Rouge's Inferno {Codren & Aiden}

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    • Rouge's Inferno {Codren & Aiden}

      Kastian

      "Hört, hört! Zirkus Rouge ist in der Stadt! Lasst euch verzaubern von den magischen Einlagen der Künstler, erzittert vor Angst im Angesicht der schrecklichsten Kreaturen dieser Erde, erfreut euch am atemberaubendem Schauspiel weltberühmter Akrobaten, Tänzer und vielen mehr! Nur fünf Silbermünzen für den Eintritt, ein geringer Preis für einen Abend voller Magie, den ihr nie vergessen werdet! Kinder bezahlen die Hälfte! Nur für drei Monate, hinter Schloss Ebsian auf dem Hügel!
      … Hört, hört!..."

      In der Stadt Kastian waren die Schreier auf Hochtouren unterwegs - in jedem Gasthaus, jeder Metzgerei, jedem Bäcker und jedem Schneider wurden die kleinen, rot-goldenen Flugblätter verteilt, auf denen in silberner Schrift der Name dessen stand, was sich zur selben Zeit einen Kilometer entfernt auf besagtem Hügel tummelte, eine Ansammlung aus unvollständigen Zelten, aufgereihten Wägen und mannshohen Käfigen. Der Zirkus war im Morgengrauen angekommen, hatte sich vom Bürgermeister von Kastian den besten Platz in der Umgebung geben lassen - manch einer behauptete, der Teufel würde seine Magie mit einfließen lassen, um immer die schönsten Plätze zu bekommen - und hatte dann mit der üblichen Routine angefangen, die immer durchgeführt wurde, wenn neu aufgebaut wurde: Schreier mit den Flugblättern losschicken, den Stall für die Tiere aufbauen, den Boden ebnen, eine zuverlässige Wasserquelle finden. Bis zum Abend sollten zumindest die kleinen Stände stehen und Licht sollte den größten Platz erhellen, die erste Aufführung würde erst Ende der Woche stattfinden, wenn die Tiere sich von der Reise erholt hatten und der Zirkus soweit stand, dass man ihn auch sorglos besuchen konnte. Das zog auch mit sich, dass sämtliche Beteiligte, die eigentlich glücklich darum sein sollten, dass die Reise ein Ende gefunden hatte, im Stress damit waren, das Geschäft zum Laufen zu bringen. Jeder einzelne Angestellte, ob Darsteller oder Putzkraft, ob Oberster oder Ticketverkäufer, alle waren am herumwuseln, entweder um den Platz freizuräumen, Wägen zu verschieben, Stände aufzubauen oder Tiere zu verpflegen. Über all den Tumult hinweg konnte man die periodischen Rufe von Oberster Sir Edgar Maire hören, dessen kräftige Stimme auf dem ganzen Hügel zu erhallen schien. Wie ein König schritt er durch das Gewühl, die Brust herausgestreckt, den aufmerksamen Blick auf alles und jeden gerichtet, der sich in seinem Blickfeld befand. Unter dieser Aufsicht würde sogar eine Ameise damit anfangen sich zu bewegen, nur um der Prüfung seiner Augen zu entgehen.

