie von Sorin Nabokov wirklich?" Azriel hatte zwar nicht vor, seine eigenen Informationen preiszugeben, aber hoffte dennoch, dass sie auf sein Angebot eingehen würde.
    • Livy Dankworth

      Die unerwartete Stille, die die Gasse zunächst erfüllte ließ darauf schließen, dass sie mit ihrer Behauptung bezüglich seines Telefongesprächs ins Schwarze getroffen hatte. Aber natürlich versuchte er, diesem Treffer geschickt auszuweichen, indem er sie davon überzeugen wollte, von keiner Wichtigkeit für ihn zu sein. Es mochte die Wahrheit sein, dass sie als Person ihn keineswegs interessierte - aber sie hatte sich an diesem Abend mit seinem Ziel eingelassen und diese Tatsache allein durfte bereits mehr als genug sein, um als Gefahr abgestempelt zu werden. Selbst die Tatsache, dass er sie am heutigen Tage schon das zweite Mal aufgesucht hatte ließ darauf schließen, dass sie so unwichtig nicht sein konnte und dass ihr Gegenüber etwas verbarg. Wenn es ihm einzig und allein um Sorin ginge, hätte er sich ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ohne Weiteres gezeigt oder auf Krampf versucht, an weitere Informationen zu gelangen. Schließlich hätte es ihm völlig egal sein können, was sie von Sorin wollte - das war nicht sein Bier.
      Sein heißer Atem, der ganz ohne Vorankündigung gegen ihr rechtes Ohr streifte, ließ den Körper der Frau kurzzeitig aufzucken und sorgte dafür, dass sie sich kurz darauf mit ihrem vollen Gewicht gegen ihn lehnte. "Dass Sie mich nicht verletzen wollen, habe ich zuvor schon geahnt. Sonst wäre der Klassiker wohl gewesen, mir eine Klinge gegen den Hals zu pressen und mich so zum Reden zu bringen." sie lächelte und drehte immer mal wieder eine einzelne ihrer Haarsträhnen zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine folgenden Worte stimmten die Blonde skeptisch. Sich gegenseitig helfen? Das würde bedeuten, dass sie weit ausholen und über ihre tiefen Ängste sprechen müsste. Doch egal wie oft er dies von ihr verlangen würde - sie konnte und wollte nicht. Außerdem kannte sie den Typen überhaupt nicht und wäre wohl wahnsinnig gewesen, ihn ganz ohne Weiteres in ihre tiefsten Geheimnisse einzuweihen. Besonders, weil diese Tat eine noch viel größere Bedrohung darstellen konnte. Missmutig lehnte sie sich wieder nach vorn und drehte sich stattdessen mithilfe einer grazilen Bewegung zu dem Unbekannten um. "Nettes Angebot, aber ich werde wohl passen." erwiderte sie lächelnd. "Warum sollte ich Ihnen ganz ohne Grund irgendwelche Informationen offenbaren? Mal ganz davon abgesehen, dass ich sicherlich keine Hilfe von einem Fremden brauche. Sowas lernt man bereits als kleines Kind, mein Lieber." Im nächsten Moment ließ Livy ihren Zeigefinger über die Brust des Gegenübers fahren, während ihre Blicke folgten. "Ich fürchte, Ihnen bleibt nichts weiter übrig, als weitere Zeit zu verschwenden. Ich versorge ganz bestimmt keine Fremden mit irgendwelchen Informationen - also wie wär's mit einer kleinen Vorstellung und einem verlockenden Angebot, das mich vielleicht überzeugen könnte?" Mittlerweile hatte sie ihren Zeigefinger bereits wieder zurückgezogen und stellte sich stattdessen auf die Zehenspitzen, um ihr Gesicht unmittelbar vor dem des Fremden zu halten. "Was wollen Sie denn von Sorin?" drehte sie seine Frage um und wendete dabei den Blick kein einziges Mal von seinen Augen ab. Wenn man jemandem zu lange in die Augen starrte, löste diese Handlung in den meisten Fällen unbewusst ein Unbehagen aus und sorgte dafür, dass bestimmte Menschen im eingeschüchterten Zustand Vieles sagten, um dieser unangenehmen Situation entfliehen zu können. Oder sie wendeten den Blick ab und sahen zur Seite, während sie sich eine Ausrede einfallen ließen. Fast schon hatte sie das Bedürfnis, ihn einfach links liegen zu lassen und davonzulaufen in der Hoffnung, die beiden würden sich nie wieder über den Weg laufen. Aber dafür war es nun zu spät - er wusste wie sie aussah und so einem Kerl fiel es mit Sicherheit nicht schwer, Livy ein weiteres Mal irgendwo aufzulauern. Vor allem jetzt, wo sie sich doch selbst überhaupt nicht in dieser Stadt auskannte und nicht wusste, wie es nun weitergehen würde, wenn sie sich ein zweites Mal mit Charles getroffen hatte.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Countess ()