The smell of lotus flower [Auxi & Domino]

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    • The smell of lotus flower [Auxi & Domino]

      Willkommen in der Taverne Fremder. Setzt Euch ans Feuer, wärmt Euch auf.
      Ihr wollt etwas über dieses Land wissen? Dann will ich Euch die wichtigsten Dinge erzählen, die Euch dabei helfen werden, zu überleben. Es gibt vier Clans, welche das Land zwischen sich aufgeteilt haben, welche regieren und die Lebensbedingungen bestimmen. Zwar besitzen einige kleinere Clans noch Territorien, doch im Spiel um die Macht, um Politik und Krieg sind sie zu vernachlässigen. Maßgeblich sind die Taten der Schlangen, der Wölfe, der Drachen und des Lotus.

      Der Lotusclan ist bekannt für seine mächtigen Magier, wenngleich sie einem verderbten Pfad der Magie folgen, der ebenso schrecklich wie geheimnisvoll ist. Sie hüten ihre Geheimnisse argwöhnisch und den meisten Außenstehenden ist der Zutritt zu ihren innersten Kreisen absolut verwehrt. Bereits seit Jahrhunderten werden sie von Fürst Y angeführt, der dem Lotusclan zu unglaublicher Macht und unglaublichem Einfluss verholfen hat. Er ist ein strenger, grausamer aber sehr effektiver Herrscher. Intrigen sind am Hofe des Lotus an der Tagesordnung, doch von jenen lässt er sich nicht zu Fall bringen, gilt er doch als der mächtigste Magier des Landes. Sein wahres Alter ist allerdings vollkommen unbekannt und nur wenige wissen, welchen Ritualen er sich unterziehen muss, um sein ansehnliches Äußeres zu erhalten. Der Lotusclan ist seit über einem Jahrhundert eng mit dem Schlangenclan verbündet, während die Fehde mit dem Wolfsclan auch noch 30 Jahren noch immer andauert.

      Der Wolfsclan ist ein raues Volk, welches im vollkommenen Einklang mit der Natur lebt. Sie verachten fast jegliche Magie, lediglich die Druidinnen, die von den Waldgottheiten mit magischen Fähigkeiten gesegnet wurden und das Wissen des Clans wahren, sind hoch angesehen. Darüber hinaus kämpfen sie eher körperlich und lieben es Hausforderungen zu meistern sowie ihren Mut unter Beweis zu stellen. Das Zusammenleben mit Wolfrudeln ist bei ihnen alltäglich und es gibt Gerüchte über schreckliche Wesen, di ein ihren Wäldern herumstreifen, doch das sind lediglich Gerüchte. Einst gab es einen Krieg zwischen den Wölfen und dem Lotus, doch mithilfe ihrer Magie und ihren Verbündeten den Schlangen, dauerte dieser lediglich ein Jahr – danach schuftete der gesamte Clan in den Schieferminen im Territorium der Magier. Sie müssen unvorstellbare Qualen erlitten haben, doch nachdem bereits eine ganze Generation als Sklaven aufgewachsen war, gelang es ihnen vor 30 Jahren schließlich, sich unter der Führung Graurückens gegen ihre Aufseher zu erheben und sich zu befreien. Ihr Hass auf den Lotus währt noch immer, doch Graurücken ist ein Fürst, der sich ohne Zweifel mit Männern wie Shinja oder Caelan messen kann. Seit allerdings vor 10 Jahren seine einzige Tochter verschwand, steht der Clan ohne Erbin da.

      Der Schlangenclan entstand einst aus dem Drachenclan. Nach mehreren Tragödien, die den Clan dazu zwangen seine Heimat zu verlassen und ihn dezimierten, veränderte sich die Mentalität der Angehörigen. Einstmals waren sie auf Ehre bedacht, darauf dem Clan zu dienen, ihm Ehre zu bringen und wenn es sein musste auch für ihn zu sterben. Es gibt unzählige Geschichten über den Mut und den Stolz der Drachen, doch diese gehören nicht an diese Stelle. Das oberste Ziel der Schlangen ist es, zu überleben, wozu ihnen jedes Mittel recht ist. In den Tavernen der Schlangen tummeln sich Schwertkämpfer, Banditen und Räuber, Abschaum würden manche sagen. Nachdem Prinz Kenji vor 15 Jahren seinen Vater, Fürst Oja, ermordete und daraufhin ins Exil floh, entstand ein Machtvakuum. Dieses nutzte Shinja, ein enger Vertrauter des verstorbenen Fürsten, um sich die Führung des Schlangenclans zu eigen zu machen. Er ist hart und grausam, unbarmherzig und dennoch nicht nur autoritär sondern auch führungsstark.

      Der existierende Drachenclan ist noch recht jung. Er wurde vor gut 10 Jahren gegründet, als Kenji aus seinem Exil zurückkehrte, es allerdings vorzog nicht zum Schlangenclan zu gehen, sondern den alten Wegen wieder treu zu werden. Daher verhalf er dem Drachenclan zu neuem Leben. Einige einflussreiche Personen, die ihrem Prinzen immer die Treue gehalten hatten, darunter Otomo und Garrin, schlossen sich ihm an und er schaffte es innerhalb recht kurzer Zeit sein Territorium auszubauen und den Clan zu vergrößern. Derzeit befinden sie sich in Bündnisverhandlungen mit dem Wolfsclan, um ein gewisses Machtgleichgewicht zu dem Lotus und den Schlangen herzustellen.

      X ist die Tochter des Anführers des Wolfsclans und einer Druidin und die Erbin ihres Vaters. Dank ihrer Mutter ist sie zudem in Naturmagie begabt. Im Alter von 14 Jahren wurde sie, bei einem Streifzug durch die Wälder von einigen Soldaten des Schlangenclans verschleppt. Dort wurde sie zur Kurtisane ausgebildet, verhielt sich zunächst still, um eine passende Gelegenheit zur Flucht abzuwarten, welche allerdings auch nach 10 Jahren noch nicht kam. Unterdessen ist sie allerdings zu einer begehrenswertesten Frauen des ganzen Hofes geworden.
      Y hingegen ist ein mächtiger Hexenmeister, welcher bereits seit Jahrhunderten den Lotuclan führt. Da der Lotus und die Schlangen seit jeher recht freundschaftliche Bande hegten, besucht er auf Einladung den Hof des Schlangenfürsten. Dort wird ihm X als Gesellschafterin für seine persönlichen Bedürfnisse zugeordnet, welche selbstverständlich die Gelegenheit sieht, Rache für das Leiden ihres Volkes zu nehmen. Doch ob dieser Anschlag wohl gelingt?

      @Auxi - Post folgt <3

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Dahlia

      "Nimm dein Haar hoch." Wortlos befolgte ich den Befehl, umfasste meine rote Mähne mit beiden Händen und schlang sie so zu einem Knoten, dass Utara ungehindert meine entblößte Kehrseite betrachten konnte - inklusive der Überbleibsel der vergangenen Nacht, die sich in relativ gut sichtbaren Knutschflecken manifestiert hatten. Den Lippen meiner Lehrmeisterin entfloh ein Seufzen und selbst wenn ich sie nicht sehen konnte, wusste ich doch, dass sie die Augen verdrehte. "Männer. Vetkin hätte auch einmal daran denken können, welcher Tag heute ist. Zumindest wird alles vom Kimono verdeckt sein." Hm ... Von mir hatte die Aussage, ich solle mich beim General für seine Güte gebührend bedanken, nicht gestammt. Darüber hinaus war ich ihm wirklich dankbar, dass er gestern im Garten nicht nur versucht hatte meine Ängste zu lindern, sondern auch, weil er mir heute Nacht zumindest einige Stunden verschafft hatte, in denen ich nicht einmal an den heutigen Tag hatte denken müssen. Nachdem ich Vetkins Gemächer verlassen und versucht hatte zu schlafen, hatte sich das allerdings sehr viel anders gestaltet. Angst war wohl die vorherrschende Emotion, die ich mit dem, was in wenigen Stunden stattfinden würde, verband. Nicht nur, dass der Lotusfürst in Schlangenholm eintreffen würde, nein, ich war ihm auch noch als seine persönliche Dienerin zugeteilt. Sklavin träfe es wohl besser. Letztlich wäre ich ihm vollkommen ausgeliefert und es war alleine schon wegen meines Aussehens offenkundig, dass in meinen Adern kein Schlangenblut floss. Die Fehde zwischen unseren Clans reichte weit zurück, wie lange konnten meiner Kenntnis nach nicht einmal unsere Druidinnen sagen, doch ich machte mir keine Illusionen darüber, dass der Fürst die Demütigung, die ihm mein Vater einst zugefügt hatte, als er unser Volk in die Freiheit führte, vergessen hatte. Der einzige Vorteil war, dass niemand meine wahre Identität kannte. Die war auch nach 10 Jahren bei den Schlangen ein gut gehütetes Geheimnis und mittlerweile fragte niemand mehr nach meiner Herkunft. Ich war schon so lange Utaras Schülerin, dass ich einfach dazu gehörte. Doch eben jener Fürst war der Grund, warum ich zum Frühstück kaum etwas hatte essen können, obwohl ich eigentlich wusste, dass es klüger war, zu essen, weil ich kaum abschätzen konnte, wann ich das nächste Mal etwas bekommen würde und warum es sich seit Stunden so anfühlte, als hätte ich einen Stein verschlungen - oder eines der eisernen Wurfgeschosse, die man für das Wolfballspiel verwendete.
      "Setz dich hin", riss mich die Stimme meiner Lehrmeisterin aus meinen Gedanken, der ebenfalls eine gewisse Anspannung innewohnte. Ich konnte sie verstehen - wenn ich das hier in den Sand setzte, dann würde das nicht nur auf Fürst Shinja zurückfallen, sondern hauptsächlich auf sie und da würde ihr auch kaum die mehr als nur exklusive Beziehung zum Führer des Schlangenclans von Nutzen sein. Also gehorchte ich und war froh, dass Utara begann vom neusten Schlossklatsch zu erzählen, von dem sie erfahren hatte. Es lenkte mich immerhin ein wenig ab, während ihre Finger damit begannen aus meinem Haar ein schieres Kunstwerk zu zaubern. In solchen Momenten wurde mir immer wieder bewusst, wie viel ich noch immer zu lernen hatte. Kein Wunder also, dass ich bisher nur leichte Aufträge außerhalb der Feste hatte erfüllen dürfen, die sich zumeist um die politischen Gegner des Fürsten drehten.
      Viel zu schnell war ich allerdings frisiert, dezent geschminkt und in meinen neuen dunkelroten Kimono gekleidet. Fertig. Eigentlich wollte ich nicht fertig sein, denn das bedeutete, dass das Eintreffen der Lotusgesandtschaft immer näher rückte. Sollte ich allerdings zumindest ansatzweise leben wollen, dann hatte ich keine Wahl. Shinja zu brüskieren bedeutete nämlich mein sofortiges Todesurteil zu unterschreiben. Mit einem Seufzen band ich den Obi, sodass er perfekt saß und warf einen Blick aus dem Fenster, um anhand der Sonne abzulesen, wie spät es bereits war. Nicht mehr lange. Das Herz schlug mir bis zum Hals.
      "Ich hoffe du hast dich im Griff. Mir ist nicht daran gelegen eine der besten Schülerinnen zu verlieren, die ich je hatte." Was? Meine Augen weiteten sich. Das war so ziemlich das größte Lob, das ich in den letzten zehn Jahren bekommen hatte und ich spürte, wie ich stolz mich das machte. Mir bedeutet der Schlangenclan nichts und die Fähigkeiten, die ich lernte, schätzte ich nur deswegen, weil sie mir mehr Möglichkeiten eröffneten und mein Wissen erweiterten, aber Utara bedeutete mir etwas. Ohne sie würde ich immer noch in diesem Badehaus versauern.
      "Mir ist nicht daran gelegen Euch zu enttäuschen", versicherte ich ihr und es gelang mir tatsächlich, ein Lächeln auf meine Lippen gleiten zu lassen, ehe ich tief durchatmete, um ihr zu folgen. Jetzt wurde es wirklich langsam ernst. Meine Beherrschung war schon viel stabiler geworden, als damals, als ich nach Schlangenholm kam und ich handelte nicht mehr so unglaublich impulsiv, aber ich konnte auch kaum absehen, wie ich mich gegenüber jenem verhalten würde, der der Todfeind meines Volkes war. Schweigend und versuchend meine Nervosität in den Griff zu bekommen, folgte ich Utara durch die Korridore, die ich mittlerweile auswendig kannte - besser sogar als den Hauptsitz des Wolfsclans, der in meiner Erinnerung immer mehr verschwamm, je mehr Jahre vergingen. In der Eingangshalle angekommen, begaben wir uns auf unsere Plätze und ich kniete mich links neben sie. Der gesamte Empfang war minutiös geplant worden und waren wir ehrlich, ich hasste es eine so relativ große Rolle darin spielen zu müssen. Als die Türen aufgestoßen wurden, war es obligatorisch, dass sich der ganze Saal verneigte, die Stirn auf den Boden drückte, um so dem verbündeten Fürst die Ehrerbietung zu erweisen, die ihm gebührte. Der Gedanke, Shinja diese Ehrerbietung zu erweisen, der gerade die Halle betreten hatte und angemessenen Schrittes auf den Besuch zutrat, war mir bedeutend lieber.
      "Herzlich willkommen Fürst Nelumbo", ergriff der Gastgeber das Wort. "Es ist mir eine Freude Euch empfangen zu dürfen. Ich hoffe, Ihr hattet eine Anreise ohne bemerkenswerte Zwischenfälle." Der Zeitpunkt meines Auftritts rückte immer näher und es gefiel mir gar nicht. Unwillkürlich presste ich meinen Kiefer aufeinander, mahnte mich zur Beherrschung. Ich hatte zu funktionieren, mehr nicht. Aber ich wollte nicht, dass diese Worte fielen, doch letztlich fielen sie natürlich noch.
      "Ich habe mir erlaubt zu Euren Ehren heuten Abend ein Bankett zu veranstalten. Zudem darf ich Euch jemanden meiner Dienerschaft für sämtlich Eurer persönlichen Belange zur Seite stellen", führte Shinja aus und es brauchte weder die Handbewegung, noch das energische "Dahlia!", damit ich wusste, was ich zu tun hatte. Unwillkürlich schluckte ich, weil sich das Unbehagen nur noch verstärkte. Dann riss ich mich zusammen und erhob mich mit gesenktem Kopf, um dann auf den Lotusfürsten zuzutreten und mich vor ihn zu knien, mich tief verneigend. Tatsächlich fühlte es sich sofort anders an, als vor Shinja zu knien, das war nun einmal so, aber es fühlte sich einfach nicht so schrecklich demütigend an.

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Nelumbo

      Das Rollenspiel war nicht nötig gewesen, anstatt in der Kutsche zu sitzen und vom Westen in den Nordosten des Kontinents zu reisen, hatte ich mich in Militäruniform auf ein Pferd gesetzt und an der Seite meiner Leibgarde Eva die Reise beschritten. Ehrlich gesagt war dieses kleine Rollenspiel nicht ganz ohne Hintergedanken, wie beinahe nichts, das ich tue. In diesem Fall wollte ich den Anschein erregen stehts auf der Hut zu sein und dies am Schlangenhof auch zeigen, als sie sich vor der Kutsche verbeugten und ich von meinem Pferd stieg und den Helm abnahm. Die Wahrheit war aber wesentlich simpler. Ich ritt gerne, ich liebte es an der frischen Luft zu sein und beengt in solch einer Kutsche die Reise zu beschreiten, allein die Vorstellung war mir ein Gräuel.

      Dennoch, die Reise hatte gedauert, also nahm ich ein Bad und kleidete mich für den Empfang im Palast von Schlangenholm. Für diesen offiziellen Besuch wählte ich die Farben meines Clans für die Bekleidung. Das sanfte Rot war für meinen engen Paradegambeson gedacht, das sonnige Gelb für das Tuch, dass meine Hüfte zierte und die Lederhose in dem Schwarz der Lotusblüte, die mein Wappen zierte. Eine Dienerin aus meinem Tross brachte mir ein Parfüm, dass aus den Blüten der Lotusblumen gewonnen wurde, die in Lebendsee auf dem Wasser gediehen. Es war ein schwerer, blumiger Duft, der gleichsam betörend wirkte. Eigentlich ein sehr femininer Duft, der dazu gedacht ist, die Herzen der Männer zu fesseln, doch die Tradition des Lotusclans machte diesen Duft für dessen Adelige zu einem Markenzeichen. Verpönt war es jedoch, wenn ein Mann, der nicht dem Clan angehörte, diesen Duft trug.

      Es klopfte an der Tür, Eva war gekommen, um mich zum Thronsaal zu begleiten. Ihr Gambeson war Schwarz, die Hose Rot und sie hatte ein gelbes Tuch umgebunden. „Da bist du ja, mein Dorn.“ Ihr langes weißes Haar war zu einem Zopf geflochten und fiel ihren Rücken hinunter. Eva, ohne ihre Hellebarde zu sehen fühlte sich jedes Mal seltsam an, an seinem Hof durfte sie ihre prestigeträchtige Waffe zu jeder Zeit tragen, doch als Gäste des Schlangenclans, war ihr dies verwehrt. Mit einem breiten Lächeln stand sie in der Tür, nickte mir zu und hielt ihre Faust über dem Herzen, wie es die Formalität verlangte. „Mein Fürst“, ihre Stimme war eisern, als könnte sie jemanden in Ketten legen, doch an diesen rauen Klang hatte ich gefallen gefunden und in ihrem Gesicht war zu jederzeit der Stolz abzulesen, mit dem sie mir diente. Sie war eine der wenigen Kreaturen auf dieser Welt, die mich nicht fürchten musste. Die Frau mit der blassen Haut aus dem Norden war bei Hofe einst nicht gern gesehen gewesen, doch mein Auge für Talente half der Sklavin in eine höhere Position, die selbst von den mächtigsten Adeligen meiner Unterhäuser gefürchtet wird. Mein Dorn.

      Gemeinsam mit vier meinen Soldaten schritten wir durch die Gänge des Palastes, bis wir beim Thronsaal ankamen. Die Soldaten reihten sich entlang der Wände auf, während ich zentral durch den Saal stolzierte, zwei Schritte hinter mir folgte Eva mit aufmerksamem Auge. Die Traditionen der Schlangen, auch wenn sie schon lange Freunde waren, waren dennoch getränkt von Verrat und Hinterhältigkeit und dieser Umstand ließ sie in diesen Hallen keine Ruhe finden.

      Überschwänglich wurde ich von Fürst Shinja begrüßt und eine kleine Verbeugung tat der Masse im Thronsaal kund, wie viel Respekt ich für Shinja gegenüberbrachte. Meine wahren Gefühle waren dafür völlig einerlei. Doch meinem Codex blieb ich treu und einer meiner Leitsätze lautete: Wenn du dich in den Räumlichkeiten eines anderen aufhältst, erweise ihm Respekt, oder geh nicht dorthin.

      Die Ankündigung eines Banketts war nicht wahrlich verwunderlich, auch eine persönliche Dienerin zur Seite gestellt zu bekommen kam wenig überraschend. Es lag in der Kultur des Schlangenclans persönliche Bedienstete auszutauschen, als Zeichen des Vertrauens. Während das Gastrecht galt, durfte einem Gast kein Leid zugefügt werden, die Dienerin anzunehmen zeigte das Vertrauen in den Gastgeber sich an diese Vereinbarung zu halten. „Ich nehme Euer Angebot dankend an und freue mich bereits auf den Genuss der Spezialitäten, die mich heute Abend erwarten werden, Fürst Shinja“ Die Dienerin kniete bereits zu meinen Füssen, doch noch hatte ich keine Zeit mich darum zu kümmern. „Auch ich habe Euch ein Gastgeschenk mitgebracht, es sollte in Kürze eintreffen“, ich drehte meinen Kopf halb zu Eva, „Lass es hereinbringen“, sie verneigte sich und verschwand aus dem Thronsaal. Hätte ich das Geschenk gleich mitherein bringen können? Natürlich, doch es ging, um die Geste mit Fürst Shinja alleine zu stehen, ohne Leibwache, sie fortzuschicken galt lediglich als Symbolik.

