Meeting You. [Nao & Zdrada]

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    • Meeting You. [Nao & Zdrada]

      Meeting You.

      Vorstellung

      Hauptfiguren:
      Mizuha Satou - @Zdrada
      Yuna Hittori - @Nao.nline

      Yuna Hittori

      Der Geruch von hunderten alten Büchern strömte in meine Nase, als ich vorsichtig die schwere Holztüre zur Bibliothek öffnete. Der blitzend saubere Lichtschalter klackte kurz, dann lagen die Bücher in einem warmen, dimmrigen Licht vor mir in den Regalen.
      Trotz des angenehmen Geruchs und der üblichen geheimnisvollen Atmosphäre der Bibliothek, unterschied sie sich doch von anderen. Es gab keine Menschen, keine Bibliothekare, keine Tafeln, um leichter zu finden, was man suchte. Und obwohl die Regale, sowie die Tür, aus originalem, alten Mahagoniholz waren, ja, man konnte sogar hier und da an zierenden Einschnitzungen die Handarbeit erkennen, so war der Boden aus nagelneu glänzendem, beinahe spiegelndem, hellen Birkenholz. Sogar die Regale waren so hochpoliert, dass man nicht einmal durch die Lupe Staub erkennen konnte. Diesen Ort konnte man bestimmt als Operationssaal nutzen und es wunderte mich kein Stück mehr.

      Ich ging leise hinein, man hörte kein Knarren, kein knatterndes Holz unter meinen Füßen. Ich setzte mich auf eines der, aus dem Bild einer alten Bibliothek deutlich herausstechenden, weißen Ledersofas. Zuerst verharrte ich eine Weile so. Ich lauschte dieser Stille, die nirgendwo sonst herrschte. Die Wände um mich herum dämpften jedes Geräusch der Welt ab. Mir entfloh ein leises Seufzen. Allein das klang bereits viel zu laut und störend. Eine Weile schloss ich die Augen und verharrte in der Stille.

      „Also dann", flüsterte ich nach einigen Minuten zu mir selbst. Ich stand auf und schlenderte durch die engen Gänge, strich wie gewohnt an jedem Buch auf Brusthöhe mit dem Finger vorbei. Ich durchlief vier oder fünf Gänge, sah dabei wahlweise immer nur die Bücher zu meiner Linken an und wartete darauf, dass mir eines besonders auffiel.
      Ein dunkelrotes, golden verziertes Buch mit bestimmt 600 hauchdünnen Seiten fiel mir ins Auge. Ich schlug es auf, blätterte sanft die ersten zehn Seiten durch, bevor ich mir den Buchrücken ansah. Mir war wichtig, dass die Schrift nicht größer als 9 Punkt war. Ein Autor, der 600 Seiten in 9 Punkt schreiben konnte, musste vor Ideen übersprudeln. Ich wollte in diese Welt eintauchen, so lange wie möglich. Denn was konnte ich schon anderes tun, als in Geschichten zu ertrinken, wenn es in der realen Welt nichts lebenswertes gab?

      ---

      In einer einzigen Sitzung brachte ich beinahe 400 Seiten des Buches hinter mich. Es hätte, wenn es nach mir ginge, ewig so weitergehen können, doch etwas Seltsames unterbrach mich. Lärm. Lärm, der durch diese dicken, dämpfenden Wände drang? Ich runzelte die Stirn, legte das Buch zur Seite und ging zurück zur Tür, doch bevor ich sie öffnete, lauschte ich. Das hatte ich noch nie zuvor getan. Ich hätte ja ohnehin nichts gehört.

      "Fass mich nicht an!", hörte ich. Es war eine Frauenstimme, die schrie. Meine Mutter. "Wenn du das wirklich tust, dann schwöre ich dir bei Gott- ich verspreche dir, dass du mich nie wieder siehst!"

      Ich öffnete mich einem Ruck die Tür. Das Geschrei endete, zwei vor Wut rot angelaufene, verblüffte Gesichter starrten mich an.

      "Yuna!", rief der Mann vor mir auf einmal. Das war mein Vater. Er trug einen Anzug, hatte einen Koffer in der Hand und einen Rucksack in der anderen. Er sah aus, als würde er verreisen. Das wunderte mich nicht.

      "Was um Himmels Willen machst du um die Zeit hier?! Du hast Ballett Unterricht!", schrie er mich an. Offenbar wandte er seine Wut nun mir zu.

      "Tut mir leid", erwiderte ich kühl. "Ich sollte mir noch ein Buch für meine Präsentation im Literatur Unterricht aussuchen"
      Lüge.
      "Es liegt noch... drinnen", fügte ich hinzu.

      Mein Vater seufzte laut und frustriert. "Gut, dann hol es jetzt. Und dann geh schleunigst zu Frau Ito und entschuldige dich bei ihr dafür, dass sie-" Er schob seinen Ärmel energisch hoch und sah schnell auf seine Uhr. "ZWÖLF MINUTEN auf dich warten musste!" Es war ihm anzusehen, dass seine Geduld an einem seidenen Faden hing und heute war er wohl besonders knapp daran zu reißen.

      Ich nickte und sagte: "Ja, Vater". Dann huschte ich zurück in die Bibliothek, schnappte mir das Buch von vorhin und rannte damit, hinter meinem Rücken versteckt, an meinen Eltern vorbei durch den langen Gang, am Ende die Treppen hinauf, in den dritten Stock, knallte die vierte Tür links zu und fiel rücklings auf mein Bett. Frau Ito konnte mich mal. Hätte ich gerne gedacht. Aber ich erhob mich wieder und ging in meinen Wandschrank. Ganz vorne hingen auf einer metallenen Stange an der Wand etliche Ballett Kostüme, die ich nie tragen würde, denn im Einzelunterricht gab es auch keine Vorführungen. Aus einer Lade weiter unten schnappte ich mir eines der normalen, schwarzen Ballett Trikots.