      Rodrik Belliam, der schwerfällige Assistent der Buchhalterin Philippa Caveden, war einer der wenigen Personen, die nicht am Aufbau des Zirkus beteiligt waren und damit auch keine Angst haben musste, sich vor dem wandelndem Aufseher rechtfertigen zu müssen. Ausgestattet mit Klemmbrett und Stift, zudem auch noch gekleidet in einen dicken Pelzmantel, der ihm bis zu den Knie ging, stapfte er durch die morgendliche Kälte, rieb sich die Hände, murmelte vor sich hin und begutachtete die Wägen, indem er erst ihren Inhalt prüfte, dann die Außenwände nach Schäden absuchte, die Räder kontrollierte und seine Ergebnisse zum Schluss sorgfältig in eine Liste eintrug, die bereits eine Länge von fünf Seiten hatte und von oben bis unten in seiner kleinen, krakeligen Handschrift vollgeschrieben war. Er war gerade erst beim sechzehnten Wagen, sofern er es richtig in Erinnerung hatte, als er auf ein Trio Arbeiter stieß, die sich ziemlich offensichtlich auf seine Seite der Wägen gestellt hatten, um vom hauptsächlichen Trubel nicht gesehen zu werden. Kurzzeitig verdutzt über diesen Zusammenstoß hörte Rodrik auf zu murmeln, musterte die Männer mit dem Versuch, ihre Gesichter auf diese Distanz zu erkennen, und schlurfte dann hinüber. Die Gespräche erstarben bei seiner Ankunft und die Blicke wandten sich ihm zu.
      "Mensch, Kinder, ihr seid doch nicht zum ersten Mal hier. Ach, dich kenn ich doch, du bist doch Severin der Ticketverkäufer. Los jetzt ihr drei, bevor euch der Edgar noch sieht, ich glaube der hat heute morgen eine schlechte Stimmung. Da möchte sogar ich ihm nicht über den Weg laufen."
      Einer der Männer sprang vom Wagen herab, die anderen beiden wandten sich Rodrik zu. Der Ticketverkäufer, der Severin hieß, verzog die Miene.
      "Wir sind die letzten drei Stunden bei den Kutschführern gesessen, haben uns die Ärsche abgefroren und haben Pferde angetrieben, die genauso wenig Bock auf diese ewige Pampa haben wie wir. Hier gibt es nichts als Hügel und Steine und von denen hab ich sicherlich schon genug gesehen und gespürt. Wir machen jetzt 'ne Pause und wenn's später noch was zu tun gibt, werden wir uns anschließen."
      Rodrik zog die Augenbrauen hoch und sah in die Runde. Er war selbst nicht damit einverstanden, dass sie bei ihrer Ankunft immer so einen Zeitdruck hatten, aber er wusste zumindest, was die Konsequenz dafür war, wenn man beim Herumlungern erwischt wurde.
      "Ihr könnt von Glück reden, dass ich euch gefunden habe und nicht Edgar oder noch schlimmer. Geht doch zumindest Stangen tragen helfen, das ist nicht so anstrengend und muss trotzdem erledigt werden. Ich glaube da vorne sind noch ein paar unberührte Haufen."
      Er drehte sich um, um in die Richtung zu zeigen, brach diese Bewegung dann allerdings wieder ab, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Einer der Männer war näher herangetreten, er überragte Rodrik um einen ganzen Kopf.
      "Wir werden nicht aufräumen helfen und auch nicht tragen oder bauen helfen. Wir werden hier sitzen und ein paar Zigaretten rauchen und wenn wir uns dann aufgewärmt haben, werden wir uns Arbeit suchen. Das ist keine Verweigerung, wir kümmern uns nur um unser gesundheitliches Wohl, bevor wir noch krank werden. Hast du das verstanden, alter Mann?"
      Rodrik zog die Stirn in Falten und schubste die Hand auf seiner Schulter weg.
      "Das habe ich verstanden und sage euch deshalb, dass das eine schlechte Idee ist. Wenn der Teufel euch findet, werdet ihr euch wünschen ihr würdet lieber auf den Schneebergen Zelte aufbauen."
      "Aber schließlich hat er uns noch nicht gefunden und dabei wird es auch bleiben."
      "Das wird es nicht, wenn ihr weiter hier herumsteht."
      "War das etwa eine Drohung?!"
      Dem Mann schien ein Geduldsfaden zu reißen, oder aber die angestaute Wut in ihm lief über, gepaart mit dem Frust über die lange, anstrengende Reise, die sie hinter sich hatten. Er packte Rodrik beim Mantel, riss ihn mit einer solch erstaunlichen Kraft zur Seite, dass Rodrik für einen Moment den Boden unter den Füßen verlor, und stieß ihn gegen die Wagenwand. Sein Nachbarsmann näherte sich schnell, mindestens genauso grimmig dreinblickend, nur Severin, der mit Anfang 30 der jüngste des Trios war, machte eine ängstliche Miene, schien etwas sagen zu wollen und entschied sich dann dagegen. Rodrik schwindelte für einen Moment, ehe er durchgeschüttelt wurde.
      "Du wirst weder Edgar etwas sagen, noch sonst wem, hast du mich verstanden?! Sonst werde ich dir das Genick brechen und den Abhang runterrollen, davor würde ich keinen Moment zögern, echt nicht!"
      Severin sah noch besorgter rein, trat einen Schritt zurück und dann noch einen. Nur noch ein kleines Stück, dann würde er weglaufen, hinein in das Getümmel und weg von der drohenden Gefahr, die sich ihm hier bot.


