.:: Musenkuss [Daisy & Fuffy]

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    • .:: Musenkuss [Daisy & Fuffy]

      Musenkuss


      Wenn's Not tut, geb ich meine Freiheit hin,
      für dich, o Muse, meine Herrscherin.






      Die Musen sind in der griechischen Mythologie Schutzgöttinnen der Künste. Tagein, tagaus werden sie angerufen und angefleht, um ihre Hilfe gebeten oder gar verflucht. Doch was, wenn eine von ihnen diese Tristesse satt hat? Wenn diese eine den Mut und die Möglichkeit findet, sich aus der geistigen Welt zu stehlen und in die allzu reale Moderne zu fliehen?

      Die Flucht der Muse sollte Chaos hinterlassen und eine tiefe Unsicherheit. Die Bequemlichkeit der einst so mächtigen und fast schon in Vergessenheit geratenen, griechischen Götter sieht sich in Gefahr.
      Manch einer möchte die aufmüpfige Muse so rasch als möglich einfangen um wieder Ruhe und Ordnung einziehen zu lassen.
      Manch ein anderer sieht seine Chance gekommen wieder zur einstigen Pracht und Glorie aufzusteigen.
      Und dann gibt es noch die ganz wenigen Gottheiten und fantastischen Wesen, diejenigen, welche die Muse um ihre neu gewonnene Freiheit beneiden und es ihr am liebsten gleichtun würden.

      Doch unsterbliche Wesen vergessen oft ganz gerne auf die Sterblichen.
      Wie also wird sich diese Geschichte entwickeln, in der totgeglaubte Macht auf lebendige Vergänglichkeit trifft?
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Konnte jemand sein Arbeitszimmer schlimmer verachten, als Baltasar Vipond? Unwahrscheinlich. Mit einem verdrossenen und erschöpften Blick lehnte der Mann im Türrahmen und starrte den Laptop auf seinem Schreibtisch nieder, als würde er vielleicht einfach verschwinden, wenn er das nur lang genug tat. Vor einer halben Stunde war er aufgestanden um eine kurze Pause vom Versagen einzulegen. Und seither weigerte sein Körper sich schlicht und ergreifend auch nur einen Schritt zurück in dieses Zimmer zu machen. Nichts aber auch wirklich nichts war in seinem Kopf, das er für irgendetwas verwenden konnte. Alle seine Ideen waren generisch und abgekupfert von bereits vorhandenen Geschichten. Und langsam aber sicher trieb es ihn in den Wahnsinn. Die Apathie seiner eigenen Arbeit gegenüber wuchs von Tag zu Tag und inzwischen fragte er sich wirklich ob er es noch in sich hatte. Der Brillenträger schnaufte und befahl in regelrecht herrischer Manier seinen Gedanken sie sollten doch verstummen. Was wussten die schon... Natürlich hatte er es noch in sich. Irgendwo. Er schluckte schwer und zählte in seinem Kopf von zehn herunter. Bei Null würde er sich wieder dran setzen. Baltasar musste aussehen wie ein Geist, wie er dort bewegungslos auf der Schwelle verharrte und den Kopf an den Rahmen lehnte. Fünf, vier, drei, zählte er stumm herunter. Es war ein Trick seiner Mutter. Immer wenn sie dachte aufzugeben zählte sie von zehn herunter und machte weiter. Zwei. Baltasar stieß sich ab und atmete noch einmal tief durch, sich darauf vorbereitend einzutreten als ein schrilles Klingeln ihn heftig zusammenzucken ließ.
      Genervt stöhnte er laut auf und drehte seinem Arbeitszimmer wieder den Rücken zu, um in der Küche den Telefonhörer abzuheben, der schallend einen Störenfried anmeldete. "Was? Ich arbeite!", bellte er den Anrufer an, ohne sich zu erkundigen, wer ihn störte. "Dann wärst du nicht ans Telefon gegangen", lachte seine kleine Schwester auf der anderen Leitung und Baltasar knirschte angespannt mit den Zähnen. "Ich lege auf." - "Nein, nein! Bitte! Warte!" Der Mann zog sich einen Stuhl vom Tisch heran und ließ sich kraftlos darauf nieder. "Ich habe die Lösung für dich!" Skeptisch zog der weiß-haarige die Brauen zusammen und schaute für einen Moment an die Decke, ehe er schwer seufzte, sich vorbeugte und die Brille abnahm, um sich über das Gesicht zu fahren. Er bezweifelte stark, dass es eine Lösung gab. Sein Blick schweifte wieder zu seinem Arbeitszimmer. Andererseits, wie viel sinnloser konnte es sein als bis spät in die Nacht auf das leere Dokument zu starren, nachdem er schon wieder jeden Versuch ausradiert hatte. "Bin ganz Ohr", raunte er heiser und wenig begeistert und fragte sich, ob er diese Worte nicht vielleicht doch bereuen sollte.

      Keine halbe Stunde später stand Zenovia in der Tür, der Arm voll mit... Dingen. Baltasar zog eine Augenbraue in die Höhe, als er ihr die Tür öffnete. "Du wirst es nicht bereuen!", strahlte sie ihn an, als hätte sie seine Gedanken gehört. "Na wenn du das sagst." Mit einem Seufzen ließ er sie passieren und die Dame stapfte sogleich in die Küche und legte unbeholfen ihre Mitbringsel auf den Tisch. Erst jetzt erkannte Baltasar alle möglichen Steine, Kerzen, ein Weihräucherset, kleine Gefäße sowohl mit bunten Flüssigkeiten, als auch irgendwelchen Gemischen und zwei Bücher mit ledernem Einband. "Nein, Nova, das kann nicht dein Ernst sein?! Willst du mir Kreativität zubeten?", fuhr er sie an und innerlich fragte er sich wirklich was er denn nur erwartet hatte. "Nein, nein", schüttelte sie schnell den Kopf und grinste. "Du wirst es tun?" - "Wie bitte was?" Das Mädchen nickte aufgeregt. "Du. Wirst. Es. Tun.", wiederholte sie zufrieden. "Ich habe für dich recherchiert und mit einigen meiner Freunde über das Thema gesprochen und sie haben mir gesagt du solltest dich mal an die Musen wenden."
      "Die Musen?" Seine Stimme triefte regelrecht vor Skepsis und er als überzeugter Agnostiker verschränkte seine Arme vor der Brust, weder begeistert, noch beeindruckt von diesem Vorschlag. "Ja, die Musen! Sie werden dir sicherlich helfen aus deinem Tief wieder heraus zu kommen! Pass auf, du musst nur..." Die Kerzen anzünden mit dem Gedanken an die Wünsche und Hoffnungen wen er erreichen möchte. Anschließend die mitgebrachten Gefäße als Opfergabe auslegen, die Räucherstäbchen zünden, um die Entität anzulocken. Baltasar fühlte sich wie ein Idiot, als er die beschriebenen Schritte befolgte und sich vor einen Spiegel im Arbeitszimmer setzte. Er hatte seine Brille abgenommen und erneut das Gesicht verzweifelt in die Hände gelegt. Es hatte eine weitere Woche gebraucht, bis Baltasar endlich nicht mehr anders konnte, als es zu versuchen. Und vielleicht gehörte es zu dem Wunsch sich selbst zu erniedrigen, doch er wollte sich selbst dabei sehen. Er wollte diesen Narren dabei betrachten, wie seine Verzweiflung ihn an die Grenzen seines Verstandes brachte. Verachtung stand in seinem Blick, als er sich selbst im Lichte der Kerzen anfunkelte. Was hatte Zenovia noch gesagt? Seufzend setzte er seine Brille wieder auf und nahm sich den Zettel. Meditieren. Er sollte nur meditieren? Der Duft der Räucherstäbchen stieg auf und er rümpfte die Nase. Er mochte den Geruch nicht. Hoffentlich würde er nach diesem Schwachsinn schnell verschwinden.
      "Na fein... Meditieren also." Erneut seufzte er auf, sicherlich das achte Mal in der letzten Stunde und setzte sich im Schneidersitz vor seine eigene Reflektion. Es war lange her, dass er das letzte Mal meditiert hat. Früher, noch in ihrem Elternhaus hatte seine Schwester ihn oft dazu genötigt, wenn er zu aufgewühlt gewesen ist oder dergleichen. Daher wusste er wohl auch noch was zu tun gewesen ist. Baltasar schloss seine Augen, entspannte seine Glieder und begann ruhig und kontrolliert zu atmen, seine Gedanken dabei langsam verfließen lassend. Seine Schwester hatte nicht geahnt, dass ihr Bruder auf die Idee kommen würde das Gebet vor einem Spiegel zu vollziehen. Sonst hätte sie ihm gesagt, dass Spiegel oft als Tor zur spirituellen Welt angesehen wurden. Sie hätte ihn gewarnt, dass er es lassen sollte und nicht wusste wem oder was er die Pforte öffnete und dass mit solchen Dingen nicht zu spaßen gewesen ist...
    • Fasziniert blickte sie auf die langsamen Kaubewegungen der Frau vor ihr, während diese ihre Augen geschlossen hatte. Was würde sie geben, um auch solch einen rosafarbigen Kaugummi kosten zu dürfen?
