our own paradise ❦ [Katze & Saki]

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    • our own paradise ❦ [Katze & Saki]

      our own paradise

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      apocalyptic, dystopian, war, romance, violent
      @Glaskatze

      Vorstellung zu "∂уѕтσριαη ❦ our own paradise ❦"


      Ein weiterer kalter Morgen in Paris, in welchem Evaniya gerade ihre schweren Springerstiefel anzog und zusammen band. Es war Herbst und die deutlich sinkende Temperatur ließ schon fast darauf schließen, dass der Winter in greifbarer Nähe war. Ein wenig ließ der Gedanken die junge Frau doch schmunzeln, immerhin war es ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass sie dieses Jahr wieder den richtigen weißen Watteschnee sehen würde, welchen sie als Kind so geliebt hatte. Wenn all die Straßen und Hausdächer der Stadt unter einer strahlendweißen Schneedecke verschwanden und man unbedacht durch den Schnee laufen konnte, bis man hinfiel und in diesem versank. Für einen Moment erwischte Eva sich dabei, wie sie mit geschlossenen Augen an ihre Kindheit zurück dachte. Daran, wie sie mit ihrer Mutter über die weite Wiese durch kniehohen Schnee lief. Ein breites Lächeln voll Freude auf ihrem Gesicht und ihr kleiner Hund Naum laut vor Freude bellend neben ihr, welcher mit etlichen Sprüngen kurz im Schnee versank. Wie sehr sie sich nach dieser Zeit zurück sehnte, als der Krieg noch nicht so weit vorangeschritten war, dass er beinahe die gesamte Welt bedeckte. Und nun war sie hier. Seit 5 Jahren als vollwertige Soldatin und bereits mit 11 Jahren ein Gewehr in die Hand gedrückt bekommen, um zu lernen damit umzugehen.
      Das kurze aber laute Klopfen an der Eisentür ließ sie aus ihren Gedanken erwachen. Ihre grünen Augen öffneten sich und sahen zu einem älteren Mann, Ende 40 mit dunkelbraunen Haaren, welche an der Seite bereits graue Anzeichen aufwiesen. Eine Narbe zierte sein linkes Auge, während er sie mit einer kalten und finsteren Miene ansah. "Beeil dich." raunte er mit tiefer Stimme und ging mit schweren Schritten den Gang entlang. Ein leises Seufzen entwich Eva, bevor sie sich auch schon von ihrer Pritsche erhob und das Gewehr auf ihren Rücken wandern ließ. Allein wenn sie Antoine bereits am Morgen sah, dann wusste sie schon, dass es kein einfaches ins Gebäude und die Leute heraus holen werden würde. Hatte der große Mann immer die Aufgabe neu entdeckte Vampire zu eliminieren und das war besonders für Evaniya nichts, was sie sehen musste. Doch einen kleinen Lichtschimmer hatte sie: Hoffte sie, dass sie heute zumindest Camille sehen würde, wenn sie schon in Antoine's Trupp eingeteilt war.
      So atmete die Kurzhaarige tief ein, sammelte sich erneut, bevor sie mit großen Schritten aus dem kleinen Raum trat und den Gang entlang schritt. Spärlich beleuchtet, je links und rechts waren weitere Eisentüren, welche zu den Zimmern der Soldaten führten. Einige noch geschlossen. Ruhten sich dort wohl die jenigen aus, welche nachts ihre Patrouillen durchführten oder auf ihren Routen nach dem Rechten gesehen hatten. Die schmale Treppe am Ende schritt Eva recht vorsichtig herunter. Waren die Stufen klein und eng beieinander, während das Eisengeländer wie ein Kuhschwanz wackelte, wenn man nur leicht dagegen stieß. Festhalten konnte man sich daran nicht und Eva selbst war schon einige Male herunter gepurzelt, was der Truppe den ein oder anderen Lachen besorgt hatte. Zum Leidwesen der im Moment Jüngsten.
      "Jetzt bewegt euch! Ein Haufen fauler Schweine seid ihr!" konnte man Antoine deutlich durch die große Eingangstür brüllen hören, während ein paar der Soldaten eher unbeholfen ihren Platz suchten. Zwei hatten verschlafen und standen nun nur im weißen Shirt ohne Jacke in der Kälte, während sich Eva selbst hinter den Männern vorbei schlich und in die Reihe eingliederte. Antoine hatte schlechte Laune und das konnte man deutlich hören. Es war also am Besten ihn nicht zu reizen oder auch nur einen Mucks von sich zu geben. "Affen sind noch schneller und vor allem verlässlicher als ihr! Wahrscheinlich wieder die ganze Nacht saufen gewesen, was? Ich werde euch das schon noch austreiben." wandte er sich gezielt an die beiden Verschlafenen, welche sich nicht trauten auch nur den Mund ihm gegenüber zu öffnen.
    • Camille Durand
      Schlag. Tritt. Schlag - Ausweichen. Camille pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem zopf gelöst hatte. Schlag. Tritt. Ducken.
      Heute hatte sie wieder ein besonders lebhafter Alptraum aus dem Schlaf gerissen, der sie schon vor Morgengrauen auf das Trainingsgelände des Militärs getrieben hatte. Schwer schnaufend holte sie aus. Schlag.
      An diesem Morgen hatte das Training den Schrecken ihrer Vergangenheit vertrieben. Wie so oft hatte sie sich in die meditative Routine des Kampfes geflüchtet. Ducken, Tritt.
      Eine Schweißperle lief über ihre Stirn. Fahrig wischte sie sie fort. Schlag, tritt, schlag, ducken, schlag. Schneller, jetzt. Sie schnaufte.
      Ein Blick in den Himmel offenbarte die ersten zaghaften Sonnenstrahlen, die sich über das Stahldach der Kaserne tasteten. Erst langsam, dann immer schneller sprangen sie von Fenster zu Fenster, erhellten die graue Umgebung und tauchten den Innenhof in ein warmes Licht, das über die Kühle des Herbstmorgens hinwegtäuschte.
      Es war Zeit. Camille ging zu dem Rand des Platzes hinüber, an dem sie ihre Jacke achtlos auf den Boden geworfen hatte. Jeder Schritt wirbelte den staubigen Untergrund auf. Heute stand ein großer Einsatz bevor. Bereits am Vortag war Camille darüber unterrichtet worden, dass sie heute eine Evakuation mit Vampirkontakt vornahmen. Sie wunderte sich, ob sie deswegen so schlecht geträumt hatte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.
      Camille zog sich in einer beiläufigen Bewegung ihre Jacke über und straffte ihren Pferdeschwanz, der ihr im Kampfgeschehen die weißblonden Haare aus dem Gesicht halten sollte. Dann packte sie ihre restliche Ausrüstung.
      Mit großen Schritten lief sie über den Trainingsplatz zum Gebäude und betrat einen kahlen Raum, der an solchen Morgen als Versammlungsplatz diente. Stumm reihte sie sich neben einem bereits anwesenden Soldaten ein und nickte zur Begrüßung. Dann wartete sie mit verschränkten Armen darauf, dass sich der Rest des Trupps einfinden würde.
      Sie hörte Antoine am oberen Treppenabsatz etwas rufen. Seine tiefe Stimme hallte durch den leeren Flur und zwang die Soldaten zur Eile.
      Zügig kamen diejenigen nun die schmale Treppe herunter, die noch nicht in Reih und Glied standen, um sich bloß nicht Antoines Zorn einzuhandeln. Camille wusste, dass die Einsätze unter ihm kein großes Kommando beinhielten, dies aber nicht bedeutet, dass es ein leichter Einsatz sein würde. Meist ging es darum, schnell und leise Überlebende zu evakuieren. Außerdem hieß ein Einsatz unter Antoine, dass Vampire vor Ort waren, die es auszuschalten galt. Camilles Griff um ihren eigenen Arm festigte sich. Heute würde Blut fließen. Das Gewicht der Handfeuerwaffe in ihrem Beinholster wog plötzlich um einiges schwerer.
      Ein bekanntes Gesicht schlich hinter der Reihe entlang und ordnete sich unauffällig ein. Evaniya. Sie versuchte wohl ebenfalls heute nicht diejenige zu sein, die Antoines Zorn auf sich zog. Aber da hatte sie sowieso nichts zu befürchten – nach ihr waren noch zwei weitere Soldaten in die Reihe geeilt, die es nicht einmal geschafft hatten, sich ordentlich anzukleiden.
      "Affen sind noch schneller und vor allem verlässlicher als ihr! Wahrscheinlich wieder die ganze Nacht saufen gewesen, was? Ich werde euch das schon noch austreiben.", bellte Antoine die beiden an. Camilles Ausdruck zeugte von schweigender Zustimmung. Sie verstand nicht, wie so viele andere sich jeden Abend den Schädel wegsaufen konnten. Sie tauschten einen kurzen Augenblick der Glückseligkeit gegen die Gefahr, am nächsten Tag nicht im vollen Einsatz ihrer Kräfte zu sein. Sie tauschten einen glücklichen Augenblick gegen Schwäche. Aus dem Augenwinkel musterte Camille die beiden, prägte sich ihre Gesichter ein und machte sich eine mentale Notiz, sich bei dem heutigen Einsatz nicht auf die zwei verlassen zu können.
      Antoine machte die beiden noch etwas weiter zur Sau, aber Camille hörte schon gar nicht mehr richtig zu. Auch die Einsatzdetails flogen an ihr vorbei. Es war jedes Mal dasselbe. Töte, oder werde getötet.
      Aufmerksam wurde sie erst wieder, als Antoine laut befahl: „Ihr fünf vorne, ihr vier hinten. Abrücken!“ Die strenge Reihe löste sich auf. Camille nahm dankbar wahr, dass die beiden Schnarchnasen im vorderen Konvoi fahren würden. Evaniya, zwei weitere flüchtig bekannte Gesichter und sie selbst würden im hinteren Wagen fahren. Wagen bedeuteten, dass ihre Mission sie außerhalb von Paris führen würden. Niemandsland.
      Camille überprüfte mit geübten Handgriffen, ob ihre Ausrüstung vollständig war, schulterte dann ihr Gewehr und warf Evaniya einen Blick zu, der deutlich machte, dass sie auf sie wartete, damit sie zusammen zum Wagen gehen konnten.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.

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    • Ein wenig presste Evaniya die Lippen aufeinander, als sie das Bellen des Einsatzleiters vernahm. Ja, er war heute wirklich ziemlich angepisst, was man auch deutlich an seiner Halsschlagader sehen konnte, welche unter der Tarnjacke deutlich zu sehen war. Zumindest hatte sie bis dato das Glück gehabt nie seinen kompletten Zorn auf sich zu ziehen. Vielleicht lag es auch daran, dass ihre Mutter gut mit ihm gestellt war. Sie wusste es nicht genau und wollte es auch nicht wirklich herausfinden. Erst als er die Truppen nun eingeteilt hatte entspannte sich Eva ein wenig und ließ mit einem erleichterten Seufzen die Schultern ein wenig hängen, bevor sie ihr Gewehr wieder richtig schulterte. War dieses ein wenig tiefer gerutscht, als sie es ertragen konnte.
      Ein paar Schritte machte sie voran, bevor ihr Blick zu Camille wanderte und sich ein Lächeln auf ihre Lippen schlich. War die Hellhaarige heute doch in ihrem Trupp. Dann fühlte sie sich zumindest nicht all zu unbrauchbar unter all den Männern, auch wenn Camille selbst beinahe den kompletten Trupp ablösen konnte. Dennoch war es gut eine weibliche Kameradin bei sich zu haben. So lief sie ein paar Meter, um neben ihr zu sein und gemeinsam in den Wagen zu klettern.
      Langsam heulte der Motor auf, als die Soldaten im hinteren Bereits eingestiegen waren. Einige die Augen geschlossen, die anderen unterhielten sich leise. War es auch nicht verdenklich, vor allem während einer Fahrt ins ländliche Gebiet heraus. Ob sich dort Vampire eingenistet hatten? Oder außenstehende Menschen attackiert hatten? Es war beides nicht zu verdenken. Hatten sie schon viele Gebäude außerhalb gefunden, in welchem sich Vampire niedergelassen hatten. Und Evaniya fragte sich immer wieder, ob diese Bestien vielleicht nicht auch nur ihre Ruhe haben wollten? Doch schnell schüttelte sie den Gedanken beiseite. Wegen diesen Viechern waren sie alle doch hier. Blutrünstige Räuber, die nur in einem unachtsamen Moment darauf warteten ihre Beute zu zerfetzen.
      "....Denkst du...dort sind noch welche?" fragte sie mit leiser Stimmte die Hellhaarige ihr gegenüber, den Blick aus dem Wagen hinaus auf die Straße gerichtet. Der Wagen hinterließ tiefe Reifenspuren im trockenen Boden. Der Teer war außerhalb schon lange verschwunden. Lediglich Kies, Matsch oder trockene Erde war noch zu sehen. Vereinzelte Steine die an den damaligen Randstein und den dazugehörigen Gehweg erinnerten noch daran, dass hier einst eine befahrene Straße gewesen war. "Die Viecher, meine ich." fügte sie genauer an ihrem Satz an. Menschen würden sicherlich keine mehr dort sein, wenn sie schon mit Antoine und einer Truppe los zogen.
    • Camille Durand
      Hätte man sie gefragt, würde Camille sich als einsamer Wolf bezeichnen. Sie kam nicht gut mit anderen klar, legte aber auch keinen Wert darauf, es zu versuchen. Viel mehr zog sie sich zurück und vermied tiefgreifende Beziehungen. Ein selbstauferlegtes Exil.