      Nun betrachtete ich die Dienerin deren langes rotes Haar von ihren südlichen Wurzeln zeugte. Vermutlich wurde sie von Sklavenjägern hierher verschleppt oder ist eine der wenigen Generationssklaven, die sich nicht der Rebellion der Wölfe angeschlossen hatte. Meine Hand fuhr hinunter auf die zarte Haut unter ihrem Kinn und strich etwas nach Oben, schob ihren Blick in meinen. Ihr Mund klappte etwas dabei auf, ihre Mimik zu lesen war im Moment etwas schwer, doch ich konnte mir ausmalen, wie nervös sie sein musste. Es gab Gerüchte über mich, nicht nur gute und viele waren begründet. Ihre violetten Augen waren ein wahrer Blickfang, ein seltenes Gut, selbst unter Mitgliedern der südlichen Clans. „Steh auf, Dahlia, solange du zu meinem Tross gehörst, gelten auch die Gesetze meines Clans für dich.“, ich schmunzelte sie an reichte ihr meine Hand, „Wir knien nicht“

      Nun begann ein lautes Raunen den Thronsaal für sich einzunehmen und ich wusste, mein Dorn war zurückgekehrt. Mit ihr 10 Soldaten, die ein gewaltiges Gemälde trugen, dass Fürst Shinja zeigte, als Protektor der Schlangen, als ein Prinz seinen König ermordete. Die Art wie das Gemälde gezeichnet wurde, ließ die Kunstliebhaber am Hof natürlich sofort miteinander tuscheln. Es war die Handschrift eines der begnadetsten Künstler dieser Zeit und ein Selbstportrait von ihm gezeichnet zu bekommen, konnte einen kleinen Adeligen in den völligen Ruin stürzen. Es mussten zwei ganze Wagenladungen an Gold zu dem Künstler gebracht werden, damit er diesen Auftrag annahm. So war dieses Gemälde nicht nur als Geschenk an den Fürsten von Schlangenholm zu erkennen, sondern auch als Zeichen des Reichtums, der Macht und des Einflusses, den der Lotusclan besitzt.
    • Dahlia

      Es fühlte sich merkwürdig an. Das war einer dieser Gedanken, die sich meiner immer wieder bemächtigten, während ich hinter meiner Lehrmeisterin durch die Gänge schritt. Meine Kimonoärmel waren viel zu leicht, flatterten zu sehr, weil mindestens mein Fächer fehlte, ganz zu schweigen von den ganzen anderen Phiolen, Flakons und Utensilien, die ich sonst aus Gewohnheit mit mir führte. Natürlich wäre es eine unglaubliche Provokation gewesen, derart bewaffnet in den Dienst eines anderen Fürsten gestellt zu werden, weswegen ich schweren Herzens Utaras Befehl gefolgt war und alles in meiner Kammer zurückgelassen hatte. Das führte allerdings dazu, dass ich mich entblößter fühlte, als wenn ich gänzlich unbekleidet wäre. Meine Waffen abzulegen, die einzige Möglichkeit aus der Hand zu geben, mit der ich mich verteidigen konnte, gefiel mir nicht. Es machte mich schutzlos und ließ mir im Notfall nur noch ein einziges Mittel offen, wenngleich ich es niemals einzusetzen gedachte, es sei denn, es gäbe keinen anderen Weg und ich würde die eventuellen Folgen gar vertreten können. Ich könnte dabei sogar unter Umständen selbst mein Leben verlieren, was letztlich gegen alles sprach, weswegen ich die ganzen Strapazen, Demütigungen und Entbehrungen in den letzten Jahren auf mich genommen hatte. Ich wollte überleben um eines Tages wieder nach Hause zurückkehren zu können, mein eigenes Leben zu verlieren war daher genau das Gegenteil von dem, was ich anstrebte. Aber notfalls, wenn ich wusste, dass ich so einen essentiellen Vorteil für meinen Clan herausschlagen konnte, dann würde ich es wohl tun. Vermutlich kannte ich allerdings sowohl die magischen Fähigkeiten des Lotusfürsten zu wenig als auch die meinigen. Selbst wenn ich jemals vorgehabt hätte, jemanden von meinem Trumpf zu erzählen, die Schlangen waren zumeist derart unmagisch, dass es schwer bis unmöglich wäre, auch nur einen Lehrer zu finden, der mich unterweisen könnte. Vor allem in Naturmagie. Daher würden meine magischen Kräfte wohl bis zu jenem Tag, an dem ich wieder nach Hause zurückkehrte, weiterhin ein mehr als unberechenbares Mysterium sein. Eine Tatsache, die mich eigentlich schrecklich frustrierte, über die ich mich allerdings nicht nachzudenken zwang, weil ich kaum aktiv eine Möglichkeit hatte das zu ändern. Gaihla würde sich meiner annehmen, sollte ich jemals wieder in die dichten Wälder meiner Heimat zurückkehren.
      Mehr Zeit über all das nachzudenken, was mir schon die letzten Stunden im Kopf herumschwirrte, blieb mir bedauerlicherweise kaum, denn letztlich war sogar die gesamte Prozedur, bis ich so perfekt aussah, wie meine Lehrmeisterin das wünschte, unglaublich stressig gewesen. Sogar das Parfüm wurde akribisch genau ausgewählt, wobei ich neidlos anerkennen musste, dass sie letztlich schlicht eine Meisterin ihres Faches war. Ich machte mir persönlich kaum etwas aus meinem Aussehen, sich herauszuputzen, war eher zur Gewohnheit geworden, die ich wohl schwerlich wieder ablegen könnte, zudem war ich mir darüber im Klaren, dass ein ansprechendes Äußeres bei den richtigen Personen Tür und Tor öffnen konnte. Was den Lotusfürsten anbelangte, so wäre es mir allerdings lieber, ihm eine Woche ungewaschen und dreckbeschmiert gegenüberzutreten. Der war die letzte Person der ganzen Welt, für die ich schön sein wollte.
      Im Thronsaal neben Utara zu knien, erwies sich als eine Geduldsprobe. Ich war noch nie ein sonderlich geduldiger Mensch gewesen, aber ich hatte lernen müssen, dass man mit Geduld öfters an sein Ziel kam, als wenn man blind losstürzte, weswegen ich es mir antrainiert hatte. Nur, wollte ich eben nicht, dass diese Ereignisse in Gang kamen, auf die ich nun wartete. Doch es war unausweichlich, es würde so kommen, weil ich faktisch nicht einmal mehr selbst über mein Leben bestimmen konnte, weil ich zu einem Spielball geworden war, dem das Wort Freiheit fern zu sein hatte. Die Ereignisse gingen ihren Gang, genau so wie sie geplant gewesen waren. Die Gäste trafen ein, gleichzeitig erschien Shinja, um den Lotusfürsten zu begrüßen, bevor dann schließlich jene Worte fielen, die einem Todesurteil gleichkamen. Ich erhob mich, wobei jeder Schritt, den ich zurücklegte, eine kleine Ewigkeit zu dauern schien, mich allerdings meinem Ziel unaufhörlich näherbringend. Unausweichlich, endgültig. Empfand das jemand, der zu seiner eigenen Hinrichtung ging? Zumindest fühlte es sich so an, als würde dort, wo der Lotusfürst stand, mein Henker auf mich warten. Ich hatte ebenso wenig eine Wahl, mein Schicksal zu ändern, also fiel ich auf die Knie und verneigte mich abermals, auch wenn sich die Demütigung wie Säure in meine Eingeweide zu fressen schien. Zwar fand ich mich aktuell kaum im Zentrum seiner Aufmerksamkeit wider, doch zwischen beiden Fürsten zu knien, mir Shinjas Blick in meinem Nacken nur zu bewusst seiend, überkam mich die Empfindung, das Reh zu sein, das sich plötzlich zwischen zwei Raubtieren wiederfand. Dabei sollte ich doch eigentlich das Raubtier sein. Schweigend lauschte ich dem Gespräch - wenngleich die Worte kaum an meine Ohren drangen - während ich mich etwas aufrichtete, den Blick allerdings noch immer gesenkt hielt. Ich musste meine Rolle spielen.
      Derartig darauf konzentriert, meine Fassung aufrechtzuerhalten, bemerkte ich wenig von dem, was um mich herum vorging. Schritte entfernten sich, doch ich konnte kaum bestimmen zu welchem Zweck. Zwar war mir klar gewesen, dass ich ihn nicht mögen würde, doch die Abneigung, die ich aufgrund seiner alleinigen Gegenwart empfand, war größer als einkalkuliert. Hinzu kam die Demütigung überhaupt vor ihm knien zu müssen. Der Wolf in mir, mein innerstes Wesen, wollte ihm unverzüglich an die Kehle springen, doch ich war nicht so dumm und auch wenn mich das nur sehr viel mehr unseren Gegnern annäherte, so war Vernunft in diesen Augenblicken das, was mein Überleben sicherte. Dementsprechend unerwartet kam es dann, dass sich eine Hand zunächst in mein Blickfeld und dann unter mein Kinn schob. Unbewusst folgte ich dem Duck, weil es einfach Gewohnheit war, bis sich der Blick des Fürsten mit dem meinigen kreuzte, während ich mich um Gleichgültigkeit bemühte, doch ich wusste nicht, ob ich es schaffte, meinen Abscheu zu verbergen. Vermutlich nicht. Denn während mein Verstand sagte, dass es besser war, meine wahren Gefühle für mich zu behalten, wollte ein Teil von mir genau das Gegenteil. Es würde kaum etwas ändern, dessen war ich mir bewusst, aber ich wollte, dass er wusste, wie sehr ich ihn verabscheute.
      'Und was ist jenen meines Volkes, die eine Ewigkeit vor Euch buckeln mussten? Zählte das für sie nicht?', wäre es mir beinahe über die rotgetünchten Lippen gekommen. Ich konnte mich nur davon abhalten, indem ich mir auf die Innenseite meiner Unterlippe biss, nur leicht, doch es reichte, um mich wieder daran zu erinnern, dass es in den meisten Fällen unklug war, zu sagen, was man dachte. Eine der Lektionen, die ich am Hofe der Schlangen zuerst gelernt hatte. Mein loses Mundwerk war schon immer ein Problem gewesen, doch mittlerweile hatte ich mich einigermaßen im Griff. Nur wusste ich nicht genau, wie sich das zukünftig gestalten würde, nun da ich in den Diensten des Lotusfürsten stand. Und Shinja hatte nicht einmal gesagt, wann er wieder abreisen würde.
      "Wie Ihr wünscht, Herr", erwiderte ich, ergriff seine Hand - was nicht nur unangenehm war, sondern sich auch noch höchst befremdlich anfühlte - und erhob mich dann in einer einzigen Bewegung, ehe ich seine Hand wieder losließ. Vermutlich zu schnell, doch da die Aufmerksamkeit des gesamten Thronsaals augenblicklich abgelenkt wurde, fiel das wohl lediglich meinem neuen Herrn auf, dessen Meinung mir glücklicherweise ziemlich egal war. Dem Gemälde schenkte ich alleine deswegen einen Blick, weil das bedeutete, das sich den Lotusfürsten nicht länger ansehen musste. Grundsätzlich konnte ich solcher Kunst kaum etwas abgewinnen, daher beeindruckte es mich auch nicht so, wie einige der anderen Mitglieder des Hofs, immerhin war die Geste letztlich einfach nur protzig. Zudem nutzte ich die Gelegenheit, in der niemand mehr auf mich achtete, um einige Schritte zur Seite zu machen und dort mit leicht gesenktem Haupt stehen zu bleiben, weil ich das untrügliche Gefühl gehabt hatte, im Weg zu stehen.
      "Ich danke Euch für das überaus großzügige Geschenk. Seid Euch gewiss, dass es einen Ehrenplatz erhalten wird", bekundete Shinja seine Freude über das Porträt, das ihn derart glorifizierte, ehe er Vetkin mit einer Handbewegung an seine Seite befahl. "Lass es vorerst in die Galerie bringen, bis ich mich dem widmen kann." "Ja, mein Fürst." Der General verneigte sich respektvoll, ehe er sich abwandte, allerdings entging mir nicht, wie sein Blick zuvor zu mir schwenkte. Ja, der halbe Hof wusste, dass der zweitmächtigste Mann des Clans ein gewisses Faible für mich hatte, was mir letztlich sehr viel mehr Neiderinnen eingebracht hatte, aber musste er das so dermaßen zur Schau stellen? Idiot. Nur wenige Augenblicke später nahmen die Männer des Schlangenclans, das Gemälde den Lotussoldaten ab, um es an seinen vorübergehenden Aufenthaltsort zu bringen.

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    • Nelumbo

      Ein aufmerksames Auge war ein Talent, dass ich erst spät erlangte, mein Fokus war zu sehr mit meinen Studien beschäftigt gewesen, als dass ich mich um die Belange der Sterblichen scherrte, doch mit den Jahren erlernte ich hinzublicken, wo andere es nicht taten. So entging mir auch nicht der Blick des Generals, der meiner neuen Dienerin galt. Er war kurz und verstohlen und ich vermochte nicht zu erkennen, ob dies bloß das Schmachten eines Glücklosen war, oder ob mehr dahintersteckte. Ehrlich gesagt empfand ich Einladungen am Hof des Schlangenclans immer recht ermüdend, man musste immer zwischen den Zeilen lesen, anstatt direkt auf Dinge angesprochen zu werden. Das war mit dem Drachenclan wesentlich angenehmer, sie waren direkt, aber dennoch höflich, wie es ihre Ehre verlangte. Der Wolfsclan war ebenso direkt, aber aufbrausend, weshalb man immer mit ihren Gefühlsschwankungen und ihrer Impulsivität zu arbeiten hatte, auch dass konnte auf die Dauer recht zermürbend sein. Wo waren all die guten Greifen hin, fragte ich mich in diesem Moment, während um das Bild großes Aufsehen gemacht wurde. Verhandlungen bei Gelagen bei der jeder des Anderen Freund war, man trank gemeinsam, feierte gemeinsam und regelte Abmachungen, wie die Bauern in der Dorfkneipe. Vermutlich sind sie ausgestorben, weil das betrunkene Grapschen nach der Frau eines Clanführers oder anderen hohen Adeligen sofort zu einem politischen Gemetzel führen konnte und betrunkene Köpfe nicht zur Ruhe neigten. Ein nostalgisches Seufzen entkam meine Lippen, bevor ich meine Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt konzentrierte.

      In lauterem Ton, wie es unter Gebietern angebracht war damit die Halle lauschen konnte, sprach ich den Fürsten an. „Ich freu mich, dass mein Geschenk euch zusagt, Fürst Shinja. Nun, Ihr spracht von einem Festmahl, das uns erwartet! Lasst uns trinken, lasst uns feiern, die Politik kann warten bis der Morgen dämmert.“, dies war zumindest eine der Lügen, die der Hof den gutgläubigen Bürgern einredete und ich spielte mit, doch ich hatte bereits meine ersten versteckten Hinweise erhalten und diese bereiteten mir Kopfzerbrechen.

      Während meine neue Dienerin für dieser Tage, Dahlie, oder Dahlia? Es war schon interessant jemand anderen zu treffen, der den Namen einer Blume trug. Zurück zum Festmahl, ich saß mit dem Fürsten bei Tisch, der mir oberflächliches Geschwätz am Hof und Komplimente entgegenwarf, während Eva und Dahlia hinter mir standen. Es kam auch zu kleinen politischen Nichtigkeiten, die nach Bedeutung klangen, damit sich Höfische das Maul zerreißen konnten, doch alles in allem kam es zu keinen Belangen, die meine Anwesenheit erforderten. Der Wein hätte meine Quallen lindern können, doch war er, als würde ich Salz in meine Wunden streuen. Der Schlangenclan hatte keine Ahnung von der Winzerei und ihre Trauben waren fahl. Da half es auch Nichts, dass sie von einer schönen Hand, wie der meiner neuen Dienerin, eingeschenkt wurden. So zeigte ich bei Tisch Mäßigung und Zurückhaltung, doch aus reinem Selbstschutz mir nicht diese Widerlichkeit in den Rachen schütten zu müssen. „Mhm“, ich nickte dem Fürsten zu, als ich einen Schluck tat, „Der heurige Jahrgang ist ein ganz besonderer.“, ich hob meinen Becher zur Anerkennung seiner guten Wahl des Weines. „Würde es euch etwas ausmachen, wenn ihr mir bei meiner Abreise ein Fass davon mitgeben könntet?“

      Während ich mein Lamm, das mit Honig einbalsamiert wurde und mit scharfen Pfefferschoten sowie Zitrone gewürzt wurde, verspeiste, machte ich mir wieder über die Bedeutung meiner Diener Gedanken und wie viel Arbeit mich alles kosten würde. Es war kein Zufall, dass mir eine Dienerin, vermutlich Sklavin aus dem Süden beigestellt wurde. Ein Symbol sollte sie wohl sein und womöglich hatte Shinja vor mich an die ‚gute Zeit‘ zu erinnern, als sie alle noch Sklaven waren, oder mit anderen Reizen davon zu überzeugen, wie dienlich diese Diener nicht waren. Zusammengefasst, der Fürst hatte wohl einen Mangel an Arbeitskräften, würde an meinen Stolz appellieren und versuchen sich seine Beute zu krallen. Die Adeligen meines Hofes würden Luftsprünge machen, wenn sie es nicht sogar eingefädelt haben, diese kurzsichtigen Ochsen. Oder war der Fürst gar nicht auf die Idee gekommen, sondern sein General, derjenige der die Dienerin mit einem Blick würdigte? Wollte er einen Putsch und steckte mit der Dienerin unter mehr als nur einer Decke? Warum musste ich mich immer um die Belange anderer Clans kümmern? Schon seit Jahrzehnten, fast schon Jahrhunderten, so würde ich meinen, muss ich wie in einer Kinderstube den Kleinen helfen. Aber wer treue Helferlein wollte, musste wohl auch in der Erziehung helfen, ein Naturgesetz, das selbst bei Müttern und Vätern galt.

      Es war ein Segen, als das Festmahl beendet wurde und ich mich mit der Ausrede, es wäre eine lange Reise gewesen, endlich auf mein Zimmer zurückziehen konnte. Während ich die Soldaten entließ, folgten mir Eva und Dahlia auf den Fersen und betraten mit mir das Zimmer, dass nobel eingerichtet und mit vielen Fellen behangen war, selbst der Boden unter dem kleinen Rundtisch vor dem Bett und auch direkt daneben war mit Fellen ausgelegt, damit die nackten Füße nicht den kalten Steinboden berühren mussten. „Ahh, endlich“, entkam es Eva wesentlich schneller als mir, noch am Weg zu einem der Sessel vor dem Rundtisch zog sie ihre Stiefel aus und warf sie in den Raum, lies sich auf das dunkle Holz plumpsen und streckte mir einen Fuß entgegen, „Meine Füße brauchen eine Massage, mein Fürst!“, dabei wackelte sie mit den Zehen, lies den Kopf nach hinten hängen und schloss die Augen. „Was für ein Tag!“, grinsend näherte ich mich meinem Dorn, „Achte auf deine Worte, wir haben noch immer einen Gast, der ein Spion des Fürsten sein könnte“, ich setzte mich der weißhaarigen gegenüber und nahm ihre Füße auf meinen Schoß. Während meine Finger begannen, ihr Fußgewölbe zu kneten und sie dabei wohlig stöhnte, zog ich meine eigenen Stiefel mit den Füßen aus und schubste sie vom Fell weg. „Ich tippe noch immer darauf, dass sie dich abmurksen soll. Sieh sie dir doch mal genauer an, Körperbau, Haltung, sie ist eine Meuchelmörderin. Ich wette drei Goldmünzen, dass sie es zumindest versuchen wird.“, sagte meine Leibgardistin, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. „Ist das deine Einschätzung, nachdem du so lange neben ihr gestanden bist, oder willst du einfach nur ein wenig Gold verlieren“, mit geschlossenen Augen und Nacken, der auf der Rückenlehne des Sessels ruhte, hob sie ihre linke Hand und machte damit ein Krokodilmaul das immer wieder, „Blablablabla“, machte. Grinsend drehte ich mich zu unserer, „Meuchlerin“ herum, „Dahlia, bei unserem Gepäck, in dem braunen Sack, wirst du einen Lederbeutel mit Wein finden, bringst du uns diesen bitte mit drei Bechern? Sie müssten auch im Sack sein und dann setzt dich zu uns“ mit einem Lächeln quittierte ich meinen Befehl und wandte mich wieder Eva zu. „Mich würde ja eher interessieren in welcher Beziehung sie zum General steht. Hast du Informationen für mich?“, Eva seufzte nur, „Die Klassiker, General verkuckt sich in Dienerin, kann sie aber nicht für sich haben wegen Rang, bzw nicht als seine Haremsfrau, weil sie dem Fürsten gehört. Nichts Besonderes. Du könntest dich aber auch einmal vorweg informieren und mich nicht immer wegen solchen Belanglosigkeiten stören“ Kopfschüttelnd wartete ich darauf, dass sich Dahlia setzte. „Dann erzähl uns einmal deine Geschichte, wer bist du?“
    • Dahlia

