Throne of Blood - The Secret [Asphyxia&Tristale]

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    • Throne of Blood - The Secret [Asphyxia&Tristale]

      Throne of Blood - The Secret


      Es schien niemals ein Ende zu nehmen... Die Truppen des Königs hatten bereits alles was in der Nähe des Palastes lebte überrannt und drangen weiter vor, um Männer und ihre Söhne in die Armee zu rekrutieren, während sie ihre Frauen und Töchter in die Brutstätte steckten. Hierbei waren Geschöpfe wie Sylphen, Elben oder Incubus besonders beliebt, denn diese Wesen brachten stärkere Jungen und wunderschöne Mädchen zur Welt. Und wer sich gegen die Vorschriften des Königs wehrte, bezahlte mit seinem Leben. Es gab kein erbarmen und die Morde waren skrupellos. Frauen waren gezwungen Kinder zu gebären, um Soldaten von Kind an zu schrecklichen Kriegern zu erziehen und Mädchen, die noch nicht Gebärfähig waren, in die Küchen zu verbannen.




      X war eine junge Frau, die in einem der Dörfer gelebt hatte, dass ebenfalls überrannt worden, Frauen und Kinder ihren Familien entrissen worden und gezwungen waren, in Gefangenschaft zu leben. Durch den Einfall ihres größeren Bruders schleusten sie sie gemeinsam in die Armee, um nicht in eines dieser Brutstätten verrotten zu müssen. Sie schnitten ihre langen Haare ab, verdeckten ihre weiblichen Züge durch Bandagen und logen sie vier Jahre jünger, womit sie ihre zarten Gesichtszüge und die hellere Stimme erklärten. Nach einem vergangenen Jahr an hartem Training wurden die Geschwister für die Expeditionen eingeteilt. Es war ein schwerer Schlag für X, als Frau sollte sie nun die Gewalt an Frauen und Kindern ausüben, sie in Holzkäfigen zerren und sie zu dem Grauen zwingen, vor dem sie davon gelaufen war.

      Gewillt den Unschuldigen zu helfen betrat sie bei ihren Erkundungstouren allein die Häuser, während ihr Bruder Wache hielt, und verhalf ihnen zur Flucht. Allerdings blieben ihre Taten nicht unentdeckt, denn einer der Soldaten hatte die Flüchtigen aufgespürt und folterte sie bis er endlich die Wahrheit erhielt. Für dieses Vergehen blieben sie nicht ungestraft und mussten für ihr Ungehorsam büßen. Ab diesem Zeitpunkt an erhielt X einen Geleiter der ihr bei den Feldzügen nicht mehr von der Seite wich.

      Y war ein Taschendieb und typischer Abenteurer, der bisher vor einem grauenvollen Schicksal flüchten konnte, bis jedoch die Truppen des Königs ihren Weg auch in das Dorf fanden, in dem er sich gerade aufhielt. Und X hatte weiterhin keine Gelegenheit ausgelassen, Frauen und Kinder vor diesem Schrecken zu schützen und war daher in ein Zweikampf mit ihrem Aufseher geraten. Als der besagte Aufseher X ertappt hatte, als sie erneut Frauen bei der Flucht verhalf und in einen Zweikampf geriet, hatte auch Y seine Finger im Spiel und half X den größeren Mann zu bezwingen. Y hatte die Situation mit eigenen Augen beobachtet und gesehen wie X einer zierlichen Frau mit ihrem Säugling helfen wollte zu fliehen.
      Nach diesem Vorfall wurde auf X ein Suchtrupp angesetzt und sie beschlossen hatte, mit Y zu flüchten.

      @Asphyxia
    • Es war wieder soweit, nur dieses Mal ohne Finn. Ein tiefsitzender Schmerz durchfuhr Yulis Brust, nun war sie allein auf dieser Welt. Dennoch, ihr Versprechen das sie ihm gegeben hatte, unter allen Umständen zu versuchen, dieses ganze Leid auf dieser Welt zu unterbinden... Sie wollte es nicht brechen und dafür musste sie weiterhin zu den Expeditionen. "Das ist doch schier unmöglich.", seufzte Yulis leise, während sie über ihr weißes Hemd tastete um ihren Verband zu prüfen. Ihr silbriges Haar, das mittlerweile wieder wellig bis zu ihren Schultern gewachsen war, hatte sie mit einem Stück langem Stoff zu einem Knoten nach hinten gebunden und ließ etwas von ihrem Haar in Wellen in die Stirn fallen.
      In ihrer derzeitigen Situation ließ sie die Bandagen auch während dem Schlaf um ihre Brust gebunden. Im Moment stand sie unter strenger Beobachtung und bei einem unangekündigten Eintreten in ihr Zelt wollte sie vorbereitet sein. Bald müsse sie ohnehin ihr Zelt mit einem anderen Soldaten teilen müssen und ab dem Zeitpunkt blieb ihr keinerlei Privatsphäre mehr als Frau, dann würde es vermutlich auch nicht mehr lange dauern bis man herausfand das sie nicht Tamlin, sondern Yulis hieß. Schnell legte sie das Lederwams, das mit dem königlichen Wappen auf der Brust gekennzeichnet war, an, ebenso wie den Waffengurt, ehe sie aus dem schäbigen Zelt schritt.
      Einen halben Tag Fußmarsch dauerte es, bis sie das nächste Dorf erreicht hatten. Yulis war einer der Wenigen, die keines der Pferde erhalten hatte, denn durch ihr Widersetzen gegen die Befehle des Königs, war sie eindeutig miserabler behandelt worden, als die Wochen zuvor.

      Die Schreie der verzweifelten Mütter, als sie von ihren Söhnen und Töchter getrennt wurden, drang ihr in die leicht angespitzten Ohren, die unter ihrem Helm versteckt waren, sowie die brüllenden Männer die versuchten sich gegen die Truppen zur Wehr setzen und das Weinen unschuldiger Kinder. Es war ein grausamer Gedanke, sie und ihre Familie wäre anstelle dieser Menschen - würden voneinander getrennt werden und nicht wissen welch Schicksal den jeweils Anderen ereilen würde. Und deshalb konnte Yulis auch noch immer nicht das Leid der Anderen ertragen. Zu ihrem Glück beschäftigte sich ihr Aufseher gerade mit den hölzernen Käfigen die auf ihren Karren befestigt waren und nutzte den unaufmerksamen Moment um einer zierlichen Frau und ihrem Säugling ein geeignetes Versteck zu finden.
      "Tamlin!", hörte sie eine tiefe, brummende Stimme nach ihr rufen. "Schnell! Rennt in den Wald hinein, versteckt Euch im Gestrüpp und kommt erst wieder hinaus sobald wir verschwunden und die Sonne untergegangen ist!", flüsterte sie der jungen Mutter zu. "Hier ist alles leer!", rief sie mit tiefer Stimme zurück und half der verängstigten Frau noch aus dem eingezäunten Garten zu fliehen, ehe sie auf dem Absatz kehrt machte. Yulis wollte gerade durch den Hinterausgang zurück in das Haus eilen, als ihr hochgewachsener Aufseher im Türrahmen erschien. "Du Scheißkerl!", brüllte der Aufseher, "Erneut widersetzt du dich den Gesetzen!? Dafür wirst du bezahlen!". Wie erstarrt blieb sie inmitten eines kleinen Kräutergartens stehen und starrte in das wutentbrannte, gebräunte Gesicht.
      Die schwere Rüstung bedeckte jeden muskulösen Körperteil des Soldaten und machte ihn schlechter angreifbar, abgesehen davon war er ungefähr zwei Köpfe größer als Yulis, weshalb er klar im Vorteil war. Man hörte das Rasseln der schweren Rüstung als er stumm auf sie zusteuerte und die scharfe Klinge seines Schwertes bedrohlich auf sie richtete. "Richte deinem Bruder einen netten Gruß aus.", und da sauste auch schon der erste Schwerthieb zu ihr hinunter, dem sie gerade noch so mit einem Sprung zur Seite ausweichen konnte. Sie musste seinen Vorteil zu ihrem Eigen machen. Dieser Mann mochte zwar deutlich größer und kräftiger sein, Yulis jedoch war leichtfüßiger. Solange sie diesem Koloss an Mann ausweichen konnte, war sie durch ihre Flinkheit deutlich im Vorteil. Als allerdings nach Minutenlangem ausweichen erneut die scharfe Klinge auf sie hinunter sauste, blieb ihr nicht genügend Zeit um diesem Angriff erneut auszuweichen, weshalb sie den Schlag mit ihrem Schwert parierte und versuchte der aufkommenden Stärke gegen zu halten. Hasserfüllte Blicke tauschte die kämpferische Soldatin mit ihrem Gegenüber aus, ehe sie etwas hartes zurück schleuderte. Der Soldat hatte die unaufmerksame Chance genutzt und ihr einen Tritt in die Magengrube versetzt und sie somit hart auf den Boden befördert. Mit einem siegessicheren Grinsen nahm der Soldat über ihr Stellung ein, während sie wild hustete, der Tritt hatte ihr deutlich die Luft genommen.