      Evaniya , jedoch, konnte sie gut leiden. Sie mochte es, dass die junge Frau nicht aufdringlich war und Camille einfach akzeptierte. In ihrer Anwesenheit hatte Camille nicht das Gefühl, dass etwas von ihr verlangt wurde. Über die Jahre hatte es sich eingeschlichen, dass Camille Evaniya zu schätzen gelernt hatte. Wenn sie zusammen im Einsatz waren, suchte Camille schon fast automatisch ihre Nähe. Evaniya war das, was für Camille einer Freundin noch am ehesten gleichkam.
      Schweigend kletterte Camille hinter der Blonden auf die Ladefläche des Wagens und setzte sich ihr Gegenüber. Der Motor heulte langsam auf, der Wagen unter ihr begann zu vibrieren und mit einem Ruck setzte sich das Gefährt in Bewegung. Camille hing ihren Gedanken nach, während die grauen Häuser Paris‘ an ihr vorbeizogen.
      Es war noch immer früh, doch die ersten Leute waren bereits auf den Beinen. Sie gingen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach, machten Platz, wenn der Wagen vorbeifuhr, und sahen ihnen nach. Auch sie wussten, was der Konvoi zu bedeuten hatte. Camille fragte sich, was wohl in ihren Köpfen vor sich ging. Wahrscheinlich galt ihr erster Gedanke des Tages dem heutigen Überlebenskampf. Das Überleben war innerhalb der Mauern der statt zwar einfacher, aber auch hier hing es stark von der Position innerhalb der Rangordnung ab, wie einfach es war.
      Die Räder rollten langsamer, der Wagen kam zu einem Stopp. Sie hatten die Stadttore erreicht. Am vorderen Ende des Konvois riefen sich die Soldaten etwas zu. Camille glaubte, Antoines Befehle zu hören. Dann ertönte ein dumpfer laut, der davon zeugte, dass die schweren Türen über den Boden schliffen. Einen Moment später fuhr der Wagon wieder los.
      Camille beobachtete, wie sich die großen Stahltore hinter ihnen schlossen. Jetzt würde sie kein Frieden mehr schützen. Hier draußen zählte nur, wer der Stärkere war. Wer zuerst tötete.
      Schweigend wanderte ihr Blick von den zerstörten Straßen und der fahlen Umgebung zu Evaniya. Sie schien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen.
      In jedem Einsatz setzten sie ihr Leben aufs Spiel. Mit jedem Mal, bei dem sich die Tore hinter ihnen schlossen, wurde den Soldaten bewusst, was dies bedeutete. Ob Evaniya gerade ähnlichen Gedanken nachhing?
      Camille verlagerte ihr Gewicht, stütze die Arme auf ihre Beine und beugte sich nach vorne. Eine Strähne fiel ihr achtlos ins Gesicht. Wahrscheinlich dieselbe, die sie schon heute Morgen beim Training gestört hatte. Camille ließ sie jedoch gewähren, zog stattdessen ihre Handfeuerwaffe aus dem Holster und entlud das Magazin. Eine Routine, die sich vor jedem Einsatz eingebürgert hatte. Sie zählte die Kugeln, dabei kannte sie die Anzahl schon auswendig. 15 Schuss.
      "....Denkst du...dort sind noch welche?", fragte Evaniya so leise, dass Camille es fast überhört hätte. Ein flüchtiger Blick auf Evaniya offenbarte, dass diese hinaussah. Camille steckte das Magazine wieder ein, wartete, zog es heraus, zählte. "Die Viecher, meine ich.", fügte Evaniya hinzu. Ob sie sich Sorgen machte? Camille hätte gerne etwas gesagt, was Evaniya beruhigen würde, aber in solchen Dingen war sie schlecht und ihr fiel nichts ein. Also beantwortete sie einfach ihre Frage: „Bestimmt.“ Einen Moment hielt sie inne. „Wir passen aufeinander auf, okay?“
      Camille wusste, dass Evaniya es nicht mochte, Vampiren zu begegnen. Oh, die junge Frau konnte kämpfen und sie war sehr gut mit ihrem Gewehr, aber sie ging direkten Konfrontationen lieber aus dem Weg. Normalerweise war Evaniya dafür zuständig, Beute und Überlebende zu sichern und dafür zu sorgen, dass sie es nach Paris schafften. Was ihre Anwesenheit wohl für diesen Einsatz bedeutete? Evaniya hatte sich ein Stück Reinheit bewahrt. Camille bewunderte sie dafür – sie selbst war von der Welt verdorben.
      Sie hielt ihre Waffe noch immer in der Hand, sah aber nun stumm zu Evaniya auf. Würde es heute zu einer Auseinandersetzung mit Vampiren kommen, würde sie besonders auf Evaniya achtgeben. Es galt das letzte bisschen Gute in dieser Welt zu bewahren.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Langsam wanderte Evaniya's Blick zu der Hellhaarigen, als diese mit ihren blauen Augen zu ihr auf sah. Natürlich waren dort welche. Ansonsten würde kaum Antoine die Truppe anführen und noch wären sie nicht in so einem - für ihre Verhältnisse - großen Konvoi unterwegs. Waren einige Soldaten dabei, welche rein für den Kampf gegen diese Biester ausgebildet waren oder sich für diese Tätigkeit qualifiziert hatten. Camille war eine davon. Doch insgeheim hoffte sie, dass es doch nur eine Evakuierung war, auch wenn es wohl nur Wunschdenken sein würde. Ein leises Seufzen entwich ihr, bevor sie die Worte Camille's hörte und ein seichtes Lächeln ihre Lippen zierte. "Ja... Wir passen aufeinander auf." wiederholte sie mit einem Nicken, bevor ihr Blick nun starr auf ihre Hände ruhte. Es hieß wohl eher, dass die Ältere auf sie aufpassen würde. Was konnte sie selbst schon groß ausrichten? War sie doch noch nie einem dieser Bestien begegnet. Sicherlich würde sie wie erstarrt sein und nicht einmal fähig den Abzug zu betätigen. Das wäre natürlich das schlimmste Szenario, welches sich abspielen konnte, doch konnte sich Eva genau so einschätzen.
      Erneut ein leises Seufzen, während ein kurzer Ruck durch den Wagen fuhr, als dieser über etliche Erhöhungen fuhr. Ein Blick aus dem hinteren Teil verriet Eva, dass sie bald da sein würden. Paris war kaum mehr zu erkennen. Um sie herum Feld, welches seit etlichen Jahren schon nicht mehr bestellt wurde. Scheunen und alte Hütten der Bauern, welche sich selbst überlassen wurden und schon in sich zusammen fielen. Perfekt für ein Versteck, wie Evaniya fand. Und beinahe wie aus Reflex festigte sich der Griff um ihr Gewehr. Sie hoffte so sehr, dass sie lebende Menschen finden würde und diese in Sicherheit bringen konnten.
      "Aussteigen!" ertönte die kräftige und tiefe Stimme des Truppenleiters, nachdem der Konvoi hielt. Ein lautes Knallen der vorderen Tür folgte, ehe sich die Soldaten nach und nach aus den Wägen begaben. Auch Evaniya kletterte langsam heraus und landete mit ihren Füßen direkt auf den feucht matschigen Boden, ehe sie ihren Blick über das alte Bauernhaus wandern ließ. Die Fenster waren bereits eingeschlagen. An einigen Scherben klebten etliche Substanzen, darunter sicherlich auch Blut. Das Dach war eingebrochen und die obere Etage hielt nur noch wage. Lediglich der untere Bereich war noch betretbar und kurz konnte Eva schwören, dass sie ein junges Mädchen am Fenster gesehen hatte. Wie dieses zu ihnen sah und schnell verschwand, als sich ihre Blicke trafen.
      "Ihr vier kommt mit mir." riss Antoine die Jüngste aus ihren Gedanken und deutete auf Camille und drei weiteren Soldaten, ehe sein Blick zu Eva und den beiden Verschlafenen wanderte. "Ihr drei seht euch um. Überlebende werden sofort zu den Wägen gebracht. Die Waffen bleiben geladen und schussbereit. Sie könnten noch hier sein." sprach er, bevor er sich in Bewegung setzte. "Vampire werden ohne zu zögern getötet. Schießt ihnen in den Kopf oder enthauptet sie."
    • Camille Durand
      Oh, shit. Evaniya war nicht in Camilles Gruppe. Das war eine Wendung, mit der sie nicht gerechnet hatte. Dennoch wusste Camille es besser, als zu versuchen mit Antoine zu diskutieren. Der Mann war steinhart, was seine Einsätze anging. Wer es wagte, sein Kommando anzuzweifeln, war nicht lange Soldat.
      Evaniya mit den beiden verschlafenen Säufern zusammenzustecken kam in Camilles Augen jedoch einem Todesurteil gleich. Sollten die drei auf Vampire treffen, würden die beiden Männer es nicht lange machen. Zwar waren sie jetzt ausgerüstet, hielten beide ihre Gewehre bereit in den Händen, aber ihren dunklen Augenringen und der schlaffen Körperhaltung war anzusehen, dass sie leichte Beute waren. Wenn Camille dies schon sah, würde es einem Vampir sofort auffallen. Und leichte Beute war gefundenes Fressen.
      Evaniya wirkte neben den beiden Fehl am Platz. Das ungleiche Trio allein loszuschicken war unverantwortlich. Vielleicht sah Camille es auch nur so, weil einer der wenigen Menschen Teil des Trios war, den Camille mochte. Verdammt, das hatte sie doch eigentlich vermeiden wollen.
      Es war ihr nicht anzusehen, aber ihr Entschluss war gefasst. Sie würde unter dem Vorwand des Rückendeckens das Schlusslicht ihres Trupps bilden. Wenn Antoine unaufmerksam war, würde sie sich davonschleichen, sollte ihr Trupp keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt sein.
      Später würde sie einfach behaupten, einen der drei Rufen gehört zu haben. Sie konnte wohl kaum dafür aus dem Trupp fliegen, wenn sie einem Soldaten zur Hilfe eilte, der in Not war. Darüber hinaus konnte es sich die Militärführung Paris‘ nicht leisten, sie rauszuschmeißen. Dafür war sie zu gut.
      Zumindest hoffte Camille das.
      Die anderen drei Soldaten hatten sich bereits bei Antoine eingefunden. Camille war Evaniya einen entschlossenen Blick zu, nickte kurz und drehte ihr dann den Rücken zu, um sich ihrem Trupp anzuschließen. Ob Evaniya ahnte, was sie vorhatte? Eigentlich war es egal. Camille hatte ihren Entschluss gefasst.
      „Der letzte Funkkontakt zu Moreau liegt über eine Stunde zurück.“, Antoine machte eine kurze Pause. Sie wussten alle, was es hieß, wenn sich der Aufklärungstrupp nicht pünktlich auf die Sekunde meldete.
      „Laut seinem letzten Bericht gab es in der Scheune eine Vampirsichtung.“
      „Gab’s eine Bestie?“, das hatte einer der anderen Soldaten gefragt. Ein drahtiger Kerl mit Dreitagebart. Roux.
      Den Gesichtern der anderen Soldaten war anzusehen, dass sie hofften, Antoine würde die Frage verneinen. Auch Camille wäre das lieber gewesen. Aber so viel Glück hatten sie nicht. „Das sollte Moreau in seinem nächsten Bericht durchgeben.“
      Dem Bericht, der niemals kam. Die Chance stand also hoch, dass sich irgendwo auf dem Gelände eine Bestie herumtrieb. Vielleicht hatten sie auch Glück und Moreau war einfach nur unvorsichtig gewesen und von einem normalen Vampir erwischt worden. So makaber das auch klang, wäre es doch der bessere Tod gewesen. Zumindest, wenn sie sich entschlossen hätten, ihn schnell zu töten.
      Camille rechnete nicht damit, dass der Mann noch lebte.
      „Wir durchsuchen zuerst die Scheune.“, lautete Antoines Anweisung. Mit einem Handzeichen gab er ihnen zu verstehen, sich in Bewegung zu setzen und setzte sich an die Spitze ihres Trupps. Stumm, die Gewehre im Anschlag, folgten sie ihm.
      Der Bauernhof bestand aus einem Zusammenschluss von mehreren Häusern. Am auffälligsten war dabei das große Gebäude, in dem schon halb das Dach zusammenfiel. Dieses umrundete Camilles Trupp gerade. Der Boden unter ihren Füßen schmatzte bei jedem Schritt. Es musste vor kurzem geregnet haben. Der matschige Untergrund machte es unmöglich, sie nicht kommen zu hören.
      Hinter dem Haupthaus tat sich ein kleiner Hof auf, der von mehreren Häusern eingefasst wurde. Einige waren größer, andere kleiner. Camille kannte sich mit Bauernhöfen nicht sonderlich aus und wusste die Gebäude in ihren einzelnen Funktionen daher nicht genau zu benennen. Die Scheune, jedoch, erkannte sie.
      Ein riesiges Gebäude am anderen Ende des Platzes. Die dunkelrote Farbe blätterte bereits von dem Holz. Das graue Ziegeldach war an einigen Stellen durchlöchert. Die riesige Doppeltür stand einen spaltbreit offen. Gerade so viel, dass eine Person durchpassen würde, wie Camille beim Näher kommen erkannte. Antoine gab ihnen ein Handzeichen.
      Camille und Roux positionierten sich an der Tür, ein weiterer Soldat hielt seine Waffe auf den Hof gerichtet, während Antoine als erster durch den Spalt schritt, dicht gefolgt von einem zweiten Soldaten. Nacheinander traten sie in das Dunkel der Scheune.