      Bankette, Staatsakte, Empfänge ... Es war nicht das erste Mal, dass in Schlangenholm andere Fürsten empfangen wurden, doch bislang noch nicht in einer derartigen Dimension. In den vergangenen sechs Jahren hatte Shinja bereits andere Clanoberhäupter empfangen, die in der Regel entweder von kleineren verbündeten Clans stammten oder von jenen, die sich den Schlangen unterworfen hatten und im Gegenzug einen Teil ihrer Selbstbestimmung wahren durften. Natürlich war es auch das erste Mal, dass in ein solches Ereignis derart involviert war und gewissermaßen war ich froh, eben nur die Dienerin zu sein. Weniger Verantwortung, sehr viel weniger Verantwortung und kaum in Gefahr laufend, mit einem falschen Wort eventuell einen Krieg auszulösen. Derartige Gedanken passten mir eigentlich gar nicht, weil ich das Gefühl hatte, ich würde meine ganze Herkunft verleugnen - auch wenn ich eigentlich schon seit zehn Jahren nichts anderes tat - allerdings konnte ich kaum beurteilen, wie ich mich jetzt bei derartigen Empfängen fühlen würde, wenn ich noch zu Hause wäre und meine Ausbildung als zukünftige Fürstin regulär hätte weiterführen können. Zumal Staatsakte beim Wolfsclan doch etwas ... anders abliefen, wenn ich das noch recht in Erinnerung hatte. Nicht ganz so schrecklich ... steif. Gelage beim gemeinen Volk waren natürlich noch einmal eine ganz andere Sache, vor allem wenn man bedachte, dass das gesamte Klientel aus ungebildeten Rüpeln zu bestehen schien, doch wir befanden uns hier ja auch bei Hofe. Zwei gänzlich unterschiedliche Welten, wie ich damals hatte feststellen können, als ich zum ersten Mal einen Fuß nach Schlangenholm gesetzt hatte.
      An sich waren Bankette nicht einmal etwas schlechtes, man aß, trank unterhielt sich und zumindest für mich endete der Abend in der Regel damit, in irgendeinem Bett zu landen. Absolut vorhersehbar und auch durchaus amüsant - unter der Voraussetzung, dass man auch ein direkter Teil des ganzen war. Das Manko dieses Abends bestand demnach darin, dass ich faktisch nun einmal nicht dazugehörte. Stattdessen stand ich hinter dem Lotusfürsten, neben dessen Leibwächterin und beobachtete alles, um ab und zu Wein nachschenken zu können. Langweilig und öde. Das gab mir zwar die Gelegenheit, fürstliche Gespräche belauschen zu können, doch dem maß ich keinen derartigen Nutzen bei, dass es die Strapazen irgendwie aufwog. Bei Tisch, wenn der ganze Saal zuhören konnte - zumindest in der Theorie, die Lautstärke verhinderte ja eigentlich schon, dass man dem zuhören konnte, der fünf Plätze neben einem saß - besprach man keine wichtigen Themen. Selbst wenn ich in meiner derzeitigen Position irgendetwas erfahren könnte, was für meinen Clan von Nutzen wäre, so hatte ich keineswegs die Möglichkeit diese Informationen auch nur weiterzugeben. Daher wäre es sowieso absolut nutzlos. Was brachte Wissen, wenn es dem Wissenden kein Gewinn war? Überhaupt nichts. Doch vielleicht würde es sich irgendwann einmal als hilfreich herausstellen, also hörte ich zu.
      "Ich gebe Euch gerne ein Fass mit", erwiderte der Fürst gerade auf die Frage bezüglich des Weins. Für einen Moment zuckten meine Mundwinkel, weil ich es kaum verhindern konnte, aber wenn man bedachte, wie wenig ich bislang hatte nachfüllen müssen, dann gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Wein schmeckte nicht und das Gerede war einfach nur Gerede oder der Lotusfürst trank aus anderen Gründen so wenig. Konnte Alkohol magische Fähigkeiten beeinflussen? Eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte und die ich auch kaum stellen konnte. Meine Unwissenheit in generellen magischen Dingen frustrierte mich immer mehr, weil es auch mein Einschätzungsvermögen beeinflusste. Wissen war Macht, wie meine Lehrmeisterin immer sagte, daher war es stets angebracht, so viel über den Feind zu wissen, wie möglich.
      Ich wusste nicht ganz, ob ich erleichtert sein sollte oder nicht, als mein neuer zweitweiser Herr sich dazu entscheid, sich zurückzuziehen. Stundenlanges Stehen und eine mehr oder weniger durchwachte Nacht begannen so langsam ihren Tribut einzufordern, doch es hieße auch, dass meine wirkliche Arbeit nun wohl erst beginnen würde. Und ich konnte mich nicht einmal ansatzweise auf irgendetwas einstellen. Weiterhin schweigend folgte ich dem Fürsten und seiner Begleiterin zu dessen Gemächern, schob die Tür hinter mir zu, nachdem ich eingetreten war. Nachdem ich mich wieder umdrehte, sah ich nur noch Stiefel fliegen, während die Besitzerin besagter Stiefel sich nicht nur in den nächstgelegenen Sessel fallen ließ, sondern ihrem Herrn auch noch die Füße hinhielt. Was zum? Wo war ich denn jetzt gelandet? Mein Blick sprach vermutlich Bände, auch wenn ich nicht den Eindruck hatte, dass einer von beiden wirklich aktiv auf mich achtete. Einen Füßemassierenden Fürsten sah man auch nicht alle Tage. Wie sollte ich ihn danach jemals wieder ernst nehmen können? Meine Güte. Das passte überhaupt nicht zu dem Bild, das ich eigentlich erwartet hatte. Rein rational wusste ich, dass ich mich trotzdem in Acht nehmen musste, aber bei diesem Anblick fiel mir das zugegebenermaßen schwer. Da achtete ich doch lieber verstärkt auf seine relativ scharfsinnige Leibwächterin, wenngleich ich mich nicht erinnern konnte, irgendwie auch nur ansatzweise derartige Dinge zu erkennen gegeben haben. Vielleicht hatte sie aber einfach nur ein gutes Auge. Die genauen Aufgaben Utaras - und ihrer Schülerinnen - waren immerhin ausschließlich einem geringen Kreis von Eingeweihten bekannt, auch innerhalb Schlangenholms. Allen andern galt sie nur als ranghöchste Geisha und Geliebte des Fürsten. Nun ja, aktuell konnte ich sowieso kaum etwas unternehmen, also abwarten und Pläne schmieden, ob diese auch umsetzbar waren, war ebenso fraglich, aber ich würde es zumindest versuchen. Wenn ich schon die grundsätzliche Gelegenheit hatte so nah an den ärgsten Feind meines Clans heranzukommen ... Genau dessen Stimme riss mich aus den Gedanken, die ich für eine kurze Zeit gehegt hatte, wohl auch um das Bild vor mir auszublenden. Er konnte sogar Bitte sagen?
      "Natürlich Herr." Mit diesen Worten wandte ich mich von der eigentümlichen Szene, die sich mir bot, ab und dem Gepäck, das im Raum stand, zu. Ich wusste ja, dass man Dienern grundsätzlich nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit schenkte, aber dass trotz meiner Anwesenheit über mich geredet wurde, als ob ich nicht da wäre, trug durchaus dazu bei, dass ich das Verlangen verspürte, einem von beiden an die Kehle zu springen. Wem genau hatte ich noch nicht entschieden, aber gut, ich durfte dem nur nicht nachgeben. Woher sie wohl so schnell von meiner Beziehung zu Vetkin wusste? Wobei ... Beziehung das falsche Wort war und die Informationen stimmten nicht gänzlich mit der Realität überein, doch ich würde es kaum berichtigen. Was interessierte es mich, was die Lotus von mir dachten? Zudem war es nicht unwahrscheinlich, dass sie Spione in Schlangenholm unterhielten. Den Schlauch und die Becher hatte ich relativ schnell gefunden, also richtete ich mich auf und trat zu der Sitzgruppe. Schlauch öffnen, einschenken, Becher verteilen. nur wenig später fand ich mich in dem dritten Sessel wieder, was auch meine Füße dankbar quittierten, ehe der Fürst mich nach meiner Geschichte fragte. Warum auch immer ihn die Hintergründe einer Wölfin interessierten. Nun ja, er würde genau das gleiche zu hören bekommen, wie jeder in den letzten zehn Jahren auch.
      "Ich wurde als Tochter einer Jägerfamilie des Wolfsclans geboren und bin dort auch aufgewachsen. Wir lebten in einem Dorf an der Grenze zum Gebiet des Dachsclans", begann ich zu erzählen und zumindest meine Herkunft, war nicht einmal eine gänzliche Lüge. Meine Großeltern waren nämlich Jäger gewesen - bevor sie in den Schieferminen starben. "Als ich vierzehn war, wurde ich, als ich alleine im Wald unterwegs war, von einigen Räubern des Schlangenclans gefangen genommen. Kaum waren wir über die Grenze, verkauften sie mich an ein Badehaus, wo ich zur Geisha ausgebildet wurde, bis Utara mich vor sechs Jahren fand und mich als ihre Schülerin annahm." Mehr gab es von meinem aktuellen 'Ich' auch kaum zu erzählen.

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • „Ahhh“ stöhnte ich nickend, während sich meine Nase ein klein wenig rümpfte. „Da hattest du nicht gerade viel Glück. Eines der ersten Kinder in Freiheit geboren und schon wieder in der Sklaverei gelandet.“, nun griff ich zum Becher und stieß mit Eva an, ich hielt ihn auch zu Dahlia hin, für die der dritte Becher gedacht war. „Rotwein von den sonnigen Hängen des Rabenclans. Nicht fern von deiner Heimat. Ich liebe südländischen Wein, schmeckt er doch wie das Blut der Erde“, schwärmte ich gedankenverloren, bevor ich eine Augenbraue hochzog und wetterte: „Nicht wie diese Ziegenpisse die mir Shinja als Weißwein serviert hat“ Schon traf mich kurz die nackte Ferse von Eva am Oberschenkel, „Wortwahl! Vergiss nicht die Spionin am Tisch“, am Wein nippend stellte sie auch den Becher wieder ab und legte den Kopf in den Nacken. Nachdem ich mit der Dienerin angestoßen hatte, wandte ich mich Eva zu, „Zuvor war sie noch eine Meuchlerin, woher der Sinneswandel?“, sie wackelte nur kurz mit dem Kopf, „Ich respektiere nur deine Meinung sie wäre ein Spion, selbst wenn deine Meinung Schwachsinn ist, mein Fürst“, mein Daumen bedankte sich für ihre Rücksicht an einer besonders verspannten Stelle. „Au!“, jauchzte Eva kurz und warf mir einen biestigen Blick zu, bevor sie die Augen verdrehte und sich wieder sinken ließ. „Brauchst du noch etwas Ruhe, bevor wir über die Arbeit reden?“, Eva nickte und bestätigte mit, „Gib mir noch fünf Minuten, ich stecke gedanklich gerade in einer Zwickmühle“ Nickend wandte ich mich wieder meiner neuen Dienerin zu, „Dahlia, richtig?“, versicherte ich mir, den Namen richtig gespeichert zu haben, da die Bestätigung nicht lange dauerte, fuhr ich fort. „Deine Dienste führ heute sind schon vorbei, seit wir hier angekommen sind.“, ich korrigierte mich, „Na gut, ich gestehe für den Wein habe ich dich noch einmal ausgenutzt, weil Eva dreist meine beiden Hände beansprucht hat. Aber was ich damit sagen will ist: Du bist eingeladen mit uns den Abend zu verbringen, dich mit meinem Wein zu betrinken und deine höfischen Tugenden zu vergessen, bis wir zu dritt diese Türe verlassen. Jetzt im Moment bist du keine Spionin mehr“, schon kam von der Seite geschossen, „Meuchlerin“, und ich verdrehte die Augen, um zu korrigieren, „Dienerin. Wenn wir dir also zu langweilig sind, kannst du jederzeit schon schlafen gehen, niemand nimmt es dir übel. Ich weiß deine Dienste zu schätzen und bin mir bewusst, dass es ein langer Tag war.“, dann sah ich zu ihrem Becher und wieder zu ihr, „Aber den Becher trinkst du auf alle Fälle noch aus! Das ist kein Befehl als Fürst sondern als Mensch, wenn du diese Liebkosung deiner Sinne einfach zurücklässt, habe ich jeglichen Respekt verloren!“, dabei hob ich mahnend meinen Zeigefinger. Das wäre noch das aller schönste, wenn man diesen Gaumengenuss einfach stehen lassen würde, damit er schal wird.

      „Ich glaub ich brauch Hilfe“, stöhnte Eva nahm die Füße von meinen Schenkeln und ließ sich nach Vorn kippen, das Kinn in ihre Hand gestützt auf dem Tisch, mit der anderen Hand über ihren Kopf reibend. „Ich verstehe das Anliegen der Schlangen: Korruption und der Machtwechsel nagen an ihrer Wirtschaft und sie brauchen mehr Arbeitskraft. Den Wolfsclan zu versklaven, würde den Mangel an Arbeiter wieder in Ordnung bringen. Da seine Streitmacht aber nicht einfach dort einfallen kann, kommt der Lotus ins Spiel. Da unsere Adeligen, seit wir die Wölfchen freigelassen haben, immer mehr an ihrem Reichtum verlieren, weil sie den Arbeitern, die nicht gratis arbeiten, mehr Zahlen müssen, unterstützen diese den Schlangenclan sicher bei dem Vorhaben und werden Druck machen, sobald die offizielle Bitstellung erfolgt ist, damit du den Antrag stattgibst. Zusammengefasst: Unser Adel und die Schlangen wollen neue Sklaven.“, nun prustete die sonst so energische Frau erschöpft aus, „ABER WIR, wollen keine Sklaven“, eine hochgezogene Augenbraue meinerseits ließ sie korrigieren, „DU willst keine Sklaven“, sie verdrehte die Augen, „ weil du dem Adel das Geld aus der Tasche ziehen willst, damit sie es an die Bevölkerung zahlen müssen.“, ich nickte eifrig und lauschte.

      „Auf der anderen Seite arbeiten wir schon an der Indoktrination des Volkes des Schlangenclans, damit diese die Lehren und Gebräuche des Lotus annehmen. Es wäre eine wundervolle Möglichkeit unseren Einfluss weiter auszubauen und zum Beispiel Schulen oder Tempel errichten zu lassen um deren Bevölkerung weiter in unsere Richtung zu ziehen, alles im Deckmantel der Erziehung der Sklaven, von dem unser Volk mehr versteht.

      Doch dann haben wir das Problem wieder Sklaven zu haben, was dem Adel hilft seinen Reichtum und Einfluss weiter aufzubauen, anstatt der breiten Maße Wohlstand zu bringen. Die Frage ist also, ob ich die innenpolitischen, oder außenpolitischen Ziele verfolgen sollte, da ich den anderen damit direkt Schaden zufüge.“, grummeln starrte sie auf ihren Weinbecher, bevor sie daran trank.

      „Richtig, aber du wirst dich daran gewöhnen müssen Entscheidungen zu treffen, die weder richtig noch falsch sind.“, ich lehnte mich weiter in meinem Sessel zurück, „Kannst du dir vorstellen wie entspannend ich es finde, dass du dich damit herumplagen musst und nicht ich“, die Frau schnitt eine Grimasse, bei der ihre Zunge heraushing und sie den Kopf schüttelte, doch ich konnte nur weiter lächeln. „Aber du vergisst ein paar Faktoren mit einzubeziehen, du bist gerade zu sehr im JETZT. Zuallererst: Wenn dir die beiden Optionen nicht gefallen, schaff eine dritte zu deinen Gunsten. Zweitens: Betrachten wir die Wölfe. Es ist noch keine Generation her, da sie die Freiheit wiedererlangt haben. Sie sind hochmotiviert und deren Veteranen und Anführer werden verbissen gegen die Sklaverei antreten. Zweitens, ist uns der Putsch bei den Drachen gelungen um unseren Einfluss zu erweitern, dies hat aber auch dazu geführt, das ein neuer Drachenclan auf die Spielwiese gekommen ist, der bereits gut an fahrt aufgenommen hat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Angriffe der Schlangen auf Wolfsterritorium für Sklaven und die diplomatischen Spannungen mit den Drachen dazu führen werden, dass Drachen und Wölfe zu einem Bündnis getrieben werden.“

      „Blödsinn“, quittierte Eva meine Vermutung ungeschönt, „Wölfe und Drachen sind wie Barbaren und Paladine. Sie sind völlig verschieden, ihre Motive, Ziele“, ich schüttelte den Kopf, „Ihre Verhandlungen werden alles andere als einfach und es wird genug Möglichkeiten geben Zwist zu sähen und diese hinauszuzögern. Aber ich verspreche dir so sicher wie die Sonne morgen aufgehen wird, wenn die politische Lage so bleibt, wird es dieses Bündnis geben“, seufzend trank mein Dorn an ihrem Weinbecher, völlig hatten wir vergessen, dass noch jemand dasaß, oder viel mehr, es war uns schlicht weg egal. „Ok, nehmen wir an, du hast recht, dann wäre es das Beste….“, sie schnaufte aus und schloss wieder die Augen, „Du gibst mir noch fünf Minuten eine Massage“, sie warf sich wieder nach hinten und ihre Füße landeten geborgen in meinen warmen Händen. Lächelnd wandte ich mich zu Dahlia, die womöglich etwas verstört von der Situation war, doch es war mir einerlei, „Was würdest du tun, mit den Informationen, die dir gegeben sind? Du kannst aber auch gerne weitere Fragen stellen, wenn dir etwas unklar ist, Dahlia“, dann sah ich auf ihren Becher der kaum angerührt war und sah vermutlich etwas erbost drein, „Und trink, junge Dame. Das man tatsächlich noch auf südländer trifft die einen guten Wein nicht zu schätzen wissen!“, kopfschüttelnd ergriff ich meinen Becher und erhob ihn, während ich mit der anderen Hand das Fußgewölbe von Eva durchknetete.
    • Dahlia

