Rouge's Inferno {Codren & Aiden}

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    • Rouge's Inferno {Codren & Aiden}

      Kastian

      "Hört, hört! Zirkus Rouge ist in der Stadt! Lasst euch verzaubern von den magischen Einlagen der Künstler, erzittert vor Angst im Angesicht der schrecklichsten Kreaturen dieser Erde, erfreut euch am atemberaubendem Schauspiel weltberühmter Akrobaten, Tänzer und vielen mehr! Nur fünf Silbermünzen für den Eintritt, ein geringer Preis für einen Abend voller Magie, den ihr nie vergessen werdet! Kinder bezahlen die Hälfte! Nur für drei Monate, hinter Schloss Ebsian auf dem Hügel!
      … Hört, hört!..."

      In der Stadt Kastian waren die Schreier auf Hochtouren unterwegs - in jedem Gasthaus, jeder Metzgerei, jedem Bäcker und jedem Schneider wurden die kleinen, rot-goldenen Flugblätter verteilt, auf denen in silberner Schrift der Name dessen stand, was sich zur selben Zeit einen Kilometer entfernt auf besagtem Hügel tummelte, eine Ansammlung aus unvollständigen Zelten, aufgereihten Wägen und mannshohen Käfigen. Der Zirkus war im Morgengrauen angekommen, hatte sich vom Bürgermeister von Kastian den besten Platz in der Umgebung geben lassen - manch einer behauptete, der Teufel würde seine Magie mit einfließen lassen, um immer die schönsten Plätze zu bekommen - und hatte dann mit der üblichen Routine angefangen, die immer durchgeführt wurde, wenn neu aufgebaut wurde: Schreier mit den Flugblättern losschicken, den Stall für die Tiere aufbauen, den Boden ebnen, eine zuverlässige Wasserquelle finden. Bis zum Abend sollten zumindest die kleinen Stände stehen und Licht sollte den größten Platz erhellen, die erste Aufführung würde erst Ende der Woche stattfinden, wenn die Tiere sich von der Reise erholt hatten und der Zirkus soweit stand, dass man ihn auch sorglos besuchen konnte. Das zog auch mit sich, dass sämtliche Beteiligte, die eigentlich glücklich darum sein sollten, dass die Reise ein Ende gefunden hatte, im Stress damit waren, das Geschäft zum Laufen zu bringen. Jeder einzelne Angestellte, ob Darsteller oder Putzkraft, ob Oberster oder Ticketverkäufer, alle waren am herumwuseln, entweder um den Platz freizuräumen, Wägen zu verschieben, Stände aufzubauen oder Tiere zu verpflegen. Über all den Tumult hinweg konnte man die periodischen Rufe von Oberster Sir Edgar Maire hören, dessen kräftige Stimme auf dem ganzen Hügel zu erhallen schien. Wie ein König schritt er durch das Gewühl, die Brust herausgestreckt, den aufmerksamen Blick auf alles und jeden gerichtet, der sich in seinem Blickfeld befand. Unter dieser Aufsicht würde sogar eine Ameise damit anfangen sich zu bewegen, nur um der Prüfung seiner Augen zu entgehen.

      Rodrik Belliam, der schwerfällige Assistent der Buchhalterin Philippa Caveden, war einer der wenigen Personen, die nicht am Aufbau des Zirkus beteiligt waren und damit auch keine Angst haben musste, sich vor dem wandelndem Aufseher rechtfertigen zu müssen. Ausgestattet mit Klemmbrett und Stift, zudem auch noch gekleidet in einen dicken Pelzmantel, der ihm bis zu den Knie ging, stapfte er durch die morgendliche Kälte, rieb sich die Hände, murmelte vor sich hin und begutachtete die Wägen, indem er erst ihren Inhalt prüfte, dann die Außenwände nach Schäden absuchte, die Räder kontrollierte und seine Ergebnisse zum Schluss sorgfältig in eine Liste eintrug, die bereits eine Länge von fünf Seiten hatte und von oben bis unten in seiner kleinen, krakeligen Handschrift vollgeschrieben war. Er war gerade erst beim sechzehnten Wagen, sofern er es richtig in Erinnerung hatte, als er auf ein Trio Arbeiter stieß, die sich ziemlich offensichtlich auf seine Seite der Wägen gestellt hatten, um vom hauptsächlichen Trubel nicht gesehen zu werden. Kurzzeitig verdutzt über diesen Zusammenstoß hörte Rodrik auf zu murmeln, musterte die Männer mit dem Versuch, ihre Gesichter auf diese Distanz zu erkennen, und schlurfte dann hinüber. Die Gespräche erstarben bei seiner Ankunft und die Blicke wandten sich ihm zu.
      "Mensch, Kinder, ihr seid doch nicht zum ersten Mal hier. Ach, dich kenn ich doch, du bist doch Severin der Ticketverkäufer. Los jetzt ihr drei, bevor euch der Edgar noch sieht, ich glaube der hat heute morgen eine schlechte Stimmung. Da möchte sogar ich ihm nicht über den Weg laufen."
      Einer der Männer sprang vom Wagen herab, die anderen beiden wandten sich Rodrik zu. Der Ticketverkäufer, der Severin hieß, verzog die Miene.
      "Wir sind die letzten drei Stunden bei den Kutschführern gesessen, haben uns die Ärsche abgefroren und haben Pferde angetrieben, die genauso wenig Bock auf diese ewige Pampa haben wie wir. Hier gibt es nichts als Hügel und Steine und von denen hab ich sicherlich schon genug gesehen und gespürt. Wir machen jetzt 'ne Pause und wenn's später noch was zu tun gibt, werden wir uns anschließen."
      Rodrik zog die Augenbrauen hoch und sah in die Runde. Er war selbst nicht damit einverstanden, dass sie bei ihrer Ankunft immer so einen Zeitdruck hatten, aber er wusste zumindest, was die Konsequenz dafür war, wenn man beim Herumlungern erwischt wurde.
      "Ihr könnt von Glück reden, dass ich euch gefunden habe und nicht Edgar oder noch schlimmer. Geht doch zumindest Stangen tragen helfen, das ist nicht so anstrengend und muss trotzdem erledigt werden. Ich glaube da vorne sind noch ein paar unberührte Haufen."
      Er drehte sich um, um in die Richtung zu zeigen, brach diese Bewegung dann allerdings wieder ab, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Einer der Männer war näher herangetreten, er überragte Rodrik um einen ganzen Kopf.
      "Wir werden nicht aufräumen helfen und auch nicht tragen oder bauen helfen. Wir werden hier sitzen und ein paar Zigaretten rauchen und wenn wir uns dann aufgewärmt haben, werden wir uns Arbeit suchen. Das ist keine Verweigerung, wir kümmern uns nur um unser gesundheitliches Wohl, bevor wir noch krank werden. Hast du das verstanden, alter Mann?"
      Rodrik zog die Stirn in Falten und schubste die Hand auf seiner Schulter weg.
      "Das habe ich verstanden und sage euch deshalb, dass das eine schlechte Idee ist. Wenn der Teufel euch findet, werdet ihr euch wünschen ihr würdet lieber auf den Schneebergen Zelte aufbauen."
      "Aber schließlich hat er uns noch nicht gefunden und dabei wird es auch bleiben."
      "Das wird es nicht, wenn ihr weiter hier herumsteht."
      "War das etwa eine Drohung?!"
      Dem Mann schien ein Geduldsfaden zu reißen, oder aber die angestaute Wut in ihm lief über, gepaart mit dem Frust über die lange, anstrengende Reise, die sie hinter sich hatten. Er packte Rodrik beim Mantel, riss ihn mit einer solch erstaunlichen Kraft zur Seite, dass Rodrik für einen Moment den Boden unter den Füßen verlor, und stieß ihn gegen die Wagenwand. Sein Nachbarsmann näherte sich schnell, mindestens genauso grimmig dreinblickend, nur Severin, der mit Anfang 30 der jüngste des Trios war, machte eine ängstliche Miene, schien etwas sagen zu wollen und entschied sich dann dagegen. Rodrik schwindelte für einen Moment, ehe er durchgeschüttelt wurde.
      "Du wirst weder Edgar etwas sagen, noch sonst wem, hast du mich verstanden?! Sonst werde ich dir das Genick brechen und den Abhang runterrollen, davor würde ich keinen Moment zögern, echt nicht!"
      Severin sah noch besorgter rein, trat einen Schritt zurück und dann noch einen. Nur noch ein kleines Stück, dann würde er weglaufen, hinein in das Getümmel und weg von der drohenden Gefahr, die sich ihm hier bot.


      @Aiden.Nesmilas
    • Leda Holt

      Bevor Leda zum Zirkus kam, hatte sie immer von einen aufregenden Leben geträumt. Davon geträumt mehr von der Welt zu sehen, mehr als immer nur dasselbe Dorf.
      Am Anfang hatte sie gedacht, dieses Ziel erreicht zu haben, als sie in die Stadt kam, aber von diesem Moment an, war alles nur noch bergab gegangen. Manchmal wünschte sie sich zurück in das Haus ihrer Eltern, in die Umarmung ihrer Mutter. Doch das waren alles nur Wünsche die für immer unerfüllt bleiben würden.
      Diese Gedanken kamen ihr immer wieder in den Sinn, wenn der Zirkus von einem Ort zum anderen reiste. Auf eine gewisse Art und Weise, hatten sich ihre Träume erfüllt, erst zu spät hatte Leda erkannt, dass es eigentlich keine Träume waren sondern Albträume. Manchmal wenn keiner hinsah, griff sie sich für diese Dummheit an den Kopf. Die Dummheit jemals diesen verfluchten dämonischen Zirkus beigetreten zu sein. Sie war hier eingesperrter als jemals in den kleinen Dorf, das einst ihre Heimat gewesen war. Der Zeitpunkt fühlte sich soweit in der Ferne an, dabei waren erst wenige Jahre vergangen seitdem sie ihre Familie das letzte mal gesehen hatte.