      Tageslicht fiel durch die Löcher im Dach und zeichnete vereinzelte Lichtkreise, in denen der Staub tanzte. Eine spärliche Lichtquelle, die es nicht vermochte, die Dunkelheit aus den hinteren Ecken der Scheune zu vertreiben.
      Getürmte Heuballen lagen herum, niedrige Holzwände unterteilten den Raum an einigen Stellen in kleinere Boxen. Dort mussten sich früher Tiere aufgehalten haben.
      Antoine sammelte mit einem Handzeichen den Trupp. Er gestikulierte einmal und alle verstanden. Wie ein frisch geöltes Laufwerk teilten sie sich in Grüppchen auf und durchsuchten methodisch die Scheune.
      Die Lichter ihrer Gewehre leuchteten in jede noch so dunkle Ecke, suchten hinter jedem Heuballen und zwischen umgestürzten Wänden. Nichts. Camille nickte Roux zu. „Sauber!“, rief er. Vom anderen Ende der Scheune ertönte Antoines Stimme: „Hier drüben!“
      Zügig eilten Roux und Camille zu ihm. Antoine und die anderen standen in einem Halbkreis um einen Haufen aufgetürmte Heuballen herum. Schon beim Näherkommen drang Camille der schwere rostige Duft in die Nase. Blut.
      Ihre Vermutung bewahrheitete sich. Stumm stellte sie sich neben Antoine und betrachtete die Szene, die sich ihr bot. Das Heu war zerwühlt, ein abgebrochenes Holzstück lag auf dem Boden, an seiner Spitze Blut. Wahrscheinlich hatte Moreau seine Waffen verloren und versucht, sich mit dieser behelfsmäßigen Waffe zu verteidigen. Aber nicht nur an dem Holzstück war Blut. Auf dem Boden befand sich eine rote Lache, die Holzbalken um das Heu herum hatten rote Schrammen. Hier hatte ein Kampf stattgefunden.
      „Keine Leiche.“, stellte ein Soldat fest.
      „Keine Leiche.“, wiederholte Antoine lauter.
      „Vielleicht haben sie ihn mitgenommen, und haben es sich im Haus am Essenstisch bequem gemacht“
      „Thomas! Ich bezahle dich nicht dafür, dumme Witze zu reißen!“, ermahnte Antoine den Soldaten. Aber sie alle wussten, dass an Thomas‘ Bemerkung durchaus etwas Wahres dran sein konnte. Zeichen eines Kampfes, keine Leichen, aber auch kein Lebenszeichen über Funk.
      Camille wusste nicht, ob Moreau noch lebte. Sie wusste nur eines: In der Scheune waren die Vampire nicht mehr. Das bedeutete, dass sie sich irgendwo anders auf diesem Grundstück aufhielten – womöglich in dem Haupthaus, dass Evaniya gerade mit zwei nicht einsatzfähigen Soldaten durchsuchte. Das war gar nicht gut.
      „Sir, vielleicht…sind die Vampire schon weg?“, fragte nun ein anderer hoffnungsvoll.
      „Oder sie verstecken sich in einer Dunklen Ecke und warten nur darauf, dich zu fressen.“, gab Thomas zurück. Camille rückte langsam ein Stückchen von der Gruppe ab.
      „Thomas, Muller!“, rief Antoine die beiden zur Ordnung.
      Camille hatte den Heuballen schon so weit umrundet, dass die anderen sie von ihrer Position aus nicht mehr sehen konnten. Leise, aber zügig, steuerte sie den Lichtspalt der offenen Tür an.
      „Mutmaßungen bringen uns nicht weiter.“, hörte sie noch die eindringliche Stimme Antoines‘, bevor sie durch die Öffnung ins Helle schlüpfte.
      Camille zog scharf die Luft ein. Das würde ihr später definitiv Ärger mit Antoine einbringen.
      Dennoch festigte sich ihr Griff um ihr Gewehr. Entschlossen eilte sie auf das große Hauptgebäude zu. Dabei hielt sie sich am Rande des Platzes, um kein leichtes Ziel abzugeben. In der Scheune waren die Vampire zwar nicht mehr, aber Camille lies das Gefühl nicht los, dass sie sich noch irgendwo auf dem Gelände aufhielten. Antoine und die anderen drei konnten aufeinander aufpassen. Anders sah es bei Evaniya und den beiden Volltrotteln aus. Hoffentlich waren die drei nicht schon auf Vampire gestoßen.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Und da war sie nun. Gerade noch hatte sie einen kleinen Hoffnungsschimmer gehabt, dass Camille und sie wirklich zusammen bleiben würden. Nicht, dass sie die Hellhaarige hätte alles allein machen lassen, so war Eva nicht. Doch war es ein leichter Trost in dieser Zeit, wenn sie soetwas wie eine Freundin bei sich hatte, die ihr den nötigen Mut und die Entschlossenheit gab, die sie bei solchen Einsätzen brauchte. Doch nun stand sie hier. Sah Antoine, Camille und den anderen hinterher, während sie selbst mit den beiden Männern den Auftrag hatte sich auf dem restlichen Gelände umzusehen. Die Männer, welche nun zwar wacher zu sein schien, aber sicherlich mit ihren Bewegungen nicht all zu sicher waren. Gar langsamer. Doch wenn sie jetzt ihren Mund auf machen würde, dann würde es nur erneut dazu kommen, dass Antoine's Halsschlagader eine gewaltige Größe annahm und vielleicht sogar drohte zu platzen. Er konnte wirklich ein netter Kerl sein, doch sobald er in einem Einsatz war, wandelte sich sein Charakter um 180 Grad.
      "Dann sollten wir uns mal auf den Weg machen." sprach einer der beiden Männer, welcher der älteste in der Dreiergruppe war. Ebenso ein Ausländer wie Evaniya es war. So viel sie wusste hieß er Alexander Kowalczyk, war 32 Jahre und kam aus Polen. Vor zwei Jahren hatte er sich erst der Truppe angeschlossen. Kam mit seiner Familie nach Frankreich und schlug sich nur noch mit seiner Mutter nach Paris durch. Seine Schwester und sein Vater wurden auf dem Weg von den Bestien überwältigt und nur er und seine Mutter hatten es lebend aber schwer verletzt von ihnen weggeschafft. Schrecklich, wie Eva fand und doch schien Alexander nicht gerade viel von Präzision zu halten. Kam er meist spät in der Nacht zurück in die Kaserne, hörte sie seine schweren und meist wankenden Schritte auf dem Flur, bevor die Tür ins Schloss fiel.
      Ein leises, kaum merkliches Seufzen entwich der Jüngsten, bevor ein Nicken folgte. "Ja... Bringen wir es hinter uns." gab sie von sich, bevor sie sich in Bewegung setzte. Ihr Gewehr hatte sie in den Händen. Geladen und entsichert. Musste sie schnell reagieren, wenn es wirklich zu einer Außeinandersetzung kommen sollte. Mit ihrem PGM 338 hatte sie eine längere Nachladezeit, noch dazu konnte dieses Gewehr nur eine Kugel im Lauf behalten. Das war der Nachteil, wenn man sich auf Präzisionsgewehre spezialisiert hatte, doch sie würde damit klar kommen. Sie musste damit klar kommen. Ihren Blick hatte sie auf das halb zerfallene Gebäude gerichtet. Alexander und der zweite im Bunde dicht hinter ihr, ehe sie langsam die angelehnte Tür aufschob und den Blick auf den staubigen und dreckigen Flur freigab.
      Zwei große Räume gingen je links und rechts davon ab, während die Treppe am Ende des Ganges nach oben führte. Ein Teil von dieser bereits eingefallen und gab nur noch wenige Möglichkeiten um nach oben zu gelangen. Ein leises Husten entwich der Jüngsten, bevor sie ihren Arm hob und diesen vor Nase und Mund hielt. Es roch nach Staub, verwesten Tieren, die sich hier wohl verirrt hatten und nach verbranntem Holz. Beinahe so, als hätte vor kurzem noch der alte Kamin im Wohnzimmer Flammen geworfen. Mit einer kurzen Geste deutete sie Alexander nach links in Richtung der Küche und des Bades zu gehen, um dort nach dem Rechten zu sehen, welcher mit einem stummen Nicken ihrer Aufforderung folgte. Seine schweren Schritte ließen das morsche Holz unter seinen Füßen knarren, was zu Folge hatte, das von der Decke einiges an Staub und Holzstückchen herunter fielen. Sie mussten wirklich aufpassen, um nicht unter dem Haus begraben zu werden.
      Eine weitere Geste folgte, welche dem zweiten Soldaten deutete ins Wohnzimmer zu gehen, um dort nach zu sehen. Eva selbst würde sich nach oben begeben. War sie die kleinste und leichteste der dreien. Sie würde das morsche Holz aushalten, wenn sie langsam und vorsichtig war. Die beiden Männer würden schon an der zerfallenen Treppe scheitern. Tief atmete sie ein und schloss für einen Moment die Augen, um sich zu sammeln. Ein Zurück gab es sowieso nicht. Antoine wäre es sonst, welcher sie hochkant aus der Kaserne und der Stadt werfen würde. Die erste Stufe war geschafft. Ein lautes Knarren unter ihren Füßen, welches sie für eine Sekunde inne halten ließ. Ein weiterer Schritt folgte und noch einer, bis sie bei den letzten 4 Stufen angelangt war, welche bereits zusammen gefallen waren. Lediglich ein schmaler Rand war noch über, auf welchem die junge Frau langsam und vor sichtig kletterte, um sich in die obere Etage zu hieven. "Geschafft..." murmelte sie leise zu sich selbst, als sie nun auf dem staubigen, dreckigen und modernden Holzboden saß. Ein kurzes Klicken war zu hören, als sie ihre Taschenlampe anschaltete. Der Lichtstrahl wanderte durch den dunklen Flur von welchem erneut zwei Türen abgingen. Das mussten wohl die damaligen Schlafzimmer gewesen sein. Ein bedrückendes Gefühl machte sich in Evaniya breit. Was wohl mit der Familie passiert ist, welche hier gelebt hatte? Eine kurze Trauer überkam der jungen Frau, als sie daran dachte, dass Vampire sie gefressen hatten. Es war ein schrecklicher Tod für eine unschuldige Familie.
      Doch kaum war sie in ihren Gedanken und malte sich aus, wie das Leben hier zuvor ausgesehen haben muss, lauschte sie in die Stille hinein. Leise Geräusche drangen an ihr Ohr, welche einer leisen Melodie glichen. Etwas, wie eine alte Spieluhr, welche schon einige Zacken verloren hatte. Zumindest setzte der Ton an einigen Stellen für kurze Zeit aus. Eva legte die Stirn in Falten. Hatte sie in ihrem Leben noch nie etwas wie eine Melodie gehört. War all dies unter den Menschen schon seit etlichen Jahrzehnten verboten worden. Langsam erhob sie sich und wirbelte etwas Staub auf, bevor sie langsam den Flur entlang ging und dem Geräusch folgte. Sie erreichte das damalige Elternschlafzimmer hinter welcher Tür die Melodie etwas lauter zu sein schien. Erneut versicherte sie sich, dass ihr Gewehr entsichert und geladen war. Ja, sie musste nur abdrücken, sollte es nötig sein. Sie wusste nicht, wie lang sie vor der Tür stand. Vielleicht ein paar Sekunden. Ein paar Minuten sogar? Doch letztendlich griff sie nach dem Türknauf und öffnete mit einem leisen Quietschen die morsche Tür. Das Gewehr im Anschlag und bereits zum Schuss, ehe ein leises Wimmern an ihre Ohren drang. Die Tür war nun gänzlich geöffnet und es zeigte sich ihr der dazugehörige Körper des Wimmerns. Ein kleines Mädchen, welches sich in der hintersten Ecke zwischen die Wand und einem Kleiderschrank gequetscht hatte. Mit großen Augen sah sie Eva an, presste die Spieluhr dicht an ihren Körper und presste sich noch etwas weiter an die Wand, woraufhin Evaniya den Lauf der Waffe langsam gen Boden richtete.
      "Ein Mädchen?.... Hey..." sprach sie leise. Sie war kaum älter als 7 Jahre. Ihr Haar sah ihn der Dunkelheit aus, als wäre es Aschblond und ging bis zu ihren Schultern. Eva machte einen Schritt in das Zimmer hinein, nachdem sie sich kurz umgesehen hatte. Sie schien allein zu sein. War sie eine Überlebende? "Hey... Es ist alles gut. Wir bringen dich in Sicherheit." sprach sie mit sanfter Stimmte und einem Lächeln auf den Lippen. Langsam streckte sie ihre Hand nach dem kleinen Mädchen aus, um dieser aus der Ecke zu helfen. Doch dieses starrte sie nur weiterhin an. Das Wimmern wurde leiser, bis es gänzlich verschwand. Die Spieluhr in ihren Armen hatte bereits aufgehört zu spielen, bevor das kleine Mädchen eben jene nach Evaniya ausstreckte. Beinahe so, als würde sie ihr die Spieluhr zeigen wollen. Ein kurzer Laut folgte, bevor sie Eva die Spieluhr nun in die offene Hand legte. Ein seichtes Lächeln bildete sich auf ihrem blassen Gesicht. Eva verstand nicht ganz was hier gerade vor sich ging, doch war die kleine runde Spieluhr wirklich ein schönes Stück. Aufgeklappt fand man ein tanzendes Paar darin. Der Mann in einer Garderobe, die man aus dem Adelshause kannte und die Frau in einem wunderschönen Baroquekleid in gelb. "Das ist wirklich sehr schön... Aber wir müssen hier jetzt-" begann sie. Wollte sie das Kind hier so schnell wie möglich raus bringen, doch wurde sie von einem lauten Knarren und zerspringendem Holz unterbrochen. Die Holzsplitter verteilten sich im kompletten Raum. Nicht nur Evaniya war dabei zusammen gezuckt, sondern auch das kleine Mädchen.