      Na zumindest lachte er nicht oder zeigte sich anderweitig über meine Lage amüsiert. Das Verhalten des Lotusfürsten entsprach nicht gerade meinen Erwartungen, aber es war besser so, damit konnte ich letztlich leben, es war einfach leichter zu ertragen, als wenn er sich über mich lustig gemacht hätte. Auch wenn er natürlich die Ironie des Ganzen nicht kannte, dass ausgerechnet ich, die Tochter jenes Mannes, der unseren Clan erst aus der Sklaverei des Lotusclans befreit hatte, als Sklavin bei den Schlangen landete.
      "Das nennt man eben Pech", murmelte ich. Oder Dummheit. Oder Naivität. Noch immer könnte ich mein 14-jähriges Ich dafür verfluchen einfach alleine in den Wald gegangen zu sein. Dabei hatte Vater mich noch ermahnt aufzupassen, weil wir uns nahe der Grenzen befunden hatten - die letzten Worte, die er jemals an mich gerichtet hatte und ich schlug sie in den Wind. Ich war ja schließlich zu Hause gewesen, auf dem Grund und Boden meines Clans, was sollte mir da schon passieren? Außerdem war ich ja schon fast erwachsen. Kurze Zeit später sollte ich herausfinden, wie sehr ich mich in dieser Annahme doch irrte. Erst nachdem man mich in das Badehaus verkauft hatte, war ich erwachsen geworden - weil ich es zwangläufig hatte werden müssen. Als der Lotusfürst mir den Becher hinhielt, stieß ich natürlich mit ihm an, wenngleich auch diese Geste eher der Höflichkeit geschuldet war, als alles andere. Zumindest konnte ich mich damit amüsieren, wie er über Shinjas Wein wetterte, selbst wenn die Tirade allzu schnell wieder unterbrochen wurde. Wirklich so gar nichts an seinem Verhalten entsprach meinen Erwartungen und fürs erste schien es so, als ob meine Sorgen vollkommen unbegründet waren, denn bislang hatte er noch keinen Augenblick durchblicken lassen, dass er mich niederer schätzte als eine normale Dienerin. Spionin, Meuchlerin. Nun ja, es war nicht so, als könne man mit derartigen Begriffen meinen Stolz verletzen, zumal ich zumindest ersteres nicht war. Da Shinja mir nicht befohlen hatte, Informationen zu beschaffen, würde ich das auch nicht tun. Ob ich tatsächlich die Gelegenheit haben würde, den Fürsten umzubringen, würde sich noch zeigen. Demnach lauschte ich nur schweigend dem Wortwechseln zwischen den beiden, auch wenn sie sich schon wie ein altes Ehepaar verhielten. Das war gar nicht so schlecht, ich saß in einem weichen Sessel, musste nicht länger stehen und meine armen Füße strapazieren und wurde auch nicht herumgescheucht. Was könnte man sich in meiner Position gerade besseres wünschen? Und 'über die Arbeit reden' klang zumindest nach einer Gelegenheit eventuell an brauchbare Informationen zu gelangen. Es sei denn, er würde mich jetzt und sofort wegschicken, was ich eigentlich vermutete, als er mich ansprach. Mit einem Nicken quittierte ich die Richtigkeit meines Namens, ehe wieder etwas kam, das ich nicht erwartet hatte. Mein Dienst war schon vorbei? Nun denn, ich würde mich nicht beschweren. Aber vielleicht sollte er aufhören so schrecklich nett zu sein, sonst würde ich noch beginnen ihn zu mögen und das kam gar nicht infrage. Ich sollte trotzdem auf der Hut sein und mich in Acht nehmen. Sicherheit war so ein unglaublich trügerisches Konstrukt und aus Fehlern lernte man bekanntlich.
      "Ich verbringe den Abend gern mit Euch. Zudem ist mir kaum gelegen, dass jemand denken könnte, ich würde meine Aufgaben nicht gewissenhaft ausführen", bemerkte ich demnach auf die Worte des Fürsten, vor allem da dieser Jemand im schlimmsten Fall Shinja sein würde. Sollte ich jetzt gehen, würde mich unter Garantie irgendjemand sehen und in Schlangenholm blieben derartige Dinge nicht sonderlich lange geheim. Wir saßen eben inmitten eines ganzen Nestes. Nelumbos Einsatz für den Wein entlockte mir ein ungewolltes Schmunzeln und ich nippte demonstrativ am Becher, ehe meine Aufmerksamkeit von Evas Stöhnen abgelenkt wurde. Jetzt wurde es interessant. Es wunderte mich nicht einmal mehr, dass sie als seine Beraterin zu fungieren schien. Jeder Fürst brauchte wohl auch die Meinung einer Frau. Shinja hatte Utara, mein Vater hatte Gaihla. Warum sollte das also auch nicht auf den Lotusfürsten zutreffen?
      Zurücklehnen und zuhören, auch wenn ich bereits nach den ersten Sätzen mit den Zähnen knirschen musste. Warum glaubten die Schlangen und der Lotus eigentlich ständig, dass mein Clan hervorragendes Sklavenmaterial abgeben würde. Man konnte den Wolf nicht zähmen. Niemals. Mein Griff um den Becher wurde fester, zumindest solange, bis dieser eine Satz fiel und mein Blick verwirrt zum Fürsten glitt. Nicht, dass ich erwartete bemerkt zu werden und meine antrainierte Beherrschung verhinderte zumindest, dass ich irgendetwas dummes tat ... aber ... Was sollte das heißen, er wollte keine Sklaven? Wer hatte meinen Clan denn damals versklavt und ihn so viele Jahre lang in den Schiefermienen schuften lassen? Was war das also für eine Heuchelei? Hart biss ich mir auf die Innenseite meiner Unterlippe, solange bis ich Blut schmeckte. Tief durchatmend versuchte ich mich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. Es würde mich nur davon abhalten die weiteren Pläne in Erfahrung zu bringen. Irgendwie musste ich das verhindern. Natürlich wusste ich nicht einmal, in welchem militärischen und wirtschaftlichen Zustand sich meine Heimat befand, aber mir lag nichts an einem erneuten Krieg, an dessen Ende mein Volk wieder für die anderen Clans schuften musste. Sie sollten mein Schicksal nicht teilen, wenn ich schon hier versauern musste. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Auch wenn ich nicht einmal wusste, ob ich überhaupt etwas würde beeinflussen können. Die Gelegenheit das zu tun, bot sich allerdings schneller als gedacht. Wenngleich mir schleierhaft war, warum er mich nach meiner Meinung fragte. Wenn man sich meinen Hintergrund ansah, dann sollte man kaum darauf kommen mich in derart politischen Fragen zu Rate zu ziehen. Oder ahnte der Lotusfürst etwa, dass ich ihn angelogen hatte? Ahnte er etwas von meiner wahren Identität? Meine Gedanken rotierten nicht nur wegen der ganzen Informationen, die sie zu verarbeiten hatten, sondern gleichzeitig auch wegen Dingen, die ich nicht einkalkuliert hatte. Trotzdem ... selbst wenn er etwas ahnte, selbst wenn das hier ein Test war, um einen Verdacht zu bestätigen ... ich konnte die Gelegenheit nicht einfach so verstreichen lassen. Wenn ich einen Weg fand, einen erneuten Krieg zu verhindern, dann musste ich genau das tun. Das war meine Pflicht meinem Clan gegenüber. Außerdem kam ich nicht umhin festzustellen, das hier als eine Art Prüfung zu sehen - als eine Prüfung ob ich überhaupt jemals dazu geeignet wäre, zumindest theoretisch Fürstin zu werden. Nachdenklich nippte ich an meinem Wein, der just auch schon angesprochen wurde.
      "Wenn Ihr schon so viele betrunkene Schlangen hättet bedienen müssen wie ich, dann würdet ihr den Folgen von Alkohol auch skeptisch gegenüber stehen." Und uns nannte man Barbaren. Schlangen waren eigentlich viel schlimmer in ihrem Verhalten. Gegen eine Taverne voller Schwertkämpfer war Wolfball nahezu ungefährlich. Nun denn, zurück zum wesentlichen.
      "Zusammenfassend ist es also Euer Ziel, Euren Einfluss auf den Schlangenclan auszuweiten und die Adligen des Lotusclans im Zaum zu halten, ohne einen Angriffskrieg gegen den Wolfsclan führen zu müssen, der dessen erneute Versklavung zur Folge hätte. Zudem möchtet Ihr ein eventuelles Bündnis zwischen den Wölfen und den Drachen verhindern.", rekapitulierte ich also die aktuelle Situation. Ich wusste, dass mein Vater niemals ruhen würde, bis er jedem einzelnen Lotus den Schädel eingeschlagen hatte, aber das bedeutete nicht, dass ich befürworten würde, dass mein Volk abermals angegriffen wurde. Vor allem wenn ich keine Möglichkeit hatte, sie zu warnen. Meinen Becher in der Hand behaltend, erhob ich mich und entfernte mich von den beiden Lotus, um zum Fenster zu treten.
      "Meine Überlegungen sind natürlich lediglich rein theoretischer Natur, da ich kaum dazu in der Lage bin, einzuschätzen, ob sie nun umsetzbar sind oder nicht. Das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist die Tatsache, dass sich der Wolfsclan sicherlich nicht so einfach wieder wird versklaven lassen", begann ich zu sprechen. Nein, wir hatten immerhin auch dazu gelernt. Selbst wenn die Rebellion zu einem Teil auch nur erfolgreich gewesen war, weil der Lotusclan im Laufe der Jahr unvorsichtig geworden war und uns gebrochen wähnte. Doch nun ja, darum ging es gerade nicht. Mich vom Fenster abwendend, durchschritt ich den Raum während ich sprach, weil ich mich so einfach viel besser konzentrieren konnte. "Angenommen, der Lotusclan würde dem Schlangenclan bei seinen wirtschaftlichen Problemen unter die Arme greifen und es gelänge durch den Einsatz von Magie Arbeitskräfte einzusparen, würde Euch ein solches Szenario erlauben Euren Einfluss sehr viel effektiver und auch längerfristiger auszudehnen, als ich mir das 'nur' durch bessere Erfahrungen mit Sklaven vorstellen könnte. Dadurch würde zudem auch eine gewisse Menge Gold an den Lotusclan fließen, welches Ihr dazu nutzen könntet, um jene Adlige, die ihre Arbeiter gerecht bezahlen, finanzielle Zuschüsse zu gewähren, sodass sie vorerst weniger Ausgaben haben. Als Anreiz, um letztlich Eure politische Linie zu vertreten. Um die Kosten auszugleichen, könnte man vielleicht langsam und stetig die Abgaben erhöhen, wodurch das Gold letztlich wieder in die Clankasse fließen würde. Ich gehe zumindest davon aus, dass ein erneuter Krieg sehr viel kostspieliger werden würde." Nachdem ich geendet hatte, blieb ich wieder stehen und trank einen Schluck Wein. Kaum zu glauben, dass ich dem Lotus gerade ernsthaft zu helfen versuchte, nur um einen Krieg zu verhindern. Wobei ich ein Bündnis zwischen meinem Clan und den Drachen natürlich befürworten würde.

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Es kostete mich ein kleines Lächeln, als die junge Dienerin ihre Erfahrungen mit betrunkenen Schlangen und ihre Skepsis gegenüber Alkohol zu Tage trug. Was war den schon ein Tag ohne ein klein wenig Genuss? Ich war niemand, der es gut hieß betrunken Entscheidungen zu treffen, aber manchmal half ein Schlückchen dabei, den Geist zu befreien und auf Gedanken zu kommen, die einen ansonsten verborgen blieben. Vielleicht war es auch der Alkohol, oder eine Unwissenheit über Magie, die Dahlia zu ihren Überlegungen führten. Ich folgte ihrer Gestalt mit meinen Augen zum Fenster und beobachtete, wie sie in die von Sternen erhellte Dunkelheit blickte. „Vorsicht junge Dame.“, mahnte ich die Rothaarige, meine Stimme war hart und ihr war auch für den nächsten Satz Nichts von meinem sonst so fröhlichem Gemüt zu hören, das ich in meinen Privatgemächern zeigte. „Magie hat immer ihren Preis. Für simple Dinge wie Arbeit, ist der Preis zu hoch.“, doch weiter wollte ich nicht auf die Formen der Magie eingehen. Die Magie, die ich im Westen lehrte, diente allein dem Militär, um meine Legionen zu stärken. Im Kampf um Leben und Tod, war man gewillter Preise zu zahlen.
      Mein Lächeln kehrte wieder und ich ging weiter auf ihre Überlegungen ein, „Ich sehe keine Vorteile darin, dem Schlangenclan wirtschaftlich unter die Arme zu greifen. Sollte es nötig sein, um meine Ziele zu erreichen, wäre es akzeptabel, aber ansonsten habe ich nicht vor die Schlangen zu stärken, bis eines meiner Häuser an der Macht ist. Und wann immer du für mich denkst, gehe davon aus, dass Gold keine Rolle für mich spielt.“, ich wedelte ein wenig mit der Hand um die Absurdität dieses Gedankens, den Gedanken an Gold zu verdeutlichen. Die Mengen, die ich an Gold besaß, überstieg die Vorstellungskraft der Clans bei weitem, genauso wie die gesammelten Schätze all dieser Clans zusammen und hierbei sprachen wir allein von meinem Privatvermögen.
      „Zudem ist dieser Einfluss zu schnell erkauft. Einfluss kann man nicht SCHNELL erringen. Was schnell erschaffen wird, wird schnell vergehen. Es ist nicht nachhaltig. Ist es nicht Nachhaltig, dann ist es irrelevant, zudem haben wir schon langfristige Operationen, die uns den Schlangenclan in Zukunft Untertan machen.“, so viel zu sagen zu den Gedanken, die sie mir für den Schlangenclan schenkte. Aus der Sicht einer Dienerin, waren ihre Gedankengänge aber ganz passabel. Diejenigen die immer denen dienten, die Gold hatten, waren natürlich der Meinung, Gold wäre die Lösung aller Probleme. So gestalteten sich auch die Annahmen wie man mit den Adeligen umgehen sollte wieder um das Edelmetall, dass selbst viele Fürsten in den Wahnsinn trug.
      „Aber“, nun musste ich lachen, da die Dienerin glaubte die Adeligen müssten mit Gold unterstützt werden, doch ich hob entschuldigend meine Handfläche nach Oben, ich wollte keineswegs respektlos wirken, doch der Gedanke, diese reichen Säcke bekamen das Mitleid einer Dienerin, sie hätten nicht genügend Gold, war einfach zu famos. „deine Annahme, die Adeligen des Lotusclans hätten nicht genug Geld ihre Arbeiter gerecht zu entlohnen, entringt mir ein ungläubiges Lachen. Sie haben genug Gold, sei dir dessen versichert, aber sie wollen nicht auf ihre dekadente Lebensart verzichten, wobei das Wort Verzicht schon eine Beleidigung für das Wort selbst ist, wenn man es diesen Menschen zu teil werden lässt.“
      Nun schwenkte ich den Becher in der Hand, bevor wir uns dem Thema: Krieg widmen würden. Zuvor wechselte ich aber den Fuß, den ich für Eva massierte, da mein Daumen in ihrem Linken, keinen Hartspann mehr finden konnte.
      „Und ein Krieg mag kostspielig sein, doch eines solltest du niemals vergessen, wenn dieser im Raum steht und du mit jemandem deswegen verhandelst: Wer zahlt den Preis?“, ich musste schräg schmunzeln, da es mich ein wenig an die Grundregeln der Magie erinnerte, „Die Leben werden von den Soldaten bezahlt, Gold von den Verlieren, Leid von der Bevölkerung, während Fürsten in ihren Palästen sitzen und Holzfiguren auf Karten hin und herschieben um ihre Gewinne zu berechnen. -die Frage ist also, und deren Antwort von Fürst zu Fürst unterschiedlich: Ist der zu erringende Gewinn von höherem Wert für mich, als das Leid meines Volkes.“
      Ich schüttelte den Kopf kurz, denn wir waren völlig vom Thema abgewichen, „Also ich fasse die Wünsche den Lotusclan noch einmal präziser zusammen.
      Erstens: Meine Untergebenen bekommen keine Sklaven
      Zweitens: Den Schlangenclan nicht zu demütigen, oder abzuweisen.
      Drittens: Wenn möglich beides gemeinsam zu erreichen.“
      Nun meldete sich auch wieder Eva zu Wort: „Wir könnten es so aussehen lassen, als hätte Shinja die Meuchlerin zu dir geschickt, um dich zu töten. Wir schieben es auf Shinja, töten die Meuchlerin als einzige Zeugin und können so die Verhandlungen wegen den Sklaven bereits unterbrechen, bevor sie begonnen haben. Wir könnten dies gleich nutzen, um eines unserer Marionettenhäuser auf den Thron zu setzen und Shinja dazu zwingen abzudanken, um keinen Krieg auszulösen.“
      „Haahhh“, ein klein wenig Verbitterung war in meinem seufzen wohl zu hören, denn Eva blickte bereits mit einer hochgezogenen Augenbraue und Mundwinkeln die wie Schlitze in ihr Gesicht gezeichnet wurden zu mir, „Ihr Frauen seid zu schnell in euren Taten. Das Haus ist noch nicht fertig vorbereitet, es braucht noch gut zehn Jahre, bis eine Übernahme reibungslos funktionieren würde. Die Indoktrination ist noch nicht abgeschlossen und wir wollen keinen Bürgerkrieg, das würde meine Vorhaben für den Schlangenclan um gute fünfzehn Jahre zurückwerfen, dann hätten wir den Drachenprinzen gleich auf dem Thron lassen können.“, aber ich hatte gelernt nicht immer nur zu nörgeln, sondern auch positives Feedback auszusprechen, weshalb ich anmerkte, „Aber in fünfzehn Jahren, wäre das die perfekte Lösung gewesen, ausgezeichneter Gedankengang, aber noch zu ungestüm. Am Ende ist es zwar deine Entscheidung, aber ich würde dich bitten vielleicht noch ein wenig zu grübeln.“, meinem Lob folgte ein Schnalzen mit der Zunge ihrerseits, bevor ihr Kopf wieder an der Stuhllehne lag und ich mich Dahlia widmete, die noch immer am Fenster stand, die Augen weiter geöffnet, als sie es wohl beabsichtigt hatte, doch für mich nicht ganz unverständlich, immerhin hatten wir gerade über ihren Tod gesprochen, als würden wir besprechen, ob ich noch ein Becherchen von diesem vorzüglichen Rabenclan Wein wollen würde. Bei dem Gedanken schenkte ich mir gleich ein klein wenig des roten Schlummertrunks in meinen Becher.
      „Dahlia, du sagtest du wüsstest mit Sicherheit, dass sich der Wolfsclan nicht einfach versklaven lassen würde. Ich hoffe du sprichst nicht aus verletztem Stolz, sondern weil du deine Annahme mit Fakten darlegen kannst?“, dabei hielt ich eine Augenbraue gehoben, denn ich kannte die Antwort darauf bereits, dennoch war es etwas, dass sie selbst erkennen musste.
      „Ich bin immer interessiert mehr über meine Nachbarn zu erfahren.“, da platzte mir schon wieder Eva ins Gespräch, „Wenn du so neugierig bist, heirate doch einfach den Wolfsfürsten, oder einen anderen Adeligen der Waldclans, dann kannst du sagen, dass wir leider bereits andere Bündnisse geschlossen haben, die uns einen Angriffskrieg verbieten. Die Adeligen wären erbost und müssten es akzeptieren, genau wie Shinja und ich hätte meine Ruhe vor dir.“, ich musste lachen, es war süß, wie sie versuchte mich loszuwerden, „Nichts da mein Dorn. Du brauchst noch gut fünf Jahre, bis du all meine Aufgaben übernehmen kannst und ich mir sicher sein kann, dass der Lotus weiter blühen wird. Erst dann kann ich mich um den nächsten Clan kümmern.“ Wieder söhnte Eva und lies den Kopf hängen, „ICH WEIß“, stöhnte sie, „Der Plan ist in drei Jahren in die Marionetten einheiraten, in 5 den Lotusclan übernehmen in fünfzehn der Schlange den Kopfabschlagen und durch erbrecht an den Thron gelangen. Du hast mir immer noch nicht verraten, ob du als nächstes die Waldclans oder die Drachen vereinen möchtest.“, ich zuckte mit den Schultern, „Wenn ich das wüsste, mein Dorn. Aber du störst meine Unterhaltung mit Dahlia, also versinke wieder in deinen Gedanken und sei still“, ich wandte mich wieder Dahlia zu, „Also wo waren wir? Die Versklavung des Wolfclans. Was denkst du könnte mich davon abhalten?“
    • Dahlia