      Als ich angezogen in den Tanzraum unseres Hauses kam, verbeugte ich mich. Die junge Frau Ito stand an die Spiegelwand gelehnt und beobachtete mich argwöhnisch.
      „Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie warten habe lassen", sagte ich laut, gen Boden.

      Ito seufzte und kam mir entgegen. „Schon in Ordnung. Kind, deine Höflichkeit macht mich ganz unwohl. Los, wir beginnen mit dem Unterricht", murmelte sie. Sie unterrichtete mich bereits seit ich 4 Jahre alt war und reagierte immer so, wenn ich tat, was mein Vater sagte. Vielleicht weil sie ihn nicht mochte oder aber weil sie tatsächlich etwas gegen Höflichkeit hatte. Ich wusste es nicht und fragte nicht nach. Ich würde ihr weiterhin auf dieser Distanz begegnen, denn das tat man nunmal so, wenn man Teil dieser Familie war. Distanz, Höflichkeit, Perfektion, das war alles.
      Die Stunden vergingen langsam, doch es machte mir nichts aus. Körperliche Betätigung ließ mich etwas fühlen, das ich sehr mochte. Eine gewisse Freiheit. Bewegungsfreiheit. Körperlich und geistig.

      So verstrichen, langweilig und bedeutungslos, auch die Tage. Jeden Tag Hausunterricht, Mahlzeiten alleine mit meiner Mutter im Salon, die noch nie über etwas anderes mir mir gesprochen hatte, als wie stolz sie darauf war, dass ich im Gegensatz zu Keiji so makellos gelungen war. Makellos, ja. Perfekt. Das war in Ordnung, denn solange sie stolz auf mich war, musste ich alles richtig machen.

      Die Hausunterrichts-Geschichte war jedoch eine schwache Nachahmung adeliger Lebensverhältnisse, die meine Familie sich leisten konnte und der weder ich, noch mein Bruder etwas entgegenzusetzen hatten. Zum einen, weil ich mich von Menschen, die schlechten Einfluss auf mich haben könnten, fernhalten sollte und zum anderen, weil man laut meinem Vater in einer Schule nur "Schwachsinn" lernte, daher hatte er all unsere Privatlehrer mit sehr kritischem Blick ausgewählt.

      Zu den typischen Unterrichtsgegenständen des Jahrgangs, dem ich zugehören würde, kamen also Dinge wie großflächiger Musikunterricht, Tanzen, Lyrik, und etwas, dass sie Kulturunterricht nannten, praktisch aber bloß Manieren und Verhaltensregeln in einer gehobenen Gesellschaft behandelte. Das alles erachtete mein Vater als notwendig, da ich seine Firma übernehmen sollte, wenn er in Pension ging. Wenn ich ihn fragte, was ich bis dahin tun sollte, bekam ich von ihm immer die Antwort "wir werden schon etwas finden", was bedeutete, dass er mich in die Politik einschleusen wollte, wie meine Mutter.

      ---

      Am 23. März, Sonntagmorgen, eine Woche nach dem Bibliotheks-Zwischenfall, wurde ich von unserem Hausmädchen aufgeweckt. Sie war einfach so, mit leicht gestresster Miene und drei Koffern, in mein Zimmer geplatzt. Sie nickte mir wortlos zu, dann räumte sie plötzlich meinen Schrank aus. Stumm sah ich ihr zu, noch halb im Schleier meines Traumes gefangen. Als der erste bis oben vollgestopft war und den zweiten Koffer zu sich zog, fragte ich: "Was tun Sie da?"

      Das Hausmädchen wandte sich mir zu. "Sie ziehen um, Fräulein Hittori. Nach Osaka"

      Ich starrte sie an. Nach 17 Jahren, in denen ich kaum dieses Grundstück je verlassen hatte, zogen wir um, nach OSAKA? Weg? Raus aus Tokio?
      "Und wieso?", fragte ich leise.

      "Herr Hittori bestand darauf, dass die Villa leergeräumt wird, wenn er geschäftlich nach China zieht, um dort den Zweitsitz seiner Firma zu eröffnen. Daher wird Frau Hittori mitsamt Personal nach Osaka umziehen. Sie hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, dass Sie dort eine private Oberschule besuchen werden"

      Ich nickte langsam. Doch hatte ich kein Wort verstanden. Ich ließ mich zurück in mein Bett fallen, zog die Decke über meinen Kopf und wartete darauf, tatsächlich aufzuwachen. Aber es passierte nicht.

      Und so steckte ich bis Montag den 1. April noch immer in diesem Traum fest. Langsam wurde es ernst. Als ich an dem Morgen in meinem neuen Schrank, in meinem neuen Zimmer, in der neuen, ebenso großen Villa wie der alten, drei Schuluniformen fand, konnte ich mich nicht mehr weigern, die Realität anzunehmen.