      Langsam nahm Eva ihren Arm herunter, welchen sie sich zum Schutz vor das Gesicht gehalten hatte. Ihre Augen weiteten sich, als sie sah, was die Wand zerstört hatte und nun zwischen ihr und den Mädchen stand. Die spitzen Fangzähne blitzten unter dem Licht der nun am Boden liegenden Taschenlampe auf. Der Mund blutverschmiert, ebenso wie die Kleidung, die er trug. Seine Arme glichen bereits den Flügeln einer gigantischen Fledermaus. Die Augen leuchteten in der Dunkelheit gefährlich und sich nach Blut sehnend auf. Nun verstand sie. Sie waren noch hier gewesen. Und das Mädchen war eines von ihnen. Immer hatten die Erwachsenen gewarnt, dass man sich von Musik fern halten sollte, doch kannte Eva diese nicht. Und das Mädchen, welches so unschuldig aussah. Wer würde schon denken, dass eben jenes Mädchen eines dieser Bestien wäre. Schwer schluckte Eva und ging einige Schritte zurück, den Blick stur auf die Vampire gerichtet. Selbst das Mädchen stand nun wohl neben ihrem Vater, in ihrer Hand ein mit Gold verziertes Röhrchen, bevor sie sich dessen Nadel mit einem lauten Schrei in den Hals rammte. Eva selbst konnte sich nicht bewegen. Sie war wie gelähmt, nachdem sie nun im Rücken die Wand spürte und an dieser herunter sank. Ihr Gewehr zwar noch in den Händen war sie wie erstarrt, um abzudrücken. War das nun ihr Ende?
    • Camille Durand
      So gut es der matschige Untergrund zuließ, schlich Camille an den Gebäuden entlang in Richtung des Haupthauses. Bis jetzt hatte sie noch keine Schüsse gehört. Grundsätzlich bedeutete dies etwas Gutes, aber der ewige Pessimist in ihr konnte nicht umhin zu denken, dass das auch heißen konnte, dass die Vampire den Dreiertrupp so schnell ausgelöscht hatten, dass diese gar nicht dazu gekommen waren, abzudrücken. Wenn das der Fall war, lief auch sie geradewegs in ihren eigenen Tod.
      Diese Gedanken änderten jedoch nichts an ihrem entschlossenen Schritt. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie das Haupthaus endlich umrundet und war an der Tür angelangt, durch die die anderen drei es zweifelsohne auch betreten hatte. Eilig, aber dennoch um Stille bemüht, stieß sie die Tür auf.
      „Durand?“, das war Kowalczyk. Er kam mit Meyer im Schlepptau aus einem hinteren Teil des Hauses. Sofort nahm Camille wahr, dass einer fehlte.
      „Wo ist Evaniya?“
      „Sie wollte oben nachschauen, die Treppen sind zu mor-“
      „Ihr habt sie allein gehen lassen?“, unterbrach Camille ihn ungeduldig. Kowalczyk zog die Augenbrauen zusammen. „Wo ist das Problem? Das machen wir oft so.“
      „Ja, wenn ihr nur als Evakuierungstrupp unterwegs seid!“, wies Camille ihn scharf zurecht. Wie konnte man so blöd sein?
      „Hey wartet mal – hört ihr das?“, unterbrach Meyer sie. Kowalczyk und Camille verstummten. Und tatsächlich – so leise, dass man es kaum hören konnte – eine Melodie. Camille gefror das Blut in den Adern. Das letzte Mal als sie eine Melodie aus unmittelbarer Nähe gehört hatte, waren Menschen gestorben.
      Die Tonfolge kam von oben. Ein schneller Blick auf die Treppe offenbarte, dass das morsche Holz ihr Gewicht nicht halten würde, wenn sie unachtsam nach oben rannte. „Merde.“, entfuhr es Camille leise. Ohne einen Blick zurück machte sie sich daran, die Treppen zu erklimmen.
      Von oben ertönte immer noch die Melodie und trieb sie zur Eile an. „Hey, Durand! Was wird das?“, rief einer der beiden. Aber alles was Camille hörte, war diese verdammte Melodie. Zu fahrig setzte sie einen Fuß auf. Das morsche Holz knackte, ehe es entzweibrach und nach unten stürzte. Hastig stützte sie ihr Gewicht am Geländer, um nicht mit dem Holz zu fallen. Okay, ruhig bleiben. Sie durfte sich von der Melodie nicht verunsichern lassen – das würde nicht nur ihren Tod bedeuten.
      Camille holte tief Luft. Fokus. Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen. Dann ein lauter Knall, als sei etwas durch eine Wand gebrochen. Ruhig bleiben.
      Sie stieg weiter die Treppe herauf, schaffte es, ohne mit dem Gebaut nach unten zu stürzen. Erleichtert atmete Camille aus. „Holt die anderen. Scheune – großes Gebäude hinter dem Haus!“, rief Camille. Von oben hörte sie Kowalczyk und Meyer losstürzen. Es knallte, eine Tür fiel ins Schloss, dann war es still.
      Zu still. Wo war die Melodie?
      Camille drehte sich in Richtung des langen Flurs. Eine Tür am unteren Ende stand offen, ein Loch in der Wand daneben. Anschleichen würde hier nichts bringen – dafür hörten dieser Biester zu gut. Also rannte Camille einfach los. Sie stürmte durch den Flur, duckte sich unter umgefallenen Holzbalken hindurch und sprang über ein Loch im Boden.
      Ein schriller Schrei ertönte, der Camille an Ort und Stelle hätte stoppen lassen, hätte sie ihn nicht schon so oft gehört.
      Dann endlich, nach viel zu langer Zeit, war sie an der offenen Tür angelangt. Die wäre gar nicht nötig gewesen, da direkt neben der Tür ein riesiges Loch in der Wand prangte.
      Camille sah sie sofort - Evaniya! Sie saß an der rechten Seite des Raums am Boden, das Gewehr steif in den Händen, einen starren Ausdruck in den Augen. Vor ihr ein Vampir - eine Bestie. Aber er war nicht allein. Hinter ihm verzehrten sich die sanften Gesichtszüge eines kleinen Mädchens zu einer grotesken Maske aus gebleckten Fangzähnen und glühenden Augen.
      Etwas in Camille machte dicht. Das war kein Mädchen mehr.
      „Evaniya!“, rief sie, um die verängstigte Soldatin aus ihrer Schockstarre zu reißen. Dann, ohne zu zögern, drückte sie ab. Eine Salve löste sich aus ihrem Gewehr und traf den vorderen Vampir. Er kreischte auf, zog seine Fledermausflügel vors Gesicht und stürmte dann auf sein neues Ziel. Camille zückte eines ihrer Wurfmesser, warf es in Richtung der anderen Bestie und duckte sich in derselben Bewegung unter dem Biest weg, die sich auf sie stürzte. Sie sah nicht mehr, ob sie die weibliche Bestie getroffen hatte, da sie nun mit dem Rücken zum Raum stand, hörte aber einen schrillen Schmerzenslaut. Camille hoffte, dass das genug war, um Evaniya aus ihrer Starre zu reißen. Denn mit einer Bestie im Rücken und einer weiteren, die sich gerade aus den Trümmern der Wand kämpfte, die sie statt Camille getroffen hatte, würden Camille allein nicht lange überleben. Einen Blick zurück konnte sie sich nicht leisten. Sie hielt das Gewehr im Anschlag, zielte auf den Kopf der männlichen Bestie und drückte ab. Mit übermenschlicher Schnelligkeit wich diese aus, bleckte die Zähne und stürzte sich erneut in blinder Blutlust auf Camille. Der enge Flur ließ ihr nicht viel Raum – hastig sprang sie zur Seite. Die Klauen der Bestie erwischten sie dennoch. Ein scharfer Schmerz durchfuhr ihren linken Arm und zerriss Kleidung und Fleisch. Blut tropfte auf den Boden.
      Camille keuchte kurz, hob das Gewehr aber gleich wieder an und zielte erneut auf die Bestie. Sie fauchte, befand sich jetzt direkt neben ihr und schlug mit der klauenbesetzten Hand nach ihrem Gewehr. Camilles verletzter Arm gab nach – das Gewehr flog ans andere Ende des Flurs und fiel klaternd die Treppe herunter. Die Bestie bot ihr keine Zeit, darauf zu reagieren, stürzte sich erneut auf sie. Die Luft wich Camille aus den Lungen, als sie hart auf den Boden aufschlug. Den Bruchteil einer Sekunde wurde ihr schwarz vor Augen.
      Das Gesicht der Bestie befand sich Zentimeter über ihrem eigenen. Bereit, zu töten, biss das Vieh in Richtung ihres Halses. Blitzschnell zog Camille ihre Glock aus dem Beinholster, und schoss von unten durch den Gaumen und den Kopf der Bestie. Ein kurzes, schmerzerfülltes Fauchen, ein lauter Knall, Blut auf ihrem Gesicht. Dann sackte das Vieh auf ihr zusammen.
      Camille atmete hörbar aus. Keine Zeit, um ihren Sieg zu feiern. Sie musste nach Evaniya schauen.
      Mühsam fing Camille an, dass tote Gewicht von sich herunterzurollen. Der Sturz und der verletzte Arm gestalteten dieses Unterfangen schwieriger, als es ohnehin schon war.
      Es knarzte laut. Scheiße, der Boden hier würde wahrscheinlich nicht mehr lange halten. Das er den Aufprall der beiden überhaupt überstanden hatte, glich schon einem kleinen Wunder. Aber Camille konnte ihr Glück nicht länger strapazieren – sie musste das Viech von sich runter bekommen. Sie drückte nun kräftiger und tatsächlich rollte das tote Gewicht von ihr herunter.
      Keuchend erhob sie sich. Zwei Wurfmesser, 14 Schuss. Das musste reichen.
      Sie rannte in Richtung des Raumes, in dem sie Evaniya gefunden hatte.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.

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    • Der Anblick, welcher Evaniya sich gerade bot, war wie in einem Traum. Das Gefühl in ihren Gliedern hatte sie bereits verloren, während sie voll Angst und auch mit einem Hauch Faszination zu den beiden Bestien vor sich sah. Alles um sie herum nahm sie nur noch dumpf war. All die Geräusche, das Knurren, das laute Atmen, das Knarren des Bodens. Alles war, als säße sie in einer Taucherglocke. Ebenso wie die lauten Stimmen, welche nach Camille's Ankunft unten zu hören waren. Das kleine Mädchen wuchs dem männlichen Vampir beinahe über den Kopf, während sich all ihre Glieder verkrampfen. Beinahe gequält und mit aufgerissenen glühenden Augen, welche gen Boden gerichtet waren, knurrte und atmete sie schwer vor sich her. So sah eine Transformation aus in jene Bestien, welche lediglich mit Müh und Not von Panzern und Mörsern beseitigt werden konnten. Immer mehr verlor das bis dato kleine Mädchen ihre menschlichen Züge, während der wohl Ältere sie schützte. Doch irgendetwas konnte Eva in seinen Augen sehen. War es Angst? Nein, das konnte nicht sein. Diese Bestien kannten keine Angst. Nur den Drang nach Zerstörung und Blutlust.
      Ein dumpfer Ruf drang zu der Jüngeren. Jemand rief ihren Namen, doch konnte sie ihren Blick nicht von der Szenerie vor sich lösen. Der Kopf des Vampirmädchens glich beinahe schon gänzlich der einer riesigen Fledermaus. Das Fell, welches sich vereinzelt in ihrem Gesicht bildete in einem dreckigen Weiß, während aus ihren Fingern bereits messerscharfe Klauen wurden. Ihr Kreuz wurde breiter, als sie sich nach vorne beugte, riss ihre Kleidung auseinander und entblößte weiteres Fell, welches sich gebildet hatte. Evaniya war wie in einer anderen Welt. Erst als sich die Blicke des ehemaligen Mädchens und ihr trafen, schreckte sie auf. Die Dumpfheit auf ihren Ohren verschwand langsam, ehe ein Schuss zu hören war, gefolgt von einem dumpfen Poltern und darauf folgende Schritte, die in ihre Richtung kamen.
      Das überbliebene Monster kreischte, laut und hoch, sodass Evaniya sich die Ohren zu halten musste, bevor es sich mit einem Stoß in Richtung der noch immer am Boden sitzenden begab. Ihre Fangzähne gänzlich präsentierend und bereits Evaniya mit einem Bissen zu töten, zu zerreißen und sie im gesamten Raum zu verteilen. Schließlich weitere Schritte, gefolgt von einem leisen Klirren und einem abgehackten Atem. Es war wieder so, als wäre alles still. Als wäre die Zeit für einen Moment stehen geblieben. Eva öffnete ihre Augen, die sie bis eben noch geschlossen hielt. Sich dicht an die Wand gepresst und selbst ihr Gewehr zu Boden fallen lassend konnte sie bereits den fauligen Geruch aus dem Rachen der Bestie riechen, als diese mit weit aufgerissenem Maul vor ihr zu halten schien. Blut, welches aus den aufgerissenen Mundwinkeln lief und zu Boden tropfte, bevor sich der Kopf vom Körper löste und Evaniya direkt vor die Füße rollte. Der Körper selbst sackte in sich zusammen, gab ein lautes Poltern von sich, ehe der Boden darunter nachgab und ein großes Loch hinterließ. Ein halber Meter, mehr war es nicht, was vom Holzboden durch die Stützbalken über geblieben war auf welchem die anderen Soldaten ihren Halt fanden.