      Ich glaubte nicht, dass ich mich jemals würde mit Alkohol anfreunden können, denn dazu war mir der damit verbundene mögliche Kontrollverlust viel zu sehr zuwider. Es genügte mir bereits, dass ich in meiner derzeitigen Position dazu verdammt war, jedem zu Diensten sein zu müssen, der das wollte und demnach kaum wirklichen Einfluss auf meine Freierwahl hatte, selbst wenn sich meine Situation im Vergleich zum Badehaus wesentlich gebessert hatte. Unter diesem Umständen sah ich es allerdings nicht ein, meinen Geist mit Alkohol zu manipulieren und in dieser Hinsicht auch noch die Kontrolle abzugeben. Auch weil ich keine Ahnung hatte, wie ich mich verhielt wenn ich betrunken war und ausprobieren würde ich es sicher nicht. Auch wenn der Gedanke kurze Zeit später mit jedem Wort des Fürsten umso verlockender wurde. Im besten Falle würde mir durch den Alkoholkonsum nämlich alles egal werden, was er sagte. Ich wusste nicht einmal wirklich, was für eine Reaktion ich erwartet hatte, aber zumindest hatte ich wohl unterbewusst gehofft, dass sie nicht derart vernichtend ausfiel, immerhin klang mein Vorschlag in meinen Ohren durchaus plausibel und nachvollziehbar. In meinen Ohren eben. Stattdessen glich jedes Wort einer weiteren wohlplatzierten Nadel der Demütigung, die unaufhörlich auf mich einstach. Eigentlich sollte es mich nicht interessieren, was er von mir dachte und wie so oft in den letzten Jahren, wünschte ich mir, ich könne meine Emotionen einfach abstellen. Dann wäre es egal, was er sagte, dann könnte er mich weder mit Worten demütigen, noch würde er es schaffen mich wütend zu machen. Doch nicht nur der Zorn brannte heiß in mir, sondern letztlich auch der Hass und das war neu, aber letztlich nur eine zwangsläufige Folge der Ereignisse. Vorher hatte ich ihn gehasst für das, was er meinem Volk angetan hatte, jetzt war das ganze sehr viel persönlicher geworden und ich hatte noch viele weitere Gründe, warum ich sein Antlitz von der Erde tilgen musste.
      Meinen Blick starr auf die nächste Wand gerichtet, um die beiden anderen Menschen im Raum ja nicht ansehen zu müssen, umklammerte meine Hand den Becher derart fest, dass meine Knöchel hervortraten. Vielleicht, weil es mehr oder weniger derzeit der einzige Halt war, der sich mir bot, vielleicht aber auch nur, um mich daran zu hindern das Trinkgefäß mitsamt seinem Inhalt dem Fürsten an den Kopf zu werfen. Eine Idee, die mir nur zu verlockend erschien, während ich keine andere Wahl hatte als ihm zuzuhören und diese unglaublich brennende Schmach zu ertragen. Situationen, die zu ertragen ich gezwungen war, aus denen ich weder mittels eines Angriffs noch mittels Flucht - so beschämend das auch für eine Wölfin war - entkommen konnte, hatte es in den letzten Jahren zu Hauf gegeben. Alleine jene Nacht, in der Budo mich halbtot geprügelt hatte, weil es ihn erregte. Wobei es wohl Glück gewesen war, dass ich das auch überlebte. Oh verdammt nochmal und um jetzt zu überleben, musste ich mich wohl zusammenreißen.
      "Danke für die Erläuterung", stieß ich zwischen zusammengepressten Lippen hervor, denn wenn ich meine Emotionen schon nicht gänzlich aus meiner Körpersprache heraushalten konnte, so hatte ich zumindest nicht vor mir meinen Gemütszustand verbal anmerken zu lassen. Ihn auch noch wissen zu lassen, dass er mich mit seinen Worten durchaus getroffen hatte, das kam gar nicht infrage, dann würde ich mich selbst nur noch mehr demütigen als der Lotusfürst es bereits getan hatte. Vermutlich war es sowieso nur ein Wunschdenken, dass er es nicht bemerken würde, aber ich musste es ihm auch nicht freiwillig demonstrieren. Wobei es mir ja eigentlich ziemlich egal war, was er von mir dachte, ich wollte einfach nur nicht schwach erscheinen. Dass Eva nun das Wort ergriff und somit die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich lenkte, hätte mir nur recht sein müssen - zumindest wenn der Inhalt ihrer Worte nicht derart unangenehm für mich gewesen wäre. Es klangt durchaus logisch ein solches Szenario zu inszenieren, aber ... ernsthaft? Fiel ihr nichts besseres ein? Es war unglaublich unangenehm zuhören zu müssen, wie der eigene Tod im Raum stand, vor allem ohne wirklich aktiv etwas dagegen tun zu können. Ich konnte mich ja nicht einmal wehren, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, wie mir meine viel zu leichten Kimonoärmel wieder ins Gedächtnis riefen. Ich konnte nicht leugnen, dass mir ein gewisses Gefühl der Erleichterung durchfuhr, als der Fürst den Vorschlag beinahe ebenso abschmetterte wie den meinigen, aber die Information, dass dem nicht der Fall gewesen wäre, wenn ich fünfzehn Jahre später hier stünde hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Meine freie Hand ballte sich zur Faust, die glücklicherweise hinter der Seide meiner Kleidung verschwand, aber gut, es war einfach unbefriedigend, nichts tun zu können, während das Bedürfnis sie einfach beide umzulegen von Minute zu Minute wuchs. Bedauerlicherweise war meine Schonfrist dann wohl offenkundig vorbei. Lag die Beantwortung dieser Frage nicht auf der Hand? Als ob wir uns wieder in Ketten zwingen lassen würden, nachdem wir erst vor vergleichsweise kurzer Zeit die Freiheit wiedererlangt hatten. Einzelne, wie mich vielleicht, aber nicht den ganzen Clan und davon war ich fest überzeugt. Der Wolf vergaß ebenso wenig wie man ihn zähmen konnte.
      Erneut war es Eva, die mich - wohl vorerst - einer Antwort enthob. Wäre ich nicht derart schlecht gelaunt hätte ich wohl zumindest lächeln müssen, weil die Vorstellung, wie mein Vater den Lotusfürsten zur Hochzeit mit erhobener Waffe empfing, ebenso absurd wie amüsant war. Als ob der Wolfsclan sich jemals mit dem Lotus verbünden würde. Die Zukunftsaussichten, die auf den Tisch geworfen wurden, behagten mir gar nicht. Kein Plan war perfekt, aber das hier glich einer Dystopie, bei deren Gelingen der ganze Kontinent irgendwann unter dem Einfluss des Lotusclans stehen würde. Etwas, was unter allen Umständen verhindert werden musste. Natürlich könnte es auch eine Farce sein und all das, was gerade besprochen wurde gar nicht zu ihren Plänen gehören, aber nun ja, es klang nicht danach und es wäre unglaublich viel Aufwand nur um mich zu täuschen. Wobei ... wie mir soeben ausführlich dargelegt worden war, war ich gar nicht in der Lage mich in die Gedankenwelt eines Lotus hineinzuversetzen.
      'Dass Euch jemand den Kopf abschlägt', hätte ich nur zu gerne geantwortet, doch das war gerade ebenso unwahrscheinlich wie eine Armee, die zu meiner Befreiung anrücken würde. Oder irgendjemand, der überhaupt zu meiner Befreiung anrücken würde, es müsste nicht einmal eine Armee sein.
      "Ihr könnt den Wolf nicht zähmen", erwiderte ich also - und davor war ich fest überzeugt. Nicht das ganze Rudel. Nicht den ganzen Clan. Vor allem nicht solange mein Vater Fürst war. "Darüber hinaus kann ich Euch darauf kaum eine Antwort geben, die auf Fakten beruht, denn wie Ihr Euch vielleicht zu erinnern beliebt, bin ich seit 10 Jahren mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten. Und wer würde schon der kleinen wölfischen Hure wichtige Informationen anvertrauen?" Wenn der Rest der Welt mich genau so sehen wollte, dann sollte sie das tun. Unterschätzt zu werden war letztlich einer meiner Vorteile, auch wenn die Zweifel, ob ich jemals eine gute Anführerin wäre eher größer den kleiner wurden. Vielleicht war es auch mein Schicksal hier bis an mein Lebensende zu versauern, so unschön diese Aussichten auch waren.

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Nelumbo

      Wieder sprach sie die Worte ihres Clans, es kostete mich ein innerliches Seufzen wie naiv die jungen Generationen doch geworden waren. Vieles ging mir durch den Kopf, dass ich hätte antworten können. Begonnen von einer Demonstration wie ich vor ihr kniee und der Erklärung, dass es nur Worte waren. Einem Sinnbild, das Wölfe, die gezähmt wurden, eben zu Hunden wurden und man Hunde, die man ausbildet, um Wölfe zu töten Bluthunde nennt. Eine Praxis, die ich schon lange verfolge, um geeignete Späher in den Wäldern zu rekrutieren. Zugegeben meine Lehrmethoden waren vielleicht nicht die Besten, den ich versuchte meinen Gegenübern nie die Lösung Offen darzulegen, sondern regte sie selbst an nachzudenken und korrigierte ihre Fehler oder nannte ihnen Wissen, dass sie zuvor nicht hatten, um ihre Position zu überdenken, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Dienerin ihren Kopf verschlossen hielt. Sie war nicht gewillt zu lernen, was eine Schande war, den bis jetzt hatte sich in der Anwesenheit Evas und mir nicht schlecht geschlagen. Ihr fiel bestimmt nicht auf, dass jedes Wort, das sie von sich gab, jede Körperhaltung strengstens gemustert wurde, selbst wenn ich mit Eva einen solch lockeren Umgang pflegte. Ich konnte nicht sehen, was mit ihrer Hand geschah, die unter den Kimonoärmeln verschwand, doch das stechende Weiß ihrer Knochen, die hervortraten, als sie den Becher so fest umklammerte, dass ich schon befürchtete, die nähte des ledernen Trinkutensilis würden gleich reißen.

      Ich glaubte ihr, dass sie an die Worte des Wolfclans glaubte, auch wenn sie selbst schon zum Hund erzogen wurde. Ich glaubte ihr, dass in ihr die Hoffnung brannte, wieder ein Wolf zu sein. Ich glaubte ihr, dass Bitterkeit ihr Herz zerfraß, als sie davon sprach, wie lange sie auf diesem Hof gefangen war. Ich glaubte ihr, dass sie sich selbst bereits als kleine wölfische Hure sah, der niemand Informationen anvertrauen wurde.

      Zum Kleinen erzürnte es mich sogar, dass sie ein solch schlechtes Bild von sich selbst pflegte. Ich stellte meinen Becher ab und drehte mich zu ihr. Eva nahm die Füße von meinem Schoss und ich hatte bereits den Mund geöffnet, während ich nach Vorne gebeugt mit dem Finger auf Dahlia zeigte, als Eva mich unterbrach. „Wir machen ihnen zuerst das Angebot“, sie öffnete die Augen und setzte sich mit Schwung auf. Interessiert an ihrer Idee bedachte ich die Dienerin mit einem strengen Blick und hob mahnend den Finger, als würde ich ihr sagen sie soll nicht weglaufen und ich wäre gleich wieder bei ihr, als ob sie es vermocht hätte davonzulaufen. Mein Kopf rotierte zu der Blondine, die sich zufrieden durchstreckte und dabei süffisant grinste. „Wir nehmen ihnen die Initiative in dem wir morgen vorschlagen die Clans des Südens versklaven zu wollen. Shinja soll mit seinen Söldnern dabei behilflich sein, doch unsere Bezahlung wird so schlecht, dass er ablehnen wird und selbst wenn nicht werden wir kaum einen Sklaven ergreifen können und schon gar nicht er.“, ich hatte schon eine Ahnung was sie vorschlagen wollte und nickte ihr zu, „Ich höre“

      Die Frau begann sich den schweren Gambeson auszuziehen, während sie erläuterte und stoppte nicht, bis sie vollkommen nackt mit den Händen in den Hüften gestützt vor den beiden stand. „Kurz: Ein Einfall über ein Jahr. Das erste halbe Jahr bekommt der Lotus alle Gefangenen Frauen, Kinder und Männer bis 45, dass zweite halbe Jahr, wenn der „Wiederstand gebrochen“ ist, zieht sich der Lotus zurück und überlässt den Schlangen das Feld“. Wieder nickte ich ihr zu und sie grinste wie ein Honigkuchenpferd. Das Flackern der Kerzen und der Mondschein beleuchteten ihren durchtrainierten Körper, man erkannte gleich, dass diese Frau nicht einfach nur jeden Tag ihre Runden lief, sondern tatsächlich Kraft in ihrem Körper besaß, dies musste auch das Bett feststellen, als sie mit einem Hechtsprung in die Kissen stürzte, „Meine Arbeit ist getan! Gute Nacht“, schon wickelte sie sich in die dünne Decke und kuschelte sich hinein. Die Idee war nicht schlecht. Unsere Spione konnten die Südländer informieren, dass wir kommen würden, viele würden sich in Städte zurückziehen, diese würden wir nicht angreifen, weil wir die Dörfer abklappern und wenn wir uns zurückziehen und die Schlangen nicht, würden die Südclans aus den Städten schwärmen und Widerstand leisten. Diesen Deal konnte Shinja nicht eingehen und so könnten wir diese Verhandlung absichtlich scheitern lassen. „Ich bin stolz auf dich, dass hast du gut gemacht“, ließ ich sie mit liebevoll väterlichem Ton erklingen, bevor ich mich räusperte und genau so süß fortfuhr. „Aber zwing mich nicht das böse Z-Wort zu benutzen“, ein knurren ertönte unter dem Polster. „Eins“, ein längeres jammerndes Stöhnen war zu hören. „Zwei“, mehrere kurze Knurrgeräusche gefolgt von einem langen. „DREI“, sagte ich mahnend, bis die nackte Blondine aufsprang und zu ihrem Tragesack ging, „Schon gut, schon gut!“ meckerte sie und nahm eine Bürste heraus, bevor sie begann sich die Zähne zu putzen. Ich wusste nicht, wann sie dann fertig geworden war, doch irgendwann als ich mit Dahlia sprach, war sie schon wieder unter die Bettdecke gekrochen.

      Nun blickte ich Dahlia in die Augen und tippte mir mehrmals und schnell mit dem Zeigefinger auf die Lippen. Ich atmete einmal tief ein und aus und ließ meinen Blick keine Sekunde von ihren violetten Augen abschweifen. „Ich möchte das du meinen Worten jetzt genau zuhörst, Dahlia vom Wolfsclan.“

      Meine Stimme war dringlich, aber nicht forsch. Es war nicht meine Absicht sie zu erschrecken oder mit Bedrohlichkeit in eine Gemütslage zu bewegen in der sie mir nicht zuhören würde. „Deine Vergangenheit kenne ich nicht. Weder das Leid, als du von deinem zu Hause getrennt wurdest, den Schmerz deine Familie nie wieder zu sehen, oder den Hass, den du für deine Entführer spürst, die deine Zukunft damit für immer verändert haben. Es tut weh, brennt wie ein Feuer in dir, das nicht erlöschen will und dir niemals deine verdiente Ruhe schenkt.“

      Ich hob den Finger, „Aber, Dahlia, ich habe dich ein klein wenig kennengelernt und ich möchte dich bitten dich selbst nicht so herabwürdigend zu sehen oder dich selbst zu beschämen.“, ich neigte den Kopf ein wenig, damit sie meinem Blick nicht ausweichen konnte. „Dabei geht es mir nicht darum, dass du gesagt hast, du wärst eine kleine wölfische Hure, der man keine Informationen anvertrauen würde. Sondern WIE du es gesagt hast. Ohne Selbststolz.“ Ich wartete einen Moment, die Worte waren schwer zu verdauen und womöglich haderte sie damit gleich in die Defensive zu springen und sich zu rechtfertigen, während sie gleichzeitig wusste, dass solch ein Benehmen vor einem ‚Kunden‘ nicht angebracht war. „Sollen andere dich eine Hure schimpfen und nur dein Fleisch sehen, in das sie ihre Schwänze stecken, aber du solltest genauer hinsehen können. Vielleicht bin auch ich ein wenig daran schuld, wie du dich fühlst, deshalb möchte ich mich ein wenig korrigieren: Dein Vorschlag für unser politisches Vorgehen war nicht dumm. Du hast nur nicht genügend Wissen um die Geschehnisse, die darauf einwirken, doch aus deiner Perspektive hast du eine gute Wahl getroffen. Du bist intelligent, das möchte ich dir nicht abstreiten, auch falls es so geklungen hat. Ich denke dein größter Mangel ist dein Selbstvertrauen und deine Selbstachtung. Ich könnte dir Geschichten erzählen aus vergangenen Tagen, in der eine Hure die Frau eines Piratenadmirals wurde und als dieser starb übernahm sie seine Flotte, vereinte noch andere Flotten unter sich und terrorisierte die Ostküste so lange, bis sich die dortigen Clans einigten ihr nicht Herr zu werden und ein eigenes Land schenkten, damit sie mit den Plünderungen aufhörte. Oder von der Blutnacht: Als der Wyvernclan die Drachen erobert geglaubt hatte, doch die Huren der Stadt begannen die Besatzer zu töten, statt zu beglücken und dann einfach die Leintücher wechselten. 300 Soldaten starben, bevor sie wussten, was geschah, am Ende führte es zur Rückeroberung durch die Drachen.“, ich ermahnte mich selbst im Gedanken nicht zu weit abzudriften und zu Schwafeln, ein Fehler, der mir leider des Öfteren passierte, vor allem, wenn ich den Wein der Raben kostete. „Es ist bedeutungslos, ob du eine Hure bist, oder eine Adelige. Wenn du etwas erreichen willst, musst du dafür einstehen und kämpfen und dass gelingt dir nur, wenn du die Achtung nicht vor dir selbst verlierst oder dich geringschätzt. Spiel die Karten aus, die du hast und du kannst großes erreichen, doch nur wenn du dir ein Ziel setzt“, nun klopfte ich mit dem Zeigefinger auf den Tisch, als wollte ich ihr dort etwas zeigen, „Aber folge nicht Rache oder Hass. Wenn du dich an den Schlangen rächen willst, gibst du ihnen Macht über dich, denn deine Gedanken werden immer bei ihnen sein. Finde ein Ziel für dich, etwas was DU erreichen möchtest und verfolge es mit voller Kraft, dann wird es geschehen. Du bist schön, du bist intelligent und vereinst Wissen über die Kultur des Südens und des Ostens, du hast Leid erfahren, dass dich gegen einlullendes Geschwafel von Adeligen abhärtet, ganz zu schweigen von dem Talent die du dir angeeignet hast, um sie einzulullen. Du hast das Potential eine gute Diplomatin zu werden, oder einfach nur den richtigen Mann anzulachen, um eine angesehene Frau zu werden. So etwas wirft man nicht für Selbstzweifel, Rache oder Liebe weg. Die wohl drei tödlichsten Gefühle, wenn man etwas erreichen will.“ Vermutlich hätte ich das arme Mädchen noch wesentlich länger mit meinen Gedanken gequält, wenn Eva nicht in die Bresche gesprungen wäre in dem sie aus dem Bett, „Mir ist kalt, Nelumbo. Wärmst du mich heute Nacht?“, gegrummelt hätte. Mein Daumen und Zeigefinger landeten auf meiner Nasenwurzel und ich stöhnte, „Ich komme schon“, dann etwas leiser zu Dahlia, „Entschuldige, nur das Gerede eines alten Mannes.“, Mit den Beinen schob ich den Sessel nach hinten und stellte mich auf, „Da du unseren Plänen lauschen konntest, wirst du bestimmt verstehen, dass ich dich nicht einfach gehen lassen kann“, ich stolperte kurz nach hinten, weil der Felsboden etwas uneben war und ich gegen eine Kante stieß, doch zum Glück konnte ich mich bei meinem Schwert abstützen, das am Bettende lag, während eine zu lange Pauseentstand, während ich den Satz eigentlich beenden wollte. „Darum würde ich dich bitten, dass du heute Nacht entweder im Bett neben uns oder auf dem Boden schläfst, wie es dir beliebt. Wir werden dich nicht anfassen, versprochen“, dann sah ich zu Eva und legte gedankenverloren das Schwert samt Scheide einfach auf den Tisch. „Naja, ich zumindest, Eva neigt im Schlaf dazu zu fummeln.“, dabei grinste ich wohlig, wissend, dass ich Blödsinn sprach, während sie mit geschlossenen Augen begann im Bett herumzugreifen, um meine Gequatsche zu beantworten. „Die gesamte linke Seite gehört zumindest dir und wir werden sie nicht benutzen“, nickte ich Dahlia zu und begann mich auszuziehen, behielt aber im Gegensatz zu Eva meine Unterhose an, bevor ich mich neben sie ins Bett legte, worauf diese ihren Arm und ihr Bein um mich schlang. „Schlaf gut“, ein Kuss auf ihre Stirn, lies sie nochmal aufstöhnen. „Oh und Dahlia, falls es nichts mehr gibt, dass du besprechen willst“, sie stand ein wenig angewurzelt da, zumindest fühlte es sich für mich so an, „Blass bitte die Kerzen aus“
    • Dahlia

