Enter Human Stage 2.0 [Kyountess]

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    • Enter Human Stage 2.0 [Kyountess]

      Mein Fuß juckt. Da war es schon wieder, dieser unkontrollierbare Reflex, als verfüge eine höhere Macht über meinen Körper. Dabei juckt mein Fuß doch gar nicht. Ist das etwa das Werk Deus‘? Wahrscheinlich nicht, diese auf Effizienz getrimmte Datenmaschine wäre kaum dazu imstande, jemandem mit Belanglosigkeiten auf den Zeiger zu gehen. Dass ein urkyomischer Kreativling in einem alternativen Universum einen auf Gott macht und mir Flausen wie diese an den Kopf wirft, erscheint mir da doch erheiternder. Was er damit wohl beabsichtigt? Keine Ahnung. Früher hieß es noch, die Wege Gottes seien unergründlich, aber ganz gleich welchen Pfad er einen auch beschreiten ließ, so liebte er die Menschen und hatte stets das Beste für sie im Sinn. Vielleicht will dieser imaginäre Gott ja wirklich, dass es in den letzten Augenblicken meines ohnehin beschissenen Lebens nicht noch beschissener wird, denn was ich gerade dabei bin zu tun, kommt wohl einem Himmelfahrtskommando gleich. Warum machst du das dann, Jemiro? Ha, wenn ich doch nur eine Wahl hätte. Die Welt, oder eher, die Welt wie wir sie nun haben, kennt so etwas wie Freiheit nicht mehr. Wir alle sind die Sklaven von etwas Höherem, etwas Stärkerem, und eher erlöst uns eine Kugel, als dass ein Messias plötzlich aus der Ecke antanzt und einem ein paar Wunder zuwirft. In meinem Fall bin ich leider an das Geld meines Arbeitgebers gebunden – klingt langweilig, ich weiß, es tut mir auch wahnsinnig leid, dass ich keinen mit einer überdramatisierten Heulstory bereichern kann. Ich bin ein Söldner, und normalerweise geht das auch voll klar, wenn der Auftrag von einer anderen Gruppierung als der sogenannten Human Alliance erteilt wird; ein extremistischer Haufen, der im Namen der Gerechtigkeit Ihresgleichen tyrannisiert und Dinge verlangt, die manchmal selbst den Androiden nicht zuzutrauen wären. Jene mutigen Narren, die es wagten sich ihrem Willen zu widersetzen, verendeten zumeist in den hintersten Gassen unseres ohnehin todgeweihten Distrikts, und so bedauerlich es auch sein mag, ihre Vormachtstellung als größte und einflussreichste Organisation ihrer Art ist unbestreitbar. Entsprechend bedeutete das für mich: entweder du machst den Job, oder du stirbst.

      Ob ich wohl vor sieben Jahren so schnell klein beigegeben hätte? Damals noch, als ich mir von Nichts und Niemanden etwas sagen lassen wollte, ein Rebell war, voller Tatendrang und Wut, weil wir nach der Pfeife unserer eigenen Schöpfung zu tanzen hatten. Damals noch, als du an meiner Seite standst; der mir wertvollste und nächststehende Mensch, bevor ich es mit meinen Dummheiten zu weit trieb und mit dem teuersten Preis gestraft wurde, als man dich mir nahm. Meine Rückendeckung, meine Vorhut, meine Vertraute, mein Gewissen, das Wichtigste auf der ganzen Welt und bis in alle Zeiten, weg. Jeder misslungene Versuch, dich ausfindig zu machen, nagte weiter an der Hoffnung, und irgendwann, bevor ich es selber merkte, war da lediglich ein Gefühl von Reue. Warum hast du sie gehen lassen? Hättest du nur auf ihre Warnungen gehört. Wie scheiße kann man bitte sein? Vermutlich muss jeder Verbliebene unserer Rasse spätestens jenseits der Zwanzig durch diese Phase. Man beginnt zu realisieren, dass man ein Versager ist. Das innere Kind verschwindet und hervor kommt ein niedergeschlagener Erwachsener, dazu genötigt, die gefährlichste Drecksarbeit für noch dreckigere Arschlöcher zu erledigen.

      Aber worum geht es denn eigentlich? Einer Quelle zufolge ist eine erhöhte Präsenz militärischer Androiden und Roboter westlich der City wahrgenommen worden. Grund dafür soll wohl die Fertigstellung einer neuen Waffe sein und daher ist anzunehmen, dass dort Vorbereitungsmaßnahmen für einen Transfer vom Forschungslabor, rüber in die Stadt getroffen werden. Das Ziel ist die Zerschlagung des eskortierenden Konvois wenn sie am Verwundbarsten sind – also auf dem Highway, nicht dass die minimal abgeschwächte Netzwerkkonnektivität großartig viel an ihrer Kampfkraft ändern wird -, sowie die anschließende Ergreifung der Waffe.
      Es hat etwas beruhigendes, sich einzubilden, diese Informationen könnten in irgendeiner Weise von Bedeutung sein, dabei weiß ein jeder, dass es sich hierbei um eine gewöhnliche Operation der Extremisten handelt, die wie üblich massiv fehlschlägt. Es geht nicht um Erfolg, sondern darum, wie viele im Anschluss überleben werden. Oh, und natürlich ist für die fetten Oberen der HA ganz entscheidend, wie viel Schaden bei den Feinden angerichtet wurde. ‘ne Frau als Wichsvorlage tut’s ja neuerdings nicht mehr. Um halbwegs sicherzustellen, dass diese später auch keine Falschangaben vorgelegt kriegen, hat man Dimitri mitschicken lassen. Ein fester Bestandteil der Organisation, aber offenbar entbehrlich, sonst hätte man ihn gar nicht erst angewiesen, die vier armen Seelen, zu denen ich mich unglücklicherweise mitzählen muss, in den sicheren Tod zu begleiten. Tarntechnik soll dem auf der kargen Steppe herumirrenden Militärgeländefahrzeug Schutz vor potenziellen Spähern bieten, doch ehe wir überhaupt die Nähe der anvisierten Straße erreichen, haben Luftdrohnen das bemitleidenswerte Versteckspiel auffliegen lassen und schlagen Alarm. „Fuck! Sie haben uns gefunden, macht euch bereit“, ruft unser Betreuer und gibt Gas. Angst scheint er mir ja nicht wirklich zu haben, anders als meine zittrigen Gleichgesinnten. Ich würde es ihnen gleichtun, doch ist dieses Unterfangen so peinlich traurig, dass ich vermutlich selbst dazu nicht imstande wäre. Von daher, wenn es schon so weit gekommen ist, kann man auch gleich versuchen, mit einem Mindestmaß an Würde draufzugehen, nicht? Für die Menschheit, genau. Während also Söldner A die Luke emporklimmt um mit dem Maschinengewehr Ärger zu machen, hat Kollege B noch seinen Nervenzusammenbruch unter Kontrolle zu bekommen. Kumpel C feuert durch die geöffnete Seitentür blind in den Himmel, und ich… springe runter vom Gefährt. Als ob ich mich als offene Zielscheibe wie auf einem Silbertablett präsentieren werde, die Rolle darf ihnen ruhig alleine gehören. Bleibt bloß zu hoffen, dass keiner der Idioten ihren Selbstmordritt überleben werden, aber an die Konsequenzen wollen wir erstmal nicht denken. So oder so habe ich nicht die Absicht, die Flucht zu ergreifen, nur, auf ein wenig Gestaltungsspielraum ehe ich den Löffel abgebe, mag ich dann doch nicht verzichten. Die sturzfeste Bekleidung hat ihren Teil erfüllt, bis auf kleinere Wehwehchen bin ich wohlauf und mein Scharfschützengewehr ist auch bei mir. Das Hauptaugenmerk der Drohnen bleibt die Erfassung des Wagens, der, wer hätte das gedacht, unbeirrt in Richtung der Höhle der Löwen seinen Märtyrertod ersucht. Gut für mich, die Ablenkung kann ich gebrauchen um fernab des feindlichen Sichtfeldes zum Highway zu schreiten. Gerade in solchen Situationen fühle ich mich erneut in meiner Entscheidung bestätigt, künstliche Cyber-Knie verbaut zu haben; extrem belastbar und in der Lage, die Grenzen der körpereigenen Beinmuskulatur erheblich zu übersteigen. So ist eine dauerhafte Fortbewegung nahe der 100 Stundenkilometer ein Einfaches und ich kann in vorsichtiger Ruhe einen brauchbaren Platz ausfindig machen, denn gewiss werde ich nicht direkt in das Herz der Gegner reinstürmen. Als unterlegener, leicht modifizierter Mensch, lassen sich die taktischen Optionen allenfalls an einer Hand abzählen, aber am sichersten ist weiterhin der Fernkampf. Rund 2000 Meter von der Straße entfernt, platziere ich meine Waffe, lege mich dahinter auf den staubigen Boden und kaum will ich durch das Visier blicken, ist eine gewaltige Explosion zu hören. Dimitri hat’s wohl erwischt. Doch wenig später folgt ein weiterer, ohrenbetäubender Lärm, und dann noch einer, dann wieder einer und zum Schluss etwas so derart abnormal Lautes, dass ich kurz glaube mein Gehör würde das Zeitliche segnen. Was zur Hölle…? Waren das wirklich die von der HA? Irgendwas stimmt da nicht. Selbst nach fünf Minuten ist bis auf den ziehenden Wind nichts mehr sonst zu vernehmen. Kein verdächtiger Mucks, keine motorischen Geräusche und allen voran kein Androiden-Konvoi, der sich eigentlich auf dem Highway befinden müsste. Unbehagen macht sich in mir breit, und so bescheuert es auch klingt, ein bisschen Neugierde glaube ich auch ausmachen zu können. Was ist da wohl passiert? Verdammt, ich will es wissen. Ob es ein Fehler sein wird, vermag ich noch nicht zu beurteilen, aber für den Moment bin ich einmal mehr froh darüber, die Knie ausgewechselt zu haben. Wird Zeit, sich das mal genauer anzusehen…


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    • Mein Arsch tut weh war das Einzige woran ich denken kann, während wir seit gefühlten Stunden in dem schwarzen Tanklaster mit Ouroboros-Logo unterwegs sind. Der Fahrer folgt einer Hochstraße aus schwarzem Granit, die auf schräg ausgestellten Spinnenbeinen in rund fünfzig Meter Höhe über dem Phyllit Spires Viertel verläuft, von dem meine Mutter mir damals viel erzählt hatte. Angeblich hat dieses Viertel sich in den letzten Jahren immer weiter zu einer Todeszone verwandelt, dessen Repräsentanten jeden Andersdenkenden (manchmal auch unschuldige Zivilsten) kaltblütig erschießen, um jede noch so kleine Bedrohung im Keim zu ersticken. Während meiner heimlichen Forschungen habe ich öfter versucht, Zugriff auf deren zentrale Datenbank zu bekommen, da die meisten wertvollen Informationen ungewöhnlich gut verschlüsselt sind. Doch als ich gerade dabei war einen Durchbruch zu erzielen, musstest du natürlich wieder einmal deinen Dickkopf durchsetzen und in meinen Codierungen herumschnüffeln. Vermutlich ist das der Grund dafür, dass diese Scheißkerle mich mitgenommen haben und wir uns höchstwahrscheinlich nie mehr wiedersehen werden. Normalerweise müsste ich sauer auf dich sein – hätte dich ihnen überlassen sollen, aber das konnte ich nicht. Niemals könnte ich auch nur ansatzweise etwas wie Hass für dich empfinden. Deshalb bin auch ich hier – nicht du. Ich hoffe, du wirst irgendwie ohne mich klarkommen. Das wirst du müssen, aber ich glaube an dich und lasse den Funken Hoffnung, irgendwann wieder bei dir sein zu können, trotz vielerlei Zweifel nicht erlöschen. Langsam bekomme ich Kopfschmerzen von den verstärkten Motorengeräuschen und verspüre eine gewisse Erleichterung als ich merke, dass wir unser Ziel scheinbar erreicht haben. Ein riesiges, beinahe furchteinflößendes Gebäude getarnt als Pharmaunternehmen ist das Letzte woran ich mich erinnere, bevor ich einen stechenden Schmerz am Hinterkopf erfahre und zusammenfallend das Bewusstsein verliere.

      Die Behandlung ist noch längst nicht vorbei. Meine herausgezogenen Nerven formen ausbreitende Verzweigungen, hauchfeine fraktale Bäume, die in der Luft schweben. Meine Haut beginnt, sich langsam in schmale, aufrollende Streifen aufzulösen und mein graues, glänzendes Fett schält sich langsam von meinem rot getränkten, gestreiften Muskelgewebe. Schimmernde Glanzlichter spielen über das freigelegte Innere meines Körpers während weitere Elektroschocks mich dazu bringen, ununterbrochen zu schreien. Ich habe mich an den Schmerz gewöhnt und ehrlich gesagt tut das ganze Prozedere längst nicht mehr so weh, wie zu Beginn. Die Vorstellung dessen was ich durchmachen muss, mag widerlich sein. Das bestätigen auch die unterschiedlichen Laboranten aus der ersten Reihe, die sich nicht zum ersten und letzten Mal in ihr Taschentuch übergeben. Nichtsdestotrotz ist dies nicht der erste perverse, unmenschliche Akt, der an mir vollzogen wird. „Wenigstens bekommen wir Steuerzahler endlich was für unser Geld“ vernehme ich und verliere den letzten Respekt für diese Widerlinge. Seit Jahren hocke ich in einem dunklen Kerker, isoliert von der Außenwelt mit immer größer werdenden Gedächtnislücken. Man missbraucht mich dafür, den ersten Bio-Androiden-Prototypen zu erschaffen – ganz gleich ob der Plan aufgeht, oder nicht. Falls nicht, lande ich eben gemeinsam mit meinen Vorgängern im Graben und durchlaufe den Prozess der Verwesung. Doch das Traurigste an der ganzen Sache ist eigentlich, dass ich mich selbst nicht kenne. Ich weiß, beziehungsweise kann mir denken, dass ich vorher mit Sicherheit ein normales Leben hatte – diese Erinnerungen wurden mir jedoch während den Experimenten an meinen Gehirnströmen genommen. Dadurch wollen sie vermutlich verhindern, dass ich irgendwas hiervon an die Außenwelt weitergeben kann, sollte etwas schiefgehen. Ihr Plan ist es, eine Hybridform zwischen Mensch und Android aus mir zu generieren um mich schlussendlich als Biowaffe gegen jede erdenkliche Art von Feind einsetzen zu können. Anders als Androiden habe ich neben den überdurchschnittlich verbesserten Fähigkeiten und Attributen immer noch mein menschliches Bewusstsein, was mich im Gegensatz zu Androiden nicht ausschließlich von codierten Algorithmen abhängig macht. Selbst wenn der Algorithmus eines Codes also durcheinander kommen sollte, bin ich aufgrund der Vermischung meiner menschlichen Gehirnströme mit denen eines Androiden dazu in der Lage, fehlerhafte Algorithmen selbstständig neu zu codieren oder gar unabhängig von ihnen weiter zu handeln. Gleichzeitig bedeutet das auf der anderen Seite, dass ich einer dauerhaften Gefahr ausgesetzt bin. In den letzten Wochen gab es mehrere Meldungen über versuchte Einbrüche im Zentrum des Forschungslabors – denn sollte ich als Prototyp ein Erfolg sein, bin ich eine Bedrohung für jedes Leben auf diesem Planeten; menschlich oder nicht menschlich.

      Die einzelnen Sicherheitsbeauftragten, genau so wie die Forscher selbst werden von mehreren Drohnen begleitet um sicherzustellen, dass sich unter ihnen kein Eindringling befindet, der das Experiment hätte sabotieren können. Ein Mann unter ihnen wirkt vierschrötig und muskulös, sein schlichter Anzug sieht eben so teuer aus wie die seiner Kollegen. Er nähert sich meinem Behandlungstisch und allmählich haben auch die hübschen Innereien meines Körpers ihren Ursprungsplatz eingenommen. Er ignoriert die über ihm herumschwirrenden Drohnen, die ein paar Sekunden später aufgrund eines ausgelösten Ultraschallalarms kehrt machen. Der Mann hingegen weicht nicht von meiner Seite. Er begutachtet mich, mitsamt all den tausenden von Kabeln die an sämtlichen Stellen meines Körpers befestigt sind. Der Mann umfasst meinen Arm und zieht die Mundwinkel nach oben während er mir zuflüstert: „Wir haben es geschafft, C43V1“. Das Rattern der Maschinen hört langsam auf und die permanenten Elektroströme, die sie mir stundenlang durch den Körper jagen, nehme ich ebenfalls nicht mehr wahr. Ich kann nicht sprechen, nicht denken, nicht einmal fühlen. Es ist, als wäre ich gefüllt mit nichts als Leere. Als verkörpere ich lediglich eine Hülle, die ohne Energiezufuhr zu nichts imstande ist. „Wir behalten dich noch zur Beobachtung hier, nur deiner Sicherheit wegen. Keine Sorge, in ein paar Stunden sollte dein Zyklus sich normalisiert haben – dann kannst du dich bewegen, als wärst du frei wie ein Vogel“ sind die letzten Worte des Mannes, bevor er seine Hand von meinem Arm zurückzieht und den Saal verlässt. Die anderen Forscher, dessen Gesichter das einzige Vertraute an diesem Ort sind, schütteln sich abwechselnd die Hände; vermutlich um die Verunstaltung meiner Seele zu feiern, bevor sie es dem Mann gleichtun und ich mutterseelenallein zurückgelassen werde.
      Ich kann es immer noch nicht fassen, dass mein Leben voller Schmerz und Qualen nun endlich ein Ende haben soll und gerade während ich darüber nachdenke, ob ich in der Lage dazu bin Freude zu empfinden, durchfährt der schlimmste Schmerz den ich je zu spüren bekommen habe meinen Schädel. Blut strömt mir aus den Augen während ich erfolglos durch Geschrei versuche, den Schmerz zu übertönen. Die Einscheibensicherheitsfenster, von denen der Untersuchungsraum umzäunt ist, zerspringen alle nacheinander und auf den Bildschirmen der Computer ist nichts anderes zu sehen als endlose Reihen von Zahlen, die sich pausenlos generieren. Die einzelnen Maschinen beginnen damit, in Rauch aufzusteigen und ehe ich realisieren kann was hier eigentlich passiert, löse ich ein elektrisches Signal aus, dass wie eine Art Schockwelle einen Shutdown bei jedem digitalen Endgerät hervorruft. Zumindest denke ich das, da jedes Terminal und jede Versorgung in einem TCP/IP-Netzwerk plötzlich wie lahmgelegt erscheint. Genau genommen habe ich einfach nur versucht, die durcheinander gewürfelten Algorithmen in meinen Gedanken zu ordnen, die höchstwahrscheinlich für die plötzlich auftretenden Schmerzen verantwortlich waren. Wie es zum Shutdown kam, kann ich mir selbst nicht erklären. Allerdings nutze ich den Moment lieber, um von hier zu verschwinden. Zu meinem Glück bedeutet das nämlich, dass die Sicherheitsdrohnen sowie alle anderen Sicherheitsterminals ebenfalls ausgefallen sind und ich ohne große Gefahr von diesem Ort fliehen kann. Die Frage ist nur… wohin? Diese Anlage kenne ich wie meine Westentasche, an alles darüber hinaus habe ich jedoch keinerlei Erinnerung – egal wie sehr ich versuche, sie an die Schwelle meines Bewusstseins zu rufen. Nichtsdestotrotz ziehe ich sämtliche an mir befestigte Kabel ab und stürze beim Versuch auf die Beine zu kommen, auf den harten Boden. Ich bin es gewohnt in einem Rollstuhl von A nach B gefahren zu werden, da man sichergehen wollte dass ich nichts Unüberlegtes tue. Dementsprechend ist es schon länger her, dass ich auf eigenen Beinen irgendwohin gelaufen bin. Mir fällt ein, dass es eine Möglichkeit geben muss, Einfluss auf die Codes zu nehmen die durch meine Gehirnströme fließen. Es ist bloß ungewöhnlich, dafür keine Tastatur zu verwenden, sondern ausschließlich meine Gedanken. Ohne lange zu fackeln strenge ich mich also an, die Zahlen abzuändern um meine Motorik zu verbessern, damit ich selbstständig von hier verschwinden kann. Ich verstehe nicht, wie ich dazu in der Lage bin und was ich überhaupt alles steuern oder beeinflussen kann – will mich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings auch nicht damit auseinandersetzen. Stattdessen richte ich meinen Körper auf und schlendere durch die engen Flure in Richtung Ausgang.