      Das letzte Schuljahr hatte begonnen, doch für mich war es gerade das erste.
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    • Mizuha Satou

      "Mamaaaaaa! Tarou hat den Saft verschüttet!" Das schrille Geschrei riss Mizuha unsanft aus dem Reich der Träume.
      Mit einem frustrierten Grummeln vergrub ich mein Gesicht im Kissen. Eigentlich hatte mein Wecker bereits vor über 10 Minuten geklingelt, aber ich saß gestern Abend noch so lange an einer Hausarbeits-Korrektur fest, dass ich ausnahmsweise mal ein kleines Weilchen länger liegen bleiben wollte um zumindest noch ein wenig Schlaf wieder wett zu machen. Meine Geschwister schienen da nur ganz anderer Meinung zu sein. "Ich habs nur verschüttet weil du mich angerempelt hast!" verteidigte sich mein Bruder lautstark. “Stimmt doch gar nicht!”
      Sich weiterhin der Illusion hinzugeben, dass man in diesem Haus mal wirklich ausschlafen konnte, war an diesem Punkt wohl kaum mehr möglich.
      Während ich missmutig mein weiches, warmes Bett verließ, und mir meine Schuluniform über stülpte, hörte ich bereits die Tadelnde Stimme unserer Mutter. “Sachiko! Tarou! Wie oft hab ich euch gesagt, ihr sollt in der Küche nicht toben! Jetzt macht das bitte sauber.”
      Das gestresste Gesicht der Japanerin mittleren Alters nahm sofort entspannte Züge an, als Sie mich aus dem Zimmer stolpern sah. “Ach Mizuha, kannst du Tarou auf dem Weg zur Schule bitte beim Kindergarten abgeben, ich bin heute wieder furchtbar spät dran.” Ehe ich das “Kein Problem", welches mir auf der Zunge lag, aussprechen konnte, war Sie bereits zur Tür raus.
      Da der Kindergarten ohnehin direkt auf dem Weg zur Schule lag, war es kein großer Umweg den ich einschlagen müsste, Tarou einen Teil der Strecke mit zu nehmen. Außerdem war es nicht das erste mal, dass ich den Fünfjährigen in den Kindergarten brachte. Seit Mutter zwei Jobs hatte, war sie in Zustand konstanten Stresses gefangen, den ich mit diversen Kleinigkeiten zu mildern versuchte, wie meine Geschwister wegzubringen oder abzuholen, oder den Einkauf zu erledigen. Wobei letzteres zum Glück nicht mehr so häufig auf mir lastete, seit unsere Mutter als Kassiererin an der Kasse eines Mini-Marktes arbeitete und dort einen kleinen Mitarbeiterrabatt genoss.
      “Guten Morgen, du Quälgeist. Du kommst heute mit mir.” begrüßte ich den kleinen jungen mit zerzausten Haaren neckisch.
      ”Selber Quälgeist!” konterte er schmollend. “Und ich bin alt genug um alleine zu gehen!”
      Das altbekannte Kommentar entlockte mir ein kleines Schmunzeln. “Selbstverständlich bist du das.” gab ich sarkastisch von mir, während ich mir die Bentobox für die Schule, welche ich am Abend zuvor vorbereitet hatte, aus dem Kühlschrank holte und in meiner Schultasche verstaute.
      “Und du komm bloß nicht zu spät zur Schule.” sprach ich im strengen Ton nun an Sachiko, einer meiner beiden jüngeren Schwestern, gewandt.
      “Ja, ja, Streber.” war die einzige Antwort, worauf ich bloß die Augen verdrehte.
      “Sind Chikako und Kyouya scho weg?” fragte ich sie stattdessen, als ich bemerkte, dass außer dem Paar unserer Eltern noch zwei weitere Schuhpaare vor der Eingangstür fehlten. “Jep, die beiden sind heute Früher gegangen.” bestätigte sie meine Frage.
      Zwei Quälgeister weniger um die es sich zu sorgen galt. “Okay, ihr zwei, dann mal los! Bewegt euch, wir wollen nicht zu spätkommen.” Demonstrativ marschierte in Richtung Tür und begann mir meine Schuhe an zu ziehen.
      “Aber ich will meinen Saft noch trinken.” nörgelte Tarou. Ich seufzte. “Okay, aber beeil dich. ich will nicht zu spät kommen. “
      “Streber.” flüsterte Sachiko mir auf ein neues zu, während sie an mir vorbei ging. Diesmal streckte ich ihr provokant die Zunge raus, bevor die Achtjährige aus der Tür, Richtung Grundschule verschwunden war.
      “Okay, ich bin soweit.” Freudestrahlend darüber, dass er seinen Saft noch so schnell ausgetrunken hatte, kam der kleinere Junge auf mich zu und begann sich unbeholfen die Schuhe anzuziehen, wobei ich ihm jedoch noch beim zubinden der Schleife half. “Ich hol dich dann nachher wieder ab, alles klar?” Der Junge nickte eifrig. ”Gehen wir dann noch in den Streichelzoo?” Streichelzoo? Was für ein Streichelzoo?
      “Wie kommst du denn jetzt darauf?” fragte ich perplex, während wir gemeinsam das Haus verließen.
      “Aki aus dem Kindergarten hat erzählt, dass er heute mit seiner Tante in den Streichelzoo geht!” Aha. Grübelnd kaute ich ein wenig auf meiner Unterlippe herum - eine schlechte Angewohnheit der ich mir eigentlich jedes Neujahr auf ein neues, ohne großen Erfolg abschwor. Fieberhaft überlegte ich, wie teuer wohl der Eintritt in so einen Streichelzoo sein mochte.
      “Mal schauen. Vielleicht gehen wir ja mal an einem Wochenende in den Zoo.” Versprach ich ihm und hoffte innig, dass ich das leichtherzig aufgegebene Versprechen auch halten konnte.
      Freudestrahlend hüpfte Tarou über den gepflasterten Bürgersteig. “Wir gehen in den Zoo~” säuselte er mit kindlicher Singstimme. Ich hatte jetzt schon ein schlechtes Gewissen dabei…
      Nachdem ich meinen Bruder den Erzieherinnen, welche mich mittlerweile alle bei Namen kannten, übergeben hatte, beschleunigte ich mein Gehtempo Richtung Schule. Tarou und mein längeres im Bett liegen bleiben hatten mich einiges an Zeit gekostet. Ich wollte bloß nicht zu spät kommen und negative Aufmerksamkeit auf mich ziehen.
      Die Aufmerksamkeit, die ich ohnehin bereits aufgrund einer Vielzahl von Missverständnissen, die ich nie richtig aufklärte, auf mich gezogen hatte, reichte mir bereits.
      Wenn man versuchen würde den Beginn all dessen zu ermitteln, ließe sich das erste große Missverständnis wohl auf den Tag zurück führen, als einige Mitschüler sich über die Berufe Ihrer Eltern unterhielten.
      “Mein Vater ist CEO eines Bekannten Modelabels. Wer kann erraten welches?” begann die Unterhaltung durch ein schlankes Mädchen, mit langen, geglätteten Haaren. Es war zu beginn meines ersten Schuljahres an der privaten Oberschule und eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen mich aus allem rauszuhalten was mich negativ auffallen ließ, doch ich konnte es mir einfach nicht verkneifen auf die Frage des Mädchens hin eine Bemerkung abzulassen.
      “Es hat nicht zufällig was damit zu tun, dass dein Zweitname ‘Chanel’ ist, oder?” fragte ich kühl. Freudestrahlend blickte mich Aoi Chanel Orikasa an “Bingo! Jetzt bist du dran!”
      Mist, hätte ich doch bloß die Klappe gehalten. “Warte, warte, sag nichts, deine Eltern kommen bestimmt aus dem Ausland?” ergriff ein weiteres Mädchen das Wort bevor ich überhaupt die Chance hatte etwas zu sagen. Nun…das stimmte zum Teil. Mein Vater war ein schwedischer Student, der in seinem Auslandssemester meine Mutter kennen gelernt hatte und sich entschlossen hatte, seinem Herz zu folgen und zu ihr nach Japan zu ziehen statt sein Studium in seiner Heimat fortzusetzen - Zum großen Unmut seiner Familie.
      So spielte ich das kleine Spiel mit und nickte bloß halbherzig.
      “Hmm, gehört euch irgendeine Firma?” “Oh, deine Eltern sind bestimmt Musiker!” Völlig aus dem nichts heraus kam plötzlich der Vorschlag “Deine Eltern sind bestimmt russische Ölbarone!” Diese aussage warf mich so sehr aus der Bahn, sodass ich unwillkürlich schmunzeln musste. Dies wurde von von meinen Mitschülern… dezent missinterpretiert.
      “Heilige Scheiße ich hab voll ins Schwarze getroffen!”
      Das war der Punkt an dem ich vermutlich hätte eingreifen sollen. Doch wie sollte ich diesem Haufen reicher, verwöhnter Mitschüler erklären, dass meine Eltern nur ein gewöhnlicher Journalist für einen kleinen No-Name Zeitungsvertrieb und eine Kassiererin waren? Dass ich es nur an diese Schule gebracht hatte, dank eines Stipendiums für außergewöhnliche Schulische Leistungen?
      Und so ließ ich stillschweigend zu, dass jeder sich irgendwelche seltsamen Geschichten über mich Ausdachte die ich weder bestätigte, noch weiderlegte.
      Und so wurde ich die bescheidene Erbin eines riesigen Ölimperiums, welche zu ihrem Geburtstag eine eigene Diamantenmine bekommen, aber viel zu bescheiden und höflich war um mit ihrem Überwältigendem Ruhm zu prahlen. Wenn dem doch nur so wäre.
      Als das Imposante Gebäude der Oberschule in Sicht kam, glättete ich schnell meine Uniform ein wenig aus. Die strengen Uniformsregeln der Schule kamen mir mehr als gelegen. Jeder Schüler sah gleich aus,sodass sich optisch kein Unterschied zwischen Wohlhabenden und ärmeren Schülern, wie ich einer war, ergab.
      Ich atmete einmal tief ein, bevor ich über die Schwelle des großen Eingangstors trat.
      ‘Das ist das letzte Schuljahr’ verinnerlichte ich mir immer wieder. Diese Fassade musste nicht mehr lange gewahrt werden…
    • Yuna Hittori