      Um genau zu sein, war ich noch nie besonders gut darin gewesen, mir meine Emotionen nicht anmerken zu lassen, noch immer beneidete ich jene Personen in meinem Umfeld, die genügend Selbstbeherrschung besaßen, um weder in ihrer Körperhaltung noch in ihrer Mimik ihre Gefühle nach außen zu tragen. Stünde Utara an meiner statt hier, würde man keinerlei Regung in ihrem Gesicht vorfinden, doch bis ich die Perfektion meiner Lehrmeisterin erreichen würde, gingen wohl noch viele Jahre ins Land - Jahre, die ich eigentlich nicht in Schlangenholm verbringen wollte - und es wäre dennoch fraglich, ob ich jemals so gut werden würde wie sie. Es war besser geworden in den letzten Jahren, das konnte selbst ich erkennen, aber noch lange nicht annehmbar. Vielleicht war ich aber auch einfach nur abgestumpft - zumindest ein wenig und soweit ich nicht in Situationen geriet wie diese, in der mir sehr viel mehr Abstumpfung zum Vorteil gereichen würde. Es ärgerte mich, dass ich ihm auch noch die zweifellose Genugtuung erbringen musste, anhand meiner Körpersprache zu demonstrieren, wie sehr mich seine Worte trafen. Doch ändern konnte ich letztlich nichts daran, ein Umstand, den ich ebenso verabscheute. Wenigstens konnte ich mich letztlich daran hindern irgendetwas dummes zu tun, das ich später wohl bereuen würde, auch wenn der Becher dadurch etwas leiden musste.
      Worte waren letztlich nur Worte und konnten ebenso flüchtig sein, wie der Wind, der durch die Zweige eines Baumes strich, deswegen oblag es uns Menschen ihnen eine tiefere Bedeutung zu verleihen, indem sie in Taten umgesetzt wurden oder man schlicht einfach an sie glaubte. Letztlich hatte ich auch kaum eine andere Wahl, als an unseren Leitspruch zu glauben, weil ich es wohl kaum ertragen würde, zu wissen, dass ich eben kein Einzelfall war. Die Vorstellung, dass meinem Clan, meinem Rudel, abermals das Schicksal blühen könnte, in Ketten zu liegen ... besser nicht mehr darüber nachdenken, es war sowieso alles schon aufwühlend genug und letztlich war mir klar, dass ich kaum die Mittel hatte, es zu verhindern, geschweige denn sie zumindest zu warnen. Es war ja nicht so, als hätte ich Kontakt zu Personen, die sich außerhalb der Feste befanden - und trauen konnte ich den Schlangen sowieso nicht. Ein Wolf zog seine Stärke aus seinem Rudel und ich war alleine, wie mir wieder einmal schmerzlich bewusst wurde. Ich hatte keinen Rückhalt, niemandem, dem ich mich wirklich anvertrauen konnte, ohne aufpassen zu müssen, was ich sagte. Ein Wolf, der in eine Schlangengrube gefallen war und ihr nicht mehr entkommen konnte. Bei den Geistern des Waldes, ich sollte wirklich aufhören mich so sehr in Selbstmitleid zu suhlen. Das war nicht nur eigentlich unter meiner Würde, sondern auch noch erbärmlich - wobei, was wusste ich schon noch von Würde?
      Kaum hatte sich der Fürst mir zugewandt, um unser Gespräch weiterzuführen, wurde seine Aufmerksamkeit auch schon wieder von Eva beansprucht, der ich beinahe dankbar war, ungeachtet dessen, dass sie den Vorschlag gemacht hatte mich umzubringen. Aber es wäre noch sehr viel ätzender gewesen mit ihm alleine zu sein und unter Umständen das Objekt seiner ungeteilten Aufmerksamkeit zu sein. Der strenge Blick indes war eindeutig und ich unterdrückte den Impuls die Augen zu verdrehen. Noch immer hatte ich durchaus das Bedürfnis aus dem Fenster zu springen um all dem zu entkommen, aber auch ohne einen Lotus im Nacken sitzen zu haben, würde ich kaum wirklich weit kommen - zu viele Wachen, die wussten, dass ich das Gelände nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis verlassen durfte. Eine Flucht direkt aus Schlangenholm musste einfach besser geplant sein oder zu einer günstigeren Gelegenheit erfolgen und vor allem sollte ich dabei wirklich nicht unbewaffnet sein. Vorerst blieb mir also nichts anderes übrig, als Evas neustem Vorschlag zu lauschen, wie der Lotusfürst seinen Willen bekommen würde, der sich nur eben zufällig damit deckte, dass ich meinen Clan immer noch beschützen wollte. Zumindest schien diese Strategie besser anzukommen. Shinja den Vorschlag selbst ablehnen zu lassen, würde kaum zu Spannungen zwischen den Clans führen, wenn eine Ablehnung Teil des Plans war und es den Lotusclan demnach auch nicht brüskieren würde. Eine Strategie, die ich mir merken sollte, vielleicht wäre sie mir irgendwann einmal von Nutzen. Dass Eva sich entkleidete, während sie sprach, entlockte mir nicht mehr als einen kurzen Blick. Letztlich war es mir egal, wie sie oder der Fürst unter ihren Klamotten aussahen. Dass dieses Thema allerdings nach einem Hechtsprung ins Bett und einem kurzen Wortwechsel abgehakt war, hatte den Nebeneffekt, dass ich mich nun wohl mit der Aufmerksamkeit des Lotusfürsten konfrontiert sah, dessen Blick ich letztlich nur aus reiner Sturheit erwiderte. Bei seinen Worten hätte ich beinahe gelacht. Hatte ich eine andere Wahl als ihm zuzuhören? Ich konnte nicht weg und ob ich zuhörte oder nicht - er würde doch sowieso das sagen, was er sagen wollte. Zumal ich nie besonders gut im Weghören gewesen war. Immerhin konnte ich mir vornehmen, seine jetzigen Worte nicht so nah an mich heranzulassen, wie die vorherigen. Für einen flüchtigen Augenblick konnte ich die Verwunderung, die über mein Antlitz huschte, nicht verbergen. Oh, er hatte durchaus recht - er kannte mich nicht und er kannte auch nicht meine tiefsten Gefühle, aber warum sollte es jemanden wie ihn interessieren, ob ich stolz auf mich war? Es könnte ihm egal sein, doch das war es scheinbar nicht, es sei denn all das verfolgte eine Absicht, die ich nicht durchschauen konnte.
      "Wie sollte ich stolz auf das sein, was ich geworden bin?" Die alleinige Vorstellung war irrsinnig, Stolz darauf, eine Hure zu sein? Ich? Es war schwer genug gewesen, sich damit auch nur abzufinden und ich war froh, dass ich einigermaßen damit leben konnte, aber stolz darauf sein? Meine erlernten Fähigkeiten waren das einzige, was positiv an der ganzen Sache war. Einst hatte ich Stolz besessen, doch je mehr Jahre ich bei den Schlangen verbrachte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass sie meine Erinnerungen an meine Zeit vor all dem überschrieben. Ob ich in den nächsten zehn Jahren wohl auch meine Herkunft vergessen würde? Seufzend zwang ich mich dazu dem Monolog des Fürsten zu lauschen, der mir mit jedem weiteren Satz irgendwie immer ... unrealistischer vorkam. Die ganze Situation schien so absurd - hier stand ich und musste mir vom Oberhaupt des Lotusclans anhören, dass ich ja mein Potential nicht verschwenden sollte? Aber ich konnte kaum leugnen, dass seine Worte mich zum Nachdenken anregten. Hasste ich die Schlangen überhaupt? Mein Hass hatte sich bislang eigentlich auf den Lotusclan beschränkt ... weil ich so erzogen worden war. Selbst ich musste anerkennen, dass es unter den Schlangen Personen gab, die ich mochte. Dass ich jene, die mich einst entführten kaum einmal wiedersehen würde, war mir klar und nach meiner Entführung hatte ich wichtigeres zu tun gehabt, als einige gesichtslose Schlangen zu hassen. Budo hatte sich meinen Hass verdient, aber der Schlangenclan als Kollektiv? Hm ... Was meine Ziele anbelangte, es war nicht so, als ob ich keine Ziele hätte, aber hatte ich sie überhaupt mit der gebotenen Ernsthaftigkeit verfolgt? Noch ein Punkt, über den ich ernsthafter würde nachdenken müssen. Hätte es nicht eventuell doch bereits früher Gelegenheiten zur Flucht gegeben und ich war schier unfähig gewesen sie zu erkennen? Na zumindest war ich zwar weder vor Rachegelüsten noch vor Selbstzweifel gefeit, vor der Liebe aber schon. Es war schon lange her, seit ich mit reinen Informationen derart überfordert gewesen war. Die erste Zeit in Utaras Unterricht, doch letztlich hatte ich mich an das Pensum relativ schnell gewöhnt, sodass es mir nicht einmal mehr auffiel. Und der Fürst hörte sich scheinbar unglaublich gerne reden - oder er hatte einfach nur Spaß daran, jemanden mit seiner Meinung zu überschütten. Trotzdem war es absurd, dass er mir Ratschläge gab, wenngleich sich meine Körperhaltung im Laufe des Monologs merklich entspannte. Erneut war es Eva, die mich rettete. Ein Glück. Wie lange hätte er sonst noch weitergeredet? Bei seiner Entschuldigung schüttelte ich allerdings leicht den Kopf.
      "Danke für Eure Ratschläge", erwiderte ich wahrheitsgemäß, ehe ich nickte. Natürlich würde er mich nicht gehen lassen, immerhin bestünde dann die Gefahr, dass ich schnurstracks zu Shinja rannte, um ihm von den soeben geschmiedeten Plänen zu berichten. Nicht, dass ich das wirklich zu tun beabsichtigte, aber ein solches Risiko würde nur ein Narr eingehen und für so töricht hielt ich ihn kaum. Zumindest war es durchaus amüsant zu sehen, wie der Fürst ... mehr oder weniger über seine eigenen Füße fiel, wenngleich es nur ein kurzes Stolpern war, aber wer hatte das wohl schon so erblicken dürfen? Die Entscheidung Bett oder Boden war leicht gefällt. Wenn ich die Wahl hatte, mich mit Eva und dem Fürsten in ein Bett legen zu müssen oder etwas unbequem schlafen müssen, dann brauchte ich nicht lange zu überlegen.
      "Ich denke ich ziehe den Boden vor." In diesem Moment wurde mir schlagartig bewusst, wie müde ich eigentlich war, weswegen ich nicht einmal mitbekam, was sich um mich herum abspielte. Erst als mein Name fiel, erwachte ich wieder aus diesem Zustand, den ich kaum greifen konnte und der sich nur so anfühlte, als ob ich sofort und auf der Stelle im Stehen einschlafen könnte. "Natürlich." Kerzen löschen, logisch. Mich wieder besinnend und den immer noch halbvollen Becher auf den Tisch stellend, machte ich mich an meiner Frisur zu schaffen, um Strähne für Strähne für Strähne aus ihrer derzeitigen Position zu lösen und die ganzen Haarnadeln und Klammern einzusammeln, die dem ganzen Halt gegeben hatten. Haarnadeln taten ziemlich weh, wenn man darauf schlief, wie ich aus eigener Erfahrung wusste. Nachdem sämtliche störende Gegenstände in meinem Kimonoärmel verschwunden waren, brachte ich eine Kerze nach der anderen zum Erlöschen und zog die Schuhe aus, bevor ich mich auf einem der Teppiche niederlegte. Es war nicht sonderlich bequem, aber gut, es gab schlimmeres würde ich behaupten. Ein wenig beruhigend war der Gedanke schon, dass ich zumindest theoretisch die Möglichkeit hatte mich zu verteidigen, sollte Eva doch noch beschließen, es wäre besser mich umzubringen, auch wenn Haarnadeln kaum eine wirklich geeignete Waffe waren. Ich wusste damit umzugehen, aber nicht um mich gegen einen Angriff zu wehren.
      "Gute Nacht", brummte ich und schlief letztlich trotz meiner mehr als nur chaotischen Gedanken relativ schnell ein. Die Müdigkeit war einfach zu groß.

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Wenn die junge Frau lieber auf dem Boden schlief, anstatt in einem Bett, wollte mir das nur recht sein, mehr Platz für mich. Auch wenn ich schon oft von den Fantasien der Soldaten gehört habe, die es als Traum empfanden, mit zwei Frauen in einem Bett zu schlafen, konnte ich darin nur sehen, wie ich mich in der Mitte wälzen musste, ohne eine der beiden aufzuwecken. Diese Tortur endete meist damit, dass ich mit Rückenschmerzen aufwachte, oder ich still und heimlich aus dem Bett schlich, während sie schliefen, um meiner zweistündigen Meditation auf dem Boden nachzugehen. Mit den Jahren hatte ich nämlich gelernt, wie man auf Schlaf verzichten konnte, eigentlich sogar gänzlich. Der Versuch ein ganzes Jahr nicht zu schlafen, brachte aber mit sich, dass ich merkte das meine Erinnerungen sich nicht richtig gefestigt hatten. Am Ende des Experiments kam ich darauf, dass ich etwa zwei Stunden in stiller Meditation benötige, damit das Erlebte des Tages richtig verarbeitet werden konnte. Nicht schlafen zu müssen brachte einige Vorteile mit sich, allein die Zeit! In ‘jungen‘ Jahren hatte ich diese Zeit noch zum Arbeiten genutzt, doch man würde sich immer zu Tode arbeiten können, wenn man sich keine Grenzen setzte, also begann ich mir die Nachtstunden frei einzuteilen. So störte es mich heute auch nicht, wenn Eva mich als Wärmflasche missbrauchte und ich deshalb beinahe reglos neben ihr liegen musste.

      Es war kurz nach meiner Meditation, als ich etwas im Gang Lederstiefel hörte, die sich am Stein abrieben. Natürlich könnte man mich paranoid schimpfen, dass ich meine Fähigkeiten inmitten der Nacht nutzte, um meine Sinne zu schärfen, doch denjenigen sei gesagt: Ich hatte ja auch nichts Besseres zu tun und noch viel wichtiger: Jetzt waren es schon drei Paar Stiefel, die entlang der steinernen Hallen schlurften und sich einen Weg zum Zimmer bahnten. Es mussten Narren sein, erkannten sie den die Falle nicht?! Ein Clanfürst schläft in einem Raum ohne Wachen vor der Tür? Mein Seufzen blieb in meinen Gedanken, da ich Eva und Dahlia nicht aufwecken wollte. Nachdem meine Lider geöffnet waren, brauchten meine Augen einen Moment, bis sie sich an die ‘Helligkeit‘ im Raum angepasst hatten. Für Menschen war es stockdunkel, nur in manche Teile des Raumes wurden einzelne Möbelstücke in einem düsteren Grau gezeichnet. Meine Augen hingegen, die nun aussahen wie die einer Katze, oder genauer gesagt, wie die eines überdimensionalen Reptils das Flügel trägt, erkannten alles aber in einem hellen Grau, manche Dinge strahlten sogar weiß. Vorsichtig zog ich meinen Körper unter Eva hindurch, während meine Augen immer wieder zur Tür glitten. Es war ein Rennen um die Zeit! Konnte ich mich von der Umklammerung meiner Kommandantin befreien, bevor der Feind durch die Tür trat, ohne sie zu wecken? Der Gedanke eine Bestie zu wecken, um eine andere zu erlegen bereitete mir keine Freude, weshalb ich sehr behutsam mit ihrem Arm umging, als ich endlich festen Boden unter den Füßen hatte und in Zeitlupe den Arm auf einem Kissen positionierte, das meinen Oberkörper nachahmen sollte. Zufrieden mit meiner Arbeit stemmte ich die Hände in die Hüften und betrachtete die schlafende Bestie, deren Atmung flach und leise ihren Brustkorb hob und senkte. Beinahe hätte ich den Grund für meine Flucht vergessen, doch das leise Kratzen von Metall im Schlüsselloch der Tür, ließ mich wieder in die Realität zurückkommen. Diese Banditen versuchten mit einem Dietrich die Tür zu öffnen, dabei war sie nicht versperrt gewesen, aber gut, das gab mir die Zeit mich in die dunkelste Ecke neben der Tür zu zwängen, in der sie mich nicht erblicken würden, wenn sie eintraten. Meine linke Hand umklammerte dabei die Ablage, neben der ich kauerte. Meine Fingernägel wuchsen langsam zu den Krallen eines Raubtieres heran, während meine Finger breiter und stärker wurden. Das Spiel von Jäger und Beute begann und ich fühlte, wie ich unruhig im Innersten wurde und sich meine Augen weiteten. Wie ich meinen Muskel zurückhalten musste nicht sofort loszusprechen, ein Spiel und Jagdtrieb, den ich kaum unterdrücken konnte. Die Tür öffnete….

      Doch am Ende hatten mich die drei Meuchelmörder enttäuscht. Nur einer von ihnen trug ein Schwert, die anderen beiden bloß Dolche. Sie waren etwa um die Vierzig, also keines Weges in ihrer besten Zeit. Dieser Mordversuch glich einer Beleidigung! Leise vor mich hin säuselnd und knurrend schloss ich die Türe hinter den Männern und versuchte nicht in das warme Blut zu steigen, das aus ihren Kehlen floss. Ich hatte einen strategischen Fehler begangen, als ich den Männern die Kehle herausriss. Zwar schaffte ich es, nur meine linke Hand mit deren Blut anzusauen, doch ich hatte bei den ersten beiden Jungs zu lange gebraucht sie lautlos zu töten, damit die anderen nichts mitbekamen, so lag der Dritte jetzt genau neben der Bettseite, von der aus ich zurück zu Eva hätte schleichen können. Durch das Blut zu waten und mich mit dreckigen Füßen ins Bett zu legen, kam für mich nicht in Frage, doch über Eva zu springen oder krabbeln, gestaltete sich ebenfalls als schwierig. Die Leiche an der Tür, war auch kein Problem, ihr Blutt würde nicht weit kommen, wo es stören konnte, doch den zweiten Mann hatte ich nur unweit von Dahlia seiner Lebensenergie beraubt, weshalb sein Blut sich einen Weg zu dem roten Haar der Frau bahnte. In meiner Panik blieb mir nichts anderes übrig. Ich musste einen Schutzkreis um die Dienerin formen. Meine Kehle schnürte sich etwas zu, als ich zusehen musste, wie mein liebstes Abendhemd, das unglücklicherweise ganz Oben in meinem Rucksack war, das Blut der Leiche aufsaugte, doch der Schutzkreis um Dahlia war errichtet, aus einem Abendhemd und einer Hose und meinem Rucksack, die den Blutfluss aufstauten und ihren Schlaf schützten. Da das Risiko Eva aufzuwecken zu groß war, setzte ich mich auf ihrer Bettseite in einen Stuhl, legte die Füße hoch auf ihre Matratze und wartete noch ein paar Stunden, bis sie munter wurde.

      Der Morgen war dafür recht entspannt und nachdem Eva das Zimmer begutachtete, war auch sie bester Laune. Immer mehr Optionen für die Verhandlungen taten sich auf und jetzt diese wunderbaren Druckmittel! In seidene Bademäntel gekleidet schlichen wir hinaus auf den Balkon, wo bereits ein gedeckter Tisch auf uns wartete. Meine Dienerin, die ich von zu Hause mitgebracht hatte, hatte einen Raum bekommen, der eine kleine Tür zum Balkon hatte, damit sie alles aufdecken konnte und sie machte ihre Arbeit gut. Sie hatte sogar daran gedacht für drei Personen zu decken und nicht nur für Zwei, ohne sie darauf aufmerksam zu machen. Ich liebte Talente unter meinen Untergebenen und noch viel mehr ein gutes Frühstück. „Mhm“, ich rieb mir die Hände, wobei die Ärmel des schwarzen Seidenumhangs mit goldenen Rändern und Bestickungen nach hinten rutschten, und meine Unterarme entblößten. „Frisch zubereiteter Kirschsaft, der Osten hat fantastische Früchte!“, freute ich mich auf die süße Köstlichkeit und nahm Platz. Der Tisch war gedeckt mit allen möglichen traditionellen Frühstücksspeißen des Ostens, auch der Tee in dieser Gegend schmeckte einfach vorzüglicher als im Westen. Eva und ich tratschten darüber, wie wir Shinja das Leben mit diesem Mordversuch schwer machen konnten, dass es Gerüchte gab Möwen sein nachkommen von Wyvern und anderen Nebensächlichkeiten, während wir mit den stahllöffeln in den Porzellantassen rührten und dem Rauschen des Meeres, das an die Brandungen von Schlangenholm schlug, lauschten. Evas türkises Seidengewand, das dunkelblau bestickt war, passte hervorragend in das Landschaftsbild, weshalb ich sie auch als kleine Nixe bezeichnete, als sie sich an den Rand des Balkons zu seiner steinernen Begrenzung begab, worauf sie mir sogar ein ehrliches Lächeln schenkte. Die Sonne erhellte den Balkon und hüllte ihn in wohlige Wärme, während der Duft des Meeres eine Brise von Frische in meine Nase trug. Es war ein herrlicher Morgen.
    • Dahlia