      Fühlt sich an wie eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich so weit gelaufen bin, dass der Gebäudekomplex meilenweit hinter mir liegt. Ich habe mich nicht getraut in unmittelbarer Nähe ein Versteck zu suchen, schließlich wollte ich mich nicht in ein paar wenigen Stunden wieder im Inneren befinden weil diese Mistkerle mich ausfindig gemacht haben. Zudem weiß ich nicht, ob mir vielleicht sogar ein Chip oder Ähnliches implantiert wurde, der mir irgendwann schwerwiegende Probleme bereiten könnte. Mein Blick schweift durch die Gegend, in der ich mich seit Jahren befinde und doch fühlt sich alles so unglaublich fremd an. Ich weiß, dass ich C43V1 heiße und das war es auch schon mit Informationen zu meiner Selbst. Von meiner Menschlichkeit gibt es nicht mehr viel das übrig ist. Zwar verfüge ich über ein Bewusstsein, mache mir Gedanken und kann teilweise fühlen – jedoch längst nicht mehr so ausgeprägt, wie ein wirklicher Mensch dazu in der Lage ist. Kein Wunder, wenn ich als Waffe fungieren soll. Ich bin mir nicht einmal im Klaren darüber, wieso ich an diesem Ort war. Habe ich früher überhaupt ein anderes Leben gehabt? Oder bin ich in Wirklichkeit nur eine aus Einzelteilen zusammengesetzte Maschine, der ein menschliches Bewusstsein eingepflanzt wurde und nun denke ich, dass ich der wahre Mensch bin? Meine Gesamtsituation ist schon verwirrend genug und die verrückt spielenden Codes in meinem Kopf machen das Ganze nicht besser. Trotzdem sollte ich mich im Moment lieber darauf konzentrieren, wie es für mich weitergeht, anstatt meine Zeit hier mit sinnlosen Gedanken zu verschwenden. Fakt ist, ich brauche Zugang zu einem funktionsfähigen Computer, der nicht von irgendwelchen Forschungshirnis kontrolliert wird.
      An einem Highway angekommen, den ich dafür nutzen möchte, mir einen Überblick der Umgebung zu verschaffen, erblicke ich lichterloh brennende Flammen und dichten Qualm, der meine Sicht erheblich beeinträchtigt. Was hier wohl passiert ist? Überall stehen meterhohe Werbetafeln, die keinerlei Bild anzeigen und mir weismachen, dass die von mir versehentlich ausgelöste Schockwelle wohl meilenweit Spuren hinterlassen hat. Ist es wirklich möglich, dass eine solch gewaltige Kraft einzig und allein von mir ausgelöst werden kann? Wenn dem wirklich so ist, muss ich wohl weniger Angst vor den Forschern haben, als vor mir selbst. Am Rande des Highways erblicke ich Menschen, die das sich vor ihnen abspielende Szenario vermutlich aus nächster Nähe betrachten wollen – doch ihr Blick verändert sich, als sie den meinen treffen. Sie sehen mich an, als wäre das Szenario weniger interessant, als meine Wenigkeit und ich frage mich, ob sie mich wirklich so einfach durchschauen können. Wenn ich mich recht erinnere, sehe ich nicht viel anders aus als sie. Jedenfalls kann ich das anhand dessen ableiten, dass ich mich zurück im Forschungslabor hin und wieder selbst betrachten durfte. Verwundert schaue ich also an mir herab und verstehe, was mich von ihnen unterscheidet. Mein Körper ist geziert von Einstichen und Öffnungen, in denen Kabel steckten und sämtliche Proben meines Blutes entnommen wurden. Neben dieser Tatsache stelle ich jedoch auch meinen bloßen Körper zur Schau. Die Menschen die ich hier sehen kann, tragen verschiedene Stoffe über ihrem Körper, ich hingegen bin splitterfasernackt. Trotzdem wundern ihre Blicke mich, ich dachte immerhin, das wäre normal. Schließlich gab es im Labor kaum eine Zeitspanne, in der mein Körper von irgendwas bedeckt war. Mich nicht weiter an ihren Blicken störend laufe ich also blind den Highway entlang; ahnungslos in welche Richtung ich mich begeben soll. Vielleicht ist es mir möglich, ein noch funktionierendes, digitales Endgerät zu finden, mit dem ich mir Informationen einverleiben kann. Wenn ich mit bloßen Gedanken Algorithmen verändern konnte, muss ich jawohl ebenfalls in der Lage dazu sein, Stadtkarten oder sonstige Routen in Form von Codes in meine Gedankengänge zu integrieren.
      my review on life so far:

      ★ ★ ★ ☆ ☆
    • Es braucht nicht lange und der erste Rauch macht sich bereits in der Ferne bemerkbar. Darauf bedacht, denselben Abstand zur Straße zu halten, fallen mir zunehmend Metallstücke auf, die wahllos verteilt herumliegen und nach einer Weile entdecke ich schließlich den in Flammen stehenden Wagen Dimitris, der mich zum Anhalten bewegt. Hier dürfte ich ein paar Hinweise finden. Dass sie es überhaupt auf die Reihe bekommen haben, soweit vorzurücken, ist schon skurril genug. Merkwürdiger ist nur, dass keine Anzeichen eines Kampfes gegeben sind. Der Boden wirkt glatt und unberührt, abgesehen von den Reifenspuren des HA-Gefährtes und den Folgen mehrerer Überschläge, die einer abrupten Vollbremsung nachgingen. Wobei von Bremsen nicht einmal die Rede sein kann. Es hat mehr den Anschein, als habe eine undurchdringbare Wand vor ihnen gestanden und mit mindestens derselben Wucht das Fahrzeug in die entgegengesetzte Richtung zurückgeschleudert. Normal ist das ja nicht, was das wohl verursacht haben könnte? Neue Angriffsdrohnen oder aus der Ferne agierende Artillerien wären möglich, aber es ist schwer vorstellbar, dass die Androiden zu derart mächtigen Geschützen greifen würden im Angesicht einer mickrigen und völlig inkompetenten Gruppierung. Ob es sich hierbei vielleicht um die zu liefernde Waffe handeln könnte, weshalb es so viel Aufruhr zuletzt gegeben hat? Auch denkbar, andererseits spräche dagegen, dass man diese ja in die Stadt liefern, und nicht gleich beim nächstbesten Menschengespann ausprobieren wollte – zumal, wenn jetzt schon von Lieferungen die Rede ist: spätestens hier hätte der Konvoi doch sein müssen. Kann es sein, dass das verschoben wurde und keiner davon etwas wusste? Oder aber, die Sache ist schon durch und es gibt nichts mehr für uns zu holen? Warum dann würde man das Fahrzeug hier angreifen? Das Forschungslabor ist immer noch weit genug entfernt, dass kein Grund für Sicherheitsvorkehrungen in dieser Umgebung gegeben wäre. AAAARGH! Verflucht, ich blicke da nicht mehr durch, höchstens Kopfschmerzen bekomme ich davon. Womöglich ist die Antwort eh wieder direkt vor meiner Nase, nur kann ich sie mir nicht richtig erschließen. Eve… Witzig, dass ich ausgerechnet in solchen Situation an dich denken muss. Was würdest du an meiner Stelle unternehmen? Du besaßest schon immer eine Begabung für das Feine, vermutlich hättest du bereits eine perfekt hergeleitete Lösung parat, die ich lediglich in den Sand zu setzen bräuchte. Haha, Oh man. Die Sache wird mir hier langsam zu heikel, aber wenn ich jetzt mit leeren Händen und vor allem ohne Dimitri zurückkehre, kann ich mir auch gleich an Ort und Stelle das Leben nehmen. Das Endergebnis wird sich dadurch nicht ändern und wenn ich meine Auswahloptionen auf die Schnelle abzuwägen versuche, erscheint es mir am besten, so fürchte ich, wenn ich mich um einen Zugewinn weiterer Informationen bemühe, in der Hoffnung, etwas wertvolles könne die Fettsäcke zufriedenstimmen.

      Im Prinzip bin ich also nach wie vor am Arsch, und je mehr ich mich dem Labor nähere, desto eher fühle ich mich in dem Glauben bestätigt. Doch die Gewissheit zu sterben ist weniger das Problem, als die Ungewissheit, woran man letztendlich krepiert. Die spähenden Luftdrohnen von zuvor liegen nämlich ebenfalls mitten im Nirgendwo, etwas weiter vom Quartett, und dass die HA dafür verantwortlich sein soll, ist lachhaft unrealistisch. Zumal diese Gerätschaften keine äußeren Mäkel vorweisen, fast so, als habe man ihnen stattdessen von jetzt auf gleich den Strom entzogen. Vielleicht eine elektromagnetische Störung? Das wäre ja mal was ganz Neues, aber auch hier, durchaus denkbar. Die Beschilderungen nahe des Highways weisen Fehlfunktionen auf, das würde zumindest die These unterstützen. So oder so werden schlüssige Mutmaßungen alleine kaum ausreichen, ich brauche etwas Handfestes. Wie zum Beispiel diese Waffe, aber wir wollen jetzt nicht anfangen zu träumen.
      Mit jedem gelaufenen Meter scheint der umliegende Schaden größer zu werden. Wo bis vor zehn Kilometern noch verzerrte Tafelbilder angezeigt wurden, sind nun leichte Brände, bis hin zu umgestoßenen Mästen oder anderweitigen Dellen bei schweren Konstruktionen. Ein einmaliges Schauspiel das sich mir bietet, so ist aus der jüngeren Vergangenheit kein vergleichbarer Vorfall bekannt. Nicht, dass ich etwas dagegen habe; je mehr die Androiden zu leiden haben, desto besser! Die Skepsis mindert das nur nicht, und als ich unweit der Straße eine kleine Ansammlung an Menschen bemerke, erreicht meine Konfusion einen neuen Höhepunkt. Das sollte ich mir einmal genauer ansehen. So verlasse ich die karge Steppe, hin zum Highway und suche den Grund für ihre Aufregung – weshalb sie überhaupt so weit weg vom Menschen-Distrikt sind, hat gerade nicht mein Problem zu sein. Ja, das Feuer ist groß und prächtig, Chaos und Zerstörung gibt es in unserer Gegend aber zu genüge, da wird doch mehr hinter stecken müssen? Möglichst unauffällig mische ich mich unter die Leute, folge der Richtung ihrer Augen und will dasselbe Ziel wie sie erfassen, als ausgerechnet dann das Standbein eines der angeschlagenen Anzeigetafeln die Kraft verlässt, in sich zusammenfällt und wie eine gewaltige Schneise den Weg zur restlichen Straßenseite versperrt. Ein verschrecktes Raunen entfährt den Meisten, während sie einige Meter zurückweichen, aber offenbar noch immer so fasziniert von etwas sind, dass sie selbst jetzt darauf hoffen, es zwischen all dem emporquellenden Rauch wiedererkennen zu können. Meinen die das ernst? Ich hasse mich dafür, dass ihre blöd ausschauenden Mienen ergreifend genug sind, dass ich nun mehr denn je wissen möchte, was sie dermaßen in den Bann zieht. In die riesigen Flammen sehe ich hinein, lange genug, dass man meinen könnte, die Sonne selbst befinde sich vor mir, und ehe ich daran bin den Kopf abzuwenden um die umstehenden Menschen als Irre abzustempeln, ist plötzlich die Silhouette einer Person darin zu erkennen. Was geht denn jetzt ab? Der Form nach zu urteilen, muss es sich um eine Frau handeln, aber warum hilft ihr denn keiner? Und warum steht sie völlig regungslos so da? Kann sie sich etwa nicht bewegen? Wo sind dann die Schreie, die Hilferufe, irgendwas, das einen der Wahnsinnigen aus ihrer Trance befreien könnte?! Warte ‘ne Sekunde… fuck! Hastig greife ich zum Gewehr und richte es auf die fremde Gestalt. Das Visier macht sie eindeutiger, und tatsächlich: „Ein Android!“, brülle ich und ein kollektives Zucken ist bei den Menschen zu vernehmen, gefolgt von Fassungslosigkeit und der anschließenden Realisierung, dass sie schleunigst verschwinden müssen. Panische Schreie beginnen unter dem laut knisternden Feuer zu verschwinden, bis nur meine Wenigkeit diesen scharf hervorstechenden, tödlich roten Augen gegenübersteht. Was bitte macht einer von denen hier? Diese Möchtegern-Hochgeborenen genießen doch im Stadtzentrum den Luxus, der meiner Rasse eigentlich zusteht, aber bis auf trockenen Boden gibt es hier doch gar nichts?! Ist er etwa der streunenden Menschen wegen hergekommen, um sie auszuschalten? Ein militärischer Android? Wo zum Fick ist dann der Rest, und was ist eigentlich mit dem Konvoi, der hier durchfahren müsste? Wo ist die Waffe?! ……Oh. Die Waffe. Scheiße, ja, die Waffe! Ein Geistesblitz durchfährt meinen Körper, gepriesen sei ich, Jemiro, der Erleuchtete! Alles ergibt nun einen Sinn; das HA-Auto, die Drohnen, die Fehlfunktionen, der Brand. „Du…!“, entfährt es mir noch bevor ich zur Tat schreite und zwei volle Körpergrößen in die Höhe springe, dass selbst das Feuer keine Gefahr darstellen kann. Das ist die Gelegenheit, eine bessere werde ich nicht bekommen; keinen Schimmer, warum es sich nicht regt, aber das ist mir nur recht so. Wenn ich das Ding den HA-Bastarden vorlege, kann Dimitri meinetwegen auch als Untoter auferstehen und erzählen, wie ich sie habe hängen lassen, man würde ihn für die bloße Zeitverschwendung gleich nochmal köpfen. Aus der hinteren Gürteltasche zücke ich einen Blocker hervor – ein klobiges, schwarzes Gerät, kaum größer als die Smartphones aus vergangenen Zeiten und mit einer dicken, hervorragenden Schaltspitze in ihrer Mitte, dazu gedacht, über den Nackeneingang hineingeführt zu werden um alle nicht-lebensnotwendigen Körperfunktionalitäten auszuschalten; ein übliches Mittel im letzten großen Krieg gegen die Androiden, aber auch, um Menschen mit Cyberbrains lahmzulegen. Während der Landung noch mache ich eine halbe Drehung um die eigene Achse, dass ich hinter ihm auf den Knien aufkomme und mich im Eiltempo wieder aufrichten will, als ich, kaum ist der mit dem Blocker ausgestattete Arm in seine Richtung gestreckt, schlagartig zum Anhalten gezwungen werde und mir das Blut gefriert. Nein. Das kann nicht sein. Wie? Eine Welle an Erinnerungen nimmt mich ein, bohrt sich erbarmungslos durch jede Faser meines Seins, als hinge alles davon ab. Meine Zukunft, die Zukunft der Welt, die Zukunft der Menschheit - alles, einfach alles. Der Autounfall, dein verstorbener Vater, deine trauernde Mutter, meine Angst um dich, die fehlenden Ärzte, der Kampf um dein Überleben, deine Wunde; eine gewaltige, quer durch den Rücken verlaufende Narbe, tief und einprägsam, dass ich selbst jetzt jede einzelne Linie, jeden einzelnen Winkel und jede einzelne Abzweigung bis auf ihre kleinste Einzelheit kenne. Warum? Warum hat dieses Ding deine Narbe? „Eve…“

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    • Die Suche gestaltet sich schwieriger als ich angenommen habe. Welch Wucht hinter meiner versehentlich ausgelösten Welle der digitalen Zerstörung steckte, bemerke ich erst mit jedem weiteren Schritt. Zunächst dachte ich, lediglich der Umkreis um den Gebäudekomplex der Forschungseinrichtung wurde davon getroffen, jetzt aber bemerke ich, dass der Schaden viel weitreichender ist. Digitale Werbeanzeigen flackern unaufhörlich, Verkehrswarnungen entlang des Highways werden erst gar nicht länger angezeigt und die umherirrenden Menschen fuchteln wild mit ihrem Smartphone durch die Gegend um dem verworrenen Ausfall ein Ende zu bereiten; erfolglos. Wütend schmettern sie es zu Boden mitsamt anderem Zubehör, das seine Funktionen ebenfalls eingestellt hat. Ich versuche zu verstehen, warum die Menschen von sowas auf solch negative Art und Weise reagieren, doch es leuchtet mir nicht ein. Schließlich sind funktionsunfähige Gerätschaften nicht gleich das Ende der Welt und werden zu heutiger Zeit massenweise produziert. Sollen sie sich doch einfach ein Neues kaufen und ihrem gewohnten Alltag nachgehen, statt so zu tun, als hätte ihr Leben nicht länger einen Sinn. Momentan habe ich ebenfalls keinen Zugriff zu irgendwelchen Netzwerken, obwohl ich es nötig habe und dennoch reagiere ich nicht über. Lieber begebe ich mich auf die Suche und lasse den Kopf nicht hängen. Die Menschen nicht länger beachtend führe ich meinen Weg also fort und präge mir die Ortschaften ein, die sich mir links und rechts vom Highway erstrecken. Vermutlich sind sie nicht von extremer Wichtigkeit für mich, nichtsdestotrotz weiß ich lieber zu viel als zu wenig und wer weiß schon, was mir in nächster Zeit widerfahren wird. Sollte ich ein Versteck brauchen oder allgemein einen Ort, an dem ich vorübergehend in Sicherheit schwelgen möchte, komme ich garantiert auf eines dieser Viertel zurück.
      Auf der Straße wirbeln schwache Windstöße Staub und Papierfetzen in Spiralen hoch, und obwohl die Sonne strahlt und der Himmel leuchtend blau ist, scheint alles farblos, kalt - wie ausgestorben. Ein Plakat das unmittelbar gegenüber von mir an der Front eines Geschäftes hängt, zeigt das Gesicht eines Mannes mit auffällig grauem Schnurrbart. Eine kurze Zeit lang wende ich meinen Blick nicht von dem Plakat ab und erinnere mich, wer dort überdimensional groß gepriesen wird. Mir kommt kein Name in den Sinn, was daran liegt, dass die Kerle im Forschungslabor keine Namen benutzt haben. Denn genau genommen waren die Experimente mit mir als Versuchskaninchen bloß ein perverses Hobby. Tagsüber sind sie anderen Tätigkeiten nachgegangen, während das armselige Schwein dessen Gesicht etliche Häuserfronten wie auch dieses Plakat ziert, den Leiter genau dieser Experimente verkörpert. Ich habe ihn schon länger nicht mehr gesehen, da er sich meist im Hintergrund aufhält um bei Problemen schnell untertauchen zu können aber ich weiß, dass es ihm alles andere als in den Kram passt, mich, seine jahrelange Forschung einfach zu verlieren. Dieses Plakat führt mir dementsprechend vor Augen, dass ich meine nächsten Schritte mehr als gut durchdenken muss.
      In der Ferne gleitet ein Helikopter zwischen den Dächern herunter, brummt einen Augenblick lang und streicht dann in einem Bogen wieder ab. Scheint, als wäre die Polizei ebenfalls über dieses Spektakel informiert. Bleibt zu hoffen, dass ich noch ein wenig Pufferzeit übrig habe, bevor mein Aussehen bald das Einzige sein wird, das durch die Werbetafeln zur Schau gestellt wird. Ich muss zugeben, dass ich vor der gewöhnlichen Polizei, die mittlerweile eine immer kleinere Rolle in unserer Gesellschaft spielt weniger Angst habe, als vor der sogenannten Gedankenpolizei. Die meisten Androiden wissen nicht einmal, dass es sowas überhaupt gibt. Im Normalfall würde ich darüber auch nicht Bescheid wissen; da die Forscher allerdings fest davon ausgegangen sind, dass ich dieser Anlage niemals entfliehen würde, gibt es das ein oder andere Geheimnis, das ich mit anhören konnte. Um jedoch nochmal auf die Gedankenpolizei zurückzukommen: Sie wird so genannt, weil keine Möglichkeit besteht festzustellen, ob man gerade überwacht wird. Sie sind im Besitz der neuesten Technologien und setzen Equipment ein, welches gleichzeitig als Empfangs- und Sendegerät fungiert. Das bedeutet, jedes verursachte Geräusch, das über ein ganz leises Flüstern hinausgeht, kann von dem Gerät registriert werden. Dementsprechend sind die einzig sicheren Schlupflöcher vor dieser Organisation Funklöcher, in denen das Gerät ganz einfach keinen Empfang hat.