      “Melancholie… Traurigkeit… Bedrücktheit…”, flüsterte sie ihr mit sanfter Stimme zu und konnte beinahe greifen, wie es im Hirn der Sterblichen arbeitete. Keine Sekunde später schlug die Blondhaarige die Augen auf und ein triumphierendes Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht. Ihre flinken Finger huschten über die Tastatur und sie konnte den Satz zuende schreiben: Mit tiefer Sehnsucht wandte er sich ab, wissend, dass nichts die grausame Schuld je ungeschehen machen konnte. Zurück blieb ein erdrückendes Gefühl von unsagbarer Traurigkeit.
      “Na bravo!” Charis klatschte in die Hände. “Das hast du gut gemacht.” Und fast so, als könne die Frau sie tatsächlich hören, lag ein seliges Lächeln auf ihren Lippen, als sie ihr Notebook zuklappte.
      Sehr gut, wieder einem Sterblichen geholfen! Charis klopfte sich imaginären Staub aus ihrer fließenden, luftigen Robe und verschwand zurück in ihre Welt. Sie ließ die Blonde mit ihrem Triumph alleine zurück, ohne je wahrhaftig bei ihr gewesen zu sein. Wer wusste schon, vielleicht würde dies auch ein neuer Bestseller werden? Charis brauchte dringend einen Erfolg, ihre nörgelnden Schwester lagen ihr schon genug damit in den Ohren.

      “Nein! Oh nein!” Die vollbusige Rothaarige stemmte entschieden die Hände in die Hüften. “Nicht der schon wieder!” In der Luft rings um die drei Schwestern schwang ein feiner Ruf, einem Glöckchen gleich. “Ich habe mir beim letzten Mal schon unsagbare Mühe gegeben. Er hat mich regelrecht ausgesaugt!”
      “Und dennoch hattest du Erfolg.”, sagte eine zierliche, schwarzhaarige Frau. “Er hat doch zwei erfolgreiche Bücher geschrieben.”
      “Ja, das schon… aber nein. Ich finde, Charis sollte ihn übernehmen!”
      Beide Augenpaare ihrer Schwestern fassten die Dritte im Bunde in den Blick. Die Angesprochene seufzte tief und gab sich geschlagen. Es stimmte schon, sie war nicht mehr so aktiv wie früher. Denn auch wenn Sterbliche bewusst nach den Musen rufen konnten, so waren diese dennoch nicht an ihre Rufe gebunden. Sie konnten freiwillig entscheiden, wen sie besuchten, wen sie an ihrer Inspiration teilhaben ließen. Das bewusste und aktive Anbeten hingegen schmeichelte ihnen und ihrer Eitelkeit nur, sodass sie diejenigen Gläubigen gerne bevorzugten.
      So warf sie ihren beiden Schwestern noch einen finsteren Blick zu, ehe sie sich von ihrem jetzigen Sitzplatz erhob und mit ihren nächsten Gedanken dem silberhellen Ruf folgte. Die Geisterwelt, jener mystische Ort, welchen die Menschen oft als Olymp und Sitz der Götter bezeichneten, folgte seinen eigenen Gesetzen und Regeln. Und so geschah es, dass sich Charis alsbald in einem dunklen Zimmer befand, vor sich auf den Boden sitzend einen Mann erkannte. Allerlei Räucherwerk brannte und es sah nach einem waschechten Ritual aus. Nun, wenigstens gab er sich Mühe! Freudig rieb sie die Hände aneinander und kniete sich zu ihm hin. Sie schloss die Augen und wollte in sich gehen, fühlen, an welchen Aufgaben oder Dingen er gerade verzweifelte. Nur wenn sie sich auf ihn einstimmte, konnte sie ihn mit dem Nötigen inspirieren.
      Doch… wie ein Schwall kaltes Wasser in ihrem Gesicht, zuckte sie zurück als hätte man sie geschlagen. Seinen Geist umgab eine Mauer aus Obsidian. Kalt und hart und Charis war unfähig, sie zu durchdringen. Sie blinzelte, versuchte es nochmals, doch erneut Fehlanzeige!
      So etwas hatte sie schon einige Male erlebt, vor allem bei Ungläubigen und jenen, die ohne Hoffnung waren. Aber wenn er nicht glaubte, was tat er dann hier? Verärgert stand sie auf und schnippte ihn gegen die Wange. Was er natürlich nicht fühlte, immerhin war sie nur ein Geisterwesen. “Eine Schande, dass ich meine Zeit mit dir abmühte!”, sprach sie aufgebracht und wollte gerade in ihre Welt zurückkehren, als ihr Blick den Spiegel traf.
      Ruckartig blieb sie stehen und ihre sturmgrauen Augen weiteten sich ein wenig. Dort auf der glatten Oberfläche kräuselten sich Wellen, dunkel und voller Versprechungen. Sie hatte in ihren bisherigen Jahrtausenden schon einiges miterlebt, doch dies war neu. Sogleich pochte ihr Herz aufgeregt bis zum Hals und neugierig trat sie näher. Ein feiner Luftzug liebkoste ihre violette Haarpracht und ein unerklärliches Verlangen packte sie.
      Sie wusste nicht woher sie es wusste, sie spürte es einfach. “Meine Chance…”, flüsterte sie ergriffen und ballte die Hände fest zu Fäusten. Wenn nicht jetzt, wann dann?
      Und bevor sie es sich noch anders überlegen konnte, bevor sich ihre Stimme der Vernunft wieder einschalten konnte, holte sie tief Luft und schritt durch die wellenhafte Bewegung des Spiegels.
      Ein rascher Sog erfasste sie, schleuderte sie herum und dann explodierte eine weiße Sternenpracht vor ihren Augen, ehe sie mit Schwung in jemandes Arme landete.
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Anfänglich tat er sich noch schwer. Sein Widerwille an diese ganze Aktion zu glauben war mächtig und schwirrte ihm eine Weile durch den Sinn. Doch nach einigen Minuten fing er sichtlich an sich zu entspannen. Die kontrollierte Atmung, die er durch seinen Körper bis in den Bauch fließen ließ, gab ihm wirklich ein Gefühl der inneren Ruhe und bald hatte er vergessen aus welchem Grund er meditierte, doch er nahm die Pause seiner Sorgen dankend entgegen. Nach einer Weile jedoch hatte er das Gefühl wieder zurück ins Leben geschnipst zu werden. Mit zusammengezogenen Augenbrauen hob er eine Hand zu seiner Wange. Hatte er eine Fliege in seinem Zimmer? In der Ruhe und dem Frieden gestört, öffnete er wieder die Augen und sah direkt in seine Reflexion. Die Kerzen brannten unruhig und bewegten sich als wäre starker Wind im Zimmer, was Baltasar nicht zur Beunruhigung veranlasste. Er seufzte und ließ die Schultern hängen. "So viel zu deiner Lösung, Nova...", nuschelte er zu sich selbst und ahnte nicht, was er überhaupt erwartet hat. Er legte sich eine Hand in den Nacken und blickte wieder auf, als eine Bewegung aus dem Augenwinkel ihn hochfahren ließ. Perplex blinzelte er, als sich so etwas wie ein schwarzer Schatten hinter ihm zu manifestieren schien. Ruckartig drehte er sich herum, doch hinter ihm ist nichts zu sehen gewesen. Das war doch schwachsinnig! Verlor er jetzt doch den Verstand? Der Albino drehte sich langsam wieder herum. Gerade noch rechtzeitig um mit ansehen zu können, wie eine junge Frau aus dem Spiegel heraus fiel. Erschrocken fing er sie auf, als sie ihm in die Arme stürzte.
      "Was zum...?!" Baltasars Augen waren groß und voller Unglauben auf das Geschöpf in seinem Schoß gerichtet. Perplex sah er von ihr zum Spiegel und wieder zurück. Anfänglich sah sie im Spiegel aus wie der Schatten, der sich zuvor hinter ihm aufgebaut hatte. Doch nach und nach wurde er immer deutlicher und bald schon sah er sich mit dem Mädchen im Spiegel, als wäre es das normalste der Welt. "Wer... Was... Was?!" Er war komplett fassungslos. Was um alles in der Welt ist hier gerade passiert? Baltasar blickte wieder zu der Frau. Sie war bildschön, doch diesen Fakt empfand er als relativ nebensächlich wenn er bedachte, dass sie gerade in seinem Spiegel zum Leben erwacht ist. "Geht es... dir gut? Nein! Was machst du hier?" Wobei auch das eine absurde Frage zu sein schien in seiner Situation. Baltasar war maßlos überfordert. "Wer bist du? Was um alles in der Welt war das?" Er sah sich sogleich zu allen Seiten um. "Ist das irgendein schlechter Scherz von Zenovia?" Er konnte sich keinen Reim draus machen. Das war doch wirklich nicht komisch.
    • Das erste was Charis wahrnahm, war der Geruch. Es roch natürlich nach dem Räucherwerk, aber auch nach Holz, nach Papier, und nach einer Vielzahl an Düften, die sie nicht kannte. Doch das prägnanteste war der Duft des Wesens, auf das sie gefallen war. Wobei - gesprungen traf es wohl eher. Es roch… gut und frisch, nach Seife und nach sonstigen Dingen, die ihr gefielen. Einen Moment hielt sie inne, hörte mit ihren zappelnden Bewegungen auf und zog tief den Atem ein, rieb ihre Nase an dem Gegenstand unter ihr, denn und es fühlte sich so echt an. So warm und beweglich.