    • Müde betrachtete er den schmalen, silbernen Ring, den er am Tag zuvor einem Reisendem aus der Tasche entnommen hatte. Er war ein alter, knochiger Mann gewesen, der seine letzten Tage mit der Erkundung der Welt verbringen wollte. Für die Armee des Königs war er zu klapprig und schwach, so konnte er kaum ein Schwert halten oder die schwere Rüstung tragen, ohne nach vorn zu kippen und gelähmt wie eine Schildkröte, die auf ihrem Panzer gelandet war, liegen bleiben zu müssen. Zumindest hatte der Alte es einer jungen Frau erzählt, die ihm aus Mitleid eine Bleibe für die Nacht angeboten hatte. Diese hatte er höflich abgelehnt, als Maddox sich in den Schatten der schlecht beleuchteten Taverne bewegt und ihm ohne zu zögern den Ring entnommen hatte. Er war noch nie so schnell aus der sicheren Taverne geflüchtet, wie an diesem Tage.
      Maddox wusste, dass der alte Ring, der wohl so alt wie sein kahler Besitzer war, nicht viel Gold bei Yurick einbringen würde. Der karge Erlös würde seinen Bauch für einen Tag füllen können. Doch es war nicht der geringe Wert des Ringes, welcher seine Magengrube zum Drehen brachte, sondern die Gravierung, die er darauf entdeckt hatte. T + L – für immer vereint.
      Maddox schlechtes Gewissen fraß ihn bei lebendigem Leibe auf. Er hatte einem armen Mann seinen wertvollsten Besitz für einen gesättigten Magen geraubt. Nicht einmal gezögert hatte er, als er seine schmalen Finger in den zerfledderten Beutel des Alten gesteckt und den Ring geschickt herausgefischt hatte. Maddox war ein Meister seines Handwerkes und seine Raubzüge bereiteten ihm nie ein schlechtes Gewissen, doch dieses Mal setzte sein unüberlegtes Handeln ihm zu. Er hatte dem Mann die letzte Erinnerung an seine Frau genommen.
      Er fragte sich, wo diese nun war. Mit Sicherheit musste sie verstorben sein. Ob sie von ihrem Mann gestohlen und in eine Brutstelle gebracht worden war, als sie noch jünger waren? Maddox hatte gehört, dass dies wohl oft passierte. Die königliche Armee riss Liebende auseinander, um den Mann der Armee zu verpflichten und die Frau in die grausamen Hände der Brutstätte zu geben. Der Taschendieb hatte einige Male beobachtet, wie die Truppen des Königs Frauen, Männer und sogar Kinder aus ihren Häusern zerrten. In diesen Momenten war er sich seines Glückes bewusst geworden. Sein adeliger Vater hatte ihn nicht anerkennen und sehen wollen, doch trotzdem hatte er seine Mutter und ihn geschützt. Bis zu ihrem Tode, denn daraufhin brach der Kontakt plötzlich ab. Maddox war gezwungenen gewesen zu flüchten. Und jetzt war er hier. In einem fremden Dorf, das er mit Sicherheit bald verlassen würde, mit einem geklauten Ring in der Hand und dem schlechten Gewissen in den rasenden Gedanken.
      Eilig steckte Maddox den Ring in seine Jackentasche und wurde eins mit den Schatten, als er auch schon den verhängnisvollen Klang der Fanfarenrufe, die er lediglich den militärischen Truppen des Königs zuordnen konnte. Aber wie konnte das sein? Hatte dieses kleine Dorf keinen Späher, der sie frühzeitig informieren konnte? Er war oft in kleinen Dörfern zutage gewesen, die einen solchen Späher auserkoren hatten. Oftmals waren die Menschen dazu in der Lage, zu flüchten, bevor die Armee eintraf. Und auch Maddox hatte sich an den Aussagen des Spähers orientiert und war abgereist. Natürlich blieben immer wieder Menschen zurück oder konnten nicht rechtzeitig gewarnt werden, weil der Späher von der Armee entdeckt worden war, doch diese Methode hatte das ein oder andere Leben gerettet.
      Mit einem rasenden Herzen in der Brust suchte Maddox Schutz in den Schatten eines kleinen Häuschens. Er könnte das Chaos, das jeden Moment ausbrechen würde, nutzen, um zu fliehen. Er müsste sich lediglich bis dahin bedeckt halten.
      Der Suchtrupp war schneller als erwartet. Es waren nur wenige Minuten zwischen der Fanfare und ihrem Betreten des Dorfes verstrichen. Kaum hatten sie einen Fuß in das schläfrige Dorf gesetzt, so begann das Geschrei der Frauen und Kinder. Maddox beobachtete, wie sie Frauen aus ihren Häusern zogen und in einen Anhänger warfen. Die Männer waren skrupellos. Keinen Funken Mitleid konnte er in ihren kalten Augen ausfindig machen. Doch ein Mann unter ihnen benahm sich verdächtig. Er war schmal und sah noch sehr jung aus. Höchstwahrscheinlich war es sein erster Einsatz und es bereitete ihm Magenschmerzen derartig mit diesen armen Menschen umzugehen. Maddox behielt ihn weiterhin im Auge als der junge Mann sich auf eine Frau mit ihrem Kind zubewegte. Doch anstatt sie ihrem Kind zu berauben und sie gefangenzunehmen, half der junge Soldat der verängstigten Mutter. Die Frau rannte davon, das Kind fest in ihren Armen umschlossen.
      Maddox konnte seinen Augen nicht trauen. Gab es doch gute Menschen unter den Soldaten? Vielleicht hatte er die Situation lediglich falsch interpretiert. Nein, er wusste, was er gesehen und gehört hatte. Und dies schien ihm ein anderer Soldat gleichzutun. Ein älterer, groß gebauter Mann bewegte sich auf den kleinen Soldaten zu. In jeden Augenblick würde der Kopf des armen Jungen über den Boden rollen. Er würde als Held für die junge Mutter und ihr Kind sterben, doch als Deserteur in den Rängen des Königs und des Militärs in Erinnerung bleiben. Der kräftige Soldat holte mit seinem riesigen Schwert zum Hieb aus, aber das scharfe Metall traf nicht auf das zarte Fleisch des Jungen. Er war ausgewichen. Maddox staunte. Der jüngere Soldat schien zu wissen, dass er körperlich unterlegen war, doch seinen Körper zu seinen Vorteilen nutzen konnte. Mit großen Augen beobachtete Maddox das Spektakel, während das Dorf um sie herum weiterhin im Chaos versank. Immer wieder wich der Soldat den Schwerthieben seines Vorgesetzten aus, doch sein Glück verließ ihn in jenen Moment. Er stolperte und fiel zu Boden. Maddox musste etwas unternehmen! Aber was? Er war kein Kämpfer. Er war ein einfacher Taschendieb, der sich aus direkten Konfrontationen heraushielt. Jedoch konnte er diesen Jungen nicht sterben lassen. Er hatte zwei verzweifelten Menschen geholfen. Ihn seinem Schicksal zu überlassen, wäre nicht richtig. Maddox könnte es sich nie verzeihen.
      Aufgeregt sah er sich um. Er hatte kein Schwert und auch keine andere Waffe, die die Rüstung des Mannes hätte durchbohren können. Aber er erblickte etwas, das den Soldaten für einige Zeit kampfunfähig machen würde.

      Langsam und bedacht keinen vermeidbaren Lärm zu verursachen, pirschte Maddox sich an den Soldaten heran, der sein Schwert hocherhoben und zum finalen Schlag ansetzen wollte. Doch der Hieb, der das Leben des jungen Soldaten beenden sollte, würde niemals kommen. Eilig stand Maddox auf und ließ den riesigen Stein, den er neben dem Haus gefunden hatte, auf eine ungeschützte Stelle des Kopfes des Soldaten niederregnen. Das Schwert fiel ihm aus den erstarrten Händen und landete auf dem grünen Gras. Der wütende Soldat hatte sich umdrehen, nach seinem Angreifer sehen wollen, doch noch bevor er einen Blick auf Maddox erhaschen konnte, war er zu Boden gegangen.