      Da ich bloß aus Manga wusste, wie es in Oberschulen zuging, wusste ich nicht wirklich, womit ich rechnen sollte oder wie man sich am besten verhielt. Ich brachte rund eine halbe Stunde vor dem Spiegel zu, glättete meine Haare, probierte mehrere Haarspangen aus, war mir dann aber nicht mehr sicher, ob es überhaupt erlaubt war, Schmuck zu tragen. Ich endete also mit einem schlichten Makeup, offenen Haaren und einer mehr oder weniger langweiligen Pflicht-Schuluniform. Als ich mich so im Spiegel betrachtete verzog ich leicht das Gesicht und dachte daran, dass ich viel lieber Kleider trug, als Röcke und wie zuwider mir Blusen immer schon gewesen waren.

      Ich zupfte ein wenig an dem Rock und verließ mit Tasche und ohne Frühstück das Haus. Draußen stockte ich einen Moment, als ich sah, wie mein Zwillingsbruder durch den Garten ging. Er trug auch eine Uniform. Sie sah anders aus, als meine. Als er außer Sichtweite war, ging ich betrübt weiter. Den ganzen Weg lang überlegte ich, wie und ob ich wohl Freunde finden würde. Ich hatte zu anderen Kindern nie Kontakt gehabt. Keiji war der einzige gewesen.