      Langsam hob die Dunkelblonde ihren Blick und sah zu Camille, welche sogleich von einem der Soldaten verarztet wurde. Sporadisch. Die Wunde wurde mit Alkohol gesäubert und mit einem Druckverband verbunden. Zurück in der Kaserne würde bessere medizinische Hilfe warten. Eva selbst sah nur das Blut, welches an der Hellhaarigen klebte, bevor sie mit einem unsanften Ruck am Arm auf die Beine gezogen wurde. "Was zur Hölle sollte das?!" brüllte Antoine sogleich und hob mit seiner freien Hand den mutierten Kopf der Bestie vom Überrest des Bodens, bevor es diesen direkt vor Evaniya's Gesicht hielt. "Töten oder enthaupten ohne zu zögern! Geht das in deinen dämlichen Schädel nicht rein!?" Erneutes Brüllen, was Eva etwas zusammen zucken ließ, ehe der Truppfenführer die Jüngste aus dem Raum heraus stieß und das Gewehr aufhob. "4 Leute hätten heute sterben können wegen dir! 4 Soldaten! Du mit eingeschlossen! Und du hältst es nicht für nötig deine Arbeit zu erledigen!"
      "Es... Ich..." stammelte sie leise, nachdem sie sich vor einem Sturz fangen konnte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie sah nur noch die Bestien vor ihren Augen und das ganze Blut, welches von Camille ausgegangen war. Und es war alles ihre Schuld gewesen. Sie war Soldatin, verdammt noch mal. Sie hätte abdrücken müssen. Lang genug war sie nun schon dabei und doch konnte sie es nicht. Das Mädchen... Es sah so unschuldig, als wäre es ein Mensch gewesen. Sie hatte Eva sogar berührt, ohne ihr zu schaden. Hatte ihr diese Box gegeben, bevor der ältere Vampir kam. War es vielleicht doch die Angst, die sie dazu trieb sich zu wandeln?
      Doch weiter konnte sie ihre Gedanken nicht führen, fühlte sie erneut einen Stoß an ihrem Rücken in Richtung der Treppen. "In den Wagen. Sofort. Und ihr-" Antoine wandte sich an die übergebliebenen Soldaten. "-seht euch hier noch um. Durand und Krylow werden zurück in die Stadt gebracht. Abmarsch." sprach er weiter. Ein kurzer Blick zu Camille, ehe ein kurzes Kopfnicken in Richtung hinunter ihr deutete, dass sie los sollten. Risiken hatte er für heute genug und wenn es zwei von diesen Bestien gab, wer wusste, ob sich hier noch welche versteckten oder gar zurück kamen.
    • Camille Durand
      Noch bevor Camille Evaniya erreichen konnte, kamen die restlichen Soldaten nach und nach über die morschen Stufen nach oben – Antoine vorneweg. Sobald er die tückische Treppe hinter sich gelassen hatte, stürzte er durch den Flur auf Camille zu. „Da drinnen!“, rief sie und deutete in die Richtung, in der sich Evaniya befand. Antoine fragte nicht weiter, änderte sein Ziel und zog noch im Laufen einen langen Säbel, den er benutzte, um Bestien zu enthaupten. Kurz darauf ertönte ein dumpfer Laut, dann knarzte es laut. Es rumpelte und Camille sah durch das Loch in der Wand, wie die verzehrte Gestalt der Bestie durch die Decke in das Stockwerk darunter stürzte. Antoine hielt seinen blutigen Säbel in der Hand, Evaniya saß noch immer an Ort und Stelle.
      Erleichtert atmete Camille auf. Dann erlaubte sie sich einen Blick auf ihre Wunde zu werfen. Mit einem Mal spürte sie das dumpfe Pochen an ihrem linken Arm überdeutlich. Sie biss die Zähne zusammen, zog die Jacke aus und gab so den Blick auf eine hässliche Kratzspur an ihrem Arm frei. Die Wunde war nicht allzu tief. Weder Muskeln noch Knochen waren zu sehen. Glück gehabt.
      „Was hast du dir dabei gedacht?“, erschöpft blickte Camille auf. Roux nahm ihren Arm in seine Hände, drehten ihn hin und her und betrachtete die Wunde. Sie warf einen Blick an seinem Kopf vorbei. Die anderen Soldaten hatten sich nun alle im oberen Stockwerk eingefunden. Ob der Boden ihr gesammeltes Gewicht wohl aushalten würde?
      Camille zischte. Roux hatte eine kleine Flasche Desinfektionsmittel gezückt und leerte diese gerade über ihrem Arm. „Wahrscheinlich nichts.“, murmelte er vor sich hin, während er konzentriert einen improvisierten Verband um die Wunde legte, um die Blutung zu stoppen. „Geht es allen gut?“, fragte Camille leise. Roux reichte ihr einen Stofffetzen, damit sie sich das Blut vom Gesicht wischen konnte. Camille tat dies, war dabei jedoch achtlos. Aus dem anderen Raum hörte Camille, wie Antoine Evaniya zusammenschiss. Stumm dachte sie bei sich, dass es alleinig seine Schuld war. Menschen wie Evaniya hatten auf eine solchen Mission nichts zu suchen. Er hatte sie einem unnötigen Risiko ausgesetzt, als er sie für die heutige Mission eingeplant hatte.
      „Niemand sonst ist verletzt.“, riss Roux sie aus ihren Gedanken. Er warf einen langen Blick durch das zerstörte Haus in Richtung Antoines Stimme. „Außer du zählst Antoines Puls dazu.“
      Camille nickte. Niemand sonst war verletzt, gut. Evaniya ging es also auch gut.
      Zumindest körperlich, denn Antoine war immer noch damit beschäftigt, sie zusammenzubrüllen. Camille zog die Augenbrauen zusammen und machte einen entschlossenen Schritt auf seine laute Stimme zu – weiter kam sie allerdings nicht. Roux packte sie am Handgelenk ihres unversehrten Arms und schüttelte den Kopf.
      Antoine schien ohnehin fertig zu sein. Er stieß Evaniya aus dem Raum in Richtung Treppe. Sie wirkte immer noch verstört. Die restlichen Soldaten machten Platz. "In den Wagen. Sofort.“, sagte Antoine und stieß Evaniya erneut an. Dann wandte er sich an die übrigen Soldaten. „Und ihr seht euch hier noch um. Durand und Krylow werden zurück in die Stadt gebracht. Abmarsch.", befahl er, blickte zu Camille und gab ihr mit einem Nicken in Richtung der Stufen zu verstehen, dass sie mitkommen sollte.
      „Danke.“, wandte sich Camille an Roux, bevor sie sich durch den Flur zur Treppe begab. Vorsichtig stieg sie hinab und hatte dabei mehr Schwierigkeiten, als sie sich eingestehen wollte. Der harte Aufprall auf dem Holz hatte ihr doch mehr zugesetzt, als sie zunächst gedacht hatte. Morgen früh würde ihr alles weh tun. Aber morgen früh war noch weit weg.
      Schweigend hob sie ihr Gewehr auf, das achtlos am Treppenabsatz lag. Dort würde es niemandem etwas nützen. Außerdem ersparte sie sich so eine Standpauke darüber, besser auf ihre Waffen aufzupassen.
      Momentan war Antoine aber ohnehin mehr auf Evaniya fokussiert. Er schob Evaniya in Richtung der Ladefläche. „Nutz die Zeit und denk‘ darüber nach, was deinetwegen fast passiert wäre.“, jetzt brüllte er nicht mehr. Stattdessen lag eine kühle Resignation in seiner Stimme. Fast klang er enttäuscht. Dann marschierte Antoine stramm zu Fahrertür des Wagens, stieg ein und knallte sie laut hinter sich zu. Camille hievte sich in den Wagen und achtete dabei darauf, ihren linken Arm nicht zu belasten.
      Der Motor erwachte unter ihnen stotternd zum Leben. Langsam setzte Antoine zurück, dann fuhr er den Wagen dieselbe holprige Straße zurück, die sie hergeführt hatte.
      Camille hatte Schwierigkeiten damit, sie so zu positionieren, dass holprige Fahrt ihr keine Schmerzen bereitete. Schließlich gab sie es auf und akzeptierte einfach, dass die Fahrt nach Paris keine angenehmen werden würde.
      Stumm sah sie zu Evaniya herüber. Die Frage, wie es ihr ging, konnte sie sich eigentlich ersparen. Natürlich ging es ihr nicht gut. Also fragte Camille stattdessen leise: „Was ist passiert?“
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Er war wirklich sauer. Mehr als sauer, so wie Eva es deuten konnte, weswegen sie auch lieber den Mund geschlossen hielt. Wollte sie ihn nicht gänzlich zur Weißglut bringen. Kannte sie Antoine mittlerweile gut genug, dass er auch nicht davon zurück schreckte die Hand zu erheben. Und seine Schläge hatten es in sich, das konnte Evaniya bereits sagen. Auch, wenn sie zu ihrem Glück nur ein mal eine bekommen hatte. Damals war sie frisch in Paris angekommen zusammen mit ihrer Mutter. Ihr Vater war bereits gestorben, als sie ein kleines Kind gewesen ist. Sie klebte förmlich an Antoine, vielleicht war dies auch der Grund, wieso er sie am meisten anschrie, wenn sie etwas falsch gemacht hatte? Sie wusste es nicht.
      Langsam trat sie die Treppen hinunter, nachdem sie in dessen Richtung gedrängt wurde. Seine Worte hallten noch immer in ihrem Kopf umher. Ja, sie hätten alle sterben können und das nur wegen ihr. Und Camille wurde sogar verletzt, wegen ihr. Das würde sie sich nie verzeihen. Wollten doch beide aufeinander auf passen und Evaniya selbst war wie erstarrt gewesen. Wenn diese Bestien Camille oder einen der anderen Soldaten zerfetzt hätten. Sie wollte gar nicht daran denken, kniff die Augen zusammen bei dem Gedanken und schüttelte heftig ihren Kopf. Die Bilder wollte sie nicht in ihre Gedanken lassen, das stand fest.
      Sie hörte die schweren Schritte des Truppenführers hinter ihr, ebenso wie die leichteren und doch deutlich schweren Schritte Camille's, welche mit ihr zurück in die Stadt gebracht werden sollte. Sie hoffte inständig, dass keine weiteren Bestien hier waren und die anderen in Sicherheit blieben. Erneut ein Stoß des Älteren, ehe sie leicht, kaum merklich auf seine Worte hin nickte. Gefolgt von einem leisen, kaum hörbaren "Es tut mir so leid", welches durch das Zuschlagen der Wagentüre übertönt wurde. Und ihre Worte meinte sie ernst. Es tat ihr leid. So leid, dass sie es gar nicht beschreiben konnte. Es war ihr egal, ob sie Opfer der Vampire geworden wäre, auch wenn ihr Körper voll Angst erfüllt war. Doch durch ihre Fehler einer ihrer Kameraden zu verlieren würde sie verfolgen.
      Langsam kletterte nun auch Evaniya in den Wagen. Das Gewehr, welches Antoine ihr zurück in die Hände gedrückt hatte, legte sie beinahe schon achtlos auf die Sitze, ehe ihr Blick zu Camille wanderte. Durch ihre Verletzung muss es anstrengender sein in den Wagen zu kommen, weswegen die Jüngere sogleich einschritt. Vorsichtig den gesunden Arm ihrer Freundin greifend half sie ihr hinein, bevor der Wagen daraufhin auch schon los fuhr. Ein Ruck entstand, gefolgt von einem leisen Knarren, als der Gang wohl etwas zu spät eingelegt wurde. Antoine war noch immer sauer, das zeigte sich deutlich durch seinen Fahrstil. Und verübeln konnte sie es ihm nicht.
      Schweigend saß sie nun da, ihre Hände auf ihrem Schoß gebettet und den Blick auf eben jene gerichtet, bis sie nach einige Zeit die leise Stimme der Hellhaarigen an sie gerichtet wahrnahm. Langsam hob sie den Blick und sah geradewegs in die blauen Augen, bevor sie diesen jedoch ebenso schnell wieder auswich. Fühlte sich Eva Camille zu schuldig gegenüber, um ihr in die Augen sehen zu können. "...Es ging alles so schnell. Ich dachte... Ich dachte sie wäre ein Kind, das zurück gelassen wurde." Eine leise Antwort nach einiger Zeit des Schweigens. Ging ihr der Anblick des Mädchens nicht aus dem Kopf. Sie war so menschlich ihr gegenüber, bis alles außer Kontrolle geriet. Auch wenn es nie unter Kontrolle gewesen war.
    • Camille Durand
      Evaniyas Körpersprache zeugte davon, dass sie das Geschehen selbst noch nicht verarbeitet hatte. Sie saß in sich zusammengesackt da, ließ den Kopf hängen und hielt den Blick gesenkt. Erst als Camille sie ansprach, hob sie langsam den Kopf, bis sich ihre Augen trafen. Schnell wich sie Camilles Blick jedoch aus. Zu schnell, als das Camille an ihrem Ausdruck hätte ablesen können, was in der Anderen vorging. Aber Camille brauchte ihren Ausdruck gar nicht zu sehen. Sie ahnte, wie schuldig sie sich fühlte. Antoine hatte sie ordentlich zusammengefaltet.