      Leda war gerade dabei das Gehege für die Tiger aufzubauen, damit sie ein bisschen Freilauf haben konnten. Wenn die Raubtiere nicht ausreichend Bewegung bekamen, war es beinahe unmöglich mit ihnen zu trainieren und noch unmöglicher mit ihnen eine Show aufzuführen. Das war auch der Grund warum die Ställe und kleinen Gehege immer ganz außen vom Zirkus Platz waren, sie nahmen sonst einfach zu viel Platz weg. Es war einfacher die Tiere zum Zirkus zu bringen, als die Menschen von den Stallungen fern zu halten. So konnte man ungewollte Unfälle am besten verhindern.
      Die junge Frau konnte ihre Hände schon kaum noch fühlen vor der Kälte, doch ihr war es nicht gestattet Handschuhe zu tragen. Deswegen musste sie eine kurze Pause einlegen um ihre Hände zu reiben und ihren warmen Atem in diese zu pusten. Sie kribbelten noch, was Leda einfach als ein gutes Zeichen betrachtete, immerhin konnte sie ihre Hände noch fühlen, deswegen konnten sie gar nicht abgefroreren sein.
      Ihrem direkten Vorgesetzten schien diese Pause wohl überhaupt nicht zu gefallen, was nur daran lag, das er sich damit keine kürzere Pause leisten konnte. Denn sie mussten den ganzen Zirkus in einer lächerlich kurzen Zeit aufgebaut haben. Damit bald die Übungen beginnen konnte, und der erste Auftritt ohne Probleme stattfinden konnte. Denn wenn der Zirkus mit einer Sache prahlen konnte, dann war es wohl, das keine zwei Shows gleich waren. Immer wieder sollten wir uns alle neue Dinge einfallen lassen, es sollte immer gigantischer werden - wohl zurückzuführen auf die steigende Zahl der Mitarbeiter und den sadistischen Neigungen der Vorgesetzten.
      "Leda, mach weiter! Wir brauchen noch ein paar Sachen, hol die schnell, damit wir die Tiger bald aus den Käfigen lassen können. Am besten bevor Fütterungszeit ist", der Ton des Mannes war harsch und lies keine Widerrede zu. Selbst wenn Leda einer auf der Zunge brannte. Dabei wusste sie es nach den letzten Jahren besser, und biss sich meistens ohnehin schon auf ihre Zunge, wenn ihr etwas in den Kopf kam, das ihren Gegenüber beleidigen konnte. Das Problem von Leda war einfach, dass sie in der Rangfolge viel zu weit unten war, um sich überhaupt etwas leisten zu können.
      "Natürlich", lächelte sie übertrieben falsch und mit triefender falschen Freundlichkeit. Doch bevor sie irgendwie gescholten werden konnte, drehte Leda sich um und eilte weg. Sie hatte vielleicht langsam ihre Worte unter Kontrolle, doch ihre Art noch lange nicht. Das war vermutlich auch der Grund warum sie keine Handschuhe - oder insgesamt wärmere Kleidung- bekam. Es konnte jedoch auch jedes andere vergehen sein, was sie in den letzten Monaten begangen hatte. Meistens waren es ohnehin zu viele um sie zu zählen, denn jede Kleinigkeit konnte man ihr falsch anrechnen.

      Der Weg zu den restlichen Sachen die für die Tiere fehlten, war weiter als sie ursprünglich in Erinnerung hatte, was auch einfach daran liegen konnte, dass sie mittlerweile auch ihre Zehen nicht mehr ganz fühlte. Wie sehr sich Leda heute Abend auf ein warmes Lagerfeuer und eine heiße Suppe freute. In den letzten zwei Wintern hatte Leda gut gelernt wie man auch ohne dach über den Kopf gut überleben konnte. Nun, gut war wohl etwas übertrieben, aber überleben war überleben. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt die Silbermünze zu finden, und solange nicht zu sterben. Sie wollte dem Teufel nicht ihre Seele überlassen. Unter gar keinen Umstand.
      Gerade als Leda bei den Sachen ankam hörte sie hinter den Wägen ein paar stimmen. Die junge Frau würde ja gerne behaupten, dass sie keine Neigung zur Neugierde hatte, aber das wäre nun einmal gelogen. Deswegen blieb sie auch kurz stehen, um zu lauschen. Die Stimmen kamen ihr bekannt vor, weswegen sie es wagte zu der Gruppe zu spähen.
      Der Alte war ein Assistent eines Obersten. Und wurde so angegangen, von Leuten die Leda gut kannte. Die beiden sorgten immer für Trubel und auch Leda hatte genug davon abbekommen. Sie sprang ehrlich gesagt auch jedes Mal darauf an. Meistens standen ihre Karten jedoch recht schlecht, weil die Gruppen sonst größer waren.
      Eigentlich hätte Leda umdrehen sollen, und den Alten sich selbst überlassen sollen. Aber es juckte bereits jetzt in ihren Fingern, metaphorisch gesprochen immerhin konnte sie diese gar nicht fühlen, den beiden Typen so eine zu verpassen. Den Ticketverkäufer bemerkte Leda erst später, doch der schien sich ohnehin schon aus den Staub machen zu wollen.
      Ihre Gedanken rasten. Wenn sie dem alten helfen konnte, könnte er vielleicht auch ein gutes Wort für sie einlegen.
      Mit der letzten Hoffnung waren ihre nächsten Taten besiegelt. Sie griff nach einem Holzpfahl, und machte erst einmal einen großen Bogen, denn in einer direkten Konfrontation, hätte Leda wohl gar keine Chance. Dann würde nicht nur der Kopf des Alten rollen sondern auch ihrer und das sollte wirklich verhindert werden.
      Also schlich sich Leda langsam, mit jeden Schritt darauf bedacht keinen Lärm von sich zu geben, näher von hinten an die Typen heran.
      Die kurze Zeit über musste der Alte noch überleben. Wenn er doch nur seinen Mund halten würde, wäre es für ihn sicherlich einfacher. Leda wusste nicht genau was ihn geritten hatte, dass er sich mit zwei Typen anlegte, gegen die er absolut nichts ausrichten konnte. Ob das an seiner Stellung lag? Selbst dann sollte man sich offensichtlich nicht alles erlauben.
      Bald schon hatte sie es an sie herangeschafft ohne bemerkt zu werden. Den Ticketverkäufer deutete sie an ja keinen Ton von sich zu geben, und da er ohnehin schon die Hosen voll hatte, sagte er auch nichts um seine Freunde zu warnen.
      Noch zwei Schritte und Leda konnte dem ersten eine über den Schädel ziehen. Es machte ein wirklich ungutes Gerräusch, welches einen Schauder über ihren Körper jagen lies. Doch als er zu Boden viel stöhnte er noch, und griff langsam nach seinen Kopf.
      "Und was wenn ich Edgar bescheid gebe?", grinste sie dann, getrieben durch das Adrenalin welches durch ihre Adern pumpte. Sie wurde etwas übermütig wenn soetwas passierte, aber im Moment sah sie sich im Vorteil.
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • Rodrik stemmte sich zwei, drei Mal gegen die Kraft des anderen, brach seine Versuche dann allerdings keuchend wieder ab. Sein Rücken schmerzte von dem Aufprall, genauso wie seine linke Schulter und ein wenig die rechte und eine Haarsträhne hatte sich aus seinem gekämmten Haar gelöst und fiel ihm störend in die Augen. Schließlich beließ er es bei einer Warnung.
      "Arbeitsverweigerung ist die eine Sache, aber einen alten Mann anzugreifen der sich nicht wehren kann, ist die andere. Haben eure Mütter euch keine Manieren beigebracht?"
      Der Mann der ihn gepackt hielt, ließ seine Wut für einen weiteren Moment an Rodrik aus, dann schien er seine Meinung zu ändern und ließ ihn los. Rodrik richtete seinen Mantel und bemerkte just in dem Augenblick eine Bewegung aus dem Augenwinkeln. Er betrachtete die Gestalt für eine Sekunde, die sich ihnen dort mit einer richtigen Waffe näherte, dann sah er schnell wieder zu dem Mann vor ihm, der drauf und dran war sich dorthin umzudrehen.
      "Ich muss dir nicht weh tun um dir einzubläuen, dass du niemandem etwas sagen wirst, denn das wirst du nicht tun, richtig? Haben wir uns da verstanden? Ich finde meine Wege."
      Rodrik packte ihn grob am Arm und drehte ihn wieder zu sich, als der Mann fast die sich nähernde Gestalt sah. Eigentlich hatte er nicht beabsichtigt so grob zu werden, aber anders würde er ihnen nicht helfen können.
      "Der Teufel bestraft Arbeitsverweigerung mit etwas viel grausamerem als ihr es euch vorstellen könnt. Ich habe Geschichten gehört, in denen die Albträume -"
      Weiter kam er nicht, als die Person, die sich auf kurzer Distanz als Mädchen entpuppte, von hinten angeschlichen kam und den Mann mit einem präzisen, erstaunlich kraftvollem Schlag ausknockte. Sein Nachbar handelte dafür umso schneller, schneller noch als Rodrik es gedacht hätte. Er stürmte zuerst auf ihn zu, rief etwas, was sich anhörte wie sein "Hey" oder ein "Ai", bevor er schlagartig seine Richtung änderte und sich über seinen Kollegen hinweg auf das Mädchen warf. Rodrik eilte bereits herbei, als er die handgroße Klinge eines Taschenmessers aufblitzen sah, das der Mann aus seiner Jackentasche fischte, während er mit dem Mädchen auf dem Boden rang. Rodrik stolperte in seiner Hast über den beinahe Bewusstlosen, bevor er bei dem kämpfenden Paar ankam. Ohne länger darauf zu warten, dass etwas passierte, was alle Beteiligten noch bereuen könnten, griff er beherzt mit einer fleischigen Hand zu, bekam den Kragen des Mannes zu fassen und zog daran. Der Mann verlor halb sein Gleichgewicht, halb wurde er von Rodrik auf die Beine gezogen, verlor in der Hast sein Messer und holte schon mit der Faust nach Rodrik aus, als dieser ihn von sich stieß und losließ. Der Mann taumelte ein wenig, die Miene wutverzerrt, dann schätzte er die Lage für einen Moment ab, erkannte seine zahlenmäßige Unterlegenheit und suchte so schnell das Weite, sodass sein Mantel wie ein Umhang hinter ihm herflatterte. Rodrik wischte sich mit einer Hand den Angstschweiß von der Stirn, die andere hielt er zu dem Mädchen herab.
      "Meine Güte, so hab' ich mir unsere Ankunft nicht vorgestellt. Geht es dir gut?! Hat er dich getroffen?!"
      Er half ihr auf die Beine und schätzte ab, ob er sie schon kannte. Das rote Haar fiel ihm definitiv auf, wenn er weiter darüber nachdenken würde, würde ihr Name ihm bestimmt einfallen.
      "Komm mit zu meinem Wagen, ich habe noch warmen Tee und einen Verbandskasten. Nicht einmal ich könnte Edgar erklären, was hier passiert ist, wenn er doch um die Ecke kommt."
      Er blickte auf den Mann hinab, der sich halb stöhnend, halb bewusstlos am Boden herumwälzte und kam zu dem Entschluss, dass es tatsächlich eine gute Idee war.
      "Beeilung. Hier geht's lang."