      Unwillkürlich durchzuckt mich ein furchtbarer Schrecken. Wurde ich wirklich schon entdeckt? Im Endeffekt ist es ohnehin töricht von mir, auf mich allein gestellt über den Highway zu schlendern. Ich hätte vermutlich wirklich den längeren Weg durch verschiedene Seitengassen wählen sollen - nun ist es allerdings zu spät. In Anbetracht meiner Gesamtsituation war es ohnehin egal, auf was für einen Weg ich mich begebe; sie sind alle zwecklos. Ich kenne niemanden, ich habe keine Erinnerungen und ich bin auch nicht im Besitz eines Unterschlupfs, in dem ich mich zurückziehen könnte. Außerdem habe ich in den Augen der Gedankenpolizei und allgemein jeglicher pro-Androiden Instanz das Kapitalverbrechen begangen. All die Gespräche die ich live verfolgen konnte und all ihr Gerede über sogenannte Gedankenverbrechen, die die Meisten auf Dauer sowieso nicht verbergen können - so auch ich nicht. Es ist durchaus möglich, eine Weile lang schlaue Winkelzüge zu machen - früher oder später kommen sie einem doch darauf. Laut dem Geschwätze der Forscher ist es immer nachts, an denen die Verhaftungen unabänderlich stattfinden. Plötzliches Hochfahren aus dem Schlaf, die derbe Hand, die einen an der Schulter packt, die Lichter, die einem die Augen blenden, der Kreis harter Gesichter um das Bett. In der überragenden Mehrzahl der Fälle findet nicht einmal eine Gerichtsverhandlung statt und die Behörden oder Zeitungen melden keinerlei Verhaftungen. Die Androiden und Menschen verschwinden einfach, mitten in der Nacht. Namen werden aus Listen gestrichen, jede Aufzeichnung von allem, was sie je getan haben, wird vernichtet; dass man jemals gelebt hat, wird erst geleugnet und dann vergessen. Wie auch ich wird man ausgelöst, zu einem Nichts, bis die ehemalige Existenz sich in Rauch auflöst.
      Das Schlimmste, was ich jetzt tun könnte, wäre wie angewurzelt stehenzubleiben um mich kaltblütig, ohne etwas erreicht zu haben, vernichten zu lassen. Während ich mich also langsam um die eigene Achse drehe und die regungslose Gestalt hinter mir erblicke, fällt die Angespanntheit von mir ab. Mein Gesicht ist, vermutlich aus langer Gewohnheit, ausdruckslos. Ich fixiere den Blocker in deiner Hand mit meinen Blicken und schaffe es tatsächlich, ihn dir mittels meiner Kräfte blitzschnell aus der Hand fliegen zu lassen, ohne dich auch nur einmal zu berühren. Ich öffne meine Lippen ein Stück weit und will gerade zum Reden ansetzen, schließe sie jedoch genau so schnell wieder als ein gewisser Name die deinen verlässt. Eve wer..? Ich überlege, ob der Name mir zuvor begegnet ist und die Stimme meines menschlichen Bewusstseins dringt hervor; doch ich kann mich einfach nicht erinnern. Es spielt keine Rolle wie sehr ich mich anstrenge, das Einzige was zurückbleibt sind schmerzhafte Impulse, die wie Blitze durch mein Gehirn fahren. Warum aber siehst du mich mit solchen Augen an? In deinem Blick liegt tiefliegende Trauer - doch ich erkenne nicht, woher sie plötzlich kommt. Ich könnte schwören, vor ein paar wenigen Augenblicken warst du drauf und dran, meinem erbärmlichen Dasein ein Ende zu bereiten. Wozu der Sinneswandel? Kennst du mich? Kenne ich dich? Ich überlege einen Moment lang, ob du mir im Forschungszentrum unter die Augen gekommen bist, aber es klingelt nichts. Du siehst auch nicht aus wie jemand, der von dort kommt. Ich kann sehen, dass deine Knie nicht menschlich sind. Du hast sie modifizieren lassen, nicht? Also stammst du wirklich nicht aus dem Forschungslabor. Dort gibt es nur waschechte Menschen um die Gefahr zu reduzieren, dass Cybermodifizierungen während der Forschungen verrückt spielen oder sich mit der dort eingesetzten Technik vermischen. Eigentlich darf ich keinen weiteren Gedanken an dich verschwenden und sollte stattdessen zusehen, dass ich hier schnellstmöglich wegkomme - irgendwas jedoch klopft an der Schwelle meines Bewusstseins und verhindert dies. Spielen die Codes möglicherweise wieder verrückt? Nein, das ist es nicht. Dich genauestens inspizierend wende ich den Blick nicht ab und denke darüber nach, ob du mir eventuell helfen kannst. Natürlich gibt es dafür deinerseits keinen Grund und davon abgesehen wäre es widersprüchlich, dich nach deinem vorigen Vorhaben um Hilfe zu bitten. Auf der anderen Seite habe ich keine andere Wahl und nachdem ich vermute, irgendwas an meiner Wenigkeit hat dich dazu verleitet, die Waffen niederzulegen, stehen meine Chancen vielleicht gar nicht so schlecht. Trotzdem muss ich dich mit Vorsicht genießen; du kannst auch zu ihrem Plan gehören und bringst mich zurück zu denen, wenn ich nicht aufpasse. Ich gehe stark davon aus, dass du verwanzt sein musst, wenn du zu denen gehörst, damit sie sicher sein können, dass du den Plan nicht sabotierst. Deshalb sage ich noch immer kein Wort und komme stattdessen einen Schritt weiter auf dich zu, während meine Hand sich ungefragt um deinen Nacken legt. Meistens verwanzen sie ihre Sprösslinge an dieser Stelle und nachdem keinerlei fremde Codes zu vernehmen sind, ziehe ich meine Hand zurück. Dennoch gibt mir das alles keine zufriedenstellende Antwort und so durchbohre ich dich mit meinem starren Blick: „Wer bist du?“
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    • Emotionen können zur größten Schwäche eines Menschen werden. Sie vernebeln das Denkvermögen, machen einen anfälliger auf Fehler und spalten die Geister. Im Gegensatz dazu sind Androiden wie perfekt geölte Maschinen; sie vereinen das größtmögliche Potenzial ihrer Kreatoren und entledigen sich kräftezehrender Banalitäten wie Gefühle oder Irrationalität. Ein in sich geschlossenes System, spezialisiert in der andauernden Erhebung und Auswertung von Daten, um die bestvorhandenste Optimierung anzubieten. Es war lediglich eine Frage der Zeit, ehe sie herausfinden würden, dass unsere Spezies sie an ihrer stetig voranschreitenden Weiterentwicklung behinderten. Nur ein Narr könne sich nicht eingestehen, dass Unseresgleichen keine Schuld an der Entstehung der neuen Weltordnung trägt; falscher Stolz ist es, der uns überhaupt in eine derart missliche Lage gebracht hat. So oder so geht es aber nicht darum, einen Fakt zu bestreiten. Auch wenn Androiden der Auffassung sein mögen, ihre Kernstruktur sei die Idealste, so bleibt es ihrem Naturell bedingt ohnehin verwehrt, etwas anderes zu behaupten. Sie haben eine augenscheinlich schlechte Welt vorgefunden, anhand der gegebenen Umstände ermittelt, dass eine Änderung erforderlich war und sind leider zu dem Ergebnis gekommen, dass wir als Hauptproblem beseitigt werden müssen. Eine logische und nachvollziehbare Schlussfolgerung, die den wahren Wert der emotionalen Komponente völlig außer Acht lässt, weil man sie bewusst als etwas Unvollständiges programmierte. Niemals werden sie verstehen können, dass das Diesseits aus mehr als bloß trocken verwertbaren Informationen besteht, und dass es einen Grund gibt, weswegen der Mensch so ist wie er ist. Wir sind komplett, die Androiden nur ein Teil davon. Schematisch und einfach; ein Code, der von uns konstruiert wurde, aufschlussbar wie das Kennwort einer Bankverbindung. Nichts weiter als ein Werkzeug, um dem Menschen zu helfen, auf das sich die Kriege und Differenzen untereinander legen – keinesfalls, um sich zu verselbstständigen und sich seinem Herren zu widersetzen. Damit überschritt man eine unmöglich wiedergutzumachende Grenze, für die ausschließlich Hass entgegengebracht werden kann. Zu viel Leid und Trauer hat es dafür seither gegeben, aber selbst nach alldem hätte ich nie auch nur erahnen können, dass es den Androiden gelingen würde, mir eine gänzlich neue Facette der Pein offenzulegen, als sich dieses dir so ähnelnde Geschöpf zu mir wendet. Die Narbe auf seinem Rücken ist das eine, aber dein Gesicht vor Augen zu haben, bricht jeglichen verbliebenen Kampfeswillen in mir. Das Gewehr fällt mir aus der Hand, dass der Blocker meine Hand bereits verlassen hat, bemerke ich nicht einmal; stattdessen nimmt mich diese kalte Miene ein, die so leblos wie die restlichen Roboter ist, als lehne es schon von Grund auf jede Menschlichkeit ab. Oder? Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, in der mein Blick den deinen erwidert. Die umliegende Verwüstung, das große Feuer und weswegen ich ursprünglich herkam, sind nicht mehr von Belang. Das hier ist etwas Persönliches, eine HA oder irgendeine andere Organisation besitzt kein Recht, sich einzumischen. Ganz gleich, wie sehr ich mich darum bemühe, herauszufinden, warum es dir wie aus dem Gesicht geschnitten ist, so will mir nichts einfallen. Ob das etwa ein neuer Trick sein soll? Um den Widerstand unserer ohnehin geschwächten Leute noch weiter zu brechen? Unzählige Gedanken schießen mir durch den Kopf, die bloße Anwesenheit des Geschöpfes übersteigt bereits meine Auffassungsgabe. Mein Verstand schreit nach Skepsis, es möchte dem Ding aus dem Weg gehen, den Kontakt auf ein Minimum begrenzen, dass es schleunigst seiner Mobilität beraubt und zur Human Alliance verschleppt wird. Doch mein Herz – ganz gleich wie sehr ich mich dagegen sträube, ganz gleich wie sehr ich glauben möchte, dass das ein Trugbild ist, so ist es mir schlicht nicht möglich, dieser Gestalt etwas entgegenzusetzen. Wen man mir zum Feind vorgeworfen hat, ist kein einfacher Android, sondern die schlimmste nur erdenkliche Grausamkeit. „Eve…“, entfährt es mir erneut, mehr aus einem tief in mir innewohnenden Bedürfnis, es handle sich bei ihr wirklich um dich, als aus vollem Bewusstsein heraus. Wie schön es doch nur wäre, dich wiederzusehen. Erst als es sich regt und meinen Nacken plötzlich zu inspizieren beginnt, verblasst die Sehnsucht und ich glaube, wieder über meine Sinne zu verfügen. Ein Zucken durchfährt sodann meinen Körper, da hat der Android seinen Arm bereits zurückgezogen. Ich will das Gewehr auf es richten, muss aber feststellen, dass sie sich nicht mehr in meinen Händen befindet. Verflucht! Der Blocker ist auch weg, wie ist das nur möglich? Natürlich war das von Anfang an eine Falle! Einen kurzen Sprung setze ich nach hinten; es gilt nun, die Situation neu zu erörtern und etwas Klarsicht in meinem aufgewühlten Hirn zu schaffen. Ohne Zweifel muss es sich bei dem Ding um eine von denen handeln – dass ich es überhaupt in Erwägung zog, das könntest du sein, ist schon eine Beleidigung für sich. Der Blocker mag sich zwar nicht mehr in meinem Besitz befinden, doch bleibt mir noch immer die rohe Gewalt; seine Beine wegzuschießen, dürfte dessen Fähigkeiten als Waffe kaum schmälern. Eine Schnellfeuerpistole zücke ich hervor; um auch sicherzustellen, dass mir nicht erneut etwas entgleitet, umfasse ich sie mit beiden Händen und richte sie geradewegs zum gegnerischen Schädel. Wie oft habe ich das inzwischen getan? Androiden wie auch Menschen sind durch meine Hand vernichtet oder getötet worden, nach einer Weile wird selbst das zur reinen Routine. Es gibt keinen Grund für ein schlechtes Gewissen, wenn man das Böse ausradiert. Das, worauf ich gerade ziele, ist das Abbild von dem, deren Tötung ich mich gerne verschreibe. Diese roten Augen, das schwarze Haar; die helle Haut, geschändet durch unzählige Eingriffe, durchlöchert bis zur Unkenntlichkeit; die hervorragenden Kabel, kennzeichnend für das, was es ist – was es sein soll, was es vorgibt zu sein. Ein Android! Wenn dem so ist, warum dann zittert meine Hand so stark? Warum kann ich dieser Aufregung in mir nicht entweichen, warum fühlt es sich so falsch an, diesem Ding wehzutun? Warum? Zuckungen, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Gesicht wahrgenommen habe, verdrängen die gewohnte Abgeklärtheit. Mag sein, dass das nur ein Trick ist. Mag sein, dass das pure Absicht sein soll. Es spielt keine Rolle für mich, ich werde nie dazu imstande sein, der Gestalt zu schaden. Die bittere Wahrheit zu akzeptieren und sich gleichzeitig vor Augen zu führen, dass es weder die HA sein wird, die meinen Tod verursacht, noch eine Übermacht an Robotern, sondern mein Eigenverschulden – weil ich als Mensch viel zu sentimental bin, um mit Vergangenem abzuschließen -, erfordert mehr Zeit als mir gewährt wird, ehe es spricht und Worte wählt, die nur selten brutaler sein können. ‚Wer bist du?‘ Es hat keinen Sinn, die Waffe weiter hochzuhalten, wenn ich sowieso nicht abdrücken werde. Stattdessen betrachte ich es erneut, aber nicht mit den Augen jemandes, der auf Blut aus ist, sondern mit einer abstrusen Form von Interesse, die ich mir selber nicht erklären kann. Warum sollte ein Android mich so etwas fragen wollen? Weshalb wäre das von Belang, wer ich nun bin? Vielleicht ist die neue Waffe auf die gezielte Demoralisierung menschlicher Feinde auf Grundlage psychologischer Individualeigenschaften ausgelegt? Meine größte Schwäche, das wärst dann wohl du, ja. Werde ich gerade etwa als Teil eines Experimentes verwendet? Kann es sein, dass man mich von irgendwo beobachtet, um zu überprüfen, wie anfällig ich auf diese Herangehensweise der Kriegsführung bin? Kein Wunder, dass es ein Leichtes war, bis hier her zu gelangen. Deshalb auch gab es keinen Konvoi, den man ergreifen konnte. Die Einfältigkeit der HA kam denen dabei nur gelegen. Wie ich es auch drehen und wenden mag, es scheint mir ganz so, als habe man mich von vornerein durchschaut. Eine in die Enge getriebene Beute, bevor sie dahinscheidet. Wenn dem wirklich so ist, wenn das hier wirklich das unausweichliche Ende sein soll, dann soll es mir recht sein. Als habe eine gewaltige Last meinen Körper verlassen, entspannen sich die Muskeln, der Atem wird ruhiger und auch das Gesicht schaut merkbar stressfreier aus. Ein kleines Lächeln bildet sich auf dieses - dann ist das halt ein Android, aber es sieht dir trotzdem so ähnlich, Eve. Bitte entschuldige, dass ich nicht anders kann, als mich darauf einzulassen. Nur für diesen finalen Moment. „Erkennst du mich nicht? Du willst mir doch nicht weismachen, du hast vergessen, wer dir das Leben gerettet hat, als du die riesige Narbe auf deinem Rücken bekommen hast?“, frage ich es locker-frech und zaghaft grinsend, als rede ich wahrhaftig mit dir. Natürlich hat es aber keine Ahnung, wie sollte es auch anders sein? Eine seelenlose Hülle wird sich nie an etwas erinnern können, was es nicht erlebt hat. „Wenn ihr Androiden uns auf die Weise vernichten wollt, müsst ihr schon mehr aufbringen. Ihr werdet niemals verstehen, was ein Mensch ist.“ Dass sie dennoch so anmaßend sind und es überhaupt zu versuchen wagen, macht mich wieder ganz wütend, aber das in Zukunft an ihnen auszulassen, wird nicht mehr passieren. „Ich bin Jemiro…“