      Endlich konnte Maddox einen Blick auf den Soldaten erhaschen, dessen Leben er gerettet hatte. Das schlechte Gewissen über den Diebstahl des Ringes war beinahe vergessen. Wie er bereits vermutet hatte, war der Soldat jung. Mit Sicherheit war er um einiges jünger als Maddox. Man musste ihm seiner Familie entrissen und zum Soldaten ausgebildet haben.
      Maddox streckte ihm seine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. „Wir müssen uns beeilen. Es wird nicht lange dauern, bis die anderen Soldaten von ihren Raubzügen wiederkehren und ihn bewusstlos am Boden auffinden“, sprach er atemlos. Die ganze Situation setzte ihm sichtlich zu. „Folge mir.“ Maddox rannte voraus, darauf bedacht die Schatten zu seinem Vorteil zu nutzen. Vorsichtig spähte er voraus und glücklicherweise befand sich kein Soldat in der Nähe des Pfades, der sie direkt zum Wald führen würde. Er deutete dem Soldaten ruhig zu bleiben und schritt voran. Schon bald hatten sie den schützenden Wald erreicht und die Schreie der Menschen sowie das Dorf hinter sich gelassen. Als Maddox die panischen Laute der Dorfbewohner nur noch schwach vernehmen konnte, entschied er sich anzuhalten. Sie hatten einen ausreichenden Abstand zum Dorf aufgebaut. Müde und erschöpft lehnte sich Maddox gegen einen dünnen Baumstamm. „Das ging noch einmal gut“, murmelte er und fuhr sich mit der Hand durch das braune, zerzauste Haar.
      „Ist alles in Ordnung? Hast du Wunden?“ Erneut ließ Maddox seinen Blick über den Körper des Jüngeren gleiten und konnte vorerst keine tödlichen Verletzungen ausfindig machen. Doch zu sicher konnte er sich nicht sein. „Hier sollten wir vorerst sicher sein. Nach diesem Wald kommt kein weiteres Dorf. Sie werden wahrscheinlich nach Norden weiterziehen.“
    • Hustend und nach Luft schnappend krümmte Yulis sich zwischen Petersilie, Bohnenkraut, Kresse und etlich weiteren Kräutern die sie mit ihrem Aufprall geplättet hatte. Der Tritt in ihre Magengrube hatte ihr buchstäblich die Luft aus den Lungen befördert.
      Außer Atem wanderte ihr Blick von den Kräutern zu ihrem hochgewachsenen Aufseher hinauf, dessen muskelbepackter Körper von einer eisernen Rüstung geschützt wurde. Die scharfe Klinge seines Schwertes blitzte in der Sonne und wurde, wie jeden Morgen, von einem der jungen Soldaten, die ebenfalls nur ihre Familie beschützen wollten, von Kämpfen vom Vortag gesäubert. Und nun sollte sie es sein, dessen Blut an dieser Klinge kleben würde. Diesmal gab es keine Gnade, auch wenn Yulis ihr verschontes Leben so nicht wollte. Lieber wäre sie ihrem Bruder und ihren Eltern gefolgt. All ihre Liebenden hatte man ihr genommen.
      "Du und dein Bruder seid nichts anderes als Bastarde.", sollten die letzten Worte sein die sie zu hören bekam. Er holte bereits zu seinem letzten Hieb aus, während Yulis den Kopf in den Dreck fallen ließ und zum sonnenklaren Himmel starrte. Ihre Augen brannten und Tränen verschwammen ihre Sicht. Sie vermisste ihr altes Leben. Ihre Familie, die Wärme und Liebe die sie jeden Tag spüren durfte. Die liebevollen Worte ihrer Mutter, die lebensfrohe Art ihres Vaters und die rebellische Art ihres Bruders. Sie hatte ihr Versprechen eingehalten das sie Finn einst gab und nun durfte sie zu ihnen zurückkehren. Zu ihrer Familie.
      Yulis war bereit für das Dunkle, das sie einhüllen, für die Kälte die ihren Körper einnehmen und die Stille die sie umgeben würde.
      Gerade als sie ihre Augen schließen wollte, war ein dumpfes Geräusch zu hören und daraufhin das Schwert zu sehen das ins Gras fiel. Ungläubig stützte Yulis sich auf und rieb mit ihren Handballen die Tränen fort. Ihre grünen Augen folgten ihrem Aufseher, wie auch er ins Gras fiel. Scheinbar bewusstlos. Ihr Blick schnellte zurück und blickte in das fremde Gesicht eines jungen Mannes. Sie glaubte ihren eigenen Augen nicht, starrte ihn lediglich an ohne ein Wort zu verlieren. Dieser junge Mann hatte ihr das Leben gerettet. War er ebenfalls ein Bewohner dieses Dorfes? Womöglich gar der Mann der jungen Mutter? Zumindest schienen sie im gleichen Alter zu sein. Statt einer scharfen Klinge, die ihr das Leben rauben sollte, war es die Hand des Fremden, die ihr das weitere Leben schenkte.
      Yulis verschwendete keinen weiteren Gedanken und legte ihre schmale Hand, die schwielig vom täglichen Training geworden war in seine und zog sich mit seiner Hilfe auf die Beine. Ein plötzlich, stechender Schmerz zog ihr durch die Magengrube, was sie schwer aufatmen ließ. Bei seinem Tritt musste er eine Rippe getroffen haben. Aber sie durfte sich jetzt keine Pause gönnen, sie mussten schnellstens verschwinden, ehe sie beide für ihre Taten büßen mussten. Als Antwort gab sie nur ein knappes Nicken und folgte ihm. Für Fragen war keine Zeit, die konnte sie auch noch später stellen.
      Ihr Herz schlug wie wild gegen ihre Brust, als sie jeden einzelnen Schritt genauso setzte wie der Fremde vor ihr. Alles in ihr schrie diesem Mann nicht zu folgen, niemandem mehr war zu trauen. Aber es waren die verzweifelten Schreie der Frauen, das wutvolle Brüllen ihrer Männer und die spöttischen Anweisungen der Soldaten die in der Ferne zu hören waren und sie antrieb weiter zu gehen. Sie hatte alles in ihrer Macht stehende getan um den Bewohnern zu helfen, nun war sie wieder an der Reihe zu flüchten.
      Der junge Mann führte sie einen unbewachten Pfad entlang, direkt in den Wald in dem auch die junger Mutter geflüchtet war. Erst als die verzweifelten und panischen Rufe der Bewohner, ebenso wie das Wüten der Soldaten kaum noch zu hören war, wurden sie langsamer und fanden, hinter Bäumen und Büschen, kurzen Rast. Als sie sich atemlos auf einen Baumstumpf setzte, spürte sie erneut den stechenden Schmerz und verzog das Gesicht. Ein schmerzhaftes Stöhnen entglitt ihren Lippen und tastete über den schmerzvollsten Bereich. Womöglich war eine Rippe geprellt... "Alles in Ordnung.", ihre Stimme klang viel zu sanft und hell. Als Tamlin sprach sie nicht viel, zumindest nicht mit den anderen Soldaten weshalb ihre Stimme kein Problem darstellte. Ohnehin hatte sie sich jünger vorgestellt als sie eigentlich war und konnte es auf die 'Pubertät' schieben, auch wenn in diesem Alter die heranwachsenden Jungen schon eine feste Stimme besaßen. Nun, niemand würde jemals in Frage stellen sie sei nicht vom männlichen Geschlecht, denn keine Frau würde sich der Armee anschließen, geschweigedenn ein Schwert führen können.
      Es waren die ersten Worte die sie an den Fremden richtete. Wie immer versuchte Yulis sich daran ihre Stimme nicht zu weiblich klingen zu lassen und verstellte sie. "Nach Norden, ja.", bestätigte Yulis mit Schmerz verzogenem Gesicht. "Wir haben jedoch den Befehl Niemandem im Dorf unbeschadet zu lassen und sie werden nicht aufhören bis sie ihr Ziel erreichen.". Bei dem Gedanken wie die Frauen, die sie zu ihrem Lager entführten, am nächsten Morgen abholten und zu den Stätten brachten, drehte sich ihr Magen. "Hab Dank. Dafür das du mich gerettet hast, aber ich kann diese Leute nicht diesem grausamen Schicksal überlassen.". Überzeugt einen Weg zu finden diesen Menschen zu helfen erhob sie sich, den Schmerz ignoriert, und näherte sich den Büschen die sie vor Blicken der Soldaten schützten. Vorsichtig schob sie die schmalen Äste der Büsche zur Seite um eine bessere Sicht zum Dorf zu erlangen. Und da lag sie.