      Denn sie hatte Angst. Angst, dass sie, wenn sie jetzt die Augen öffnen würde, doch nur aus einem Traum aufwachte. Doch das wollte sie nicht. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit ihrer Erschaffung richtig… lebendig.
      So viele Sinneseindrücke prasselten auf sie hernieder, dass sie diesen gar keinen Einhalt gebieten konnte, oder wollte. Sie spürte nach und nach ihren Körper, konnte ihre Zehen bis hin zu ihren Fingerspitzen bewusst bewegen und wie von selbst zauberte sich ein Grinsen auf ihr Gesicht.
      Sie hatte es geschafft. Dies wusste sie so sicher, wie ihre Schwestern vor Wut schäumen würden. Doch das blendete sie aus. Sie ignorierte den kleinen, vernünftigen Teil in ihr, der ihr zuflüsterte so rasch als möglich zurück zu kehren. Sie ließ die Stimme verstummen, die ihr einzureden versuchte, völlig falsch am Platz zu sein.
      Denn heute war ihr Moment gekommen!
      Langsam öffnete sie die Augen und nahm jetzt erst die stürmischen Fragen wahr, mit der sie das Wesen bombardierte. Das Wesen… welches sich als jener Mann mit dem Obsidian im Kopf herausstellte. Natürlich war er es, es war sein Ruf nach ihr gewesen, der sie hierher geführt hatte. Wen hatte sie erwartet? Nun, eigentlich hatte sie nichts erwartet. Schon gar nicht das hier.
      Etwas unbeholfen versuchte sie von dem fremden Herren hinunter zu gelangen und setzte sich dann auf ihre Fersen. So ein realer Körper fühlte sich plump und schwerfälliger an, als sie gedacht hatte. Doch jetzt saß sie erstmal und konnte dann endlich ihrem Retter ins Gesicht blicken. Ungewöhnlich helle Augen nahm sie wahr, und ein Haar so weiß wie Mondlicht.
      “Seid gegrüßt!”, sprach sie förmlich und lächelte. Rasch war sie alle ihr bekannten Sprachen durchgegangen und hatte ihn nun mit seiner Muttersprache begrüßt. Für Musen war dies eine leichte Übung. “Mir geht es gut, vielen Dank. Und Ihnen?” Auch an unsterblichen Wesen ging die Zeit nicht spurlos vorüber und so hatte sich auch so manche Jugendsprache und Jargon in ihnen eingenistet. Doch Chardis wollte sich nicht gleich von ihrer schlechten Seite zeigen. “Machen? Nun, jetzt gerade sitze ich.”, beantwortete sie weiter höflich seine Fragen. “Mein Name ist Chardis, und ich bin die Muse, die Ihr gerufen habt. Eine Zenovia kenne ich leider nicht, verzeiht.”
      Ja, so ginge es! Sie war stolz auf sich, hatte sie doch eine ordentliche Vorstellung hinbekommen.
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Das zarte Geschöpf entfernte sich aus seinen Armen, was sicherlich ein guter Anfang gewesen ist. Er selbst hätte ebenfalls von ihr ablassen sollen, wenn die Begebenheiten ihn nicht so durcheinander gebracht hätten. Die Fremde setzte sich sehr aufrecht vor ihn und auch Baltasar rutschte ein wenig von ihr weg und richtete sein Hemd, während er sie musterte. Sie sah ein wenig sonderbar aus. Das Gesicht ist beinahe wie gemalt gewesen. Ihre geschwungenen vollen Lippen offenbarten schnell eine zarte Stimme, die ihn auf französisch ansprach. Das Haar schien selbst in ruhendem Zustand zu schweben, als würde der Wind hindurch streichen. Und die Farbe erinnerte ihn an die letzten Sekunden des Tages, bevor die Nacht den Himmel verschlang. Dutzende Beschreibungen und Worte gingen ihm durch den Kopf und er hätte diese Frau beschreiben können wie ein Liebeskranker. Ihre Kleidung war schmeichelhaft, jedoch nicht unbedingt modern. In seinen Augen sah diese Robe beinahe aus wie ein Kostüm. Es verwirrte ihn beinahe noch mehr sie anzusehen und er musste einige Male blinzeln, ehe er sich wieder auf ihre Worte konzentrieren konnte. “Mir geht es gut, vielen Dank. Und Ihnen?” War das ihr ernst? Baltasar zog die Augenbrauen zusammen und neigte ungläubig seinen Kopf nach vorne. Dachte sie das hier war ein Kaffeekränzchen und er erkundigte sich aus Höflichkeit? “Mein Name ist Chardis, und ich bin die Muse, die Ihr gerufen habt. Eine Zenovia kenne ich leider nicht, verzeiht.” Nun wurden seine Augen wieder groß. Sein Blick ging von ihr zu den Kerzen hinter ihr, zu ihr, zu dem Spiegel und wieder zu ihr. Chardis? Die Muse, die er gerufen hatte? Langsam schüttelte Baltasar den Kopf.
      "Nein, nein, oh nein. Das... nein! Ma coeur, das ist absurd du..." Er schüttelte den Kopf und erhob sich vom Boden und reichte der Frau beide Hände und nahm sie an ihren, um ihr hoch zu helfen. Er nahm sie wortlos mit in die Küche und setzte sie an den Tisch. Er brauchte etwas zu trinken. Dringend. Kurz dachte er darüber nach sich einen Whiskey einzuschenken. Doch wenn er bereits im nüchternen Zustand halluzinieren sollte, wollte er nicht wissen, was unter der Einwirkung von Alkohol passieren würde. Er nahm sich ein Glas aus dem Schrank und befüllte es mit Leitungswasser. Kurz bevor er das Gefäß an die Lippen ansetzen konnte, drehte er sich zu ihr herum und erinnerte sich unzufrieden an seine Erziehung und stellte stattdessen ihr das Glas hin. "Trink." Er schüttelte den Kopf und wiederholte die Prozedur, um dieses Mal tatsächlich das komplette Wasserglas in einem Zug herunter zu kippen. Im Anschluss ging er direkt zu seinem Telefon. Es war altmodisch, ein Schnurtelefon, das an der Wand hing. Doch ihm hatte es auf Anhieb gefallen und im Normalfall wollte er ohnehin mit niemandem reden. Doch nun schnappte er sich den Hörer und wählte sofort Zenovias Nummer. Es war mitten in der Nacht und es klingelte mehrere Male, bis eine müde, rauchige Stimme antwortete. "Ja...?" - "Verfluchte Hexe!", bellte er sie sofort an und konnte das Japsen seiner Schwester hören, als sie sich erschrak.
      "Was? Warum...? Was hab ich gemacht?" - "Was hast du mir da bitte für einen Schwachsinn aufgequatscht? Du hast gesagt ich soll meditieren und damit deine Musen anrufen. Du hast mir nicht gesagt, dass ich sie damit heraufbeschwöre! Ist das irgendein Satanistischer Mist? Wird mir jetzt meine Seele beraubt? Ich schwöre dir, du kleine Göre, wenn ich in die Hölle hinab gerissen werde, nehme ich dich mit!" Er war wütend. Und durcheinander. Und eigentlich Agnostiker. Er hatte nicht einmal an die Existenz einer Seele geglaubt am Morgen und jetzt fürchtete er um seine?! Baltasar erkannte sich nicht wieder, sein Kopf drehte sich und es fühlte sich an, als würde ein Nebel vor seinen Augen wandern. Immer wieder hob er die Brille und rieb sich die Lider. "Was? Was redest du denn da? Bass, was ist passiert?" Ja wenn er das nur wüsste! Baltasar drehte sich herum und besah erneut die Frau in seiner Küche. "Ich habe eine Muse in der Küche sitzen. Sie ist aus dem Spiegel gestolpert, weil ich sie gerufen habe. Und nein, ich bin nicht betrunken aber selbst ich möchte mich dafür schlagen was ich gerade von mir gebe. Also komm her. Sofort." Damit legte er den Hörer wieder auf und setzte sich mit einem schweren Stöhnen ebenfalls an den Tisch und legte das Gesicht in die Hand. Immer noch die Fremde dabei besehend. Das war absurd. Alles daran war absurd. Schmerzerfüllt stöhnend blinzelte er einige Male und nahm erneut seine Brille ab, um sich über die Augen zu reiben. Was für ein unangenehmes Gefühl. Fühlte es sich so an, wenn alles, woran man geglaubt hat einem genommen wird?
    • Als sie sich ein wenig gefangen hatte und vom jungen Mann weggerutscht war, nutzte sie die Zeit um ihn zu mustern. Wie viele Sterbliche hatte sie schon gesehen? Tausende, wenn nicht sogar noch mehr. Doch einen davon so wirklich zu sehen, war nochmal etwas ganz anderes. Sie nahm nicht nur sein Äußeres wahr, sondern auch seine Ausstrahlung, Wärme und eben auch seinen Geruch. Jemanden so wahrhaft vor sich zu haben… ihre Fingerspitzen kribbelten und am liebsten hätte sie ihre Hände gehoben und den Mann berührt. Ob seine Haut genauso weich war wie ihre eigene? Ob sie sich an seiner Hitze verbrannte?