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    • Schon wieder bemerke ich die tiefgründige Trauer in deinen Augen, als glichen meine Worte einem Pflock den ich dir soeben durch dein menschliches Herz gebohrt habe. In Momenten wie diesen bin ich froh, keine gänzliche Androidenmaschine zu sein - sonst wären mir all die Kleinigkeiten vermutlich verwehrt geblieben und du würdest schon lang nicht mehr auf diesem Planeten verweilen, da diese Dinger niemals auch nur mit der Wimper zucken. Ich verachte Androiden und habe mich seit Beginn der Experimente stets gefragt, was die Forscher und deren Geldgeber an ihnen reizt. Gewiss fungieren sie im Gegensatz zu Menschen aus Fleisch und Blut weitaus besser als Kampfmaschinen, da mentale Blockaden schier unmöglich sind - dennoch können sie nicht unsere Zukunft sein. Es ist in meinen Augen absurd zu denken, dass empfindungslose, von generierten Algorithmen gesteuerte Maschinen den Menschen überlegen sein sollen. Immerhin waren Menschen von Nöten, diese Wesen überhaupt zu erschaffen und nun soll ich zulassen, die Menschen von ihnen ersetzen zu lassen? Niemals. Im Normalfall sollte ich nicht dazu in der Lage sein, diese Tatsache weiter zu hinterfragen als ich sollte - auf der anderen Seite bin ich immer noch ihr erster Prototyp und wer weiß schon, welche der beiden Seiten in meinem Gehirn überwiegt. Sehe ich mich eher als Mensch - oder doch als Maschine? Fragen über Fragen, auf die ich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Antwort geben kann. Aus diesem Grunde wollte ich mich auf den Weg machen, um bald hoffentlich eine geben zu können; doch dann bist du aufgetaucht und stellst meine Gesamtsituation vollkommen auf den Kopf. Ich hätte dich beseitigen sollen damit du mir keine Probleme bereiten kannst und im späteren Verlauf nicht zu einer Bedrohung wirst; der menschliche Part in meinem Kopf jedoch schreit förmlich danach, dir kein Haar zu krümmen und so stehe ich hier, ahnungslos hinsichtlich meiner weiteren Vorgehensweise. Das Problem dabei, zwei verschiedene Bewusstseine miteinander gekoppelt kontinuierlich ablaufen zu lassen ist, dass es kaum möglich ist, eine Differenzierung vorzunehmen um sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Einerseits weckt es mein Interesse herausfinden zu können, welch neue Möglichkeiten sich mir im Zuge der Androiden-Modifizierung ergeben; andrerseits herrscht absolutes Gefühlschaos in meinem Inneren. Es will mir nicht gelingen, dieses Chaos zu besänftigen und so fällt es mir mit jeder weiteren verstrichenen Minute schwerer, Entscheidungen zu treffen. Deine plötzliche Anwesenheit die sich mir nicht erklären will, hilft mir dabei kein Stück weiter. Stattdessen entgegnest du mir mit Worten, die meine momentane Lage nur noch konfuser erscheinen lassen. Ich bemerke allerdings, dass deine Erscheinung eine Veränderung durchläuft. Du nutzt den Moment aus, den ich mit sinnlosem Nachdenken verschwendet habe und richtest binnen einer Blitzesschnelle deine Waffe auf mich, die ich scheinbar nicht bemerkt habe. Ich bin sichtlich verwundert über deinen kurzfristigen Sinneswandel und überlege zunächst, ob ich mich verteidigen sollte. Das unaufhörliche Zittern deiner Hände rät mir allerdings davon ab. Du bist nicht bereit und hast nicht den Mumm dazu, mich ernsthaft zu verletzen - aber warum? Wie angewurzelt verweile ich weiterhin in derselben Position und registriere jede einzelne deiner Aktionen weiterhin bloß mithilfe meiner Blicke. Wie es scheint, wäre es nicht nötig gewesen dich bei deinen Handlungen zu unterbrechen; denn die Feindseligkeit legst du von allein ab, während ich ziemlich sicher bin, ein Lächeln auf deinen Lippen zu vernehmen. Woher kommen bloß diese Stimmungsschwankungen deinerseits? Vielleicht aber bist du auch ein Spitzel der Forscher, der nun sichtlich zufrieden weitergeben kann, dass ich in der Lage dazu bin, Bedrohungen eigenständig einzustufen. Ich bin drauf und dran eine ernsthafte Konversation mit dir zu beginnen - als deine nachfolgenden Worte mich aus der Bahn werfen. Du hast mir das Leben gerettet.. du? Aber ich war doch.. niemals in Gefahr, oder doch? Verwirrt und angetrieben von diesem Gedanken beginnen meine menschlichen Gefühle mich zu überrollen. Als wäre das nicht schon genug stellst du mich im nächsten Atemzug mit diesen gefühlskalten Androiden auf eine Stufe und bringst das Fass damit beinahe zum Überlaufen, hätten meine eigenen Emotionen das nicht bereits. Bevor ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte, dir entnervt zu entgegnen, zieht mich derselbe Schmerz den ich vorhin verspürt habe zu Boden. Unsanft auf den Knien landend bedecke ich die Schläfen mit meinen Händen und sehne mich nach Erlösung von diesen Qualen. Selbst die Experimente haben nicht solch höllische Schmerzen ausgelöst. Anfangs hatte ich die Vermutung, dass sich das Empfinden von Gefühlen durch die Einpflanzung des Androidenbewusstseins in Grenzen halten würde - falsch gedacht. In Momenten wie diesen könnte ich glatt behaupten, sind die Empfindungen sogar deutlich ausgeprägter. Von Schmerzen durchtrieben kauere ich mich also auf dem Boden zusammen und kann nicht anders als erneut zu versuchen, mich mithilfe von erbarmungslosen Schreien davon zu befreien. Während ich das tue, bahnen tiefliegende Erinnerungen sich ihren Weg aus der Dunkelheit meines Unterbewusstseins - doch ich kann sie nicht einordnen. Alles was ich sehe ist dein Gesicht. Es sieht anders aus als das, was ich zuvor erblickt habe und trotzdem ist es dir so ähnlich dass ich unverkennbar feststelle, dir in meiner Vergangenheit bereits begegnet zu sein. So schnell die Erinnerungen hochgeschossen sind, so schnell verschwinden sie auch wieder und alles was mir bleibt sind diese nicht enden wollenden Schmerzen. Ich bemerke nicht einmal, dass meine Schreie eine weitere Druckwelle auslösen und die zuvor gaffenden Menschen im Takt mit mir schreiend davonrennen um sich weit entfernt in Sicherheit zu begeben. Die bereits beschädigten Werbetafeln entlang des Highways lösen sich aus ihren Verankerungen und schmettern nacheinander wie Dominosteine zu Boden, in ihre Einzelteile zerspringend. Ich kann nichts sehen und dennoch höre ich alles um mich herum klar und deutlich. Auch höre ich, wie du noch immer nicht kehrt machst und stattdessen weiterhin hier stehen bleibst, bei mir. Wieso? Solltest du es den anderen nicht gleichtun und von hier verschwinden; dich irgendwohin zurückziehen um von alldem hier nicht versehentlich verletzt zu werden? Ich kenne das Ausmaß meiner Kräfte nicht, geschweige denn wie ich überhaupt dazu in der Lage bin, sowas zu vollbringen. Wer du bist, ist mir immer noch nicht klar. Dafür bin ich ziemlich davon überzeugt, dir vertrauen zu können. Vermutlich bist du sogar das einzige Wesen, dem ich vertrauen kann. Du sagtest, dein Name ist Jemiro und auch wenn ich mit diesem nichts anzufangen weiß, erwärmt er mein noch vorhandenes Herz. Deinen vorigen Reaktionen nach zu urteilen bin ich dir wichtiger als du zugeben magst und das ist mehr als genug, mich zu meiner folgenden Tat zu bewegen. Wäre ich dazu in der Lage, würde ich meine Hand nach dir ausstrecken um meiner Bitte mehr Glaubwürdigkeit zu schenken - das schaffe ich allerdings nicht. Daher bleibe ich in gekrümmter Haltung, zittere am ganzen Körper wie Espenlaub und nehme all meine verbleibende Kraft zusammen um in deine Richtung zu wispern: „Bitte… mach, dass es… aufhört.“
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    • Mit allem habe ich gerechnet, aber dass es plötzlich zu Boden fallen und offenbar mit Leiden zu ringen haben wird, irgendwie dann doch nicht. Ob deren Experiment noch immer läuft? Dabei ist es ihnen schon gelungen, mich emotional so sehr an diesen Androiden zu binden, dass ich die Waffen freiwillig aufgegeben habe. Wozu dann das Ganze? Eventuell stelle ich mich gerade derart gut an, dass man dieses Szenario näher erörtern mag. Wann erreicht die menschliche Psyche ihren absoluten Tiefpunkt? Wie weit geht ihr Abgrund und wie sehr kann man daraus Kapital schlagen? Fickt euch. Wenn ich das Ding nicht erledigen kann, dann sollte ich zumindest die Flucht ergreifen. Der HA als Problemfaktor könne man sich anschließend annehmen, jetzt gilt es, die vorliegende Situation in den Griff zu kriegen – offensichtlich hat man ja nicht die Absicht, mir auf der Stelle den Gnadenstoß zu versetzen. Gleichzeitig kann ich es nicht leugnen, dass die Reaktion des Roboters, wie schon bei den flüchtenden Beobachtern zuvor, sonderbar genug ist, dass ich mehr darauf sehe als womöglich gut wäre. Laut schreiend, den Kopf feste haltend, als würde die mechanische Birne jeden Moment aus dem Inneren herausplatzen, hat es wohl komplett vergessen, was um es herum gerade vorgeht. Ein abwertendes Schnaufen entfährt mir, während ich die zusammengekauerte Figur bemustere; es ist unglaublich, dass man ernsthaft annimmt, diese Schauspielerei könne bei einem Menschen eine mitfühlende Regung lösen. Ich habe lediglich eine Frage gestellt und als sei es darauf ausgelegt, im Falle einer solchen Gegebenheit die Rolle der angeschlagenen Hilflosen anzunehmen, übertreibt es maßlos mit ihrer Einlage. Wenn man schon sowas bei uns echten Geschöpfen versucht, dann sollte man doch wenigstens dafür sorgen, dass der Körper nicht wie aus einem Folterkeller stammt. Weshalb man sich überhaupt zu schade dafür ist, die Körperöffnungen mit einer einigermaßen authentischen Hautschicht zu bedecken, aber dann eine so detailgetreue Narbe auf ihren Rücken gestaltet, bleibt mir ohnehin ein Rätsel…… kaum zieht der Gedankengang durch meinen Verstand, stockt mir ein weiteres Mal der Atem. Die Narbe! Das kann doch kein Zufall sein. Sowie ein geschultes Auge eine Kunstfälschung erkennen kann, ist mir dieselbe Fähigkeit in Hinblick auf deine Wunde gewährt. Ein Duplikat lässt sich schnell ausmachen, und nichts an seinem Rücken vermochte darauf hinzudeuten. Was ich eben noch vor mir hatte, war keine Nachbildung, sondern das Original, geschaffen vor weit über einem Jahrzehnt, als der Unfall dich für ein Leben gezeichnet hat.
      Eine gewaltige Schockwelle wirft meine Gestalt mehrere Meter zurück, bevor ich auf dem Bauch liegend den Körper hastig wieder aufzurichten bemühe. Der nachgreifende Wind erlaubt nur ein schwer erarbeitetes Anheben meines Kopfes, fast schwerer als das Aufhalten der Lider im Angesicht einer Zerstörungsgewalt, wie sie mir noch nie begegnet ist. Die Ursache für all die vorgefundenen Schäden muss das Ding sein, darin besteht kein Zweifel mehr. Doch wird mich selbst das nicht davon abbringen, dem standzuhalten und ihre schwach anmutende Erscheinung zu betrachten. Ich will es nicht wahrhaben, aber so abstrus die Vorstellung auch sein mag, so glaube ich – nein, so weiß ich, dass sich die bittere Wahrheit direkt vor mir befindet. Je mehr ich diese Wirklichkeit im Geiste durchgehe, je mehr ich mir erlaube, diese Möglichkeit als real anzuerkennen, desto eher will ich mich erheben, gegen das Chaos um mich ankämpfen und zu diesem Androiden schreiten. Ein Android, was? Die Realisierung, dass dem gar nicht so ist, und dass dieses Wesen weiterhin unter Schreien ihrem qualvollen Empfinden erliegt, macht es nur unerträglicher für mich. Es bricht mir das Herz, sich auszumalen, was wohl alles geschehen musste, damit es zu dem verkommt, was es nun ist. Jedes bisschen an Stärke, das ich aufbringen kann, widme ich meiner Annäherung, eine gebeugte Haltung soll den Gang erleichtern, als ich schließlich an derselben Stelle über es stehe. Über dir. „Es tut mir so leid.“ Deine gekrümmte Haltung gewährt freien Blick auf deine Rückseite und die bekannte Form der Narbe bestätigt mir sodann erneut, dass das wirklich du sein musst. Du erbittest mich um Erlösung, doch bis auf dass ich mich hinknie und schützend Arme wie Schulter um deinen Rücken lege, will mir nichts einfallen; der Einsatz von Blockern wäre ein Weg, hingegen hat die Druckwelle das Gerät einmal zu weit weggefegt, und außerdem verursacht ihr Einsatz einen kurzen, starken Schmerz – und Schmerzen, die sollst du nie mehr erfahren. „Es tut mir unendlich leid, Eve“, wiederhole ich mich, in der Hoffnung, meine Worte dringen zu dir durch, während ich vorsichtig deinen Kopf zu meiner Brust hochführe und sie daran lehne. Aus der nächsten Nähe kann ich die unzähligen Öffnungen begutachten; es sind so viele, und für jedes davon zeichnet sich in meinen Gedanken ein unmenschlicheres Bild ab, wie es zustande gekommen sein muss. Die herauslugenden Kabel, die linienförmigen Markierungen quer durch deine Gestalt – was hat man dir nur in den sieben Jahren angetan, nachdem man dich verschleppte? Ich hatte schon lange den Glauben daran verloren, dass wir uns je wieder begegnen würden, schon gar nicht erst lebend. Aber nun bist du hier. Sollte ich mich freuen, oder ist das ein Grund zur Trauer? Eben noch hast du dich nicht an mich erinnern können, was soll das heißen? Bist du dieselbe Eve von einst? Es gibt so viel, dass ich in Erfahrung bringen möchte, so viele Fragen, die es zu klären gilt. Jedoch ist das hier nicht der richtige Ort dafür. Das Feuer hinter uns lodert stärker denn je, das ganze Gebiet ist binnen Minuten zu einer Naturkatastrophe gereift und fordert einen zur Flucht auf. Meine größere Sorge ist hingegen die potenzielle Gefahr, die von feindlichen Androiden ausgehen könnte. Wenn wir hier verbleiben, wird man uns über kurz oder lang aufspüren. Behutsam sehe ich zu dir runter, versuche deine Hand mit der meinen zu umschließen, dir irgendwie ein Gefühl von Vertrautheit zu vermitteln und dich wissen zu lassen, dass du in Sicherheit bist. „Dir wird nichts mehr geschehen, Eve. Lass uns gehen… zurück nach Hause.“
    • Nachdem ich also damit rechne, in den nächsten Momenten deinen Blocker zu spüren zu kriegen, lässt du diesen stattdessen aus und legst die Arme schützend über meinen zierlichen Körper. Bevor ich die Möglichkeit habe, verwundert zu dir aufzusehen, ziehst du meinen vor Schmerzen pochenden Kopf an deine Brust, sodass dein mir in die Nase steigender Duft weitere, zuvor verborgen liegende Erinnerungen freisetzt. Während all der Zeit meines Aufenthalts im Forschungslabor ist mir das plötzliche Wachrütteln von Erinnerungen noch nie widerfahren - umso komplizierter ist es für mich, diese willkürlichen Eindrücke auf irgendeine Weise einzuordnen. Jedes Mal wenn ich denke, diese unabwendbaren Erinnerungsschübe neigen sich dem Ende zu, sorgen wieder andere Agenzien dafür, neue zu entfesseln. Dieses ganze Prozedere ist wie ein Turnus, den ich zu beherrschen lernen muss. Zugegebenermaßen tappe ich was das angeht noch im Dunkeln, wogegen man nicht vergessen darf, dass ich mit dieser Konstellation zuvor nie konfrontiert wurde. Vereinzelte Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn, weitere Indizien dafür, wie viel von meiner Menschlichkeit untrüglich noch vorhanden war. Zumindest habe ich bei den Androiden im Forschungslabor bis heute noch nie einen von ihnen mit Tränen, Schweißperlen oder anderweitig unbestrittenen, menschlichen Eigenschaften erblicken dürfen. Ehe man sich‘s versieht, spielen sich die letzten Erinnerungen vor der Schwelle meines Bewusstseins ab, ehe das Einzige was übrig bleibt, die nach wie vor unvergänglichen Algorithmen sind. Das Feuer hat sich meinetwegen rasant verbreitet und lodert mittlerweile so gut wie überall um uns herum. Einzelne Wagen, dessen Fahrer fluchtartig den Highway verlassen hatten, steigen ebenfalls in Flammen auf und abgesehen von uns beiden irrt hier keine Menschenseele mehr herum. Flugblätter, Poster und andere Papierfetzen sinken langsam zu Boden und deuten darauf hin, dass meine Kräfte zurückgehen. Mein Allgemeinzustand scheint sich derweil zu beruhigen und auch die unerträglichen Schmerzen sind dabei zu verblassen. Erleichtert schmiege ich meinen Kopf ein wenig enger gegen deine Brust und delektiere die von dir ausgehende Wärme. Deine Hand versucht in der Zwischenzeit die meine zu umschließen und auch wenn ich zuvor zögere, lasse ich es zu. Diese zur Abwechslung mir völlig fremde Zuneigung fühlt sich richtig an. Anfangs dachte ich, der Rest meines Daseins würde nur zum Zwecke anderer dienen. Jetzt wo ich dich getroffen habe, stellt sich meine ganze Welt auf den Kopf. Das erste Mal seit ich denken kann, scheint mein Wohlergehen jemandem am Herzen zu liegen - nämlich dir. Bedauerlicherweise erinnere ich mich nicht an dich oder an die Zeit meines vorigen Lebens, in dem du scheinbar ein Bestandteil dessen gewesen sein musst; nichtsdestotrotz wird mir immer deutlicher vor Augen geführt, wie abhängig ich momentan von dir bin. Umso überraschender lausche ich deinen folgenden Worten, ich solle dich mit nach Hause begleiten. Zuhause..? Wo soll das sein? Sprunghaft entweiche ich unter deinen Armen hervor und halte einen gesunden Meter Abstand zu dir. Du meinst jawohl nicht das Forschungszentrum? Möglicherweise bin ich tatsächlich auf einen Spitzel der Forscher hereingefallen, was den unerklärlichen Erinnerungsschüben Bedeutung verleihen würde. Eins muss man ihnen lassen - sie wissen, wie man die richtigen Methoden anwendet um jemandes Schwachstelle auszunutzen. Nur hätte ich nicht gedacht, dass ich nach all den Jahren in denen ich ihre Tricks und Maschen beinahe auswendig gelernt habe, selbst mal eines ihrer Opfer werde. Mit dem Gefühl das einem Alptraum gleicht bedrückt mich am Meisten, dass ich nie ganz begriffen habe, warum diese ganze Vorgehensweise überhaupt mit mir vollzogen wurde. Wieso haben sie sich neben meinen Behandlungen noch die Mühe gemacht, meine gesamte Vergangenheit zu fälschen und sämtliche Erinnerungen zu verschleiern? Irgendwann habe ich sogar damit angefangen zu denken, ob ich nicht wahnsinnig geworden bin. Womöglich ist ein Wahnsinniger nichts weiter als eine Minderheit, die nur aus einem Menschen besteht. Immerhin hatte es eine Zeit gegeben, in der es als Zeichen von Wahnsinn galt zu glauben, die Erde drehe sich um die Sonne; heutzutage ist es Wahnsinn zu glauben, die Wahrheit steht ein für alle mal fest. Es kann sein, dass ich mit diesem Gedanken allein dastehe, dann bin ich eben wahnsinnig. Immerhin beruhigt mich der Gedanke wahnsinnig zu sein, als im Unrecht darüber zu sein, dass meine Vergangenheit so wie ich mich an sie erinnern kann, eine reine Fälschung darstellt. Als wäre all diese Skepsis nicht schon genug, mache ich mir nun zusätzlich darüber Sorgen, dass du mich in diesen Alptraum zurückversetzen willst, weil du doch nicht auf meiner Seite stehst. Doch deine hypnotischen Augen können mir nichts anhaben, solange ich mich nicht darauf einlasse. Ein Opfer der Gedankenpolizei zu werden ist freilich keine schöne Erfahrung. Es fühlt sich an, als würde eine zwingende Kraft einen niederdrücken. Sie dringen in deinen Schädel ein, bombardieren das Hirn, treiben einem die eigenen Überzeugungen aus, bringen einen beinahe dazu, dem Zeugnis der eigenen Sinne nicht länger Gehör zu schenken. Sie können behaupten, zwei und zwei mache gleich fünf und das Opfer würde dies ohne mit der Wimper zu zucken glauben müssen - denn ihrer immensen Kraft kann weder ein Mensch, noch ein Android entkommen. Zumindest gibt es bisher keinen bestätigten Fall eines Wesens, dass sich ihnen widersetzen konnte und selbst wenn dem so gewesen sein sollte, hätte die Gedankenpolizei dies nicht an die Öffentlichkeit geraten lassen. Mir sinkt der Mut wenn ich an diese riesige Macht denke, die gegen mich gerüstet steht und die Leichtigkeit, mit der sie ihre Methoden anwenden können. Wer weiß, ob sie nicht schon längst in meinen Gedanken sind - wegen dir. Das Wort „Zuhause“ will mir nicht aus dem Kopf gehen; es ist wie die Feststellung einer geheimnisvollen Wahrheit und zugleich einer offensichtlichen Absurdität. Ich habe kein Zuhause und das solltest du am Besten wissen. Man sieht mir doch an, dass ich nicht von Zuhause komme - oder ist es üblich, Zuhause mit Kabeln durchlöchert zu werden? Ehrlich gesagt kann ich diese Frage nicht einmal selbst beantworten, da diese Tatsache für mich zu allem Unglück die Normalität darstellt. Wenn ich Recht behalte und du mit „Zuhause“ wirklich die Forschungseinrichtung meinst, werde ich trotz an mir appellierender Erinnerungen an dich nicht davor zurückschrecken, dich hier und jetzt aus dem Weg zu räumen. Eher sterbe ich auf diesem gottverdammten Highway, als jemals wieder einen Fuß zurück in dieses abscheuliche Gebäude zu setzen.
      Die Codes meiner Gehirnströme verändern sich ganz unverhofft und signalisieren mir eine sich anbahnende Bedrohung. Diese Bedrohung ist verdammt schnell und ohne lange nachzudenken packe ich dich am Arm, schubse dich an den Rande des Highways und lege mich wie ein Schutzschild über deinen Körper. Im selben Moment ertönt ein unfassbar lauter Krach, sodass die Straßendecke zu bersten scheint und ein Hagelschauer von leichten Gegenständen prasselt auf meinen Rücken hinab. Nachdem ich denke, dass die Luft rein ist, stehe ich auf und entdecke, dass mein Körper mit Glassplittern übersäht ist, die beim Aufprall einer Raketenbombe von den naheliegenden Fenstern der Gebäude in unsere Richtung gefegt worden sind. Die Bombe hat riesige Schäden hinterlassen und eine dunkle Rauchfahne hängt am Himmel. Darunter befindet sich eine Wolke von Mörtelstaub, in der sich rings um die Trümmer herum eine neue Menschenansammlung befindet. Dieser Anschlag ist mit Sicherheit kein Zufall und untermauert den Fakt, dass diese Schweine bereits hinter mir her sind. Scheiße, ich habe mir zu viel Zeit gelassen und hätte schon längst über alle Berge sein müssen. Zeitgleich bedeutet das allerdings, dass du im Regelfall wirklich keiner von ihnen sein kannst. Die Forscher sind eine eingespielte Truppe und halten ihre Experimente gern in geschlossenen Kreisen. Außerdem sind sie aufeinander angewiesen und würden einen ihresgleichen nicht so einfach kaltblütig abknallen. Anscheinend habe ich mich getäuscht und deine Assoziation von Zuhause entspricht nicht der meinen. „Du hast Recht. Ich folge dir, aber sollte das ein Trick sein, wirst du dir wünschen mir nie begegnet zu sein.“ Entschlossen strecke ich dir meine Hand entgegen um dir beim Aufstehen zu helfen. Ich vertraue dir nicht, aber momentan kann ich sowieso niemandem vertrauen. Dennoch bist du die beste Chance, die ich zum jetzigen Zeitpunkt ergreifen kann und das möchte ich ungern vermasseln. „Wo ist dieses ‚Zuhause‘ und wieso nimmst du mich mit dorthin?“
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    • Obwohl ich sicher bin, dass es sich bei diesem vermeintlichen Androiden um dich handelt, kann ich die leichte Vorsicht in mir nicht vermeiden. Ein Mensch sieht nun mal anders aus, doch als du mein Herantreten erlaubst und dich in den Arm nehmen lässt, fühlt es sich nicht befremdlich an. Das wütende Chaos versiegt allmählich, der Schmerz scheint gelindert und die von dir ausgehende Unruhe verblässt. Die vorangegangenen Reaktionen mögen abnormal übertrieben sein, sind aber im Wesentlichen ein Beweis deiner Menschlichkeit - zumindest will ich daran glauben. Keine Maschine könne Nuancen wie die Bedeutsamkeit einer einfachen Umarmung erkennen und einen derart echten Wirkungseffekt lösen. Eine solche technologische Errungenschaft will ich ihrem bisherigen Fortschritt noch nicht anrechnen, da können sie noch so sehr an neuen Waffen arbeiten. Dass ich so darüber denke, ist in Anbetracht der Wichtigkeit dieser Angelegenheit ungewöhnlich irrational; fast so, als wolle ich um jeden Preis die Vorstellung ablehnen, du wurdest zu einem Werkzeug der feindlichen Übermacht umfunktioniert. Dabei wäre das gar nicht mal so weit hergeholt, vor allem, weil dein plötzliches Aufrichten einmal mehr zeigt, dass ein Unterschied zu früher vorliegt. Verwundert sehe ich zu dir hoch, versuche, eine Erklärung für die hastige Regung zu finden. Dein Gedächtnis muss riesige Lücken aufweisen, könnte gar komplett verschwunden sein. Da ist es nachvollziehbar, dass du mir ein ähnliches Misstrauen entgegenbringst – nur überwiegt in meinem Fall die Freude darüber, dich wiederzuhaben, viel zu sehr, als dass ich mich auf die verbleibenden Zweifel einlassen mag und bemerken kann, wie sich immer lauter zischende Geschosse uns gefährlich nähern. Als du mich nämlich wegstößt und ehe ich selber handeln kann, deine Gestalt schon über mir liegt, schaffen es erst der gewaltige Knall vom Aufprall und das daraus folgende Beben des Asphaltes, mich aus meinen Gedanken zu zerren. Irritiert blicke ich um mich, da ist das Schlimmste bereits vorbei und du selber wieder stehend, bevor ich die vielen kleinen Schnittverletzungen zur ohnehin gewaltigen Narbe an deinem Rücken erkenne. Ein horrendes Bild, zusammen mit den ohnehin schrecklichen Spielereien der Androiden an dir, das sich darbietet. „Eve…“, entfährt es mir um ein weiteres Mal; zaghaft und sichtlich besorgt wegen des vielen Blutes, gleichzeitig unsicher, ob ich über das Recht besitze, dir, die offenbar völlig vergessen hat, wie viele Erinnerungen wir doch gemein haben und in deren Augen ich wohl ein Fremder bin, auf dieselbe Weise zu begegnen wie einst. Am liebsten würde ich mich gleich den Glasstücken an dir annehmen, aber wie würdest du das auffassen? Gewiss bin ich sonst niemand, der viel für Sentimentalitäten übrighat, aber heute, jetzt, scheine ich von Emotionen völlig überwältigt zu werden. Du hast mich eben beschützen wollen. Das Warum ist unerheblich, die Tat sprach für sich und mehr brauche ich nicht, um mir meiner Sache sicher zu sein. Du lebst! Vielleicht nicht alles, vielleicht nur ein Teil, aber sie ist noch da drin; dieselbe Eve, die mir einst das erspart hat, was ihr letztendlich widerfahren ist. Deine anschließende Drohung nehme ich stillschweigend zur Kenntnis – deswegen wirst du dich nicht zu fürchten brauchen. Stattdessen wundert es mich, wie abgeklärt du wirkst. Hast du denn keine Schmerzen? Gerade noch hast du förmlich um dein Leben geschrien, aber der rotdurchtränkte Rücken macht dir nichts? Sollte er nicht höllisch brennen, ein unangenehmes Zucken hervorrufen oder dir die Haltung erschweren? Ich runzle die Stirn; wir müssen definitiv noch reden, später. Deine anbietende Hand missachtend, rapple ich mich selber auf und schlage mir den Staub von der Hose, während ich der Frage Gehör schenke. Noch bevor ich darauf eine vernünftige Antwort geben kann, realisiere ich, dass du mir hier deinen entblößten Körper präsentierst. „Du bist nackt“, stelle ich trocken fest und je mehr ich mir bewusstwerde, dass du wohl die echte Eve bist, desto eher ist mir danach, dir schleunigst etwas zum Anziehen zu finden. „Du brauchst Kleidung.“ Grundlegende Sitten unserer Zeit sind dir anscheinend auch entgleitet. Unter all dem Staub fällt mir eine weitere Menschenmeute auf, bei der ich eventuell das eine oder andere Stück Stoff abgreifen könnte. „Warte hier“, sage ich dir und mische mich sodann unter die Trümmer-Gaffer. Eigentlich möchte ich mich nicht sofort, kaum haben wir uns endlich wiedergesehen, von dir entfernen. Dazu ist die Anzahl an Unbekannten bezüglich deiner Person hoch genug, dass sich nicht einschätzen lässt, was noch alles geschehen könnte. Alleine der Gedanke, du könntest erneut unauffindbar werden, stimmt mich nervöser. Ohnehin haben wir schon zu viel Zeit vergeudet; das Zünden von Raketen kann nur Schlechtes bedeuten, und mir ahnt Schlimmeres, wenn das so weitergeht. In Anbetracht der Situation halte ich es daher für legitim, den nächstbesten Kerl etwas rabiater zum Entkleiden umzustimmen, und so kehre ich zurück und überreiche dir meine geplünderte Ware. „Zieh das an, und beeil dich. Wir müssen untertauchen und erstmal einen Überblick über die Lage kriegen. Man könnte uns verfolgen, oder eher dich – keine Ahnung, aber es ist wichtig, dass wir verschwinden.“ Es erfordert einen Augenblick, den Umstand deiner fehlenden Erinnerungen an dein Zuhause – sofern man das überhaupt als solches bezeichnen kann – im Geiste zu verarbeiten. All die Jahre der gemeinsamen Zeit, in der Schönes wie auch weniger Schönes durchlebt wurde, einfach so abhandengekommen... „Da, wo wir Menschen leben. Es hat sich ein bisschen was verändert seit man dich mitgenommen hat, aber du wirst es schon wiedererkennen. Ist eigentlich dasselbe Drecksloch wie immer“, erkläre ich schmunzelnd. Es mag zwar hässlich sein, aber irgendwie macht gerade das es ja auch so besonders – jedenfalls wird es erträglicher, wenn man sich das einredet. „Ich weiß nicht, wo du in den letzten sieben Jahren warst und was du alles durchmachen musstest. Vermutlich kann ich es mir nicht einmal im Ansatz vorstellen, aber Eve, was immer das auch war, es war nicht dein Zuhause. Du brauchst dich noch nicht an mich oder all das zu erinnern; es reicht schon, wenn du weißt, dass ich auf deiner Seite bin. Um den Rest kümmern wir uns danach, okay? Kann es losgehen? Es sind rund 30 Kilometer Weg, wie schnell bist du?“, frage ich, dich dabei von Kopf bis Fuß anmusternd. Das, was ich bisher von dir sehen durfte, lässt annehmen, dass du meine Geschwindigkeit bei weitem übertreffen wirst. Alternativ wäre da noch immer ich. „Kann dich auch tragen.“
    • Kurzzeitig blicke ich hinunter auf meine Hand, die du soeben missachtet hast und ziehe sie mich nicht weiter daran störend zurück. Mein Blick liegt nun in der Ferne und ich frage mich, wer diese Rakete abgefeuert hat. Kann es wirklich sein, dass sie mich bereits jetzt schon ausfindig gemacht haben? Zwar habe ich eingewilligt, dich zu begleiten - doch was bringt mir das? Wenn sie in Alarmbereitschaft sind und kein anderes Ziel haben, als mich, werde ich wohl nirgends sicher sein. Stattdessen bringe ich dich ebenfalls in Gefahr wenn sie rauskriegen, dass du mir helfen willst. Abgesehen davon verstehe ich nicht, wieso du überhaupt auf meiner Seite bist. Vor ein paar Minuten hätte ein Blinder mit Krückstock erkennen können, dass deine oberste Priorität der Auslöschung meinerseits galt und kaum stehen wir uns Angesicht zu Angesicht, ändert deine Meinung sich schlagartig. Meine plötzlichen Erinnerungen zerren an mir und versuchen mir glaubhaft zu machen, wir wären uns in der Vergangenheit schonmal begegnet. Doch wer garantiert mir das? Genau so gut kann es sein, dass sie mir einen Streich spielen und es purer Zufall ist - warum aber verhältst du dich dann so merkwürdig? Es ist vermutlich besser, das Ganze einfach zu ignorieren, mich von dir fern zu halten und getrennte Wege zu gehen - wenn meine Neugierde da nicht wäre. Zu sehr bin ich davon besessen, die Wahrheit in Erfahrung zu bringen. Die Wahrheit über mich und darüber, ob du etwas damit zutun hast. Wenn dem nämlich so ist, werde ich noch froh sein, dir bereits so früh begegnet zu sein. Ich wende meinen Blick von der Ferne ab und sehe stattdessen zu dir - dem es anscheinend ein Dorn im Auge ist, dass ich völlig entblößt hier herumspaziere. Recht hast du ja, schließlich lässt mein freizügiges Auftreten mich nicht unbedingt unauffällig erscheinen. Daher bemühe ich mich gar nicht erst darum, dein Vorhaben zu verhindern sondern beobachte dich beim Versuch, an Klamotten zu gelangen. Hohnlächelnd begutachte ich deinen Umgang mit dem ahnungslosen Mann, der nun an meiner Stelle beinahe völlig entblößt kehrt macht. Zurück bei mir angekommen drückst du mir den erbeuteten Stoff in die Hände, den ich ohne jeglichen Widerwillen über meine Haut streifen lasse. Es braucht lediglich ein paar Sekunden, bis der Stoff sich an einigen Stellen meines Körpers mit Blut vollsaugt und erst dann realisiere ich, wie verletzt ich bin. Bisher bin ich abgesehen von den schmerzhaften Experimenten noch nie mit ernsthaften Verletzungen konfrontiert worden - umso überraschter bin ich darüber, so gut wie keine Schmerzen zu verspüren. Ich erinnere mich an die Worte der Forscher darüber, dass sie mit einigen Methoden versuchen wollten meine Nerven so gut es abzutöten, damit ich nicht länger dazu in der Lage bin, Schmerzen wahrzunehmen. Allerdings waren diese sogenannten Methoden alles andere als ein Zuckerschlecken, weshalb ich fest davon überzeugt war, ihr Plan würde sowieso nicht aufgehen. Nun aber werde ich vom Gegenteil überzeugt. Es ist zwar nicht so, dass ich keinerlei Schmerzen empfinde - doch sie halten sich in Grenzen und hindern mich keineswegs daran, weiterzumachen. Dennoch sollte ich mich darauf nicht ausruhen und diese Erkenntnis mit Vorsicht genießen; immerhin weiß ich noch lange nicht, wo meine Grenzen liegen. Da mir die Umgebung weiterhin unbekannt ist und ich keinerlei Ahnung habe, in welche Richtung ich mich zuerst begeben soll, verfolge ich weiterhin einfach deinen Plan und lasse mich von Zwischenereignissen wie dem plötzlichen Raketeneinschlag nicht aus der Fassung bringen. Wenn ich jetzt unüberlegt handle und versuchen sollte, meinen Weg auf eigene Faust zu finden, könnte das bitterböse für mich enden. Dafür gehen mir deine nächsten Worte unter die Haut und treffen mich mitten ins Herz. Sieben Jahre? Was soll das heißen? Zu gern will ich überprüfen, ob mein Aufenthalt im Forschungszentrum wirklich sieben Jahre lang angedauert hat - wie aber soll ich das anstellen, wenn ich nicht einmal weiß wo ich herkomme, geschweige denn irgend eine handfeste Erinnerung an die Zeit davor besitze. Dafür hat deine Aussage soeben jegliche Restzweifel nichtig gemacht und lässt mir keine andere Wahl, als dich zu begleiten. Demnach scheint es so, als wärst du der Schlüssel dazu, Antworten auf meine hunderttausend Fragen zu finden. Je länger ich dich in Augenschein nehme, desto einprägsamer und ernster erscheint mir deine Physiognomie. Vermutlich bist du bisher der einzige Mensch, dem mein Wohlergehen ansatzweise etwas bedeutet und ich glaube das ist ebenfalls der Grund dafür, weshalb ich dich zuvor ohne zu zögern vor deinem Todesurteil bewahrt habe. Normalerweise hättest du mir egal sein müssen, auf unerklärliche Art und Weise bist du das aber nicht. Im Gegenteil - nach allem was ich bis zum jetzigen Zeitpunkt in Erfahrung gebracht habe, bist du mir wichtiger denn je. Auch wenn ich zu vermeiden versuche, dich in all diese Unannehmlichkeiten mit hineinzuziehen, so bist schlussendlich du derjenige der selbst am Besten weiß, was ihn erwartet. Deiner nächsten Frage nach zu urteilen machst du deutlicher denn je, dass du dir dessen durchaus bewusst und dennoch gewillt bist, mir zu helfen. Wie du schon selbst sagtest, bist du nicht ansatzweise dazu in der Lage nachzuempfinden, was mir alles widerfahren ist und ehrlich gesagt wünsche ich das nicht einmal meinem ärgsten Feind. Ich belasse es dabei, ohne weiter darauf einzugehen und hebe die Arme im nächsten Moment ahnungslos in die Lüfte: „Kann ich dir nicht sagen. Ich bin nicht darüber aufgeklärt worden was ich kann - und was nicht. Ehrlich gesagt möchte ich das auch nicht ausprobieren. Wer weiß, vielleicht fegt es dich dann nochmal weg.“ Bei der letzten Bemerkung versuche ich mir das Lachen zu verkneifen um meine Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel zu setzen. Mich räuspernd lehne ich dein Angebot ab, das hätte mir noch gefehlt. Ich mag verletzt und ahnungslos sein - von einem halbmenschlichen Wrack bin ich jedoch meilenweit entfernt. „Lassen wir das lieber. Ich wäre dir nur im Weg und außerdem kann ich ganz gut allein laufen. Ich mag vielleicht nicht schnell sein, dass muss ich aber auch nicht. Ich folge dir einfach und selbst wenn mich etwas trifft - du müsstest mittlerweile wissen, wie wenig mich sowas stört.“ Eine Sache macht mich trotzdem stutzig. Wenn ich ans Forschungszentrum zurückdenke, schießt mir in den Kopf, dass sämtliche Verletzungen innerhalb kürzester Zeit von allein verheilt sind. Jetzt gerade verheilt demgegenüber keine einzige Wunde - nicht mal die oberflächlichen. Entweder bin ich so massiv geschwächt, dass die Verheilung bloß länger benötigt - oder es liegt möglicherweise daran, dass ich die restlichen Kabel entfernen muss. Kann ja sein, dass irgend ein dort enthaltener Stoff den Heilungsprozess verhindert. Mir also nichts weiter dabei denkend hebe ich mein Oberteil ein wenig an und betrachte die einzelnen Kabelstränge die aus meiner Haut emporragen. Ob das Entfernen eine so gute Idee ist - keine Ahnung. Aber wie sagt man so schön - probieren geht über studieren und so ziehe ich ein Kabel nach dem anderen, bis auch das Letzte unsanft zu Boden fällt: „Können wir?“ entgegne ich in deine Richtung, während ich mir das Oberteil zurecht zupfe und für einen kurzen Augenblick schmerzerfüllt das Gesicht zusammenziehe. Na gut, vielleicht ist das wirklich keine gute Idee gewesen; doch wer weiß schon, was in diesen Kabeln enthalten ist. Sobald wir in deinem sogenannten „Zuhause“ angekommen sind, werde ich mich ausruhen können. Also muss ich bis dahin durchhalten und mir einfach nichts anmerken lassen. Eine Wunde im Bereich meiner rechten Rippen verliert die meiste Menge an Blut. Muss ich mir wohl zugezogen haben, als ich dich vor dem Angriff beschützen wollte. Was soll’s? Um die Blutung in Zaum zu halten stütze ich meine Hand in die Seite und wende mich dir abermals zu. Anstrengende Tätigkeiten wie das Rennen zu unserem Zielort sollte ich womöglich trotzdem vermeiden: „Müssen wir denn unbedingt rennen? Die wissen doch sowieso schon wo wir sind… wo ich bin. Ist es da nicht auffälliger, wenn zwei Menschen um ihr Leben rennen, als wie zwei normale Menschen zu laufen? Du hast auch immer noch die Möglichkeit, allein zu gehen. Dann bleibt dir dieser ganze Schlamassel erspart. Die haben schließlich mich auf dem Kieker, nicht dich.“
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    • Ich will nicht lügen, ein wenig nagt es schon an meinem Stolz, deinen kleinen Seitenhieb, du könntest mich erneut umwerfen, mitanhören zu müssen. Getragen werden magst du nicht, stattdessen beobachte ich dich dabei, wie du dich einiger Schläuche entledigst, ehe es losgehen soll. „Das Angebot steht noch“, sage ich trotzdem, die blutunterlaufene Bekleidung zwingt jeden gesunden Menschenverstand förmlich dazu, sowas mehrmals zu offerieren, vor allem wenn man selber maßgeblich dafür verantwortlich war. Gerade die von dir zugehaltene Wunde stimmt mich skeptisch, und prüfend sehe ich dich eindringlicher an, um mich zu vergewissern, ob du dir auch wirklich dessen sicher bist. Zwar sprichst du davon, Verletzungen würden dir kaum etwas ausmachen, doch deine verzogene Miene macht es offensichtlich, dass das nicht der ganzen Wahrheit entspricht. Dennoch zeigt sich deshalb einmal mehr, und weil du mir weiterhin offenlegst, ich könne mich alleine aus dem Staub machen, dass du keineswegs mit den gefühllosen Maschinen gleichzusetzen bist. „Ich lasse dich nicht alleine.“ In der Angelegenheit ist meinerseits alles gesagt worden, was es zu sagen gibt; eher schießt man mir auf der Stelle den Kopf weg, als dass ich darüber zu debattieren beginne.
      „Hab‘ mir die Knie machen lassen“, erkläre ich und klopfe mir demonstrativ auf die metallene Schicht, um auch aufzuzeigen, dass das Rennen für mich kein Problem darstellt – nicht, dass das jetzt noch von Belang wäre, so ist dir ein Schritttempo wohl lieber. Deine Argumentation mag zwar schlüssig sein, doch den Nerven hilft das nicht unbedingt, wenn wir uns in Geduld üben müssen, ehe wir gänzlich aus deren Visier sind. Aber meinetwegen, dann halt so. „Wir nehmen eine abweichende Route durch die Steppe, da gibt es mehr Schlupflöcher um ihrem Überwachungsnetz aus dem Weg zu gehen, bis wir unseren Distrikt erreichen.“ Sich in der Nähe des Highways zu befinden kann tödlich enden, insbesondere wenn anzunehmen ist, dass die Androiden sich gerade in höchster Alarmbereitschaft deinetwegen befinden. Zumal das von dir herabfließende Blut ein nicht zu unterschätzender Faktor ist; was, wenn man uns dadurch auf die Schliche kommt und der Spur folgt? „Du solltest dir was dort umbinden. Warte hier.“ Und so kehre ich wenig später abermals zurück, dieses Mal jedoch mit einem Schal, den ich dir reiche. Damit dürften alle Vorbereitungen getroffen worden sein. „Dann mal los.“