      Evaniya antwortete nicht sofort. Fast hätte man denken können, dass sie Camilles Frage nicht gehört hatte. Doch sie hatte durch ihr Aufsehen zu verstehen gegeben, dass sie Camille sehr wohl gehört hatte und so wartete Camille geduldig.
      Antoine fuhr über ein besonders tiefes Schlagloch, der Wagen machte einen heftigen Satz, der die beiden Frauen auf seiner Ladefläche fast von ihren Sitzen in die Luft hob. Camille kniff kurz schmerzerfüllt die Augen zusammen.
      Klar, Antoine war wütend, aber konnte er nicht etwas vorsichtiger fahren? Nicht nur Camille würde es ihm danken, auch die Wagen waren nicht die stabilsten. Sie hatte keine Lust so weit von Paris zu stranden. Schon gar nicht, wenn Antoine so schlecht gelaunt war.
      Nach einer kleinen Ewigkeit brachte Evaniya es dann doch über sich, zu antworten. "...Es ging alles so schnell. Ich dachte... Ich dachte sie wäre ein Kind, das zurück gelassen wurde.“, raunte sie, ihr Blick noch immer abgewandt. Camille betrachtete sie stumm einen Augenblick, nickte verständnisvoll und sah dann auf ihre eigenen Hände.
      Kinder zu töten war grausig. Sie konnte sich noch bildlich an das erste Vampirkind erinnern, dass sie hatte töten müssen. Ihr Hände fingen kaum merklich an zu zittern. Ein Schatten huschte ihr übers Gesicht, ihr Ausdruck verhärtete sich. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Camille sah von ihren geballten Fäusten auf, öffnete die Handflächen und verschränkte ihre Finger miteinander, aus Angst, sie könnten erneut verräterisch anfangen zu zittern. Statt auf die Geister ihrer Vergangenheit, konzentrierte sie sich auf das hier und jetzt – auf Evaniya.
      Ein Mädchen, also. Camille erinnerte sich, dass sie für einen kurzen Augenblick die kindlichen Züge des Mädchens gesehen hatte, als sie Evaniya zur Hilfe geeilt war. Aber nur einen Augenblick – denn dann hatte sich ihre unschuldige Miene in die einer Bestie verwandelt. Ab diesem Zeitpunkt war es für Camille kein Mädchen mehr gewesen. Ob das Mädchen extra so getan hatte, als ob es ein zurückgelassenes Menschenkind sei, um Evaniya in eine Falle zu locken?
      Camille stutze. Da war nicht nur das Mädchen gewesen. Davor, bevor sie das Mädchen gesehen hatte – da war etwas anderes gewesen.
      Musik.
      Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete Camille Evaniya. Sie musste es auch gehört haben. Wahrscheinlich hatten die Vampire sie damit gelockt. Wieder fand Camille sich in ihrer Abscheu für Musik begründet. Aus ihr erwuchs stets Unheil, Blut und Tod.
      Zu gerne hätte Camille Evaniya weiter ausgefragt, aber sie hielt ihre Neugier im Zaum. Der jüngeren war deutlich anzusehen, dass sie selbst schwer mit dem zu kämpfen hatte, was passiert war und so ließ Camille davon ab, sie die Situation erneut durchleben zu lassen.
      Wieder fand sie sich in der Position, Evaniya beruhigen zu wollen. Und wieder wusste sie nicht wie.
      Also schwieg Camille, wartete darauf, dass Evaniya vielleicht von sich aus reden würde und bot einfach nur stumm Kompanie an, damit Evaniya nicht alleine war.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Langsam schlang Evaniya ihre Arme um sich selbst, die Beine leicht an ihren Körper gezogen und den Kopf von Camille weg gedreht. Sie konnte ihr einfach nicht ins Gesicht sehen. Zu viele Gedanken vermischten sich gerade in ihrem Kopf, als das sie klar denken konnte. Sie wusste selbst nicht genau, was passiert war. Was sollte sie ihr also sagen? Sie war einfach zu nutzlos für solche Aufträge. Das einzige was sie konnte, war Menschen zu evakuieren. Richtige Menschen mit warmen Blut in sich. Menschen, die nicht zu Bestien werden, wenn sie sich etwas in den Hals jagten. Doch waren diese Vampire nicht auch irgendwie menschlich? Die Augen waren doch der Schlüssel zur Seele. Konnten nicht lügen. Und Eva war sich sicher, dass sie Angst in den Augen der beiden gesehen hatte. Das Mädchen zuvor war schon so verängstigt in der Ecke gesessen. Verhielten sie sich so, wenn sie auf der Jagd waren? Doch wieso gab es ihr dann diese Box? Die Box, welche so schöne Klänge von sich gegeben hatte, die Evaniya noch nie in ihrem Leben gehört hatte.
      Ein wenig legte sie ihre Stirn in Falten. Dachte darüber nach. Hatten sie vielleicht wirklich Angst gehabt? Angst vor Menschen mit den Gewehren und wollte dieser männliche Vampir nur seine Tochter schützen, wie es die menschlichen Eltern normalerweise taten? Fragen über Fragen schossen Eva durch den Kopf, welche ihr langsam Schmerzen bereiteten. Und die heuprige Fahrt in dem alten Wagen machte es nicht gerade besser. All das Quietschen und Knarren der Achsen und des Blechs um sie herum. All die lauten Geräusche sorgten nur mehr dafür, dass das Pochen in ihrem Kopf stärker wurde. Langsam hob sie ihre Hand, rieb sich ihre Schläfe und lehnte sich gegen die kalte, eiserne Stützstange, die den hinteren Teil stabilisierte.
      Die weitere Fahrt über schwieg die Jüngere. Wusste sie einfach nicht, was sie sagen sollte. Was sie tun sollte. Wie sie Camille unter die Augen treten konnte, nachdem sie sich so in Gefahr begeben hatte. Erst, als der raue Ton Antoine's zu hören war, gefolgt von den Geräuschen der schweren Türen, welche geöffnet wurden, sah Eva nach draußen. Sie waren zurück. Zuerst müsste sich Camille ihre Wunde ansehen lassen und Evaniya würde dafür sorgen, dass es ihrem Arm wieder gut gehen würde. Das hatte sie sich fest vor genommen, auch wenn es all das nicht gut machen würde. Als der Wagen zum stehen kam griff sie langsam nach ihrer Waffe, zuckte ein wenig zusammen, als sie das laute Knallen der Türe hörte, nachdem der Truppenführer ausgestiegen war. "Sani sofort zu Durant!" hörte man ihn rufen, bevor auch schon einer der Sanitäter aus der Kaserne gestürmt kam. Einer der wenigsten, welcher auf Kommando abrufbereit reagierte und binnen Sekunden an Ort und Stelle war.
      Ein recht dürrer junger Mann, ungefähr in Camille's Alter, welcher eine Brille auf seiner Nase trug. Auf seinem Arm war das rote Kreuz zu sehen, welches ihn als Sanitäter auszeichnete. Mit schnellen Schritten war er bei Camille angelangt, begutachtete mit einem kurzen Blick den sporadisch angelegten Verband, bevor er wissend nickte. "Geh schon mal ins Krankenzimmer. Ich kümmere mich umgehend darum." ließ er sie wissen, bevor sein Blick zu Eva wanderte. Ein kurzes Kopfschütteln kam von der Kleineren, den Blick betroffen zu Boden gerichtet. Sie war nicht verletzt. Somit konnte sich der Sanitäter, welcher auf den Namen Rémi Faure hörte, gänzlich um die Verletzte kümmern. Sogleich lief er zurück in die Kaserne, richtete alles her, was er für die Wunde brauchte. Sie blutete Stark, doch schien die Hellhaarige den Arm noch bewegen zu können, weswegen Rémi sogleich wusste, dass es im schlimmsten Fall nur eine Fleischwunde war, welche mit einigen Stichen genäht werden musste.
    • Camille Durand
      Evaniya schwieg und Camille kam sich nutzlos vor.
      Die jüngere schlang ihre Arme um sich und sah überallhin – nur nicht zu Camille. Brauchte sie vielleicht eine Umarmung? Eine alberne Bemerkung? Jemanden, der ihr Trost spendete?
      All das hätte Camille gerne getan, doch es kam ihr unangebracht vor, also schwieg auch sie. Manchmal reichte es schon, einfach nur da zu sein. Noch sicherer war sie sich, das Schweigen besser war als die falschen Worte – und die richtigen würde sie nicht finden.
      Also wandte auch Camille ihren Blick wieder ab. Kurz sah sie auf ihre verschränkten Finger, hob aber schnell wieder den Blick, da deren eigener Verrat sie an Dinge denken ließ, die sie schon vor Jahren in eine Kiste gestopft und in einer dunklen Ecke ihres Bewusstseins abgestellt hatte. Vielleicht war es kein so gutes Versteck gewesen, wie gedacht.
      Camille konzentrierte sich auf die Geräusche des Wagens, das Knarren der Achse, die kleinen Ruckler, wenn Antoine in seiner Wut nicht schnell genug schaltete, das Holpern, wenn sie über eine Unebenheit fuhren. Sie nahm, was sie kriegen konnte, solange es sie von ihren eigenen Gedanken rettete.
      Entgegen ihrer Erwartung, dass Antoines Fahrstil den Wagen außerhalb von Paris schrotten würde, schafften sie es ohne einen weiteren Zwischenfall zu den Toren der Stadt.
      Das Gefährt kam langsam zum Stehen. Antoine rief etwas, das schleifende Geräusch des Tores ertönte und einen Augenblick später setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Seit ihrem Einsatz waren einige Stunden vergangen. Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt, während der Wagen sie durch die Straßen Paris‘ geradewegs zur Kaserne brachte.
      Dort stoppte er endgültig. Der Motor verstummte, auf der Vorderseite wurde eine Tür geknallt. Der Intensität des Lautes nach war das Antoine gewesen und er schien sich immer noch nicht komplett beruhigt zu haben.
      „Sani sofort zu Durand!“, rief er.
      Camille war gerade damit beschäftigt, zum Ende der Ladefläche zu rutschen und sprang aus dem Wagen, als Rémi aus der Kaserne gestürmt kam. Er hatte Camille schon oft verarzten müssen und so wusste sie, dass er, trotz seiner hageren Erscheinung, der schiefsitzenden Brille und den zerzausten Haaren der beste Sanitäter war, den sie in Paris hatten. Zumindest diesseits der Seine. Da Camille ihre Jacke nicht mehr übergezogen hatte, sah er den Verband an ihrem Arm sofort, begutachtete ihn kurz und nickte wissend. Camille kannte die Routine, bewegte den Arm, noch bevor er fragen konnte, ob sie ihn noch spürte. Diesmal nickte er zufrieden. Rémi konnte das gut – mit einem Nicken tausend verschiedene Dinge ausdrücken.
      "Geh schon mal ins Krankenzimmer. Ich kümmere mich umgehend darum.", wies er sie an und wandte seine Aufmerksamkeit dann zu Evaniya. Sie schüttelte den Kopf und sah betreten zu Boden. Rémi verstand sofort und eilte zurück in die Kaserne, bevor Camille sich überhaupt in Bewegung setzen konnte, um seiner Anweisung nachzukommen.
      Camille warf einen schnellen Blick auf Evaniya.
      „Ist nicht meine Schusshand.“, rutschte es ihr heraus. Ein unbeholfener Versuch, Evaniyas Gewissen wenigstens etwas zu erleichtern. Dann zwang sie sich, Rémi zu folgen. Ihr war klar, dass die Wunde genäht werden musste. Sich davor zu drücken, brachte nichts.
      Die Anästhetika wurden nur für die harten Fälle aufgehoben – und das war die Wunde an ihrem Arm definitiv nicht. Also Augen zu und durch.
      Die grelle Beleuchtung des Krankenzimmers empfing Camille. Sie kniff die Augen zusammen, hatte sie sich trotz ihrer zahlreichen Besuche an diesem Ort doch nie so ganz an das künstliche Licht gewöhnen können. Ein dumpfer Schmerz breitete sich hinter ihrer Schläfe aus und mit einem Mal fühlte sie sich erschöpft.
      „Setz dich, setz dich.“, Remi stand mit dem Rücken zu ihr und wühlte auf dem Tisch vor sich herum. Wahrscheinlich bereitet er gerade alles vor, was er für das Nähen der Wunde brauchen würde.
      Schicksalsergeben setzte Camille sich auf die bereitstehende Liege und machte sich daran, den Stofffetzen von ihrem Arm zu lösen. Ohne den behelfsmäßigen Verband, der auf die Wunde presste, pochte ihr Arm doppelt so stark wie zuvor. Blut tropfte auf den weißen Boden. Die dunkle Farbe zeichnete einen starken Kontrast zu der Kälte der Fliesen. Camille konnte nicht umhin zu denken, dass es schön aussah.
      Rémi zog sich einen Stuhl heran, stellte ihn an die Liege und setzte sich. Er nahm Camilles Arm vorsichtig in beide Hände und betrachtete die nun freigelegte Wunde. Kurz nickte er. „Keine Muskeln getroffen. Spürst du deine Finger?“
      Vorhin hatten diese schon verräterisch gezittert, aber das wusste Rémi nicht. Also ließ sie ihre Finger kurz wackeln. „Gut. Desinfiziert?“
      Camille nickte.