      Natürlich kannte sie das Gefühl von Feuer oder Weichheit. Die Geisterwelt ihrer Herkunft unterschied sich nicht so maßgeblich von der Welt der Sterblichen. Auch sie kannten Berührungen oder Speisen, Feuer oder Regen, doch nichts davon schien wirklich echt. Sie mussten nichts essen um zu überleben, sie spürten den Regen nicht auf ihrer Haut, es war alles eher… hypothetisch. Ein fernes Abbild der Realität. Eine nachgeahmte Traumwelt, die dennoch nur ein blasser Hauch der Wirklichkeit war und nie an ihren Glanz heran käme.
      Aber dieser Mann mit dem schlohweißen Haar und den Augen, die sie an endlose, hellblaue Gletscher erinnerten, dieser war mehr als echt. Echt und erbost. Oder echt und überrascht. Auf alle Fälle aufgebracht!
      So aufgebracht, dass er sich erhob und sie ebenfalls rasch hochzog. Es war gut dass er dies tat, denn er hatte Recht. Wozu die Zeit verschwenden um am Boden zu sitzen? Es gab doch so vieles zu entdecken!
      Zunächst wollte er ihr scheinbar die Küche zeigen, denn kurz darauf befand sich die Muse an einem hübschen, kleinen Tisch mit feinen Maserungen im Holz. Gedankenverloren ließ sie die Finger darüber gleiten und ein entzücktes Lächeln entfaltete sich auf ihren Lippen. Sie hätte wohl noch einige Minuten lang den Tisch weiter gestreichelt, als ihr der Weißhaarige ein Wasserglas hinstellte und sie trinken sollte.
      Oh ja! Sie wollte unbedingt ausprobieren, wie Wasser hier schmeckte und rasch kam sie seiner Bitte nach, nur um alles auszutrinken und nach dem letzten Schluck ein erfrischtes “Aahh” auszustoßen. Wie köstlich! Es war mit nichts das sie kannte zu vergleichen. Ein kühles Gefühl machte sich in ihrem Magen breit und sie fühlte sich belebter, gesättigter und ihre Augen leuchteten entzückt. Wenn ein simples Glas Wasser schon so angenehm war, wie war es dann erst sich zu waschen? Zu essen?
      Schon wollte sie sich an ihren Gastgeber wenden um herauszufinden, wo die Waschräume wären, da fiel ihr auf, dass er telefonierte. In ihrer Welt gab es so etwas nicht. Entweder man sah sich, besuchte sich, suchte sich - oder eben nicht. Ein elektronisches Ding, dass jedermann zu jederzeit miteinander verband und die Privatsphäre dahin wäre, schreckte die meisten Götter ohnehin ab.
      Der große Mann schien noch ein wenig aufgebrachter und sah danach auch zu ihr, denn beim Gespräch ging es ganz offensichtlich um ihr plötzliches Auftauchen. Nun ja, Chardis war ebenso überrascht, doch fand es ganz wundervoll.
      Bald schon saß er ihr wieder gegenüber und beäugte sie regelrecht misstrauisch. Sie beschloss ihm ein wenig von den Sorgen zu nehmen, die sein kleines Herz so stark quälen mussten. “Eure Seele nehme ich nicht.”, erklärte sie daraufhin wahrheitsgemäß. “Ich bin nicht Hades, wie Ihr hoffentlich unschwer erkennen könnt.” Mit einer Handbewegung deutete sie an sich hinab.
      Dann beugte sie sich vor, besah den Zweifler mit neugierigem Blick. “Ich konnte nicht in Euren Kopf schlüpfen um zu inspirieren. Somit weiß ich nichts über Euch. Darf ich nach Eurem Namen fragen? Und wer soll zu Besuch kommen? Wollt Ihr mich Euren Freunden vorstellen?”
      Sie war es nicht gewohnt mit einem Sterblichen auf die Art zu kommunizieren und hoffte dennoch, er würde sie verstehen. “Und verbrenne ich mich an Euch, wenn ich Euch berühre?”, war sogleich ihre nächste Frage.
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Als die zarte Stimme dieses unwirklichen Geschöpfes sich erneut erhob und die Küche erfüllte wie ein Glockenspiel, nahm er seine Hand wieder herunter, um zu ihr zu sehen. Sein Kopf schmerzte, wie bei einer Migräne, als er versuchte ihre Worte zu verstehen. Sie sprach davon, dass sie nicht seine Seele haben wollte, da sie offensichtlich nicht Hades gewesen ist. Eine Aussage, die ihn leicht schnaufen ließ. Für Baltasar schien in diesem Moment überhaupt nichts offensichtlich zu sein. Eher das Gegenteil war der Fall. Sie hätte ihm auch sagen können, dass sie sich bei Vollmond in ein Einhorn verwandelte und er könnte nicht ahnen, ob sie scherzte oder nicht. Gab es Einhörner in der griechischen Mythologie? Baltasar wusste nur von Pegasus. Der aufgebrachte Autor zwang sich selbst zur Konzentration, auch wenn er seinen Gedanken nicht verübeln konnte, dass sie wegwandern wollten von dieser beängstigenden Offenbarung. Sie konnte nicht in seinen Kopf schlüpfen…? Wie bitte was? Chardis wollte im wahrsten Sinne seine Gedankenwelt infiltrieren? So arbeiteten die Musen? Das klang nahezu absurd simpel in seinen Ohren. Er seufzte schwer, als sie ihre Fragen stellte.
      „Du redest zu altmodisch“, murmelte er. Oder war er es, der zu locker mit einem anscheinend mächtigeren Individuum redete? „Mein Name ist Baltasar Vipond.“ Er gab sich den Ruck und wollte nicht gänzlich unkooperativ sein. Wie er es auch drehte und wendete, Chardis machte nicht den Eindruck irgendwas Böses im Sinn zu haben. Aber was wusste Baltasar schon? Er kannte nicht die Bedeutung von irgendwas außerhalb der realen Welt. Er wusste nichts darüber ob Namen mächtig oder wichtig gewesen sind und was man spirituell oder was auch immer mit ihm anstellen konnte, wenn man seinen Namen kannte. Doch an diesem Punkt ist es eh zu spät gewesen um noch vorsichtig zu werden. Er zeigte hinter sich zum Telefon. „Ich habe gerade meine Schwester angerufen, Zenovia. Sie ist es, die die griechische Mythologie studiert und auslebt. Sie ist es gewesen, die mich dazu bewogen hat so etwas…“ Er sparte sich jegliches Adjektiv, das ihm einfallen würde, „… zu tun.“ Baltasar endete in einem Murmeln. Er stützte sein Gesicht in die Hand und hob eine Augenbraue in die Höhe bei ihrer nächsten Frage. Hat Chardis nicht eine kleine Weile recht zufrieden in seinem Arm verbracht? Zudem hat er sie doch eben noch auf die Beine gezogen. Für einen kurzen Moment zögerte der Mann mit dem weißen Haar. Allerdings schien wirklich nichts darauf hinzudeuten dass einer von ihnen sich verbrennen könnte, wenn sie sich berührten.
      Mit einem Seufzen streckte er seinen Arm durch und legte ihr somit mit der Handfläche nach oben die Hand auf den Tisch. Der Küchentisch war nicht groß. Er hatte selten Besuch und aß generell nicht oft aufwendige Speißen. „Ich denke nicht. Die durchschnittliche Körpertemperatur eines Menschen beträgt 36 Grad Celsius. Ich sehe nicht, wie man sich daran verbrennen könnte.“ Seine andere Hand stützte immer noch sein Gesicht, während er sie musterte. Sie war wirklich schön. Nicht nur ihr Aussehen, was eindeutig bereits für dich sprach. Ihr ganzes Wesen zog einfach ganz wie von selbst seine Augen auf sich. Einerseits sah sie so gewöhnlich aus. Andererseits aber hatte sie eine Ausstrahlung, die es ihm wirklich schwer machte daran zu glauben, dass sie doch nur ein gewöhnlicher Mensch war, der sich einen Spaß erlaubte. „Ist das dein erster Besuch… in dieser… Welt?“ Baltasar hatte sichtlich Schwierigkeiten den Sachverhalt in Worte zu fassen.
    • Erneut blickte er sie aus diesen unwirklich hellen Augen an und für einen Moment genoss Chardis einfach das Gefühl tatsächlich gesehen zu werden. Wie vielen Männern und Frauen hatte sie schon Dinge zugeflüstert und auf Ideen gebracht? Unzählige. Doch auch wenn diese dann für einen Moment glücklich waren und ihre Bemühungen vielleicht sogar von Erfolg gekrönt waren, so blieb für Chardis nichts anderes als sich mit fremden Federn zu schmücken. Ihr Künstler hatte das geschaffen, ihr Komponist jenes, und ihr Bildhauer wiederum etwas ganz anderes. Doch es war nie Chardis’ Werk, noch wussten die betreffenden Personen von ihrer Existenz. Chardis wurde jetzt erst bewusst, wie leblos sie sich gefühlt hatte. Auf eine rein geistige Existenz beschränkt zu sein, war kein schöner Dauerzustand.