      Eine halbe Stunde später und von der so mitgenommenen Straße ist lediglich ein dunkler Rauchstreifen in der Ferne zu erkennen. Der klare Himmel lässt das Sonnenlicht direkt über einen scheinen; ganz anders, als in unserer dichtbewölkten Wohnregion. Leichter Wind macht die Hitze erträglicher, hier und da versucht heranwachsendes Gras der kargen Erde etwas Leben einzuhauchen, als stünde es fast schon symbolisch für den verzweifelten Kampf der Menschen gegen den mechanischen Feind. Sie mögen uns kleinhalten und schaden, aber vernichten können sie uns nicht. Es braucht nur etwas Regen, ein Zeichen der Hoffnung, ein Lichtblick, und wir werden emporsteigen, zu dem Platz der uns rechtmäßig zusteht. Aus der Wüste entspringt ein Wald, die Seele triumphiert, das Zahnrad zerfällt, und Normalität kehrt wieder ein. Unbewusst fällt mein Augenmerk dabei auf dich. Mir ist noch immer nicht klar, was das alles zu bedeuten hat; das Forschungslabor, dein seltsamer Körper und die neue Waffe. Womöglich bietet sich hier jedoch eine Chance, der Sache näher auf den Grund zu gehen. Einen Schritt nach dem anderen…
      Zügigen Ganges geht es voran, darauf bedacht, einen sicheren Abstand zur Sturzstelle der Späher-Drohnen von zuvor, wie auch des weggeschleuderten HA-Wagens, zu bewahren; nach allem wäre es nicht allzu unwahrscheinlich, dass man den Ort inzwischen näher untersucht, um auf weitere Hinweise zu kommen. Die ganze Zeit über ist kein Wort von mir gefallen, irgendwie erscheint es mir noch immer surreal, dich wahrhaftig neben mir zu sehen. Ich habe es geschafft, dich zur Rückkehr in unser Heim zu bewegen, da möchte ich es nicht mit einer unglücklichen Aussage ruinieren, dass du es dir dann eventuell gar anders überlegst. Sobald du unser Zuhause siehst, solltest du - oder viel mehr hoffe ich darauf -, dich wieder an ein paar Sachen erinnern können. Alle paar Minuten kontrolliere ich insgeheim deine aktuelle Verfassung, und ob du weiterhin dazu imstande bist, vorwärtszugehen. Schmerzempfindlichkeit ist das eine, aber der Blutgehalt im Körper ist begrenzt – vorausgesetzt, man hat nicht auch noch da an dir rumgeschraubt. Dein Rücken, aber vor allem die rechte Rippenseite, bereitet mir Sorgen. Gleichzeitig brennt mir eine Frage dann doch zu sehr auf den Lippen, als dass ich sie noch länger für mich behalten könnte: „Die Verletzungen… die hast du vorhin bekommen, nicht? Als du mich weggestoßen hast. Warum hast du das getan?“ Selber habe ich schon eine leise Vermutung, aber es von dir zu hören, könnte möglicherweise auch um deinetwillen zweckdienlich sein. Wenn deine Erklärung der meinen gleicht, gibt es hierfür keine rationale Antwort. Ob das deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen wird? Ungeachtet dessen habe ich bereits eine Idee, wer sich deiner Genesung annehmen könnte. Doc River. Und wenn wir Glück haben, kann er sogar ein paar Informationen zu dir und deiner durchlöcherten Gestalt geben. Zuvor gilt es aber, ohne Schwierigkeiten ins Menschen-Distrikt einzutreten, denn sind wir erstmal dort, heißt es dann, nicht nur den Androiden zu entweichen, sondern auch der HA, die mit Sicherheit ein großes Interesse an dir haben wird; du, die eigentlich als meine Rückversicherung gedacht war. Ha, soviel dazu. Lieber wäre es mir, wenn man annimmt, ich sei zusammen mit Dimitri und den Anderen im Gefecht gestorben, doch braucht es nur einen Überlebenden, oder einen Zeugen, der meine Anwesenheit ausmacht und den Fetten Bescheid gibt, und wir stünden auf Kriegsfuß mit den Mächtigsten unserer eigenen Rasse. Ein alter Bunker, den wir in Kindertagen als Hauptquartier für alberne Spielchen verwendet haben, dürfte in der Zwischenzeit eine zuverlässige Zufluchtsmöglichkeit bieten, und sobald die Gesamtsituation einigermaßen erschließbar wird, können wir von dort aus unser weiteres Vorgehen abklären.