      @Aiden.Nesmilas
    • Neu

      Leda Holt

      Bevor Leda zum Zirkus kam, hatte sie immer von einen aufregenden Leben geträumt. Davon geträumt mehr von der Welt zu sehen, mehr als immer nur dasselbe Dorf.
      Am Anfang hatte sie gedacht, dieses Ziel erreicht zu haben, als sie in die Stadt kam, aber von diesem Moment an, war alles nur noch bergab gegangen. Manchmal wünschte sie sich zurück in das Haus ihrer Eltern, in die Umarmung ihrer Mutter. Doch das waren alles nur Wünsche die für immer unerfüllt bleiben würden.
      Diese Gedanken kamen ihr immer wieder in den Sinn, wenn der Zirkus von einem Ort zum anderen reiste. Auf eine gewisse Art und Weise, hatten sich ihre Träume erfüllt, erst zu spät hatte Leda erkannt, dass es eigentlich keine Träume waren sondern Albträume. Manchmal wenn keiner hinsah, griff sie sich für diese Dummheit an den Kopf. Die Dummheit jemals diesen verfluchten dämonischen Zirkus beigetreten zu sein. Sie war hier eingesperrter als jemals in den kleinen Dorf, das einst ihre Heimat gewesen war. Der Zeitpunkt fühlte sich soweit in der Ferne an, dabei waren erst wenige Jahre vergangen seitdem sie ihre Familie das letzte mal gesehen hatte.

      Leda war gerade dabei das Gehege für die Tiger aufzubauen, damit sie ein bisschen Freilauf haben konnten. Wenn die Raubtiere nicht ausreichend Bewegung bekamen, war es beinahe unmöglich mit ihnen zu trainieren und noch unmöglicher mit ihnen eine Show aufzuführen. Das war auch der Grund warum die Ställe und kleinen Gehege immer ganz außen vom Zirkus Platz waren, sie nahmen sonst einfach zu viel Platz weg. Es war einfacher die Tiere zum Zirkus zu bringen, als die Menschen von den Stallungen fern zu halten. So konnte man ungewollte Unfälle am besten verhindern.
      Die junge Frau konnte ihre Hände schon kaum noch fühlen vor der Kälte, doch ihr war es nicht gestattet Handschuhe zu tragen. Deswegen musste sie eine kurze Pause einlegen um ihre Hände zu reiben und ihren warmen Atem in diese zu pusten. Sie kribbelten noch, was Leda einfach als ein gutes Zeichen betrachtete, immerhin konnte sie ihre Hände noch fühlen, deswegen konnten sie gar nicht abgefroreren sein.
      Ihrem direkten Vorgesetzten schien diese Pause wohl überhaupt nicht zu gefallen, was nur daran lag, das er sich damit keine kürzere Pause leisten konnte. Denn sie mussten den ganzen Zirkus in einer lächerlich kurzen Zeit aufgebaut haben. Damit bald die Übungen beginnen konnte, und der erste Auftritt ohne Probleme stattfinden konnte. Denn wenn der Zirkus mit einer Sache prahlen konnte, dann war es wohl, das keine zwei Shows gleich waren. Immer wieder sollten wir uns alle neue Dinge einfallen lassen, es sollte immer gigantischer werden - wohl zurückzuführen auf die steigende Zahl der Mitarbeiter und den sadistischen Neigungen der Vorgesetzten.
      "Leda, mach weiter! Wir brauchen noch ein paar Sachen, hol die schnell, damit wir die Tiger bald aus den Käfigen lassen können. Am besten bevor Fütterungszeit ist", der Ton des Mannes war harsch und lies keine Widerrede zu. Selbst wenn Leda einer auf der Zunge brannte. Dabei wusste sie es nach den letzten Jahren besser, und biss sich meistens ohnehin schon auf ihre Zunge, wenn ihr etwas in den Kopf kam, das ihren Gegenüber beleidigen konnte. Das Problem von Leda war einfach, dass sie in der Rangfolge viel zu weit unten war, um sich überhaupt etwas leisten zu können.
      "Natürlich", lächelte sie übertrieben falsch und mit triefender falschen Freundlichkeit. Doch bevor sie irgendwie gescholten werden konnte, drehte Leda sich um und eilte weg. Sie hatte vielleicht langsam ihre Worte unter Kontrolle, doch ihre Art noch lange nicht. Das war vermutlich auch der Grund warum sie keine Handschuhe - oder insgesamt wärmere Kleidung- bekam. Es konnte jedoch auch jedes andere vergehen sein, was sie in den letzten Monaten begangen hatte. Meistens waren es ohnehin zu viele um sie zu zählen, denn jede Kleinigkeit konnte man ihr falsch anrechnen.