      Vielleicht wird sich das von selbst ergeben, ohne, dass ich etwas tun muss, dachte ich. Irgendwo war mir zwar klar, dass Freundschaften so nicht funktionierten, doch wie es sein sollte, wusste ich auch nicht. Der Weg zur Schule dauerte schlappe zehn Minuten, für die ich allerdings 20 brauchte, da ich mir die Häuser und Spielplätze und Geschäfte, an denen ich vorbeilief, mehr als genau anschaute. Ich fragte mich, ob Mutter mir nur erlaubte zur Schule und wieder nachhause zu gehen, oder ob sie mir einen Freibrief gegeben hatte, um die Stadt zu erkunden. Ich war noch nie in einem öffentlichen Kino oder Lebensmittelgeschäft gewesen. Mein ganzes Leben hatte sich zuhause abgespielt, doch da wir alles hatten, das man sich nur erdenken konnte, hat es mir an solchen Erfahrungen nicht direkt gefehlt. Das dachte ich zumindest bisher. Doch als ich jetzt die Straßen entlang schlenderte, fragte ich mich, ob mir da nicht doch ein großer Teil des Lebens entgangen war.

      Zahlreiche Schüler und Schülerinnen in Uniformen strömten in das Schulgebäude, vor dem ich bald stand. Als erstes fiel mir auf, dass Mädchen häufig zu zweit oder dritt nebeneinander herliefen. Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich verunsichert war, und ging schnurstracks in das Gebäude hinein. Bis ich bei meinem Klassenraum ankam, hatte mich noch niemand wahrgenommen. Dann betrat ich den Raum, und einer nach dem anderen drehte sich um. Ich räusperte mich kurz nervös und setzte mich stumm ans Fenster der letzten Reihe, da es nicht viel Platzauswahl gab. Im Raum war es laut, manche Schüler hatten ihre Nase in ein Buch gesteckt, andere plauderten sehr laut miteinander und einige starrten mich an. Ich hätte vielleicht Hallo sagen sollen, kam mir der Gedanke. Jetzt war es zu spät, also blieb ich leise sitzen und ignorierte die Blicke. Jetzt etwas zu sagen, würde es bestimmt nur schlimmer machten.

      Ich zog eines der neuen Schulbücher aus meiner Tasche und blätterte willkürlich darin herum, ohne tatsächlich eine Zeile zu lesen. Seit ich das Zimmer betreten hatte, fühlte ich mich bereits genau so, wie bei den Abendessen, die mein Vater früher in unserem Zuhause in Tokio abgehalten hatte. Dort waren immer einige seiner Geschäftspartner eingeladen gewesen und natürlich mussten Frau und Kinder, naja, Kind, denn Keiji war nie dabei gewesen, auch teilnehmen, doch ich konnte mich nicht erinnern während einem dieser zahlreichen Abendessen je auch nur ein Wort gesprochen zu haben. Mittlerweile konnte ich benennen, wie ich mich dabei gefühlt hatte. Ausgeschlossen. Und obwohl ich gerade seit fünf Minuten hier war, merkte ich bereits, dass wieder Welten zwischen mir und den anderen lagen. Irgendetwas schien mich von ihnen zu trennen, doch ich konnte noch nicht betiteln was es war.

      Ich hob einmal neugierig den Kopf, um zu sehen, wer mich noch beobachtete. Der Großteil der Klasse bestand aus Mädchen und der Großteil der Mädchen hatte nun offensichtlich schon bemerkt, dass ein neues Gesicht in ihrer Gruppe zu sehen war. Eine der Schülerinnen stand ein wenig heraus, auf den ersten Blick. Sie war blond, vielleicht Ausländerin, dachte ich. Aber was sie auffällig machte, war, dass sie nicht bei einer Gruppe stand, sondern die Gruppe bei ihr. Als wäre sie ein Magnet, um den sich alle scharten. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke, also sah ich wieder in mein Buch und versuchte möglichst unberührt zu wirken.

      Nach und nach trudelten die restlichen Schüler ein und nach einer Weile auch ein Klassenlehrer, der erst ein bisschen was von "frischem Start" und "Endspurt" redete und ich hörte ihm aufmerksam zu.

      "Außerdem ist euch bestimmt aufgefallen, dass wir ein neues Gesicht unter uns haben. Bitte stell dich vor", sagte er.

      Ich sah ihn schweigend an. Moment. Damit meinte er doch nicht mich? Doch. Er durchbohrte mich regelrecht mit seinen Augen.
      Ich erhob mich ein wenig überfordert, denn eigentlich hatte ich gedacht, dass so etwas nur in Manga vorkam. Nun, ich hatte mich offensichtlich geirrt. Jetzt blieb mir nichts übrig, als möglichst professionell zu wirken. Wenn Mutter der Meinung war, dass ich makellos war, dann hieß es das jetzt zu beweisen.

      Ich schrieb meinen Namen groß an die Tafel, dann drehte ich mich um. "Ich heiße Yuna Hittori und komme ursprünglich aus Tokio. Es freut mich, euch kennenzulernen", sagte ich kühl. Ich verbeugte mich kurz nahm dann meine Hände hinter dem Rücken zusammen. Mir fiel auf, dass ein paar Jungen sich gegenseitig irgendetwas zuflüsterten. Es war wohl besser, wenn ich nicht wusste, was das war.

      "Wenn ihr etwas über eure Klassenkameradin wissen wollt, ist jetzt der Zeitpunkt zu fragen", meinte der Lehrer bevor er sich setzte und abwartete.

      Ein Mädchen mit kurzen braunen Haaren hob die Hand und fragte gleich: "Auf welcher Schule warst du vorher? Ich bin auch in Tokio geboren"

      Ich zögerte kurz. "Ich hatte Hausunterricht"

      Eine weitere Schülerin hob die Hand. Sie lächelte. "Ist Hittori nicht der Name von dieser Technikfirma?", fragte sie laut.