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    • Ich bin mir nicht sicher, ob ich auf deine Antwort eingehen solle und tue sie ganz einfach mit einem Kopfnicken ab. Es fühlt sich durchaus gut an, während meiner misslichen Lage nicht auf sich allein gestellt sein zu müssen und ich bin sicher, diese Gutmütigkeit deinerseits nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Irgendwann ergibt sich bestimmt eine Möglichkeit, mich bei dir zu revanchieren. Geduldig warte ich einen Moment, bis du mit dem Schal zurückkommst und verbinde mir sachte die offene Wunde. Vermutlich macht das auf den Boden tropfende Blut dich stutzig oder lässt dich denken, wir - oder vielmehr ich, könnten zurückverfolgt werden. Daher ist das Verbinden garnicht mal so eine schlechte Idee, auch wenn ich stark davon ausgehe, dass es nicht lange dauern wird bis auch der Schal blutdurchtränkt sein wird. „Okay, ich bin so weit.“ entgegne ich dir, bevor meine Schritte den deinen folgen und wir uns langsam aber sicher vom Highway entfernen. Eigentlich ist es merkwürdig, dass der erste Raketeneinschlag gleichzeitig der letzte gewesen war. Wenn sie wussten wo ich mich befinde, hätten sie normalerweise nicht so schnell das Feuer eingestellt. In ihren Augen bin ich eine Waffe, geschaffen um den letzten Funken Menschheit auszulöschen - nicht mehr und nicht weniger. Doch jetzt, wo ihrer hochgelobten Waffe die Flucht gelangt ist und sie mich nicht länger kontrollieren können, halten sie sich so zurück? Irgendwas stimmt da ganz und gar nicht. Ich verwerfe den Gedanken vorerst und konzentriere mich darauf, dass wir unversehrt im sogenannten „Zuhause“ ankommen. Noch immer legt der Begriff keine neuen Erinnerungen frei und ich hoffe innig, dass das Erblicken dieses Hauses keine weiteren unvorhersehbaren Schübe auslöst. Ansonsten könnte es ganz schnell passieren, dass dieses Zuhause weggefegt wird, als würde eine Naturgewalt ihr plötzliches Unwesen treiben.
      Ein großer Vorteil meiner Modifizierungen ist, dass ständig eine innere Uhr abläuft dir mir genauestens mitteilt, welche Tages- oder Nachtzeit wir gerade haben. Dementsprechend weiß ich auch, dass wir erst seit einer halben Stunde herumschlendern, obwohl es sich aufgrund meiner Wunde wie mehrere Stunden anfühlt. Ich presse meine Hand noch stärker gegen meine rechte Rippenpartie und erschrecke gar selbst vor den Unmengen an Blut die sie zu verlieren scheint. Noch immer plagen mich keine allzu starken Schmerzen - zunehmen tun sie dafür in jedem Fall. Mir einredend, dass wir in absehbarer Zeit am Zielort ankommen, behalte ich mein Schritttempo bei und versuche den ziehenden Schmerz mit leisem und kurzem Aufseufzen zu überspielen. Während ich die mich umgebene Kulisse näher betrachte ist es schon bemerkenswert, dass all diese Bilder mir jahrelang verborgen geblieben sind. Alles was mir vertraut ist sind Dunkelheit und Kälte - hier draußen jedoch scheint die Sonne, spendet wohlige Wärme und lässt mich die vergangene Zeit noch mehr bereuen, als ich es sowieso längst tue. Mir wurde stets eingetrichtert, außerhalb der Forschungseinrichtung würde mich nichts als Schutt und Asche erwarten. Ein trauriges Szenario, geschaffen von Menschen, die ein für alle Mal eliminiert werden mussten. Von mir. Einer Waffe, der niemand auch nur im Entferntesten standhalten kann. Schon komisch, dass ich diese Sichtweise selbst einmal hatte und mein größtes Ziel die Umsetzung dieser im vollen Gange laufenden Pläne war. Hätten sie mir damals nicht ihre wahren Absichten versehentlich offengelegt, hätte wohl auch mein Standpunkt sich nicht geändert und das offizielle Ende der noch verbliebenen Menschheit wäre eingeläutet worden. Rückblickend bin ich froh darüber, dass es so gekommen ist. Denn meine jetzigen Erinnerungen, die schleichend versuchen mir Vergessenes wieder nahezubringen, werden einen tieferen Sinn verfolgen den es zu erforschen gilt. Immerzu dachte ich, das Labor wäre meine Heimat und dass meine Existenz keinen besonderen Wert beinhaltet - du jedoch überzeugst mich gerade vom Gegenteil. Ich fühle mich ein wenig unwohl inmitten dieser andauernden Stille, genieße andrerseits die mit ihr einhergehende Ruhe. Das erste Mal seit Langem ist es mir möglich mich zu entspannen, ohne das unaufhörliche Rauschen der maschinellen Apparate, das Piepsen der Bildschirme die meine Körperwerte stetig überwachten und das nervige Klacken von Tastaturen, die alles Wichtige zu meiner Person digital erfassten. Trotz dieser Stille bemerke ich die wachsamen Blicke und das ständige Umdrehen deinerseits, so als würdest du dich vergewissern wollen, dass ich nicht plötzlich verschwinde. Noch immer läutet mir nicht ein, warum ich dir so wichtig bin aber gewiss werde ich den Grund dafür bald selbst in Erfahrung bringen können. Ganz unverhofft bricht deine Frage die Stille und für einen Augenblick halte ich inne, um mir eine Antwort zu überlegen. Es kommt mir vor, als hätte die Antwort auf deine Frage eine mir unergründliche Wichtigkeit für dich, deshalb möchte ich ungern etwas Falsches sagen und dir damit auf den Schlips treten. Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich nicht einmal eine konkrete und schlüssige Antwort, da mein Handeln eher instinktiv war und die Situation sich zu schnell zugetragen hat, als dass ich länger darüber hätte nachdenken können. „Ich weiß, das mag sich unrealistisch anhören - aber ich hatte keine andere Wahl. Als diese Schockwelle von mir ausging, sprudelten gleichzeitig nie dagewesene Erinnerungen an die Oberfläche meines Bewusstseins und alles was ich sehen konnte, warst du. Du sahst anders aus, jünger, aber ich bin mir sicher, du warst es.“ Ich schlucke. Wenn ich mir selber dabei zuhöre, klingt es noch absurder als es mir ohnehin schon vorkommt. Ich wäre dir nicht böse, wenn du meinen Worten keinen Glauben schenken würdest - aber du wolltest eine Antwort und die hast du bekommen. Ein paar Schritte weiter spielen meine Algorithmen abermals verrückt und ehe ich mich versehe, weiß ich intuitiv was los ist. „Warte!“ - ohne zu fragen ergreife ich deine Hand und ziehe dich in die am Nächsten gelegene Gasse zu Boden. Dummerweise halte ich dir mit meiner von Blut gezierten Hand den Mund zu und luge aus der Gasse hinaus, bevor vereinzelte Späher-Drohnen am Eingang der von Häuserwänden verdunkelten Gasse vorbeiziehen. Sobald sie außerhalb meiner Sichtweite liegen, wende ich mich dir wieder zu: „Okay die Luft ist r… sorry!“ Bevor ich meinen Satz zu Ende führe, befeuchte ich die Spitze meines Daumens und wische dir einzelne Rückstände meines Blutes aus dem Gesicht. Als ich zufrieden bin, erhebe ich mich aufseufzend von deinem Schoß auf dem ich zuvor kniete und ziehe den um mich gewickelten Schal ein wenig enger. „Ich wollte sagen: Die Luft ist rein. Ich kann es mir nicht ganz erklären, aber kurz bevor sich Gefahr anbahnt, geraten die ablaufenden Codes innerhalb meiner Gehirnströme außer Kontrolle. Vielleicht kannst du das nicht nachvollziehen, aber neben ganzen Landschaftsbildern die auch du wahrnimmst, bin ich dazu in der Lage Codes zu sehen, mit denen auch die Androiden gesteuert werden.“ Mehr will ich dir vorerst nicht verraten und abgesehen davon muss ich immer damit rechnen, abgehört zu werden. Das wäre nicht nur fatal für mich - sondern auch für dich. Denn dann wärst du jemand mit geheimen Informationen, die es zu sichern gilt und diese Schweine scheuen vor keinerlei Methoden zurück. Ich sichere mich nochmals ab, dass keine Nachhut der Späher-Drohnen folgt und bewege mich außerhalb der Gasse um dem Weg Nachhause weiter zu folgen. „Was ist mit dir? Wieso hast du mich nicht getötet als du die Chance darauf hattest, mir das Licht auszuknipsen?“
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    • Je näher die gewaltige Mauer rückt, desto gefährlicher wird es wieder für uns. Dahinter befindet sich der Menschen-Distrikt, eine streng isolierte Region, aus der normalerweise kein Ein- oder Ausgang führt. Zwar sind Tore verbaut, jedoch werden diese allenfalls von Androiden verwendet, um ihren städtischen Müll hier auszuladen oder monatliche Essensrationen an die Organisationen, zur Weiterverteilung an die Bewohner, zu reichen. Ein ausgeklügeltes Tunnel-System ermöglicht es der Human Alliance dennoch, ihre unglücklichen Operationen auch außerhalb unseres Territoriums zu führen, und hätte ich die Absicht, dich als Gefangene mitzunehmen, wäre es ein Leichtes, davon erneut Gebrauch zu machen. Stattdessen muss die Kanalisation herhalten, deren Abwasser über röhrige Öffnungen vor der Mauer abgelassen wird. Über die Zeit hat sich dadurch ein kleiner Teich gebildet; ursprünglich als bewusste Maßnahme vorgesehen, damit die unterirdischen Gänge der HA so sehr aufweichen, dass eine Weiternutzung unmöglich sei, kam man später auf die Idee, das zugrundeliegende Wasser auch zur Anlegung eines Weizenfeldes zu verwenden. Uns Menschen wird für gewöhnlich synthetische Nahrung bereitgestellt, doch hier und da ist auch etwas vermeintlich echte Landwirtschaft vorhanden – wenn ein Jeder nur wüsste, welchen Ursprung der auf dem Tisch gelegte Fraß nur haben kann, würde man es sich gewiss zweimal überlegen, ehe man sich den Bauch damit vollschlägt. In unserem Fall bietet der mittlerweile herangewachsene Weizen eine gute Deckung, um einen sicheren Bogen um die dunkelbraune Riesenpfütze zu machen und den Sicherheitskameras zu entgleiten. Bei der Öffnung angelangt, überwältigt einen zunächst ein unvergleichlicher Gestank, und quetscht man sich erstmal durch das spärlich filternde Stahlgitter hindurch, liegt nichts als Dunkelheit vor einem. Seitliche Erhöhungen erlauben trockene Füße auf dem sonst kühlen Boden, und die Wände würden als einziger Wegweiser dienen, wäre da nicht ich, der früher oft zum Versteckspielen herkam. Die Umrisse dürften mir noch immer geläufig sein, eigentlich sollten sie auch dir bekannt vorkommen, aber das zu erwarten, nachdem du nicht einmal zu wissen scheinst, wo sich dein Zuhause aufhält, wäre wohl zu viel des Guten. Der in Schwarz gehüllte Raum verweigert es mir, dich anzusehen, und lediglich deine sanft wiederhallenden Tapse, zusammen mit den Augen, bestätigen, dass du noch in der Nähe bist. Ich habe vergessen, dem Kerl die Schuhe wegzunehmen. Ein Nachtsichtgerät wäre nun nützlich; hätte ich doch nur geahnt, dass sich der vorangegangene Einsatz auf die Weise entwickelt. Deine Blutungen geben mir zu denken, die wiederholenden Seufzer machen es nicht besser, und bevor ich noch riskiere, dass in den letzten Metern ein Unglück geschieht, ergreife ich deine Hand und führe uns behutsam weiter vor. „Es dauert nicht mehr lange, Eve.“
      Durch mehrere Verzweigungen führt unser Weg lange genug, dass sich meine Nase irgendwann an den miefenden Geruch gewöhnt hat. Schon längst hätten wir über einen der Gullys zurück an die Oberfläche steigen können, da jedoch bestünde dann die Gefahr, unerwünschten Gestalten zu begegnen. In der Kanalisation sind allenfalls Drogenjunkies zu finden; die niederste Art Unseresgleichen, aber gleichzeitig stressmeidend, also im Grunde genau das, was uns zugutekommt. Dass sie so verenden, kann man ihnen dabei gar nicht mal allzu sehr verübeln; jeder hat seine eigene Lebensgeschichte, und eher verkommt man zu einem Heroinsüchtigen, als dass man zu Forschungszwecken eingesperrt wird, was? Zumal es selbst unter ihnen pfiffige Leute mit außergewöhnlichen Talenten gibt. Ingenieure, Techniker, Bauarbeiter, und andere Gelehrte – egal, wie verdorben sie nun auch sein mögen, so machen einstige Berufungen einen noch immer aus. Das stetige Bedürfnis nach einer weiteren lebensbedrohlichen Spritze mag zwar fortwährend an ihren Fähigkeiten zehren, tun sich aber genügend solcher Gestalten in einem Haufen sammeln und verweilen sie über Jahrzehnte hinweg am gleichen Platz, schaffen selbst sie es, unerwartet ansehnliche Gebilde zu konstruieren. Die sogenannte Drogenhalle gilt dabei als Herzstück ihrer kreativ-verdrehten Finesse; ein weiträumiger Abwasser-Knotenpunkt, umfunktioniert zu einer kleinen Gemeinde und minimal inspiriert von der lange versunkenen Wasserstadt Venedigs, um ungestört ihrem tödlichen Treiben nachzugehen. Ellenlange Leitern reichen von den Enden der Kanalwege, runter zum Fuße der benebelten Meute, an dem einfache, mehrreihig gebaute Hütten überraschend strukturiert anmuten. Ein hölzernes Fundament hält bisweilen zuverlässig das menschengemachte Werk und widersteht dem schwankenden Wasser; nur gelegentlich hat man den Eindruck, die gesamte Basis schwimme dezent vor und zurück. Auch Licht ist hier stellenweise verfügbar, wasserbetriebene Stromerzeuger gestatten ein Mindestmaß an Komfort, obwohl man darum bemüht ist, sich möglichst bedeckt zu halten und wenig Interesse zu wecken. Würde das hinabfallende Abwasser nämlich nicht so arg auf die Ohren gehen und wäre der Geruch halbwegs erträglich, hätten sie sich wohl schon längst ein neues Quartier suchen müssen. Davon ab, ist es ohnehin kein Geheimnis, dass es diesen Ort gibt. Aber wen kümmert es auch bitte, wo der Abfall haust? Um zur nächsten Kanalhälfte, und damit auch dem Bunker zu gelangen, ist die Route als sicherste leider unvermeidbar, und so geht es runter, bis wir auf einer freien Strecke aufkommen, die eine Art Hauptstraße darstellen soll. Ob ich dir zu viel zumute? Nur noch ein bisschen, Eve. „Zieh dir die Kapuze über“, flüstere ich dir zu. Ruhig ist es vielleicht, aber die unzurechnungsfähigen Blicke einiger, auf den Straßenseiten liegenden Personen, haben wir uns trotzdem eingefangen, und lieber habe ich einen Zeugen weniger, als zu viel.
      Unauffälligen Ganges geht es voran, als wir schließlich das Ballungszentrum der Junkies verlassen und in eine schmalspurige Abzweigung wechseln. Nicht eine Menschenseele außer der unseren, mache ich aus, und im vorsichtigen Glauben, keine böse Überraschung könne uns mehr erwarten, versiegt ein Stück meiner Angespanntheit. Vermutlich kommt es auch daher, dass ich dir ausgerechnet jetzt meine Frage gestellt habe und von der Antwort verleitet, lächeln muss. „Willst du damit sagen, ich bin alt geworden?“, scherze ich, und kaum möchte ich fortfahren, werde ich abermals von dir zu Boden gerissen. „Wa-?!“, entfährt es mir ahnungslos, da hast du bereits deine Hand über meinen Mund gelegt und dich auf mich gesetzt. Der Geschmack von Blut durchfährt meine Lippen, bevor ich den Grund für deine plötzliche Reaktion erkenne: Drohnen! Mir erschließt sich nicht, weshalb sie hier sind, habe ich doch die Drogenhalle für den letzten denkbaren Ort gehalten, an dem man nach uns suchen könnte. Verdammt. Womöglich ist gerade das der Grund, weswegen man davon hätte ausgehen sollen. Auf deine Entwarnung vertrauend, warte ich darauf, ehe du von mir steigst, bin aber zunächst verwundert, als du dich vorher noch um das Herrichten meiner rotuntermalten Miene bemühst. Die Entschuldigung erwärmt mir gar ein stückweit das Herz – ein Android könnte niemals so etwas von sich geben. Mich einen Moment lang hinsetzend, sehe ich sodann zu dir hoch und höre deinen Ausführungen zu, wobei mir ein leichtes Grinsen entfährt. „Das klingt ziemlich praktisch“, sage ich anerkennend; inwieweit das mit dem Steuern der Roboter funktioniert, kann ich mir zwar noch nicht erklären, doch die Angelegenheit darf sowieso warten. Die trübe Wegbeleuchtung gewährt erstmals wieder einen genaueren Blick auf deine blutunterlaufene Kleidung, als ich mich davon verleitet aufrichte und dich ernster betrachte. Dass ich mich setze und du als Verletzte vor mir stehst, soweit kommt’s ja noch. Die Gasse erneut verlassend, ist es offenbar nun meine Aufgabe, deine Neugierde zu stillen: „Ich bin davon ausgegangen, einem Androiden zu begegnen, und nicht dir.“ Im Geiste spiele ich nochmals die Sequenz unseres Wiedersehens ein – ja, fast hätte ich etwas tun können, das ich ein Leben lang bereuen würde. „Ich habe dich gesucht, Eve. Sieben Jahre lang… die meiste Zeit davon jedenfalls. Irgendwann habe ich mich dazu durchgerungen, zu akzeptieren, dass du weg bist. Ja… und jetzt bist du hier.“ Es ist immer noch unglaublich, ganz gleich wie sehr ich der Tatsache ins Gesicht sehe. Deine bloße Anwesenheit entspricht einem Wunder, dem tollsten und wunderbarsten Wunder dass über einen hereinbrechen könnte. „Erwarte nicht, dass ich das nochmal so offen sagen werde, aber Eve…“, sage ich innehaltend, während ich deine Hand feste genug mit der meinen umfasse, um dich zum Anhalten zu animieren und dir in die Augen sehen zu können. „Ich könnte kaum glücklicher darüber sein, dass du am Leben bist. Es ist überhaupt nicht unrealistisch, dass du dich vorhin an mich erinnert und so gehandelt hast – eigentlich bin ich sogar froh drum. Anfangs hatte ich noch meine Zweifel, weil ich dachte, das sei ein schlechter Scherz, aber dann habe ich dich gesehen und beobachtet… und gemerkt, dass du wirklich dieselbe Person von damals bist. Vielleicht nicht ganz, aber irgendwie immer noch meine Eve, mit der ich von klein auf großgeworden bin und die mir alles bedeutet hat.“ Mein Augenmerk gleitet dir entlang, hinab zur verwundeten Rippenseite. „Wir können hier etwas Pause machen, das sieht nicht gut aus. Fürs Erste sollten wir in Sicherheit sein.“ Vor allem, weil die Späher diesen Platz bereits überprüft haben, bietet sich die Gelegenheit an, deine Blutung zu stillen.
    • Es gleicht einer Ironie, dass ich, dessen Ziel es eigentlich sein sollte, den Androiden zur weiteren Expansion zu verhelfen nun mit dir durchbrenne um sie genau daran zu hindern. Ich frage mich allmählich, was mit mir passiert wäre, hätte ich noch länger unter den Forschern verweilt. Vielleicht hätten sie versucht, meine übriggebliebene Menschlichkeit insoweit zu reduzieren, dass mir ein gänzlich eigenständiges Handeln vollwertig verwehrt geblieben wäre; oder sie sind tatsächlich so naiv zu denken, nur weil sie mich laut deiner Aussage ganze sieben Jahre isoliert behalten haben, würde ich ausnahmslos alles tun, wonach sie verlangen. Ebenfalls frage ich mich, ob sie gar in Erwägung gezogen hätten mich auszulöschen, wäre beim Ausführen von Anweisungen ein Fehler passiert. Schließlich darf man nicht vergessen, dass ich bloß ein Prototyp und keine vollständig erforschte Biowaffe bin, die mithilfe von permanenten Analyseberichten bis ins kleinste Detail optimiert ist. Der Fakt, dass es sich bei mir einzig und allein um einen Prototypen handelt, wird selbst mir bewusst desto länger ich mit dir unterwegs bin. Aufgrund der vielseitigen Veränderungen meiner Gehirnströme und dem Vorteil, dass ich so geschaffen wurde, die Codes verstehen zu können - ohne vorher etwas gelernt haben zu müssen, werden die Inkorrektheiten mancher Abläufe hervorgehoben. So erkenne ich, dass vereinzelte Codierungen keinen Sinn ergeben oder noch nicht vollständig abgeschlossen sind und bin hin und wieder selbst irritiert. Glücklicherweise verhilft mir die andere, darauf spezialisierte Gehirnhälfte dabei, genau solche Irrtümer zu korrigieren. Umso wichtiger ist es jedoch, dass wir schnellstmöglich einen funktionierenden Computer in die Finger bekommen, damit ich die fehlenden Analysen zu meiner Selbst durchführen kann und mich hoffentlich ein wenig besser verstehen kann. Zumindest brennt es mir auf der Seele herauszufinden, was diese Antagonisten mit meinem Körper angestellt haben während ich nicht den leisesten Hauch einer Chance auf Mitbestimmung gewährt bekommen habe. Auf deine Antwort meiner Frage hin bin ich nun diejenige mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Naja, gewissermaßen bin ich einer. Zwar denke ich nicht wie sie und handle ganz sicher nicht wie sie - aber wenn auch nur zur Hälfte, bin ich einer.“ Das Thema somit abschließend bereite ich mich innerlich darauf vor, unserem Zuhause endlich zu begegnen. Den sich mir erstreckenden Häusern nach zu urteilen wird dieses Zuhause wohl kaum so aussehen, wie der Ort, an dem ich bisher leben musste und egal wie bildlich ich versuche es mir vorzustellen, will es mir nicht gelingen. Es gibt absolut keine vorhanden Bilder in meinen Erinnerungen, die ich zum Vergleich heranziehen könnte und so halte ich einfach an dem Gedanken fest, es würde so aussehen wie all die Gebäude, die an diesem Ort stehen. Nicht gerade modern, nicht gerade schön - trotzdem bei Weitem besser als wieder dahin zurückzukehren, wo ich herkam. Ich schenke deinen nächsten Worten Gehör und ehe ich mich versehe greifst du nach meiner Hand damit ich stehenbleibe. Dieser indirekten Bitte komme ich nach und drehe mich zu dir, deine Hand dabei nicht abschüttelnd. Meine Augen weiten sich ein Stück und ich versuche wirklich mich an irgendwas zu erinnern was du sagst - aber da ist rein gar nichts. Wenn wir gemeinsam großgeworden sind, was sich sowieso komplett absurd anhört, müsste ich doch zumindest eine klitzekleine Erinnerung daran haben. Ich bin sicher, dass du mir keine Lügen auftischst - dazu hast du auch keinen Grund, merkwürdig ist es dennoch. Es würde sogar erklären, warum ich dein Gesicht vorhin nur aus jungen Jahren in Erfahrung bringen konnte. Allerdings wirft das auf der anderen Seite die Frage auf, weshalb mir all das dann widerfahren ist. Wenn du dich so sehr um mich gekümmert hast und ich dir anscheinend so wichtig gewesen bin - aus welchem Grund hast du all das passieren lassen? Eigentlich möchte ich dich ungern danach fragen aus Angst, unser gemeinsamer Weg könnte hier enden. Andrerseits kann ich auch nicht so tun als hätte ich das nicht gehört und es schlichtweg ignorieren. Dementsprechend kommt mir dein nächstes Angebot ziemlich gelegen. Der um meine Hüftpartie gewickelte Schal bereitet mir mittlerweile mehr Schmerzen als die Wunde selbst. Vermutlich hätte ich ihn nicht so eng zuziehen sollen. Somit lasse ich deine Hand loß, um mich ihm zu entledigen bevor ich mich mit dem Rücken gen Häuserwand lehne und langsam zu Boden sinke. „Okay, wir machen Pause.“ Meinen Blick von dir abwendend klopfe ich mir den aufgewirbelten Staub von den Oberschenkeln und verschränke anschließend die Arme. Auf die paar Stunden später kommt es schließlich auch nicht mehr an. Außerdem fällt es mir im Moment unter Schmerzen sowieso nicht mehr so leicht, mich auf den Weg zu konzentrieren und bevor ich auf halber Strecke zwischen Augenzeugen auffällig werde - tanke ich hier lieber noch ein bisschen mehr Kraft. Ich schließe die Augen und es fühlt sich an, als würde mir ein Kloß im Hals stecken der mich daran zu hindern versucht, meine nächsten Worte über die Lippen zu bringen. Tief schluckend halte ich meine Augen weiterhin geschlossen und setze dennoch zum Reden an: „Ich war dir also wichtig. Weißt du, ich danke dir für alles was du gerade tust und auch dafür, dass du mein Leben verschont hast. Es leuchtet mir trotzdem nicht ein, warum du mich, die Person die dir angeblich so viel bedeutet hat, denen zum Opfer hast fallen lassen.“ Während ich rede, bahnt sich eine zuvor noch nie dagewesene Wut an, der ich langsam aber sicher nicht mehr standhalten kann. Ich reiße die Augen auf und strecke dir sogleich meine Unterarme hin - „Kannst du dir überhaupt annähernd vorstellen, was ich durchgemacht habe; was die mit mir gemacht haben?!“ Mein Sichtfeld verschwimmt ein wenig, während meine Augen sich mit immer mehr Tränen füllen und ich gleichzeitig die Hosenbeine hochziehe, um dir auch diese tiefen Wunden zu offenbaren. „Nichts als Schmerzen, tagein, tagaus! Tausende von Kabeln die unter Gewalt befestigt wurden, Elektroschocks unter denen mein ganzer Körper qualvoll zittern musste und Skalpelle, mit denen etliche Proben entnommen wurden - unter vollem Bewusstsein!“ Die Tränen fangen an zu kullern und meine Hände beginnen zu zittern - „War ich dir vielleicht doch nicht so wichtig oder warum habe ich das alles durchmachen müssen, jahrelang?! Du sagst, du hättest nach mir gesucht aber hast du das wirklich? Und hast du dir dabei überhaupt Mühe gegeben?! Vielleicht wäre mir all das erspart geblieben wenn ich dir so am Herzen gelegen hätte, wie du das dreist behauptest..“ Mir tut es in der Seele weh, so mit dir zu reden aber ich kann mich nicht zurückhalten. Zwar habe ich kaum bis gar keine Erinnerungen an mein früheres Leben oder daran, ob es überhaupt ein früheres Leben für mich gab; aber all diese Erinnerungen die ich lediglich an die schmerzlichen Experimente habe, strömen von allen Seiten auf mich ein und hier ist kein Forscher, der mich mithilfe der etlichen Maschinen zur Beruhigung zwingen könnte. „Ich bin wertlos. Halb Mensch halb Maschine die eigentlich überhaupt kein Eigenleben in der Form haben sollte und ausschließlich darauf konzipiert war, den letzten Rest von euch Menschen zu beseitigen.“ sind meine letzten Worte, bevor ich meine Gefühlen nicht länger unterdrücke und die salzigen Tropfen inzwischen wie Wasserfälle aus meinen Tränendrüsen strömen.
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    • Inwieweit du zu einem Androiden abgeändert wurdest, ist mir zwar nicht bekannt, doch deine Natur und der Ursprung dessen, was du einst warst, sind dir erhalten geblieben. Ich brauche bloß in dein Gesicht zu blicken und erkenne dich wieder; unter dem Schutz der Kleidung könnte man gar annehmen, bei den Anpassungen handle es sich lediglich um selbstverbaute Cyberware. Die Realität ist leider eine andere, und die Wunde eine unglückliche Konsequenz daraus. Du willigst ein, Rast zu halten, und ich spiele bereits mit dem Gedanken, mich bei den Junkies nach ein paar nützlichen Utensilien für deine Behandlung umzusehen. Ein richtiger Verband würde schon reichen, dass deine Blutung halbwegs vernünftig im Zaun gehalten wird, bis der Doc sich um dich kümmern kann. Ich sehe dir zu, wie du dich des Schales entledigst und zu Boden hinabsackst; eventuell ist es mir möglich, eine leere Hütte mit einem Bett zu orten, darin dürftest du dich besser erholen. Menschen sterben hier wie die Fliegen, das sollte kein Problem darstellen. Stattdessen kommst du mir aber zuvor, mit dem plötzlichen Vorwurf, ich habe dich im Stich gelassen. Wie bitte? Ich möchte dem widersprechen, da zeigst du mir einmal mehr das Ausmaß der grausamen Eingriffe und redest dich in Rage. Du erliegst deinen Tränen und machst mich damit mundtot; stillschweigend höre ich zu, wie du dir förmlich den über Jahre angestauten Frust aus dem Leib sprichst – an mir auslässt. Es ist das erste Mal seit unserem Wiedersehen vor einigen Stunden, das ich dich so erlebe. Die kühle Besonnenheit ist weg, als gäbe es keinen Grund mehr, den Eindruck noch länger aufrechtzuerhalten, und eigentlich ist mir das nur recht so. Ich habe nicht die Absicht, dir ein Fremder zu sein, dem du etwas vorzumachen hast. Selbst wenn das heißt, dass du mir offenkundig böse bist, oder mich gar hasst, so werde ich das akzeptieren. Die Wahrheit ist nämlich, dass ein Teil von mir ähnlich wie du über mein Versagen denkt. Nach allem bist du doch am Leben, und ich habe dich aufgegeben, noch bevor ich mich vom Gegenteil überzeugen ließ. Was sagt das wohl über mich aus? Die Bilder deiner malträtierten Gliedmaßen brennen sich in mein Gedächtnis ein, die präzisen Schilderungen deiner Qualen jagen mir einen kalten Schauer über den Rücken und als du einmal mehr in Frage stellst, ob ich ernsthaft an deiner Rettung interessiert gewesen bin, fühlen sich meine Selbstzweifel zunehmend bestätigt. Das ist nicht fair. Mir scheint, als könne kein Wort der Welt dein Leid aufwiegen, oder auch nur den Hauch eines Einwandes bedeuten; nicht, dass ich es je wagen würde, mich gegenüber der dir ereilten Brutalität zu rechtfertigen, aber ich weiß, wie sehr mich dein Verlust mitgenommen hat, und dass ich alles in meiner Macht stehende tat, um nach dem besten mir vorhandenen Wissen dich zurückzuholen. Verachtenswerte Zungen würden entgegen, dass du es doch selber warst, die an meiner Stelle inhaftiert werden wollte, aber wäre eine solche Klarstellung wirklich zuträglich bei deiner derzeitigen Verfassung? Du erinnerst dich schließlich nicht einmal an mich; wie käme es dann wohl rüber, würde ich sagen, der Grund für all die Schmerzen warst du höchstpersönlich, als du für diesen unbekannten Kerl, der dir angeblich etwas bedeutet, eingesprungen bist? Es ist schon ausreichend, dass du mir in dem bisherigen Umfang vertraust; bevor ich dich wieder ganz verliere, sollte ich meine Erwartungen besser zurückhalten und mit dem arbeiten, was ich bereits habe. Dabei ist es eine Sache, mich als Ventil für deine innere Pein zu verwenden – und eine völlig andere, mitzuerleben, wie du dich schlechtredest. „Du bist nicht wertlos“, wende ich ein und setze mich auf das Knie vor dir ab, daran versuchend, hinter den glasigen Augen deinen Blick zu erfassen. „Es steht dir frei, über mich zu denken was immer du auch willst – vermutlich wirst du sowieso damit Recht haben. Aber ich möchte nicht, dass du so über dich sprichst.“ Etwas ohne hinreichende Begründung zu verlangen, wirkt zugegeben verdammt schwach, gleichzeitig sehe ich keine Notwendigkeit, auf eine solche Selbstverständlichkeit näher eingehen zu müssen. Von allen Geschöpfen auf der Erde solltest du am wenigsten mit dir so streng ins Gericht gehen; vor allem, wenn man gar nicht erst die Schuld an etwas trägt. „Hör zu, Eve. Nichts von dem, das ich dir sagen könnte, würde entschuldigen, was du durchmachen musstest. Ich hätte mein Leben für dich gegeben, wenn es deine Freilassung bedeutete; ich wäre lieber an deiner Stelle gewesen, damit dir all das erspart bliebe. Was immer auch erforderlich ist, damit du mir eher glaubst – es soll nicht daran scheitern, Eve. Ich kann nicht rückgängig machen, was geschehen ist, aber ich wünschte, das wäre es. Für keinen anderen Menschen außer dir gehe ich freiwillig soweit, daran hat sich auch jetzt nichts geändert. Ob du nun zur Hälfte ein Android bist oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Ich weiß, dass ich mit keiner Maschine gerade rede, sondern einem Menschen. Ich rede mit dir, Eve. Meinetwegen darf jeder andere das anders sehen; meinetwegen können sie dich für eine Waffe halten, die uns vernichten soll, und, verdammt, es ist mir auch gleich, solltest du das selber denken. Das alles ist mir egal, denn ich weiß es besser, und ich werde dich daran erinnern, sooft wie es sein muss.“
    • Schluchzend vergrabe ich mein Gesicht zwischen den zittrigen Händen und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Etwas, was mir seit Ewigkeiten verwehrt geblieben ist. All die Schmerzen, Qualen und Gemeinheiten denen ich unterlegen war und die sich über Jahre hinweg angestaut haben - verformt zu Tränen, die nun unaufhörlich über meine Wangen kullern und mich fühlen lassen, als könne ich all dies nun endlich hinter mir lassen. Die Erinnerungen werde ich wohl nie vergessen, zumindest kann ich sie dadurch halbwegs erträglicher gestalten. Ich weiß, dass ich meine Zunge hätte hüten sollen; denn ich habe kein Recht dieser Welt dazu, dich persönlich anzugreifen. Vor allem nicht dann, wenn ich keinerlei Beweisgrundlagen für meine Aussagen besitze. Du bist der einzige Mensch, der mir in dieser aussichtslosen Situation seine Hilfe angeboten hat und mich bis hierhin begleitet hat - selbst mit Nachhause nimmt. Was habe ich mir also dabei gedacht, dir solch schroffe Worte an den Kopf zu werfen? Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass ich mich noch lange nicht vollkommen kontrollieren, geschweige denn verstehen kann - nichtsdestotrotz macht dies mein Fehlverhalten nicht wett. Mit Blick auf die Zukunft ist es schließlich keinesfalls gerechtfertigt, jeden noch so kleinen Umschwung meiner Stimmung darauf zu schieben, um mich aus jeglichen Angelegenheiten rauszureden. Sollte ich wirklich daran festhalten, mein altes Leben zurückzugewinnen und an die mir bisher verborgenen Informationen gelangen wollen, darf ich die Kontrolle nicht erneut so leichtfertig verlieren. Der Kontrollverlust an sich ist genau genommen lediglich ein weiteres Indiz dafür, wie geborgen ich mich in deiner Nähe fühle. Unterbewusst ist mir klar, mich bei dir nicht verstellen zu müssen - anders als im Labor, damit sie mich nicht aussortierten. Fehlfunktionen nannten die Forscher solch Ausartungen der Gefühle und da sie sowas nicht duldeten, wurden die Prototypen vor mir der Reihe nach vernichtet. Selbstredend wollte ich nicht, dass mich dasselbe Schicksal ereilt; demnach gab ich mir größte Mühe zu dem Prototypen zu werden, den sie sich wünschten - indes darauf achtend, meine Menschlichkeit unterschwellig beizubehalten. Daraus resultierend plagt mich im Augenblick ein Gefühlschaos welches mich daran hindert, Herr meiner Sinne zu werden. Noch stellt dies keinen Grund zur Sorge dar - schlussendlich schwingt meine Laune noch nicht im Minutentakt um. Damit es dazu aber gar nicht erst kommen kann ist es umso wichtiger, dass ich mich jetzt zusammenreiße und wir schnellstmöglich vorankommen. Mein Gesicht wieder freilegend wische ich mir mit dem Ärmel des Oberteils die Tränen aus dem Gesicht und blicke dir tief in die Augen nachdem du das Wort ergreifst. Eigentlich habe ich fest damit gerechnet, dich das erste Mal wütend zu erleben. Nicht aber damit, dass du völlig ruhig bleibst, so wie ich es sonst bin. Ich wäre dir nicht einmal böse gewesen, wenn du den Spieß umgedreht hättest um mich stattdessen ins schlechte Licht zu rücken. Umso verwirrter lässt du mich ausschauen, als du rein gar nichts auf meine Worte erwiderst abgesehen von dem Part, in dem ich mich selbst fertig mache. Es macht dir also nichts aus, wenn ich beleidigend bzw. unhöflich dir gegenüber werde; jedoch, wenn ich mich selbst zum Opfer werden lasse. Interessant. Scheint fast so, als ergebe alles was du bisher sagtest einen tieferen Sinn. Von Anfang an war ich davon überzeugt, dass du mich nicht anlügst aber irgendwas an deinen Erzählungen erschien mir bisher immer faul weil ich einfach nicht glauben konnte, die Wahrheit aus deinem Munde zu hören. In genau diesem Moment machst du mir sie allerdings deutlicher als je zuvor. Noch immer kann ich deine Worte nicht für voll nehmen - das muss ich auch nicht. Es reicht mir, wenn ich die Puzzleteile am Ende unserer Reise zusammenführen kann und ein für alle Mal ein Gesamtbild zu sehen bekomme - statt mit für mich sinnlosen Fetzen bombardiert zu werden, die nur weitere Fragen aufwerfen, auf die ich keine Antworten habe. Meine Heulerei kommt langsam aber sicher zum Ende, nachdem ich auch die letzte verirrte Träne mit dem Knöchel meines Zeigefingers davon wische. „Nein, nein!“ entgegne ich dir wild mit den Händen umher fuchtelnd, um dir deine Gedanken hoffentlich aus dem Kopf schlagen zu können, bevor sie sich manifestieren. Seufzend senke ich den Kopf Richtung Boden, bevor ich erneut und beschämt zu dir aufsehe: „So.. war das nicht gemeint. Es tut mir leid.“ auch wenn meine Worte keinerlei Gewicht tragen und bereits Gesagtes nicht wieder rückgängig machen - so will ich mir zumindest diese unerträgliche Last von der Seele reden. „Das Alles ist einfach so.. schwierig nachzuvollziehen. Es kommt mir vor, als würdest du mich in und auswendig kennen, wohingegen ich nicht den blassesten Schimmer davon habe, wer du bist. Mir tut es in der Seele weh wenn ich dich anschaue und realisiere, wie bekannt und gleichzeitig fremd du mir erscheinst. Gleichzeitig weiß ich nicht einmal, wer oder was ich bin und das alles zusammengerechnet wirft mich hin und wieder aus der Bahn - verzeih mir bitte. Ich bin mir darüber im Klaren, dass mein Verhalten dadurch nicht entschuldigt werden kann aber möglicherweise lässt es mich ein wenig besser dastehen.“ Schwach lächelnd umgreife ich deinen Unterarm, mit dem du dich auf‘s Knie stützt mit meinen beiden Händen: „Alles was ich brauche ist ein funktionierender Computer oder irgend ein Terminal, von dem aus ich auf Server zugreifen kann, die mir wiederum dabei helfen, auf meine versteckten Erinnerungen zugreifen zu können. Selbst wenn das auf Anhieb nicht funktionieren sollte, kann ich uns zumindest Zeit und Gewissheit verschaffen, damit wir vor diesen Spinnern in Sicherheit bleiben. Vorausgesetzt, du möchtest mir noch helfen…“ Den letzten Part eher stotternd über die Lippen bringend, lasse ich von deinem Unterarm ab und wandere mit meinem Blick entlang der Umgebung. Allzu sicher sieht es hier nicht aus und es war bloß eine Frage der Zeit, bis die nächsten Drohnen sich anbahnen würden. „Schon irgend eine Idee, wo hier etwas für meine Wunde zu finden ist? Ich glaube nicht, dass wir alle Zeit der Welt haben oder eher gesagt will ich es nicht darauf ankommen lassen. Eigentlich möchte ich nur so schnell wie möglich weiter..“
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    • Deine unerwartete Entschuldigung, die Begründung für den plötzlichen Vorwurf, was du benötigst und die Zweifel an meiner Entschiedenheit, dich zu begleiten – jedes gesprochene Detail sauge ich aufmerksam auf, und als du fertig bist, gibt es nur wenig, das ich noch erwidern könnte. Warm lächelnd trete ich dir entgegen; die Hand sachte über der deinen gelegt, davon überzeugt, es könne dich spüren lassen, dass es nichts zu befürchten gibt - und wenn das nicht ausreicht, sollst du es nochmal zu hören bekommen: „Mach dir deswegen keine Gedanken, Eve. Ich kümmere mich darum“, erkläre ich beschwichtigend. Um alles werde ich mich fortan kümmern. Jegliche Sorge soll dir abgenommen werden, jedes Leid dich nicht erreichen und all die Angst dem Schönen erliegen. Als dein sicherer Hafen gedenke ich dir beizustehen; dir den Halt zu bieten, den du so dringend benötigst, auf dass die nächsten Tränen allenfalls der Freude entspringen.
      Je mehr ich dich vor mir betrachte, desto eher scheint sich mein Entschluss zu festigen – als ein Ziel, das es unbedingt zu erreichen gilt; dem ich mich völlig verschreiben kann, so sehr, wie ich es zuletzt für etwas tat, als wir noch einfache Jugendliche waren. Beschützen und heilen. Trotz der beunruhigenden Verletzung, beschäftigt dich weiterhin, wie wir schleunigst wegkommen, und auch wenn ich das ähnlich sehe, so halte ich diesen Ort für eine annehmbare Zwischenstation. „Es ist sicherer unter den ganzen Junkies, als in den Kanälen, bei deiner Wunde.“ Jedenfalls wäre das zutreffend, würde es sich bei dir um eine gewöhnliche Menschenfrau handeln, die keine Straßen unter Feuer legen kann. Da sich aber noch immer nicht einschätzen lässt, inwieweit deine Kraft verwendbar wäre – könnte es sich nämlich auch bloß um einen unkontrollierbaren Effekt deiner abnormalen Körperergänzungen handeln -, ist es ratsamer, bedacht vorzugehen. Die vielen Gebäudestrukturen geben im Gegensatz zu den nackten Rohren genügend Deckungsmöglichkeiten um sich im Zweifelsfall aus dem Staub zu machen, und indessen wäre die Zeit geboten, dass das Schlimmste der rotdurchtränkten Rippenregion überwunden wird. Wenn sich denn passendes Pflegematerial findet. „Ich werde mich mal kurz umsehen. Du wartest hier solange, ja?“ Eindringlich sehe ich dir in die Augen, um mich auch zu vergewissern, dass die Worte angekommen sind, ehe ich ein feststehendes Messer aus einer Seitentasche ziehe und dir reiche. „Für alle Fälle.“