      In der Sonne glänzten die roten Strähnen in den goldenen Locken und die zarte Haut war blass. Ihre Haselnussbraunen Augen starrten sie direkt an und ihre Hand war nach ihr ausgestreckt. Nach dem Wald. Nach der Freiheit für sie und ihr Kind. Es lag unter ihr. Stumm. Erstickt. Ein Pfeil ragte aus ihrer Schulter, ein anderer aus ihrem Schädel. "Es tut mir so leid.", murmelte sie leise. Yulis hatte sie nicht bemerkt als sie in den Wald geflüchtet waren. Sie hatte geglaubt die junge Mutter hatte es geschafft... Ein unwohles Gefühl durchflutete ihren Körper und glaubte, sich gleich zu übergeben. Es war nicht der erste Überfall dem sie beiwohnte, dennoch war die Übelkeit noch immer nicht verschwunden. Daran konnte sie sich nicht gewöhnen. "Ich weiß du kennst mich nicht.", begann sie dann und wandte sich zum Fremden um, "Oder traust mir nicht weil ich ebenfalls in den Reihen der königlichen Armee stehe, jedoch mache ich das nicht aus Vergnügen. Ich muss diesen Leuten helfen, ich kann sie nicht dieser Hölle überlassen und könnte Hilfe gebrauchen. Der Käfig. Wenn ich ihn sabotiere, haben sie eine Chance zu flüchten. Während dem Marsch zurück zum Lager achten Sie nicht auf das, was darin geschieht. Sie könnten unbemerkt entkommen.".
    • Maddox war sich nicht sicher, ob seine Taten im Reich der Realität stattgefunden hatten, oder ob er lediglich einen lebhaften und wahrlich erschreckenden Traum beiwohnte. Doch die Schmerzen in seiner Brust, sowie den grünen Waldboden, den er unter seinen rauen Fingern ertastete, überzeugten ihn von der grauenvollen Realität. Er war Zeuge einer grauenerregenden Begebenheit geworden, die ihn in seine Albträume verfolgen würde. Nie mehr würde er die herzzerreißenden Schreie der Frauen und Kinder vergessen können. Diese waren für immer in sein Gedächtnis eingebrannt.
      Der junge Taschendieb fasste sich an die Brust und versuchte seinen rasendem Herzen und seinem unregelmäßigen Atem Einhalt zu gebieten. Die auffällig helle Stimme des jungen Soldaten, richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf den Jungen, den er soeben gerettet hatte.Welch dummes Kind, dachte er bei sich. Sich seinem Hauptmann und Reich derartig zu widersetzen, grenzt an einem Selbstmordversuch. Doch wahrlich musste Maddox ebenso dumm sein, denn hatte er dem Knaben geholfen und sich somit zu einem direkten Feind des Königs gemacht. Bereuen tat er seine Entscheidung allerdings nicht. „Bist du dir sicher? Du hast einige harte Hiebe mit deinem kleinen Körper abgefangen“, hakte der Ältere nach. Er glaubte dem sturen Jungen nicht. Ein solch zierlicher und kleiner Körper, steckte derartige Hiebe, die die Intention zu töten hatten, nicht einfach weg. Jedoch ließ Maddox das Thema auf sich beruhen, als der Soldat plötzlich aufsprang und verkündete die armen Dorfbewohner nicht zurückzulassen. Das konnte unmöglich sein Ernst sein! Maddox hatte diesen Jungen nicht vor dem Tode bewahrt, sodass dieser direkt wieder auf sein Unglück zustürmen konnte. „Dein Mut und Entschlossenheit sind bewundernswert, doch nützt du jenen Frauen und Kindern nichts, wenn du unüberlegt zurückkehrst und dein Leben beendet wird, noch bevor du ihnen helfen kannst.“ Maddox war sich nicht sicher, ob seine Worte die Ohren des jungen Soldaten erreicht hatten. Der Junge starrte reglos auf etwas, das er hinter dem blick-sicheren Schutz der Büsche erspäht hatte. Er rückte näher heran und folgte dem Blick des Jungens. So viel Blut und Grauen. Maddox blinzelte mehrfach, um sich zu versichern, dass jener Anblick nicht ein Scherz seines trügerischen Verstandes war. Doch egal wie oft er seine Augen schloss, das Bild vor seinen Augen veränderte sich nicht. Reglos lag sie am Boden. Ihr armes Kind eng mit einem Arm umschlossen, als wollte sie es vor jeglichem Bösen beschützen. Der andere Arm war ausgestreckt als wäre die Freiheit in menschlicher Gestalt vor ihr erschienen und hatte ihrseine Hand reichen wollen. Aber ohne Erfolg. Er schaffte es nicht ihr in die Augen zu sehen. Es würde ihn auf ewig verfolgen. Hätte er vorher eingreifen sollen? Wenn er schneller gehandelt hätte, so wäre dieses arme Ding und ihr Kind, das niemals die Wunder der Welt erleben würde, vielleicht noch am Leben.
      Der Soldat drehte sich mit einem entschlossenem Blick zu ihm um. Maddox erahnte, was nun folgen würde. Er lauschte seinen Worten aufmerksam und schüttelte sachte seinen dunklen Schopf. „Es ist Selbstmord dort herunterzustürmen“, entgegnete er sanft. Er wollte den jungen Mann nicht angreifen oder ihm seine Hoffnungen nehmen, doch würde er in seinem jetzigen Zustand nur wenig ausrichten können. „Es ist ein guter Plan, kein Zweifel, doch du darfst dich selbst nicht vergessen. Du bist verletzt und erschöpft. Bevor du zurück gehst, solltest du dich ausruhen. Wir sollten uns vorbereiten und die Gegend auskundschaften. Dein Verrat wird bald unter all deinen vorherigen Kameraden bekannt sein und sie werden noch wachsamer werden.“ Maddox legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihn an. „Ich helfe dir. Ich stecke nun zu tief drin. Aber vorerst wirst du dich ausruhen und wir überlegen uns, wie wir den Plan ausführen wollen. Bald wird es dunkel. Vielleicht schaffen wir es in der Nacht zuzuschlagen.“
      Er ließ den Knaben los, richtete sich auf und lief an den Büschen vorbei. Er bewegte sich auf die Tote und ihr Kind zu. „Und vorerst möchte ich ihr und ihrem Kind die angemessene Ruhe erweisen. Ich möchte sie nicht hier liegen und verwesen lassen.“ Er beugte sich zu ihr herunter und drehte sie auf ihren Rücken. Sanft wischte er das Blut aus ihrem Gesicht. Das Gleiche tat er mit dem kleinen Gesicht des Säuglings. „Vielleicht finden wir irgendwo im Wald einen schönen Platz“, sagte er zuversichtlich und suchte den Blick des Jungens. Er musste jünger sein als Maddox angenommen hatte. Seine Stimme war so hell. Andere Jungen in seinem Alter hatten durch die Pubertät einen Wandel, wodurch die Stimme dunkler wurde. Der Soldat schien diesen Wandel noch nicht vollzogen zu haben. „Wie ist eigentlich dein Name?“
      Maddox richtete sich erneut auf und trat nun von der Toten, nachdem er die Pfeile aus ihrem Körper entfernt hatte. Wahrlich kein schöner Anblick, doch wollte er sie nicht mit diesen in ihrem zierlichen Körper beisetzen.
    • So sehr ihre Rippen auch schmerzten, Yulis wollte und konnte diese Bewohner keinem grausamen Schicksal überlassen. "Ich bin mir sicher. Welch schreckliche Ausrede sich wegen einer solch Kleinigkeit über das Leben von so vielen Anderen zu stellen.", damit tat sie die Worte ihres Retters ab. Es war wohl noch immer das Adrenalin das ihren Schmerz noch milderte und sie deshalb an keine kurze Rast dachte. Der Gedanke, sie könnte anstelle dieser Frauen sein brachte sie noch um den Verstand. Sie wusste wie schmerzlich es war durch diesen Krieg ihre Familie zu verlieren und hatte deshalb mit ihrem Bruder den Wehrlosen geholfen, bevor sie ihn auch verlor. Jetzt, wo sie nichts mehr zu verlieren hatte als ihr eigenes Leben wurde die Intention, den Hilflosen zu helfen, von Minute zu Minute größer.
      Um einen besseren Überblick zu erhaschen, linste sie zwischen den Büschen hindurch, erspähte dann jedoch die junge Mutter, die reglos im saftig grünen Gras lag. Das hätte sie sein können. Sie und ihr Kind, das die wundersame Welt nicht erkunden durfte. Ihr Hals war trocken, ihr Magen wand sich und ihre Augen wurden glasig. Solch einen Anblick musste sie nicht zum ersten mal ertragen.