      „Dann sollte eine Infektion ausbleiben“, sagte er mit einem schnellen Blick auf den unsanitären Stofffetzen, der jetzt am Boden lag. „Das könnte kurz brennen“, warnte er und kippte im selben Atemzug Desinfektionsmittel über ihren Arm. Camille kiff kurz die Augen zusammen, gab aber keinen Laut von sich. Im Vergleich zu anderen Schmerzen, die sie schon hatte leiden müssen, war ein wenige brennen auszuhalten. Vor allem, wenn dies bedeutete, dass sie besser heilen würde. Der unangenehme Part stand ihr außerdem noch bevor. Dasselbe dachte wohl auch Rémi. Er nahm eine Nadel von dem kleinen Tisch neben sich in die Hand. „Das wird jetzt wahrscheinlich etwas mehr als nur ein bisschen brennen.“, in seiner Stimme schwang das schlechte Gewissen deutlich mit und in seinen Augen lag ein entschuldigender Ausdruck. Rémi sah seine Patienten nicht gerne leiden, aber Anweisungen waren Anweisungen. Anästhetika nur bei den harten Fällen.
      Camille schluckte, zog die Augenbrauen zusammen und nickte.
      Rémi verharrte kurz mit der Nadel über der Wunde. Aber sie wussten beide, was getan werden musste. „Tu’s einfach“, sagte Camille.
      Der erste Stich war immer der schlimmste. Camille entfuhr ein Keuchen, dann biss sie die Zähne aufeinander und suchte sich einen Punkt am anderen Ende des Raums, den sie starr fokussierte.
      Auf ihrer Stirn sammelte sich der Schweiß. Beim zweiten Stich vermochte man schon gar nicht mehr zu sagen, wo er gesetzt wurde.
      Der dritte Stich war nicht mehr zu spüren, da bereits ihr kompletter Arm in Flammen stand.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Evaniya sah der Verletzten hinterher. Noch immer machte sie sich große Vorwürfe. Es hätte alles viel schlimmer ausgehen können. Die Lippen aufeinander gepresst spielte sie mit ihren Fingern, kratzte an ihrer Haut und biss sich die trockenen Lippen auf, während ihr Blick ins Leere ging. Eine Weile blieb sie stehen. Die Blicke der vorbeigehenden Soldaten ignorierte sie oder bekam sie besser gesagt gar nicht mit. Auch nicht, wie einer der Soldaten sie ansprach. Nur dumpf nahm sie die Stimme war und erst, als sie berührt wurde, zuckte sie merklich zusammen. Ihr Blick schnellte zu dem gut einen Kopf größeren Franzosen, welcher ihr einen recht verwirrten Blick zuwarf. "Krylow, alles ok mit dir? Du stehst seit einer halben Stunde hier." erkundigte er sich. Seine Hand lang auf ihrer Schulter. War er beinahe Zeitgleich mit Camille und Eva zurück gekehrt, jedoch von einem anderen Einsatz auf der anderen Seite Paris'. Wusste er nicht, was passiert war und auch nicht, dass Sie heute das Pech hatte in Antoine's Trupp zu sein. Nur die Blutspritzer, welche ihre Kleidung, ihr Gesicht und das Gewehr zierte verrieten ihm, dass es wohl keine Evakuierung gewesen war.
      Noch immer schwieg sie eine Weile, bis sie seine Worte richtig verstand. Es war noch immer, als wäre ein Nebelschleier um die Jüngere, bevor sich dieser langsam legte und die bittere Realität zum Vorschein kam. ".....Vampire...." murmelte sie schließlich als Antwort, als sie ihre Stimme gefunden hatte. Deutlich veränderte sich der besorgte Blick des Soldaten - sein Name war Laurent Dubois - in einen undeutbaren. Eine Mischung aus aufkommende Wut, kurz aufblitzende Angst und deutlich mitschwingende Erleichterung. Eva kannte den Franzosen schon, seit sie ihre Ausbildung begonnen hatte. Einer der wenigen, mit welchem sie sich verstand, doch nie viel zu tun hatte. Sahen die beiden sich meist nur beim gemeinsamen Essen in der Kantine. Waren sie immer in einer anderen Truppe und nie miteinander unterwegs. Dies lag auch daran, dass Dubois zu einem der Einsatztruppen gehörte, die gezielt Jagd auf die Bestien machte und nicht nur per Zufall auf sie traf.
      "Ist jemand gestorben?" konnte sie seine Frage hören, welche sie mit einem leichten Kopfschütteln verneinte. "Nein, aber..." begann sie, wurde jedoch unterbrochen und von dem Größeren für einen Moment in den Arm genommen. "Dann mach nicht so ein Gesicht. Verletzungen heilen. Solang niemand tot ist ist es nur eine weitere Lehre." sprach er zu ihr. Und er wusste, wie schwer sich Evaniya tat, wenn es wirklich darum ging ihre Waffe gegen Lebewesen zu benutzen und wusste er auch genau wie schwer es war bei der ersten Begegnung mit einem Vampir. "Ruh dich etwas aus. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus." Ein sanftes Lächeln, als sich der Arm um die Kleinere löste und die Hand den Platz auf ihrem Kopf fand. "Und ignorier Antoine. Er ist nur so, weil er untervögelt ist." scherzte er nun, was Eva auch ein seichtes Lächeln auf die Lippen brachte. Manchmal war es wirklich so, als würde dem Truppenführer eine Frau fehlen. "Wir sehen uns heute Abend beim Essen. Ich muss nun wieder los." gab er von sich, strich ihr über den Kopf und hob die Hand. War sie für ihn schon beinahe soetwas wie eine kleine Schwester geworden, auf die er aufpassen musste. Ebenso wie Laurent wie ein Bruder für Evaniya geworden war, den sie nicht enttäuschen wollte. Ebenso wenig, wie sie Camille enttäuschen wollte. "Bis heute Abend..." verabschiedete auch sie sich, winkte ein wenig und sah ihm hinterher. Ein leises Seufzen entwich ihr, bevor sie sich nun langsam auf den Weg in ihre Kammer machte.
      Die Tür hinter sich geschlossen lauschte sie für einen Moment die Stille. Waren die Geräusche und Gespräche der Soldaten von jetzt auf gleich durch die Stahltür wie ausgesperrt. Ihr Gewehr stellte sie an der Wand ab. Gesichtert und entladen, man konnte ja nie wissen, bevor sie sich schließlich auf die Pritsche setzte. Das fahle Licht, welches durch die zugezogenen Vorhänge fiel erhellte nur einen Teil des kahlen Holzbodens, während sowohl der alte Kleiderschrank, der halb vermoderte Schreitisch und das Bett noch im Schatten des Zimmers lag. Ein tiefes Seufzen folgte, ehe sich Eva nach hinten fallen ließ, den Blick gen Decke gerichtet. "Ich hoffe es ist wirklich nicht schlimm." murmelte sie, als ihre Gedanken zurück zu Camille wanderten. Die Wunde sah sicherlich schlimmer aus, als sie wirklich war und doch hoffte Eva inständig, dass höchstens eine Narbe zurück bleiben würde. "Nächstes Mal muss ich mich zusammen reißen. Ich muss abdrücken, wenn so etwas ist." ermahnte sie sich, während ihre Hände auf ihrem Bauch ruhten. Ein leichtes Stirnrunzeln, bevor sie sich wieder aufrichtete und in ihre Jackentasche griff. Heraus holte sie die kleine Box, welche das Vampirmädchen ihr gegeben hatte. "...Wieso hast du mir das gegeben?" fragte sie die nun Tote leise, wusste genau, dass sie keine Antwort bekam. Sie presste die Lippen aufeinander, starrte die Spieluhr eine Weile an, bevor sie langsam, mit leicht zitternder Hand den Deckel öffnete und das tanzende Paar sich zeigte. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Wusste sie selbst nicht, wieso sie bei dem Anblick lächeln musste. Beinahe wie von selbst zogen ihre Finger die kleine Spieluhr auf. Leises Kratzen ertönte, als das kleine Zahnrad sich aufdrehte, bevor sich das Paar anfing zu drehen und die leise und etwas aussetzende Melodie von heute Morgen ertönte. Es hatte etwas beruhigendes an sich. Etwas, dass Eva die Augen schließen ließ. Ihren Kopf wie leer fegte. Und langsam legte sie sich auf die Seite, die Spieluhr neben sich auf der dünnen Matratze, während sie den leisen Tönen lauschte.
    • Camille Durand
      „So.“, raunte Rémi, legte die Nadel beiseite und nahm sich ein Stück sauberen Verband. Er beugte sich ein letztes Mal konzentriert über die frisch genähte Wunde und legte mit schnellen Fingern den Verband an. Dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück, betrachtete sein fertiggestelltes Kunstwerk und nickte zufrieden. „Fertig.“
      Camille wusste, was er als nächstes sagen würde, also kam sie ihm zuvor. „Jaja, ich weiß. Nicht belasten, täglich den Verband wechseln, wenn möglich“, was nie möglich war, aber von Rémi jedesmal erwähnt wurde „ und kein Training.“, woran sie sich eh nicht halten würde. Sie beide wussten das alles, dennoch nickte Rémi. Er nickte wirklich viel. „Es ist schon fast ein bisschen besorgniserregend, dass du das alles auswendig weißt.“, die Brille auf seiner Nase wurde mit einer schnellen Bewegung hoch gerrückt. „Ich hoffe wirklich, dass wir uns weniger sehen.“ Auf Rémis verquerte Art wollte er ihr damit sagen, dass er hoffte, dass sie sich weniger verltzen würde und daher nicht so oft im Krankenzimmer landen würde. Aber auch dies, wie sie beide wussten, würde nicht der Fall sein.
      Camille schwang die Beine von der Liege und landete auf den Füßen. Mit einer Hand wischte sie sich fahrig den Schweiß von der Stirn. Ihr linker Arm schmerzte, aber es war deutlich besser, als der Schmerz währenddes Nähens.
      „Danke“, sagte sie. Rémi nickte zustimmend und war bereits dabei, seine Utensilien zu reinigen.
      Rémis und Camilles Beziehung war seltsam. Sie würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass sie Freunde waren, aber zwischen ihnen herrschte dennoch eine Art stummer Einvernehmlichkeit.
      Sie wusste nicht wohin ihre Füße sie trugen, als sie das Krankenzimmer verließ. Aber still sitzen konnte sie nicht, also lief sie einfach los und dachte nach.
      Für Evaniya hatte Camille ihre Gruppe für verlassen, was ihr eigenen Überlebenschancen und die der Gruppe gemindert hatten. Andererseits hätte Antoine Evaniya niemals mit Kowalczyk und Meyer zusammenstecken dürfen – ganz klar. Überhaupt wusste Camille nicht, warum Evaniya mit im Trupp gewesen war, wenn die letzte Funkmeldung eindeutig von einer Vampirsichtung gesprochen hatte – und dies vor allem die letzte Meldung geblieben war. Man konnte darüber streiten, ob sie heute Evaniyas Leben gerettet hatte. Letztlich hatte Antoine die Bestie enthauptet. Aber ob Antoines Gruppe, ihre eigentliche Gruppe, rechtzeitig da gewesen wäre, wenn sie Meyer und Kowalczyk nicht gesagt hätte, sie sollten die anderen holen?
      ...Warum zerbrach Camille sich so den Kopf darüber? Sie hatte sich doch fest vorgenommen, niemanden an sich ranzulassen, keine Beziehungen einzugehen. Und doch machte sie sich Sorgen um Evaniya.
      Ihre Füße hatten Camille die Entscheidung schon längst abgenommen, dennoch fasste jetzt auch ihr Kopf einen Beschluss.
      Scheiß drauf. Sie würde kurz nach Evaniya schauen.
      Mit strammen Schritten steuerte Camille auf den Wohnblock der Kaserne zu und hing dabei weiter ihren Gedanken nach.
      Die Schuld, wenn man denn überhaupt von einem Schuldigen sprechen konnte, lag hier ganz klar bei Antoine, oder wer auch immer den Trupp eingeteilt hatte. Camille schnaufte. Paris funktionierte, aber sie hielt dennoch nicht fiel auf die Führung der ehemaligen französischen Hauptstadt. Sie war nur hier, da es das Einzige war, was sie gut konnte – kämpfen. Und weil Adam sie hergebracht hatte.
      Adam. Bei dem Gedanken an den älteren Mann runzelte sie kaum merklich die Stirn, ihre Schritte verlangsamten sich, büßten aber nichts an Entschlossenheit ein.
      Adam befand sich gerade auf einem mehrtägigen Außeneinsatz. Er hatte einige der fähigsten Soldaten dabei. Als sie ihn darum gebeten hatte, mitkommen zu dürfen, hatte er sich jedoch geweigert. Camille war nicht so dumm gewesen, ihm dies vorzuhalten und sich deswegen nicht von ihm zu verabschieden. „Pass auf dich auf“, hatte sie gesagt, sich zu einer Umarmung hinreißen lassen und dem Wagen nachgesehen, als sich die Tore der Stadt hinter ihnen geschlossen hatten. Warum Adam sie nicht dabeihaben wollte, wusste sie nicht. Wahrscheinlich hatte es etwas mit seinem Beschützerinstinkt ihr gegenüber zu tun. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass er befürchtete, sie könnte sich von der Gruppe entfernen oder Einzelaktionen bringen – damals war sie über seine Ablehnung frustriert gewesen. Heute konnte sie es schon ein Stückchen besser verstehen.
      Dennoch war sie der Meinung, dass ihre Entscheidung die richtige gewesen war. Sollte Antoine sie darauf ansprechen, würde sie nicht zögern, dass deutlich zu machen.