      Aber jetzt war sie hier, saß an einem kleinen Küchentisch und unterhielt sich wahrhaftig mit einem Menschen. Der wiederum kritisierte ihre altmodische Art zu reden. Wie fantastisch! Es war ihre erste Kritik von einem Sterblichen direkt in ihr Gesicht! Sie beschloss seinen Einwand anzuerkennen und umzusetzen, ehe sie auf seine Vorstellung hin nickte.
      “Freut mich Baltasar Vipond.” Sie folgte seinem Finger, der zum Telefon deutete. “Und deine Schwester, Zenovia, scheint eine wahre Gläubige zu sein. Ich werde mich sicherlich hervorragend mit ihr verstehen.” Chardis strich durch ihre violetten Haare in dem Versuch, sie ein wenig zu bändigen. Wie könnte Zenovia sich auch nicht freuen, sie kennen zu lernen? Immerhin war sie eine echte Muse! Wenn Zenovia Baltasar auf die Idee mit dem Ritual gebracht hatte, dann müsste sie sich bei ihr vielmals bedanken.
      Höchst erfreut und mit leuchtenden Augen beobachtete sie, wie der Weißhaarige schließlich klein bei gab und sich von ihr berühren lassen wollte. Entzückt blickte sie auf seine Handfläche, die Teil von großen, jedoch feinen und langfingrigen Händen war. Ja, er war eindeutig kein Maler oder Bildhauer, Schreiner oder Steinmetz, denn es fehlten die Schwielen und Narben, die sich unweigerlich mit solcher Arbeit einher gingen. Sie wusste er war Autor, doch diese Kleinigkeiten auch selbst zu entdecken, mit ihren eigenen Augen, ohne die geisterhafte Welt, war nochmal etwas anderes.
      Langsam hob sie eine ihrer Hände und ließ die Fingerspitzen zögerlich auf seine Handfläche sinken. Ganz sanft, gleich einem Flügelschlag eines Schmetterlings, tanzten ihre Finger über die verschiedenen Linien seiner Handfläche. Die Berührung erzeugte ein warmes Gefühl auf ihrer Haut und ein aufgeregtes Prickeln.
      Doch ja, er sollte Recht behalten, sie verbrannte sich nicht. In ihrer Aufregung hatte sie nämlich ganz vergessen, dass sie sich schon berührt hatten. Für sie war es wichtig solche Dinge bewusst auszukosten, waren es doch ihre ersten sensorischen Empfindungen.
      Verträumt blickte sie erneut auf, als er sie abermals ansprach. Kurz überlegte sie, denn bei so alten Wesen waren die Erinnerungen meist verworren. Aber natürlich, an solch ein bedeutendes Ereignis hätte sie sich immer erinnert, egal wie alt sie war.
      “Ja, du bist mein erstes Mal.”, antwortete sie und ihre Antwort stimmte auf so viele Facetten, dass ihr diese nicht einmal peinlich war. “Es ist meines Wissens noch nie einem Wesen aus unserer Welt gelungen, die eure zu betreten.” Sie sah wieder auf seine Handfläche und legte nun ohne nachzudenken ihre eigene Hand in seine. “Dabei ist es so ein wunderbares Gefühl. Ich hoffe, ich lerne noch viel mehr kennen!”
      Und ich hoffe ich muss niemals zurück, vervollständigte sie ihre Aussage gedanklich.
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Seine Augen hingen auf der ausgestreckten Hand, die er ihr gereicht hatte. Kurz empfand er sich als eigenwillig für diese kopflose Geste. Einem anderen Menschen die Hand zu reichen konnte bereits ein schwieriges Unterfangen sein, das man sich gut überlegen sollte. Dieser Gedanke verstärkte sich selbstredend immens wenn der Gegenüber nicht einmal ein Mensch gewesen ist. Erneut wurde Baltasar bewusst wie wenig er wusste. Wer hätte auch ahnen können, dass ausgerechnet die fanatische Zenovia es irgendwie schaffen würde etwas Wahres an diesem Wirrwarr aus Glaubensrichtungen und Religionen zu finden. Baltasars Augen blieben auf ihren Fingern haften, die sanft begannen seine Handinnenfläche zu umspielen. Die Berührung war ungewohnt. Selten ließ er sich überhaupt berühren. Und gerade auf sanfte Streicheleinheiten reagierte er allergisch. Doch an seinen Händen schien es ihn tatsächlich weniger zu stören. Würde er die Augen schließen und Chardis würde ihm vorgaukeln sie würde eine Feder für diese Berührungen nutzen, er würde es sicherlich ohne mit der Wimper zu zucken hinnehmen. Nachdenklich fing auch er an seinen Daumen über die Außenseite einer ihrer Finger zu streichen. Die Fingerkuppen deiner anderen Hand bekamen die Chance auch über ihre Handfläche zu streichen. Er verstand sich keineswegs in solch genießenden Berührungen. Doch in seiner Unbeholfenheit ist selbst er sanft gewesen.
      „Zenovia ist sehr gläubig“, seufzte er nach einer Weile einfach um auf ihre Worte einzugehen. „Wenn du dich in dieser Welt wirst mit jemandem unterhalten können, dann mit ihr. In ihrer Wohnung hat sie kleine Altare aufgestellt für… irgendwelche Götter.“ Er hatte sich niemals die Mühe gemacht seiner Schwester wirklich aktiv bei ihren Schwärmereien zuzuhören. Diese Götterverehrung änderte und wechselte ohnehin stetig. Irgendwann war er dazu übergegangen zu behaupten sie verehrte nun einmal den Olymp. Baltasars Augen flohen von ihren Händen, die sich erkundeten sofort zurück in ihr Gesicht, als sie ihm zu verstehen gab, dass er in der Tat der erste Mensch gewesen ist, auf den sie richtig getroffen ist. Und zu allem Überfluss soll sie das erste spirituelle Wesen sein, dass es auf die Erde geschafft hat. „Du bist die erste?“, fragte er nun tatsächlich interessiert. „Es wandelte noch nie zuvor einer eurer… Sippe unter den Menschen? Also sind solche Geschichten von Zeus, der alles menschliche und übermenschliche schwängert erfunden?“ Das ist etwas, das Baltasar bereits im Unterricht in der Schule verwundert hatte. Als sie dort kurz die griechische Mythologie durchgegangen waren, war es kaum denkbar gewesen sich eine Sage um den Göttervater herauszusuchen ohne dass sie mit der Verführung von… jedem zu tun hatte. Baltasar erinnerte sich gut daran, weil er diese Art der Geschichtenerzählung bzw. Handlung immens kritisiert hatte und einige der Sagen korrigiert und in angemessene Prosa umgewandelt hat.
      Es klingelte an der Haustür und Baltasar setzte seine Brille wieder auf. „Entschuldige mich für einen Moment, das wird meine Schwester sein.“ Er zog seine Hand nicht weg, sondern ließ sie aus dem Griff der Muse gleiten, als er sich erhob und zur Tür ging. Ohne nachzusehen öffnete er ihr. „Na das wurde aber auch Zeit, du-…“ Zenovia sauste an ihm vorbei und er hörte es nur noch in der Küche japsen. „Unglaublich…“ Baltasar seufzte schwer und ließ die Tür zufallen, ehe er der schwarz-haarigen folgte. „Du bist wunderschön…“, schwärmte sie geradezu dahin schmelzend. „Das Kleid ist toll“, fuhr sie fort. „Verlieb dich nicht zu schnell“, murmelte ihr Bruder unzufrieden und verschränkte die Arme vor der Brust.
      „Richtig, richtig, tut mir leid!“ Sie hob ihre Tasche demonstrativ hoch, die sie mitgebracht hatte. „Wo hast du das Ritual denn vollzogen?“ Der Autor deutete auf sein Arbeitszimmer und Zenovia folgte der Geste, ehe sie kreidebleich wurde. „Du hast einen Spiegel benutzt?! Du Idiot! Du hast ein Tor geöffnet! Hast du eine Ahnung was alles dadurch kommen kann?“ - „Also zumindest eine Muse…“ Zenovia hörte nicht mehr zu, sondern stürzte sich regelrecht auf die kleine Bühne mit der Opfergabe und den Kerzen und pustete sie schnell aus, bevor sie sich eine Decke vom Sofa schnappte und so schnell sie konnte den Spiegel abdeckte. „Man, Bass! Wie bist du nur auf solche Ideen gekommen? Das war gefährlich!“ Perplex riss der Mann die Brauen in die Höhe. „Wie ich…?! Willst du mich für dumm verkaufen? Du bist diejenige gewesen die meinte ich soll eine Muse anbeten damit ich inspiriert werde!“ - „Aber doch nicht vor einem Spiegel!“
      Baltasar schnaufte beleidigt. „Nun das hättest du dazu erwähnen können!“ Man merkte wirklich, dass sie beide ein Geschwisterpaar sein mussten. Zenovia stampfte mit dem Fuß auf. Er hatte allerdings einen Punkt… Doch bevor die Diskussion weitergehen konnte, wirbelte sie lieber wieder zu Chardis herum und setzte sich zu ihr an den Tisch. „Hallo, ich bin Zenovia“, stellte sie sich mit einem Lächeln vor. Sie behielt Respektvollen Abstand. „Ist es auch wahr? Bist du wirklich eine der Musen?“
    • Wie weich und warm sich seine Hand tatsächlich anfühlte! Chardis kam sich seltsam dümmlich vor, doch es war nun mal alles so neu für sie! Natürlich wusste sie wie eine Hand aussah, wie man sich benahm oder wie die meisten Menschen so lebten. Aber es tatsächlich auch am eigenen Körper zu spüren… dieses Gefühl war mit nichts in ihrer Welt zu vergleichen.