      Sein Wagen war nicht halb so groß wie der eines Obersten, aber zumindest hatte er einen eigenen. Den größten Teil des kleinen Innenraums besetzte das Bett, das in die Ecke geschoben war und das gleichzeitig als Ablage für Kleidungsstücke und einen Gehstock diente. Auf der Seite war eine winzige Feuerstelle eingebaut, auf der man auch einen kleinen Topf erhitzen konnte, so wie es bei Rodrik gerade der Fall war, und gegenüber stand ein kleiner Holzstuhl. Außer einer weiteren Truhe, die unter das Bett geschoben war, und einem kleinen Schrank daneben gab es keine weiteren Einrichtungsmöbel.
      Rodrik dirigierte das Mädchen, von dem ihm der Name doch nicht eingefallen war, auf den Stuhl vor der Feuerstelle und drückte ihr sogleich eine Tasse in die Hand, die er vorher mit dem Inhalt des Topfes füllte. Es war ein dampfender, noch nicht abgekühlter Kräutertee, in dem vor allem die Minze hervorstach.
      "Hier, wärm dich auf. Hat er dich verletzt? Ich kümmere mich darum, nur keine Sorge. Die Männer heutzutage haben einfach keinen Anstand mehr."
      Er gab sein Bestes dabei es der Dame so gemütlich wie nur möglich zu machen, bevor er sich selbst aufs Bett setzte und schnaufte.
      "Deinen Namen musst du mir trotzdem verraten, ich komme einfach nicht darauf. Dabei habe ich dich bestimmt schon einmal gesehen. Du arbeitest bei den Tieren, nicht wahr? Das hätte ich früher auch gerne gemacht."
    • Leda Holt


      Sie hätte es besser wissen müssen. Aber das alles hatte Leda selten davon abgehalten etwas dummes zu tun. Dafür war sie einfach zu hitzköpfig.
      Schneller als sie hätte reagieren können, stürmte der zweite Mann auf sie zu. Erst als er sich wirklich umgedreht hatte, erkannte sie mit wem sie es da genau zu tun hatte. Es war nicht das erste mal, dass die beiden Stress mit einander hatten, und es waren immer Kleinigkeiten, die die beiden soweit getrieben hatten.
      Ihre Realisation war jedoch zu spät, und der letzte Versuch einer Handlung, mit dem Brett auszuholen, scheiterte, als sie volle Wucht auf den Boden knallte. Das Brett fiel ihr aus der Hand, und für einen Moment musste sie nach Luft schnappen, denn der Aufprahl mit dem Boden, hatte ihr alle aus der Lunge gedrückt.
      "Bastard", murmelte sie und versuchte sich unter ihm hervor zu kämpfen. Dabei fühlte sie sich schon wütend genug, doch als der Dreckskerl auch noch begann zu Grinsen, als würde er das lustig finden, sah sie nur noch rot. Leda schlug und trat um sich, erwischte den Typen - den sie als Jack erkannt hatte- bestimmt öfter und fester als ihm lieb war.
      In ihren Augenwinkel sah sie dann jedoch etwas aufblitzen, und erstarrte als sie das Messer in seiner Hand erkannte. Als hätte er ansonsten keine Chance gegen sie. Vermutlich hätte er das auch nicht, immerhin steckte Leda voller Energie, die er wohl nicht mehr hatte. Aber nach ein paar Jahren in diesem Zirkus war es Jack wohl auch nicht mehr zu denken.
      Wieder fluchte die junge Frau, und wollte nun noch fester zu treten, doch da wurde der Mann auch schon von ihr gerissen. Sie riss ihre Augen weit auf vor Schreck was jetzt kommen würde. Während Jack sich berechnend umsah, tastete Leda nach dem Brett das sie vorhin noch gehalten hatte. Sie konnte sich erst wieder beruhigen, als sie es spürte. Und mit der Sicherheit ihrer eigenen Waffe in der Hand wurden ihre Gedanken auch wieder klarer.
      Jack hatte sein Messer verloren, und schien wohl nun zu erkennen, dass er keine Chance mehr hatte, weswegen er dann schnell das weite suchte. "Feigling!", rief Leda ihn hinter her und wusste alleine deswegen war die ganze Geschichte noch nicht gegessen. Das würde sicherlich ein Nachspiel geben und Leda hatte dafür sicherlich schlechte Karten. Selbst wenn sie gerade dem Alten hier geholfen hatte, er sah selbst jetzt noch sehr zerbrechlich aus, selbst wenn er ihr gerade geholfen hatte.
      Leda lies sich dann aufhelfen, und sah dann an was sie hier fabriziert hatte. Vielleicht hätte man das auch ein wenig anders klären können, doch es hatte seinen Zweck erfüllt.
      "Alles gut, ich überlebs", meinte sie nur als der Alte nachfragte ob es ihr gut ging. Jack hatte sie getroffen natürlich, es war gar nicht anders möglich, denn wenn der Typ eines konnte dann zuschlagen.
      Als der Alte dann Edgar erwähnte wurde ihr ein wenig anders. Sie würde hierfür bestimmt großen Ärger bekommen, egal was ihre Beweggründe waren. Also folgte sie den Alten, selbst wenn sie nicht sehr lange Zeit dafür hatte.

      Es sollte sie nicht verwundern das der Alte seinen eigenen Wagen hatte, und trotzdem konnte sie nicht anders als zu staunen. Sie wünschte sich sie hätte ihren eigenen Wagen, mit einen schönen warmen Feuer. Mehr würde sie nicht brauchen, aber das hier lag außerhalb ihrer Möglichkeiten. Vielleicht konnte sie irgendwann etws kleines feines haben. Aber dafür müsste sie erst diese verfluchte Silbermünze finden.
      Seufzend lies sie sich auf den kleinen Stuhl nieder, und ihr Körper begann nun mehr weh zu tun. Das Feuer taute ihre eingefrorerenen Glieder etwas auf, welche deswegen so brannten als würde sie die Hände direkt ins Feuer halten. Als ihr dann auch noch die Tasse in die Hand gedrückt wurde war sie ein wenig überfordert. Tee hatte sie sicherlich schon seit mehreren Jahren nicht mehr getrunken, das einzige was die Leute ihres Ranges hatten um sich im Winter warm zu halten war selbstgebrannter Schnaps. Und den vertrug Leda nun einmal überhaupt nicht. Seitdem sie im Zirkus war hatte sie sich überhaupt sehr verändert. Früher hatte sie sicherlich auch noch nicht so viel geflucht wie sie es mittlerweile tat, aber es gab gar keine andere Möglichkeit. Wenn man es nicht tat wurde man von den anderen nur noch mehr niedergemacht.
      "Ist schon gut, Großväterchen, es sind nur ein paar Schläge gewesen und ein paar Kratzer."
      Leda sah sicher schon einmal schlimmer aus. Um es zu verdeutlichen griff sie nach den Narben in ihrem Gesicht. Das hatte weh getan wie die Hölle und Leda hatte eine Zeit lang Angst, dass sie nichts mehr sehen würde können. Aber auch das hatte sie überlebt, und seitdem redete sie sich ein, dass sie alles überleben konnte.
      "Leda", meinte sie dann knapp auf die letzte Frage des Alten. Eigentlich hätte sie sich auch nach seinem Namen erkundigen sollen, aber sie sah es gar nicht ein.
      "Alterchen, du solltest dich nicht mit diesen Leuten anlegen. Die machen immer Ärger", meinte sie dann. "Ich bin schon ein paar Mal mit denen zusammen geraten."
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • Rodrik's Rücken schmerzte immer noch und während Leda - der Name kam ihm bekannt vor - ihm einen Ratschlag erteilte, justierte er seinen Körper so, dass er seinen Rücken entlasten konnte. Es brachte nichts, der Schmerz würde ihn den ganzen restlichen Tag begleiten.
      "Ich lege mich mit niemandem an. Ich bewahre die Leute vor ihren Strafen. Weißt du, was der alte Jorg damals gekriegt hat, als er seine Pause überzogen hat? Er hat eine Zange zur linken Hand und einen Hammer zur rechten Hand bekommen und musste für den Rest seines Lebens herumlaufen und Stangen zusammenschrauben und Nägel hämmern. Zum Glück hat sein Leben nur noch zwei Wochen gedauert, denn mit einer Zange und einem Hammer kann man bekanntlich schlecht Nahrung aufnehmen und niemand hat sich um ihn gekümmert. Möchtest du eine Zange und einen Hammer als Hände haben? Ich denke nicht. Und das war nur dafür, dass er eine Pause überzogen hat - und dem Teufel in die Arme gelaufen ist."
      Rodrik fragte erst gar nicht nach ob Leda Jorg kannte, noch kümmerte er sich darum ob das Ereignis wahr war oder seinem fantasievollem Geist entsprang, der 27 Jahre lang von den Geschichten fast zweier Generationen an Zirkusdarstellern genährt worden war. Er justierte sich noch einmal, um sein Leid zu lindern, als ihm plötzlich ein Licht aufging.
      "Ach! Leda! Jetzt erinnere ich mich! Du bist doch die Tigerfrau, nicht wahr? Wie konnte ich das vergessen! Wie lange ist das her, ein Jahr? Oder sogar zwei? Der weibliche Tarzan, ja, daran erinnere ich mich noch."
      Er lachte einmal herzlich, sodass es seinen Bauch durchschüttelte, dann verstummte er wieder, als er erkannte, was er eben gesagt hatte.
      "Ach Gott, verzeih mir. Die Leute haben viel über dich geredet, weißt du? Tigerfrau und weiblicher... Ich will die Namen gar nicht alle nennen. Das war eine wirkliche Sensation, du musst die erste im ganzen Zirkus sein, die es jemals geschafft hat einen Tiger großzuziehen."
      Er lächelte Leda freundlich an, als habe er eine lebende Legende vor sich sitzen.
      "Wie geht es dem kleinen? Ich habe gehört er ist auf gutem Weg seine Mutter eines Tages zu ersetzen. Ich bin mir sicher mit deinem Talent wird er eines Tages seine eigene Sensation werden."
    • Leda Holt