      Freiheit. Grenzenlose Freiheit. So fühlte es sich an, auch wenn ich meinen eigenen Herzschlag hören konnte und die Luft, die meine Lungen einsogen, nur um den Teil, der von meinem Körper nicht mehr benötigt wurde, wieder in die Umwelt zu entlassen, damit der Automatismus von vorn beginnen konnte. Das Trommeln vierer Füße über den Waldboden hatte etwas beruhigendes, beinahe schon meditatives, während die Anstrengung an sich dennoch eine eher aufputschende Wirkung besaß. Letztlich konnte man regelrecht in dieser Tätigkeit versinken. Ein Blick zu meiner Linken offenbarte mir, dass such auf Kainas Lippen das gleichen Grinsen befand, wie es auch auf den meinigen zu sehen sein musste. Freiheit. Ein Wort, das eine tiefe Bedeutung für meinen Clan hatte und somit auch für uns, selbst wenn wir beide zu jung waren, um zu wissen, wie es war eben nicht frei zu sein. Frei, ungezügelt, wild.
      Keuchend und nach Luft ringend, blieben wir schließlich dort stehen, wo ein jeder dieser Läufe endete - vor einem unserer Lieblingsbäume. Es brachte schon lange keine Worte mehr zwischen uns, sodass wir nach einer kurzen Pause ohne zu zögern damit begannen, an der mächtigen Eiche hochzuklettern. Ich wollte von mir sagen, dass ich diesen Baum in sämtlichen seiner Einzelheiten kannte, weil wir schon seit Jahren regelmäßig sehr viel Zeit auf ihm verbrachten, doch das wäre eine Lüge, denn die Natur würde diese Behauptung sofort widerlegen. Jedes Mal entdeckte ich doch etwas, was ich zuvor nicht bemerkt hatte und selbst wenn es nur ein paar Kratzer in der Rinde waren. Unsere Umgebung war unbeständig, stets im Wandel begriffen und schlicht das war ein Zeichen, dass sie lebte. Sie veränderte sich ebenso wie wir Menschen und im Einklang mit der Natur zu leben, bedeutete auch, dieses Konzept zu verstehen, sich daran anzupassen. Mit einem Ruck zog ich meinen Körper auf den Ast, der neben dem lag, auf dem Kaina bereits saß und lehnte mich an den Stamm, der meinem Rücken Halt geben würde. Ah ja, so ließ es sich aushalten. In der Krone eines Baumens, nur zusammen mit der besten Freundin. Ich wollte es nicht direkt zugeben, doch unsere Routine erlaubte es mir, mich dem Treiben in der Feste zumindest für eine Weile zu entziehen. Natürlich wusste ich, dass es wichtig war, regelmäßig die Grenzen unseres Territoriums zu bereisen, um Präsenz zu zeigen, auch als Fürst, aber der ganze Hof benahm sich wegen der Vorbereitungen schlimmer wie ein Ameisenhaufen und schon eine halbe Stunde nach dem Aufstehen hatte ich nur meine Ruhe haben wollen.
      "Gibt es immer noch keinen Mann, der dich auch nur ansatzweise interessiert?", wechselte Kaina derart abrupt das Thema, dass ich im ersten Moment nicht folgen konnte. Von ihrer letzten Trainingsstunde bei meinem Onkel zu Männern war selbst für sie ziemlich drastisch. Ich machte mir nicht die Mühe mein Seufzen zu unterdrücken, eigentlich sollte sie meine Meinung dazu kennen.
      "Nur weil du mich alle zwei Wochen fragst, bedeutet das nicht, dass sich an dieser Tatsache etwas geändert hätte", erwiderte ich daher und konnte beobachten, wie meine beste Freundin sich ihr dunkelrotes, zu vielen kleinen Zöpfen geflochtenes Haar raufte. Warum ihr dieses Thema so wichtig war, verstand ich immer noch nicht, dabei kannten wir uns bereits unser ganzes Leben. Doch selbst nach so langer Zeit blieben wohl manche Dinge noch immer ein Rätsel.
      "Ich verstehe das nicht. Du bist die Prinzessin, du bist wohl die Einzige, die keine Probleme damit hätte jemanden zu finden und es interessiert dich kein Stück." Wie um ihre Worte zu unterstreichen, schüttelte sie derart heftig den Kopf, dass ihre Zöpfe nur so flogen. Kaina war mir so nah wie die Schwester, die ich niemals gehabt hatte, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass dieses Jahr, das sie älter war, uns um Welten voneinander entfernte.
      "Das bedeutet aber auch nur, dass ich die einzige Frau des gesamten Clans bin, die irgendwann nur aus dem Grund wird heiraten müssen, um die Dynastie fortbestehen zu lassen." Ich wusste, dass es irgendwann so weit sein würde, doch darüber würde ich mir dann in ein paar Jahren Gedanken machen. Die nächste Etappe, das nächste Ziel, war meine Ausbildung zur Druidin, die unweigerlichen Vorrang vor allem anderen hatte. Nach meinem 15. Geburtstag in einigen Monaten würde Gaihla beginnen mich auszubilden. Kaina wollte Kriegerin werden und wurde deswegen auch von Langzahn, dem stellvertretenden Clanoberhaupt, persönlich ausgebildet. Ihr stand eine glänzende Zukunft bevor, sie hatte Talent und wurde von einem der besten Krieger unseres Clans gefördert. Wir konnten beide nach vorne schauen.

      Die Wärme auf meinem Gesicht passte nicht zu dem, woran ich mich erinnerte und irritierte mich zutiefst, bis mir klar wurde, dass ich nur geträumt hatte. Mein Herz zog sich bei dieser Erkenntnis schmerzhaft zusammen. Diese Szene hatte sich vor so vielen Jahre abgespielt, dass ich beinahe glaubte, sie vergessen zu haben. Kaina. Ich hatte seit Jahren nicht mehr an sie gedacht. Kurz darauf war mein Vetter Arden erschienen, um mich zurück zur Feste zu schleifen, weil Vater mich sehen wollte. Kaina hatte sich zwar noch am nächsten Morgen bei der Abreise von mir verabschiedet, doch es war unser letztes Gespräch gewesen. Krampfhaft schloss ich die Augen, denn trotz allen Schmerzes, die die Erinnerung an damals hervorrief, wollte ich nicht aufwachen, mich nicht in der Realität Schlangenholms wiederfinden. Meine Finger krallten sich in meine Matratze, die sich allerdings nicht wie meine Matratze anfühlte - und was roch da so metallisch? Nach Blut? Ruckartig öffnete ich die Augen und setzte mich auf. Na wenigstens wusste ich nun wieder, dass ich mich nicht in meiner Kammer befand, sondern in den Gemächern des Lotusfürsten, wo ich natürlich übernachtet hatte. Nur, wo kamen die Leichen her? Es war nicht einmal für mich alltäglich Aug in Aug mit einer Leiche aufzuwachen, aber gut, nach der ersten leichten Schrecksekunde, fasste ich mich wieder. Die normale durchschnittliche Dienerin des Schlangenclans wäre vermutlich in Ohnmacht gefallen, nachdem sie die halbe Festung zusammengeschrien hätte. Glücklicherweise war ich da sehr viel pragmatischer, auch was den Umgang mit Leichen anging, selbst wenn ich diese hier nicht verursacht hatte. Mit einer gewissen Neugier betrachtete ich die Wunde am Hals des Mannes, der in relativ unmittelbarer Nähe zu meinem Schlafplatz lag - ein sauberer Schnitt und absolut tödlich. Den Rucksack und die Kleidungsstücke, die offensichtlich verhindert hatten, dass auch nur ein Tropfen Blut zu mir durchdrang, bedachte ich nur mit einem beiläufigen Blick. Diese ... Sauerei konnte nur entweder von Eva oder vom Fürsten verursacht worden sein, das war klar. Dass es sich wohl um Attentäter handelte - stümperhafte Attentäter, aber was erwartete man von Männern schon? - war ebenso klar. Aber, wie hatte er oder sie drei Männer getötet ohne, dass auch nur einen Hauch davon mitbekommen hatte? Man sollte meinen, ich könnte es nicht verschlafen, wenn in meinem Beisein gleich drei Personen zur Strecke gebracht wurden. Offenkundig doch. Das war erschreckend um ehrlich zu sein und für meine eigenen Pläne nicht gut.
      Apropos Eva und Fürst. Wo waren die beiden eigentlich? Offenkundig war ich ja mit den Leichen alleine. Nicht, dass ich sie schrecklich vermisste, wenn sie nicht in meiner Nähe waren, aber ich hatte ja auch noch sowas wie eine Aufgabe. Mich nun auf Dinge außerhalb des Raumes konzentrierend, konnten mir die Stimmen, die vom Balkon herrührten kaum entgehen. Also richtete ich mich gänzlich auf und streckte mich einmal, weil ich entweder nachließ oder wirklich alt wurde. Es war nicht so, dass ich nicht schon auf härterem Untergrund geschlafen hatte, aber früher hatte ich mich danach nie so steif gefühlt. Aber gut, es war besser, als mit den beiden in einem Bett zu schlafen. Mein Blick glitt zu meinen Schuhen, die unglücklicherweise halb in der Blutlache standen. Es ging ja auch so. Mit beiden Händen notdürftig mein Haar ordnend betrat ich schließlich den Balkon.
      "Guten Morgen", grüßte ich und neigte das Haupt vor dem Fürsten. Wie Shinja wohl auf das ganze reagieren würde? Ich ging nicht davon aus, dass seine Ehre - die er bekanntlich kaum besaß - davon auch nur ansatzweise geschmälert wurde, aber es war selbst beim Schlangenclan ziemlich peinlich, wenn Meuchelmörder zu den Gemächern eines Gastes gelangen konnten. So ein wenig schadenfroh war ich ja schon.

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Eva hatte gerade damit begonnen ihren Sessel etwas vom Tisch wegzurücken, ihre Beine auszustrecken und ihr Gesicht der Sonne entgegenstrecken, als ich das Knacken von Wirbeln aus meinem Zimmer vernahm. Nun war wohl auch unser Gast munter geworden und bereit ins Licht der Sonne zu treten, deren Wärme Eva gerade auf ihrer Haut genoss. Ich ließ mir nichts anmerken, sondern wartete, ab, kostete lieber von dem kühlen, süßen Kirschsaft, wobei ich mich unweigerlich fragte, wie der Schlangenclan es anstellte seine Getränke ohne Magie zu kühlen. Irgendwann würde ich diesem Geheimnis noch auf die Schliche kommen, ganz ohne Hilfe meiner Spione. Ganz egal wie klug man war, oder was man nicht schon alles auf der Welt erlebt hatte, es faszinierte mich immer wieder, das klügere Männer auf der ganzen Welt neue Entdeckungen zu Tage trugen, auf die ich selbst niemals gekommen wäre. „Gute Morgen“, kam es nun hinter mir, als Dahlia aus den Schatten hervortrat. Ich drehte mich herum und betrachtete, wie sie den Kopf verneigte und winkte sie sofort herbei. „Guten Morgen, kein Grund so förmlich zu sein, ist doch nur Eva hier“, im Augenwinkel erblickte ich, wie diese nun eines ihrer geschlossenen Augen öffnete und zu mir schielte, während sie die Mundwinkel etwas verzog, ich ahnte für dieses NUR würde ich womöglich noch eine Gemeinheit ihrerseits ausstehen müssen. „Nimm Platz, es ist bereits für dich Gedeckt. Ich wusste nicht, ob du bestimmte Vorlieben hast, deshalb ist von allem was hier so heimisch ist ein klein wenig.“ Ich beugte mich nach Vorn, wo Apfelsaft und Kirschsaft standen und deutete darauf, „Was darf ich dir den einschenken? Apfel oder Kirschsaft? Oder möchtest du lieber Pfefferminztee?“ Meine Hand lag schon auf ihrem Becher und dem Apfelsaft, wartete aber noch auf ihr Kommando. Ja das Mädchen würde ein gutes Frühstück gut brauchen können, denn einige wichtige Entscheidungen standen für sie an.

      Eva und ich hatten uns bereits abgesprochen, wie wir mit dem Fürsten verfahren würden, zusammengefasst werde ich wütend zu ihm platzen, theatralisch meinen Unmut darüber bekunden, dass man versucht hat mich zu ermorden und ich keinen Tag länger bleiben werde, weil ich keine Verhandlungen mit jemanden führen kann, der nicht einmal die Sicherheit seiner Gäste gewährleisten kann. Zudem würde ich eigene Recherchen zu dem Mordversuch anstellen lassen, weshalb -Und nun kam der Teil, der für Dahlia nach dem Frühstück wohl ein kleines Schockerlebnis bereiten würde- ich meine ‚geschenkte Bedienstete mitnehmen würde, um sie zu befragen, da sie vielleicht mit den Mördern zusammengearbeitet hat. Meine Soldaten würden in dieser Zeit auch bereits ihr Zimmer durchsuchen, um nach Informationen zu suchen. Tatsächlich würden sie das auch tun, obwohl ich mir sicher war, dass dieses Mädchen nicht versucht hat, oder versuchen würde mich umzubringen, aber ein klein wenig Vorsicht konnte nicht schaden. Der Sinn hinter diesem Schauspiel war aber, die wichtigsten Dinge, die Dahlia brauchte aus ihrem Zimmer zu ‚sichern‘, da sie mit uns reisen würde, immerhin konnte man ihre Informationen zu dem Abend nicht in den Händen der Schlangen lassen. Eva hatte zugestimmt sie nicht zu töten, also bekam sie alsbald folgende Möglichkeiten aufgetischt: Ihr leben als Kurtisane in einem Haus ihrer Wahl fortführen, gerne aber auch einen neuen Beruf als Sklavin in der Stadt erlernen. Der Tod. Oder die Option, an die ich nicht gedacht hatte, zu der mir Eva aber geraten hatte, nachdem ich gestern den Kopf der rothaarigen mit lauter Blabla von wegen Potential vollgestopft hatte: Sie könnte sich der Legion verpflichten. 3 Jahre Ausbildung, 5 Jahre Dienst an der Waffe. Danach war sie frei und galt offiziell als Mitglied des Lotusclans, nicht nur das! Sie durfte politische und militärische Posten übernehmen. Es stand ihr dann auch frei einfach hinzugehen, wohin sie auch immer wollte, doch sie nicht als Diplomatin einsetzen zu können, wäre bestimmt die Verschwendung eines potenziellen Talents.

      Doch diese Entscheidungen waren noch eine gute Mahlzeit entfernt, im Moment erwartete ich noch immer eine Antwort darauf, was die junge Wölfin gerne in ihrem Becher hätte. Zudem würde ich auch darauf achten, was sie auf ihr Tellerchen nahm, für den Fall, dass sie die Reise nach Lebendsee mit uns lebend bestreiten würde und ich mit kochen an der Reihe war.
    • Dahlia

      Verdrängung. Eine Eigenschaft des menschlichen Geistes, die ich durchaus zu schätzen wusste, bewahrte sie ihn doch vor unnötigem Schmerz durch Erinnerungen. In den letzten Jahren hatte ich gedacht, dass ich dabei wäre all das, was vor dem Schlangenclan passiert war, zu vergessen, doch vermutlich hatte ich es einfach nur verdrängt, denn ansonsten wäre es wohl kaum möglich gewesen, dass so vieles nur wegen eines Traums wieder zurückkam. Die Erinnerungen schmerzten und mir wurde schlagartig bewusst, wie sehr ich meine Heimat doch vermisste. Alles. Meine Familie, meine Freunde, die Freiheit. Vor allem die grundsätzliche Freiheit dorthin gehen zu können, wo ich hin wollte, während ich zwar hier durchaus mehr Freiheiten hatte als eine gewöhnliche Dienerin, aber es war kaum vergleichbar. Zumal ich die Feste ja auch nicht ohne Erlaubnis verlassen durfte. Eine weitere Einschränkung, die mir in diesen ersten Momenten, nachdem ich aufgewacht war und all das realisiert hatte, noch sehr viel schwerwiegender vorkam, als das normalerweise der Fall war. Eigentlich dachte ich, ich hätte mich damit arrangiert, doch nun kam mir der Gedanke die Augen aufzuschlagen und immer noch in Schlangenholm zu sein, nur noch erdrückend vor. Vermutlich wäre ich also einfach liegen geblieben, wenn ich den Blutgeruch nicht bemerkt hätte. einfach nur um den Versuch zu unternehmen der Realität noch ein kleines Weilchen zu entfliehen. Der Realität, dem Lotusfürsten und allem anderen, was mit meiner unseligen Aufgabe verbunden war. Allerdings war es nicht so einfach. Es konnte das Unvermeidliche nur noch weiter aufschieben, es war keineswegs eine Lösung für all das, was mir nicht passte. Für den Moment würde es mir ja schon genügen in meinen geregelten Alltag zurückzukehren, ohne Berücksichtigung sämtlicher anderer Wünsche, die ich hegte, aber auch das war nur Wunschdenken. Genauso wie die leise Hoffnung, dass der durchdringende Blutgeruch vom Fürsten und von Eva stammten. Also schlug ich die Augen auf und besah mich meiner Umgebung, während das leise Pflänzchen Hoffnung sofort wieder einging. Wäre ja auch zu schön gewesen um wahr zu sein. Wobei ... wahrscheinlich wollte ich nicht wissen, was es für Konsequenzen haben würde, wenn der Anführer des Lotusclans ermordet wurde, während ich seelenruhig geschlafen hatte. Shinja und gnädig war eine Wortkombination, die äußerst selten vorkam, nahezu gar nicht.
      Nachdem ich meine Neugier bezüglich der Leiche in meiner Nähe befriedigt hatte, konnte ich das Aufstehen kaum noch länger hinauszögern, weswegen ich mich demnach erhob und mich streckte, bevor ich den Balkon betrat. Der Stein unter meinen Füßen fühlte sich noch immer kühl an, was mir letztlich dabei half auch nur ansatzweise einen klaren Gedanken zu fassen, denn kaum hatte sich die Ablenkung durch das halbe Massaker dort drin verflüchtigt, weilte mein Denken bereits wieder bei meinem Traum und allem anderen, was damit zusammenhing. Daher folgte ich dem Wink des Fürsten auch eher ohne aktiv darüber nachzudenken und trat näher. Selbst wenn Eva nicht anwesend gewesen wäre, dann hätte ich mich auch nicht anders verhalten. Es reichte ja schon die Tatsache, dass ich einen Mordanschlag verschlafen hatte, um mich zum Gespött ganz Schlangenholms zu machen, wenn das rauskam, da musste ich auch nicht noch mit unverhältnismäßiger Vertrautheit zum Lotusfürsten auffallen, vor allem wenn es keine Gründe gab und mir Distanz sowieso lieber war. So langsam sollte ich wirklich ernsthaft anfangen an meiner Flucht zu planen.
      "Verzeiht, mir war nicht klar, dass Evas Anwesenheit irgendetwas an unser beider gesellschaftlichem Stand ändert", erwiderte ich also, auch wenn ich natürlich wusste, wie er seine Worte eigentlich gemeint hatte. Danach trat ich zu dem einzigen noch freien Stuhl und ließ mich dort nieder, während mein Blick über den gedeckten Tisch glitt. Der Duft der Speisen drang in meine Nase, weswegen es wohl auch kaum verwunderlich war, dass sich mein Magen schmerzhaft bemerkbar machte. Natürlich, ich hatte seit vorgestern nicht mehr wirklich richtig gegessen, denn das wenige, was ich gestern Morgen runterbekommen hatte, konnte man kaum als anständige Mahlzeit bezeichnen.
      "Ich bin nicht wählerisch." Die Mahlzeiten des Schlangenclans unterschieden sich gewaltig von jenen aus meiner Heimat, was auch hauptsächlich an der Lage lag und an den Ressourcen, die zur Verfügung standen, doch ich hatte mich schon lange daran gewöhnt. Wie an so vieles andere auch. "Tee, bitte." Meinen Teller zu Hand nehmend, tat ich mir von den verschiedenen Speisen auf. Rückblickend waren wir damals so naiv gewesen. Zu glauben, dass alles immer so weitergehen würde. Ohne großartige Probleme, ohne einschneidende Erlebnisse, eine sichere Zukunft, die bereits feststand. Zumindest Kaina hatte noch die Chance, dass sich ihr Leben genau so entwickelt hatte, wie erwartet und ich würde es ihn von Herzen gönnen, auch wenn es wehtat, kein Teil mehr davon zu sein. Der Schmerz erinnerte mich zumindest daran, dass ich noch Gefühle empfinden konnte, am Leben war und nicht nur eine leere Hülle, die einfach nur funktionierte. Das war schon einmal etwas. Dennoch merkte ich, wie ich schon wieder zum Selbstmitleid abdriftete. Essen war aber auch schließlich kaum ablenkend, sondern eher förderte es auch noch die Tatsache, dass ich mich in meinen Gedanken schier verlor.
      "Wer von Euch hat die drei da drin eigentlich getötet?", erkundigte ich mich, während mein Blick kurz zwischen Eva und dem Fürsten hin und her glitt. Der Rest des Tathergangs war sonst wohl ziemlich klar.

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Der Tee plätscherte aus der Kanne in die Tasse der Dienerin und verströmte den wohltuenden Duft von Pfefferminz, als er aufdampfte. „Du nimmst an ich lege Wert auf gekaufte Titel?“, ich schmunzelte und stellte die Teekanne wieder auf dem Tisch ab, wobei ich die Frage behutsam nicht betonte, als würde ich mich lächerlich machen, sondern so formulierte, damit sie darüber nachdachte, den die Antwort darauf, war ja schon durch meine Frage allein gefallen. Während ich es dabei beruhen lassen wollte, war es aber Eva, die noch einen Seitenhieb verpasste. „Und glücklich solltest du darüber sein, den Eva hat schon Leuten in ganz anderen gesellschaftlichen Positionen dreißig Peitschenhiebe bis zum Rückenmark verpassen lassen, weil sie sich nicht respektvoll genug verhalten haben, oder sie EVA anstatt LADY ZELORIUS nannten. Doch in einer privaten Runde sei es ihr einerlei, bleibt zu hoffen, dass mutigen Mörderinnen der Name Eva nicht im Beisein von Fremden herausrutschen.“, seufzend wandte ich mich zu Eva, „Sie ist keine Mörderin, maximal eine Spionin.“, worauf Eva nur kurz aufschnaufte wie ein Hund. „Die Wette ist noch nicht rum“, nörgelte sie weiter.