      Eine tiefe Stimme drang in ihre Ohren, aber die Worte erreichten sie nicht. Die Trauer um die junge Mutter und ihres Säuglings waren zu groß und ihre Gedanken zu laut, als das sie verstehen konnte was er sagte. Yulis war fest entschlossen, sie musste etwas gegen diese Gewalt unternehmen und hatte ihre Idee dem Fremden daraufhin mitgeteilt. Aber es lag ein Widerspruch in der Antwort des jungen Mannes. Yulis wollte dagegen protestieren, ihm an den Kopf werfen ein Feigling zu sein und allein in das Dorf zurück stürmen, aber bevor sie die richtigen Worte fand, war sie sichtlich überrascht seine Nächsten zu hören. Als er seine Hand auf ihre zierliche Schulter legte, zuckte sie sofort zurück. Jede Art von Körperkontakt vermied sie. Ihr eigenartiges Verhalten bezüglich Berührungen hatten ihre Kameraden mit der Begründung abgetan, weil die Armee ihre Eltern ermordet hatten und sie weitgehend nichts mit ihnen zutun haben wollte. Und das gab ihnen nur noch mehr Feuer gegen Finn und sie zu schießen. Ihre Augen verfolgten den jungen Mann, als er sich von ihr entfernte und der toten Mutter näherte und trat ebenfalls aus ihrer Deckung hervor. Seine Worte berührten sie, ebenso wie die Geste als er das Blut von ihrem Gesicht und das des Säuglings fortwischte. Zwischen all dem Hass und der Gewalt in der Armee, war es lange Zeit nur die liebevollen Momente mit ihrem Bruder gewesen die sie genießen konnte. Und wenn sie in ein Dorf eingefallen waren, dann war auch nichts anderes zu spüren als Leid und Verzweiflung. Menschen und andere Wesen waren egoistischer geworden und wollten nur ihr eigenes Wohl. Solang es ihnen gut ging, ließen sie Gewalt an Andere gewähren. Aber dieser Fremde wollte ihr helfen den Bewohnern Freiheit zu schenken. Obwohl er sie nicht kannte und das Wappen, das auf ihrem Lederwams bestickt war, deutlich erkennen konnte. Trotz ihres Verhaltens gehörte sie der Armee an. Er schien es gar nicht in Erwägung zu ziehen, das all dies nur ein geplanter Hinterhalt war um jemanden wie ihn zu fassen. Ihr Blick traf nun auf den des Fremden. "Dann werde ich erst nach einem geeigneten Ort suchen, bevor wir sie durch den gesamten Wald tragen.", meinte sie und wandte sich bereits zum Gehen um, blickte bei seiner Frage aber nochmal über ihre Schulter. Einen Moment lang musterte sie ihn von Kopf bis Fuß. Er musste in ihrem Alter sein. "Tamlin.", antwortete sie knapp, fragte jedoch nicht nach seinem Namen und verschwand im Wald.
      Die Sonne tauchte den Himmel in wunderschöne rot und lilatöne als sie unterging und durchflutete auch den Wald mit ihren zauberhaften Farben. Die hochgewachsenen Bäume trugen saftig grüne Blätter und der Boden war gefleckt von grünem Gras, Moos und Erde. Kaum Blumen wuchsen auf der Erde, außer kleine Aronstab oder Bärlauch. Seufzend durchfuhr Yulis sich durch das silbrige Haar und lehnte sich, als sie glaubte aus dem Sichtfeld des jungen Mannes verschwunden zu sein, gegen einen prächtigen Stamm. Diese Frau, eine junge Mutter... Immer wieder musste sie daran denken, daß sie an ihrer Stelle hätte sein können. Das Gefühl als würde ihr Hals ihr die Luft abschnüren verstärkte sich. Wären diese Männer nie in ihr Dorf eingedrungen... womöglich hätte so ihre Zukunft aussehen können. Tief atmete Yulis ein, stockte aber sofort und krümmte sich. Ein stechender Schmerz in ihrem Brustbereich schnürte ihr endgültig den Atem ab. Mit Schmerz verzogenem Gesicht zog sie vorsichtig den Schwertgurt aus, dann den Lederwams und ließ sie in den Dreck fallen, das Leinenhemd zog sie etwas hoch um ihre nackte Haut zu begutachten. Schon jetzt konnte sie sehen wie sich ein Bluterguss über ihren Magenbereich und Brust erstreckte und anschwellte. "Verdammt. So eine Scheiße.", fluchend zog sie das Hemd wieder hinunter. Den Lederwams ließ sie im Dreck liegen, ohnehin war er ihr zu groß und würde sie bei ihrem Vorhaben nur noch langsamer machen, ihren Waffengurt legte sie jedoch wieder an.
      In Gedanken versunken, wie sie ihren Rettungsversuch ausführen sollten, streifte sie durch den Wald und ignorierte den immer größer werdenden Schmerz in ihrer Brust und suchte nach einem geeigneten Ort für ein Begräbnis. Oder wie auch immer sie ihnen beiwohnen konnten. Und erst als sie einen geeigneten Ort fand kehrte sie zum Fremden und der Toten zurück.
      "Ich habe ein Blumenfeld gefunden, ansonsten gibt es in diesem Wald kein sonderlich geeigneten Fleck.", sagte Yulis als sie zurückkehrte und näherte sich der Leiche. Ihr ein weiteres Mal ins Gesicht sehen konnte sie nicht, auch nicht dem Säugling. "Einer unter die Beine, einer unter den Armen. Sie ist zu schwer als sie allein zum Feld zu tragen, durch ihren tot hat sie keine Muskelanspannung mehr und wirkt schwerer.", leider war es nicht das erste Mal das sie eine Leiche fort trug, weshalb sie ihre Worte so erschreckend leichtfertig aussprach. Yulis würde die Beine nehmen und sie zum besagten Blumenfeld führen, hob er die junge Mutter an den Armen. "Wie lautet dein Name?", fragte sie dann.
    • Tamlin, so wie sich der Junge ihm vorgestellt hatte, schien nicht sehr gesprächig zu sein. Verwundern tat es Maddox nicht. Die Grauen, die diese jungen Augen hatten mitansehen müssen, waren mit Sicherheit schrecklich gewesen. Wahrscheinlich wäre er ebenfalls ein ruhiger und in sich gekehrter Geselle, wenn er der königlichen Armee hätte beitreten müssen. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn sein adeliger Vater ihn nicht versteckt und man ihm seiner lieben Mutter entrissen hätte? Wäre er zu einem kaltblütigen Soldaten herangezogen worden, der lediglich das Herbeiführen von Leid verstand? Oder hätte ihn gar das Training den Gar ausgemacht? Maddox war kein Kämpfer. Er scheute einen direkten Konflikt und zog es vor, seine Angelegenheiten in der sicheren Umarmung der Schatten zu regeln. Seine Waffen waren ein kleiner Dolch und sein Verstand, kein eisernes Schwert, das jemanden ohne jeglichen Aufwand in die Arme Gottes treiben konnte. Dies würde sich vermutlich niemals ändern.
      Der Dunkelhaarige nickte knapp, als Tamlin verkündete, nach einem geeigneten Platz für die tote Mutter und ihr Kind zu suchen. Es mochte keine gute Idee zu sein den verwundeten Soldaten allein gehen zu lassen, doch wollte ihm Maddox etwas Zeit zum Nachdenken geben. Eine Flucht war mit seinen Verletzungen ohnehin nicht möglich. Ein weiterer Grund, weswegen er ihn gehen ließ.
      Ein letztes Mal warf er einen Blick auf das verstorbene Paar, ehe er seine eigene Erkundung der Umgebung antrat. Der Wald war friedlich. Außer dem Zwitschern der fröhlichen Vögel, dem Rascheln der Blätter und Maddox gedämpfte Fußstapfen auf dem moosigen Boden war kein Geräusch zu vernehmen. Die Leidensrufe der Bewohner waren gänzlich verstummt. In diesem Moment konnte er sich beinahe davon überzeugen den gewaltsamen Übergriff vor einigen Minuten nur geträumt zu haben. Doch die wiederkehrenden Erinnerungen, die sich fest in seinem Gedächtnis eingebrannt hatten, belehrten ihm eines Besseren. So viel Leid hatte er noch nie zu Gesicht bekommen, so war er der Armee stets einen Schritt voraus, um ihnen bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Das Letzte, was er zu seinen Lebtagen erleben wollte, war erwischt zu werden und sich der Armee verpflichten zu müssen.