      Der Weg zu den restlichen Sachen die für die Tiere fehlten, war weiter als sie ursprünglich in Erinnerung hatte, was auch einfach daran liegen konnte, dass sie mittlerweile auch ihre Zehen nicht mehr ganz fühlte. Wie sehr sich Leda heute Abend auf ein warmes Lagerfeuer und eine heiße Suppe freute. In den letzten zwei Wintern hatte Leda gut gelernt wie man auch ohne dach über den Kopf gut überleben konnte. Nun, gut war wohl etwas übertrieben, aber überleben war überleben. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt die Silbermünze zu finden, und solange nicht zu sterben. Sie wollte dem Teufel nicht ihre Seele überlassen. Unter gar keinen Umstand.
      Gerade als Leda bei den Sachen ankam hörte sie hinter den Wägen ein paar stimmen. Die junge Frau würde ja gerne behaupten, dass sie keine Neigung zur Neugierde hatte, aber das wäre nun einmal gelogen. Deswegen blieb sie auch kurz stehen, um zu lauschen. Die Stimmen kamen ihr bekannt vor, weswegen sie es wagte zu der Gruppe zu spähen.
      Der Alte war ein Assistent eines Obersten. Und wurde so angegangen, von Leuten die Leda gut kannte. Die beiden sorgten immer für Trubel und auch Leda hatte genug davon abbekommen. Sie sprang ehrlich gesagt auch jedes Mal darauf an. Meistens standen ihre Karten jedoch recht schlecht, weil die Gruppen sonst größer waren.
      Eigentlich hätte Leda umdrehen sollen, und den Alten sich selbst überlassen sollen. Aber es juckte bereits jetzt in ihren Fingern, metaphorisch gesprochen immerhin konnte sie diese gar nicht fühlen, den beiden Typen so eine zu verpassen. Den Ticketverkäufer bemerkte Leda erst später, doch der schien sich ohnehin schon aus den Staub machen zu wollen.
      Ihre Gedanken rasten. Wenn sie dem alten helfen konnte, könnte er vielleicht auch ein gutes Wort für sie einlegen.
      Mit der letzten Hoffnung waren ihre nächsten Taten besiegelt. Sie griff nach einem Holzpfahl, und machte erst einmal einen großen Bogen, denn in einer direkten Konfrontation, hätte Leda wohl gar keine Chance. Dann würde nicht nur der Kopf des Alten rollen sondern auch ihrer und das sollte wirklich verhindert werden.
      Also schlich sich Leda langsam, mit jeden Schritt darauf bedacht keinen Lärm von sich zu geben, näher von hinten an die Typen heran.
      Die kurze Zeit über musste der Alte noch überleben. Wenn er doch nur seinen Mund halten würde, wäre es für ihn sicherlich einfacher. Leda wusste nicht genau was ihn geritten hatte, dass er sich mit zwei Typen anlegte, gegen die er absolut nichts ausrichten konnte. Ob das an seiner Stellung lag? Selbst dann sollte man sich offensichtlich nicht alles erlauben.
      Bald schon hatte sie es an sie herangeschafft ohne bemerkt zu werden. Den Ticketverkäufer deutete sie an ja keinen Ton von sich zu geben, und da er ohnehin schon die Hosen voll hatte, sagte er auch nichts um seine Freunde zu warnen.
      Noch zwei Schritte und Leda konnte dem ersten eine über den Schädel ziehen. Es machte ein wirklich ungutes Gerräusch, welches einen Schauder über ihren Körper jagen lies. Doch als er zu Boden viel stöhnte er noch, und griff langsam nach seinen Kopf.
      "Und was wenn ich Edgar bescheid gebe?", grinste sie dann, getrieben durch das Adrenalin welches durch ihre Adern pumpte. Sie wurde etwas übermütig wenn soetwas passierte, aber im Moment sah sie sich im Vorteil.
      "Sleep doesn't help, if it's your soul that's tired. "