      Leda kannte keinen Jorg, aber sie brauchte Jorg nicht zu kennen um diese Geschichte zu glauben. Es waren mittlerweile mehr als genug Dinge passiert, vor allem ihr selbt, dass sie es glauben konnte ohne auch nur ein wneig daran zu zweifeln. Aber es ging hier nicht um Jorg, oder irgendwelche Bestrafungen.
      "Wenn sie nicht ihren Pflichten nachgehen sind sie selber Schuld, wenn sie erwischt werden", meinte sie dann ein wenig verbittert. Die Typen hatten es bestimmt verdient zu verhungern, Leda würde den sicherlich amüsiert zusehen. Manchmal konnte es etwas verschreckend sein, wie Leda mittlerweile angefangen hatte zu denken, doch es hatte unweigerlich dazu führen müssen. Zu viele Dinge waren in den letzten Jahren passiert, vor allem ihr passiert. Warum sollte also niemand anderen etwas schlechtes passieren können.
      Leda wunderte sich nur, wie der Alte nicht ähnlich denken konnte. Er musste hier vermutlich schon ewig angestellt sein so wie er aussah. An seiner Stelle wäre Leda nur noch verbitterte als ohnehin schon, denn offensichtlich hatte er hier sicherlich auch kein gutes Leben. Nicht als Unterstellter, und vermutlich auch ohne Aussicht auf einen Posten als Obester.
      Leda konnte nur das Gesicht verziehen, als dem Alten aufging wer sie war, und all die komischen Spitznamen über sie herausspieh. Sie verabscheute es, das konnte sie nicht verbergen. Alle taten so als hätte sie etwas anderes getan als versucht zu überleben, und das wurde nur mit Spott bedacht. Keiner dieser Namen wurde auch nur annhernd mit irgendeinen Respekt ihr gegenüber ausgesprochen oder sonst etwas. Respekt bekam man hier ohnehin nicht, wenn man so wie sie zu den niedrigsten zählte.
      "Cain geht es gut, er lernt jeden Tag mehr. Ich denke bald ist er auch groß genug für seine erste Aufführung."
      Leda hatte nur bedenken darüber ob ihr Chef ihn auch kontrolliern konnte. Cain war auf Leda fixiert und aktzeptierte die anderen eher schlecht als recht. Es war immer ein Kampf, außer sie war in irgendeiner Art dabei. Und Leda glaubte kaum, dass sie mit in eine Aufführung durfte, und fürchtete sich davor auch ein bisschen.
      Immer wenn die junge Frau an Cain dachte, wurde ihr mulmig. Wenn sie die Silbermünze fand würde sie ihn zurück lassen müssen und das brach ihr das Herz. Wenn er sich nicht an andere Leute gewöhnen würde, würden sie ihn sicher umbringen. Das hatte der Tiger auf keinen Fall verdient.
      "Ich sollte auch nicht zu lange hier bleiben, sonst bekomm ich auch am Ende eine Zange und Hammer als Hände."
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • "Natürlich, natürlich."
      Rodrik hievte sich steifbeinig auf.
      "Nimm' den Tee mit wenn du möchtest, ich hab' noch genug Tassen."
      Dann schlurfte er an Leda vorbei und öffnete die Tür einen Spalt, um auf das beständige Dröhnen von Edgar's Stimme zu hören, die über den Zirkus hinweg hallte wie ein Glockenturm. Nachdem er der Ansicht war, dass Edgar weit genug weg war, und auch sonst niemand wichtiges bei den Wagen zu sein schien, winkte er Leda heran und entließ sie in die Kälte, bevor er selbst hinaustrat und die Tür hinter sich schloss.
      "Nun denn, Tigerfrau, zurück an die Arbeit. Und lass dich nicht ärgern, aber ich glaube, so ein Typ bist du eh nicht."
      Er zwinkerte ihr zu, bevor er sich auf einen gemütlichen Rückweg zu den Wagen machte.

      Oberste Lady Philippa Caveden hatte in der kurzen Zeit Rodrik's Abwesenheit bemerkt. Als er zurück zu den Wagen kam, wo er auch sein Klemmbrett liegen gelassen hatte, stand sie neben dem noch immer bewusstlosen Mann und studierte das Klemmbrett, als ob sie die Antwort auf die Frage, die ihr sicherlich auf der Zunge lag, auf den Seiten lesen konnte. Als Rodrik hinzu kam beachtete sie ihn kaum, sie warf ihm einen Seitenblick hinter den runden Gläsern ihrer Brille zu und nahm sich dann Zeit, um den Rest seiner Auflistungen zu lesen. Als sie damit fertig war, wandte sie sich endlich ihm zu und reichte ihm schweigend das Brett, was er schweigend entgegen nahm. Dann zeigte sie auf den Mann am Boden.
      "Wer läuft hier herum und schlägt Arbeiter zusammen? Ich denke nicht, dass du es warst."
      Lady Caveden besaß eine besonders feine Aussprache, die nahezu perfekt klang, und ähnlich wie Edgar besaß ihre Stimme ein gewisses Grundmaß an Autorität, das jeden Zweifel an ihrer Macht beiseite schob. Sie war etwa gleichgroß wie Rodrik und besaß die Haltung einer Statue: Ebenmäßig, stolz und immerzu perfekt. Ihre Haare waren zu jeder Tageszeit makellos zu einem Dutt nach hinten frisiert und das feine Puder, das auf ihrer Haut lag, war an keiner Stelle zu dick aufgetragen. Selbst die kleinen verzierten Rüschen, die von dem Anzug unter ihrem Mantel hervorlugten, waren allesamt faltenlos und schmiegten sich bei jeder Bewegung an ihr Handgelenk. Rodrik hätte sich selbst belogen, wenn er behauptet hätte, dass er sie nicht seit dem ersten Tag seiner Beförderung begehrt hätte. Womöglich wusste sie es auch, entschied sich aber - was sie in seinen Augen noch viel begehrenswerter machte - die Professionalität zu wahren. Er selbst konnte das nicht von sich behaupten.
      "Äh... Ich glaube, es war jemand mit schwarzen Haaren. Ein Mann, ja."
      Er blickte zu dem bewusstlosen hinab, in der Hoffnung, von ihm irgendwelche Hilfe zu erhalten. Lady Caveden beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen, dann veränderte sich ihre Miene und die Wangenmuskeln lockerten sich, sowie die Lippen, die sie streng aufeinander gepresst hatte. Sie lächelte ein wenig, aber nur so dünn, dass man es kaum bemerkt hätte.
      "Du bist ein schlechter Lügner, Rodrik. Lasse das Theater und sage mir, wer das getan hat."
      Rodrik war tatsächlich ein schlechter Lügner. Er zeigte auf den Mann am Boden.
      "Er wurde gewalttätig und Leda Holt kam mir zur Hilfe. Hätte sie ihn nicht erschlagen, hätte er sicherlich mich erschlagen."
      Lady Coveden schien das zu amüsieren, oder aber sie hielt es für bedenklich. Der öffentliche Audruck von Emotionen lag nicht zwingend in ihrer Stärke und so versuchte Rodrik die kleine Falte zu deuten, die sich auf ihrer Stirn einprägte.
      "Leda Holt, das Mädchen mit dem Tiger? Das wundert mich nicht. Ich habe das Gefühl sie ist immer in der Nähe, wenn es Ärger gibt."
      Rodrik fürchtete, dass dieses Gespräch in die falsche Richtung ging.
      "Im Gegenteil, wäre sie mir nicht zur Hilfe gekommen, läge ich wohl hier am Boden. Sie trifft keine Schuld."
      Lady Coveden betrachtete ihn nun wieder mit zusammengekniffenen Augen, bevor sie erwiderte:
      "Natürlich."
      Rodrik wusste nicht, wie er das deuten sollte und er traute sich auch nicht, das Thema noch einmal darauf zu lenken. Lady Coveden fuhr bereits damit fort ihn darauf hinzuweisen, dass sie ein enges Zeitfenster hatten und dass Unterbrechungen wie diese nicht gestattet waren. Sie informierte ihn außerdem darüber, dass die Wagen noch unbedingt vor der Mittagszeit beendet werden müssten, damit man sie zur Seite räumen und den Platz für weitere Zelte freigeben konnte. Damit verabschiedete sie sich wieder und Rodrik fuhr mit seiner Arbeit fort mit dem Hintergedanken, dass er Leda beim Abendessen suchen gehen musste, um sie vor dem möglich bevorstehendem Ärger zu warnen.
    • Leda Holt

      Leda beobachtete den Alten, ein wenig amüsiert, während er sich aus seinen Bett hievte. Das Alter war nichts worauf man sich freuen konnte, aber in der jugendlichen Arroganz, konnte man sich zumindest darüber amüsieren.
      Leider hatte Leda ihre Emotionen nicht so gut unter Kontrolle, um ein leicht amüsiertes Lächeln zu verhindern. Allerdings verschwand es schnell wieder in anbetracht dessen, welche Geschichte der Alte ihr eben erzählt hatte. Die Idee einen Hammer als Hand zu haben, konnte sie sehr wohl bis in ihren Traum verfolgen. Ein schlechter Traum war für Leda schon lange nichts mehr ungewöhnliches, sie träumte immerhin jede Nacht schlecht seitdem sie diesen Vertrag unterzeichnet hatte. Ob das eine zusätzliche Strafe des Teufels war?
      Gut möglich war es auf jeden Fall, er liebte es hier alle zu quälen, selbst wenn ihn Leute wie Leda niemals zu Gesicht bekamen.
      "Ich glaube, wenn ich den Tee mitnehme, werden nur dumme Fragen gestellt", gab Leda ganz leicht von sich. Es war mit Sicherheit nicht die höfliche Antwort die jemand erwarten würde, schon gar nicht von einer jungen Frau. Aber die junge Frau hatte schnell gelernt, dass sie hier mit Höflichkeiten nicht sehr weit kam. Und nicht nur hier, wenn man als junge Frau unterwegs war, wurde man sehr schnell als leichte Beute betrachtet, da war es einfach besser wenn man sich so unbegehrlich machte wie es einem nur möglich war.
      Außerdem hatte Leda den Alten gerettet, sie musste ihm nicht auch noch unnötige Höflichkeiten zollen. Immerhin sollte das eine doch reichen, um jemanden zumindest ein Stückchen weit sympathisch zu werden.
      Leda stand dann auf, und hielt die Tasse ein wenig länger als es eigentlich nötig gewesen wäre, bevor sie den Tee mit einen großen Schluck herunter kippte. Sie stellte die Tasse irgendwo in dem Wagen ab und ging dann an dem Alten vorbei, sobald er es als sicher genug betrachtete.
      "Das einzige was mich Ärgern kann, Alterchen, sind diese Art von Spitznamen."
      Sie zuckte dann leicht mit den Schultern. Immerhin hatte sie nicht umsonst einen Namen, und der war ohnehin schon kurz genug, das all diese Spitznamen gar keinen Sinn machten. Sie hatten keinen anderen Grund als jemanden zu demütigen, zumindest war es genauso in Ledas Kopf. Und bisher hatte es sich als recht schwierig erwiesen ihre Meinung zu ändern. Man konnte die junge Frau eindeutig als einen Sturschädel beschreiben, und wenn es ihr möglich wäre, würde sie mit dem Kopf sogar durch eine Wand laufen nur um zu beweisen, dass sie es könnte.
      "Pass du dieses Mal besser auf dich auf", warnte Leda ihn dann noch einmal, "Dieses mal werde ich wohl kaum da sein, wenn dich jemand abmurksen will."