      Von Weitem erspähte er die brennenden Häuser des Dorfes. Unverzeihlich! Vermutlich hatten sie das Feuer gelegt, um Frauen und Männer aus ihren Verstecken zu treiben. Maddox wollte sich nicht vorstellen, wie viele unschuldige Menschen der blutrünstigen Armee aus Verzweiflung in die Arme gelaufen waren. Und wie viele von ihnen in ihren einst sicheren Verstecken umgekommen sind. Eifrig schüttelte er die Gedanken aus seinem Kopf. Er musste sich konzentrieren. Vorsichtig und darauf bedacht keinen unnötigen Lärm von sich zugeben, um mögliche Soldaten, die die Wälder durchsuchten aus dem Weg zu gehen, wagte er sich aus seinem Versteck hinter einem dicken Baum hervor und kletterte auf jenen, um einen besseren Blick auf das Dorf zu erhaschen. Leichen. Zerstörte und brennende Heime. Noch mehr Leichen. Maddox konnte seinen Augen keinen Glauben schenken. Wie konnte ein Wesen so etwas tun? Hatten diese Soldaten kein Mitleid? Fürchteten sie den eigenen Tod so sehr, dass sie anderen dies antun konnten? Ihm wurde übel und sein Magen schien sich zu überschlagen. Durch seinen Kopf rasten tausende aufgehaltene Gedanken. Trotzdem ließ er den suchenden Blick ein letztes Mal über die Überreste des Dorfes gleiten. Es waren keine Soldaten zu erkennen. Waren sie bereits weitergezogen oder hatten in der Nähe ein Lager aufgeschlagen?

      Als Maddox zu Tamlin zurückkehrte, war er allein. Abgesehen von der Mutter und ihrem Kind. Hoffentlich war dem Jungen nichts zugestoßen. Seufzend ließ er sich auf dem trockenen Waldboden nieder und schlug die Hände vor das Gesicht. Seine Augen fielen wie auf Befehl zu. Die Ereignisse des Tages holten ihn ein. Der Stress und die Angst überrannten ihn. Er war so müde. Sicherlich würde er seinen erschöpften Körper und Geist für ein paar Momente Ruhe gönnen können. Gerade als er seinem Wunsch nachkommen wollte, vernahm er Schritte. Blitzschnell richtete er sich auf und sah in die Richtung, aus welcher er die Fußstapfen vernommen hatte. Er hatte mit einem Soldaten gerechnet, doch glücklicherweise hatte er dieses Mal falsch gelegen. Vor ihm stand kein Soldat in voller Rüstung, sondern Tamlin, der ihm von einem schönen Ort berichtete, an dem sie die Mutter und ihr Kind zur letzten Ruh beisetzen konnten. Maddox schaffte es lediglich zu nicken und bewegte sich auf die Mutter zu. Den Säugling legte er erneut auf die Brust der jungen Frau. Er befolgte die Anweisung Tamlins und hob die Leiche an ihren steifen Armen an. Sie war wirklich schwer, dabei erweckte ihr abgemagerter Körper nicht diesen Anschein. „Mein Name ist Maddox“, erwiderte er knapp und ließ sich vom Jungen zum besagten Blumenfeld führen.
      Der besagte Ort war wirklich schön. Sie konnten die beiden Unglücklichen nicht begraben, da sie keine Schaufeln zur Hand hatten, doch würden sie sie zwischen die prachtvollen Blumen legen können. Nachdem sie einen geeigneten Platz gefunden hatten, ließ Maddox die Leiche vorsichtig herunter. Obwohl sie vor kurzer Zeit noch gelebt hatte, war sie bereits eiskalt gewesen. Jegliche Anzeichen von einem Leben waren in wenigen Augenblicken ausgemerzt worden. „Während du nach einem passenden Ort gesucht hast, bin ich in die Nähe des Dorfes zurückgekehrt“, begann er, zögerte daraufhin jedoch. „Ich habe keine Soldaten gesehen. Dafür allerdings das Leid, dass sie zurückgelassen haben.“ Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch die dunklen Locken. „Bei Nacht könnte ich die Gegend noch etwas kundschaften, um herauszufinden, wohin sie sind. Vielleicht könnten wir direkt diese Nacht zuschlagen.“ Maddox verspürte ein Gefühl, das er bisher nicht kennengelernt hatte. Rache. Es machte ihn wütend, wie die Leben hunderter – nein tausender – Menschen in einem Wimpernschlag ohne jegliche Rücksicht zerstört wurden. Er wollte jene rächen, die ihr Leben geben und jene, die einem Leben voller Qualen entgegenblicken mussten. „Natürlich nur, wenn deine Verletzung dir nicht allzu viele Schmerzen gibt und du damit einverstanden bist, dass ich dir helfen würde.“ Möglicherweise war der Junge nicht daran interessiert mit jemanden zusammenzuarbeiten. Vielleicht traute er ihm nicht einmal. „Ich kann mir die Wunde ansehen. Ich habe noch ein paar Verbände in meiner Tasche.“ Dass besagte Verbände geklaut waren, ließ der Taschendieb vorerst aus. Zu seiner Verteidigung hatte er sie einem reichen Arzt gestohlen! Und man wusste nie, wann man solche Hilfsmittel gebrauchen konnte.
      Unsicher beobachtete er die Umgebung. „Wir sollten besser zurückgehen. So ein offenes Feld macht uns zu leichter Beute.“ Er deutete Tamlin ihm zu folgen und kehrte in den schützenden Wald zurück. Vielleicht konnten sie eine gute Stelle für ein Lager finden, wo sie sich vorerst ausruhen und planen konnten. Ein wärmendes Feuer würde den müden Knochen ebenfalls Komfort schenken. Allein bei den Gedanken erschauderte Maddox.
      Sie befanden sich in einem anderen Teil des Waldes, doch hatte er sich den Weg zum Dorf eingeprägt, sodass sie jenes wiederfinden würden. Es dauerte nicht lang, bis Maddox eine kleine Höhle entdeckte, die einen schützenden Unterschlupf darstellen würde. „Sieht doch gut aus, oder?“ Etwas Luxuriöses würden sie vermutlich nicht finden können. Vorsichtig betrat Maddox die Höhle, um sicherzugehen, dass diese nicht bereits einen Besitzer hatte. Doch außer ein paar unterschiedlich großen Steinen und ihm unbekannten Pilzen, konnte er keine Anzeichen von Leben ausmachen. „Ich werde etwas Feuerholz sammeln gehen. Ruh dich etwas aus.“
    • Der Anblick dieser, nun toten, Mutter und ihrem leblosen Säugling, den der Fremde erneut auf ihre Brust legte, war grauenvoll und herzzerreißend. An solch einen Anblick konnte und wollte sie sich nicht gewöhnen und ihre Gedanken, sie könnte an ihrer Stelle dort liegen, waren zu laut und nahmen sie fast vollkommen ein. Um ihre Gedanken abzuschütteln fragte nun auch sie nach dem Namen des Fremden und wäre da nicht der plötzliche Schmerz der durch ihren Körper fuhr als sie gemeinsam mit dem jungen Mann den schweren Körper hob, hätte sie ihm zugehört. Ihr Atem stockte und sie ließ die Beine, die sie umfasst und hochhob, abrupt ein Stück fallen ehe sie kurz vor dem Boden wieder die Kontrolle erlangte. "Verdammt. Ich bekomm das schon hin.", presste sie zwischen den Zähnen hervor und stabilisierte ihren Griff um die schlanken Knöchel und atmete vorsichtig ein. Ohne ein weiteres Wort führte Yulis sie beide zum besagten Ort. Für sie war es eine körperliche Qual den leblosen Körper so weit zu tragen, der Schmerz breitete sich bei jedem weiteren Schritt weiter aus bis sie ihn auch in ihren Zehenspitzen spüren konnte. Aus diesem Grund hatte sie die junge Mutter und ihr Kind viel unsanfter in dem Blumenfeld abgelegt, als sie eigentlich wollte. Gedanklich entschuldigte sie sich bei ihr, sprach ihr ihr Mitgefühl aus und das sie sich wünschte, sie hätte es geschafft. Aber... vielleicht ist es auch besser so, dachte sich Yulis. Es mag sein das sie dieses Mal entkommen wäre, aber wer weiß wie lange ihr diese Flucht gelungen wäre und was sie bei einer Gefangennahme an Leid noch durchleben musste. Ihr und ihrem Kind mochte das wundervolle Leben verwehrt bleiben, jedoch auch jegliches Leid und Schmerz den sie empfinden könnten. Bedauernd pflückte Yulis eine der gelben Gladiolen, die ringsum wuchsen und ähnlich golden schimmerten wie die langen Locken der Mutter und legte sie auf den Rücken ihres Kindes, das bäuchlings auf ihrer Brust ruhte. Einen Moment lang blickte sie auf die leblosen Körper hinab, bis der Dunkelhaarige das Wort ergriff. "Keine Soldaten?", wiederholte Yulis überrascht und entfernte sich einige Schritte von den Leichen. Das war kein gewöhnliches Verhalten der Truppe. Im Normalfall durchsuchten sie noch die Häuser nach Silber, Gold oder anderen wertvollen Dingen. Aber nie verschwanden sie so schnell nach dem Leid und dem Chaos das sie über das Dorf brachten. "Nachdem alles vernichtet ist durchsuchen sie die Häuser nach Münzen oder wertvollen Gegenständen, normalerweise verschwinden sie nicht sofort. Das ist ungewöhnlich und durchaus beunruhigend. Womöglich hat es etwas mit meinem Verrat zutun, allerdings bin ich mir nicht sicher. Nun, jedenfalls bin ich mir damit sicher das sie sich in der Nähe des Dorfes aufhalten müssen. So taten wir es immer, falls ein Flüchtiger in der selben Nacht das Dorf wieder betritt.". Ein grauenvoller Gedanke das dein eigenes Heim erst zerstört wird und dann nicht mehr sicher ist... Sie hatte es selbst erleben müssen. Bei seinen Worten nickte sie knapp. "Meine Verletzung sollte kein Problem sein und ich kann deine Hilfe gut gebrauchen. Allerdings ist äußerste Vorsichtig geboten. Dadurch das sie keinen der Flüchtigen entwischen lassen wollen, werden Wachposten rundum das Dorf und ihr Lager errichtet.". Ihre Lippen wurden schmal. "Auf die Verbände komme ich gern zurück und die Verletzung lass mal meine Sorge sein.".