      "Das stimmt. Mein Vater hat sie gegründet"

      Ein leises Raunen ging durch die Klasse, dann war es einen Moment still und niemand stellte mehr eine Frage. Der Lehrer deutete mir, ich solle mich wieder hinsetzen, also ging ich ausdruckslos an meinen Platz zurück. Das war verhältnismäßig gut gelaufen, also konnte ich mich jetzt beruhigt dem Unterricht widmen. Ohne weitere Überraschungen. Ja. Denn ab jetzt brauchte ich nichts zu tun, als zu lernen und nichts konnte ich besser, als das.
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    • Mizuha Satou


      "Mizuuuuuuuuu" Aois schrille Stimme ließ mich kurz zusammen zucken, bevor ich kurz aufseufzten musste und mich mit einem aufgesetzten strahlenden Lächeln an meine Mitschülerin wandte. "Auch dir einen schönen Morgen, Aoi!" begrüßte ich das geradewegs auf mich zusteuernde Mädchen freundlich.
      "Oh ich habe dich so sehr vermisst!" jammerte sie theatralisch und warf sich an meine Schulter worauf ich nur verlegen lachen musste. Persönlicher Abstand war ihr schon immer ein Fremdwort gewesen. "Was hast du in den Sommerferien so getrieben? Ich war mit meiner Tante bei der Azurküste in Frankreich. Nichts als Blaues Wasser, weißer Sand, und Sonne, Sonne, Sonne~" Schwärmte sie und krempelte, wie als wollte sie beweisen, dass sie die Wahrheit sagte, ihren Ärmel hoch und präsentierte mir stolz ihre von der Sonne gebräunte Haut. "Das klingt nach einem echt schönen Urlaub." antwortete ich nur nüchtern und versuchte zu verbergen, dass ich keine Ahnung hatte, wie so ein luxuriöser Urlaub wohl sein mochte. "Ich war den ganzen Sommer bei meiner Familie." Antwortete ich nur kurz und knapp völlig wahrheitsgemäß.
      "In Russland muss es auch wunderbar sein, wenn du schon ständig dort bist. Mir würde da nur die Sonne etwas fehlen." Da war es schon wieder. Ich sagte etwas, und sofort wurde dort etwas hinein Interpretiert, was wesentlich spektakulärer war, als ich zu vermitteln angedacht hatte.

      Auf dem Weg ins Klassenzimmer schlossen sich nach und nach immer mehr Mädchen Aios Beispiel an und schwärmten von ihren spektakulären Sommerferien.
      Von Ski fahren in den Alpen bis hin zur 3-Wöchigen Karibik-Kreuzfahren war dort alles dabei, was man sich mit Geld leisten konnte. Ich hingegen gab nur gelegentliche Kommentare, wann immer diese angebracht waren und versuchte selbst dabei so wenig wie möglich über meinen Sommer Preis zu geben.
      Die Meiste Zeit saß ich schließlich nur zu Hause und hatte entweder schon für den Stoff in diesem Schuljahr gelernt oder versucht meine Geschwister davon abzuhalten, das Haus mitsamt der ganzen Nachbarschaft abzufackeln. Das war schon ziemlich unspektakulär verglichen mit Hinatas Urlaub, welche eben begeistert von ihrem Schnorchelausflug im Great Bareer Reef -Welches ich nur von Bildern und Naturdokus kannte!- erzählte und dabei stolz einige selbst geschossene Fotos auf ihrem Smartphone herum zeigte.
      "Das ist doch ein Pazifischer Rotfeuerfisch." bemerkte ich bei einem besonders hervorstechenden Fisch, welchen ich aus einer der besagten Naturdokus wiedererkannte.
      "Natürlich erkennst du den Fisch Mizuha, du warst bestimmt schon dutzende Male in Australien schwimmen, nicht war?" schmunzelte Hinata. Verdammt, nicht schon wieder. Am liebsten hätte ich mir in diesem Augenblick die Zunge abgebissen.
      Zum Glück betraten wir gerade unser Klassenzimmer, in welchem die Aufmerksamkeit der Mädchen von etwas ganz anderem angezogen wurde als mir.

      "Hey, das ist doch sonst immer mein Platz gewesen!" raunte Aoi schnippisch und stemmte ihre Hände in die Hüfte, während sie das unbekannte Mädchen am anderen Ende des Raumes böse anstarrte.
      Das dunkelhaarige Mädchen schien neu und völlig in ihrer eigenen Welt versunken zu sein, so wie sie geistesabwesend durch ihr Schulbuch blätterte und Aois wütenden Blick erfolgreich ins Leere verklingen ließ.
      Bevor ihre eingeschnappte Mitschülerin das arme Mädchen schikanieren konnte hatte ich ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter gelegt.
      "Hey, ist doch halb so wild. Hast du am Ende des letzten Schuljahres nicht gesagt, dass du in diesem Schuljahr ganz vorne sitzen willst um deine Noten für den Abschluss zu verbessern?"
      Für einen Moment kam es mir vor, als könnte ich die Zahnräder in ihrem Kopf arbeiten sehen, bevor sie resigniert die Schultern hängen ließ. "Stimmt. Da war was." gab sie schmollen zu und verschränkte ihre Arme. "Na gut, dann will ich mal nicht so sein."
      Aoi war von all meinen Mitschülern nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Torte. Auch wenn sie es natürlich jemals zugeben würde, beschlich mich seit unserem ersten Schuljahr der leise verdacht, dass das Geld ihres Vaters sehr viel mehr damit zu tun hatte, dass sie nicht sitzen blieb, als es von außen den Anschein machte.