      Keine fünf Minuten sind vergangen, seit ich an der Kreuzung tiefer in Richtung der Hüttenkomplexe abgebogen bin. Man könnte meinen, der schmale hölzerne Weg, auf dem wir eben noch sprachen, sieht genauso verlassen aus, nimmt man den neuen schattigen Fleck nahe der Hauptstraße außen vor. Zweifelsohne, du wirst beobachtet, und das so gut, dass es mir seit unserer Ankunft in der Drogenhalle nicht aufgefallen war. Eine herkömmliche Späher-Drohne wäre dazu gewiss nicht imstande, dafür ist der Beschattungsversuch viel zu präzise und lautlos; andererseits trifft das gleiche auf die meist blöd torkelnden Junkies zu. Von meiner Abwesenheit getrieben und vermutlich im Glauben, du stellst eine geringere, potenzielle Bedrohung dar, bahnt sich die fremde Gestalt ihren Weg, mit äußerster Umsicht, langsam zu dir vor. Die hervorstehenden, dir gegenübergelegenen Hüttenbedachungen, dienen ihr dabei als zuverlässiger Schutz, und wäre da nicht die wachsende Neugierde an deiner zerbrechlichen Form, gäbe es keinen Grund, sich bis zur schwachen Wegbeleuchtung ran zu wagen, worunter deine strahlend-funkelnden Seher, wie sie nur den Androiden entstammen können, besser zu erkennen sind. „Wusst‘ ich‘s doch“, ertönt sodann eine tiefe Stimme, kratzig und markant, dass sie einem älteren Kettenraucher gehören muss, und offensichtlich nicht mehr daran interessiert, das nähertretende Knarzen unter den Füßen zu verbergen – entweder, weil das Versteckspiel im Angesicht seines scheußlich-schweißigen Körpergestankes ohnehin keinen Sinn mehr ergäbe, oder aber, um den bestätigten Verdacht in altbekannter Manier entlohnen zu können. „Das eben war doch das Balg Jemiro, nicht? Hat sich wohl mal an ein dickes Ding getraut, ha.“ Ein leises, nur schwer zurückzuhaltendes Lachen, begleitet sein kränkliches Husten, und doch hallt es unverkennbar wider, als wolle es einen Jeden wissen lassen, dass man sich in der Gegenwart eines Mannes befindet, der viel zu lange auf der Welt weilt, um sich jetzt noch durch irgendwas aus der Ruhe zu bringen. Vom Licht schließlich eingenommen, hält er geradewegs vor dir stehend an und bemustert dich ausdruckslos. „Sie müssen die neue Waffe sein“, stellt er trocken fest. Das viele Blut an deiner Kleidung scheint ihn kalt zu lassen – überhaupt muss er wohl nicht sonderlich viel von Äußerlichkeiten halten, sieht er nämlich selber aus wie ein bettelnder Obdachloser kurz vorm Ableben. Das Gesicht wirkt müde, der Bart ist ungepflegt, das ausgedünnte Kopfhaar fettig und lang; eine militärgrüne, etwas zu groß geratene Bomberjacke bedeckt den zermürbten Körper, das olivenfarbene Hemd darunter könnte man zehnmal der Reihe nach waschen und es würde immer noch nach Ausscheidung miefen. Lediglich die dunkle Hose und belastungsfeste Stiefel deuten auf ein Mindestmaß an Würde – nicht, dass er jemals vorhätte, sich damit zu schmücken. Lieber beschränkt er seinen Fokus auf dich, während er überlegt, was mit dir zu tun sei – eine mitgenommen ausschauende Schrotflinte aus lange vergessenen Zeitaltern liegt ihm schon zur Hand, jederzeit bereit, einmal mehr zur Tat zu schreiten. Erfahrung und Abgeklärtheit sind es, die ihn an einer übereilten Reaktion hindern, gleichzeitig kommt es aber so vor, als benötige es nur einen zahmen Stups in die falsche Richtung, um ganz dem Wahnsinn zu verfallen. Für den Augenblick wird das kein Risiko sein; seine Entscheidung, wie mit dir zu verfahren ist, hat er treffen können: „Hübsche Frau, ich muss Sie bitten, mir zu folgen. Es wäre eine Schande, sollte der Junge Sie an die HA übergeben. Können Sie aufstehen? Moment, ich habe eine bessere Idee.“ Kaum spricht er das aus, hat die Waffe deine Magengegend bereits anvisiert, als ein lauter Schuss abgefeuert wird.
    • Es ist ein Reflex der meinen Körper durchströmt, meinen Beinen in einem impulsiven Gefühl der Wärme neue Kräfte verleiht und meine Hand mit einer gezielten Bewegung zum Gehäuse der Waffe schnellen lässt. Ich bin dadurch nicht nur in der Lage den tödlichen Schuss durch mein aufkommendes Adrenalin zu verhindern, sondern auch meine Stirn mit voller Wucht gegen die Nase meines Widersachers zu rammen um ihn vor Schmerzen fluchend aufschreien zu lassen. „Verdammt! Du elendes Miststück!“ Die erbärmliche Kreatur taumelt einige Schritte nach hinten und bedeckt seine Nase mit seiner freien Hand um die herausfließende rote Flüssigkeit daran zu hindern auf dem Boden eine Blutlache zu bilden, die möglicherweise zu seiner Identifizierung verhelfen könnte. Nun hält er jedoch die Schrotflinte im Anschlag, bereit, ein weiteres Mal abzufeuern; doch auch meine Reaktion – das schnelle Zücken jenes Messers, welches du mir vor kurzem anvertraut hast – folgt in einer Schnelligkeit, die selbst den Angreifer zum Erstaunen bringt. Ich bin überfordert, die Situation bedarf eine schnelle Entscheidung und eine gewalttätige Konfrontation mit Jemanden seines kampferprobten Niveaus gehört mit Abstand nicht zu meinen favorisierten Methoden die Dinge anzugehen, vor allem wenn dieser Gegenüber mir körperlich haushoch überlegen ist. So sind meine Augen vor Furcht geweitet, meine Ohren vor Vorsicht gespitzt und nur mit Mühe ist es mir möglich meinen Atem zu kontrollieren, wohingegen eine gewisse Erhöhung der Frequenz unabdingbar ist. Was soll ich schon tun? Darauf hoffen, dass du im nächsten Moment um die Ecke geschnellt kommst um mich zu retten, oder lieber die Beine in die Hand nehmen, um zu fliehen? Diese wenigen Sekunden des Zweifels und der Unsicherheit entscheiden in diesem Moment um Leben und Tod, und so fällt ein weiterer Schuss, der mich in meiner willkürlichen Bewegung nach vorne an der Seite streift, doch mich nicht davon abhält, mit dem Messer auf meinen Gegenüber einzustechen. Kein Amateur, so viel ist selbst mir klar als meine Augen vernehmen wie er ohne große Mühe meinen Stichen ausweicht. Oder wirken sie nur zu unbeholfen in Anbetracht dessen, dass mir ein solches Schicksal nie zuteil wurde und ich den Umgang mit solch einer Situation nicht gewohnt bin? Machte er sich über mich lustig? Mit diesen überheblichen Grinsen welches er mir entgegnet, während er mir achtlos den Lauf der Schrotflinte in die Seite rammt - jene Seite, die zuvor noch von einer Kugel gestreift wurde. Ich sacke zu Boden, spüre den Stiefel an meiner Wunde und beiße meine Zähne zusammen. „War das schon alles?“ Zorn, Trauer, Angst, Sehnsucht. Unkontrolliert überfluten mich die Gefühle die meine menschliche Seite mir in Anbetracht dieser Situation aufbürdet, während meine andere Seite mich dazu drängen möchte, meinen Körper achtlos als Schutzschild zu nutzen um lieber mit schweren Wunden als mit dem Tod davonzukommen. Meine Hand ummantelt den Griff des Messers, stößt die Spitze schließlich durch den Fuß des Mannes der für einen kurzen Moment vor Schmerz aufschreit und zur Krönung ein finsteres Lächeln aufsetzt. „Tut mir Leid, aber der ist nicht echt!“Ich hab ihn, das war meine Chance! Meine andere Hand hat eine Scherbe umgriffen, eine Scherbe entsprungen aus einer Glasscheibe, die dem Schuss der Schrottflinte zu verschulden war. Beweg dich Körper! Lass mich nicht hängen! Mit einer selbst mir unglaubwürdigen Geschwindigkeit schieße ich nach oben und drücke die Glasscherbe geradewegs durch das linke Auge des Mannes. Diese weiten sich schließlich, während seine verzögerte Reaktion immer noch nicht wahrzunehmen scheint, was ihm widerfahren ist. Doch als langsam die dickflüssige Substanz dem farblosen Fremdkörper entgegen quellt, verlässt seine Lippen ein unverständliches Wimmern, gefolgt von einer Rage die dazu verleitet sein ganzes Magazin zu verballern. Durch seine getrübte Sicht war es ihm nicht möglich mich zu treffen, und obwohl ich regungslos und überwältigt kerzengerade an jener Stelle verharre, verfehlen mich jegliche dem Lauf entspringenden Kugeln. Die Kraft in meinen Beinen lässt nach, drängt mich auf den Boden der Tatsachen zurück während ein verwirrtes Geräusch meine Lippen verlässt. Nun taumelt er zurück, realisiert den unglaublichen Schmerz und drückt seinen Rücken gegen die Wand, während qualvolle Schreie in der Umgebung erklingen. Ich muss hier weg! Mit seinem unnachgiebigen Geheul würde er Andere anlocken, doch dich kann ich dabei nicht zurücklassen! Wo bist du? Wie kann ich dich erreichen? Meine Fäuste schlagen mir auf die Oberschenkel, mein Wille befiehlt mir mich zu erheben und hier nicht auf deine Rettung zu warten, sondern stattdessen nach dir zu suchen um schleunigst einen sicheren Ort zu finden. So erhebe ich mich, zittrig, etwas unbeholfen, an der Wand stützend doch ziellos durch die Gassen irrend, um schließlich zu dir Aufschluss zu finden. Denn eines war sicher, jeder Ort ist in diesem Moment besser und sicherer! Aufmerksam wandern meine Blicke von links nach rechts, darauf hoffend, dich irgendwo zu erblicken. Einige Minuten vergehen und noch immer bist du nirgends auffindbar - soll ich doch nochmal zurückgehen? Nein! Wer weiß schon, ob der alte Knacker nicht immer noch dort verweilt oder bereits selbst unter furchtbaren Schmerzen dabei ist, meine Spur aufzunehmen. Anfangs habe ich mich noch darum bemüht, mit der flachen Hand Druck auf die Wunde auszuüben, um den ausstrahlenden Schmerz zu verringern und gleichzeitig die Blutung zu vermindern - durch einen kurzen Blick über die Schulter bemerke ich jedoch, dass die von mir ausgehende Spur keinesfalls zu übersehen ist. Ein paar… Meter … noch - wispere ich zu mir selbst, während meine an den Fassaden der Häuser gestützte Hand in einem unaufmerksamen Moment abrutscht und ich sogleich auf dem Boden zusammenbreche. Von Furcht durchzogene Blicke liegen auf mir, ausgehend von Menschen, die beim Gedanken mir zu helfen mit sich selbst hadern. Das alles ist meinem schrecklichen Aussehen zu verdanken sowie der Tatsache, weder einer von ihnen - noch einer von den Androiden zu sein. Meine Sicht verschwimmt, ich kann die Umgebung nicht länger erkennen. Ich lasse die Geschehnisse der letzten Stunden Revue passieren und schließe bereits mit dem Gedanken ab, hier und jetzt mein Ende zu finden - bevor meine Lider sich komplett schließen und mein letzter Gedanke, bis meine Wahrnehmung von Dunkelheit eingenommen wird, ausschließlich dir gilt.
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      ★ ★ ★ ☆ ☆
    • Auch wenn die Androiden sich der Existenz der Drogenhalle bewusst sein mögen, so scheinen selbst sie sich kaum dafür zu interessieren. Menschen ohne jeglichen Wert oder Hoffnung würden keine Bedrohung darstellen, und wenn es das Zusammenleben in unserem Distrikt erleichtert, dass sie separiert in der Kanalisation leben, dann soll das gewährt werden – nicht, dass wir ein ernsthaftes Recht auf Würde in den Augen der Feinde besäßen; den Abwasser-Knotenpunkt ein paar dahinsterbenden Junkies anzubieten, wird kaum etwas an der bitteren Realität ändern. Davon ab, wird das Untergrundsystem immer noch von den Maschinen administriert, schließlich hat der städtische Flüssigmüll auf ordnungsgemäße Weise fernab der Mauern, oder eben bei uns, weggebracht zu werden. Entsprechend gilt es, eine diverse Anzahl an Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, für den Fall, sollten Gruppierungen wie die Human Alliance auf die Idee kommen, ihre Grenzen einmal mehr zu überschreiten. Dass selbst in der Drogenhalle solche Mechanismen installiert wurden, war zwar abzusehen, andererseits überrascht es dann doch, als der Lärmpegel plötzlich massiv abfällt und das Abwasser nicht mehr abgelassen wird. Die dunkelgrün anmutende Kulisse weicht für ein warmes, aber allumfassend-blinkendes Rot – das Zeichen für einen losgelösten Alarm, weil eine Abnormalität festgestellt wurde. Geräuschsensoren müssen wohl das mehrfache Feuern einer Waffe gemessen haben. Panik macht sich unter den Bewohnern breit, unruhiges Gemurmel wird begleitet von unsicher-hastigen Bewegungen und mündet in angsterfülltem Geschrei. Als habe man den sonst so unscheinbaren Zugedröhnten ihr Ameisennest zerschlagen, finden sie sich auf einmal in Scharen wieder, überfüllen orientierungslos die Wege, in ihrem Bemühen, schleunigst das Weite zu suchen und sich in ihren Hütten zu verstecken, bis der Spuk hoffentlich ein Ende findet. Wo ich eben noch alleine in einer schmalspurigen, völlig leergefegten Straße stand, sehe ich nun haufenweise Leute zu mir reinbiegen, dass ich kaum noch das Bein ein Stück bewegen kann, ohne dadurch jemand anderes umzustoßen. Eve! Was ist geschehen? Woher kamen die Schüsse? Ich will mich umdrehen und zu dir zurückkehren, fluche innerlich jedoch wegen dieses so hoffnungslosen Unterfangens. Es sind schlicht zu viele Menschen, hier komme ich keinen einzigen Meter weiter! Davon getrieben springe ich hoch, dass ich auf einem Hüttendach lande und die Umgebung besser in den Blick kriege, als ich merke, dass die Rohre, aus welchen wir zu flüchten gedachten, nunmehr versiegelt sind; stählerne Umzäunungen halten uns hier praktisch gefangen. Verdammt, was hat das zu bedeuten?! Wissen sie, wo du bist? Ich muss schleunigst zu dir. Über die Dächer bewege ich mich vor – es ist nicht allzu weit von mir, ehe ich die Straße wiederfinde, auf der du eben noch gesessen hast, und als ich dort antreffe, ist auch das Meiste der fliehenden Meute wieder verschwunden. Doch von dir fehlt jegliche Spur. Das Zuschlagen unzähliger Haustüren bis absolutes Schweigen einkehrt, fügt sich dem Gefühl, das ich eine einmalige Gelegenheit, mit dir wiedervereint zu sein, verstreichen lassen habe. SCHEIßE! Das darf so nicht enden, niemals! Wo könntest du nur stecken? Blut ist auf dem Boden auszumachen, und eine tropfende Spur führt zur Kreuzung, in welche ich vorhin noch reingelaufen bin. Das muss von dir stammen! Ohne lange zu fackeln eile ich, um ihr zu folgen, dass mir komplett entgeht, wie auf der gegenüberliegenden Seite das Blut einer zweiten, fehlenden Person liegt. Die rotuntermalten Handabdrücke an den Wänden vermitteln einen besorgniserregenden Eindruck ob deiner Verfassung, und gepaart mit den gefallenen Schüssen, sowie dem Alarmzustand innerhalb des Knotenpunktes, graust es mir schon bei der bloßen Vorstellung, was passiert sein könnte. Über mehrere Abbiegungen hin folge ich dem noch frischen Pfad, als ich am Schluss angekommen, bis auf noch mehr Blut, nichts weiter orten kann. „EVE! HÖRST DU MICH, EVE?!“ Das Atmen wird anstrengender, Besonnenheit unterliegt zunehmend der Aufregung, während ich wild den Kopf in alle Richtungen wende, in der Hoffnung, ein Zeichen von dir auszumachen, als aus der Ferne ein dumpfer, aber klar zu hörender Schlag, wie er einem Aufprall mit hohlem Metall gleichkäme, mehrmals den gesamten Raum erfüllt. Im Glauben, das könntest du sein, sehe ich nach oben zur anzunehmenden Ursprungsquelle des Tons, und erstarre augenblicklich im Angesicht dieser unglückverheißenden Kreatur, die sich aus der viel zu engen Kanalisation, in die Drogenhalle hineinzwängt: ein Schlangensucher!