      Doch noch besser wurde es, als sich seine Hand unter ihren Berührungen bewegte und er, ebenso sanft wie sie, seinen Daumen über einen ihrer Finger streichen ließ. Unweigerlich stellten sich die Haare an ihrem Unterarm auf. Es war spannend, wie gefühlvoll ein sterblicher Körper war. Kein Wunder, dass die Menschen zu so großen Meisterwerken fähig waren. Wenn diese Berührung nur ein Bruchteil dessen war, was Sterbliche empfinden konnten, dann wartete auf Chardis eine ganze Bandbreite an Dingen, die sie selbst erforschen und erleben konnte.
      Noch während sie weiter seine Haut erforschte, durch die blasse Haut die bläulich schimmernden Adern an seinem Handgelenk verfolgte, wo sie schließlich unter seinem Hemd verschwanden, hörte sie ihm zu. Er erzählte von seiner Schwester, die scheinbar dem Glauben an die übernatürlichen Wesen sehr verfallen war. Sie freute sich bereits jetzt darauf, sich mit Zenovia zu unterhalten. Sie musste ihr wahrhaft danken - für alles.
      Und obwohl er in neutralem Ton sprach, so glaubte Chardis dennoch Liebe aus seiner Stimme zu hören. Er musste seine Schwester sehr gerne haben. Kurz flogen ihre Gedanken zu ihren eigenen Schwestern und ein Gemisch aus Trauer und Freiheit durchzog ihren Körper.
      Nur allzu bereitwillig ließ sie sich von seinen neuen Fragen ablenken. “Meines Wissens nach, bin ich die erste, ja.” Die riesigen Sammlungen an Wissen in Büchern und Schriftrollen in den Archiven ihrer Welt hatte sie zwar freilich nicht studiert, aber wenn es jemanden gelungen wäre der geistigen Welt zu entkommen, dann hätte selbst sie dies mitbekommen, oder?
      “Die Götter, musst du wissen, haben schon immer… wie sagt ihr noch gleich? Ihr eigenes Süppchen gekocht. Wir niederen Wesen sind nur… Beiwerk in ihrer prächtigen Herrlichkeit. Doch selbst unter den Göttern gibt es die großen Drei, wie du sicher weißt. Und diese sind nochmals mächtiger. Was sie wirklich in ihrem bisherigen, unsterblichen Leben alles getan haben oder nicht, vermag ich nicht zu deuten.” Es war die Wahrheit. Denn die meisten Götter waren nicht nur mächtig, sondern blieben auch für sich. Geblendet von ihrer eigenen Arroganz etwas besonderes zu sein. Natürlich gab es Ausnahmen, aber die gab es immer.
      “Ich und meine Schwestern konzentrierten uns auf unsere Aufgabe, schließlich muss euch Kunstschaffenden doch jemand inspirieren.” Sie war versucht ihm die Zunge rauszustrecken, so wie sie es einst bei einem kleinen Mädchen gesehen hatte, das ihren Kindergartenfreund geärgert hatte. Sie ließ es aber dann doch bleiben.
      Das plötzliche und ungewohnte Klingelgeräusch erschreckte Chardis und unweigerlich zuckte sie zusammen, ehe sie sich ins Gedächtnis rief, was dieses Zeichen bedeutete: Besuch! Jetzt würde sie die Gläubige kennenlernen!
      Im nächsten Moment blieb die Muse alleine in der Küche zurück. Sie starrte auf ihre Hand, wo eben noch eine andere darunter gelegen hatte. Mit welcher Sanftheit er ihr seine entzogen hatte… Ob alle Menschen so waren? Abgesehen von den Stunden die sie mit ihnen während ihrer kreativen Phasen verbracht hatte, kannte sie echtes menschliches Verhalten nur wenig.
      Doch für weitere Überlegungen zu diesem Polarfuchs blieb ihr keine Zeit, denn genauso plötzlich wie es geklingelt hatte, genauso schnell stand eine niedliche Schwarzhaarige im Zimmer und starrte sie an, ehe sie ihr Komplimente zum Aussehen und Kleid machte. In der Tat, ihr Kleid gefiel Chardis ebenfalls gut. Dankbar lächelte sie und verfolgte dann gespannt die Szenerie, die sich vor ihr abspielte.
      Der Spiegel war also ein Portal, interessant. Ob sie dadurch auch zurückkehren konnte? Hoffentlich nicht. Die Streitereien der beiden so unterschiedlichen Geschwister ließen sie die Lippen fest zusammenpressen, damit sie nicht in Lachen ausbrach. Es erinnerte sie einfach zu gut an sich selbst und ihre Schwestern. Und sie hatte unglaublich viele davon! Wie sonst könnte man eine ganze Welt voller Sterblicher zur Kunst animieren? Dabei waren die rothaarige Shanna und die zierliche Amyrillis ihre Lieblinge.
      Aber ehe sie sich noch weiter in ihren Gedanken verlieren konnte, setzte sich die Frau zu ihr an den Tisch und begrüßte sie ordnungsgemäß. Zu ordnungsgemäß, wie Chardis fand. Kurzerhand stand die Muse auf, hatte mit einen schnellen Schritt den Tisch umrundet und beugte sich zu Zenovia hinab, der sie ein Küsschen links und rechts auf die Wange drückte, so wie es die Leute in ihrem Heimatland Frankreich oft taten.
      “Hallo Zenovia, mein Name ist Chardis und ja, ich bin so musisch wie ich nur sein kann.” Sie richtete sich wieder auf und strahlte die andere an. “Und ich muss mich von ganzem Herzen bei dir bedanken. Du bist eine der wenigen, die mit ihren unerschütterlichen Glauben meine Welt und uns alle somit am Leben erhalten. Und dir habe ich es zu verdanken, dass ich hier bin.” Sie drehte sich zu Baltasar um. “Und dir natürlich ebenfalls. Habt beide vielen Dank.”
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Der junge Mann hielt sich etwas im Hintergrund und betrachtete die beiden Frauen zusammen, während Chardis Erklärungen ihrer Welt ihm noch ein bisschen in den Ohren klangen. Innerlich verabschiedete er sich bereits von jeder Möglichkeit diese Nacht Ruhe und Schlaf zu finden. Bei all diesen Informationen würde er sicherlich kein Auge zubekommen. Leise seufzend schaute er mit an, wie Chardis anfing sich anscheinend wohl zu fühlen und seine Schwester mit einem Kuss auf beide Wangen für ihren Glauben dankte. Und während Zenovia wie zur Salzsäule erstarrte, musste auch Baltasar verwundert die Augenbrauen hochziehen. Ihr Schwachsinn… Glauben tat tatsächlich etwas Gutes? Sie nutzte jemandem mit dem, was sie tat? Die junge Frau schien ähnliche Gedanken zu haben. Denn während sie mit großen Augen zu der Muse saß und sich nicht rührte, fing sie tonlos an zu weinen. Baltasar schnalzte mit der Zunge. „Jetzt reiß dich doch mal am Riemen!“, wies er sie auf seine Art grob zurecht und brachte ihr eine Schachtel mit Taschentüchern. Zenovia nickte. „Tut… tut mir leid, ich…“ Sie schniefte und versuchte schnell mit den Händen ihre Wangen zu trocknen und nahm sich schnell ein Tuch, um sich zu schnäuzen. „Tut mir leid, ich bin… sehr überwältigt. Ich… freue mich unbeschreiblich, dass ich denen, die mir so wichtig sind nützlich sein darf.“ Sie lächelte ein unbeholfenes Lächeln und Baltasar setzte sich nun ebenfalls wieder an den Tisch. Zenovia brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen. Deswegen entschied der Autor sich dazu die Rührseligkeit zu unterbrechen.
      „Ich will ja nicht stören, aber ich möchte daran erinnern, dass diese Situation kein angenehmes Kaffeekränzchen ist. Was sollen wir jetzt machen?“ Ursprünglich wollte er seine Schwester hier haben damit sie ihnen helfen konnte, doch nun wurde ihm schmerzlich bewusst, dass sie sowas wie ein Fan gewesen ist, dessen größtes Idol auf einmal vor ihr stand und ihr all ihre Fantheorien bestätigte. Daher wendete er sich direkt wieder an Chardis. „Was… möchtest du? Möchtest du zurück… Musst du zurück? Das… ich kann doch nicht der einzige sein, der hier rationale Gedanken hegt!“ Zenovia atmete mehrere Male tief durch und nickte, bevor sie wieder zu der Muse blickte. „Er hat recht. Können wir irgendwas für dich tun? Bist du aus einem Grund hier? Kannst du hier bleiben oder bist du vielleicht in Gefahr hier in der irdischen Welt?“ Oh, das war ein Gedanke, der selbst für Baltasar Sinn machte. Wenn sie genau genommen nicht einmal von dieser Welt gewesen ist, könnte sie dann auf Dauer Schwierigkeiten bekommen mit der Atmosphäre? Sauerstoff? Brauchte sie eine bestimmte Diät? Himmel, Baltasar fühlte sich als hätte er sich ein exotisches Haustier ins Heim geholt. Das war doch alles absurd. Sein innerster Instinkt ist es gewesen sich aus der Situation herauszuhalten. Am liebsten würde er Chardis einfach abgeben, an irgendwen, der bestimmt wissen würde was zu tun ist… Doch wenn er Zenovias Blick sah, konnte er sie nicht einfach irgendwo absetzen. Sie war so berührt davon, dass sie einen Sinn in ihrem Leben entdeckt hatte. Wenn es sie glücklich machen würde könnte die Muse bestimmt noch ein Weilchen bleiben… Er hoffte nur, dass er es nicht bereuen wird.