    • Neu

      Rodrik stemmte sich zwei, drei Mal gegen die Kraft des anderen, brach seine Versuche dann allerdings keuchend wieder ab. Sein Rücken schmerzte von dem Aufprall, genauso wie seine linke Schulter und ein wenig die rechte und eine Haarsträhne hatte sich aus seinem gekämmten Haar gelöst und fiel ihm störend in die Augen. Schließlich beließ er es bei einer Warnung.
      "Arbeitsverweigerung ist die eine Sache, aber einen alten Mann anzugreifen der sich nicht wehren kann, ist die andere. Haben eure Mütter euch keine Manieren beigebracht?"
      Der Mann der ihn gepackt hielt, ließ seine Wut für einen weiteren Moment an Rodrik aus, dann schien er seine Meinung zu ändern und ließ ihn los. Rodrik richtete seinen Mantel und bemerkte just in dem Augenblick eine Bewegung aus dem Augenwinkeln. Er betrachtete die Gestalt für eine Sekunde, die sich ihnen dort mit einer richtigen Waffe näherte, dann sah er schnell wieder zu dem Mann vor ihm, der drauf und dran war sich dorthin umzudrehen.
      "Ich muss dir nicht weh tun um dir einzubläuen, dass du niemandem etwas sagen wirst, denn das wirst du nicht tun, richtig? Haben wir uns da verstanden? Ich finde meine Wege."
      Rodrik packte ihn grob am Arm und drehte ihn wieder zu sich, als der Mann fast die sich nähernde Gestalt sah. Eigentlich hatte er nicht beabsichtigt so grob zu werden, aber anders würde er ihnen nicht helfen können.
      "Der Teufel bestraft Arbeitsverweigerung mit etwas viel grausamerem als ihr es euch vorstellen könnt. Ich habe Geschichten gehört, in denen die Albträume -"
      Weiter kam er nicht, als die Person, die sich auf kurzer Distanz als Mädchen entpuppte, von hinten angeschlichen kam und den Mann mit einem präzisen, erstaunlich kraftvollem Schlag ausknockte. Sein Nachbar handelte dafür umso schneller, schneller noch als Rodrik es gedacht hätte. Er stürmte zuerst auf ihn zu, rief etwas, was sich anhörte wie sein "Hey" oder ein "Ai", bevor er schlagartig seine Richtung änderte und sich über seinen Kollegen hinweg auf das Mädchen warf. Rodrik eilte bereits herbei, als er die handgroße Klinge eines Taschenmessers aufblitzen sah, das der Mann aus seiner Jackentasche fischte, während er mit dem Mädchen auf dem Boden rang. Rodrik stolperte in seiner Hast über den beinahe Bewusstlosen, bevor er bei dem kämpfenden Paar ankam. Ohne länger darauf zu warten, dass etwas passierte, was alle Beteiligten noch bereuen könnten, griff er beherzt mit einer fleischigen Hand zu, bekam den Kragen des Mannes zu fassen und zog daran. Der Mann verlor halb sein Gleichgewicht, halb wurde er von Rodrik auf die Beine gezogen, verlor in der Hast sein Messer und holte schon mit der Faust nach Rodrik aus, als dieser ihn von sich stieß und losließ. Der Mann taumelte ein wenig, die Miene wutverzerrt, dann schätzte er die Lage für einen Moment ab, erkannte seine zahlenmäßige Unterlegenheit und suchte so schnell das Weite, sodass sein Mantel wie ein Umhang hinter ihm herflatterte. Rodrik wischte sich mit einer Hand den Angstschweiß von der Stirn, die andere hielt er zu dem Mädchen herab.
      "Meine Güte, so hab' ich mir unsere Ankunft nicht vorgestellt. Geht es dir gut?! Hat er dich getroffen?!"
      Er half ihr auf die Beine und schätzte ab, ob er sie schon kannte. Das rote Haar fiel ihm definitiv auf, wenn er weiter darüber nachdenken würde, würde ihr Name ihm bestimmt einfallen.
      "Komm mit zu meinem Wagen, ich habe noch warmen Tee und einen Verbandskasten. Nicht einmal ich könnte Edgar erklären, was hier passiert ist, wenn er doch um die Ecke kommt."
      Er blickte auf den Mann hinab, der sich halb stöhnend, halb bewusstlos am Boden herumwälzte und kam zu dem Entschluss, dass es tatsächlich eine gute Idee war.
      "Beeilung. Hier geht's lang."