      Als sich die Wege der beiden wieder trennten musste Leda sich wirklich beeilen. Ihre Arbeit wartete auf sie, und sie wollte sich nicht vorstellen, was später auf sie warten würde. Vermutlich durfte sie sich heute mit leeren Magen zur Nachtruhe legen, und das nur weil ihr direkter Vorgesetzter so lange auf sie hatte warten müssen. Albert war kein Fan davon, wenn Leda ihn warten lies und er war immer einer der ersten der zu seinem Obersten lief. Und auf Sirius' Bestrafungen war Leda wirklich auf keinen Fall scharf... Aber wenn sie etwas Glück hatte würde Albert es Edgar melden, der für den Aufbau verantwortlich war. Und Edgar konnte vielleicht noch ein wenig Mitleid aufbringen, Leda könnte ihn anlügen und behaupten, dass die Sachen so schwer waren und es sie deswegen mehr Zeit gekostet hätte.
      Leda schaffte es zumindest schnell zurück zu kommen, mit den Sachen die sie auch brauchten und dieses Mal hatte sie sogar ein wenig Glück. Albert war nicht anwesend, vielleicht war er schon dabei die ersten Raubtiere zu füttern. Das machte Leda sich auf jeden Fall zu nutze, um die Gehege soweit fertig aufzubauen, bevor er zurück kommen konnte um sie zu schelten. Und wenn sie Glück hatte, konnte sie später Cain und seine Verwandten selbst füttern. Albert mied zumindest Cain gerne, da dieser was das Essen anging eine ziemliche Diva sein konnte, wenn ihn jemand anders als Leda fütterte.

      Der Tag ging schnell vorbei, wenn man nur genug zu tun hatte. Bevor Leda sich auch nur eine zweite kleine Pause gönnen konnte, war die Sonne schon dabei unter zugehen. Im Winter kam es zwar schneller so, aber dennoch war sie erstaunt.
      Ihre Finger fühlte sie wieder nicht, doch es war zu verkraften. Man konnte Edgar hören, wie er für heute die Arbeit beenden lies. Die letzten aufbauten waren für Morgen, und danach ging es wieder daran für die Vorstellungen zu üben und genug Menschen in den Zirkus zu locken. Leda sollte bei den Gedanken Mitleid empfinden wie viele Opfer Direktor Rouge hier wieder finden würde, doch gerade in dem Moment empfand sie mehr Schadenfreude. Sie wollte sich nicht alleine so dumm und hintergangen fühlen. In diesen ewigen Albtraum gefangen.
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • Das Abendessen wurde in einem großen Zelt abseits serviert, das mit genügend Bänken und Tischen ausgestattet war, damit der gesamte Zirkus darin Platz hatte. Der Chefkoch, ein großer, schwerer Mann, jagte seine Helfer bereits am Mittag durch die aufgebaute Küche, ließ tausende Kartoffeln schälen, tonnenweise Fleisch verarbeiten und genauso viel Gemüse schneiden, alles in einer ununterbrochenen Tortur, damit alles zum Abend fertig werden würde. Dafür wurde er aber auch rechtzeitig fertig, denn als die Sonne langsam unterging und die Glocke läutete, mit der die Arbeiten beendet werden sollten, konnte er jedem Angestellten eine Hühnersuppe und ein ordentliches Stück Brot anbieten, bis das Zelt bis obenhin voll und die Küche bald leer war.
      Rodrik kam absichtlich später, ließ sich von dem geben, was noch übrig war, und stellte sich dann vor die erste Bankreihe, um über die Menschenmenge hinweg zu blicken. Er hätte das Essen auch in seinem Wagen genießen können, so wie es alle Angestellten taten die einen Wagen besaßen, aber ein alter, geplagter Mann wie er vertrug die Einsamkeit nicht so leicht wie jüngere, geplagte Männer. Dafür wusste man aber auch schon, dass er kommen würde: Am Tisch vor ihm wurde bereits Platz gemacht, damit er sich noch hinzu zwängen konnte und er erkannte mitunter die junge Frau Merie, eine der Assistenten von Edgar, die ihm freundlich zulächelte. Er schüttelte den Kopf und bahnte sich dann einen Weg durch die Reihen, um besser die roten Haare sehen zu können, nach denen er Ausschau hielt. Er brauchte ganze zehn Minuten bis er Leda fand, erleichtert aufatmete und sich ungefragt an ihren Tisch setzte, ehe er von seinem Wasser trank und sich ihr zuwandte.
      "Da bist du - ich dachte mir schon, dass ich dich hier finden werde. Endlich gibt es wieder richtiges Essen, nicht wahr? Unser Koch ist zwar ein Meister in seinem Gebiet, aber von dieser Brühe, die wir unterwegs immer kriegen, habe ich doch schon genug gesehen. Da können sie uns auch gleich unbelegtes Brot geben, da haben wir mehr davon."
      Er schlürfte geräuschvoll von seiner Hühnersuppe und fing dann der Gewohnheit nach an zu plaudern über dies und jenes, wen er heute schon alles getroffen hatte, wer nach anderen Aussagen die Fahrt nicht überlebt hatte, wer schon die Gelegenheit gehabt hatte die Stadt zu sehen. Als er seine Suppe fertig und seinen Mund trocken gequasselt hatte, erinnerte er sich endlich daran, wieso er Leda überhaupt so dringend aufgesucht hatte und er senkte mit einem Blick in seine Umgebung seine Stimme.
      "Lady Coveden hat den Mann gefunden, den du erschlagen hast, er hat sich wohl nicht so schnell wieder erholt. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, ich schätze sie haben ihn ins Krankenzelt gebracht, aber die Lady weiß, dass du es warst. Lass dir in nächster Zeit besser nichts zu schaden kommen, dann kann man es dir auch nicht in die Schuhe schieben. Das war schon ein großes Pech, hätte doch jedem passieren können. Bei einem Unfall gibt es doch auch niemanden, der die Schuld tragen muss, tse tse tse."
      Er sah sich noch einmal wie ein wahnsinniger Verschwörungstheoretiker, der gerade sein größtes Geheimnis ausplauderte, um und lehnte sich dann zurück.
      "Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt, nicht wahr? Das war eine richtige Glanzleistung, ich glaube du könntest eine gute Darstellerin sein. Warst du schonmal auf der Bühne, Leda? Mit deinem Tiger, zum Beispiel?"
    • Leda Holt

      Es war seltsam das Leda Albert nicht mehr gesehen hatte, seitdem er sie heute Vormittag weggeschickt hatte um das fehlende Material zu organisieren. Ein ungutes Gefühl beschlich Leda, doch sie versuchte es sich wieder abzuschütteln. Vielleicht war es auch ein ungewohntes Glück, denn so konnte sie zumindest der Bestrafung entgehen, heute Abend kein Abendessen zu bekommen. Dabei hatte sie es sich reichlich verdient nach dem ganzen aufbauen. Und noch mehr nach der ewigen Reise hier her.
      Es war immer angenehmer an einen Standort zu sein - selbst wenn sie überall nur einen Monat blieben- anstatt zwei Wochen durch die Weltgeschichte zu reisen. Mittlerweile hatte Leda das erkannt und sie konnte gut behaupten, dass sie ihren albernen Kindheitsträumen nicht mehr hinterher hing.