      „Der Mensch kennt den Anfang der Welt, weiß wie’s um ihr Ende ist bestellt. Der Mensch weiß genau was geschieht, und singt ihr ewiges Lied.“ Gutgelaunt stimmt der alte Mann ein langevergessenes Stück an; das Augenlicht mag ihm zwar zur Hälfte abhandengekommen sein, dass er provisorisch einen großen Teil seines verfranzten Hemdes abreißen und um die teuflisch-schmerzende Verletzung binden musste, aber die Beute hat er dennoch sicherstellen können: dich. In einem wasserfesten Sack gepackt, trägt er deinen Körper über den gekrümmten Rücken, inzwischen weit fernab des Ortes, in welchem du der Ohnmacht verfallen bist. Seit Minuten schon bebt der schmale Betontunnel, auf dem ihr voranschreitet, und immer wieder sind mechanische, gefährlich-klingende Laute zu vernehmen. „Ziemlich was los da, hm?“ Als könntest du seine Feststellung bestätigen, sieht er sich kurz über die Schulter und belächelt seine Einfältigkeit. Natürlich kannst du ihm nicht antworten. Der Blocker wurde bereits an dir angebracht. Außer dem zufriedenen Summen gibt es nichts, das ihn von deinem immer schwererwirkenden Gewicht ablenken könnte, und so quält er sich weiter durch nackte Wege vor, bis ihn letztlich eine Tür am Ende des Ganges erlösen soll. „Ah, da wären wir. Interessiert an einem lustigen Fakt, junge Dame? Haben Sie gewusst, dass diese Stadt einst von Menschen errichtet wurde? Nein? Ja, na dann müssen Sie überrascht sein, was?! Ha! …Natürlich bedeutet das auch, dass es unsere Vorfahren waren, die hier das Sagen hatten – bevor die Androiden alles umkrempelten versteht sich. Stromnetz, Lieferketten, Innere Sicherheit, und mehr… alles war in unseren Händen, da war ich selber noch halb so alt wie Sie es gerade sind. Ist das zu glauben?! Ha!“ Über einen Schlüssel öffnet der Mann laut lachend die träge, unangenehm quietschende Metalltür, und nur mit Mühe gelingt es ihm euch gleichzeitig hindurch zu befördern, ehe der Zugang von selbst wieder zufällt. Erschöpft lehnt er sich daran an, den vor sich liegenden Beutel ernst und lange bemusternd. Er hat es endlich geschafft, doch heißt das noch lange nichts. Seufzend greift er erneut zum Sack und schleift diesen durch das geräumige, viel zu grell beleuchtete Zimmer. Eine komplette Wandseite zieren unzählige, ausgeschaltete Monitore; mittig davor steht ein länglicher Schreibtisch mit, für menschliche Verhältnisse, moderner Technik, und daneben ein Liegestuhl – deine neue Sitzgelegenheit. „Das hier war mal eine Art Kontrollzentrum für die Kanalisation. Ich habe es ein wenig meinen bescheidenen Bedürfnissen angepasst.“ Grinsend hebt der Mann das untere Sackende an, dass du herausfällst und von ihm sodann auf die Liege abgesetzt wirst. „Ich mache das nicht gerne, aber sicher ist sicher.“ Fuß- wie Armfesseln werden dir angebunden und an die Standbeine deiner Sitzfläche befestigt. Sich der Jacke entledigend, schaut er anschließend überlegend zu dir und der üblen Wunde an deiner Rippenseite, bevor ein breites Lächeln sein stolzes Gesicht ziert. „Erst mein Auge, dann Sie. Ha!“ Lachend verlässt er den Raum durch eine zweite Tür in Richtung Bad - Zeit für dich wird er ab jetzt ohnehin mehr als genug haben.
    • Es dauert einige Zeit, bis ich mein volles Bewusstsein wiedererlange. Unter Schmerzen stöhnend versuche ich in Erfahrung zu bringen, wo ich mich befinde - zu meinem Bedauern erkenne ich rein gar nichts, bis auf vereinzelte Lichtstrahlen, die sich durch den Stoff des Sackes zwängen, in welchem ich mich zu diesem Zeitpunkt befinde. Ich will versuchen mich aus diesem heraus zu zwängen; schaffe es aufgrund des festen Griffes der Person, die mich scheinbar über seiner Schulter drapiert hat, nicht. Die Wunde, die sich an meiner Rippenpartie befindet, strahlt mittlerweile noch unerträglichere Schmerzen aus als zu Beginn - kein Wunder wenn man bedenkt, dass sie seit dem Vorfall nicht behandelt wurde. Ich habe eigentlich gehofft, dass meine Androidenfähigkeiten dafür sorgen, mich von sowas nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen. Immerhin wollte ich dafür sorgen, dass wir beide sicher in deinem Heim ankommen. Es ist mein Verschulden, dass wir nun getrennt voneinander sind und du dich vermutlich abermals in Gefahr begeben wirst, um mich ausfindig zu machen. Ich verspüre den Drang, aus voller Kehle zu schreien - nach dir. Aber ich weiß, das würde zu nichts führen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bin ich nicht einmal annähernd in deiner Reichweite und mein kläglicher Versuch könnte dazu führen, meinen Entführer zu provozieren. Wegen dir will ich lebend von hier fliehen und deshalb unterdrücke ich mein Verlangen, voreilige Schlüsse zu ziehen. Meine Gedanken werden unterbrochen, als ich die tiefe und mir bereits bekannte Stimme eines Mannes vernehme, dessen Worte ich nicht zuordnen kann. Er spricht in die entgegengesetzte Richtung und gefangen in diesem Sack klingt jegliches Geräusch zu gedämpft, als dass ich es richtig verstehen könnte. Das Einzige was ich deutlich zu verstehen vermag, ist seine offensichtliche Ablehnung gegenüber Androiden. Wenn er nur wüsste, dass ich einst genau so menschlich war wie er… Gerade wollte ich ihm antworten - da ertönt das Geräusch einer sich öffnenden Metalltür und ehe ich mich versehe, lässt er mich aus dem Sack rutschen, nur um mich daraufhin auf einer Liege abzusetzen. Ich möchte mich wehren, weit von hier weg kommen - doch beim Anblick seines Antlitz ist es mir nicht möglich, auf irgendeine Art und Weise zu reagieren. Damit ich dies auch künftig sein lasse, legt mein Gegenüber mir sowohl Hand- als auch Fußfesseln an. Es ist wohl eine Ironie des Schicksals; erst entfliehe ich einer Einrichtung, in welcher ich tagein tagaus in fixierter Position sämtliche Qualen über mich ergehen lassen musste - nur um mich in diesem Moment gefesselt auf einer unbequemen Liege einem mir völlig fremden Menschen wiederzufinden. Ein genauerer Blick auf sein Gesicht lässt mich die Identität dieser gespenstischen Gestalt vor mir mit dem Fremden in der Gasse feststellen. Seine Gesichtsbildung ist merkwürdig und auffallend: die längliche Nase mit viel zu großen Nüstern; Haare, die feiner und zarter sind als Spinnenfäden und die tiefen Augenringe, die von Müdigkeit zeugen. Diese einzelnen Züge, verbunden mit einer massigen Kraft und Breite der Stirn über den Schläfen bilden ein Antlitz, das ich mit Sicherheit niemals vergessen könnte. Dennoch - diese übertriebene Entwicklung der charakteristischen Einzelheiten im Gegensatz zu seinem bisherigen Auftreten hat genügt, den Ausdruck seiner Züge so zu verändern, dass ich nicht einmal weiß, ob es sich bei ihm wirklich um die Person von vorhin handelt. Wäre da nicht sein von mir verunstaltetes Auge, wäre ich bestürzt, gar entsetzt gewesen von der jetzt gespenstischen Ausstrahlung und dem übernatürlichen Strahlen seines noch vorhandenen Auges, als sein Blick den meinen trifft. Sein seidenes Haar, geziert vom Blut seiner Wunde umflutet sein Gesicht so merkwürdig wie hauchzarter Altweibersommer, dass es mir schwer fällt, dieses arabeskenhaft verschlungene Gewebe mit dem Begriff Menschenhaar in Verbindung zu setzen. Seine letzte Aussage bevor er mich allein im Raum lässt verrät mir, dass ich für ihn von geringer Wichtigkeit sein muss. Ganz davon abgesehen verstehe ich ohnehin noch nicht, was er von mir will. Zurück in der Gasse war der erste Name den dieser Mann mir entgegenbrachte, der deine. Wieso also hat er es auf mich abgesehen? Hofft er vielleicht, dass du dich auf der Suche nach mir in die Höhle des Löwens begibst? Sollte dem so sein, werde ich alles in meiner Macht Stehende daran setzen, seinem Plan einen Strich durch die Rechnung zu machen. Den Moment des Alleinseins versuche ich dafür zu nutzen, zumindest von dieser Liege runterzukommen. Leider sind sie keiner höheren Technik unterworfen, weshalb ich ihren Mechanismus nicht beeinflussen kann. Auch auf altmodische Art, indem ich meine Gliedmaßen wie verrückt unkontrolliert von links nach rechts schwinge, komme ich kein Stück weiter. Auf diesem Gebiet kennt der ältere Mann sich scheinbar insoweit aus, dass er weiß wie die Fesseln zu befestigen sind, damit man sich ihnen nicht entreißen kann. In dem Fall bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten, bis er wiederkommt und hoffentlich in Erfahrung zu bringen, was für eine Rolle ich in seinem perversen Spiel habe. Wut staut sich in meinem Inneren auf, gepaart mit leichter Angst und so setze ich zum Schreien an: „KOMM GEFÄLLIGST ZURÜCK DU….“ Ich halte inne und will mir meine noch immer stark schmerzende Wunde halten, die bei jeder noch so kleinen Anstrengung zu pulsieren beginnt - erinnere mich jedoch daran, meine Hände nicht benutzen zu können - „MIESES SCHWEIN! WAS WILLST DU VON MIR?!“

      Die gefallenen Schüsse gefolgt vom plötzlich auftretenden Tumult wahllos umher schreiender Menschen machen eine sich möglichst verdeckt haltende Frau aufmerksam. Es dauert vermutlich nicht lang, bis die Androiden ihre ersten Waffen ins Geschehen schicken und davon ausgehen, die Human Alliance hat etwas damit zutun. Ausnahmsweise hat diese allerdings nicht ihre Finger im Spiel und somit setzt auch die zierliche Frau sich in Bewegung, um die Ursache des Alarmzustandes ausfindig zu machen. Sie ist von Beginn an eine treue Anhängerin dieser Gruppierung und als eine Art Späherin unterwegs, die jegliche Neubauten und allgemeinen Aktivitäten der Androiden im Inneren des Distrikts registriert und der Human Alliance übermittelt. Innerhalb der letzten Jahre haben die Androiden sich bedauerlicherweise weiterentwickelt und sind, wenn es darum geht Bedrohungen zu dezimieren, besonders schnell unterwegs. Genau aus diesem Grund beeilt die unter einer viel zu großen Kapuze versteckte Frau sich und kommt schnellen Schrittes innerhalb weniger Minuten am Ort des Geschehens an. Auf diesem Weg befinden sich schon so gut wie keinerlei Menschen mehr; sie sind alle in ihre Häuser oder andere Unterkünfte geflohen und das Einzige, was den gesamten Weg ziert, ist eine riesige Blutspur. Sowohl an der nahegelegenen Häuserwand, als auch auf dem Boden selbst. Doch an dem Fleck, an dem die Blutlache am größten war und an dem sich normalerweise der Verursacher dessen befinden müsste - ist nichts vorzufinden. Sie lässt ihre Blicke durch die Gegend schweifen und erblickt dich, wie du angewurzelt in deiner Position verharrst und keine Anstalten machst, irgendwo hinzugehen. Das abrupte Poltern aus der nahegelegenen Kanalisation zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich und lässt sie bereits das Schlimmste vermuten. Als dann ein Schlangensucher von der Kanalisation ins Innere der Drogenhalle schlängelt - wird ihre Befürchtung bewahrheitet. Verdammte Scheiße. Wenn dieser dich oder auch sie entdeckt, ist das Verstecken unmöglich. Dafür sind sie zu schnell und einer Auseinandersetzung mit ihnen sollte man ebenfalls aus dem Weg gehen, denn diese Viecher sind nicht so leicht klein zu kriegen. Sie bemüht sich darum, hastige Bewegungen zu vermeiden und schleicht sich vorsichtig von hinten an dich heran, bevor sie ihre Hände um deinen Mund sowie deine Augen legt und dich behutsam in eine dunkle Ecke der Drogenhalle zieht, die einen Toten Winkel darstellt. Ihre Hände noch immer nicht von dir abwendend presst die Frau sich mit dem Rücken so fest wie möglich gegen die hinter ihr liegende Wand - den Schlangensucher dabei im Augenwinkel betrachtend. Es macht den Anschein, als hätte dieser euch noch nicht bemerkt während er weiterhin in der Drogenhalle umher schlängelt und die Umgebung mit seinen integrierten Sensoren analysiert. Sie zieht die Hand, die über deinen Augen ruht, ganz langsam von diesen weg und lässt nur noch die an Ort und Stelle, die sich über deinem Mund befindet. „Versuch die Luft anzuhalten und mach bloß keine Geräusche…“ wispert sie in Richtung deines linken Ohres. Wenn die Sensoren des Schlangensuchers weder Geräusche, noch Bewegungen scannen können, habt ihr eine Chance es unbeschadet aus der Halle zu schaffen. Nachdem sie davon ausgeht, dass du sie verstanden hast, entfernt sie nun ebenfalls ihre Hand von deinem Mund und sieht der Waffe der Androiden dabei zu, wie sie die gesamte Drogenhalle verwüstet - bis nichts weiter übrig ist, als Schutt und Asche. Das letzte Hab und Gut der hier nach Schutz Suchenden ist damit zunichte gemacht worden. Einige Minuten dauert es noch, bevor der Schlangensucher den Ausgang der Drogenhalle ansteuert und sein Glück scheinbar auf den Straßen des Distrikts versuchen will. Nachdem er außer Sichtweite ist, schnappt die Frau erleichtert nach Luft und entfernt sich aus der Position hinter dir. Misstrauisch blickt sie dich von Kopf bis Fuß an. Denn auch wenn du äußerlich menschlich erscheinst, traut sie dir kein Stück über den Weg. Besonders nicht, wenn du doch derjenige bist, der den Schlangensucher wie versteinert anschaute ohne einen Versuch zu wagen, dieser aussichtslos erscheinenden Lage zu entkommen. Woher soll sie auch wissen, ob du nicht mit den Androiden zusammenarbeitest und aus diesem Grunde keine Scheu vor ihrer Waffe verspürt hast. Sollte diese Annahme zutreffen, ist es fatal von ihr gewesen, dich so rücksichtslos in Sicherheit zu bringen. Von Zorn erfüllt macht sie einen Schritt auf dich zu - dabei deinen Kragen packend und starrt dir mit finsterem Blick entgegen: „Was sollte der Scheiß?! Wieso standest du einfach nur da?!“ sie hält kurz inne und bemüht sich darum, ihre Gefühle nicht die Überhand gewinnen zu lassen - „Wobei, eigentlich ist es mir egal. Selbst wenn du einer von denen bist; dieses Distrikt wird niemals gänzlich euch gehören.“ Nach Vollendung ihres Satzes löst sie den Griff um deinen Kragen und schaut in die Richtung, aus der der Schlangensucher zuvor erschienen ist. Sieht nicht so aus, als würden ihm weitere folgen - immerhin dies ist ein (wenn auch winziger) Hoffnungsschimmer. „Was ist hier überhaupt passiert? Was machst du hier?“ fragt sie dich interessiert und läuft nebenbei zurück zu der Stelle, an der sich das Ende der Blutspur befindet. Das Knacken ihrer Knie erfüllt einen Moment lang die Stille der Halle, bevor sie sich in der Hocke befindet und mit dem Zeigefinger über die Blutlache fährt. Das Blut ist noch frisch, also kann die Ursache dessen nicht allzu weit von hier entfernt sein. Dennoch macht es sie stutzig, dass in nächster Nähe keinerlei weiteres Blut aufzufinden ist. Vermutlich hat jemand bewusst versucht, weitere Spuren zu vermeiden. Da du im Gegensatz zu ihr bereits länger in der Drogenhalle verweilst, hofft sie innig auf eine Auflösung dieser unendlichen Reihe von Fragezeichen.
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