      Der Aussage hin, sie sollten besser zurückkehren, stimmte Yulis zu und folgte dem jungen Mann und kehrte mit ihm gemeinsam in den Wald zurück. Der Schmerz in ihrer Brust fühlte sich wie ein pochender Stich an der wie eine Welle immer wieder durch ihren Körper wanderte. Ihre Füße schmerzten von dem langen Marsch vom Außenposten bis zum Dorf, ihre Arme und Schultern durch das Schleppen von Proviant und ihre restlichen Muskeln brannten noch vom Training der vorherigen Tage. Eine kurze Rast würde ihren müden Knochen guttun. Als sie recht schnell eine geeignete Höhle für ihren Unterschlupf gefunden hatten, ließ sie ihn voraus gehen um sicherzustellen das sich weder Mensch noch Tier darin befand. "Wie lautete noch gleich dein Name?", fragte sie dann, nachdem er die Höhle für sicher empfand und sie hineinging.
      "Gut.", antwortete sie daraufhin knapp und würde ein paar größere Steine suchen um sie in einen Kreis zu legen damit sie das Feuer besser aufzustellen konnten, während Maddox Feuerholz sammelte. Ebenso wie trockenes Gras um das Feuer leichter entfachen zu können und zu ihrem Glück trug sie immer einen Feuerstein bei sich.
      Seufzend fuhr sie sich über das Schmutz befleckte Gesicht und ließ sich, nachdem sie alles gesammelt hatte, auf dem kalten Boden neben ihrem Steinkreis nieder. Der Schmerz zuckte durch ihren Körper und ihre Sicht verschwamm. "Ich schaffe das nicht ohne dich.", begann sie zu Schluchzen, als sie sich sicher war das Maddox nicht mehr in der Nähe war. Vorsichtig und soweit wie sie konnte zog sie die Beine an ihren Körper, schlang die Arme um ihre Knie und vergrub ihr Gesicht. Tränen kullerten über ihre Wangen. Der Schmerz in ihrem Herzen fühlte sich größer an als die Verletzung die sie mit sich trug. Der Verlust ihrer Eltern war schmerzhaft gewesen, aber nun auch noch ihren Bruder tot zu wissen, ihr letztes Familienmitglied... Als sie zwischen den Kräutern gelegen und die Klinge über sich blitzen sah, hatte sie an ihre Familie gedacht. An das liebevolle Lächeln ihres Vaters, an die gefühlvollen Worte und Berührungen ihrer Mutter und das ansteckende Lachen ihres Bruders. Sie hatte ihre Hand nach ihnen ausgestreckt und war bereit gewesen mit ihnen zu gehen. Aber dieser Mann, Maddox hatte ihr diesen Weg verwehrt.
      Einige lange Minuten verharrte Yulis in dieser Position und ließ ihren Emotionen freien Lauf. Ihre Gefühle überrannten sie, es war ein anstrengender Tag gewesen an dem sie viel alleine meistern musste. Daran war sie noch nicht gewohnt und die Wunde bezüglich ihres Bruders war noch nicht verheilt. Erst als sie Schritte vernehmen konnte die immer näher kamen zuckte sie auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und die gequollenen Augen trocken und blickte in die Richtung aus der sie Maddox vermutete. "Ich habe einen Feuerstein, damit sollten wir schnell ein Feuer machen können.", erklärte sie mit gebrochener Stimme. So sehr sie auch wollte, sie schaffte es nicht ganz ihre Trauer zurückzuhalten. Die Sonne war mittlerweile ganz vom Himmel verschwunden und schaffte Platz für den Mond, der ihnen die dunkle Nacht erhellte. Auch einzelne Sterne waren bereits zu erkennen.
    • „Maddox“, beantwortete er die Frage des jungen Soldaten erneut, nachdem er die Höhle begutachtet und als geeignet empfunden hatte. Tamlin hatte zwischen den sicheren Steinwänden der Höhle Schutz gesucht und er trat erneut in den abendlichen Wald. Die Sonne würde schon bald hinter dem Horizont verschwunden sein und seine Schwester ihren rechtmäßigen Platz am Nachthimmel freimachen.
      Der Wald strahlte eine beruhigende Ruhe aus, dachte er bei sich als er diesen auf der Suche nach geeigneten Feuerholz durchforstete. Das Vogelgezwitscher war verklungen. Nur der Wind, der die Blätter der Bäume durchstrich, spielte seine Melodie. Maddox hätte sich beinahe davon überzeugen können, dass jegliches Leid, das er heute verspürt und mit erfahren musste, bereits Jahrzehnte zurücklag. Doch das Gesicht der verstorbenen Mutter und ihres Kindes hatten sich in sein Gedächtnis fest gebrannt. Es war das erste Mal, dass er Menschen erblickt hatte, die ihr Leben gewaltsam durch die Taten eines anderen Lebewesens niederlegen mussten. Dieser Anblick unterschied sich zu jenem, den er von seiner sterbenden Mutter erhascht hatte. Sie war eine gütige, naive Frau gewesen, die trotz ihrer schweren Krankheit ihr strahlendes Lächeln nie verloren hatte. Sie war mit der Überzeugung, dass Maddox adeliger Vater ihn aufnehmen und schützen würde, gestorben. Selbst nach all den Jahren hatte sie geglaubt, dass dieser alte, sture Mann sie und ihr Kind aufrichtig lieben würde. Sie war lediglich ein Spielzeug gewesen. Und Maddox der uneheliche Bastard, der aus ihrer Affaire entstanden war. Er war sich sicher, sein Vater hatte nicht einen Moment Liebe für seine Mutter oder ihn empfunden.
      Nachdem er genügend Feuerholz gesammelt hatte, hatte der Mond bereits seinen Platz am Himmel bezogen. Seine Gefährten, die Sterne, tanzten bereits mit ihm über der schlafenden Erde. Maddox kehrte zur Höhle zurück und fand Tamlin vor, der ihm sogleich von einem nützlichen Feuerstein berichtete. Doch die Stimme des Jungens klang gebrochen. Der Taschendieb war sich nicht sicher, ob er ihn darauf ansprechen oder die Angelegenheit auf sich beruhen lassen sollte. Von zwischenmenschlichen Angelegenheiten hatte er wenig Kenntnis. So entschied er sich dazu, jene Konversation auf später zu verschieben, wenn das wärmende Feuer loderte und sie es sich bequem gemacht hatten. So bequem, wie man es sich in einer Höhle im Wald machen konnte. „Wunderbar“, sagte er knapp und lächelte dem Soldaten zu. Allerdings bezweifelte er, dass Tamlin die freundliche Geste wegen der Dunkelheit überhaupt ausmachen konnte.
      Maddox Blick glitt durch die Höhle und seine Augen entdeckten einen Steinkreis, der zuvor nicht dort gewesen war. „Gut mitgedacht, Tamlin! Jetzt müssen wir das Feuer nur noch entfachen. Allerdings müsstest du diese Aufgabe übernehmen. Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie auf diese Art und Weise ein Feuer gemacht.“ Er war beschämt deswegen, denn so hatte er seine Nächte stets in Tavernen oder in Ställen der Bauern verbracht, wo eine wärmende Quelle bereits gestellt oder nicht von Nöten war.