      Sein Wagen war nicht halb so groß wie der eines Obersten, aber zumindest hatte er einen eigenen. Den größten Teil des kleinen Innenraums besetzte das Bett, das in die Ecke geschoben war und das gleichzeitig als Ablage für Kleidungsstücke und einen Gehstock diente. Auf der Seite war eine winzige Feuerstelle eingebaut, auf der man auch einen kleinen Topf erhitzen konnte, so wie es bei Rodrik gerade der Fall war, und gegenüber stand ein kleiner Holzstuhl. Außer einer weiteren Truhe, die unter das Bett geschoben war, und einem kleinen Schrank daneben gab es keine weiteren Einrichtungsmöbel.
      Rodrik dirigierte das Mädchen, von dem ihm der Name doch nicht eingefallen war, auf den Stuhl vor der Feuerstelle und drückte ihr sogleich eine Tasse in die Hand, die er vorher mit dem Inhalt des Topfes füllte. Es war ein dampfender, noch nicht abgekühlter Kräutertee, in dem vor allem die Minze hervorstach.
      "Hier, wärm dich auf. Hat er dich verletzt? Ich kümmere mich darum, nur keine Sorge. Die Männer heutzutage haben einfach keinen Anstand mehr."
      Er gab sein Bestes dabei es der Dame so gemütlich wie nur möglich zu machen, bevor er sich selbst aufs Bett setzte und schnaufte.
      "Deinen Namen musst du mir trotzdem verraten, ich komme einfach nicht darauf. Dabei habe ich dich bestimmt schon einmal gesehen. Du arbeitest bei den Tieren, nicht wahr? Das hätte ich früher auch gerne gemacht."
    • Neu