      Die warme Suppe in ihren Händen verbrannte sie beinahe. Doch im Moment war selbst das angebener als die Kälte die sie überkommen hatte, sobald sie sich hingesetzte hatte, in diesem halbwegswarmen Zelt. Es war nur Schade, dass sie nicht die ganze Nacht hier bleiben könnte. Die Mitarbeiter des Zirkus die gewisse Privilegien nicht genossen, mussten sich jeden Winter fürchten nicht zu erfrieren oder an einer Erkältung zu sterben.
      Leda hielt noch eine Weile nur ihre Suppe um ihre Finger wieder aufzuwärmen, und gerade als sie anfangen wollte zu essen, setzte sich jemand zu ihr. Es kostete Leda jegliches ihrer Selbstbeherrschung nicht ihre Augen zu verdrehen. Sie hätte ihr Essen lieber alleine zu sich genommen, aber sie hatte noch immer die Hoffnung, dass der Alte ihr nützlich sein konnte.
      Doch er stellte ihre Geduld wirklich auf die Probe bei dem ganzen geplapper. Konnte er sich denn nicht irgendwie kurz fassen?
      Da ihre Nerven langsam zum zerreißen gespannt waren aß Leda ihre Suppe viel langsamer als sonst, was vor allem ihr auffiel, aber ganz offensichtlich ihrer Gesellschaft. Ob er nur so tat als ob, oder ob er es wirklich nicht bemerkte welche Auswirkung er auf sie hatte, konnte Leda nicht genau sagen.
      Eigentlich wollte die Rothaarige langsam etwas sagen, doch da verhielt sich der Alte plötzlich komisch. Seine nächsten Worte schokierten Leda auf eine gewisse Weise und machten sie auch wütend. Ihre hand verkrampfte sich um ihren Löffel, den sie Sekunden später fallen lies, um ihn nicht kaputt zu machen. Die junge Frau sollte sich wirklich keine Fehltritte mehr erlauben.
      Sie konnte es einfach nicht fassen, dass er nach so einer Info einfach wieder in einen gemütlichen Smalltalk abdriften wollte.
      "Du hast mich verraten, oder Alter?", meinte sie dann grimmig und ohne auf seine Versuche einzugehen. Die Obersten waren vielleicht mächtig und grausam aber gewiss nicht Allwissend! Und selbst wenn Leda die Männer verachtete, mit denen sie sich angelegt hatte, wusste sie, dass Schweigen auch bei ihnen an oberster Stelle standen. Sie alle kannten die Bestrafungen die es für Fehltritte gab und regelten das lieber unter sich. So jemand wie der Alte kannte das vermutlich überhaupt nicht, er wurde offensichtlich bevorzugt.
      Etwas aufgebracht stand sie auf. "Du glaubst doch selbst nicht, dass ich jetzt einfach untertauchen kann?"
      Leda war etwas zu laut für ihr eigenes wohl, doch ein Hauch Panik überkam sie. Hatte sie Albert deswegen den restlichen Tag über nicht mehr gesehen? Beriet er sich gerade mit den anderen um eine Strafe für sie heraus zu picken.
      Als sie merkte, dass die anderen in ihrer Nähe schon zu ihr sahen, lies sie sich wieder auf die Bank sinken. Das Essen war ihr vergangen, aber sie sollte den Rest der Suppe wohl noch essen. Wer wusste wie lange sie nichts mehr bekommen würde nach dem ganten.
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • Leda hatte nicht die Reaktion, die Rodrik sich vorgestellt hatte, aber auf der anderen Seite hatte er sich wahrscheinlich gar nichts vorgestellt. Bestürzt sah er erst zu ihr hinauf und dann wieder zu ihr herab, als sie sich wieder gesetzt hatte. Die umliegenden Tische waren bereits leiser geworden, um etwas von dem Drama mitzubekommen, das sich gerade bei ihnen abspielte. Womöglich war das Abendessen doch nicht der richtige Ort für sowas gewesen, aber tagsüber hatten sie beide keine Zeit, um sich einem Plausch hinzugeben.
      "Ich lass' mir was einfallen, okay, Leda? Du hast was gut bei mir, ich verspreche es. Halte dich nur unauffällig, ja?"
      Er schenkte ihr ein gutmütiges Lächeln, ehe er mit seiner leeren Schüssel aufstand und sich einen Weg durch die Reihen zur Küche bahnte. Für ihn war das Abendessen noch nicht vorbei, er würde nach ein paar Freunden Ausschau halten oder sich zu anderen Assistenten setzen, mit ihnen über die holprige Ankunft plaudern und sich die neuesten Gerüchte erzählen lassen.
      Er war erst eine Minute verschwunden, als der Tisch von Leda erneut voll wurde. Zwei Frauen, beide älter als Leda aber noch recht jung, und ein Mann setzten sich zu ihr, ohne einen Teller oder Besteck. Der Mann nahm Leda gleich in einer fließenden Bewegung ihre Schüssel weg und die Frauen schoben sich aufdringlich von beiden Seiten an sie heran.
      "Was höre ich da, von wegen Mann erschlagen? Willst du es uns noch einmal im Detail erzählen, Dschungelweib?"
      Die Frau grinste und entblößte eine Reihe brüchiger, fauler Zähne, während die andere sich gleich in den Spaß mit einmischte.
      "Oder sollen wir es gleich Edgar erzählen, was meinst du? Oder doch lieber dem Teufel? Ich wette er steht auf Skandale in seinem Zirkus."
      "Oder", die erste Frau hob einen Finger, "Du gibst uns deinen Anteil am Nachtisch und wir vergessen für diese Nacht was vorgefallen ist. Na, was meinst du?"
      Sie grinste wieder ihr fürchterliches Grinsen.
    • Leda Holt
      Genau das war was Leda sich eigentlich erhofft hatte. Das sie etwas bei dem Alten gut hatte, aber stattdessen hatte sie sich nur noch mehr Ärger eingehandelt. Leda würde es wohl nie lernen. Aber wie sollte man auch selbst sein eigenes hitziges Temperament zügeln.
      "Ohja, so unauffällig wie es geht."
      Man konnte ihr die Bitterheit und den Sarkasmus in der Stimme anhören. Selbst wenn Leda es schaffen würde sich unauffällig zu verhalten, jetzt da mindestens einer der Obersten wusste, was sie getan hatte, gäbe es wohl kaum ein entkommen für sie. Für einen Moment blickte Leda dem Alten noch hinterher, bevor sie sich dazu entschloss genug davon zu haben. Sie wollte noch ihre Suppe aufessen, und sich dann zu ihrem Tiger schleichen, weit weg von all den anderen Idioten. Diese Nachricht hatte ihr einfach den ganzen Abend verdorben und nur Cain war ein kleiner Lichtblick für sie.
      Aber leider war ihr selbst dies nicht vergönnt, denn ehe sie es sich versehen konnte, wurde sie von drei Leuten beinahe schon eingekesselt und ihr Essen wurde ihr weg genommen.
      "Hey! Das wollte ich noch essen!" Aber Leda würde es nicht wieder bekommen. Es war nicht das erste Mal, dass ihr jemand anders ihr Essen wegnahm, und er würde es ihr auch nicht wiedergeben. Nicht bei dem dreckigen Grinsen das er im Gesicht hatte. Ledas Hände ballten sich zu Fäusten und wenn sie nicht schon genug Dreck am Stecken hätte, hätte sie ihm seine Zähne ausgeschlagen. Oh, er würde das hier bereuen!
      Als die Frau dann begann mit ihr zu reden konnte Leda nur das Gesicht verziehen. Ihre Zähne waren nicht nur faulig die Frau hatte auch einen wirklich unangenehmen Mundgeruch, der das zuhören schwer fallen lies.
      "Tut mir echt leid, aber ihr stinkt so sehr, ich konnte euch gar nicht richtig zu hören."
      Das Grinsen der Frau verschwand von ihrem Gesicht und ihre Miene verfinsterte sich. Auch die anderw Frau schnappte empört nach Luft.
      "Du solltest dich besser bei ihr entschuldigen", mischte sich dann der Mann mit einen drohenden Tonfall ein.
      "Oder was? Soll ich dich auch noch erschlagen? Oder den Tiger aus dem Käfig lassen? Er hat schon lange keine Menschen mehr gefressen, er wird sich freuen... Obwohl", Leda blickte wieder zu der Frau mit den gammligen Zähnen, "so wie du stinkst würde dich nicht mal der ausgehungerste Tiger anschauen wollen."
      Dieses Mal schlich sich ein leichtes Grinsen auf Ledas Lippen. Denn sie sah genau wie eine Ader an der Stirn der Frau zu Pochen begann.
      "Oh das wirst du Bereuen!"
      Die Frau griff in ihre Tasche und wollte irgendetwas herausziehen, vermutlich ein Messer, doch bevor es soweit kam, griff Leda rasch nach der Suppe die ihr eben geklaut wurde - etwas zu schnell, als das der Mann reagieren hätte können- und schüttete diese der Frau über den Kopf. Sie schrie auf, weil es brannte, hatte sich aber schnell wieder gefasst, und bevor Leda noch was anderes tun konnte, wurde sie von der anderen Frau gepackt und festgehalten. Leda versuchte sich aus ihren Armen zu winden, aber diese war viel Stärker als sie aussah.


      Einer der anderen Assistenten - Dexter Crumb - war in der Zeit an Rodrik herangetreten, eigentlich um ihn zu fragen ob sie sich zusammen noch eine Kleinigkeit holen wollten um sich dann gemeinsam über etwas unterhalten zu können. Dexter war kein großer Freund davon alleine zu sitzen, zu essen oder überhaupt etwas alleine zu tun. Er genoss die Gesellschaft von anderen und Rodrik war doch einer der angenehmeren Zeitgesellen die man in diesem Zirkus treffen konnte.
      "Rodrik-", begann er gerade zu sprechen als er den Tumult an einem anderen Tisch mitbekam. Interessiert sah er zu der kleinen Gruppe die begonnen hatte sich zu streiten. Oh das war interessant. Dexter war immer schon ein großer Liebhaber von Dramen gewesen.
      "Weißt du was dort vor sich geht? Glaubst du wird das Mädchen noch ein wenig verprügelt, bevor einer der Obersten sich der Sache annimmt?"
      Gerne hätte Dexter mit Rodrik gewettet, aber er wusste nicht ob er bei dem Mann Glück hatte mit solchen Wetten. Immerhin schien er sich mit allen gut zu verstehen, und war viel netter zu den unteren Rängen als die anderen Bekannten von Dexter.
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • Die Auseinandersetzung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Frau, deren Gesicht von der Suppe und ihrem eigenem Zorn rot glühte, sprang auf und verpasste Leda einen Fausthieb in die Magengrube, ehe sie auch schon am Arm gepackt und weggezerrt wurde. Ein rechtschaffener, junger Mann war gerade dabei zu einer versöhnlichen Schlichtung beizutragen, allerdings misverstand ihn der andere, der die Tat als Provokation auffasste und seiner Freundin zur Seite eilte, um sie aus den Fängen des neuen Bösewichts zu befreien. Die beiden Männer stürzten zu Boden, binnen Sekunden in ein Handgefecht verwickelt, die Frau, die Leda hielt, riss ihr an den Haaren, um sich auch einmal bei ihr austoben zu können und irgendwo schrie ein Mädchen, dass man damit aufhören sollte.
      Rodrik beobachtete das Geschehen von der Küche aus. Er hatte sich eine neue Schüssel geholt, aber sie mittlerweile schon ganz vergessen. Dexter gesellte sich zu ihm, ein Mann mittleren Alters, den Rodrik besonders zu schätzen wusste, weil er immer ein offenes Ohr für eine seiner Geschichten hatte. Diesmal freute er sich aber nicht über seine Anwesenheit - seine Gedanken kreisten einzig und allein um die roten Haare, die sich dort im Gewühl befanden und mit Sicherheit als Auslöser gedient hatten.
      "Ich hoffe hier wird gar niemand herkommen", brummte er. "Aber bei dem Geschrei wird es wohl nicht anders laufen."
      Der Kampf hatte mittlerweile drei Tische mit hineingezogen. Nicht alle beteiligten sich am Verteilen von Schlägen, Bissen und Tritten, aber viele wurden dennoch mit hineingezogen und würden es nicht mehr hinaus schaffen, ohne sich zu verteidigen. Das Geschrei war groß - noch viel größer wurde es, als der erste Tisch unter dem Gefecht mit einem hellen Krachen entzwei brach und den Unglücklichen Splitter bescherte. Für einen Moment sah es so aus, als würde sich die Masse bis in den Tod prügeln, dann fuhr mit einem Mal ein Ruck durch die Menge, als eine einzelne Stimme mit der Kraft eines Donnerschlags durch das Zelt brüllte:
      "RUHE!"
      Sämtliche Personen erstarrten, selbst Rodrik lief ein Schauer über den Rücken obwohl er sich bei der Küche und damit weit entfernt vom Chaos befand. Im Zelteingang stand Edgar Maire persönlich, die Brust wie ein stolzer Soldat hervorgestreckt, das Auge zusammengekniffen, den Kiefer angespannt. Seine Miene war so eisig wie die tiefste Wintersnacht und er hatte eine Ausstrahlung purer Kälte, die auch den ganzen Rest des Zeltes augenblicklich zum Schweigen brachte. Er besah sich das erstarrte Schauspiel, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kiefer unmerklich knirschend. Für einige Sekunden stand er nur dort, in das grabesstille Zelt starrend, so als warte er auf irgendwas. Aus der Menge erhob sich der Mann des Trios, der sich mittlerweile einige Prellungen, eine aufgeplatzte Lippe und ausgerissene Haare eingefangen hatte, und zeigte auf Leda.
      "Sie war's!"
      Anstatt einer Antwort, bewegte Edgar sich durch die Reihen zu ihnen hinüber. Seine Schritte waren gemächlich aber fest, lang genug, um die Langsamkeit auszugleichen. Als er vor dem Chaos stehen blieb, das die Meute hinterlassen hatte, blickte er noch einmal mit zusammengekniffenem Auge in die Menge, dann knurrte er:
      "Ich denke das liegt nicht in meinem Aufgabenbereich. DEXTER!"
      Der Mann war schneller zur Stelle, als man blinken konnte. Ohne den Blick von den Betroffenen abzuwenden, befahl Edgar:
      "Geh' und erstatte dem Direktor Bericht."
      Dexter wurde fahl im Gesicht
    • Leda Holt