      Doch ich hielt schön brav meine Klappe. Ich wollte einfach meinen Abschluss und dann den ganzen Haufen verwöhnter Schnösel hinter mich lassen. Was sie in ihrem Leben anstellten könnte ihr nicht egaler sein, solange sie dort nicht mit hinein gezogen wurde.
      Die anderen Mädchen begannen über die Fächer in diesem Jahr zu reden, und darüber, welchen Lehrer sie sich wo wünschten. Eine auffällige Mehrzahl wünschte sich schwärmerisch Herr Wakanabe für den Schwimmunterricht.
      "Gestehen wir es uns doch ein, Ladies." seufzte Hinata mit gespielter Trauer und zwinkerte mir dabei schelmisch zu "Wir haben doch alle sowieso keine Chance wenn Mizuha einmal auftaucht." Verlegen räusperte ich mich
      "Ich, ähhh, überlasse euch da gerne den vortritt." lachte ich nervös, obwohl mir in dem Moment eigentlich eher nach würgen zu mute war.
      Ich hatte nie so recht verstanden warum einige ihrer Mitschüler so darauf abfuhren, Schüler-Lehrer-Beziehungen zu romantisieren.
      "Oh mein Gott. Sag bloß-?!" Aois überraschtes Aufschnappen irritierte mich. Was? Was hatte ich JETZT Schon wieder falsches gesagt? "Du hast dir in den Sommerferien einen Freund angelacht!" jedem in der Runde -inklusive mir- fiel die Kinnlade metaphorisch auf den Boden. Nur weil ich nichts mit einem Lehrer anfangen wollte, interpretierte sie das in meine Aussage hinein?
      "Oh mein Goooott, erzähl mir von ihm!" "Hast du Bilder" "Wie habt ihr euch kennen gelernt"
      Am liebsten wollte ich im Erdboden versinken während ich so mit Fragen bombardiert wurde. "Leute bitte. Ich hab keinen Freund, und ich bin auch nicht auf der Suche nach einem." Versuchte ich die Situation zu deeskalieren. "Du hast nur noch nicht den richtigen gefunden." zwinkerte mir Aoi zu.
      Ich verzog das Gesicht ein wenig. Ich glaube kaum. Für mich stand das Schulische im Vordergrund. Mehr als nur ein Mal hatte mir einer meiner wenigen männlichen Mitschüler nach dem Unterricht seine Liebe im Schulhof gestanden. Auch wenn sie es allesamt vielleicht süß meinten, hatte ich bei keinem von ihnen auch nur den geringsten Hauch romantischer Gefühle empfunden.

      Entweder hatte Aoi recht -Was ich niemals laut zugeben würde, selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte- und ich hatte wirklich noch nicht 'den Richtigen' gefunden, oder Männer waren ganz einfach nichts für mich.
      Während alle anderen freudig vor sich hin schnatterten, dissoziierte ich vom Gespräch weg und ließ meine Augen durch den Raum und den Rest meiner schnöseligen Mitschüler wandern. Dabei kreuzte sich mein Blick geradewegs mit dem, der neun Mitschülerin, welche augenblicklich wieder in ihr Buch sah und unbekümmert drein Blickte. Überrascht blinzelte ich etwas und musterte sie.
      Sie war anders als alle anderen. Sie schien sich bewusst im Hintergrund zu halten. Jeder andere würde sich an ihrer stelle direkt versuchen mit dem Reichtum ihrer Eltern einen Platz in der Klassenhierarchie zu behaupten.
      Oder sie war einfach nur Schüchtern? Oder Eingeschüchtert? Was ich ihr nur wenig verübeln konnte, bei all den überwältigen Eindrücken welche diese Schule bot. Besonders wenn man neu hier war. Ich musste direkt an meinen ersten Tag zurückdenken, wie ich völlig überwältigt von meinem plötzlichen Kopfsprung in die Welt der Wohlhabenden, da stand und mich kaum getraut hatte, Fuß in dieses Klassenzimmer zu setzen.

      Ehe ich mir weitere Gedanken um die Neue machen konnte, war unser Klassenlehrer, Herr Ito, bereits eingetreten und begann, wie zu Beginn eines jeden neuen Schuljahres, seine charakteristische Rede zu schwingen. Dann kam er zu dem Punkt, auf den Wohl schon viele Schüler gewartet hatten: Die Neue.
      Entweder war sie durch die Plötzliche Aufmerksamkeit, die mit einem male auf ihr lag, vor Überraschung wie Eingefroren, oder sie versuchte theatralisch zu sein, indem sie schweigend eine Weile sitzen blieb während jedermanns Augen auf ihr ruhten. Was auch immer es war, sie schien es relativ schnell abzuschütteln und ging sicheren Schrittes nach vorne an die Tafel.

      Als sie an mir vorbei ging, viel mir erst auf wie groß und schlank sie war. Oh man, sie sah aus wie ein richtiges Model! Auch von ihrer Körperhaltung bis hin zu ihrer Sprechweise schien alles bis aufs kleinste Detail einstudiert worden zu sein. Lediglich ihr Gesicht wirkte beinahe Ausdruckslos. Vermutlich bildete ich mir das nur ein, aber in ihrem Gesicht spiegelte sich ein Ausdruck von... Traurigkeit?
      Neugierig lauschte ich ihrer Vorstellung. Yuna Hittori. Ein hübscher Name, dachte ich mir, während einige Mitschüler diverse Fragen stellten. Ein wenig beeindruckt war ich schon, als sich herausstellte, dass ihr Name tatsächlich mit dem internationalen Handelsriesen für Computerchips zusammenhing. Selbst ich hatte viel von dieser Firma gehört, nicht zuletzt durch einige meiner Computer-affinen Mitschüler, welche soeben beeindruckt untereinander zu flüstern begannen.