      Er legte eine kleine Menge seines gesammelten Holzes in den von Tamlin errichteten Steinkreis. Müde ließ er sich auf dem harten Steinboden nieder und massierte seinen Nacken.
      Es dauerte nicht lang, bis das Feuer entfacht war und die Höhle erwärmte. Maddox schielte zu Tamlin herüber. Ein gequälter Gesichtsausdruck und leicht gerötete Augen begegneten seinem neugierigen und besorgten Blick. Hatte der Junge in seiner Abwesenheit geweint? Verübeln konnte der Ältere ihm dies nicht. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Ein solcher, den der Soldat mit Sicherheit beinahe täglich durchlebte. „Wie … geht es dir?“, hakte Maddox unsicher nach und hätte sich anschließend am liebsten für seine dumme Frage geschlagen. Wie sollte es dem armen Jungen denn gehen, nachdem was er durchgemacht hatte? „Ah, tut mir Leid. Das kam ziemlich unachtsam und unüberlegt heraus. Was ich meine … Möchtest du darüber reden? … Ach, das klingt auch so schrecklich!“ Er war wirklich ein hoffnungsloser Fall. „Da fällt mir ein..“, murmelte er und suchte in seiner Tasche nach dem Verband, dem er Tamlin versprochen hatte. „Hier. Soll ich dir damit helfen?“ Er hielt dem Jüngeren den Verband entgegen. Sollte Tamlin seine Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollen, ist dies auch in Ordnung.
    • Die Emotionen hatten sie förmlich überrannt, kaum hatte Maddox, der ihr zuvor noch seinen Namen verraten hatte, ihren heutigen Unterschlupf verlassen, das sie sie einfach nicht zurückhalten konnte. Die Tränen und die Trauer über das was heute geschehen war und auch der Gedanke an ihren Bruder hatten sie förmlich erdrückt. Diese junge Frau.. Yulis wollte das sie in Freiheit leben konnte, dem tragischen Leben in den Bruthäusern entkam und ihrem Kind ein friedliches Leben bieten konnte. Aber man hatte sie erschossen. Sie und ihr Kind im Dreck zum Sterben zurückgelassen. Und immer wieder sah Yulis sich in diesen, nun toten, rehbraunen Augen. Und ein lautes Peitschen. Immer wieder. Sie war nicht nur gezwungen die Peitschenhiebe zu ertragen, sondern auch den Anblick der Enthauptung ihres Bruders. Yulis verlor sich in ihrem eigenen Schluchzen und den kaum zu ertragenen Erinnerungen.
      Als Maddox in die Höhle zurückkehrte berichtete Yulis brüchig von dem Feuerstein, ihre Stimme hatte sie nicht so unter Kontrolle wie sie es gerne hätte und klang vermutlich höher als gewollt. Glücklicherweise spielte die Dunkelheit in ihre Karten und verrieten dem jungen Mann nicht ihre verweinten Augen. Maddox gestand, nicht zu wissen wie er einen Feuerstein zu nutzen hatte, weshalb er ihr die Aufgabe übergab ein Feuer zu entfachen. "Hast du ein Glück das ich die Meiste-...", Yulis stockte. Die Meisterin des Feuers, so hatte sie immer mit Finn herumgealbert wenn er mal wieder zu lange brauchte um das Feuer zu entfachen. "... die meiste Erfahrung habe, ich war immer für das Feuer zuständig.". Schnell sprang sie auf die Beine, bereute ihre hastige Bewegung aber sofort und krümmte sich vor Schmerz. "Dieser verdammte...", fluchte sie und tastete über ihren Brustkorb. Ihr Aufseher hatte zu ihrem Pech einen starken Tritt und sie schwer verletzt, aber zu ihrem Glück im Unglück war nichts gebrochen.
      Nachdem sie noch einmal sichergegangen ist das nichts gebrochen war, machte sich Yulis an dem Feuerholz zu schaffen das Maddox gesammelt und neben ihrem Steinkreis abgelegt hatte. Sorgfältig ordnete Yulis, nachdem sie sich neben dem Steinkreis in die Hocke setzte, das Holz an und stopfte auch das trockene Moos dazwischen. Aus ihrer Hosentasche holte sie den kantigen Feuerstein und den Pyrit Stein hervor und begann, gezielt auf das trockene Moos, die Steine schräg aneinander zu schlagen. Das Klacken, wenn sie die Steine gegeneinander schlug, hallte das Echo von den Höhlenwänden zurück und bei jedem erneuten Klacken blitzten kleine Funken auf. "Es ist wichtig..", beginn Yulis und schlug die beiden Steine weiter gegeneinander, ".. das du nicht zwei Feuersteine verwendest. Da kannst du lange Schlagen, es wird aber nichts passieren. Zwar entstehen kleine funkenartige Lichter, allerdings keine echten Funken die ein Feuer entfachen können.". Es dauerte nicht lange bis die ersten Funken das Moos zum Rauchen brachten. Schnell drückte sie den rauchenden Moos weiter zwischen die Äste und blies sachte um aus dem Glimmen ein Brennen zu machen. "Du benötigst einen Feuerstein und metallhaltige Steine wie Pyrit oder Markasit. Ich habe sie im Ausbildungslager erhalten. Ein Geschenk, wenn man es so nennen kann.".
      Aber so sehr Yulis sich auch ablenken wollte, während sie Maddox erklärte welche Steine für ein Feuer am besten geeignet sind, konnten ihre traumatisierten Gedanken nicht schweifen. Der Schmerz in ihrer Brust war zu groß.
      Langsam begann das glimmende Moos sich zu einem kleinen Feuer zu verwandeln und streckte ihre immer heißer werdenden Arme über die Äste. Erleichternd seufzend setzte die junge Frau sich vorsichtig schräg gegenüber von Maddox und beobachtete das leise knisternde Feuer, das zwischen ihnen langsam größer wurde. Auch die Wärme erreichte langsam ihre müden Glieder und hatte bald schon die gesamte Höhle für sich eingenommen.
      Es war Maddox der die Stille durchbrach und ihr gezeichneter Blick schweifte vom lodernden Feuer zu ihm. Bei seiner Frage zog sie eine Augenbraue nach oben und runzelte die Stirn und als sie etwas erwidern wollte, unterbrach sich Maddox auch schon selbst. Ihre vorwurfsvolle Miene wurde sanfter und ihre Mundwinkel zuckten nach oben. Wie lange war es her das jemand nach ihrem Zustand fragte? Und nicht aus dem Grund das sie am nächsten Sonnenaufgang wieder am Trainingsplatz zu erscheinen hatte, sondern um ihren seelischen Zustand. "Der Gedanke zählt.", meinte Yulis und fuhr sich mit ihren Händen über das Gesicht und nahm sich einen Moment darüber nachzudenken. Sie hatte niemandem davon erzählt. Yulis hatte auch niemanden mit dem sie über all das reden konnte was seit dem tot ihres Bruders geschehen war, dann schlug er aber schon ein anderes Thema an. Den Verband. "Nein, keine Hilfe.", antwortete sie sofort und winkte ab. "Also, ich meine... ich habe mir die Verletzung schon angesehen, es scheint nichts gebrochen. Er hat mich nur hart getroffen, es muss nichts verbunden werden.", versuchte Yulis sich zu erklären. "Aber vielen Dank.".
      "Um auf deine Frage zurückzukommen...", begann sie dann und blickte wieder zum Feuer. "Es ist lange her das ich mich mit jemandem unterhalten habe. Als Soldat ist es nicht einfach sich Freunde zu machen.", Yulis belachte ihre Worte, "Absurd es so zu nennen. Egal mit welcher Moral diese Leute der Armee beitreten mussten, mit jedem weiteren Tag ist sie dahin und jeder ist sich der Nächste. Den einzigen Unterschied den man noch ausmachen kann ist der, ob es jemandem Spaß bereitete Menschen und andere Wesen gewaltsam fügig zu machen oder nicht. Aber am Ende des Tages unterscheidet sie dann doch nichts mehr voneinander und ich könnte mit dieser Schuld nicht leben Unschuldigen dieses Leid anzutun. So ein Anblick wie heute ist für mich also nichts, das ich nicht schon kenne. Mein Bruder... wir haben diesen Leuten geholfen, so vielen wie wir konnten. Sie sollten weiter leben und selbst darüber entscheiden dürfen.". Ihr Blick wanderte wieder zu Maddox. "Und heute hast du mir geholfen. Ich verdanke dir mein Leben, Maddox. Hab vielen Dank.".