      Einen Schlag in den Magen, und ein paar ausgerissene Haare waren bei weiten nicht das einzige was Leda zu stieß. Nein, der Rest der Prügelei die hier entstanden war, ging nicht so ganz gut für sie aus.
      Am Ende würde sie wohl ein paar geprellte Rippen haben, ihre Knöchel waren auch offen, und ihre Lippe brannte was nur bedeuten konnte, dass sie aufgerissen war. Und das waren gerade einmal die Sachen, die Leda in diesem Moment überhaupt bemerken konnte. Später würden ihr bestimmt noch ein paar andere Sachen auffallen. Vermutlich, dass sie das eine Bein nicht mehr so doll benutzen konnte, oder das ihr Handgelenk bei jeder Bewegung knacken würde. Nichts was ewig halten würde, aber lange genug um als lästig zu gelten.
      Edgars Stimme hätte Leda vermutlich nicht einmal überhören können, wenn er geflüstert hätte. Die Rothaarige hatte schon seit dem ersten Wort was die Frau mit schlechtenZähnen ihr entgegen geworfen hatte, gewusst das er auf den Weg sein musste. Der Typ schien einfach zu riechen, wenn irgendwo ärger los brach. Eigentlich hatte Leda nur Glück gehabt, dass er sie heute Morgen noch nicht erwischt hatte.
      Trotzdem hatte seine laute feste Stimme seine Wirkung bei Leda nicht verfällt. Sie erstarrte auf ihrer Stelle, wo sie vorhin hingefallen war, als sie von jemanden geschubst wurde. Nun kniete sie dort auf allen vieren um sich aufzurappeln und starrte hin zu Edgar.
      Am liebsten hätte Leda sich davon geschlichen, ganz langsam. Wenn sie Glück hatte, könnte sie vielleicht... Doch sie konnte noch nicht einmal ihre Gedanken zu Ende denken, da zeigte jemand schon auf sie und schob ihr die ganze Schuld in die Schuhe.
      Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, am liebsten hätte sie diesem Typen auch noch eine verpasst, doch sie kam gar nicht dazu eine Erklärung auszuspucken, da wurde schon ein gewisser Dexter zu Direktor Rouge geschickt. Die junge Frau musste schwer schlucken. Was sollte sie denn da tun? Dem Teufel würde es egal sein wer angefangen hat, und würde sich seinen Spaß erlauben.
      Leda wurde mindest genauso fahl im Gesicht wie Dexter, der noch immer wie angewurzelt dort stand.
      "Muss ich mich etwa wiederholen?", fragte Edgar in einer strengen Stimme nach, woraufhin Dexter nur den Kopf schüttelte und mit schnellen Schritten davon ging.
      "Und nun zu euch Haufen, steht erst einmal alle auf und stellt euch ordentlich hin."
      Edgar schien schon alles für den Teufel herzurichten, das er am Ende wohl nur noch seine Bestrafung kundtun musste. Oh, es würde Leda ganz schon an den Hals gehen. Vielleicht würde sie ihren Kopf verlieren... oder schlimmer noch einen zweiten bekommen und in die Freakshow gesteckt werden.
      Schwer schluckend stand sie dann langsam auf, und genau wie der Rest der in der Prügelei verwickelt war stellte sie sich in einer Reihe auf, die Edgar dann langsam abschritt.
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • "Ich glaube ich muss euch nicht daran erinnern, wo ihr hier seid", knurrte Edgar, dem die Wut ins Gesicht geschrieben stand. Er war eigentlich nicht leicht aufzuregen, aber wenn er es einmal war, war er es richtig.
      "Einen Tag sind wir erst hier - nicht einmal 24 Stunden und ihr benehmt euch wie der letzte Abschaum auf der Straße! Habt ihr keinen Respekt, bei diesem Benehmen? Habt ihr kein Interesse an dem Zirkus?"
      Er brüllte manchen ins Gesicht, als er vorbeischritt. Die Zuschauer hatten sich zu einer neugierigen Masse zusammengeschart.
      "Wir mussten unterwegs schon welche zurücklassen und nun tretet ihr diesen Verlust auch noch mit Füßen! Ich glaube ihr wisst gar nicht, wie gut es euch geht! Ich glaube der Teufel weiß nicht, wie gut es euch geht!"
      Es war ein unglücklicher Zufall dass er bei diesen Worten bei Leda anhielt und sie mit dem Zorn seiner Augen versengte. Edgar ähnelte in seiner Aufregung einem bissigen Löwen, der jederzeit zuschnappen konnte.
      "Ich hoffe, er wird euch jedes einzelne Haar ausreißen!"

      Die Bestrafung des Teufels war ein wenig ungewöhnlicher als das. Gleich am nächsten Morgen entdeckten ein paar Leute, dass ihnen ein Wort auf die Stirn geschrieben stand, das so aussah, als wäre es eingebrannt und dessen Buchstaben groß genug waren, um es auch auf die Entfernung lesen zu können. Sie versuchten es zu entfernen, wuschen sich die Stirn, kämmten ihre Haare darüber, banden ein Tuch herum, doch nichts schien eine Wirkung zu haben, als selbst Tücher wie von Zauberhand hinauf rutschten und das Wort präsentierten: “Dummkopf”. Schnell wurde klar, dass es diejenigen betraf, die an der Prügelei teilgenommen hatten und denen es nun buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand. Keiner erhielt eine Nachricht darüber, ob diese Strafe für immer anhalten würde oder ob es nur vorübergehend war oder ob der Teufel noch etwas anderes für sie geplant hatte. Doch wenn man sich an diesem grauen Morgen, an dem viele versuchten ihre Stirn zu bedecken, richtig anstrengte, konnte man meinen, sein hämisches Lachen zu hören.
    • Leda Holt

      Das ganze Geschrei ging bei Leda in einen Ohr rein und bei dem anderen wieder heraus, bis es nur noch eine Art rauschen war. Leda hatte diese Ansprachen schon so oft gehört, es gab nichts mehr was sie daraus lernen konnte. Einmal abgesehen davon, dass sie einen hier ohnehin nichts beibrachten. Es machte diesen Bastarden nur Spaß die Schwächeren hier zu bestrafen. Das liebte jeder hier, und Leda hasste es es. Vor allem weil sie als eine der Schwächsten in diesen Zirkus galt. Hoffentlich konnte sie bald weg. Weg bevor sie eine Strafe erhlaten würde, die sie tötete. Oder dazu verdammte diesen Ort nie wieder verlassenn zu können. Mit einen Schaudern dachte sie an die Freakshow.

      Als Leda am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie mit einer weit aus schlimmeren Strafe gerechnet. Ihr erster Blick nach der eisigen Nacht, war auf ihre Hände gefallen. Dann hatte sie ihren Körper abgetastet, dass sie auch unverletzt war und keine Erfrierungen erlitten hatte. Erst bei ihrer Morgentoillete um halbwegs frisch auszusehen, entdeckte sie den Schriftzug auf ihren Kopf. Leise seufzte sie. Das hieß wohl, dass sie die nächsten Tage sicherlich nicht auftreten konnte, wie der Alte es behauptet hatte.
      Als Leda sich zum Frühstück schleichen wollte, entdeckte sie ihr Chef jedoch und hielt sie davon ab. Wie sie es erwartet hatte, hatte sie auch eine Strafe von ihn zu erwarten, weil sie so lange gefällt hatte.
      "Anstatt zu essen, wirst du den Rest aufholen aufzubauen, den du Gestern verpasst hast. Die einzelnen Ställe sind noch nicht komplett fertig, und sie sollten es vor heute Mittag auf jedenfall noch sein, Dummkopf", grinste er süffisant und blickte dabei nicht unauffällig auf ihre Stirn. Leda rümpfte nur die Nase und nickte. Ihre Zähne knirschten aufeinander als sie sich umdrehte. Es kostete sie viel Selbstbeherrschung nichts zu sagen. Es wäre dumm gewesen das ausgerechnet in dieser Situation zu tun. Mit leeren Magen und der letzten Bestrafung noch gut sichtbar auf ihrer Stirn
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • Eine Woche nach dem Vorfall, als sich die Stimmung allmählich wieder legte und man sich an die neue Umgebung gewöhnte, bekam Rodrik ein Buch in die Hände, das ihm allen Grund zur Besorgnis gab. Es war ein kastianisches Buch und behandelte den kastianischen Glauben, der - wie Rodrik beim Überfliegen herausfand - sehr auf Aberglaube beruhte und wenig auf bereits existierenden Religionen. Er hatte es von der Wahrsagerin Selia erhalten, die es wiederum von einem Schneider bekommen hatte, der es von einem Putzmann erhalten hatte, der es in einem Gemeinschaftszelt gefunden hatte, in dem bis zu 25 Personen schliefen. Selia hatte es Rodrik mit angsterfülltem Blick übergeben und gesagt, sie wolle nichts mit der Sache am Hut haben, sollte doch eines Tages etwas passieren. Rodrik versprach ihr gutherzig, dass er sich darum kümmern würde und dass niemandem die Schuld zugesprochen werden würde, falls doch etwas geschah, denn das Buch behandelte unter anderem, wie man nach dem kastianischem Glauben den Gott der Oberwelt und den der Unterwelt - den Teufel - töten konnte. Rodrik hatte sich daraufhin viele Stunden damit beschäftigt Informationen zu sammeln, die ihm direkt oder indirekt Auskünfte darüber geben konnten, wer von diesem Buch erfahren hatte und wer mit dieser Sache unter einem Dach stecken könnte. Leider erwies sich diese Vorgehensweise als nicht sehr ertragreich, denn das Buch hätte auf viele Wege zum Zirkus gelangen können und derweil genauso vielen Menschen begegnen können. Schließlich musste er noch jemanden mit einbeziehen und dachte an jemand bestimmten.
      "Leda?"
      Er trat in das stickige Tierzelt ein, in dem es nach Stroh, Kot, Schweiß und Futter roch, was sich durch die schlechte Belüftung zu einem beißendem Gestank zusammenballte. Er ging mit bedachten Schritten an den Käfigen vorbei, in denen sich Elefanten, Löwen und Affen langweilten und machte sich auf die Suche nach der Dompteurs-Assistentin, die sicher irgendwo bei den Tieren zu finden sein würde. Er machte Halt vor einem Zeltübergang, dessen Planen geschlossen waren und von dem Stimmen herausklangen.
    • Leda Holt