      Leda Holt


      Sie hätte es besser wissen müssen. Aber das alles hatte Leda selten davon abgehalten etwas dummes zu tun. Dafür war sie einfach zu hitzköpfig.
      Schneller als sie hätte reagieren können, stürmte der zweite Mann auf sie zu. Erst als er sich wirklich umgedreht hatte, erkannte sie mit wem sie es da genau zu tun hatte. Es war nicht das erste mal, dass die beiden Stress mit einander hatten, und es waren immer Kleinigkeiten, die die beiden soweit getrieben hatten.
      Ihre Realisation war jedoch zu spät, und der letzte Versuch einer Handlung, mit dem Brett auszuholen, scheiterte, als sie volle Wucht auf den Boden knallte. Das Brett fiel ihr aus der Hand, und für einen Moment musste sie nach Luft schnappen, denn der Aufprahl mit dem Boden, hatte ihr alle aus der Lunge gedrückt.
      "Bastard", murmelte sie und versuchte sich unter ihm hervor zu kämpfen. Dabei fühlte sie sich schon wütend genug, doch als der Dreckskerl auch noch begann zu Grinsen, als würde er das lustig finden, sah sie nur noch rot. Leda schlug und trat um sich, erwischte den Typen - den sie als Jack erkannt hatte- bestimmt öfter und fester als ihm lieb war.
      In ihren Augenwinkel sah sie dann jedoch etwas aufblitzen, und erstarrte als sie das Messer in seiner Hand erkannte. Als hätte er ansonsten keine Chance gegen sie. Vermutlich hätte er das auch nicht, immerhin steckte Leda voller Energie, die er wohl nicht mehr hatte. Aber nach ein paar Jahren in diesem Zirkus war es Jack wohl auch nicht mehr zu denken.
      Wieder fluchte die junge Frau, und wollte nun noch fester zu treten, doch da wurde der Mann auch schon von ihr gerissen. Sie riss ihre Augen weit auf vor Schreck was jetzt kommen würde. Während Jack sich berechnend umsah, tastete Leda nach dem Brett das sie vorhin noch gehalten hatte. Sie konnte sich erst wieder beruhigen, als sie es spürte. Und mit der Sicherheit ihrer eigenen Waffe in der Hand wurden ihre Gedanken auch wieder klarer.
      Jack hatte sein Messer verloren, und schien wohl nun zu erkennen, dass er keine Chance mehr hatte, weswegen er dann schnell das weite suchte. "Feigling!", rief Leda ihn hinter her und wusste alleine deswegen war die ganze Geschichte noch nicht gegessen. Das würde sicherlich ein Nachspiel geben und Leda hatte dafür sicherlich schlechte Karten. Selbst wenn sie gerade dem Alten hier geholfen hatte, er sah selbst jetzt noch sehr zerbrechlich aus, selbst wenn er ihr gerade geholfen hatte.
      Leda lies sich dann aufhelfen, und sah dann an was sie hier fabriziert hatte. Vielleicht hätte man das auch ein wenig anders klären können, doch es hatte seinen Zweck erfüllt.
      "Alles gut, ich überlebs", meinte sie nur als der Alte nachfragte ob es ihr gut ging. Jack hatte sie getroffen natürlich, es war gar nicht anders möglich, denn wenn der Typ eines konnte dann zuschlagen.
      Als der Alte dann Edgar erwähnte wurde ihr ein wenig anders. Sie würde hierfür bestimmt großen Ärger bekommen, egal was ihre Beweggründe waren. Also folgte sie den Alten, selbst wenn sie nicht sehr lange Zeit dafür hatte.

      Es sollte sie nicht verwundern das der Alte seinen eigenen Wagen hatte, und trotzdem konnte sie nicht anders als zu staunen. Sie wünschte sich sie hätte ihren eigenen Wagen, mit einen schönen warmen Feuer. Mehr würde sie nicht brauchen, aber das hier lag außerhalb ihrer Möglichkeiten. Vielleicht konnte sie irgendwann etws kleines feines haben. Aber dafür müsste sie erst diese verfluchte Silbermünze finden.
      Seufzend lies sie sich auf den kleinen Stuhl nieder, und ihr Körper begann nun mehr weh zu tun. Das Feuer taute ihre eingefrorerenen Glieder etwas auf, welche deswegen so brannten als würde sie die Hände direkt ins Feuer halten. Als ihr dann auch noch die Tasse in die Hand gedrückt wurde war sie ein wenig überfordert. Tee hatte sie sicherlich schon seit mehreren Jahren nicht mehr getrunken, das einzige was die Leute ihres Ranges hatten um sich im Winter warm zu halten war selbstgebrannter Schnaps. Und den vertrug Leda nun einmal überhaupt nicht. Seitdem sie im Zirkus war hatte sie sich überhaupt sehr verändert. Früher hatte sie sicherlich auch noch nicht so viel geflucht wie sie es mittlerweile tat, aber es gab gar keine andere Möglichkeit. Wenn man es nicht tat wurde man von den anderen nur noch mehr niedergemacht.
      "Ist schon gut, Großväterchen, es sind nur ein paar Schläge gewesen und ein paar Kratzer."
      Leda sah sicher schon einmal schlimmer aus. Um es zu verdeutlichen griff sie nach den Narben in ihrem Gesicht. Das hatte weh getan wie die Hölle und Leda hatte eine Zeit lang Angst, dass sie nichts mehr sehen würde können. Aber auch das hatte sie überlebt, und seitdem redete sie sich ein, dass sie alles überleben konnte.
      "Leda", meinte sie dann knapp auf die letzte Frage des Alten. Eigentlich hätte sie sich auch nach seinem Namen erkundigen sollen, aber sie sah es gar nicht ein.
      "Alterchen, du solltest dich nicht mit diesen Leuten anlegen. Die machen immer Ärger", meinte sie dann. "Ich bin schon ein paar Mal mit denen zusammen geraten."
      "Sleep doesn't help, if it's your soul that's tired. "