    • Chardis hatte ihren Dank aus tiefster Seele ausgesprochen, denn es war ihr Ernst damit. Die beide waren sozusagen ihre Rettung vor der Ewigkeit, auch wenn sich dies in ihrem Kopf etwas melodramatisch anhörte. Dennoch entsprach es ihrem Glauben und so hatte sie ihnen wenigstens ihr Wort anbieten können. Vielmehr als das besaß sie ohnehin nicht.
      Die süße Zenovia schien davon so gerührt zu sein, dass große, silbrig schimmernde Tränen ihr über die Wange perlten und Chardis sie am liebsten nochmals in den Arm genommen hätte. Doch wer wusste schon, was dies in der Schwarzhaarigen auslösen würde?
      Ohnehin schritt nun ihr Bruder ein und kümmerte sich mehr oder weniger sensibel um seine Schwester. Für einen Moment runzelten sich Chardis Augenbrauen. Vorhin war er so sanft gewesen, hatte für einen viel zu kurzen Moment ihre Hand gehalten, nur um jetzt ein wenig schroff zu reagieren, obwohl seine Schwester weinte. Wenn sie nicht eben frisch aus ihrer Welt gepurzelt wäre und Baltasar schon ein wenig besser kennen würde, dann würde sie ihm nun ein paar Takte sagen.
      Doch widerwillig schluckte sie diese Worte hinunter und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Sie hatte vorhin doch gerade Dankbarkeit gepredigt. Es gehörte sich nicht, ihren vorübergehenden Gastgeber zurecht zu weisen. Zumal sie auch gar kein Recht dazu hatte.
      Und nur allzu bald fand sie sich ohnehin mit der Realität konfrontiert und mit Fragen, die diese viel zu vernünftigen Menschen ihr stellten. Wo war der viel gepriesene Leichtsinn der Sterblichen geblieben?
      “Was ich möchte?”, wiederholte sie Baltasars Frage und ließ sich die einzelnen Silben auf der Zunge zergehen, wie um die Worte zu schmecken. “Ich möchte… frei sein. Wenigstens für eine kurze Weile. Ihr wisst ja gar nicht wie es ist, wenn man Jahrtausende dasselbe tut.” Sie umklammerte ihre Oberarme, weil sie einfach irgendetwas berühren musste, um sich ein wenig zu erden.
      Dann blickte sie auf und sah zwischen den beiden Geschwistern hin und her. Sie waren wie die Nacht und der Mond, völlig unterschiedlich und doch teilten sie sich ein gemeinsames Firmament. “Ich bin einfach deinem Ruf gefolgt, Baltasar, und ich sah meine Chance meiner Welt zu entkommen.” Sie seufzte, ließ den Blick wieder schweifen. “Vermutlich sollte ich zurück, aber ich möchte nicht.” Sie hatte genug von ihrem Dasein als Muse. Sollte doch einmal ein Gott diese undankbare Aufgabe übernehmen.
      “Und nein” Sie schüttelte den Kopf und streichelte probeweise ihre Oberarme “ich denke nicht, dass es für mich gefährlich ist. Mein Körper fühlt sich… völlig normal an. Wie vorher auch, nur mit viel, viel mehr Empfindungen.” Sie lächelte nun. Es war ihr anzusehen wie glücklich sie war. “Ob sich darüber hinaus noch etwas verändert hat, kann ich noch nicht sagen.” Schließlich hatte sie als unsterbliches Wesen keine Erfahrung im Mensch sein. “Und ob ich nun genauso sterblich bin wie ihr, weiß ich auch nicht.” Dann blitzte der Schalk in ihren Augen auf und es zeigte sich endlich ihre humorvolle Seite. “Aber ich würde gerne hier bleiben und es herausfinden.”
      Ja, mit dem möglichen Tod im Nacken hatte sie sich noch nie in ihrer ganzen Existenz so lebendig gefühlt.
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Eine freigeistige Muse, die rebellieren wollte? Alles daran klang problematisch. Baltasar gefiel das gar nicht. Das klang sehr stark nach planlosen, kopflosen Aktionen, die früher oder später sehr unangenehme Folgen haben könnten. Ihr kleiner Scherz erreichte den Brillenträger nicht. Er schaute Chardis weiterhin sehr ernst und nachdenklich an. Es war offensichtlich, dass er nicht überzeugt gewesen ist von ihrer Ausführung. Doch so skeptisch der Hausherr gewesen ist, umso verständnisvoller schien Zenovia zu sein. Sie lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich, als sie sich mit einem Hundewelpenblick und einer vorgeschobenen Lippe zu ihm drehte. „Ja, Baltasar, wir können es uns nicht vorstellen, nicht wahr?“ Ihr Bruder warf seinen Blick auf sie und zog eine Braue hoch, nicht ahnend worauf sie hinaus wollte. „Es muss schrecklich sein, wenn man immer das selbe tun muss und früher oder später einfach nur noch Qualen empfindet auch nur daran zu denken. Wenn das, was einst Leidenschaft und Passion in einem ausgelöst hat nur noch einen faden Geschmack auf der Zunge hinterlässt und man Tagein, Tagaus mit sich selbst und seinen unerfüllten Wünschen verbringt.“ Baltasars Blick verdunkelte sich deutlich und wurde stechend kalt auf diesen sehr offensichtlichen Versuch seiner Schwester ihm Empathie einzutreiben. „Zenovia, ganz dünnes Eis“, warnte er sie mit tiefer Stimme vor. „Ach komm schon!“, brach es nun aus ihr heraus und die schwarz-haarige erhob sich von ihrem Stuhl, um sich hinter Chardis zu stellen und beschützend die Arme um sie zu legen. „Betrachte es doch wie den Besuch einer Freundin! Sowas wie Urlaub!“ Sie schaute zu der Muse herunter. „Warum sollten gerade Musen nicht auch ein bisschen Urlaub genießen können? Wir könnten sie herumführen, ihr ein bisschen was zeigen und… und…“
      Sie dachte deutlich über ihre Worte nach und ihre Augen sprangen hin und her als würde sie nach weiteren Begründungen suchen. „Oh ich hab’s!“ Strahlend richtete sie sich wieder auf, die Hände noch immer an Chardis Schultern legend. „Du bist den ganzen Tag nur hier im Haus! Und du leidest schon so lange unter deiner Schreibblockade. Und Chardis ist Muse! Wieso nutzt du die Chance nicht und lernst selbst die Welt neu kennen, indem du sie Chardis vorstellst? Neue Empfindungen und Erfahrungen helfen doch ganz ungemein bei der Kreativität und-…“ Baltasar hob die Hand mit einem resignierten Seufzen. „Ist ja gut, ist ja gut, um Himmelswillen! Du musst mir nicht gleich ein Auto verkaufen.“ Der Mann raufte sich die Haare und lehnte sich im Stuhl zurück. „Fein, fein. Von mir aus, sie kann bleiben. Und von mir aus spielen wir eine Weile Touristentour… aber wehe es gibt deswegen Probleme. Dafür mache ich euch beide verantwortlich!“ Zenovia fing wieder an zu strahlen. „Ohhh danke, danke, danke! Bass du bist der Beste!“ Das Mädchen ließ von der Muse ab um ihrem Bruder um den Hals zu fallen und seine Wange mit Küssen zu versehen. „Dafür hast du was gut! Für immer! Ich stehe für immer in deiner Schuld, du bekommst für alle Zeit meinen Teil vom Kuchen, wenn wir bei Mama und Paps sind.“ Baltasar schnalzte unzufrieden mit der Zunge und versuchte Zenovias überschwänglichen Dank abzuwimmeln. „Genug jetzt!“ Damit sah er wieder zu Chardis. Das war so absurd. Wie oft hatte er an diesem einen Abend dieses Wort in Gedanken benutzt. „Du brauchst andere Kleidung… Deine ist etwas auffällig.“ Er konnte es nicht fassen, dass er es vorschlug, doch letzten Endes hatte Zenovia irgendwo recht. Baltasar war dankbar über jede Ablenkung die er bekommen würde. Dennoch rang er ein bisschen mit sich. „Möchtest du morgen die Stadt sehen und dir ein paar Sätze Kleidung aussuchen?“

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    • Der ernste Blick, mit dem der Weißhaarige Chardis regelrecht zu durchbohren schien, war ihr nicht geheuer. Er war so… tief, ernst und voller unterschiedlicher Facetten, wie sie es noch nicht gesehen hatte. Er schien schon einiges erlebt zu haben und vieles durchgestanden zu haben. Es brannte ihr unter den Fingernägeln danach zu fragen und ihn kennenzulernen!