      Die Schrift an ihrer Stirn war allmälich verblasst, doch konnte die junge Frau noch immer die Buchstaben auf ihrer Haut brennen spüren. Innerlich hatte sie bereits für sich festgestellt, dass dieses brennen wohl niemals mehr verfliegen würde. Wie könnte es auch, es war eine Strafe des Teufels gewesen, als wäre er nur darauf bedacht gewesen, die ganzen Leute für einen kurzen Moment zu demütigen, wen ihm doch die Ewigkeit zur Verfügung stand.
      Leda hatte diese Nacht kein Auge zu tun können, ihr Magen schmerzte vor Hunger, und langsam spürte sie wie ihre Willenskraft flöten ging, denn sie merkte wie sie langsam bereit war, auf ihre Knie zu gehen und um etwas zu Essen zu betteln. Sie war nie ein Mensch von Ehre und Stolz gewesen, als ein einfaches Bauernmädchen konnte man sich das nicht leisten, und man konnte es sich auch nicht leisten, wenn man in der Stadt auf der Straße lebte. Und dennoch, war es immer wieder demütigend und entwürdigend, so als würde noch ein Stückchen mehr von ihrer Seele gestohlen werden, als würde sie immer unmenschlicher, und mehr und mehr nur dieses kleine Spielzeug, das der Teufel ohnehin in allen Angestellten sah.
      Ihre morgendliche Pflicht ging nur schleichend dahin, ohne Nahrung hatte man auch weniger Energie, und sie spürte nicht nur die Augenringe die unnormal groß waren, als auch die Lebensenergie, die ihr immer weiter entwich, bei jedem Handgriff den sie tat. Beim ausmisten der Stallungen, bis hin zum Füttern der Tiere.
      Als sie bei Cain ankam, um sich um die Tiger zu kümmern, wirkte sogar dieser besorgt um sie, und stieß immer wieder seinen Kopf gegen ihre Beine, so dass sie immer wieder drohte einfach hinzufallen. Sie war erschöpft, und selbst wenn sie diese Aufgaben sonst recht gerne tat, war sie nun einfach zu müde dafür.
      Die Tätigkeiten die eigentlich nur wenig Zeit in Anspruch nehmen sollten, brauchten viel zu lange, und so stand sie dann in dem Tierzelt, mit ihren Chef.
      "Albert?", ihre Stimme klang ungewöhnlich unterwürfig, weswegen sie der Dompteur nur misstrausich musterte. "Kann ich... mir was zu essen holen gehen?", die Schmach die sie bei dieser Frage spürte trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie blickte an die Decke, um sich nicht auch noch diese Demütigung abzuholen. Sie hasste es hier.
      "Du hast nicht wirklich gut gearbeitet um dir das zu verdienen."
      "Bitte, ich bin am verhungern, ich...", noch immer wollte sie die Worte nicht ganz ausprechen. "... ich kann nicht mehr."
      Ein düsteres Lächeln zeichnete sich auf Alberts Lippen ab, doch bevor er etwas sagen konnte, betrat jemand das Zelt, und nun war sich Leda nicht mehr sicher ob sie ihre Tränen noch zurück halten könnte. Sie wollte doch nur etwas essen!
      Albert verneigte sich direkt, als er erkannte wer es war.
      "Sirius, ich habe Sie hier nicht erwartet!"
      Sirius machte eine abweisende Handgeste, und sah sich ein wenig um, schritt durch das Zelt.
      "Euer nächster Auftritt steht an, und ich möchte wissen, was ihr tun wollt. Ich habe gehofft, das wir endlich den neuen Tiger vorstellen können."
      "Oh, ich glaube ni-" Sirius schnitt Albert das Wort ab.
      "Mir ist egal was du glaubst. Ich will den Tiger sehen. Also wirst du alles tun, das er bis zum nächsten Auftritt bereit ist."
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"
    • Rodrik verharrte vor dem Zelt einige Augenblicke in der Hoffnung, einen günstigen Moment abzupassen, in dem er sich Leda schnappen konnte, doch dieser Moment zog sich hin. Er war schon versucht einfach hineinzuplatzen, was äußerst unangenehme Konsequenzen mit sich hätte ziehen können, als er bald die Stimme von Sir Kingsmill erkannte. Das beflügelte ihn aufs Neue, denn er wollte sich eigentlich nicht mit dem Dompteur herumschlagen, denn der Mann war ihm durch und durch unsympathisch.
      Er ergriff die Gelegenheit eines kurzen Schweigens und trat mit einem lauten Räuspern ein.
      "Die Herrschaften", begrüßte er die Runde und verneigte sich in Richtung des Obersten. "Sir Kingsmill."
      Der Oberste der Schausteller war nicht zu vergleichen mit Lady Caveden, weswegen die beiden meistens nicht gut miteinander auskamen. Die Lady beschwerte sich bei Rodrik oft darüber, dass dem Herrn die Disziplin fehlte und er kein Gespür für Verantwortung besaß, wobei Sir Kingsmill sich wahrscheinlich im genauen Gegenteil über Lady Caveden beschwerte. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass Rodrik für beide Oberste stets eine Art Mittelmann spielte, wodurch er das Vertrauen beider Seiten genießen konnte.
      "Ich hoffe, ich störe nicht und wenn doch, verspreche ich, dass es schnell gehen wird. Sir Kingsmill, ich beabsichtige Eure durchaus fähige Dompteursassistentin für einen Tag in meine und Lady Cavedens Dienste zu nehmen. Ich hoffe, Ihr habt Nachsicht mit mir, denn so ein alter Haufen wie ich ist manchmal auf die flinken Hände unserer jüngeren Generation angewiesen."
      Zu seinem Leid war weder Sirius, noch der Dompteur von diesem Einwand besonders angetan und daher geriet Rodrik schnell in Erklärungsnot.
      "Ich könnte mir natürlich die starken Hände einer Putzkraft ausleihen, doch leider wird mir so jemand kaum sagen können, wie viel Heu ein Elefant über den Winter verbraucht hat und wie viel er zum nächsten Winter verbrauchen wird. Wie Ihr sicher wisst, legt die Lady einen großen Wert auf ein vollständig geführtes Lager und ich würde es nicht übers Herz bringen ihr mitzuteilen, dass unsere Futtervorräte knapp werden, weil mir die Hilfskraft verweigert wurde. Habt Verständnis mit mir und den Bemühungen der Lady, die lediglich einen reibungslosen Aufenthalt ermöglichen will."
      Rodrik hatte noch nie sonderliche Probleme mit Lügen gehabt. Es widersprach seiner Natur die reine Unwahrheit zu erzählen, doch solange er sie in eine dicke Schicht Realität verpackte, konnte er so frei lügen, wie er ein Gespräch führte. Außerdem gefiel ihm diese Unterhaltung mit jeder verstreichenden Sekunde immer weniger; Sir Kingsmill machte ihn mit seiner gleichgültigen Art nervös, dem Dompteur sah er an, dass er ihm, wenn sie alleine gewesen wäre, ganz andere Dinge an den Kopf geworfen hätte und Leda, ja Leda sah wirklich schrecklich aus. Sie erinnerte ihn an ein vom Fieber befallenes Kind, dem man auch noch die letzten Freuden des Lebens entrissen hatte und es gerade noch am Leben erhielt. Sie war fahl im Gesicht, die Wangenknochen waren ihr eingefallen und sie sah aus, als habe sie seit drei Nächten nicht geschlafen. Rodrik war in diesem Moment glücklich keine Tochter zu haben, denn würden sich zu seinen unterdrückten Gefühlen auch noch ein väterlicher Instinkt mischen, würde das wahrscheinlich sein letzter Tag im Zirkus werden.
      Er sah Sir Kingsmill lächelnd an, doch seine Augen versprühten Intensität und Unnachgiebigkeit.
    • Leda Holt

      Die angefangene Unterhaltung ihres Vorgesetzten und des Obersten wurde je unterbrochen als der Alte auch noch hinzukam. Wenn Leda nicht schon so angeschlagen wäre, hätte sie es sich vielleicht erlaubt laut zu Seufzen und die Augen zu verdrehen. Aber Leda war nun einmal angeschlagen, und ihr Obserster stand hier nur wenige Meter von ihr entfernt. Sirius Kingsmill war so sprunghafter Natur das es jedem schwer fiel ein zu ordnen wie er reagieren könnte, bei egal was man tat. Und das letzte was Leda gebrauchen konnte, war es wegen dem Alten noch mehr Ärger zu bekommen, als sie sich bisher eingebrockt hatte.
      Sirius musterte Rodrik einmal und schien zu überlegen, bevor er seinen Blick auf Leda legte. Dabei wurde ihr ganz unwohl zu mute, und noch weniger gut war es, als er so begann zu funklen.
      "Meinetwegen, nimm sie, ich muss mit Albert sowieso noch etwas besprechen. Bring sie aber in ein oder zwei Stunden zurück", er fuchtelte leicht mit der Hand das die beiden verschwinden sollten. Albert schien allerdings alles andere als begeistert. "Sie bekommt doch nicht einmal ihre eigenen Aufgaben anständig gebacken!", beschwerte er sich kassierte dadurch aber einen schneidenden Blick.
      "Willst du mir etwa wiedersprechen?!"
      Albert wurde blass im Gesicht.
      "Nein, Sir, auf keinen Fall...", seine Stimme war nur noch ein unsicheres murmeln.
      Leda wusste im ersten Moment nicht was sie tun sollte. Ob sie sich ärgern sollte, das man einfach so über sie bestimmte, oder sich freuen sollte das sie von hier weg kam? Den Alten bekam sie bestimmt irgendwie dazu überredet ihr etwas zu essen zu geben. Selbst wenn Albert es herausfinden würde konnte sie die Schuld von sich schieben.
      Also schlürfte sie, den Anweisungen des Obersten nachgehend, aus dem Zelt heraus. Die nächsten zwei Stunden würden sicherlich sehr, sehr langweilig werden, vor allem wenn sie sich an das ganze Heu und die andere Tiernahrung erinnern sollte. Sie war nie sehr gut mit diesen ganzen Zahlen gewesen, auch wenn man sie ihr hier immer wieder einbläute, und einmal sogar eingedroschen hatte.
      Erst als sie außerhalb des Zelts war, merkte siewie stickig es innerhalb war. Wenn man genug Zeit darin und insgesamt bei den Tieren verbrachte, bemerkte man den Geruch und die Wärme nicht mehr, die sie alle ausstrahlten.
      Leda wurde das alles auch nur immer wieder klar, wenn sie an die frische Luft trat.
      Die junge Frau blickte sich dann nach dem Mann um der hier her gekommen war wegen ihrer Hilfe. Sie sollte ihn nicht helfen, eigentlich schuldete er ihr noch etwas.
      "Call me Icarus, cause baby you're my sun"


      "Loving you's my Achilles' heel"