      Camille stieg über die wackelige Treppe nach oben und befand sich in einem langen Gang, von dem mehrere Türen abgingen. Sie wusste genau, welche davon zu Evaniya gehörte. Vielleicht hatte sie ja Glück und ihre Vermutung, dass Evaniya auf ihre Kammer gegangen war, würde sich bewahrheiten.
      Vorsichtig klopfte sie an die Tür. Zu dieser Tageszeit war in der Kaserne nicht viel los. Die meisten Soldaten waren unterwegs und es war sehr ruhig in dem Gebäude. Daher kam es, dass Camille glaubte, leise Töne hinter der Tür zu vernehmen.
      Camille lief ein kalter Schauer über den Rücken, ihr Körper spannte sich an. Vielleicht bildete sie sich das nur ein. Ein Überbleibsel in ihrem Ohr aus dem Bauernhaus. „Evaniya?“, rief Camille und hämmerte nochmals gegen die Tür. Sie presste die Lippen aufeinander. Sicherlich war das nur Einbildung.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Beinahe wäre die Kurzhaarige eingeschlafen, hätte sie nicht das Klopfen an der Tür vernommen. Waren diese leisen Geräusche der kleinen Box zu beruhigend gewesen. Es war beinahe, als würde die Melodie Eva in eine andere Welt bringen. In eine Welt ohne Hass und ohne Krieg. In eine Welt, wie sie in den damaligen Geschichten beschrieben wurde. Alle friedlich vereint mit lachenden Gesichtern. Langsam öffnete Eva die Augen. Ihr Blick lag auf der kleinen Spieluhr, dessen Töne langsam verstummten und das sich drehende Paar langsam aufhörte zu tanzen. Für einen Moment hatte Evaniya all ihre Sorgen und Gedanken vergessen. Vielleicht war es wie eine Art Zauber gewesen. Ein Zauber, der viel zu schnell verblasste und sie zurück in die bittere Realität warf. Erneut hörte die Jüngere das Klopfen an der Tür, gefolgt von der gedämpften Stimme Camilles. Schnell setzte sie sich auf, schloss den Deckel der runden Spieluhr und versteckte diese unter ihrem Kissen. Wer wusste, wie Camille darauf reagieren würde. Würde Antoine an ihrer Stelle sein, dann würde er dieses schöne Ding hochkant aus dem Fenster werfen und sicherlich noch einmal mit einem LKW darüber fahren, bevor er Eva zusammen stauchte. Und das noch lauter vor ein paar Stunden. Tief atmete sie aus, erhob sich langsam von der dünnen Matratze und öffnete die Eisentür ein wenig, um durch den Spalt direkt in Camille's Gesicht zu sehen. Ein seichtes Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht. Noch immer fühlte sie sich schuldig. "Rémi hat dich schon gehen lassen. Das ist gut." murmelte sie und öffnete die Tür schließlich gänzlich, damit die Hellhaarige eintreten konnte, wenn sie das denn wollte.
      Erneut ein tiefes Einatmen von Evaniya, den Blick gesenkt, während sie ihre Hände an der Tür behielt. "...Ich.... Es tut mir so leid, was passiert ist." begann sie schließlich, biss sich etwas auf die Unterlippe und zog schuldig die Schultern nach oben. "Ich kann das nie wieder gut machen. Es hätte so schlimm enden können. Nur weil ich zu dumm war zu schießen." sprach sie weiter, wagte es wieder nicht Camille in das Gesicht zu sehen. "Pardonne-moi. Ich..." sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Keine Entschuldigung der Welt konnte es wieder gut machen, dass Camille wegen ihr fast gestorben wäre. Und nicht nur sie, auch all die anderen, die im Einsatz dabei waren.
    • Camille Durand
      Camille atmete tief ein und hob die Faust erneut zum Klopfen, da öffnete sich die Tür einen spaltbreit. Evaniyas ahornfarbige Augen sahen sie an. Die Haare leicht durcheinander und einen Abdruck im Gesicht sah sie aus, als habe sie geschlafen oder war kurz davor gewesen. Zu hören war hinter der Tür nun jedoch nichts mehr. Trotz gespitzten Ohren war das schleifen der Tür alles, was Camille hörte, als Evaniya diese komplett öffnete und etwas murmelte. Was genau, bekam sie nicht richtig mit. Stirnrunzelnd trat sie in den Raum und ließ ihren Blick ruhelos über dessen Einrichtung wandern. Die löchrigen Vorhänge waren vor dem einzigen Fenster zugezogen, so dass der Raum nur spärlich beleuchtet war. Dennoch erkannte Camille, neben der Standardeinrichtung, nichts besonders in dem Raum. Kein Instrument, nichts, was Musik hätte machen können.
      Also war es doch nur Einbildung gewesen? Camille faltete die Arme vor dem Körper und drehte sich zu Evaniya um, die noch immer an der Tür stand. Ihr Blick war gesenkt, ihre Haltung schlaff. Oh je. Die Begegnung mit der Bestie schien sie noch mehr mitgenommen zu haben, als Camille anfangs befürchtet hatte. So krass wie Antoine sie zusammengeschrien hatte, war das aber auch kein Wunder. Und jetzt stand Camille hier, mitten im Zimmer der anderen und schien den kompletten Raum mit ihrer eigenen Ratlosigkeit zu füllen. Warum genau war sie eigentlich hergekommen?
      Aber Evaniya nahm es ihr ab, zuerst etwas sagen zu müssen. Wahrscheinlich bekam sie nicht einmal mit, wie sehr Camille gerade um passende Worte rang, als sie ansetzte: „Ich…Es tut mir so leid, was passiert ist.“ Jetzt kam Bewegung in sie. Ihre Schultern wanderten ein Stück nach oben. Der Kopf, jedoch, blieb gesenkt. Fast, als spräche sie mit ihren Füßen und nicht mit Camille. „Ich kann das nie wieder gut machen. Es hätte so schlimm enden können. Nur weil ich zu dumm war zu schießen. Pardonne-moi. Ich…“
      Selbst Camille sah an Evaniyas Körpersprache, ihrer Art, sie nicht anzusehen und den gehobenen Schultern, dass sie sich schreckliche Vorwürfe machen musste. Wegen einer Entschuldigung war Camille jedoch nicht hier. Sie erwartete keine Entschuldigung.
      Das alles hätte nicht passieren müssen. Es war nicht Evaniyas Schuld gewesen, dass sie in diesem verdammten Bauernhaus gewesen war. Sie hatte das nicht beschlossen, es war für sie beschlossen worden.
      „Das Problem ist nicht, dass du nicht geschossen hast, sondern das Antoine dich überhaupt auf diesen Einsatz mitgenommen hat.“,sprudelte es einfach aus Camille hervor. Sie zog die Augenbrauen zusammen, ihre Hand bohrte sich in ihren Arm – daraufhin zuckte sie kurz zusammen. Autsch, das war der falsche Arm gewesen. Ergeben ließ sie die Arme zur Seite fallen und machte einfach weiter: „Und dann steckt er dich mit Meyer und Kowalczyk zusammen!“ Camille merkte selbst, wie sie ihre Stimme hob. Sie war deutlich aufgebracht.
      Warum? Warum war sie so gereizt? Ein Schnauben entfuhr ihr. Natürlich.
      Die Musik hatte sie aus der Fassung gebracht. Das war nicht sie. Sie war ruhig, bedacht. Aber nicht so emotional. Und dabei hatte sie sich die Melodie nur eingebildet.
      Camille holte tief Luft, verschränkte erneut die Arme vor der Brust, vorsichtiger, diesmal. Dann atmete sie langsam aus und setzte ruhiger als zuvor an: „Es ist nicht deine Schuld. Wirklich. Die Gruppeneinteilung war von vorneherein Quatsch. Meyer und Kowalczyk hätten dich nie allein gehen lassen dürfen. Es ist so viel schiefgelaufen.“ Eine kurze Pause. „Evaniya.“, sagte Camille dann eindringlich, damit diese sie ansehen würde. „Du musst dich nicht entschuldigen. Wir haben doch gesagt, wir passen aufeinander auf.“
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
    • Schweigend hörte Evaiya der Älteren zu, doch wagte sie noch immer nicht den Blick zu heben. Sicher hatte sie Recht. Normalerweise war Eva nicht auf solchen Einsätzen, sondern harmloseren. Einfache Einsätze ohne auch nur ansatzweise Gefahr zu laufen auf eine der Bestien zu treffen, so wie es heute der Fall war. Und doch wurde sie dazu ausgebildet. Dazu eine Waffe zu führen und zu schießen, wenn es von ihr verlangt wurde. Doch wurde sie zu einer Sache nicht ausgebildet: Wie konnte sie auf jemanden schießen, der einem Menschen so ähnlich sah? Immer hatten sie ihr erzählt, was für Monster diese Kreaturen waren. Mit ihren Fangzähnen und der fledermausartigen Gestalt in welche sie sich wandelten. Nie hatte ihr jemand auch nur ansatzweise davon erzählt, dass sie aussahen wie Menschen. Dass sie genau solche Angst spürten und zeigen konnte wie jeder einzelne hier in Paris. Erneut blitzen vor ihrem inneren Auge die Bilder der beiden Vampire auf. Der große Mann, dessen Körpersprache deutlich zeigte, dass er das Mädchen schützen wollte. Und das Mädchen, welches zu Anfang sogar auf Eva zu kam. Sicher hätte man nun sagen können, dass sie es doch genau wissen musste. Lebten sie beinahe schon mit den Bestien Tür an Tür, wenn die Seine nicht dazwischen wäre. Doch hatte sie noch nie einen davon gesehen. Selbst als ihr Blick einmal flüchtig zur anderen Seite wanderte oder eine Übergabe miterlebte, so waren die Körper grundsätzlich umhüllt gewesen. Wohl nur die Menschen in nächster Nähe konnten all das sehen, was ihr verwehrt blieb.
      Ein leichtes Zucken durchfuhr sie, als Camille etwas lauter sprach, wohl auch unbeabsichtigt von ihr selbst gewesen. Doch schnell wurde ihre Stimme wieder ruhiger, so wie sie es von der Hellhaarigen kannte. Doch eine Besserung brachten diese Worte nicht wirklich mit sich. "....Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich unten umsehen sollen." nahm Eva die beiden Soldaten nun in Schutz. "Es... Die Treppen hätten sie nicht gehalten." sprach sie weiter, bevor sie nun endlich den Blick hob und der Blauäugigen ins Gesicht sah. Camille's weiterer Satz führte wieder dazu, dass Evaniya ihre Lippen aufeinander presste, die Arme um ihren Körper geschlungen und sich mit den Fingern leicht in die Oberarme krallend. "....Aber ich hab nicht auf dich aufgepasst."
    • Camille Durand
      Und hätten Kowalczyk und Meyer sich nicht gestern die Birne weggesoffen, wären sie vielleicht von selbst auf die Idee gekommen, Evaniya nicht allein gehen zu lassen, trotz ihres Befehls. Oder vielleicht wäre ihnen klar gewesen, sie schon gar nicht allein in ein Gebiet gehen zu lassen, in das sie nicht folgen konnten, sollte es einen Notfall geben. Überhaupt waren am Ende doch fast alle die Treppe hochgekommen.
      Aber all das dachte Camille sich nur, sie sprach es nicht aus. Evaniya machte auf sie nicht den Eindruck, als sei sie für solche Argumente zugänglich. Überhaupt war Camille nicht hier, um sie von irgendetwas zu überzeugen. Der emotionale Ausbruch war ein Fehltritt gewesen. Kein großer oder besonders schlimmer, aber ein Fehltritt. Sie ließ die Dinge zu sehr an sich heran.
      Vielleicht war es auch gar nicht nötig, Evaniya von etwas zu überzeugen, oder emotional zu werden. Vielleicht…vielleicht konnte sie ihr auf die Art helfen, auf der sie sich selbst schon seit Jahren selbst rettete.
      Aber ein schneller Blick auf Evaniyas Haltung genügte, damit Camille diese Idee wieder verwarf. Ihr Blick und das, was sie sagte, bestärkte diesen Gedanken nur. Camilles Füße würden heute sicherlich noch den Weg auf den Trainingsplatz finden, auch wenn Rémi sie dafür schellten würde, aber Evaniya würde diesen Weg in nächster Zeit wohl nicht einschlagen.
      Ihr Kopf war wieder etwas klarer, die Anspannung obschon der eingebildeten Musik fiel langsam von ihr ab. Allmählich rückte wieder in den Vordergrund, warum sie eigentlich hergekommen war. Sie wollte nach Evaniya schauen und doch hatte sie sie noch nicht ein einziges Mal gefragt, ob sie in Ordnung war.
      Camille seufzte leise und ließ ihre Arme wieder gerade herabhängen. Mit einem Mal kam sie sich fehl am Platz vor. Sie war nicht das, was Evaniya gerade brauchte. Wie gerne wäre sie einfach zu der Jüngeren rübergegangen und hätte sie in den Arm genommen. Aber sie konnte nicht.
      Stattdessen ging sie zu dem kleinen Fenster herüber und stellte sich daneben, so dass sie nun nicht mehr den gesamten Raum einzunehmen schien. „Möchtest du darüber reden?“, fragte Camille leise und war sich selbst nicht sicher, was genau sie meinte. Es gab so vieles, über das sie hätten reden können. Den Einsatz, die Musik, das Mä- nein, die Bestie. Evaniyas Gefühle.
      Fast rechnete Camille aber damit, dass Evaniya ihre Frage verneinen würde. Vielleicht wollte sie nach den Ereignissen des Tages ja doch nur allein sein. Vielleicht hatte Camille es schon schlimmer gemacht.
      nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.