      Doch zunächst musste er überzeugt werden, dass sie hier bleiben konnte. Freilich war sie weder Sklavin noch sein Eigentum und doch war die klug genug zu wissen, dass die beiden hier ihre beste Option waren. Sterbliche waren oft ängstlich gegenüber allem, was sie nicht kannten. Und wer Angst hatte, war gefährlich. Und diese beiden schienen den Fakt außerordentlich gut zu verdauen, dass sie ein fremdes Wesen aus einer ebenso fremden Welt war. Es wäre also nur mehr Arbeit und unnötiger Aufwand für die Muse, wenn sie sich neue Menschen suchte, bei denen sie bleiben konnte.
      Denn Chardis war nicht dumm. Mit Neugierde hatten viele der unsterblichen Wesen die Entwicklung der Welt verfolgt und wussten mehr oder weniger wie es in dieser zuging. Zumindest aus der Theorie. Und diese Theorie besagte, dass man nunmal Geld brauchte um hier zurecht zu kommen. Und Chardis hatte von alle dem gar nichts.
      Es wäre also die beste Option, so lange wie möglich hier zu bleiben, bei diesen bekannten Gesichtern. Ehe sie zumindest auf eigenen Beinen stehen konnte. Doch so weit wollte sie gar nicht in die Zukunft denken. Wer wusste schon, was passieren würde? Vielleicht würde sie sich auch einfach in Luft auflösen und aufhören zu existieren?
      Resolut schüttelte sie den Kopf und klinkte sich dann wieder ins Gespräch ein, als sie die zarten Hände ihrer Verehrerin auf sich spürte. Wenn sie sie gerade richtig verstanden hatte, so kämpfte auch Baltasar mit einigen Dämonen, und die ihre ähnelten diesen sogar verdächtiger Weise. Noch ein Grund mehr, warum sie darauf brannte vor allem diesen Sterblichen kennenzulernen.
      Als Zenovia das Wort Urlaub erwähnte, nickte Chardis fest, sodass ihre violetten Haare wie ein Heiligenschein um sie tanzten. Urlaub… was für ein wundervolles Wort! Und schließlich schien ein letztes Argument den Weißhaarigen zu überzeugen: Er konnte aus ihrem Urlaub auch einen Vorteil ziehen. Ja, mit Tauschhandel kannte Chardis sich aus, war es doch seit Menschengedenken der Fall.
      Endlich hatten sie diese sture Nuss geknackt und Chardis und Zenovia strahlten um die Wette. Ganz tief in sich drinnen fühlte sie ein mächtiges Gefühl und ein seltsamer Geschmack lag ihr auf der Zunge. Schmeckte so ein Neuanfang? Wenn ja, dann würde sie das Gefühl bis zum Ende auskosten.
      Lächelnd blickte sie zu der Schwarzhaarigen die in ihrem Überschwang so viel Freude ausstrahlte. Welch ein Prachtexemplar von einem Menschen. Mit so viel Liebe und Güte gesegnet. Schließlich war Chardis eine Fremde für sie, nicht einmal derselben Spezies angehörend, und dennoch kämpfte sie so hart um ihr Recht hier bleiben zu dürfen. Ein wahrer Engel, diese Frau. Ob diese Eigenschaften auch in ihrem Bruder hausten?
      Und als hätte er ihre gedankliche Frage gehört, zeigte sich auch sogleich seine nette Seite, was sie sogleich wieder zum Strahlen brachte. “Ja! Ich will mit dir shoppen gehen!” So nannten es die jungen Leute von heute.
      Dann lehnte sie sich etwas nach vor um Zenovia über den Arm zu streichen. “Mädchen, du hast etwas gut bei mir. Wenn du je meine Hilfe brauchst, rufe mich und ich werde da sein.” Es war das mindeste, was sie tun konnte. Dann wendete sie sich an Baltasar. “Und ich verspreche dir, ich werde mich deinen Wünschen fügen.” Schließlich wollte sie ihm wirklich keinen Ärger machen. Auch wenn dieser wohl bei dieser Thematik vorprogrammiert war.
      inaktiv
    • Baltasar Vipond
      Shoppen. Allein schon dieses Wort sendete kalte Schauer über seinen Körper. Baltasar musste tief seufzen. Er kam in seiner Schriftstellerkarriere nicht weiter, kämpfte Jahre lang mit einer Schreibblockade, die ihm jeden Nerv raubte und ihn emotional auf so vielen Ebenen auslaugte, weil sein Ventil zur Stressbewältigung Nummer eins komplett wegfiel. Aus schierer Verzweiflung und dem anfänglichen Gedanken, dass er wohl oder übel eingestehen musste, dass es ihm ein aussichtsloses Unterfangen gewesen ist, hörte er auf seine Esoterik fanatische Schwester, meditierte mit der Bitte um eine griechische Muse. Daraufhin stolperte ihm eben dieses Geschöpfe durch seinen Spiegel in die Arme und jetzt entschied sie sich dazu hier bei ihm Urlaub von ihren Tätigkeiten, als elysisches Individuum zu machen und aus Neugierde und Entdeckerlust ein Leben als Mensch auszuprobieren. Und um das zu bewerkstelligen würden sie morgen zu aller erst einmal shoppen gehen…
      Baltasar wusste nicht ob er lachen oder weinen wollte. Diese Geschichte konnte er niemandem erzählen. Nicht einmal als absolute Fantasy Novelle könnte er diese Freakshow jemandem verkaufen. Der Brillenträger seufzte schwer und schüttelte den Kopf. Er schaute zu Chardis und nickte. „Also gehen wir morgen shoppen… Meine Wünsche besprechen wir morgen beim Frühstück.“, bestimmte er. „Für heute will ich nur noch ins Bett.“ Tatsächlich ermattet schaute er zu seiner Schwester. „Apropos, musst du morgen früh nicht arbeiten?“ Baltasar deutete auf die Uhr am Backofen, die bereits 2 Uhr morgens anzeigte. Die schwarz-haarige wurde blass. „Mist, du hast recht! Ich mache mich schnell auf den Weg nach Hause.“ Doch bevor sie sich verabschiedete drehte sie sich noch einmal mit einem warmen Lächeln zu Chardis und nahm ihre Hände in ihre. „Es ist mir eine immense Ehre dich kennenzulernen, Chardis. Vielen Dank, dass du den Ruf meines Bruders gefolgt bist und ich wünsche dir wahnsinnig viel Spaß morgen in der Stadt. Sobald es mir möglich ist stoße ich wieder zu euch und du musst mir unbedingt alles zeigen, was ihr geholt habt. Und solltest du irgendwelche Fragen haben, mit denen du nicht zu Baltasar kommen möchtest, versteht es sich von selbst, dass ich während deines Aufenthaltes hier alles tun möchte, dass es dir an nichts mangelt.“
      Damit nickte sie, letzten Endes doch ein bisschen verlegen über ihre stolzen Worte. „Gute Nacht.“ Sie schnappte sich ihren Rucksack und drehte sich noch einmal zu Baltasar. „Und Decke auf gar keinen Fall den Spiegel ab! Die Decke bleibt erstmal drüber bis ich mich genug über solche Phänomene eingelesen habe und selbstsicherer bin in der Handhabung.“ Sie schaute ihrem Bruder mahnend in die Augen, ehe sie auch ihn anlächelte. „Viel Spaß! Du hast meine Nummer, wenn was ist! Pass gut auf Chardis auf.“ Baltasar wedelte sie mir der Hand davon wie eine Fliege. „Wenn du noch länger quatschst wächst du fest. Ab ins Bett.“ Damit brachte er Zenovia zur Tür und gesellte sich kurz darauf wieder zu Chardis. Er sah sie nachdenklich an und entschied sich dann dafür fürs erste sein Arbeitszimmer abzuschließen. Nur für alle Fälle. „Komm mit, ich gebe dir etwas zum anziehen, worin zu schlafen kannst.“ Er gab ihr eine kleine Führung durch das gemütliche Häuschen und ließ sie in sein Schlafzimmer eintreten. Baltasar hatte nicht viele Möbel. Aber die, die er hatte waren groß, markant und hatten viel vom viktorianischen Stil. Allerdings mangelt es ihm gänzlich an Dekoration, was seinen Räumen noch immer einen sehr pragmatischen Touch verlieh. Er ging zu seinem Kleiderschrank, besah noch einmal die wohlgeformte Figur der Dame und sah an sich selbst herunter. Seine Sachen werden ihr zu groß sein. Doch das müsste zum Schlafen wenig Probleme aufweisen. Er zog ihr ein einfaches schwarzes T-Shirt heraus und eine enge Boxershorts, die einigermaßen passen müssten. Besser als nichts alleine im Haus eines Mannes… dachte er sich. „Hier, das Badezimmer ist den Gang runter. Du kannst dich gerne erfrischen, ich bereite dir die Couch im Wohnzimmer vor. Brauchst du sonst noch etwas?“

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