      Ich wollte Dahlia gerade Fragen wie sie geschlafen hatte und ob die Toten ihren Morgen nicht ruiniert haben, doch da stellte sie selbst schon eine Frage über den gestrigen Abend. Insgeheim freute es mich, dass sie sich in der Umgebung von Eva und mir wohl genug fühlte kleine Nachforschungen anzustellen. Zudem war es sehr erfreulich wie gesittet sie mit der Situation umgehen konnte. Wahrlich, sie war ein Rubin vor seinen Augen, der bereits begonnen wurde geschliffen zu werden, doch leider wurde ihr Potential nicht richtig erkannt, oder einfach bewusst nicht voll ausgeschöpft, eine wahre Schande eine solche Frau als niedere Bedienstete einzusetzen! Selbst als Spion, Mörderin oder Hure spielte sie eine viel zu kleine Rolle in den Spielen, die sich am Hof ereilten. Auch wenn es schmerzlich für diese Frau war, doch ihre harte Vergangenheit formten sie zu einer noch formidableren Person, doch so war es mit allen, die befähigt waren Großes zu tun.

      Auf die Frage hob ich die Hand, „Ich wollte euch beide nicht wecken. Deshalb musste ich sie im Zimmer töten, im Gang wären sie vielleicht schon gefunden worden und jemand hätte Alarm geschlagen, das wäre zu laut gewesen. Entschuldige dafür.“ Doch dies war nicht der einzige Grund, den meine Spione hatte, so die Möglichkeit herauszufinden, wer die drei Attentäter vermisste. Gerade, weil kein Alarm ausgelöst wurde, weder von den Wachen der Schlangen noch der Lotuse. So etwas machte an den richtigen Orten oft mehr Wirbel, als wenn wirklich Wirbel um Dinge gemacht wurde. „Aber ich will dich ein wenig kennenlernen. Immerhin sind ich und Eva dabei dich ein wenig einzuschätzen. Ich will beweisen, dass du mich nicht umbringen möchtest, sie möchte beweisen, dass du es versuchen wirst und ich verliere nur ungern eine Wette. Ich möchte dir deshalb drei Fragen stellen. Wenn du sie uns ehrlich beantwortest, wären wir natürlich sehr froh, aber wenn du es nur für dich tust und uns irgendetwas erzählst, liegt es natürlich auch bei dir. Wir werden es wissen, aber es ist ok, du kennst uns ja kaum. Also: - Was willst du nicht mehr? –"

      Diese Frage war simpel als auch höchst komplex und erforderte, dass man sich selbst reflektieren konnte: Was störte einem im Leben? Was war es, dass einem keine Ruhe mehr lies? Doch es ging nicht um Wünsche! Nicht was man wollte, sondern was einem unerträglich war und man NICHT mehr wollte. Erst als ich eine Antwort bekommen hatte, stellte ich die zweite Frage.

      „Was willst du stattdessen?“

      Meist wurde diese Frage schnell beantwortet. Jemand mochte sagen, er wolle nicht mehr arm sein, doch wenn man ihn fragte, was er stattdessen wollte, sagten viele reich sein, obwohl dies gar nicht stimmte, oder nur ein Teil der Wahrheit war. Doch wenn man so weit gekommen war, tappte man in die Falle der dritten Frage, die einen Zwang sich genauer zu betrachten.

      „Was willst du wirklich?“

      Diese Frage klang zuerst lächerlich, doch wenn man darüber nachdachte, änderte sich dies. Wollte man reich sein? War das ein Ziel, das ein armer Mensch hatte? Nein. Es ging ihm darum keine Angst haben zu müssen Hunger zu leiden, keine Sorgen, dass er seine Kinder verkaufen musste, sich Medizin leisten zu können, wenn er sie brauchte. Sein Wunsch war nicht reich zu sein, um sich eine Villa zu kaufen, sondern genug Gold zu haben um sein Leben zu sichern.
    • Dahlia

      Gekaufte Titel? Im ersten Moment war ich von dem Inhalt dieser Frage derart überrascht, dass ich nicht einmal mehr dem Faden meiner eigenen Gedanken folgen konnte. Zugegeben, ich hatte noch nie darüber nachgedacht, wie der Lotusfürst zu seinem Titel gekommen war, doch dass er ihn gekauft hatte läge dennoch außerhalb meiner Annahmen. So tief konnte nicht einmal er sinken oder? Natürlich hatte ich außer dieser Frage keinerlei anderen Anhaltspunkte, die mir helfen würden ein vollständigeres Bild zu erhalten und ich konnte kaum fragen, selbst wenn neben der anhaltenden Verachtung so etwas wie Neugier in mir brannte. Schon immer war ich unglaublich neugierig gewesen, was nicht immer zu meinem Vorteil ausgegangen war, doch ich zügelte meine Neugier, weil ich es letztlich kaum mehr anders gewohnt war. Zu viele Fragen in Gegenwart der falschen Personen konnte bei den Schlangen tödlich sein. Unbedachte Bemerkungen konnten nur zu leicht als Hochverrat ausgelegt werden, vor allem wenn sie den Anschein machten, so etwas wie Kritik zu beinhalten. Über das, was ich sagen würde, nachdenkend, senkte sich mein Blick auf meine mittlerweile gefüllte Tasse.
      "Ich nehme nicht an, Euch gut genug einschätzen zu können, um derartiges zu beurteilen", antwortete ich ausweichend. "Allerdings habe ich noch niemanden kennengelernt, der keinen Wert auf seinen Titel legt." Eine Aussage, aus der ich mich nicht einmal ausnahm, doch selbst zu Zeiten, als ich noch zu Hause gelebt hatte, war mir stets klar gewesen, dass ich mich würde beweisen müssen, um meiner Position gerecht zu werden und dass es durchaus im Möglichen lag, dass sowohl mein Vater als auch die Ältesten einen anderen Nachfolger wählten, wenn ich versagte. Vermutlich war das bereits geschehen. Was wollte man auch mit einer Erbin, die nicht da war? Doch das Verlangen nach Hause zurückzukehren war letztlich viel stärker als diese hypothetische Möglichkeit.
      "Schon verstanden, Lady Zelorius." Evas Drohung war wenig subtil und fügte sich daher relativ passend in meinen Eindruck von ihr ein. Allerdings hatte ich derzeit kaum Vorteile davon, mich mit ihr anzulegen. Bis sie abreisten würde ich sie also wohl noch ertragen müssen. Eine Aussicht die ähnlich frustrierend war wie der Inhalt meiner Gedanken. Zu sehr in der - derart entfernten - Vergangenheit zu leben, hatte noch nie wirklich etwas Gutes hervorgebracht. Stattdessen sollte ich mich lieber der Gegenwart und der Zukunft widmen. Die Vergangenheit konnte ich weder ändern noch anderweitig beeinflussen. Dennoch war es schwer das auch zu beherzigen. Um mich abzulenken erkundigte ich mich danach, wer eigentlich für die ganze Sauerei verantwortlich war. Der Fürst also. Das machte mein Vorhaben noch sehr viel schwieriger. Ich wusste selbst, wie man lautlos tötete. Lautlos, schnell, leise, zumindest wenn ich eine Waffe in der Hand hielt - wenn Gift im Spiel war, konnte schnell auch nicht ganz so schnell sein, je nachdem wie lange das Gift benötigte um seine Wirkung zu entfalten und den Tod des Opfers herbeizuführen. Doch ich hätte es nicht geschafft gleich drei Gegner derart schnell und präzise auszuschalten, zumal fallende Körper natürlich auch Geräusche verursachten wenn sie aufschlugen. So jemanden selbst töten zu wollen ... die Herausforderung, der ich mich stellte war gerade noch ein ganzes Stück größer geworden - und noch immer wusste ich für meinen Geschmack zu wenig über seine Fähigkeiten. Ganz zu schweigen von denen Evas.
      "Es braucht schon mehr um mich zu schrecken als ein paar Leichen", erwiderte ich mit einem flüchtigen Lächeln, ehe ich mich wieder meinem Frühstück widmete, allerdings nur kurz, denn der Fürst zog abermals meine Aufmerksamkeit auf sich. Diese Wette war das einzige amüsante an dieser ganzen Angelegenheit - und wohl das einzige, was ich mit meinen Taten beeinflussen konnte. Ich wäre dazu in der Lage das ganze hier und jetzt aufzulösen, ich wäre dazu in der Lage es so weit hinauszuschieben, bis sie abreisten und das ganze daher obsolet wurde. Immerhin war ich die einzige, die wusste dass Eva eigentlich schon gewonnen hatte. Lieber wäre es mir natürlich, wenn keiner von beiden gewinnen würde, doch das würde bedeuten eine Option schaffen zu müssen, die nicht von der Wette abgedeckt wurde. Zudem widerspräche es meinem Vorhaben. Aber ich hatte ja eventuell noch Zeit, darüber nachzudenken. Vorerst musste ich wohl über etwas anderes nachdenken. Wobei ... eigentlich nicht, denn die Antwort lag auf der Hand. Es gab vieles, was ich nicht mehr wollte, aber es gab nur eine einzige Sache, die mir derart absolut zuwider war, dass sie als Antwort genügte. Sie war zudem derart offensichtlich, dass ich damit kaum etwas verriet, was sie nichts anging. Seufzend nahm ich meine Tasse in beide Hände und lehnte mich zurück.
      "Ich will kein Spielball mehr sein, den man dort platziert, wo man ihn gerade benötigt." Letztlich war ich, trotz gewisser Privilegien, kaum mehr als ein Werkzeug. Eigene Entscheidungen treffen? Fehlanzeige. Seit Jahren erfüllte ich meine Aufgaben, ohne dass ich auch nur die Gelegenheit hatte irgendetwas an meinem Dasein zu ändern. Es war das, was ich am meisten an alldem hasste.
      "Die Macht mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen", lautete die Antwort auf die zweite Frage und fiel damit ebenso wenig tiefgründig aus wie die auf die erste, doch das war auch so gewollt. Die letzte Frage brachte mich dann allerdings dazu nicht direkt zu antworten, weil durchaus mehrere Antwortmöglichkeiten existierten. Es gab nicht nur eine Sache, die ich wirklich wollte.
      Mein Blick senkte sich nachdenklich in den grünen Tee, wobei nicht nur der Duft eine beruhigende Wirkung auf mich hatte, sondern auch die Farbe. Grün verband man nicht umsonst mit Hoffnung, denn grün war alles, was gut war. Die Blätter der verschiedensten Pflanzen, der Schimmer, wenn die Sonne durch die Kronen der Bäume fiel. das Moos, das im Wald wuchs, das Gras im fürstlichen Garten, in dem ich meine Zehen vergraben und der einzige Ort in dieser ganzen verdammten Feste, in der ich mich meiner Herkunft noch ansatzweise nahe fühlen konnte. Zurück zu meinen Überlegungen. 'Meine Bestimmung erfüllen' war wohl das erste, was mir in den Sinn kam, doch das würde nur zu unnötigen Fragen führen, die kaum beantworten wollte. Gemeine Frauen aus Jägerfamilien hatten zumeist keine Bestimmungen die es zu erfüllen gab, zudem würde es sich schrecklich hochtrabend anhören. Ein abermaliges Seufzen glitt über meine Lippen, ehe ich antwortete, auch wenn sich mir nicht gänzlich erschloss, was für ein Wissen er zu erlangen hoffte. Dass ich ihm kaum meine intimsten Wünsche mitteilen würde, sollte auf der Hand liegen. So dämlich war ich nicht. "Grundsätzlich will ich sowieso nur nach Hause."

      "Fear of death is worse than the death itself"
      by Shuichi Akai

      "Lächle. Du kannst sie nicht alle töten."

    • Mit einer leichten Verbeugung meines Hauptes und geschlossenen Augen quittierte ich die Annahme der jungen Dame, ich würde mir nichts aus Titeln machen. Es wäre zu kompliziert und langwierig gewesen ihr zu erklären, dass es sehr wohl Titel gab, auf die ich Wert legte. Die ich schätzte und mit Stolz und Ehrfurcht trug. Ehrentitel, die man von anderen erhielt, waren es Wert getragen zu werden, nicht jedoch vererbte, oder käufliche. Schon immer war es mir eine Ehre die Legenden einer Zeitepoche kennenzulernen. Ob es nun ein gerissener Dieb war, der sich einen Namen in der Unterwelt gemacht hatte, der ruchloseste Söldner, oder der tapferste Soldat. Wenn ihnen jene, die dieselbe Profession Titel zusprachen, die ihre besonderen Talente schmückten, dies waren Titel, auf die man stolz sein konnte. Dennoch musste man deshalb niemanden geringschätzen, der seinen Wert noch nicht unter Beweis gestellt hat, egal wie beschenkt man selbst mit Gaben war.

      Als Eva dann ihre Standpauke verklingen ließ, schien Dahlia ein klein wenig eingeschüchtert, denn sie hatte den Wink von Eva etwas zu genau genommen. Eva erlaubte ihr, sie in meinem Beisein Eva zu nennen, solange niemand anderes im Raum war. Vielleicht hatte sich Dahlia aber auch bewusst dafür entschieden, sich nicht mehr darauf einzulassen, die Kommandantin mit ihren Vornamen anzusprechen. Wie zickig Frauen manchmal sein konnten. Eva war ein Paradebeispiel dafür bissig zu werden, wenn ihr etwas nicht passte und kaum jemand traute sich diesem bellenden und beißenden Hund die Stirn zu bieten, damit er sich beruhigte.

      Eine Weintraube in meinem Mund später, begann auch schon Dahlia meine erste Frage zu beantworten. Selbst wenn es der Spionin nicht auffiel, für mich waren diese Fragen Gold wert. Selbst wenn man versuchte, nicht das wichtigste von einem Preis zu geben, erkannten viele nicht, dass die Kombination dieser Fragen immer mehr preisgaben, als man wollte. Heute, da ich nur einschätzen wollte, wie unsere Rothaarige gegenüber den so war, drohte ihr keine Gefahr durch mich. Ihre Erste Antwort verriet, dass es ihr hier eindeutig an Wertschätzung mangelte, ansonsten betitelte man sich selbst nicht als Spielball. Die Wortwahl war hierbei entscheidend, genauso wie die länge des Satzes. Es hätte gereicht zu sagen: Ich will kein Spielball mehr sein. Auch die Formulierung der dort platziert wird, wo man ihn GERADE benötigt, klang abfällig. So sah sie sich also in den Augen ihrer Auftraggeber.

      Der zweite Satz verriet auch zweierlei. Sie hätte sagen können: Die FREIHEIT hinzugehen, wohin sie will. Gerade im Bezug auf ihre dritte Antwort. Doch ihre Antwort bezog sich auf MACHT und SELBSTBESTIMMUNG. Nicht auf Selbstbestimmung allein.

      Der dritte Satz, war der ehrlichste. Sie wollte nach Hause. Heimweh. Mehr war für mich persönlich, zumindest heute, nicht von Belang. Doch jemand der Doppelagenten rekrutieren wollte, hätte in Dahlia sein Fressen gefunden. Ihre Treue war nicht beim Schlangenclan, sie wollte Macht und Anerkennung. Es wäre ein leichtes ihre Versprechungen zu machen, wie sie auf schnellem Wege zu ihrer Freiheit kommen würde, mit Gold in der Hand, wenn sie die jeweiligen Informationen preisgab. Wertschätzung konnten diese Psychopathen von Agentensuchern ebenfalls vortäuschen wie kein Zweiter.

      „Dann will ich dir eine Frage stellen, die vielleicht etwas unangenehm ist, wenn du sie beantworten musst, wobei ich die Antwort schon kenne und du sie für dich behalten kannst.“, begann ich und starrte ihr in die fliederfarbenen Augen. „Arbeitest du daran deine Wünsche zu erfüllen, oder jammerst du nur darüber, wie schlecht es dir geht? Du willst Wertschätzung, Macht, Selbstbestimmung und einen Weg nach Hause. Woran davon hast du in deinen letzten zehn Jahren gearbeitet? Wie weit sind deine Ziele vorangeschritten?“, möglicherweise ein harter Schlag in den Magen der jungen Frau, aber manchmal brauchte man jemanden, der einem solch einen Schlag verpasst, um wieder nach vorne blicken zu können. „Nach Zehn Jahren haben sie dich geopfert, wie ein Lamm auf der Schlachtbank, indem sie dich mir als Dienerin zugewiesen haben, dich mir als Geschenk gegeben haben. Egal ob du als Spionin, Mörderin, oder Kurtisane zu mir geschickt wurdest, allein die Möglichkeit, dass du etwas gehört haben könntest, dass die Ohren eines anderen erreichen kann, ist ein Todesurteil. Natürlich könnte man sagen, solch drastische Maßnahmen könne man nicht erwarten, aber gerade im Gebiet des Schlangenclans sollten solche Praktiken bekannt sein.“

      Ich wartete, lies die Frau, der der Wind gerade als sanfte Brise durch das Haar fuhr, für einen Moment in ihren Gedanken. Ließ sie ihre Situation gewahr werden und wie weit sie von ihren Wünschen und Träumen doch entfernt war. Spätestens mit dem Mordanschlag, war ihr Leben verwirkt, denn egal wer Nachforschungen anstellte, sie konnte immer als Mittäterin, Opfer oder Informantin belangt werden, ob es nun stimmte oder nicht.

      „Sieh mich an, Dahlia“, riss ich sie aus ihrer eigenen Welt heraus. Ich streckte mich im Sitzen zu voller Größe und formte meine Stimme, dass sie klang, als würde man mit einem scheuen Tier reden, von dem man nicht wollte, dass es davonlief. „Ich kann dir eine Möglichkeit bieten, deine heute genannten Wünsche zu erfüllen und ich biete dir dafür zwei Möglichkeiten. Eine Schnelle und eine Langsame, doch aus eigener Erfahrung möchte ich dir eine Warnung mitgeben. Schnelle Lösungen von Problemen neigen dazu, von nur kurzer Dauer zu sein.“, dabei hob ich beide Zeigefinger nach Oben.

      „Ich weiß, dass du mit dem Mord nichts zu tun hast, aber ich werde, solltest du dich für diese Lösung entscheiden, das Gegenteil behaupten und dich zum Sündenbock machen, weshalb die Verhandlungen mit dem Schlangenclan scheitern. Dadurch wird dich der Clan jagen und niemand wird dir glauben, wenn du sagst es war meine Idee. Wir schmuggeln dich aus der Stadt, geben dir eine Karte und ein Pferd. Da hättest du dann Freiheit, Selbstbestimmung und einen Weg nach Hause.“, ich hob meinen linken Arm weiter nach Oben, sodass mein Zeigefinger ein paar Zentimeter über dem anderen war. „ABER, du wirst keine Macht haben. Wenn dich jemand erwischt, war es das für dich, außerdem wirst du noch immer als Sklavin gelten und ohne Gold wirst du vielleicht sogar in deiner Heimat vom Wolfsclan versklavt, wenn du überhaupt bis dorthin gelangst. Im Süden tummeln sich Banditen und anderes Gesindel.“

      Nun hob ich den zweiten Zeigefinger auf gleiche Höhe. „Oder du entscheidest dich für einen längeren Weg, an deine Ziele zu kommen. Ich werde immer noch behaupten, du bist verdächtig im Mordfall und werde dich mit nach Lebendsee nehmen. Du schreibst dich in der Legion ein und wirst dort zehn Jahre dienen, danach bist du ein freier Mensch und darfst politische Positionen im Lotusclan einnehmen. Kurzgefasst: Diene meinem Clan für zehn Jahre und du bist frei.“, dabei zwinkerte ich ihr schelmisch zu und senkte meine Finger, „Obwohl das Ganze nicht uneigennützig ist. Insgeheim hoffe ich, dass du nach den zehn Jahren erkennst, dass du mehr erreichen kannst, indem du für den Lotusclan arbeitest. Ich denke du hast Talent und ich finde es wichtig Talente zu fördern und wenn möglich zu rekrutieren.“

      Und schon plapperte Eva dazwischen, „Nur damit du nichts falsch verstehst: Du dienst nicht Nelumbo, sondern der Legion, dass bedeutet 10 Jahre Militärdienst. Desertation wird mit dem Tod bestraft. Die Ausbildung ist hart und ob du alle Schlachten überlebst, ist ebenfalls ungewiss. Deine zehn Jahre im Dienst des Schlangenclans werden dir vermutlich irgendwann in sehnsüchtigen Träumen wiederkehren, wie jetzt schon deine Kindsheimat“ Die grollende Stimme der Kommandantin verebbte wieder und ich musste mich fragen, ob sie nun eine Verbündete von mir war, oder mein Feind?! Da plante ich mein Rekrutierungsgespräch und sie fiel mir in den Rücken? Hatte sie vielleicht doch einen Narren an Dahlia gefressen?