      Keine weiteren Fragen wurden mehr gestellt, woraufhin Herr Ito sie an ihren Platz zurück bat und mit dem Unterricht begann.
      Die erste Stunde Gesellschaftskunde verlief beinahe wie gewohnt - wenn man von dem hin und wieder auftretendem Geflüster und den flüchtigen Blicken in die letzte Reihe absah. Auch ich war kurzzeitig versucht, einen neugierigen Blick nach hinten zu werfen, Widerstand dem Drang jedoch. Ich wusste genau wie es sich anfühlte ständig von neugierigen Blicken durchbohrt zu werden und ständiges Getuschel über sich ergehen zu lassen. Ich kam mir dabei schon selber oft genug wie ein zur Schau gestellter Freak vor.
      Und so konzentrierte ich mich strickt auf meine mitgeschriebenen Unterrichtsnotizen.
      Als endlich die Pause anbrach, und wir alle erleichtert unsere Schulbücher schlossen, erlag auch ich der Schuld der Neugierde für einen kleinen Moment, und warf einen kurzen Blick auf Yuna.
      Wie würde sie ihre Pause verbringen?

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    • Yuna Hittori

      Ich hatte mich bei der Annahme, jetzt nur noch Lernen zu müssen, offensichtlich geirrt. Die ganze Stunde brachte ich kein Wort zu Blatt und keinen Gedanken zustande. Woran das lag, konnte ich auch schnell feststellen. Alle zwei Minuten hatte sich einer der 24 Schüler zu mir umgedreht. Ich fühlte mich beobachtet, wie ein Tier im Zoo, das ständig von Blicken belästigt wurde. Ich hatte irgendwann aufgegeben mich zu konzentrieren und saß bloß ein wenig enttäuscht in der letzten Reihe. Mich traf die Realisiation, dass ich das Schulleben schon immer zu Unrecht romantisiert hatte. Als ich kleiner war, dachte ich, es würde tatsächlich wie im Manga zugehen. Es stellte sich heraus, auch wenn es leicht anders war, kam es doch recht gut hin. Nur für mich nicht.

      Gelangweilt den Kopf in die Hand stützend wartete ich, bis die Pause kam. Ich überlegte, einfach aufzustehen und zur Toilette zu gehen, dort zu warten, bis die nächste Stunde begann, doch dann erinnerte ich mich daran, dass ich Freunde finden wollte. Daher verharrte ich einfach in meiner Position, sah mich im Klassenzimmer um und ließ meinen Blick über meine Mitschüler schweifen. Schon wieder traf mein Blick den dieses blonden Mädchens. Ich runzelte ein wenig die Stirn und sah nicht weg, bis sie es tat. Viel zu lange hatten wir beide dem Augenkontakt standgehalten und jetzt fühlte ich mich ziemlich aufdringlich. Wobei mich das nicht stören musste, da sie ja offensichtlich so viele Freunde hatte, dass sie nicht noch jemanden in ihrer Runde brauchte.

      Ich seufzte leicht und merkte, wie verkrampft ich war. Ich hatte eigentlich gedacht, in der Schule, wenn ich weit weg von meiner Familie war, könnte ich mich einmal entspannen. Doch der Schulalltag schien mir bereits komplizierter zu sein, als ich erwartet hatte. Einen Moment lang wünschte ich mir wieder zuhause sein. Doch ich riss mich zusammen. Nein, dachte ich, du sperrst dich nicht freiwillig wieder ein!

      Mit neuem Mut erhob ich mich und ging zielstrebig auf das Mädchen zu, das ebenfalls in der letzten Reihe saß und sich bisher mit niemandem unterhalten hatte.

      Ich stellte mich vor sie und sagte selbstbewusst: „Ich heiße Yuna“ Ich streckte meine zu ihr Hand aus.

      Das Mädchen hob den Blick und betrachtete mich argwöhnisch. Ich wurde ein bisschen nervös.

      „Schön für dich“, meinte sie kalt. Dann starrte sie wieder in ihr Handy.

      Während ich kurz verwirrt stehen blieb, zog ich meine Hand wieder weg und ging dann einen Schritt rückwärts. Ich verstand nicht, was es mit dieser Antwort auf sich hatte, aber das Mädchen hatte offensichtlich kein Interesse daran, mit mir zu sprechen. Das Ganze beunruhigte mich. Ich wollte wissen, was sie dachte. So etwas konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.

      „Wie heißt du?“, fragte ich unverblümt.

      Sie hob erneut den Kopf. Ihre Augen formten sich zu Schlitzen. „Sag mal“, erwiderte sie schnippisch, „kannst du keine zwei Minuten drauf warten, dass dir deine Gleichgesinnten am Rockzipfel hängen? Denkst du ernsthaft, ich will mich mit lauter abgehobenen, selbstverliebten Zicken abgeben? Wenn du mich das nächste Mal ansprichst, hast du besser deinen Nachnamen geändert“

      Ich starrte sie an. Was zum Teufel war in dieses Mädchen gefahren? Einen Moment lang hatte ich das Verlangen ihr zu sagen, dass ich sowieso nicht besonders angetan von Menschen war, die aussahen, als hätten sie jahrelang keine Sonne gesehen. Aber dann hielt ich mich zurück. Zumindest hatte sie die Entscheidung alleine zu sein selbst getroffen, im Gegensatz zu mir.


      „Ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte“, erwiderte ich unberührt. Ich ging zurück an meinen Platz und lehnte mich an den Tisch, denn ich wollte nicht wieder sitzen, wenn ich genau das sowieso die nächsten sechs Stunden tun würde. Ich schaffte es nicht, meine Enttäuschung zu verbergen. Das war mein erster und letzter Versuch gewesen, Freunde zu finden.
      >> it takes courage to bloom <<